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Sammelband 7 Krimis: Sieben Morde auf einen Streich

von Alfred Bekker (Autor:in) Pete Hackett (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in) Theodor Horschelt (Autor:in) Cedric Balmore (Autor:in)
2018 500 Seiten

Zusammenfassung

Sammelband 7 Krimis – Sieben Morde auf einen Streich
von Alfred Bekker, Pete Hackett & A. F. Morland & Theodor Horschelt &Cedric Balmore

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Millys erster Mord
Pete Hackett: Hass war sein Lebenselexier
A. F. Morland: Ein Todesengel des Don
Alfred Bekker: Erwürgt!
A. F. Morland: Heißer Schnee aus Kanada
Theodor Horschelt: Drei auf einen Streich
Cedric Balmore: Kommissar Morry – Die Stimme des Terrors

Drogen, Rauschgift, Erpressung und dergleichen Verbrechen mehr: Das ist die Welt der amerikanischen Mafia, des Mob. Thornwall Sullivan, der ehemalige Cop, versucht den organisierten Gangstern Widerstand zu leisten, doch dann gelingt es dem Mafioso Saweso, eine höchst wirksame „Waffe“ gegen Sullivan in seine Gewalt zu bringen. Ein Glück, dass Roberto Tardelli eingreift. Doch der mutige Mafiajäger muss bald einsehen, dass die brandgefährliche Mission, auf die er sich da eingelassen hat, einem Tanz auf Rasierklingen gleicht

Alfred Bekker schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um DAS REICH DER ELBEN, die DRACHENERDE-SAGA,die GORIAN-Trilogie und seine Romane um die HALBLINGE VON ATHRANOR machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, John Sinclair, Jessica Bannister, Bad Earth, Kommissar X und Ren Dhark. Die Gesamtauflage seiner Romane beträgt mehr als 3,5 Millionen Exemplare.

Leseprobe

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Sammelband 7 Krimis  – Sieben Morde auf einen Streich

von Alfred Bekker, Pete Hackett & A. F. Morland & Theodor Horschelt &Cedric Balmore

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Dieses Buch enthält folgende Krimis:

ALFRED BEKKER: MILLYS erster Mord

Pete Hackett: Hass war sein Lebenselexier

A. F. Morland: Ein Todesengel des Don

Alfred Bekker: Erwürgt!

A. F. Morland: Heißer Schnee aus Kanada

Theodor Horschelt: Drei auf einen Streich

Cedric Balmore: Kommissar Morry – Die Stimme des Terrors

Drogen, Rauschgift, Erpressung und dergleichen Verbrechen mehr: Das ist die Welt der amerikanischen Mafia, des Mob. Thornwall Sullivan, der ehemalige Cop, versucht den organisierten Gangstern Widerstand zu leisten, doch dann gelingt es dem Mafioso Saweso, eine höchst wirksame „Waffe“ gegen Sullivan in seine Gewalt zu bringen. Ein Glück, dass Roberto Tardelli eingreift. Doch der mutige Mafiajäger muss bald einsehen, dass die brandgefährliche Mission, auf die er sich da eingelassen hat, einem Tanz auf Rasierklingen gleicht

Alfred Bekker schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um DAS REICH DER ELBEN, die DRACHENERDE-SAGA,die GORIAN-Trilogie und seine Romane um die HALBLINGE VON ATHRANOR machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, John Sinclair, Jessica Bannister, Bad Earth, Kommissar X und Ren Dhark. Die Gesamtauflage seiner Romane beträgt mehr als 3,5 Millionen Exemplare.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors /Cover: Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Alfred Bekker

MILLYS ERSTER MORD

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"Erschrecken Sie nicht", wisperte eine tiefe Stimme. Milly wirbelte herum, sah aber nicht viel mehr, als eine schemenhafte Gestalt, die sich als dunkler Umriß gegen das Licht der Straßenlaterne abhob.

"Was wollen Sie?" fragte sie. Und dabei wich sie ein paar Schritte zurück. Ihren Wagen hatte sie ein paar Straßen weiter geparkt. Bereits seit einigen Minuten hatte sie das ungute Gefühl, daß ihr jemand folgte. Ihr Verdacht bestätigte sich nun. Sie blickte sich um. Sie war allein mit dem Fremden.

"Ich will Ihnen ein Geschäft vorschlagen, Mrs. Cross", sagte der Fremde.

Milly Cross verengte ein wenig die Augen.

"Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe."

"Sie sollten mir zuhören."

"Verschwinden Sie!"

"Ist es Ihnen lieber, ich rede mit der Polizei über den allzu plötzlichen Tod ihres Mannes?"

Milly stockte einen Moment. Sie spürte einen Kloß in ihrem Hals.

"Gehen wir etwas trinken", schlug der Fremde vor. "Hier draußen ist es doch recht ungemütlich.

Und wenn man über, sagen wir hunderttausend Dollar redet, sollte man das in einer gepflegteren Atmosphäre tun. Finden Sie nicht?"

"Ich weiß nicht, wovon Sie reden."

"Ich weiß, daß Sie Ihren Mann umgebracht haben, Mrs. Cross. Und im Gegensatz zur Polizei, kann ich es beweisen." Sie folgte dem Fremden in ein Lokal und sah ihn dann zum ersten Mal im Hellen. Er war Mitte Vierzig, grauhaarig und hager.

"Was möchten Sie trinken, ich lade Sie ein", säuselte er.

"Danke. Kommen Sie zur Sache."

"Also der Reihe nach", begann der Fremde.

"Ihr Mann kam vor drei Wochen aus dem Zuchthaus, in dem er wegen betrügerischer Anlagegeschäfte hatte einsitzen müssen. Nach kaum einer Woche Freiheit war er dann tot."

"Verschwunden", korrigierte Milly.

"Man fand blutbefleckte Kleidungsstücke von ihm.

Es war sein eigenes Blut, so steht es in der Zeitung."

"Die Polizei untersucht den Fall", erwiderte Milly kühl und mit unbewegtem Gesicht.

Der Fremde nickte. "Ja, aber sie kann ohne Leiche wenig beweisen. Und wahrscheinlich wird sie nie zu einem Ergebnis kommen, das ausreicht, Sie für diesen Mord hinter Gitter zu bringen. Es sei denn... es meldet sich ein Zeuge."

"Und der sind Sie."

"Ja." Sein Lächeln hatte etwas Teuflisches an  sich und er entblößte dabei einen Goldzahn. "Ich habe gesehen, wie Sie die Leiche ihres Mannes in den Fluß befördert haben", erklärte er dann. "Ganz zufällig natürlich." Er schob ihr einen Umschlag hin. "Glücklicherweise hatte ich eine Kamera dabei. Es war eine einsame Stelle, an der ein paar Sumpfhühner brüteten und ich bin zufälligerweise ein leidenschaftlicher Naturfotograf." Milly versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber nachdem sie sich die Abzüge angesehen hatte erbleichte sie. "Hunderttausend", sagte der Fremde. "Ich komme morgen bei Ihnen vorbei und hole mir das Geld ab."

"So schnell geht das nicht."

"Natürlich geht das."

"Mein Mann hatte das ergaunerte Geld damals ausgegeben", erklärte Milly ruhig. "Es ist nichts mehr davon da - und wenn das der Fall wäre, würde eine ganze Meute von Privatermittlern auf mich lauern, um herauszukriegen, wo es ist."

Der Fremde grinste. "Ich bin nicht so dumm wie die Polizei, Mrs. Cross!"

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MILLY WARTETE DEN GANZEN Tag auf den Fremden und sah immer wieder aus dem Fenster ihrer Wohnung. Er kam am Abend und schien guter Laune zu sein. Ihre Adresse schien er zu wissen, jedenfalls hatte er sich nicht danach erkundigen müssen.

"Bringen wir die Sache hinter uns", meinte er.

"Ganz meiner Meinung." Ihre Erwiderung war kalt und hart wie der Schalldämpfer der Pistole, die sie in der Hand hielt. Sie feuerte zweimal kurz hintereinander. Es gab ein Geräusch, das wie Niesen klang. Mit ungläubigem Gesicht sackte der Fremde zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Milly Cross hatte einige Mühe damit, den Fremden in den Kofferraum ihres Wagens zu legen. Sie fuhr zum Fluß und brachte es schließlich fertig, den Toten hineinzuwerfen. Allerdings achtete sie diesmal peinlich genau darauf, daß sie niemand beobachtete. Seinen Namen und seine Adresse wußte sie durch den Führerschein und den Ausweis, den sie ihm aus der Jackentasche genommen hatte. Er hieß Bob Gillner. Die Negative der Fotos hatte er natürlich nicht bei sich gehabt. So fuhr Milly zu seiner der Wohnung. Sie klingelte. Es machte niemand auf. Dann nahm sie Gillners Haustürschlüssel hervor und ging einfach hinein. Ihr war klar, daß sie sich jetzt beeilen mußte. Sie mußte die Negative finden, sonst war sie geliefert. Ein paar Tage noch, dann würde die Leiche sicher irgendwo an Land gespült werden. Und dann würde die Polizei alles unter die Lupe nehmen. Gillner hatte ein gut eingerichtetes Fotolabor, das für einen Amateur ganz beachtlich war. Allerdings ließ seine Ordnung zu wünschen übrig. Milly brauchte eine geschlagene Stunde, um endlich zu finden, was sie suchte. Dann machte sie sich davon. Milly las in der Zeitung von einem Toten, den man am Flußufer gefunden hatte. Die Polizei schien im Dunkeln zu tappen. Gut so, dachte Milly. Zwei Tage später tauchte ein Inspektor der Mordkommission an Millys Haustür auf.

Er hieß Brady und Milly kannte ihn bereits. Brady hatte den Mordfall ihres Mannes bearbeitet.

"Denken sie immer noch, ich hätte meinen Mann umgebracht", fragte Milly nicht ohne Spott in der Stimme. Der Inspektor schüttelte den Kopf.

"Alles der Reihe nach", meinte er. "Jedenfalls verhafte ich Sie wegen Mordes an einem gewissen Bob Gillner. Er hat Sie mit Fotos erpreßt, die zu beweisen schienen, daß Sie Ihren Mann umgebracht haben."

"Aber..."

"Sie meinen, kurz nach der Tat waren Sie in Gillners Wohnung, um alles auf den Kopf zu stellen. Richtig. Ein Anwohner hat Sie gesehen und genau beschrieben. Ihr Pech, daß Gillner bei einem Labor Vergrößerungen der Bilder in Auftrag gegeben hatte, die erst ein paar Tage danach per Post geliefert wurden..."

Milly schluckte und dachte an die Tatwaffe, die die Polizei mit Sicherheit hier, in ihrer Wohnung finden würde...

*

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ETWA ZUR GLEICHEN ZEIT wartete im Foyer eines Mittelklasse-Hotels in Rio de Janeiro ein Mann auf einen Anruf. Der Mann hatte mal Cross geheißen, jetzt nannte er sich anders. Das Geld, um das er arglose Anleger betrogen hatte, hatte er in Bargeld verwandeln können, bevor man ihn erwischt hatte. Jedenfalls einen großen Teil davon. Er selbst war nach der Haftentlassung gleich untergetaucht, um die lauernden Privatschnüffler abzuhängen, die die Geschädigten auf seine Fährte gesetzt hatten. Milly hatte das Geld für ihn aufbewahrt, erst in einem Blumenbeet, dann als riesiges, in Plastik eingehülltes und mit zahlreichen Gewichten versehenes Bündel auf dem Flußgrund.

"Hat jemand für mich angerufen?" fragte Mr. Cross den Portier zum x-ten Mal.

"Nein, Sir!"

Mr. Cross fluchte leise vor sich hin. Er hatte langsam Zweifel, ob Milly sich überhaupt je noch bei ihm melden würde...

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Hass war sein Lebenselexier

Krimi von Pete Hackett

1

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Was gibt es Neues?“, fragte der Assistant Director, als sich die Spezial Agents Burke und Harris an dem runden Besuchertisch niedergelassen hatten.

„Wir sind an einem Mann namens Derek Simpson dran“, erwiderte Owen Burke. „Sein Computer wurde angezapft. Er hat auf seiner Festplatte hunderte pornografischer Aufnahmen von Kindern gespeichert. Wir überwachen jetzt nur noch seinen elektronischen Posteingang, um eventuell weitere Namen herauszufinden.“

„Und es ist sicher, dass er zu dem Kinderporno-Ring gehört?“

„So gut wie. Es sind bei ihm auch Bilder von Kindern aufgetaucht, die spurlos verschwunden sind.“

„Legen Sie dem Kerl das Handwerk!“, stieß der AD wütend hervor. „Diese Sorte ist die Luft nicht wert, die sie atmet. Quetschen Sie ihn aus. Ich will, dass dieser Pornoring bis auf den letzten Mann zerschlagen wird. Die Kerle gehören hinter Gitter.“

Derlei emotionale Ausbrüche waren beim Direktor des FBI New York höchst selten, und Burke wurde klar, dass er für Kinderpornografie ebenso wenig Verständnis aufbringen konnte wie er, Burke, selbst und wohl jeder Mensch, der nicht pädophil veranlagt ist.

Die Besprechung endete und die Agents begaben sich in ihr gemeinsames Büro.

Kurz darauf klopfte jemand an die Tür, im nächsten Moment wurde sie geöffnet, und Wes Hammond, ein Innendienstler, betrat den Raum. Er hielt einige Bögen Papier in der Hand, reichte sie Burke und sagte: „Die E-Mails der vergangenen drei Tage, die Simpson erhalten hat.“

Wes Hammond war Computerspezialist. Er war gefordert, wenn es galt, Kennwörter zu knacken oder gelöschte Dateien wiederherzustellen. Zudem war er Experte für Vernehmungen, besonders geschult auf diesem Gebiet ...

Owen Burke nahm die Ausdrucke und las die Absender. Steven Perkins, Brian Holmes, Christopher Hall ... Und es erschienen weitere Namen als Absender der E-Mails. Burke konnte sie sich gar nicht alle merken. Die Texte der jeweiligen Nachrichten waren mit ausgedruckt. Meist war es nur ein einzelner Satz, den die Mails enthielten. ‚Anbei die neuesten Bilder’, oder ‚Viel Vergnügen’. Es wurden auch diverse Treffen vereinbart. Ort, Tag und Uhrzeit waren angegeben.

Wes Hammond hatte auch einige der Bilder ausgedruckt, die den Nachrichten als Anlagen beigefügt waren. Sie zeigten erwachsene Männer sowie Jugendliche und Kinder – Jungs und Mädchen -, in eindeutigen Posen.

Burke drehte sich fast der Magen um. Er reichte die Blätter an Ron Harris weiter. Wes Hammond sagte: „Der AD hat mich angewiesen, eng mit euch beiden zusammenzuarbeiten. Im Gegenzug müsst ihr natürlich auch mit mir eng zusammenarbeiten.“

„Das bedarf keiner besonderen Vereinbarung“, versetzte Burke grinsend. „Wir sind auf euch angewiesen, und ihr darauf, dass wir euch mit Material versorgen.“

„So ist es“, pflichtete Hammond bei und erwiderte Burkes Grinsen. „Eine Hand wäscht die andere. - Wir bleiben weiterhin dran und setzen auch bei den Computern der Kerle, deren E-Mail-Adressen wir herausgefunden haben, Scansoftware ein.“

„Wir sollten vielleicht mal so ein Treffen besuchen, Owen“, meinte Ron Harris und grinste säuerlich. „Hier, eine Verabredung am Dienstag um 20 Uhr in der Wohnung Perkins’ in Gramercy Park, 18th Street. Wahrscheinlich schaut man sich dort gemeinsam Filme an ...“

Hammond verließ das Büro wieder.

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2

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Ron Harris sagte: „Zwei neue E-Mails. Eins vom Police Department. Mal sehen ...“

Kurze Zeit verstrich, dann ließ der Special Agent erneut seine Stimme erklingen: „Hör zu, Owen“, sagte er. „Es wurde erneut ein Kind entführt. Ein Achtjähriger. Man sah ihn vor der Schule in Queens in einen Lincoln steigen. Seitdem fehlt jede Spur von dem Kleinen. Sein Name ist David Jensen.“

„Hat jemand die Nummer des Wagens aufgeschrieben?“

„Ich rufe beim Department an.“ Ron Harris griff nach dem Telefonhörer, tippte die Kurzwahlnummer des Police Departments und hatte gleich drauf eine Verbindung. Er ließ sich mit dem Beamten verbinden, von dem er die E-Mail erhalten hatte, dann stellte der G-man seine Fragen.

Das Ergebnis war folgendes: Die Zulassungsnummer des Lincoln hatte niemand notiert. In dem anthrazitfarbenen Wagen hatten zwei Männer gesessen. Sie mussten keine Gewalt anwenden, um den Jungen ins Auto zu locken. Die Entführung hatte am Vortag stattgefunden, und zwar mittags um 12 Uhr 30. Das FBI war in Kenntnis gesetzt worden, weil bekannt war, dass es gegen einen Kinderporno-Ring ermittelte und nicht auszuschließen war, dass Mitglieder dieses Rings die Entführung verübt hatten.

Ron Harris bat den ermittelnden Beamten, von allem, was es an Feststellungen gab, Kopien zu schicken, dann legte er auf und sagte: „Im Fall der siebenjährigen Shirley Wiley spielte auch ein anthrazitfarbener Lincoln eine Rolle, der mit zwei Männern besetzt gewesen war. Es dürfte sich um ein und dieselben Täter handeln.“

Burke schluckte würgend, sein Hals war wie zugeschnürt. Shirley Wiley war vor vier Wochen entführt worden und seitdem nicht wieder aufgetaucht. An die Eltern des Kindes war nicht mit einer Lösegeldforderung herangetreten worden, sodass davon auszugehen war, dass die Kleine einem Triebtäter in die Hände fiel und wahrscheinlich schon nicht mehr lebte.

Der Magen krampfte sich Burke zusammen, wenn er sich vorstellte, dass sich der achtjährige David Jensen ebenfalls in der Gewalt eines solchen Verbrechers befand.

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3

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Die Agents hatten die Adressen der Kerle herausgefunden, von denen Simpson elektronische Post erhalten hatte. Da waren:

Steven Perkins. Er wohnte in der 18th Street.

Brian Holmes, seine Wohnung lag in Queens, Maspeth Avenue.

Christopher Hall. Er lebte in Brooklyn, Meadow Street.

Und dann war da noch ein Mann namens Anthony Rooney, wohnhaft in Manhattan, Lower East Side, Clinton Street.

Zuerst aber wollten sie Derek Simpson einen Besuch abstatten, und so fuhren sie in die Mercer Street.

Es war halb neun Uhr, als Burke an der Wohnungstür Simpsons läuteten. Niemand öffnete. In der Wohnung blieb es still. Von einem Nachbarn Simpsons erfuhren die Agents, dass Simpson bei einer Straßenreinigungsfirma in Staten Island beschäftigt war.

Sie holten den Hausmeister, und er sperrte ihnen die Wohnungstür auf. Sofort begannen sie, die Wohnung zu durchsuchen und stießen auf ein ganzes Board voller DVD’s und CD's, fanden einige pornografische Zeitschriften, aber - dem ersten Augenschein nach zu urteilen -, nichts, was mit Kinderpornografie zu tun gehabt hätte.

Burke fuhr den Computer Simpsons hoch. Das Betriebssystem war Windows und der Special Agent fand sich einigermaßen zurecht.

„Wir werden sämtliche DVD’s und CD's beschlagnahmen müssen“, meinte Ron Harris. „Allerdings können wir das Zeug ohne Hilfe nicht transportieren. Ich fordere jemand aus dem Field Office an.“ Er nahm sein Mobiltelefon zur Hand, die Nummer hatte er eingespeichert. Gleich darauf hörte Burke seinen Kollegen sprechen.

Owen Burke ging den Explorer durch. Simpson hatte einige persönliche Ordner angelegt; der Agent durchforstete sie nach Bilddateien und Videos ...

Ron Harris schaute in sämtliche Schränke und Boards, die es in der Wohnung gab. Schließlich kam er mit einem Blatt Papier, das eine Menge Knitterfalten aufwies, zu Owen Burke. „Lies das, Owen. Ich hab es im Abfalleimer in der Küche gefunden.“

Burke warf einen Blick auf den Zettel. ‚Dreckiger Kinderschänder’, stand da. ‚Du wirst deine gerechte Strafe erhalten’.

Burke konnte sich keinen Reim darauf machen. Denn er wusste nicht, ob diese Nachricht Simpson zugegangen war, oder ob er diese Worte selbst geschrieben hatte. Wenn ja, wer war der ‚dreckige Kinderschänder’? Und weshalb hatte er die Nachricht in den Abfall geworfen? Nur eines schien klar zu sein - die Nachricht enthielt einen Hinweis auf Kinderpornografie.

Vielleicht würden die Agents von Simpson die Antwort auf die Frage erhalten, was es mit dem Blatt Papier auf sich hatte.

Vier Kollegen aus dem Field Office trafen ein. Burke bat sie, sämtliche DVD’s und CD's sowie den Computer in die Zentrale zu schaffen und mit den Auswertungen zu beginnen.

Burke und Harris fuhren nach Staaten Island zu der Firma, bei der Simpson beschäftigt war. Man erklärte ihnen, dass Simpson mit seinem Straßenreinigungsfahrzeug auf Tour sei, und Burke ließ sich den Tourenplan kopieren. Danach gehörten zu Simpsons Tour die Bezirke Midland Beach und Old Town.

Sie trafen das Reinigungsfahrzeug am Slater Boulevard an und stoppten es. Simpson stellte den Motor ab und stieg aus. Burke wies sich als FBI-Agent aus und Simpson wurde bleich, in seinen Augen flackerte jähe Unruhe, was dem Special Agent nicht entging. Fahrig strich sich Simpson mit der Rechten über das Gesicht. „Worum geht es?“

„Kinderpornografie“, versetzte Burke. „Wir haben auf Ihrem Computer pornografische Bilder sichergestellt. Leugnen ist zwecklos. Im Übrigen haben wir Ihre Wohnung durchsucht und sämtliche DVD’s und CD's sowie Ihren PC beschlagnahmt.“

Simpson zog den Kopf zwischen die Schultern, sein Blick irrte ab, er atmete schneller. „Sie – Sie müssen sich irren“, gab er schließlich mit belegter Stimme zu verstehen. „Ich habe mit Kinderpornografie nichts zu tun.“

„Und was ist mit den Bildern, die wir von Ihrer Festplatte gescannt haben?“, schnappte Ron Harris. „Erzählen Sie uns bloß nicht, dass die ein anderer auf ihrer Festplatte gespeichert hat.“

„Wir nehmen Sie mit ins Field Office“, erklärte Burke.

„Bin ich verhaftet?“

„Zunächst nur vorläufig festgenommen. Wir fanden in ihrer Wohnung einen Zettel. Dreckiger Kinderschänder, stand darauf. Du wirst deine gerechte Strafe erhalten. Haben Sie den geschrieben?“

„Nein.“

„Wer dann?“

„Ich weiß es nicht. Jemand ist in der vergangenen Nacht in mein Apartment eingedrungen hat ihn dort hinterlegt. Großer Gott, was ist bloß los? Ich habe doch mit ...“

Plötzlich spritzte Blut. Auf Simpsons Stirn zeigte sich ein kleines Loch, und er brach haltlos zusammen. Eine Detonation war nicht zu vernehmen. Burke wirbelte herum, denn der Schuss war hinter seinem Rücken abgefeuert worden. Auf der Querstraße, in die der Slater Boulevard mündete, fuhr mit quietschenden Reifen ein Wagen an. Der Special Agent konnte gerade noch sehen, dass es sich um einen schwarzen Van handelte.

„Die Autoschlüssel, Ron! Du bleibst hier!“

Ron Harris warf seinem Kollegen die Schlüssel zu, der fing sie geschickt auf und rannte schon los, entriegelte die Türen des Dodge per Fernbedienung, riss die Fahrertür auf und warf sich auf den Sitz. Zündschlüssel ins Zündschloss stecken, umdrehen, den Vorwärtsgang ins Getriebe rammen und Gas geben waren ein einziger, fließender Bewegungsablauf.

Burke musste wenden, und das kostete Zeit. Sein Glück war, dass die Siedlungsstraßen hier in Staten Island kam befahren waren. Die Straße war breit genug, sodass er den Wagen mit dem zweiten Zug gewendet hatte. Schließlich schaute er mit dem Kühlergrill in Richtung Querstraße und Burke drückte voll auf die Tube. Im Vorbeifahren sah er, dass Harris mit seinem Handy telefonierte.

Burke erreichte die Querstraße. Der Van floh in Richtung Verrazano Narrows Bridge, die nach Brooklyn führte. Er hatte gut zweihundert Yards Vorsprung. Zwischen ihm und dem Dodge fuhren drei Autos. Der Fahrer des Van fuhr weitaus schneller, als erlaubt war.

Burke schaltete die Sirene ein. An das Blinklicht, das im Fußraum des Beifahrersitzes lag, kam er nicht ran. Es musste einfach ohne gehen.

Ohne abzubremsen raste der Van in eine Kurve. Burke setzte zum Überholen des Fahrzeuges an, das vor ihm fuhr. Der Fahrer zog im selben Moment auf die linke Fahrspur, um seinerseits das vor ihm fahrende Fahrzeug zu überholen, und Burke sprang auf die Bremse. Hatte denn der Kerl keine Augen im Kopf? Und hatte er etwas an den Ohren, weil er die Sirene nicht zu hören schien?

Der Special Agent drückte zusätzlich auf die Hupe.

Der Van gewann an Vorsprung. Dann war er um eine Kurve aus dem Blickfeld des Special Agents verschwunden. Endlich fuhr der Bursche vor Burke wieder auf die rechte Fahrspur. Als er ihn überholte, schoss er ihm einen wütenden Blick zu, er aber schaute starr – vielleicht schuldbewusst - nach vorn. Burke hupte noch einmal, dann war er vorbei.

Der Special Agent trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch und der Dodge bäumte sich geradezu auf. Der Motor röhrte. Erst ging es in eine Rechts-, dann in eine Linkskurve. Bei letzterer handelte es sich um eine ziemlich steile Kurve und Burke musste bremsen, um nicht von der Fahrbahn getragen zu werden. Sofort hatte er den Wagen wieder unter Kontrolle. Überholen konnte er hier nicht. Dieses Risiko wagte er nicht einzugehen, weil er nicht ausschließen konnte, dass ein Fahrzeug entgegenkam. Und Unbeteiligte wollte er auf keinen Fall gefährden.

Es ging an einem Fußballstadion vorbei. Dann konnte Burke die Brücke sehen. Der Van raste schon über die Auffahrt. Da kein Auto entgegenkam, konnte der Special Agent auf die linke Fahrspur wechseln und zwei weitere Fahrzeuge überholen. Auf der Brücke rollten etwa ein Dutzend Fahrzeuge in Richtung Brooklyn. Es herrschte Gegenverkehr. Der Van nahm darauf keine Rücksicht. Er raste mitten auf der Fahrbahn zwischen den Autos hindurch. Einmal krachte es, als er einen Wagen streifte und ein Seitenspiegel wurde durch die Luft gewirbelt.

Burke versuchte, dem Van zu folgen. Alarmiert durch seine Sirene fuhren die Autos vor ihm rechts ran, sodass er trotz des Gegenverkehrs gut durchkam. Aber es gelang ihm nicht, aufzuholen. Der Van fuhr ohne Rücksicht auf Verluste. Als ein Wagen, ein Volvo, nicht zur Seite ausweichen wollte, fuhr er einfach hinten auf. Dann überholte er. Der Volvo-Fahrer bremste, doch der Van brauste weiter. Hinter dem Volvo kamen die folgenden Fahrzeuge zum Stehen. Burke jagte links an ihnen vorbei. Einer riss seine Autotür auf. Die Zeit, auszuweichen, fand der Special Agent nicht. Es krachte, die Tür wurde abgerissen und schlitterte über die Straße. Burke konnte sich nicht darum kümmern. Ein Ruck durchfuhr den Dodge, als er über die Tür hinwegdonnerte.

Das Fahrzeug, dem der Special Agent folgte, raste von der Brücke und fuhr auf den Gowanus Expressway. Die Straße war vierspurig, es handelte sich um eine Interstate Route. Der Van preschte auf der linken Fahrspur dahin und nahm die nächste Abfahrt, um wieder in einer Wohnsiedlung zu verschwinden. Burke hinterher. Der Van jagte in eine Seitenstraße hinein. Der Special Agent riss kurz darauf den Dodge in die Kurve und der Wagen brach hinten aus. Burke bremste ein wenig und fing ihn ab. Hundert Yards vor ihm verschwand der Van in einer Wohnstraße. Erneut fegte Burke mit dem Dodge in die Kurve. Reifen quietschten durchdringend. Am Fahrbahnrand sah der Special Agent einige Kinder mit Fahrrädern. Der Van verschwand soeben um eine Rechtskurve.

Burke drosselte das Tempo und überholte die Kinder, dann trat ich wieder aufs Gas, riss den Dodge im nächsten Augenblick nach rechts und sprang auf die Bremse, weil soeben eine alte Frau die Straße überquerte, obwohl hier kein Fußgängerüberweg war. Dicht vor der etwas gebeugt gehenden Lady kam der Dodge zum Stehen. Sie war wie gelähmt und presste die linke Hand gegen den Mund. Das war knapp gewesen. Weit vor dem Special Agent jagte der Van nach links in eine Seitenstraße. In diesem Gitternetz aus Straßen hatte Burke keine Chance mehr, ihn zu erwischen.

Er nahm den Gang heraus, zog die Handbremse an und stieg aus. Die Sirene ließ er an. Die Frau war bleich wie ein Leichentuch, ihre Lippen bebten, ihre Nasenflügel zitterten. „Tut mir leid“, sagte Burke und hatte Mühe, seinen Zorn zu unterdrücken. „Ich hoffe, es geht Ihnen gut. - Haben Sie denn die Sirene nicht gehört?“

„Ich – mein Gott – nachdem der Wagen an mir vorbeigebraust war, dachte ich ...“ Ihre Stimme brach und sie holte tief Luft. Wahrscheinlich löste sich in ihr jetzt der Schock. „Um ein Haar hätten Sie mich überfahren“, entrang es sich ihr und sie schaute den Special Agent an wie eine Erwachende.

„Es war ein Einsatz“, murmelte Burke. „Kann ich Sie vielleicht nach Hause bringen?“

„Ich – ich wohne gleich um die Ecke“, ächzte sie, fuhr sich mit der Hand über die Augen, setzte sich in Bewegung und überquerte die Straße.

Burke fuhr weiter bis zu der Querstraße, in der der Van verschwunden war. Die Sirene stellte er ab. Der Wagen mit dem Mörder war über alle Berge. Der Agent biss die Zähne zusammen, dann kehrte er um und fuhr mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit zurück nach Staten Island.

Ron Harris hatte zwischenzeitlich die Mordkommission verständigt. Es dauerte noch seine Zeit, bis die Kollegen anrückten. Die G-men versprachen, einen Bericht zu erstellen und ihn den ermittelnden Beamten zu überlassen, dann verließen sie den Schauplatz des Verbrechens, um nach Manhattan zurückzukehren.

„Wer mag der Mörder sein?“, fragte Ron Harris.

„Derselbe, der Simpson die Drohung in dessen Apartment hinterlegte. Ich denke, wir sollten die Kollegen von der SRD in die Wohnung schicken, denn es ist nicht auszuschließen, dass der Mörder eine Spur hinterlassen hat, mit der wir etwas anfangen können.“

„Konntest du die Nummer des Van erkennen?“

„Nein. So nahe kam ich nicht ran.“

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Öffnen Sie, Perkins!“, erklang es ein wenig ungeduldig. „FBI New York. Mein Name ist Burke.“

Der Special Agent zog seine ID-Card aus der Jackentasche und hielt sie vor den Spion. Gleich darauf ging die Tür einen Spalt breit auf, gerade so weit, wie es die Sicherungskette zuließ, und die rechte Gesichtshälfte eines Mannes wurde sichtbar, die andere Hälfte wurde vom Türblatt verdeckt.

„Was kann ich für Sie tun?“ Die Stimme klang belegt, geradezu brüchig.

„Öffnen Sie“, forderte Owen Burke. „Wir werden Ihnen alles erklären.“ Er hatte das Etui mit seinem Ausweis wieder in die Tasche gesteckt.

Perkins drückte die Tür noch einmal zu, hängte die Kette aus, dann ließ er die Agents in die Wohnung. Aus jedem Zug seines Gesichts sprach tiefe Unruhe. Er wirkte fahrig, auf seinen Wangen zeigten sich hektische Flecken, mit einer marionettenhaften Geste wies auf die Couchgarnitur, die um einen niedrigen Tisch herum gruppiert war. „Bitte, nehmen Sie Platz.“

„Danke“, versetzte Burke und winkte ab. „Sie werden beschuldigt, pornografische Filme und Bilder zu vertreiben. Kinderpornos! Ich weise Sie darauf hin, dass Sie vorläufig festgenommen sind. Was Sie von jetzt an sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden.“ Burke wies ihn noch darauf hin, dass es ihm freistehe, einen Anwalt seiner Wahl zu konsultieren.

