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GONDAR – die Götter der Urzeit #6: Ein Gott erwacht

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Grettir ist der Herr des Chaos und hat eine Reihe von Welten geschaffen, in denen er mit dem Leben experimentiert. Diese Welten sind von skurrilen Geschöpfe bevölkert, die sich untereinander ebenso bekämpfen wie sie gemeinsam gegen die eindringenden Menschen kämpfen.
Die Götter Soas und Fellahrd bringen den Knaben auf die Insel Lemu, wo er für seine künftigen Aufgaben erzogen wird. Nun ist Gondar zu einem erwachsenen jungen Mann herangewachsen.
Bevor er in die Riege der Götter aufgenommen wird, soll er sich als Kämpfer beweisen.
Isis weilt als einzige Göttin noch nicht auf Lemu. Die Gefahr, die Gondar bannen soll, betrifft auch sie selbst...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Ein Gott erwacht

Klappentext:

Was bisher geschah:

Personenregister

1 - Gondar

2 Spitzer

3 Gondar

4 Isis

5 Gondar

6 Isis

7 Leon

8 Gondar

9 Venner

10 Gondar

GONDAR – die Götter der Urzeit

Band 6

 

Ein Gott erwacht

 

Roland Heller

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Adelind nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Grettir ist der Herr des Chaos und hat eine Reihe von Welten geschaffen, in denen er mit dem Leben experimentiert. Diese Welten sind von skurrilen Geschöpfe bevölkert, die sich untereinander ebenso bekämpfen wie sie gemeinsam gegen die eindringenden Menschen kämpfen.

Die Götter Soas und Fellahrd bringen den Knaben auf die Insel Lemu, wo er für seine künftigen Aufgaben erzogen wird. Nun ist Gondar zu einem erwachsenen jungen Mann herangewachsen.

Bevor er in die Riege der Götter aufgenommen wird, soll er sich als Kämpfer beweisen.

Isis weilt als einzige Göttin noch nicht auf Lemu. Die Gefahr, die Gondar bannen soll, betrifft auch sie selbst...

 

 

 

 

 

 

Was bisher geschah:

 

Der Seher Barrak prophezeit die Geburt des Mächtigen Gondar in Borea. Gondar soll einst das Reich Mo zerstören und Mykos töten. Damit dies nicht geschehen kann, bereitet Mykos, der König von Mo, einen Krieg gegen Borea vor.

Die beiden Mächtigen Soas und Fellahrd – Götter für die Menschen – machen sich ebenfalls nach Borea auf, um Gondar zu suchen. Sie finden ihn in Grettirs Welt. Grettir jedoch hat seine eigenen Pläne mit dem jungen Gott und will ihn nicht so einfach kampflos den Herren der Ordnung übergeben.

Grettir ist der Herr des Chaos und hat eine Reihe von Welten geschaffen, in denen er mit dem Leben experimentiert. Diese Welten sind von skurrilen Geschöpfe bevölkert, die sich untereinander ebenso bekämpfen wie sie gemeinsam gegen die eindringenden Menschen kämpfen.

Die Götter Soas und Fellahrd bringen den Knaben auf die Insel Lemu, wo er für seine künftigen Aufgaben erzogen wird. Nun ist Gondar zu einem erwachsenen jungen Mann herangewachsen.

Bevor er in die Riege der Götter aufgenommen wird, soll er sich als Kämpfer beweisen.

Isis weilt als einzige Göttin noch nicht auf Lemu. Die Gefahr, die Gondar bannen soll, betrifft auch sie, denn sie ereilt ein Hilferuf über eines ihrer magischen Eier.

 

 

 

 

Personenregister

 

Gondar - Er ist ein Mächtiger

Soas - Er ist der Lehrmeister von Gondar

Grettir - Er ist der Gott des Chaos

Fellahrd, Isis, Algoli - Die Mächtigen unterstützen Gondar

Spitzer - Er will ein eigenes Reich errichten

Novad - Sein Bruder

Leon - Oberster Priestger von Arathen

Matti - Hauptmann in Novads Armee

Venner - Königin der Amazonen

Aurona - Offizierin in Venners Heer

Isis - Sie ist eine Mächtige

Ketan - Er ist der Gefährte von Isis

Mikido - Der Geier ist das Wappentier von Isis

 

 

Kapitelübersicht

 

01 Gondar

02 Spitzer

03 Gondar

04 Isis

05 Gondar

06 Isis

07 Leon

08 Gondar

09 Venner

10 Gondar

 

 

 

1 - Gondar

 

Die beiden Jungs tollten ausgelassen im Spiel am Strand herum. Ihre Holzschwerter kreuzten sich im Kampf auf Leben und Tod. Vor und zurück ging das Spiel, Vorteil und Nachteil wechselten regelmäßig. Der Schweiß stand beiden Jungen bald im Gesicht – und der Wille, unbedingt seinen Gegner niederzukämpfen und den Sieg zu erringen.

Mehrere Minuten bereits tobte schon der Kampf und bei beiden zeigten sich erste Ermüdungserscheinungen, doch an Aufgabe dachte keiner der beiden. Wie sie es bei den Großen abgesehen hatten, übertünchten sie ihre Schwäche durch freche Reden.

„Dein letzter Schlag war recht schwach.“

„Dir fällt auch bald das Schwert aus der Hand. Du kannst es ja kaum noch tragen. Spürst du schon, wie deine Hände schwach werden?“

„Das werde ich dir zeigen!“ Weit holte der Junge aus und hieb auf seinen Gegner ein, das heißt, er wollte. Der andere wich geschickt aus und der Schwung trug ihn nach vor. Er stolperte fast.

Sein Gegner nützte dies natürlich wie ein geübter Kämpfer aus. Sein Fuß stieß vor und verhakte sich zwischen den Beinen des anderen. Der stolperte jetzt tatsächlich und fiel der Länge nach hin.

Ein tiefes Grollen entrang sich dem Mund des Gefallenen.

„Du wagst es, einen Gott zu fällen?“, zischte er?

Das Spiel folgte den Vorgaben, so wie es die Jungs erlebt hatten, die mit Gondar zusammen aufgewachsen waren.

