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Arztroman Exklusiv Edition - Die standhafte Oberärztin

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Die standhafte Oberärztin

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ARZTROMAN VON GLENN Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

Voller Vorfreude tritt Dr. Nina Hegner ihren Dienst in der gynäkologischen Abteilung der Paul-Ehrlich-Klinik in Bonn an. Das Glück winkt ihr auch privat, als sie den attraktiven Chirurgen Dr. Klaus Dahlhausen trifft, der ihr Herz im Sturm erobert. Ein Wermutstropfen fällt allerdings auf ihren Neustart, denn während der Chefarzt der Abteilung Professor Dr. Winter in einen dreiwöchigen Urlaub geht, führt sein Stellvertreter Dr. Scherer ganz neue Sitten ein. Dieser bevorzugt nämlich Privatpatientinnen zum Nachteil von Kassenpatientinnen. Darüber gerät die sympathische Ärztin mit dem neuen Chefarzt in Streit und hat fortan einen schweren Stand. Als sie sich nach dem Tod einer Patientin mit ihrem Vorgesetzten anlegt und dessen Anordnungen nicht befolgt, wird sie kurzerhand beurlaubt ...

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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ICH UNTERSCHREIBE keine Lügen“, erklärte Dr. Nina Hegner und blickte Professor Winter entrüstet an.

Der blonde Chefarzt lehnte sich in seinem Sessel zurück und betrachtete die attraktive junge Frau. Er war froh, sie wieder an der Klinik zu haben, wusste er doch ihre medizinischen Fähigkeiten zu schätzen. Und im Grunde gefiel ihm auch ihre Offenheit, Ehrlichkeit und Geradlinigkeit.

„Also gut“, meinte er lächelnd und bemerkte, dass ein Sonnenstrahl, der durchs Fenster schien, auf ihr brünettes Haar fiel und ihm einen goldenen Glanz verlieh. „Sie haben“, fuhr er fort, „das Protokoll nicht unterschrieben, weil Sie der Meinung sind, dass nicht stimmt, was hier steht.“

„Und ob es nicht stimmt!“, behauptete sie erbost, und dabei rötete sich ihr schmales Gesicht. „Es handelt sich keinesfalls um eine Embolie, sondern um einen schlimmen Narkosezwischenfall. Um etwas, das hätte vermieden werden können. Die Patientin könnte heute noch leben.“

„Eine sehr schwere Anschuldigung, Frau Kollegin. Immerhin stehen auf diesem Protokoll acht Unterschriften, nur die Ihre fehlt.“

„Die des Anästhesisten sollte auch fehlen. Denn keiner hätte besser wissen müssen als er, worauf der Tod der Frau zurückzuführen war. Und nicht nur der Tod der Frau, wie Sie sehr genau wissen, Herr Chefarzt. Auch das Kind könnte noch leben. Und im Übrigen wäre eine Schnittentbindung nicht nötig gewesen.“

„Hoppla, hoppla! Liebe Frau Kollegin“, rief Winter besänftigend, „nun machen Sie mal langsam! Ich bin zwar erst gestern aus dem Urlaub zurückgekommen, aber das Krankenblatt habe ich sehr eingehend gelesen.“

Nina Hegner verzog ihr hübsches Gesicht. „Papier ist geduldig. Und was den Kollegen angeht, der Sie während Ihres Urlaubs vertreten hat, so kann ich nur sagen: Er mag zwar ein hervorragender Geschäftsmann sein, aber in der Diagnostik und in der Operationstechnik hat er deutliche Schwächen. Und mehr, in Entbindungsfragen ist es geradezu beschämend, welche Entscheidungen er trifft. Dies hier war ein Beispiel davon. Dem Kollegen Kierdorf wäre das jedenfalls nie passiert, mir allerdings auch nicht. Das alles hätte nicht zu geschehen brauchen. Schlimmer noch ist das Versagen des Anästhesisten.“

„Haben Sie ihn deshalb geohrfeigt?“, wollte Winter wissen. Er sah seine Ärztin ernst an.

„Nein, deshalb nicht. Er hat auch noch versucht, mich zu erpressen, und deshalb habe ich ihn geohrfeigt.“ Winter lächelte. Er hätte es dieser zierlichen, charmant wirkenden Frau gar nicht zugetraut, dass sie so energisch werden konnte. Dabei kannte er sie nun schon fast ein Dreivierteljahr. Er wusste, welche medizinischen Fähigkeiten in ihr steckten. Sie brauchte ihre Schönheit nicht als Waffe, um sich durchzusetzen. Sie konnte wirklich etwas.

Nach einer längeren Pause räusperte er sich und sagte: „Frau Hegner, diese Geschichte ist nicht so ohne. Und noch etwas hat diese fehlende Unterschrift hier zu bedeuten: Ich wäre gezwungen, die Sache untersuchen zu lassen.“

„Genau darum möchte ich Sie bitten. Ich bin es einfach leid, dass so ein Protokoll Schwestern vorgelegt wird, die überhaupt nicht beurteilen können, um was es hier geht. Aber sie unterschreiben, ebenso wie die Kollegen. Die Stationsärztin hätte ganz sicher nicht unterschrieben, wäre sie dabei gewesen, so wenig wie ich.“

Winter nickte. „Sie sind aus ähnlichem Holz, Sie beide. Vielleicht ist es auch der Grund, warum Sie sich so gut miteinander verstehen. Aber ich will nun die ganze Geschichte wissen, liebe Frau Kollegin. Ich habe mir die Zeit genommen, Ihnen zuzuhören. Kein Telefonanruf wird uns stören, nichts. Ich will jetzt alles wissen. Immerhin haben Sie vorhin erklärt, eine Mutter und ihr Ungeborenes seien das Opfer eines Fehlers geworden und nicht, wie es hier im Protokoll steht, einer Embolie.“

„Um das zu erzählen, Herr Chefarzt, müsste ich sehr weit ausholen. Es wird einige Zeit. dauern. Aber nur dann könnten Sie wirklich beurteilen, um was es mir geht.“

Er nickte und machte eine herausfordernde Handbewegung. „Schießen Sie los, Frau Hegner.“

„Ich muss da beginnen, Herr Chefarzt, als ich wieder zurück von Marburg kam, um endgültig als Ihre Ärztin zu arbeiten ...“

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2

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ALS ICH IN BONN ANKAM, hatte ich eine scheußliche Fahrt hinter mir. Nach dem herrlichen März kündigte sich der April mit Schneeschauern an. Aber es sah durchaus nicht wie ein Aprilscherz aus. Auf der Autobahn waren mehrere Unfälle passiert. Ich hatte fast eine Stunde im Stau gestanden, und es schneite und schneite.