Der Form war Genüge getan.

Perkins schnappte nach Luft, dann japste er: „Ich habe mit Kinderpornografie nicht das Geringste zu tun. Sehen Sie sich um in meiner Wohnung, checken Sie meinen Computer. Sie werden nichts finden.“

„Wir wissen, dass Sie Derek Simpson mit pornografischen Bildern versorgt haben. Das genügt, um Sie festzunehmen.“

„Hat Ihnen das Simpson erzählt?“

„Nein. Wir haben die Festplatte seines Computers gescannt“, erwiderte Ron Harris. Es gab keinen Grund, es Perkins zu verheimlichen.

Perkins duckte sich. „Haben Sie auch meinen Computer ...“

Darauf erhielt er keine Antwort. Burke schaute sich in dem Wohnzimmer, in dem sie sich befanden, um. Vor allen Dingen die DVD’s und CD’s waren für sie von Interesse.

„Sie werden nichts finden“, betonte Perkins noch einmal mit Nachdruck in der Stimme.

„Was sollte am Dienstag um 20 Uhr für ein Treffen in Ihrer Wohnung stattfinden?“, fragte Burke.

„Wir – ich – nun, wir haben so etwas wie einen Stammtisch gegründet und treffen uns jeden Dienstag ...“

„Wer?“

„Simpson, Brian Holmes, Christopher Hall, Rooney.“

„Was treiben Sie denn bei diesen Treffen?“, fragte Ron Harris.

„Wir spielen Poker. Um kleine Einsätze, nur zum Zeitvertreib. Es wird getrunken und ...“

„... dazu werden Kinderpornos angeschaut.“ Owen Burke war Perkins schroff ins Wort gefallen. „Von wem haben Sie die Filme und Bilder?“

Burke ging zum Telefon und nahm den Hörer in die Hand. Er war noch warm, was dem Special Agent sagte, dass Perkins telefoniert hatte, ehe sie läuteten. Einem jähen Impuls folgend drückte er die Wahlwiederholungstaste, dann hielt er sich den Hörer vor das Gesicht. Gleich darauf ertönte es: „Bourne.“

Burke legte auf und heftete den Blick auf Perkins. „Wer ist Bourne? Gehört er auch zu dem Kinderpornoring?“

„Doug Bourne. Ein Bekannter. Himmel, G-man, es gibt keinen Kinderpornoring. Warum wollen Sie mir nicht glauben?“

„Weil wir das Gegenteil beweisen können, Perkins“, presste Burke hervor. Dieser Kerl widerte ihn an. „Wir werden diesen Bourne überprüfen“, fügte er hinzu. „Wir werden Ihr gesamtes Umfeld einer Überprüfung unterziehen, Perkins. – Ron, ruf die Kollegen an, damit sie herkommen und die Wohnung auf den Kopf stellen. Sämtliche DVD’s, CD's und andere Datenträger sowie der Computer werden beschlagnahmt. - Drehen Sie sich um, Perkins.“

Harris holte sein Handy aus der Tasche. Während Owen Burke Perkins die Hände fesselte, fragte er: „Wo wohnt Bourne?“

„Oben, in Westchester County. Die genaue Adresse kenne ich nicht.“

„Geben Sie sich keine Mühe“, knurrte Burke. „Wir werden seine Adresse über die Telefonnummer herausfinden.“

Perkins stieß einen Schwall verbrauchter Atemluft aus.

Ron Harris sagte: „In einer Viertelstunde trifft eine Gruppe Kollegen von der Spurensicherung ein. Wir warten auf sie.“

„Setzen Sie sich, Perkins“, gebot Burke.

Er ließ sich in einen der Sessel sinken.

„Wer gehört noch dazu?“, fragte Owen Burke. „Einige Namen kennen wir. Holmes, Hall, Rooney und möglicherweise dieser Bourne. Nennen Sie uns weitere Namen, Perkins. Sie können vielleicht für sich was rausholen.“

„Ich habe Ihnen nichts zu sagen. Mit dem, was Sie mir vorwerfen, habe ich nichts zu tun. Sie werden in meiner Sammlung sicher einige pornografische Filme finden. Aber das sind Streifen, die man sich in jedem Supermarkt kaufen kann. Sie anzusehen ist nicht strafbar.“

„Simpson hatte Aufnahmen in seinem Computer, die ein siebenjähriges Mädchen zeigten, das vor vier Wochen entführt wurde“, sagte Ron Harris grollend. „Das Mädchen ist seither verschwunden und wir befürchten, dass es gar nicht mehr lebt. Erzählen Sie uns, von wem Sie Ihre Filme und Bilder beziehen.“

„Ich habe weder Filme noch Bilder.“

„Erhielten Sie eine Drohung?“, fragte Burke.

„Eine Drohung?“

„Eine Drohung mit folgendem Text: Dreckiger Kinderschänder. Du wirst deine gerechte Strafe erhalten.“

In Perkins’ Miene arbeitete es. „Nein!“, stieß er schließlich hervor.

„Sagen Sie uns die Wahrheit“, drängte Burke. „Ihr Freund Simpson erhielt eine derartige Drohung - und jetzt ist er tot.“

Perkins zuckte zusammen, als hätte ihn der Special Agent mit einem glühenden Draht berührt. „Er – ist – tot?“, echote er abgehackt und seine Züge entgleisten, in seine Augen schlich sich namenloses Entsetzen. „Gütiger Gott ...“

„Sie wissen mehr, nicht wahr? Hat Simpson mit Ihnen telefoniert und Ihnen von dem Drohbrief erzählt?“

„Nein.“ Perkins schüttelte den Kopf. „Aber bei mir war heute ein Mann, der mich sprechen wollte. Meine Nachbarin hat ihn gesehen. Er will wiederkommen.“

Die Befragung Perkins’ führte zu keinem Ergebnis. Er stritt alles ab. Die Beamten von der SRD kamen nach einiger Zeit.

Burke und Harris führten den gefesselten Perkins ab. Auf der Straße angekommen dirigierte Burke ihn zum Dodge. Perkins musste sich auf den Rücksitz setzen. Owen Burke nahm neben ihm Platz, Ron Harris klemmte sich hinter das Steuer.

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Special Agent Wes Hammond betrat das Büro, das sich die Special Agents Burke und Harris teilten. Burke erzählte ihm, was vorgefallen war. „Leider ist euch der Mörder entkommen“, war Hammonds Kommentar. „Gibt es irgendeinen Hinweis? Eine Zulassungsnummer vielleicht.“

„Nein“, antwortete Burke. „Wir wissen nur, dass es sich um einen schwarzen Van handelt, der jetzt ziemlich verbeult sein dürfte. Die Fahndung läuft. Die Wahrscheinlichkeit, den Van aus tausenden anderen herauszupicken ist allerdings sehr gering.“

„Es muss jemand sein, der einen persönlichen Rachefeldzug gegen den Kinderpornoring gestartet hat“, mutmaßte Ron Harris. „Zumindest die Nachricht, die er Simpson hinterlassen hat, deutet darauf hin.“

Hammond zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Wahrscheinlich jemand, der wie ich der Meinung ist, dass die Gerichte mit dieser Sorte viel zu lasch umgehen.“ Die Stimme Hammonds nahm einen härteren, geradezu klirrenden Klang an. „Das sind Triebtäter. Und die meisten von ihnen werden rückfällig, wenn sie nach ein paar lächerlichen Jahren das Gefängnis als freier Mann verlassen.“

Burke kannte den Grund, der Hammond veranlasste, für eine strengere Bestrafung pädophiler Triebtäter zu plädieren. Sein achtjähriger Sohn war vor zwei Jahren entführt und missbraucht und schließlich ermordet worden. Der Mord war bis heute ungeklärt. „Wahrscheinlich hast du recht, Wes“, murmelte er, vermied es aber, Hammonds Aussage zu thematisieren.

Er hatte auf seinem Computer das elektronische Adressbuch für den Großraum New York geöffnet. „Ein weiterer Name ist gefallen“, sagte er. „Doug Bourne. Er soll in Westchester County wohnen.“

Er gab den Namen in den Suchlauf auf, und sogleich spuckte der Computer die Adresse aus. 471 McLeon Avenue, Yonkers.

„Wir sollten diesen Burschen heute noch aufsuchen“, schlug Ron Harris vor.

„Zunächst einmal sollten wir uns noch einmal Perkins vorknöpfen“, gab Burke zu verstehen. „Ich will wissen, von wem er die perversen Produktionen bezieht. Vielleicht kommen wir über ihn an die Hintermänner, an die Macher heran.“

Der Special Agent nahm das Telefon zur Hand, rief im Zellentrakt an und bat, Perkins ins Vernehmungszimmer zu bringen.

„Was dagegen, wenn ich mich an der Vernehmung beteilige?“, fragte Hammond. „Ihr wisst ja – ich bin dahingehend besonders ausgebildet.“

Owen Burke stimmte zu.

Der Vernehmungsraum war nüchtern eingerichtet. Ein Tisch, einige Stühle sowie eine Computeranlage für die Niederschrift der Vernehmungsprotokolle.

Perkins wurde in den Raum dirigiert. Er war nicht mehr gefesselt und musste sich auf einen der Stühle setzen. Owen Burke nahm ihm gegenüber Platz. Zwischen ihnen war der Tisch. Ron Harris lehnte sich an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. Wes Hammond baute sich hinter Perkins auf.

„Reden Sie“, forderte Owen Burke Perkins auf. „Welche Rolle spielen Sie in dem pornografischen Ring? Welche Rolle spielen Leute wie Simpson, Holmes, Hall und Rooney. Gehört Doug Bourne zu der Organisation? Woher beziehen Sie Ihr Material, ich meine die Filme, Bilder und Zeitschriften. Wer ist der Drahtzieher?“ Burke senkte seine Stimme. „Ein Junge wurde entführt, Perkins. Er ist ganze acht Jahre alt, und es ist nicht auszuschließen, dass das Verbrechen auf das Konto der Hintermänner des Pornoringes geht. Es sind bereits mehrere Kinder spurlos verschwunden. Helfen Sie uns, den Ring zu zerschlagen. Sie können doch nicht wollen, dass weitere Kinder der Perversität einiger Leute zum Opfer fallen.“

Perkins lehnte sich zurück. „Wie oft noch, Agent? Ich habe damit nichts zu tun. Wenn Simpson dem Ring, von dem sie sprechen, angehört hat, so weiß ich davon nichts. Ich will meinen Anwalt sprechen. Die Antworten auf Ihre Fragen muss ich Ihnen schuldig bleiben. Dass ich mit Simpson per E-Mail verkehrt bin, können Sie mir nicht anlasten.“

„Und was ist mit den Bildern, die Ihren Mails als Anlagen beigefügt waren?“

Perkins presste die Lippen zusammen und schwieg verbissen.

Plötzlich trat Hammond in Aktion. Mit der Rechten packte er Perkins am Genick und drückte seinen Kopf nach vorn. „Spucken Sie's schon aus, Perkins“, knirschte er. Sein Gesicht hatte sich verzerrt und seine Augen glitzerten wie glasiertes Porzellan. „Es gibt Mittel und Wege, Sie zum Reden zu bringen. Zwingen Sie uns nicht dazu. Wir ...“

„Genug!“, stieß Burke schroff hervor. „Finger weg von dem Gefangenen, Wes! Solche Methoden schätze und dulde ich nicht.“

Hammond ließ Perkins los, als hätte er sich die Finger an ihm verbrannt, und seine Züge glätteten sich wieder. „Tut mir leid“, murmelte er. „Aber wenn ich daran denke, dass er vielleicht den oder die Kidnapper des kleinen Jungen kennt, kommt mir die Galle hoch.“

Burke erhob sich.

„Das gibt eine Beschwerde“, fauchte Perkins. „Ich möchte sofort in meine Zelle zurückgebracht werden. Und ich will meinen Anwalt verständigen.“

Während Burke zur Tür schritt, forderte er Hammond auf, ihm zu folgen. Dann waren sie auf dem Flur. Die Tür zum Vernehmungsraum hatte Burke geschlossen. „Bist du übergeschnappt?“, fuhr Burke seinen Kollegen an. „Wie kannst du Hand an einen Gefangenen legen? Verdammt, welcher Teufel hat dich geritten? Dir ist doch klar, dass ich diesen Vorfall melden muss.“

Hammonds Kiefer mahlten. „Es tut mir wirklich leid“, presste er dann hervor. „Mir sind die Nerven durchgegangen. Ich dachte nur an den kleinen Jungen, der sich vielleicht in den Händen dieser Perverslinge befindet und in höchster Gefahr schwebt.“

„Das ist kein Grund, handgreiflich zu werden. Ich will nicht, dass du weiterhin der Vernehmung beiwohnst.“

„In Ordnung. Es tut mir wirklich leid. Mir ist ganz einfach eine Sicherung durchgebrannt.“ Zerknirscht wandte sich Hammond ab, mit gesenktem Kopf schritt er den Korridor entlang. Burke blickte ihm hinterher. Hammond ging zum Aufzug und drückte den Knopf. Er vermied es, noch einmal mit Burke in Blickkontakt zu treten.

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Die Vernehmung Perkins’ ergab nichts. Der Bursche schwieg beharrlich. Burke rief bei den Kollegen von der Spurensicherung an und erfuhr, dass sie sämtliche DVD’s und CD's aus Perkins’ Wohnung abtransportiert, aber noch nicht mit der Auswertung begonnen hatten.

Burke und Harris besprachen, wem sie als nächstes einen Besuch abstatten wollten, und kamen überein, zu Rooney in die Lower East Side zu fahren. Seine Wohnung lag dem Federal Building am nächsten.

Es war ein Haus, das sicherlich schon hundert Jahre auf dem Buckel hatte, und es gab keinen Aufzug. Im Treppenhaus war es düster und es roch nach Bohnerwachs. Von den Wänden blätterte stellenweise die Farbe ab. Auf jedem Treppenabsatz gab es ein Fenster. Die Scheiben waren schmutzig, auf den Fensterbrettern lagen tote Fliegen.

Rooney war nicht zu Hause. Die Agents verschafften sich Einlass in das Apartment. Seit dem Erlass des 'Patriot Act' konnten sie auch ohne richterlichen Befehl in eine Wohnung eindringen, wenn ein begründeter Tatverdacht vorlag.

Und sie wurden fündig. Ron Harris schaltete den Fernseher und den DVD-Player ein. Zunächst wurden die Daten eingelesen, doch dann begann ein Film anzulaufen, der an Obszönität kaum zu überbieten war. Auch hier verständigten sie die Kollegen von der Spurensicherung. „Ihr deckt uns ganz schön mit Arbeit ein“, sagte der Beamte am anderen Ende der Strippe. „Eigentlich wollte ich wieder mal pünktlich Feierabend machen.“

„Tut mir leid, wenn wir euch über Gebühr beanspruchen“, erwiderte Burke und ging auf den Ton des Kollegen ein. „Aber das Verbrechen kennt keinen Feierabend, und ein guter Polizeibeamter ist vierundzwanzig Stunden täglich im Dienst.“

„Ich schicke jemand“, versprach der Kollege lachend.

„Wir warten in der Wohnung“, gab Burke zu verstehen und vernahm im selben Moment bei der Eingangstür Geräusche. Er gab Ron Harris ein Zeichen, doch der wandte sich schon der Tür zu. Sie schwang auf und ein Mann erschien im Türrechteck. Er sah die Agents, seine Augen weiteten sich einen Moment, dann griff er unter die Jacke, und als seine Hand wieder zum Vorschein kam, hielt sie eine Pistole.

„FBI!“, rief Ron Harris, aber der letzte Buchstabe ging schon im Dröhnen unter, als sich die Waffe entlud. Ron Harris hatte sich instinktiv zur Seite geworfen. Burkes Hand zuckte zur SIG Sauer, ihm entging aber nicht, dass der Bursche bei der Tür die Faust mit der Waffe herumschwenkte und auf ihn zielte.

Der Special Agent stieß sich ab, und als der Schuss krachte, flog er schon durch die Luft. Als er mit beiden Beinen gleichzeitig aufkam, hatte er die SIG in der Faust. Die Kugel, die ihm gegolten hatte, hämmerte in die Wand und meißelte ein faustgroßes Loch aus dem Mauerwerk.

Der Kerl bei der Tür wirbelte herum und gab Fersengeld.

Ron Harris kam in die Höhe.

„Alles klar?“, fragte Burke.

Harris nickte. „Hinterher!“, blaffte er und zog seine Dienstwaffe.

Burke rannte zur Tür. Die Wohnung befand sich in der 3. Etage des Gebäudes. Auf der Treppe trampelten Schritte nach unten. Der Special Agent nahm die Verfolgung auf und sprang, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter. In Rekordzeit kam er unten an. Aber der Kerl hatte schon das Haus verlassen. Die Haustür war zu. Ebenso die Hintertür. Burke musste sich entscheiden und nahm die Haustür. Als er sie vorsichtig aufzog, peitschte ein Schuss. Die Kugel konnte ihm nichts anhaben, denn er stand im Schutz der Wand neben der Tür. Sie durchschlug das Türblatt und pfiff durch den Korridor.

Zur Vordertür konnte Burke nicht hinaus, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, getroffen zu werden. Darauf zu bauen, dass der Gangster seine Flucht fortsetzte, war ihm zu gewagt.

Er lief zur Hintertür und stand wenig später im Hof, der nach drei Seiten von einer etwa zwei Meter hohen Mauer begrenzt war. Linker Hand führte eine Einfahrt tunnelartig unter dem Haus hindurch. Der Special Agent lief zu der Einfahrt und schob sich dicht an der Wand nach vorne, bis er Einblick in die Straße hatte. Vorsichtig lugte er um die Ecke, schwenkte seinen Blick die Fahrbahn hinauf und hinunter, dann trat er auf den Gehsteig, bereit, sofort in Deckung zu gehen, wenn es auf der anderen Seite krachen sollte.

Nichts geschah und so rannte Burke geduckt über die Straße. Aus einer Ladentür trat ein Mann. „Er ist in diese Richtung gelaufen!“, rief er und deutete in Richtung Manhattan Bridge, die Brooklyn mit Manhattan verband.

Hier und dort sah Burke Passanten hinter geparkten Autos hochkommen, hinter denen sie in Deckung gegangen waren, als es krachte und sie begriffen hatten, dass geschossen worden war.

Er setzte sich in Bewegung und lief ein Stück die Straße hinunter. Es war die Madison Street, auf der er sich befand. Alte Häuser - längst renovierungsbedürftig, überquellende Mülltonnen, Gruppen rauchender Jugendlicher, ein herumstreunender Hund – das war das Bild, das sich ihm bot. Die Straße war nur wenig frequentiert. Irgendwo in einem der Häuser hörte er eine Frauenstimme, die irgendetwas brüllte, dann war nur noch das laute Weinen eines Kindes zu vernehmen. Eine Tür wurde zugeschlagen ...

Der Gangster war verschwunden. Er hatte sich in irgendeine der Seitenstraßen abgesetzt.

Burke rammte die SIG ins Holster und kehrte um.

Ron Harris hatte sich nicht an der Verfolgungsjagd beteiligt.

„Er ist dir entkommen, wie?“, empfing er seinen Kollegen. „Ich hörte einen Schuss.“

„Er hat auf mich gefeuert, als ich zur Haustür hinaus wollte.“

„Wer kann das gewesen sein?“

„Rooney. Davon bin ich fest überzeugt.“

„Setzen wir die Fahndung nach ihm in Gang“, knurrte Ron Harris. „In New York wird der Bursche keinen Fuß mehr auf die Erde kriegen.“

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Als die Agents in Yonkers ankamen, wimmelte es vor dem Haus Nummer 471 in der McLeon Avenue von Polizei. Ein halbes Dutzend Einsatzfahrzeuge standen auf der Straße. Burke sah auch den Kombi des Coroners. Eine Menschenmenge hatte sich zusammengerottet, aber drei Polizisten sorgten dafür, dass sie auf Distanz zu dem Gebäude blieb.

Burke und Harris erfuhren, dass Doug Bourne ermordet worden war.

Es war ein Einfamilienhaus inmitten eines Gartengrundstücks, das zur Straße hin mit einem Zaun abgegrenzt war. Ein schmaler Fußweg führte direkt zur Haustür, die Zufahrt zur Garage war geteert. Hinter dem Haus erhoben sich einige Bäume.

Die Agents wiesen sich als FBI-Beamte aus und durften das Haus betreten. Die Spurensicherung war bei der Arbeit. Im Wohnzimmer lag ein Toter auf dem Fußboden, seine Konturen waren mit Kreidestrichen nachgezeichnet worden.

Owen Burke fragte nach dem Einsatzleiter und ein Polizist führte die beiden G-men zu ihm. Der Mann sagte, nachdem sie sich vorgestellt hatten: „Mein Name ist Brown. Ein anonymer Anrufer hat darauf hingewiesen, dass Bourne tot sei und im Keller seines Hauses der entführte David Jensen festgehalten werde. Der Junge war tatsächlich da. Bei dem Anrufer handelt es sich um den Mörder Bournes. Er hat den Mord am Telefon zugegeben und meinte, das Schwein habe seine gerechte Strafe erhalten.“

„Wo ist der Junge jetzt?“

„Mit einer Ambulanz unterwegs zum Krankenhaus. – Wir sind in dem Gebäude auf einen Raum gestoßen, in dem wahrscheinlich Pornofilme gedreht wurden.“

„Zeigen Sie uns den Raum“, forderte Burke.

Wenig später sahen sie das breite Bett, die Scheinwerfer und die Kamera. Owen Burke verspürte ein seltsames Drücken in der Magengegend, wenn er daran dachte, was sich in diesem Zimmer schon abgespielt haben mochte.

„Der Mörder muss durch dieses Fenster ins Haus eingedrungen sein“, erklärte Brown.

Es war noch immer geöffnet. Burke ging hin und lehnte sich hinaus. Vor seinem Blick lag ein Garten mit Büschen und Bäumen, ideal, um sich ungesehen davonzuschleichen.

Der Beamte führte die Agents in den Keller. „Schallgedämmt“, sagte er, als sie sich in dem kleinen Verlies befanden. Auch hier waren Spezialisten mit der Spurensicherung beschäftigt. Ein Teller mit Bohnen und Fleisch stand noch auf dem Fußboden, ein Löffel steckte in der erkalteten grünen Pampe.

„Haben Sie schon die Nachbarn befragt?“, wollte Burke wissen. „Haben sie was gesehen oder gehört?“

„Zwei Kollegen sind dabei, sie zu vernehmen“, antwortete Brown. „Bourne fährt übrigens einen anthrazitfarbenen Lincoln. Ein solcher Wagen wurde doch beobachtet, als Shirley Wiley und David Jensen entführt wurden. In seiner Garage haben wir einige gestohlene Nummernschilder gefunden, die er wohl von Fall zu Fall benutzte.“

Sie verließen den Keller wieder, Burke sagte: „Bourne wird verdächtigt, einem Kinderpornoring anzugehören. Wir ermitteln in der Angelegenheit. Ich darf Sie bitten, uns die Ergebnisse der Spurensicherung zur Kenntnis zu geben.“

„Natürlich“, versetzte Brown.

Die FBI-Beamten verließen das Haus. Ein schwarzer Range Rover fuhr im Schritttempo vorbei. Der Fahrer hatte das Gesicht in ihre Richtung gewandt. Es war ein hageres Gesicht, das von dunklen Haaren eingerahmt war; der Mann trug einen Vollbart. Als er vorbei war, gab er etwas Gas.

Die Agents gingen zum Dodge. Als sie in dem Fahrzeug saßen, knurrte Ron Harris: „Der Mörder ist uns zum zweiten Mal zuvorgekommen. Erst Simpson, jetzt Bourne. Findest du das nicht auch seltsam. Es ist, als wäre er über unsere nächsten Schritte jeweils informiert.“

„Das ist Zufall“, erwiderte Owen Burke. „Aber wie es aussieht, weiß er mindestens genauso viel wie wir. Vielleicht sogar mehr.“

„Es geht nicht mehr nur darum, der Pädophilenszene einen empfindlichen Schlag zu versetzen“, ergänzte Ron Harris, „wir haben nun auch noch einen eiskalten Killer, dem wir das Handwerk legen müssen.“

„Die Frage ist, wo wir ansetzen?“

Ron Harris überlegte nicht lange. „Wir sollten die Kerle, die wir noch in Verdacht haben, zur Szene zu gehören, nicht verhaften, sondern beschatten.“

„Du willst sie als Lockvögel benutzen?“

„Sozusagen. Vielleicht kommen wir über sie an den Mörder heran.“

„Warten wir ab, was die Spurensicherung ergibt. Vielleicht hat der Mörder Spuren hinterlassen, anhand welcher seine DNA festgestellt werden kann. Wenn wir Glück haben, ist sein genetischer Fingerabdruck registriert. Vielleicht ist es auch nur ein Fingerprint ...“

„Eine Möglichkeit“, knurrte Ron Harris.

„Okay“, sagte Burke. „Dann observieren wir die Kerle heute und morgen nur. Anthony Rooney ist flüchtig. Die Fahndung nach ihm läuft. Uns bleiben im Moment nur noch Brian Holmes und Christopher Hall. Ich bringe dich nach Queens zu Holmes’ Wohnung und fahre dann in die Meadow Street in Brooklyn, um Hall zu beschatten.“

„Hammond könnte doch Rooneys Wohnung in der Lower East Side beobachten“, schlug Ron Harris vor. „Möglich, dass Rooney zurückkommt, um sich das eine oder andere, das er für seine Flucht benötigt, aus der Wohnung zu holen.“

„Ruf ihn einfach an“, knurrte Owen Burke.

Hammond nahm nicht ab. „Er ist eingeschnappt“, erklärte Ron Harris grinsend. „Nachdem du ihn seiner Verhörmethoden wegen ziemlich harsch zurechtgewiesen hast, spielt er den Beleidigten.“ Der Special Agent schob sein Handy ein.

„Solche Methoden kann ich nicht zulassen«, antwortete Burke. „Ich werde dem Chef Meldung machen müssen.“

Während er sprach, steckte Harris den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn herum. Der Motor sprang an.

„Die Morde werden in der Pädophilenszene ziemlich für Furore sorgen“, ergriff Burke erneut das Wort, indes Harris am Lenkrad kurbelte, um den Dodge aus der Parklücke zu steuern. „Sie werden bei diesem Personenkreis Angst und Schrecken auslösen.“

Sie fuhren nach Süden, und schon bald befanden sie sich wieder im Stadtgebiet New Yorks, und zwar in der Bronx. Harris wandte sich in Richtung Bronx Whitestone Bridge, über die sie Queens erreichen wollten.

Queens weist keine Hochhäuser und Wolkenkratzer auf wie Manhattan. Hier befinden sich Industriegebiete, Wohnsiedlungen, viele Parks und eine Reihe von Friedhöfen.

Ron Harris stieg in der Maspeth Avenue aus und Owen Burke setzte sich ans Steuer. Bei dem Gebäude, in dem Holmes wohnte, handelte es sich um eine jener Mietskasernen, die für Queens und Brooklyn charakteristisch sind. Ganze Ortsteile bestehen nur aus diesen drei- und vierstöckigen Gebäuden. Sie bildeten ganze Fluchten. Es waren nicht gerade noble Wohngegenden. Ron Harris verschwand in dem Haus, um herauszufinden, welches Apartment Holmes bewohnte.

Burke fuhr weiter nach Brooklyn.

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Owen Burke beobachtete das Haus, in dem Hall wohnte. Es war 21 Uhr vorbei und schon finster. Die Straßenlaternen brannten. Bei dem Gebäude handelte es sich um ein Einfamilienhaus. Ein idyllisches Häuschen mit Türmen und Erkern, in den Farben weiß und grau gehalten.

Hall war zu Hause. Als es finster wurde, hatte er die Jalousien heruntergelassen. Durch die dünnen Ritzen zwischen den Lamellen der Jalousie vor einem der Fenster im Erdgeschoss schimmerte Licht.

Burke und Harris standen per Handy miteinander in Verbindung. Alle halbe Stunde meldete sich Ron Harris bei seinem Kollegen. Um 21 Uhr 30 erwartete Burke wieder seinen Anruf.

Ein Jeep erregte die Aufmerksamkeit des Special Agents. Es war ein schwarzer Range Rover, der langsam die Meadow Street herunterfuhr und etwa fünfzig Yards vor Halls Haus am Straßenrand angehalten wurde.

Ein Mann stieg aus.

Der Special Agent beobachtete ihn. Er war etwa siebzig Yards von ihm entfernt. Das Licht einer Straßenlaterne fiel auf ihn. Burke sah ein Gesicht, das von einem Vollbart eingerahmt wurde – und es durchfuhr ihn wie ein Stromstoß: Diesen Mann hatte er schon einmal gesehen. Es war am Nachmittag vor dem Haus Bournes in Yonkers gewesen. Das Auto war langsam auf der McLeon Avenue vorbeigefahren, als die Agents das Haus verließen.

Er schritt auf dem Gehsteig entlang und bog auf das Grundstück Halls ein.

Burkes Gedanken rasten. Er, Owen Burke, musste verhindern, dass der Bärtige das Haus betrat, und er hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als er schon die Autotüre öffnete und ausstieg. „He!“, rief er. „Bleiben Sie stehen. FBI ...“

Der Kerl wirbelte herum, da war Burkes letztes Wort noch nicht richtig verhallt, und griff unter seine Jacke. Der G-man handelte mehr instinktiv als von einem bewussten Willen geleitet, als er nach der SIG griff.

Bei dem anderen krachte es und das Mündungsfeuer lohte Burke entgegen. Der Special Agent duckte sich und die Kugel pfiff über ihn hinweg. Sein Zeigefinger krümmte sich, aber der Bärtige rannte schon die Zufahrt zur Garage hinunter und Burke konnte sich nicht mehr schnell genug auf das veränderte Ziel einstellen.

Ohne lange zu überlegen nahm er die Verfolgung auf.

Der Bursche erreichte die Garage, verließ die Zufahrt und rannte in den Garten. Der Special Agent sah ihn nur noch schemenhaft. „Stehen bleiben!“, brüllte er. „FBI!“

Diese Aufforderung schien den Gangster nur noch zu beflügeln. Er schoss noch einmal zurück und verschwand dann wie ein Spuk zwischen den Büschen.

Es hatte keinen Sinn, den Kerl in der Dunkelheit durch die Gärten zu verfolgen. Außerdem war er zum Letzten entschlossen, und es war nicht auszuschließen, dass er irgendwo in der Finsternis lauerte, um Burke den Fangschuss zu geben.

Der Special Agent kehrte zur Straße zurück. Bei den Häusern ringsum waren die Außenbeleuchtungen angegangen und einige Menschen kamen auf die Straße. Auch aus dem Haus Halls trat jemand. Stimmendurcheinander war zu vernehmen. Burke rief: „Geht in eure Häuser zurück, Leute. Das ist ein Polizeieinsatz. Es gibt nichts zu sehen. Geht nach Hause.“

Einige Fragen wurden laut. Niemand wusste eine Antwort, außer dem G-man, der aber schwieg und forderte die Neugierigen ein weiteres Mal auf, sich in ihre Behausungen zurückzuziehen.

Hall war einer der ersten, der in sein Haus zurückkehrte. Wahrscheinlich ahnte er, was die Stunde geschlagen hatte. Burke ging zur Tür und läutete. Hall öffnete augenblicklich, als hätte er schon darauf gewartet, und starrte den Special Agent an, als versuchte er in seinem Gesicht zu lesen. „Der Besuch galt Ihnen, Hall. Es war ein Mann mit Vollbart, der einen schwarzen Range Rover fährt. Ich nehme an, es ist der Mörder von Simpson und Bourne. Können Sie sich denken, um wen es sich handelt?“

„Ein Mann mit Vollbart ...“ Hall strich sich mit Daumen und Zeigefinger über das Kinn. „... der einen schwarzen Range Rover fährt.“ Plötzlich schüttelte er den Kopf. „Nein, kenne ich nicht. Wieso sollte er mich besuchen wollen? Himmel, sagten Sie, er habe wahrscheinlich Simpson und Bourne erschossen?“

„Ich sprach nur von Mord“, antwortete Burke. „Dass die beiden erschossen wurden, erwähnte ich mit keinem einzigen Wort.“ Burke drängte mit der rechten Hand Hall zur Seite und betrat seine Wohnung.

„Was soll das?“

„Sie stehen im Verdacht, zu einem Kinderpornoring zu gehören“, erklärte Burke und nahm sein Handy aus der Tasche, rief im Field Office an und bat, einen Trupp Kollegen zu schicken, die Hall festnehmen und seine Wohnung durchsuchen sollten.

Hall würgte und seine Augen traten aus den Höhlen. „Wessen beschuldigen Sie mich? Der Kinderpornografie? Sie denken, ich bin ...“ Er brach ab, sein Mund klappte zu, tief atmete er durch.

