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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 3: Blutmond über Cornwall

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter  Band 3: Blutmond über Cornwall

von Tomos Forrest

Der Kreuzfahrer-Zyklus, Teil 3

––––––––

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Edward Blair Leighton mit steve Mayer, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Die Ereignisse überstürzen sich. Nach der Einnahme von Akkon und der Ermordung von fast dreitausend Geiseln zieht das Kreuzfahrerheer weiter nach Arsuf und Jaffa. Das Heer Saladins scheint besiegt, als König Richard beschließt, den Kreuzzug zu beenden. Doch bevor der große Aufbruch in die Heimat beginnt, erleben die Freunde Morgan of Launceston, Johel de Vautort und ihre Knappen noch manches gefährliche Abenteuer und decken eine Verschwörung auf.

Während der Rückreise nach England werden sie getrennt. Kaum in seiner Heimat angekommen, erlebt Morgan heftige Anfeindungen aufgrund des roten Löwen auf seinem Waffenrock, und ein blutroter Mond, der Bote des Bösen, geht über Cornwall auf ...

***

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1.

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Das könnte eine Falle sein, Morgan!“

Johel de Vautort strich sich den Bart glatt und warf einen prüfenden Blick in die Umgebung.

„Sichert mich ab, Freunde, ich muss sehen, was da vorn liegt und schon die Aasvögel anlockt!“, antwortete der blonde Hüne und drückte seinem Pferd die Fersen in die Seite. Als er nur noch wenige Yards von dem dunklen Gegenstand entfernt war, flogen die Vögel auf, und sein Pferd scheute zurück.

Unverkennbar drang der Geruch von faulendem Fleisch zu ihm herüber. Morgan zog das Tuch wieder hervor, das ihm bei der ständigen Hitze, dem Staub und dem Sand in diesem Teil der Erde schon so oft gute Dienste geleistet hatte.

Vor seiner Abreise aus Cornwall, mit seinen dreißig Kriegsknechten und dem Knappen Jago, hatte er sich in der Bibliothek des Abtes Geoffrey alles zusammengesucht, was es an Berichten vom zweiten Kreuzzug gab. So formte sich langsam für ihn ein Bild des Landes und seiner Menschen, die für ihre Reitkunst und Treffsicherheit mit dem Bogen berühmt und gefürchtet waren.

Ein Problem tauchte in allen Berichten immer wieder auf – die ungeheure Hitze. In den Kettenhemden und gepolsterten Gambessons der Ritter, und für die auf ähnliche Weise geschützten Pferde, war es nicht für längere Zeit auszuhalten. Nach und nach würde jeder von seiner Rüstung ablegen, was er für überflüssig hielt. Doch schon ein Dekret des Königs hatte alle Kreuzfahrer darauf hingewiesen, dass das Ablegen der Kettenhemden tödliche Folgen haben konnte – die Pfeile der Sarazenen trafen gut.

Das erwies sich jetzt auch bei diesem Toten, als Morgan aus dem Sattel stieg und den Mann näher untersuchte. Eine Wolke von Fliegen stieg von dem Körper auf, in dessen Rücken mindestens drei Pfeile steckten, bei näherer Untersuchung fand er dann zwei weitere, deren Schäfte abgebrochen waren.

„Kennt jemand von euch diesen Mann?“, kam die gedämpfte Stimme Morgans hinter dem Mundschutz hervor, und Johel warf einen kurzen Blick in das entstellte und verzerrte Gesicht des Toten.

„Ich fürchte, Morgan, das ist Jakob von Avesnes, der seit der Schlacht am 7. September vermisst wurde. Seine Leute haben vergeblich nach ihm gesucht. Er muss sich weit vorgewagt haben, obwohl doch der Befehl König Richards lautete, sofort anzuhalten, wenn der direkte Kontakt mit dem Feind abriss!“

Morgan erhob sich und sah sich um. Ein Stück entfernt entdeckte er einen weiteren Toten, und noch ein Stück weiter lag ein Dritter.