Als wäre der zweite Junge sich erst jetzt der Gefahr bewusst worden, warf er plötzlich sein Schwert fort. „Brenne mich nicht!“, flehte er plötzlich und sank auf die Knie. „Ich bin dein Freund!“

Der andere tat so, als müsste er überlegen, ob er seine Gnade gewähren sollte, dann sagte er: „Wozu bist du mir denn noch zunutze?“ Er spreizte seine Finger und richtete sie auf seinen Gegner.

„Lass ihn leben!“, tönte plötzlich eine herrische Stimme auf und die beiden Jungs wurden fast starr, blickte ehrfürchtig zu der Gestalt hoch, die neben sie trat.

Gondar. Der Gott.

In diesem Blick schien die Zeit zu erstarren und das Leben für einen Moment innezuhalten. Die Sonne stand hoch am Himmel mitten in einem nahezu wolkenlosen Himmel und schickte ihre wärmenden Strahlen auf die beiden Kämpfer nieder. Schweißperlen standen plötzlich auf den Stirnen der Jungs, doch dafür war weniger die pralle Sonne verantwortlich als der hochgeschossene junge Mann, der ihr Spiel bereits seit einiger Zeit heimlich mitverfolgt hatte, zuerst mit einem amüsierten Lächeln auf dem Gesicht, dann jedoch, je länger das Spiel währte, immer ernster werdend.

Die beiden Jungs harrten wie zu einer Säule erstarrt an ihrem Platz aus.

„Er hat dich in einem regulären Wettstreit besiegt“, sagte die Stimme zu dem Jungen, der in dem Spiel die Rolle des Gottes übernommen hatte. „Weshalb solltest du ihn also trotzdem töten?“

Die beiden Jungs nickten nur mit ihren Köpfen, gaben allerdings keine Antwort. Sie waren nahezu vor Ehrfurcht erstarrt und brachten keinen Ton heraus. Dann rafften sie schleunigst ihre Spielsachen zusammen und liefen am Strand entlang, fort aus der Reichweite des gewaltigen Gottes. Selbst nach den Jahren der Kindheit wussten die spielenden Kinder nie, wie der Gott reagieren würde.

„War ich wirklich so schlimm?“, fragte sich Gondar laut. In seiner Stimme klang jedoch eher Verwunderung als Schuldbewusstsein mit.

„Mehr als das“, sagte Soas. „Es hat lange gedauert, dich so weit zu beruhigen, dass du nicht gleich jeden mit deinen Blitzen verbrannt hast, der dir widersprochen hat“

„Die Kinder spielen es regelmäßig. Ich beobachte sie immer wieder.“

„Sie spielen das, was ihre Eltern regelmäßig erlebt haben. Die Jungs vor allem, aber auch einige Mädchen, mit denen du aufgewachsen bist, die nur wenige Jahre älter waren, die Gleichaltrigen, und diejenigen, die ein paar Jahre jünger waren. Sie alle hatten einen Spielkameraden, mit dem sie nicht spielen konnten, weil sie nie wussten, ob sie am Abend noch leben würden.“

„Jetzt übertreibst du.“

„Gondar, für sie war es genau so, als hättest du sie getötet. Manche müssen mit ihrem Brandmal ihr Leben lang leben und zurechtkommen.“

„Dennoch spielen sie es? Hat sich der Makel denn in ein Zeichen der Ehre gewandelt, das zeigt, dass man mit einem Gott gespielt hat?“

„Für manche mag das zutreffen.“

Dem Himmel sei Dank, dass du jetzt vernünftiger geworden bist, dachte Soas unwillkürlich. Manchmal habe ich es nicht mehr zu hoffen gewagt, dass dieser Tag einmal eintreten könnte. „Du und deine Erziehung, das hat mich verdammt viel Kraft gekostet“, schloss Soas seine Gedanken laut ab.

„Dennoch spielen sie es immer wieder“, sagte Gondar.

„Sie reißen sich darum, wer den Gott spielen darf, denn der ist immer der Sieger, egal wie der Kampf ausgeht. Das Spannende ist die Rollenverteilung. Wer schafft es, das Spiel am längsten am Laufen zu lassen. Wie lange kann man den Triumph des Gottes hinauszögern.“

„Ja, und das Spiel hört erst auf, wenn einer Brenne mich nicht ruft. Ich bin ein Ungeheuer in ihren Augen.“

„Du bist ein Gott, ein gnadenloser Gott. Sie verbinden die Macht mit dir. Deine Macht hat sich weit herumgesprochen. Seit Jahren getraut sich kein Schiff mehr, Lemu anzulaufen, denn niemand war gewiss, mit dem Leben davonzukommen, wenn er die Insel anlief. Die Eingeborenen dagegen brauchen keine Gefahr mehr zu fürchten. Sie sind sicher vor Piraten und Eroberern. Das ist die andere Seite deiner Macht. Du wirst zwar gefürchtet, von den eigenen Leuten gleichzeitig jedoch verehrt.“

Gondar trug ein dünnes Hemd, das in allen möglichen Farben gefärbt war und sich eng um seine Brust spannte. Darunter konnte man seinen muskulösen Oberkörper deutlich erkennen. Trotz der Hitze des Tages trug er einen roten Umhang, den vorne auf der Brust nur eine Spange zusammenhielt. Dieser Umhang war sein einziges äußeres Zeichen seiner Macht. Eine lange Wildlederhose und fast kniehohe Stiefel komplettierten sein Gewand. Sein langes graues Haupthaar legte sich in einer Welle auf seine Schultern. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, für diesen Anlass sich in seine standesgemäße Festtracht zu kleiden.

Ganz im Gegensatz zu der äußeren Erscheinung Gondars – der eines stattlichen jungen Mannes – zeigte sich sein Begleiter Soas. Soas war zwar nahezu gleichgroß, aber er wirkte durch die zahlreichen Falten in seinem zerfurchten Gesicht alt. Auch seine Haare waren grau, aber kürzer geschnitten. Sein Dreieck auf seiner Stirn stand deutlich hervor und verlieh ihm eine Aura der Unnahbarkeit. Er trug nur eine Wildlederhose und ein kurzärmeliges Hemd und Mokassins. Wie üblich verzichtete er auf alle äußeren Zeichen, die seinen göttlichen Status kundtaten.

