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Archibald Duggan und der Köder in Blond: Kriminalroman

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Archibald Duggan und der Köder in Blond
Krimi von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

Die Sekretärin eines Vertrauten des US-Präsidenten verschwindet. Und Archibald Duggan soll sie wieder aufspüren. Ihm wird ein US-Marine zu Seite gestellt, doch plötzlich geht alles schief. Der Mann, der eigentlich des Kidnapping verdächtig ist, scheint nur ein Schmuggler zu sein, und der Marine verfolgt eigene Ziele. Ein vertrackter Fall für den CIA-Agenten, der als Gefangener zunächst nicht viel ausrichten kann. Ein blonder Köder soll helfen, auch wenn das Risiko groß ist. Wer ist hier wessen schuldig? Diese Frage entpuppt sich als überlebenswichtig für alle.

Leseprobe

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Archibald Duggan und der Köder in Blond

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Krimi von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

Die Sekretärin eines Vertrauten des US-Präsidenten verschwindet. Und Archibald Duggan soll sie wieder aufspüren. Ihm wird ein US-Marine zu Seite gestellt, doch plötzlich geht alles schief. Der Mann, der eigentlich des Kidnapping verdächtig ist, scheint nur ein Schmuggler zu sein, und der Marine verfolgt eigene Ziele. Ein vertrackter Fall für den CIA-Agenten, der als Gefangener zunächst nicht viel ausrichten kann. Ein blonder Köder soll helfen, auch wenn das Risiko groß ist. Wer ist hier wessen schuldig? Diese Frage entpuppt sich als überlebenswichtig für alle.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Als Bogart entdeckte, dass seine Sekretärin spurlos verschwunden war, wirkte er zunächst wie ein gebrochener Mann.

Spionage oder Verbrechen – das waren die beiden Möglichkeiten, die er für die wahrscheinlichsten hielt. Inzwischen schien er sich einigermaßen wieder gefasst zu haben. Seine Stimme jedenfalls war robust wie eh und je.

„Ich habe gesagt, die Konferenz findet nicht statt. Nichts findet mehr statt. Nein ... ich werde mir eine Kugel in den Kopf jagen ... Sie haben richtig gehört. Ja, gehen Sie zum Teufel!“, schrie er ins Telefon. Er knallte den Hörer auf die Gabel und machte ein Gesicht wie ein Tiger, der den Dompteur verschluckt hat.

Sein massiger Schädel ruckte herum. Dann entdeckten seine Augen – Augen wie Glaskugeln – den schlanken Mann vor seinem Schreibtisch. Die Falte auf Bogarts breiter Stirn vertiefte sich, die Brauen zogen sich zusammen.

„Was wollen Sie denn?“ Er wischte sich mit einem seidenen Taschentuch über die rechte Schläfe, schnaufte und schien sich plötzlich zu erinnern. Mit den dicken Wurstfingern seiner Rechten hob er eine Karte vom Schreibtisch. ..Ach so, ja, hmm. Sind Sie der Mann von der CIA?“ Mit einiger Mühe las er halblaut: „Archibald Duggan.“

„Sie sind im Bilde.“ Archibald Duggan lächelte und bemerkte trocken: „Bei Ihnen scheint ein Sandsturm gewütet zu haben.“ Er warf einen kurzen Blick in die Runde.

Das Zimmer machte den Eindruck, als habe die vereinigte Unterwelt von New York eine Woche lang alles darin umgegraben. Briefe, Akten, Zettel, Notizen, Bücher, Ordner, alles lag auf Tischen, Stühlen und auf dem Boden herum. Und in diesem Durcheinander saß der beleibte Archibald Bogart wie ein Buddha – ein sehr konfuser allerdings.

Bogart schnaufte. „Sandsturm, das wäre das wenigste. Wissen Sie, was passiert ist? Meine Sekretärin ...!“ Jetzt wirkte er auf Duggan geradezu bemitleidenswert. So ist es, wenn die Sekretärin die Geschäfte besser kennt als der Chef. Bogart war das lebende Beispiel dafür. Nur, zur Zeit fehlte diese Sekretärin. Darum ging es. Da lag der Hase im Pfeffer, und deshalb war Archibald Duggan hier. Nicht freiwillig, weiß Gott, darauf wäre er nie gekommen. Dieser Bogart war ihm so unsympathisch wie ein Frosch zum Frühstück. Man kann sich die Politiker nicht immer aussuchen, die unser Wohl und Wehe bestimmen. Nicht immer. Und diese Kopie eines Aga-Khan war Politiker. Ein wichtiger noch dazu.

„Ja, ich weiß, was passiert ist“, sagte Duggan gelassen. „Was ich nicht verstehe, ist Ihre Nervosität, Mr. Bogart.“ Er lächelte schadenfroh. „Wenn diese Miss ... wie war der Name?“

„Shelon, Gloria Shelon, ein Name, den ich noch im Jenseits kennen werde“, stöhnte Bogart und wischte sich Schweißtropfen von der Stirn.

„Diese Miss Shelon hat also nichts weiter getan, als das, was Hunderte, Tausende anderer junger Mädchen tun. Sie hat einen Mann kennengelernt, hat sich in ihn verknallt und ist mit ihm auf und davon. Was hat sie mitgenommen?“

Bogart starrte Archibald Duggan ins Gesicht, als sähe er eine Lokomotive auf sich zurasen.

„Mitgenommen? Mensch, Sie sind ein Prachtstück! Mitgenommen? Wenn Sie Unterlagen, Akten und so etwas meinen, dann nichts. Aber in Wirklichkeit hat sie alles mitgenommen. Mann, dieses Mädchen ist so etwas wie mein zweites Gehirn! Sie weiß alles, ist über alles im Bilde, hat alle Akten im Kopf und ...“

„Ich beginne zu begreifen, wo die Probleme der Politik zu suchen sind“, sagte Duggan lächelnd.

