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Arztroman Sammelband 3 Romane: Ein Kind für Dr. Büttner /Ein Baby ist mein Herzenswunsch / Eine Liebe – ein ganzes Leben lang

von Glenn Stirling (Autor) A. F. Morland (Autor) Horst Weymar Hübner (Autor)

2018 380 Seiten

Leseprobe

Arztroman Sammelband 3 Romane: Ein Kind für Dr. Büttner /Ein Baby ist mein Herzenswunsch / Eine Liebe – ein ganzes Leben lang

A. F. Morland et al.

Published by Alfred Bekker, 2018.

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Arztroman Sammelband 3 Romane:  Ein Kind für Dr. Büttner /Ein Baby ist mein Herzenswunsch / Eine Liebe – ein ganzes Leben lang

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Drei Romane von A.F.Morland, Horst Weymar Hübner und Glenn Stirling!

Eine körperlich behinderte junge Frau und ihr glühender Kinderwunsch – Dr. Florian Winter steht vor einer großen Herausforderung. Zudem muss er sich mit den Schattenseiten seiner Beliebtheit herumschlagen, denn durch seine konsequente Haltung und seine intelligente Autorität hat er sich offenbar Feinde gemacht und jemand versucht ihn zu „stalken“. Als sei dies nicht genug, hat er sich auch noch mit der rätselhaften „Kanülen-Affäre“ zu beschäftigen. Aber während des aufreibenden Klinikalltages gibt es für den sympathischen Gynäkologen auch immer wieder wunderbare Lichtblicke ...

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Ein Kind für Dr. Büttner

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von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

Nachdem der alte Schreiner, der Vater der Geschwister Erich und Loni Zielstorff gestorben ist, stehen die Geschwister vor dem Ruin. Erich versucht, einen Bankrott der geerbten Schreinerei zu verhindern. Es muss ein Wunder geschehen.

Seine Schwester Loni erlebt derweil in der Liebe einige Kapriolen, die viel Kraft kosten. Ein Unfall, den sie selber verschuldet hat durch ihren Übermut, verändert ihr Leben und nun muss sie sich einigen Turbulenzen stellen, wobei ihr das Team der Wiesen-Klinik hilfreich zur Seite steht.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Loni Zielstorff - Sie begegnet der Liebe gleich zweimal, und das bleibt nicht ohne Folgen.

Erich Zielstorff - Ihr Bruder übernimmt die väterliche Schreinerei, die kurz vor dem Bankrott steht. Er hat einige Ideen, wie er den Betrieb retten könnte.

Paul Breitenbach - Mit einem Sturz vom Rad beginnt für ihn das große Glück. Aber zunächst sieht es nicht danach aus.

Sowie Chefarzt Dr. Richard Berends, seine Frau Charlotte und das Team der Wiesen-Klinik.

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Loni Zielstorff weinte leise. Immer wieder putzte sie sich geräuschvoll die Nase. Ihre blauen Augen waren rotgeweint.

„Wir haben getan, was wir konnten“, sagte Dr. Berends. „Aber wenn die Krankheit einmal soweit fortgeschritten ist...“ Er seufzte. „Der Medizin sind Grenzen gesetzt. Ihr Vater hätte früher zu uns kommen sollen, gleich bei den ersten Anzeichen der Beschwerden. Viele Menschen begehen diesen Fehler. Sie warten so lange, bis es zu spät ist, haben nicht den Mut, ein Krankenhaus aufzusuchen und wenn sie sich dann endlich dazu entschließen, stehen wir ihrer Krankheit machtlos gegenüber. Es hilft keine Operation mehr, kein Medikament. Wir können nur noch für ein Ende ohne allzu große Schmerzen sorgen.“

Erich Zielstorff, Lonis Bruder, ballte bitter die Hände zu Fäusten.

„Vater hat sein ganzes Leben gerackert. Er hatte keine Zeit, krank zu sein, sich mal auszukurieren. Er arbeitete buchstäblich bis zum Umfallen. Und wofür? Mit seiner Schreinerei ging es ständig bergab. Die großen Fabriken drückten ihn mit ihren Billigangeboten an die Wand. Die Qualität, die er lieferte, auf die er so stolz war, wollte sich niemand mehr leisten. Ein Schrank muss heute nicht mehr für die Ewigkeit gebaut sein. Man kauft ihn billig, hat ihn ein paar Jahre und schmeißt ihn dann wieder raus. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Damit konnte sich Vater nicht abfinden. Er baute seine Schränke weiterhin für Generationen. Er hat sich totgearbeitet, Dr. Berends. Und es hatte nicht mal einen Sinn.“

Loni schluchzte und strich sich eine blonde Strähne aus dem aparten Gesicht. Sie und ihr Bruder sahen sich nicht im entferntesten ähnlich.

Erich war groß, dunkelhaarig und muskulös, während sie zierlich und schmal wie eine Elfe war. Niemand hätte sie für Geschwister gehalten.

Umständlich stand Erich Zielstorff nun auf.

„Komm, Loni, wir gehen.“

Sie erhob sich und wischte sich die Tränen von den blassen Wangen. Auch Dr. Richard Berends stand auf. Erich Zielstorff reichte ihm die Hand.

„Danke für alles.“

Der Chefarzt nickte stumm. Er reichte auch Loni die Hand, dann verließen die beiden sein Büro. Die junge Frau wurde von ihrem Bruder gestützt. Er ging betont aufrecht, wirkte trotzig. Sollten die Schläge, die ihm das Schicksal bescherte, noch so hart sein, er würde sich nicht unterkriegen lassen. Diesen Eindruck erweckte er.

Seine Schwester war nicht so stark. Sie konnte nicht verbergen, dass sie sich elend fühlte.

Draußen stießen sie beinahe mit Dr. Jürgen Büttner zusammen. Der junge Chirurg, eine hochqualifizierte Kraft, arbeitete eng mit dem Chefarzt der Wiesen-Klinik zusammen.

Dr. Berends schätzte ihn sehr, denn er war nicht nur äußerst tüchtig, sondern auch sehr zuverlässig.

Privat war Dr. Büttner unermüdlich auf der Suche nach der richtigen Frau. Woran es lag, dass er sie nicht finden konnte, wusste niemand, nicht einmal er selbst.

Lag es an ihm? Legte er zu hohe Maßstäbe an? Kam kein weibliches Wesen dem Idealbild seiner Traumfrau Cosima, die vor Jahren gestorben war, nahe genug, dass er die Suche beenden konnte?

Der Chirurg verliebte sich oft, doch zumeist handelte es sich nur um ein rasch aufloderndes Strohfeuer, das sehr bald schon wieder erlosch und sich an einer anderen „Flamme“ aufs neue entzündete.

„Entschuldigen Sie“, sagte er und trat zur Seite.

Loni Zielstorff hob ihr schmales Gesicht und schaute den gutaussehenden Arzt traurig an. Ihre Blicke begegneten sich nur für einen kleinen Augenblick, dann gingen sie aneinander vorbei.

Aber irgendetwas blieb in ihnen beiden hängen, ohne dass es ihnen bewusst wurde.

Dr. Büttner war gekommen, um ein paar Fragen zu klären, die den Operationsplan betrafen. Er schloss die Tür.

