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Arztroman Sammelband 3 Romane: Ein schicksalhafter Blackout / Ein Wunder wird wahr / Kann Carola verzeihen?

2018 380 Seiten

Zusammenfassung

Arztroman Sammelband 3 Romane: Ein schicksalhafter Blackout / Ein Wunder wird wahr / Kann Carola verzeihen?
Als die erfolgreiche Innenarchitektin Marina Hornberg am Morgen nach einer feucht-fröhlichen Geburtstagsparty im Bett des attraktiven Bildhauers Willi Mertensen erwacht, erinnert sie sich an nichts mehr; nach der dritten Sangria hat sie einen Filmriss. Von Schuldgefühlen geplagt, überlegt sie, wie sie den Fehltritt ihrem Verlobten Michael Brandrup, den sie von Herzen liebt, beichten soll. Zumal Mertensen sie seither mit heißen Liebesschwüren verfolgt. Kurz darauf wird sie Opfer eines Verkehrsunfalls mit Fahrerflucht und fällt ins Koma. Wird die bildhübsche junge Frau, wenn sie aus ihrem Schlaf erwacht, jemals wieder laufen können … und wird ihr Michael verzeihen?

Leseprobe

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Arztroman Sammelband 3 Romane: Ein schicksalhafter Blackout / Ein Wunder wird wahr / Kann Carola verzeihen?

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Als die erfolgreiche Innenarchitektin Marina Hornberg am Morgen nach einer feucht-fröhlichen Geburtstagsparty im Bett des attraktiven Bildhauers Willi Mertensen erwacht, erinnert sie sich an nichts mehr; nach der dritten Sangria hat sie einen Filmriss. Von Schuldgefühlen geplagt, überlegt sie, wie sie den Fehltritt ihrem Verlobten Michael Brandrup, den sie von Herzen liebt, beichten soll. Zumal Mertensen sie seither mit heißen Liebesschwüren verfolgt. Kurz darauf wird sie Opfer eines Verkehrsunfalls mit Fahrerflucht und fällt ins Koma. Wird die bildhübsche junge Frau, wenn sie aus ihrem Schlaf erwacht, jemals wieder laufen können ... und wird ihr Michael verzeihen?

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Ein schicksalhafter Blackout

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von A. F. MORLAND

Der Umfang dieses Buchs entspricht 95 Taschenbuchseiten.

Als die erfolgreiche Innenarchitektin Marina Hornberg am Morgen nach einer feucht-fröhlichen Geburtstagsparty im Bett des attraktiven Bildhauers Willi Mertensen erwacht, erinnert sie sich an nichts mehr; nach der dritten Sangria hat sie einen Filmriss. Von Schuldgefühlen geplagt, überlegt sie, wie sie den Fehltritt ihrem Verlobten Michael Brandrup, den sie von Herzen liebt, beichten soll. Zumal Mertensen sie seither mit heißen Liebesschwüren verfolgt. Kurz darauf wird sie Opfer eines Verkehrsunfalls mit Fahrerflucht und fällt ins Koma. Wird die bildhübsche junge Frau, wenn sie aus ihrem Schlaf erwacht, jemals wieder laufen können ... und wird ihr Michael verzeihen?

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Wie spricht Ihre Mutter auf die neue Lichttherapie an, die ich ihr verordnet habe, Frau Hornberg?“, fragte Chefarzt Dr. Härtling die junge Patientin.

„Sehr gut, Herr Doktor“, antwortete Marina Hornberg. Als der Schöpfer Anmut und Schönheit verteilt hatte, musste sie zweimal aufgezeigt haben. „Wenn man bedenkt, wie lange sie gelitten hat ... Und nun ist sie beinahe beschwerdefrei. Ich hatte ja keine Ahnung, dass so viele Menschen an dieser lästigen Krankheit leiden.“

„Mehr als drei Millionen“, nickte Sören Härtling, während die Patientin, die zu ihm zur Vorsorgeuntersuchung in die Vormittagssprechstunde gekommen war, sich anzog.

„Diese Neurodermitis ist eine schlimme Geißel“, seufzte Marina Hornberg.

„Die leider schon Babys befallen kann“, sagte Dr. Härtling.

„Der wahnsinnige Juckreiz ließ meine Mutter oft nächtelang nicht schlafen“, erzählte die junge Frau. „Jahrelang wurde sie mit Kortison behandelt - was ja auch nicht so ganz ohne ist.“

„Deshalb dürfen nun auch alle, die unter Hautekzemen leiden, aufatmen“, meinte der gutaussehende Klinikchef. „Medizinforscher haben sich wieder auf die Höhensonne, die ja schon früher erfolgreich bei Neurodermitis eingesetzt wurde, besonnen. Unter Höhensonnenbestrahlung heilten die nässenden Ekzeme sehr rasch ab, da die Höhensonnen vergangener Tage jedoch krebserregende UVB Strahlen und gewebeschädigende, ungefilterte UVA Strahlen enthielten, war man gezwungen, sie aus dem Verkehr zu ziehen. Glücklicherweise ist es mittlerweile gelungen, Geräte zu entwickeln, die nur Strahlen des ungefährlichen UVA-1-Bereichs durchlassen, und neueste Studien zeigen, dass sie Neurodermitis ganz erheblich lindern.“

Marina Hornberg - sie war mit vierundzwanzig Jahren schon eine sehr gefragte und erfolgreiche Innenarchitektin - lächelte. „Jetzt wäre es schön, wenn das auf Dauer möglich wäre.“

„So weit ist die Forschung leider noch nicht“, erwiderte Dr. Härtling. „Im Moment müssen wir noch froh sein, dass die Wirkung einige Wochen anhält. Auch das ist schon ein Erfolg.“

„Wird es jemals gelingen, diese Krankheit völlig auszuheilen?“, fragte die attraktive Patientin.

„Irgendwann mal wird das wahrscheinlich möglich sein“, meinte der Klinikchef zuversichtlich.

„Wieso ist dieses Leiden bislang noch nicht auf Dauer heilbar?“, wollte Marina Hornberg wissen.

„Weil Neurodermitis genetisch bedingt ist“, antwortete Dr. Härtling. „Nüsse dieser Art sind besonders hart, deshalb wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis es gelingt, sie zu knacken, aber eines Tages wird es geschehen, da bin ich ganz sicher.“ Der Gynäkologe und Chefarzt der Paracelsus-Klinik fragte, wie es Marina Hornberg beruflich gehe.

Sie nickte zufrieden. „Gut. Sehr gut. Ich kann mich wirklich nicht beklagen.“

„Das freut mich für Sie“, sagte Sören Härtling.

„Sollten Sie mal den Wunsch haben, Ihre Villa komplett umzugestalten, stehe ich Ihnen selbstverständlich gerne zur Verfügung“, lächelte die junge Innenarchitektin.

„Obwohl Sie so viel zu tun haben?“

Marina Hornberg lächelte. „Ich entscheide, wer zuerst drankommt. Sie brauchen nur ein Wort zu sagen, schon bin ich zur Stelle.“

„Vielen Dank für Ihr Angebot“, sagte Dr. Sören Härtling. „Vielleicht komme ich darauf zurück. Ich werde mal mit meiner Familie darüber reden.“

Die Gelegenheit dazu würde er mittags haben. Da er von der Paracelsus-Klinik nur wenige Autominuten entfernt wohnte, nahm er das Mittagessen zumeist zu Hause im Kreis seiner Lieben ein. Nur ganz dringende Fälle konnten ihn von dieser ihm lieb gewordenen Gewohnheit abhalten.

Er verabschiedete sich von Marina Hornberg, bat sie, ihrer Mutter einen herzlichen Gruß von ihm zu bestellen, und forderte Schwester Annegret, die rüstige Mittsechzigerin, auf, die nächste Patientin aufzurufen.

Zu Mittag brachte Ottilie, die Haushälterin, dann eine „Spezialität aus der deutschen Küche“, wie sie es nannte, auf den Tisch: Apfelhackbraten.

Der achtzehnjährige Ben beäugte die Speise skeptisch und meinte: „Apfelhackbraten hat es in diesem Haus noch nie gegeben.“

„Richtig“, bestätigte die grauhaarige Wirtschafterin.

„Und warum gibt es ihn heute?“, wollte Ben wissen.

„Weil man neben Altbewährtem hin und wieder auch mal was Neues ausprobieren sollte“, antwortete Ottilie und legte ihm eine dicke Schnitte auf den Teller.

„Sieht lecker aus“, meinte Dana, Bens hübsche Zwillingsschwester.

„Riecht auch lecker “, sagte der vierzehnjährige Tom.

„Und schmeckt bestimmt auch lecker“, meinte die zehnjährige Josee.

„Woher willst du das jetzt schon wissen?“, fragte Tom. „Du hast es doch noch nicht probiert.“

„Weil alles lecker schmeckt, was Ottilie kocht“, behauptete Josee.

„Oh, danke für das Kompliment“, sagte die Wirtschafterin.

„Alles?“ Tom rieb sich die Nase. „Und was war vorige Woche mit diesem griechischen Fischgericht, das keinem geschmeckt hat? Es hat im ganzen Haus danach gestunken, und dir war sogar schlecht.“

„Doch nicht vom Fischgericht“, entgegnete Josee.

„Wovon denn sonst?“

„Von irgendetwas anderem.“

„Gut, gut“, sagte Ottilie, während sie die Familienmitglieder weiter bediente, „ich gebe zu, der Versuch ging daneben, und ich werde euch dieses Gericht auch ganz bestimmt nie mehr vorsetzen. Aber dieser köstliche Apfelhackbraten hier wird mit Sicherheit allen schmecken.“

Die Behauptung der Haushälterin bewahrheitete sich. Das Ergebnis des neuen Küchenexperiments kam bei der ganzen Familie so gut an, dass Jana Härtling der alten Wirtschafterin im Namen aller ein großes Lob aussprach.

Ben entschuldigte sich für seine anfängliche Skepsis, und Tom sagte: „Das würde ich gerne schon sehr bald wieder essen.“

„Ich auch“, nickte Dr. Härtling.

Ottilie strahlte. „In Ordnung. Ich setze es in zwei, drei Wochen wieder auf den Speiseplan.“

Während des Nachtischs erzählte Sören Härtling von Marina Hornbergs Angebot, das Innere der Villa völlig neu zu gestalten. Ben sprach sich sofort dagegen aus.

„Ist doch alles super und urgemütlich, Papa“, sagte er. „Warum willst du das ändern?“

„Ich will nichts ändern “, gab Sören Härtling zurück. „Ich hole nur mal eure Meinung zu diesem Thema ein.“

„Ich finde es schön so, wie es ist“, sagte Josee.

„In einem völlig umgekrempelten Haus würde ich mich auch nicht mehr wohl fühlen“, fügte Dana hinzu.

Dr. Härtling wandte sich an seine Frau. „Und was meinst du, Schatz?“

„Ich finde, unser Heim ist optimal eingerichtet und punktgenau auf die Bedürfnisse unserer Familie abgestimmt“, antwortete Jana Härtling. „Da kann selbst der beste und einfallsreichste Innenarchitekt nichts mehr verbessern. Man kann es lediglich anders machen, und darin sehe ich absolut keinen Sinn.“

„Damit ist die Sache vom Tisch, würde ich sagen“, meinte Dr. Härtling, tupfte seine Lippen mit der Stoffserviette ab, legte sie neben den Dessertteller und lehnte sich satt und zufrieden zurück.

Er mochte es, wenn sich seine Familie so einig war. Die Härtlings, so richtig schön aus einem Guss, das liebte er, das machte ihn glücklich.

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Zur selben Zeit ging es im Öko-Haus von Marina Hornberg und Michael Brandrup hoch her. Michael war Architekt. Er hatte das eigenwillige Haus - sehr viel Glas, sehr viel Holz, nirgendwo Beton - entworfen und gebaut, und Marina hatte es mit Geschmack und Liebe zum Detail eingerichtet. Man konnte sagen, sie wohnten in ihrem wahrgemachten Traum.

„Meine Schuhe“, stöhnte Michael Brandrup: Er raufte sich die dichten blonden Haare. „Wo sind meine Schuhe?“

Marina zeigte auf den Koffer, der offen auf dem französischen Bett lag. „Die hast du doch vor fünf Minuten eingepackt.“

Michael schüttelte den Kopf. „ Nicht die schwarzen. Die braunen suche ich.“

„Diese alten Latschen?“

„Sie sind weich und bequem.“

„Du bist ein erfolgreicher Architekt“, sagte Marina. „Du kannst doch nicht mit solchen Schuhen ...“

„Warum nicht? Meine Füße fühlen sich wohl darin.“

Marina schlug die Augen nieder. „Ich muss dir etwas gestehen, Liebling.“

„Es ist jetzt keine Zeit für Geständnisse“, stieß Michael hektisch hervor. „Hilf mir lieber die braunen Schuhe zu suchen.“

„Die brauchen wir nicht zu suchen. Ich weiß, wo sie sind.“

„Du weißt es? Warum holst du sie dann nicht?“

„Weil mir das nicht möglich ist“, gab Marina gepresst zur Antwort.

„Dann sag mir, wo sie sind, und ich hole sie selbst.“

„Du kennst doch den netten alten Mann, der bei Frau Stary die Hecke schneidet.“

Michael raufte sich erneut die Haare. „Großer Gott, ich habe es schrecklich eilig, und du erzählst mir von einem netten alten Mann.“

„Das muss ich.“

„Wieso?“

„Weil ich ihm deine braunen Schuhe geschenkt habe.“

Michael riss bestürzt die Augen auf. „Was?“

„Er hat sich sehr darüber gefreut.“ Michael nickte heftig. „Das glaube ich. Diese Schuhe haben immerhin mal fast dreihundert Mark gekostet.“

„Er trägt sie jetzt bei der Gartenarbeit.“

„Was?“ Michael war entsetzt. „Meine teuren Schuhe? Marina, wie konntest du ...“

„Du bekommst von mir neue braune Schuhe.“

„Ich will keine neuen braunen Schuhe. Ich will meine alten wiederhaben.“

„Soll ich zu Frau Stary gehen und den alten Mann bitten, die Schuhe auszuziehen und barfuß zu arbeiten?“

„Du hättest mich fragen müssen, bevor du ...“

„Sei ehrlich“, fiel Marina ihm ins Wort, „du hättest doch niemals eingewilligt, wenn ich vorgeschlagen hätte, die Schuhe dem netten alten Herrn zu schenken.“

„Hätte ich auch nicht.“

„Na also. Ich hatte ja keine andere Wahl, als es hinter deinem Rücken zu tun.“

„Weibliche Logik.“ Michael Brandrup verdrehte die Augen. „Damit machst du mich noch mal wahnsinnig.“

„Ich denke, du solltest die Trauerminute für deine alten, schäbigen, ausgetretenen braunen Schuhe abbrechen, sonst versäumst du noch dein Flugzeug.“

Michael Brandrup ächzte mit leidender Miene. „Warum bestraft mich der Herr mit einem solchen Weib? Was habe ich verbrochen ...“

Marina Hornberg trat vor ihn hin, legte die Arme um seinen Hals, sah ihm lächelnd in die Augen und sagte: „Nichts hast du verbrochen. Deshalb bestraft der Herr dich auch nicht. Er belohnt dich.“

„Mit dir.“

„Mit mir“, bestätigte Marina und gab ihm einen sehr, sehr zärtlichen Kuss.