Beide hatten ihr Augenmerk dem Meer zugewandt, wo am Horizont ein Schiff zu erkennen war, das auf Lemu zuhielt. Das Meer lag ruhig vor ihnen. Ruhig hieß, dass die Wellen eine Höhe von eineinhalb Meter nicht überschritten. Das sollte es dem Schiff ermöglichen, den Hafen im Laufe der nächsten halben Stunde zu erreichen.

„Das wird Algoli sein!“, hoffte Gondar. „Bald kenne ich sie dann alle.“

„Jetzt fehlt nur noch Isis“, sagte Soas. „Dann sind seit langer Zeit bald wieder einmal alle Götter an einem Ort vereint.“

 

*

 

Später am Tag trafen sich die Götter zu einer ersten Besprechung.

Der genaue Geburtstag Gondars war zwar nicht mehr festzustellen, er spielte bei der zu erwartenden Lebensspanne auch keine allzu große Rolle, dennoch waren sie übereingekommen, die Volljährigkeit Gondars mit diesem Tag festzulegen, an dem ein Großteil der Götter wieder einmal versammelt war.

Nach altem Brauch folgte diese Aufnahme einem festen Ritual, an das sich alle hier Anwesenden zurückerinnern konnten, mochte ihr Leben auch noch so lange gedauert haben. Es gab in jedem Leben Ereignisse, die sich in die Erinnerung einbrannten und seither ein fixer Bestandteil einer Persönlichkeit waren.

„Es ist eine Reihe von Jahren her, dass wir einen neuen Gott in unsere Reihen aufnehmen konnten mit allen Pflichten und Rechten. Deshalb freut es mich besonders, dass hier so viele von uns versammelt sind, um unser neues Mitglied gebührend zu feiern. Und an dich, Gondar, richte ich gleich zu Beginn die Frage: Bist du bereit, unsere Gesetze und Regeln mitzutragen?“

„Du hast mich Jahre gedrillt und erzogen, Soas. Meinen Zorn und meine Unbeherrschtheit hast du niedergerungen. Also, ich bin fähig, die Regeln eines Gottes zu beachten.“

„Dann hör zu, was dir im Einzelnen abverlangt wird …“

Was nun folgte, war die Wiedergabe einer alten Litanei, in welcher der Ehrenkodex der mächtigen Götter festgeschrieben war. Nach diesen Grundsätzen sollte ein Gott sein Handeln ausrichten. Dieser Ehrenkodex beinhaltete die gesellschaftlichen Normen und Regeln im Privaten wie auch im Kampf. Dieses Ideal schwebte ihnen als Grundsatz vor Augen, wurde im realen Leben öfters aber durch die verschiedensten Umstände durchbrochen.

Eine gute halbe Stunde dauerte es, bis sämtliche Grundsätze und Regeln durchbesprochen und von Gondar mit dem Gelöbnis, sie einzuhalten, bestätigt wurden.

„Nun bleibt dir nur noch, deine Göttlichkeit in der Realität zu beweisen“, schloss Soas schließlich diese Zeremonie ab. „Bevor wir darangehen können, unseren alten Stammplatz in der Welt uns zurückzuerobern, musst du noch dein Meisterstück abliefern.

Eine Aufgabe wird dir gestellt, die du ohne Hilfe unsererseits zu bewältigen hast.“

Erwartungsvoll blickte Soas in die Runde, bis sein Blick auf Grettir hängen blieb. Der Gott des Chaos weilte seit einigen Tagen bei ihnen hatte und die Runde der Götter vervollständigt.

Soas hatte ihm einst angeboten, an der Erziehung Gondars mitzuwirken und seine Vorstellung der Welt auch ihm zu vermitteln, und dieses Angebot hatte Grettir nicht ausgeschlagen. Neben Soas und Fellahrd war er der Dritte, der Gondars Persönlichkeit geprägt hatte.

„Es liegt an mir, die deine Prüfung zu geben“, begann Grettir und erhob sich von seinem Platz und trat dicht neben Gondar.

„Westlich meines Reiches ist eine Macht im Entstehen, die sich anschickt, ein gewaltiges Reich zu errichten, aber gleichzeitig die Macht der Götter verhöhnt, wenn nicht sogar die Existenz der Götter leugnet. Suche dieses Reich auf und belehre die Bewohner eines Besseren, aber zerstöre dieses Reich nicht!“

Grettir blickte Gondar direkt in die Augen.

„Wenn dir dies gelingt, egal ob die Menschen nach deinem Eingreifen dort der Ordnung oder dem Chaos huldigen, bekommt du nicht nur mein Einverständnis, sondern das aller noch lebenden Götter!“

 

2 Spitzer

 

Spitzer hielt auf dem höchsten Punkt der dichtbewaldeten Hügelkette inne und ließ seine Augen über das Umland schweifen, das sich unter ihm ausbreitete. Ein grünes Meer aus Baumwipfeln blickte ihm entgegen, das sich an die Steigungen und Senkungen schmiegte und ein einheitliches, fast monotones Bild wiedergab. Nur bei genauerem Hinsehen konnte man ein paar wenige Lücken entdeckten. Dort schlängelten sich die Bäche durch die Hügel, die das Land mit Wasser versorgten und für den üppigen Pflanzenwuchs, der hier geradezu wucherte, verantwortlich zeigten.

Eine dünne Rauchfahne schraubte sich in einiger Entfernung in die Höhe. Da sich nur eine einzelne Rauchsäule erhob, mutmaßte Spitzer, dass es sich nicht um einen wilden Brand handeln konnte.

Hier lebten Menschen!

Spitzer hatte sein Ziel gefunden!

Ruhig blieb er auf seinem Reittier sitzen und wartete ab, bis sein Trupp ihn eingeholt hatte.

Während er wartete, überlegte er zum wiederholten Male, weshalb es schlussendlich zum Zerwürfnis mit seinem älteren Bruder gekommen war und was im Grunde dafür verantwortlich war, dass aus Brüdern Todfeinde geworden waren und sein Bruder mit einem Teil des Stammes die angestammten Jagdgebiete verlassen und in der Fremde sein Glück versuchte hatte.