„Wer war das?“, fragte er.

„Loni und Erich Zielstorff“, antwortete Dr. Berends.

Dr. Büttner wusste Bescheid. „Hübsches Mädchen“, bemerkte er und setzte sich, als ihm Dr. Berends Platz anbot.

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Jetzt haben wir nur noch uns beide“, sagte Erich Zielstorff während der Heimfahrt. „Was auch immer kommt, Loni, wir müssen wie Pech und Schwefel Zusammenhalten. Ich werde versuchen, die Talfahrt unseres Betriebs zu stoppen. Wir müssen die Schulden senken, die Auftragslage verbessern, umdenken, umorganisieren. Wir haben gute Leute. Ich möchte keinen entlassen müssen. Zwei von ihnen arbeiten schon länger in unserer Schreinerei, als wir beide auf der Welt sind. Sie haben Familie. Ich kann sie nicht auf die Straße setzen. Wenn ich aber so weitermache, wie Vater den Betrieb geführt hat, sind wir schon bald bankrott. Immer wenn ich von Änderungen sprach, wurde Vater fuchsteufelswild. Er wollte nichts davon wissen. Das Unternehmen ist krank, aber Vater war nicht bereit, etwas zu seiner Sanierung beizutragen. Er hinterlässt uns einen Trümmerhaufen.

„Bitte, Erich“, sagte Loni mit dünner Stimme.

„Entschuldige. Ich kritisiere Vater nicht. Ich habe ihn genauso geliebt wie du, und es schmerzt mich ebenso wie dich, dass er nicht mehr bei uns ist. Vater war der beste Schreiner, den es gab, aber er war ein schlechter Geschäftsmann. Ich hoffe, ich kann die Fehler, die er gemacht hat, noch ausbessern.“

Sie erreichten ihr kleines Haus, das ihr Vater mit seinen eigenen Händen und wenig Unterstützung gebaut hatte und als Loni die Holzbank sah, auf der Vater so gern - jedoch viel zu selten - gesessen hatte, fing sie wieder an zu weinen.

Das Haus war an der Nordseite mit immergrünem Efeu berankt und in einem kleinen Gärtchen davor blühten farbenfrohe Blumen, an deren Schönheit sich der alte Schreiner kaum mal erfreut hatte.

Er hat nie gelebt, dachte Loni unendlich traurig. Er hat immer nur gearbeitet und nicht verstanden, warum ihm der Erfolg versagt blieb.

Vielleicht hätte er wirklich auf Erich hören sollen.

In der angrenzenden Werkstatt wurde nicht gearbeitet. Als Erich Zielstorff die Nachricht bekommen hatte, dass sein Vater gestorben war, hatte er die Arbeiter nach Hause geschickt.

Die Stille, die herrschte, war bedrückend. Erich führte seine Schwester ins Haus. Loni sank in einen Sessel und starrte geistesabwesend die Wand an.

Erich goss Kognak in zwei Schwenker.

„Es gibt so viele Dinge zu erledigen, wenn ein Mensch stirbt und alles sollte möglichst sofort geschehen, aber, Herrgott nochmal, mir steht jetzt nicht der Sinn danach. Das Leben ist rücksichtslos und grausam. Es lässt uns nicht einmal die Zeit zu trauern. Es sollte jemanden geben, der einem all diese Dinge abnimmt, damit man sich ungestört mit seinem Schmerz auseinandersetzen und ihn bewältigen kann.“

Er reichte seiner Schwester den Schwenker.

An der Wand hing ein großes gerahmtes Foto. Es zeigte Lonis und Erichs Eltern. Die Mutter war eine magere unscheinbare Frau gewesen, eine schweigsame Dulderin.

„Sie hatten beide nichts vom Leben“, sagte Erich finster. „Haben immer nur gespart, sich nie einen Urlaub geleistet, zäh und verbissen eine Firma aufgebaut, die nichts abwirft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie jemals glücklich waren.“

„Doch, Erich, das waren sie. Sie waren es miteinander und mit uns.“

„Mit uns“, entgegnete der Bruder, „Wir zwei verkörperten für sie doch nur zusätzliche Sorgen. Es waren zwei hungrige Mäuler mehr satt zu kriegen. Wir haben uns nicht darum gekümmert, wie sie es schafften, woher sie das Geld nahmen, mit dem sie unsere Wünsche finanzierten, die manchmal beinahe unverschämt waren. »Wieso hat Wilhelm ein Fahrrad und ich nicht? Wieso darf Albert den Schikurs mitmachen und ich nicht? Ich bekam mein Fahrrad und war beim Schikurs dabei. Ach, Loni, warum begreift man als Kind sowenig?“

„Weil man erst lernen muss zu verstehen.“

„Manchmal frage ich mich, ob es Kinder gibt, die ihre Eltern früher ins Grab bringen. Haben auch wir dazu beigetragen, dass Mutter und Vater nun tot sind?“

Loni schüttelte langsam den Kopf. „Nein, Erich, daran haben wir keine Schuld. Es war ihnen bestimmt.“ Sie stellte das Glas weg, ohne getrunken zu haben, entschuldigte sich und begab sich in ihr Zimmer.

Erich trank beide Kognaks und er hätte die Gläser am liebsten gegen die Wand geschleudert.

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Tags darauf traf sich Erich Zielstorff mit einem Mann namens Franz Peter Dehme. Das war ein dicker, kahlköpfiger, unsympathischer Mensch, der geborene Geschäftsmann, gerissen und eiskalt. Die Höflichkeit, mit der er seinen Mitmenschen begegnete, war aufgesetzt und spürbar unaufrichtig. Nichts ging Franz Peter Oehme über den eigenen Vorteil. Böse Zungen behaupteten, er hätte sogar dem Teufel seine Seele verkauft, wenn der Preis gestimmt hätte. Noch bösere Zungen sagten, dass der Teufel Oehmes Seele gar nicht haben wolle.

Der Mann baute Ferienhäuser im In- und Ausland. Er hatte klein angefangen, aber heute gehörte er zu denen, die es geschafft hatten. Aufträge, die er zu vergeben hatte, brachten keine Riesenprofite ein, doch wenn man Oehme zufriedenstellte, konnte man mit weiteren Aufträgen rechnen.

Man verdiente nicht viel, aber Arbeiter und Maschinen waren ausgelastet und darauf kam es Erich Zielstorff an.

Beide Männer saßen in einem gutbürgerlichen Restaurant im Zentrum von Bergesfelden und dinierten fürstlich. Bezahlen würde Erich müssen, denn er hatte Oehme eingeladen.

Und wenn Oehme eingeladen war, wählte er aus, was gut und teuer war und er fand kein Ende. Nach der Vorspeise und der sättigenden Hauptspeise ließ er sich auch die Nachspeise schmecken.

Er trank Whisky pur und türkischen Kaffee und ließ sich vom Kellner eine dicke Zigarre bringen.

„Ihr Vater war der beste Schreiner, den ich kannte“, sagte Oehme, nachdem endlich nichts mehr in ihn hineinging. „Aber er war ein lausiger Geschäftsmann.“

Erich Zielstorff ärgerte sich. Was Oehme sagte, stimmte zwar, aber der junge Mann wollte es trotzdem nicht hören.