Zwanzig Minuten später brachte sie ihren Lebensgefährten zum Flugplatz. Michael musste geschäftlich für zwei Wochen nach Hamburg.

„Du wirst mir fehlen“, sagte Marina. „Das hoffe ich.“

„Ich werde jeden Abend kalte Füße haben, und es wird niemand neben mir liegen, zu dem ich sie rüberschieben kann.“

Michael lachte. „Du wirst dir mit dicken Socken helfen müssen.“ Marina warf ihm einen raschen Blick zu und achtete dann wieder auf den Verkehr. „Bist du mir noch böse wegen der braunen Schuhe?“

„Nein“, antwortete er: „Du weißt doch, dass ich dir nicht richtig böse sein kann.“

„Liebst du mich?“

„Heute, morgen, immer.“ Er grinste. „Egal, wie viele gute Schuhe du von mir noch verschenkst.“

Michael war drei Jahre älter als sie und sah hinreißend aus. Dass so ein phantastisches Äußeres auch noch mit einem wahrhaft edlen Charakter gepaart war, kam nicht oft vor, deshalb war Marina auch sehr glücklich, ihr Leben mit Michael teilen zu können. Eine spätere Heirat war durchaus nicht ausgeschlossen, aber vorläufig genügte es ihnen, glücklich und harmonisch miteinander unter einem Dach zu leben.

„Morgen steigt Hannelores Geburtstagsparty“, sagte Marina. Sie folgte den Hinweisschildern zur Abflughalle des Flughafens. Hannelore Mauritz war eine gemeinsame Freundin von ihnen. Eine Künstlerin, die ausschließlich hübsche Mädchen malte. Auch Marina hatte ihr schon mal Modell gestanden. Die Künstlerin signierte ihre Werke mit 'hannelomau', und es gehörte in besseren Kreisen zum guten Ton, ein Bild von ihr zu besitzen.

„Sag ihr, dass es mir leid tut, nicht dabei sein zu können“, sagte Michael.

„Ich werde mich ohne dich zu Tode langweilen.“ Marina seufzte. „Hannelore ist zwar sehr nett, aber sie hat so viele Freunde, mit denen ich nichts anzufangen weiß. Gruftis. Hippies. Ausgeflippte Typen. Ihre normalen Freunde sind bedauerlicherweise in der Minderheit.“

Michael lachte. „Hannelore ist ja selbst ein ziemlich bunter Vogel. Ich mag sie. Aber ich würde sie niemals gegen dich eintauschen, obwohl auch sie eine atemberaubende Schönheit ist.“

Marina fuhr ins Parkhaus. Michael lud seinen Koffer und das Handgepäck aus, und nachdem er eingecheckt hatte, war noch Zeit für einen Kaffee.

Beim Abschied sagte Marina dann: „Ich wünsche dir alles Gute für Hamburg - und viel Erfolg.“

„Danke, mein Schatz.“

Marina bohrte ihm ihren Zeigefinger in die Rippen, „Komm nicht auf die schiefe Bahn, hörst du? Hamburg ist ein sündiges Pflaster.“

„Keine Gefahr für jemanden, der so glücklich liiert ist wie ich.“ Jetzt bohrte er ihr seinen Zeigefinger in die Rippen. „Lass dich morgen auf der Party nicht anmachen, verstanden?“

Sie lachte. „Von wem denn? Von einem Grufti etwa?“

Er küsste sie innig. „Mach’s gut, Kleines.“

„Du auch. Guten Flug.“

„Ich rufe dich heute Abend an.“

„Tu das.“

Er gab ihr noch einen Kuss, dann ging er.

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Eine Stunde später läutete Marina Hornberg an der Tür ihrer Mutter. Lena Hornberg, eine schmale, unscheinbare Frau von fünfzig Jahren, freute sich sehr über den unerwarteten Besuch ihrer Tochter. Sie tranken Tee und aßen selbstgebackene Plätzchen, und Marina bestellte den herzlichen Gruß von Dr. Härtling.

„Wir können froh sein, dass wir so einen guten, menschlichen und kompetenten Arzt gefunden haben“, sagte Lena Hornberg. „Dr. Härtling fertigt seine Patienten nicht, wie viele seiner Kollegen, am Fließband ab. Er nimmt sich für jeden ausreichend Zeit und geht, falls erforderlich, auch auf seine seelischen Nöte ein. Das hilft zumeist mehr als die vielen Pillen und Spritzen, die man anderswo bekommt.“ Sie sah ihre Tochter an. „Du warst heute bei ihm?“ Marina nickte. „Zur jährlichen Vorsorgeuntersuchung.“

„Und? Alles in Ordnung?“

„Alles in Ordnung“, sagte Marina. „Anschließend habe ich Michael zum Flugplatz gefahren.“

„Musste er schon wieder weg? Er war doch erst vorige Woche drei Tage in Meran.“

Marina hob die Schultern. „Wenn das Schaf Wolle hat, muss man es scheren.“

Lena Hornberg musterte ihre Tochter besorgt. „Vernachlässigt Michael dich nicht ein bisschen?“

„Ich komme damit sehr gut klar, Mama.“

„Wie lange wird er diesmal fort sein?“

„Zwei Wochen, aber das macht mir nichts aus “, erklärte Marina, und so war es tatsächlich. Ihre Liebe überbrückte die Zeit der Trennung mühelos, und wenn Michael wieder zu Hause war, holten sie alles nach, was sie versäumt hatten. Marina nahm sich ein weiteres Plätzchen. „Die schmecken großartig.“

„Wenn du möchtest, gebe ich dir welche mit.“

„Nein, vielen Dank, lieber nicht. Michael mag mich schlank, und das möchte ich gerne bleiben.“

„Du hast doch keine Figurprobleme“, sagte Lena Hornberg.

„Weil ich relativ diszipliniert lebe und mich vernünftig ernähre. Wenig Süßigkeiten. Wenig Fett. Kaum Alkohol. Reichlich Ballaststoffe. Vitaminreiche Kost.“

Marina blieb zwei Stunden bei ihrer Mutter, dann fuhr sie nach Hause. Die Stille und die Leere, die sie empfingen, bedrückten sie nicht, denn sie stützte sich sogleich in ihre Arbeit. Zwei Kunden riefen an und äußerten Zusatzwünsche, die Marina in ihrer Planung berücksichtigen sollte. Sie klärte telefonisch den Termin mit einem Fliesenleger ab und reklamierte die überfällige Lieferung von französischen Vorhangstoffen.

Michael Brandrup meldete sich, wie versprochen.

„Wie war der Flug?“, erkundigte sich Marina.

„Ruhig und ereignislos.“

„Und wie bist du in Hamburg untergebracht?“

„Erstklassig“, gab Michael zur Antwort. „Was tust du gerade?“

Marina lachte leise. „Ich telefoniere mit dir.“

„Und sonst?“

„Ich arbeite.“

„Wird langsam Zeit, dass du Schluss machst“, meinte Michael.

„Und was tue ich dann?“, fragte Marina. „Die Wände anstarren?“

„Fernsehen. Lesen. Relaxen.“

„Erlaubst du mir noch eine Stunde? Dann höre ich auf und ziehe mich mit einem guten Buch zurück.“

„Ich bin zu weit weg, um dich an irgendetwas hindern zu können.“ Marina senkte ihre Stimme. „Wenn du hier wärst, würde ich alles stehen und liegen lassen und mich um dich kümmern.“

„In welcher Form?“

„Du weißt schon, wie.“

„Nein, ich weiß es nicht. Sag es mir.“ Marina lachte. „Du möchtest mich in Verlegenheit bringen, aber das wird dir nicht gelingen. Was steht heute Abend auf dem Programm?“

„Ein Reeperbahnbummel“, antwortete Michael.

„Oh, wie aufregend“, sagte Marina.

„Ich umarme dich, mein Engel“, sagte Michael sanft.

„Und ich wünsche dir viel Vergnügen auf der sündigsten Meile der Welt.“

„Ich habe nicht vor zu sündigen.“

„Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann“, gab Marina weich zurück, „deshalb liebe ich dich auch so sehr.“

Sie legten gleichzeitig auf, und Marina arbeitete weiter.

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Tags darauf holte Marina das Geburtstagsgeschenk ab, das sie vor zwei Monaten in Auftrag gegeben hatte: eine handgeschnitzte und handbemalte Katze. Das hübsche Holztier wartete seit einer Woche auf sie, doch sie hatte noch keine Zeit gehabt, es sich zu holen.

Als sie mit dem Geschenk heimkam, rief 'hannelomau' an und fauchte aggressiv: „Ich hasse, hasse, hasse dich!“

„Du hasst mich?“,fragte Marina wie vor den Kopf geschlagen.

„Und wie! Die Augen möchte ich dir auskratzen!“

„Bist du verrückt?“, fragte Marina fassungslos.

„Flittchen!“

„Jetzt reicht es aber!“, ärgerte sich Marina.

„Mir reicht es schon lange, du hinterhältiges Luder! Denkst du, ich kriege nicht mit, was hinter meinem Rücken läuft? Ich weiß alles!“

„Liebe Güte, Hannelore, du musst den Verstand verloren haben“, sagte Marina betroffen.

„Wage ja nicht, heute Abend in mein Haus zu kommen.“

„Okay, dann bleibe ich eben zu Hause.“

„Ich verabscheue dich“, schrie Hannelore aufgebracht. „Und so etwas nennt sich Freundin. Pfui, Teufel.“

„Würdest du mir jetzt endlich verraten, warum du mich so beschimpfst? Was habe ich getan?“

„Scheinheiliges Biest, das weißt du doch!“

„Ich habe nicht die leiseste Ahnung“, entgegnete Marina kriegerisch.

„Das kannst du mir doch nicht erzählen. Für wie naiv hältst du mich eigentlich, he? Ich bin nicht von gestern, liebe Vera ...“

„Vera? Wieso denn Vera? Hör mal, weißt du nicht, mit wem du sprichst?“

„Selbstverständlich weiß ich, mit wem ich spreche.“

„Ich bin nicht Vera Gasser“, er klärte Marina.

„Blödsinn, ich habe doch deine Telefonnummer gewählt.“

„Lieber Himmel, du hast auf die falsche Zielwahltaste gedrückt“, sagte Marina. „Meine Nummer ist in deinem Telefon unter der von Vera gespeichert. Hier ist nicht Vera, ich bin Marina.“

„Marina?“ Hannelore Mauritz hörte sich an, als wäre sie völlig durcheinander. „Wirklich?“

„Ja.“

„Oh, verflucht“, jammerte 'hannelomau'. „Das ... das ist mir aber jetzt wahnsinnig peinlich. Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, Marina. Mein Wutausbruch galt selbstverständlich nicht dir, sondern Vera, diesem Miststück.“

Marina lachte gepresst. „Ich bin mir auch absolut keiner Schuld bewusst.“

„Nein, du bist brav. Du bist anständig. Aber Vera ...“

„Was hat sie getan?“

„Sie kann ihre verdammten Finger nicht von meinem neuen Freund lassen“, zischte Hannelore Mauritz feindselig.

„Wer ist dein neuer Freund?“

„Berti Luderer. Du kennst ihn noch nicht.“

„Werde ich ihn heute Abend kennenlernen?“, fragte Marina.

„Ich würde die Party am liebsten absagen“, seufzte Hannelore.

„Das fände ich schade.“

„Vera versucht, mir meinen Berti abspenstig zu machen“, klagte Hannelore Mauritz.

„Wenn ihr das gelingt, ist der Typ ohnedies nichts wert.“

„Berti ist ein Mann - und du kennst Vera“, sagte Hannelore. „Wenn sie ihre verführerischen Signale aussendet, ist jeder Mann, der nicht aus Granit gemeißelt ist, gefährdet.“

„Liegt dir viel an Berti?“

„Ich liebe ihn.“

„Ich werde dafür sorgen, dass Vera ihn in Ruhe lässt“, versprach Marina Hornberg.

„Wie denn?“, wollte 'hannelomau' wissen.

„Lass mich nur machen“, sagte Marina und legte auf.

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Vera Gasser war Aerobic-Trainerin in einem großen Fitnessstudio. Sie hatte demzufolge eine atemberaubende Figur und sah in ihrem eng anliegenden Trikot unheimlich sexy aus.

Da sie ihr dunkles Haar kürzer trug als so mancher Mann, kam ihr makelloses Gesicht noch besser zur Geltung. Mehrere Verehrer umringten sie an der Saftbar, als Marina Hornberg das Studio betrat.

Vera löste sich aus dem Kreis, als sie Marina bemerkte. „Hallo, Marina. Möchtest du etwas für deine Fitness tun?“

„Ich muss mit dir reden.“

Vera schmunzelte. „Nach deiner ernsten Miene zu schließen, scheint es sich um etwas Wichtiges zu handeln.“

„Wo ist man hier ungestört?“

„Oben auf dem Dach. Komm.“ Vera stieg mit ihrer Besucherin eine Treppe hoch, die zum Flachdach hinaufführte. Sie setzten sich auf eine kniehohe Ziegelmauer, und Vera sagte: „ Schieß los. Was hast du auf dem Herzen?“

„Es geht um Hannelore“, begann Marina vorsichtig.

„Hat sie dich zu mir geschickt?“

Marina schüttelte den Kopf. „Nein.“

„'hannelomau' leidet unter einem ziemlich ausgeprägten Verfolgungswahn“, behauptete Vera Gasser. „Wieso?“

„Sie glaubt, ich möchte ihr ihren neuen Freund abspenstig machen.“

„Ist das nicht deine Absicht?“

„Er interessiert mich nicht die Bohne.“

„Hannelore sieht das anders.“ Marina erzählte vom irrtümlichen Anruf der Freundin.

Vera hob die Hände. „Ich will nichts von Berti Luderer. Ich schwör’s.“

„Wieso glaubt Hannelore dann ...“

„Berti ist nicht mein Typ“, behauptete Vera.

„Aber Hannelore kann doch nicht sagen ...“

„Berti ist derjenige welcher“, fiel Vera ihr ins Wort.

„Willst du damit etwa sagen, dass er hinter dir her ist?“, fragte Marina verblüfft.

Vera nickte heftig. „Ziemlich massiv sogar. Ich habe ihn bereits zweimal sehr ausdrücklich gebeten, mich in Ruhe zu lassen, doch er hört nicht auf, mich zu verfolgen. Er ruft mich fortwährend an, kommt hierher, läuft mir, als wäre es ganz zufällig, im Supermarkt über den Weg, möchte mich immer wieder einladen auf einen Kaffee, zum Essen, ins Kino ... Ich habe ihm gesagt, er solle doch bitte auf Hannelore Rücksicht nehmen. Daraufhin meinte er, mit Hannelore komme er schon klar, um die brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Berti Luderer ist ein falscher Fuffziger, aber wenn du das Hannelore sagst, glaubt sie dir kein Wort, und du machst sie dir außerdem zur Feindin, denn Berti versteht es äußerst geschickt, sie zu täuschen.“

Marina seufzte. „Die Ärmste tut mir leid.“

„Ich denke, ich bleibe ihrer Geburtstagsparty heute Abend lieber fern“, sagte Vera Gasser.