Ich war dann heilfroh, als ich Bonn erreichte. Hier lag kein Schnee, es regnete in Strömen.

Zuletzt hatte ich bei meinem Bruder gewohnt, aber er und meine Schwägerin waren nach Hannover gezogen. Die Wohnung hatten sie verkauft, mir aber, vor ihrer Abreise ein Zimmer in der Nähe besorgt, bei einer freundlichen alten Dame, einer Diplomatenwitwe.

Sie wär Mitte sechzig und empfing mich freudestrahlend, als habe sie auf nichts anderes als auf mich gewartet. Sie trug ihr weißes Haar zum Knoten gerafft, das wie Silber schimmerte. Ihr dunkles Kleid mit einer schlichten Perlenkette vermittelte jene selbstverständliche Eleganz, die ich nur von Frauen kenne, die wirklich Damen waren und dies nicht nur sein wollten.

Sie zeigte mir sofort mein Zimmer und sagte mit ihrer herzlich klingenden Stimme:

„Jetzt ist es sehr trist da draußen, Frau Doktor Hegner, aber das Zimmer liegt nach der Südseite, und der Garten ... Sehen Sie, es ist schon alles voller Knospen. Wenn es so kalt bleibt bekommen wir wenig Obst dieses Jahr.“

„Es ist ein Schönes Zimmer, Frau von Kesselried“, erwiderte ich, als ich mich umsah. Es war freundlich und auch mit modernen Möbeln eingerichtet, keinesfalls so altbacken, wie das Haus von außen wirkte.

„Sie sind sicher müde von der langen Reise. Ich habe den Straßenzustandsbericht gehört, es muss ja schlimm sein mit dem Verkehr.“

Ich nickte nur. Was sollte ich ihr viel erzählen. Ich war einfach müde und schaute sie dankbar an, als sie mir verschlug, zusammen mit ihr Tee zu trinken.

Ich stellte meine Koffer ab und ging mit ihr nach unten. Die Zimmer waren mit alten Möbeln eingerichtet, alles massiv. Mein Bruder hätte seine helle Freude daran gehabt. Er liebt solche Sachen. Möbel, wie sie heute gar nicht mehr gefertigt werden. Und auch hier verriet die elegante Gediegenheit, dass es wohl nie an Geld gefehlt hätte.

Wir tranken Tee zusammen und plauderten über alles mögliche. Mit Erleichterung stellte ich fest, dass Frau von Kesselried nicht neugierig war. Was sie von mir wusste, hatte sie von meinem Bruder erfahren, so auch, dass ich schon zweimal an der Paul-Ehrlich-Klinik gewesen war. Sie kannte auch Professor Winter und lobte ihn über den grünen Klee.

Ich erzählte ihr dann, wieso ich einmal nur ein paar Monate und zuletzt nur ein paar Wochen in der Paul-Ehrlich-Klinik gearbeitet hatte.

„Ich musste einen Vertrag mit der Universitätsklinik Marburg erfüllen. Man war aber so großzügig, mich zeitweise an der Paul-Ehrlich-Klinik arbeiten zu lassen, damit ich mich dort eingewöhnen konnte. Professor Winter ist auch in Marburg kein Unbekannter. Man schätzt ihn dort sehr und war bereit, ihm jeden Gefallen zu tun. Nur die letzten Wochen, die ich noch zu absolvieren hatte, musste ich eben ableisten und nun bin ich hier. Ich hoffe, endgültig.“

Sie sah mich mit einem mütterlichen Blick an. Meines Erachtens besaß sie gute Augen, ich sehe immer den Menschen zuerst in die Augen, und selten habe ich mich bis jetzt geirrt. Sie hat Augen wie meine Mutter, dachte ich, und ein wohliges Gefühl überkam mich. Wenn man schon in der Klinik mitten im Trubel steckt, so muss man dann irgendwo eine Ecke der Geborgenheit wissen, das Zuhause. Und dieses Zimmer sollte zumindest für die nächsten Monate mein Zuhause sein, vielleicht länger. Ich war vorsichtig mit meinen Prognosen geworden, denn im Laufe der Jahre hatte ich, was Zimmervermietung anging, einiges erlebt.

Nach dem Tee ging ich wieder in mein Zimmer, räumte meine Sachen in die Schränke, holte noch was aus dem Wagen heraus und stellte mit Freude fest, dass es auf gehört hatte zu regnen. Die Sonne kam sogar durch, wenn sie auch grell und weiß schien und offenbar nicht die Kraft besaß, für längere Zeit gegen dieses Wolkenmeer anzukämpfen, das sich von Westen heranschob.

Ich stand lange am Fenster und schaute hinaus, als gäbe es sonst nichts zu tun. Aber dann gab ich mir einen Ruck und vollendete meine Arbeit mit dem Einräumen. Die meiste Zeit brauchte ich wie immer für meine Bücher. Dabei war noch eine ganze Kiste damit unterwegs. Die würde irgendwann in den nächsten Tagen sicher ein Spediteur bringen.

Als ich mit allem fertig war, zog ich mich um und beschloss, Sabrina anzurufen.