„Ich möchte es besser machen“, sagte er mit belegter Stimme.

Franz Peter Oehme nickte überzeugt.

„Das werden Sie, denn schlechter, als Ihr Vater den Betrieb geführt hat, ging’s ja nicht mehr.“

Erich Zielstorff schluckte. Wenn er nicht so dringend einen Auftrag von Oehme gebraucht hätte, hätte sich dieser unverschämte Kerl etwas anhören können.

„Sie führen den Betrieb also weiter“, sagte Franz Peter Oehme. „Sieht nicht gut aus um das Unternehmen, nicht wahr?“

„Ich werde es schon irgendwie schaffen. Mit viel Fleiß und den richtigen Geschäftspartnern...“

„Tja, von Geschäften muss man etwas verstehen. Man muss wissen, wem man Preisnachlässe gewähren muss. Ihr Vater hat alle Kunden gleich behandelt und das war falsch.“

Der Geschäftsmann grinste.

„Wir wollen nicht über meinen Vater reden“, sagte Erich mit unterdrückter Wut.

„Sind Sie der Ansicht, mir steht keine Kritik zu?“, Oehme lachte. „Was haben Sie vor?

„Wir haben Ihnen einen Kosten-Voranschlag gemacht...“

„Wollen Sie Harakiri machen? Ihre Schreinerei ist nicht konkurrenzfähig. Die Maschinen sind überaltert...“

„Sagen wir mal so, die Auftragslage könnte ruhig etwas besser sein“, antwortete der Gefragte.

„Ein Witz. Ein echter Witz“, unterbrach ihn Oehme. „Wahrhaftig zum Totlachen. Es ist doch wohl klar, dass ich Ihr Offert nicht ernst genommen habe. Mein Lieber, ich bin im Besitz von Angeboten, die fast halb so hoch sind. Wenn Sie die Niedrigangebote unterbieten wollen, müssen Sie mit Verlust arbeiten.“

„Auch dann nicht, wenn mein Offert unter dem billigsten Angebot der Konkurrenz liegt?Schließlich kann man mich nicht mit jedermann vergleichen.“

„Wie wollen Sie das denn schaffen?“

„Ich finde einen Weg.“

„Sie scheinen mir ein Träumer zu sein, Herr Zielstorff.“

„Das ist mein Problem“, sagte Erich drängend. „Geben Sie mir eine Chance, Herr Oehme.“

„Bei gleicher Qualität?“

„Nennen Sie mir die Summe, die es zu unterbieten gilt!“

„Mein lieber Herr Zielstorff, ich bin kein Mitglied der Heilsarmee und auch kein barmherziger Bruder.

„Wen interessiert schon die Qualität? Die Leute wollen billig kaufen.“

„Ein alter Spruch lautet: 'Wer billig kauft, kauft teuer' “, sagte Erich Zielstorff.

„Leider muss ich Ihnen jetzt ein bisschen weh tun, mit mir können Sie nämlich nicht rechnen.“

„Das kann ich mir nicht leisten. Das Geschäftsleben ist sehr hart, da weht ein rauer Wind. Ich mag Sie. Sie sind ein sympathischer junger Mann, sind dynamisch, haben Ideen, wollen kämpfen. All diese Vorzüge schätze ich an Ihnen sehr, aber wenn es ums liebe Geld geht, darf es keine Sentimentalitäten geben. Mir tut es leid, dass Ihre Firma so schlecht dasteht, aber ich kann es mir nicht leisten, Sie zu unterstützen.“

„Aber ich bin bereit, das Offert nochmal in allen Punkten durchzugehen. Ich bin sicher, die Gesamtsumme lässt sich senken. Ich werde rigorose Streichungen vornehmen.“

Franz Peter Oehme lehnte sich zurück und paffte genüsslich.  Er musterte Erich Zielstorff von oben herab.

Ich könnte dich ohrfeigen, du mieser, fetter Kerl! dachte Erich angewidert.

„Das verlange ich ja nicht von Ihnen. Ich bitte Sie lediglich, mein Angebot zu berücksichtigen.“

„Sie werden es nicht leicht haben, den verfahrenen Karren wieder flott zu kriegen“, sagte Oehme. „Ihr Angebot kommt zu spät. Ich habe bereits mit jemand anders abgeschlossen.“

Das war eine eiskalte Dusche für Erich Zielstorff. Oehme hatte gewusst, dass dieses Treffen sinnlos war, aber er hatte die Gelegenheit wahrgenommen, sich mal wieder gratis den Wanst vollzuschlagen.

Du bist widerlich! dachte Erich voller Verachtung.

„Vielleicht klappt’s ein andermal", sagte Franz Peter Oehme.

„Ja“, sagte Erich Zielstorff wie vor den Kopf geschlagen. „Vielleicht.“

Man muss so sein wie Oehme, um zu etwas zu kommen.

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Als man Alexander Zielstorff zur letzten Ruhe bettete, war es nebelig. Loni Zielstorff ging unglücklich und in Tränen aufgelöst hinter dem Sarg und konnte es immer noch nicht begreifen, dass ihr Vater nicht mehr lebte.

Was ist ein Menschenleben? Nichts. Ein winziges Flämmchen nur, das ungeschützt in der unendlichen Weite des Daseins steht. Ein einziger kräftiger Windstoß genügt und es ist vorbei.

Schwermütige Gedanken gingen der trauernden jungen Frau durch den Kopf. Erich ging neben ihr. Er warf ihr manchmal einen prüfenden Blick zu, als wollte er sich vergewissern, dass sie nicht zusammenbrach.

Von der Grabrede des Priesters bekam Loni kaum etwas mit. Sie fing nur hin und wieder ein paar Wortfetzen auf, dann schweiften ihre Gedanken wieder ab.

Dann warf sie eine dunkelrote Rose ins offene Grab und die Trauergäste, die gekommen waren, um dem Toten das letzte Geleit zu geben, sprachen ihr und ihrem Bruder ihre aufrichtige Anteilnahme aus.

Alles war für Loni Zielstorff irgendwie unwirklich. Sie fühlte sich wie eine stumme Beobachterin, stand gewissermaßen hinter sich selbst.

Natürlich war auch die Belegschaft da. Ein Arbeiter nach dem anderen sprach sein Beileid aus.

Dann war es endlich vorbei, und Erich fuhr mit seiner Schwester nach Hause.

„Der Priester hat gut gesprochen“, bemerkte Erich. „Obwohl er Vater nicht gekannt hat, fand er die richtigen, tröstenden Worte.“

Er wird sie morgen oder übermorgen mit geringen Abweichungen wieder verwenden, dachte Loni. Worte von allgemeiner Gültigkeit, die auf jedermann passen... Oberflächliche Worte...

Nachdem ihn Franz Peter Oehme hatte abblitzen lassen, hatte Erich andere Aufträge zu bekommen versucht. Er hatte mit vielen Leuten telefoniert, sich mit einigen getroffen, doch bisher war bei all diesen Besprechungen nichts herausgekommen.

Loni arbeitete weiterhin im Büro, erledigte Steuerangelegenheiten, führte die Lohnverrechnung, machte die Buchhaltung, schrieb Briefe.