„Wenn jemand auf ihrer Party nichts zu suchen hat, ist das Berti“, meinte Marina kriegerisch.

„Willst du ihr das sagen?“

„Selbstverständlich.“

Vera wiegte bedenklich den Kopf. „Wenn du Pech hast, bist du die längste Zeit ihre Freundin gewesen.“

„Das muss ich riskieren“, sagte Marina entschlossen. „Ich will nicht, dass dieser Kerl ihr das Herz bricht.“

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Marina hatte die Freundin zu sich ins Öko-Haus gebeten. „Liebe Güte“, ächzte die grünäugige Hannelore Mauritz, „ich sollte nicht hier sein. Ich hätte zu Hause noch so viel zu tun. Sandra, Bea und Katrin sind so lieb, mir zu helfen, aber wenn ich nicht da bin ...“

„Sie werden für eine Stunde auch ohne dich auskommen“, sagte Marina.

„Warum hast du darauf bestanden, dass ich hierherkomme?“, wollte 'hannelomau' wissen.

„Weil ich sichergehen möchte, dass niemand uns stört“, antwortete Marina.

Die Freundin stöhnte auf. „In meinem Haus geht es drunter und drüber, denk daran.“

„Denk jetzt mal für ein paar Minuten nicht an die Partyvorbereitungen, okay?“, bat Marina. „Du hast ein Problem.“

Die attraktive Malerin nickte sofort grimmig. „Vera Gasser!“

„Nein, nicht Vera.“

„Sondern?“

„Wie lange sind wir nun schon miteinander befreundet, Hannelore?“, fragte Marina.

„Zehn Jahre. Mindestens. Schätze ich jedenfalls.“

„War ich in dieser Zeit schon mal unaufrichtig zu dir?“, wollte Marina wissen.

Hannelore schüttelte den Kopf. „Nein, du nicht. Du bist anständig, aber Vera, diese Schlange ...“

„Hör auf, auf Vera herumzuhacken“, stieß Marina energisch hervor.

Hannelore warf ihr einen missgestimmten Blick zu. „Nimm sie nicht in Schutz.“

„Das muss ich“, erwiderte Marina. „Ich war bei ihr im Fitnessstudio. Ich habe mit ihr gesprochen.“ Hannelores Augen wurden schmal. „Was hat sie gesagt? Bestimmt nicht die Wahrheit: Vera ist eine notorische Lügnerin, das weiß jeder.“

„Jeder? Ich weiß es nicht.“

„Du hast selbst einmal gesagt, dass sie die Geschichten, die sie zum Besten gibt, immer ziemlich haarsträubend ausschmückt“, erwiderte Hannelore.

„Na ja“,sagte Marina tolerant, „aber deshalb würde ich sie noch nicht als notorische Lügnerin bezeichnen. Sie trägt ein bisschen dicker auf, damit man über das, was sie erzählt, lachen kann.“

„Wenn sich jemand nicht an die Wahrheit hält, lügt er“, brachte es Hannelore ganz simpel auf den Punkt.

„Ich finde, man muss berücksichtigen, warum jemand die Wahrheit ein bisschen verfremdet“, meinte Marina. „Geschieht es zur allgemeinen Erheiterung, ist dagegen nichts einzuwenden. Geschieht es mit der Absicht, jemandem zu schaden, ist es zu verurteilen.“

Hannelore verdrehte die Augen: „Grundgütiger, ich sitze hier auf Nadeln, und du erzählst mir vom Wert und Unwert der Lüge.“

„Vertraust du mir?“, fragte Marina. „Selbstverständlich vertraue ich dir!“

„Wie sehr?“, wollte Marina wissen.

„Wie mir selbst.“

„Was müsste passieren, dass du nicht mehr meine Freundin sein möchtest?“ Hannelore zeigte ihre Zähne und lachte rau. „Du müsstest so werden wie Vera Gasser, aber das brauche ich zum Glück nie zu befürchten.“

„Darf ich offen sein?“

„'hannelomau'“ nickte. „Ich bitte darum.“

„Du tust Vera Unrecht“, behauptete Marina. „Sie will nichts von Berti Luderer.“

Hannelores Augen wurden schmal. „Sie lügt“, fauchte sie aggressiv.

„Er ist nicht ihr Typ.“

„Ach, komm schon. Jeder gutaussehende Mann ist Vera Gassers Typ. Das ist ein offenes Geheimnis. Sie wurde mehrmals mit Berti gesehen. Das Biest lauert ihm überall auf.“

„Vielleicht sucht Berti ihre Nähe.“ Hannelore schüttelte heftig den Kopf. „Das halte ich für völlig ausgeschlossen.“

„Du kannst dir also nicht vorstellen, dass nicht sie hinter ihm, sondern er hinter ihr her ist?“

„Nein, kann ich nicht“, antwortete die Künstlerin,, „und wenn Vera das behauptet, lügt sie.“

„Hannelore, es tut mir sehr leid, aber ich glaube Vera, und ich bedauere, dass du es von mir erfahren musst ...“ Hannelore Mauritz sah die Freundin gespannt an. „Was erfahren?“

„Dass Berti Luderer ziemlich massiv hinter Vera Gasser her ist.“

„Sie lügt. Sie lügt. Sie lügt.“ Hannelore stampfte mehrmals wütend mit dem Fuß auf. Sie wirkte dabei wie ein trotziges kleines Kind.

„Sie hat ihn mehr als einmal mit Nachdruck gebeten, sie in Ruhe zu lassen, doch er hört nicht auf, sie zu verfolgen. Er ruft sie fortwährend an, kommt ins Fitnessstudio, läuft ihr wie zufällig im Supermarkt über den Weg, versucht sie immer wieder einzuladen. Sie hat ihn gebeten, auf dich Rücksicht zu nehmen, doch er meinte, mit dir komme er schon klar, über dich brauche sie sich keine Gedanken zu machen. Berti Luderer spielt mit gezinkten Karten, Hannelore. Er versteht es äußerst geschickt, dich zu täuschen.“

„Lüge. Alles Lüge.“ Hannelores Augen füllten sich mit Tränen. „Berti liebt mich!“

„Vielleicht liebt er dich wirklich“, nickte Marina. „Doch leider nicht nur dich, sondern auch Vera und möglicherweise noch einige andere. Es gibt Männer, die mehr als eine Frau brauchen. Berti, er scheint zu dieser Sorte zu gehören. Wenn du damit nicht leben kannst, musst du dich rechtzeitig von ihm trennen. Wenn du jetzt Schluss machst, tut es noch nicht so weh wie in einem halben Jahr.“

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Neben Marina Hornberg und Vera Gasser erschienen einige ziemlich schräge Vögel in Hannelore Mauritz’ großem Haus, um mit der Künstlerin ihren Geburtstag zu feiern.

Berti Luderer befand sich nicht unter den Gästen, 'hannelomau' hatte mit ihm eine Stunde vor Partybeginn eine Aussprache unter vier Augen gehabt. Er hatte bestätigt, was Vera gesagt hatte, und Hannelore hatte ihn mit bebender Stimme gebeten zu gehen. Er hatte nicht einmal versucht, sie zu bitten, ihm zu verzeihen.

Lächelnd hatte er gemeint: „Ich hätte dich nicht für so spießig gehalten, 'hannelomau'. Du bist eine anerkannte Künstlerin, malst nackte Mädchen und kannst es seltsamerweise nicht vertragen, wenn einem Mann die Vielfalt der weiblichen Schönheit gefällt.“

„Wenn ich einen Mann liebe, möchte ich ihn für mich allein haben.“

„Wie egoistisch!“ Es klang ironisch.

„Wenn das nicht möglich ist, verzichte ich lieber“, hatte Hannelore erklärt. „Es kommt für mich nicht in Frage, dich mit Vera Gasser und wer weiß, mit wie vielen weiteren Frauen zu teilen.“

„Schade“, hatte er ohne echtes Bedauern erwidert. Jetzt erst hatte er erkennen lassen, wie kühl und nüchtern er eigentlich war. „Wir hätten eine schöne Zeit miteinander haben können.“

„Würdest du jetzt bitte gehen?“, hatte Hannelore zwischen den Zähnen hervorgepresst. Ihr war zum Heulen gewesen, aber sie hatte ihn keine Tränen sehen lassen.

„Aber ja“, hatte er bereitwillig gemeint. „Wenn ich dir damit eine Freude mache. Du wirst mich bei deinen Gästen entschuldigen, nicht wahr?“

„Ich glaube kaum, dass dich jemand vermissen wird.“

„Was soll denn dieser beleidigende Ton, 'hannelomau'?“, hatte er vorwurfsvoll entgegnet. „Können wir uns nicht in Freundschaft trennen?“

„Geh mir bitte aus den Augen.“

„Kriege ich keinen Abschiedskuss?“ Er hatte versucht, sie in die Arme zu nehmen.

Sie hatte ihn zornig zurückgestoßen. „Hol ihn dir von Vera oder irgendeiner anderen Vertreterin der von dir so hochgepriesenen weiblichen Schönheitsvielfalt.“

Er hatte betrübt die Schultern gehoben. „Schade, dass ich nicht bleiben darf. Ich habe mich schon sehr auf das leckere Büfett gefreut.“

„Ich schicke dir morgen die Reste.“

Er hatte leise gelacht. „Du kannst sehr gehässig sein.“

„Nur zu denen, die ich nicht mag.“

„Ich wünsche dir trotzdem alles Gute zum Geburtstag.“

„Danke. Und jetzt raus.“

Berti Luderer war ohne ein weiteres Wort gegangen, und es hatte 'hannelomau' gewundert, dass sie sich nach seinem Abgang so erstaunlich erleichtert fühlte.

Inzwischen hatte sie Vera Gasser in Marina Hornbergs Beisein um Verzeihung gebeten, weil sie ihr Unrecht getan hatte, und nun waren sie wieder in Freundschaft vereint.

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Die Party war so, wie Marina sie erwartet hatte: Man aß. Man trank. Man tanzte. Man spielte Gesellschaftsspiele. Und Marina bedauerte, dass Michael nicht bei ihr war, denn mit einer artverwandten Seele an ihrer Seite hätte sie sich auf diesem streckenweise ziemlich ausgeflippten Fest viel wohler gefühlt.

„Langweilst du dich?“, wurde sie plötzlich gefragt. Sie stand etwas abseits vom Geschehen. Ein selbsternannter Dichter brachte dem Geburtstagskind und seinen Gästen seine holprigen Reime zu Gehör.

„Nein“, antwortete Marina und musterte den jungen Mann, der vor ihr aufgetaucht war - mittelgroß, kräftig, hübsch, schwarzhaarig und sympathisch.

Er lächelte mit blitzweißen, regelmäßigen Zähnen. „Es sieht aber so aus.“

„Der Schein trügt.“

Er straffte seinen Körper, indem er die Schultern zurücknahm. „Ich bin Willi Mertensen.“

„Marina Hornberg“, stellte sie sich vor.

„Ich weiß.“

Marina sah ihn nachdenklich an. „Kennen wir uns von irgendwo?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe 'hannelomau' nach deinem Namen gefragt.“

„Weshalb?“

Willi Mertensen zuckte mit den Schultern. „Du gefällst mir.“

„Woher kennst du Hannelore?“

„Wir haben vor zwei Monaten in derselben Galerie ausgestellt“, antwortete Willi Mertensen.

„Bist du auch Maler?“

Mertensen schüttelte wieder den Kopf. „Bildhauer.“ Er trug schwarze Jeans und einen schwarzen Rollkragenpulli.

„Aha“, sagte Marina. Scheint nett zu sein, ging es ihr durch den Sinn. Vielleicht habe ich nun doch noch jemanden gefunden, der meine Sprache spricht und auf meiner Wellenlänge liegt.

„Darf ich dir was zu trinken holen?“, fragte der junge Mann.

„Ich hatte schon zwei Cognac.“

„Die Sangria ist sehr erfrischend.“

„Okay.“

„Bin gleich zurück. Nicht weglaufen.“

Marina lachte. „Wohin denn?“

Er eilte davon und kam mit zwei ziemlich vollen Gläsern Sangria wieder. „Auf dein Wohl“, sagte er und stieß mit ihr an.

Sie tranken.

„Schmeckt gut “, stellte Marina fest. „Ist vielleicht ein bisschen zu viel Alkohol drin, aber es schmeckt sehr gut.“ Sie schnalzte mit der Zunge.

„Du bist Hannelores rangälteste Freundin, nicht wahr?“

Marina nickte. „Ja, so kann man’s ausdrücken.“

„Sie hält sehr viel von dir.“

„Und ich von ihr.“

„Sie ist eine große Künstlerin“, sagte Willi Mertensen.

„Wo würdest du sie auf einer Skala von eins bis zehn einreihen?“, wollte Marina wissen.

„Ganz oben“, antwortete Mertensen.

„Und wo stehst du?“, erkundigte sich Marina.

„Auf Platz acht, denke ich. Ich kann mich selber schwer beurteilen. Vielleicht besuchst du mich mal in meinem Atelier und bildest dir dein eigenes Urteil.“

„Wo befindet sich dein Atelier?“

„In Schwabing.“

„Ist durchaus möglich, dass ich da mal aufkreuze“, sagte Marina.

„Ich würde mich sehr über deinen Besuch freuen.“

Sie mussten bei einem Spiel mitmachen. Ein Nein wurde nicht akzeptiert. Hinterher war Marina so erhitzt und durstig, dass sie noch eine Sangria trank.

Willi Mertensen gestand ihr: „Als ich dich sah, war ich wie vom Donner gerührt, und ich sagte zu mir: Dieses Prachtmädchen musst du unbedingt kennenlernen.“

Marina fühlte sich geschmeichelt. „Was macht mich in deinen Augen zum Prachtmädchen?“, fragte sie schmunzelnd.

„Du bist wunderschön. Du hast eine Ausstrahlung, der man sich nicht entziehen kann. Man sieht dich an - und ist dir verfallen.“

Marina kicherte. „Quatsch.“

„Ich schwöre einen heiligen Eid darauf.“

Marina zeigte mit dem Finger auf ihn. „Du sagst den Frauen, was sie gerne hören, nicht wahr?“

„Ich sage einfach nur die Wahrheit“, erwiderte Willi Mertensen. „Noch eine Sangria?“

„Ich weiß nicht“, antwortete Marina unsicher. „Ich glaube, ich habe schon genug.“

Willi lächelte. „Eine geht noch.“

„Ich vertrage nicht so viel Alkohol.“

„Ist doch bloß Limonade“, sagte Willi, und sie ließ sich dummerweise breitschlagen.