Bogart fuhr hoch wie von der Tarantel gestochen. „Sie!“, schrie er. „Ich bringe Sie um Ihren Job!“

„Ein Experiment in dieser Richtung würde Sie überraschen.“ Archibald Duggan wurde ernst, und Bogart sah ihn starr an. Dabei ahnte er wohl, dass dieser Duggan doch nicht der kleine Beamte war, für den er ihn zunächst gehalten hatte. Nun ja, die CIA hätte auch den Präsident persönlich auf den Hals bekommen, wenn man ihm eine drittklassige Nummer geschickt haben würde. Ihm, dem engen Mitarbeiter des Präsidenten.

„Mr. Bogart“, sagte Duggan, und es klang gar nicht mehr so heiter wie vorhin, „ich bin zwar bei Ihnen, weil Sie um Hilfe ersucht haben, aber das hätte auch das FBI erledigt. Ich bin hier, weil es die Sicherheit des Staates erfordert. Und dieser Auftrag kommt nicht von Ihnen, Mr. Bogart!“

Bogart schnaufte wie ein Stier. Er holte tief Luft, und seine Adern schwollen gefährlich an. „Wer, zum Teufel“, schrie er, „hat Sie geschickt?“

Archibald Duggan konnte sich ein triumphierendes Lächeln gerade noch verkneifen, als er erwiderte: „Ihr guter Freund, Mr. Bogart – der Präsident.“

Bevor Bogart seinen Mund wieder zuklappen konnte, fuhr Archibald Duggan fort: „Sie haben also diesem Mädchen zu viel Vertrauen geschenkt, sie wusste offenbar mehr als Sie selbst. Nun ist sie weg, und das, was Sie Ihr zweites Gehirn nennen, hat aufgehört, für Sie zu denken. Wann genau ist sie abgeschwirrt?“

Bogart brauchte noch ein paar Sekunden, dann hatte er sich wieder gefasst. Das mit dem Präsidenten tat weh, man sah es ihm an. Die Röte von eben war einer fahlen Blässe gewichen. Die Wurstfingerhände zitterten. Nein, eine verlorene Schlacht war ein heiterer Spaß dagegen. Erst das „zweite Gedächtnis“ auf und davon, und nun noch ein Auftrag vom Präsidenten. Und dieser drahtige Bursche von der CIA saß da vor ihm in aller Ruhe und ließ offenbar keinen Gag aus, mit dem er ihm, dem weltbekannten Manne, seine Antipathie zeigen konnte. Unerhört! Wirklich mehr als demütigend. Er würde nachher mit dem Präsidenten sprechen. Er würde ... Nein, alles Unsinn. Die Karre saß bis über die Achsen im Dreck, und niemand schien das besser zu wissen als dieser Duggan, der so kalt lächelte wie einer, dem nichts verborgen bleibt.

Einen erstklassigen Mann werden sie schicken, hatten die von der CIA gesagt. Zum Kuckuck, jetzt wünschte er, dieser Duggan wäre auf dem Mond oder sonstwo. Der Kerl schien durch ihn hindurchsehen zu können.

Bogart nahm sich zusammen. „Mr. Duggan, natürlich weiß Miss Shelon zu viel. Ich fürchte übrigens nicht, dass sie eine Verräterin ist. Es ist vielmehr so, dass sie Termine im Kopf hat, die geheim und nicht aufgeschrieben sind, die aber erledigt werden müssen. Geschieht das nicht, hat es furchtbare Folgen. Ohne Miss Shelon wird das aber so kommen, weil ich ganz einfach nicht weiß, wann und wo dieses oder jenes zu tun ist.“

„Das Glück unseres Landes hängt also zu einem Teil davon ab, ob sich eine fünfundzwanzigjährige Miss Shelon an dieses oder jenes erinnert.“

Bogart seufzte tief. „Nun ja, es stimmt.‟

„Ihre Ehrlichkeit ist frappierend“, gestand Archibald erschüttert. „Fragen Sie mich nicht nach meiner privaten Meinung über solche Usancen.“

Bogart versuchte seine Schlappe durch forschen Ton zu vertuschen. „Danach fragt Sie auch niemand. Sie sind hier, ob vom Präsidenten geschickt oder nicht, um mir Miss Shelon wieder herzuschaffen.“ Er blickte auf seinen Terminkalender. „Wir haben Mittwoch, und am Sonnabend brauche ich sie, sonst ...“

„Wann ist sie weg?“

„Gestern. Der Bursche, der seit ein paar Wochen um sie herumschwänzelt, hat sie in einem dieser europäischen Sportwagen abgeholt. Heute morgen war sie nicht hier. Ihre Mutter, bei der sie wohnt, sagte, dass das reizende Töchterchen schon lange einen Urlaub verdient habe und nun eine kleine Reise mit diesem Kerl unternommen hat.“

„Adresse der Mutter?“

„Fragen Sie meinen Bürochef, der weiß das.“

„Name des Mannes, mit dem sie vermutlich weg ist?“

„Keine Ahnung.“ Bogart blickte auf, machte schmale Augen und donnerte: „Wenn Sie alles von m i r hören wollen, kann ich gleich selbst losziehen.“

„Kein schlechter Gedanke, Mr. Bogart. Ich fürchte nur, dann wäre der Spaß gar nicht mehr zu überbieten.“

„Raus!“, schrie Bogart, und nun färbte sich sein massiger Kopf wieder dunkel.

Archibald Duggan lächelte, erhob sich und sagte gelassen: „Ich wünsche Ihnen ein paar frohe und angenehme Ruhetage, Mr. Bogart. Ohne Ihr zweites Gehirn wird das sich vermutlich realisieren lassen.“ Er deutete eine Verbeugung an und ging zur Tür.