Es gab ein paar kleine, unbedeutende Aufträge, die Erich am liebsten nicht angenommen hätte. Eine größere Arbeit war nicht in Sicht.

Zahlungen wurden fällig und überfällig. Erich war gezwungen, die Gläubiger zu vertrösten und er konnte den Arbeitern nicht ihren vollen Lohn ausbezahlen.

Das Erbe, das er mit seiner Schwester angetreten hatte, war für ihn ein hartes Joch. Es sah so aus, als würde er aufgeben müssen. Aber dann durfte er eine Diskothek einrichten und Betten für eine kleine Pension am Mondsee bauen.

Und mit dem Geld, das dabei hereinkam, konnte er die größten Löcher stopfen. Aber die Situation blieb für die Schreinerei vorläufig kritisch.

Wie ein Todkranker schleppte sich die Firma dahin. Von einer Genesung konnte nicht die Rede sein. Kein Silberstreifen zeichnete sich am Horizont ab.

Immer wenn es danach aussah, dass Erich nun doch schließen müsse, gab’s noch einen Auftrag, der das Ende hinausschob.

Es war ein schweres sorgenvolles Leben für Erich Zielstorff und seine Schwester.

Drei Monate nach Alexander Zielstorffs Tod steuerte Loni mit ihrem Wagen eine Selbstbedienungstankstelle an. Sie stoppte ihn neben der Zapfsäule und stieg aus.

Das Auto, das hinter ihr hielt, beachtete sie nicht. Als sie die Füllpistole aus der Halterung heben wollte, fragte jemand freundlich:

„Darf ich das für Sie tun?“

Sie wandte sich überrascht um und sah einen jungen gutaussehenden Mann. Es war nicht der Tankwart.

Er kam ihr bekannt vor, aber sie wusste nicht, wo sie ihn schon mal gesehen hatte.

„Sie sind Loni Zielstorff, nicht wahr?“, sagte er zu ihrer großen Verblüffung.

„Woher kennen wir uns?“, fragte die blonde Frau und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Wir sind uns in der Wiesen-Klinik begegnet. Ich bin Dr. Jürgen Büttner.“

Jetzt erinnerte sich Loni. Sie hatte mit ihrem Bruder Dr. Berends Büro verlassen. Trotz des Schmerzes über den Tod ihres Vaters hatte der junge Arzt einen bleibenden Eindruck in ihr hinterlassen.

Der Chirurg füllte den Tank ihres Wagens. Er stellte sich dabei sehr geschickt an.

„Sie machen das, als hätten Sie’s gelernt“, sagte Loni, während Dr. Büttner den Einfüllstutzen in die Zapfsäule hängte.

„Sollte man mich in der Wiesen-Klinik feuern, weiß ich, worauf ich umsatteln kann“, sagte der junge Mediziner lächelnd.

Er ist nett, dachte Loni, sehr sehr nett.

Sie nahm den Kassenbon und ging bezahlen.

„Vielen Dank für die Hilfe“, sagte sie, als sie wieder herauskam.

„Gern geschehen. Wenn Sie mir sagen, wann Sie das nächste Mal hier tanken, bin ich wieder zur Stelle.“

„Oh, ich tanke Mal hier, Mal da.“

„Das macht es für mich etwas schwierig, Sie wiederzusehen“, sagte Dr. Jürgen Büttner schmunzelnd. „Hätten Sie etwas Zeit für mich? Wie wär’s mit einer Tasse Kaffee?“

Sollte sie die Einladung des Arztes annehmen?

„Einverstanden“, sagte sie dann nach kurzem Überlegen.

Dann war sie überrascht, denn eigentlich hatte sie nein sagen wollen, aber nun war die Zusage draußen und nicht mehr rückgängig zu machen.

„Ich lösche nur ganz schnell den Durst meines Wagens“, sagte Dr. Büttner, „dann stehe ich Ihnen zur Verfügung.“

Einige Zeit später saß sie mit dem jungen Mediziner in einem kleinen Espresso an einem runden Tisch, aß ein Stück köstlicher Apfeltorte und trank herrlich duftenden Kaffee.

Dr. Büttner war ein charmanter Plauderer. Die Zeit verging wie im Flug. Als zwei Stunden um waren, warf Loni zum ersten Mal einen Blick auf ihre Uhr und erschrak.

„Himmel, so spät schon. Ich muss gehen. Vielen Dank für die Einladung.“

„Darf ich Sie Wiedersehen?“, fragte der junge Chirurg. Er war von Lonis Schönheit sehr angetan.

„Ich... weiß nicht...“, sagte sie unsicher.

„Ich rufe Sie an, ja?“

Sie nickte. Hatte es einen Sinn? Sollte sie sich mit ihm wieder treffen? Wollte sie das?

O ja, ich will, dachte Loni Zielstorff und sie reichte ihm freundlich lächelnd die Hand.

Am nächsten Tag wartete sie auf seinen Anruf. Jedes Mal, wenn das Telefon läutete, dachte sie, er wäre es, aber dann waren es Kunden, Gläubiger oder die Krankenkasse.

Erich hatte neue Aufträge hereingebracht. Wieder nichts Großes, aber für die nächsten Wochen würde es wieder Arbeit geben und das stimmte ihn ein bisschen optimistischer.

Als der Abend kam und Dr. Büttner immer noch nicht angerufen hatte, war Loni enttäuscht.

Du hast keinen Eindruck auf ihn gemacht, dachte sie. Er hat dich vergessen. Er ist einer von den Männern, die viele Frauen einladen, die vielleicht auch viel versprechen, ohne die Absicht zu haben, irgendetwas davon zu halten.

Aber am nächsten Vormittag rief er an.

„Entschuldigen Sie, dass ich mich heute erst melde“, sagte er. „Aber ich war gestern rund um die Uhr im Einsatz.“

„Macht doch nichts“, sagte Loni erfreut. Ihr Herz schlug schneller. Meine Güte, dachte sie. Ich werde mich doch nicht in ihn verliebt haben.

Er fragte, ob sie mit ihm am Abend essen gehen würde. Sie sagte mit Freuden ja und es wurde einer ihrer schönsten Abende seit langem.

Sie sahen einander von da an öfter, jedoch sehr unregelmäßig. Das lag an Dr. Büttners Dienst. Manchmal musste er für einen erkrankten Kollegen einspringen oder es war in der Wiesen-Klinik so viel zu tun, dass Dr. Berends ihn bitten musste, zu bleiben.

Loni Zielstorff hatte Verständnis dafür. Sie freute sich um so mehr auf das nächste Rendezvous, wenn sie Jürgen einen Tag nicht gesehen hatte.

Nach einem Theaterbesuch brachte Dr. Jürgen Büttner sie nach Hause. Er hielt den Wagen neben der Werkstatt an und schaltete die Beleuchtung ab. Aus den Stereoboxen rieselte eine stimmungsvolle Musik und Loni wünschte sich, von Jürgen in die Arme genommen und geküsst zu werden.

Sie sah von seinem attraktiven scharf geschnittenen Gesicht kaum etwas, sah eigentlich nur die Umrisse seines Kopf und das Glänzen seiner Augen.