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Sie wachte nicht auf. Sie kam zu sich. Und das in einer völlig fremden Umgebung. In einem völlig fremden Bett.

Als sie sich aufsetzte, merkte sie, wie grauenvoll verkatert sie war. Ein lautes Bohren und Hämmern setzte ein, als hätten sich alle Heimwerker der Stadt in ihrem Kopf ein Stelldichein gegeben.

Aber noch viel schlimmer war es für sie, feststellen zu müssen, dass sie keinen Faden am Leib hatte. Sie war splitterfasernackt, und das versetzte sie begreiflicherweise in helle Panik. Wo war sie? Wer hatte sie ausgezogen? Wie war sie hierhergekommen?

Was war überhaupt passiert? Sie erinnerte sich an nichts. An gar nichts. Da war diese Geburtstagsparty in Hannelores Haus gewesen. Sie hatte Willi Mertensen kennengelernt, hatte sich gut mit ihm unterhalten, hatte was getrunken. Und dann?

Was war dann geschehen? Irgendwann zu vorgerückter Stunde musste der Film gerissen sein, und von da an fehlte ihr jegliche Erinnerung. Oh Gott!

Neben ihr lag niemand, aber sie hatte die Nacht nicht allein in diesem Doppelbett verbracht. Das andere Kissen zeigte einen Kopfabdruck, und die Steppdecke war unordentlich zur Seite geworfen worden.

Marina roch Kaffee. Sie hörte Wasser rauschen. Wer duschte? War es Willi? Befand sie sich bei ihm? Hatte er sie auf der Party zuerst abgefüllt und dann abgeschleppt?

Sie wollte aufstehen, aber was sollte sie anziehen? Wo waren ihre Sachen?

Sie entdeckte sie weder auf dem Teppichboden noch sonst wo.

Nackt konnte sie das Bett nicht verlassen, also musste sie erst mal bleiben, wo sie war. Das Wasserrauschen endete. Geschirr klapperte.

Marina hatte keine Ahnung, wie spät es war. Draußen war helllichter Tag. Die Sonne schien. Schritte näherten sich der Schlafzimmertür.

Als sich die Tür öffnete, presste Marina die Decke gegen ihren blanken Busen und hielt unwillkürlich den Atem an.

Willi Mertensen erschien. Er hatte einen weinroten Bademantel an. Sein Haar war noch feucht. Er trug ein großes Tablett und wünschte Marina einen wunderschönen guten Morgen.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte er fröhlich.

„Wo ... wo bin ich?“, krächzte sie. „Bin ich bei dir?“

„Ja, bei mir. In meiner Atelierwohnung in Schwabing.“ Er stellte das Tablett auf seiner Bettseite ab. Kaffee, Toast, Ei, Butter, Marmelade, Honig ...

Marina beachtete das Frühstück nicht. „Wieso hast du mich hierhergebracht?“, fragte sie schneidend.

„Du wolltest es.“

Marina sah ihn entsetzt an. „Ich wollte es? Das glaube ich nicht. Warum sollte ich ...“

„Wir sprachen über meine Arbeit, und du sagtest, du würdest gern eine Skulptur von mir sehen.“

„Habe ich sofort gesagt?“, fragte Marina scharf.

„Nicht ausdrücklich.“

„Warum hast du mich dann sofort hierhergeschleppt?“, fuhr Marina ihn an.

„Ich habe dich nicht geschleppt“, stellte Willi Mertensen geduldig richtig. „Du bist freiwillig mitgegangen.“

„Freiwillig?“, fragte Marina schrill. „Ich hatte doch keinen eigenen Willen mehr. Ich muss geistig total hinüber gewesen sein. Ist dir das denn nicht auf gefallen?“

„Du warst sehr lustig, hast viel gelacht.“

„Ich war ohne Bewusstsein, und du hast das skrupellos ausgenützt“, stieß Marina anklagend hervor. „Ich wette, du hast mir keine Skulptur gezeigt, sondern bist gleich über mich hergefallen.“

„Du tust mir Unrecht:“

„Ach, tatsächlich?“, höhnte Marina. Sie hatte grauenvolle Kopfschmerzen. Es bohrte. Es hämmerte. Nie wieder Sangria!, schrie es in ihr. Das ist ein Mördergetränk!

„Es ist nichts geschehen, was du nicht wolltest“, behauptete Willi Mertensen.

„Dann lass mal hören, was ich wollte“, verlangte Marina kriegerisch.

„Du hast verlangt, dass ich dich küsse.“

„Diesen Wunsch hast du mir natürlich mit größter Begeisterung erfüllt.“

„Es war ja auch mein sehnlichster Wunsch, dich zu küssen“, erwiderte Willi.

„Und was wollte ich dann? Hast du mich ausgezogen oder war ich das selbst?“

„Du hast gestrippt.“

Marina riss die Augen auf und japste nach Luft. „Ich habe in meinem Leben noch nie gestrippt.“

„Letzte Nacht hast du’s getan. Du hast mit deinen Klamotten lachend um dich geworfen.“

„Warum hast du mich nicht daran gehindert?“

„Warum hätte ich das tun sollen?“, gab Willi zurück. „Mir hat deine Vorführung ja gefallen.“

Marina nickte wütend. „Das glaube ich. Das kann ich mir sehr gut vorstellen.“

„Sobald du nichts mehr anhattest, wolltest du wissen, wo mein Schlafzimmer ist.“

„Und du hast es mir sehr bereitwillig gezeigt.“

„Klar“, sagte Willi Mertensen. „Ich war ja auch müde.“

„Natürlich. Und was weiter?“

„Du hast dich ins Bett fallen lassen und wolltest, dass ich mich neben dich lege.“

„Hast du’s getan?“, fragte Marina grell.

„Ja, natürlich.“

„Und ... dann?“, fragte Marina stockend. Sie hatte Angst vor dem, was sie gleich zu hören bekommen würde, musste diese Frage aber dennoch stellen.

„Dann sollte ich dich in meine Arme nehmen und sehr, sehr lieb zu dir sein.“

„Sehr, sehr lieb?“, stieß Marina spitz hervor, und Panik glitzerte in ihren Augen. „So etwas habe ich noch nie von einem Mann verlangt.“

„Das weiß ich nicht.“

Sie sah Willi verzweifelt an. „Warst du sehr, sehr lieb zu mir?“

Er nickte zu ihrer großen Bestürzung. „Ja.“

„Hast du mit mir geschlafen?“, wollte sie krächzend wissen. Es ging fast über ihre Kräfte, das zu fragen, oh Gott, was wäre sie froh gewesen, wenn Willi den Kopf geschüttelt und nein gesagt hätte, aber er sagte: „Du wolltest es.“

„Das ist nicht wahr! “ schrie Marina hysterisch. „Ich wollte überhaupt nichts.“

Willi hob die Hand. „Ich habe dir auf jeden Fall nicht Gewalt angetan.“

„Wenn man mit jemandem schläft, der geistig vorübergehend nicht zurechnungsfähig ist, kommt das auf dasselbe raus“, zischte Marina. „Du hast dir etwas genommen, was ich dir nüchtern niemals gegeben hätte.“

„Es braucht dir nicht peinlich zu sein“, sagte Willi sanft. „Ich verurteile dich deswegen nicht.“

Marina spürte Hitze in ihre Wangen steigen. „Ich möchte aufstehen.“

„Ich hindere dich nicht daran.“

„Soll ich etwa nackt das Bett verlassen?“, schnappte Marina.

Willi Mertensen lächelte. „So, wie wir seit der vergangenen Nacht zueinander stehen, brauchst du dich doch nicht vor mir zu genieren.“

„Bring mir meine Sachen! “ verlangte Marina barsch.

„Möchtest du nicht vorher frühstücken?“

„Ich möchte mich anziehen und nach Hause gehen!“, fuhr sie ihn an. „Denkst du, ich bringe in dieser für mich so unerquicklichen Situation auch nur einen einzigen Bissen runter?“

Er sah sie verwundert an. „Ich verstehe deine Aufregung nicht. Es war wunderschön für mich, und dir hat es auch gefallen ...“

„Ich möchte nichts mehr davon hören!“, schnitt sie ihm scharf das Wort ab, und unbeschreibliche Schuldgefühle peinigten sie.

„Das war kein One-Night-Stand, Marina“, sagte Willi Mertensen sehr ernst. „Da war sehr, sehr viel Liebe mit im Spiel.“

Marina Hornberg schüttelte verstört den Kopf. „Nicht von meiner Seite.“

„Aber von meiner“, sagte der Bildhauer. „Ich habe schon mit vielen Frauen geschlafen, aber so himmlisch wie mit dir war es noch mit keiner. Marina, ich habe in dir die Frau meiner Träume gefunden.“

Heilige Muttergottes!, stöhnte Marina innerlich. Was habe ich getan? Was habe ich entfacht? Ich, die Frau seiner Träume! Ich! Jesus, steh mir bei!

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Das Telefon läutete. Hannelore Mauritz schob die Schlafmaske hoch, griff tappend nach dem Hörer und meldete sich.

„Hallo, 'hannelomau'! “ sagte am anderen Ende Berti Luderer. Es war keine Freude für sie, ausgerechnet von ihm geweckt zu werden.

„Was willst du?“, fragte sie unfreundlich.

„Du warst gestern nicht besonders gut drauf“,bemerkte Berti. „Wie geht es dir heute?“

„Warum interessiert dich das noch?“ Sie setzte sich auf, hielt die Sprechmuschel zu und gähnte.

„Nun, vielleicht betrachte ich unsere Beziehung noch nicht als beendet.“

„Das solltest du aber“, konterte die Künstlerin kühl, „denn es wird keine Fortsetzung geben.“

„Wie war die Party?“

„Ich habe mich köstlich amüsiert.“

„Ohne mich?“ Er lachte.

Sie zog die Mundwinkel abschätzig nach unten. „Wofür hältst du dich? Meinst du, eine Frau kann ohne dich nicht leben?“

„Darf ich zu dir kommen?“

„Nein.“

„Lass uns noch einmal in Ruhe über alles reden“, schlug der Mann vor.

„Es gibt nichts mehr zu bereden, Berti. Zwischen uns ist alles gesagt.“

„Sei doch nicht so stur, ‘hannelomau’.“

Zorn brachte ihr Blut in Wallung. „Warum nimmst du mich nicht ernst?“, sagte sie laut, „ich möchte, dass du aus meinem Leben verschwindest und mich für immer in Ruhe lässt.“ Sie knallte den Hörer fest auf den Apparat und wünschte sich, es wäre Berti Luderers Kopf.

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Bitte! “ sagte Marina Hornberg mit belegter Stimme. „Ich möchte aufstehen.“

Willi Mertensen brachte ihre Sachen. Er hatte sie fein säuberlich zusammengelegt.

„Würdest du bitte hinausgehen?“, sagte Marina.

Willi zog sich zurück. Sie verließ das Bett und kleidete sich hastig an. Als sie aus dem Schlafzimmer trat, fragte er: „Möchtest du nicht noch mit mir frühstücken, bevor du gehst?“

„Ich möchte nach Hause. Nur nach Hause.“

„Ich bringe dich.“

„Nein, das ist nicht nötig. Ich nehme mir ein Taxi.“

„Es macht mir nichts aus ...“ Marina sah ihn scharf an. „Hör zu, ich will nicht, dass du noch irgendetwas für mich tust. Du ... du hast schon viel zu viel für mich getan.“

„Wann sehen wir uns wieder?“, wollte er wissen.

„Nie mehr.“

Ihre Antwort schien ihn mächtig zu erstaunen. „Aber wir müssen uns wiedersehen!“

„Wieso müssen wir das?“, fragte sie spröde.

„Weil wir füreinander bestimmt sind.“

„Hör auf, solchen Unsinn zu reden.“

„Es ist etwas geschehen ...“

„Nichts ist geschehen, gar nichts“, schrie sie ihn an. „Ich kann mich an überhaupt nichts erinnern. Du könntest das Ganze ebenso gut erfunden haben.“

„Ich habe nichts erfunden, Marina. Du bist die Frau meiner Träume. Seit der vergangenen Nacht gehören wir zusammen.“

Ihr Herz klopfte laut. Himmel, wie sollte sie diesen Mann zur Vernunft bringen? „Du musst vergessen, was geschehen ist, Willi“, sagte sie mit Nachdruck.

Er sah sie an. Sein Blick wirkte traurig. Langsam schüttelte er den Kopf und sagte: „Das kann ich nicht.“

„Du musst!“, sagte Marina hart. „Ich bin nämlich nicht frei. Es gibt bereits einen Mann in meinem Leben. Hat Hannelore dir das nicht gesagt?“

„Nein, aber das wäre für mich auch ohne Bedeutung gewesen, denn als ich dich sah, schlug es bei mir ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel.“

„Ich habe einen Lebensgefährten, Willi“, sagte Marina eindringlich. „Wir wohnen zusammen.“

„Wie heißt der Mann?“, wollte der Bildhauer wissen.

„Michael Brandrup. Er ist Architekt.“

„Wieso war er nicht mit dir auf der Party?“, fragte Willi Mertensen.

„Er ist zur Zeit geschäftlich in Hamburg.“

Willi zog die schwarzen Augenbrauen zusammen. „Du musst dich von ihm trennen.“

Marina zuckte entsetzt zusammen. „Was?“

„Du gehörst jetzt zu mir“, behauptete Willi, und es schien ihm sehr ernst damit zu sein.

„Ich liebe Michael“, stieß Marina heiser hervor.

Doch das ließ Willi nicht gelten. „Wenn du ihn wirklich lieben würdest, hättest du ihn nicht betrogen.“

„Ich habe ihn nicht betrogen!“, brauste Marina zornig auf. Sie hätte den Bildhauer beinahe geohrfeigt, so wütend hatten sie seine Worte gemacht.

„Du hast mit mir geschlafen, und es hat dir Spaß gemacht“, stellte Willi Mertensen sachlich fest.

„Ja, vermutlich habe ich mit dir geschlafen - wenn du es so oft behauptest, wird es wohl der Wahrheit entsprechen, aber ich war schwerstens alkoholisiert. Ich habe nicht die kleinste Erinnerung an dieses Ereignis.“

Willi lächelte mild. „Vielleicht sagst du das nur, weil du dich schämst, dass es gleich in der ersten Nacht passiert ist, aber du bist deswegen in meinen Augen kein schlechtes Mädchen, Marina. Die Liebe hat dich genauso überrascht wie mich, und ich finde das schön so.“

Sie hob die Hand mit gespreizten Fingern und fauchte: „Kein Wort mehr über Liebe, sonst zerkratze ich dir das Gesicht.“

Er lächelte ungerührt. „Du wehrst dich vergeblich, Marina. Gegen das Schicksal kann man nicht ankämpfen. Man muss seine Entscheidungen akzeptieren, ob man damit nun einverstanden ist oder nicht. Ein Einspruch dagegen ist nicht möglich.“

„Oh doch. Ich erhebe Einspruch, und zwar ganz entschieden. Und ich überlege mir ernsthaft, dich Mistkerl anzuklagen.“

„Damit würdest du nicht durchkommen.“

„Da wäre ich an deiner Stelle nicht so sicher.“

Willi Mertensen hob mit Unschuldsmiene die Schultern. „Ich habe lediglich deinen Wünschen entsprochen. Das ist nicht strafbar.“

Marina kniff gereizt die Augen zusammen. „Die Sangria war ziemlich stark. Ich traue dir zu, in jedes Glas, das du für mich geholt hast, einen kräftigen Schuss von irgendetwas Hochprozentigem getan zu haben, um meinen Willen außer Gefecht zu setzen. Du hast mich betäubt, verschleppt und missbraucht.“

Er ging nicht weiter auf ihre Anschuldigungen ein. „Ich kenne ein nettes französisches Lokal hier in der Nähe. Wir könnten da heute zu Abend essen und anschließend ...“

Marina erdolchte ihn mit ihrem Blick, wirbelte herum und stürmte ohne ein weiteres Wort aus Willi Mertensens Atelierwohnung.