Bogart platzte fast und griff zum Telefon. Als Archibald die Tür öffnete, hörte er noch, wie Bogart schrie: „Das Präsidenten-Büro. Sofort! Sofort!“

Sekunden später konnte er die lautstarke Stimme Bogarts noch einmal vernehmen, als sie kreischte: „Was, er ist in Texas? Keine Anrufe will er haben. Zum Teufel! Zum Teufel mit ... nein, nicht mit dem Präsidenten. Schon gut, Ende!“

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Eine Stunde danach saß Archibald Duggan dem Sicherheitsoffizier gegenüber, in dessen Bereich Bogart nebst Anhang gehörte. Colonel Coppy machte das Gesicht einer Bulldogge, der die Futterration entzogen wurde. Er hatte überhaupt viel von einer Bulldogge. Jedenfalls fand das Archibald Duggan.

Coppy hatte sich Duggans Bericht angehört, blickte nun noch etwas grimmiger drein als zuvor und sagte dann mürrisch: „Dieser Speckjäger, mit dem haben wir nur Ärger. Hören Sie gut zu, Archibald, es geht gar nicht darum, was sich Bogart dabei denkt. Ich will es Ihnen ganz offen sagen. Bogart ist ein Bursche, der tausend-und-eine Verbindung zu einflussreichen Leuten hat. Wenn meine Meinung gefragt wäre: Ich halte ihn für eine Null mit vier Kronen drüber. Die kleine Shelon hatte den Grips dazu, all das zu ordnen, was Bogart bekam, was er tun musste und so weiter. Bogart ist vergesslich. Er muss am Sonnabend eine Rede in einer Konferenz halten. Da sitzen ihm Fachleute gegenüber. Er muss ihnen einige geheime Dinge erklären, die er eigentlich im Kopf haben sollte. Tatsächlich registrierte das alles aber Miss Shelon, in ihrem Kopf, wohlverstanden. Es gibt dazu keine Unterlagen. Die zu beschaffen, das alles von vorn zu sammeln, würde Wochen, vielleicht Monate dauern. Es handelt sich aber um wichtige Dinge. Deshalb muss die kleine Shelon her, egal, in welchem Liebesnest Sie sie auftreiben.“

„Interessant, dass gewisse wichtige Dinge einer Nation im Hirn einer unterbezahlten Sekretärin vergraben sind.“

Coppys Gesicht wurde um einen Grad bullbeißiger. „Sie werden sich an solche Umstände noch gewöhnen, wenn Sie wie ich ein paar Jahre mit meinem Job zubringen. Da verlernt man das wundern. Also, Archibald, das alles ist zwar ein teuflischer Witz, aber ansonsten eine bitterernste Geschichte. Schleppen Sie mir dieses Girl herbei, ganz und noch denkfähig.“

Archibald grinste, als er fragte: „Ist sie wenigstens sonst eine Augenweide?“

Coppy schob ihm ein Foto zu, und sein Bulldoggengesicht entspannte sich. Er schluckte und sagte kratzig: „Sehen Sie selbst. Dafür lasse ich drei Supermenüs im Waldorf sausen.“

Das Bild zeigte ein brünettes Mädchen, rank und schlank, vielleicht vierundzwanzig, mit Rehaugen, wohl gerundeten Proportionen und einem Lächeln, das Eisblöcke zum Schmelzen bringen konnte. Coppy hat recht, so ein Honey in einem Boot, man selbst dabei, und dann nichts wie sechs Wochen Einsamkeit zu zweit auf dem Pazifik.

„Nicht übel“, meinte Archibald, steckte das Foto ein und fügte hinzu: „Erstaunlich, dass sie bei dieser Figur sogar Geist entwickelt.“

„Sie werden umfallen, aber jedes Mal, wenn sie bei mir war, bekam ich Minderwertigkeitskomplexe.“ Coppy lächelte grimmig.

„Okay“, sagte Archibald. „Ich werde mich also zu ihrer alten Dame begeben.“

„Nicht mehr nötig“, wehrte Coppy ab. „Ich war schon dort. Sie weiß nur, dass Gloria, das liebe Herzchen, gestern Abend mit einem Galan abgedampft ist. Wer der Kerl ist, ahnt sie auch nicht. Aber Gloria Shelons Freundin könnte das wissen, die habe ich noch nicht erreicht.“

„Wer ist das?“

Coppy hatte es aufgeschrieben. „Ich würde sagen, schießen Sie gleich los, da ist ein Bursche aus meinem Verein, der da schon herumgrast. Den finden Sie auf alle Fälle unter der Adresse des Mädchens.“

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Die Freundin von Gloria Shelon war ein Fernsehstar. Anita Vandam hieß sie, und einige Millionen Amerikaner träumten davon, mit ihr ein Schäferstündchen zu verbringen. Verständlich, weil sie genauso aussah, wie eine Frau aussehen muss, von der Mr. Amerika schwärmt.

Vielleicht hieß sie gar nicht Anita und ganz bestimmt nicht Vandam. Aber das interessierte Archibald jetzt ganz und gar nicht. Als er vor ihrem Bungalow aus seinem Buick kletterte, tauchte ein mittlerer Rübezahl auf, der ihm entgegenkam und einen Ausweis zückte. Das war also der Bursche aus Coppys Überwachungsverein. Rübezahl vergewisserte sich, ob Archibald Duggan auch wirklich Archibald Duggan war, dann sagte er knapp und in unverkennbar militärischem Tonfall: „Sie ist eben gekommen. Ich hatte Anweisung, hier auf Sie zu warten, Sir.“

„Ihr Film ist jetzt gerissen, melden Sie sich bei Colonel Coppy von Feindfahrt zurück“, erwiderte Archibald und nickte dem Hünen freundlich zu. Dann warf er einen abschätzenden Blick auf das Haus.