„Schade um ihn, damit verlieren unsere französischen Freunde einen guten Kämpfer und Heeresführer. Soweit ich von ihm gehört habe, war er bei seinen Soldaten sehr beliebt.“

„Ja, das hörte ich auch. Er hat die Flamen immer wieder an die gefährlichste Seite der Angreifer geführt. Jago, du hast doch diese Decke hinter deinem Sattel mitgeführt? Erweise dem Toten die Ehre, leg ihn darauf und lass uns mit ihm in die Stadt zurückkehren.“

Das war nicht ohne weitere Umstände ausführbar, aber schließlich hatten die Knappen gemeinsam den Toten auf eines der Pferde gehoben und kehrten damit nach Arsuf zurück, wo man die Flamen sofort darüber informierte, dass man ihren Anführer und zwei weitere Tote gefunden hatte. Gleich darauf brachen einige von ihnen auf, um auch die anderen Toten in die Stadt zu holen, Für den nächsten Tag ordnete König Richard, als er vom Tod seines treuen Waffengefährten erfuhr, die Beerdigung für den Herrn von Avesnes, Condé und Leuze an.

Die Flamen bestanden darauf, dass man dem Toten vor seiner Beisetzung das Herz entnehmen solle, es in ein entsprechend versiegeltes Gefäß zu geben und in die Heimat zu senden, damit wenigstens ein Teil des Ritters dorthin zurückkehrte.

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2.

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Nun, es wird ja schon wieder sehr viel geredet“, verkündete Johel am Abend in ihrem Quartier, als die beiden Ritter noch bei einem Becher Wein zusammensaßen. Ihr neuer Standort hatte nicht den Luxus der wichtigen Hafenstadt Akkon, aber dennoch alle Bequemlichkeiten, die ein Ritter in einer Stadt erwarten konnte. Es gab ausreichend Lebensmittel, Bier und Wein für alle, weil die Nefs vor der Stadt ankern konnten und die Versorgung aufrechterhielten. Außerdem gab es in der Stadt mehrere Badehäuser und auch ein oder zwei Schenken, die von den geschäftstüchtigen Marketendern, die das Heer seit der Heimat begleiteten, sofort nach der Eroberung eröffnet wurden. Hier hielten sich jedoch kaum einmal die Ritter auf. Zu gemischt war das Publikum, und die Gesellschaft der rauen Kriegsknechte war nicht unbedingt der Platz, an dem sich Morgan und Johel längere Zeit wohl fühlten.

Die Fensteröffnungen ihres Quartiers waren von allen Verkleidungen und Tierhäuten befreit, sodass eine leichte, kühlende Brise vom Meer ständig herüberwehte und die Raumtemperatur erträglich machte.

„Was hast du gehört, Johel?“, erkundigte sich Morgan und schenkte beiden noch einmal ein.

In diesem Augenblick rief einer der Knappen auf dem Flur, und gleich darauf wurde an ihre Tür geklopft. Blys steckte den Kopf herein.

„Ist es erlaubt, die Herren?“, erkundigte er sich höflich, und Morgan gab ihm ein Zeichen, näher zu treten.

„Es geht in der ganzen Stadt bereits herum. Wir brechen in Kürze wieder auf. Unser nächstes Ziel ist Jaffa, denn König Richard hat gesagt, dass wir diesen Hafen benötigen, wollen wir weiter nach Jerusalem ziehen!“

„Gut, das hatte ich auch schon vernommen, Blys. Wieder nichts als Gerüchte oder ist da noch mehr dran?“

Der braungelockte Knappe lächelte und nickte dazu.

„Ja, Herr, heute habe ich im königlichen Marstall nach Hafer für unsere Pferde gefragt. Und dabei habe ich den Knappen König Richards gesprochen. Man sagt allgemein, dass der beinahe so viel weiß wie Sir Angus, der Ratgeber des Königs selbst.“

Alle stimmten in sein Lachen ein, dann fuhr Blys fort.

„Er erzählte mir, dass der König schon überlegt hätte, den Kreuzzug in Jaffa zu beenden.“

„Was? Aus welchem Grund sollten wir denn auf halbem Wege stehen bleiben, Blys? Das ist doch undenkbar!“

„Es gab schlechte Nachrichten aus England. William de Longchamp hat arge Schwierigkeiten, die Rechte des Königs zu vertreten. Sein Bruder John ist unerlaubt zurückgekehrt und hat sich mit dem französischen König verbündet.“

„Was?“, riefen Morgan und Johel wie aus einem Mund.

