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Western Sammelband 4 Romane: Immer die Hand am Colt und andere Western

von Glenn Stirling (Autor:in) Carson Thau (Autor:in) Joachim Honnef (Autor:in) Bill Garrett (Autor:in)
2018 500 Seiten

Leseprobe

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Western Sammelband 4 Romane: Immer die Hand am Colt und andere Western

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Dieses Buch enthält folgende Western:

Joachim Honnef: Immer die Hand am Colt

Carson Thau:In Cerritos wartet der Tod

Glenn Stirling: Sonora Kids blutige Spur

Bill Garrett: Duell am Apachen-Pass

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DER STOREKEEPER FRED Guggenheimer aus Tucson hat ein großes Geschäft angekurbelt. Mit einigen Männern will er Frachtwagen mit dringend benötigten Waren in eine Siedlung nach New Mexiko bringen und dort verkaufen. Aber dazu kommt es nicht, denn nur wenige Meilen außerhalb von Tucson wird der Transport überfallen. Der gewissenlose Bill Sticker und seine Kumpane schießen Guggenheimer nieder und vertreiben die anderen Männer. Der verletzte Storekeeper kann noch mit letzter Kraft Tucson erreichen.

Als sich die Nachricht vom Überfall in der Stadt verbreitet, herrscht Entsetzen. Und Wut! Denn Matt Jackson, der Vormann der Circle C-Ranch, hat seine Ersparnisse in diese Fracht investiert. Als er seinen verletzten Geschäftspartner beim Doc besucht, verspricht er ihm, die Halunken zu verfolgen. Sein Boss Buster Tom Copper und dessen jüngster Sohn Jimmy schließen sich ihm an. Die Jagd nach den Dieben führt schließlich zum Apache Pass. Und als die Coppers erkennen, wer in diesem schmutzigen Spiel noch mitmischt, gibt es für sie nur noch eins: Vergeltung!

COVER: ED MARTIN

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Immer die Hand am Colt

JOACHIM HONNEF

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Western

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von F.T.Johnson mit Steve Mayer, 2017

Ursprünglicher Titel: Den Finger am Abzug

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

John Bennett war ein großer, sympathischer Mann, ein Kämpfer mit dem Colt zwar, aber stets freundlich und gutgelaunt.

Er hatte nur einen Fehler: Er war zu hilfsbereit. Und er mischte sich gern in die Angelegenheiten von Schurken und Verbrechern ein.

Beides traf zu, als er sich für Pete Springfield einsetzte, der von drei brutalen Gesellen zusammengeschlagen wurde. John löste das Problem mit dem Colt. Und handelte sich eine Menge Ärger ein. Denn die drei waren die Söhne eines skrupellosen Großranchers, und einer von ihnen überlebte das Duell nicht. Von da an musste John den Finger am Abzug behalten, oder sein Leben war keinen Pfifferling mehr wert...

„Junge, du hast genug getrunken. Geh jetzt nach Hause und schlaf deinen Rausch aus.“

Die Stimme des Barkeepers klang väterlich besorgt.

Der Junge halte wirklich genug. Schwankend hielt er sich am Tresen fest.

„Whisky“, wiederholte er mit schwerer Zunge. „Los, gib mir noch einen Whisky. Ich will mich besaufen.“

Das gutmütige Gesicht des Keepers wurde ernst. „Du bist doch schon blau, Pete.“ Er stemmte die Arme auf den Tresen und fixierte den Jungen. „Hast du Kummer, oder was ist los? Du läßt dich doch sonst nicht so gehen.“

John Bennet spülte den letzten Bissen des Steaks mit einem Schluck Bier hinunter, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schaute sich den Jungen genau an.

Pete war groß und schlank. John schätzte ihn auf siebzehn, achtzehn. Ein gutaussehender Bursche mit blondem Haarschopf und sympathischem Gesicht. Seine blauen Augen glänzten, und seine Wangen waren von der Wirkung des Alkohols gerötet.

„Whisky“, verlangte Pete von neuem mit dem Trotz des Betrunkenen. „Noch ’nen Doppelten. Einen ganz kleinen Doppelten. Und einen für meine Freunde.“ Er machte eine weit ausholende Bewegung, die alle Gäste in dem Saloon einschließen sollte. Fast hätte er dabei das Gleichgewicht verloren. „Lokalrunde“, rief er laut. „Keiner soll sagen, ich lasse mich lumpen.“

Die mollige Serviererin trat an Johns Tisch und räumte das Geschirr ab.

„Hat’s geschmeckt?“, fragte sie mit einem breiten Lächeln.

John lächelte zurück und nickte. Die Serviererin schritt mit wiegenden Hüften davon.

John wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Jungen am Tresen zu.

„He, Pete!“, rief gerade einer der Gäste. „Seit wann hast du Spendierhosen an? Hast du beim Pokern gewonnen?“

Einige der Männer an den Tischen lachten. Aller Augen hingen jetzt an dem Jungen. Er war zum Mittelpunkt geworden, und das schien ihm zu gefallen. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen den Tresen und blickte in die Runde. Sein Gesicht zeigte ein seltsam entrücktes Lächeln.

„Ich habe nicht beim Pokern gewonnen“, erklärte er feierlich, wobei er ein bisschen mit der Zunge anstieß. Er straffte sich und gab sich alle Mühe, nüchtern zu wirken. „Ich habe viel, viel mehr gewonnen.“ Triumph blitzte in seinen Augen. Er schaute in die Runde, als erwarte er Applaus. Als der ausblieb, fuhr Pete mit lauter Stimme fort, und es klang wie ein Jubelschrei: „Ich habe ein Herz gewonnen. Heute ist der schönste Tag in meinem Leben. Sie hat mir gesagt, dass sie mich liebt. Und ich habe ihr gesagt, dass ich sie liebe. Und dann habe ich sie geküsst, und sie hat mich geküsst. So ist die Liebe. Das Größte, Freunde. Das Größte!“ Er lachte und bekam einen Schluckauf.

Schwankend wandte er sich wieder an Smitty, den Keeper. „Lokalrunde, Smitty. Hiermit bestelle ich zum letzten Mal für mich und meine Freunde. Trinken wir auf die Liebe. Trinken wir auf Mary Ann.“

John lächelte. Es war klar, dass der Junge kein Trinker war. Pete hatte im Überschwang seiner Gefühle ein paar Whisky zuviel getrunken. Er schien sein Glück nicht fassen zu können. Diese Mary Ann musste ein prächtiges Mädchen sein.

John wunderte sich, dass der Keeper den Jungen fassungslos anstarrte.

„Mary Ann?“, fragte Smitty, als glaubte er seinen Ohren nicht zu trauen. „Pete! Mary Ann Madison? Das kann nicht dein Ernst sein.“

Pete strahlte. Er nickte mehrmals, reckte die Arme hoch wie ein Preisboxer nach seinem Sieg und wandte sich wieder leicht schwankend an die Gäste im Saloon.

„Mary Ann Madison“, verkündete er voller Stolz und Freude. „Lasst uns einen darauf nehmen, Freunde. Brüder!“ Sein Blick glitt zu John. „He, auch du bist eingeladen, Fremder. Heute ist ein Freudentag. Schenk schon ein, Smitty!“

Plötzlich war es totenstill im Saloon.

Mary Ann Madison. John hatte das Gefühl, dass dieser Name die Atmosphäre im Saloon schlagartig verändert hatte.

Smitty griff zögernd zur Flasche. Er hielt mitten in der Bewegung inne, als die Schwingtür aufflog und drei Männer in den Saloon stürmten.

John sah auf einen Blick, dass sie von der harten Sorte waren.

Raue Burschen mit tiefgeschnallten Halftern.

Johns Rechte tastete unter den Stetson, der vor ihm auf dem Tisch lag.

„Was ist denn...“, begann Pete. Dann sah er die ängstliche Miene des Keepers und verstummte. Sein Kopf flog herum, und er zuckte zusammen.

John sah an dem entsetzten Blick des Jungen, dass er die drei Männer kannte. Sie waren seinetwegen gekommen. Und bestimmt nicht, um mit ihm Whisky zu trinken.

„Haben wir dich also gefunden, du Ratte!“, sagte der mittlere der drei Männer. Ein Hüne, breitschultrig, muskulös. Er trug die Kleidung eines Weidereiters. Pechschwarzes Haar quoll unter dem staubigen Hut hervor und fiel ihm bis auf die Schultern. Auch die beiden anderen waren schwarzhaarig und besaßen die gleiche bullige Statur.

Die Blicke ihrer dunklen Augen verhießen nichts Gutes.

„Die Madison-Brüder“, murmelte einer der Männer am Tisch neben der Tür. „Ich wollte sowieso gerade gehen.“ Er stand hastig auf und wandte sich zur Tür.

Die drei Männer ließen ihn vorbei. Als er gerade die Schwingtür aufstoßen wollte, bekam er einen Tritt, dass er Hals über Kopf aus dem Saloon segelte und sich im Staub der Main Street wiederfand.

„Reisende soll man nicht aufhalten“, sagte der Mann, der zugetreten hatte. Die drei lachten rau.

„Und jetzt zu dir, du Hurensohn.“ Er ging langsam auf Pete zu, der sich an den Tresen klammerte und aus weit aufgerissenen Augen die drei Männer anstarrte.

Der Junge wirkte plötzlich stocknüchtern. John sah, dass er Angst hatte, große Angst. Doch Pete versuchte, sich tapfer aus der Affäre zu ziehen. Trotzig schob er die Unterlippe vor, seine Haltung straffte sich, und er stemmte die Hände in die Hüften. Er rang sich sogar ein Lächeln ab, das allerdings sehr gequält wirkte.

„Hallo, Floyd“, sagte der mit unsicherer Stimme.

„Ted, Ringo!“ Er nickte den beiden anderen zur.

Floyd baute sich breitbeinig vor dem Jungen auf. Ted und Ringo blieben drei Schritte hinter ihm stehen.

„Für dich bin ich Mister Madison“, sagte Floyd. Es klang ruhig, fast gelangweilt.

Und dann schlug Floyd zu. Fast ansatzlos schoss seine Rechte auf Pete zu. Der Junge hatte keine Chance zu einer Abwehrbewegung. Die Faust erwischte ihn in der Magengrube.

Pete krümmte sich zusammen, presste beide Hände auf den Bauch. Sein Gesicht verzerrte sich vor Schmerz, Tränen traten in seine Augen.

Floyd gab dem Jungen zwei Ohrfeigen. Petes Kopf ruckte von links nach rechts. Seine Wangen färbten sich rot. Er taumelte, doch er schaffte es, auf den Beinen zu bleiben.

„Ein kleiner Gruß von Mary Ann“, sagte Floyd und rieb sich über die schwieligen Hände.

„Mister Madison, lassen Sie ihn doch.“ Smittys Stimme klang beschwörend. „Er ist doch betrunken und...“

Floyds kalter Blick ließ ihn verstummen.

„Du hältst das Maul“, fuhr er den Keeper an. „Betrunken oder nicht, dieser Hurensohn hat es gewagt, sich an unsere Schwester ranzumachen. Hat versucht, sie zu vergewaltigen. Das wird er büßen. Und wenn wir mit ihm fertig sind, wird er nicht mehr wissen, wie er heißt.“

„Aber ihr könnt doch nicht...“, begann Smitty von neuem.

Floyd war mit einem Satz bei ihm, packte ihn am Kragen und zog ihn über den Tresen. Der Hüne besaß Bärenkräfte.

„Du glaubst gar nicht, was wir alles können“, zischte er. Er gab Smitty einen Stoß, dass der Keeper gegen das Flaschenregal flog. Glas klirrte. Flaschen zerschellten. Der scharfe Geruch von Alkohol breitete sich aus. Smitty war von einem Splitter verletzt worden. Blut tropfte von seiner Stirn, rann über die Nase.

Er rappelte sich auf und packte die Schrotflinte, die unter dem Tresen lag.

Ein Schuss peitschte. Smitty ließ die Waffe los, als hätte er sich die Finger daran verbrannt.

Es war Ringo, der geschossen hatte.

John Bennet musste zugeben, dass der Mann verdammt schnell mit dem Eisen war. Er hatte so schnell gezogen, dass kaum einer im Saloon die Bewegung mitbekommen hatte.

Pete wirkte jetzt völlig nüchtern. Es war jedem im Saloon klar, dass der Junge nicht den Hauch einer Chance gegen die drei Männer hatte. Auch ihm selbst schien das klar zu sein. Doch er zeigte, dass er Schneid besaß.

„Okay, Floyd“, sagte er mit fester Stimme. „Ihr wollt mich fertigmachen und nicht Smitty. Also lasst ihn in Ruhe. Schlagt mich zusammen oder macht, was ihr wollt. Aber eines sollt ihr noch wissen: Ich liebe Mary Ann. Und sie liebt mich. Das hat sie mir gesagt. Nichts und niemand wird unsere Liebe zerstören können. Mary Ann ist für mich das netteste Mädchen der Welt. Schade, dass ihre Brüder und ihr Alter so dreckige...“

Ein brutaler Hieb ließ ihn verstummen. Seine Oberlippe platzte auf. Floyd packte den Jungen am Hemd, riss ihn zu sich heran und hämmerte mit der Linken auf ihn ein. Der Junge kam nicht dazu, sich zu wehren.

Floyd gab ihm einen Stoß. Pete verlor die Balance und schlug zu Boden. Floyd trat mit der Stiefelspitze zu. Der Junge krümmte sich stöhnend.

John Bennet sah, wie der Junge die Zähne zusammenbiss und die Fäuste in ohnmächtiger Wut ballte. John bewunderte die Energie und die Tapferkeit des Jungen. In einer solch ausweglosen Situation zeigte sich, wer ein Waschlappen und wer ein Mann war.

Pete war ein Mann.

Er richtete sich wieder auf und wartete auf die nächsten Schläge. Er hob nicht einmal die Arme zu einer Abwehrbewegung.

Keiner der Männer im Saloon rührte eine Hand, um dem Jungen zu helfen. Pete hatte es gewagt, dem mächtigen Madison die Stirn zu bieten. Trotz aller Warnungen hatte er sich an die behütete Tochter des Großranchers herangemacht. Und offensichtlich mit Erfolg. Der alte Madison hatte ehrgeizige Pläne mit seiner Tochter. Sie sollte Jonathan Kenwood heiraten. Kenwood war der Sohn des zweitgrößten Ranchers im Tal. Sein Land grenzte an die Weiden der Madison-Ranch. Und Madison träumte davon, ein Riesenimperium aufzubauen.

Pete Springfield, ein Habenichts aus der Stadt, hatte es gewagt, die Pläne des Weidekönigs zu durchkreuzen.

Das war tödlich.

Sie hatten alle Mitleid mit dem Jungen. Aber die Angst vor dem Terror der Madisons ließ sie schweigend zusehen, wie einer von ihnen zusammengeschlagen wurde.

Ringo und Ted wollten sich auch noch an dem üblen Schauspiel beteiligen.

John stoppte sie.

„Genug jetzt!“, sagte er ruhig.

Die Köpfe der Madison-Brüder ruckten herum. Sie ließen von Pete ab. Der Junge lag halb bewusstlos auf dem mit Sägemehl bestreuten Bretterboden.

Floyd, Ringo und Ted Madison blickten zu dem Fremden, der an dem Tisch am Fenster saß. John saß scheinbar entspannt da. Seine Rechte ruhte auf dem Tisch, halb verborgen unter dem Stetson, der neben dem Bierglas lag.

Ringos Blick glitt zu dem Colt, der in der Halfter des Fremden steckte.

„Was will der denn?“, murmelte er. Seine Rechte legte sich auf den Kolben seines Revolvers.

Floyd war offensichtlich der Wortführer der Madison-Brüder.

„Sagtest du etwas, Fremder?“, fragte er mit einem kalten Grinsen.

„Ich wiederhole mich nicht gern“, erwiderte John gelassen.

Floyd blieb die Spucke weg. Ungläubig starrte er den Fremden an, der jetzt mit der Linken sein Bierglas nahm und seelenruhig trank.

„He, Freund, weißt du überhaupt, mit wem du sprichst?“, fragte er dröhnend.

„Mit drei Stinktieren.“

„Stille.“

John sah aus dem Augenwinkel, wie einer der Männer am Nebentisch die Hand auf den Mund presste. Und er sah, wie Ringo sich bewegte. Er wusste, dass Ringo als erster ziehen würde.

Es knisterte förmlich vor Spannung.

Die Bürger der Stadt hielten den Atem an. Der Fremde hatte es gewagt, die Madisons zu beleidigen. Der Sargmacher würde Arbeit bekommen.

Eigentlich schade um den sympathischen Fremden, dachten einige. Und das schlechte Gewissen regte sich. Er ergreift für Pete Partei, und wir alle haben die Hosen voll. Aber, zum Teufel, der kennt die Madisons nicht. Der weiß nicht, was passiert, wenn man gegen die aufmuckt...

Floyd fand die Sprache wieder.

„Wer einen Madison beleidigt, wird nicht alt, Fremder. Du hast dich soeben um deinen Kopf geredet.“

John lächelte.

Seine Rechte lag immer noch auf dem Tisch, und seine Haltung wirkte entspannt.

Ringo Madison verlor die Beherrschung. Das Lächeln des Fremden war einfach zuviel.

Ringo Madison zog.

Er war schnell, unglaublich schnell.

Doch John hatte den Finger schon am Abzug.

Einen Sekundenbruchteil bevor Ringos Revolver krachte, knallte Johns Derringer.

Johns Stetson auf dem Tisch wies plötzlich ein Loch auf.

Ringo zuckte zusammen. Seine Hand ruckte hoch, und das Blei, das John treffen sollte, bohrte sich in die IIolzdecke.

John saß auch längst nicht mehr am Tisch. Als Floyd und Ted Madison ihre Revolver in den Fäusten hielten, lag John am Boden und hatte seinen Remington gezogen.

Zweimal donnerte der Revolver.

Zwei Männer brachen getroffen zusammen.

John sprang auf, den Remington schussbereit. Pulverrauch waberte über den Boden, zerfaserte.

„Noch jemand ohne Fahrkarte?“, sagte John. Die Madison-Brüder hatten jegliche Lust auf einen Kampf verloren. Ringo presste die Linke auf seine verletzte rechte Schulter. Floyd rappelte sich gerade auf. Auch er war an der Schulter getroffen worden.

Nur Ted blieb liegen.

Blut strömte aus seiner Brust und färbte das Sägemehl.

„Mein Gott!“, stöhnte Floyd.

Er beugte sich zu seinem Bruder hinab. Und dann brach es wie ein Schluchzen aus seiner Kehle. „Ted! Teddy! Mein Gott, er ist tot! Dieser Hundesohn hat ihn umgelegt!“

John verspürte einen bitteren Geschmack im Mund. Der Kampf war ihm aufgezwungen worden. Er hasste es, auf Menschen zu schießen, aber er hatte nicht länger mit ansehen können, wie diese drei Kerle einen Jungen zum Krüppel schlugen. Er hatte eingreifen müssen. Und er hatte schießen müssen, bevor man ihn selbst in Stücke schoss. In einer solchen Situation blieb keine Zeit für langes Zielen.

Floyd und Ringo hatten Glück gehabt, dass John ein so guter Schütze war. Auch bei Ted hatte er auf die Schulter gezielt, aber der jüngste der Madison-Brüder hatte sich beim Ziehen so unglücklich zur Seite gedreht, dass ihn das Blei anstatt in die Schulter ins Herz getroffen hatte.

John sah Smittys kreidebleiches Gesicht hinter dem Tresen auftauchen. Der Keeper hatte sich beim ersten Schuss geistesgegenwärtig zu Boden geworfen.

Pete Springfield starrte voller Entsetzen auf Ted Madison, der in einer Blutlache lag.

„Ihr habt es nicht anders gewollt“, sagte John, und seine Stimme klang belegt. Die Hand mit dem Revolver ruckte herum, als ein Mann in den Saloon stürmte. Dann entspannte sich John. Er steckte den Revolver in die Halfter zurück, nahm seinen Stets vom Tisch und betrachtete das Kugelloch.

Der Mann war klein und untersetzt. Er trug hautenge Jeans und eine Lammfelljacke. Auf der Jacke glänzte ein Sheriffstern. Der rote Haarschopf leuchtete im Schein der Saloonlampen. Der Sheriff hielt eine Greener im Anschlag.

Mit einem Blick erfasste er die Situation und ließ die Waffe sinken.

„Was war hier los?“, fragte er und schaute von dem Toten zu John.

John schilderte in knappen, sachlichen Worten, was geschehen war. Der Sheriff strich sich über seinen roten, buschigen Schnurrbart und paffte an der Pfeife, die er die ganze Zeit über nicht aus dem Mund nahm.

„Er hat Ted ermordet!“, schrie Floyd. „Dafür wird er hängen!“

„Nur die Ruhe!“, sagte der Sheriff. „Wie hat sich das abgespielt? He, Kelly, du hast alles gesehen? War’s so, wie dieser Mister gesagt hat?“ Er warf einen Blick in Johns Richtung.