Hier wusste man wenigstens, wo all die Fernsehgage geblieben war. Und soviel Pracht in einer Vorstadt von New York, wo der Bodenpreis astronomische Zahlen erreichte!

Auf Archibalds Läuten öffnete ein Dienstmädchen. Archibald hörte sich nicht erst an, dass Besuch unerwünscht sei, sondern ging an der Kleinen vorbei ins Haus. Das Dienstmädchen protestierte temperamentvoll, und so tauchte in der Halle prompt auch die Hausherrin auf.

Entrüstung stand ihr gut. Besonders, wenn sie einen knappen Bikini trug, dunkelblau mit kleinen, neckischen weißen Streifen. Dass sie platinblond war, und ihr langes, leicht gewelltes Haar bis auf die Schultern fiel, stellte Archibald erst ein paar Sekunden später fest.

„Was wollen Sie hier?“, fragte die Bildschirmschönheit giftig.

Archibald zeigte ihr seine Marke mit dem Ausweis, ließ sich auf einen der modernen Ledersessel nieder und winkte dem Dienstmädchen, zu verschwinden.

Anita Vandam setzte sich Archibald gegenüber. Dabei schlug sie die Beine übereinander, dass es eine Herzensfreude war.

„Ich wette, Sie wollen mir wieder irgendeinen blöden Vertrag anbieten. Aber Sie vertun Ihre Zeit“, sagte sie.

Archibald begriff, dass sie irgend etwas in seinem Ausweis missdeutet haben musste. „Sie sind auf dem falschen Dampfer, Miss Vandam. Ich komme von der CIA. Das ist keine Agentur, das ist der Geheimdienst.“

Jetzt wurden ihre blauen Augen ganz groß. Archibald entsann sich, sie einmal so in einem Fernsehstück gesehen zu haben, und diese Augen hatte sie damals gemacht, als man ihr sagte, ein Toter läge vor der Haustür.

„Es geht um Ihre Freundin Gloria Shelon. Mr. Bogart, ihr Chef, möchte das prächtige Kind bis Sonnabend wieder im Tempel haben. Es gibt Leute, die glauben, dass Sie mir dazu eine Menge sagen könnten.“

Sie stand auf, ganz Denkmal weiblicher Schönheit, und sagte: „Kommen Sie, ich brauche jetzt einen Drink.“ Den Eindruck hatte Archibald auch. Sie sah auf einmal so blass aus. Darüber konnten ihr auch Puder und Schminke nicht weghelfen.

Die Hausbar hätte einem mittleren Hotel alle Ehre gemacht. Man bemerkte auch, dass sie nicht als Attrappe gedacht war. Benutzte Gläser standen zuhauf herum.

Archibald sah sie fragend an. „Was kann ich Ihnen zurechtmachen? Sani-Flush?“

„Geben Sie mir bitte einen Old Fashioned“, sagte sie und musterte Archibald eindringlich von der Seite. Es war ein Brieftaschen-Röntgenblick. Er besagte: Wie viel hat der Mann an Vermögen, was kann man sonst noch mit ihm anstellen? Archibald, der es bemerkte, erinnerte sich einer Geschichte, die von Anita Vandams Herkunft erzählte. Irgendwo in Bronx war sie groß geworden. Da konnte man diesen gekonnten Schätzblick schon verstehen.

Sie nahm ihr Glas, nippte daran, blickte unter halb gesenkten Lidern auf Archibald und schüttete dann den Rest des Alkohols mit einem Ruck herunter.

„Hören Sie, Mister ...“

„Sie können mich Archibald nennen“, sagte Duggan.

„Hören Sie, Archibald, wieso soll ich wissen, wo Gloria steckt?“ Sie kam ein wenig näher an ihn heran, und er atmete den Duft ihres Parfüms.

„Wie heißt der Freund, den sie jetzt hat?“, fragte er und sah ihr in die Veilchenaugen.

Sie lachte. „Sie meinen Andy?“

„Der Name ist außergewöhnlich originell, finden Sie nicht?“, knurrte Duggan. „Ich denke, es gibt davon nur etwa zehn Millionen in den Staaten. Etwas ausführlicher können Sie diesen Jungen nicht beschreiben?“

Sie lachte wieder, schenkte sich ein, trank und meinte leise: „Er sieht fast so aus wie Sie. Nur hellblond. Andy Heppard heißt er. Einer von den Heppards aus Boston. Viel Geld, viel freie Zeit, viel Sexappeal.“

„Es macht einen froh, wenn jemand wie Sie das sagt“, erwiderte Duggan.

Sie ging nicht darauf ein, sondern fuhr fort: „Er hat eine eigene Jacht, aber damit können sie nicht weg sein. Die Jacht ist verliehen. Ein Freund von ihm ist damit nach Australien unterwegs. Das Flugzeug ist auch nicht zur Verfügung, damit ist er vor ein paar Wochen auf einem Acker gelandet. Es soll hin sein. Tja, dann bliebe nur noch Xerxes.“

„Ist das sein Hund?“

„Sie sollten beim Fernsehen anfangen, dort ist man auch nicht gescheiter als Sie. Xerxes ist natürlich sein Hausboot.“

„Natürlich, ganz Amerika weiß das ja.“ Duggan nickte ernst. „Ich habe da gerade in der Klasse gefehlt, aber Sie wissen doch sicher, wo Xerxes liegt?“

Sie tippte ihm mit ihrem schmalen Zeigefinger vor die Brust. „Sie sind wirklich fürs Fernsehen geeignet. Soviel Ahnungslosigkeit ist himmlisch. Xerxes liegt natürlich in Florida.“

„Das ist eine einmalig präzise Angabe. Ich werde ein paar Tage brauchen, bis ich den Teich finde, wo dieser Kahn verfault. Bis dahin ist Sonnabend vorbei.“

Sie zuckte die Schultern. „Na ja, ich war noch nicht dort, aber das Nest heißt Harricksfield oder so ähnlich.“

Archibald Duggan nickte. „Die beiden sind also dort.“

„Habe ich das gesagt? Ich habe es nicht gesagt. Weil ich versprochen habe, nichts zu sagen. Aber ich bin sicher, wenn jemand hinführe, der würde den Weg nicht vergeblich machen. Das sage ich aus Sorge um Gloria.“ Sie machte ein seelenvolles Gesicht.