„... pädophil veranlagt“, vollendete Burke. „Wir haben Beweise.“

„Welche Beweise?“

Burke ahnte, dass der Bursche alles verräterische Material, das sich in seiner Wohnung befand, zur Seite geschafft hatte. Darum sagte er: „Haben Sie etwa nicht Simpson eine E-Mail mit einem Satz pornografischer Bilder als Anhang geschickt? Bilder, in denen Kinder die Hauptrollen spielen. Unter anderem ein Mädchen, das als vermisst gilt. Es handelt sich um die siebenjährige Shirley Wiley. Man wird Ihnen den Verbleib des Mädchens betreffend sicher eine Reihe unangenehmer Fragen stellen, Hall.“

Christopher Hall stieß zischend die verbrauche Atemluft aus. „Ich habe die Bilder von Garnett erhalten“, sagte er dann. „Von dem Mädchen weiß ich nichts. Es ist richtig. Ich habe die Aufnahmen per E-Mail an Simpson weitergeleitet. Heute rief mich Garnett an und berichtete mir von der Ermordung Simpsons und Bournes. Außerdem wusste er zu berichten, dass Perkins verhaftet wurde und Bob Rooney auf der Flucht sei.“

„Bei dem Bärtigen handelt es sich um Garnett, nicht wahr?“

„Ja.“ Hall senkte das Gesicht und starrte auf seine Zehenspitzen hinunter.

„Was spielt er für eine Rolle in dem Pornoring?“, wollte Burke wissen.

„Er ist einer der Chefs. Es war seine Idee, er sorgte auch dafür, dass Kinder zur Verfügung standen. Sie denken, er hat Simpson und Bourne erschossen?“

In Burke regten sich plötzlich Zweifel. Als Kopf der verbrecherischen Organisation hätte er sicher nicht die Polizei informiert und darauf hingewiesen, dass sich im Keller Bournes der entführte Junge befand.

„Wer gehört noch dazu? Uns sind Simpson, Bourne, Perkins, Rooney, Holmes und Sie bekannt, Hall. Jetzt kommt noch ein Name hinzu. Garnett. Wer noch, Hall?“

„Brent Estwick, 44th Street, Manhatten. Und Kevin Norton, Bayonne, Ost 31th Street.“

„Gibt es sonst noch Leute, die zum Kern der Organisation gehören? Sie sagten, Garnett ist einer der Chefs. Wer ist der andere?“

„Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Ich weiß nur, dass es ihn gibt. Er ist der Mann im Hintergrund und sozusagen Produzent der Filme. Garnett führte die Regie.“

„Können Sie weitere Namen nennen?“

„Da sind nur noch die Konsumenten, die von uns versorgt wurden oder die die Filme im Internet zur Verfügung gestellt bekamen. Sie bezahlten dafür und sitzen auf der ganzen Welt.“

„Wo wohnt Garnett?“

„Bronx, Morris Avenue.“

Bald fuhren die ersten Einsatzfahrzeuge vor. Der Range Rover Garnetts wurde beschlagnahmt und das Revier in der Bronx verständigt, damit die Wohnung Brad Garnetts observiert wurde. Die Kollegen hatten den Auftrag, Garnett sofort festzunehmen, sollte er bei seiner Wohnung auftauchen.

Christopher Hall wurde ins Field Office gebracht und arretiert. Die Kollegen stellten seine Wohnung auf den Kopf. Sein Computer, DVD’s, Datensticks und CD's wurden beschlagnahmt.

In derselben Nacht wurde auch Brian Holmes verhaftet. Die Polizei in New Jersey wurde verständigt und gebeten, Kevin Norton festzunehmen. Die City Police von Manhattan wurde auf Brent Estwick angesetzt.

Die Fahndung nach Brad Garnett lief noch in dieser Nacht an.

Die Agents konnten zufrieden sein. Der Kinderpornoring war zerschlagen. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie mit den Kerlen aufgeräumt. Vor allem war der kleine David Jensen gerettet worden.

Burke war klar, dass er seine Rettung wahrscheinlich einem Mörder zu verdanken hatte.

Owen Burke erhielt einen Anruf. Es war ein Kollege aus der Zentrale, der sagte: „Soeben wurde ich vom Police Department verständigt, Owen. Estwick ist tot. Er wurde in seiner Wohnung erschossen aufgefunden.“

Die Agents fuhren in die 44th Street. Einige Streifenfahrzeuge standen vor dem Haus, in dem Estwicks Apartment lag. Burke und Harris fuhren mit dem Aufzug nach oben. Estwick lag noch dort, wo er zusammengebrochen war. Er hatte die Kugel aus nächster Nähe in die Brust bekommen.

Im Haus hatte niemand etwas gehört, niemand hatte etwas gesehen. Ein Vertreter der Staatsanwaltschaft erschien und beschlagnahmte den Leichnam. Dann kam der Coroner ...

„Der Mörder ist uns immer eine Nasenlänge voraus gewesen“, resümierte Ron Harris. „Er erschoss Estwick zu einer Zeit, zu der wir beide noch gar nicht wussten, dass er zu dem Pädophilenring gehört.“

„Den Namen kann ihm Bourne verraten haben, ehe er ihn erschoss“, mutmaßte Burke. „Wer ist der Mörder?“, fügte er nachdenklich hinzu. „Der Fall ist erst abgeschlossen, wenn er entlarvt ist.“

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Als Burke am folgenden Morgen sein Büro betrat, war Wes Hammond anwesend. Er saß an Ron Harris’ Schreibtisch und spielte mit dem Locher des G-man herum. „Guten Morgen“, erwiderte er Burkes Gruß. „Ich hab es schon gehört: Ihr wart ziemlich erfolgreich. Meinen Glückwunsch.“

„Noch ist die Sache nicht abgeschlossen.“ Burke fiel Hammonds ungesunde Gesichtsfarbe auf. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen. „Hast du schlecht geschlafen?“, fragte er deshalb.

„Nein. Im Gegenteil. – Owen, die Sache mit Perkins tut mir leid. Aber ich habe kein Verständnis für Leute, die ihren schmutzigen Geschlechtstrieb an Kindern abreagieren. Bei mir ist eine Sicherung durchgebrannt.“

„Ich habe mir vorgenommen, Meldung zu machen“, antwortete Burke.

„Wenn ich dir verspreche, dass ich mich künftig am Riemen reißen werde ...“

Burke hatte plötzlich Mitleid mit ihm. Irgendwie konnte er es verstehen. Er wusste von dem Mord an Hammonds Sohn, unabhängig davon war es nicht einfach, ruhig zu bleiben, wenn es um das Leben eines Kindes ging. Der Special Agent sagte: „In Ordnung, Wes. Schwamm drüber. Aber ich will nicht, dass es noch einmal geschieht. Ich denke, wir verstehen uns.“

In dem Moment kam auch Ron Harris. Hammond erhob sich und machte den Platz frei. „Du sagtest vorhin, dass die Sache mit dem Kinderpornoring noch nicht abgeschlossen sei“, kam es wie beiläufig von Hammond.

„Wir dürften den Ring ziemlich zerschlagen haben“, antwortete Burke. „Allerdings hat es einen weiteren Toten gegeben. Brent Estwick wurde erschossen. Rooney ist auf der Flucht. Holmes, Hall und ein gewisser Kevin Norton aus New Jersey sind verhaftet. Einer der Bosse der Bande heißt Brad Garnett. Er ist ebenfalls flüchtig. Die Fahndung nach ihm und Rooney läuft. Wer außer Garnett in der Bande das Sagen hat, haben wir nicht herausbekommen. Der Bursche scheint sich ziemlich im Hintergrund gehalten zu haben.“

„Die Frage ist, wer Simpson, Bourne und Estwick erschossen hat“, ergänzte Ron Harris. „Sieht fast so aus, als würde der Mörder einen privaten Rachefeldzug gestartet haben.“

„Weiß man, wie dieser Garnett aussieht?“

„Er trägt einen Vollbart“, erwiderte Burke. „Ich habe ihn gesehen, als er zu Hall wollte. Er hat sich auch beim Haus Bournes herumgetrieben, nachdem dieser ermordet wurde.“

„Dann ist er vielleicht der Mörder“, meinte Hammond.

„Kaum vorstellbar. Warum sollte er seine eigenen Leute umbringen? Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass er die Polizei auf das Versteck aufmerksam gemacht hätte, in dem der kleine David Jensen festgehalten wurde.“ Burke schüttelte den Kopf. „Der Mörder ist ein anderer.“

Burke schaltete seinen Computer ein, da läutete sein Telefon, er nahm ab und hörte Amalie Shepards Stimme: „Der Chef will euch sehen. Und zwar gleich.“

Burke verdrehte die Augen. Nicht, weil der AD sie sprechen wollte, sondern wegen der überaus ‚umgänglichen’ Art der Chefsekretärin.

Ihr Vorgesetzter begrüßte die beiden G-men per Handschlag, dann ließ er sich berichten, dass der Kinderpornoring zerschlagen war und die Agents sicherten ihm zu, entsprechende Berichte noch am Vormittag zu verfassen und sie ihm vorzulegen.

„Gute Arbeit“, lobte der AD. „Ich bin überzeugt, dass Sie auch den Mörder überführen. - Ich habe Sie nicht ohne besonderen Grund kommen lassen, Agents. Mich hat vor wenigen Minuten der Stadtverordnete Bowers angerufen. Er war ziemlich aufgelöst und hat Selbstanzeige erstattet. Es geht um Prostitution. In einer Bar in Spanish Harlem sollen minderjährige Mädchen aus Mexiko und Südamerika anschaffen. Und es geht um Erpressung. Ich will, dass Sie sich um den Fall kümmern. Bowers wohnt in der Murray Street, Nummer 211.“

„Er wird erpresst?“, fragte Burke sicherheitshalber, denn den Worten des AD war das nicht eindeutig zu entnehmen gewesen.

„Ja. Er soll 100.000 Dollar bezahlen, oder der Film, der gedreht wurde, erscheint im Internet und wird den Medien zugespielt. Bowers berichtete, dass der Club, in dem die Mädchen ihrer illegalen Arbeit nachgehen, von einem Mann namens Lewis Payne betrieben wird. Dieser Payne habe ihm einen Geldeintreiber geschickt, der ihn zusammengeschlagen hat. - Nehmen Sie Verbindung mit Bowers auf, Agents. Er wird Ihnen Details schildern. Ich habe ihm zugesagt, dass sich das FBI um die Angelegenheit kümmern wird.“

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Der Stadtverordnete ließ die Agents in seine Wohnung. Bowers war ein mittelgroßer Mann, der wahrscheinlich zwanzig Pfund Übergewicht hatte. Seine Haare waren über der Stirn stark gelichtet. Er hatte ein rundes Gesicht mit braunen Augen, die jetzt ein hohes Maß an Unsicherheit verrieten. Der Mann war die Unruhe in Person. Als er Burke per Handschlag begrüßte, merkte der Agent, dass seine Handfläche nass war vom Schweiß.

In dem Apartment war alles vom Feinsten. An den Wänden hingen Ölgemälde. Die Agents gingen über dicke Teppiche, und die Polstergarnitur aus weißem Leder hatte sicherlich ein kleines Vermögen gekostet.

Bowers bot ihnen Platz zum Sitzen an und die G-men ließen sich nieder.

„Der Assistant Director hat uns schon in groben Zügen berichtet“, so leitete Owen Burke das Gespräch ein. „Es geht um Kinderprostitution und Erpressung. Von Ihnen würden wir jetzt gerne die Details hören.“

Bowers ließ sich in einen der Sessel fallen und seufzte. Sein Blick irrte immer wieder ab, unablässig massierte er sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken. Wahrscheinlich formulierte er in Gedanken die Worte, die er benutzen wollte, schließlich leckte er sich über die wulstigen Lippen und begann:

„Ich habe einen Fehler gemacht, Gentlemen. Nach einem Essen mit Freunden sind wir vor zwei Wochen in den Club Hawaii in Spanish Harlem gefahren. Sie wissen vielleicht, wie das ist. Jahr und Tag nur arbeiten und auf dem Damm sein, da gelüstet es einem einfach mal nach Ablenkung.“

„Nein“, dehnte Burke, als Bowers eine kleine Pause machte, „ich weiß nicht, wie das ist.“

„Sind Sie verheiratet?“

„Nein.“

„Das denke ich mir“, meinte Bowers vielsagend. „Nun, in dem Club schaffen Mädchen an. Illegal. Mexikanerinnen, Südamerikanerinnen, sogar eine Japanerin ist dabei. Nachdem ich mich dort vergnügt hatte, erfuhr ich, dass das Girl minderjährig war. Payne hat, ohne dass ich es bemerkte, einen Film aufgenommen, der mich mit dem Mädchen in eindeutigen Positionen zeigt. Er verlangt von mir 100.000 Dollar. Wenn ich nicht zahle, will er den Film im Internet zur Verfügung stellen, überdies sollen die New York Times und New York One eine Kopie des Machwerks erhalten.“

„Sie haben das einzig richtige getan, als sie die Polizei einschalteten“, verlieh Burke seiner Überzeugung Ausdruck. „Bis wann sollen Sie bezahlen? Wie soll der Deal über die Bühne gehen?“

„Payne hat mir schon zweimal seinen Geldeintreiber geschickt.“ Bowers griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag, blätterte sie durch, und deutete dann auf das schwarz-weiß Bild eines Mannes. „Das ist der Kerl. Nach ihm wird gefahndet. Er heißt Brad Garnett. Allerdings hat er in der Zwischenzeit seinen Bart abrasiert.“

Burke drehte die Zeitung zu sich herum.

Ja, das war der Kerl, den er vor Bournes Haus in dem schwarzen Range Rover sah und der in der Meadow Street in Brooklyn auf ihn geschossen hatte.

Ein Bild von Payne war an New York One, den größten lokalen Fernsehsender, und an sämtliche Zeitungsverlage weitergegeben worden, damit es in den Medien publiziert werden konnte. Denn das FBI war, wenn es Garnett schnappen wollte, unter anderem auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen.

„Wann will Garnett wieder kommen?“

„Heute Abend um 20 Uhr.“

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Am Nachmittag bekamen die Agents erste Ergebnisse der Spurensicherung. Die ballistische Auswertung der Geschosse hatte ergeben, dass Simpson und Bourne durch Kugeln vom Kaliber 9 Millimeter Luger getötet worden waren, Estwick aber mit einem Geschoss vom Kaliber .45 ACP. Die 9 Millimeter-Projektile wiesen identische Merkmale auf. Sie waren also aus ein und derselben Waffe verschossen worden.

An Hand von DNA-Analysen der getöteten, verhafteten und flüchtigen Pädophilen war festgestellt worden, dass jeder von ihnen seinen genetischen Fingerabdruck im Haus Doug Bournes hinterlassen hatte. DNA-Analysen hatten auch ergeben, dass in dem Kellerraum, aus dem der kleine David Jensen befreit worden war, weitere Kinder festgehalten worden waren, so auch die siebenjährige Shirley Wiley. Ihre Spuren wurden auch auf dem Bett nachgewiesen, das in dem Raum mit den Schweinwerfern und der Kamera gestanden hatte.

Da waren aber auch DNA-Spuren einer Person, deren Identität die Datenbanken nicht hergaben.

Owen Burke ging davon aus, dass es sich um den Mann handelte, der den Pornoring aus dem Hintergrund leitete.

Die Auswertung der Filme, die das FBI beschlagnahmt hatte, vor allem die Filme aus Rooneys Wohnung, ergaben weitere Anhaltspunkte im Hinblick auf Kinderpornografie. Den Kollegen von der Spurensicherung war es gelungen, das eine oder andere Gesicht der Akteure herauszufiltern.

In der Wohnung Simpsons war am DVD-Player ein Fingerabdruck gefunden worden, der nicht von Simpson stammte. Die Person, zu der der Fingerabdruck gehörte, war polizeilich nicht registriert.

Die Beweise, die die Agents hatten, reichten, sodass gegen Perkins, Brian Holmes, Christopher Hall und Kevin Norton noch am selben Nachmittag Haftbefehl erlassen wurde. Sie wurden nach Rikers Island verschubt.

„Jetzt fehlen noch Rooney und Garnett“, gab Ron Harris zu verstehen. „Dann haben wir die Bande komplett.“

„Nicht ganz“, versetzte Burke. „In Bournes Haus wurde die Spur eines Mannes entdeckt, von dem wir nicht wissen, um wen es sich handelt. Er dürfte jedoch zu den Machern der Pornofilme gehören. Wir sollten uns noch einmal Hall vornehmen, denn er zeigte sich ziemlich kooperativ. Vielleicht fällt ihm noch etwas ein, was er bisher – sei es bewusst oder unbewusst - verschwiegen hat.“

Burke und Harris machten sich auf den Weg.

Christopher Hall wurde in den Vernehmungsraum gebracht. Er ging mit hängenden Schultern. Burke forderte ihn auf, sich zu setzen. „Was wollen Sie?“, fragte er mit klangloser Stimme. Er machte einen total geknickten Eindruck.

„Wer war noch dabei?“

„Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß. Ich hatte weder etwas mit der Entführung der Kinder zu tun, noch habe ich geholfen, sie verschwinden zu lassen. Ich kann Ihnen nichts weiter sagen.“

„In Bournes Haus wurden die Spuren eines Mannes entdeckt, der uns namentlich nicht bekannt ist“, sagte ich.

„Ich habe keine Ahnung. Perkins, Simpson, Holmes, Estwick, Norton und ich waren nur Akteure in den Filmen, die gedreht wurden. Wir bezahlten sogar dafür, dass wir ...“ Er brach ab und schlug die Augen nieder.

Burke wusste, was er meinte. Er ließ Hall wieder abführen.

Zurück im Federal Building meldeten sich die Agents bei ihrem Vorgesetzten an. Er nahm sich Zeit für sie. Sie berichteten abwechselnd, was die Spurensicherung in ihrem Fall ergeben hatte. Der AD unterbrach kein einziges Mal. Als sie mit ihrem Bericht am Ende waren, ließ er seine Stimme erklingen. Er sagte:

„Es gibt also noch eine Unbekannte in diesem Fall, und zwar jenen Mann, dessen genetischer Fingerabdruck in Bournes Haus gefunden wurde, der allerdings nicht zugeordnet werden kann.“

„Zwei Unbekannte, Sir“, verbesserte Burke den AD. „Ich würde zu gerne auch den Mann kennen, dessen Fingerabdruck wir am DVD-Player Simpsons fanden.“

„Richtig“, stimmte der AD zu. „Zwei Unbekannte. Außerdem haben wir keine Ahnung, wer für die Morde an Simpson, Bourne und Estwick verantwortlich ist. Nachdem zwei verschiedene Waffen benutzt wurden, dürfte es sich auch bei den Mördern nicht um ein und dieselbe Person handeln. Wir haben es also aller Wahrscheinlichkeit nach mit zwei Mördern zu tun. Das sind zwei weitere Unbekannte, Agent. - Man sollte vielleicht diesen Jungen, ich meine den kleinen David Jensen, mal fragen, ob er den Mann gesehen hat, dem er seine Befreiung verdankt. Vielleicht kann er Ihnen eine Beschreibung liefern.“

„Das wäre eine Möglichkeit“, versetzte Burke. „Zunächst aber gilt es, Brad Garnett festzunehmen. Er ist der Mann, der das Geld bei dem Stadtverordneten Bowers eintreiben soll. Und er ist, wenn man Halls Aussage glauben darf, einer der Chefs des Kinderpornorings.“

„Vielleicht laufen die Fäden in dieser Kneipe, diesem Hawaii Club, zusammen“, mutmaßte der AD.

Seine Worte hallten in Owen Burke nach, als er zurück in sein Büro ging. Von der Hand zu weisen war die Mutmaßung des Chefs auf keinen Fall.

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Es war 19 Uhr, als Owen Burke und Ron Harris in die Murray Street fuhren. Burke bezog in der Wohnung des Stadtverordneten Stellung. Bowers hatten sie vorläufig festgenommen, nachdem er gestanden hatte, sich an einer Minderjährigen vergriffen zu haben.

Die Zeit verrann nur träge.

Ron Harris hatte sich in der Nähe des Gebäudes auf der Straße postiert und beobachtete den Eingang. Die Agents standen per Handy miteinander in Kontakt. Von Zeit zu Zeit meldete sich Burkes Kollege, wenn jemand das Haus betrat. In Burke wuchs dann jedes Mal die Anspannung, bis sich herausstellte, dass es Fehlalarm gewesen war.

Draußen war es schon finster und Burke hatte das Licht angeknipst, denn Garnett sollte denken, dass sich Bowers in seiner Wohnung aufhielt.

Es wurde 20 Uhr. Unaufhaltsam wanderte der Uhrzeiger weiter. Langsam begann Burke ungeduldig zu werden.

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Brad Garnett fuhr mit einem Chevy vor, parkte ihn am Straßenrand und stieg aus. Sein Blick wanderte an der Fassade des Gebäudes in die Höhe und Garnett stellte fest, dass hinter zwei Fenstern der Wohnung Bowers’ Licht brannte. Er verschloss den Wagen und setzte sich in Bewegung.

Ein Mann trat ein Stück entfernt aus einer dunklen Nische und näherte sich Garnett, der dem Eingang des Gebäudes zustrebte. Plötzlich blitzte es bei diesem Mann auf, ein Schuss knallte. Garnett reagierte instinktiv und warf sich zur Seite. Die Kugel streifte ihn. Seine Hand zuckte unter die Jacke und riss die Pistole aus dem Hosenbund.

„Waffe weg!“, brüllte Ron Harris. „FBI ...“

Einen Moment spürte Garnett das grässliche, schwindelerregende Gefühl, die Kontrolle über sich zu verlieren, mit dem nächsten Atemzug aber kehrte ein Teil seiner skrupellosen Selbstsicherheit zurück und er feuerte. Dann wirbelte er herum, rannte zwischen zwei am Straßenrand geparkte Pkw's und duckte sich. Eine Kugel pfiff über ihn hinweg. Langsam löste sich bei ihm die Verkrampfung. Sein Herz nahm den regulären Rhythmus wieder auf und seine Gedanken ordneten sich.

Der Mann, der auf ihn gefeuert hatte, war ebenfalls hinter einem Auto abgetaucht. Irgendwo trampelten Schritte. Ron Harris rannte ein Stück auf dem Gehsteig entlang, ging dann ebenfalls in Deckung und sagte in sein Handy: „Garnett ist da. Allerdings hat jemand auf ihn gelauert. Der geheimnisvolle Mörder wahrscheinlich, der schon Simpson und Bourne abservierte.“

Wieder peitschte ein Schuss. Glas klirrte.

„Werfen Sie die Waffen weg und treten Sie mit erhobenen Händen auf die Straße!“, gebot Ron Harris mit lauter Stimme.

Der Mann, der auf Garnett geschossen hatte, feuerte, dann rannte er geduckt davon und verschwand auf der anderen Straßenseite in einem Gebäude, dessen Haustür nicht verschlossen war.

Auch Garnett floh. Er hetzte quer über die Fahrbahn.

Harris folgte ihm. „Stehen bleiben! Bleiben Sie stehen!“

Garnett vollführte eine halbe Drehung, feuerte, dann rannte er weiter und verschwand in einer Einfahrt. Ron Harris hielt an und ging an der Hauswand neben der Einfahrt in Deckung und äugte um die Ecke. Im Hof, der sich an die Einfahrt anschloss, war es finster wie in einem Höllenschlund. Der Special Agent ließ die gebotene Vorsicht nicht außer Acht und schob sich dicht an der Wand entlang durch die Einfahrt, in seiner Faust lag die schussbereite SIG.

Harris hielt an und lauschte. Im Hof war es still. Er bewegte sich weiter und erreichte das Ende der Einfahrt. Nun hatte er Einblick in den Hof, doch hier war nichts zu erkennen.

Ron Harris glitt um die Ecke – und etwas bohrte sich ihm hart in den Leib. Eine Stimme zischte: „Lass fallen, Bulle, oder ich drücke ab.“

Es dauerte ein wenig, bis sich die Augen des G-man an die Finsternis gewöhnt hatten, dann konnte er den Schemen unmittelbar vor sich ausmachen. Ron Harris war wie gelähmt. Nur nach und nach sickerten die Worte des Gangsters in sein Bewusstsein. Der Druck auf seinem Leib verstärkte sich. Ron Harris hatte keine Chance, erkannte es klar und nüchtern, öffnete die Hand und die SIG fiel auf den Boden.

„Wie viele von deiner Sorte sind noch hier?“, fragte Garnett.

„Das Gebäude ist umstellt“, log Ron Harris. „Sie entkommen uns nicht. Es wäre einfacher, wenn Sie aufgäben.“

„Du gehst jetzt vor mir her zu dem Chevy“, ordnete Garnett unbeeindruckt an. „Eine falsche Bewegung, und es kracht.

Der G-man wandte sich um, die Mündung der Pistole bohrte sich ihm in den Rücken, mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen. Sie erreichten die Straße. Garnett packte Ron Harris am Jackenkragen. Auf dem Gehsteig stand ein Mann, der sich jetzt duckte und hinter einem geparkten Auto verschwand. Garnett rief: „Ich habe euren Kollegen vor der Mündung, und selbst mit einer Kugel im Kopf finde ich noch die Zeit, abzudrücken.“

Der Mann, der sich hinter dem Fahrzeug geduckt hatte, war Owen Burke. Ihm war klar, dass Garnett zum Letzten entschlossen war und richtete sich auf. Garnett und Ron Harris kamen schräg über die Straße. Der Gangster dirigierte seine Geisel auf einen hellen Chevy zu. Burke konnte nichts tun.

„Stopp!“, hörte er Garnett sagen und Ron Harris hielt an. Garnett ließ seinen Jackenkragen los, griff in die Tasche und holte den Autoschlüssel heraus. Burke konnte alles beobachten, denn auf der Straße war es hell genug. „Sperr auf und setz dich auf den Fahrersitz“, kommandierte Garnett. Burke war den beiden so nahe, dass er jedes Wort, das Garnett sprach, deutlich vernehmen konnte.

Ron Harris kam der Aufforderung nach. Garnett lief vorne um das Auto herum, zielte dabei auf Ron Harris, riss die Beifahrertür auf und -

Ein Schuss peitschte. Garnett machte das Kreuz hohl, drückte ab und brach zusammen. Seine Kugel richtete keinen Schaden an. Sie klatschte gegen eine Hauswand und quarrte mit ohrenbetäubendem Jaulen als Querschläger davon.

Owen Burke hatte sich Ron Harris und Garnett zugewandt.

Jetzt riss es ihn herum. Der Schuss war auf der anderen Straßenseite gefallen. Eine Haustür wurde krachend zugeworfen.

Ron Harris sprang aus dem Chevy, lief um das Auto herum und ging bei Garnett auf das rechte Knie nieder. Garnett hielt die Pistole in der Hand. Sein Atem rasselte. Der Special Agent entwand ihm die Waffe. Dann war auch Owen Burke heran und ging nieder. Es war im selben Moment, als Garnett sich aufbäumte. Ein Röcheln stieg aus seiner Kehle, dann fiel er zurück und sein Kopf rollte auf die Seite.

Burke richtete sich auf und schaute über die Straße. Sein Blick tastete sich an den Fronten der Häuser entlang. Einige Fenster wurde geöffnet und Menschen beugten sich heraus.

Ron Harris murmelte: „Er ist tot.“

„Hast du den Kerl gesehen, der auf ihn geschossen hat?“, fragte Burke.

„Nein. Ich hole meine Waffe.“ Ron Harris ging schnell über die Fahrbahn und verschwand in der Hofeinfahrt. Als er zurückkehrte, hatte Burke schon Verstärkung angefordert. Auf der Straße sammelten sich Menschen. Schon bald ertönten Sirenen. Dann kam ein Patrol Car der City Police.

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Owen Burke und Ron Harris kamen um 22 Uhr 30 beim Club Hawaii an. Er lag in der 114th Street, gleich beim Weserson Park. Harris stellte den Dodge in der Nähe des Clubs an den Fahrbahnrand. Einige Zeit beobachteten die Agents das Gebäude, in dem sich die Bar befand. Über der Eingangstür stand in roter Leuchtschrift der Name des Etablissements. In den Wohnungen in der 1. und 2. Etage über dem Club brannten die Lichter. Von Bowers hatten die G-men erfahren, dass sich in diesen Räumen Prostitution abspielte.

„Gehen wir hinein“, sagte Burke.

Ron Harris nickte. Sie stiegen aus, Harris verschloss die Türen, dann schritten sie nebeneinander zur Eingangstür der Bar. Rötlicher Schein von der Leuchtschrift fiel auf den Gehsteig und ihre Gestalten warfen kurze Schatten. Sie gelangten in einen Vorraum, wo ein bulliger Bursche als Türsteher fungierte. Er musterte die Agents von oben bis unten, sagte aber nichts, als sie an ihm vorbei in die Bar gingen.

Im Gastraum war es schummrig. Er war in Nischen unterteilt. Leise Musik spielte und sorgte für eine gediegene Atmosphäre. An einigen Tischen saßen Gäste. Hinter der Theke befanden sich zwei Keeper. Burke und Harris gingen zum Tresen. Einer der Keeper fragte sie, was sie trinken wollten, und sie bestellten Wasser.

Um 23 Uhr klingelte Burkes Handy. Er nahm das Gespräch entgegen. Es war der Kollege von der Sitte, der ihm mitteilte, dass seine Leute bereit waren. Burke verließ den Gastraum durch die Hintertür und befand sich in einem erleuchteten Flur, von dem drei Türen abzweigten. Zwei davon führten in die Toiletten. Der Korridor endete bei einer Tür, die wahrscheinlich in den Hof führte. Eine Treppe schwang sich nach oben.

Der Special Agent schloss die Hintertür auf und einige Männer in Zivilkleidung drängten herein. Es waren die Beamten vom Sittendezernat. Burke hielt ihnen seine ID-Card hin und gab ihnen per Handzeichen zu verstehen, dass ihm drei von ihnen folgen sollten, die anderen beiden sollten bei der Hintertür bleiben, um zu verhindern, dass jemand auf diesem Weg das Gebäude verließ.

Sie stiegen die Treppe hinauf. In der ersten Etage war die Trennwand zwischen dem ehemaligen Wohnzimmer der Wohnung und dem Treppenhaus herausgebrochen worden. Das Wohnzimmer erfüllte nun den Zweck einer großen Diele. Auch hier war das Licht schummrig. In der Mitte des großen, offenen Raumes war eine Polstergarnitur aufgestellt. An der Wand, die der Treppe gegenüberlag, befand sich eine kleine Bar. Vier Barhocker standen davor. Zwei waren besetzt. Hübsche, junge Frauen, die nichts weiter anhatten als Stringbodys, Netzstrümpfe und Stöckelschuhe saßen mit übereinandergeschlagenen Beinen auf ihnen. Hinter dem Tresen stand ein Mann mit einer weißen Jacke und schwarzen, glatt zurückgekämmten Haaren.

Mehrere Türen führten in die ‚Arbeitszimmer’ der Prostituierten.

Drei weitere Prostituierte lümmelten auf der Polstergarnitur herum. Burke sah auf den ersten Blick, dass diese insgesamt fünf Ladies volljährig waren. Sie warteten auf Kunden. Eine erhob sich sofort, als die Männer oben auf der Treppe erschienen, kam heran und schaute Burke an. „Na, Großer, soll ich dich ein wenig verwöhnen? Für 'nen Hunderter bekommst du einen Service, von dem du nur träumen kannst.“

Auch die anderen Frauen erhoben sich, weil sie wahrscheinlich annahmen, dass es sich bei Burkes Begleitern um Kundschaft handelte.

Die Lady hakte sich bei Burke ein und wollte ihn zu der Polstermöbelgruppe ziehen. „FBI“, sagte er. „Setzen Sie sich und rühren Sie sich nicht von der Stelle.“ Die Prostituierte ließ Burke sofort los, ein erschreckter Ton stieg aus ihrer Kehle. Die anderen Frauen waren wie erstarrt.

Ron Harris kam die Treppe herauf. „Die Ausgänge sind besetzt“, sagte er. „Wie sieht es aus?“ Er schaute in die Runde.

„Hier scheinen die Ladies erwachsen zu sein“, erwiderte Burke, dann gebot er zwei Beamten von der Sitte, in der 1. Etage die Stellung zu halten. Burke, Harris und der andere Kollege vom Police Department stiegen in die 2. Etage hinauf.

Hier gab es zwei Türen. Nichts deutete darauf hin, dass sich hinter diesen Türen Prostitution abspielte. Dennoch war Burke davon überzeugt, in den Räumen dahinter minderjährige Mädchen anzutreffen. Er läutete an einer der Türen. Es dauerte nur kurze Zeit, dann wurde sie einen Spalt breit aufgezogen und das Gesicht eines Kerls mit der plattgeschlagenen Nase eines Boxers zeigte sich. „FBI“, sagte Burke und warf sich gegen die Tür. Der Bursche bekam sie gegen die Stirn und taumelte zurück, der Special Agent glitt in das Apartment. Und er sah das Gesicht eines Mädchens, das aus einer der Türen blickte, die vom Wohnzimmer abzweigten. Es war fast noch ein Kind. Schnell schlug es die Tür zu.