Mit der Stationsärztin Dr. Sabrina Scheibler hatte mich von Anfang an eine tiefe Sympathie verbunden, die wohl auf Gegenseitigkeit beruhte. Sabrina wusste, dass ich heute kam und hatte mich für den Abend eingeladen. Ihr kleiner Sohn Marek, den sie Murkel nannte, war bei Großeltern auf dem Lande. Und so hatte sie Zeit, und wir waren übereingekommen, sogar am Abend ein wenig auszugehen. Ich freute mich darauf, denn Sabrina war ein sehr unternehmungslustiger Typ, und sie hatte eine Art, einen mitzureißen, die mir selbst fehlte. Ich brauche immer jemand, der mir Schwung macht.

Frau von Kesselried hatte Telefon. Mir fiel bei dieser Gelegenheit ein, dass ich ganz vergessen hatte, mit ihr wegen des Telefons zu sprechen. Ich musste auch einen eigenen Apparat haben, die Klinik verlangte das.

Ich traf sie in ihrer geräumigen großen Küche, fast eine Herrschaftsküche. Hier hätte früher einmal Personal die Speisen zubereitet. Man konnte sich in diesem großen Haus das durchaus vorstellen. Aber jetzt half sich Frau von Kesselried wohl selbst. Sie stand da und briet sich etwas, lächelte mir entgegen und fragte:

„Na, schon alles eingeräumt?“

Ich nickte. Und dann besprach ich mit ihr die Sache mit dem Telefon. Sie war sofort einverstanden und sagte:

„Da liegt ja schon der Anschluss, man braucht bloß den Apparat anzuklemmen. Haben Sie schon mit der Post gesprochen?“

Sie rührte unentwegt in ihrer Pfanne, und ich fragte mich, was das für ein undefinierbares Essen sei, das sie da bereitete.

Sie bemerkte meinen Blick und lachte. „Sie überlegen, was das ist, nicht wahr? Aber das gibt nichts für mich, das mache ich für meine Katzen, die lieben das. Doch nun zurück zum Telefon.“

„Die Klinik regelt altes“, erwiderte ich. „Dürfte ich den Apparat jetzt einmal benutzen? Ich meine Ihren Apparat“

„Aber selbstverständlich!“

Sie fragt nicht einmal, wohin ich anrufe, dachte ich, als ich zum Telefon ging. Sie ist wirklich großzügig.

Ich rief Sabrina an, und sie meldete sich sofort.

„Du hast Glück, Nina“, sagte sie, nachdem wir uns begrüßt hatten. „Ich bin gerade zur Tür herein. Fein, wenn du fertig bist, komm nur, dann essen wir auswärts. Ich habe keine Lust, mir etwas zu machen. Bist du sehr müde?“

„Jetzt geht es mir besser. Meine Hauswirtin hat mir eine Tasse Tee gekocht, das hat mir sehr gut getan.“

„Wann wirst du hier sein, in einer halben Stunde?“

Ich bestätigte das, wir verabschiedeten uns, und ich ging noch einmal nach oben, nahm das, was ich für unentbehrlich hielt, in meiner Handtasche mit, zog meinen Mantel an und ging nach unten. Frau von Kesselried stand in der Diele und erwartete mich mit einer enttäuschten Miene. „Sie wollen weggehen? Und ich hatte gehofft, ich darf Sie zum Abendbrot einladen.“

„Oh, das ist sehr lieb von Ihnen. Aber eine Freundin erwartet mich. Ich hatte es schon vorher mit ihr so abgesprochen. Sind Sie mir böse?“

Sie lachte wieder. „Aber nein doch! Hoffentlich haben Sie viel Spaß miteinander. Ach, warten Sie noch, den Hausschlüssel muss ich Ihnen noch geben.“ Als sie ihn mir gab, bat sie nur, darauf zu achten, dass die Katzen nicht nach draußen liefen.

„Wissen Sie“, fügte sie hinzu, „die eine Katze ist heiß, und dann kommen immer die Kater. Ich wollte sie schon lange sterilisieren lassen, aber das ist etwas, was ich einfach nicht übers Herz bringe. Und wenn sie dann Junge hat - was soll ich bloß mit all den Jungen machen? Niemand will sie mehr.“

Ich versprach ihr, aufzupassen und ging. Die Sonne hatte es bis jetzt geschafft, sie schien noch immer. Aber noch überall war die Fahrbahn der Straße nass, standen Pfützen, und es tropfte von den Bäumen.

Unterwegs hielt ich an, als ich eine Telefonzelle sah und rief von dort Professor Winter an. Er war nicht mehr in der Klinik. Man verband mich mit seinem Privatanschluss.

Frau Helga Winter meldete sich, und ich erfuhr, dass ihr Mann mit Professor Rose weggefahren war und erst spät wiederkommen werde. Ich bat sie, ihn davon zu unterrichten, dass ich angekommen bin, sagte noch ein paar nette Worte, und sie antwortete ebenso herzlich. Dann beendeten wir das Gespräch, und ich fuhr weiter.

Als ich vor dem Haus hielt, in dem Sabrina wohnte, kam dort gerade jemand aus der Haustür, den ich sehr gut kannte: Dr. Wenzel, der Kinderarzt der Paul-Ehrlich-Klinik.

Ich hatte diesen gut aussehenden Mann eigentlich immer gerne gehabt. Obgleich er höchstens Mitte vierzig war, hatte er schon fast völlig graues Haar, sah aber sehr sportlich aus, und ich muss zugeben, dass er mir gefiel.

Er erkannte mich sofort, kam auf mich zu, als ich gerade ausgestiegen war und sagte erfreut:

„Na, da wird sich der Kollege Winter aber freuen, dass Sie nun da sind. Er hat Sie bitter nötig, und in Urlaub will er auch.“

„Ich weiß“, sagte ich, und er schüttelte meine Hand. Ein fester Händedruck, doch ich mag so etwas.

„Ich bin eben bei Sabrina gewesen“, erklärte er.

Ich sah ihn überrascht an. Dass er sie beim Vornamen nannte, verwunderte mich.

Er ließ mich nicht merken, was er dachte, als er fortfuhr:

„Sie wartet schon auf Sie. Soviel ich gehört habe, gibt es einen Damenabend. Na, dann viel Vergnügen!“

Ich war viel zu verblüfft, um ihm eine schnelle Antwort geben zu können. Ich murmelte nur einen Abschiedsgruß, und er ging zu seinem Mercedes, winkte mir noch einmal zu, als er einstieg und fuhr davon.