Archibald erhob sich. „Sie waren auf dein Bildschirm schon besser, aber das muss am Regisseur gelegen haben.“

Sie funkelte ihn an. „Sie! Beleidigungen lasse ich mir nur von Leuten gefallen, die dafür zahlen.“

Archibald lächelte ihr zu. „Haben Sie etwas vor bis Sonnabend? Zu zweit fährt es sich besser nach diesem Harricksfield.“

„Sagen Sie, ist das bei Ihnen immer so, oder soll ich einen Arzt anrufen?“

„Sie wollen also mitkommen?“

„Beehren Sie mich wieder, wenn Sie den Anfall überwunden haben, Boy. Ich möchte jetzt baden. Oder wollen Sie noch einen Drink? Suchen Sie sich etwas nach Ihrem Geschmack aus.“

„Mein Geschmack ist blond und trägt einen weiß-gestreiften blauen Bikini.“

Sie goss sich noch einen Whisky ein, trank in einem Zug und meinte mit verklärtem Blick: „Meine Güte, Junge, ich glaube, ich muss doch mitkommen, wie? Ein Esel am Frühstückstisch wäre mal was Neues.“

Archibald stand auf und verschob dabei ungewollt eines der Sitzkissen des Sessels. Etwas Schwarzes lugte darunter hervor – eine Pistole.

Archibald hob die kleine FN auf und fragte: „Brauchen Sie das dann vielleicht als Zigarettenanzünder?“

Sie sah ihn erschrocken an. „Woher haben Sie die?“

„Sie zierte Ihren Hausrat. Ein kleines prächtiges Knallerchen.“ Er betrachtete die Waffe genauer und entdeckte die Initialen AH. „Gehört sie Ihnen?“

„Sie gehört Andy.“

Am Griff waren Blutflecke. Archibald nahm sich jetzt Zeit mit der Betrachtung.

Sie wollte nach der Waffe greifen. Aber er schob ihren Arm weg und sah sie fest an. „Honey, nun sollten wir einmal vernünftig reden. Woher ist die Pistole wirklich? Und wie kommt Blut daran?“

Sie war blass geworden. „Mein Gott, Archibald, was denken Sie nur? Ich weiß ja selbst nicht, wie die Pistole hierherkommt. Aber es ist wirklich Andys Waffe; ich habe sie erst vor ein paar Tagen noch gesehen. Da hat er sie Gloria gegeben und gesagt: Wenn dir mal einer zu nahe kommt ... Archibald, ich weiß nicht, ob Sie es glauben, aber ...‟

Archibald entdeckte nun auch einen Blutfleck auf dem Teppich. Man sah ihn nicht leicht, weil das Muster an dieser Stelle ebenfalls dunkel war. „Und das dort?“, fragte er und deutete auf den Fleck.

Sie presste den Handrücken vor den Mund. Ihre Augen starrten entsetzt auf den Fleck.

Archibald stand auf, ging zum Telefon und hob gerade den Hörer ab, als Anita rief: „Nein! Hören Sie, Archibald, ich erzähle es Ihnen! Warten Sie mit dem Anruf!“

„Keine Sorge, Honey, dies ist etwas anderes“, sagte er, wählte und ließ sich mit Coppy verbinden. „Hier Duggan. Hören Sie zu, Colonel, die Kleine ist vermutlich in einem Kaff namens Harricksfield, Florida, auf einem Hausboot, das Xerxes heißt. Ihr Sunny ist dabei, ein gewisser Andy Heppard von den Bostoner Heppards ... Ja, die beiden sind dort. Danke, Colonel, ich habe hier noch eine Kleinigkeit, dann kümmere ich mich darum. Sie veranlassen inzwischen alles? ... Okay, Colonel.“

Er legte auf. Dann wandte er sich wieder dem Fernsehtraum zu. „Na, Honey, ist Ihnen inzwischen eingefallen, woher der Blutfleck kommt? Oder ist es rote Tinte?“ Der Spott in seiner Stimme war nicht mehr zu überhören.

Sie nahm es nicht mehr so übermütig auf wie vorhin. Kleinlaut entgegnete sie: „Archibald, es ist hier etwas Schreckliches passiert. Vor drei Tagen. Aber nicht etwa ein Mord, wenn Sie das denken.“

„Sooft sitze ich nicht vorm Fernsehen, um immer nur an Mord zu denken, Sweetheart. Also, schießen Sie los!“

Sie blickte plötzlich zur Tür, und Archibald hatte das unbestimmte Gefühl, dass sich dort etwas gegen ihn vorbereitete. Er drehte sich um, aber da war es schon zu spät. Er versuchte der Tischlampe auszuweichen, aber sie streifte ihn noch hart über dem Ohr, bevor sie an der anderen Wand zerbarst.

Archibald warf sich herum und riss seine Magnum aus dem Schulterhalfter. Da blitzte es neben der Tür über dem Rand eines Sessels auch schon auf. Plopp, machte es nur. Schalldämpferkanone, dachte Archibald, doch er sah den Schützen nicht. Nur Anita sah er, die sich wie ein kleines Mädchen in ihren Stuhl kuschelte, die Beine angezogen und das Kinn auf den Knien.