Bei der anderen Tür hörte Burke es krachen und splittern, als Ron Harris sie eintrat. Dann krachte ein Schuss. In die verhallende Detonation hinein donnerte es erneut. Geschrei erklang.

Der Kerl mit der eingeschlagenen Nase warf sich auf Owen Burke. Dieser wich blitzschnell zur Seite aus und der Angreifer griff ins Leere. Dann knallte Burke ihm die Handkante von der Seite gegen den Hals. Er ging auf das linke Knie nieder. Ein Schwinger warf ihn auf die Seite. Handschellen klickten.

Die Polizisten trafen in der 2. Etage auf insgesamt sechs Mädchen, die sich nicht ausweisen konnten. Sie waren höchstens dreizehn Jahre alt, und standen dem ersten Augenschein nach unter Drogeneinfluss. Es waren eine Mexikanerin, eine Japanerin sowie drei Girls aus Südamerika. Sie waren einem besonderen Kundenkreis vorbehalten. Solventen Kunden, deren Liebesspiele heimlich gefilmt und die nach ihrem Besuch hier erpresst wurden. Zwei von den Kerlen, die sich mit den Mädchen amüsierten, erwischten die Polizisten.

Die Razzia war ein voller Erfolg.

Lediglich der Boss des Clubs, Lewis Payne, war den Agents nicht ins Netz gegangen. Aber sie erfuhren seine Anschrift und die Agents fuhren sofort los, um den Burschen zu verhaften.

Seine Wohnung lag im Theater District, genauer gesagt in der 52nd Street.

Niemand öffnete den Agents, also drangen sie kurzerhand in die Wohnung ein. Im Wohnzimmer lag ein röchelnder Mann auf dem Fußboden. Jemand hatte ihn in die Brust geschossen. Mit jedem Herzschlag pulsierte Blut aus der Wunde. Das Gesicht war bereits vom nahen Tod gezeichnet.

„Wer sind Sie?“, fragte Burke, der neben dem Verwundeten auf das linke Knie niedergegangen war. Ron Harris durchsuchte die anderen Räume. „Sind Sie Payne?“

„Ja“, kam es kraftlos von dem Mann. „Der – der Schuft zeigte mir einen Polizeiausweis ...“ Die Worte kamen nur als kaum verständliche, röchelnde Laute über seine Lippen. Seine Augen blickten matt. Er wollte noch etwas hinzufügen, aber in seiner Brust entstand nur ein tiefes Gurgeln, das sich hochkämpfte und über seine Lippen brach. Der Mund öffnete sich, einige Wortbrocken drangen heraus, aber es war nur unzusammenhängendes Gestammel. Speichel rann aus seinem Mundwinkel, Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn und seine Zähne schlugen zusammen wie im Fieber.

„Kam der Mann vom FBI?“, fragte Burke, einem jähen Impuls folgend. Der Verdacht, den ich hegte, ließ sich nicht mehr verdrängen.

Der tödlich Verletzte senkte die Lider. „FBI ...“ entrang es sich ihm. Der Widerstandswille Paynes schien noch einmal die Schwäche zu überwinden. „Ich – ich ließ ihn in die Wohnung. Plötzlich hatte er eine Pistole ...“

Ron Harris kam. Er telefonierte mit seinem Handy.

Die Erkenntnis fuhr Burke eiskalt in die Glieder. Er schaute zu dem Kollegen in die Höhe. „Ich kenne den Schützen. Er ist auch der Mörder Simpsons, Bournes und Garnetts. Es ist Wes Hammond. Sein achtjähriger Sohn wurde vor zwei Jahren sexuell missbraucht und ermordet. Das ist der Grund.“

Als er sich wieder Payne zuwandte, war der besinnungslos.

„Ich habe den Emergency Service verständigt“, gab Ron Harris zu verstehen, „und natürlich die Spurensicherung.“

Burke richtete sich auf und schaute sich um. Das Apartment war teuer eingerichtet. Payne musste viel Geld verdient haben. Beim Gedanken daran, womit er sein Geld verdient hatte, spürte der Special Agent Übelkeit in sich hochsteigen.

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Owen Burke betrat am Morgen das Büro Wes Hammonds, und nach einem Gruß sagte der Special Agent: „Der Fall ist gelöst, Kollege. Du hast einen gravierenden Fehler begangen. Du hast Payne zwar eine Kugel in die Brust geschossen, und sicher warst du davon überzeugt, dass er tot ist, aber er lebte noch, als wir in seine Wohnung kamen. Du hast dir bei ihm mit deinem Dienstausweis Einlass verschafft. Auch Simpson, Bourne und Garnett gehen auf dein ...“

Hammond war aufgesprungen, zog blitzschnell die Pistole und schlug sie auf Burke an. „Rühr dich nicht, Owen!“, schnarrte er, und als er weitersprach, sank seine Stimme herab zu einem geradezu besessenen Geflüster. „Ja, ich habe diese Schweine erschossen. Ich habe es für meinen Sohn Joel getan. Sein Mörder läuft immer noch frei herum. Stellvertretend für ihn mussten Simpson, Bourne, Garnett und Payne sterben.“

Rückwärts gehend bewegte sich Hammond zur Tür. Der blanke Wahnsinn flackerte in seinen Augen.

Hammond war krank. Es war zwanghaft. Der mörderische Hass hatte seine Persönlichkeit verändert. Er war nicht mehr Herr seiner Sinne und fühlte sich verpflichtet, Rache zu üben für seinen kleinen Sohn und all die anderen Kinder, die von Männern wie Payne, Garnett und anderen Pädophilen als Sexobjekte benutzt und brutal ermordet worden waren. Er hatte sich zum Richter und Henker aufgeschwungen.

Bei Hammond lag eine Bewusstseinsspaltung vor. Schizophrenie. In ihm lebten zwei Persönlichkeiten und er war für seine Handlungen nicht mehr verantwortlich. Die Ermordung seines Sohnes hatte die Krankheit ausgelöst. Die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, hatte er wahrscheinlich selbst gar nicht bemerkt. Zum Ausbruch war sie gekommen, als Wes Hammond beruflich mit pädophilen Mördern konfrontiert wurde. Er war nicht mehr zu bremsen.

Das waren Burkes Gedanken.

Wes Hammond öffnete die Tür und schob sich hinaus auf den Flur. Da ertönte eine Stimme: „Das Spiel ist aus, Hammond. Lass die Waffe fallen.“

Hammond warf die Tür zu. Dann donnerten vor dem Büro Schüsse. Der Special Agent sprang auf, riss gleichzeitig die SIG aus dem Holster, rannte zur Tür und öffnete sie.

Am Boden lag Wes Hammond. Die Pistole war ihm entfallen und ein Stück über den Boden geschlittert. Er versuchte darauf zuzukriechen. Drei Türen weiter stand Ron Harris, die Dienstwaffe im Anschlag. „Stopp, Hammond!“, rief Harris soeben. „Zwing mich nicht ...“

Burke war mit drei Schritten bei der Pistole und kickte sie weg.

Hammond gab auf und fiel auf das Gesicht. Ein Ton kam aus seinem Mund, der sich anhörte wie trockenes Schluchzen.

Aus den verschiedenen Räumen traten Kollegen.

Die Anspannung, die jeden Muskel und jede Sehne in Burkes Körper erfasst hatte, ließ langsam nach und er bekam den Aufruhr seiner Gefühle wieder unter Kontrolle. Dennoch: Nur selten zuvor hatte er sich in einer ähnlichen schrecklichen Stimmung befunden wie in diesen Augenblicken.

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Die Feststellungen ergaben,  dass es Wes Hammonds Fingerabdruck war, der am DVD-Player in Simpsons Wohnung festgestellt wurde.

Lewis Payne war im Krankenhaus gestorben. Ein DNA-Test ergab, dass sein genetischer Fingerabdruck der unbekannten Person zugeordnet werden musste, auf die die Agents in Bournes Haus gestoßen waren und deren Identität ihnen Rätsel aufgegeben hatte.

Sie erfuhren Tage später, dass Rooneys Leiche in einem Park in Newark aufgefunden worden war. Die ballistische Auswertung ergab, dass Rooney und Estwick mit Garnetts Pistole erschossen worden waren. Warum er sie tötete, würde wohl nie so richtig ans Tageslicht kommen, doch die Agents waren sich einig, dass Garnett unliebsame Zeugen beseitigen wollte.

Der Fall war endgültig gelöst. Irgendwie fühlte Burke Mitleid mit Wes Hammond. Sein glückliches, zufriedenes Leben war mit der Ermordung seines Sohnes brutal zerstört worden. Danach war seine Ehe in die Brüche gegangen. Ihm war so ziemlich alles genommen worden, und nur der Hass war geblieben – krankhafter, unversöhnlicher Hass.

Wes Hammond wurde einige Monate später verurteilt. Ein psychiatrisches Gutachten hatte ergeben, dass er für seine Taten nicht verantwortlich gemacht werden konnte. Bei ihm lag tatsächlich eine paranoide Schizophrenie vor und so wurde er in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, wo er wohl den Rest seines Lebens verbringen würde.

Nachdem der AD die Entscheidung des Gerichts den Agents Burke und Harris mitgeteilt hatte, sagte Owen Burke: „Die Umstände haben es ausgelöst, Sir. Es war wohl eine Fügung des Schicksals, dass wir ausgerechnet gegen eine Bande pädophiler Mörder ermittelten, als uns Wes zugeteilt wurde.“

„Wir konnten es nicht ahnen“, sagte der AD und musterte Burke mit forschendem Blick. „Sie sind nicht glücklich über Ihren Erfolg, Agent.“

„Bei Gott – nein.“

„Du wirst darüber hinweg kommen, Partner“, meinte Ron Harris. „Stürze dich einfach in die Arbeit, und du kommst sehr schnell wieder auf andere Gedanken.“

„Sehr richtig“, sagte der AD. „Ich habe etwas für Sie beide. Es geht um eine Bande von Autoschiebern. Legen Sie den Kerlen das Handwerk. Und bringen Sie den Fall Hammond in Ihrem Innern zum Abschluss, Agent Burke. Lösen Sie sich davon; die Arbeit wird Ihnen dabei helfen.“

„Davon bin ich überzeugt“, sagte Ron Harris und legte seinem Kollegen und Freund die Hand auf die Schulter. „Auf in den Kampf, Partner. Ein paar Gangster warten darauf, verhaftet zu werden.“

Burke war nicht nach Lachen zumute.

„Arbeit ist die beste Therapie, Agent Burke“, fügte der AD hinzu. „Sie wird Ihnen helfen, Abstand zu gewinnen.“

„Gehen wir“, sagte Ron Harris entschlossen und erhob sich.

Sie ließen ihren Vorgesetzten allein ...

E N D E

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Ein Todesengel des Don

von A. F. Morland

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Drogen, Rauschgift, Erpressung und dergleichen Verbrechen mehr: Das ist die Welt der amerikanischen Mafia, des Mob. Thornwall Sullivan, der ehemalige Cop, versucht den organisierten Gangstern Widerstand zu leisten, doch dann gelingt es dem Mafioso Saweso, eine höchst wirksame „Waffe“ gegen Sullivan in seine Gewalt zu bringen. Ein Glück, dass Roberto Tardelli eingreift. Doch der mutige Mafiajäger muss bald einsehen, dass die brandgefährliche Mission, auf die er sich da eingelassen hat, einem Tanz auf Rasierklingen gleicht ...

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Plopp.

Roberto Tardelli hatte den Schuss trotz des Schalldämpfers gehört. Er war in der Wohnung abgegeben worden, vor der er stand.

Roberto zog die Hand vom Klingelknopf zurück, über dem auf einem Plastikschild der Name Dack Rambo stand.

Roberto hörte, wie etwas zu Boden schlug. Ein eisiger Schreck durchzuckte ihn und erst in diesem Moment realisierte er, was dort oben geschehen war.

Roberto überlegte nicht lange. Seine Hand glitt unter das Jackett. Er riss die Luger aus dem Schulterholster und entsicherte sie. Dann trat er drei Schritt zurück und warf sich gegen die Tür, mit aller Wucht. Aber das Holz war zäh, erst beim dritten Ansturm zersplitterte es. Die Tür flog auf und knallte gegen die Wand.

Mit ein paar Sätzen war Roberto in Rambos Wohnung. Er wusste, dass Rambo Captain bei der Polizei gewesen war und sich seit einem Monat im Ruhestand befand.

Roberto rannte durch die Diele. Im Wohnzimmer sah er dann sofort, was geschehen war. Dack Rambo lag auf dem Rücken. Ein kleines hässliches Loch befand sich in seiner Stirn, etwas seitlich von der Nasenwurzel.

Dack Rambo war tot. Eiskalt ermordet.

Unwillkürlich huschten Robertos Blicke durch den Raum. Der Mörder konnte noch nicht weit sein.

Er vernahm ein klapperndes Geräusch aus dem Nebenzimmer.

Sofort schlich er dorthin, die Luger schussbereit in der Rechten. Hastig glitt er ins Zimmer. Seine Nerven waren bis zum Zerreißen angespannt.

Es klapperte noch einmal.

Der Fensterflügel war es, mit dem der Wind spielte und auf der Fensterbank ruhte einen Lidschlag lang ein Schatten, der jedoch blitzartig verschwand. Jetzt wusste Roberto Bescheid. Der Killer war über den Sims in Dack Rambos Wohnung gelangt und hatte sie auf dem gleichen Weg wieder verlassen.

Vielleicht gelang es Roberto, den Kerl noch auf dem Sims zu erwischen.

Vorsichtig schob er den Kopf nach draußen. Dort ging es vier Etagen abwärts. Der Sims war leer. Aber drei Fenster weiter verschwand gerade ein schwarzes Hosenbein in die Nachbarwohnung.

Der Schuh am Fuß war ebenfalls schwarz und modisch gespitzt. Ein italienisches Modell.

Roberto stieß sich von der Fensterbank ab. Er warf sich herum und eilte aus Dack Rambos Wohnung. Für den ehemaligen Captain konnte er nichts mehr tun. Nichts, als den Mörder zu jagen und zu stellen.

Roberto erreichte die Wohnungstür, die er aufgebrochen hatte. Als er auf den Korridor gelangte, setzte sich gerade der Materialaufzug in Bewegung. Die Tür der Nachbarwohnung war offen. Roberto sah hinter dem Scherengitter des Fahrstuhls einen schwarzen Hut verschwinden.

Der Lift glitt zur nächsten Etage hinab. Roberto überlegte nicht lange.

Wie von Furien gehetzt hastete er die Treppe hinunter. Der Fahrstuhl war ihm jedoch immer um zwei Meter voraus. Roberto legte einen Zahn zu. Er wollte den Killer nicht entkommen lassen. Mit vor Anstrengung verzerrtem Gesicht jagte er über die Stufen.

Zweimal rutschte er ab, wäre um ein Haar gestürzt.

Bei dem Tempo, das er drauf hatte, hätte er sich dabei leicht den Hals brechen können.

Verbissen und zäh kämpfte der junge Mafiajäger um jeden Zentimeter.

Als der Lastenaufzug die Tiefgarage erreichte, hatte Roberto bereits einen halben Meter aufgeholt. Er stieß die schwere Eisentür auf, sah den schwarzen Hut zwischen den Autodächern auf und ab wippen, schrie: „Halt! Stehenbleiben!“

Der Hut verschwand augenblicklich. Robertos Stimme hallte noch kurz durch die Tiefgarage, dann herrschte eine so vollkommene Stille, dass man eine Stecknadel zu Boden fallen gehört hätte. Roberto sprang hinter einen grau gestrichenen Betonpfeiler.

Plopp!

Drüben platzte eine Feuerblume auf. Die Kugel schrammte über den Pfeiler und sirrte als Querschläger davon. Roberto brachte seine Waffe in Anschlag, um das Feuer zu erwidern, doch er konnte seinen Gegner nirgendwo entdecken und einfach nur drauf loszuballern, hatte keinen Sinn.

Er wechselte die Position.

Da er Schuhe mit Kreppsohlen trug, waren seine Schritte nicht zu hören. Seine Füße schienen den Garagenboden nicht zu berühren. Er erreichte einen lichtblauen Kastenwagen, der die Aufschrift trug: KEIN BILD KEIN TON WIR KOMMEN INS HAUS. Darunter die Telefonnummer: 233 7564. Roberto konzentrierte sich aufs Hören. Er vernahm ein leises, verräterisches Knirschen. Der Killer musste irgendetwas zertreten haben.

Roberto zuckte hinter dem Kastenwagen hervor.

Und nun sah er den Mann für den Bruchteil einer Sekunde. Er zog augenblicklich den Stecher seiner Waffe durch. Der Schuss brüllte durch die Tiefgarage. Doch der Killer konnte sich vor Robertos Kugel reaktionsschnell in Sicherheit bringen.

Dack Rambos Mörder war eine elegante Erscheinung. Er trug einen Maßanzug, Weste, modisch gestreifte Krawatte. Das Gesicht, das Roberto in der Eile gesehen hatte, war scharf geschnitten, schmal, sonnengebräunt. Roberto war nicht sicher, ob er es wiedererkennen würde. Die Zeit war zu kurz gewesen, um sich Einzelheiten einzuprägen.

Der Mann setzte sich in diesem Augenblick durch eine Tür ab, die in den Angeln quietschte. Roberto wieselte zwischen den Fahrzeugen hindurch und erreichte jene Tür wenige Sekunden später. Er hörte hinter ihr die Schritte des Killers, trat die Tür auf, aber der Killer war verschwunden.

Die Stufen führten nach oben.

Eine weitere Tür. Und dann der Hinterhof. Als Roberto Tardelli den geduckten Sprung nach draußen wagte, stach sogleich eine Feuerlanze hinter einem riesigen Müllcontainer hervor. Der Schalldämpfer schluckte auch diesen Knall. Roberto schoss sofort zurück. Der Schuss brach sich an den vier Mauern, die den Hof einfriedeten.

Es dauerte nicht lange, da begannen die ersten Leute nach der Polizei zu schreien.

Dack Rambos Killer hatte die bessere Position. Er brauchte Roberto nur kommen zu lassen. Er war nicht gezwungen anzugreifen und solange er sich von Roberto Tardelli nicht in die Enge treiben ließ, hatte er alle Chancen auf seiner Seite.

Im Zickzack lief Roberto auf den Müllcontainer zu. Der klobige Schalldämpfer tauchte immer wieder auf und spie Feuer. Roberto schoss zurück und erreichte den Container schwer atmend. Kleine Schweißtröpfchen glänzten auf seiner Stirn.

„Polizei!“, kreischte eine Frau in ihrer Wohnung hinter der Gardine. „In unserem Hof knallen sich die Gangster gegenseitig ab! Verdammt noch mal, wo bleiben denn die Bullen? Wenn man mal falsch parkt, sind sie immer gleich zur Stelle. Aber wenn man sie wirklich dringend braucht, lassen sie sich nicht blicken!“

Nur das nicht!, dachte Roberto. Nur keine Polizei!

Die konnte er jetzt am allerwenigsten gebrauchen. Er war zwar Agent von COUNTER CRIME, einer geheimen Abteilung im Justizministerium, die korrekte Bezeichnung war:

Counter Organized Crime Department, aber er war für diese Organisation, deren Chef Colonel Myer war, geheim tätig. Da er von der Polizei in Los Angeles nach wie vor wegen Polizistenmordes, es war Notwehr gewesen gesucht wurde, hätten die Bullen ihm hier in New York nicht geholfen, sondern ihm so viele Knüppel wie möglich zwischen die Beine geworfen. Und er hätte sich dagegen nicht richtig wehren können, denn seine Tätigkeit für COUNTER CRIME musste geheim bleiben.

Mit angehaltenem Atem pirschte er sich an der Containerwand entlang.

Plötzlich heulten Polizeisirenen durch die Straße.

Keine rosigen Aussichten für Roberto Tardelli. Auf der einen Seite Dack Rambos Killer. Auf der anderen Seite die Bullen. Da kamen sie schon. Zwei Cops. Sie zielten mit ihren mächtigen Kanonen auf ihn und schrien, er solle die Waffe wegwerfen, doch daran dachte Roberto nicht im Traum. Mit einem blitzschnellen Sprung brachte er sich aus dem Gefahrenbereich.

Dack Rambos Killer hatte mittlerweile Fersengeld gegeben. Roberto zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen.

Aus dem Jäger Roberto Tardelli war ein Gejagter geworden.

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2

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Es war ihm gelungen, den Hinterhof zu verlassen. Nun warf er sich in seinen schiefergrauen Leihwagen, um sich schnellstens abzusetzen. Es begann zu dämmern. Die Straßenbeleuchtung wurde eingeschaltet. Roberto schaltete die Fahrzeugbeleuchtung an und drehte den Zündschlüssel herum. Dann gab er Gas. Der Motor heulte auf und der Chevrolet schoss durch die schmale Straße.

Aber noch war Roberto die Bullen nicht los.

Er entdeckte sie im Rückspiegel. Sie fegte mit Rotlicht und heulender Sirene um die Ecke und nahmen verbissen die Verfolgung auf. Bestimmt hatten sie sich bereits mit der Funkzentrale in Verbindung gesetzt. Man würde alle verfügbaren Streifenwagen in dieses Gebiet dirigieren und Roberto wie einen Hasen hetzen.

Der Mafiajäger orientierte sich kurz. Er befand sich in Whitestone.

Im Norden war ihm der Fluchtweg durch den East River abgesperrt. Der Süden war offen, aber aus dieser Richtung würden eine Menge Patrolcars angerollt kommen. Deshalb entschied sich Roberto für den Osten. Er setzte alles auf eine Karte, um die Verfolger durch Tricks abzuschütteln. Der schiefergraue Chevy ächzte mächtig in den Federn. Die Pneus pfiffen schrill in jeder Kurve. Das Wagenheck schleuderte mehrmals recht beträchtlich, aber Roberto Tardelli hatte den Wagen in jeder Sekunde sicher unter Kontrolle. Als besserer Fahrer gelang es ihm, einen kleinen Vorsprung herauszuschinden. Er raste auf die Little Bay zu. Über den Clearview Expressway zuckten Rotlichter. Verstärkung. Auch auf der Throgs Neck Bridge blinkte es rot. Robertos Situation wurde kritisch. Von allen Seiten jaulten Streifenwagen heran.

Roberto sah nur noch eine Möglichkeit, den blauen Jagdhunden zu entnommen. Er drosch den Leihwagen unter der Throgs Neck Bridge durch, trat noch einmal kräftig aufs Gaspedal.

Der schiefergraue Wagen schoss neben dem Cross Island Parkway über eine von Löchern übersäte unbefestigte Straße dahin, wirbelte hinter sich mächtig viel Staub auf, so dass die Verfolger nicht genau erkennen konnten, was vor ihnen passierte.

Robertos Gesicht verhärtete sich.

Jetzt war Präzisionsarbeit wichtig, denn so leicht ließen sich die Cops nicht täuschen. Er lenkte den Chevrolet auf die Böschung zu. Wie ein Stuntman kam er sich vor. Er musste im genau richtigen Moment springen. Flog er zu früh aus dem Wagen, bekamen es die Polizisten mit. Sprang er zu spät, bedeutete das bei dieser Geschwindigkeit sein sicheres Ende.

Eiskalt wartete Roberto Tardelli auf seinen Augenblick.

Als er da war, schleuderte er den Wagenschlag zur Seite. Der Chevrolet kippte. Robertos Sprung wurde dadurch in seiner Rasanz noch beschleunigt. Er flog in weitem Bogen durch die Luft. Er rollte sich gekonnt ab, als er den Boden berührte.

Ohne Verzögerung kroch er auf allen vieren rasch weiter. Sand knirschte zwischen seinen Zähnen. Seine Schulter schmerzte, doch er achtete nicht darauf. Weg! Weg! Nur weg!, hämmerte es in seinem Kopf. Der Chevrolet überschlug sich etliche Male. Die Karosserie verformte sich. Der Benzintank platzte. Das über Gestein ratschende Wagenblech riss Funken hoch.

Eine Feuersäule schoss zum abendlichen Himmel hinauf.

Die Druckwelle der Explosion nahm Roberto den Atem. Er setzte sich, immer noch auf allen vieren, in rasender Eile weiter ab, erreichte völlig ausgepumpt die Throgs Neck Bridge, hinter deren Stützen er sich vorerst verbarg, um wieder zu Atem zu kommen.

Ein Streifenwagen hielt dort, wo der Chevrolet abgestürzt war.

Das Wagenwrack hing brennend auf den mächtigen Granitblöcken, die die Little Bay einsäumten. Zwei weitere Patrolcars kamen an. Ein letzter langgezogener Laut, dann hörten die Sirenen mit ihrem nervtötenden Heulen auf. Cops eilten die Böschung hinunter. Sie hatten Feuerlöscher bei sich, spritzten mit verzerrten Gesichtern in die Flammen.

Roberto setzte sich unbemerkt ab.

Die Bullen würden sofort misstrauisch werden, wenn sie im Chevy keine Leiche fanden.

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Eigentlich hatte er für die Rückfahrt ein Taxi nehmen wollen, da aber so lange keines zu entdecken gewesen war, hatte er einen schwarzen Rambler angehalten. Er beugte sich zum offenen Seitenfenster hinunter und war im nächsten Augenblick angenehm überrascht. Sie hatte ein hübsches Engelsgesicht, blitzweiße Zähne und feurige Kohleaugen. Ihr schwarzes Haar war ein prachtvoller Rahmen. Sie trug einen cremefarbenen Pulli. Ihre Brüste waren nicht groß, aber nett.

„Würden Sie mich ein Stück mitnehmen?“, fragte Roberto mit bittenden Augen.

Sie sah an ihm vorbei, schaute auf das Feuer, das das Ufer der Little Bay erhellte, entdeckte die Streifenwagen mit ihren rotierenden Rotlichtern und fragte sachlich: „Wohin wollen Sie?“

„Zur nächsten Subway Station.“

„Okay. Steigen Sie ein.“

Roberto Tardelli atmete erleichtert auf. „Sehr freundlich von Ihnen.“

Sie schien ihn kaum anzusehen. Es war für sie eine Selbstverständlichkeit zu helfen. Dass sich mal der falsche Mann in ihren Wagen setzen würde, schien sie nicht zu befürchten. Der schwarze Rambler fuhr weiter. Das Mädchen blickte nach vorn. „Mein Name ist Pamela Copit.“

„Sehr erfreut“, erwiderte Roberto. „Sie werden mir vermutlich Ihren Namen nicht nennen.“

„Wie bitte?“

„Sie sind auf der Flucht vor der Polizei, nicht wahr?“

Roberto zog die Luft geräuschvoll ein. „Wie kommen Sie denn darauf?“, fragte er erschrocken.

„Nun, Ihr Haar ist zerzaust, Ihr Gesicht ist schmutzig, Ihr Jackett ist zerrissen. Am Ufer der Bucht liegt ein brennender Wagen. Polizei ist da. Was würden Sie an meiner Stelle denken?“

Roberto schaute auf seine Hände. „Sie haben recht. Ich hatte Probleme mit der Polizei.“

„Weswegen?“'

„Das ist eine zu lange Geschichte, als dass ich sie in den paar Minuten, die uns zur Verfügung stehen, erzählen könnte.“

„Oh, ich habe Zeit. Bevor ich Sie am Straßenrand stehen sah, hatte ich nichts Besonderes vor. Vielleicht wäre ich ins Kino gegangen, aber das muss nicht unbedingt sein. Wenn Sie möchten, fahre ich Sie gern nach Hause.“

„Das ist wirklich nicht nötig. Es genügt, wenn Sie mich bei der nächsten Subway Station absetzen“, erwiderte Roberto ernst.

Pamela streifte ihn mit einem schnellen Seitenblick. „Sie sind kein Verbrecher.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Ich bilde mir ein, einen Blick dafür zu haben. Sie sind ein anständiger Mensch. Ich hätte Sie sonst nicht mitgenommen.“

„Weswegen helfen Sie mir, wenn Sie doch wissen, dass die Polizei hinter mir her ist?“

„Ich mag nicht, dass man Unschuldige einsperrt. Ich bin eine Gerechtigkeitsfanatikerin. Es geschieht so viel Unrecht auf dieser Welt. Wenn ich es mal verhindern kann, tu’ ich’s, ohne viele Fragen zu stellen.“

„Sie sind ein bemerkenswertes Mädchen, Pamela“, sagte Roberto voll ehrlicher Bewunderung.

Pamela Copit sah ihn an und schmunzelte. „Soll ich Sie nicht doch nach Hause fahren?“

„Danke nein. Ich möchte Sie wirklich nicht bemühen.“

„Es wäre keine Mühe für mich.“ Roberto lachte. „Sie können verdammt hartnäckig sein, was?“

„Nur, wenn ich mich einsam fühle und mir ein junger Mann über den Weg läuft, der mir gefällt.“

„Ihre Offenheit verblüfft mich, muss ich gestehen.“

„Wir leben im Zeitalter von Women’s Lib.“

Sie war also eines von den Mädchen, die sich kein Blatt vor den Mund nahmen und wenn sie einen Mann entdeckten mit dem sie schlafen wollten, dann warteten sie nicht erst auf sein Angebot, sondern machten diesen Vorschlag gleich von sich aus. Das verkürzte die Anlaufzeit. Auch Roberto wäre nicht abgeneigt gewesen, aber da war dieser Fall, den er zu verfolgen hatte. Er musste sich dringend mit Colonel Myer in Verbindung setzen. Für ein gewiss recht angenehmes Abenteuer mit Pamela Copit hatte er beim besten Willen keine Zeit. Er beharrte schweren Herzens darauf, dass sie ihn an der nächsten Subway Station absetzte und sie ließ ihn ebenso schweren Herzens aussteigen.

Sie nannte ihm ihre Telefonnummer und bat ihn, sie doch mal anzurufen, wenn er mehr Zeit hätte. Er versprach es zwar, aber er war nicht sicher, ob er dieses Versprechen auch würde einhalten können. Das hing von zu vielen unbekannten Komponenten ab.

Die Zukunft war für niemanden mehr ungewiss als für Roberto Tardelli.

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4

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Colonel Myer war von Washington mit der Nachtmaschine herübergekommen, um hier in New York im VIP Raum des Kennedy Airports zwei wichtige Gespräche zu führen. Anschließend hatte er sich mit Roberto Tardelli im Flughafenrestaurant verabredet.

Roberto war mit der Underground bis zu seinem Hotel gefahren. Er hatte sich gewaschen und umgezogen und war dann mit einem Taxi zum Airport hinausgefahren. Jetzt saß er an einem Tisch, von dem aus er das gesamte Restaurant überblicken konnte. Er knabberte Froschschenkel und trank dazu süßen Weißwein.

Myer trat durch die Glastür.

Roberto machte sich durch Heben der Hand bemerkbar. Der Colonel startete auf ihn zu. Er war ein großer Mann mit kantigen Gesichtszügen und kurzgeschnittenem, silbergrauem Haar. Er wirkte abgespannt und müde. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen. Ächzend ließ er sich auf den Stuhl fallen.

„Möchten Sie etwas essen?“, fragte Roberto.

„Nein danke. Ich trinke nur mal schnell einen Mokka.“ Myers Stimme hatte einen harten, metallischen Klang. Er verzog das Gesicht und massierte seinen Magen. „Neuerdings habe ich immer Schmerzen.“

„Sie haben einfach zuviel um die Ohren.“

„Wem sagen Sie das.“

„Sie sollten einen Teil Ihrer Arbeit abgeben.“

Myer lächelte schief. „Und an wen?“

„Der Organisation wäre mit Ihrem Zusammenbruch bestimmt nicht gedient. Wer würde Ihren Job übernehmen, wenn es dazu käme?“

„Noch ist es nicht soweit, mein Lieber.“ Myer wollte zuversichtlich grinsen. Es wurde eine hilflose Grimasse. „Und es wird auch in Zukunft nicht dazu kommen, dafür sorge ich schon.“ Er fingerte ein kleines Silberschächtelchen heraus und schob sich eine Tablette in den Mund.

„Damit?“, fragte Roberto zweifelnd. „Sorgen Sie damit dafür, dass Sie nicht schlappmachen?“

„Unter anderem ja.“

„Sie wissen, dass es wenig Sinn hat, die Wirkung zu bekämpfen. Man muss die Ursache ausschalten.“

Dieses Thema behagte dem Colonel nicht. Er schüttelte unwillig den Kopf, schaute auf seine Rolex, sagte, er habe nicht viel Zeit, seine Maschine würde in dreißig Minuten starten und verlangte, Roberto solle ihm kurz berichten, was er bereits unternommen hatte, um Don Ernesto Saweso, der Mafiaboss war COUNTER CRIME seit einiger Zeit ein unangenehmer Dorn im Auge, hochgehen zu lassen.