Die Pfeife in seinem Mundwinkel wippte beim Sprechen auf und ab. Zwischendurch stieß er Rauch aus. Die Greener war nicht auf John gerichtet, sondern der Lauf wies auf Floyd. Aber das konnte Zufall sein.

„Es war so, wie der Fremde gesagt hat!“, rief der Mann namens Kelly. „Hölle, so was hab’ ich noch nie erlebt. Die Madisons ziehen alle drei gleichzeitig. Ich geb schon keinen Cent mehr für das Leben des Strangers, da ballert der durch den Hut und erwischt Ringo, der als erster sein Eisen in der Hand hatte. Und ehe ich mich versehe, hat der Mann schon Floyd und Ted anvisiert. Mann, das war ein Ding, Masters.“

„Weitere Zeugen?“, fragte der Sheriff sachlich.

Smitty und zwei weitere Männer meldeten sich. John registrierte, dass Pete Springfield kein Wort sagte, ihn nur stumm anstarrte. Vielleicht war es der Schock, vielleicht wollte er auch nicht gegen Mary Anns Brüder aussagen.

„Dafür fährst du zur Hölle!“, keuchte Floyd. Er presste seine Linke auf den verletzten rechten Arm. Sein Gesicht war eine Maske des Hasses. „Ich leg dich um, das schwöre ich!“

„Nur die Ruhe, Floyd!“, mahnte Sheriff Masters. „Hier wird keiner mehr umgelegt. Schon gar nicht, wenn ich dabei bin.“ Er paffte wieder an seiner Pfeife. „Smitty! Du sorgst dafür, dass Ted Madison unter die Erde kommt. Floyd, Ringo, ihr lasst euch vom Doc behandeln. Und du Pete, und der Fremde, ihr kommt mit ins Jail. Ihr seid festgenommen, bis der Fall restlos geklärt ist.“

*

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NA LOS, SCHLAG MICH doch!“, zornig blitzten die Augen des jungen Mädchens. Ihre vollen roten Lippen waren trotzig aufgeworfen. Das schwarze Haar umfloss ihr Gesicht und fiel auf die schmalen Schultern. Sie trug ein langes, schlichtes Leinenkleid, das ihre schlanke Figur betonte.

Der Mann ließ die Hand sinken und wandte sich ab. Es war ein großer, wuchtiger Mann. Mark Madison. Das ehemals schwarze Haar wies graue Strähnen auf. Sein Vollbart war silbergrau. Unruhig wie ein Löwe im Käfig, schritt er auf und ab. Schließlich blieb er vor dem Mädchen stehen und starrte es finster an.

„Mary Ann. Ich habe dir verboten, dich mit irgendeinem von diesem Lumpenpack einzulassen. Du weißt, dass Jonathan Kenwood um deine Hand angehalten hat. Ich habe ihm mein Wort gegeben. Und du hurst mit diesem verdammten Gassenlümmel herum...“ Seine Stimme zitterte vor Wut.

„Pete ist kein Gassenlümmel“, sagte Mary Ann. „Ich liebe ihn.“

Der wuchtige Mann holte aus. Mary Anns Kopf ruckte zur Seite, als die Hand auf ihre Wange klatschte.

Ihr Busen hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen.

„Das ist alles, was du kannst, Vater“, brach es aus ihr hervor. „Schlagen. Mit Gewalt deinen Willen durchsetzen. Alle müssen sich dir beugen.“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Aber nicht alles kannst du erzwingen. Ich werde diesen Schleimer Kenwood nicht heiraten. Ich kann den Kerl nicht ausstehen. Ich liebe Pete Springfield, und er liebt mich. Wir werden heiraten. Dagegen kannst du gar nichts tun.“

Sein Gesicht war rot angelaufen. Die Ader an seiner Stirn war dick hervorgetreten.

„Wie sprichst du mit deinem Vater, verdammt noch mal! Du tust, was ich sage. Du bist erst achtzehn. Ich bin für dich verantwortlich. Du heiratest Kenwood und damit basta. Das ist ein ordentlicher Mann.“

„O ja, Vater, ein sehr ordentlicher. Wenn ich nur an seinen schmierigen Blick denke, mit dem er mich immer förmlich auszieht, dann wird mir übel. Und dass er beim Sprechen spuckt, weißt du auch nur zu gut. Aber du willst mich mit ihm verkuppeln, weil du an die Kenwood Ranch denkst. Du willst durch diese Heirat noch reicher werden, noch mehr Macht besitzen. Der alte Kenwood lebt nicht mehr lange, das weißt du. Und über mich und den weichlichen Jonathan willst du an die Ranch und das Land herankommen. Du solltest dich schämen, Vater. Wenn Mutter noch lebte, dann würde sie vor dir ausspucken...“

Ein Schatten flog über das Gesicht des Ranchers.

„Lass Mutter aus dem Spiel, verdammt! Ich tue alles nur für euch. Für Teddy, Ringo und Floyd. Und für dich. Ihr sollt es einmal gut haben im Leben wenn ich nicht mehr bin. Andere Kinder wären stolz auf ihren Vater.“

Mary Ann wischte eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.

„Ja, ich war lange stolz auf dich. Sehr stolz. Du bist der mächtigste Mann im Umkreis von hundert Meilen. Du hast dir viel aufgebaut. Ein Königreich. Als kleines Kind habe ich dich bewundert. Aber jetzt bin ich kein kleines Kind mehr. Ich durchschaue dich und dein Gehabe. Ich weiß, wie du zum Herrscher von Alice geworden bist. Durch Terror und Gewalt. Alle kleinen Rancher hast du systematisch fertiggemacht, bis ihnen nichts anderes übrigblieb, als an dich zu verkaufen. Mit. deinem Geld und deinen Schießern schaffst du alles. Aber mich nicht. Ich habe mich verliebt. In Pete Springfield. Und ich werde ihn heiraten.“

„Das werden wir ja sehen!“ Madison lachte. „Liebe kommt, und Liebe geht, mein Mädchen. In ein paar Tagen wirst du ganz anders über die Sache denken. Dann wird dir dein Erbe und eine sorgenfreie Zukunft wichtiger sein als dieser Herumtreiber.“

Damit wandte er sich ab und stapfte zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um.

„Denk darüber nach!“, sagte er, bevor er das Zimmer verließ.

Mary Ann hörte, wie er von außen abschloss. Sie lief zur Tür und hämmerte mit den Fäusten dagegen.

Ihre dunklen Augen schimmerten feucht.

Sie fühlte sich wie eine Gefangene.

*

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SHERIFF MASTERS SCHLOSS die Zellentür.

„Schlaf deinen Rausch aus, Junge!“, sagte er zu Pete. Zu John gewandt, sagte er: „Wir unterhalten uns im Office.“

John ging voran. Als die Tür des Büros hinter dem Sheriff zuklappte, drehte sich John lächelnd um.

„Pfeifen-Henry. Du hast dich überhaupt nicht verändert, alter Knabe.“

Henry Masters grinste über sein Vollmondgesicht.

„Du auch nicht, John. Kaum tauchst du auf, gibt es Ärger.“

John zuckte mit den Schultern. „Ich konnte doch nicht zulassen, dass drei Männer einen wehrlosen Jungen zum Krüppel schlagen. Das feige Volk im Saloon hätte keinen Finger gerührt.“

Sheriff Masters setzte sich hinter seinen Schreibtisch.

„Jaja“, sagte er, und die Pfeife in seinem Mund wippte. „Das kannst du den Leuten nicht verdenken. Die haben alle Schiss vor den Madisons. Die Madisons sind die Größten. Wer ihnen in die Quere kommt, wird seines Lebens nicht mehr froh.“

Das Gesicht des Sheriffs zeigte Bitterkeit und eine Spur von Resignation.

„Und du?“, fragte John. „Was unternimmst du dagegen?“

Sheriff Masters holte eine Whiskyflasche und ein Glas aus der untersten Schublade hervor.

„Ich werde alt, John. Ich mag nicht mehr kämpfen. In einem knappen halben Jahr läuft meine Amtszeit ab. Ich werde mich nicht mehr zur Wahl stellen. Es hätte auch keinen Sinn. Madison hat mir zu verstehen gegeben, dass er das Sheriffsamt mit einem Mann seiner Wahl besetzen wird. Sein Einfluss ist so groß, dass er das spielend schaffen wird.“

Masters schenkte Whisky ein und schob John das gelbgefüllte Glas hin.

„Trinken wir auf die alten Zeiten, John.“

John beobachtete amüsiert, wie Masters die Pfeife aus dem Mund nahm, einen Schluck aus der Flasche trank und die Pfeife sofort wieder zwischen die Zähne klemmte. Ohne seine geliebte Pfeife war Henry Masters nur ein halber Mensch. John hatte den alten Haudegen noch nie ohne seine stets qualmende Pfeife gesehen. Masters ohne Pfeife war wie ein Straßenköter ohne Flöhe.

Die beiden Männer prosteten sich zu.

„Hast du mich wegen der Madisons kommen lassen?“ fragte John schließlich. „Dein Brief klang verdammt ernst, obwohl er nur eine Andeutung enthielt. Ich habe mich sofort auf den Weg gemacht.“

Masters nickte.

„Das habe ich von dir auch nicht anders erwartet. Ich wusste, dass ich auf einen alten Freund zählen kann.“

John zog blitzschnell seinen Revolver, richtete ihn auf den Sheriff und sagte: „Freund ja, aber das alt nimmst du sofort zurück.“

Masters lachte.

„Okay, John. Junger Freund. Du hast recht. Ich könnte dein Großvater sein.“ Sein Gesicht wurde ernst. Er schaute bewundernd zu, wie John den Revolver um den Finger wirbelte und wieder in das Halfter verschwinden ließ.

„Du bist noch besser mit dem Eisen geworden“, sagte Masters. „Das beruhigt mich etwas. Das erhöht unsere Chancen.“

„Gegen die Madisons?“, fragte John.

Masters schüttelte den Kopf.

„Darum geht es nicht. Ich habe mit dem alten Madison eine Art Waffenstillstand geschlossen. Er respektiert mich in den letzten Tagen meiner Amtszeit. Ich bin zu schwach, um ihm auf die Zehen zu treten, und er läßt mich in Ruhe, weil er sonst einen Teil der Leute in der Stadt vor den Kopf stoßen würde. Ich habe eine Menge Freunde in der Stadt. Wenn Madison oder seine Schießer mich aus dem Weg schaffen würden, gäbe es Unruhe unter der Bevölkerung. Und das will der alte Fuchs vermeiden. Ich bin so 'ne Art Denkmal für die Leute hier. Deshalb läßt Madison mich noch die paar Monate gewähren.“

„Aber du hast von einer lebenswichtigen Sache geschrieben“, warf John ein. „Nun spann mich nicht länger auf die Folter.“

„Thomas Harper“, sagte Masters. Seine Stimme klang gepresst, und John erschrak fast vor dem Ausdruck in den Augen des alten Sheriffs. Flammender Hass lag in diesem Blick.

„Big Harper?“, fragte John, und er verspürte ein Kribbeln im Magen.

Henry Masters nickte. Eine Weile herrschte Schweigen. Die Gedanken der beiden Männer drehten sich um diesen Namen.

Der Name eines Mannes, der sich unauslöschlich in Johns Gehirn eingeprägt hatte.

Die Erinnerung an die entsetzlichste Stunde seines Lebens nahm ihn gefangen. Unbewusst ballte er die Hände zu Fäusten und presste die Zähne aufeinander.

Noch einmal rollten die schrecklichen Ereignisse vor seinen Augen ab, als seien sie nicht vor fünf Jahren, sondern vor fünf Stunden passiert.

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HE, JOHN, NICHT SO schnell. Dein Mädchen läuft dir nicht weg!“

John zügelte lachend seinen Braunen und wartete, bis Henry mit dem Packpferd aufgeholt hatte.

Sie waren in Rock Springs gewesen und hatten eingekauft. Viel eingekauft. Denn in zwei Tagen sollte auf der kleinen Farm im Green River Valley eine Hochzeit stattfinden, wie man sie im Umkreis von hundert Meilen noch nicht erlebt hatte.

Barbara Masters sollte die Frau von John Bennett werden.

Barbara Bennett.

John lächelte glücklich bei dem Gedanken an Babs. Seine Babs. Das schönste Mädchen von ganz Wyoming. Sie war fast zwei Köpfe kleiner als John, schlank und leichtfüßig wie ein junges Reh. Das schwarze Haar hatte sie zu Zöpfen geflochten, und wenn sie Jeans trug, konnte man sie für ein Mädchen von fünfzehn, sechzehn Jahren halten. Doch sie war zwanzig und alles andere als ein dummes, junges Ding. Ihre dunklen Augen blickten selbstbewusst und stets etwas herausfordernd, und ihre Lippen waren zum Lächeln geschaffen. Und zum Küssen.

Barbara war ein Mädchen, das Glück ausstrahlte.

Ein Glück, das John nie gekannt hatte.

Er war achtzehn gewesen, als ihn der Zufall ins Green River Valley geführt hatte. Ein junger Mann ohne Job und ohne Ziel.

Seine Mutter hatte er nie gekannt, sie war bei seiner Geburt gestorben. Geschwister hatte er keine. Er war stolz auf seinen Vater, einen gefürchteten Revolverkämpfer. Von ihm lernte er alles, was er in der Schule nicht gelernt hatte: Reiten, Schießen, Fährtenlesen und all die vielen Kenntnisse, die einen Mann im Westen zum Überleben helfen konnten.

Als er siebzehn war, starb sein Vater. Nicht an einer Revolverkugel, wie er immer vorausgesagt hatte, sondern an einer Lungenentzündung.

John war allein auf der Welt.

Er suchte sich einen Job auf einer Ranch, dann schloss er sich einem Treck an, doch er fand keine Ruhe. Es hielt ihn nie lange an einem Ort. Wie ein einsamer Wolf durchstreifte er das Land.

Bis er ins Green River Valley kam.

Henry Masters nahm ihn auf wie einen leiblichen Sohn. John mochte die Masters Familie. Henry, der ständig an seiner verschrammten Pfeife nuckelte. Dorothy, seine sanftmütige Frau, die für John immer ein freundliches Wort hatte. Fred, der sechzehnjährige Sohn, der Johns Freund wurde. Und Barbara, in die er sich verliebte.

Noch zwei Tage, dann wurde sie seine Frau.

Ein warmes Glücksgefühl durchströmte John bei diesem Gedanken. Doch wieder spürte er eine Mischung aus Ungeduld und Unruhe. Schon in der Stadt hatte er immer wieder zur Eile angetrieben. Den Whisky, zu dem ihn Henry Masters in den Saloon eingeladen hatte, bevor sie aufgebrochen waren, hatte er nicht einmal halb getrunken.

„Er kann es kaum erwarten“, hatte Henry augenzwinkernd dem Keeper erklärt. „Er ist in Gedanken schon in der Hochzeitsnacht.“

Und dann hatte Henry ihn als zukünftigen Schwiegersohn allen Gästen vorgestellt und eine Lokalrunde geschmissen.

Schließlich waren sie aufgebrochen.

Sie wollten vor Sonnenuntergang zu Hause sein.

Das Gefühl von Unruhe und Ungeduld hatte John auf dem ganzen Weg wie ein drohendes Unwetter verfolgt.

„He, John!“, rief Henry durch das Klappern der Hufe. „Was ist los? Du machst ein Gesicht, als hättest du auf einen Kaktus gebissen.“

John lachte.

„Pass auf, dass du nicht die Pfeife verschluckst!“ rief er zurück. „Du altes Dampfross!“

„Wie sprichst du mit deinem Schwiegervater?“ brüllte Henry. „Ich sollte mir ernsthaft überlegen, ob ich meine Babs nicht einem höflichen, netten Mann zur Frau gebe, anstatt dir verdammten...“

Er bekam einen Hustenanfall, und der Rest war für John unverständlich. John warf einen fast liebevollen Blick zu dem Haudegen. Er hatte Masters von Anfang an gemocht. Einen besseren Schwiegervater konnte er sich nicht wünschen.

Henry Masters spuckte gerade zielsicher am Ohr seines Hengstes vorbei. Ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen!

Sie ritten eine Steigung hinauf, durchquerten ein Waldstück und erreichten den kleinen Creek. Sie folgten dem Wasserlauf, der an der Farm vorbeiführte.

Und dann sah John die Rauchfahne.

Es war, als krallte sich eine eisige Faust um sein Herz.

„Das ist bei uns!“, schrie er. „Mein Gott, das Haus brennt!“

Er gab seinem Pferd die Sporen.

Babs! Wenn Babs etwas passiert war...

Er fand sie vor den schwelenden Trümmern des Hauses. Sie lag im Sterben. Sie trug ihr weißes Brautkleid. Vielleicht hatte sie es noch einmal anprobiert. Das Kleid war zerfetzt und blutbefleckt. Barbara war gequält und geschändet worden.

Ihre Augen blickten stumpf und nahmen John nicht mehr wahr.

Er hielt sie in den Armen, und alles in ihm schien abgestorben wie tot, leer.

Er hörte nicht, wie Henry Masters aufschrie, als er seine tote Frau fand. Er hielt Barbara im Arm, und sie kam ihm so zerbrechlich vor. Er konnte nicht fassen, was die bittere Wirklichkeit war, sein Verstand weigerte sich, das Entsetzen zu begreifen.

Er erwachte erst wie aus Trance, als Barbara die Lippen bewegte.

„Harper“, wisperte sie. „Harper Harper...“

Immer wieder. Es war, als hielte sie nur dieser Name noch am Leben.

Johns Stimme klang wie die eines Fremden.

„Wer hat das getan?“ Er schrie. „Wer?“

„Harper Harper...“ Ihre Stimme brach. Ein tiefer Seufzer kam aus ihrer Kehle. Dann regte sie sich nicht mehr.

Barbara, das Mädchen, das er geliebt hatte, war in seinen Armen gestorben...

Später fanden sie Fred. Der Junge war ebenso erschossen worden wie Wellman, der seit vier Jahren auf der Farm gearbeitet hatte: eine Kugel in die Stirn und eine ins Herz...

*

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ICH BIN SICHER, DASS er es ist!“

Die Stimme kam wie aus weiter Ferne. John brauchte einen Augenblick, um die schreckliche Erinnerung zu verdrängen. Wie oft hatte ihn der Anblick der sterbenden Barbara im Traum verfolgt. Er hatte versucht, zu vergessen. Es war ihm nie gelungen.

Sein Gesicht war wie eine Maske, als er Henry Masters anblickte.

„Wo hast du ihn gesehen?“

„Vor vier Wochen brachte ich einen Gefangenen nach Corpus Christi. Dort trat gerade eine Tanztruppe auf. Die Golden Girls. Einer der Begleiter oder Manager heißt Harper. Thomas Harper. Er sieht aus wie der Kerl, den man uns damals beschrieben hat.“

John schloss die Augen. Jäh flackerte wieder alter Hass in ihm auf, unbändiger Hass. Er hatte damals am Grab Barbaras geschworen, den Mörder zur Strecke zu bringen. Sie hatten eine Fährte verfolgt, die von der Farm nach Südwesten führte. Ein Nachbar beschrieb den Reiter als großen, schwarzhaarigen Mann mit einem dünnen Oberlippenbart. Sein Pferd wurde als braune Stute mit weißen Fesseln beschrieben. Wochenlang ritt John auf der Spur dieses Mannes. Bis er eines Tages aufgeben musste. Der Mann war wie vom Erdboden verschluckt. Und jetzt sollte Henry ihn gesehen haben...

Henry Masters nahm einen tiefen Schluck aus der Whiskyflasche. Dann klemmte er seine kalte Pfeife wieder zwischen die Zähne.

„Ich dachte zuerst, ich spinne. Du weißt ja, wir hatten immer ein bestimmtes Bild von dem Mörder vor Augen. Wenn du dann einem Mann begegnest, der genauso aussieht, wie du dir das zurechtgelegt hast, überläuft es dich heiß und kalt. Ich war wie elektrisiert, als ich erfuhr, dass er Harper heißt. Aber es kommt noch dicker, John. Ich blieb zwei Tage in Corpus Christi und hörte mich um. Man sprach nur das Beste über diesen Harper. Eine Geschichte ist besonders interessant. Als die Girls in Kingsville gastierten, wollte sich ein stadtbekannter Bandit an einer der Tänzerinnen vergreifen. Harper ging dazwischen. Es kam zu einem Feuergefecht. Harper traf den Banditen mit zwei Kugeln. Eine in die Stirn, eine ins Herz.“

John stieß den aufgestauten Atem aus. Er sprang von seinem Stuhl auf.

„Und was hast du unternommen?“

„Nichts.“

John starrte den Oldtimer an.

„Nichts? Du stehst dem Schwein gegenüber, der deine Frau, deine Tochter, deinen Sohn und Wellman auf dem Gewissen hat und legst ihn nicht um?“

Henry Masters stopfte seine Pfeife, steckte sie umständlich in Brand und paffte ein paar Züge.