Wieder machte es Plopp, dann schoss Archibald. Seine Magnum krachte zehnmal lauter als der schallgedämpfte Browning dort drüben.

Er sah, wie ein Körper hinter dem Sessel hochzuckte, wie zwei Hände auf eine weiße Hemdbrust griffen und ein Browning zu Boden fiel. Dann erst erkannte er das lederhäutige Gesicht, die dunklen Brauen, den im Schmerz nach unten verzogenen Mund und den Fleck auf der Hemdbrust, der sich immer mehr vergrößerte. So rasch der Mann hinter dem Sessel aufgetaucht war, so schnell sackte er wieder weg. Es dröhnte, als der Körper aufschlug, dann war Stille.

Als Archibald sich erhob, hörte er plötzlich Anita unmenschlich kreischen. Er sah zu ihr hin. Sie presste beide Hände vor die Augen und schrie aus Leibeskräften.

Vorsichtig ging Archibald zur Seite und sah den Mann jetzt genau. Er lag reglos. Der Blutfleck auf seinem Hemd wurde immer größer.

Archibald ging zu ihm, warf einen kurzen Blick auf die reglose Gestalt und hob zuerst den Browning auf.

Der Mann sah aus wie Mitte vierzig, wirkte trotz des an sich tadellosen Anzugs primitiv und war nach Archibalds Dafürhalten der Typ, den Leute gewisser Art sich mieten, wenn sie sich Sorgen auf raue Weise vom Halse schaffen wollen.

Archibald kniete sich neben den Verletzten, öffnete ihm das Hemd und rief über die Schulter zu Anita hin: „Haben Sie Verbandszeug im Hause?“

Sie hatte aufgehört zu schreien, aber zu mehr zwar sie offenbar nicht fähig. Dafür tauchte jetzt das Dienstmädchen auf. Es zitterte wie Espenlaub.

„Bringen Sie saubere Tücher oder Verbandszeug!“, rief ihr Archibald zu, und sie sauste wie ein Wiesel davon. Bald darauf kam sie zurück, und Archibald legte dem Mann einen Notverband an. Dann stand er auf, ging zum Telefon und rief Polizei und Ambulanz an.

Indessen hockte Anita noch immer auf ihrem Stuhl und schluchzte. Das Dienstmädchen stand an der Tür und starrte fassungslos auf den Verletzten.

Archibald trat zu ihr und fragte: „Wie ist er hereingekommen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich war im Garten hinten, um das Wasser vom Swimmingpool auszuwechseln. Ich habe keine Ahnung. Ich hörte nur Schüsse und Miss Vandams Schreien.“

„Kennen Sie den Mann?“, fragte Archibald und untersuchte die Kleidung des Bewusstlosen. Er fand aber keinerlei Ausweise, nur eine Mietwagenquittung von Hertz. Demzufolge hatte sich der Unbekannte vor zwei Stunden einen Wagen ausgeliehen.

Archibald sah das Mädchen an. „Na?“

„Es ist ...“

„Geh ’raus! Das geht dich nichts an!“, schrie Anita von ihrem Sessel her.

„Ruhe!“, donnerte Archibald. Etwas freundlicher wandte er sich dem Mädchen zu und sagte sanft: „Sagen Sie es, wer ist der Mann?“

„Mr. Bird. Unser Chauffeur. Unser früherer Chauffeur.“

Draußen heulte die Sirene eines Streifenwagens. Dann noch eine. Das konnte auch die Ambulanz sein.

„Gehen Sie, und lassen Sie die Polizei herein“, sagte Archibald.

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Den Cops voran kam ein hagerer Mann, der aussah wie der unterbezahlte Abteilungsleiter einer Fischgroßhandlung. So jedenfalls meinte Archibald. Der Mann war Lieutenant Koehler von der City Police Während er Archibalds Ausweis überflog, seufzte er und atmete hörbar durch die Nase. Seine Sympathie der CIA gegenüber war nicht gerade überwältigend. Als er dann auch noch die bikinibekleidete Fernsehdame sah, warf er Archibald einen Blick zu, in dem alle Verachtung lag, die ein korrekter Polizist aufbringen kann.

„Es ist nicht ganz so, wie Sie denken, Lieutenant“, erklärte Archibald. „Die Dame empfängt ihre Gäste nur so, wenn sie nichts von dem Besuch ahnt. Ich war nicht angemeldet.“

Der Lieutenant nickte nur, aber er glaubte kein Wort. Schweigend sah er zu, wie der Arzt kam, den Verletzten aufladen ließ und per Trage in die Ambulanz verfrachtete.

„Wer ist das?“, fragte der Lieutenant, und Archibald erzählte ihm die ganze Story. Die Blutfleckgeschichte interessierte den Lieutenant sehr. Seine Männer begannen sofort ein Stück aus dem Teppich zu schneiden. Das allerdings veranlasste Miss Anita Vandam zu erneutem Kreischen. Diesmal aber voller Wut. Der Lieutenant, der so einen Ausbruch selbst in Anitas besten Fernsehdarbietungen immer vermisst haben mochte, grinste hilflos.