„Ihr habt doch sicher mitbekommen, dass sich Richard und Philipp vor Akkon im Streit getrennt haben, nicht wahr? Kaum war der Franzose wieder in seiner Heimat angelangt, hat Johann ohne Land ihn als Verbündeten gewonnen. Was die beiden aushecken, kann nicht gut für Richard ausgehen!“

„Andererseits“, warf Derwen ein, „wurde auch erzählt, dass der König nicht gleich nach Jerusalem ziehen will, sondern zunächst Askalon einnehmen will!“

Morgan trank einen Schluck und räusperte sich.

„Das ist auch ein interessanter Aspekt, sage ich euch. Askalon ist das Tor in das reiche Ägypten, aber da steht doch wohl eher die Heilige Stadt Jerusalem als wichtiges Ziel ganz obenan!“

Die Freunde schwiegen und schauten nachdenklich in ihre Becher, als es erneut auf dem Flur laut wurde und ein Bote um die Genehmigung bat, eintreten zu dürfen.

„Was bringst du uns für Kunde?“, wollte Johel wissen, als der Mann hereinkam.

„Wir brechen morgen nach Jaffa auf, Sir, und der König will im Eilmarsch die Hafenstadt einnehmen!“

„Jetzt wird es ganz verrückt!“, antwortete der Minnesänger, während der Bote schon weitereilte. „Eben gerade bequem eingerichtet, und jetzt geht es plötzlich so schnell weiter?“

„Richard scheint wirklich in großen Sorgen zu leben und wohl den Kreuzzug, so schnell es nur irgend möglich ist, beenden zu wollen. Also, dann heißt es, Abschied zu nehmen – Jaffa, wir kommen!“

Lachend verabschiedeten sich die Freunde, und schon beim ersten Hahnenschrei führten die Knappen ihre gesattelten Pferde vor, auf denen neben den Waffen der Ritter auch die persönlichen Dinge hinter den Sätteln aufgeschnallt waren. Wenig später ritten sie dem Sammelplatz entgegen, und kaum eine Stunde war vergangen, als die Hörner zum Aufbruch bliesen.

Keiner der Männer hoch zu Ross hatte noch ein Auge auf den Schatten, der ihnen eine ganze Weile durch die engen Gassen der Stadt folgte. Kurz vor dem Sammelplatz blieb der Verfolger, an eine Hausmauer gelehnt, stehen und musterte die sich hier versammelnden Ritter.

„Allahu akbar!“, flüsterte der Schatten und verschmolz in der Dunkelheit der Gasse.

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3.

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Nach einer kurzen Ansprache, bei der die Instruktionen an die Heerführer ausgegeben wurden, ritt König Richard mit seinem engsten Gefolge aus dem Stadttor, gefolgt von den berittenen Truppen der Bretonen, Engländer und Normannen. Die beiden Freunde mussten noch einige Zeit warten, bis die anderen an ihnen vorübergezogen waren. Sie hatten nur noch jeweils zehn Gefolgsleute, denen sich jedoch am Vorabend auch noch die Überlebenden aus dem Kontingent von Sir Baldwin angeschlossen hatten, sodass sie wieder in ihrer ursprünglichen Stärke von dreißig Mann versammelt waren.

Später konnte Sir Morgan nicht mehr sagen, was ihn zu den gegenüberliegenden Dächern aufblicken ließ. Dort hatte sich etwas bewegt, und blitzschnell war er aus dem Sattel, seinen Freunden einen Warnschrei zurufend.

Zwei Pfeile schlugen in die Hauswand ein, vor der er eben noch auf dem Pferderücken saß, und weitere fielen in rascher Folge und trafen ein paar der Soldaten, richteten aber glücklicherweise durch die Kettenhemden keinen Schaden an.

Schon stürmte Jago davon, gefolgt von den anderen. Sie waren auf der Rückseite des Hauses angelangt, an der ein Balken mit ein paar Einkerbungen lehnte. Ohne lange zu überlegen, war der Knappe daran hinaufgeklettert und griff eben an die Dachkante, als ein Kopf über ihm erschien, sich etwas erhob und gleich darauf ein Bogen auf ihn gerichtet wurde.

„Jago!“, schrie Morgan, während er das Messer schleuderte.