Erst dann brach er das Schweigen, das wie eine unsichtbare Wand zwischen den beiden Männern entstanden war.

„Verdammt, was sollte ich denn tun?“ Masters schrie fast. „Mit dem Colt hätte ich nicht den Hauch einer Chance gegen diesen Harper. Und aus dem Hinterhalt auf ihn schießen das wäre Mord, John. Ja, ich hab’ mit dem Gedanken gespielt, verdammt noch mal. Du weißt, was wir damals geschworen haben. Immer wieder habe ich von Rache geträumt. Ich hatte schon den Finger am Abzug, als mir plötzlich klar wurde, dass es keinerlei Beweise gegen den Mann gab. Vielleicht war alles nur ein Zufall. Mein Gott, wie viele Harpers gibt es auf der Welt?“

„Harpers gibt es viele.“ Johns Stimme zitterte. „Aber es gibt nicht viele schwarzhaarige mit Oberlippenbart, die ihre Opfer mit einer Kugel in die Stirn und einer ins Herz töten.“

Henry Masters nickte.

„John, ich weiß, wie dir jetzt zumute ist. Du hast Babs geliebt. Eine Bestie hat euer junges Glück zerstört. Ich würde alles dafür geben, diese Bestie zur Hölle zu schicken. Vielleicht kann ich dann Ruhe finden und in Frieden sterben. Ja, ich würde sogar mein Leben dafür geben. Ich bin es meiner Frau, meinen Kindern und Wellman schuldig...“

John sah, wie die Augen des Oldtimers feucht schimmerten. Ein Gefühl der Scham überfiel ihn. Der alte Mann hatte mehr verloren als er.

Die Pfeife wippte in Masters Mundwinkel, und seine Stimme klang müde, als er fortfuhr: „Aber ich konnte es einfach nicht übers Herz bringen, einen vielleicht doch Unschuldigen zu töten und selbst zum Mörder zu werden. Wir müssen einen Beweis finden.“

John stemmte seine Hände auf die Schreibtischplatte.

„Aber wie, verdammt? Harper braucht nur alles zu leugnen, und kein Gericht der Welt wird unsere Anschuldigung glauben.“

Henry Masters nickte.

„Es ist fast unmöglich, Harper zu überführen. Aber vielleicht haben wir Glück. Wir müssen es versuchen. Deshalb habe ich dir geschrieben. Ich erfuhr in Corpus Christi, dass die Golden Girls in einigen Wochen auch hier in Alice gastieren würden. Sie müssten in ein, zwei Tagen hier eintreffen. Du bist früh genug gekommen, John. Du kannst dir Harper ansehen, mit ihm sprechen, dich vielleicht sogar der Schautruppe anschließen. Vielleicht erfährst du so etwas über seine Vergangenheit oder sonst was, das uns weiterhelfen könnte.“

John nickte.

„Das ist eine gute Idee.“

Dann forschte er in Masters Gesicht.

„Warum hast du davon nichts in deinem Brief erwähnt?“

„Der Posthalter ist ein neugieriges Huhn, John. Ich bin nicht ganz sicher, dass alle Post ungelesen an den Empfänger gelangt. Ich wollte vermeiden, dass irgendjemand in der Stadt was von der Sache erfährt. Das würde alles zunichtemachen. Harper könnte durch Zufall davon hören und er wäre gewarnt. Außerdem braucht niemand zu wissen, dass wir uns von früher kennen, John. Das könnte Schwierigkeiten geben, auch im Hinblick auf Madison.“

John nickte.

„Verdammt, dass das im Saloon passieren musste. Wenn Madison wirklich der große Mann hier ist, wird es Ärger geben, wenn er vom Tod seines Sohnes erfährt. Und Ärger kann ich gerade jetzt nicht brauchen, wenn Harper auftaucht.“

„Trinken wir noch einen“, sagte Henry Masters. „Noch ist Madison nicht hier.“

Er grinste John an, aber seine Stimme klang besorgt.

*

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MARK MADISON LIEBTE die Stunde vor dem Sonnenaufgang.

Die Luft war frisch, und die Natur erwachte zu neuem Leben.

Der Rancher stand auf der Veranda des Haupthauses und ließ seinen Blick über das weite Land schweifen.

Ein Hauch von Morgennebel waberte über der Westweide. Die Schatten der Nacht waren verblasst. Immer heller wurde der Lichtschimmer, vertrieb das Grau.

Das Windrad neben dem langgestreckten Bunkhouse knarrte leise. Irgendwo zwitscherte ein Vogel und kündigte den neuen Tag an.

Die Ranch lag in tiefem Frieden. In einer Stunde würde sie von dem üblichen Leben erfüllt sein, wenn die Mannschaft in den Quartieren geweckt wurde, wenn der Koch lauthals zum Frühstück rief und später schließlich die ersten Cowboytrupps zu den Weiden aufbrachen, um ihre Kameraden dort von der Nachtwache abzulösen.

Mark Madison drehte den Kopf und lauschte.

Hufschlag war in der Ferne aufgeklungen. Madisons Haltung straffte sich, und er atmete tief die klare Morgenluft ein.

Das mussten seine Söhne sein. Er hatte sie zur Stadt geschickt.

Der Gedanke an Ringo, Floyd und Ted erfüllte ihn mit Stolz. Das waren prächtige Kerle, die ganz auf den Vater kamen. Er hatte viel erreicht in seinem abenteuerlichen Leben. Er war zum Herrscher über das Land im Norden von Alice geworden, und bald würde er sein Imperium noch vergrößern. Bis zur Stadt.

Die Jungs werden mein Werk fortführen, dachte er, wenn ich zu alt bin, um auf einen Gaul zu klettern, und wenn ich mich nicht mehr um alles kümmern kann. Zum Teufel, auch Mary Ann wird noch zur Vernunft kommen.

Madisons Augen verengten sich, als er die beiden Reiter um den Korral biegen sah.

Verdammt, warum kamen sie nur zu zweit? Und warum saßen sie so steif und verkrümmt im Sattel?

Madison wurde von einer unheilvollen Ahnung erfasst.

Ringo und' Floyd ritten auf den Ranchhof. Beim Wassertrog zügelten sie ihre Pferde und saßen ab.

Erst jetzt sah Madison, dass beide Männer Verbände trugen.

„Wo ist Ted?“, rief er mit dröhnender Stimme. Er stürmte die Stufen der Veranda hinab und lief seinen Söhnen entgegen.

Floyd und Ringo tauschten einen Blick.

„Sag du’s ihm“, meinte Floyd mit belegter Stimme.

Madison starrte seine Söhne an. Er hatte begriffen, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

„Wo ist Ted?“ Seine Stimme erinnerte an Donnergrollen.

Ringo hob die Schultern. Sein Gesicht verzerrte sich, weil er seine Verletzung vergessen hatte. Er presste eine Hand auf den Verband.

„Tot“, sagte er.

Madison stand da wie versteinert. Ungläubig starrte er seine Söhne an.

„Erschossen“, brach es aus Floyd hervor. Und dann sprudelte er heraus, was geschehen war, mit weinerlicher, angstvoller Stimme, als wolle er sich rechtfertigen.

„Wir hatten keine Chance gegen diesen Fremden“, fügte er schließlich hinzu.

Auf Madisons Stirn war die Ader geschwollen. Sein Gesicht wies hektische Flecken auf. Seine breite Brust hob und senkte sich unter heftigen Atemstößen.

Einen Augenblick lang befürchteten Floyd und Ringo, der Vater würde die Nachricht nicht verkraften, würde vom Schlag getroffen umfallen. Sie wussten, dass Teddy sein Liebling gewesen war. Doch dann sahen sie, wie eine Veränderung mit Mark Madison geschah. Der schmerzliche Ausdruck seiner Mine wandelte sich in eine Maske des Hasses und der Wut.

„Drei Mann gegen einen, und ihr habt versagt?“ Seine Stimme überschlug sich. „Meine Söhne werden nicht mit einem dahergelaufenen Fremden fertig?“ Er hob die Faust, als wolle er auf Floyd und Ringo einschlagen. „Ich sollte euch...“

„Er hatte den Finger schon am Abzug.“ Ringo heulte fast. „Wir konnten nichts machen. Und außerdem...“

Er verstummte, als er das Flackern in den Augen seines Vaters sah.

Ringo senkte den Kopf, weil er den Ausdruck dieser Augen nicht mehr ertragen konnte.

Auch Floyd blickte zu Boden. Es sah aus, als warteten die Madison-Söhne auf eine Bestrafung durch ihren Vater.

Sie waren mit Prügel groß geworden. Sie wussten, wozu der Alte in seinem Jähzorn fähig war. Und irgendwie fühlten sie sich am Tod Teddys mitschuldig. Wenn sie den Fremden nicht unterschätzt hätten...

Umso überraschter waren sie, als Mark Madison plötzlich ganz ruhig war.

„Kommt ins Haus und erzählt!“, sagte er mit beherrschter Stimme.

Sie folgten ihm. Groß und wuchtig stapfte er vor ihnen her bis in sein Arbeitszimmer. Sein Gang war fest, und nichts wies auf den Aufruhr der Gefühle hin, die in dem Mann tobten.

Als sie ihm gegenüber saßen und er sie beinahe freundlich musterte, bewunderten sie seine Haltung. Teddys Tod musste ihm doch an die Nieren gehen. Aber er zeigte keinerlei Regung.

Ein harter, unbeugsamer Mann, der sich in der Gewalt hatte.

So hatten sie ihn selten erlebt.

Sie schilderten ihm, was im Saloon von Alice geschehen war. Natürlich berichteten sie aus ihrer Sicht, aber sie verschwiegen nicht die Tatsachen, die der Vater ohnehin erfahren hätte.

„Es gibt also Zeugen“, stellte Mark Madison schließlich fest. „Zeugen, die ausgesagt haben, dass ihr zuerst gezogen habt.“

Er schwieg einen Moment und schien nachzudenken. Dann blickte er wieder von einem zum anderen und stellte Fragen. Ruhig und sachlich. Wie der Fremde aussah, woher er kam, was aus Pete Springfield geworden war und welche Rolle der Sheriff und die Bürger gespielt hatten.

Ringo und Floyd fiel auf, dass er Ted nicht einmal mehr erwähnte. Es war, als sei mit Ted auch der Name gestorben. Er erkundigte sich nicht nach dem Begräbnis, und er hatte kein Wort für ihre Verletzungen übrig. Nur der Fremde und das Verhalten des Sheriffs und der Bürger schienen ihn zu interessieren. Und Pete Springfield.

Er nickte, als sie erzählten, dass sie ihm eine Lektion, wie sie es nannten, erteilt hätten.

Lange Zeit herrschte Schweigen. Schließlich ging ein Ruck durch den Körper des wuchtigen Mannes. Er war zu einer Entscheidung gekommen.

„Wir reiten in die Stadt. In drei Stunden brechen wir auf. Sagt Jack Bescheid. Er soll drei Dutzend der besten Leute zusammentrommeln.“ Seine Miene zeigte Entschlossenheit.

„Was hast du vor?“, fragte Floyd leise.

Mark Madison blickte seinen Sohn starr an. Dann stand er auf, schritt zum Fenster und blickte hinaus.

„Ich werde in der Stadt aufräumen. Ich habe lange genug gewartet. Jetzt ist das Maß voll.“ Er drehte sich abrupt um und starrte seine Söhne an.

Sie erschraken vor dem Hass, der plötzlich in seinen Augen loderte wie eine alles verzehrende Flamme.

„Geht jetzt!“, sagte er hart. „Ruht euch noch zwei Stunden aus. In drei Stunden reiten wir.“

Sie erhoben sich und ließen ihn allein.

Er hockte sich hinter den massiven Schreibtisch aus Eiche und presste die Hände vors Gesicht. Lange saß er in Gedanken versunken da.

Schließlich stand er auf und schritt die Treppe hinauf zum Zimmer seiner Tochter.

Der Schlüssel steckte noch von außen im Schloss.

Mark Madison drehte ihn herum und öffnete die Tür. Er machte zwei Schritte in den Raum und blieb wie angewurzelt stehen.

Ein Stöhnen kam tief aus seiner Kehle.

Er presste die Hände gegen die Schläfen, und seine Augen schimmerten plötzlich feucht.

Mary Ann war verschwunden.

*

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HOHO, IHR MÜDEN KLEPPER! Ich werd euch zeigen, was der Hafer kostet!“

Die Peitsche knallte. Die vier Gespannpferde legten an Tempo zu. Der grellbemalte Planwagen schlingerte über den zerfurchten Trail.

„Alice, wir kommen!“, schrie der Mann auf dem Kutschbock und ließ wieder die Peitsche knallen. „Die heißeste Schau, die ihr je gesehen habt! Wenn Tilly tanzt, springen jedem Mann die Hosenknöpfe ab! Hoho! Los, ihr faulen Viecher! Die paar Meilen schaffen wir noch!“

Der Mann auf dem Kutschbock besaß eine feuerrote Mähne und einen ebenso roten, wild wuchernden Bart, der nur ein wenig runzlige Haut und listige Augen freiließ. Der Mann hieß Zacharias Pelham, aber die Girls der Truppe und jeder, der ihn kannte, nannte ihn nur Old Zack.

Auf dem Planwagen stand mit bunter Ölfarbe gemalt:

TILLY AND THE GOLDEN GIRLS

The best dancers in the West!

Darunter, in etwas kleineren Lettern, wurde das Programm angepriesen. Nur einen Dollar Eintritt pro Schau. Es tanzen Tilly, Carmen, Cherry, Rosalie und Maria. Direktion Zack & Harper.

Der Wagen rumpelte eine Steigung hinauf. Old Zack trieb von neuem das Gespann an. Die Sonne brannte vom Himmel, und das Fell der Tiere war schweißbedeckt.

Als die Anhöhe überwunden war, sah Old Zack zwischen dem saftigen Grün von Büschen und Gras das silbrig glänzende Band eines Baches.

Die Pferde legten sich ins Geschirr, als witterten sie das Wasser. Old Zack packte die Zügel fester.

„Heoh!“, schrie er. „So eilig haben wir’s nun auch wieder nicht, ihr Satansbraten!“

Aber er lachte, und er hatte ein diebisches Vergnügen bei dem Gedanken, wie sehr die Mädchen und Thomas Harper auf dem Wagen durchgeschüttelt wurden.

Schon steckte Harper seinen Kopf durch die Öffnung in der Plane und rief: „Verdammt, Zack, muss das Höllentempo sein? Wir kollern hier kreuz und quer durch den Wagen!“

Harper hatte ein freundliches, markant geschnittenes Gesicht mit einem gepflegten schwarzen Oberlippenbart, einer kühn geschwungenen Nase und blaugraue Augen. Das sonst sorgfältig gekämmte pechschwarze Haar war jetzt ziemlich zerzaust.

Old Zack grinste und zeigte dabei einen Goldzahn und mehrere Zahnlücken.

„Hör mit der Meckerei auf, du alter Don Juan!“, brüllte er gegen das Trommeln der Hufe und das Knirschen der Räder an. „Sonst kannst du mich ablösen, und ich kümmere mich um die Moral der Truppe!“

Old Zacks Grinsen wurde noch breiter, als Harpers Kopf sofort wieder verschwand.

Er glaubte Kichern und Lachen aus dem Wageninnern zu hören.

Old Zack hätte jede Wette gehalten, dass Harper sich wieder mit Tilly beschäftigte.

Tilly war Old Zacks Tochter.

Schon als kleines Mädchen hatte sie leidenschaftlich gern getanzt. Sie hatte davon geträumt, eine berühmte Künstlerin zu werden. Berühmt war sie noch nicht geworden, und ob das Kunst war, was sie mit ihren Mädchen in den Saloons zeigte, darüber konnte man sich streiten. Es war jedenfalls sehenswert. Für manches verschlafene Nest eine Sensation.

Vor drei Jahren war Harper zu dem Trupp gestoßen. Old Zack hatte ihn kennengelernt, als sie durch Texas tingelten. Der bisherige Beschützer der Mädchen hatte sich mit der Tageskasse auf und davon gemacht. Eine Horde rauer Burschen verwechselte den Saloon, in dem Tilly und die Girls tanzten, ganz offensichtlich mit einem Bordell. Sie glaubten für einen Dollar Eintritt die Mädchen gekauft zu haben. Old Zack griff ein, und es kam zu einer wilden Schlägerei. Sie schlugen ihn zusammen und wollten über die Mädchen herfallen.

Da tauchte Thomas Harper auf.

Er zeigte es den rauen Kerlen mit harter Faust und schnellem Colt. Sie blieben drei Tage in der Stadt, und niemand wagte noch, Hand an eines der Mädchen zu legen.

Old Zack engagierte Harper. Und später machte er ihn zu seinem Partner. Irgendetwas verband die beiden Männer. Harper war, wie er erzählte, Revolvermann gewesen. Old Zack hatte viele Jahre als Kopfgeldjäger verbracht, bevor er, seiner Tochter Tilly zuliebe, die Tanzgruppe gegründet hatte.

Schon bald hatte Tilly mehr als nur Interesse für den gutaussehenden Harper gezeigt. Obwohl sie nicht das schönste Girl der Truppe war, hatte sie es geschafft, die anderen auszustechen und Harper für sich zu gewinnen.

Seither war allen klar, dass Harper bald Old Zacks Schwiegersohn werden würde.

Old Zack zügelte das Gespann am Bachufer zwischen einer Baumgruppe.

„Zwei Stunden Rast!“, rief er. „Alle aussteigen!“

Harper schlug die Plane zurück und sprang geschmeidig vom Wagen. Er war ein großer, muskulöser Mann. Die schwarze Tuchhose, die ebenfalls schwarze Lederjacke und das knallrote Hemd hatte er in Corpus Christi gekauft. Die Sachen waren maßgeschneidert, und er wirkte darin elegant.

Lachend half er den Mädchen vom Wagen herunter.

Zuerst kam Tilly.

Sie war Anfang dreißig, groß und langbeinig, aber etwas knochig. Das weizenblonde Haar trug sie hochgesteckt. Ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen, der etwas zu spitzen Nase und den zu stark gepuderten Wangen wirkte melancholisch. Eine herbe Frau.

Jetzt lachte sie, schmiegte sich einen Augenblick lang in Harpers Arme, und ihre blaugrauen Augen leuchteten.

Dann folgte Cherry.

Sie war etwas kleiner als Tilly, rothaarig und puppenhaft. Alles an ihr war abgerundet. Ihr Gesicht mit den Kulleraugen und den vollen Lippen war stark geschminkt.

Sie lachte übermütig und lief zum Bach.

Die nächste war Carmen.

Wer sie sah, dachte an Chili und Pfeffer und heiße Nächte. Ein temperamentvolles Mädchen mit langem schwarzen Haar und Augen, aus denen die Lebensfreude sprühte. Eine Zeitlang hatte es den Anschein gehabt, dass Carmen mit Harper flirtete. Doch als Tilly deutlich ihre Zuneigung für den Mann zeigte, hielt sie sich zurück.

Rosalie war die jüngste der Tanztruppe und besaß neben Carmen die aufregendste Figur. Ihre üppige Oberweite schien das enganliegende Kleid zu sprengen, und wenn sie sich bewegte, schwang sie provozierend die Hüften. Sie bekam oft den meisten Applaus, und sie war sehr stolz auf ihre Kurven.

Beinahe hoheitsvoll schritt sie an Harper vorbei und gesellte sich zu den anderen.

Maria war ganz anders.

Wer bei Rosalie an eine heiße Nacht dachte, mochte bei ihr an einen lauen Abend mit Mondschein und zärtlicher Musik erinnert werden.

Sie war die kleinste von allen, besaß eine grazile, wohlproportionierte Figur, ein madonnenhaftes Gesicht mit großen, fragend blickenden Augen. Seit zwei Jahren trat sie mit den anderen auf, aber sie hatte sich noch immer nicht an die abschätzenden Blicke der Männer gewöhnt, wenn sie halbnackt in verräucherten Schänken tanzte.

Fünf Mädchen.

Sie trugen alle die gleichen langen Röcke, wie sie bei ihrer Schau die gleichen Trikots und Strapse trugen, doch sie waren völlig verschieden. Und nicht nur im Aussehen.

Tilly sammelte sie um sich wie eine Glucke ihre Küken.

Während Old Zack und Harper die Pferde ausschirrten und bachabwärts zum Wasser führten, kleideten sich die Mädchen aus, um ein Bad zu nehmen. Sie waren tagelang unterwegs gewesen, fühlten sich verschwitzt und müde, und sie wollten frisch und sauber in Alice eintreffen.

Kurze Zeit später erscholl übermütiges Lachen, als sie sich im Wasser des Baches tummelten.

Sie badeten und bespritzten sich gegenseitig mit dem klaren, erfrischenden Nass wie ausgelassene Kinder. Um ihre Sicherheit machten sie sich keine Sorgen. Sie wussten, dass Old Zack und Harper Wache hielten.