Als Myers Mokka kam, schob Roberto den Teller von sich und holte das Weißweinglas näher an sich heran. „Dack Rambo wurde vor zwei Stunden eiskalt abserviert“, bemerkte Roberto mit zusammengezogenen Brauen. Rambo war ein heißer Tip von Colonel Myer gewesen. Der Ex-Captain hatte angeblich erfahren, dass Saweso sich auf eine neue unrühmliche Großtat vorbereitete. Aber es war Rambo nicht mehr die Zeit geblieben, sein Wissen an den COUNTER CRIME-Agenten weiterzugeben.

Myer fragte: „Hatten Sie noch Gelegenheit, mit Rambo zu sprechen?“

„Leider nein.“ Roberto sprach von dem Vorfall, wie er sich zugetragen hatte. Er fuhr anschließend fort: „Ich hätte den Killer gekriegt, wenn mir die Bullen nicht dazwischengefunkt hätten.“ Roberto ballte wütend die Fäuste. „Dieser verdammte Zweifrontenkrieg. Ich kann mich niemals ganz auf eine Arbeit konzentrieren. Ich muss mich dabei auch immer umsehen, ob da nicht schon wieder Polizisten im Anmarsch sind.“

„Sie wussten, worauf Sie sich einlassen, als Sie zu COUNTER CRIME kamen.“

Roberto seufzte. „Sie haben recht. Ich lamentiere eben gern.“ Er berichtete, wie es ihm geglückt war, die Cops abzuschütteln.

Myer schluckte das kaputtgegangene Auto, ohne mit der Wimper zu zucken. Wo gehobelt wird, da fallen nun mal Späne. Darüber regte er sich nicht mehr auf. Er nippte an seinem Mokka, stellte die Tasse vorsichtig auf den Tisch und hob besorgt eine Braue. „Der Leihwagen ... den haben Sie doch hoffentlich nicht unter Ihrem richtigen Namen gemietet.“

„Ich habe mit Jeremy Friedkin unterschrieben.“

Der Colonel atmete erleichtert auf. Er beugte sich vor und sagte in vertrauensvollem Ton: „Roberto, ich hatte vorhin ein kurzes Gespräch mit dem Bürgermeister dieser Stadt. Er macht sich berechtigte Sorgen. Don Saweso hat in New York bisher unangefochten Glücksspiel und Rauschgifthandel kontrolliert. Doch nun zeichnen sich für Saweso düstere Wolken am Horizont ab. Sie wissen, dass diese Stadt schlimm in den roten Zahlen steckt. Die Stadtverwaltung war gezwungen, wegen leerer Kassen zweitausend Polizeibeamte zu entlassen. Viele der ehemaligen Beamten fanden keinen Anschluss mehr an das wirtschaftliche Leben. Das brachte sie auf eine verdammt gefährliche Idee: Sie wollen ihrem Job weiter nachgehen. Sie haben sich zu einer Art Privatpolizei zusammengeschlossen und ihr Ziel ist es, die Mafia aus dieser Stadt zu verjagen. Die Commissione, der große Rat der Mafia, scheint davon bereits Wind bekommen zu haben. Man wird sich das nicht so einfach bieten lassen, verstehen Sie?“

„Wovon leben die entlassenen Cops?“. wollte Roberto wissen.

„Oh, es gibt eine Menge Leute in dieser Stadt, die unter dem Druck der Ehrenwerten Familie mächtig ächzen. Man macht hier gern Geld locker, wenn man dafür die Zusicherung erhält, dass der Würgegriff der Cosa Nostra bald nicht mehr zu spüren sein wird. Thornwall Sullivan scheint dieses Versprechen gegeben zu haben.“

„Thornwall Sullivan?“

Colonel Myer nickte. „Er steht an der Spitze dieser kleinen Armee. Im Grunde genommen wollen diese Leute ja nur das Beste für ihre Stadt. Aber ihr Vorhaben kann gesetzlich nicht gedeckt werden. Es steht ihnen nicht zu, einen Privatkrieg gegen die Mafia zu führen. Sie sind keine Polizisten mehr ... Saweso wird sich diese Respektlosigkeit nicht lange bieten lassen. Der Bürgermeister befürchtet, dass es zu einer blutigen Auseinandersetzung zwischen der Mafia und Sullivans Crew kommen könnte. Saweso war in seinem ganzen Leben noch nicht zimperlich. Er könnte für so viele Tote sorgen, dass man sie im Leichenhaus nicht unterbringen würde.“

„Die unrühmliche Großtat, die Saweso gerade vorbereitet“, sagte Roberto nachdenklich, „könnte sich die gegen Thornwall Sullivan und seine Männer richten?“

„Das ist fast sicher“, erwiderte Colonel Myer. „Finden Sie heraus, was für ein Giftsüppchen der Don auf seinem Herd kocht. Inzwischen wird man von anderer Seite an Sullivan herantreten und ihm nahelegen, dass er die Finger von Saweso lässt. Leider besteht nicht allzu große Hoffnung, dass Thornwall Sullivan sich dadurch von seinem Vorhaben abbringen lassen wird.“

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Das Büro sah aus wie Millionen andere, sie schienen alle nach demselben Muster gehäkelt zu sein. Der elegante Schreibtisch war mit den üblichen Utensilien ausgestattet: Dem vornehm wirkenden Satz von Kugelschreibern, die nie funktionierten, dem rein dekorativen Tintenlöscher aus Leder, der Schiffsuhr aus Messing, dem Drehkalender.

Der gewichtige Mann hinter dem Schreibtisch trug einen Tweedanzug, für den exklusive Modejournale warben. Das war Don Ernesto Saweso. Ein eiskalter Geschäftsmann, dem es nichts ausmachte, seinen Weg mit Leichen zu pflastern. Er war in jungen Jahren an die Cosa Nostra Spitze gelangt und hatte sich bis zum heutigen Tage da hervorragend gehalten. Das Caporegime war zufrieden mit ihm.

Natürlich wollte er dafür sorgen, dass sich daran auch in Zukunft nichts änderte. Aus diesem Grund hatte Don Ernesto Saweso die vier schweren Kaliber in sein Büro beordert. Sie standen mit finsteren Mienen abwartend vor seinem Schreibtisch: Rico Musante, Fausto Tinti, Dino Merassi und Mauro Carpendo.

Saweso erhob sich. Es glitzerte böse in seinen dunklen Augen, als er um den Schreibtisch herumkam.

„Ich möchte Thornwall Sullivan auf den Knien sehen!“, knurrte er hasserfüllt.

„Sollen wir ihn herbringen?“, fragte Rico Musante, ein breitschultriger Bursche ohne ein Gramm Fett an den Rippen. Seine eingeschlagene Nase und die Blumenkohlohren zeugten davon, dass er mal im Boxring gestanden hatte.

Saweso schüttelte grimmig den Kopf. „Ich will ihn nicht hier haben. Noch nicht.“

„Boss“, sagte Fausto Tinti. Er war ebenso kräftig gebaut wie Musante. Eine lange rote Messernarbe an der rechten Wange war ein Zeichen dafür, dass er trotz seiner mächtigen Fäuste verwundbar war. „Boss, warum machen wir mit Sullivan und seinen Hampelmännern so viel Aufhebens? Warum ziehen wir nicht einfach los und schießen die ganze Bande über den Haufen? Dann wäre schnell wieder Ruhe in der Stadt.“

Saweso hob warnend die Hand. „Unterschätze Sullivan nicht, Fausto! Der Mann ist gefährlich wie ein Skorpion.“

„Man braucht ihm nur den Stachel abzuschlagen, dann ist er wehrlos“, behauptete Tinti.

„Das werden wir tun. Aber wir werden ihn nicht da angreifen, wo er einen Angriff erwartet, sondern wir werden ihn bei seiner Weichstelle packen.“ Don Ernesto Saweso holte aus seinem Tweedsakko eine Fotografie heraus. Vom Schreibtisch nahm er einen Reißnagel. Damit befestigte er das Bild an der Wand. Seine Männer betrachteten die Aufnahme interessiert und blickten den Don dann fragend an.

„Wer ist dieses Mädchen?“, wollte Musante wissen.

„Ireen Sullivan. Die Schwester von Thornwall Sullivan“, erklärte Ernesto Saweso. Die Augen seiner Männer wanderten zum Bild zurück. Das Mädchen war brünett, hatte braune Augen, eine zierliche Nase, volle Lippen, ein Engelsgesicht. Ihr Lächeln ließ einem Mann die Knochen im Leib schmelzen. „Wohnhaft in Atlantic City“, fuhr Saweso fort. „Einundzwanzig Jahre alt. Spricht mehrere Sprachen perfekt und wird morgen Nachmittag in New York eintreffen, um sich als Dolmetscherin bei der UNO zu bewerben. Sobald sie hier ist, schnappen wir sie uns.

Und wenn wir dann von Thornwall Sullivan verlangen, er soll sich selbst die linke Hand abschlagen, wird er es tun, weil er niemanden so sehr liebt wie seine kleine Schwester.“

Saweso lachte gemein.

Seine Männer fielen in dieses Lachen zustimmend ein. Wenn man’s genau betrachtete, konnte man Thornwall Sullivan bereits vergessen. Er würde ab morgen für die Organisation keine Gefahr mehr sein.

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Colonel Myer saß längst in seiner Maschine und war auf dem Rückflug nach Washington, als Roberto Tardelli aus dem bordeauxroten Camaro kletterte, den er auf dem Airport gemietet hatte. Er legte den Kopf in den Nacken. Dreißig Etagen hatte das Gebäude, in dessen oberstem Geschoss Don Ernesto Saweso sein Büro hatte. Er arbeitete offiziell als erfolgreicher Makler und zahlte immer pünktlich seine Steuern, damit ihm die Finanzbehörde kein Bein stellen konnte. Doch er achtete nicht nur darauf. Man konnte Don Ernesto nicht einmal beim Falsch parken erwischen.

Roberto huschte in einen finsteren Durchlass. Er hatte ein rotes Seil um die Mitte gewickelt und erweckte den Anschein, als hätte er zwanzig Pfund Speck angesetzt.

Mit einem Drahtbürstenschlüssel machte er sich an einer schmalen Tür zu schaffen. Das Schloss ließ sich leicht knacken. Roberto trat ein. Über die Feuertreppe gelangte er zur ersten Etage. Hier bestieg er den Fahrstuhl und gondelte bis zum neunundzwanzigsten Stock hoch. Den Rest des Weges legte er wieder zu Fuß zurück.

Als er den dreißigsten Stock erreicht hatte, öffnete er kurz die Tür, die die Feuertreppe vom Korridor trennte. Gleichzeitig langte er nach seiner Luger. Aber es war nicht nötig, sie zu ziehen. Der Gang lag einsam und verlassen vor ihm. Weit und breit keine Wachtposten zu sehen. Auch nicht zu hören. Saweso schien das Feld für diesen Tag bereits geräumt zu haben.

Roberto ließ die Tür sachte wieder zufallen und lief die Treppe weiter hinauf. Abermals gebrauchte er den Drahtbürstenschlüssel und wiederum war das Schloss im Handumdrehen geöffnet.

Er trat auf das Flachdach hinaus. Der Mond war eine buttergelbe große Scheibe, die hoch über der Stadt hing. Die Wolkenkratzer reckten sich ihm wie lange Finger entgegen. Ein kühler Wind strich über die Dächer und zerzauste Robertos Haar. Er kämmte sich schnell mit den Fingern und eilte dann bis zum Rand des Daches vor. In der Tiefe der Straßenschlucht knurrte der spärliche Autoverkehr. Roberto blickte auf seine Uhr. Es war eine Stunde nach Mitternacht.

Flink nahm er das rote Kletterseil ab. Er machte alle zwanzig Zentimeter einen Knoten hinein, damit er sich besser daran festhalten konnte. Dann band er das Nylon-seil an den Haken des Blitzschutzes und ließ es vorsichtig an der Gebäudefassade hinunter.

Augenblicke später baumelte Roberto bereits an dem Seil.

Er turnte behänd daran hinunter. Keine Sekunde bestand Gefahr, dass er abgleiten und abstürzen könnte. Er machte das nicht zum ersten mal und er hatte genügend Kraft in den Händen, um sein Körpergewicht halten zu können.

Bald hatte er sein Ziel erreicht. Während er sich mit beiden Beinen und einer Hand an das Seil klammerte, durchstöberte er mit der Rechten seine Hosentasche. Dreißig Etagen lagen unter ihm, doch das konnte ihn nicht beunruhigen. Ohne Eile nahm er das walnussgroße Ding aus der Tasche. Er klebte es an den Fensterrahmen, vergewisserte sich, dass es gut saß, und machte sich danach gleich wieder an den Aufstieg.

Das kleine Abhörgerät würde ihm ab sofort alles übermitteln, was in Sawesos Büro gesprochen wurde. Auf diese Weise war am ehesten zu erfahren, was der Mafiaboss zurzeit im Schilde führte.

Roberto löste das Seil vom Blitzschutz und verließ das Gebäude auf demselben Weg, auf dem er es betreten hatte. Er setzte sich in seinen Camaro und fuhr zu seinem Hotel, um noch schnell ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, ehe er wieder Posten bezog.

Vor morgen früh würde sich in Sawesos Büro wohl kaum etwas ereignen.

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Um acht war Roberto zur Stelle. Er hatte in der Nähe jenes Gebäudes, in dem Saweso residierte, einen guten Parkplatz gefunden. Nun schaltete er zum ersten mal das Empfangsgerät ein. Sauber und klar kam Sawesos Stimme aus dem Lautsprecher: „He, Rico ...“

Rico Musante!, dachte Roberto Tardelli. Ein gefährlicher Bursche, der sich für den Don in Stücke reißen ließ.

„Ja, Boss?“ Das war Musantes Stimme gewesen.

„Alberto Donatelli wird heute beerdigt. Ich will, dass man ihm einen großen Kranz von mir aufs Grab legt. Er hat sehr viel für uns getan.“

„Was soll auf den Schleifen stehen?“

„Irgendetwas Freundliches. ,Ich werde dich nie vergessen oder so ... Oder nein: ,Von deinem guten Freund Ernesto. Ja. Das soll auf die Schleifen gedruckt werden.“

„Wir sind damit schon reichlich spät dran.“

„Man wird damit in einer halben Stunde fertig sein, wenn du sagst, dass Don Ernesto um diesen Gefallen bittet. Geh jetzt.“

Eine Tür fiel zu. Roberto war zufrieden. Die nächtliche Klettertour hatte sich gelohnt. Jetzt konnte er gute Früchte ernten. In Sawesos Büro schlug das Telefon an. Der Mafiaboss meldete sich: „Saweso ... Ja ... Dio mio, nicht am Telefon!“, schrie er plötzlich wütend auf. „Wie oft muss ich euch Holzköpfen noch eintrichtern, dass man mir die wichtigen Dinge persönlich vorzutragen hat? Also schwing gefälligst deinen dicken Hintern in deinen Wagen und komm hierher. Wo bist du? ... Dann kannst du ja in zehn Minuten hier sein ... Ja. Ciao.“

Zehn Minuten später traf der Mann ein, mit dem Saweso telefoniert hatte. Es war Fausto Tinti. Auch er war Roberto bestens bekannt. Der Mann konnte tödlich sein wie der Biss einer Klapperschlange.

„Nun, was hast du mir zu sagen?“, fragte Saweso brummig.

„Dieser Dealer, Boss, der uns in der vergangenen Woche so großen Ärger gemacht hat ...“

„Was ist mit dem?“, brauste Saweso ärgerlich auf. „Ich will nichts mehr von ihm hören. Er hat mich schwer enttäuscht. Wieso lebt der Mann immer noch?“

„Es war nicht leicht, seine Spur zu finden. Er hat sich doch sofort verkrochen, als er merkte, wie sauer Sie auf seine Mätzchen reagierten.“

„Du hast seine Spur jetzt?“

„Ja. Ich habe mit ihm sogar kurz gesprochen. Ich sagte ihm, dass Sie eventuell bereit wären, ihm zu verzeihen, aber dazu wäre es nötig, dass er zuerst mal Abbitte leistet. Er hat sich dazu sofort bereit erklärt. Ich habe ihn zu den Brooklyn Piers bestellt.“

„Für wann?“

„Elf Uhr.“

„Wird er kommen?“, fragte Saweso.

„Davon bin ich überzeugt.“

„Okay. Du weißt, was du mit ihm zu tun hast.“

Fausto Tinti lachte schnarrend. „Der Knabe wird Sie nie mehr ärgern, Boss, das verspreche ich Ihnen.“

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Roberto Tardelli überlief es eiskalt. Er starrte das kleine Empfangsgerät an, das neben ihm auf dem Beifahrersitz lag. Teufel noch mal, da war soeben ein Todesurteil gefällt worden. Fausto Tinti sollte um elf Uhr einen unliebsamen Dealer kaltmachen. Tinti sprach jetzt von einem Lagerhaus, in dem das Opfer auf ihn warten würde. In Roberto bäumte sich alles auf. Er durfte diesen Mord unter keinen Umständen zulassen.

Vielleicht schickte ihm diesen Dealer sogar der Himmel.

Wenn der Mann erst mal mitbekommen hatte, dass Roberto ihm das Leben gerettet hatte, würde er aus reiner Dankbarkeit vermutlich sofort die Zähne auseinandernehmen und dem Mafiajäger möglicherweise Dinge über Don Ernesto Saweso erzählen, die er noch nicht wusste.

Roberto zündete die Maschine.

Er wollte sich dieses Lagerhaus gleich mal ansehen, denn wenn der Dealer da eintraf, brauchte Roberto bereits eine gute Position, von der aus er das Leben des Mannes, der über die Klinge springen sollte, schützen konnte.

Er fuhr über die Brooklyn Bridge.

Es war ein warmer Tag. Die Männer liefen hemdsärmelig durch die Straßen. Die Mädchen hatten so viele Knöpfe wie möglich an ihrer Bluse offen. Es sah nicht so aus, als ob es Herbst werden würde. Der Frühling schien sich vordrängen zu wollen.

Über den Brooklyn Queens Expressway erreichte Roberto Tardelli die Piers. Gewaltige Kräne ragten wie die Skelette von Tieren aus der Urzeit in den strahlend blauen Himmel. Frachter wurden gelöscht oder beladen. Lkw rollten zwischen den Lagerhäusern hindurch.

Pier 17.

Hier sollte es passieren. Roberto stellte den Camaro in den Schatten eines Holzschuppens. Er stieß den Wagenschlag auf. Der würzige Duft von Salzwasser, Tang und Teer stieg ihm sogleich in die Nase. Roberto schloss die Tür hinter sich, indem er sie zudrückte. Er war mit der Entwicklung des Falles sehr zufrieden. Der Dealer, dessen Leben zurzeit in Gefahr war, würde singen wie Caruso, um Saweso eins auszuwischen.

In diesem Teil des Hafengeländes herrschte weit weniger Betrieb als anderswo. Ein guter Platz, um einen Menschen zu töten. Keiner würde es mitbekommen. Roberto lief zwischen zwei Lagerhäusern hindurch. Er orientierte sich an ihren Nummern. Fausto Tinti hatte die Nummer 32 genannt. Dieses Gebäude stand hart am Rand des Kais. Das eiserne Schiebetor war halb offen. Es zog Roberto Tardelli magnetisch an.

Er huschte darauf zu.

Keine Menschenseele war zu erblicken. Ein Motorboot fegte mit heulender Maschine den Buttermilk Channel hinauf. Roberto warf einen schnellen Blick hinüber nach Governors Island, wo gerade ein Helikopter niederging. Dann glitt er in das düstere Lagerhaus. Es stank erbärmlich hier drinnen. Überall waren Kisten aufgestapelt, um die sich keiner kümmerte. Rechts neben dem Tor stand ein großer Hubstapler, der drei lange Kisten auf seinen metallenen Gabeln hatte.

Man konnte meinen, dieses menschenleere Gebäude würde bestreikt.

Roberto lauschte. Kein Geräusch war zu vernehmen. Er wandte sich nach links, um einen ersten Kontrollblick hinter die Kistenstapel zu werfen und sich mit der Örtlichkeit vertraut zu machen. Sicherheitshalber zog er die Luger aus dem Schulterholster.

Vorsichtig, jedes Geräusch vermeidend, eilte er von Stapel zu Stapel.

Plötzlich erfüllte ein lautes, dumpfes Knurren die große Lagerhalle. Roberto zuckte wie von der Natter gebissen herum. Mit einem donnernden Knall schloss sich das schwere Schiebetor und dann hörte Roberto das kehlige Lachen mehrerer Männer.

Da wusste er, dass er in der Falle saß.

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Es ist Roberto Tardelli!“, rief einer der Männer triumphierend. „Ich habe ihn sofort erkannt! He, Tardelli! Verdammt, wie kamst du nur auf die Schnapsidee, unserem Boss eine Wanze unterzujubeln?“

Robertos Kopfhaut zog sich zusammen. Woher wussten die Mafiosi davon?

Sie sagten es ihm, ohne dass er fragen musste: „Don Ernesto ist ein vorsichtiger Mann, mein Lieber. Er ließ nicht nur alle Türen seines Büros mit Alarmanlagen absichern, er lässt darüber hinaus auch jeden Morgen alle Räume nach etwaigen Abhörgeräten absuchen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie wütend er war, als er die Wanze an seinem Fenster entdeckte. Er wollte wissen, wer sie dahin praktiziert hat. Er dachte, es wäre einer von Thornwall Sullivans Männern gewesen. Für Sullivans Leute war diese Falle aufgebaut, denn sie wären genau wie du hierhergekommen, um dem armen Dealer, den es gar nicht gibt, aus der Klemme zu helfen.“

Roberto brach der kalte Schweiß aus den Poren.

Man hatte ihn hereingelegt und es hatte keine Möglichkeit für ihn gegeben, diesen Trick zu durchschauen.

„Der Boss wird Augen machen, wenn wir ihm sagen, wer die Wanze angebracht hat!“, rief einer der Mafiosi.

Roberto hörte, wie sie ausschwärmten. Er versuchte eine bessere Position zu erreichen. Noch wusste er nicht, wie viele Männer hier drinnen auf ihn Jagd machten. Drei? Vier? Er würde es bald erfahren.

„Hier kommst du nicht lebend raus, Tardelli!“, riefen die Mafiosi.

Roberto hoffte, dass sich der Wunsch seiner Gegner nicht erfüllte. Er lief geduckt durch die Kistenstraße. Da tauchte hinter ihm ein Mann auf: Mauro Carpendo. Mit verzerrtem Gesicht brachte der Mafioso sofort seine Kanone in Anschlag. Er wollte derjenige sein, der Roberto Tardelli erledigt hatte, denn wer das schaffte, hatte mit Lob und Anerkennung von höchster Stelle zu rechnen. Ansehen und Bezahlung würden besser werden. Man würde in aller Munde sein: „Das ist der Mann, der den meistgehassten Mafiagegner zur Strecke gebracht hat!“

Carpendo drückte augenblicklich ab.

Roberto warf sich zur Seite und erwiderte das Feuer. Dann rannte er weiter. Carpendo stieß einen derben Fluch aus. Robertos Kugel hatte ihm ein Loch in den Ärmel gerissen und seine Haut am linken Oberarm aufgekratzt.

„Hier ist er! Hier!“, rief Rico Musante. Er war plötzlich über Roberto auf den Kisten aufgetaucht und ließ sofort sein Schießeisen bellen. Roberto jagte ihn mit einem gezielten Schuss zurück. Es stand nicht gut um ihn. Sie trieben ihn in die Enge. Sie feuerten, sobald sie auch nur einen Zipfel von ihm entdeckten.

Drei Mann waren es.

Der dritte war Fausto Tinti. Er versuchte jetzt sein Glück. Aber ehe seine Kugel Roberto erreichen konnte, lag dieser flach auf dem Boden.

Carpendo kam angekeucht. Roberto rollte herum. Carpendo gab kurz hintereinander vier Schüsse ab. Die Einschläge stanzten auf Roberto zu. Die vierte Kugel hätte ihr Ziel getroffen, wenn Roberto sich nicht hinter eine breite Kiste gerettet hätte.

Im Beidhand Anschlag zielte Roberto. Ehe sich Carpendo aus der Schusslinie hechten konnte, drückte der Mafiajäger ab. Mauro Carpendo stieß einen gellenden Schrei aus. Er fasste sich an den Oberschenkel. Der Treffer riss ihn herum und warf ihn zu Boden.

Mit einem mal erfüllte das Lagerhaus ein lautes Surren.

Roberto kämpfte sich atemlos hoch. Da sah er den Hubstapler mit großer Geschwindigkeit die Kistenstraße entlangfahren. Was die Mafiosi vorhatten, war sofort klar: Sie wollten Roberto wie eine Schmeißfliege an der Wand zerquetschen. Hoch und bedrohlich ragten die drei Kisten auf den Gabelzinken auf.

Roberto konnte weder nach links noch nach rechts ausweichen.

Der Hubstapler passte in die Kistenstraße wie der Kolben in die Pumpe. Mit surrendem Elektromotor kam das Lagerhausgefährt angerast. Roberto warf sich vehement gegen den rechten Kistenstapel, doch der gab nicht nach. Aber die Kisten rutschten geringfügig zur Seite.

Von Kiste zu Kiste hatte sich dadurch eine Art Treppe gebildet.

Das war Robertos allerletzte Chance. Er schnellte hoch, kletterte um sein Leben und erreichte keuchend die oberste Kiste, als der Hubstapler am Ende der Kistenstraße angelangt war. Keiner saß auf dem Fahrzeug, das nun mit großer Wucht gegen die Lagerhauswand donnerte. Roberto schluckte unwillkürlich. Vor wenigen Sekunden hatte er noch dort unten gestanden.

Der Hubstapler hätte ihn plattgedrückt wie eine Flunder.

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Als Musante und Tinti sahen, dass die Sache nicht so geklappt hatte, wie sie sich das vorstellten, fingen sie wieder zu schießen an. Roberto hielt sie sich mühsam vom Leib, turnte über die Kisten auf eine Lüftungsklappe zu. Sie ächzte in ihren rostigen Scharnieren, als Roberto sie aufstieß und nach draußen schlüpfte. Links und rechts davon schlugen die Projektile der Mafiosi ein. Roberto quälte sich durch die Öffnung, streckte den Arm nach einer an der Lagerhauswand festgemachten Eisenleiter aus und kletterte diese wieselflink hinunter.

Dennoch nicht flink genug.

Als er mit beiden Beinen auf dem Boden stand, drückte ihm Fausto Tinti den Ballermann in die Seite und stieß schwer atmend hervor: „Und jetzt machst du keine Zicken mehr, Tardelli, sonst verspritze ich dich hier in der Gegend.“

Roberto hob langsam die Hände. Eine ganz kleine Chance hatte er noch. Die würde dahin sein, wenn Rico Musante hier eintraf. Er handelte sofort. Während Tinti ihm die Luger abnehmen wollte, trat Roberto wie ein Pferd aus. Er traf Tintis Schienbein. Der Mafioso heulte auf. Sein Gesicht war von einem heftigen Schmerz verzerrt.

Roberto kreiselte herum und schmetterte dem Gegner die Faust ans Kinn. Er setzte sofort mit einem Magenhaken nach, und es hatte den Anschein, als würde sich die ganze kritische Sache letzten Endes doch noch für ihn zum Guten wenden.

Aber als Roberto zum dritten mal zuschlug und Tinti damit zu Boden schickte, gewahrte er hinter sich eine blitzschnelle Bewegung. Er wusste sofort: Musante war gekommen.

Und dann spürte er den ungemein harten Schlag auf den Hinterkopf, den nicht einmal ein Ochse ausgehalten hätte. Jemand knipste Robertos Beleuchtung aus. Er fiel in einen schwarzen Schacht.

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Die Welt bestand für ihn aus einem immerwährenden Brummen. Es war in ihm, unter ihm und um ihn herum. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass er auf einem Motorboot lag. Daher das Brummen, das von außen auf ihn eindrang. Der Schiffsboden vibrierte unter seinem Körper. Da, wo Musantes Pistole seinen Kopf getroffen hatte, saß ein pochender Schmerz, der ebenfalls ein anhaltendes Brummen in seinem Schädel hervorrief.

Er machte die Augen nicht auf, sondern blinzelte nur.

Sie waren mit einem Kajütkreuzer unterwegs. Rico Musante stand am Steuer. Fausto Tinti spuckte immer wieder gelangweilt ins Meer. Mauro Carpendo war trotz seiner Schussverletzung mit dem Wagen zu Saweso gefahren, um dem Don zu melden, was sich im Lagerhaus zugetragen hatte. Das erfuhr Roberto aus einem kurzen Gespräch, das die Mafiosi miteinander führten.

Tintis Backenmuskeln zuckten. „Sag mal, wie weit willst du denn noch fahren? Hier ist es doch schon tief genug!“

„Ich will sichergehen, dass ihn keiner findet“, gab Musante knapp zurück. „Er soll nicht wieder auftauchen.“

„Kann er doch nicht, mit einem Loch im Schädel.“

„Er soll auch als Leiche für immer verschwunden bleiben.“

Roberto merkte, dass sie ihn an Händen und Füßen gefesselt hatten. Sein Blick fiel auf eine dicke, unhandliche Signalpistole, die in einer verchromten Halterung klemmte. Er war zwar gefesselt, aber die Mafiosi hatten ihm die Hände nicht auf den Rücken gebunden. Wenn es ihm glückte, die Signalpistole an sich zu bringen, konnte er die beiden Männer damit eventuell in Schach halten ...

Roberto überlief es kalt, als er sah, dass Tinti seine Artillerie auspackte. „Machen wir’s kurz und schmerzlos!“, entschied der Mafioso.

„Warte noch ein paar Minuten, okay? Dann gehört er dir.“

Tinti schien damit einverstanden zu sein. Er spuckte wieder ins Wasser und spielte gedankenverloren an seiner Pistole herum. Roberto begann zu fiebern. Die Hinrichtung war um einige Minuten aufgeschoben worden. Aufgeschoben! Nicht aufgehoben!

Er spannte die Muskeln und glitt behutsam über die Planken. Sie würden es merken. Nicht sofort, aber es würde ihnen nicht entgehen, dass er sich vom Fleck bewegte. Musante nahm es mit dem Steuern des Bootes so genau, als führe er mit seinem Wagen durch dichtestes Verkehrsgewühl. Tinti hingegen kümmerte sich um gar nichts. Er fand es hier draußen stinklangweilig. Er war eine typische Landratte. Auf dem Wasser fühlte er sich niemals wohl. Die unter dem Boot liegende Tiefe erzeugte bei ihm ein gewisses Unbehagen. Er wusste, dass es dumm war, aber er hatte große Angst vor dem Absaufen und zu seinen schlimmsten Erinnerungen gehörte der Film „Der Untergang der Titanic“. Damals hatte er im Kino alle Zustände bekommen. Er hatte sich mit den Leuten, die bei dieser Katastrophe ums Leben gekommen waren, so sehr identifiziert, dass er das Lichtspieltheater in Schweiß gebadet verließ.

Roberto kam auf Armlänge an die Signalpistole heran.

Jetzt wandte sich Fausto Tinti um.

Er sah, dass Roberto nicht mehr da lag, wo sie ihn hingelegt hatten. Er sah, dass Roberto bei der Signalpistole war. Und dann ging alles unheimlich schnell. Tintis Pistolenhand zuckte hoch. Roberto riss die Signalwaffe aus der Halterung. Tinti stieß einen wüsten Fluch aus und drückte ab.

Roberto rollte über den Boden und zog den Stecher zur gleichen Zeit durch. Fauchend verließ die Leuchtkugel den klobigen Waffenlauf. Tintis Geschoss ratschte über den Boden. Rico Musante riss bestürzt die Augen auf. Er ließ das Steuer los und griff ebenfalls unverzüglich zur Waffe.

Die Leuchtkugel schlug seitlich gegen Fausto Tintis Becken. Der Mann wurde herumgerissen. Die Pistole flog ihm aus der Hand und klapperte über die Planken. Den Mafioso warf es gegen die Reling. Der vorhandene Schwung hob ihn nach hinten aus und er klatschte rücklings ins Wasser. Sein Körper tauchte tief ein, und als er wieder hochkam, fing er aus vollem Hals zu brüllen an.

Musante hatte die Absicht, Roberto nun gleich mit mehreren Kugeln fertigzumachen.

In dem Moment, wo er die Pistole aus dem Gürtelholster riss, warf Roberto die leer geschossene Signalwaffe weg. Seine Hände schnellten zu der Kanone, die Tinti verloren hatte. Die Finger schlossen sich blitzschnell um den klobigen Kolben, und Roberto schaffte es, um den Bruchteil einer Sekunde früher abzudrücken als Rico Musante.

Das Geschoss drang dem Mafioso in die rechte Schulter. Musante heulte auf. Ein gewaltiger Ruck ging durch seinen Körper. Er schoss zwar auch, aber das Projektil sauste über den Bordrand hinweg ins Wasser.

Im selben Augenblick ging auch der zweite Mafioso über Bord. Roberto quälte sich hoch und warf zwei Rettungsringe ins Wasser. Er war kein Killer. Es hätte ihm widerstrebt, die beiden Verbrecher eiskalt absaufen zu lassen. Das war einfach nicht sein Stil.