Sie fühlte, wie seine Hand ihren Arm berührte und sie zuckte wie elektrisiert zusammen. Er schien sich behutsam an sie heranzutasten.

„Es war ein wunderschöner Abend, Loni. Ich möchte Ihnen dafür danken.“

„Mir hat der Abend auch gefallen“, antwortete sie heiser.

Und er muss noch nicht zu Ende sein, dachte sie.

„Ich freue mich auf jedes Rendezvous mit Ihnen“, gestand der junge Chirurg. „Wenn ich weiß, dass ich Sie am Abend treffe, habe ich Schwierigkeiten, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren.“

„Das ist aber nicht gut“, entgegnete sie.

„Natürlich ist es nicht gut, aber was soll ich tun? Sie haben mich verzaubert. Die Zeit läuft für mich auf einmal anders ab. Wenn Sie nicht bei mir sind, ziehen sich die Stunden, und wenn ich mit Ihnen zusammen bin, rasen sie nur so dahin.“

„Mir geht es genauso“, gestand Loni.

„Wirklich?“, Er rückte näher und legte seinen Arm um ihre Schultern. „Loni, ich glaube, ich habe mich in dich verliebt. Du bist eine wunderbare Frau. Man kann sich so gut mit dir unterhalten. Du hast für vieles Verständnis, hast vernünftige Ansichten.

Küss mich, dachte Loni mit vibrierenden Nerven. Mein Gott, rede nicht soviel. Küss mich endlich!

Er zog sie behutsam an sich. Sie ließ es sehr gern geschehen, glitt auf ihn zu und hatte den Wunsch, in ihm zu versinken, wenn das möglich war.

„Du gefällst mir, Loni“, flüsterte er. „Du bist sehr schön, ein liebenswertes Geschöpf, bist begehrenswert...“

Seine weiche Stimme streichelte sie. Loni fühlte sich darin eingehüllt und liebkost

Ganz ganz sanft berührten seine Lippen ihren weichen, warmen Mund, als wär’s nur ein Versuch. Loni konnte nicht stillsitzen und es einfach nur geschehen lassen.

Sie musste sich an diesem Kuss beteiligen, denn er hatte ihr Inneres in Brand gesetzt. Lichterloh brannte sie und es war wundervoll. Loni schlang ihre Arme um Jürgens Hals und drückte sich fest an den Mann.

Voller Feuer und Leidenschaft war der zweite Kuss, ein Naturereignis, ein Erdbeben, aber keine Katastrophe. Im Gegenteil. Loni hatte das Gefühl, der Himmel würde sich für Jürgen und sie auf- tun und sie einlassen.

Ein Gefühl von prickelnder Zärtlichkeit durchtobte Loni und schaltete Willen und Verstand aus.

Sie kam sich wie ein Blatt im Wind vor, konnte nicht beeinflussen, wohin sie getragen wurde, wollte auch auf nichts Einfluss nehmen, denn der Intellekt hätte dieses große Wunder nur zerstört.

Eine völlig neue Erfahrung stürmte auf Loni ein. Jürgen wusste, wie man eine Frau küssen musste, damit sie den Verstand förmlich verlor. Er hatte darin sehr viel Übung, das merkte sie, aber es störte sie nicht

Bestimmt hatte es schon viele Frauen in seinem Leben gegeben, doch das machte ihr nichts aus. Jetzt gehörte er ihr und sie wollte ihn nicht mehr hergeben.

Schwer atmend schmiegte sie sich an diesen faszinierenden Mann. Ihre Hände streichelten seine Brust, und sie erwiderte seine heißen Küsse mit einer nie gekannten Leidenschaft

Tiefe Seufzer kamen über ihre bebenden Lippen, während in ihr ein loderndes Feuer um sich griff, ein unbändiger Hunger nach Liebe und Zärtlichkeit.

Jedes Fleckchen ihres vibrierenden Körpers schien in hellen Flammen zu stehen.

Er löste sich von ihr.

Bleibe, wollte sie sagen, doch sie schwieg.

Konnte er in der Dunkelheit sehen? Betrachtete er sie jetzt? Erkannte er, wie glücklich sie in diesem Augenblick war?

Er nahm sie wieder in seine liebenden Arme.

„Du machst mich verrückt“, gestand er. „Ich weiß nicht mehr, was ich tue, Loni.“

Sie lächelte, denn es gefiel ihr, was er sagte.

„Sprich weiter“, bat sie ihn. „Ich höre das so gern.“

„Du bist mein geliebter Engel. Ich bin dem Schicksal dankbar, dass es uns beide zusammengeführt hat. Du hast alles, was sich ein Mann von einer Frau nur wünschen kann.“ Wohlige Schauer durchfluteten sie. „Weiter“, bat sie. „Weiter, Jürgen.“ Er deckte sie mit hübschen Kosenamen und immer weiteren Küssen zu. Sie vergaß völlig, wer sie war und wo sie war. Aber das alles spielte im Augenblick auch keine Rolle mehr.

Loni schwamm förmlich in einem Meer der Leidenschaft, das sie so schnell nicht verlassen wollte ...

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Loni Zielstorff stand vor dem Eingang der Wiesen-Klinik. Dr. Richard Berends kam heraus, erkannte die hübsche Frau und ging auf sie zu.

„Fräulein Zielstorff, wie geht es Ihnen?“

„Guten Tag, Herr Chefarzt. Danke, es geht mir gut.“

„Und Ihrem Bruder?“

„Der strampelt sich ab, um Aufträge zu kriegen. Die Firma liegt noch auf der Intensivstation, aber wir glauben, dass wir sie mit ein bisschen Glück doch noch von da wegbekommen.“

„Das wünsche ich Ihnen. Ich drücke Ihnen beiden die Daumen. Warten Sie auf jemanden?“

„Ja, auf Jürgen... äh... Dr. Büttner.“

Dr. Berends hatte verstanden. „Ach, Sie sind daran schuld, dass er derzeit immer mit diesem verklärten Blick umherläuft. Das freut mich. Freut mich außerordentlich.“

Er verabschiedete sich und ging zu seinem Wagen, stieg ein und als er los fuhr, winkte er Loni.

Zu Hause empfing ihn Therese Mansfeld, die Haushälterin.

„Na, Theresia, alles in Ordnung?“, fragte der Hausherr.

„Sie sind heute ja so vergnügt, Herr Doktor“, sagte die grauhaarige Frau.

„Bin ich für gewöhnlich denn so ein unausstehlicher Griesgram?“, fragte Dr. Berends lächelnd.

„Wenn Sie das wären, hätte ich schon längst gekündigt“, erklärte sie.

„Vielleicht sollte ich Ihre Treue belohnen. Was halten Sie davon?“

„Ich brauche nichts. Ich bin wunschlos glücklich, Herr Doktor.“

„Das hört man gern, aber wenn ich Ihnen ein Kochbuch schenken würde, das Sie noch nicht haben...“

„Sie möchten wohl, dass ich Ihnen um den Hals falle. Sie wissen, dass Kochbücher meine ganz große Schwäche sind.“

„Tja, bei Ihnen sind’s die Kochbücher, bei Dr. Büttner die Frauen“, sagte Richard schmunzelnd und ging in das geschmackvoll eingerichtete Wohnzimmer, in dem ihn seine junge, attraktive Frau erwartete. „Liebling, du siehst hinreißend aus“, sagte er.