Als erbitterte Feinde waren sie auseinandergegangen. Wenn er heute darüber nachdachte, sah er die Angelegenheit nicht mehr ganz so tragisch. Er glaubte, dass er sich mit ihm verständigen konnte. Andernfalls hätte er diese Reise nicht unternommen.

Novad, sein Bruder, hatte auf seinem elterlichen Erbe bestanden und seinen Teil mit in die Fremde mitgenommen. Auch die Artefakte ihrer Götter. Dieses Recht hatte Spitzer seinem Bruder damals nicht verwehren können.

Jahrelang hatte Spitzer das nicht gekümmert. Bis eines Tages Leon zum obersten Priester aufgestiegen war und erklärte, dass das Erbe des Stammes nicht geteilt hätte werden dürfen. Wenn Spitzer die Macht über alle Nachbarstämme übernehmen wollte, benötigte er die vollständigen Götterrequisiten. Ein Führer, der nur über die Hälfte seines Erbes verfügte, war nicht denkbar.

Er wurde in seinen Gedanken unterbrochen, denn nun drangen die lauten Geräusche, die sein Gefolge verursachte, an sein Ohr. Sie kamen heran, als gäbe es keine Gefahr in diesem für sie unbekannten Land, als könnten sie sich unbekümmert bewegen und müssten keine Gefahr fürchten.

Leon hielt neben ihm.

Der oberste Priester war unglaublich fett. Seine Fleischmassen wölbten sich über die eng gegurtete Hose. Es dauerte eine Zeitlang, bis diese Fleischmassen ebenfalls zur Ruhe kamen, nachdem sein Pferd zum Stillstand gekommen war. Ein durchdringender Schweißgeruch ging von ihm aus und Spitzer richtete sich unwillkürlich gerade auf, als wollte er einen frischen Luftzug erhaschen. Ganz konnte er aber nicht entkommen. Eine Brise wehte über Leon hinweg, bevor Spitzer den Schweißgeruch zuerst in die Nase bekam, bevor er ihn ganz einhüllte.

„Es wäre nicht notwendig gewesen, dass du uns begleitest“, sagte Spitzer.

„Ich will dich nicht allein lassen, Spitzer. Ich habe irgendwie das Gefühl, als würdest du mich noch brauchen.“

„Sag lieber gleich, dass du mir nicht vertraust.“

„Ich vertraue dir, Spitzer, aber Novad ist dein Bruder.“

„Wir sind nicht in Freundschaft geschieden, solltest du das vergessen haben.“

„Das hat nichts zu sagen. Blut ist dicker als Wasser, wie es heißt. Und immerhin soll er sein Erbe wieder herausgeben. Zumindest einen Teil davon. Vielleicht muss man ihm den Ernst der Lage drastisch klarmachen.“

„Ist bislang zu wenig Blut geflossen, dass du mir vorwirfst, verweichlicht zu sein?“

„Nicht das Blut deines Bruders. Du hast ihn gehen lassen und dadurch unseren Stamm geschwächt!“

„Verdammt, Leon, gib‘ es einfach zu, dass du mir nicht traust und rede nicht um den heißen Brei herum. Ansonsten lass mich in Ruhe!“

„Du hast die Rauchsäule gesehen?“, vergewisserte sich der oberste Priester.

„Natürlich. Dort werden wir vermutlich auf ihn treffen. Auf ihn und all das Volk, das ihn begleitet hat. Lauter Träumer, die eine neue Gesellschaft aufbauen wollen. Es wird Zeit, dass wir sie auf den Boden der Realität zurückholen.“

Innerlich fühlte er sich nicht so erzürnt gegen die Leute seines Bruders eingestellt, aber vielleicht ließ sich Leon durch die harten Worte beeindrucken und bedrängte ihn nicht mehr bei jeder Gelegenheit damit, dass er seinem Bruder gegenüber viel zu nachsichtig aufgetreten war.

Spitzer blickte sich um und sah mit Befriedigung, dass auch der letzte Mann seines Trupps die Spitze des Hügels erreich hatte. Manche von ihnen machten einen abgekämpften Eindruck und verlangte stürmisch nach einer Rast.

„Zehn Minute Pause, Männer, dann geht es auf zur letzten Etappe!“ Spitzer ließ sich zu einer kurzen Rast erweichen, obwohl alles in ihm danach drängte, ihren Ritt möglichst rasch fortzusetzen. Er wollte sich vergewissern, dass er tatsächlich Novad und seine Leute gefunden hatte.

Kaum hatte er die Pause verkündet, als gleich zwei Novizen seines Ordens zu Leon eilten und ihn behutsam von seinem Pferd hoben. Sie verschränkten ihre Arme zu einem Sitz und trugen ihn in den Sichtschutz des nächststehenden Gebüsches, wo sie ihn sich selbst überließen.

Auch Spitzer war von seinem Pferd gestiegen. Das lange Reiten beanspruchte immer die gleichen Muskelpartien und nun nützte er die Gelegenheit, auch andere Muskeln zu aktivieren.

Da seine Leute sich ziemlich sorglos verhielten und auf laute Gespräche und Lärmen nicht verzichteten, entging ihm die Annäherung von mehreren Pferden. Er bemerkte die Reiter erst, als sie über die Kuppe des Hügels auf ihn zuritten. Die Tatsache, dass sie direkt auf sie zuhielten, verriet Spitzer, dass sie die Reiter seit einiger Zeit bereits beobachtet haben mussten.

Spitzer versteifte sich augenblicklich und seine Hand glitt unwillkürlich zum Schwertgriff an seiner Hüfte.

Die Reiter waren bewaffnet, wie er mit einem schnellen Blick feststellte, aber sie hielten beide Hände an den Zügeln. Das ließ ihn hoffen, dass es vorerst zu keinem Kampf kam.

Dann hielt der erste Reiter direkt vor ihm und musterte ihn ungeniert von oben nach unten. Spitzer tat das nämliche, und dabei wurde ihm bewusst, dass er diesen Mann kannte. Plötzlich wusste er, dass er einem Begleiter von Leon gegenüberstand, und dass auch er erkannt worden war, bewiesen die nächsten Worte, die fielen.