Sie ahnten nicht, dass noch andere sie beobachteten.

*

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JOHN BENNETT ÜBERQUERTE gerade die Main Street, als die Reiterin vor dem Sheriffs Office ihr Pferd zügelte. Das Tier war staubbedeckt und musste einen harten Ritt hinter sich haben.

Behende schwang sich das Mädchen aus dem Sattel, schlang die Zügel um den Hitchrack und stürmte in das Office.

John folgte ihr.

„Wo ist er?“, hörte John sie aufgeregt fragen, als er das Büro betrat.

Henry Masters erhob sich gerade hinter seinem Schreibtisch.

„Mary Ann?“, sagte er verwundert. „Mädchen, was machen Sie denn hier? Ihr Vater hat doch verboten, dass Sie in die Stadt...“

„Mit meinem Vater habe ich Schluss gemacht.“ Zornig klang die Stimme des jungen Mädchens. „Ich will nichts mehr von ihm wissen. Wo ist Pete?“

Henry Masters musterte sie nachdenklich. Dann warf er John einen sorgenvollen Blick zu, bevor er mit dem Daumen über die Schulter wies.

„In einer Zelle“, sagte er, und als er es in Mary Anns Augen aufblitzen sah, fügte er eilig hinzu: „Nur zu seinem eigenen Schutz. Ich habe ihn nicht verhaftet.“

„Ich will zu ihm. Wir müssen aus der Stadt verschwinden. Vater...“ sie biss sich auf die Lippen und fuhr trotzig fort: „Mark Madison ist mit ein paar Dutzend Männern hierher unterwegs. Er hat getobt, als er von Teddys Tod erfuhr. Er will blutige Rache. Wir müssen sofort...“

Henry Masters nahm sie sanft am Arm und führte sie zu dem Stuhl neben dem Schreibtisch.

„Bitte, Mary Ann, setzen Sie sich. Sie können gleich zu Ihrem Pete. Aber erzählen Sie doch zuerst ganz ruhig, was Ihr Vater vorhat.“

Sie setzte sich, legte die Hände in den Schoß, krampfte die Finger zusammen und knetete sie nervös.

Dann erzählte sie, zuerst stockend, aber schließlich immer flüssiger. Wie ihr Vater sie in ihrem Zimmer eingeschlossen hatte, wie sie aus dem Fenster geklettert war und das Gespräch zwischen dem Vater und ihren Brüdern Ringo und Floyd belauscht hatte. Sie war wie der Teufel von der Ranch geritten.

„Er will die Stadt auseinandernehmen“, hat er gesagt. Und Pete und ein Fremder sollen sterben.“ Sie wandte den Kopf zu John und sagte: „Sind Sie das? Haben Sie meinen Bruder erschossen?“

John blickte ihr in die Augen. Er nickte. Dann erzählte er ruhig, was im Saloon passiert war. Als er geendet hatte, herrschte eine Zeitlang Schweigen. Mary Ann hatte den Kopf gesenkt.

Als sie wieder aufblickte, sagte sie leise: „Ich glaube Ihnen, dass Sie Ted nicht töten wollten. Aber das ändert nichts.“

Sie sprang auf und ging nervös auf und ab. Mary Ann ähnelte mehr ihrem Vater, als sie im Augenblick wahrhaben wollte. Ein energiegeladenes Persönchen, das sich trotz der Jugend durchzusetzen wusste.

„Ich habe mich für Pete entschieden“, erklärte sie beinahe trotzig. „Und gegen meinen Vater. Er kennt in seiner Gier nach Macht kein Maß mehr. Und jetzt, wo Ted tot ist, will er Rache, blutige Rache. Ich muss mit Pete sofort die Stadt verlassen!“

Sie warf John einen Blick zu.

„Und Sie sollten auch schnell verschwinden. Gegen die Madisons haben Sie keine Chance. Sie sind schon so gut wie tot.“

John lächelte. Mary Anns offene, couragierte Art gefiel ihm. Pete hatte mit dem Mädchen einen guten Fang gemacht. Die beiden passten prächtig zueinander.

„Ich bin noch nie vor jemandem weggelaufen“, sagte John ruhig. Er überlegte kurz. „Wann, glauben Sie, wird Ihr Vater mit seinen Leuten hier sein?“

„In spätestens einer Stunde. Vielleicht sogar noch früher. Wenn er die Abkürzung nimmt, kann er sogar jeden Augenblick auftauchen. Ich will zu Pete. Wir müssen fliehen!“

Henry Masters stand auf und nahm den Schlüsselbund, der auf dem zerkratzten Schreibtisch lag. Er tauschte mit John einen Blick. Beide wussten, was auf sie zukommen würde. Mary Anns Worte hatten ihre Befürchtungen erhärtet. Madisons blutiger Racheschwur umfing sie wie eine tödliche Drohung.

John hing seinen Gedanken nach, als der Sheriff mit Mary Ann zu den Zellen ging. Er dachte an Harper, der in den nächsten vierundzwanzig Stunden in Alice eintreffen musste, und er überlegte, wie er die Auseinandersetzung mit Madison vermeiden konnte.

Einen Augenblick lang spielte er mit dem Gedanken, die Stadt tatsächlich zu verlassen und die Tanztruppe irgendwo auf dem Weg nach Alice abzufangen. Aber dann verwarf er den Gedanken. Harpers Ziel war nun einmal die Stadt. Er wäre unweigerlich wieder mit Madison oder seinen Leuten aneinandergeraten.

Außerdem ließ sein Stolz nicht zu, vor der Gefahr zu fliehen. Nicht er hatte sich etwas zuschulden kommen lassen, sondern die Madisons. Und wenn alles stimmte, was Mary Ann erzählt hatte, dann war Madison entschlossen, in seiner unbändigen Wut die Stadt in Schutt und Asche zu legen. Dann musste er Henry und den Menschen in der Stadt helfen.

Pete und Mary Ann kamen Arm in Arm ins Büro zurück. Pete sah ziemlich lädiert aus, sein Gesicht wies zahlreiche blau angelaufene Schwellungen und blutverkrustete Schrammen auf, aber seine Augen strahlten vor Glück.

Er nickte John zu.

„Hallo, Mister. Danke, dass Sie mir geholfen haben. Ich hätte keine Chance gehabt gegen diese...“

Er verstummte und tauschte mit Mary Ann einen Blick. Es war ihm peinlich, Mary Anns Brüder zu erwähnen.

Das Mädchen zog ihn resolut zur Tür. Dabei redete sie auf ihn ein, erklärte ihm hastig, dass sie vor ihrem Vater fliehen müssten.

Jetzt zeigte Pete, dass auch er seinen Stolz hatte.

„Ich denke nicht daran, feige davonzulaufen. Ich werde dich hier in Alice heiraten! Warum soll ich vor deinem Vater weglaufen?“

Mary Ann rang verzweifelt die Hände.

„Weil er dich hasst! Weil er dich umbringen will!“

John mischte sich in das Gespräch ein, das zu einer Auseinandersetzung zu werden drohte.

„Pete, im Augenblick ist es wirklich besser, wenn ihr beide die Stadt verlasst. Heiraten könnt ihr in Alice immer noch.“

Wenn hier alles vorüber ist, fügte er in Gedanken hinzu.

Dann wandte er lauschend den Kopf.

Henry Masters, der gedankenverloren am Fenster gestanden hatte, sagte mit harter Stimme: „Zu spät. Da kommen sie schon!“

Der entfernte Hufschlag schwoll an. Reiter jagten von Norden her in die Stadt. Schüsse peitschten. Irgendwo zerklirrte etwas.

Henry Masters sprang zum Gewehrständer an der Wand und packte seine Greener.

„In die Zelle mit euch beiden!“, sagte er und warf John einen besorgten Blick zu. „Da seid ihr wenigstens für eine Weile in Sicherheit!“

John schob Pete und Mary Ann aus dem Office.

Draußen verklang der Hufschlag. Stimmen schwirrten durcheinander.

Und dann rief jemand mit dröhnendem Bass: „Sie muss beim Sheriff sein, das ist ihre Stute!“

„Absitzen, Männer. Verteilt euch!“

John schloss hastig die Zellentür hinter dem jungen Paar und hastete ins Office zurück.

In diesem Moment war wieder die dröhnende Bassstimme zu hören:

„He, Masters, komm raus! Oder wir stürmen deinen Bau!“

Henry Masters richtete die Greener auf die Office-Tür.

*

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ICH WERD VERRÜCKT. Lauter nackte Weiber!“

Sid Kentons Stimme klang beinahe andächtig.

„Und was für tolle“, pflichtete Ringo Madison dem Vormann bei. „Sowas hab ich seit langem nicht gesehen.“

Sie hatten von einer Anhöhe aus den Wagen entdeckt, einen Bogen um den Lagerplatz geschlagen und lagen jetzt zwischen den Büschen am anderen Ufer des Baches, etwa fünfzig Yards bachabwärts von den badenden Mädchen.

Ringo hatte den Vormann Sid Kenton und fünf ausgewählte Weidereiter im Auftrag seines Vaters von der Westweide geholt. Sie sollten auf schnellstem Weg nach Alice reiten und dort auf Madison und die anderen stoßen.

Im Augenblick dachten sie nicht an ihren Auftrag. Sie dachten an etwas ganz anderes.

„Mir gefällt die spitze Schwarzhaarige am besten“, raunte Floyd.

Sid Kenton grinste.

„Schau dir doch mal die Puppe neben ihr an, Mann ist die ’ne Wucht! Sag mal, Ringo, sollen wir den Jungs diesen herrlichen Anblick nicht auch gönnen?“

Die fünf Weidereiter waren etwa eine Viertelmeile entfernt in einem Wäldchen bei den Pferden zurückgeblieben, während sich Ringo und der Vormann zu Fuß an das Camp herangearbeitet hatten.

Ringo starrte immer noch mit brennenden Augen zu den Mädchen hin. Langsam schüttelte er den Kopf.

„Nein, das hält uns zu lange auf. Mein Alter wartet nicht gern. Aber wir beide könnten doch diese einmalige Gelegenheit nutzen.“

Sid Kenton warf ihm einen Blick zu.

„Du meinst doch nicht... du willst doch nicht...“

Ein verschlagenes Grinsen spielte plötzlich um Ringos Lippen.

„Und wie ich will!“

Sid Kenton war ein untersetzter Mann, Anfang Vierzig. Ein Mann, den das harte Leben in der Wildnis geprägt hatte. Ein Mann, der jeder Gefahr furchtlos ins Auge sah, der sich aber in seinem abenteuerlichen Leben noch nie von seinem geraden Weg hatte abbringen lassen.

Ungläubig blickte er den jungen Ranchersohn an. Er sah die zügellose Begierde in Ringos Augen, und er verspürte plötzlich ein flaues Gefühl im Magen.

„Die Schwarzhaarige gehört mir“, sagte Ringo, und sein Atem ging stoßweise. „Die anderen kannst du meinetwegen haben.“

„Ringo, du kannst doch nicht einfach...“ Er zögerte, als Ringos Kopf zu ihm herumruckte. „Ich meine... die werden doch nicht freiwillig ...“

Ringo lächelte böse und zog seinen Colt.

„Vielleicht nicht. Vielleicht aber doch. Mach dir nicht in die Hosen. Ich regle das schon.“ Ein harter Zug kerbte sich um seine Mundwinkel. „Und du, Sid, bist mit dabei. Dann kannst du mich nicht bei meinem Alten anschwärzen. Sollte was von der Sache rauskommen, dann behaupte ich einfach, du hättest angefangen. Der Alte glaubt mir jedes Wort. Dann bist du deinen Job los, vielleicht sogar dein Leben...“

Ringo sah, wie es in Kentons Gesicht arbeitete. Und er legte betont eine Hand auf die Schulter des Mannes.

„He, Sid, was ist denn los? Wer soll schon dahinterkommen? Wir gönnen uns unser Vergnügen und machen ’ne Mücke. Die Weiber werden uns nie Wiedersehen.“

„Und wenn sie auf dem Weg zur Stadt sind?“ Kenton spürte, wie ihm heiß und kalt wurde. Am liebsten wäre er auf und davon gelaufen. Aber das wagte er nicht. Er kannte Ringo gut genug und wusste, wozu dieser Heißsporn fähig war. Der war imstande, dafür zu sorgen, dass er seinen gutbezahlten Job bei Madison verlor. Wenn nicht noch mehr.

Kenton war nie ein Feigling gewesen. Manches Mal hatte er dem Tod ins Auge sehen müssen. Doch in dieser Situation fühlte er sich hilflos.

Er blickte wieder zu den nackten Mädchen hin, die sich unbekümmert im Wasser tummelten.

Und dann atmete er erleichtert auf.

Ein Mann kletterte von dem Planwagen herunter. Ein alter, krummbeiniger Mann. Er hielt einen Segeltuchsack unter den Arm geklemmt und schritt breitbeinig zu dem kleinen Feuer, über dem an einem Dreibein ein verbeulter Kochtopf hing.

Klar, dass die Girls nicht allein durch die Gegend gondeln, dachte Kenton.

Zu Ringo sagte er: „Das ändert alles. Siehst du, ich hab’ die ganze Zeit vermutet, dass die Mädchen einen Begleiter haben. Schau dich noch mal so richtig satt, und dann lass uns abhauen, bevor uns jemand entdeckt.“

Ringos Augen hatten sich verengt.

„Der Alte ist kein Problem“, sagte er heiser. „Den schaffe ich mit links.“ Wieder blickte er mit glühenden Augen zu den Mädchen.

„Los, wir schleichen uns an! Er sprang auf und arbeitete sich, geschickt die Deckung der mannshohen Büsche nutzend, bachaufwärts näher an das Camp heran.

Sid Kenton holte ihn nach ein paar Yards ein.

„Du kannst doch nicht den alten Mann angreifen!“, raunte er erregt.

„Warum nicht“, erwiderte Ringo kalt. Er hob die Hand mit dem Revolver. „Tote Zeugen reden nicht.“

*

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HENRY MASTERS SCHRITT auf die Tür zu.

„Geh nicht!“ sagte John leise. „Die wollen dich nur rauslocken, um leichter hier reinzukommen!“

Masters blieb stehen und wandte sich um. Er schüttelte leicht den Kopf.

„Madison wird es nicht wagen, in aller Öffentlichkeit gegen das Gesetz zu verstoßen! Außerdem...“, er nahm die Greener in Anschlag, „... bin ich ja nicht nackt. Ich werde ein paar Takte mit Madison reden. Du bleibst hier, John. Sollten alle Stricke reißen, bist du mir für die Sicherheit unserer beiden Gäste verantwortlich. Okay?“

John nickte zögernd. Er zog seinen Remington und spannte den Hahn. Dann postierte er sich zwischen Tür und Fenster, den Finger am Abzug der Waffe.

Sheriff Masters stieß die Tür auf und trat auf den hölzernen Gehsteig hinaus.

Das grelle Sonnenlicht blendete ihn für einen Augenblick. Blinzelnd schaute er Madison an, der breitbeinig auf der Main Street stand. Seitlich von ihm verharrten Dutzende von Reitern. Etwa zehn Männer hatten sich in den Eingängen der gegenüberliegenden Häuser postiert. Ihre Pferde standen vor dem Saloon. Irgendjemand hatte Mary Anns Stute fortgeführt.

„Was willst du, Madison?“, sagte Sheriff Masters ruhig, nachdem er die Szene in sich aufgenommen hatte. Er hielt die Greener schussbereit im Hüftanschlag. Die Mündung zielte auf Madisons breite Brust.

„Was ich will, Masters?“ Die Stimme des Ranchers überschlug sich. „Das fragst du noch? Ich will meine Tochter, und ich will die Mörder meines Sohnes.“

Masters ignorierte die Gewehr und Revolvermündungen, die auf ihn gerichtet waren, und sagte ruhig und mit fester Stimme:

„Du bist umsonst gekommen, Madison. Deine Tochter ist hier. Sie hat mich um Schutz gebeten. Um den Schutz des Gesetzes...“

Madison verlor die Beherrschung.

„Du dreckiger Lügner! Mädchenräuber! Verbrecher!“

Henry Masters zeigte sich ungerührt. Er war darauf bedacht, die Fronten nicht noch mehr zu verhärten, die Situation zu entschärfen, soweit das überhaupt noch möglich war.

„Ich kann verstehen, Madison, dass du aufgebracht bist, weil dich deine Tochter verlassen hat und weil dein Sohn Ted tot ist. Aber dafür kann ich nichts, dafür ist niemand sonst verantwortlich zu machen. Laß uns vernünftig miteinander reden...“

Madison trat einen Schritt näher an den Gehsteig heran. Er hob die geballte Rechte.

„Reden?“, schrie er. „Da gibt es nichts zu reden. Man hat meinen Jungen gekillt! Ich will die Mörder! Du versteckst sie! Und Mary Ann hältst du gefangen!“

Sheriff Masters biss nervös auf seine Pfeife. Aus dem Augenwinkel sah er Floyd Madison. Der Ranchersohn stand links von seinem Vater, sprungbereit wie ein angriffslustiges Raubtier. Von Ringo, dem zweiten Sohn, war nichts zu sehen, aber Masters bezweifelte nicht, dass auch er mit von der Partie war.

Henry Masters bemühte sich, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben. „Madison, du kannst selbstverständlich mit deiner Tochter reden. In meinem Büro. Aber allein. Dann musst du deine Männer wegschicken! Mary Ann kann selbst entscheiden, ob sie zu dir zurückkommen oder hierbleiben will. Das zu dem ersten Vorwurf. Was den Tod deines Sohnes angeht, muss ich dir einen Zahn ziehen. Was immer dir deine Söhne auch für Lügen aufgetischt haben, es war kein Mord, sondern Ted wurde in Notwehr erschossen. Dafür gibt es Zeugen. Deine glorreichen Söhne haben Pete Springfield zusammengeschlagen. Ein Fremder namens John Bennett wollte verhindern, dass sie den Jungen totprügelten. Da griffen sie zu ihren Eisen. Sie schossen zuerst, doch gegen John Bennett kamen sie nicht an...“

„Lüge!“, schrie Floyd Madison. „Alles Lüge! Dieser Killer hat Ted kaltblütig abgeknallt!“

„Es gibt Zeugen. Sie alle sind bereit, unter Eid für John Bennett auszusagen.“ Hoffentlich, fügte Henry Masters in Gedanken hinzu.

Madison stoppte seinen Sohn Floyd mit einer barschen Handbewegung und fixierte den Sheriff.

„Welche Zeugen? Nenn mir die Namen!“

„Du wirst sie vor der Jury erfahren“, entgegnete Masters, „falls du Anklage erhebst.“

„Was ich hiermit tue!“, dröhnte Madison. Sein Gesicht entspannte sich etwas. Er schien zu überlegen.

„Dieser John Bennett ist also noch in der Stadt. Und wo steckt dieser verdammte Lümmel, der meiner Tochter nachstellt?“

„Er steht unter meinem Schutz“, antwortete der Sheriff ausweichend. „Er lag halb bewusstlos am Boden, als deine Söhne die Schießerei anfingen. Er hat überhaupt nichts damit zu tun.“

„Ach was!“, blaffte Madison. „Der ist an allem schuld. Wenn er meine Tochter in Ruhe gelassen hätte, wäre alles nicht passiert.“

„Vielleicht will deine Tochter von ihm gar nicht in Ruhe gelassen werden“, sagte Masters. „Ich habe den Eindruck, die beiden sind sich einig. Na ja, das kann sie dir ja selber sagen. Du kannst mit ihr sprechen, wenn du deine Leute nach Hause schickst.“

Wieder schien Madison zu überlegen. Der lauernde Ausdruck in seinen Augen war für Sheriff Masters nicht zu erkennen. Der Sheriff wunderte sich, dass Madison plötzlich so ruhig und gelassen wirkte, und er hatte wieder Hoffnung, dass sich doch alles irgendwie friedlich lösen ließ.

„Also gut“, sagte Madison. „Ich werde jetzt mit Mary Ann sprechen. Ich bin gespannt, was sie mir zu sagen hat. Über das andere unterhalten wir uns dann weiter, Masters.“ Er gab seinen Leuten einen Wink. „Waffen weg. Geht meinetwegen in den Saloon. Floyd, spendier‘ eine Runde. Wir warten noch auf Ringo und die anderen, dann sehen wir weiter.“

Henry Masters beobachtete angespannt und mit einem unguten Gefühl, wie sich die Männer zögernd in Bewegung setzten. Plötzlich traute er Madison nicht mehr. Verdammt, wenn die Kerle den Saloonkeeper in die Mangel nahmen und erfuhren, wer gegen die Madison-Söhne ausgesagt hatte...

„Was ist los?“, fragte Madison spöttisch.

„Was starrst du so düster vor dich hin? Hast du Angst vor mir?“ Er reckte demonstrativ die Arme hoch. „Nimm die Flinte weg. Gehen wir.“

Er schritt forsch den Gehsteig hinauf, wandte sich um und rief über die Schulter seinen Männern nach: „Sauft nicht so viel und...“

Henry Masters war für einen Augenblick abgelenkt.