Als ich oben zu Sabrina kam, empfing die mich mit ausgebreiteten Armen, und wir waren beide froh, einander wiederzusehen.

Nach der Umarmung und dem Begrüßungskuss sagte Sabrina:

„Sieh dich nicht so viel um, es ist nicht besonders aufgeräumt bei mir. Ich hatte eben Besuch, lieben Besuch übrigens.“

Mir ging es wie Parsifal, der sich nicht wagt, die Frage nach dem Grund zu stellen und stand einfach so da und starrte sie an.

Das schien sie zu amüsieren, sie lachte. „Aber Nina, ich bin eine Frau, und er ist ein Mann.“

Ein verheirateter Mann, dachte ich und blickte Sabrina prüfend an. Sie hatte etwas dunkleres Haar als ich, trug es lang, bis zu den Schultern. Nur im Dienst flocht sie es zu einem Knoten, das ihr während der Arbeit ein strenges Aussehen gab. Aber jetzt wirkte sie selbst ebenso gelöst wie ihr Haar.

Eine Venus war sie nicht, aber sie gewann durch ihr Wesen und wirkte sehr sympathisch, wenn sie lachte. Und vor allen Dingen verstand sie, etwas aus sich zu machen. Auch jetzt, im Morgenrock, wirkte sie verführerisch und elegant zugleich.

„Setz dich irgendwo ins Wohnzimmer, ich bin gleich fertig.“

Sie hat mit ihm geschlafen, dachte ich. Na wenn schon, sie hat ja recht. Sie ist eine Frau, und er ist ein Mann. Komisch, ich habe da immer Schwierigkeiten, wenn mir ein Mann gefällt und er verheiratet ist. Diese Barriere einfach zu durchbrechen, wäre ein fast unlösbares Problem für mich. Aber sie scheint anders darüber zu denken.

So unaufgeräumt sah es im Wohnzimmer gar nicht aus. Ich ließ mich nieder und wartete, und es dauerte vielleicht eine Viertelstunde, da war sie fertig. Elegant, in einem dunkelgrünen Kleid mit einer Brillantenkette, auf hochhackigen Schuhen mit schlanken Absätzen kam sie auf mich zu. Mit einem Male sah sie viel hübscher aus, schöner. Ich hatte sie immer darum beneidet, wie sie das fertigbrachte, ohne dass ihr Make-up aufdringlich wirkte oder gar ihre Kleidung. Sie hatte eine starke erotische Ausstrahlung, was ich ganz deutlich empfand und das, so glaubte ich, auch kein Mann übersehen konnte.

„Also komm! Am besten nehmen wir meinen Wagen. Ich kenne mich besser aus, weißt du? Lass deinen einfach hier stehen.“

Ich nickte zum Einverständnis, und wir fuhren los. Unterwegs erzählte sie mir von der Klinik, vom Dienst und stöhnte, als die Sprache darauf kam, dass Professor Winter Urlaub machen wollte.

„Verdient hat er es ja“, sagte sie. „Aber Wenn ich mir vorstelle, wie das mit diesem Scherer gehen soll. Ich verstehe gar nicht, dass Herr Winter diesen Mann nehmen konnte. Aber es heißt, die Verwaltung habe ihn vorgeschlagen.“

„Kennst du ihn?“, fragte ich.

„Nein, ich kenne Scherer eigentlich nicht. Natürlich vom Sehen. Er war gestern schon da, und Winter hat uns mit ihm bekanntgemacht. Mir ist er nicht sympathisch, das gebe ich offen zu. Er hat so was Herrisches an sieh. Ob er ein guter Arzt ist oder nicht, kann ich natürlich nicht sagen. Das muss er beweisen. Aber ich könnte mir denken, dass er auf diesem Gebiet schon etwas kann, sonst würden sie ihn nicht nehmen.“

„Du sagtest doch, die Verwaltung hätte ihn engagiert“, gab ich zu bedenken.

„Das ist es ja“, stimmte sie mir zu. „Darüber zerbreche ich mir auch den Kopf. Winter scheint es nicht sehr recht zu sein. Er läuft jedenfalls seitdem mit einem miesepetrigen Gesicht herum. Andererseits ist er fix und fertig und freut sich auf seinen Urlaub. Das Dumme ist nur, dass auch Kierdorf Urlaub macht, und zwar in der letzten Woche, die Winter weg ist. Na ja, wir werden es irgendwie packen. Und du bist ja wieder da, das hat schließlich den Ausschlag gegeben.“

„Ich kann auch keine Wunder wirken“, erwiderte ich lachend. „Ich müsste mir erst einmal die Sporen verdienen.“

„Oh Nina“, meinte Sabrina, „du hast dir die Sporen doch schon verdient. Von dir wissen wir doch alle, was du kannst. Und ich sage dir, niemand freut sich mehr als ich, dass du bei uns bist. Jetzt bleibst du nun wirklich für immer da.“

„Hoffen wir es“, antwortete ich einschränkend.

Wir waren an diesem Abend zusammen aus, und Sabrina kannte natürlich Lokale, in die wir gehen konnten. Nach dem Essen besuchten wir ein sehr nettes Tanzcafé, aber es wurde schon gegen einundzwanzig Uhr geschlossen. Wir lernten dort übrigens zwei junge Kollegen kennen, die beide in den Unikliniken arbeiteten. Das heißt, Sabrina kannte die beiden wohl flüchtig, und wir tanzten auch viel zusammen. Aber für mich war es zunächst eine Begegnung, von der ich nicht glaubte, dass ich mich nach zwei Tagen noch daran erinnern konnte.

Wir fuhren dann noch zu Sabrina, tranken gemeinsam Kaffee, plauderten noch eine Stunde, dann fuhr ich heim.

Am nächsten Tag dann ging es zur Sache. Bis auf Dr. Scherer kannte ich sie ja alle. Und diesen Dr. Scherer sollte ich dann bei Professor Winter kennenlernen.