Der Knappe duckte sich und presste sich eng an den Balken.

Mit einem gurgelnden Laut stürzte der Bogenschütze an ihm vorbei und schlug auf dem Boden auf. Schon war Jago auf dem Dach, gerade rechtzeitig, um sich auf den zweiten Schützen zu werfen, der eben dabei war, auf das nebenan liegende Haus zu springen. Er erwischte den Mann am Gewand und riss ihn zu sich. Der Sarazene wehrte sich verbissen und hatte plötzlich einen krummen Dolch in der Hand, mit dem er Jago über die Brust fuhr und den Waffenrock zerschnitt.

Jago schlug seinem Gegner die Faust ins Gesicht und setzte gleich noch einmal nach. Der Dolch entfiel der Hand des Ohnmächtigen, und Jago stieß ihn mit dem Fuß über die Dachkante. Gleich darauf standen alle anderen um ihn herum, und als Johel den überwältigten Feind sah, wandte er sich verächtlich ab.

„Das ist die Art der Sarazenen“, murmelte Jago dabei halblaut vor sich hin. „Du drehst ihnen den Rücken zu und schon schießen sie auf dich. Werft ihn auf die Straße zu dem anderen und lasst uns hier verschwinden!“

Morgan schüttelte den Kopf.

„Das werden wir natürlich nicht tun, Jago. Außerdem ist es unnötig, der Mann ist tot.“

„Wie das?“, erkundigte sich Jago erstaunt. Gleich darauf erkannte er, dass der Mann während des Kampfes wohl so unglücklich auf die Kante des Daches geschlagen war, dass er sich dabei das Genick gebrochen hatte.

„Also – jetzt weiter, Freunde, sonst verpassen wir noch den Anschluss!“

Wenig später waren alle wieder im Sattel und trieben ihre Tiere an, um ihren Platz in der Reihe der Soldaten einzunehmen.

Diesmal gab es keine Überfälle der Sarazenen, als das Heer der Kreuzfahrer an der Küste gen Jaffa zog. Und hier erwartete sie die nächste, große Überraschung. Die Stadt wurde ihnen kampflos übergeben, bei Annäherung des Heeres öffnete man sämtliche Stadttore und hisste darüber eine weiße Flagge.

Jaffa, die wichtige Hafenstadt, angelegt und befestigt im Jahre 1100 von Gottfried von Bouillon, befand sich wieder in der Hand der Christen. Nun würde einer Fortsetzung des Kreuzzuges nach Jerusalem nichts mehr im Wege stehen. Doch es sollte für die Männer um Richard Löwenherz anders kommen.

Die Stadt wurde für die nächsten Monate das Quartier der Freunde. Von hier aus wurden Ritte in das Landesinnere unternommen und dabei die Wege erkundet. Starke Verbände von Saladins Heer ließen sich immer wieder sehen, hielten sich aber wohlweislich außerhalb der Bogenschussweite, und zu ernsthaften Gefechten kam es auch nicht mehr.

„Es fängt an, langweilig zu werden!“, begrüßte Johel Ritter Morgan, als der in das gemeinsam bewohnte Haus eintrat. Er klimperte ein paar Takte auf einer völlig verstimmten Laute und legte sie schließlich lustlos auf den Tisch.

„So? Dann habe ich ja genau das Richtige für dich mitgebracht, Johel. Wir beide sollen im Auftrag des Königs allein nach Jerusalem reiten und dort vermelden, dass weiterer Widerstand zwecklos sei – man soll uns die Stadt ebenfalls kampflos übergeben.“

„Guter Scherz!“, antwortete Johel und lachte gekünstelt. „Aber ich werde heute nicht schon wieder in der Hitze meiner Kammer schmachten. Ich gehe jetzt in das Badehaus und vielleicht, wenn mir die Stimmung danach ist, verbringe ich die ganze Nacht mit einer jungen, hübschen Hure!“

Morgan lachte laut auf.