Dieser Augenblick reichte Madison.

Bevor er zu Ende gesprochen hatte, war er herumgewirbelt. Der große, wuchtige Mann war unglaublich schnell. Seine Stiefelspitze traf die Hand des Sheriffs, prellte ihm die Greener aus den Fingern.

Bevor Henry Masters an Gegenwehr denken konnte, traf ihn ein knallharter Schlag an der Kinnspitze. Er schlug mit dem Hinterkopf gegen den Türpfosten.

Madison war mit einem Satz bei dem Sheriff, nahm ihn in einen Knebelgriff und drückte ihm die Mündung seines Revolvers an die Schläfe.

„Jetzt läuft das Spiel, wie ich es will!“, zischte der Rancher. Laut rief er: „Los, Jungs, jetzt geht's rund!“

*

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OLD ZACK WARF EINEN Blick zu den Mädchen hin und erstarrte.

Zwei Männer waren am jenseitigen Bachufer aufgetaucht.

Männer mit Revolvern in den Fäusten.

Im nächsten Augenblick schrie Tilly schrill auf. Kreischend liefen die Mädchen durcheinander, versuchten zum Camp zu gelangen.

Carmen schaffte es nicht. Einer der Männer sprang auf sie zu, packte sie und schlang einen Arm um ihren Hals. Carmen wehrte sich, schrie und strampelte, doch der Kerl hielt sie brutal umklammert.

Old Zack riss seinen Revolver aus der Halfter.

Doch seine Reaktion kam zu spät.

Der Mann presste Carmen die Mündung seiner Waffe gegen die Schläfe und rief: „Keine Bewegung, Alter! Lass das Eisen fallen!“

Old Zack spürte, wie es kalt über seinen Rücken rann. Verdammt, wo bleibt Harper?, dachte er verzweifelt. Er warf die Waffe neben sich ins Gras und hob die Hände.

„So ist’s brav!“, höhnte der Mann, der Carmen in seiner Gewalt hatte. „Wenn keiner Dummheiten macht, kommen wir alle auf unsere Kosten, was meinst du, Sid?“ Er lachte rau.

Sid sagte kein Wort. Old Zack hatte das Gefühl, dass der Mann sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlte.

Der junge Kerl hatte das Sagen. Er schob Carmen vor sich her aus dem Wasser.

„Kümmere dich um die anderen!“ sagte er zu Sid.

Der Vormann setzte sich zögernd in Bewegung. Mit steifen Schritten durchquerte er den seichten Bach und ging zu den vier Mädchen. Sie hatten inzwischen ihre Kleider aufgerafft und ihre Blößen bedeckt.

Sid Kenton sah die Angst und das Entsetzen in den Augen der Mädchen, und plötzlich fühlte er sich hilflos und elend.

Die Situation widerte ihn an.

Er warf einen Blick über die Schulter. Ringo hatte mit der Schwarzhaarigen das Ufer erreicht. Das Mädchen zappelte in seinem Griff, bäumte sich auf, versuchte auszutreten, aber sie kam gegen Ringos Kraft nicht an. Sid Kenton sah, dass das Mädchen zitterte. Wassertropfen perlten über ihren Körper, der mit einer Gänsehaut bedeckt war.

Das Mädchen schluchzte.

Ringo lachte rau.

Und plötzlich bäumte sich in Sid Kenton alles auf. Dieses schmutzige Spiel wollte er nicht weiter mitmachen. Noch gab es ein Zurück. Noch war nicht so viel passiert, dass er sich ein Leben lang Vorwürfe machen müsste.

„Was glotzt du so?“, rief Ringo. „Halt den Alten und seine Puppen in Schach. Ich geh mit dieser Hübschen auf den Wagen. Da sind wir ungestört. Vielleicht geniert sie sich vor den anderen.“ Wieder lachte er, und seine Augen funkelten.

Sid Kenton zwang sich, ruhig zu bleiben. Er lauerte auf eine Chance. Wenn Ringo mit dem Mädchen im Wagen war, konnte er ihn überraschen, ihn niederschlagen oder sogar erschießen, ohne das Mädchen zu gefährden.

„Seid vernünftig“, sagte er mit einer Stimme, die ihm selbst fremd vorkam. „Dann geschieht euch nichts.“ Er warf einen Blick zu dem Oldtimer. Old Zack saß starr mit immer noch erhobenen Händen am Feuer.

Tilly verlor die Beherrschung.

„Ihr Dreckskerle!“, schrie sie. „Ihr Schweine...“

„He, werd nicht frech!“, rief Ringo. „Du kommst auch noch dran, und dann zeige ich dir...“

Er brach fluchend ab, weil Carmen sich plötzlich und für ihn unerwartet aufbäumte. Sie trat nach ihm und erwischte ihn am Schienbein. Sie kämpfte mit dem Mut der Verzweiflung, und sie schaffte es, sich von ihm loszureißen.

Und dann überstürzten sich die Ereignisse.

Sid Kenton wirbelte zu Ringo herum. Als es dem Mädchen gelungen war, sich zu befreien, sah Sid eine Chance, einzugreifen.

Er zielte auf den Ranchersohn, als der gerade seinen Revolver hochriss. Sid Kenton war bereit, sich gegen die Madisons zu stellen, welche Konsequenzen das auch immer haben mochte.

Er wollte nicht zum Komplizen eines Verbrechers werden.

Er hatte sich, wenn auch nach anfänglichem Zögern, für das Gute entschieden, und es war wie eine Ironie des Schicksals, dass es ihn als ersten erwischte.

Zwei Schüsse peitschten.

Sid Kenton wurde vom Einschlag der Kugeln herumgerissen, fiel wie von einer Axt gefällt zu Boden. Er hatte noch abgedrückt, doch das Blei pfiff in den Himmel.

Ringo Madison war zu überrascht, um schnell genug reagieren zu können.

Bevor ihm klar wurde, dass jemand vom jenseitigen Ufer aus geschossen hatte, und er mit schussbereitem Revolver herumzuckte, traf ihn die dritte Kugel.

Er hatte plötzlich kein Gefühl mehr im rechten Arm, keine Kraft mehr, den Revolver zu halten. Die Waffe entglitt seinen Fingern. Ein Schrei brach aus seiner Kehle. Ein Schrei voller Todesangst.

Sein Körper verkrampfte sich.

Er fieberte förmlich dem nächsten Schuss entgegen.

Der Kugel, die sein Leben auslöschen würde.

Doch nichts geschah.

Wie ein gehetztes Tier warf er den Kopf hin und her, hob abwehrend die linke Hand in einer Reflexbewegung. Sekundenlang war eine völlige Leere in ihm, und als er endlich wieder einen Gedanken fassen konnte, blickte er in eine Revolvermündung.

Der Oldtimer stand vor ihm.

„Nicht... nicht schießen...“, stammelte Ringo.

Der alte Mann starrte ihn nur an.

Und was Ringo in seinen Augen sah, ließ ihn erschauern.

*

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JOHN BENNETT UNTERDRÜCKTE einen Fluch.

Sie hatten Masters.

Er hörte, wie Madison draußen auf der Straße seinen Leuten Kommandos gab. Schritte polterten über den Gehsteig. Reiter preschten über die Main Street.

Johns Gedanken wirbelten durcheinander. Er saß in der Falle. Und er hatte die Verantwortung für Petes und Mary Anns Sicherheit. Madison würde seiner Tochter nichts tun, aber Pete war jetzt genauso in Lebensgefahr wie er, John, selbst.

John hielt den Atem an und wartete.

Mit ruhiger Hand zielte er auf die Tür. Er war entschlossen, seine Position zu verteidigen. Bis zur letzten Patrone.

Die Office-Tür wurde aufgestoßen.

John feuerte.

Das Blei riss einen Splitter aus der Tür.

Ein erschrockener Aufschrei, dann ein Fluch. Schritte auf dem Gehsteig.

Dann herrschte plötzlich Stille.

John wischte mit der Linken einen Schweißtropfen von der Stirn.

Schließlich ertönte Madisons Bassstimme: „Ihr habt keine Chance! Kommt freiwillig raus, oder wir räuchern euch aus!“

John antwortete mit zwei schnellen Schüssen. Madison wusste also nicht, wie viele Leute im Office waren. Daraus ließ sich vielleicht Kapital schlagen.

Mit einer Handbewegung trieb John die Pulverrauchschwaden auseinander. Plötzlich eröffneten Madisons Männer das Feuer. Die Fensterscheibe zerklirrte, Blei bohrte sich in das Holz der Tür, die halb offenstand, klatschte in die Wand und fetzte Putz von der Decke.

John wartete, bis das wilde Schießen verebbte. Nur noch vereinzelte Schüsse fielen, dann war wieder alles still.

Madison meldete sich von neuem.

„Wir haben den Sheriff. Wenn ihr nicht sofort rauskommt, muss er dran glauben!“

John versuchte es mit einem Bluff.

„Und wir haben deine Tochter, Madison! Wenn dem Sheriff ein Haar gekrümmt wird, muss sie dran glauben!“

Madisons Stimme überschlug sich. „Ihr Hundesöhne! Mary Ann, ich hol dich raus! Männer...“

„Stop!“, rief John. „Madison, damit wir uns verstehen: Ich habe deine Tochter vor der Mündung. Und ich habe den Finger am Abzug. Sollte einer deiner bezahlten Schießer es schaffen, lebend durch die Tür zu kommen, stirbt deine Tochter!“

„Mary Ann!“, schrie Madison. „Sag etwas, Kind! Warum sagst du nichts?“

„Sie hat die Sprache verloren“, rief John zurück. „Sie schämt sich für ihren verbrecherischen Vater!“

John hörte am Klang von Madisons Stimme, dass der Rancher mühsam um Fassung rang.

„Wer bist du, Mann? Etwa dieser Fremde, dieser John sowieso, der meinen Sohn...“

„Erraten“, gab John zurück. Er sah, wie sich durch den Türspalt lautlos ein Revolverlauf schob.

John wartete, bis die Hand auftauchte, dann feuerte er.

Ein Aufschrei, und die Waffe polterte zu Boden.

Wieder herrschte einen Augenblick Stille, bis Madisons Bassstimme dröhnte: „Ich mache dir einen Vorschlag. Du läßt meine Tochter frei, und wir lassen den Sheriff am Leben. Meinetwegen kann er in sein Office zurückgehen. Was hältst du davon?“

John überlegte fieberhaft. Madison war ganz offensichtlich auf den Bluff hereingefallen. Ein Austausch Mary Anns mit dem Sheriff wäre ein großer Erfolg. Mary Ann würde nichts geschehen, während Henry Masters Schicksal ungewiss war. Mit Henry und Petes Hilfe konnten sie sich eine Zeitlang im Office verteidigen. Doch wie lange? Von außerhalb war keine Hilfe zu erwarten. Immerhin konnten sie Zeit gewinnen. Vielleicht.. . Eine Idee durchzuckte ihn. Wenn Mary Ann mitspielte...

„Klingt nicht übel“, rief John betont forsch. „Das muss ich mir mal durch den Kopf gehen lassen.“

„Du hast genau drei Minuten Bedenkzeit“, erwiderte Madison. „Das ist mein letztes Angebot!“

John wusste, was der Rancher vorhatte. Wenn erst mal seine Tochter aus dem Office war, dann würde er keine Rücksicht mehr nehmen. Seine Männer würden das Office stürmen oder in Brand stecken.

Aber sie konnten Zeit gewinnen.

Lautlos glitt John durch den Raum zur rückwärtigen Tür. Er konnte nur hoffen, dass Madison sich an die drei Minutenfrist hielt und nicht zwischendurch einen Angriff starten ließ. Dann war das Office mit allen Waffen und der Munition verloren.

Hastig schloss er die Zellentür auf und raunte: „Schnell, nach vorne!“ Dann hetzte er wieder ins Office zurück.

Bis jetzt war alles gutgegangen.

Mary Ann blickte ihn aus großen Augen an. Sie hatte in der Zelle nur Bruchstücke von Johns Worten mitbekommen.

Pete nahm wortlos den Revolver, den John ihm gab, und bezog neben der Tür Stellung.

In knappen Worten schilderte John dem Mädchen die Lage. „Ihnen wird nichts geschehen. Sie müssen sich austauschen lassen und Hilfe holen. Aber wo zum Teufel?“

„Auf der Kenwood-Ranch“, sagte Mary Ann spontan. „Das schaffe ich.“

Petes Kopf ruckte zu ihr herum.

„Du willst zu Kenwood, diesem diesem...“

„Er ist der einzige, der helfen wird. Ich tue es für dich, Pete, und für Mister Bennett und den Sheriff.“

„Die drei Minuten sind um!“

John, das Mädchen und Pete zuckten beim Klang von Madisons Stimme zusammen.

„Okay!“, rief John. „Ich komme jetzt mit deiner Tochter raus, Madison. Und versuch nur ja keinen Trick. Schick deine Leute von der Straße weg. Masters soll allein bis zur Mitte der Straße gehen.“

John hörte, wie Madison seinen Männern Kommandos gab.

Mary Ann ging zu Pete und küsste ihn.

„Ich liebe dich“, murmelte er.

„Ich dich auch“, sagte sie schlicht.

John Bennett war zugleich gerührt und bedrückt von dieser Szene. Es war ungewiss, ob Mary Ann ihren Pete lebend wiedersehen würde.

„Kommen Sie jetzt“, sagte er mit rauer Stimme. „Ihr Vater wird nicht länger warten.“

*

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THOMAS HARPER DREHTE den Leichnam Sid Kentons auf den Rücken.

Ein Kugelloch in der Stirn und eins in Höhe des Herzens.

„Und nun zu dir“, sagte Harper und richtete sich auf.

„Nicht...“ keuchte Ringo Madison. „Ich wollte nicht...“

„Und ob du wolltest“, sagte Harper kalt. Er blickte zu Carmen, die nach dem überstandenen Schrecken in Tillys Arme geflüchtet war und sich ausweinte. „Ich sollte dich abknallen. Du bist ein gemeiner Strauchdieb, der sich an wehrlosen Frauen vergeht.“

Thomas Harpers Gesicht war verzerrt. Er hob die Hand mit dem Revolver.

Old Zack, der seine Waffen in die Halfter gesteckt hatte, sagte hastig: „Lass ihn. Du siehst doch, wie er um sein Leben zittert. Wir liefern ihn in Alice beim Sheriff ab.“

Harper grinste kalt.

„Ich sehe, dass er zittert. Es macht mir sogar Spaß. Als er Carmen in seiner Gewalt hatte, riskierte er eine große Klappe. Und jetzt ist er ein erbärmlicher Jammerlappen.“

Harper wog spielerisch den Revolver in der Hand.

Old Zack sah den Ausdruck in den Augen seines Partners, und zum ersten Mal verspürte er eine Abneigung gegenüber diesem Mann. Er konnte sich das Gefühl nicht erklären, aber es war da und ließ sich nicht unterdrücken.

Harper hatte im entscheidenden Moment eingegriffen. Old Zack hatte gewusst, dass Harper irgendwo auf der Lauer lag und Wache hielt. So war es immer, wenn sie Rast machten.

Dieses Mal hatte er lange gewartet, bis er eingegriffen hatte.

„Entschuldige, aber ich dachte schon, du wärst nicht in der Nähe“, sagte Old Zack.

Harper grinste. Er zuckte mit den Schultern. „Ich musste mir erst eine günstige Schussposition suchen. Außerdem...“ er musterte den Gefangenen, „... wollte ich abwarten, was der Hurensohn vorhatte. So ’ne Schau sieht man schließlich nicht alle Tage.“

Wieder verspürte Old Zack dieses ungute Gefühl, eine unerklärliche Abneigung gegen Harper.

Tilly verstärkte dieses Gefühl noch. Sie kam zu Harper, schmiegte sich an ihn und küsste ihn.

„Du hast gerade noch rechtzeitig eingegriffen, Darling. Ich darf mir nicht vorstellen, was der Kerl mit Carmen angestellt hätte.“ Sie warf einen hasserfüllten Blick auf den gefesselten Ringo, der seine Linke auf die Schussverletzung an der rechten Hand presste. Dann schaute sie zu der Leiche. Hasserfüllt sagte sie: „Schade, dass du den erschossen hast und nicht den anderen. Er hat im Grunde gar nichts getan. Ich hatte das Gefühl, dass ihm das alles peinlich war. Er hat uns angesehen wie ein trauriger Hund. Und ganz zum Schluss sah es aus, als wollte er sich gegen seinen Kumpan stellen. Na ja, schließlich hatte er mitgemacht. Du konntest sicher nicht lange zielen, Darling.“

Er hat sehr gut gezielt, dachte Old Zack, und ein Kribbeln lief über seine Schulterblätter. Zwei Volltreffer. Warum hat er nicht zuerst auf den anderen geschossen?

Warum hat er den anderen am Leben gelassen?

„Es ging alles verdammt schnell“, sagte Old Zack. „Nicht wahr, Thomas, da kann man sich nicht lange überlegen, welchen der Banditen man zuerst aufs Korn nimmt, oder?“

Harper lächelte. Seine Augen leuchteten triumphierend.

„Will ich nicht mal behaupten“, erklärte er gelassen. „Es kommt immer auf die Situation an, was man als erstes macht. Außerdem...“

Er brach ab und ruckte herum.

Hufschlag näherte sich.

Und dann tauchten Reiter zwischen den Büschen jenseits des Bachlaufs auf.

Harper feuerte sofort.

„In Deckung“, schrie Old Zack und riss seinen Colt aus der Halfter.

Die Mädchen warfen sich zu Boden, und selbst Ringo Madison ließ sich einfach fallen.

Wieder donnerte Harpers Revolver. Dreimal, viermal.

Zwei Reiter stürzten getroffen aus den Satteln. Ein dritter sackte über dem Sattelhorn zusammen. Das Pferd ging durch.

Ein reiterloses Pferd jagte durch den Bach.

Harper schoss abermals.

Das Pferd brach zusammen, bäumte sich noch einmal auf und blieb dann auf der Seite liegen. Das Wasser des Baches färbte sich rot vom Blut.

In Panik hetzten die anderen Pferde davon. Der Hufschlag verklang.

Harper lud seinen Revolver auf.

„Das waren bestimmt Kumpane von den beiden“, sagte er mit ruhiger Stimme, als hätte ihn dieses blutige Zwischenspiel überhaupt nicht berührt. „Jetzt haben wir Ruhe, glaube ich. He, Mädchen, was ist los? Jetzt können wir einen Kaffee gebrauchen.“ Er lachte. Zu Tilly, in deren Augen sich der Schock über die Ereignisse der letzten Minuten spiegelte, sagte er: „War ein prächtiges Feuerwerk, Baby. Was hältst du davon, wenn wir uns ein bisschen auf dem Wagen erholen?“

Tilly nickte wie in Trance.

Und Old Zack überlief es heiß und kalt.

*

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DIE SCHÜSSE AUF DER Main Street von Alice verstummten.

„Verdammt, der Sternträger hat es geschafft“, sagte einer von Madisons Männern.

„Das nützt ihm nicht viel“, meinte ein anderer. „Die leben nicht mehr lange. Jetzt gibt der Boss ihnen Zunder.“

Mark Madison hielt seine Tochter im Arm.

„O Dad“, sagte Mary Ann mit tränenerstickter Stimme. Bin ich froh, dass du mich gerettet hast.“ Sie kam sich selbst schäbig vor, aber sie musste diese Rolle spielen.

Mark Madison strich seiner Tochter eine Haarsträhne aus der Stirn. Eine väterlich zärtliche Geste.

„Kind, warum musstest du auch so einen Unfug machen und einfach ausreißen. Ich meine es doch nur gut mit dir.“

„Ja, du meinst es gut mit mir. Vater, es tut mir leid...“

„Schon gut, Mary Ann. Das werden mir die Kerle noch büßen. Ich werde sie fertigmachen. Ich werde in dieser Stadt aufräumen. Ich werde...“

Sie erschrak, als er sich in Wut redete. Ihr Entschluss, sich gegen den Vater zu stellen, wurde noch bestärkt.

Es wurde Zeit, dass dieser Tyrann zur Vernunft gebracht wurde.

„Mir ist so schlecht“, stieß sie hervor und klammerte sich wie hilfesuchend an ihren Vater.

„Geh in den Saloon, mein Kind. Laß dir etwas zu trinken geben. Und bleib dort. Hier kann ich dich sowieso nicht in der nächsten Stunde gebrauchen. Ruh dich etwas aus. Bald reiten wir nach Hause. Wenn hier alles vorbei ist...“ Er schob sie sanft von sich. „Will, bring sie rüber in den Saloon und kümmerte dich um sie.“

Mary Ann ließ sich von dem jungen Cowboy namens Will über die Main Street führen.

Wenn hier alles vorbei ist, dachte sie. Wenn Pete, dieser John Bennett und der Sheriff tot sind...