Ich hatte mir vorgenommen, nicht gegen ihn voreingenommen zu sein, obgleich ich Sabrinas Standpunkt kannte und fürchtete, er könnte schon auf mich abgefärbt haben. So mühte ich mich um Objektivität, als mir Professor Winter nach einer herzlichen Begrüßung diesen Kollegen Scherer vorstellte.

Zunächst einmal war er noch größer als Winter, und der überragte mich schon um einen halben Kopf. Breitschultrig war er auch, so ein richtiger Brocken, wie mein Bruder gesagt hätte. Er trug den Kittel offen und war darunter äußerst korrekt gekleidet. Krawatte, dunkelgraue Weste und sogar mit Uhrkette, was mich an meinen Großvater erinnerte.

Sein Haar war dunkel und schütter, die Stirnglatze glänzte wie lackiert. Sein Gesicht war faltig, aber er hatte blaue Augen. Mit ihnen sah er mich forschend, geradezu wie mit Röntgenblick an. Kein Lächeln, kein freundliches Wort, nur ein knapper Gruß, während Professor Winter seine ganze Freundlichkeit aufbot, als er mich begrüßte. Es war fast mehr, es war ein herzliches Wiedersehen.

Ich gönnte ihm die dringend benötigte Erholung. Er hatte im letzten Jahr wie ein Verrückter geschuftet, und einen Oberarzt besaß die Abteilung noch immer nicht. Doch irgendwie schien Hoffnung zu bestehen. Winter machte jedenfalls einen optimistischen Eindruck und versuchte Scherer durch nette Bemerkungen aufzuheitern.

Dieser Scherer konnte nicht viel älter als Professor Winter sein, vielleicht zwei oder drei Jahre. Doch er wirkte wie ein Sechzigjähriger. Sein Gesicht war wie aus Stein gehauen. Und wenn er etwas sagte, tat er es in einem schnarrenden, schneidenden Ton wie ein Kompaniefeldwebel.

Nach dieser Besprechung, an der alle Ärzte, aber auch die Praktikanten teilnahmen und vom Pflegepersonal die beiden Stationsschwestern, verabschiedete sieh Professor Winter von uns allen, und zu mir sagte er, als er mir die Hand drückte, mit gedämpfter Stimme:

„Ich wäre nicht weggefahren, bevor Sie da sind. Auf Sie lege ich großen Wert. Machen Sie Ihre Sache gut. Und passen Sie ein wenig auf; der Scheiblerin habe ich schon dasselbe gesagt.“

Sabrina, die neben mir stand, lächelte, und wir beide tauschten einen Blick.

Danach ging es auf die Stationen. Ich jedoch hatte die Vormittagssprechstunde, die normalerweise von Professor Winter abgehalten wurde. Renate Angern empfing mich mit einem Lachen und sagte:

„Wenigstens sind Sie jetzt da. Die Sprechstunde macht er nämlich nur in Ausnahmefällen und nur bei besonderen Patienten, sozusagen schweren Fällen“, erklärte sie.

Ich wusste zunächst gar nicht, von wem sie spricht, aber dann begriff ich. Sie konnte nur Scherer meinen.

Während der gesamten Sprechstunde kreuzte Scherer meinen Weg nicht. Ich hatte natürlich einige Mühe, mich wieder in allem zurechtzufinden, aber es ging leichter, als ich gedacht hatte. Wo ich nicht sofort Bescheid wusste, half mir Renate Angern, und in einem Fall musste ich Sabrina anrufen, weil die bei einer Patientin besser Bescheid wusste und mir helfen konnte.

Der Vormittag ging herum wie im Flug. Ab zwei war ich endlich so weit, dass mir Renate melden konnte, das Wartezimmer sei leer. Ich hatte einen Bärenhunger, ging hinunter ins Kasino und aß etwas. Renate und ich saßen an einem Tisch. Normalerweise fuhr sie mittags nach Hause, aber heute wollte sie dableiben. Es gäbe noch so viel zu tun, Schriftkram, ein leidiges Kapitel in unseren Kliniken.

Am Nachmittag kam ich dann mit Sabrina in die Station, und sie bat mich, bei der Besprechung der Operationen für morgen dabei zu sein.

Die Besprechung wurde von Oberarzt Dr. Kierdorf geleitet, der eigentlich Oberarzt der Entbindungsabteilung war, nun aber auch die Rolle des Oberarztes in der gynäkologischen Abteilung mit übernommen hatte, jedenfalls zum Teil und so gut er es zeitlich vereinbaren könnte.

Dr. Scherer fehlte bei dieser Besprechung: Der Kollege Kierdorf, den ich übrigens auch recht gut leiden konnte, telefonierte im ganzen Haus herum, um nach Dr. Scherer zu suchen. Schließlich erfuhren wir, dass er nach Hause gefahren sei und gegen Abend noch mal auf einen Sprung hereinkommen wollte.

Dr. Steiner, unser Casanova vom Dienst, verzog das Gesicht, und ihm lag wohl eine witzige Bemerkung auf der Zunge, doch er sprach sie nicht aus. Da war nämlich jemand in unserem Kreis, der mit Dr. Scherer gut bekannt war und angeblich sogar mit ihm befreundet sein sollte: Dr. Richard Ansorge, unser Kollege, der in der Regel nur noch Nachtdienst machte.

Ich hatte davon gehört und beobachtete den kleinen, aber energiegeladen wirkenden Mann, entdeckte aber keine Regung in seinem Gesicht, als der Kollege Renner bemerkte:

„Das fängt ja gut an! Nun werden wir den lieben Onkel wohl selten zu Gesicht bekommen.“

Sabrina, die neben mir saß, stieß mich mit dem Ellenbogen an und unterdrückte ein Lachen.