„Johel – da hast du einen wirklich guten Scherz gemacht. Huren gibt es zwar sehr viele in Jaffa, doch ich habe bislang nicht eine einzige gesehen, die jung und hübsch war!“

„Alter Miesmacher!“, schimpfte Johel lächelnd. „Bleib du nur hübsch zu Hause und denk dir Gedichte für deine Miriam aus! Vielleicht vertone ich eines davon!“

Morgan stellte sich mit untergeschlagenen Armen vor seinem Freund auf und antwortete: „Nein, ich werde dich in das Badehaus begleiten!“

„Im Ernst? Und – danach?“

„Trinke ich hier meinen guten Wein und beschließe damit einen weiteren, tristen Tag!“

Lachend traten die Freunde in die mittlerweile dunkle Gasse vor ihrem Haus und schlugen den Weg zum Badehaus ein.

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4.

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Morgan musste allein den Rückweg zu ihrer Unterkunft antreten, weil Johel tatsächlich beschlossen hatte, den Abend in Gesellschaft einer Hure zu verbringen. In Gedanken nicht mit seinem Umfeld beschäftigt, sondern weit von hier in der Heimat, bemerkte Morgan erst im letzten Augenblick, wie nur wenige Schritte vor ihm zwei dunkle Gestalten in einer Gasse verschwanden. Das Verhalten erschien ihm verdächtig, und so presste er sich dicht an die Hauswand und beobachtete das weitere Geschehen.

Es dauerte nicht lange, und eine weitere Gruppe verschwand auf die gleiche Art, diesmal hatte er fünf Personen unterschieden.

Noch einmal folgten drei weitere nach, und nun waren die Sinne des Ritters in höchster Alarmbereitschaft. Wer schlich des Nachts hier durch die Straßen und verschwand heimlich in einem unbeleuchteten Haus? Vorsichtig näherte er sich der dunklen Einmündung und musste sich korrigieren. Etwa in der Mitte der Gasse, die von höchstens zehn Häusern gebildet wurde, brannte ein winziges Licht. Mehr als eine der zahlreich verwendeten kleinen Öllampen konnte es nicht sein, denn die Flamme blakte im leichten Windhauch und schien jeden Augenblick zu verlöschen.

Morgan wartete noch eine Weile, bis er sicher sein konnte, dass niemand mehr den anderen folgte.

Dann huschte er in die Gasse, verhielt kurz an der Tür des Hauses und lauschte. Undeutlich drang das Murmeln von Stimmen heraus, doch er war noch nicht in der Lage, eine Sprache herauszuhören. Rasch überlegte Morgan sein weiteres Vorgehen. Wenn diese Gasse wie die anderen in den Städten des Morgenlandes erbaut worden war – und nichts sprach dagegen – dann würde es auf der Rückseite der Häuser kleine Höfe geben, die an die Höfe der gegenüberliegenden Gasse stießen. Also begab er sich an das andere Ende und war gleich darauf in einem der dunklen Höfe über die Mauer gestiegen.

Dieses Vorgehen barg natürlich auch einige Risiken für ihn, denn es war nicht auszuschließen, dass bei den auch noch in der Nacht hohen Temperaturen jemand im Hof schlief. Aus diesem Grund warf er immer erst einen vorsichtigen Blick über die nächste Mauer, bevor er sie übersteig. Dabei zählte er die Höfe sorgfältig durch, bis er sicher sein konnte, auf der Rückseite des Hauses zu stehen, in dem die verdächtigen Gestalten verschwunden waren.

Tatsächlich fiel hier ein fahler Lichtschein durch eine schmale Fensteröffnung, unter der er sich sofort an die Wand schmiegte und nun Einzelheiten, wenn auch nur bruchstückweise, verstehen konnte. Überraschend war für ihn die Erkenntnis, dass sich dort offenbar Landsleute versammelt hatten, was die Angelegenheit für ihn noch mysteriöser machte. Welcher Teilnehmer am Kreuzzug hatte es nötig, sich nachts durch die Gassen von Jaffa zu schleichen und bei sparsamer Beleuchtung ein Treffen zu veranstalten?

„Ganz sicher ...“, schnappte er gerade auf, und die Antwort eines anderen: „Die Kogge ... zur Mittagszeit.“

Dann wurde ein Schemel beiseitegeschoben, und jemand schien sich zur Fensteröffnung zu begeben, unter der Morgan kauerte.