„Wen haben wir denn da? Wenn das nicht Spitzer ist?“ Der Anführer des Trupps hieß Matti, er war ungefähr dreißig Jahre alt und besaß den Körperbau eines geübten und kräftigen Kriegers. Mächtige Muskeln spannten sich um seine Oberarme. Alles an ihm verriet die Kraft, die in ihm stecken musste und die ihm jene Autorität verlieh, die einen Führer auszeichnete.

„Ich bin Spitzer, ja. Und du bist Matti, ich erkenne dich. Ich suche meinen Bruder.“

„Was willst du von ihm?“

„Ich möchte ihn sprechen. Lebt er noch?“, wollte Spitzer wissen.

„Er ist noch am Leben, doch glaube ich nicht, dass er dich sprechen will.“

„Das soll er mir selber sagen. Führe mich zu ihm.“

„Nehmt die Leute gefangen!“, schrie da Leon und kam hinter dem Gebüsch hervor. Wie eine Ente wirkte sein Gang. Seine Fettmassen zwangen seine Bewegungen zu dieser Gangart. Da er zudem gerade damit beschäftigt war, seine Kleider wieder in Ordnung zu bringen, wirkte seine Autorität in diesem Augenblick nicht gerade überwältigend.

Die fremden Reiter lachten Leon offen aus. Das hätten sich Spitzers Begleiter niemals getraut, auch wenn sie insgeheim der gleichen Ansicht waren. Leon stand nicht bei allen Mitgliedern des Trupps in hohem Ansehen.

„Versuche es nur, Leon. Schlanker und wendiger bist du in den letzten Jahren sicherlich nicht geworden“, sagte Matti mit einem spöttischen Unterton in der Stimme. „Doch wegen deiner Person sind wir nicht erschienen.“

Plötzlich wurde seine Stimme jedoch schneidend und um einiges lauter: „Euer Reich ist in Gefahr! Wir sind unterwegs in die alte Heimat, um dich zu warnen, Spitzer. Gib deine Suche nach Novad auf und kümmere dich um den wirklichen Feind, der deinem Reich im Osten heranwächst! Deine Hauptstadt ist schutzlos dem Feind ausgeliefert.“

„Lüge, das ist alles nur eine Lüge! Die wollen dich doch nur daran hindern, dass du dein gesamtes Erbe zurückerlangst!“, wetterte Leon und tat einen weiteren Schritt auf Spitzer zu.

Er atmete schwer, aber er ließ nicht locker.

„Wenn es wahr ist ...“, begann Spitzer, aber Leon fuhr ihm gleich über den Mund. „Weshalb sollte gerade jetzt jemand uns angreifen, da wir dem Artefakt so nahe sind? Das riecht nach Trug und Hinterlist!“

Spitzer wollte bereits zu einer harschen Entgegnung ansetzen, aber diesmal kam ihm Matti zuvor.

„Du warst schon immer ein Narr, Leon. Offensichtlich hast du absolut nichts dazu gelernt. Glaubt mir oder nicht, ich kann niemanden dazu zwingen, mir zu glauben. Auf jeden Fall habe ich meinen Auftrag damit erfüllt und den Bruder meines Königs gewarnt, wie er es gewünscht hat.“

„Warte noch, Matti. Welche Nachricht sollst du genau überbringen.“

„Arathen wird von einem Feind aus dem Osten überrannt werden, wenn ihr nicht schleunigst umkehrt und die Verteidigung organisiert.“

Matti drehte sich im Sattel nach diesen Worten um und winkte seinen Begleitern. „Wir kehren um, Männer. Unseren Auftrag haben wir erfüllt. Hier sind wir ganz offensichtlich nicht erwünscht. Suchen wir uns einen anderen Platz, an dem wir ruhen können.“ Nochmals wandte er sich an Spitzer und Leon:

„Überlegt gut, was Ihr als nächstes unternehmt. Wenn Ihr uns folgt, bleiben unsere Waffen sicherlich nicht länger in der Scheide. Aber sende zumindest einen schnellen Boten zurück in deine Hauptstadt.“ Matti schwieg einen kurzen Moment, ehe er einen kurzen, gezwungen klingenden Lacher von sich gab. „Aber vielleicht ist es auch besser, wenn du nichts unternimmst, denn dann wird Novad kampflos dein Reich übernehmen können!“

Leon wetterte weiterhin, aber keiner der Männer, auch Spitzer nicht, griff zur Waffe. Stumm blickten sie den Reitern nach, bis sie im Wald verschwanden und auch das letzte Geräusch verstummt war.

„Sei endlich ruhig!“, schimpfte Spitzer und wies Leon zurecht. „Du bist nicht der Herrscher von Arathen! Und sieh es immerhin als möglich an, dass sie die Wahrheit sprechen.“

„Welcher König im Osten ist schon so mächtig, dass er sich mit uns anlegen kann?“

„Mein Bruder fürchtet mich nicht. Weshalb also sollte er mich weglocken? Einfach so? Nein, er muss einen Grund haben, mich zu warnen.“

„Trug und Täuschung!“

„Mein Bruder läuft mir nicht weg!“, entschied Spitzer. „Wir reiten zurück!“, rief er laut seinen Leuten zu.

Die beiden Novizen mussten wieder in Aktion treten, damit Leon sein Reittier besteigen konnte. Diesmal brachten sie eine vierstufige Leiter heran, die sie aufklappten und neben dem Tier aufstellten. Während einer der Novizen sowohl die Leiter mit den Füßen festhielt und

mit der rechten Hand das Pferd ruhig hielt, half der zweite Novize Leon in den Sattel. Erst als der oberste Priester sicher im Sattel saß und er zudem seine Füße in den Steigbügeln verankert hatte, ließ er ihn los und der zweite übergab ihm die Zügel. Zusammen klappten sie dann die Leiter zusammen und verstauten sie auf dem Packpferd, das die zusätzliche Ausrüstung des obersten Priesters zu tragen hatte.