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Weinend stand sie unter der Dusche. Immer und immer wusch sie sich. Dennoch kam sie sich weiterhin entsetzlich schmutzig vor, denn es gelang ihr nicht, sich von ihrer Schuld reinzuwaschen. Himmel, was habe ich getan?, dachte sie verzweifelt. Wie konnte ich nur so viel trinken, dass ich nicht mehr Herr meiner Sinne war? Der verfluchte Alkohol hat ein geheimes Tor geöffnet und ein Raubtier aus mir herausgelassen, von dessen Existenz ich bisher keine Ahnung hatte. Oh, ich hasse dich, Willi Mertensen! Warum hast du deine dreckigen Finger nicht von mir gelassen? Ich bin doch nicht frei. Es gibt einen wunderbaren Mann in meinem Leben, den ich sehr, sehr liebe.

„Jetzt gibt es plötzlich zwei Männer“ , murmelte Marina zerknirscht in das Rauschen des Wassers hinein. „Einen, den ich liebe, und einen, den ich hasse.“

Gott, wäre sie gestern Abend doch nur nicht zu dieser Party gegangen! Sie hatte ohnedies keine große Lust dazu gehabt, war nur bei Hannelore erschienen, um ihr eine Freude zu machen. Du solltest nirgendwo allein hingehen, sagte sie sich verzweifelt. Du siehst ja, wozu das führt. Du kannst dich nicht auf dich verlassen, bist naiv wie ein Teenager, lässt dich von jedem x-beliebigen gutaussehenden Kerl so sehr mit Alkohol vollfüllen, dass du nicht mehr weißt, was du tust.

„Eigentlich sollte ich nicht Willi, sondern mich hassen“, presste sie zwischen den Zähnen hervor. „Willi ist nur bedingt schuldig. Ich habe bereitwillig jede Sangria in mich hineingeschüttet, die er mir holte. Es hat fast den Anschein, als wollte ich mein Gewissen ersäufen und mein Gedächtnis ausschalten, um mich außerhalb aller moralischer Grenzen zu stellen und frei zu sein für ein Abenteuer mit diesem Kerl.“

Marina drehte das Wasser ab und verließ die Duschkabine. Sie sah sich im Spiegel und dachte: Du bist immer noch dreckig. Und zwar innerlich. Da kannst du schrubben, so viel du willst. Das geht nicht wieder ab. Nie mehr. Du hast deine Seele beschmutzt. Wie willst du damit leben?

Sie schlüpfte in ihren Bademantel und föhnte sich das Haar. Ihre Gedanken kreisten pausenlos um das, was sie getan hatte - und um Michael.

Sollte sie es ihm gestehen? Sollte sie es ihm verschweigen? Sollte sie ihm weh tun? Wie würde er es aufnehmen? Würde er sich von ihr trennen, weil er ihr nicht mehr vertrauen konnte und weil eine Partnerschaft in seinen Augen ohne Vertrauen keine Zukunft hatte?

Soll ich zu dem stehen, was ich getan habe?, fragte sich Marina. Soll ich unsere Beziehung, die bisher so wunderbar und harmonisch war, mit einem so grauenvollen Geständnis belasten? Getan! Genau genommen habe ich nichts getan. Jedenfalls nicht wissentlich. Und schon gar nicht mit Absicht. Ich habe nichts getan. Mir wurde etwas angetan. Das ist ein riesengroßer Unterschied. Aber würde Michael das auch so sehen?

Vorgestern, auf dem Flugplatz, hatte sie Michael den Finger in die Rippen gebohrt und gesagt: „Komm nicht auf die schiefe Bahn, hörst du? Hamburg ist ein sündiges Pflaster.“

„Keine Gefahr für jemanden, der so glücklich liiert ist wie ich“, hatte er erwidert. Dann hatte er ihr seinen Zeigefinger in die Rippen gebohrt und gemeint: „Lass dich morgen auf der Party nicht anmachen, verstanden?“

Sie hatte gelacht. „Von wem denn? Von einem Grufti etwa?“

Heute war ihr nicht mehr zum Lachen zumute. Was für ein Unterschied zwischen vorgestern und heute. Als Michael nach Hamburg flog, war ihre von Liebe und Vertrauen getragene Beziehung noch in Ordnung gewesen.

Heute herrschte ein schreckliches Chaos in Marina und wenn sie Pech hatte, würde sie wegen einer einzigen Nacht bald vor den Scherben ihres Glücks stehen.

Sie zog sich an. Das Telefon läutete. Marina zuckte heftig zusammen. Starr war ihr Blick auf den Apparat gerichtet. „Lieber Gott, lass es nicht Michael sein!“, flehte sie.

Bis vor Kurzem hätte sie sich noch über seinen Anruf gefreut, doch nun wusste sie nicht, was sie sagen, wie sie sich verhalten sollte.

Ganz schlimm würde es werden, wenn er nach München zurückkam.

Marina bekam Schweißausbrüche, wenn sie sich das Wiedersehen vorstellte.

Zitternd nahm sie den Hörer ab und meldete sich mit heiserer Stimme. Sie war noch immer ziemlich verkatert. Das Bohren und Hämmern in ihrem Kopf hatte nur geringfügig nachgelassen.

Am anderen Ende der Leitung war ein Tischler, der in ihrem Auftrag in der Villa eines Nachtklubbesitzers einen Raumteiler aufstellen sollte und dabei auf ein Problem gestoßen war, das er nicht eigenmächtig lösen wollte. Sie hörte sich seinen Vorschlag an, sagte okay dazu und legte auf.

Kaum lag der Hörer auf dem Apparat, da läutete es erneut. Wieder nahm Marina Hornberg zaghaft ab, und wieder wünschte sie sich, dass sie nicht mit Michael zu sprechen brauchte. Sie war einfach noch nicht so weit. Sie musste erst mal mit sich selbst ins Reine kommen.

Das Schicksal war wenigstens jetzt mit ihr gnädig. Am anderen Ende war 'hannelomau'.

„Hallo, Schätzchen, wie geht’s?“

„Wie es einem eben so nach einer Party geht“, seufzte Marina.

„Hast du einen Kater?“

„Einen so großen, dass er beinahe keinen Platz in meinem Kopf hat. Hast du die Sangria diesmal mit Flugbenzin, Nitroverdünnung und Brennspiritus gemacht?“

Hannelore Mauritz lachte. „Sie war stark, was?“

„Sie hat mich umgehauen.“

„Beschwerden sind zu richten an: Bea Keller, Am Sandberg dreizehn. Sie hat die Sangria verbrochen.“

„Sie kriegt von mir einen geharnischten Brief, sobald ich wieder einigermaßen klar denken kann“, sagte Marina Hornberg.

„Weißt du, wer mich heute Morgen mit seinem Anruf geweckt hat?“, fragte die Malerin.

„Wer?“

„Berti Luderer.“

„Was wollte er?“

„Er sagte, er betrachte unsere Beziehung noch nicht als beendet.“

„Der hat vielleicht Nerven“, sagte Marina.

„Ich habe ihm den Laufpass gegeben, aber er nimmt mich nicht ernst.“

„Aber es ist dir ernst damit, oder?“

„Sehr ernst sogar“, sagte 'hannelomau' frostig. „Ich habe ihm vertraut, und er hat sich dieses Vertrauens nicht würdig erwiesen.“

Marina rieselte es kalt über den Rücken. Auch Michael hatte ihr vertraut ...

„Tut mir leid, dass ich mich gestern so wenig um dich kümmern konnte“, sagte die Künstlerin. „Aber du warst ja in den besten Händen, wie mir auffiel.“

Marinas Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.

„Ich finde Willi Mertensen sehr nett“, sagte Hannelore. „Du auch?“

Marina schwieg.

„Er sieht großartig aus “, fuhr die Malerin fort, „und gehört zu den Männern, die ganz genau wissen, was sie wollen.“

Oh ja, das ist mir inzwischen klar geworden, dachte Marina bitter. Gestern Nacht, zum Beispiel, wollte er mich!

„Und Willi kriegt auch immer, was er will“, sagte 'hannelomau'.

Auch diese Erfahrung musste ich bereits machen, dachte Marina unglücklich.

„Ihr habt die Party zusammen verlassen“, bemerkte Hannelore. „Hat Willi dich gut nach Hause gebracht?“

Ja, dachte Marina grimmig. Aber leider zu sich nach Hause. Weil ich das angeblich so wollte. „Ja“, antwortete sie mit belegter Stimme.

'hannelomau' sagte: „Ich möchte mich noch mal für dein hübsches Geburtstagsgeschenk bedanken.“

„Gefällt es dir?“

„Sehr.“

„Das freut mich“, gab Marina Hornberg zurück.

„Du“, sagte Hannelore Mauritz plötzlich etwas lauter, „ich muss Schluss machen. Da ist jemand an der Tür. Also dann. Tschüs. Bis demnächst mal. Und nochmals: danke.“

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Eine halbe Stunde später meldete sich Bea Keller. „Ich habe soeben von 'hannelomau' erfahren, dass dir meine Sangria zu stark war“, sagte sie.

Du hast damit eine Katastrophe ausgelöst, dachte Marina. „Sie hat mir die Schuhe ausgezogen“, antwortete sie.

Und in Gedanken fügte sie hinzu: Und leider nicht nur die.

„Tut mir leid“, sagte Bea. „Es war meine erste Sangria.“

„Hattest du kein Rezept dafür?“

„Doch.“

„Du kannst dich unmöglich daran gehalten haben“, sagte Marina Hornberg.

„Das stimmt.“

„Warum bist du so sehr vom Rezept abgewichen?“, wollte Marina wissen.

„Das kann ich dir erklären“, sagte Bea Keller. „Ich habe die fertige Sangria probiert und gefunden, dass sie nicht bloß schwach, sondern beinahe hilflos war, deshalb habe ich noch einen ordentlichen Schuss Kognak dazugetan - und eine halbe Flasche Gin.“

„Wen wolltest du umbringen?“, versuchte sich Marina an einen Scherz.

„Niemanden.“

„Hast du die Sangria danach noch mal probiert?“, fragte Marina.

„Nein. Ich dachte, das wäre nicht nötig.“

„Man hätte überall im Haus Warnschilder anbringen sollen“, sagte Marina.

„Ich hoffe, dein Kater verlässt dich bald und hinterlässt keine bleibenden Schäden.“

„Es wird sich erst in einigen Tagen absehen lassen, wie hoch der Schaden ist, den du angerichtet hast“, sagte Marina ernst, und ihr war dabei gar nicht wohl.

„Sangria in Zukunft nur noch haargenau nach Rezept“, versprach Bea.

Zu spät, ging es Marina durch den Sinn. Das Malheur ist leider schon passiert.

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An diesem Tag nahmen die Anrufe kein Ende. Selbst wenn Marina hätte arbeiten wollen, wäre sie kaum dazu gekommen. Aber in ihrem Zustand konnte sie ohnedies nichts tun. Der nächste, der sich bei ihr meldete, war Berti Luderer. Durfte sie ihn nach der vergangenen Nacht noch verurteilen? Wer frei von Fehl, der werfe den ersten Stein ...

„Wie war die Party?“, erkundigte sich Berti.

„Hat 'hannelomau' es dir nicht gesagt?“

„'hannelomau'?“

„Du hast sie doch heute schon angerufen, oder?“, erwiderte Marina kühl.

Berti Luderer lachte. „Die Buschtrommeln funktionieren hervorragend, stelle ich fest.“

„Hannelore hat versucht, sich so gut wie möglich zu amüsieren“, erzählte Marina, „aber besonders glücklich war sie gestern begreiflicherweise nicht.“

„Das tut mir leid.“

„Wirklich?“

„Du bezweifelst es?“

„Du hast Hannelore schwer enttäuscht“, sagte Marina vorwurfsvoll, während sie innerlich unter der schweren, beschämenden Last stöhnte, die sie auf sich geladen hatte.

„Ich weiß“, sagte Berti reuevoll, „und ich bedauere es. Ich habe unsere Beziehung zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Dessen wurde ich mir leider erst bewusst, nachdem Hannelore mit mir Schluss gemacht hat.“

„Vielleicht wird dir das für die Zukunft eine Lehre sein“, sagte Marina.

Berti atmete tief ein. „Marina, du bist Hannelores beste Freundin. Kannst du nicht ein gutes Wort für mich einlegen?“

„Warum sollte ich?“, fragte sie spröde. Sie hatte seit vergangener Nacht genug eigene Sorgen.

„Ich liebe 'hannelomau'.“

„Ich möchte mich nicht in eure Angelegenheiten mischen“, erwiderte Marina.

„Ach - jetzt auf einmal nicht mehr? Warst du nicht bei Vera und ...“

„Da war der Sachverhalt ein anderer“, fiel Marina ihm scharf ins Wort. „Ich fürchte, ich kann nichts für dich tun, Berti. Du musst die Suppe, die du dir da eingebrockt hast, schon selbst auslöffeln.“

„Möchtest du nicht, dass Hannelore und ich glücklich werden?“, fragte der Anrufer.

„Bist du sicher, dass sie mit einem Mann, der mit einer Frau nicht genug hat, glücklich sein kann?“

„Ich habe die Absicht, mich zu ändern.“

„Na schön, ich werde ihr das sagen: Aber mehr tue ich nicht“, erklärte Marina. „Weil ich nämlich nicht möchte, dass sich Hannelores Leid vielleicht durch meine Schuld noch vergrößert. Deine guten Vorsätze in Ehren, aber wirst du dich auch an sie halten können?“

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Willi Mertensen war glücklich. Seine Gedanken befassten sich immerzu mit Marina Hornberg. Was für ein Segen, dass er diesem Prachtmädchen auf Hannelore Mauritz’ Geburtstagsparty begegnet war. Er konnte sein Glück noch gar nicht richtig fassen: Er hatte in Marina seine Traumfrau gefunden. Niemals hätte er damit gerechnet!

Umso tiefer hatte ihn der Blitz mitten ins Herz getroffen. Marina stellte alle Frauen, die bisher seinen Weg gekreuzt hatten, weit in den Schatten.