Mit vollen Lungen brüllte Roberto: „Bestellt eurem verdammten Boss, dass er demnächst mit einer Menge Schwierigkeiten rechnen muss!“

Die Köpfe von Tinti und Musante wurden schnell kleiner und verschwanden schließlich hinter sanft geschwungenen Wellen. Roberto machte die behindernden Stricke ab und schleuderte sie verdrossen ins Meer. Er war ärgerlich, weil er sich von Saweso hatte hereinlegen lassen. Beinahe hätten es die Todesengel des Don geschafft, ihn um sechsunddreißig Grad kälter zu machen. Sein Leben hatte an einem seidenen Faden gehangen. Vielleicht war er sich seiner Sache zu sicher gewesen. Er nahm sich vor, in Zukunft etwas vorsichtiger ans Werk zu gehen.

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Zu Mittag aß Roberto Tardelli Fish and Chips. Er trank Bier dazu und setzte sich dann grübelnd in seinen Wagen. Er wälzte sein großes Problem hin und her. Saweso sollte er zu Fall bringen. Gleichzeitig sollte er auch verhindern, dass es zwischen Saweso und Sullivan zu einem Privatkrieg kam, der in ein Blutbad ausartete.

Soweit bekannt war, war Thornwall Sullivan ein äußerst tüchtiger Polizeibeamter gewesen. Vielleicht hätte man ihn niemals auf die Straße gesetzt, wenn er sich nicht so sehr für seine gefährdeten Kollegen eingesetzt hätte. Daraufhin machte er sich bei seinen Vorgesetzten so unbeliebt, dass sie ihn einfach fallenlassen mussten.

Ein tüchtiger Polizist. Er kannte bestimmt alle Tricks, um Saweso eins auszuwischen. Und er würde sie zu gegebener Zeit einsetzen. Wenn Saweso ihm nicht zuvorkam, würde der Don mit seiner ersten beschämenden Niederlage rechnen müssen.

Da Thornwall Sullivan für diese Privathatz aber nicht autorisiert war, wollte Roberto Tardelli ihn aufsuchen und bitten, ihm all das Rüstzeug zu überlassen, mit dem er gegen Don Ernesto Saweso in den Krieg zu ziehen gedachte. Bestimmt hatte Sullivan ein paar Tipps für ihn, wie er Saweso am wirkungsvollsten packen konnte.

Roberto versprach sich von einem vernünftigen Gespräch unter vier Augen sehr viel.

Vorerst aber wurde er enttäuscht. Thornwall Sullivan war nicht zu Hause. Und am Telefon bekam Roberto keine Auskunft darüber, wo sich der Chef der Privatarmee zurzeit aufhielt. Also fuhr Roberto zur Bronx hoch, um sich an Ort und Stelle umzuhören. Sullivan bewohnte da mit seinen engsten Freunden und Kollegen einen großen flachen L-Bungalow. Zwei Männer saßen auf der Terrasse. Sie waren nicht besonders elegant gekleidet, trugen aber Schießeisen unter den Jacketts, das konnte Roberto sogar auf hundert Yards Entfernung erkennen.

Roberto eilte zu seinem Camaro zurück und holte ein unscheinbares Richtmikrophon aus dem Handschuhfach. Das Gerät sah aus wie eine Stablampe. Roberto schob sich die beiden Oliven in die Ohren und knipste das leistungsstarke, batteriebetriebene Mikrophon sodann an. Jetzt hörte er jedes Wort, das auf der Terrasse gesprochen wurde, so deutlich, als säße er mit Sullivans Männern am selben Tisch.

„Ist schon geklärt, wo sie schlafen wird?“, fragte der eine Ex-Cop. Er hatte sandfarbenes Haar und eingefallene Wangen.

„Hier im Haus“, sagte der andere. Er war klein, aber sehnig.

„Hoffentlich nur vorübergehend. Das ist keine Bleibe für sie.“

„Thornwall ist auf der Suche nach einem schicken Penthouse. Im Moment ist jedoch nichts zu bekommen. Deshalb wird sie für ein paar Tage hier einziehen. dass das keine Dauerlösung sein kann, weiß Thornwall selbst.“

„Ist sie wirklich so hübsch, wie er sagt?“

„Ich hab’ nur Fotos von ihr gesehen. Sie ist eine Wucht“, sagte der Drahtige.

Der andere schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, die Sache will mir nicht gefallen. Wenn Saweso davon Wind bekommt, dass Thornwalls Schwester von Atlantic City rüber kommt ..

Der Drahtige fiel dem Freund ins Wort: „Ich weiß, was du befürchtest, Tony.“

„Saweso ist ein Teufel. Wir hätten ihn schon längst frontal angreifen sollen, aber Thornwall will immer alles hundertprozentig vorbereiten, ehe er zuschlägt. Inzwischen kann Saweso hunderterlei Dinge gegen uns unternehmen. Am schlimmsten würde er Thornwall treffen, wenn er sich an Ireen vergreifen würde. Das weiß Saweso natürlich. Womöglich schreckt er nicht einmal vor dieser Gemeinheit zurück.“

„Wenn er seine dreckigen Finger an Ireen Sullivan legt, ist sein Leben keinen Pfifferling mehr wert!“, sagte der Drahtige knirschend.

„So einfach ist das nun auch wieder nicht“, brummte der andere. „Schließlich hätte er Thornwall dann so fest wie’s nur irgend möglich ist in der Hand. Mit Ireen als Faustpfand könnte Saweso umspringen, wie es ihm beliebt. Wir müssten wohl oder übel alle nach seiner Pfeife tanzen. Wenn ich daran denke, wird mir speiübel.“

Der drahtige Ex-Polizist blickte auf seine Uhr.

Sein Kollege fragte ihn: „Wann kommt das Mädchen an?“

„In einer halben Stunde. Thornwall lässt jetzt sicher gerade den roten Teppich auf dem La Guardia Airport für sie ausrollen ...“

Roberto riss sich die Oliven aus den Ohren. Er wusste nun, wo Thornwall Sullivan zu finden war. Schnell schaltete er das Richtmikrophon ab, das ihm schon einige Male hervorragende Dienste geleistet hatte: Es war ein Geschenk von Colonel Myer und begab sich mit raschen Schritten zum Camaro. Der Anlasser orgelte kurz. Dann summte die Maschine. Roberto knallte den ersten Gang ins Getriebe und fuhr los.

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Am Informationsschalter saß ein attraktives Mädchen, das sein Make-up mit Lineal und Zirkel aufgetragen zu haben schien. Ihr gewiss recht hübsches Gesicht wirkte dadurch irgendwie künstlich und leblos. Ihr Lächeln war professionell. Die Zähne hätten für jede Zahncreme Reklame machen können. „Ach bitte“, sagte Roberto hastig, „die Maschine aus Atlantic City ...“

„Ist vor vier Minuten gelandet“, sagte das Mädchen mit einer angenehm schwingenden Stimme. Sie wies dabei in Richtung Ankunftshalle.

„Ich danke Ihnen“, stieß Roberto hastig hervor. Dann eilte er in die gezeigte Richtung.

Eine riesige Charterflug Traube versperrte ihm den Weg. Die Leute schnatterten aufgeregt, lachten, rissen Witze. Es waren Schlachtenbummler, die ihre Footballmannschaft nach San Francisco begleiteten. Ein bunt zusammengewürfeltes Völkchen, übermütig, heiter, ausgelassen.

Roberto drängelte sich durch die Menge.

Wenn Thornwall Sullivan tatsächlich einen roten Teppich für seine Schwester Ireen ausgerollt hätte, hätte Roberto die beiden früher entdeckt.

Er musste über eine breite Treppe hinunterlaufen. Unten strebten vier Männer dem Ausgang zu. Sie wären Roberto nicht aufgefallen, wenn sie nicht alle vier dunkelblaue Anzüge getragen hätten. Zwei schleppten Koffer und Reisetaschen. Der dritte hatte die rechte Hand in der Außentasche seines Jacketts und schaute sich immerzu aufmerksam um, als befürchte er, überfallen zu werden.

Der vierte legte soeben lachend seinen Arm um ein großes, schlankes Mädchen. Das war Thornwall Sullivan. Groß, kräftig, geschmeidig wie ein Tiger. Er hatte brünettes Haar wie seine Schwester. An den Schläfen leuchtete es hell wie frisch gefallener Schnee.

Die automatischen Türen öffneten sich nach außen.

Die fünf Personen verließen das Flughafengebäude. Ein Taxifahrer machte sie auf sich aufmerksam, doch Sullivan schüttelte den Kopf. Sie waren mit dem eigenen Wagen gekommen.

Das schlanke Mädchen stöckelte mit kleinen Schritten neben dem Bruder über die Fahrbahn. Sie war mächtig aufgeregt und küsste Thornwall Sullivan mehrmals ungestüm auf die Wange. Sie schien sehr glücklich zu sein, ihn wiederzusehen.

Roberto wühlte sich durch die vielen Leute, die alle nur ein Ziel zu haben schienen: ihm im Weg zu stehen. Er rempelte sie nach links und rechts, erntete böse Blicke und ärgerliche Zurufe, um die er sich aber nicht kümmerte, durchmaß die Halle mit langen Schritten und erreichte schließlich dieselbe Glastür, durch die Sullivan mit seiner Schwester und seinen Leibwächtern ins Freie gelangt war.

Plötzlich bekam er Gänsehaut.

Er erkannte, was gleich passieren würde, wusste aber auch, dass er es nicht mehr verhindern konnte ...

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Dino Merassi warf die Zigarette aus dem Fenster. Er beobachtete die Ausgänge des Airports, war kein bisschen aufgeregt. Es würde eine Ruckzuck-Sache werden. Ohne Komplikationen. Ein Schlag, der Thornwall Sullivan treffen würde wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Merassis Hände glitten über das Lenkrad. Er gehörte seit einigen Jahren zu Sawesos Elitetruppe. Der Don griff zumeist dann auf ihn zurück, wenn es galt, irgendwelche kritischen Kastanien aus dem Feuer zu holen und Merassi hatte noch kein einziges Mal ernsthafte Schwierigkeiten bei der Erledigung eines Auftrages gehabt. Er war Realist genug, um zu wissen, dass dabei auch immer ein Quäntchen Glück gewesen war. Aber ohne seine aggressive Kaltschnäuzigkeit hätte er diese vielen Erfolge niemals verbuchen können.

Er warf einen Blick in den Spiegel.

Im Fond des gestohlenen Wagens saßen zwei bärenstarke Burschen, die auf ihren Schenkeln entsicherte Tommyguns liegen hatten. Sie nagten an ihren Unterlippen, ihre Augen rollten ununterbrochen. Sie fieberten dem kurz bevorstehenden Ereignis entgegen.

„Nervös?“, fragte Merassi grinsend. Er hatte unzählige Pockennarben im Gesicht. Die Wangen sahen aus wie die Kraterlandschaft auf dem Mond.

„Ein bisschen“, gaben die Schließer zu.

„Braucht ihr nicht zu sein. Alles wird wie am Schnürchen klappen. Wir legen in wenigen Minuten eine Bilderbuchaktion hin. Thronwall Sullivan wird nicht mal zum Denken kommen. Ehe er begreift, was los ist, haben wir uns die Kleine bereits unter den Nagel gerissen.“ Merassi griff nach dem Walkie Talkie, das neben ihm auf dem Beifahrersitz lag. Er zog die Antenne aus und ließ sie aus dem Auto ragen. Dann rief er die zweite Mafiaabteilung, die die Aufgabe hatte, den Rückzug zu decken. „He, ihr Schlafmützen. Seid ihr auf dem Posten?“

„Schon seit einer Stunde“, kam es aus dem Lautsprecher.

„Wartet nur noch ein paar Minuten, dann kann ich euch erlösen.“ Durch Merassis Körper ging plötzlich ein heftiger Ruck. Mit harter Stimme sagte er: „Da sind sie. Sie verlassen soeben die Flughalle ...“

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Ireen Sullivan strahlte über das ganze hübsche Engelsgesicht. Sie lachte mit ihren rehbraunen Augen. „O, Thornwall, ich kann dir gar nicht sagen, wie ich mich auf diesen Tag gefreut habe. In New York zu wohnen war schon immer mein sehnlichster Wunsch. Es hat lange gedauert, bis ich dir deine Zustimmung abringen konnte. Wenn die UNO nicht mit einem Vertrag winken würde, hättest du vermutlich weiter darauf bestanden, dass ich in Atlantic City bleibe.“

„New York ist keine gute Stadt, Ireen“, sagte Sullivan ernst. „Du lässt dich von Namen wie Wall Street, Central Park und Broadway blenden. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. In dieser Stadt werden Tag für Tag durchschnittlich fünfzehn Frauen vergewaltigt. Hier blühen der Drogenhandel und das Geschäft mit den illegalen Wetten. Hier kannst du mitten auf der Straße tot umfallen, es wird sich kaum einer darum kümmern. Diese Stadt ist krank, Ireen. Ich gebe zu, sie sieht hin und wieder prächtig aus. Sie ist ein Schmelztiegel aller Völker. Aber in ihr wohnen Gemeinheit, Bosheit, Furcht und Verbrechen. Deshalb war ich so lange dagegen, dass du hierher kommst.“

„Warum lebst du in New York, wenn es dir hier so gar nicht gefällt?“

„Ich war Polizeibeamter, und ich war der Auffassung, dass diese Stadt meine Hilfe braucht.“

„Jetzt bist du kein Polizist mehr ...“

„Aber die Stadt braucht meine Hilfe immer noch“, erwiderte Thornwall Sullivan mit zusammengezogenen Brauen, „und solange ich ihr helfen kann, werde ich von hier nicht weggehen.“

Ireen stieß ihren Bruder lachend an. „He, warum reden wir nicht über erfreulichere Dinge?“

„Ich bewohne mit meinen Freunden einen Bungalow in der Bronx. Das sind alles nette Jungs. Sie freuen sich schon auf dich. Ich habe ihnen viel von dir erzählt. Du warst schon immer mein Augenstern. Bis wir was Passendes für dich gefunden haben, wirst du bei uns wohnen. Du kriegst natürlich ein Zimmer ganz für dich allein. Das schönste im ganzen Haus.“

„Wovon lebst du jetzt eigentlich nach deiner Entlassung?“

Sullivan zuckte die Achseln, wich dem Blick seiner Schwester aus und antwortete: „Ich habe einiges gespart.“

„Werde ich dir auch wirklich nicht zur Last fallen?“

„Sag mal, bist du meine Schwester oder bist du’s nicht?“

„Ich denke, ich bin’s“, lachte Ireen.

„Wie kannst du dann fragen, ob du mir zur Last fällst? Was ich für dich tue, mach’ ich gern. Ich will dafür kein Geld und keinen Dank haben, ist das klar?“

„Sonnenklar.“

„Na also.“

Sie erreichten den Wagen, mit dem sie die Heimfahrt antreten wollten. Als Sullivans Männer den Kofferraumdeckel öffneten, passierte es.

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Roberto Tardellis Herz übersprang einen Schlag.

Ein schwarzer Pontiac rollte langsam an. Roberto erkannte hinter der spiegelnden Windschutzscheibe für einen kurzen Augenblick Dino Merassi. Der Mafioso mit dem pockennarbigen Gesicht war nicht allein im Wagen. Hinter ihm saßen zwei Männer mit granitharten Zügen. Das schwarze Fahrzeug gewann jetzt schnell Fahrt.

Roberto zog die Luger und sprintete los.

Sullivan stand mit seiner Schwester bei einem nilgrünen Chrysler, dessen Kofferraum gerade geöffnet wurde. Da kam der schwarze Pontiac angeschossen. Dino Merassi raste auf Sullivan und seine Männer zu. Die ehemaligen Polizisten ließen das Gepäck des Mädchens fallen und griffen zu ihren Waffen.

Merassis Fuß wechselte jäh vom Gas zur Bremse.

Der schwarze Wagen kreischte mit blockierenden Pneus auf die Männer zu. Im selben Moment flogen die Türen des Pontiacs auf. Ireen stieß einen schrillen Schrei aus. Sullivan gab ihr einen kraftvollen Stoß, der sie zurücktaumeln ließ. Sie stolperte und fiel.

Da drückten die Schießer ab. Ein Höllenlärm erfüllte die Szene. Ohrenbetäubend laut hämmerten die Tommyguns. In ihr kläffendes Stakkato mischten sich mehrere Schüsse aus den Waffen von Sullivans Männern. Die MP-Projektile zertrümmerten die Heckscheibe des Chryslers. Vier oder fünf Kugeln schlugen in den Körper des ersten Ex-Cops ein. Der Mann vollführte einen grotesken Tanz. Die Pistole fiel ihm aus der Hand und er landete, hinten überkippend, im Kofferraum. Seine Beine hingen heraus.

Sullivan warf sich hinter den nächsten Wagen in Deckung.

Er schoss mit wutverzerrtem Gesicht zurück.

Der zweite Ex-Cop wurde von einer heißen MP-Garbe niedergestreckt. Roberto Tardelli wieselte zwischen den parkenden Autos hindurch. Er mobilisierte alle seine Kräfte, um noch Schlimmeres verhindern zu können.

Ireen Sullivan geriet in Panik. Die Schüsse machten sie kopflos. Sie sprang schreiend auf und rannte ziellos davon. Dino Merassi federte aus dem Pontiac und hetzte hinter dem Mädchen her. Schon nach wenigen Augenblicken hatte er sie eingeholt. Er riss sie an der Schulter herum. Sie schrie ihm ihre namenlose Angst ins Gesicht. Er schlug sie, griff in ihr volles Haar, zerrte sie mit sich zum Pontiac. Sie wimmerte. Tränen rollten über ihre bleichen Wangen. Merassi stieß sie in den Wagenfond und Ireen hatte nicht den Mut, sich aufzurichten. So, wie sie hinfiel, blieb sie liegen.

Die MP-Männer machten unterdessen mit hassverzerrten Gesichtern weiter. Eine Salve verletzte Sullivans dritten Freund schwer und auch Thornwall Sullivan bekam mehrere Schrammen ab.

Roberto schoss auf einen der beiden Mafiosi.

Die MP-Kerle schwenkten ihre gefährlichen Waffen augenblicklich in seine Richtung. Ein Bleigewitter flog auf ihn zu. Er warf sich flach auf den Boden. „Zurück!“, brüllte Dino Merassi seinen Begleitern zu. „Aufhören! Es reicht!“

Ein neuerlicher Feuerstoß zwang Roberto Tardelli, in der Deckung zu bleiben. Als er endlich wieder hochkam, heulte der Pontiacmotor laut auf. Roberto sah die beiden Schießer in den Wagen springen. Mit durchdrehenden Reifen zischte das Fahrzeug ab. Roberto ballerte hinter dem schwarzen Wagen her. Zwei Kugeln schlugen in den Kofferraum, doch damit war das Gangsterauto nicht zu stoppen.

Leute kamen gerannt.

Roberto wirbelte auf den Absätzen herum. Um Thornwall Sullivan und seinen schwerverletzten Freund sollten sich die Anderen kümmern. Roberto wollte indessen versuchen am Ball zu bleiben und Ireen aus ihrer schlimmen Klemme herauszuhauen. Sie war sozusagen ganz unschuldig zum Handkuss gekommen. Was auch immer für Differenzen es zwischen Saweso und Sullivan gab, Ireen hatte damit nichts zu schaffen. Sie wusste nicht einmal davon.

Es war schäbig, sich an ihr zu vergreifen.

Roberto rannte mit langen Sätzen zu seinem Camaro. Atemlos ließ er sich hinter das Lenkrad fallen. Die Luger legte er in seinen Schoß, damit er sie gleich zur Hand hatte, falls er sie brauchte. Der schwarze Wagen entfernte sich in Richtung Steinway. Roberto nahm die Verfolgung mit Full speed auf. Während er konzentriert den Ditmars Boulevard entlangfuhr, riss er das Handschuhfach auf, um das Reservemagazin für die Luger herauszuholen.

Roberto sah, wie Ireen im Wagenfond verzweifelt um sich schlug.

Gott, was mochte dieses bedauernswerte Mädchen für Ängste ausstehen. Roberto wollte nichts unversucht lassen, um Ireen Sullivan die Freiheit wiederzugeben.

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Ireen schrie und kreischte. Sie bäumte sich wild auf. Dino Merassi schimpfte und fluchte. „Verdammt noch mal, könnt ihr diesem Weibsstück denn nicht Herr werden? Ich warne Sie, Miss. Sollten Sie weiter solchen Radau machen, müssten meine Männer Sie so hart anfassen, dass Ihnen das vergeht!“

„Ich will raus! Ich will raus!“, schrie Ireen verzweifelt.

Merassi warf einen Blick in den Rückspiegel. Er entdeckte einen bordeauxroten Camaro, der mit großer Geschwindigkeit hinter ihnen her war. Sofort griff er zum Walkie Talkie.

„Freunde, jetzt seid ihr dran! Ein roter Camaro ist hinter uns. Schafft ihn uns vom Hals!“

„Mit wieviel Mann ist der Camaro besetzt?“

„Ich kann’s nicht genau erkennen, aber ich glaube, nur mit einem.“

„Ein Kinderspiel. Du brauchst dich um ihn nicht mehr zu kümmern, Dino. Den fressen wir mit Haut und Haaren. Habt ihr das Mädchen?“

„Hast du daran gezweifelt?“

„Eigentlich nicht.“

„Ich sehe jetzt zu, dass ich nach Long Island City komme.“

„Okay. Grüß den Boss inzwischen von uns. Wir stoßen in einer Stunde zu euch. Gratulation zum erfolgreichen Abschluss des Coups.“

„Du willst mich wohl auf den Arm nehmen, was?“

„Das würde ich mir niemals erlauben“, lachte der andere. „Ende.“ Merassi warf das Walkie Talkie auf den Beifahrersitz und zog den Pontiac kurz vor Astoria blitzschnell nach links.

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Roberto kämpfte verbissen um jeden Zoll. Kurz vor Astoria schlug der schwarze Wagen einen Haken. Roberto überholte zwei Pkw. Plötzlich fegte von rechts, aus einer schmalen Seitenstraße, ein großer Kastenwagen heraus. Wenn Roberto nicht so schnell reagiert hätte, wäre ein Zusammenstoß unvermeidbar gewesen. Roberto riss das Steuer nach rechts. Der Camaro drehte sich mit jaulenden Reifen um die eigene Achse.

Und da fielen auch schon die ersten Schüsse.

Also war das Auftauchen des Kastenwagens kein Zufall gewesen. In ihm saßen jene Leute, die dafür zu sorgen hatten, dass die Kidnapper ungeschoren davonkamen.

Roberto hechtete sich aus dem Fahrzeug. Im Zickzack rannte er auf einen schmalen Durchlass zu. Gefährlich knapp hinter ihm schlugen die Projektile der Mafiosi ein. Fast schien es, als wollten sie ihm die Absätze von den Schuhen schießen.

Mit einem weiten Sprung brachte er sich vor ihren Kugeln in Sicherheit. Hysterisch schreiend stoben die Passanten in allen Richtungen auseinander. Der Verkehr kam zum Erliegen. Die Mafiosi setzten ihren fürchterlichen Höllenzauber noch einige Sekunden fort. Dann rannten sie zu einem blauen Buick und schwirrten ab ohne dass einer den Mut aufgebracht hätte, sie daran zu hindern.

Roberto ballte wütend die Fäuste.

Die Entführung war geglückt. Ireen Sullivan befand sich in der Gewalt dieser gewissenlosen Verbrecher. Das würde Thornwall Sullivan und seine Männer auf die Barrikaden treiben.

Vielleicht wäre ein Krieg zwischen Sullivan und Saweso bis vor einer halben Stunde noch zu vermeiden gewesen, doch nun schien dieser Waffengang unvermeidbar geworden zu sein.

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Polizeisirenen. Roberto ließ den Camaro stehen, wo er stand. Er würde später die Leihwagenfirma anrufen und dort deponieren, wo das Fahrzeug abzuholen war. In großer Eile durchlief Roberto den engen, düsteren Durchlass. Hinter einer Mülltonne lag ein betrunkener Schwarzer. Als Roberto über seine Beine stolperte, gab der Mann ein unwilliges Grunzen von sich.

Roberto erreichte die Steinway Street.

Vor der Ampel, die Rot zeigte, standen mehrere Wagen. Kurz entschlossen trat Roberto auf eines der Fahrzeuge zu, öffnete die Tür und setzte sich hinein. Ein Mann mit Knollennase, schlechten Zähnen und riesigen Augen starrte ihn entgeistert an. Er bekam kleine graue Flecken an den faltigen Wangen und stand kurz vor einer kritischen Explosion. Damit es dazu nicht kam, holte Roberto eine Hundertdollarnote aus der Tasche. Er klemmte sie sich zwischen die Finger und ließ sie vor den großen Augen des Mannes hin und her tanzen.

„Wie gefällt Ihnen die?“, erkundigte er sich.

„Mann, warum nehmen Sie sich kein Taxi? Das käme weit billiger.“

„Ich hab’s eilig.“

„Sind die hundert Mäuse tatsächlich für mich oder bluffen Sie nur?“, fragte der Mann misstrauisch.

„Sie gehören Ihnen.“

„Dann ist es wohl Falschgeld.“

„Bestimmt nicht.“

„Großer Gott, meine Schwiegermutter lebt nicht mehr. Wen soll ich sonst für Sie killen?“, fragte der Mann und steckte das Geld hastig ein.

„Würden Sie mich zur Bronx hinüber fahren?“

„Aber mit dem größten Vergnügen, Sir.“

„Worauf warten Sie dann noch. Es ist seit einer Ewigkeit grün.“

„Das ist mir noch gar nicht aufgefallen“, erwiderte der Mann grinsend und gab ein bisschen zuviel Gas. Der Wagen machte einen Bocksprung nach vorn, kam aber dann doch noch gut in Fahrt. Aus der entgegengesetzten Richtung kamen zwei Streifenwagen angerast. „Da muss mal wieder etwas Größeres passiert sein“, meinte der Mann, der Roberto mitgenommen hatte. Er schüttelte den Kopf. „Was für eine Stadt. Hier vergeht keine Stunde, in der nicht irgendein Verbrechen verübt wird. Ein trauriger Rekord, was?“

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Zehn Minuten verhielt sich Ireen Sullivan ruhig.

Dann legte sie wieder los. Ihr Herz hämmerte wie verrückt gegen die Rippen. Sie hatte wahnsinnige Angst. Zwei Menschen hatte sie sterben gesehen. Ihr Tod lief vor Ireens Augen immer wieder aufs Neue ab. Sie konnte die Erinnerung nicht aus ihrem Kopf verbannen. Es war schrecklich. Und Thornwall? Lebte er eigentlich noch? Bei dem Gedanken, dass ihr Bruder tot sein könnte, krampfte sich ihr Herz schmerzhaft zusammen.

Merassi musste auf dem Vernon Boulevard kurz anhalten. Eine kleine Verkehrsstauung.

Kaum stand der Pontiac, da schnellte das Mädchen wie eine Sprungfeder hoch. Sie warf sich nach rechts und wollte die Tür aufstoßen. Eine Hand packte sie hart beim Genick. Sie kreischte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Der zweite Mafioso ballte die Rechte zur Faust.

„Wird da hinten nicht endlich Ruhe sein?“, brüllte Merassi zornig. „Sollen die Bullen auf uns aufmerksam werden? Oder andere Verkehrsteilnehmer? Schlagt das hysterische Biest k.o., wenn sie’s nicht anders haben will!“

Im selben Moment schoss die klobige Faust des Mafioso hoch. Ireen sah sie kommen und sie wollte sich blitzschnell zur Seite werfen, aber sie reagierte nicht rasch genug. Die harte Männerfaust traf sie genau auf dem Punkt. Sie war plötzlich wie gelähmt. Und um sie herum wurde es von einem Herzschlag zum andern finstere Nacht.

Ächzend sank sie zurück.

Dino Merassi nickte mit düsterer Miene. „Na also. Das hättet ihr längst machen sollen.“

„Ehrlich gesagt, ich hatte Hemmungen“, brummte der Mann, der zugeschlagen hatte.

„Hemmungen?“, höhnte Merassi.

„Ich schätze alles, was schön ist. Und dieses Mädchen ist bildschön.“

Merassi winkte ab .„Für uns ist sie nichts weiter als Thornwall Sullivans Schwester. Ein unvorstellbar wertvoller Vogel. Solange wir sie in unserer Gewalt haben, wird Sullivan Wachs in unseren Händen. Vielleicht wird der Boss ihn bitten Harakiri zu machen und ich bin bereit, jede Wette anzunehmen, dass er es tut um seine Schwester zu retten.“

Die Stauung löste sich auf.

Merassi setzte die Fahrt mit einem gehässigen Grinsen fort.

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Roberto Tardelli bedankte sich bei dem Mann mit der Knollennase fürs Mitnehmen. Dieser lachte. „Ich habe zu danken. Wenn Sie mal wieder zuviel Geld haben und dringend wohin gefahren werden wollen ... Mein Name ist Mickey Poof. Anruf genügt, komme bis vors Haus.“

Roberto stieg aus.

Es würde jetzt eine Weile dauern, bis Thornwall Sullivan vom Airport nach Hause kam. Es hatte auf dem Flugplatz Parkplatz immerhin zwei Tote und einen Schwerverletzten gegeben und auch Sullivan selbst war angekratzt worden. Die Polizei würde ihn nicht so schnell ziehen lassen.

Roberto überquerte die Straße.

Er hatte zwei Möglichkeiten auf Sullivans Rückkehr zu warten: entweder in der Kneipe an der Ecke oder in Sullivans Bungalow. Letzteres sagte ihm besser zu. Sullivans Freunde würden ihn zwar nicht mit offenen Armen empfangen, aber sie würden ihn vermutlich auch nicht gerade zum Teufel jagen. Es würde zu einem Arrangement kommen.

Roberto klingelte am Gartentor.

Ein misstrauischer Bursche erschien. „Sie wünschen?“ Die hellen Augen waren ununterbrochen in Bewegung. Der Mann durchleuchtete Roberto buchstäblich.

„Mein Name ist Walt Halloween“, log Roberto. „Ich habe mit Mr. Sullivan zu reden.“

„Der ist nicht da.“

„Das weiß ich. Er ist noch am Flughafen.“

Der Ex-Cop kniff die Augen zusammen. Roberto sah aus wie ein Italiener und sein Gegenüber hielt ihn für einen Mafiaboten. Roberto lächelte kurz. „Ich bin bestimmt nicht das, wofür Sie mich halten. Sehen Sie, ich wollte mit Mr. Sullivan auf dem Airport reden. Er holte da seine Schwester Ireen ab, die aus Atlantic City herüberkam. Ich war etwas spät dran, deshalb reichte es für das Gespräch nicht mehr. Ich wurde nur noch Augenzeuge der Entführung ...“

Der ehemalige Cop straffte seinen Rücken. Natürlich wusste er längst davon, dass Ireen Sullivan gekidnappt worden war. Kein Wunder im Zeitalter des Telefons. „Wie war doch gleich Ihr Name?“

„Halloween, Sir. Walt Halloween.“

„Zu Ihnen würde eher ein italienischer Name passen.“

„Das hat man mir schon mehrfach gesagt.“

„Kommen Sie rein.“

Der Mann gab die Tür frei. Roberto folgte ihm in den Bungalow. Sechs Personen saßen im geräumigen Wohnzimmer. Roberto fragte sich, woran das wohl liegen mochte, sie waren zwar keine Polizisten mehr, aber sie sahen alle noch wie solche aus. Die Männer hatten Kummer. Er grub sich deutlich sichtbar in ihre Züge. Roberto wurde von dem Mann, der ihn eingelassen hatte, vorgestellt. Als die Ex-Cops hörten, dass Roberto die Entführung miterlebt hatte, wollten sie Einzelheiten von ihm wissen. Er schilderte die Szene so, wie sie sich zugetragen hatte.

Plötzlich wurde ihm ein harter Gegenstand an die Wirbelsäule gedrückt, der Mann der ihn eingelassen hatte, knurrte: „Ganz ruhig, mein Lieber. Wenn Sie jetzt klug sind, spare ich eine Kugel, klar?“

„Was wollen Sie von mir?“

„Erst mal die Kanone“, sagte der Ex-Cop und holte die Luger aus Robertos Schulterholster. „Tragen Sie sonst noch eine Waffe bei sich?“

„Nein.“

Der Mann sah trotzdem nach. Dann dirigierte er Roberto zu einem Sessel, in dem ein großer Kerl saß. Dieser machte jedoch sogleich für Roberto Platz. „Setzen Sie sich!“, befahl der Mann mit dem Revolver.

Roberto nahm Platz. „Ich kann Ihre Vorsicht gut verstehen“, sagte er ernst. „In meinem Fall ist sie aber unbegründet. Ich bin nicht Ihr Feind.“

„Sie tragen keine Papiere bei sich. Weshalb nicht?“

„Sie liegen in meinem Hotel“, sagte Roberto.