„So? Findest du?“, fragte Dr. Charlotte Berends zweifelnd.

„Aber ja. Du etwa nicht?“

„Meine Bio-Kurven müssen sich derzeit alle unten befinden. Ich fühle mich nicht besonders.“

„Als dein Leibarzt kann ich dir da nur eines verordnen, ein Mittel, das garantiert hilft.“

„Welches?“, fragte Charlotte.

Er nahm sie in die Arme.

»Ein Kuss von mir. Und sage jetzt bloß nicht, ich überschätze mich da ein bisschen, sonst bin ich böse.“

Sie lehnte sich lächelnd an ihn.

„So etwas brächte ich nie über die Lippen. Außerdem würde es nicht stimmen.“

„Du sagst immer das richtige Wort zur rechten Zeit. Wie machst du das bloß?“

„Instinkt“, sagte Charlotte und hob ihr Gesicht. „Kriege ich nun endlich den versprochenen Kuss, der mich heilt?“, Sie bekam ihn.

„Mh“, sagte sie anerkennend. „Nicht schlecht. Weißt du,..-wonach der schmeckt? Nach mehr.“

„Kannst du haben. Kein Problem“, sagte ihr Mann und küsste seine hübsche Frau wieder. „Und den Rest wird ein schöner Martini tun“, fügte er hinzu und ging zur Hausbar, um zwei Gläser zu füllen. „Weißt du schon das Neueste?“

„Klinikklatsch? Seit wann beteiligst du dich daran?“, fragte die Internistin verwundert.

Richard gab ihr ihr Glas.

„Dr. Büttner hat es erwischt.“

„Hat Gott Amor sein Herz schon wieder mit einem Pfeil durchbohrt?“

„Genau.“

„Wie viele Pfeile gedenkt Amor denn noch auf unseren armen Dr. Büttner abzuschießen?“

Richard lachte. „Also arm kann man ihn nun wirklich nicht nennen.“

„Na hör mal, ständig ist er auf der Suche nach der Richtigen. Immer wieder muss er sich aufs neue verlieben.“

Immer muss er sich aufs neue verlieben, Wie das klingt. Du tust ja geradezu so, als wäre das eine Qual für ihn. Er fühlt sich dabei doch pudelwohl.“

„Er verliebt sich heute und morgen oder übermorgen kommt er darauf, dass er wieder nicht die Richtige gefunden hat. Und die Suche geht weiter. Glaubst du nicht, es wäre ihm lieber, nicht mehr suchen zu müssen?“

Richard stieß mit seinem Glas gegen Charlottes und schaute ihr tief in die Augen. „Ich habe nicht lange gesucht, sondern sofort zugegriffen, und richtig war’s. Ich habe den besten Griff meines Lebens getan.“

„Und noch nicht bereut?“, fragte Charlotte.

„Bis heute noch nicht“, antwortete Richard lächelnd.

„Was soll diese Einschränkung?“, wollte die Ärztin wissen.

„Ich weiß nicht, ob du dich im Laufe der Jahre nicht noch zur Furie entwickelst.“

„Hat dir eine Frau schon einmal ein blaues Auge geschlagen?“

„Nein, noch nie.“

„Dann sieh dich vor, sonst hat dieses große Ereignis Premiere!“

Sie tranken und dann gab Dr. Berends seiner Frau einen langen, innigen Kuss.

„Du bist bezaubernd, Liebling“, sagte er.

„Danke. Weißt du, dass du sehr nett sein kannst?“

„Bei einer Frau wie dir fällt mir das nicht schwer.“

„Wer ist denn Dr. Büttners Neue? Kenne ich sie?“, wollte Charlotte wissen und nippte an ihrem Glas.

„Loni Zielstorff“, antwortete der Chefarzt.

Charlotte erinnerte sich an den hoffnungslosen Fall. Auch sie hatte versucht, Alexander Zielstorff zu helfen, jedoch einsehen müssen, dass bei dem Mann jede ärztliche Kunst versagte.

„Wir werden sehen, wie lange es diesmal geht“, sagte Charlotte. „Immer wenn ich höre, Dr. Büttner hat die Frau fürs Leben gefunden, bin ich ein wenig skeptisch.“

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Neben der Hämodialyse bildet die Nierentransplantation die einzige Behandlungsmöglichkeit bei definitivem Nierenversagen. Die besten Ergebnisse werden in den wenigen Fällen erzielt, in denen die Niere eines eineiigen Zwillings übertragen werden kann und diese Voraussetzung war diesmal gegeben gewesen.

Der Operation, die Dr. Berends und Dr. Büttner vorgenommen hatten, waren spezielle Tests vorangegangen, damit die weitgehende Gewebsverträglichkeit festgestellt werden konnte.

Dann waren die beiden kranken Nieren des Empfängers entfernt worden und die linke Niere des Spenders war in die rechte Darmbeingrube des Kranken eingepflanzt worden.

Nach der Operation standen Dr. Berends und Dr. Büttner nebeneinander im Waschraum und wuschen sich die Hände. Der Chefarzt gab dem Kranken die besten Chancen.

„Das war die letzte Operation für diese Woche“, sagte Dr. Berends zu seinem jungen Kollegen. „Am Montag kommen einige leichte Fälle dran. Dazwischen liegt ein Wochenende, das Sie bestimmt mit Loni Zielstorff verbringen werden.“

Dr. Büttner schaute den Chefarzt schmunzelnd an und schüttelte den Kopf.

„Gibt es etwas, das man Ihnen verheimlichen kann?“

„Kaum“, antwortete er.

„Woher wissen Sie von Loni und mir?“

„Das pfeifen doch die Spatzen vom Dach, mein Lieber“, sagte Richard amüsiert.

„Wie finden Sie Loni?“, wollte der junge Chirurg wissen.

„Sie ist eine hübsche liebenswerte, äußerst sympathische Frau.“

„Ich bin ganz Ihrer Meinung, Herr Chefarzt“, sagte Dr. Jürgen Büttner

und lachte. „Deshalb habe ich auch ein kleines Attentat auf Sie vor“

„Nur zu“, forderte Richard den jungen Kollegen auf.

Sie verließen beide den Waschraum und zogen ihre Operationskleidung aus.

„Also Loni war noch nie in Basel. Ich würde ihr die Stadt gern zeigen“, sagte Dr. Büttner.

„Und da reichen zwei Tage nicht“, sagte Richard.

Der Chirurg schaute ihn groß an. „Sagen Sie mal, können Sie auch Gedanken lesen?“

„Wenn’s so leicht ist wie bei Ihnen, ja.“

„Sie sagten vorhin selbst, am Montag kommen nur einige leichte Fälle dran, und da dachte ich, ich könnte mich, natürlich nur, wenn Sie nichts dagegen haben, vertreten lassen. Dann hätten Loni und ich drei Tage für Basel.“

„Und am Dienstag wären Sie wieder zurück?“

„Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort“, sagte Dr. Jürgen Büttner schmunzelnd.