Sie war diejenige, auf die er sein Leben lang gewartet hatte. Das Glück hatte seit gestern Nacht für ihn einen Namen: Marina Hornberg!

Er wollte, musste sie unbedingt wiedersehen. Dass sie einen Lebensgefährten hatte, war für ihn ohne Bedeutung. Michael Brandrup, Architekt. Wenn schon. Wenn Marina Homburg mit ihm ins Bett gegangen war, könnte es (Sangria hin, Sangria her) mit ihrer Liebe zu Brandrup nicht sehr weit her sein. Sie hat sich wahrscheinlich an Brandrup gewöhnt, überlegte Willi, während er an der Sandsteinfigur, die mitten im Atelier stand, sensibel herummeißelte. Ich werde ihr bei der Entwöhnung von Michael Brandrup so tatkräftig behilflich sein, dass sie ihren Lebensabschnittspartner bald vergessen haben wird ...

Es schellte an der Tür. Der Bildhauer legte Hammer und Meißel beiseite und verließ seinen Arbeitsplatz. Als er öffnete, stand eine hübsche üppige Blondine mit gletscherblauen Augen vor ihm.

„Anja“, presste Willi Mertensen überrascht hervor.

„Tagchen“, grüßte Anja Anders fröhlich.

„Tag.“ Willi war völlig durcheinander. Er hatte die ganze Zeit nur an Marina gedacht und schien sich nicht darauf einstellen zu können, dass plötzlich Anja Anders vor ihm stand.

Sie lachte. „Was ist? Lässt du mich nicht mehr rein?“

„Doch. Natürlich. Komm rein.“ Er gab verwirrt die Tür frei. Sie ging an ihm vorbei. Er schloss die Tür.

Sie drehte sich schmunzelnd um. „Was ist los mit dir?“

„Was soll mit mir los sein?“

„Bekomme ich keinen Kuss?“, fragte Anja: Da er nicht reagierte, nahm sie sein Gesicht zwischen ihre kleinen, feingliedrigen Hände und drückte ihm ihre vollen roten Lippen fest auf den Mund. „Ich hoffe, ich konnte dich damit wachküssen“, sagte sie amüsiert. „Mit euch Künstlern hat man als Normalsterblicher seine liebe Not. Ihr schwebt zumeist in völlig anderen Sphären.“

„Entschuldige“, krächzte der Bildhauer. „Ich bin wirklich ein bisschen durcheinander.“

„Nur ein bisschen?“ Sie lachte. „Mein Lieber, ich erkenne dich kaum wieder, so sehr bist du von der Rolle.“ Er hüstelte unangenehm berührt. „Ich wette, du hast gestern zu viel getrunken. Deshalb bist du heute so fertig.“ Anja Anders schüttelte mit gespieltem Vorwurf den Kopf. „Man kann dich nicht allein lassen. Kaum habe ich kein Auge auf dich, schon rutschst du aus und schlägst lang hin.“

„Ich bin nicht ausgerutscht.“

Anja kniff ungläubig ein Auge zu. „Und getrunken hast du auch nichts, wie?“

„Mein Alkoholkonsum hielt sich in Grenzen.“

„Und wieso bist du heute so durcheinander?“

„Das hat andere Gründe.“

Anja Anders - sie war Krankenschwester in einer großen Westend Klinik - seufzte: „Ich hätte Mia bitten sollen, meinen Nachtdienst zu übernehmen, dann hätte ich dich zu dieser Party begleiten können.“

„Es war gut, dass du nicht mitgekommen bist“, erklärte der Bildhauer leise.

Anja musterte ihn, als glaubte sie, sich verhört zu haben. „Wie bitte?“

„Ich meine ...“

„Du hast dich anscheinend ohne mich besser amüsiert“, sagte Anja Anders spitz.

Willi Mertensen sah sie ernst an. „Anja, wir müssen reden.“

Ihre Augen wurden schmal. „Was soll dieser feierliche Ton?“

„Ich wollte dich heute oder morgen aufsuchen, um dir zu sagen, dass ich ...“ Er stockte, nagte an der Unterlippe. „Dass du was?“

„Dass ich mich gestern auf dieser Geburtstagsparty ... “ Er kratzte sich hinter dem Ohr. „Es tut mir leid, Anja. Ich habe das in keiner Weise beabsichtigt. Es hat sich ergeben ...“

„Was hat sich ergeben?“, wollte Anja Anders schneidend wissen. „Was?“ Er sah ihr fest in die gletscherblauen Augen. „Ich habe mich verliebt, Anja.“

„Ich dachte, du würdest mich lieben.“

Er nickte. „Das dachte ich auch.“

„Aber?“

„Seit gestern weiß ich, dass ich im Irrtum war.“

Anja stemmte kriegerisch die Fäuste in die Seiten. „Welches Flittchen hat dir den Kopf verdreht?“

Willi Mertensen hob beschwörend die Hand. „Bitte, Anja, du darfst sie nicht so nennen.“

„Wer ist sie?“, fauchte Anja gereizt. „Wie heißt sie?“

„Ihr Name ist Marina Hornberg.“

„Und du hast dich so Knall auf Fall in sie verhebt.“ Anja schnippte mit den Fingern. „Einfach so.“

Willi nickte langsam. „Ja.“

„Sie ist ein Miststück!“, zischte Anja aufgebracht.

„Ich verbiete dir, in diesem Ton von ihr zu reden“, sagte Willi Mertensen mit erhobener Stimme. „Du kennst sie nicht. Marina ist eine anständige, hochachtbare Frau.“

„Hast du mit ihr geschlafen?“

„Ja.“ Er sah keine Notwendigkeit, es ihr zu verheimlichen.

„Eine anständige; hochachtbare Frau steigt nicht gleich am ersten Abend mit einem wildfremden Kerl ins Bett.“ Willi Mertensen sah Anja Anders scharf an. „Du sprichst von meiner zukünftigen Frau.“

„Ich höre wohl schlecht.“ Anja legte die Hand hinter ihr Ohr. „Würdest du das bitte wiederholen?“

„Du hast mich schon verstanden.“

„Und was ist mit uns?“

„Was soll mit uns sein?“ Er zuckte mit den Schultern. „Nichts mehr natürlich. Ich könnte Marina nicht in die Augen sehen, wenn ich dich noch mal berühren würde.“

„Du holst dir von Hannelore Mauritz’ Party eine besoffene Kokotte ins Bett - und ich soll das Feld räumen?“ Willi Mertensen schlug blitzschnell zu.

Anja Anders sah ihn entgeistert an. Ihre Wange brannte wie Feuer. „Du ... du hast mich geschlagen“, stieß sie fassungslos hervor. Ihre Augen schwammen in Tränen.

„Ich habe dich gebeten, Marina Hornberg nicht zu beschimpfen“, gab er frostig zurück.

„Du niederträchtiger, gemeiner, brutaler, gewalttätiger Dreckskerl!“

„Würdest du jetzt bitte gehen.“

„Du hast mich geschlagen!“, wiederholte Anja. Sie konnte es noch immer nicht fassen. In ihrem ganzen Leben hatte es noch nie ein Mann gewagt, die Hand gegen sie zu erheben.

„Es tut mir nicht leid“, sagte Willi Mertensen rau und öffnete die Tür.

„Leb wohl, Anja.“

Sie stürmte aus der Atelierwohnung und schrie draußen mit schriller Stimme: „Werde glücklich mit deiner Schlampe.“

Er stieß die Tür zu, schloss die Augen und holte tief Luft, um sich zu beruhigen.

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Marina Hornberg ließ den Früchteteebeutel in den Treteimer fallen, und während sie in der Küche den heißen Tee mit kleinen Schlucken trank, fuhren ihre Gedanken weiterhin unermüdlich Karussell.

Sie kam sich wie eine Verbrecherin vor, und das, was sie an ihrer Liebe begangen hatte, war ja wirklich eine schwere Straftat gewesen.

Ich werde nie wieder unbeschwert lachen können, dachte sie unglücklich. Selbst wenn Michael mir verzeiht, werde ich nie vergessen, was ich mir zuschulden kommen ließ.

Ein Geräusch riss die junge Frau aus ihren Gedanken. Befand sich jemand im Haus? Die Terrassentür war offen. Hatte jemand von der Gartenseite her das Öko-Haus betreten?

Marina stellte die fast leere Teetasse ins Spülbecken und verließ die Küche. Mitten im Wohnzimmer stand eine fremde junge Frau - üppig, blond, mit gletscherblauen Augen.

„Wer sind Sie?“, fragte Marina heiser.

„Marina Hornberg?“

„Ja. Und wie ist Ihr Name? Was wollen Sie in diesem Haus?“

„Ich möchte Sie mir ansehen.“ Die Fremde maß Marina von Kopf bis Fuß. Sie zog dabei die Mundwinkel verächtlich nach unten.

„Ansehen?“, fragte Marina beunruhigt. „Würden Sie mir bitte erklären, was dieser seltsame Auftritt soll?“

„Ich bin Anja Anders. Haben Sie meinen Namen schon mal gehört?“

Marina schüttelte den Kopf. „Nein.“

Anja Anders lächelte kalt. „Hätte mich auch gewundert.“

„Wo hätte ich Ihren Namen hören sollen?“, fragte Marina Hornberg.

Die gletscherblauen Augen der Blonden wurden schmal. „Ich bin Willi Mertensens Freundin.“

Marina gab es einen Stich.

„Jedenfalls war ich seine Freundin - bis Sie ihn mir weggenommen haben“, sagte Anja Anders hart.

„Ich habe Ihnen Willi nicht weggenommen.“

„Sie hatten was mit ihm.“

„Hat er Ihnen das erzählt?“

„Ja, und Sie scheinen Ihre Sache so gut gemacht zu haben, dass er seither nichts mehr von mir wissen will“, zischte Anja Anders feindselig.

„Das tut mir ehrlich ...“

„Er hat mit mir Schluss gemacht“, fiel Anja Anders ihr ins Wort.

„Hören Sie, ich will Ihren Willi nicht ...“

„Er hat mich geschlagen.“

„Oh Gott ...“

„Weil ich gesagt habe, Sie wären ein Flittchen. Ich stehe trotzdem dazu, weil eine Frau, die etwas auf sich hält und einen untadeligen Ruf hat, sich nämlich beherrschen kann.“

„Lassen Sie mich bitte erklären ...“

„Da gibt es nichts zu erklären“, fiel Anja Anders Marina Hornberg erneut wütend ins Wort. „Sie haben mir mein Glück kaputt gemacht. Wir hatten eine gute Beziehung. Sie hatten nicht das Recht, sich da hineinzudrängen.“ Es zuckte unkontrolliert in Anjas Gesicht. „Ich hasse Sie. Ich wünsche Ihnen alles Schlechte. Womit haben Sie Willi so verrückt gemacht? Verraten Sie mir Ihr Geheimnis? Mit welcher Liebespraktik haben Sie ihn mir abspenstig gemacht? Er ist ja nicht wiederzuerkennen.“

„Verlassen Sie mein Haus!“, verlangte Marina schneidend.

„Ich bin noch nicht fertig.“

„Gehen Sie! Auf der Stelle!“, herrschte Marina die Blonde an.

„Hat Ihre schöne Larve es ihm angetan?“, fragte Anja Anders. „Was meinen Sie? Wird er auch noch so verrückt nach Ihnen sein, wenn Ihnen jemand das hübsche Gesicht zerschnitten hat?“ Sie holte ein Rasiermesser aus ihrer Handtasche und klappte es auf.

Marinas Augen weiteten sich. „Sie sind wahnsinnig!“

„Es ist der Schmerz, der mir den Verstand geraubt hat. Können Sie das nicht verstehen?“ Anja Anders kam langsam näher. Die scharfe Messerklinge blitzte.

Marina hatte schreckliche Angst. Die Fremde schien sich in einem Gemütszustand zu befinden, in dem sie zu allem fähig war. „Bitte!“, presste Marina flehend hervor. „Tun Sie das Messer weg!“

„Wenn ich mit dir fertig bin, kann Willi sich nur noch an deinem entstellten Gesicht ergötzen, Flittchen!“, zischte Anja Anders aggressiv. „Kann ich ihn nicht mehr haben, sollst du ihn auch nicht haben.“

„Aber ich habe doch schon gesagt, dass ich ihn gar nicht will“, stöhnte Marina. „Das ... das wäre alles nicht passiert, wenn Willi mir nicht so viel zu trinken gegeben hätte.“

„Hat er dich zum Trinken gezwungen?“

„Das nicht, aber ...“

„Eine vernünftige Frau weiß, wann sie genug hat.“

„Die Sangria war noch nie so stark - und sie trank sich so leicht “, brachte Marina als Entschuldigung vor. Mein Gott, dachte sie, was für eine fürchterliche Lawine habe ich da losgetreten? „Ich hatte einen Blackout“, stieß sie hastig hervor. „Ich wusste nicht mehr, was ich tat, und ich kann mich an überhaupt nichts erinnern. Das ist wahr. Das müssen Sie mir glauben. Ich war entsetzt, als ich zu mir kam und feststellte, dass ich bei Willi Mertensen war. Wenn ich nüchtern gewesen wäre, hätte er mich nie und nimmer in seine Wohnung gebracht. Willi interessiert mich nicht. Ich habe einen Partner, mit dem ich sehr glücklich bin.“

„Weiß er schon von deinem Fehltritt?“

„Nein“, antwortete Marina mit bebender Stimme, „ aber ich werde es ihm sagen, und er wird mich verstehen und mir verzeihen. Wir lieben uns. Und ... und ich habe ganz bestimmt nicht die Absicht, Willi noch mal wiederzusehen.“

Anja Anders blieb einen Schritt vor Marina Hornberg stehen.

„Willi wird zu Ihnen zurückfinden“, sagte Marina, damit die Blonde sich beruhigte.

„Er sieht in dir seine zukünftige Frau.“

„Er ist verrückt.“

„Ja, verrückt nach dir.“

„Das wird sich legen“, behauptete Marina. „Sie werden sehen. In ein paar Tagen wird Willi sich bei Ihnen melden und Sie bitten, ihm zu verzeihen. Bitte ... bitte, tun Sie endlich dieses schreckliche Rasiermesser weg, Anja.“ Es kam Marina wie eine grauenvolle Ewigkeit vor, bis Anja Anders endlich die Hand mit dem Messer sinken Heß. Aber Marina wagte noch nicht aufzuatmen.

„Es wird sich alles einrenken“, versicherte sie der Blonden. „Es wird sich alles wieder zum Guten für Sie wenden. Sie müssen nur ein ganz klein wenig Geduld haben.“

Anja ließ das Rasiermesser in ihre Handtasche gleiten und verließ das Öko-Haus auf demselben Weg, auf dem sie es betreten hatte.

Marina fiel eine riesige Last vom Herzen. Es hatte nicht viel gefehlt, dann wäre sie für den Rest ihres Lebens entstellt gewesen. Ein Stein war ins Wasser gefallen - und er zog grauenvolle Kreise ...