Mein Gott, wie kann mein Vater so etwas tun! Ich muss es verhindern!

Ein entschlossener Zug kerbte sich um ihre jungen Lippen.

*

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SIE HATTEN MIT DEM Schreibtisch die Tür verbarrikadiert.

John, Pete und der Sheriff hielten Revolver in den Fäusten. Gewehre und Munition standen griffbereit.

Pete und John hatten links und rechts vom Fenster Stellung bezogen, der Sheriff hockte hinter dem Schreibtisch im toten Winkel zur Tür.

„Jetzt heißt es abwarten, was Madison für eine Teufelei ausheckt“, sagte Masters und zog nervös an seiner Pfeife.

John spähte vorsichtig aus dem Fenster.

„Er hat Mary Ann gehen lassen. Sieht so aus, als hielte er jetzt Kriegsrat.“

John warf Pete einen Blick zu.

„Wer ist dieser Kenwood, von dem sich Mary Ann Hilfe erhofft?“

Petes Wangen färbten sich.

„Der Nachbar der Madisons. Er soll sie heiraten. Sie kann ihn aber nicht ausstehen. Und jetzt will sie hinreiten...“

John bemerkte den Aufruhr der Gefühle des Jungen.

„Pete, sie ist ein tapferes Mädchen. Sie wird es schaffen...“

Henry Masters paffte an seiner Pfeife.

„Ich bin ja von Natur kein Pessimist“, sagte er, „aber ich glaube nicht, dass sie es schaffen kann. Kenwood hält bestimmt zu Madison. Was hat er von uns zu erwarten? Nichts. Madison dagegen hat ihm die Tochter versprochen...“

Schweigen breitete sich aus.

Die Stille war lastend. Auch von draußen drangen keine Geräusche ins Office.

Die Männer hingen ihren Gedanken nach.

Das Warten zerrte an ihren Nerven.

Warten worauf?

Auf den sicheren Tod?

Es war beinahe wie eine. Erlösung für die drei Eingeschlossenen, als Madison den Befehl zum Angriff gab.

Gewehre und Revolver krachten in hämmerndem Stakkato.

Ein wahrer Kugelregen raste auf das Sheriffs Office zu. Blei aus unzähligen Waffen bohrte sich in die Tür, jagte durch das Fenster, klatschte in die Fassade.

John grinste Pete, der blass geworden war, aufmunternd zu.

„So schaffen sie es nicht. Da müssen sie sich schon etwas anderes einfallen lassen.

In einer Feuerpause riskierte John einen Blick nach draußen. Sein Kopf zuckte gedankenschnell zurück, als ein Schuss peitschte und das Blei haarscharf an seinem Kopf vorbei ins Office zischte.

Er hatte den Mündungsblitz gesehen. Der Schütze hockte auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses.

John fragte sich, wie sich die Bürger der Stadt verhalten würden. Wahrscheinlich hatten sich alle in ihren Häusern verkrochen und warteten auf das Ende des blutigen Schauspiels. Die Angst vor dem mächtigen Madison war zu tief in ihnen verwurzelt. Man hält nicht gern zu den Verlierern.

„Ich mache mir Vorwürfe“, sagte Henry Masters in Johns Gedanken hinein. „Wenn ich mich nicht so dämlich hätte überrumpeln lassen...“

„Unsinn“, entgegnete John. „Dadurch bin ich erst auf die Idee gekommen, dass Mary Ann uns helfen könnte.“

„Es ist alles sinnlos.“ Die Stimme des Sheriffs klang müde und resigniert. „Ich glaube nicht, dass wir lebend hier rauskommen.“

John lehnte sich neben dem Fenster an die Wand. Er lauschte. Die Stille beunruhigte auch ihn.

Die Dämmerung brach herein. Im Office nisteten schon die Schatten der Dunkelheit. Nur durch das kleine Fenster fiel ein grauer Lichtstreifen.

Unwillkürlich zuckten die Männer zusammen, als Madisons dröhnende Stimme ertönte:

„Sheriff Masters! Hör mir gut zu! Du hast dich auf die falsche Seite gestellt, als du dich mit den Mördern meines Sohnes zusammengetan hast. Jeder in der Stadt hier hat Verständnis, dass ich die Herausgabe des Mörders fordere. Ich mache dir ein letztes Angebot. Ein sehr großzügiges Angebot: Übergib mir diesen John Bennett, der Ted erschossen hat. Dann lasse ich diesen verdammten Pete Springfield und dich ungeschoren. Wenn nicht, dann zünde ich deinen Bau an, und ihr müsst alle drei dran glauben. Du hast die Wahl, Masters! Überleg dir deine Entscheidung gut. Ich gebe dir fünf Minuten!“

„Du bist ein Verbrecher, Madison!“ Henry Masters Stimme zitterte, „eine Bedrohung für diese Stadt. Schon lange hast du versucht, deine Macht hier zu demonstrieren. Bisher noch mit halbwegs legalen Mitteln. Jetzt hast du die Maske fallen gelassen und zeigst dein wahres Gesicht. Du trittst das Gesetz mit Füßen. Deine Losung heißt Terror und Gewalt. Ich müsste mich anspucken, wenn ich mich deinem Gesetz beugen würde. Dir bleibt keine andere Wahl, als auch den letzten Schritt zu tun und mich zu töten. Dann werden die Menschen in der Stadt wissen, woran sie mit dir sind. Dann bist du am Ende, Madison!“

„Du deckst einen Mörder!“, schrie Madison zurück. „Du hast den Stern nicht mehr verdient. So denken alle in der Stadt.“

Er machte eine Pause und fuhr dann spöttisch fort: „Und was deine sogenannten Zeugen anbelangt Masters, auf die kannst du nicht mehr zählen. Wir haben sie befragt. Eingehend. Vor allem Smitty. Er sagte, dass der Fremde zuerst geschossen hat. Na, was hältst du davon?“

Henry Masters tauschte mit John einen Blick.

„Dieses Schwein“, murmelte Masters. „Er hat Smitty unter Druck gesetzt.“

Laut rief er: „Ich glaube dir nicht, Madison. Ich will mit Smitty sprechen. Er soll mir diese Lüge ins Gesicht sagen.“

Madison lachte dröhnend.

„Dazu ist er im Augenblick nicht fähig. Er ist unglücklich gefallen. Der Doc flickt ihn gerade zusammen. Ich wette, dass er sich an gar nichts mehr erinnern wird, falls er noch mal aufwacht. Aber meine Jungs haben seine Aussage klar und deutlich gehört. Der Richter ist bereits informiert. Die Jury tritt morgen früh zusammen. Sie wird den Fremden zum Tode verurteilen, darauf kannst du dich verlassen.“

Henry Masters hatte unbewusst die Rechte geballt. Nervös kaute er auf dem Mundstück der kalten Pfeife herum. Seine Augen funkelten zornig.

John kämpfte gegen seinen Zorn an und zwang sich zum ruhigen Überlegen.

Madison hielt im Augenblick alle Trümpfe in der Hand. Er hatte Smitty mit Gewalt zu einer falschen Aussage gezwungen. Die anderen Zeugen waren wahrscheinlich so eingeschüchtert, dass sie ebenfalls in Madisons Sinn aussagen würden. Keiner wollte, dass es ihm so erging wie Smitty.

Er, John, war ein Fremder für die Stadt. John zweifelte nicht daran, dass die Jury kurzen Prozess mit ihm machen würde.

Morgen früh.

Bis dahin musste er sich etwas einfallen lassen.

„Frag ihn noch etwas aus“, raunte er Masters zu.

„Madison, du Hundesohn!“, rief der Sheriff. „Du hast Smitty unter Druck gesetzt. Damit kommst du nicht durch. Es gab noch andere Zeugen...“

„Wir haben uns umgehört. Niemand hat etwas gesehen. Der Richter sagt auch, es wird ein fairer, aber wahrscheinlich sehr kurzer Prozess. Die Sache ist klar. Der Fremde hat meinen Sohn gekillt, und dafür wird er baumeln.“

„Zeit gewinnen“, sagte John leise zu dem Sheriff.

Masters schaltete sofort.

„Okay, Madison! Im Augenblick bist du am Drücker. Ich verlange für John Bennett eine faire Jury und eine ordentliche Verhandlung. Bis dahin steht er unter dem Schutz des Gesetzes. Zieh mit deinen Strolchen ab!“

Eine Zeitlang herrschte Stille. Gespannt warteten die Männer im Office auf Madisons Antwort.

Schließlich ertönte die dröhnende Stimme des Ranchers.

„Es freut mich, dass du Vernunft annimmst, Masters. Du als unser Vertreter des Gesetzes wirst dich doch nicht vor einen Mörder stellen. Du willst doch auch, dass Alice eine saubere Stadt bleibt.“ Seine Stimme wurde noch lauter, und seine Worte waren ganz offensichtlich an die Bürger von Alice gerichtet, die sich in ihren Häusern verkrochen hatten. „Wir alle hier wollen doch in Ruhe und Frieden leben. Alice ist eine schöne Stadt. Hier hält man auf Recht und Gesetz. Und wenn ein dahergelaufener Killer einen von unseren Söhnen ermordet, dann wenden wir uns alle geschlossen gegen dieses Unrecht. Wir alle haben dich zum Sheriff gewählt, Masters, und du warst bisher ein guter Sheriff...“

„Vorhin wolltest du mich umlegen!“, brüllte Masters zornbebend. „Du hast mich bedroht und wolltest das Office in Brand stecken. Du bist ein...“

„Aber, aber“, unterbrach Madison. „Es führt doch zu nichts, wenn wir uns gegenseitig Vorhaltungen machen. Wir beide stehen doch auf der Seite des Rechts. Ich gebe zu, dass ich etwas... äh... unbedacht gehandelt habe. Aber das musst du doch verstehen. Mein Sohn ist tot, und meine Tochter war in der Gewalt dieses... dieses... gemeinen Mörders. Da gehen einem trauernden Vater schon mal die Nerven durch.“

„Dieser Heuchler“, knirschte der Sheriff.

„Ein raffinierter Hundesohn“, murmelte John.

Madison fuhr fort: „Jetzt, Masters, da du eingesehen hast, dass es keinen Sinn hat, sich für einen Mörder zu opfern, wird alles seinen geregelten Gang gehen. Dieser Bennett ist bis zum Prozessbeginn Morgenvormittag dein Gefangener. Wir bleiben in der Stadt und passen auf, dass der Kerl nicht türmt. Wir helfen gerne dem Gesetz und...“

Er brach ab.

Reiter galoppierten von Norden in die Stadt.

John lauschte.

„Höchstens drei oder vier.“ Er tauschte mit Masters einen Blick. „Ob sie Mary Ann abgefangen haben?“

*

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ICH MUSS ES SCHAFFEN! Ich muss verhindern, dass Vater die drei umbringt! Immer wieder kehrten Mary Anns Gedanken zu den drei Männern im Sheriffs Office von Alice zurück.

Der alte Sheriff, ein gütiger braver Mann.

John Bennett, der große Fremde mit dem offenen, ehrlichen Blick.

Und Pete.

Vor allem an ihn dachte sie. Sie glaubte, noch seine Lippen auf ihrem Mund zu spüren, den liebevollen Ausdruck seiner Augen zu sehen, als er sie zum Abschied geküsst hatte.

Petes Schicksal und das der beiden anderen Männer lag in ihrer Hand.

Es war leicht für sie gewesen, aus der Stadt zu kommen. Unter dem Vorwand, nach ihrer Stute zu sehen, hatte sie sich von ihrem Begleiter, dem jungen Cowboy, trennen können. Niemand war ihr gefolgt, als sie die Stadt verlassen hatte. Die Aufmerksamkeit in der Stadt galt allein den drei Männern im Office.

Sie ritt im Galopp.

Noch etwa fünf Meilen bis zur Kenwood-Ranch.

Kenwood musste ihr helfen. Sie zweifelte nicht daran, dass der junge Kenwood ihr jeden Wunsch erfüllen würde, wenn sie ihn mit einem Versprechen köderte. Der Gedanke daran war ihr unbehaglich, und sie versuchte, ihn zu verdrängen.

Sie würde es schon irgendwie schaffen. Kenwood hatte rund vierzig Reiter auf seiner Lohnliste. Wenn er einen Trupp von vielleicht zwei Dutzend Mann in die Stadt schickte...

Und dann?

Ihre Gedanken drehten sich im Kreis.

Sie erschrak, als ihr plötzlich klar wurde, was sie vorhatte. Sie wollte gegen ihren eigenen Vater kämpfen!

Alles in ihr bäumte sich gegen diesen Gedanken auf, aber sie war realistisch genug, um sich einzugestehen, dass dies die Wahrheit war.

Pete retten, Hilfe holen, ja so hatte sie bisher gedacht. Doch plötzlich erkannte sie, dass dies nicht die volle Wahrheit war.

Sie wollte, dass ihr Vater zur Vernunft kam. Dass jemand seiner unstillbaren Machtgier Einhalt gebot, seinen Rausch stoppte.

Mark Madison... sie nannte ihn in Gedanken nicht einmal mehr Vater, kannte keine Grenzen mehr. Er war besessen von seinem Traum, der Größte zu sein. Absoluter Herrscher über Land und Menschen. Ein Tyrann, der glaubte, sich alles und jeden kaufen zu können. Mit Geld oder mit Gewalt.

In letzter Zeit immer öfter mit Gewalt.

Was ist das nur für ein Mensch geworden? dachte Mary Ann bitter. Mein Glück ist ihm egal. Er will, dass ich diesen schmierigen Kenwood heirate, damit er sein Imperium noch ausdehnen kann. Er will mich praktisch verkaufen...

Ihre Schultern verkrampften sich. Mit fester Hand hielt sie die Zügel. Sie war eine geübte Reiterin, und die Stute ein ausgezeichnetes Pferd.

Der Nachtwind kühlte ihre fiebernden Wangen.

Es war eine klare Nacht.

Das Mondlicht schimmerte silbern auf dem Wasser des Creeks zu ihrer Linken. Sie folgte dem Wasserlauf.

Und dann erschrak sie. Ihr Herzschlag schien auszusetzen.

Keine fünfzig Yards vor ihr war ein Reiter aufgetaucht. Er ritt zwischen einer Baumgruppe hervor, verstellte ihr den Weg. Eine schwarze Silhouette, die sich drohend auf sie zubewegte.

Die Stute wieherte.

Mary Ann zog in Panik an den Zügeln, wollte das Pferd herumreißen, die Flucht ergreifen.

Doch es war zu spät.

Eine Feuerlanze zuckte durch die Dunkelheit. Ein Knall. Eine raue Männerstimme.

„Stop!“

Unwillkürlich hatte sich Mary Ann über den Pferdehals geduckt. Die Kugel pfiff weit über sie hinweg. Es war nur ein Warnschuss gewesen, doch das Mädchen war zu überrascht und erschrocken, um die Situation nüchtern zu beurteilen.

Mein Gott, der schießt mich tot!, durchfuhr es Mary Ann.

Sie war vor Angst wie gelähmt.

*

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EH, WAS IST DENN HIER los?“ Old Zack zügelte das Gespann. Der schwere Wagen kam ächzend zum Stehen. „Macht Platz, Leute!“, rief Old Zack den Männern zu, die vor dem Sheriffs Office standen. „Hier kommen Tilly und die Golden Girls! Die heißeste Schau, die Alice je gesehen hat.“

Er nahm sein Gewehr und kletterte ächzend vom Kutschbock. Im nächsten Augenblick erstarrte er.

Er blickte in eine Revolvermündung.

„Was... was... soll das?“, stammelte er.

„Troll dich, Opa“, sagte der Mann mit der Waffe. „Fahr zum Hotel oder zum Saloon, hier können wir dich nicht gebrauchen!“

„Aber hier ist doch das Sheriffs Office“, sagte Old Zack.

„Eben darum“, erwiderte der Mann mit dem Revolver. „Fahr weiter.“

„Aber wir wollen doch zum Sheriff, um...“

„Interessiert mich nicht“, unterbrach ihn der Mann schroff. „Der Sheriff ist gerade verhindert. Wegen deiner Schau kannst du morgen mit ihm sprechen.“

Ein großer wuchtiger Mann überquerte die Straße. Er warf einen Blick auf den Wagen und stapfte auf Old Zack zu.

„Was ist los?“, fragte er herrisch.

„Mr. Madison“, antwortete der Mann mit dem Revolver. „Der verbaut uns hier die Sicht auf das Office. Ich hab' ihm gesagt, er soll verschwinden.“

Madison musterte Old Zack.

„Ah, Sie sind das. Man hat mir Ihre Ankunft schon gemeldet. Ich habe Posten vor der Stadt...“

Madisons Kopf ruckte herum, als ein Geräusch aus dem Wageninnern drang. Es klang wie ein unterdrücktes Husten. Dann ein Poltern. Schließlich das schrille, gekünstelte Lachen einer Frau.

Old Zack spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach.

Madison.

Ihr Gefangener hieß Madison. Mein Vater wird euch fertigmachen!, hatte Ringo Madison auf dem Weg zur Stadt immer wieder gesagt.

Jäh erkannte Old Zack, in welch gefährlicher Situation er sich befand. Von dem Sheriff war offensichtlich keine Hilfe zu erwarten. Es sah ganz so aus, als belagerte dieser Madison mit seinen Männern das Office...

In diesem Augenblick bedauerte Old Zack, dass er darauf bestanden hatte, Ringo Madison in Alice dem Gesetz zu übergeben. Er hätte zulassen sollen, dass Harper ihn erschoss.

Madison trat an den Wagen und zog die Plane zur Seite.

Old Zack stockte der Atem.

Der Schein der Laterne neben dem Office fiel auf zwei Frauengesichter. Tilly und Rosalie streckten die Köpfe aus dem Wagen.

„Hallo, Süßer“, gurrte Tilly.

Old Zack bewunderte die Kaltblütigkeit seiner Tochter.

Rosalie sagte nichts. Sie blickte Madison nur aus großen Augen an.

Irgendeines der Mädchen im Hintergrund kicherte.

„Hallo“, sagte Madison. „Na, wieviel Girls seid ihr denn?“

Tilly reckte sich herausfordernd.

„Sechs“, erklärte sie lächelnd, „wenn man unseren Manager dazuzählt.“

Madison lachte. Er ließ seinen Blick über Rosalies Kurven gleiten.

„Eine geballte Ladung“, sagte er aufgeräumt. Er trat noch näher an den Wagen heran, warf einen Blick in das dunkle Innere. Er konnte die Umrisse von zwei weiteren Mädchen erkennen, die hinter Tilly und Rosalie kauerten. Mehr sah er nicht.

„Ihr wollt also in Alice tanzen“, sagte Madison. „Das trifft sich prächtig. Morgen steigt hier nämlich eine große Feier. Da wird eure Schau genau das richtige sein. Ich wette, ihr bringt Leben in die Stadt.“

„Und wie“, sagte Tilly mit herausforderndem Augenaufschlag.

Madison grinste.

Er wandte sich an Old Zack.

„Fahr zum Hotel, Mister und quartier die Ladies dort ein. Jede erhält einen Drink auf meine Rechnung. Du auch.“

Old Zack atmete auf.

Hastig kletterte er auf den Kutschbock.

Madison schaute dem Planwagen nach, als er weiterfuhr und schließlich vor dem Hotel hielt.

„Golden Girls“, murmelte er. „Jungs, morgen machen wir ein Fass auf. Die ganze Stadt wird feiern, nachdem wir diesen Hundesohn aufgeknüpft haben.“

Er wandte sich an einen seiner Reiter.

„Ist Ringo mit den anderen immer noch nicht eingetroffen? Verdammt, möchte wissen, wo der Bengel sich so lange rumtreibt.“

*

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DER HINTERHOF LAG IM tiefen Schatten.

John kauerte sich hinter den Flügel des offenstehenden Tores und lauschte.

In der Ferne kläffte ein Hund, dann herrschte wieder Stille.

John wusste, dass in der Gasse jenseits des Tores Madisons Wachen postiert waren.

Er tastete nach einem Steinchen und schleuderte es in Richtung der Abfalltonnen.

Schritte.

John warf noch einen kleinen Stein.

„Was war das?“, fragte eine dumpfe Stimme. „Hast du das gehört, Jim?“

„Vielleicht ’ne Katze“, antwortete Jim gelangweilt. „Oder ’ne Ratte.“

John wiederholte das Spiel. Vorsichtig richtete er sich auf und zog seinen Remington.

Die Schritte näherten sich.

„Verdammt, da war es wieder“, sagte die dumpfe Stimme. Die Schritte verstummten. Der Mann musste dicht vor dem Tor stehen.

„Ich seh mal nach, Jim.“

„Du bist ein nervöses Hemd, Rob. Tu, was du nicht lassen kannst.“

John hörte, wie Rob sich in Bewegung setzte. Er wartete, bis der Mann zwei Schritte in den Hof machte und dann stehenblieb.

John glitt lautlos hinter dem Torflügel hervor. Mit einem langen Satz war er bei dem Mann, der in den dunklen Hinterhof starrte, und schlug zu.