„Also, dann ohne ihn“, erklärte Kierdorf, nahm die Krankenblätter und begann mit uns den ersten Fall zu besprechen. Außer uns waren auch die beiden in Frage kommenden Anästhesisten dabei. Den Anästhesisten kannte ich nicht, er musste neu sein. Aber die Anästhesistin Dr. Ute Kämpfert-Mohn war mir schon von meinen früheren Tätigkeiten hier in der Klinik gut bekannt. Und wir verstanden uns auch sehr miteinander. Ute war zwei Jahre jünger als ich, hatte schwarzes Haar und dunkle Rehaugen. Ich konnte sie mir gut als Freundin vorstellen. Sie bewies sehr viel Kollegialität und Kameradschaft, und besonders Sabrina schwärmte von ihr in den höchsten Tönen. Ute war verheiratet mit einem Ingenieur und schien eine sehr gute und harmonische Ehe zu führen. Missgelaunt hatte ich sie nicht einmal gesehen. Auch jetzt wirkte sie freundlich, und wenn sie etwas sagte, klang es immer nett.

Bei dieser Besprechung fiel mir dann der Anästhesist auf, dessen Name ich zwar flüchtig gehört hatte, als wir miteinander bekanntgemacht worden waren, den ich aber nicht mehr wusste. Mir fiel er auch nicht mehr ein, und da hörte ich Sabrina, sagen:

„Wenn Frau Kämpfert-Mohn die beiden letzten Operationen macht, dann kümmern Sie sich um die beiden ersten, Herr Kollege Balbeck.“

„Ausgeschlossen!“, erklärte der hagere, mittelblonde Mann entrüstet. „Ich habe in der Entbindungsabteilung zu tun, das ist Arbeit genug. Für morgen werden mehrere Geburten erwartet. Schließlich haben wir die größte Zahl an Entbindungen in Bonn und Umgebung. Nein, entweder bin ich im OP, und die Kollegin Kämpfert-Mohn kümmert sich um die Geburten, oder ... “ Kierdorf schüttelte ablehnend den Kopf. „Aber nicht doch, Herr Kollege! Es ist doch jederzeit möglich, dass derjenige, der nicht gerade im OP ist, sich um die Entbindungsfälle kümmert. Wenn wir auch für morgen mehrere Geburten erwarten, so ist doch nicht gesagt, dass es zu der Zeit eintrifft. Sie wissen doch, wie das so ist. Bei einer Frau dauert es länger, bei anderen geschieht es früher. Wir können doch da keinen Zeitplan aufstellen. Und Wehenhemmer oder Wehenbeschleuniger werden unter meiner Leitung nicht angewandt. Es bleibt dabei, dass Sie während der beiden ersten Operationen anwesend sind, Herr Kollege Balbeck.“

Balbeck machte ein verdrossenes Gesicht und schwieg. Ich sah ihm deutlich an, wie wütend er war und wie wenig ihm diese Einteilung passte.

Mir gefiel Balbeck nicht, aber er war mir auch nicht gerade unsympathisch. Er gehörte zu der Sorte Menschen, die man sieht und vergisst. Ein absoluter Durchschnittstyp, der mich eigentlich gar nicht interessierte. Aber ich bemerkte, dass er mich dauernd anstarrte. Und auch Sabrina fiel das auf.

Als wir dann auf der Station waren, fragte sie mich:

„Hast du gesehen, dass er dich dauernd anstarrt, dieser Balbeck? Ich kann diesen Kerl nicht ausstehen. Er ist mir noch unsympathischer als Scherer, und ich halte auch nichts von ihm. Neulich hätte er fast eine Narkose vermurkst.“

„Wieso“, fragte ich, „was ist geschehen?“

„Er hat das Gasgemisch falsch angelegt. Zum Glück ist es ihm noch rechtzeitig aufgefallen. Also, wie gesagt, mir gefällt er nicht. Und noch etwas kommt mir spanisch vor. Hast du das nicht bemerkt, wie Scherer ihn begrüßt hat? Das sah so aus, als würden sich die beiden kennen.“

Ich hatte nichts bemerkt. „Tut mir leid“, erwiderte ich, „aber mir ist das nicht aufgefallen. Ich denke, Ansorge hat irgendetwas damit zu tun?“

„Wir vermuten das, wir wissen es nicht genau. Vielleicht ist er es gar nicht. Denn Ansorge macht mir nicht den Eindruck, als bedeutete ihm Scherer etwas.“ Sabrina schüttelte unwillig den Kopf. „Ein Hin und Her ist das! Du kommst genau in den richtigen Schlamassel. Besser wäre gewesen, Winter hätte seine Arbeit weitergemacht, wenigstens noch ein paar Wochen, und wäre dann erst in Urlaub gefahren.“

„Als ich das letzte Mal da war“, erklärte ich Sabrina, „hatten die Winters, ich meine ihn und seine Frau, schon ziemlich Probleme miteinander. Ganz einfach, er ist nie da gewesen.“

„Ist das ein Wunder?“ Sabrina, sah mich herausfordernd an. „Wenn du Familie hättest und den ganzen Tag hier in der Klinik hängst und auch noch die Nächte dazu, würde dein Mann auch ausflippen. Ich kann das verstehen. Frau Winter ist nämlich sehr nett.“

„Den Eindruck habe ich auch“, bestätigte ich.

Die nächste Stunde hatten wir mit einer alten Frau zu tun, die mit Scheidenvorfall operiert worden war, und deren Wunde schlecht heilte, weil sie Diabetikerin war. Mit den Zuckerkranken ist der Heilungsprozess immer so ein besonderes Problem. Die Frau bekam immer wieder Blutungen. Nicht lebensgefährlich zwar, aber doch sehr ärgerlich.

Ich stellte ihren Zuckerspiegel ein, schrieb die Diät auf und kam zufällig dahinter, dass sie die angeordnete Diät mehrmals durchbrochen hatte. Immer wieder aß sie zu viel Weißbrot, trank heimlich Bier. Aber es war nicht das Diabetiker-Bier, sondern ganz normales, und da war einfach zu viel Zucker drin.

Diese Patientin mussten wir im Auge behalten. Sabrina war der gleichen Überzeugung, und wir beschlossen, darauf zu achten, dass sie nicht heimlich immer wieder den Diätplan durchbrach. Davon instruierten wir auch Stationsschwester Ellen, eine hübsche blonde Frau, die ich auch von Anfang an gemocht hatte. Wir verstanden uns gut.