Mit einem wütenden Schenkeldruck brachte er das Tier in Bewegung und stand gleich darauf neben Spitzer, den er ebenso wütend anfunkelte. „Du bist ein Narr, wenn du jetzt zurückreitest!“, sagte Leon zu Spitzer. „Jetzt, da wir bereits, so weit in den Süden vorgedrungen sind, kann es ja nicht mehr weit sein.“

„Die Rauchsäule kann von ihm und seinem Volk oder von weiß Gott wem stammen. Nein, mein Entschluss steht fest. Matti war hier. Er ist mir Beweis genug, dass wir seine Stadt gefunden haben. Wir wissen immerhin, wo er sich aufhält. Also können wir ihn jederzeit wiederfinden.“

„Einen Tag noch“, forderte Leon. „Lass uns noch einen Tag nach Novad forschen.“

„Nein! Versuch‘ es von mir aus auf eigene Faust, aber ich nehme die Warnung ernst. Ich habe mich mit meinem Bruder zerstritten, das stimmt, aber wenn er mir so eine Warnung sendet, glaube ich, dass er als Bruder und nicht als Feind handelt.“

„So eine Chance ergibt sich so schnell nicht wieder, die Göttertruhe zu komplettieren.“

„Lass mich damit in Ruhe, Leon! Außer dir ist niemand an diesem Kleinod interessiert. All die Jahre ist es im Besitz meiner Vorfahren gewesen. Schlussendlich hat niemand mehr gewusst, was man damit anfangen kann.“

„Aber ich habe es jetzt herausgefunden, und ich sage dir, damit können wir jederzeit mit den Göttern in Kontakt treten.“

Spitzer lachte hell auf. „Entweder, Priester, habt Ihr uns all die Jahre verarscht, indem Ihr uns vorgegaukelt habt, mit den Göttern in Kontakt zu stehen, oder Ihr habt uns schlicht belogen! Was nützt jetzt dieses Kleinod, das genau das können soll, was ihr Priester ohnehin die ganze Zeit praktiziert?“

„Du verstehst das nicht, Spitzer. Natürlich stehen wir mit den Göttern in Verbindung“, rechtfertigte sich der oberste Priester, „aber mit diesem Gerät können wir viel mehr. Ich habe die alten Schriften lange genug studiert und obwohl mir Manches noch unklar ist, verstehe ich bereits einiges …“

„Dann mach dich mit deinen Novizen auf den Weg zu Novad. Ich kehre mit meinen Männern um!“

 

*

 

Arathen, die Hauptstadt von Spitzers Reich, lag noch gute zwei Tagesritte entfernt, als er mit seinem Trupp in einen Hinterhalt geriet.

Lautlos und für alle überraschend surrte der Pfeil durch die Luft und riss den ersten Reiter aus dem Sattel. Der kam gerade noch dazu, einen Schrei auszustoßen, der wohl mehr überrascht als schmerzgepeinigt klang, dann kippte er rücklings vom Pferd. Er war bereits tot, als sein Körper auf dem Boden aufschlug.

Keine Sekunde dauerte es nun, bis Spitzer reagierte. „In Deckung. Wir werden angegriffen! Ausschwärmen!“, bellte er seine Befehle, während er gleichzeitig sein Pferd herumriss und seinen körperdeckenden Schild als Schutz vor seinen Körper brachte.

Mit einem dumpfen Plopp bohrte sich ein weiterer Pfeil in den Schild. Die Spitze ragte zwar durch die Lederwand, schaute aber nur ungefährlich kurz hervor. Dann hatte er die nächste schützende Baumreihe erreicht. Dort schwang er sich von seinem Tier, dem er einen Klapps auf die Hinterhand gab. Es rannte noch mehrere Meter, ehe es, selbst ermüdet, einfach stehenblieb. Erst jetzt kam Spitzer dazu, seine Waffe zu ziehen. Er suchte hinter einem Baum Deckung und spähte in die Richtung, aus der er den Angriff vermutete.

Drei seiner Männer hatten es nicht geschafft, die rettende Deckung zu erreichen. Neben den Männern standen noch immer die ermatteten Pferde mit hängenden Köpfen, als müssten sie die Leichen bewachen.

Spitzer wartete unwillkürlich darauf, bis einer der Angreifer auf dem Weg erschien und die Pferde als Beute wegführte.

Doch vorerst blieb alles ruhig.

„Wo bleiben sie?“, zischte einer der Männer, der unweit von Spitzer ebenfalls hinter einem mächtigen Ölbaum Deckung gesucht hatte.

„Die wollen uns wahrscheinlich nur irremachen und verunsichern.“

„Bewahrt die Ruhe, Männer. Wir kennen unseren Feind noch nicht.“

„Das werden ganz normale Straßenräuber sein“, vermutete einer. „Die waren sicher auf leichte Beute aus.“

„Wir sind zwanzig Mann, das nennst du leicht?“

„Ruhe jetzt!“, befahl Spitzer, „sonst hören wir sie nicht, wenn sie sich anschleichen.“

Das letzte Argument überzeugte die Männer und es kehrte tatsächlich Stille ein. Nur hier und da unterbrach das Wiehern eines Pferdes die Stille, ansonsten tat sich in der nächsten halben Stunde nichts. Diese unheimliche Ruhe zerrte an den Nerven der Männer.

„Ich wette, die sind längst abgezogen“, sagte einer der Männer leise zu Spitzer.

„Wette lieber nicht. Wenn sie sich nicht davongeschlichen haben, liegen sie noch auf der Lauer.“

„Ich sehe nach!“, sagte derselbe Sprecher.

„Warte noch!“

„Ich halte es nicht mehr aus! Dieses Nichtstun behagt mir nicht. Und denen da drüben wird es genauso gehen.“

Bevor Spitzer ein Verbot aussprechen konnte, schlich der Mann auf Händen und Knien dem Waldrand entgegen auf den Weg. Die drei Leichen lagen noch da, umschwirrt von einer Unzahl von Fliegen. Die Pferde hatten sich in den Schatten der Bäume zurückgezogen, aber sie waren noch zu sehen.

Diesen Weg musste er überqueren. Für wenige Meter musste er auf jede Deckung verzichten, aber es half alles nichts. Wenn er die andere Straßenseite erreichen wollte, musste er das Wagnis auf sich nehmen.