„Wohin willst du?“, erkundigte sich jemand ganz in der Nähe, und eine andere Stimme antwortete: „Ich denke, ich gehe mal auf den Hof hinaus, die Luft geht klar und ist würzig, da müssen wir hier nicht in dem dumpfen Haus sitzen.“

Blitzschnell huschte Morgan zur Mauer, zog sich hinauf und ließ sich behutsam auf der anderen Seite herunter, gerade rechtzeitig, als der Schein einer Laterne auf den Innenhof fiel.

„Wunderbar!“, sagte jemand so dicht vor ihm, dass er zusammenzuckte. In den äußersten Winkel des Nachbarhofes zog er sich zurück, wo er sicher sein konnte, von nebenan nicht bemerkt zu werden, wenn er hier auf die gleiche Weise den Rückzug antrat. Tatsächlich befand er sich wenig später schwer atmend am Anfang der Gasse und suchte sich die Toreinfahrt eines offenbar verlassenen Hauses, von wo aus er die Männer beobachten konnte, wenn sie von ihrem geheimnisvollen Treffen zurückkehrten. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt.

Morgan hatte sich in die Ecke des Tores gekauert und schmiegte sich dort an das Holz, um keine erkennbaren Umrisse für einen zufälligen Betrachter abzugeben. Trotz der unbequemen Haltung schlief er um ein Haar ein, schreckte hoch, als er Geräusche und leise Stimmen vernahm und spähte vorsichtig um die Ecke. Zwei Männer gingen mit eiligen Schritten direkt an der Hofeinfahrt vorüber, ohne auch nur einen Blick in das Dunkel zu werfen.

Da ihnen niemand weiter folgte, war Morgan an ihren Fersen, als sie gerade von der Gasse in eine Hauptstraße einbogen. Hier trennten sich die Männer, und ihr Verfolger entschied sich für den kleineren der beiden, dem er weiter bis hinunter zum Hafen folgte.

Hinter ein paar aufgestapelten Fässern fand er erneut Schutz und sah, wie der Mann über eine Planke an Bord einer Nef eilte und dort in der Dunkelheit verschwand. Langsam und nachdenklich kehrte Morgan in seine Unterkunft zurück.

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5.

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Der Herr ist nicht anwesend, ich darf Euch nicht einlassen, Sir!“

Der Mann, der sein ängstliches Gesicht durch den Türspalt steckte und Morgan misstrauisch musterte, wollte die Tür schon wieder zudrücken, als sie von dem Ritter wieder aufgedrückt wurde.

„Wovor fürchtest du dich? Mein Wappen auf dem Waffenrock wirst du ja wohl kennen und weißt also, dass ich einer der Ritter im Gefolge von König Richard bin. Ich habe für den Herrn des Hauses eine Botschaft, also – wo kann ich ihn finden?“

Das Hausfaktotum trug eine viel zu große Bundhaube auf dem Kopf, die ständig nach vorn in die Stirn rutschte und ihm fast die Sicht auf sein Gegenüber nahm.

Der Mann hatte eine so angespannte Körperhaltung eingenommen, als müsse er in jedem Augenblick damit rechnen, über den Haufen gerannt zu werden. Dazu spiegelten sich auf seinen glatten Gesichtszügen sämtliche Stufen seiner Gefühle, von Panik bis verhaltender Angst.

„Der Herr ist ... am Hafen. Wir erwarten heute eine ... Kogge.“

„Aus Bremen?“

„Nein, Herr, aus Lübeck. Die Deutschordenritter bauen ihr Hospital in Jaffa auf, und da muss Herr Rudolph sich selbst um alles kümmern. Die Ladung ist zu wertvoll um sie beim Entladen unbeobachtet zu lassen.“

Morgan hatte erfahren, was er wollte, und fügte noch hinzu:

„Dann trägt Rudolph sicher seinen Waffenrock mit dem Kreuz der Deutschordenritter?

„Ja, Herr, etwas anderes zu tragen ist dem Orden ja untersagt. Keuschheit, Armut und Hilfe für die Christen in Not, das ist ihr ...“

„Ich weiß, ich weiß“, wehrte Morgan rasch ab. „Dank für deine Auskunft, ich werde ihn finden.“

Damit eilte er auch schon die schmale Gasse hinunter, in der er das nächtliche Treiben bemerkt hatte. Also der Hausherr ein Deutschordenritter, der sich mit seinen Brüdern in der Nacht in seinem Haus traf. Sicher nichts, was verdächtig war – oder doch? Warum unterhielten sich dann die deutschen Ordensbrüder untereinander in der englischen Sprache?