Archibald legte Anita beruhigend die Hand auf die Schulter und sagte sanft: „Honey, wir wissen Ihre Darstellungskraft zu schätzen, aber übernehmen Sie sich bitte nicht. Vorhin waren wir so gut in Fluss. Fahren wir also fort. Lieutenant Koehler wird gerne zuhören. Also, dieser Bursche, der mich eben umbringen wollte, ist Ihr ehemaliger Chauffeur. Nun gut, warum gehört es zu seinen Hobbys, Ihre Besucher mit Hilfe eines Schalldämpfer-Brownings zu sieben?“

Sie sah ihn an. Beschwörend und voller Wut zugleich. „Er hatte nichts gegen Sie, Mr. Duggan. Er muss sich geirrt haben. Ich schwöre Ihnen, er hat Sie für einen anderen gehalten.“

„Für wen?“

Sie senkte den Kopf und murmelte: „Heppard.“

„Der arme Andy. Und warum das?“

„Er hat es schon einmal versucht. Das ist der Blutfleck. Andy ist am Oberarm verletzt worden. Ich wollte zurückschießen, um Andy zu schützen, aber Andy hat mir mit seiner Linken die Pistole weggerissen.“

„Gibt es ein Motiv für die Knallerei?“

„Bird liebt mich.“ Es klang überzeugend. Aber Archibald lächelte, blinzelte dem Lieutenant zu und sagte, auf Anitas Haar blickend: „Ich bemerkte vorhin bereits, Honey, dass Sie schon besser waren. Sie sind heute gar nicht in Form. Die Pille geht mir nicht ’runter.“

Sie sah ihn flammend an. „Es ist aber so!“, behauptete sie. „Er liebt mich und ist eifersüchtig auf Heppard.“

„Moment mal, ist Heppard nicht das Idol von Klein-Gloria?“

„Ja, aber Bird dachte, Heppard besuche mich. Dabei traf er sich hier nur mit Gloria.“

„Und dieser Bird darf hier einfach herumballern, anderen Leuten blaue Bohnen ins Beefsteak schießen – und Sie lächeln dazu?“, fragte Archibald giftig.

Anita legte sich den Nylonspitzenmantel um, den ihr das Dienstmädchen brachte, und warf ihre Mähnenpracht in den Nacken. „Psaw! Ich habe Bird auf der Stelle entlassen. Ich wollte ihn sogar der Polizei übergeben, aber Andy war dagegen.“

„Ein sehr großzügiger Standpunkt“, meinte der Lieutenant. „Und warum war er dagegen?“

Anita reagierte nicht auf diese Frage, wie sie den Lieutenant überhaupt als nicht existent zu betrachten schien. Sie blickte durch ihn hindurch.

„Okay“, sagte Archibald schließlich, „ich werde die Presse anrufen. Miss Vandam giert nach Publicity. Gibt doch einen tollen Aufmacher: Verliebter Chauffeur verwundet Freund von Anita Vandam ...“

„Sie! Wenn Sie das tun, zünde ich das Stroh in Ihrem Schädel an!“, schrie Anita. Jetzt hätten sie ihre Fernsehfans sehen sollen. Von der Lady war gar nichts mehr übrig.

„Alle Wetter“, wundert sich Lieutenant Koehler. „Man sollte es nicht glauben.“ Er wandte sich angewidert ab. Als aber die schöne Anita eine Fluchkanonade vom Stapel ließ, die an ihre Herkunft aus Bronx erinnerte, sagte der Lieutenant trocken: „Wenn die noch mal auf dem Bildschirm auftaucht, zerhacke ich das Ding.“

Einer der Cops, ein älterer Krieger, meinte ungerührt: „Das wundert mich kein bisschen, Lieutenant. Ich kannte ihre Mutter noch.“

„Eh, lasst bloß meine Mutter aus dem Spiel!“, keifte Anita.

Der alte Cop lächelte mitleidig. „Damals hießen Sie auch noch Matthews, und um ein Haar hätten Sie mit sechzehn Jahren ein Jahr Knast bekommen. Aber der Schnellrichter war gnädig. Tja, Mädchen, gestern Gosse, heute Palast.“

„Ich werde meinen Anwalt anrufen. So etwas lasse ich mir von euch Tramps nicht bieten!“, kreischte Anita empört, stemmte die Arme in die Sanduhrtaille und stampfte wütend mit dem Fuß auf.

„Ich glaube, das Kind muss jetzt Ruhe haben“, schlug Archibald vor. „Seine Batterie ist leer, Lieutenant.“ Und zu Anita sagte er ruhig: „Sie ziehen sich jetzt an, Honey. Dann fahren Sie mit dem Lieutenant ins Hauptquartier. Er wird ein Protokoll aufnehmen müssen. Ich sehe inzwischen nach, ob der Tipp mit Xerxes stimmt. Bis Sie vom PIQ zurück sind, weiß ich das. So, Lieutenant, ich glaube, das wär’s.“

Koehler nickte zufrieden, der ältere Cop grinste breit, und Archibald ging zum Telefon und rief Coppy an.

Coppy sagte nur zwei Sätze: „Klemmen Sie sich in die nächste Maschine nach Miami, Archibald. Der Kollege von der CIA, Simmons, wartet dort auf Sie und bringt Sie in dieses Kaff Harricksfield, wo Sie ihre helle Freude haben werden. Ende!“

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Auf dem Flug nach Miami dachte Archibald noch eine Weile über die herzige Anita nach, glaubte aber dann, sie für die nächsten Wochen aus dem Gedächtnis streichen zu können. Fataler Irrtum! Und das hing kein bisschen mit dem Fernsehen zusammen, denn auf dem Bildschirm würde er Anita nie wieder zu sehen bekommen. Aber das konnte er natürlich nicht wissen.

Viel mehr interessierte ihn auf dem Flug ein dunkelhaariges Engelchen ohne Flügel, das Cocktails auf dem Tablett herumreichte, frohe Sprüche aufsagte und Archibald versprach, den freien Abend mit ihm in Miami zu verbringen.

Als Archibald aber dann von einem drahtigen kleinen Jiu-Jitsu-Kämpfer namens Simmons an der Gangway begrüßt und informiert wurde, hatte er gerade noch Zeit, dem flügellosen Engel abzusagen, worauf dieser einen Schmollmund machte. Archibald konnte daran nichts ändern und hastete mit Simmons zu dessen Dienstwagen, der bereits mit laufendem Motor und Fahrer am Volant bereitstand.