„Weshalb wollten Sie mit Thornwall auf dem Flugplatz sprechen?“

„Ich bin hinter Don Ernesto Saweso her.“

Der Ex-Cop grinste. „Sie auch?“ Roberto nickte. „Das ist das Problem. Sie und Mr. Sullivan sind nicht autorisiert, etwas gegen Saweso zu unternehmen.“

„Ach. Und Sie sind autorisiert?“

„Ja.“

„Von wem?“

„Darüber darf ich nicht sprechen, aber glauben Sie mir, es wäre für Sie und Mr. Sullivan besser, wenn nur ich mich um Saweso kümmern würde.“

„Sie allein?“

„Wenn ich Unterstützung brauche, bekomme ich sie“, erwiderte Roberto Tardelli knapp. „Ich wollte Mr. Sullivan bitten, mir alle Informationen, die er sich über Saweso beschafft hat, zu überlassen.“

„Dachten Sie wirklich, er würde das tun?“

„Ich nehme an, man hat ihm bereits nahegelegt, sich ruhig zu verhalten.“

„Ja. Aber wir denken nicht daran, dieser Aufforderung nachzukommen. Mein lieber Mr. Halloween, man hat uns zwar einen Tritt in den Hintern gegeben, aber das hindert uns nicht daran Polizisten zu bleiben. Und zwar im Herzen. Saweso ist ein dreckiges Schwein. Er hat für genug Unglück, Mord und Totschlag in dieser Stadt gesorgt. Es ist hoch an der Zeit, dass endlich etwas gegen ihn unternommen wird.“

„Das wird ja getan“, sagte Roberto hart.

„Davon merken wir aber nichts! Saweso kann nach wie vor tun und lassen, was ihm beliebt.“

„Das wird sich ändern.“

„Jawohl. Wir werden das ändern!“ Roberto blickte in die Runde. In jedem Gesicht fand er entschlossene Zustimmung. Diese Männer hielten es für eine unabdingbare Notwendigkeit, Don Ernesto Saweso aus New York zu verjagen. Womöglich gleich bis in die Hölle. Sie umzustimmen schien unmöglich zu sein. Und jetzt, wo man Sullivans Schwester gekidnappt hatte, würde auch dem Chef dieser zum Sprung bereiten Privatarmee mit keinen noch so vernünftigen Argumenten beizukommen sein.

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Ireens Bewusstsein setzte fast schlagartig wieder ein. Sie merkte, dass sie lag und setzte sich erschrocken auf. Sie sah, dass sie ein Stahlrohrbett unter sich hatte und sie erkannte, dass sie nicht allein in dem kleinen grauen Raum war. Der Kerl, der sie bewusstlos geschlagen hatte, lehnte ihr gegenüber an der Wand. Beinahe traurig betrachtete er die Faust, mit der er zugeschlagen hatte.

„Tut’s noch weh?“

„Wo bin ich hier?“, fragte Ireen. Die Furcht breitete sich sofort wieder in ihr aus.

„Glauben Sie mir, ich habe nicht gern zugeschlagen. Aber Sie wollten keine Ruhe geben. Ich musste es tun. Sie sind so schön ...“, stieß der Mafioso mit belegter Stimme hervor. Er war erregt. Ireen sah das leidenschaftliche Verlangen in seinen dunklen Augen. Sie hatte entsetzliche Angst vor ihm. „So wunderschön sind Sie! Ich hatte noch nie mit einem Mädchen wie Ihnen zu tun.“ Er stemmte sich von der Mauer ab und kam langsam auf das Mädchen zu. „Ich möchte irgendwie gutmachen, was ich getan habe.“

„Wenn Sie das wirklich wollen, verhelfen Sie mir zur Flucht.“

„Das kann ich nicht. Das ist unmöglich.“

„Dann gehen Sie!“, herrschte Ireen den Mafioso an. Sie war erstaunt über die Schärfe ihrer Stimme. Woher nahm sie nur so viel Mut?

Er streckte die Hand nach ihr aus. Seine Finger schoben sich in ihr volles Haar. Sie saß so steif auf dem Bett, als hätte sie einen Ladestock verschluckt. Der Mann war ein eiskalter Mörder. Ireen hatte mit eigenen Augen gesehen, wie er Thornwalls Freunde niedergeschossen hatte. Es ekelte sie vor seinen Händen. Als die Lähmung von ihr abfiel, sank seine Hand gerade über ihren Hals zu ihrem Busen. Da schoss ihr Kopf blitzschnell vorwärts und in derselben Sekunde biss sie zu.

Er stieß einen wütenden Schrei aus. Dann schlug er zu, doch Ireen nahm ihren Kopf rasch zurück und der Mafioso verfehlte ihre Wange. Daraufhin ließ er seine Maske fallen. Er wollte sie besitzen. Wie er dieses Ziel erreichte, schien ihm einerlei zu sein.

Als er sich auf sie werfen wollte, wurde hinter ihm die Tür aufgerissen. Dino Merassi kam herein geschnauft. Seine Finger krallten sich in das Jackett des Verbrechers. Er riss ihn zurück. „Sag mal, bist du von allen guten Geistern verlassen?“, schrie er den Burschen an. „Was treibst du denn mit dem Mädchen?“

„Sie ist so schön ...“

„Mann, wenn du noch einmal Hand an sie legst, kannst du was erleben. Wir haben sie nicht gekidnappt, damit du deinen SPass mit ihr hast!“

„Ich würd’ schon nichts an ihr kaputtmachen.“

„Du rührst sie nicht mehr an, verstanden? Don Ernesto mag so etwas nicht, das solltest du eigentlich wissen!“

„Sie ist immerhin die Schwester von Sullivan. Man würde ihn verdammt hart treffen, wenn ich ...“

„Ich sag’s nicht noch mal, du Ferkel!“, zischte Merassi ärgerlich. „Mach, dass du rauskommst. Es ist nicht nötig, dass jemand auf die Kleine aufpasst. Sie kann nicht türmen, das wird ihr sehr bald klar sein.“ Merassi stieß den Mafioso aus dem Raum und schloss dann sorgfältig von draußen die Tür ab. Ireen hörte die Schritte der Männer. Sie entfernten sich. Als nichts mehr zu hören war, warf sich das Mädchen auf die Matratze und hielt die Tränen nicht mehr länger zurück.

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Roberto Tardelli diskutierte mit Sullivans Männern zwei volle Stunden. Er erreichte damit nur eines: Sie hielten ihn nicht mehr für einen Typ von der Gegenseite. Das bewiesen sie ihm, indem sie ihm seine Luger zurückgaben. Kurz darauf kam Thornwall Sullivan nach Hause. Er kochte vor Wut. Schon an der Tür verwünschte er Don Ernesto Saweso und er schrie, er würde nun alle Hebel in Bewegung setzen, um den verdammten Mafiaboss zu Fall zu bringen. Dann erst sah er Roberto. Es blitzte kurz in seinen Augen. Jemand sagte ihm, das wäre Walt Halloween. Daraufhin fing er hart und trocken zu lachen an.

„Wie hat er sich genannt?“

„Walt Halloween.“

„Verdammt noch mal, habt ihr denn alle Puderzucker im Schädel? Das ist Roberto Tardelli! Seid ihr denn schon so lange keine Polizeibeamten mehr, dass ihr seinen Steckbrief vergessen habt?“

Alle Augen richteten sich auf Roberto, der sich plötzlich nicht recht wohl in seiner Haut fühlte. Als Polizisten hätten ihn diese Männer festnehmen müssen. Was würden sie als Ex-Polizisten tun? Er spannte die Muskeln, war bereit aufzuspringen und sich gegen diese Übermacht zu verteidigen.

Sullivan baute sich breitbeinig vor Roberto auf. „Die Mafia sieht in diesem Mann einen ihrer gefährlichsten Feinde“, erklärte der Chef der kleinen Privatarmee seinen Leuten. „Sein Vater war der Boss der Schwarzen Rose, einer Unterorganisation der Mafia, die hauptsächlich mit der Liquidierung von Gegnern oder unliebsamen Mitgliedern beauftragt war. Doch dem Mann stieg sein Erfolg zu Kopf. Er hielt sich für einen der mächtigsten Männer der Mafia und als ihm zu Ohren kam, dass ein Mafioso aus einer anderen Organisation gegen ihn intrigierte, ließ er diesen kurzerhand abservieren. Mit dieser Tat hatte Ernesto Tardelli jedoch eine Bombe gelegt, die ihn kurz darauf selbst zerriss. Diesem Anschlag fiel auch Tardellis Schwester zum Opfer. Seither ist dieser Mann, den wir hier in unserer Mitte haben, der erbittertste Feind der Mafia.“ Schweigen. Roberto spürte alle Augen auf sich ruhen.

Sullivan wandte sich nun an ihn: „Sie werden wegen Polizistenmordes gesucht.“

„Ich habe damals in Notwehr geschossen“, erwiderte Roberto ernst.

„Das lässt der Staatsanwalt nicht gelten.“

„Das ist leider mein Pech. Was werden Sie nun tun?“

Sullivan hob die Schultern. „Ich bin kein Polizist mehr. Jedenfalls nicht mehr nach außen hin. Sie sind gegen die Mafia. Das sind wir auch. Ich sehe keine Veranlassung, Sie der City Police oder dem FBI zu übergeben.“

„Ich danke Ihnen für dieses Entgegenkommen“, sagte Roberto. Er erwähnte, dass er gesehen hatte, wie Ireen verschleppt wurde. Sullivans Gesicht wurde hart. Wie aus Stein gemeißelt sah es aus. Sullivan hatte ihn vor dem Flughafengebäude nicht gesehen. Roberto erzählte, wie er versucht habe Ireen den Mafiosi wieder abzujagen, dass ihm das aber leider nicht geglückt sei. Sullivan ballte die Hände zu Fäusten.

„Damit hat sich Saweso selbst sein Todesurteil gesprochen“, schnarrte er mit schmalen Augen.

„Was haben Sie vor?“, fragte Roberto beunruhigt.

„Ich werde Saweso eine Rechnung präsentieren, die so hoch ist, dass er sie mit seinem Leben bezahlen muss!“

„Sie wissen, dass Sie dazu kein Recht haben, Sullivan!“

„Recht? Hatte denn Saweso ein Recht, meine Schwester zu entführen und zwei meiner besten Freunde umzubringen?“

„Wenn Sie Gleiches mit Gleichem vergelten, stellen Sie sich mit diesen Verbrechern auf eine Stufe!“

„Was erwarten Sie von mir? In dieser Stadt würden eine Menge Menschen erleichtert aufatmen, wenn es Saweso und seine verdammten Banditen nicht mehr gäbe. Soll ich diesen Satansbraten vielleicht mit Samthandschuhen anfassen?“

„Wie’s im Moment aussieht, können Sie so gut wie nichts gegen Saweso unternehmen.“

„Wie kommen Sie denn darauf?“, fragte Sullivan aufbrausend.

„Er hat Ihre Schwester. Alles, was Sie gegen ihn in die Wege leiten, hat Ireen auszubaden. Lassen Sie mich das Mädchen suchen. Sie mögen ein guter Polizist gewesen sein, Sullivan, aber mit dieser Wut im Bauch würden Sie blind in jedes offene Messer rennen.“

„Er hat sich an Ireen vergriffen. Dafür muss ich ihn bestrafen!“

„Er kriegt seine Strafe. Dafür verbürge ich mich“, sagte Roberto eindringlich. „Geben Sie mir zwölf Stunden, Sullivan. Wenn es mir nicht gelingt, Ireen in dieser Zeit von Saweso loszueisen, räume ich das Feld, okay? Dann können Sie immer noch das tun, was Sie jetzt im Sinn haben. Aber in zwölf Stunden werden Sie es überlegter tun. Sie sind doch mit mir einer Meinung, dass wir das Leben Ihrer Schwester auf gar keinen Fall gefährden dürfen. Wenn Sie jetzt losrennen und auf Mafiosi schießen, schickt Ihnen Saweso Ihre Schwester postwendend tot ins Haus, darauf können Sie Gift nehmen.“

Sullivan massierte sein Kinn. Er dachte an Ireen. Tardelli hatte recht. Aber wie würde das Mädchen zwölf Stunden in der Gewalt dieser verfluchten Verbrecher aushalten?

„Was möchten Sie unternehmen, Tardelli?“, fragte er heiser.

„Haben Sie eine Ahnung, wohin Saweso Ihre Schwester bringen ließ?“

„Nein.“

„Von wem würden Sie’s rauszukriegen versuchen?“

Sullivan hob die Schultern. „Vielleicht von Mitch Mufiu. Er ist ein halber Japaner. Hat meines Wissens bei Entführungen schon einige Male Quartiere für Saweso besorgt. Vielleicht hat er es auch diesmal getan. Wenn nicht, weiß er wahrscheinlich, wer dem Don diesmal gefällig sein durfte.“

„Wo wohnt Mufiu?“, fragte Roberto sofort.

Sullivan nannte die Adresse.

„Wäre Mufiu der einzige, an den Sie sich halten würden?“, forschte Roberto weiter.

„Als zweiten würde ich mir Sawesos Finanzmanager Tonio Gardenia vorknöpfen“, knurrte Sullivan. „Einer von den beiden weiß garantiert, wo Ireen versteckt wurde.“

Roberto erhob sich. „Ich hoffe, dass die Stadtverwaltung bald wieder mehr Geld zur Verfügung hat, Mr. Sullivan. Es ist schade, dass sich New York im Augenblick einen Mann wie Sie nicht leisten kann.“

Er wollte gehen. Sullivan hielt ihn am Arm zurück. „Wollen Sie Mufiu und Gardenia etwa allein aufsuchen?“

„Wenn ich mit großer Kavallerie angeritten käme, würden die Kerle von unserer Staubwolke gewarnt werden und noch vor unserem Eintreffen untertauchen.“

Sullivan seufzte. „Halten Sie mich auf dem Laufenden, Tardelli. Sie können sich nicht vorstellen, wie es zurzeit in mir aussieht.“

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Mitch Mufiu wohnte, wenn Sullivan recht hatte, in Hollis, hinter der Jamaica Avenue. Roberto Tardelli tupfte den Taxi Driver an und bat ihn, an der nächsten Ecke zu halten. Er bezahlte den Fahrpreis und verließ das Yellow Cab. Als er in die Seitenstraße einbog, schlurfte ihm ein abenteuerlich gekleideter Penner entgegen. Der Mann stank drei Meilen gegen den Wind, trug die Frühjahr-, Sommer-, Herbst-und Wintergarderobe am Leib und hatte an seinem Gürtel eine Pfanne hängen, die bei jedem Schritt dumpf klopfte.

Nach fünfzig Yards änderte Roberto noch mal die Richtung und dann erlebte er eine herbe Überraschung. Das Haus, in dem Mitch Mufiu wohnen sollte, gab es nicht mehr. Es war abgerissen worden. Nicht einmal die Grundmauern standen mehr. Man war mittlerweile darangegangen, den Bau eines neuen Hauses in Angriff zu nehmen. Es gab schon dicke Grundpfeiler, die später die Glas-Betonkonstruktion tragen würden. Auf einer übermächtigen, nicht zu übersehenden Tafel wurde gezeigt, wie das fertige Gebäude mal aussehen würde. Und daneben waren sämtliche Firmen angeführt, die an diesem Bau beteiligt waren.

Roberto vergewisserte sich an Hand des Straßenschilds und der Nummern der Nachbarhäuser, dass er richtig war. Kein Zweifel. Mufiu hatte keine Möglichkeit mehr, hier zu wohnen.

Aus der Dunkelheit, die auf der Baustelle lastete, traten plötzlich zwei knöcherne Gestalten. Sie hatten nur Hemd und Hosen am Leib, und ihre Schuhe waren kaum noch als solche anzusprechen. Ihre Augen lagen in tiefen, grauen Höhlen. Vom Mensch zum Skelett fehlte bei ihnen wirklich nur mehr ein winziger Schritt.

Dennoch waren die beiden nicht ungefährlich.

Roberto erkannte sofort, dass er es mit zwei Süchtigen zu tun hatte, die auf der Suche nach ein paar Dollars waren, die sie unbedingt haben mussten, denn die Dealer geben keinen Kredit.

„Mister!“, sagte der eine. Über seinen Kleiderbügelschultern hing ein grünes Hemd. „Warten Sie einen Moment!“

Der andere, er trug ein graues Hemd, das bis zum Nabel offen war, wodurch man sämtliche Rippen seines eingesunkenen Brustkorbs sehen konnte, sagte: „Wir müssen mit Ihnen reden.“

„Was gibt’s?“, fragte Roberto ärgerlich. Er hatte noch nicht verdaut, dass er die Fahrt hierher umsonst gemacht hatte und es ging ihm gegen den Strich, sich mit solchen Typen zu unterhalten. Die waren fertig. Mit denen war nichts mehr los. Sie hatten sich vom Rauschgift unterkriegen lassen. Jetzt rasten sie bergab. Ihre Talfahrt würde wohl nicht mehr allzu lange dauern. Einmal würde die Polizei sie schnappen. In der Zelle, wenn sich die Entzugserscheinungen bemerkbar machten, würden sie dann vermutlich für immer abtreten, denn ihre ausgemergelten Körper würden solchen Strapazen nicht mehr gewachsen sein.

Vielleicht kauften sie sogar Don Ernesto Sawesos Heroin.

Roberto ballte unwillkürlich die Fäuste bei diesem Gedanken.

Der Rote riss ein Messer aus der Hosentasche. Die blitzende Klinge klappte auf. Mit schmalen Augen zischte der verrückte Bursche: „Los, Mann! Gib alles Geld her, das du bei dir hast!“

„Ich trage nur Schuldscheine mit mir herum!“, gab Roberto eisig zurück. Verflucht, sie sollten es lieber nicht versuchen, denn sein italienisches Blut würde überkochen, wenn sie es wagten, ihn anzugreifen.

„Sieh an, ein Witzbold!“, kicherte der Graue.

„Ich warne dich!“, zischte der Rote zornig. „Wir meinen es ernst.“

„Ihr kriegt keinen Cent von mir. Ich meine es auch ernst!“, knurrte Roberto.

„Du denkst wohl, du hättest gegen mein Messer eine Chance, was?“

„Steck es weg, Junge, sonst verletzt du dich damit am Ende noch selbst.“

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Mann, hier kannst du dir den Hals wund schreien. Kein Bulle wird dir zu Hilfe kommen! Dies ist eine gute Gegend für einen Überfall!“

„Die Gegend mag gut sein, aber nicht der Mann, an dem ihr euch versucht!“, gab Roberto frostig zurück. „Besser, ihr zieht jetzt Leine, ehe ich die Geduld verliere.“

„Ich hör’ wohl nicht richtig!“, begehrte der Graue auf. „Der Bursche riskiert auch noch die große Lippe.“

„Los, los!“, blaffte der Rote. „Mach keine Faxen! Her mit den Moneten, sonst muss ich dir den Bauch aufschneiden und mich hinterher selbst bedienen.“

„Das probier mal!“, erwiderte Roberto gespannt.

Der Irre versuchte es tatsächlich. Schnaufend stürmte er auf Roberto ein. Er schien das Geld wirklich verdammt nötig zu haben. Der Graue griff ebenfalls sogleich an. Er hatte die Absicht, sich auf Roberto zu werfen und seine Arme festzuhalten. Roberto kümmerte sich nicht um ihn. Er konzentrierte sich auf das Messer des Roten. Als der Bursche ihn erreichte, riss Roberto das Bein hoch. Der Rote stieß einen heiseren Schmerzenslaut aus. Das Messer flog ihm aus der Hand und in hohem Bogen davon.

Jetzt gab Roberto den Kerlen, was sie verdienten.

Er feuerte mehrere brettharte Schläge ab, die die dürren Klappermänner nur mit Mühe verkraften konnten. Endlich schaffte es der Graue, Robertos Brustkorb und die Arme zu umklammern! Der Rote sah noch eine Chance. Er wollte sich mit seinen Fäusten in Robertos Bauch wühlen, doch dieser machte eine blitzschnelle Drehung mit dem Oberkörper. Die dürftige Umklammerung löste sich. Roberto traf das Nasenbein des Roten und die Kinnspitze des Grauen. Die beiden Süchtigen torkelten mehrere Meter zurück und dann nahmen sie die Beine in die Hand und rannten davon, so schnell sie konnten.

Augenblicke später waren sie in der Finsternis der Baustelle verschwunden.

Roberto massierte seine roten Knöchel. Er wusste, dass er nicht viel erreicht hatte. Die Kerle brauchten nach wie vor Geld, um sich den nächsten Schuss, den sie dringend nötig hatten, zu verpassen. Sie hatten es hier nicht geschafft. Also würden sie es woanders noch einmal versuchen. Sie mussten ein paar Dollar haben. Vielleicht würde beim nächsten mal ein alter Mann oder eine Frau, die allein auf dem Heimweg war, dran glauben müssen.

Sie würden nicht aufgeben, ehe sie ihr Ziel erreicht hatten. Sie konnten nicht aufgeben. Dieses gottverdammte Rauschgift hatte sie fest in seinen Klauen.

Und Don Ernesto Saweso war einer von den Männern, die sich damit eine goldene Nase verdienten.

Schritte. Roberto Tardelli wandte sich um. Ein Mann, ebenso breit wie hoch, kam grinsend auf ihn zu. Er applaudierte begeistert und sagte: „Bravo, Mister. Bravo. Den Hurensöhnen haben Sie’s ganz schön gemischt. Das war eine Glanzleistung. Ich hab’s von Anfang an mitbekommen. Sie waren keine einzige Sekunde in Gefahr.“

Roberto musterte den Mann. „Was hätten Sie getan, wenn ich in Gefahr geraten wäre? Wären Sie davongelaufen?“

„O nein, ich hätte Ihnen geholfen.“ Der Mann reichte Roberto bis an die Brustwarzen. Was hätte der ihm schon helfen können? Roberto musste lächeln. „Ich bin kein Feigling“, sagte der Kugelrunde.

„Ehrlich gesagt, man sieht Ihnen den Kämpfer nicht gerade an.“

„Das ist ja mein Erfolgsgeheimnis. Ich habe solche Typen schon zweimal durch mein unerschrockenes Auftreten in die Flucht gejagt. Sie dachten, ich würde mir in die Hosen machen. Statt dessen griff ich sie an. Darauf waren sie nicht vorbereitet. Sie nahmen Reißaus wie diese beiden Filzläuse eben. Man darf sich niemals einschüchtern lassen, sonst kriegen sie Oberwasser. Wenn man keine Furcht zeigt, werden sie unsicher. Dann braucht man sie nur noch laut anzubrüllen, und sie geben Fersengeld.“

Ganz so einfach war es zwar nicht, wie der Kugelrunde das darstellte, aber Roberto widersprach ihm nicht. Er fragte statt dessen: „Wohnen Sie in dieser Gegend?“

„Ja. Gleich dort.“

„Haben Sie die beiden Kerle hier schon mal gesehen?“

Der Kugelrunde schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. „Neue Gesichter, Sir. Völlig unbekannt.“ Roberto wies mit dem Daumen dorthin, wo einst Mitch Mufiu gewohnt hatte. „Da stand mal ein Haus.“

„Ja. Keine Zierde für unsere Stadt. Es war Zeit, dass es abgerissen wurde.“

„Hat man die Mieter gleich mit abgerissen?“

„Die zogen weg.“

„Wohin?“

„In alle Himmelsrichtungen. Ein paar von ihnen verließen sogar die Stadt.“

„Waren Sie mit einigen Leuten aus diesem Haus bekannt?“

Der Kugelrunde nickte. „Mit einigen.“

„Auch mit Mitch Mufiu?“

„Sie meinen diesen halben Japaner? Nein, mit dem hatte ich keinen Kontakt. Nicht eine Silbe habe ich mit ihm gewechselt.“

„Weshalb nicht?“

„Es kam einfach nie dazu“, erwiderte der Kugelrunde und zuckte mit den dick gepolsterten Schultern.

„Haben Sie eine Ahnung, wohin Mufiu gezogen sein könnte?“, erkundigte sich Roberto ohne Hoffnung. Er wurde nicht enttäuscht. Der Mann konnte ihm leider nicht helfen. Also musste er sich an Sawesos Finanzmanager Tonio Gardenia halten. Mufiu oder Gardenia. Einer der beiden wusste bestimmt, wohin Ireen Sullivan verschleppt worden war. Dieser Ansicht war jedenfalls Thornwall Sullivan.

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Gardenia besaß ein Haus in South Brooklyn, nicht weit entfernt von der Gowanus Bay. Das Grundstück war mit einer hohen Backsteinmauer eingefriedet. Dahinter ragten prächtige Nordmanntannen auf. Roberto klingelte nicht am Gittertor, sondern überkletterte die Mauer. Auf der anderen Seite landete er in einem weichen, englisch kurz geschnittenen Rasen.

Langsam krabbelte der Mond am Himmel hoch. Einige Sterne funkelten wie hochkarätige Diamanten auf schwarzem Samt. Irgendwo bellte ein Hund. Birkenlaub bedeckte den Boden und raschelte, wenn ein Windstoß hineinblies. Im Erdgeschoss des herrschaftlichen Tudor Hauses waren noch alle Lichter an. Rechts gähnte die große Öffnung der Garage, in der ein Bus von Greyhound Platz gehabt hätte. Ein mächtiger Straßenkreuzer stand darin. Gardenia schien vergessen zu haben, das Garagentor zu schließen.

Roberto huschte an Hibiskussträuchern vorbei. Er erreichte einen kleinen, künstlich angelegten Teich, in dem Seerosen wuchsen und in dessen Mitte ein Springbrunnen seine Wasserfontäne hoch in die Luft jagte.

Die Idylle eines Verbrechers. Alles hier war von gemeinen Blutsaugergeschäften finanziert worden. Musik in Gardenias Haus. Eine Quadrophon-Anlage ließ die Fenster vibrieren. Die vier Lautsprecher im Gebäude schmetterten soeben das Warschauer Konzert.

Roberto überquerte geduckt einen geharkten Kiesweg.

Gardenia würde aus allen Wolken fallen, sobald ihm klar war, wer der abendliche Besucher war. Roberto erreichte die offene Garage, an deren Ende es eine Tür gab, durch die man in Gardenias Haus gelangte. Es würde nicht leicht sein, Gardenia zum Reden zu bringen, denn alle Mafiosi hielten sich an die Omerta, an das ungeschriebene Gesetz des Schweigens. Wer es brach, verwirkte damit im Allgemeinen sein Leben.

Es wurde aus Angst geschwiegen.

Folglich war ein Mafioso nur dann zum Reden zu bringen, wenn man imstande war, ihm noch mehr Angst zu machen, als es die Organisation tat.

Roberto setzte den Fuß in die Garage.

Plötzlich vernahm er hinter sich ein Geräusch. Wie von der Tarantel gestochen fuhr er herum. Seine Fäuste zuckten hoch. Gardenia ließ sein Haus von einem Grizzlybären bewachen. Der Bursche war größer als Roberto. Zwei Meter maß er bestimmt. Er hatte Schultern wie ein Holzfäller und mit seinen riesigen Händen konnte er sicherlich T-Träger verbiegen.

Sein Gesicht war schmal und brutal. Mit seinem Blick konnte er jeden Löwen erschrecken. Er schlug sofort zu. Von vielen Fragen schien er nichts zu halten. Seine Faust blieb in Robertos Deckung hängen. Der Schlag riss Roberto aber trotzdem zurück und warf ihn gegen Gardenias Straßenkreuzer. Der Mann war eine gefährliche Dampframme. Roberto war zwar kein Schwächling, aber diesen Bärenkräften war er erkennbar unterlegen.

Er versuchte dieses Manko durch Schnelligkeit und Wendigkeit wettzumachen. Ein Hieb des Gorillas riss ihm beinahe den Kopf von den Schultern. Benommen wankte er zurück und versuchte sich hastig wieder zu sammeln. Knurrend setzte sein Gegner nach. Er verfügte über einen gefährlichen Killerinstinkt. Sein Magenhaken schleuderte Roberto Tardelli gegen die Wand. Ein wahnsinniger Schmerz durchraste Robertos Leibesmitte.

Schon drosch der Hüne wieder zu.

Roberto warf sich zur Seite. Er riss einen halb vollen Benzinkanister von der Werkbank. Dumpf wummernd rollte der Blechbehälter über den Garagenboden. Wenn Gardenia das nicht gehört hatte, musste er auf den Ohren sitzen.

Robertos Fuß traf den Unterleib des Riesen. Der Bursche fauchte wütend und verzerrte das Gesicht. Erstmals verspürte auch er einen heftigen Schmerz. Roberto wiederholte diese Attacke wegen des großen Erfolges. Das brachte den Kerl für einen Augenblick aus der Fassung. Die wenigen Sekunden reichten Roberto, um sich mit einer handlichen Eisenstange zu bewaffnen und als der Rammbock mit gesenktem Haupt erneut zum Angriff überging, zog Roberto ihm mit der Stange blitzschnell den Scheitel nach.

Dieser Treffer war selbst für den harten Gorilla zuviel.

Er erstarrte mitten in der Bewegung, verdrehte die Augen und ging zu Boden. Roberto wollte aufatmen, doch dazu kam es nicht, denn plötzlich war Tonio Gardenia hinter ihm. Sawesos Finanzmanager brummte unmissverständlich: „Okay, Junge, du hattest deinen SPass. Jetzt bin ich dran! Lass die Eisenstange fallen und hebe ganz langsam die Hände. Und ... huste nicht, sonst bist du tot!“

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Roberto Tardelli schwitzte und atmete schwer. Der Gorilla hatte ihm eine Menge abverlangt. Da lag er nun, ausgestreckt und mit friedlich schlafenden Zügen, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun, dieser scheinheilige Knilch. Vor wenigen Augenblicken hatte er noch ganz anders ausgesehen.

„Wer bist du?“, fragte Gardenia schneidend. „Was hast du hier zu suchen?“ In der Stimme des Finanzmanagers schien Verblüffung und Bewunderung mitzuschwingen. Vermutlich hatte vor Roberto noch keiner den Grizzly auszuknocken vermocht.

Roberto Tardelli sagte absichtlich die Wahrheit, um Gardenia zu schocken: „Mein Name ist Tardelli. Roberto Tardelli. Ich bin gekommen, weil ich mit dir über die Entführung von Ireen Sullivan reden möchte!“

Er spürte, wie die Pistole, die Gardenia ihm gegen die Wirbelsäule drückte, kurz zuckte. Der Mann war erschrocken. In diesem Augenblick rechnete er gewiss mit keinem Angriff.

Deshalb attackierte Roberto ihn gerade jetzt. Sein Fuß sauste nach hinten. Er traf Gardenias Schienbein knapp unterhalb des Knies. Sawesos Finanzmanager schrie schmerzvoll auf. Er vergaß abzudrücken und als er den Stecher seiner Waffe dann hochzog, stand Roberto Tardelli nicht mehr vor der Mündung der Kanone.

Roberto stieß die Pistolenhand zur Seite. Der brüllende Schuss ging weit daneben. Die Kugel schlug in die gegenüberliegende Wand. Tonio Gardenia drückte noch einmal ab. Das Projektil ratschte über das Dach des Straßenkreuzers. Dann fegte Robertos Handkante wie ein Fallbeil herab. Gardenia presste die Kiefer zusammen. Seine Finger schnappten auf. Die Waffe fiel zu Boden und schlitterte unter den Wagen.

Doch so leicht wollte sich Gardenia nicht geschlagen geben.

Saweso würde sich hinterher ausführlich berichten lassen. Die Story musste ihm gefallen, sonst fiel Tonio Gardenia trotz aller Vorzüge, die er auf finanziellem Sektor zweifellos hatte, in Ungnade. Mit bloßen Händen fuhr Gardenia dem Mafiajäger an die Kehle. Aber der Mafioso war nicht annähernd so kräftig wie sein riesenhafter Leibwächter. Mit ihm hatte Roberto Tardelli verhältnismäßig wenig Arbeit.

Zunächst riss Roberto seine Arme blitzschnell von unten nach oben. Dadurch befreite er sich von Gardenias Würgegriff. Ehe Gardenia nochmals zupacken konnte, schickte Roberto eine Gerade auf die Reise. Sie traf voll. Tonio Gardenia torkelte zurück und kippte nach hinten weg. Er stieß sich den Kopf hart an der Werkbank. Das raubte ihm für eine Weile die Besinnung.

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Nun hatte Roberto Tardelli Zeit, seine Vorbereitungen zu treffen. Er fesselte und knebelte den Gorilla und verstaute ihn in dem geräumigen Kofferraum.

Als nächstes war Tonio Gardenia dran.

Roberto schnürte auch ihm Arme und Beine zusammen und holte anschließend den Benzinkanister, der den Finanzmanager auf den Plan gerufen hatte. Er öffnete den Schraubverschluss und wartete.

Gardenia seufzte tief. Es hörte sich an, als wäre er unendlich traurig. Roberto machte Licht. Gardenia blinzelte. Er war noch zu benommen, um sich an das erinnern zu können, was vor wenigen Augenblicken gelaufen war. Aber dann kam die Erinnerung fast schlagartig wieder. Tonio Gardenia riss bestürzt die Augen auf.