Vielleicht hatte die lange Wartezeit auch die Feinde mürbe gemacht. Wenn er geschwind lief, konnte er sie vielleicht überraschen und die Deckung erreichen, bevor sie ihre Waffen parat hatten. Natürlich hätte er auch am Boden kriechend die Straße überwinden können. Er überlegte auch diese Variante. Wenn sie allerdings in den Bäumen saßen, nützte ihm das Kriechen nichts. Das bot vielleicht zusätzlichen Schutz gegen Feinde, die auf dem Boden kämpften, aber gegen Feinde, die sich auf den Bäumen befanden, die einen herrlichen Überblick boten, half auch diese Taktik nicht.

Also entschied er sich für einen schnellen Lauf.

In der Deckung eines hohen Baumes erhob er sich. Das Schwert nahm er in die rechte Hand. Auf seinen Schild hatte er von Anfang an verzichtet, denn beim Anschleichen war der mehr hinderlich als nützlich.

Einmal atmete er noch tief durch.

Dann rannte er los.

Er kam etwa bis zur Mitte der Straße, als ihn fast gleichzeitig drei Pfeile durchbohrten.

Spitzer und die anderen Männer hatten den Versuch gespant verfolgt. Insgeheim hofften sie natürlich auf einen Erfolg ihres Kameraden, doch als sie ihn jetzt zusammenbrechen sahen, gespickt von Pfeilgeschossen, kehrte mit einem Male eine Niedergeschlagenheit über sie, die sie jede Kampfmoral vergessen ließ.

„Was haben die nur vor?“, fragte sich einer. „Wollen sie uns einzeln abschlachten?“

„Warum suchen sie keinen ehrlichen Kampf?“

Der letzte Satz klang in Spitzers Ohren wie eine Aufforderung, seine aktive Führungsrolle ernst zu nehmen. Er wusste, dass er es seinen Männern schuldig war. Ewig konnte er sie nicht im Ungewissen hier in der Deckung liegen lassen. Irgendein Gefühl des Unheils hielt ihn jedoch noch zurück.

Aber lange würde er seine Leute nicht mehr zurückhalten können.

Als das Murren immer heftiger wurde, rang sich Spitzer endlich zum Handeln durch. Er steckte die Waffe in den Gürtel zurück und trat bis knapp an den Waldrand. Er hielt sich aufrecht und zeigte vor allem seine waffenlosen Hände, die er weit vorgestreckt hielt.

Der Schweiß stand ihm auf der Stirn und jeden Augenblick erwartete er, das Pfeifen eines heranfliegenden Pfeils zu hören und dann den Schmerz zu spüren, den ein Einschlag verursachte.

Seine Augen suchten die Bäume, die gegenüber der Straße standen, aufmerksam ab, aber nirgends konnte er jemanden entdecken oder auch nur die geringste Bewegung ausmachen.

Sie mussten ihn längst gesehen haben. Dass er noch lebte, gab ihm jedoch eine gewisse Zuversicht.

Mutiger geworden, trat er einen Schritt auf den Weg hinaus, raus aus dem Schutz der Bäume.

Er hielt seine Arme seitlich ausgestreckt und drehte sich langsam von links nach rechts und wieder zurück.

„Ich bin der Anführer dieser Truppe! Ihr habt uns grundlos angegriffen! Weshalb?“

„Ergib dich, dann können wir dir deine Fragen beantworten.“

Zu seiner Überraschung war es eine weibliche Stimme, die ihm antwortete.

„Kämpft ehrlich!“, verlangte Spitzer, „damit wir unsere Kräfte messen können. Nur Räuberbanden überfallen aus dem Hinterhalt ehrliche Kämpfer.“

„Ehrliche Kämpfer nennst du deinen Haufen? Du stellst dich nicht einmal mit deinem richtigen Namen vor. Woher wissen wir, dass wir nicht ebenfalls auf eine Bande von Marodeuren gestoßen sind, die friedliebende Städte angreifen, weil sie sie beherrschen wollen?“

„Wer bist du?“

„Ich bin nur ein kleiner Hauptmann im Heer von Königin Venner. Ich suche den König von Arathen. Spitzer nennt er sich.“

„Weshalb suchst du ihn?“

„Er ist meiner Königin im Weg!“

„Ich bin Spitzer.“

„Habe mir es doch gedacht. Das vereinfacht die Sache.“

„Du wirst mich gleich umbringen wollen“, versetzte Spitzer in einem Anflug von Galgenhumor.

„Das hat noch Zeit. Zuerst möchte Königin Venner sich mit dir unterhalten. Ich kann dir und deinen Männern garantieren, dass zumindest für die nächsten Tage keine Gefahr besteht. Im Übrigen, nimm diese Chance an, denn meine Leute haben deine Soldaten schon längst umzingelt. Deine Männer zeigen ihre Angst so deutlich, dass sie lärmen wie ein tollpatschiger Bär, sie tappen wie blind im Wald umher.“

„Wer garantiert mir ...“

„Niemand, wenn du dich nicht bald entscheidest.“

Plötzlich erhob sich am gegenüberliegenden Straßenrand eine Gestalt. Wie aus dem Nichts stand sie auf einmal da. Eine vollständig in Leder gekleidete Gestalt, die erst auf den zweiten Blick als weiblich erkennbar war.

Auch ihre Waffe steckte in der Scheide am Gürtel, als sie nun auf Spitzer zukam. Ihren Kopf bedeckte ein Helm, der über Nasenrücken und Wangen ragte. Unter dem Helm zeichnete sich kurz geschnittenes Blondhaar ab. Beim Nähertreten erst konnte Spitzer weibliche Körperattribute feststellen.

„Weiber!“, entfuhr es ihm. „Haben wir uns von einem Haufen Weiber austricksen lassen?“

„Achte nicht auf unser Geschlecht. Entscheide dich!“

Spitzer blickte sich um, als hinter ihm mit einem Mal lautes Geraschel hörbar wurde. Wie eine Wand standen rund um seine Männer eine Schar von mehreren Dutzend Kriegerinnen, die ihre Waffen auf seine Männer gerichtet hielten.

„Deine Argumente sind überzeugend“, meinte er schließlich und löste seinen Waffengürtel, den er ihr vor die Füße schleuderte.“

 

*

 

Leon erging es im Prinzip nicht viel besser.