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Immer, wenn Marina Hornberg in seelischen Nöten war, wenn sie sich ausweinen oder auch nur aussprechen wollte, wenn sie Trost oder Rat oder beides brauchte, ging sie zu ihrer Mutter. Lena Hornberg hörte sich die dramatische Geschichte ihrer Tochter mit ernster Miene an. Marina redete völlig offen, damit ihre Mutter sich ein genaues Bild von der vertrackten Situation machen konnte, in die sie geschlittert war.

Nachdem Marina geendet hatte, wiegte ihre Mutter betrübt den Kopf. „Kind, das ist eine sehr üble Geschichte.“

„Ich weiß“, nickte die junge Frau zerknirscht, „und ich bedauere alles, was ich verschuldet habe, von ganzem Herzen. Wenn ich es ungeschehen machen könnte, würde ich es tun, und ich wäre bereit, jeden Preis dafür zu bezahlen.“

Lena Hornberg streichelte sanft die Wange ihrer Tochter. „Dir wurde eine furchtbare Verkettung von Zufällen zum Verhängnis, mein armes Mädchen“, sagte sie mitfühlend. „Michael muss nach Hamburg. Du gehst allein zu dieser Geburtstagsparty. Bea Keller macht die erste Sangria ihres Lebens viel zu stark. Du trinkst zu viel davon, lernst Willi Mertensen kennen, und der verliebt sich zu deinem Pech auch noch Hals über Kopf und rettungslos in dich.“

„Man kann wirklich nicht sagen, dass das Glück mich zur Zeit verwöhnt“, sagte Marina gallig.

„Du musst Willi Mertensen klipp und klar sagen, dass du nicht das Geringste für ihn empfindest.“

„Das habe ich bereits getan“, sagte Marina, „aber er glaubt mir nicht. Er bildet sich ein, wir wären füreinander bestimmt, verlangt, dass ich mich von Michael trenne.“ Sie wischte sich mit einer fahrigen Handbewegung über die Augen. „Von seiner Freundin hat er sich heute getrennt, das habe ich dir bereits erzählt.“

„Du musst mit Michael reden.“ Marina seufzte schwer. „Ich weiß, dass mir das nicht erspart bleibt.“

„Je eher, desto besser“, sagte Lena Hornberg. „Du musst ihm alles genauso schildern wie mir. Wenn ich diesen Bildhauer richtig einschätze, wird er wohl nicht so schnell von dir ablassen. Du musst das mit Michael gemeinsam durchstehen.“

„Einmal“, sagte Marina mit tränennassen Augen. „Einmal mache ich einen Fehler. Von dem ich noch nicht einmal etwas weiß. Und er zieht gleich einen solchen Rattenschwanz von Katastrophen nach sich.“

„Du musst jetzt sehr stark sein.“ Lena Hornberg nahm die Hände ihrer Tochter zwischen die ihren und drückte sie liebevoll. „Hab Vertrauen in die Zukunft, Marina. Es kommt alles wieder ins Lot. Da bin ich ganz sicher.“

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Ein unfrankierter Brief steckte in der Tür des Öko-Hauses, als Marina heimkam. Von der Post war der mit Sicherheit nicht zugestellt worden.

Marina nahm ihn an sich. Kein Absender. Kein Adressat. Sie betrat das Haus und ging in ihr Büro. Als sie nach dem Brieföffner griff, läutete das Telefon.

Sie nahm ab.

„Hallo, Liebling“, sagte Michael im fernen Hamburg.

In Marinas Magen entstand sofort ein flaues Gefühl. „Hallo.“

„Ich habe vor einer halben Stunde schon mal angerufen“, sagte Michael.

„Ich war bei meiner Mutter.“

„Ist mit ihr so weit alles in Ordnung?“, erkundigte sich Michael.

„Ja“, antwortete Marina. Mit ihr schon, dachte sie. Aber ...

„Und mit dir?“, fragte Michael.

„Ich liebe dich, Michael.“ Tränen füllten Marinas Augen.

„Das macht mich sehr glücklich“, sagte Michael. „Ich liebe dich auch. Wie ist das Wetter in München?“ Marina warf einen Blick aus dem Fenster. „Sonnig.“

„Ihr Glücklichen. Hier wird die Sintflut geprobt. Hörst du den Regen rauschen?“

„Ja. Ich glaube, ja.“

„Wie war es auf der Geburtstagsparty?“, wollte Michael wissen.

Marinas Hand, die den Telefonhörer hielt, war kalt und feucht. „Ich habe ... dich ganz schrecklich vermisst.“

„Ich war in Gedanken bei dir.“ Liebster, wenn du wüsstest!, schluchzte Marina im Geist. Wenn du wüsstest!

„Hast du dich gut amüsiert?“, fragte Michael.

„Nicht besonders.“ Sie wollte ihm erzählen, was für schreckliche Dinge sich ereignet hatten, wusste aber nicht, wie sie beginnen sollte. Sie konnte damit nicht einfach so herausplatzen.

„Wann bist du nach Hause gekommen?“, erkundigte sich Michael.

Marinas Kopfhaut spannte sich. „Das weiß ich nicht. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen.“ Sie log nicht. Sie hatte wirklich nicht auf die Uhr gesehen. „Wer war denn alles da?“

Marina zählte ein paar Namen auf. Dann wechselte sie das Thema und fragte: „Kommst du mit deiner Arbeit gut voran?“

Michael seufzte. „Der starke Regen schmeißt meinen Terminplan über den Haufen.“

„Heißt das, du musst länger in Hamburg bleiben?“, fragte Marina nervös.

„Kommt darauf an, wie lange der Regen anhält. Ich werde versuchen, die Termine etwas zu komprimieren.“

„Tu dir meinetwegen keinen unnötigen Stress an“, sagte Marina.

„Du weißt, wie gern ich mit dir zusammen bin.“

Sie begann ihr Geständnis gedehnt mit: „Michael ...“ Weiter kam sie nicht. Sie biss sich so fest auf die Lippen, dass es weh tat, und heiße Tränen rannen ihr über die Wangen. Verzweiflung schnürte ihr das Herz ab.

„Ja, Schatz?“, fragte Michael.

„Ich muss dir etwas sagen ...“

„Dauert es lange?“, erkundigte sich Michael. „Ich muss nämlich - es tut mir furchtbar leid, ich muss in einer Minute auflegen. Man erwartet mich zu einer wichtigen Besprechung. Die können ohne mich nicht anfangen.“

„Wir reden ein andermal“, sagte Marina sofort. Der Aufschub kam ihr nicht ungelegen. Sie hatte noch eine kleine Galgenfrist.

„Ich umarme und küsse dich“, sägte Michael. „Hat sehr gutgetan, deine Stimme zu hören.“

Er legte auf, und Marina weinte still vor sich hin.

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Auf dem Weg zum Konferenzraum des Hotels begegnete Michael Brandrup der attraktiven Sekretärin eines seiner Geschäftspartner. Sie hieß Cornelia Tauss und wäre einem amourösen Abenteuer mit ihm nicht abgeneigt gewesen. Sie hatte langes, aschblondes Haar, rehbraune Augen und eine Figur, die sich sehen lassen konnte. Michael hatte von Anfang an gespürt, dass er bei ihr Chancen hatte, aber er blieb auf Distanz, war an dem verlockenden Angebot nicht interessiert.

„Na, Herr Brandrup “, sagte Cornelia Tauss mit einem koketten Augenaufschlag. „Haben Sie sich gut auf die Besprechung vorbereitet?“ Sie passte sich seinem Schritt an.

„Selbstverständlich“, antwortete er freundlich. Er hatte keinen Grund, sie unfreundlich zu behandeln. Er brauchte nur nicht in den unsichtbaren Apfel zu beißen, den sie ihm so unmissverständlich anbot.

Sie deutete zum Fenster. „Wie das gießt.“

„Ich habe gerade mit München telefoniert. Dort scheint die Sonne.“

„Dann wäre ich jetzt gerne in München“, sagte Cornelia.

Michael schmunzelte. „Ich auch.“ Bei meiner geliebten Marina, fügte er in Gedanken hinzu.

„Würden Sie mich mitnehmen?“, fragte Cornelia mit vieldeutigem Augenaufschlag. Sie warf ihr langes Haar in den Nacken und nahm die Schultern zurück, damit ihr hübscher Busen bestens zur Geltung kam.

„Nach München? Jederzeit“, sagte Michael. Wenn er nicht gebunden gewesen wäre, hätte sich diese Schönheit garantiert nicht umsonst um ihn bemüht.

Sie betraten den Konferenzraum. Michael Brandrup ließ Cornelia Tauss galant den Vortritt. Sie blieb drinnen stehen und raunte ihm zu: „Ich nehme nachher einen Drink an der Bar. Würde mich freuen, wenn Sie mir Gesellschaft leisten würden.“

Er nickte den Anwesenden freundlich zu und nahm Platz.

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Geliebtes Wesen!

Ich kann nicht ausdrücken, wie glücklich ich bin. Vorbei ist die Tristesse meines bisherigen Daseins. Ich musste durch ein langes dunkles Tal wandern, doch gestern durfte ich es endlich verlassen und wandle nun im hellen Sonnenschein.

Mein süßer Engel, Du bist für mich ein Himmelsgeschenk allererster Güte. Ich werde dich ehren, schätzen und lieben, solange ich lebe.

Nichts und niemand darf uns trennen, denn wir gehören für immer zusammen, sind füreinander bestimmt und in tiefer Zuneigung und Liebe miteinander verbunden. Während ich diese Zeilen zu Papier bringe, schlägt mein Herz wie wild. Es sehnt sich nach Dir, nach Deiner leidenschaftlichen Umarmung, nach Deinen glühenden Küssen.

Niemals werde ich diese wunderbare Nacht mit Dir vergessen. Sie war das Schönste, was ich je erleben durfte. Du hast für mich das Tor zum Paradies geöffnet. Hab Dank dafür. Hab tausend Dank. Ich werde mich revanchieren. Ich verspreche es. Ich schwöre es bei meinem Augenlicht. Denn ich möchte, dass du genauso unbeschreiblich glücklich bist wie ich.

In unverbrüchlicher Liebe und herzlicher Verbundenheit

Dein Willi.

Marina Hornberg knüllte den Brief zusammen und warf ihn wütend auf den Schreibtisch. „Jesus, ich habe einen unseligen Fluch geweckt“, stöhnte sie verzweifelt. „Wie soll ich den bloß wieder loswerden?“

Sie nahm den Brief wieder auf, strich das Papier glatt und las den Wahnsinn noch einmal. Ich will, will, will das nicht!, schrie es in ihr.

Trotzig lehnte sie sich gegen den irrwitzigen Einfall des Schicksals auf. Sie wollte mit Willi Mertensen nie wieder etwas zu schaffen haben.

Dieser Mann durfte sie nicht mit seiner Liebe verfolgen. Was immer ihn letzte Nacht so sehr beeindruckt hatte, er hatte es nicht von ihr bekommen, sondern von einer anderen.

Marina knüllte den Liebesbrief, der besser nie geschrieben worden wäre, noch einmal zusammen und warf ihn in den geflochtenen Papierkorb.

Geliebtes Wesen ... Willi Mertensen hatte kein Recht, sie so zu nennen. Sollte sie ihn anrufen und es ihm verbieten? Sollte sie ihm auch einen Brief schreiben?

Wozu die Mühe?, dachte Marina. Ich tue einfach so, als würde es diesen Mann nicht geben. Er existiert nicht. Jedenfalls nicht für mich. Er soll zu Anja Anders zurückkehren und mich in Ruhe lassen ...

Sie ging früh zu Bett, konnte aber lange nicht einschlafen, und als sie dann endlich schlief, quälten sie schaurige Alpträume: Sie würde von einem grauenerregenden Unhold in verschiedenen Gestalten verfolgt, und egal, wo sie sich vor ihm auch versteckte, er stöberte sie immer wieder auf und jagte sie weiter.

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Tags darauf traf sie sich mit Hannelore in einer Cafeteria.

„Du siehst aus, als hättest du keine gute Nacht hinter dir“, stellte „hannelomau“ besorgt fest. „Oder bist du krank?“

Marina schüttelte den Kopf. „Nein, krank bin ich nicht. Ich habe nur sehr schlecht geschlafen.“

Die Malerin wiegte den Kopf. „Wenn das noch Partynachwirkungen sind, habe ich gleich ein ganz schlechtes Gewissen.“

Partynachwirkungen, dachte Marina. Ja, so könnte man es nennen, Ach, Hannelore, warum musstest du ausgerechnet dann Geburtstag feiern, wenn Michael in Hamburg ist?

„Hat es einen Zweck, bei dir ein gutes Wort für Berti einzulegen?“, fragte Marina.

Die Künstlerin zog die Augenbrauen grimmig zusammen. „Nein“, antwortete sie hart.

Marina hatte nichts anderes erwartet. Dennoch fügte sie noch hinzu: „Er will sich ändern.“

Hannelore Mauritz zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Interessiert mich nicht mehr. Ich habe Berti Luderer abgehakt und ausradiert.“ Sie hob die rechte Augenbraue und sah die Freundin streng an. „Willst du ihn mir etwa wieder einreden?“

Marina hob die Hände und schüttelte den Kopf. „Nichts liegt mir ferner als das. Er hat mich angerufen und gebeten, mich für ihn zu verwenden. Das habe ich hiermit ohne großes Engagement getan, und damit ist die Sache für mich erledigt.“

„Berti kann sich nicht ändern, nicht auf Dauer“, sagte Hannelore. „Er ist, wie er ist. Vielleicht würde es kurze Zeit mit ihm ein bisschen besser gehen, aber dann würde er, ohne es zu merken, zu seinen liebgewordenen Gewohnheiten zurückkehren.“

Sie schwiegen einige Augenblicke. Dann sagte Marina Hornberg: „Erzähl mir was von Willi Mertensen.“

Die Freundin musterte sie überrascht. „Interessierst du dich etwa für ihn?“

Marina antwortete nicht.

„Ist Michael Brandrup nicht mehr dein Herzbube?“, fragte die Malerin.

„Doch.“

„Dann verstehe ich dein Interesse für Willi Mertensen nicht“, sagte 'hannelomau'.

„Ich habe nichts mit ihm im Sinn“, versicherte Marina der Künstlerin.

„Er hat eine Freundin“, erzählte Hannelore. „Ihr Name ist Anja Anders. Sie ist Krankenschwester. Die beiden kennen sich schon eine Ewigkeit.“

„Das ist vorbei“, sagte Marina dunkel.

„Vorbei?“, fragte Hannelore verblüfft. Sie schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht.“

„Willi Mertensen hat mit Anja Anders Schluss gemacht“, sagte Marina.