Auf der Fahrt nach Harricksfield berichtete Simmons ausführlicher. Archibald kannte Simmons flüchtig, er wusste, dass dieser Mann ein Ass war, aber was ihn jetzt beeindruckte, war dessen Tempo beim Reden. Archibald musste sich anstrengen, um alles mitzubekommen.

Im Grunde war alles mit wenigen Worten gesagt.

Um 13.30 Uhr hatte Coppy an Simmons den Auftrag erteilt, sich um Xerxes und die auf dem Boot befindlichen Leute zu kümmern, mit Spezialaugenmerk auf Miss Gloria Shelon, die sofort festzunehmen sei.

Um 13.45 Uhr befand sich Simmons auf der Xerxes.

Um 13.47 Uhr fand er die Leiche von Andy Heppard in dessen Salon.

Um 13.49 Uhr wusste er präzise, das Heppard nicht nur tot, sondern mit einem Dolch erstochen war.

Um 14.20 Uhr war die gesamte Mordkommission des Harricksfield-Landbezirkes auf dem Plan, und Simmons hatte Gloria Shelon noch immer nicht gefunden.

Um 14.30 Uhr wusste er mit absoluter Sicherheit, dass ein Trio das Mädchen entführt hatte. Dafür gab es Zeugen. Das Trio waren drei recht stämmige Männer, von denen einer der Beschreibung eines lange gesuchten gegnerischen Agenten entsprach. Die drei und das Mädchen waren mit einem Ford Mustang ein Stück nach Norden gefahren.

Um 15.50 Uhr wusste Simmons auch, wo die Autofahrt beendet worden war, denn er fand den Wagen. Dieser stand am Rande des Katapultstartplatzes für Wasserfahrzeuge. Und mit einem Wasserflugzeug waren die vier auch mit unbekanntem Ziel abgeschwirrt.

Um 15.48 Uhr hatte Simmons heraus, um welche Maschine es sich handelte und wo sie hingeflogen war. Sie wasserte bei Mobile. Aber weder der Flugleiter noch der zufällig anwesende Zollbeamte hatte außer dem Piloten der viersitzigen Maschine weitere Fluggäste bemerkt. Und damit war für Simmons vorerst die Sache gelaufen.

Es war kurz vor fünf, als Archibald eingetroffen war. Noch im Wagen breiteten sie eine Landkarte aus und trugen die Flugstrecke ein, wie sie vom Flugsicherungsamt vorgeschrieben war. Dann ahnten sie alles. Die Fluglinie führte über die Apalachee-Inseln, sumpfige Eilande vor der Apalachee-Mündung, von denen die St. Georges Insel die größte war.

„Wenn das wahr ist, was wir vermuten, können wir uns nur noch herzliches Beileid sagen“, meinte Simmons treffend.

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Ein Eingebung folgend, rief Archibald von Harricksfield aus in New York bei Lieutenant Koehler an. Er fragte nach der Hausdurchsuchung bei Anita Vandam.

Was er dann hörte, warf alle seine Pläne um. Koehlers Leute hatten in einem Nachttisch-Versteck ein kleines Notizbuch mit Adressen gefunden. Es waren nur vier Adressen drin. Und eine davon lautete: Milford Jackson, St. George Island.

Mit Simmons Hilfe brauchte Archibald eine halbe Stunde, dann wusste er etwas mehr über Milford Jackson.

Simmons zählte auf, während Archibald seine verfallene Flugkarte zu winzigen Schnitzelchen verarbeitete.

„Also erst war er einer von den Burschen in Chicago und spielte in der Prohibition mit“, berichtete Simmons. „Dann setzte er sich ab nach New York, wo er zunächst kleine Brötchen buk. Bald bekam er Morgenluft, mischte feste im Opium herum, und geriet prompt nach Sing Sing. Das schaffte er aber in drei Jahren; er verschwand von der Bildfläche und machte auf seriös. Er baute Sportwagen. Spezialausführungen. Die große Pleite kam, nachdem er alles an einen armen Irren verkauft hatte. Jackson selbst hatte seine Kohlen ins Trockene gerettet und ließ Rennpferde laufen. Mehr ist eigentlich nicht zu sagen, denn das tut er noch heute. Er soll auf St. George eine feudale Villa haben, mit allen Schikanen. Nachzuweisen war ihm bislang nichts, aber fest steht, dass er mit den Gäulen nicht die Hälfte von dem verdienen könnte, was er ausgibt.“

„Also, auf zu Onkel Milford Jackson“, meinte Archibald und zündete sich eine Camel an. Da kam ihm eine Idee. „Was meinen Sie, Simmons, sollten wir das Baby vom Fernsehen nicht mitnehmen?“

„Und wozu soll das gut sein?“, fragte der kleine Simmons verblüfft.

„Ich weiß nicht, aber ich denke mir, das würde die ganze Geschichte etwas auflockern.“

Simmons begann zu begreifen. Seine Phantasie war beachtlich. „Hmm, vielleicht kann man sich dafür wirklich was kaufen. Rufen Sie doch diesen Bullen in New York an, vielleicht schafft er sie her.“

„Besser, ich überlasse das Coppy. Der hat die besseren Beziehungen zur City Police.“

Coppy tobte, als er Archibalds Vorschlag hörte. „Wie viel Grad sind da unten?“, schrie er. „Es muss doch eine verdammte Hitze sein, wenn euch schon der Grips aufweicht. Menschenskind, was soll denn diese Bildschirmdiva bei euch? Haben Sie noch nicht die Nase voll von der? Meine Güte, ich brauche diese Gloria Shelon, und das wird mir für eine Generation genügen.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738917994
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Februar)
Schlagworte
archibald duggan köder blond kriminalroman

Autor

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Titel: Archibald Duggan und der Köder in Blond: Kriminalroman