Der Oberpriester ritt mit seinen beiden Novizen unbeirrt der Spur von Novads Männern nach, die außerdem genau in jene Richtung führte, in der sie die Rauchsäule entdeckt hatten.

Da alle drei gehörig lärmten, verscheuchten sie jegliches Wild, sowohl die Jäger wie auch die Opfer, dass es ihnen bald schien, durch eine unbelebte Waldlandschaft zu reiten. Die Bäume dieses Waldes waren eher kleinwüchsig und rund um die Stämme konnte kaum Unterholz Fuß fassen. Dieser Umstand erleichterte natürlich ihr Vorwärtskommen.

Als die Sonne dem Horizont entgegen sank, dachte Leon das erste Mal daran, für ein Nachtlager zu sorgen. Diese Sache hatte bislang Spitzer bestimmt und er hatte sich wie immer in ein gemachtes Nest gesetzt. Nun wurde ihm erst einmal bewusst, dass er sich mit seiner Sturheit vielleicht ein unlösbares Problem eingebrockt hatte. Da wurde ihm auch bewusst, dass seine Novizen zwar ein Versorgungspferd mitführten, das allerdings nur Dinge mitführte, die seiner Bequemlichkeit dienten. An Nahrung hatte er kaum gedacht. Er ließ sich stets von Spitzers Männern verköstigen. Außer ein paar Notrationen führte das Packpferd bestimmt nichts mit.

Mitten in diesen Gedanken stieß er fast mit einem Reiter zusammen. Es war Matti, der die Botschaft von Novad überbracht hatte.

„Du kannst es nicht lassen, Leon, was? Weshalb hast du dich von Spitzer getrennt?“

„Ich muss Novad sprechen.“

Matti lachte auf, aber es klang alles andere als herzlich und echt. „Wieso wollen plötzlich alle Novad sprechen? Jahrelang habt Ihr ihm nur Prügel in den Weg geworfen. Spitzer hier, Spitzer da, Novad weg“, zitierte er Leon aus früheren Jahren.

„Manchmal wird man erst später klüger“, meinte Leon versöhnlich und hoffte, bei Matti damit einen Pluspunkt für sich zu verbuchen, doch der meinte nur: „Du bist glatt und heimtückisch wie eine Schlange, Leon.“

„Wir brauchen ein Lager für die Nacht“, wechselte Leon das Thema.

„Der Wald ist relativ sicher. Hier kannst du überall lagern.“

„Nehmt uns für diese Nacht auf, ich bitte dich darum. Morgen werden wir ja Novad erreichen, dann bist du uns bald wieder los.“

Novad lag nichts an einem Streit mit Leon. Solange der Oberpriester ihn in Ruhe ließ, konnte er seinetwegen tun und lassen, was ihm beliebte.

„Lass dich am Rande nieder, aber belästige uns nicht – und lass uns mit deiner Religion in Ruhe!“

Ohne ein weiteres Wort wendete er sein Pferd und ritt langsam voran. Leon und die beiden Novizen folgten ihm etwa zehn Minuten, dann konnten sie bereits das Lager der Reiter erspähen. Der Geruch eines Holzfeuers, das zusätzlich mit frischen Hölzern gespeist wurde und einen aromatischen Duft verströmte, stieg Leon in die Nase und machte ihm plötzlich bewusst, dass seine letzte Mahlzeit bereits mehrere Stunden zurücklag.

Matti wies ihm und den Novizen einen Platz zu und zeigte ihnen zusätzlich, wo sie ihre Pferde für die Nacht über einstellen konnten.

Den Tieren wurde mehr Kontakt als den Menschen zugestanden, musste Leon erkennen und ließ sich von seinen Novizen vom Pferd helfen. Die Tiere durften die Novizen in einen großen Korral führen, sie selbst mussten ihr Lager etwas abseits aufschlagen.

Ihr Lagerplatz befand sich etwa zehn Meter von der nächsten Feuerstelle entfernt. Während die Novizen alles taten, damit Leon einen gemütlichen Schlafplatz erhielt und für ihn ein karges Mahl in ihren persönlichen Vorräten suchten, glaubte Leon, dass er ein willkommener Gast an den Feuern der Männer war. Während die Novizen fleißig arbeiteten, machte sich Leon auf, den Soldaten einen Besuch abzustatten.

Die beiden Novizen vernahmen nur einen schrillen Schrei, dann erregte Stimmen mehrerer Männer, dann kamen zwei Krieger auf die Novizen zu, die einen massigen Körper hinter sich herschleiften.

„Sorgt dafür, dass er hierbleibt! Das nächste Mal überlebt er vielleicht nicht.“

 

*

Leons Laune war verständlicherweise nicht die Beste, als sie abends bei einem frugalen Mahl rund um das Feuer saßen, das kaum Wärme ausstrahlte und zudem ziemlich rauchte, da das Holz, mit dem die Novizen es fütterten, nicht trocken genug war. Leon blieb schließlich nichts anderes übrig, als sich rechtzeitig zur Ruhe zu begeben.

Als er erwachte, erlebte er die nächste herbe Enttäuschung.

Die halbe Nacht hatte er kaum ein Auge zugetan. Sein Schlafplatz war ungemütlich, außerdem hielt ihn die Kälte der Nacht davon ab, bequem in den Schlaf hinüberzudämmern. Die Stimmen der Tiere, die des Nachts aktiv waren, taten ihr Übriges, ihn am Einschlafen zu hindern. Tagsüber war ihm der Wald leblos erschienen, jetzt während der Nacht schien er mit Leben erfüllt zu sein.

Die Dämmerung näherte sich bereits, als ihn der Schlaf endlich übermannte und er tief und traumlos in seinem behelfsmäßigen Lager die Welt um sich herum vergaß.

Als er jetzt die Augen aufschlug, herrschte um ihn herum emsige Aktivität. Matti und seine Männer waren zum Aufbruch bereit. Sie kümmerten sich nicht um ihn.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738917932
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Februar)
Schlagworte
gondar götter urzeit gott
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Titel: GONDAR – die Götter der Urzeit #6: Ein Gott erwacht