Die andere schien an ihren Worten zu zweifeln. „Tatsächlich?“

„Ich weiß es.“

„Hat er sich wegen einer anderen Frau von Anja getrennt?“, fragte die rothaarige Malerin. Es blitzte plötzlich in ihren grünen Augen. „Hat er sich etwa deinetwegen ...“ Sie legte die Hände auf ihre Wangen. „Oh Gott, sag' dass das nicht wahr ist, Marina. Sag, dass das nicht stimmt, dass ich mich irre.“

Marina seufzte deprimiert. „Ich wäre glücklich, wenn ich das könnte.“ Hannelores Blick erforschte ihre Züge. „Lieber Himmel, was ...“ Sie beugte sich vor. „Michael ist in Hamburg“, sagte sie gedämpft, damit man sie an den Nachbartischen nicht hören konnte, „du lernst auf meiner Geburtstagsparty Willi Mertensen kennen ... Was ist passiert, Marina? Was hast du getan?“

„Ich habe nichts getan.“

„Aber es ist etwas geschehen.“

„Bedauerlicherweise ja“, nickte Marina Hornberg.

„Was?“, wollte 'hannelomau' wissen.

Marina beichtete es der Freundin in allen unerfreulichen Einzelheiten.

„Mädchen, das ist ja schrecklich“, sagte Hannelore Mauritz betroffen, nachdem Marina geendet hatte: „Willi Mertensen verliebt sich so sehr in dich, dass er komplett den Verstand verliert.“ Sie schüttelte besorgt den Kopf. „Diese Liebe ist ein Unglück. Ich muss sie ihm ausreden.“

„Ich fürchte, das kannst du nicht“, sagte Marina bang. „Das kann niemand. Er ist total durchgedreht.“ Hannelore nickte mit grimmiger Entschlossenheit. „Ich werde ihm den Kopf schon zurechtrücken. Lass mich nur machen. Ich fühle mich irgendwie mit schuld an dem Schlamassel, weil du Willi Mertensen in meinem Haus und auf meiner Geburtstagsparty kennengelernt hast - und weil das, was Bea Keller gemacht hat, keine Sangria war, sondern K.O.-Tropfen.“

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,,'hannelomau'!“ Willi Mertensen starrte die Malerin mit offenem Mund an.

Sie lächelte freundlich. „Guten Tag, Willi. Entschuldige, dass ich dich so überfalle. Darf ich reinkommen?“

„Selbstverständlich.“ Er ging rasch einen Schritt zur Seite.

Sie betrat seine Atelierwohnung. „Ich hoffe, ich störe dich nicht.“

Er zuckte mit den Schultern. „Du weißt doch, wir Künstler haben keine festen Arbeitszeiten.“

„Woran arbeitest du gerade?“, erkundigte sich Hannelore Mauritz.

„An einer Skulptur“, antwortete der Bildhauer. „Ein Auftrag der Stadt Würzburg“, fügte er stolz hinzu.

„Gratuliere“, sagte Hannelore und nickte anerkennend. Er führte sie ins Atelier und zeigte ihr sein Werk.

„Ist sehr hübsch, die Skulptur“, bemerkte die Malerin.

„Sie ist noch nicht fertig.“

„Aber man kann sich schon vorstellen, wie sie demnächst aussehen wird.“ Sie gingen ins Wohnzimmer. „Einen Eierlikör?“, fragte Willi Mertensen. „Selbst gemacht.“

Hannelore staunte. „Selbst gemacht?“

Willi grinste. „Nach dem Rezept meiner Großmutter.“

„Den muss ich probieren.“

Willi nickte. „Würde ich auch sagen.“

Der Likör befand sich in einer Mineralwasserflasche. Willi füllte zwei Gläser. Das süße Getränk war zäh wie Sirup. Willi prostete seinem Gast zu.

„Schön, dass du mich mal besuchst“, sagte er.

Nach dem ersten Schluck schnalzte Hannelore mit der Zunge und nickte anerkennend. „Donnerwetter, ist der lecker.“

Willi lachte. „Oh ja, meine Großmutter war eine Genießerin. Die wusste, was gut ist.“

Hannelore trank wieder. „Daran könnte ich mich gewöhnen.“

„Du kannst nachher die Flasche mitnehmen, wenn du möchtest“, sagte Willi Mertensen.

„Ich will dich nicht berauben.“

„Ich kann mir jederzeit einen neuen Likör machen. Das dauert nicht lange.“

„Dann bedanke ich mich jetzt schon recht herzlich für das süße Geschenk.“

„Keine Ursache.“

Hannelore trank und beobachtete ihr Gegenüber dabei aufmerksam. Nachdem sie den cremigen Likör geschluckt hatte, fragte sie: „Wie geht es Anja?“ Willi machte eine vage Handbewegung. „Keine Ahnung. Schlecht, vermute ich.“

„Schlecht?“

„Ich habe mich von ihr getrennt“, erklärte der Bildhauer offen.

„Mein Gott, warum denn das?“, fragte Hannelore mit gespielter Verblüffung. „Ihr habt doch so gut zusammengepasst.“

„Nun ja, es war keine schlechte Kombination“ , gab Willi zu, „aber bei Weitem nicht die beste.“

„Was hat gefehlt?“

„Das lässt sich nicht so einfach definieren.“ Willi sah Hannelore an, und in seinen dunklen Augen brannte ein leidenschaftliches Feuer. „Selbst ich weiß erst seit Kurzem, dass noch eine Steigerung möglich war, dass es eine absolute Spitze gibt.“

„Eine absolute Spitze“, echote Hannelore Mauritz, und Hitze stieg ihr in den Kopf. Eine Hitze, für die allerdings nicht der Eierlikör verantwortlich war. Sie war bestürzt, weil es Willi noch schlimmer erwischt hatte, als sie geglaubt hatte. Nie wieder darf Bea für mich eine Sangria brauen, dachte sie schuldbewusst.

„Ich habe mich verliebt, 'hannelomau'“, gestand Willi enthusiastisch. „Auf deiner Geburtstagsparty. In deine Freundin Marina Hornberg.“

„Aber die hat doch schon einen Partner!“

„Den wird sie verlassen.“

„Woher nimmst du diese Gewissheit?“, fragte die Malerin perplex.

„Weil Marina und ich füreinander bestimmt sind.“

„Findet Marina das auch?“

„Noch nicht“, gab Willi zur Antwort. „Aber bald wird sie es spüren und wissen, dass sie nur mit mir glücklich werden kann.“ Er wirkte bei diesen Worten völlig sicher.

„Findest du es richtig, dich so rücksichtslos in eine gut funktionierende Partnerschaft zu drängen?“

„So gut kann diese Partnerschaft nicht funktionieren“, erwiderte der Bildhauer bestimmt. „Immerhin hat Marina mit mir geschlafen.“

„Nach wie vielen Gläsern Sangria?“ Willi Mertensen machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das ist unwichtig.“

'hannelomau' leckte ihr Likörglas aus und sagte dann: „Ich muss dir die Wahrheit sagen, Willi. Ich bin hier, um mit dir über Marinas Ausrutscher zu reden. Ich weiß Bescheid. Sie hat mir alles erzählt, und ich möchte dich bitten, meine beste Freundin in Ruhe zu lassen.“

Willi Mertensen sah der Malerin ernst in die Augen und schüttelte bedauernd den Kopf. „Das kann ich nicht. Das ist mir unmöglich. Ich liebe Marina mit jeder Faser meines Herzens. Sie ist die Frau, auf die ich mein Leben lang gewartet habe. Sie ist meine Traumfrau.“

„Aber sie liebt dich nicht.“

„Sie wird mich lieben lernen.“

„Sie gehört einem andern.“

„Michael Brandrup muss auf sie verzichten“, stieß der Bildhauer hart hervor. „Er muss. Er darf sich unserem Glück nicht entgegenstellen.“

„Was ist, wenn er nicht auf Marina verzichtet?“, fragte Hannelore.

„Er muss.“

„Was ist, wenn er es nicht tut?“ Sie ließ einfach nicht locker.

Willi Mertensen kniff die Augen grimmig zusammen. „Wenn ich ihm sage, dass Marina mit mir geschlafen hat, wird er sie aufgeben.“

„Er kann ihr genauso gut verzeihen.“

In Willi Mertensens schwarzen Pupillen loderte ein gefährliches Feuer. Er presste die Kiefer fest zusammen und knurrte: „Wenn Marina nicht meine Frau wird, gibt es ein Unglück.“

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Zwei Stunden zuvor ...

Hamburg. Am Frühstücksbüfett des Hotels.

„Guten Morgen, Herr Brandrup.“

Michael Brandrup drehte sich um und erblickte Cornelia Tauss. Sie trug ein cremefarbenes Strickkleid, das sie unwahrscheinlich attraktiv aussehen ließ.

„Oh“, sagte er lächelnd, „guten Morgen.“ Er schaufelte ein Spiegelei auf seinen Teller, legte gebratenen Speck daneben. „Sie sehen frisch aus. Sie müssen sehr gut geschlafen haben.“

„Ja“, gab die attraktive Sekretärin zurück. „Sie nicht?“

„Nicht allzu gut, ehrlich gesagt.“ Er nahm sich eine Scheibe Weißbrot, stellte sein Frühstück auf einen nahen Tisch.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“

„Ich habe nichts dagegen.“

„Vielen Dank.“ Sie stellte ihre Müslischale und einen Becher Früchtejoghurt ab.

Er holte sich eine Tasse Kaffee. „Ist das alles, was Sie morgens zu sich nehmen?“, fragte er und zeigte auf ihr Müsli. „Ja.“

„Deshalb sind Sie so schön schlank.“

„Sie sind auch nicht dick.“

„Ich bin ein guter Futterverwerter“, erwiderte Michael Brandrup. „Ich setze kein Fett an. Vater, Mutter, Großeltern - alle waren schlank.“

„In meiner Verwandtschaft waren - beziehungsweise sind - alle kugelrund, deshalb muss ich ein bisschen auf passen.“

„Ich finde, Sie haben das sehr gut im Griff.“

Cornelia Tauss lächelte. „Das ist schon das dritte Kompliment, das ich von Ihnen zu hören bekomme. Scheint so, als wollten Sie damit etwas wiedergutmachen.“

„Ich? Wieso?“

Cornelia seufzte. „Ich habe gestern Abend in der Bar vergeblich auf Sie gewartet.“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich kommen werde.“

„Ich habe es aber angenommen.“

„Das tut mir leid“, sagte Michael. „Ich war müde. Ich wäre ein schlechter Gesellschafter gewesen. Sie hätten sich mit mir ganz schrecklich gelangweilt. Das wollte ich Ihnen nicht zumuten, deshalb bin ich gleich nach der Besprechung auf mein Zimmer gegangen, habe die Minibar geplündert und mir eine Kleinigkeit vom Roomservice bringen lassen.“

„Ich glaube nicht, dass ich mich mit Ihnen gelangweilt hätte“, meinte Cornelia.

„Ich bin sicher, Sie brauchten nicht lange allein in der Bar zu sitzen“, sagte Michael. „Schließlich sind Sie eine bildschöne Frau.“

„Noch ein Kompliment. Sie verwöhnen mich. Sie haben recht. Ich war nicht lange allein. Mein Chef setzte sich zu mir, und wir redeten zwei Stunden übers Geschäft. Das war ein recht vergnüglicher Abend für mich, wie Sie sich sicher vorstellen können. Übrigens, heute scheint auch bei uns wieder die Sonne.“

Michael nickte. „Ist mir schon aufgefallen.“

„Ich mache in einer Stunde eine Hafenrundfahrt. Haben Sie Zeit und Lust mitzukommen?“

„Ich bin untröstlich, Sie schon wieder enttäuschen zu müssen. Lust hätte ich schon, aber leider keine Zeit. Ich muss auf die Baustelle, um zu sehen, ob und wenn ja, welchen Schaden der große Regen gestern angerichtet hat.“

„Na ja, wir sind ja noch eine Weile in Hamburg. Vielleicht klappt’s ein andermal.“

„Ja, vielleicht“, sagte Michael Brandrup liebenswürdig, obwohl er wusste, dass er nicht zulassen würde, dass „es klappte“. Er stand auf und holte sich noch eine Tasse Kaffee.

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Vier Tage nach der Geburtstagsparty rief Anja Anders an, um sich bei Marina für ihren unverzeihlichen Auftritt zu entschuldigen.

„Es tut mir leid, dass ich Ihnen so große Angst eingejagt habe“, meinte Anja zerknirscht. „Ich war nicht bei Sinnen.“

„Geht es Ihnen inzwischen besser?“, fragte Marina.

„Ein klein wenig. Ich habe mich immerhin wieder so weit in der Gewalt, dass ich so etwas nicht noch mal tun würde. Aber in meiner Brust sitzt noch immer ein Schmerz, der mich fast umbringt.“

„Er wird mit jedem Tag ein bisschen schwächer werden“, tröstete Marina die Anruferin.

„Ich begreife nach wie vor nicht, wie Willi sich von heute auf morgen so sehr ändern konnte. Wir hatten uns gut verstanden, waren ein Herz und eine Seele gewesen, bevor ...“ Anja Anders unterbrach sich und seufzte geplagt. „Haben Sie ihn inzwischen wiedergesehen?“

„Nein.“

„Er ist nicht mehr er selbst“, sagte Anja.

„Irgendwann wird er wieder zu sich kommen.“

„Ich wollte, ich könnte Ihre Meinung teilen, Marina“, erwiderte Anja traurig. Sie entschuldigte sich noch einmal, dann legte sie auf.

Eine Stunde später hatte Marina einen Termin in Bogenhausen. Sie fühlte sich auf dem Weg dorthin verfolgt und beobachtet, konnte aber nicht herausfinden, von wem. War Willi Mertensen hinter ihr her? Sie entdeckte ihn nirgendwo, selbst wenn sie sich noch so genau umblickte. Waren das die ersten Symptome von Verfolgungswahn? Bildete sie sich etwas ein, das nicht der Realität entsprach?

Sie versuchte so professionell wie immer zu arbeiten und nicht an Mertensen zu denken, während sie ihren Job tat. Später, auf der Heimfahrt, meinte sie wieder, irgendjemandes Blick im Nacken zu spüren.

Das war ein höchst unangenehmes Gefühl. Marina wusste, dass Hannelore Mauritz mit ihrer gutgemeinten Mission kläglich gescheitert war.

Die Freundin hatte ihr gleich danach von ihrem Besuch bei Willi berichtet, und deshalb wusste Marina auch, dass der Mann gesagt hatte: „Wenn Marina nicht meine Frau wird, gibt es ein Unglück.“

Und diese bedrohliche Aussage beunruhigte Marina seither ungemein. Kaum war die schöne Innenarchitektin wieder daheim, schellte es an der Tür, und als sie öffnete, stand Willi Mertensen vor ihr. Das war ein ziemlicher Schock für sie, obwohl sie es eigentlich insgeheim befürchtet hatte.

Er musterte sie von Kopf bis Fuß, und sein Blick war voller Bewunderung. „Guten Tag, meine Angebetete. Du siehst großartig aus.“

Er trat unaufgefordert ein. Sie konnte ihn nicht daran hindern, war wie gelähmt. Sie zitterte. „Was willst du hier?“, fragte sie heiser.

Details

Seiten
380
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738917888
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
arztroman sammelband romane blackout wunder kann carola

Autor

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Titel: Arztroman Sammelband 3 Romane: Ein schicksalhafter Blackout / Ein Wunder wird wahr / Kann Carola verzeihen?