Ich musste an die Winters denken. Die hatten ihr Urlaubsziel Rhodos bestimmt schon erreicht. Ich gönnte ihnen wirklich diesen Urlaub. Sie wollten drei Wochen bleiben. Vor diesen drei Wochen graute mir allerdings, wenn ich an diesen Scherer dachte.

Ich hatte den Gedanken noch nicht zu Ende geführt, da tauchte Scherer auf, kam mit steifen Schritten den Gang entlang, entdeckte mich, hob die Hand als wolle er mir winken und murmelte etwas, das ich nicht verstand. Ich blieb jedenfalls stehen, bis er bei mir war, da sah er mich an und sagte mit schwer verständlicher Stimme:

„Wenn ich mich recht erinnere, sind Sie Frau Hegner.“

Ich nickte, und er fuhr fort:

„Ich möchte Ihnen von vornherein sagen, dass ich Wert auf die Privatpatienten lege. In anderen Worten, kümmern Sie sich bitte sehr intensiv darum! Es sind sehr viel einflussreiche Leute darunter.“

Ein paar Zimmer der Station galten als Privatstation. Es waren überwiegend Einzelzimmer, manche Doppelzimmer, und, der einzige Unterschied, der in medizinischer Hinsicht gemacht wurde, war die Tatsache, dass der Chefarzt bei der Visite ein wenig länger mit diesen Patienten sprach. Und von der Verwaltung aus bestand der Unterschied ganz einfach in der Tatsache, dass die Privatpatienten besseres Besteck hatten und ein wenig nettere Teller. Aber da hörte der Unterschied schon auf, jedenfalls war es bis jetzt so gewesen. Ich sah Scherer an, dass er da einiges ändern wollte. Und schon sagte er:

„Keine Assistenten in die Privatzimmer, nur Sie und die Kollegin Scheibler und ich selbst natürlich. Ich möchte von den geringsten Veränderungen, die bei Privatpatienten passieren, sofort Informiert werden.“

„Wir haben keinen einzigen schweren Fall in der Privatstation, soviel ich weiß“, erwiderte ich ihm. „Hingegen sind auf der Normalstation einige schwere Fälle, die ...“

Er ließ mich nicht ausreden, winkte nervös mit der Hand ab und brummte: „Ich habe Herrn Steiner gesagt, dass er sich darum kümmern soll.“

Ich schwieg. Ich war ja nun gerade den ersten Tag hier und wollte nicht sofort Widerspruch einlegen. Aber in mir grollte es. Gerade die unterschiedslose Behandlung aller Patienten durch Professor Winter hatte mir immer so imponiert. Und ich war entschlossen zu verhindern, dass es da irgendeine Änderung gab.

Eine halbe Stunde später stieß Scherer wieder auf mich. Ich wollte gerade gehen, denn es war Dienstschluss. Ansorge war gekommen. Er hatte nur am Morgen bei der Besprechung mitgewirkt und übernahm den Dienst. Ich hatte mit ihm schon einiges besprochen, was die schwierigen Fälle anging, da sagte Scherer, der zu uns stieß:

„Frau Hegner ich habe mir den Operationsplan angesehen. Die Vaginalplastik führe ich selbst durch, das wäre die erste Operation.

„Aber, Herr Kollege“, erwiderte ich überrascht, „der Herr Chefarzt sagte doch selbst ...“

„Der Herr Chefarzt ist in Urlaub“, erklärte er mir mit steinerner Miene, „und jetzt heißt Ihr Chefarzt Scherer; er steht vor Ihnen, Frau Kollegin. Und ich bitte Sie, mich auch so anzureden. Wir wollen doch die Gepflogenheiten nicht plötzlich ändern. Wie gesagt, nicht Sie machen diese erste Operation, sondern ich.“

In mir rumorte es. Es war schlicht eine Unverschämtheit. Professor Winter hatte mir noch am Morgen gesagt, dass ich alle plastischen Operationen durchführen sollte, weil er mir das zutraute. Und jetzt auf einmal wollte er es tun, als sei ich nicht dazu in der Lage.

„Ich möchte Ihnen ausdrücklich zur Kenntnis geben, dass ich für diese Operation morgen früh einen Auftrag von Professor Winter habe“, erklärte ich ihm und vermied es, ihn mit Chefarzt anzusprechen.

„Dann nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich das geändert habe. Sie übernehmen morgen Vormittag meine Sprechstunde der Privatpatienten, und Sie werden sich sehr darum kümmern. Ich betone dieses Wort sehr, verehrte Kollegin. Die plastische Operation wird von mir durchgeführt. Noch eine Frage?“

Ich wandte mich einfach ab und ging weiter. Dann hörte ich seine Schritte, die sich entfernten.

Als ich zum Arztzimmer kam, war Sabrina schon fertig. Sie schaute mich überrascht an und fragte: „Du hast einen hochroten Köpf, was ist passiert?“

Ich erzählte es ihr, und sie schüttelte verwundert den Köpf; „Der fängt ja wirklich gut an!“

Wir gingen dann, trennten uns aber auf dem Parkplatz, und während sie nach Hause fuhr, machte ich mich auf den Weg in die Stadt, denn ich wollte noch Verschiedenes einkaufen. Vor allen Dingen brauchte ich außer den Lebensmitteln noch verschiedenes für mein Zimmer. Wenn es auch möbliert war, so wollte ich dieses und jenes doch noch anbringen, zum Beispiel einen Steckrahmen.

Ich hatte Mühe mit dem Parkplatz und musste anschließend, als ich endlich einen gefunden hatte, endlos weit laufen bis zu den Geschäften, und war es nun Zufall oder nicht, plötzlich ging Balbeck neben mir, der Anästhesist. Natürlich war ich voreingenommen, aufgrund dessen, was mir Sabrina erzählt hatte. Und so erwiderte ich seinen freundlichen Gruß wohl ziemlich mürrisch. Aber das schien ihn nicht zu stören. Er ging wie selbstverständlich neben mir her, und als ich in ein Kaufhaus einbiegen wollte kam er mit.