Morgan beschloss, sich diese Kogge einmal anzusehen. Ein Blick auf dem freien Platz vor der Altstadt zum Himmel zeigte ihm, dass es bald die Mittagsstunde sein musste. Also würde die Kogge jetzt wohl eintreffen, wenn Wind und Strömung sich nicht plötzlich veränderten. Doch das Meer lag heute glatt, der Wind strich mit geringer Stärke landwärts, und so gab es wohl keinen Grund für eine größere Verspätung.

Als er im Hafen eintraf, wurde die mächtige Kogge gerade vertäut. Eine Gruppe von Lastenträgern stand bereit, Kiepen und kleine Karren neben sich. Und dann entdeckte er die beiden in ihren dunklen Gewändern und dem schlichten, schwarzen Balkenkreuz, das nur durch seine weiße Umrandung erkennbar war. Die beiden waren in einem lebhaften Gespräch vertieft, wie Morgan an der Gestikulation des Älteren der beiden erkennen konnte.

Eben wurde eine Planke vom Deck der Kogge herüber zum Land geschoben, und gleich darauf sprang ein etwas beleibter Mann in einer schön bestickten Cotte an Land. Er wurde von den beiden Schwarzgekleideten freundlich begrüßt. Man tauschte wohl nur Belanglosigkeiten über den Reiseverlauf und das Wetter aus, dann gingen die drei Männer an Morgan vorüber, ohne ihm Beachtung zu schenken. Vor einem großen Holztor blieben sie stehen, und auf ein Klopfzeichen wurde es von innen vorsichtig einen Spalt breit geöffnet, gerade so weit, dass die Männer eintreten konnten.

Das alles machte einen völlig harmlosen Eindruck, und Morgan fragte sich schon, ob er durch die langjährige Tätigkeit im Dienste seines Vaters vielleicht zu misstrauisch geworden war und gleich hinter jeder ungewöhnlichen Beobachtung Unrat witterte. Aber er beschloss dennoch, das Haus auch in der heutigen Nacht noch einmal zu beobachten. Sollte es sich hier um eine normale Nachschublieferung für ein Hospital handeln, musste das ja wohl kaum in der Nacht besprochen werden.

So fand sich Morgan in Begleitung Johels zur gleichen Zeit wie am Vorabend in der Gasse ein, hatte jedoch einige Vorkehrungen für den Fall getroffen, dass man sie bemerken und vielleicht unschädlich machen wollte.

Beide trugen über Hemd und Bruche statt der Cotte einen dunklen Umhang aus dünnem Stoff, um sich von ihrer Umgebung nicht zu sehr abzuheben. Obwohl wieder die übliche Meeresbrise herüberwehte, war es heute dumpf und stickig in der Gasse, der Wind erreichte den letzten Winkel kaum. Schon beim Überqueren der Gartenmauern waren beide Freunde schweißnass.

Nun sollte sich Morgans Vorsicht bewähren. Kaum hatten sie ihren Posten unter der kleinen Fensteröffnung eingenommen und sich dabei eng an die Hausmauer geschmiegt, als in den Raum ein kleines Licht kam und sich der Öffnung näherte. Offenbar trug jemand ein Öllämpchen und ging durch den Versammlungsraum. Morgan hielt den Atem an, als er hörte, wie zwei Riegel an der Innenseite der hölzernen Pforte zum Hof zurückgeschoben wurden und sich anschließend die Tür ein kleines Stück öffnete. Knarrend blieb sie in dieser Position stehen, und der schmale Lichtschein wanderte von ihnen weg, zurück in den Raum. Morgan hörte, wie sein Freund sachte die angehaltene Luft ausstieß. Dann drangen Stimmen an ihr Ohr, und unwillkürlich duckte sich jeder von ihnen noch tiefer an die Hauswand und den Boden des Hofes.

Das Treffen hatte begonnen. Und wie am gestrigen Tag, drangen zunächst auch nur Wortfetzen an die Ohren der Lauscher.

„Alles gut ... Letzte Nacht ... Aufbruch ...“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917901
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band blutmond cornwall

Autor

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