Ohne einen Laut brach der Mann zusammen. John fing ihn auf und ließ ihn zu Boden gleiten.

„Na, was ist?“, fragte Jim. „Katze oder Ratte?“

John schätzte nach dem Klang der Stimme, dass Jim links neben dem Tor stand.

„Hmm“, brummte er undeutlich.

„Du bist mir ein Typ“, sagte Jim. „Ich wette, du hast Angst, dass einer unserer Freunde über den Hof schleicht. Das wäre doch Selbstmord. Sowie einer im Tor auftaucht, knipsen wir ihn ab, wie es der Boss befohlen hat. Komm jetzt, rauchst du eine mit?“

John setzte alles auf eine Karte. Er musste auch den zweiten Mann lautlos ausschalten. Nur das Überraschungsmoment konnte ihm dabei helfen.

Langsam schritt er durch das Tor in die dunkle Gasse hinaus. Und er hatte unglaubliches Glück.

Jim drehte sich gerade eine Zigarette. Sein Gewehr lehnte an der Wand.

Drei Schritte.

Als Jim aufblickte, war John mit einem wahren Panthersatz bei ihm. Ein erschrockener Laut drang aus der Kehle des Mannes, zu einem Schrei reichte es nicht mehr.

Der Schlag mit dem Revolverkolben löschte sein Bewusstsein aus.

John lud sich den Mann auf die Schulter, hastete über den Hof. Der Mann war schwer, und Johns Atem ging keuchend.

„Du hast es also geschafft“, empfing ihn Henry Masters.

John grinste.

„Reine Glückssache. Madison hat zwei ausgesprochene Dummköpfe am Hintereingang postiert. Die sind ihr Geld nicht wert. Schnell jetzt. Pete, du holst die Waffen dieser Helden. Wir sperren die beiden in die Zelle. Fesseln und knebeln sie, damit sie keinen Alarm schlagen, wenn sie wach werden.“

John eilte bereits wieder auf den Hof zurück, um den bewusstlosen Rob ins Gefängnis zu bringen.

Pete folgte ihm auf dem Fuß.

„Beeil dich“, raunte John, während er sich Rob auf die Schulter wuchtete.

„Niemand zu sehen“, sagte Pete atemlos, als er mit den Gewehren zurückkam.

„Wir verschwinden alle drei“, schlug John vor. Er blickte Masters an. „Über die Main Street können wir uns nicht wagen. Dort laufen wir Madison und seinen Kerlen in die Arme. Aus der Stadt kommen wir auch nicht raus. Weißt du ein Versteck, Henry? Wohin führt die Gasse?“

„Nach rechts zur Main Street, und nach links...“ Die Pfeife in seinem Mund wippte auf und ab. „Das ist die Idee! Ich führe euch auf einem Schleichweg zum Hotel. Da wird uns niemand vermuten.“

*

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UNENDLICHE ERLEICHTERUNG durchströmte Mary Ann. Sie atmete tief aus.

„Vince, Sie sind’s! Und ich hatte eine Heidenangst vor Ihnen.“

Madisons Cowboy lachte. „Um ehrlich zu sein, Miss Madison, mir war auch nicht ganz wohl in meiner Haut. Ich hielt Sie für einen Mann. Und nach allem, was geschehen ist...“ Er presste eine Hand auf die Hüfte und stöhnte auf.

„Sie sind ja verletzt!“, stieß Mary Ann hervor.

„Ein Kratzer“, sagte Vince. Und dann erzählte er, was sich am Creek abgespielt hatte. „Als wir die Schüsse hörten, ritten wir los. Sie empfingen uns mit Blei. Der Vormann lag am Boden. Wahrscheinlich tot. Was sie mit Ringo gemacht haben, weiß ich nicht. Es ging alles so rasend schnell. Einer der Kerle schoss wie wild auf uns. Ich konnte als einziger entkommen.“

Mary Anns Gedanken wirbelten durcheinander. Zu vieles war in den letzten Stunden auf sie eingestürmt. Es fiel ihr schwer, diese neuen Nachrichten zu verarbeiten und in das Gesamtbild einzuordnen. Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu Pete und den beiden anderen Männern im Office von Alice zurück.

„Wir müssen schnell was unternehmen!“ Die Stimme des Cowboys riss sie aus ihren Gedanken.

„Ein Planwagen war das?“, fragte sie verstört. „Mit Mädchen?“

„Ja. Und zwei Kerle waren dabei. Ist ’ne Art Tanztruppe oder so. Ringo sagte: Die sehen wir uns mal an. Wir blieben zurück. Als wir dann die Schüsse hörten, ritten wir sofort los. Geradewegs in einen Kugelhagel...“

Er brach ab und musterte das Mädchen. Der Schein des Mondes spielte über ihr bleiches Gesicht.

„Wir hätten längst in der Stadt sein sollen. Ist da alles glatt gelaufen? Warum reiten Sie hier wie der Teufel...“

„Ich soll Hilfe holen“, antwortete Mary Ann ausweichend.

„Hilfe? Aber...“

„Sagen wir besser Verstärkung.“ Mary Ann wich dem Blick des Cowboys aus. „Von der Kenwood Ranch. Am besten begleiten Sie mich. Ihre Verletzung muss behandelt werden.“

Sie nahm die Zügel ihrer Stute auf und ritt an.

Der Cowboy folgte ihr.

Er hatte Mühe, das Tempo mitzuhalten.

Mary Ann holte das letzte aus ihrer Stute heraus.

*

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JOHN LEGTE WARNEND einen Finger auf die Lippen.

Die drei Männer hielten den Atem an. Sie standen dichtgedrängt in einer Nische, die als Abstellecke für Besen und sonstiges Gerät diente. Es roch nach einer Mischung aus Öl und Seife. John zog den schweren Vorhang ein Stück zur Seite und spähte in die Hotelhalle.

Eine seltsame Prozession schritt gerade die Treppe hinauf. Mädchen und zwei Männer. Die Mädchen trugen alle die gleichen Kleider, und John fiel ein, dass sie vor einiger Zeit, als sie noch im Office eingeschlossen waren, das Rumpeln eines Wagens gehört hatten.

Das musste die Tanztruppe sein, von der Masters gesprochen hatte.

Und Harper.

Johns Haltung spannte sich.

Eines der Mädchen trat zur Seite und gab den Blick auf die beiden Männer frei. Sie schleppten ein schweres, langes Paket, das in Segeltuch eingeschlagen und mit Stricken verschnürt war. Der kleine, alte Mann mit dem roten Bart keuchte unter der Last.

John konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf den anderen.

Es traf ihn wie ein Fausthieb in die Magengrube.

Masters hatte nicht übertrieben.

Das musste Harper sein. Der Mörder seiner Braut. Die Bestie, die den Tod auf die kleine Farm im Green River Valley gebracht hatte. Die Beschreibung passte zu gut.

John preßte die Lippen aufeinander.

In diesem Augenblick waren Madison und alles andere vergessen. Die Erinnerung an Barbara stach ihm ins Herz. Wieder sah er diese entsetzliche Szene vor sich, glaubte, das sterbende Mädchen in seinen Armen zu halten, ihre letzten Worte zu hören: „Harper Harper...“

Kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

Er war am Ziel.

Das spürte er mit jeder Faser seines Herzens.

Aus engen Augen verfolgte er den Weg der Mädchen und Männer. Der pickelgesichtige Hotelclerk trug Hutschachteln die Treppe hinauf.

„Passt auf die Requisiten auf!“ hörte John eine helle Frauenstimme sagen. Eines der Mädchen kicherte.

Dann verschwanden sie aus Johns Gesichtskreis.

Ein Schlüsselbund klirrte. Eine Tür klappte. Schritte verloren sich.

„In Ordnung, Mister Harper“, hörte John den Clerk sagen.

Er wartete, bis der Junge pfeifend die Treppe herunterkam. Wahrscheinlich hatte er ein saftiges Trinkgeld bekommen. Er verschwand hinter der Rezeption.

„Wir gehen nach oben“, flüsterte John. „Henry, du kennst dich hier aus. Übernimm die Führung.“

Sie gelangten unbemerkt in den ersten Stock. John glitt über den Gang und lauschte an den Türen.

Hinter drei Türen hörte er Geräusche und Stimmen. Im vierten Zimmer schien alles still zu sein. John probierte den Türgriff. Abgeschlossen.

Er warf Masters und Pete einen Blick zu und zog seinen Remington. Die anderen folgten seinem Beispiel.

„Passt auf“, raunte John. „Wir sind auf der Flucht. Wir appellieren an ihr Mitleid. Vielleicht gewinnen wir ihr Vertrauen, und sie geben keinen Alarm. Henry, nimm deinen Stern ab. Ein Mann wie Harper könnte allergisch darauf reagieren.“

John holte noch einmal tief Luft. Dann öffnete er auf gut Glück eine der drei Türen, hinter denen er Harper und die Mädchen vermutete.

Das Zimmer war leer.

John hörte Stimmen aus dem Nebenzimmer. Die Verbindungstür stand halb offen. Ein schwacher Lichtstreifen fiel in den Raum.

John glitt lautlos zum Nebenzimmer. Masters und Pete folgten ihm. Alle hielten Revolver in den Fäusten.

John betrat das Zimmer.

*

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SIE WAREN ALLE IN DIESEM kleinen Raum versammelt. Fünf Mädchen: und zwei Männer. Die Männer knieten am Boden und beschäftigten sich mit dem Segeltuchpaket. Köpfe ruckten zu John herum. Entsetzte Frauengesichter. Die Szene wirkte wie eingefroren. Totenstille.

Auch die beiden Männer waren von Johns plötzlichem Auftritt geschockt. Sie starrten ihn an wie einen Geist.

John lächelte.

Demonstrativ steckte er seine Revolver in die Halfter.

„Hallo, Ladies und Gentlemen“, sagte er freundlich und registrierte aus dem Augenwinkel, dass Masters und Pete sich seitlich von ihm aufstellten. Sie hielten ihre Revolver noch im Anschlag.

Harper fing sich als erster.

„Was soll das?“ fragte er mit belegter Stimme. „Warum dringen Sie hier ein?“

Zum ersten Mal stand John dem Mann von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Er ist es! durchfuhr es ihn. Hass stieg in ihm auf. Aber er zwang sich, seine Gefühle nicht zu zeigen.

„Nur die Ruhe, Mister“, sagte John. Seine Stimme klang belegt. Er warf einen Blick zu den Mädchen, deren Augen die Furcht widerspiegelte. „Niemand will euch was tun. Wir haben selbst Sorgen genug. Banditen haben die Stadt besetzt. Wir sind ihnen gerade noch einmal entkommen.“

Die Mädchen atmeten auf. Harper entspannte sich sichtlich. Nur der Oldtimer mit dem roten Bart war immer noch wie erstarrt.

John trat einen Schritt näher auf ihn zu und lächelte entwaffnend.

„Kein Grund zur Sorge. Wir wollen nur, dass ihr uns versteckt. Hier sind wir im Augenblick sicher.“ Er wandte sich zu Pete um. „Verriegele die Türen.“

Als Pete sich in Bewegung setzte, fasste John wieder Harper ins Auge.

„Sie werden uns doch helfen, Mister...?“

„Harper“, beantwortete der Mann die unausgesprochene Frage.

„Bennett“, stellte sich John vor. Er wies mit dem Daumen über die Schulter. „Das sind meine Freunde.“

Harper grinste.

„Wenn die Ladies nichts dagegen haben, meinetwegen. Aber ich muss Ihnen gleich eines sagen, Bennett. Wir haben auch ein Problem.“ Er richtete sich auf und stieß mit der Stiefelspitze gegen das lange Segeltuchpaket. „Wir haben einen Gefangen.“

Im nächsten Augenblick zuckte John zusammen.

Ein Stöhnen drang unter dem Segeltuch hervor.

Harper hob die Schultern.

„Das Schwein hat uns überfallen. Wollte Carmen vergewaltigen. Wir hatten vor, ihn beim Sheriff abzuliefern, aber das ging nicht. Man ließ uns gar nicht erst ins Office.“

„Hier scheint der Teufel los zu sein“, krächzte der Oldtimer. „Jetzt haben wir den Kerl am Hals.“

„Ich hätte ihn genauso umlegen sollen wie den anderen“, sagte Harper kalt. „Aber du wolltest das ja nicht. Du hast uns die Sache eingebrockt. Vergiss das nicht, Old Zack!“

„Aber ich konnte doch nicht ahnen, dass wir dadurch in Schwierigkeiten kommen“, verteidigte sich Old Zack.

John sah den kalten Ausdruck von Harpers Augen. Ein Killer, dachte er. Ein kaltblütiger Mörder.

John zwang sich zu einem Lächeln.

„Ich schlage vor, wir schnüren das Paket mal auf. Sonst erstickt der Kerl noch.“

„Wäre nicht schade drum“, sagte Harper eisig.

Old Zack machte sich hastig daran, die Stricke zu lösen.

Die Mädchen hatten sich alle auf dem Bett niedergelassen. Sie tuschelten und flüsterten miteinander. Ab und zu warfen sie John einen neugierigen Blick zu.

John glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als Old Zack schließlich das Segeltuch zurückschlug und Ringo Madison zum Vorschein kam.

Ringo war gefesselt und geknebelt. Er bot einen erbärmlichen Anblick. Seine Augen blickten stumpf, und seine Brust hob und senkte sich unter gierigen Atemzügen. Er wäre wirklich um ein Haar erstickt.

John holte Tabak hervor und drehte sich eine Zigarette. Nach außen wirkte er ruhig, doch in seinem Innern tobte ein Aufruhr der Gefühle.

„Erzählen Sie, was passiert ist“, forderte er Harper mit ruhiger Stimme auf.

Harper berichtete. Er machte es knapp. John zweifelte nicht an der Richtigkeit der Story. Und er gab Harper einen Überblick von den Ereignissen in der Stadt.

„Wie der Sohn, so der Vater“, kommentierte Harper trocken. „Was machen wir jetzt? Am besten ist, wir bringen diesen Drecksack hier um und lassen die Leiche verschwinden. Dann sind wir aus dem Schneider und...“

„Nein.“ John schüttelte den Kopf. Er fixierte Harper. „Wir sind keine Mörder, oder?“

In Harpers Augen glomm es auf. Sekundenlang zeigte sich Misstrauen in seinen Zügen. Dann grinste er.

„Wir wären jedenfalls unsere Sorgen los“, meinte er leichthin.

Old Zack spürte die Spannung, die zwischen den beiden Männern herrschte. Er trat zwischen John und Harper, als müsste er einen Streit verhindern.

„Er hat recht, Harper.“ Er wies anklagend auf Ringo Madison. „Dieser Kerl ist ein Verbrecher. Er wollte Carmen vergewaltigen. Aber wir sind nicht seine Richter. Er gehört vor eine Jury. Aber im Augenblick können wir ihn als Druckmittel gegen seinen Vater einsetzen. Wenn das stimmt, was Mister Bennett sagt, dann will dieser Madison die Stadt in seine Hand bekommen. Ich kenne das Spiel. Ich selbst lebte mal in einer Stadt, die sich unter dem Terror eines größenwahnsinnigen Mannes duckte. Es war schlimm. Die Menschen getrauten sich nicht einmal mehr zu sagen, was sie dachten. Viele verkauften zu einem Spottpreis ihren Besitz und verließen die Stadt, um wenigstens ihre Haut zu retten. Deshalb meine ich, sollten wir tun, was wir tun können, um diesen Leuten hier zu helfen.“

„Amen“, sagte Harper spöttisch. „Du redest wie ein Wanderprediger. Und du vergisst, weshalb wir hier sind. Um Zaster zu verdienen.“ Er wandte sich an die Mädchen. „Nicht wahr, ihr Goldkinder? Wir sind doch hier, um diesen Säcken das Geld aus der Tasche zu ziehen, oder sehe ich das falsch?“

Keines der Mädchen gab eine Antwort. Harper spürte die bedrückte Stimmung und lenkte ein.

„Okay, okay, ich hab’s nicht so gemeint. Spielen wir also die edlen Ritter von Alice. Auftreten könnt ihr heute sowieso nicht mehr. Ich schlage vor, ihr legt euch etwas hin. Verteilt euch auf die beiden anderen Zimmer. Tilly, komm mal her!“

Sie erhob sich gehorsam vom Bett und ging zu ihm. Er riss sie in seine Arme und küsste sie vor aller Augen.

Old Zack blickte weg.

Harper lachte, als Tilly sich aus seiner Umarmung befreien wollte. Zu John gewandt sagte er: „Das ist die Chefin der Truppe. Eine kleine Wildkatze, die es gern hat, wenn man sie zähmt.“ Er ließ Tilly los.

Sie ging mit gesenktem Kopf an John vorbei und folgte den anderen Mädchen aus dem Zimmer.

John fing noch einen Blick der schwarzhaarigen Carmen auf. Ein Blick, der ihn zutiefst verwirrte. Ein kurzes Lächeln, dann warf sie den Kopf herum, dass ihre Haare flogen, und schritt stolz mit den anderen davon.

„Und jetzt?“

John brauchte einen Augenblick, um mit seiner Verwirrung fertig zu werden. Er sah Harpers grinsendes Gesicht vor sich, und das holte ihn in die Wirklichkeit zurück.

„Was machen wir jetzt?“, wiederholte Harper seine Frage.

„Wir können nichts anderes tun, als warten“, sagte John.

*

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DU KOMMST ZU MIR? Ich glaube, ich träume.“ Jonathan Kenwood half Mary Ann aus dem Sattel. Er hielt sie dabei fest umklammert, und sie hatte das Gefühl, als würden Krakenarme über ihren Körper tasten. Sein Atem roch nach Whisky, und er stieß beim Sprechen etwas mit der Zunge an.

Sie konnte Jonathan Kenwood nicht leiden.

Doch sie brauchte ihn.

Vance, der Cowboy, quälte sich aus dem Sattel. Die Hüftverletzung machte ihm zu schaffen.

„Er ist verletzt“, sagte Mary Ann und befreite sich sanft aus Jonathan Kenwoods Armen.

Der junge Kenwood lachte völlig unmotiviert.

„Er soll zu dem alten Toby gehen, drüben im Bunkhouse. Der schläft nur tagsüber. Wenn er nicht besoffen ist, wird er ihm helfen.“

Er nahm Mary Ann am Arm.

„Und jetzt gehen wir auf mein Zimmer. Es ist schön, dass du da bist, Baby.“

Mary Ann folgte ihm zum Ranchhaus. Als sie die Halle betraten, rief eine brüchige Stimme: „Bist du’s, mein Junge?“

„Ja, Pa. Schlaf nur weiter.“

„Ich hörte Hufschlag. Wer ist gekommen?“

„Besuch für mich, Pa. Bleib nur liegen und schlaf. Es ist alles in Ordnung.“ Der junge Kenwood zog Mary Ann hastig weiter.

„Der Alte geht mir auf den Wecker“, flüsterte er. „Er ist krank und schikaniert mich dauernd mit seinen Fragereien.“

Mary Ann hörte, wie der alte Kenwood einen Hustenanfall bekam.

Dann schloss sich die Tür hinter ihr.

Sie war mit Jonathan Kenwood allein.

Sofort zog Kenwood sie an sich, bedeckte ihr Gesicht mit feuchten Küssen.

Sie ließ es geschehen.

Wie eine hilflose Puppe lag sie in seinen Armen, und nur der Gedanke an Pete gab ihr die Kraft, nicht zu weinen.

Irgendwann merkte er, dass sie wie leblos war, dass sie nicht auf seine Leidenschaft reagierte.

„Was ist los, Baby? Bist du nicht gekommen, um dich mit mir zu amüsieren? Ich denke, wir beide...“

Jetzt konnte sie sich nicht mehr beherrschen. Ihre Augen wurden feucht. Sie schluchzte auf.

„Jonathan, du musst mir helfen. Es ist wegen Vater. Er ist wie wahnsinnig. Bitte, nur du kannst noch helfen bitte...“

Er ließ sie los, schritt zu dem Tisch. Er nahm die Whiskyflasche, entkorkte sie mit den Zähnen und nahm einen tiefen Schluck. Etwas Whisky rann über sein weiches Kinn. Er wischte den Alkohol mit dem Handrücken fort.

Seine Stimme klang plötzlich ernüchtert.

„Erzähle“, sagte er knapp.

Sie berichtete. Zuerst stockend, dann immer schneller.

Pete erwähnte sie mit keinem Wort.

Als sie geendet hatte, warf er den Kopf in den Nacken und lachte. Er lachte wie über einen besonders lustigen Witz.

Sie ging zu ihm, legte zögernd eine Hand auf seine Schulter.

„Bitte, Jonathan, hilf mir...“

Er stieß ihre Hand fort, wandte sich um, griff zur Flasche und nahm einen langen Zug.

Dann blickte er Mary Ann von oben bis unten an.

Abschätzend, fast lauernd.