„Na schön, ich denke, diesen einen Tag werden wir ohne Sie auskommen.“

Dr. Büttner strahlte. „Ich bekomme den Montag frei?“

„Ich kann mich doch Ihrem Glück nicht in den Weg stellen. Damit würde ich Sie mir zum Feind machen.“ Der junge Chirurg lachte begeistert.

„Ich befürchtete, um diesen Montag kämpfen zu müssen.“

„Ich hoffe, Sie wollen von nun an nicht jeden Montag frei haben.“

„Ganz bestimmt nicht, Herr Chefarzt“, versicherte Dr. Büttner und eilte davon, um Loni anzurufen und ihr die Neuigkeit mitzuteilen.

Die junge Frau stieß einen Freudenschrei aus und Erich Zielstorff begrüßte diese Entwicklung. Ein Arzt für seine Schwester, besser hätte sie es nicht treffen können.

Und vielleicht fiel für die Schreinerei auch mal ein Auftrag von der Wiesen-Klinik ab. Warum sollte sich Dr. Büttner dafür nicht einsetzen, wenn er dadurch seinem zukünftigen Schwager helfen konnte.

„Wann fahren wir?“, fragte Loni.

„Ich würde am liebsten heute noch fahren“, antwortete Jürgen.

Es war Freitag, 15 Uhr.

„In einer Stunde könnte ich fertig sein“, erklärte Loni.

„So schnell schaffe ich es nicht“, entgegnete der junge Chirurg. „Aber in zwei Stunden kann ich dich abholen. Liebling, wir werden zusammen ein traumhaftes verlängertes Wochenende verbringen.“

„Ich freue mich darauf.“

„Bis später“, sagte Dr. Büttner und legte den Hörer auf. Aber er hob ihn gleich wieder ab und bestellte in einem Hotel in der Altstadt ein Doppelzimmer.

Basel hatte ihn schon einige Male verliebt gesehen, aber noch nie so sehr wie diesmal.

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Das Hotel war unscheinbar und lag in einer stillen Seitengasse. Der Mann an der Rezeption war die Diskretion in Person. Loni konnte nicht wissen, dass Jürgen auch schon mit anderen Frauen hier gewesen war.

Beide betraten den Lift und Loni war ihrem Jürgen angenehm nahe. Was sie auf der Fahrt hierher von Basel gesehen hatte, war nicht viel gewesen, aber es hatte sie dennoch beeindruckt.

Im zweiten Stock verließ das verliebte Paar den Fahrstuhl und gleich darauf betrat es das Zimmer.

Loni sah das Doppelbett, sagte aber nichts. Es gab für sie keine Bedenken. Sie liebte Jürgen und wollte ganz ihm gehören. Der Mann wandte sich ihr zu.

„Ich kenne hier ganz in der Nähe ein nettes kleines Restaurant, in dem man das beste Käsefondue von Basel bekommt. Du magst doch hoffentlich Käsefondue?“

„Ich hab’s noch nie probiert“, antwortete die Frau.

„Dann ist es eine Pflicht, diese 'Götterspeise zu versuchen“, sagte Jürgen und schlang die Arme um sie. Er legte seine Stirn auf ihre und sah ihr aus nächster Nähe in die Augen. „Wenn du nur halb so glücklich bist wie ich, müssen dich alle Frauen dieser Stadt beneiden.“

Das erste Käsefondue in ihrem Leben schmeckte Loni so gut, dass sie schwor, es von nun an mindestens einmal im Monat zu essen. Sie tranken eine Flasche herrlich lieblichen Weißwein und kehrten gegen zweiundzwanzig Uhr satt und zufrieden ins Hotel zurück.

Wieder streifte Loni das Doppelbett mit einem kurzen Blick. Sie hatte keine Angst davor, sich Jürgen ganz zu schenken und sie hatte auch keine Scheu davor.

Er rieb zärtlich sein Gesicht an ihrem Hals und ihr wurde sehr sehr warm dabei.

„Du wirst Basel genießen. Es wird dir unvergesslich bleiben“, sagte Jürgen, während seine schlanken Hände sanft ihren Rücken streichelten.

Als seine Hände ihre weiblichen Hüften erreichten, gab sie dem Druck willig nach.

Sie brachte nichts anderes heraus als seinen Namen. Sie war so aufgeregt, dass ihre Kehle immer enger wurde. Sie zitterte, aber das hatte nichts mit Furcht zu tun, sondern mit freudiger ungeduldiger Erwartung.

Jürgens Zärtlichkeiten waren überwältigend, atemberaubend. Konnte sich eine Frau überhaupt dagegen wehren?

Ich nicht, dachte Loni begeistert. Mir ist es unmöglich.

Ihr Körper reagierte so, wie Jürgen es wollte und Loni fand es himmlisch. Sie hatte das Gefühl, jede einzelne Muskelfaser würde vibrieren.

Während Jürgen weiter ihre Hüften streichelte, flüsterte er: „Ich bin dir unendlich dankbar, mein Schatz.“

„Dankbar? Wofür?“

„Dass du mitgekommen bist.“

„Konnte ich mir die Gelegenheit, Basel kennenzulernen, entgehen lassen?“, fragte Loni amüsiert.

„Sei mal ehrlich. Bist du nur wegen Basel hier ?“

„Weswegen sonst?“, entgegnete sie gezwungen ernst.

„Soll ich es dir zeigen?“

„Ich warne dich. Ich bin sehr anhänglich.“

„Nichts ist mir lieber als das“, sagte Jürgen. Er hauchte es in ihr Ohr und ein wunderbarer Schauer durchlief sie. „Du hast mein Innenleben ganz schön durcheinandergebracht. In mir herrscht ein schrecklicher Wirrwarr.“

„Denkst du, mir geht es anders? Seit ich mit dir zusammen bin, bin ich manchmal regelrecht kopflos“, gestand seine Begleiterin leise.

„Wir sind krank, Loni“, erklärte der Chirurg.

„Jawohl, Herr Doktor. Du musst es schließlich wissen. Aber es ist eine sehr angenehme Krankheit“

„Ich wüsste nicht, was man dagegen tun könnte.“

„Am besten gar nichts“, meinte sie.

„Dann kann’s noch schlimmer werden.“

„Je schlimmer, desto besser“, sagte Loni und lachte.

Seine Hände umkreisten jetzt ihre Taille und bewegten sich kurz darauf langsam, aber sehr intensiv ihren Rücken auf und ab,

„Soll ich dir verraten, was ich mit dir vorhabe?“, fragte er leise,

„Du darfst tun, was du willst“, gab sie ebenso leise zurück.

Sein Mund berührte ihre Lippen und es war schön, es war berauschend. Sie fühlte sich von Jürgen besiegt und es war die herrlichste Niederlage, die sie je erlitten hatte.

Ein wahrer Taumel erfasste beide.

Es war einfach die richtige Zeit gewesen, die Dr. Jürgen Büttner erwischt hatte. Loni Zielstorff hatte den Schock, den der Tod ihres Vaters bei ihr ausgelöst hatte, halbwegs überwunden gehabt und sich nach einem Menschen gesehnt, an den sie sich anlehnen konnte.

Und gerade da war ihr Jürgen begegnet. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte er es bei Loni nicht so leicht gehabt.