Ich blieb stehen, sah ihn an und fragte: „Haben wir etwa denselben Weg?“

Er grinste schief. „Scheint so.“

Ich bog in die Strumpfabteilung ein. Für Damenstrümpfe, sagte ich mir, wird er sich wohl kaum interessieren. Aber das war ein Irrtum. Offenbar hatte er nichts Wichtigeres zu tun, als nach Damenstrumpfhosen zu suchen. Als ich dann zur Unterwäsche schwenkte, blieb er auf meiner Spur. Nun wurde es mir zu dumm.

Ich sah ihn an. „Verfolgen Sie mich eigentlich?“

Er grinste wieder. „Scheint so. Ich wollte Sie zu einer Tasse Kaffee einladen.“

„Danke, sehr nett. Aber ich trinke um diese Zeit keinen Kaffee“, behauptete ich.

„Dann vielleicht ein Glas Wein oder irgendetwas anderes?“

Ich war entschlossen, es ihm abzuschlagen und sagte ihm, dass ich keine Zeit hatte.

Er ließ sich nicht abschütteln. „Nur ein einziges Glas! Ich kenne in der Nähe ein gutes Lokal.“

„Ich kenne viele gute Lokale. Aber ich sagte Ihnen, ich habe keine Zeit“, widersprach ich.

Er zuckte die Schultern. „Sie haben doch sicher noch kein Abendbrot gegessen. Ich möchte Sie einladen.“

Ich dachte an die Einladung von Frau von Kesselried, die war ja auf heute Abend verschoben.

„Tut mir sehr leid“, erklärte ich ihm, „ich bin bereits eingeladen.“ Und ich dachte nicht im Traum daran, ihm zu sagen von wem. Er machte eine säuerliche Miene. Und ich triumphierte, weil ihn das offenbar zu beeindrucken schien. Sein eben noch grinsendes Gesicht erinnerte plötzlich an einen Dackel, dem der Fuchs entwischt war.

„Ach so, na ja, dann nichts für ungut.“ Er nickte mir zu, murmelte etwas von einem schönen Abend und verschwand im Gewühl. Ich war erleichtert.

Als ich nach Hause kam, also zu meinem Zimmer bei Frau von Kesselried, und den Wagen vor dem Haus parkte, weil ich eventuell noch einmal wegfahren wollte, stand ein anderer Wagen da, auf den ich zunächst gar nicht achtete. Aber als ich ausstieg, stieg dort auch jemand aus. Balbeck!

Ich ging einfach weiter auf die Haustür zu, aber er holte mich ein und sagte: „Die Einladung wird doch keine Ewigkeit dauern, oder? Ich möchte Sie auch einladen.“

„Und ich habe Ihnen gesagt, dass ich bereits eingeladen bin.“

„Dann eben morgen Abend“, wich er aus.

„Es tut mir sehr leid, aber ich habe auch morgen etwas vor und übermorgen, und die ganze Woche.“

Er hätte jetzt verstehen müssen, und irgendwie kam er mir wie ein tolpatschiger Junge vor. Aber er gab immer noch nicht auf.

„Wann dann? Irgendwann müssen Sie doch einmal Zeit haben.“

„Vielleicht will ich keine Zeit haben“, erwiderte ich brüsk.

Das brachte ihn nun doch aus der Fassung. „Also gut, wenn es so ist, dann will ich Ihnen auch etwas sagen“, erklärte er. „Ich wollte sehr nett zu Ihnen sein, aber wenn Sie mir so kommen, dann können Sie mich auch einmal kennenlernen.“

„Möchten Sie mir etwas näher erklären, was ich darunter verstehen soll?“, fragte ich aggressiv.

„Machen Sie sich selbst einen Reim darauf“, knurrte er, wandte sich einfach ab und ging zu seinem Wagen zurück.

Ein Verrückter, dachte ich und schloss die Tür auf.

Ich vergaß den Zwischenfall, aß mit Frau von Kesselried und hatte am Abend noch einiges damit zu tun, mein Zimmer so einzurichten, wie ich es wollte, ging dann aber beizeiten ins Bett, denn ich war hundemüde.

Der nächste Tag verlief dann ziemlich normal. Wir hatten zwar einen Zwischenfall mit einer Schwangeren, aber das ließ sich regeln. Bei dieser Gelegenheit lernte ich dann Scherer in seiner Eigenschaft als Arzt kennen. Er war ein Meister im Verteilen der Arbeit, stand nur herum und gab Anweisungen. Mitunter, so kam es mir jedenfalls vor, auch noch die falschen. Dank dem Kollegen Kierdorf ging doch noch alles in Ordnung. Und alles wäre noch schneller über die Runden gebracht worden, hätte sich Scherer gar nicht eingemischt.

Zusammenfassung

Die standhafte Oberärztin
Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

Voller Vorfreude tritt Dr. Nina Hegner ihren Dienst in der gynäkologischen Abteilung der Paul-Ehrlich-Klinik in Bonn an. Das Glück winkt ihr auch privat, als sie den attraktiven Chirurgen Dr. Klaus Dahlhausen trifft, der ihr Herz im Sturm erobert. Ein Wermutstropfen fällt allerdings auf ihren Neustart, denn während der Chefarzt der Abteilung Professor Dr. Winter in einen dreiwöchigen Urlaub geht, führt sein Stellvertreter Dr. Scherer ganz neue Sitten ein. Dieser bevorzugt nämlich Privatpatientinnen zum Nachteil von Kassenpatientinnen. Darüber gerät die sympathische Ärztin mit dem neuen Chefarzt in Streit und hat fortan einen schweren Stand. Als sie sich nach dem Tod einer Patientin mit ihrem Vorgesetzten anlegt und dessen Anordnungen nicht befolgt, wird sie kurzerhand beurlaubt ...

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738918021
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
arztroman exklusiv edition oberärztin

Autor

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Titel: Arztroman Exklusiv Edition - Die standhafte Oberärztin