„Bisher hast du dir nichts aus mir gemacht. Du hast mich abgewiesen wie einen dummen Jungen. Ich war dir nicht gut genug. Und jetzt soll ich dir auf einmal helfen?“

„Bitte, Jonathan...“

„Pete Springfield war mehr nach deinem Geschmack“, fuhr Kenwood spöttisch fort. „Frag ihn doch, ob er dir hilft!“

Mary Ann senkte den Kopf.

„Du weißt, dass er dazu nicht in der Lage ist. Ihr habt genug Reiter, um...“

„Um gegen deinen Vater in den Krieg zu ziehen? Gegen den großen Madison? Dass ich nicht lache! Ich hab’ nicht vor, mich und unsere Jungs in Stücke schießen zu lassen.“ Er hob theatralisch die Arme. „Ich nicht! Wie käme ich auch dazu?“

Hilflos ließ Mary Ann die Schultern sinken.

„Ich dachte — vielleicht hört er auf dich. Vielleicht kannst du ihn umstimmen?“

„Ich? Diesen größenwahnsinnigen Affen?“ Er lachte, als Mary Ann ihn anblickte. „Guck nicht so beleidigt, Mädchen. Ich konnte deinen Alten noch nie leiden. Aber ich war scharf auf dich. Deshalb habe ich mir nichts anmerken lassen.“

In Mary Ann stritten die Gefühle miteinander. Ihr Stolz begehrte dagegen auf, dass jemand ihren Vater beleidigte. Trotz allem war sie seine Tochter. Andererseits musste sie an Pete denken. Sie hatte sich vorgenommen, Jonathan Kenwood auf ihre Seite zu ziehen. Sie musste es schaffen, egal wie.

Egal wie?

In diesem Augenblick wurde ihr klar, wie sehr sie Pete liebte. Ja, sie war zu allem entschlossen. Dieser Gedanke verwirrte und beschämte sie. Sie erschrak über sich selbst.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. Es war ein wehmütiges Lächeln, und ihre Stimme klang spröde, als sie leise sagte: „Ich tue alles für dich, Jonathan, wenn du mir hilfst.“

Der junge Kenwood lachte.

„Ist ja prächtig.“ Er nahm noch einen Schluck Whisky. Dann fasste er wieder das Mädchen ins Auge, und Mary Ann errötete unter seinem Blick.

„Wirklich alles?“, fragte er.

Sie nickte.

Er trat zu ihr, zog sie in seine Arme. Etwas unbeholfen strich er über ihre Haare.

Mary Ann roch seinen Whiskyatem. Ihr Herz hämmerte.

Er fingerte an den Knöpfen ihrer Bluse.

Sie wusste, was kam, was kommen musste. Sie hatte es selbst herausgefordert.

Jonathan Kenwood zuckte zusammen, als die Tür aufging. Wie ein ertappter Junge ließ er Mary Ann los und räusperte sich.

Mary Ann schloss hastig ihre Bluse und drehte sich um.

In der Tür stand der alte Kenwood.

Ein magerer, weißhaariger Mann, vom Alter gebeugt. Er stützte sich auf einen Stock.

„Oh, Verzeihung, Jo, ich wollte nicht stören. Wusste nicht, dass dein Besuch eine Dame ist.“ Die bernsteinfarbenen Augen ruhten gütig und wohlwollend auf Mary Ann. „Noch dazu so eine nette. Ist das die Madison Tochter, von der du mir so oft erzählt hast?“

Jonathan lächelte glücklich.

„Sie ist es, Pa.“ Und dann erzählte er hastig, dass Mary Ann ihn um Hilfe gebeten hatte.

Der alte Kenwood lauschte mit vorgeneigtem Kopf. Schließlich sagte er: „Sie sind ein tapferes Mädchen, Miss Madison. Ich wäre stolz, wenn ich solch eine Tochter hätte. Sie wollen verhindern, dass Ihr Vater weiteres Unrecht begeht. O ja, ich kenne Madison lange genug. Entschuldigen Sie, dass ich das sage, aber in letzter Zeit hat der Mann den Bogen reichlich überspannt. Er will alle in die Knie zwingen und seine eigenen Gesetze machen. Ich wusste, dass es irgendwann einmal zur Explosion kommen würde...“ Er wandte sich an seinen Sohn. „Jo, trommle schon mal die Jungs zusammen. Wir reiten zur Stadt.“

„Aber Pa, willst du tatsächlich mitkommen?“ Erstaunt blickte Jonathan Kenwood seinen Vater an.

„Jawohl, ich werde mitkommen und aufpassen, dass die Sache ohne Blutvergießen geregelt wird.“ Ein listiges Lächeln blitzte in seinen Augen. „Ich habe auch schon eine Idee, wie wir Madison auf die Finger klopfen können. Geh, Junge, und sorge dafür, dass wir in einer halben Stunde aufbrechen können. Ich leiste inzwischen der jungen Dame Gesellschaft.“

Jonathan warf Mary Ann noch einen begeisterten Blick zu, dann stürmte er aus dem Zimmer.

Der alte Rancher bot ihr Platz an und setzte sich zu ihr. Sie hatte Vertrauen zu Kenwood. Sein Blick war ehrlich, und er schien bis auf die Tiefen ihrer Seele zu dringen.

„Der Junge macht sich Hoffnungen“, stellte Kenwood sachlich fest.

Mary Ann nickte.

„Das ist meine Schuld. Ich habe...“

Kenwood nickte bedächtig, als sie hilflos verstummte. Er lächelte listig.

„Ich weiß, mein Mädchen, ich weiß. Ich bin ein schlechter, alter Mann. Ich habe an der Tür gelauscht.“

Erschrocken blickte Mary Ann ihn an.

Er zwinkerte ihr zu.

„Verraten Sie mich nicht, Miss Madison. Ich erzähle auch keinem, was ich gehört habe.“ Und dann fügte er fast gleichmütig hinzu: „Sie lieben diesen Pete sehr?“

„Ja woher wissen Sie das? Ich...“

Er legte seine feingliedrige Rechte auf ihre Schulter.

„Ich habe viel im Leben erlebt, Mädchen. Und ich bin noch nicht so verkalkt, dass ich drei und drei nicht mehr zusammenzählen könnte. Man hat mir erzählt, dass Sie mit Pete Springfield gehen. Einer meiner Reiter hat euch bei einem Rendezvous beobachtet. Er berichtete mir davon, damit ich meinen Sohn vor einer Dummheit abhalten könnte. Vor der Dummheit, sich lächerlich zu machen. Er sagte wörtlich: ‚So viel Zärtlichkeit habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Ihr Sohn sollte das Madison Mädchen so schnell wie möglich vergessen‘.“

Die klugen Augen des Ranchers musterten Mary Ann.

„Sie haben Pete Springfield vorhin mit keinem Wort erwähnt. Sie haben Angst um ihn, nicht wahr?“

Mary Ann nickte. Und dann schüttete sie dem alten Mann ihr Herz aus. Sie fühlte sich unendlich erleichtert, als sie geendet hatte.

Kenwood lächelte.

„Lassen Sie meinen Jungen ruhig noch ein bisschen schmoren. Aber wenn wir in der Stadt alles in Ordnung gebracht haben, müssen wir beide doch Farbe bekennen, meinen Sie nicht auch?“

Mary Ann gab ihm spontan einen Kuss auf die Stirn.

Der alte Mann bekam einen Hustenanfall.

„Ich danke Ihnen“, murmelte Mary Ann. „Hoffentlich wird alles gut.“

Kenwood lachte. “Darauf gehe ich jede Wette ein. Dafür setze ich die nächsten dreißig Jahre meines Lebens.“

*

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JOHN SCHRECKTE AUF. Er war im Sitzen eingenickt.

Auf der Main Street wurden Stimmen laut. Grölen und Johlen drang aus dem Saloon.

Harper und Masters standen am Fenster und blickten auf die Straße hinunter. Pete hockte bleich und übernächtigt auf der Bettkante. Der Gefangene schlief schnarchend. Old Zack war im Nebenzimmer.

„Ich habe es mir gedacht“, sagte Sheriff Masters, als John hinter ihn trat. „Madison will nicht bis zur Verhandlung warten. Er setzt die Leute unter Alkohol und hetzt sie auf. Er stachelt den Mob an, und sobald der erste etwas von Lynchen grölt, werden die anderen angesteckt. Madison hält sich im Hintergrund und reibt sich die Hände, dieser Drecksack!“

John sah, wie zwei Betrunkene grölend aus dem Saloon kamen. Schwankend überquerten die beiden die Straße.

„Hängt sie auf!“, schrie der eine.

„Nieder mit dem Rattenpack!“, brüllte sein Kumpan.

Aus dem Saloon war ein Durcheinander von Stimmen zu hören.

„Noch haben sie das Fehlen ihrer beiden Wächter nicht bemerkt“, sagte John.

„Das wird nicht mehr lange dauern.“ Masters Stimme klang sorgenvoll.

„Ich weiß gar nicht, was ihr habt“, sagte Harper. „Wir sind doch am Drücker. Wenn dieser Madison was will, knallen wir seinen lieben Sohn ab...“

„Hier wird keiner abgeknallt“, sagte John scharf. Er blickte den grinsenden Mann kalt an. „Das wäre ein sinnloser Mord.“

Harper zuckte nur mit den Schultern.

„Wenn ihr was Besseres wisst...“

„Hängt sie auf!“, kreischte eine Stimme. „Hängt sie alle auf!“

Weitere Männer quollen aus dem Saloon. Einer zerschoss die Lampe vor dem Store. Irgendwo flog eine Flasche in ein Fenster. Glas klirrte. Das Lachen und Grölen steigerte sich. John glaubte, Madisons Bassstimme aus dem entfernten Stimmengewirr heraushören zu können.

Die Männer im Hotel konnten Madisons Worte nicht verstehen, aber sie waren überzeugt davon, dass Madison alles tat, um die Stimmung in seinem Sinne aufzuheizen.

„Jetzt hat er schon Leute aus der Stadt auf seiner Seite“, stellte Sheriff Masters betroffen fest. „Da vorne, der große Kerl mit der Schrotflinte, das ist der Schmied.“

John überlegte. In der nächsten Viertelstunde musste man zwangläufig ihre Flucht entdecken. Dann würden Madisons Leute die Stadt nach ihnen durchkämmen. Irgendwann musste man sie finden. Es würde zum Kampf und zu Blutvergießen kommen. Betrunkener, aufgehetzter Mob war nicht mit Vernunft zu bremsen.

Wenn man die Leute irgendwie ablenken konnte...

Eine Idee formte sich in Johns Hirn.

Er blickte Harper an.

„Sie wollten doch mit den Golden Girls Geld verdienen. Wie wär’s, wenn die Mädchen jetzt eine Sondervorstellung im Saloon gäben?“

Harper blickte verwundert.

„Jetzt? Wir haben doch schon fast drei Uhr. Und außerdem sind alle Kerle besoffen. Keiner wird einen Cent zahlen.

„Wieviel?“, fragte John nur.

Harper grinste.

„Hundert Dollar ist das mindeste...“

John drückte ihm dreißig Dollar in die Hand.

„Als Anzahlung. Den Rest könnt ihr bei den Zuschauern kassieren. Versucht, die Leute so lange wie möglich im Saloon festzuhalten. Schaffen das die Mädchen?“

„Klar“, erwiderte Harper. „Wäre nicht das erste Mal, dass sie vor Besoffenen auftreten. Und sollte es Schwierigkeiten geben“, er klopfte auf den Revolverkolben, „dann bin ich auch noch da.“

John tauschte einen schnellen Blick mit Masters.

„Ich würde nichts provozieren, Harper. Betrunkene sind unberechenbar.“

„Keine Sorge.“ Harper wies mit dem Kopf zu dem gefesselten Ringo Madison. „Okay, wir halten euch die Leute vom Hals. Dafür verlange ich als Gegenleistung, dass der da verschwindet.“

John nickte.

„Den werden wir mitnehmen.“

„Okay, dann sage ich den Girls Bescheid.“ Harper verschwand im Nebenzimmer. Kurz darauf tauchte Old Zack verschlafen in der Tür auf.

„Die Sache gefällt mir nicht“, meinte er. „Wenn alle so betrunken im Saloon sind, wie Harper sagt, dann ist das eine Gefahr für die Mädchen.“

John gab ihm recht.

„Es ist natürlich Ihre Entscheidung. Und die der Mädchen. Verlangen kann ich nichts, nur bitten. Eines muss Ihnen klar sein: Auch hier sind die Mädchen gefährdet. In der nächsten halben Stunde wird in der Stadt der Teufel los sein, wenn Madison weiterhin die Leute aufputscht.“

Wortlos wandte sich der Oldtimer ab. John hörte, wie er mit den Mädchen sprach. Sie waren offensichtlich nicht abgeneigt, zu dieser ungewöhnlichen Stunde aufzutreten.

Eines der Mädchen kicherte. Eine helle Stimme sagte: „Da haben wir schon ganz andere Dinger geschaukelt. Weißt du noch, als wir in diesem Kaff an der Grenze den Gottesdienst sprengten? Dabei haben wir nur sittsam in der letzten Reihe gesessen. Und keiner der Männer hörte mehr dem Reverend zu.“

John lächelte.

Sein Lächeln erstarb, als Harper zurückkam.

Er hasste diesen Mann abgrundtief, und er fühlte sich ohnmächtig, weil er nichts gegen ihn unternehmen konnte. Er hatte keinerlei Beweise. Harper hätte ihn ausgelacht, wenn er ihn des Mordes beschuldigt hätte.

„Alles okay“, sagte Harper mit einem spöttischen Lächeln. „Die Girls werden den Kerlen die Köpfe verdrehen. Dann denkt niemand mehr ans Lynchen. Ich würde euch raten, schnell aus der Stadt zu verschwinden. Übrigens — Vorsicht. Madison hat Posten am Trail nach Norden aufgestellt, wahrscheinlich auch im Süden.“

„Wir werden schon vorsichtig sein“, sagte Henry Masters. John sah, wie der Sheriff Harper mit funkelnden Augen anstarrte, und er wusste, dass Masters von den gleichen Gedanken geplagt wurde wie er selbst.

Aber was sollten sie tun?

Im Augenblick waren sie sogar auf Harpers Mithilfe angewiesen.

Harper hielt grinsend die Tür auf.

„Kommt, Kinder, zeigt euch den Gentlemen.“

Nacheinander spazierten sie durch das Zimmer. Der Anblick war wirklich sehenswert. Sie trugen alle die gleichen hautengen Trikots aus roter Seide. Vorne tief dekolletiert, hinten ausgeschnitten bis letzten Wirbel. Dazu schwarze Netzstrümpfe mit Strapsen und halbhohe Reitstiefel.

Die schwarzhaarige Carmen blieb kurz bei ihm stehen. Sie lächelte, und John verspürte ein prickelndes Gefühl.

„Sehen wir uns bald wieder, großer Mann?“, fragte sie.

„Ich hoffe es“, murmelte John. Er konnte den Blick nicht von ihr lösen.

Ihre nachtschwarzen Augen lockten ihn, zogen ihn in ihren Bann.

Carmen lachte dunkel.

„Ich auch“, sagte sie einfach, dann schritt sie mit wiegenden Hüften hinter den anderen her.

Die beiden nächsten Mädchen bemerkte John gar nicht. Dabei waren auch Rosalie und Maria in ihrem Kostüm eine Augenweide. Aber John war in Gedanken noch bei Carmen. Es war, als sei ein unsichtbarer Funke zwischen ihnen übergesprungen.

Erst als Tilly an ihm vorbeistolzierte, erwachte John wie aus einem Traum.

Es traf ihn wie ein Fausthieb.

Das Medaillon!

In Tillys Ausschnitt, zwischen den sanften Rundungen ihrer kleinen Brüste, glänzte ein Medaillon.

Ein goldenes Herz.

John war wie betäubt.

Er kannte das Medaillon. Er hatte es Barbara zur Verlobung geschenkt. Johns Selbstbeherrschung brach.

Mit einem Schritt war er bei Tilly, packte das Medaillon und drehte es herum.

„In Liebe, Dein John“ war auf der Rückseite eingeritzt. Darunter das Datum des Verlobungstages.

Die Schrift verschwamm vor Johns Augen. Er packte Tilly hart am Armgelenk. Ihren Aufschrei hörte er wie aus weiter Feme.

„Woher hast du das?“, keuchte er.

Im nächsten Augenblick war Harper neben ihm, riss ihn zurück.

„He, Freundchen, lass Tilly in Ruhe. Geh, Baby, los!“

Tilly blieb stehen. Sie spürte, dass tödliche Feindschaft zwischen den beiden Männern aufgeflammt war.

Johns Rechte schwebte dicht über dem Revolverkolben. Harper stand ebenfalls gespannt und breitbeinig da, bereit zum Ziehen. Seine Augen funkelten kalt.

„Wo hast du das her?“, wiederholte John seine Frage. Seine Stimme klang nur mühsam beherrscht.

„Thomas hat mir das geschenkt“, sagte Tilly hastig. „Was ist damit? Ich verstehe nicht...“ Sie zuckte mit den Schultern und lief eilig hinter den anderen Mädchen her, die bereits an der Treppe waren.

Harper lachte gekünstelt.

„Ja, ich hab’ meinem Goldstück das Herz geschenkt. Was dagegen?“

Die Blicke der Männer fraßen sich förmlich ineinander.

„Du heißt nicht John. Woher hast du das Medaillon?“

„Ach so, wegen der Inschrift? Hab’ das Ding vor langer Zeit mal irgendwo gefunden. Tilly stört es nicht, dass da ein anderer Name draufsteht. Was soll die Fragerei. Hast du das Medaillon etwa verloren?“

In John bäumte sich alles auf. Wenn Henry Masters nicht dazwischen gegangen wäre, hätte John zum Eisen gegriffen. Der Sheriff zog John zur Seite. Zu Harper sagte er: „Sie sollten jetzt gehen. Das andere hat noch Zeit.“

Harper starrte John noch einen Augenblick lang an, dann warf der trotzig den Kopf zurück.

„Okay, okay. Verstehe gar nicht, was die Aufregung soll.“ Dann verließ er den Raum.

John preßte die Fäuste gegen die Stirn.

„Mein Gott. Er ist es. Und ich habe ihn gehenlassen.“

Henry Masters legte eine Hand auf seine Schulter.

„John. Ich bin ein alter Mann. Ich habe das gleiche gedacht wie du. Aber ich habe eines im Leben gelernt: Selbstbeherrschung ist das wichtigste. Du hättest dich schuldig gemacht. Solange dieser Bastard alles ableugnet, kann ihn keine Jury der Welt verurteilen...“

„Aber das Medaillon...“ Ohnmächtige Wut verzerrte Johns Stimme.

„Du hast gehört, was er behauptet hat. Keiner kann ihm beweisen, dass er das Medaillon nicht gefunden hat.“

„Ich werde es beweisen“, presste John hervor. „Irgendwie muss ich das schaffen. Vielleicht hatte er doch Komplizen, obwohl wir damals nur die Spuren von einem Reiter fanden. Vielleicht gibt es Zeugen. Ich muss mit dieser Tilly sprechen. Möglich, dass er bei ihr etwas ausgeplaudert hat...“

„Das klingt schon besser, John.“ Henry Masters nickte. „Du wirst es schaffen, das spüre ich. Ich habe so lange auf den Tag der Abrechnung gewartet. Jetzt kommt es auf ein paar Stunden mehr oder weniger nicht mehr an.“

Er trat zum Fenster, zog die Gardine zur Seite und spähte auf die dunkle Main Street hinunter. Wieder waren Stimmen laut geworden. Pfiffe ertönten. Die Golden Girls verschwanden gerade im Saloon.

„He, Jungs, kommt alle in Smittys Schnapsbude!“ rief jemand. „Da gibt’s tolle Weiber zu sehen.“

„Nieder mit dem Rattenpack“, lallte ein Betrunkener, der sich wie hilfesuchend an einen Stützpfosten des Gehsteigs klammerte.

„Das kann warten“, johlte ein anderer Mann und torkelte über die Main Street. „Zuerst die Mäuschen...“

Minuten später war die Main Street verlassen.

Im Saloon begann ein Piano zu klimpern.

„Es scheint zu klappen“, sagte John.

*

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MADISON KOCHTE VOR Zorn. Das Auftauchen der Mädchen hatte seinen teuflischen Plan zunichte gemacht. Fast hatte er mit viel Alkohol und geschickten Hetzparolen die Leute soweit gehabt, dass sie das Jail stürmten. Niemand hätte ihn später verantwortlich machen können für das, was geschehen wäre.

Details

Seiten
500
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917956
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Februar)
Schlagworte
western sammelband romane immer hand colt

Autoren

  • Glenn Stirling (Autor:in)

    260 Titel veröffentlicht

  • Carson Thau (Autor:in)

  • Joachim Honnef (Autor:in)

  • Bill Garrett (Autor:in)

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Titel: Western Sammelband 4 Romane: Immer die Hand am Colt und andere Western