„Tardelli! Verdammt, das wird Sie teuer zu stehen kommen!“

Roberto lächelte,  aber es war ein eiskaltes Lächeln. „Ich mache mir um mich keine Sorgen.“

„Das sollten Sie aber. Diesmal sind Sie zu weit gegangen. Saweso wird sich das nicht bieten lassen. Er wird seine Männer hinter Ihnen her hetzen ...“

Roberto hob gleichmütig die Schultern. „Hinter mir ist immer irgendjemand her. Allmählich gewöhne ich mich daran.“

„Saweso wird Ihnen das Herz aus dem Leib reißen lassen.“

„Dazu müsste er mich erst kriegen.“

„Das wird er. Verlassen Sie sich darauf. Das wird er!“

„Wo ist Ireen Sullivan?“, fragte Roberto schneidend.

Gardenia bleckte wütend die Zähne. „Denken Sie wirklich, dass ich Ihnen das sage?“

„Sie wissen es also.“

„Vielleicht.“

„Wo hat Saweso das Mädchen hinbringen lassen? Ich rate Ihnen, es mir zu sagen, bevor ich die Geduld verliere, Gardenia. Nichts ist mir mehr verhasst als Ungerechtigkeit. Vielleicht habe ich aus diesem Grund Jura studiert. Saweso und Sullivan sind sich nicht grün. Okay. Das ist eine Sache, die nur die beiden etwas angeht. Ich finde es unfair, ein unschuldiges Mädchen in diese verfluchte Geschichte mit hineinzuziehen.“

„Sie ist Sullivans Schwester!“

„Das ist aber auch schon alles, was ihr ihr vorwerfen könnt!“, schrie Roberto dem Mafioso ins Gesicht.

Im Kofferraum des Straßenkreuzers begann der Gorilla zu stöhnen. Gardenias Augen weiteten sich abermals. „Mein Gott, Tardelli, was haben Sie mit Alberto gemacht?“

„Keine Sorge, er wird’s überleben. Der Kofferraum ist ausreichend belüftet. Gardenia, ich warte immer noch auf Ihre Antwort.“

„Da können Sie lange warten, Tardelli!“

„Mann, zwingen Sie mich nicht, etwas zu tun, was mir gegen den Strich geht.“

Gardenia lachte wild auf. „Was wollen Sie denn tun? Möchten Sie mich umbringen? Das würde Ihnen nichts nützen. Dann wüssten Sie erst recht nicht, wo Ireen Sullivan hingebracht wurde.“

Roberto sah ihn kalt an. „Ich krieg’s aus Ihnen heraus.“

„Niemals.“

„Omerta, nicht wahr? Diesmal werden Sie dieses Gesetz brechen, Gardenia.“

Der Mafioso hob trotzig den Kopf und blickte Roberto Tardelli spöttisch an. „Womit wollen Sie das denn erreichen?“

„Damit!“, sagte Roberto hart. Er griff nach dem Benzinkanister, richtete sich auf. „Sie werden reden, oder brennen, klar?“ Er konnte nicht wissen, dass Roberto nur bluffte und seine Drohung um keinen Preis wahrgemacht hätte.

„Tardelli!“, kreischte Gardenia bestürzt. „Tardelli, das können Sie doch nicht machen!“

„Ich kann. Ich kann, weil ich muss!“, gab Roberto unterkühlt zurück.

Gardenia wurde totenbleich. „Tardelli, ich flehe Sie an, Sie ...“

„Sie wissen, wie Sie Ihre Haut retten können!“

„Das darf ich nicht. Ich darf das Gesetz des Schweigens nicht brechen.“

„Es wäre besser für Sie, wenn Sie diesmal eine Ausnahme machten!“ Roberto hob den Kanister leicht an. „Tardelli, Sie sind wahnsinnig. Was Sie vorhaben, ist glatter Mord!“

„Wohin wurde Ireen Sullivan verschleppt?“, fragte er unnachgiebig.

Angst und Schrecken verzerrten das Gesicht des Mafioso. Seine Augen traten weit aus den Höhlen.

„Halt! Halt, Tardelli! Ich rede! Ich werde reden! Mein Gott, tun Sie diesen verdammten Kanister weg!“

„Wo ist Ireen Sullivan?“

„Sie befindet sich im Golden Moon.“

„Golden Moon?“

„Das ist ein Nachtklub. Er gehört Don Ernesto, aber er tritt nicht als Besitzer auf. Hannibal Cach ist der Mann, der den Betrieb führt. Ein Strohmann. Das Mädchen ist bei Cach.“

Roberto ließ den Kanister sinken. „Habe ich nicht gesagt, dass Sie reden werden?“ Er schleuderte den Benzinkanister zur Seite. Dann machte er kehrt und verließ die Garage. Er schloss das Tor. Nun konnte er Gardenia und seinen Gorilla getrost vergessen.

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Don Ernesto Saweso hatte Dino Merassi an der Strippe. Die Geschichte, die Rico Musante, Fausto Tinti und Mauro Carpendo zugestoßen war, lag dem Mafiaboss schmerzhaft im Magen. Vor allem aber beunruhigte ihn die Tatsache, dass Roberto Tardelli versucht hatte, ihm eine Wanze unterzujubeln. Ärgerlich nagte er an seiner Unterlippe. Musante, Tinti und Carpendo hatten sich in jenem Lagerhaus an den Brooklyn Piers nicht gerade rühmlich ausgezeichnet. Zu dritt waren sie gewesen und dennoch hatten sie Roberto Tardelli nicht geschafft. Musante und Tinti war es zwar gelungen, Tardelli zu überwältigen, doch anschließend waren sie im Atlantik baden gegangen. Zum Henker, war es denn tatsächlich so schwierig, Roberto Tardelli zur Strecke zu bringen?

„Was macht die Puppe?“, fragte Saweso mit finsterer Miene.

„Sie ist in den Hungerstreik getreten. Sie nimmt keine Nahrung zu sich und sie trinkt auch nichts.“

„Das hält sie nicht lange durch. Ist der Name Tardelli wieder mal aufgetaucht?“

„Nein.“

„Habt ihr euch auch gründlich genug umgehört?“

„Wir haben alle Männer angezapft, die Tardelli kennen. Keiner hat ihn gesehen. Er ist spurlos von der Bildfläche verschwunden.“

Saweso rümpfte die Nase. „Das ist nicht gut. Verdammt schlecht ist das.“

„Vielleicht hat er die Stadt verlassen.“

„Das glaubst du doch wohl selbst nicht!“, rief Saweso ärgerlich aus. „Tardelli hat sich etwas vorgenommen. Der geht nicht, ehe er sein Ziel erreicht hat, darauf kannst du dich verlassen. Versuche herauszukriegen, wo er sich versteckt hält. Sag allen unseren Freunden, dass mir die Nennung seines Aufenthaltsortes zehntausend Dollar wert ist. Ich denke, das wird die faulen Säcke in Trab bringen.“

„Okay, Boss“, sagte Merassi. „Ich werde gleich mal herumtelefonieren. Haben Sie irgendwelche Anweisungen bezüglich des Mädchens?“

„Nein. Die bleibt vorerst mal in unserem Gewahrsam. Kein Kontakt zu Sullivan. Kein Lebenszeichen von seiner entführten Schwester. Nichts. Wir lassen ihn einfach mal zappeln. Das wird ihn mürbe machen. Du wirst sehen, in drei Tagen frisst uns dieser Bastard aus der Hand. Und dann machen wir ihn und seine Männer mit einem blitzschnellen Handstreich fertig.“

„Und was wird aus dem Mädchen?“ Es funkelte gehässig in Sawesos Augen. Er lachte blechern. „Sag mal, was würde Sullivan wohl dazu sagen, wenn wir seine kleine Schwester süchtig machten?“

„Das würde ihm bestimmt das Herz brechen.“

„Dann machen wir’s.“

„Geben wir sie ihm erst zurück, wenn sie von selbst zu pushen angefangen hat?“

„Vielleicht“, erwiderte Saweso mit einem diabolischen Lächeln. „Wir könnten aber auch noch einen Schritt weitergehen und die Puppe auf den Strich schicken, sobald sie ohne das Zeug nicht mehr leben kann.“

Dino Merassi lachte am anderen Ende schallend. „Ein genialer Plan, Boss. Wann fangen wir damit an?“

„Gebt ihr die erste Ration noch heute.“

„Okay, Boss. Wird gemacht.“

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Roberto Tardelli hielt Ausschau nach einem Taxi. Diejenigen, die er entdeckte, waren alle besetzt. Ärgerlich ging er ein Stück des Weges zu Fuß. Er schob die Hände in die Hosentaschen und überlegte, wie er sich unerkannt im Golden Moon umsehen konnte. Sein größtes Handikap war sein Gesicht. Je häufiger er sich mit der Mafia herumschlug, desto mehr Mafiosi wussten, wie er aussah. In einigen Mafia-Unternehmen hing sein Foto an der Wand und die Angestellten waren angewiesen, sofort Alarm zu schlagen, wenn sie diesem Gesicht in natura begegneten.

Er kam an einem mehrstöckigen Warenhaus vorbei. Ein zarter, schmalhüftiger Bursche mit Nickelbrille und schulterlangem Haar war mit dem Dekorieren der Auslage beschäftigt. Roberto blieb kurz stehen, sah dem geschickten Jungen zu und hatte plötzlich eine Idee. Der Auslagenarrangeur bemerkte ihn und lächelte ihn an. Der Knabe machte es wohl nicht so gern mit Mädchen.

Roberto lächelte zurück.

Der Trick mit den hundert Dollar hatte schon einmal hingehauen. Roberto griff erneut darauf zurück. Er presste den Schein an das dicke Glas und bewegte die Lippen so, dass der Junge daran ablesen konnte, was er von ihm wollte. Ohne Stimme fragte Roberto: „Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?“

Der Junge dachte an das andere und nickte sofort erfreut. Er rückte sich schnell die Nickelbrille zurecht und schlängelte sich zwischen den Schaufensterpuppen hindurch. Er wies zum Eingang des Warenhauses und gab Roberto auf die gleiche Weise zu verstehen, er möge dorthin kommen.

Roberto nickte und trabte los.

Der Junge schloss die Tür auf. Er machte einen glücklichen Eindruck. Roberto bedauerte, ihm seine Illusionen gleich wieder zerstören zu müssen. „Hallo“, hauchte der Junge. Er musterte Roberto interessiert.

„Guten Abend“, erwiderte Roberto ernst.

„Willst du hereinkommen? Es ist niemand im ganzen Warenhaus außer mir.“

„Ich möchte dich nicht von deiner Arbeit abhalten.“

„Die kann ich später immer noch machen. Ich habe Zeit bis morgen früh. Und du?“

„Ich leider nicht.“

„Soll ich dir die Couch-Abteilung zeigen?“

Roberto schluckte. Donnerwetter, der Junge ging ran. „Nein“, sagte er hastig. „Vielen Dank. Kein Interesse.“

Der Junge senkte den Blick. „Tu das Geld weg. Oder willst du mich beleidigen?“

„Ich glaube, wir verstehen einander falsch, Freund. Ich möchte dir dieses Geld nicht dafür geben, damit du nett zu mir bist. Ich brauche deine Hilfe und ich dachte, mit hundert Dollar könnte ich sie kaufen.“ Enttäuschung schlug sich auf die Züge des Jungen nieder. „Ach so“, sagte er seufzend. „Na, lass mal hören, was kann ich für dich tun?“

„Ich habe dringend einen Nachtklub aufzusuchen, aber es ist für mich sehr wichtig, dass man mich da nicht sofort erkennt, verstehst du?“ Der Junge nickte. „Aber ich weiß nicht, wie ich dir dabei helfen sollte.“

„In diesem Warenhaus gibt’s doch bestimmt eine Hair-Abteilung.“

„Natürlich.“

„Verschaff mir eine blonde Perücke und eventuell einen dazu passenden Bart, den ich mir ins Gesicht kleben kann.“

Der Junge zögerte. „So etwas darf ich nicht tun. Das kann mich meinen Job kosten.“

„Hätte es dich nicht auch deinen Job kosten können, wenn du mit mir in die Couch Abteilung gegangen wärst? Okay, sag du, wieviel ich bezahlen soll.“

„Brauchst du’s wirklich so dringend?“

„Mein Leben hängt davon ab, nicht erkannt zu werden.“

Das ging dem Jungen unter die Haut. Er straffte seinen Rücken und sagte ernst: „Warte einen Augenblick.“ Er lief davon und als er wiederkam, brachte er verschiedene Perücken und Bärte, um Roberto auswählen zu lassen. Roberto entschied sich rasch. Als er dem Jungen die hundert Dollar geben wollte, wehrte dieser kopfschüttelnd ab. „Behalte das Geld.“

„Hör mal, ich will nicht, dass du Schwierigkeiten hast“, sagte Roberto schnell.

„Diese Dinger gehören zum Dekorationsmaterial. Ich denke nicht, dass ich sie noch mal brauchen werde.“

„Dann kauf dir irgendwas von dem Hunderter.“

„Mir genügt die Freude, dir geholfen zu haben“, erwiderte der Junge lächelnd. Vermutlich wurde er von allen Leuten verspottet, weil er Gay war. Man mochte über ihn denken, wie man wollte. Roberto fand ihn jedenfalls schwer in Ordnung.

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Es war elf, als Roberto Tardelli das Golden Moon erreichte. Der falsche Bart klebte fest an Oberlippe und Kinn. Die blonde Perücke verdeckte sein dunkles Haar vollkommen. Er hatte sich kurz im Rückspiegel des Taxis betrachtet, mit dem er hierhergekommen war und er hatte zufrieden festgestellt, dass er dem Roberto Tardelli, auf den die Mafia-Schergen so verdammt scharf waren, kaum mehr ähnlich sah.

Der Nachtklub strahlte in den Regenbogenfarben. Girls, Amüsement, harte Drinks, alles wartete hier auf den zahlungskräftigen Kunden. Sicherlich bekam man unter dem Tisch auch Marihuana, Haschisch, Heroin und dergleichen Dreckszeug mehr.

Wenn Tonio Gardenia die Wahrheit gesagt hatte, dann wurde Ireen Sullivan hier festgehalten. Roberto zweifelte nicht einen Augenblick daran, dass er sich auf das verlassen konnte, was ihm Gardenia gesagt hatte, denn in einer Situation wie jener, in der sich der Finanzmanager befunden hatte, lügt man nicht mehr.

Ein Türsteher, groß wie ein Schiffsmast, nickte Roberto freundlich zu. „Guten Abend, Sir. Ich wünsche Ihnen viel SPass.“ Damit stieß er die Tür auf, damit Roberto eintreten konnte.

Roberto hörte hinter sich jemanden kichern. „Na, du alte Schreckschraube, erkennst du Fatty Genster nicht wieder?“ Diese Worte galten dem Türsteher. Roberto wandte sich um. Er sah einen bulligen Mann mit herrischer Nase und geröteten Wangen, der gerade einen Magenhaken andeutete, womit er den Türsteher jedoch nicht aus der Reserve zu locken vermochte. „Einmal!“, knurrte Genster ärgerlich. „Nur ein einziges Mal möchte ich dich lachen sehen!“ Er schüttelte den Kopf. „Aber daraus wird wohl nichts, wie? Hast anscheinend Angst, dass dir die Lachfalten nicht zu Gesicht stehen.“

Fatty Genster stakste an dem reglos dastehenden Türsteher vorbei auf Roberto zu, legte diesem die Hand freundschaftlich auf die Schulter und sagte: „Na, Mister. Auch zu jeder Schandtat bereit?“

„Das kommt ganz darauf an, was mich da drinnen erwartet“, gab Roberto schmunzelnd zurück.

Fatty Genster riss die Augen auf. „He, wollen Sie damit etwa andeuten, dass Sie hier noch nie drinnen waren?“

„Genau das.“

„Mann, da sind Sie bis zum heutigen Tage aber ganz schön am Leben vorbeigegangen. Das Golden Moon ist ein irrer Geheimtipp. Da muss man einfach gewesen sein.“

„Deshalb bin ich ja hier.“

„Sehen Sie, ich bin Seemann. Ich kenne die ganze Welt wie meine Westentasche. Glauben Sie mir, auf dem ganzen Globus gibt es kein Lokal, das sich mit diesem hier messen könnte. Deshalb führt mich mein erster Weg nach langer Fahrt sofort immer wieder hierher, denn da stimmt einfach alles: die Girls, die Preise, die Dekoration, die Atmosphäre. Verdammt und zugenäht, ich fühle mich hier drinnen einfach pudelwohl. Sagen Sie mal, warum gehen wir nicht endlich hinein?“

Fatty Genster ließ sich nicht mehr abschütteln. Er hatte, wie er erzählte, schon einige Whiskys geschluckt, doch das hinderte ihn nicht daran, einen Hocker am Tresen zu entern und gleich wieder neuen Treibstoff zu bestellen. Roberto lud er ein, und er wäre bitterböse gewesen, wenn dieser abgelehnt hätte.

Der Tresen war ein großes Hufeisen, an dem ein bunt zusammengewürfeltes Völkchen saß. In der Mitte flitzten drei elegante Barkeeper hin und her. Sie mixten nicht nur die Drinks für die Leute am Tresen, sondern bereiteten auch die Getränke für die Service-Girls vor, die diese auf silbernen Tabletts zu den Tischen trugen.

Die Wände waren verspiegelt. Die Tanzfläche bestand aus Glasziegeln und war von unten rot beleuchtet. Eine Band verdiente sich mit guter, sauberer Musik ihr Geld. Alles schien seine Richtigkeit zu haben und doch gehörte auch dieser Betrieb der Mafia. Das bedeutete: wenn man nur fest genug am herrlichen Lack kratzte, musste darunter verborgener Dreck zum Vorschein kommen.

Genster prostete Roberto zu und trank. Dann wies er so stolz, als gehörte der Nachtklub ihm, mit einer alles umfassenden Handbewegung um sich und fragte: „Na, wie gefällt’s Ihnen?“

Roberto lächelte. „Ich denke, hier kann man sich wohl fühlen.“

„Sag’ ich doch. Sagen Sie mal, haben Sie keinen Namen?“

„Doch“, antwortete Roberto grinsend.

„Warum nennen Sie ihn nicht? Ist es ein Zungenbrecher? Dann werden wir eine Abkürzung dafür finden. Ich möchte schließlich wissen, mit wem ich hier sitze und Whisky trinke.“

„Walt Halloween“, sagte Roberto.

„Na also. Dafür brauchen Sie sich nicht mal zu schämen. Ich bin Fatty ...“

„Genster. Ich weiß. Sie haben es draußen vor dem Lokal laut genug geschrien.“

Fatty kicherte. „Ich war nicht sicher, ob der Türsteher gute Ohren hat. Kommen Sie, Walt. Wir nehmen gleich noch einen zur Brust.“

Roberto sah sich aufmerksam um. Er entdeckte kein bekanntes Gesicht. Entweder hatten Sawesos Leute hier striktes Lokalverbot oder es gab noch andere Räume, in denen sie unter sich waren.

Zwei Taxigirls pirschten sich an Roberto und Fatty heran. Eine vollbusige Brünette und eine nicht minder üppige Blonde. Die Brünette hakte sich unkompliziert bei Roberto unter. Sie drückte sich an ihn und ihre goldenen Brüste schienen über den Rand des Ausschnitts zu quellen.

„Niemand soll sich bei uns einsam fühlen, Großer“, sagte die Lady. „Dazu sind wir da. Wenn du tanzen möchtest, stehe ich dir gern zur Verfügung. Du brauchst nur die Tickets zu kaufen und schon geht’s los.“

Die Blonde sagte zu Fatty Genster ungefähr dasselbe. Er lachte. „Mädchen, ist dir noch nicht aufgefallen, dass ich ein Holzbein mit ’nem Linksgewinde habe? Wir müssten uns immer nur rechtsrum drehen, damit es sich nicht losschraubt ... Nein, also im Ernst, ich kann keinen Schritt tanzen. Ich bin Seemann, verstehst du? Nicht Rudolf Nurejew. Du würdest nach dem ersten Boogie deine Zehen nicht mehr wiedererkennen.“ Die Blonde zuckte mit den Achseln und versuchte ihr Glück anderswo.

„Und wie steht’s mit dir?“, fragte die Brünette Roberto. „Kannst du auch nicht tanzen?“

„Doch. Aber nur mit Führerschein und den habe ich heute leider zu Hause vergessen.“

Damit waren sie die Mädchen los. Lachend bestellte Fatty Genster die dritte Lage. Roberto fing an zu bremsen. Er musste seine fünf Sinne beisammen halten. Er konnte es sich nicht leisten, sich mit Fatty zu betrinken. Der Seebär legte es offenbar darauf an.

„Eine Goldgrube, dieser Nachtklub“, sagte Roberto. „Weißt du, wem er gehört?“

Genster begrüßte das vertrauliche Du mit einem großen Schluck Whisky. „Hannibal Cach“, sagte er dann grinsend. Und er fügte hinzu: „Man kann das Golden Moon mit einem Eisberg vergleichen. Was du hier siehst, ist noch lange nicht alles.“ Roberto horchte auf. „Was wird denn noch geboten?“

„Im Souterrain gibt es einen riesigen Fitnessraum. Da kann jeder, der Lust hat, seine Muskeln stählen.“

Genster schüttelte den Kopf. „Ist nicht mein Fall. Ich tue auf See genug für meine Muskeln. Hierher komme ich, um mich zu entspannen. Und auch dafür ist gesorgt. Mensch, Walt, im Golden Moon arbeiten die hübschesten Masseusen von New York. Hast du das nicht gewusst?“

„Nein.“

„Hast du Lust auf eine kleine Massage mit allen Schikanen?“ Fatty kniff spitzbübisch ein Auge zu und rammte Roberto den Ellenbogen in die Seite. „Ich sage dir, hier kommst du voll auf deine Kosten. Die Mädchen haben allerhand auf dem Kasten. Die bringen dich verdammt auf Vordermann, das schwör’ ich dir. Dagegen arbeiten die Thai Masseusen in Bangkok mit zwei linken Händen. Du solltest dir das mal gönnen. Dein Körper würde es dir ewig danken.“

Roberto nickte entschlossen. „Na schön. Und wohin muss ich mich in diesem Fall wenden?“

Fatty Genster schlug Roberto fest auf die Schulter. „Freund, wir beide haben denselben Weg.“

Sie lösten an einer Kasse zwei Fitnesstickets und Fatty Genster zeigte dem Neuen sodann, wo’s lang ging. Sie stolperten über eine Wendeltreppe nach unten und erreichten einen mit Neonröhren taghell ausgeleuchteten Gang. Obwohl alles genau beschriftet war, ließ es sich Fatty nicht nehmen, zu erklären, wo es in den Fitnesssaal ging und wohin man sich wenden musste, wenn man scharf auf eine regenerierende Massage war.

Roberto wies mit dem Daumen über seine Schulter nach hinten. „Und wohin käme ich da?“

„In der Richtung liegen die Geschäftsräume des Klubs“, erklärte Fatty Genster. „Da ist man aber nicht gern gesehen.

„Weshalb nicht?“

„Keine Ahnung. Vielleicht bastelt Hannibal Cach heimlich an seiner ersten Atombombe. Interessiert mich nicht. Solange mir seine Mädchen jeden Wunsch von den Augen ablesen, kann Cach mir gestohlen bleiben.“ Der Seebär steuerte die Massageabteilung an. „Pass auf, was du gleich erleben wirst, Mann. Die Augen werden dir wie Sektkorken aus dem Kopf fliegen, das garantiere ich dir.“ Er öffnete die Tür. Nun hatten sie noch mal zwanzig Türen vor sich. An jeder klebte ein postkartengroßes Farbfoto. Darunter stand der Name der jeweiligen Masseuse. Über den Türen gab es rote und grüne Lämpchen. Wenn rot leuchtete, war die Masseuse besetzt. Wenn grün strahlte, durfte man anklopfen, sein Ticket abgeben und der angenehmen Dinge harren, die sodann auf einen zukamen.

„Meine Favoritin ist Candice Shout“, sagte Fatty Genster mit glasigen Augen. „Ich hab’ sie alle schon durchprobiert. Candice ist das Nonplusultra. Aber auch Sally Banks ist ’ne Wucht.“ Der Seemann wies auf das Foto einer strammen Rothaarigen. Mehr konnte er für Roberto nicht tun. Im Moment hatte er es verdammt eilig, zu Candice zu kommen. Er atmete erleichtert auf, als er feststellte, dass Candice frei war. Grinsend winkte er Roberto zu. „Pack’s an, Junge. Sag Sally einen schönen Gruß von mir, dann gibt sie sich mit dir besonders Mühe.“

Roberto nickte.

Fatty trommelte mit seinen harten Fäusten gegen die Tür, stieß sie auf, jodelte übermütig und stürmte dann lachend in den Massageraum. Die Tür flog hinter ihm mit einem lauten Knall zu. Er hatte seine Candice mal wieder.

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Roberto machte kehrt.

Das Mädchen an dem er interessiert war, hieß nicht Sally Banks, sondern Ireen Sullivan. Er trat wieder auf den Korridor hinaus. Die Geschäftsräume des Klubs, da wo Hannibal Cach seine vermeintliche A-Bombe baute, hatten längst Robertos Neugier geweckt. Er war fast sicher, dass er dort Ireen wiederfinden würde.

Mit schnellen Schritten eilte er den Gang entlang.

Plötzlich vernahm er Männerstimmen. Er sah sich hastig um. Eine schmale Tür fiel ihm auf. Er rannte auf sie zu, öffnete sie, trat in einen engen finsteren Raum, in dem die Reinigungsgeräte abgestellt waren. Die Männer kamen rasch näher. Roberto hielt unwillkürlich den Atem an, obwohl keine Gefahr bestand, dass man ihn entdeckte.

Kurz darauf herrschte auf dem Gang wieder Ruhe.

Roberto drückte die Tür sachte auf. Die Luft war rein. Er eilte weiter und gelangte noch mal zu einer Wendeltreppe. Unten angekommen, verharrte er kurz. Er hörte jemanden reden, vernahm jedoch keine Antworten, deshalb vermutete er, dass der Mann, dessen Stimme er hörte, telefonierte. Diesem Geräusch wollte er sich nähern.

Doch plötzlich gewahrte er aus den Augenwinkeln eine blitzschnelle Bewegung. Hinter der Wendeltreppe war  buchstäblich aus dem Nichts ein Mann hervorgewachsen. Der Kerl hatte Körpermaße, die nicht zu unterschätzen waren. Und er hielt einen Totschläger in der hoch geschwungenen Rechten, der noch viel weniger zu unterschätzen war.

Das Ding sauste auf Robertos Kopf zu.

Der Mafiajäger blockte den kraftvollen Schlag schnell ab und konterte mit einem Treffer in die Herzgrube. Der Mafioso gurgelte. Roberto packte den Arm des Gegners und drehte ihn wild herum. Der Mann stöhnte auf und musste den Totschläger fallenlassen. Nun bedachte Roberto ihn mit einem unerbittlichen Schlaghagel. Der Kopf des anderen pendelte zwischen Robertos Fäusten hin und her.

Der letzte Treffer.

Ein klatschendes Geräusch. Der Mafioso flog nach hinten und landete mit dem Rücken an der Wand. Roberto setzte augenblicklich nach. Er riss die Luger aus dem Schulterholster, nachdem er den Totschläger an sich genommen hatte und drückte dem keuchenden Mann die Waffe unters Kinn. Der Mafioso streckte sich entsetzt.

Mit schreckgeweiteten Augen wartete er auf den Schuss, der ihn töten würde.

„Du hast nur noch eine Chance!“, zischte Roberto Tardelli eiskalt.

Dem Mann brach der Schweiß aus allen Poren.

„Sag mir. wo ich Ireen Sullivan finde!“, verlangte Roberto scharf.

„Am Ende dieses Ganges ... da ist ein Doppelraum ... dort ist das Mädchen!“, stieß der Mafioso heiser hervor.

„Es geht ihr doch hoffentlich gut.“

„Sie ist okay.“

„Ihr Dreckschweine habt sie nicht angefasst?“

„Nein. Keiner von uns.“

„Wird sie bewacht?“

„Ja.“

„Von wieviel Mann?“

„Von einem. Er sitzt im Vorraum.“

„Hannibal Cach weiß von der Entführung?“, wollte Roberto wissen.

„Ja. Es war seine Idee, das Mädchen hier zu verstecken.“

Roberto nickte mit finsterer Miene. „Okay. Dann geh jetzt mal voraus. Wir wollen Ireen aus ihrem Mauseloch rausholen!“

Der Mafioso setzte sich in Bewegung. Aber er machte nur zwei Schritte, dann kreiselte er urplötzlich herum. Seine Faust schoss aus der schwungvollen Drehung heraus nach Roberto Tardellis Schläfe. Wenn sie ihr Ziel getroffen hätte, wäre Roberto unweigerlich von den Stelzen gefallen. Aber Roberto hatte in den dunklen Augen des Mafioso ein gefährliches Blitzen gesehen und mit einem solchen Angriff gerechnet. Jetzt, wo er kam, reagierte er augenblicklich. Er federte in die Hocke. Der Mafioso konnte seine Faust nicht mehr stoppen. Sie raste über Roberto drüber. Und dann schlug Roberto zu. Gleich mit der Luger. Hart und präzise.

Den Gangster warf es schwer nieder.

Roberto packte den Ohnmächtigen bei beiden Beinen. Er schleifte ihn zur Wendeltreppe zurück und versteckte ihn da. Nun galt es nur noch, einen Mann auszuschalten. Dann bekam Ireen Sullivan ihre Freiheit wieder.

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Ireen ängstigte sich in ihrem Kerker halb tot. Sie saß auf dem Stahlrohrbett und betrachtete ihre zitternden Finger. Sie merkte, dass sie auf einen Nervenzusammenbruch zusteuerte, ohne es verhindern zu können. Dino Merassi war vor wenigen Augenblicken hier gewesen. Er hatte sich breitbeinig vor ihr aufgebaut und sie hämisch angegrinst.

„Na, Baby. Immer noch keinen Hunger?“, hatte er gefragt.

„Ich esse und ich trinke nichts!“, hatte Ireen starrsinnig geantwortet. „Und ich lasse mich dazu nicht zwingen.“

„Du wirst zum Skelett abmagern ...“

„Das ist mir egal.“

„... und schließlich wirst du sterben.“

„Ich verlange, dass ihr mich freilasst.“

Merassi hatte den Kopf geschüttelt. „Geht nicht. Unmöglich. Aber der Boss hat eine andere Idee: Wir werden dir Heroin spritzen. Am Anfang nur ganz wenig, damit sich dein Körper daran gewöhnt. Nach und nach werden wir die Dosis erhöhen und schließlich wirst du so süchtig sein wie viele Pusher in unserer schönen Stadt. Du wirst den Tanz auf der Nadel genießen, Baby. Du wirst ihm entgegenfiebern. Du wirst alles für einen einzigen Schuss tun. Sogar deinen Bruder wirst du für uns killen, wenn wir es von dir verlangen, nur um neuen Stoff in die Adern zu bekommen. Wir werden dich zu unserem Werkzeug machen. Wie gefällt dir das?“

„Ihr Teufel!“, hatte Ireen verzweifelt geschrien. „Ihr hundsgemeinen Teufel! Warum tut ihr mir das an?“

„Weil du Sullivans Schwester bist! Und weil Sullivan sich erdreistet hat, offen gegen uns Stellung zu beziehen. Ist eben Pech für dich. Du hättest dir einen klügeren Bruder aussuchen sollen.“

Merassi hatte sich umgewandt. Ireen war vom Bett aufgesprungen und hatte sich kreischend auf ihn gestürzt. Sie wollte ihn kratzen, beißen, niederschlagen, doch sie war nicht kräftig genug. Dino Merassi machte kurzen Prozess mit ihr. Er versetzte ihr eine schallende Ohrfeige, die sie auf das Bett zurückwarf und verließ dann den Raum.

Ireens zitternde Hände waren feucht vom Schweiß.

Ihr furchterfüllter Blick wanderte zur Tür. Gleich würde Merassi mit dem Rauschgift kommen. O Gott! Ireen fing zu weinen an. Sie schlug die Hände vors Gesicht. O Gott! Lass es nicht zu!, bettelte sie. Lass es nicht zu, dass mir diese Verbrecher das antun!

Sie war entschlossen, sich bis zuletzt gegen das Rauschgift zu wehren. Sie würde um sich schlagen. Sie würde nicht zulassen, dass man ihr die Nadel in die Vene stieß. Sie würde nichts unversucht lassen, um es zu verhindern.

Details

Seiten
500
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738917871
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
sammelband krimis sieben morde streich

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

    1239 Titel veröffentlicht

  • Pete Hackett (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

  • Theodor Horschelt (Autor:in)

  • Cedric Balmore (Autor:in)

Zurück

Titel: Sammelband 7 Krimis: Sieben Morde auf einen Streich