Die drei Tage Basel waren ein unvergessliches Erlebnis für sie beide.

Wieder in Bergesfelden stürzte sich Dr. Jürgen Büttner in die Arbeit und Dr. Berends war mit ihm vollauf zufrieden.

In der Kantine fragte der Chefarzt den jungen Chirurgen:

„Nun, wie war es in Basel?“

„Es ist die liebreizendste Stadt, die ich kenne“, antwortete Dr. Jürgen Büttner.

Richard schnitt ein Stück von der frischen Schinkenrolle ab.

„Danach habe ich nicht gefragt.“

Dr. Büttner schmunzelte hintergründig.

„Mehr bin ich nicht bereit zu sagen“, erklärte er.

„Ich verstehe“, sagte Dr. Berends. „Diesmal handelt es sich um die große Liebe.“

„Um die ganz große Liebe“, verbesserte ihn der junge Kollege.

„Dazu möchte ich Ihnen gratulieren.“

„Danke.“

Die Woche wurde für alle härter, als vorhersehbar war. Eine Massenkarambolage auf einer nahen Schnellstraße sorgte für Hektik und viel Arbeit in der Wiesen-Klinik.

Dr. Richard Berends und Dr. Jürgen Büttner waren pausenlos im Einsatz. Zu den geplanten Operationen kamen welche hinzu, mit denen man nicht gerechnet hatte.

Es ging hoch her in der Wiesen-Klinik und es wurde immer sehr spät, bis Dr. Büttner nach Hause kam. Zu spät, um Loni Zielstorff noch zu treffen.

Der junge Chirurg rief sie aber an und versicherte ihr seine Liebe. Er freute sich auf das Wochenende, aber Loni musste mit ihrem Bruder nach Bonn fahren. Geschäftlich. Ein Auftrag, der die Firma für ein, zwei Monate über Wasser halten würde, war in Aussicht und Erich Zielstorff hoffte, ihn eher zu bekommen, wenn er seine Schwester mitnahm.

Der Mediziner war ein wenig enttäuscht, als er hörte, dass Loni am Wochenende keine Zeit für ihn hatte.

Er übernahm freiwillig den Bereitschaftsdienst in der Wiesen-Klinik und stellte bei sich etwas fest, das ihm nicht gefiel, wogegen er sich wehren wollte.

Es passierte ihm nicht zum ersten Mal, aber er hatte gehofft, dass es diesmal nicht dazu kommen würde.

Seine Gefühle kühlten ab. War es schon wieder nur ein Strohfeuer gewesen? fragte sich der junge Chirurg. Wird es immer so sein? Bin ich zu einer wahren, großen, dauerhaften Liebe seit Cosima nicht fähig?

So oft hatte es schon so herrlich mit einer neuen Eroberung begonnen. Eine himmelstürmende Leidenschaft hatte ihn überrollt und irgendwann war davon nichts weiter übriggeblieben als ein schaler Geschmack im Mund.

Sollte es mit Loni und ihm genauso enden?

Die junge Frau meldete sich am Montag zurück, aber er fieberte ihrem Anruf nicht so entgegen, wie es hätte sein sollen.

Sie musste an seiner Stimme merken, dass sich etwas geändert hatte, worüber er traurig war.

„Hast du etwas?“, fragte sie ihn.

„Ich bin nur müde. Zuviel zu tun“, erklärte der Arzt. Das stimmte zwar, aber das war nicht der Grund für seine Zurückhaltung.

„Du bist doch nicht etwa böse, weil ich mit Erich in Bonn war?“, fragte Loni.

„Ich habe keinerlei Rechte auf dich.“

„Was redest du denn da für einen Unsinn! Natürlich hast du Rechte. Spätestens seit Basel. Oder möchtest du keine haben?“

„Unsinn. Wie kommst du denn darauf?“, wollte er wissen.

„Ich weiß nicht. Irgendetwas sagt mir, dass ich Angst um unsere Liebe haben muss. Du liebst mich doch noch, Jürgen?“

„Aber natürlich“, antwortete der Arzt.

„Sage es mir!“, verlangte sie.

„Ich liebe dich“, sagte der Mann.

„Es klingt nicht sehr überzeugend.“

„Ich hab jetzt keine Zeit. Ich muss in den OP.“

„Sehen wir uns heute Abend?“, fragte Loni.

„Ich fürchte, das wird nicht gehen“, sagte Dr. Büttner.

Eine kurze Pause entstand.

„Ich verstehe“, sagte Loni dann. „Und wann, denkst du, wird es wieder gehen?“

„Ich rufe dich an“, sagte Dr. Büttner und legte auf. Er verstand sich selbst nicht. Er hätte heute Abend Zeit gehabt, aber er wollte lieber allein sein, über alles gründlich nachdenken, Abstand gewinnen.

War Loni Zielstorff bereits zur lieben Erinnerung geworden, wie all die anderen Frauen, die er auch geliebt hatte?

Abstand gewinnen... Wovon? Abstand von Loni? Von der Liebe? Von mir selbst? fragte sich Dr. Büttner. Wieso bin ich so schwierig? Wieso entflamme ich so leicht, und ein paar Tage später fällt dieses rasende Feuer der Leidenschaft schon wieder zusammen? Wird sich das nie ändern? Es tut mir leid, Loni, du hast das nicht verdient. Du bist eine wunderbare Frau. Ich möchte dir nicht weh tun. Aber ich fürchte, aus unserer Liebe wird bald nur noch eine Freundschaft zu retten sein, wenn du das möchtest.

Er rief sie erst am Donnerstag an und verabredete sich mit ihr für Freitag. Es war nicht mehr so schön, wie all die anderen Male, wenn sie zusammen gewesen waren.

Sie erkannten beide, dass sie sich voneinander entfernten, aber sie hatten nicht die Kraft, diese Entwicklung aufzuhalten.

Das Sandschloss, das sie gemeinsam gebaut hatten, war trocken geworden und stürzte jetzt an allen Ecken und Enden ein. Was war da noch zu retten?

Loni hatte Mühe, in Jürgens Gegenwart nicht zu weinen. Sie sagte, während sie tapfer gegen ihre Tränen ankämpfte, es würde ihrer Beziehung guttun, wenn sie einander eine Zeitlang nicht sehen würden.

Obwohl ihr Jürgen den gleichen Vorschlag machen wollte, war er perplex, dass er von ihr gekommen war. Er nickte mit düsterer Miene.

„Wenn du meinst“, sagte er rau, ohne sie anzusehen.

Er wollte sie nach Hause bringen, aber sie bestand darauf, sich ein Taxi zu nehmen.

Vielleicht leiteten sie damit das Ende ihrer Beziehung ein. Dennoch wussten sie, dass sie darum nicht herumkamen. Vielleicht würden sie einander vermissen, sich nach dem ändern sehnen.

Manchmal sind Trennungen gut. Man erkennt, wie man zu seinem Partner wirklich steht, was man für ihn empfindet.

Im Taxi hielt Loni die Tränen nicht mehr zurück. Sie weinte schluchzend. Der junge Mann, der sie nach Hause brachte, betrachtete sie im Innenspiegel.

„Kann ich irgendetwas für Sie tun?“, fragte er hilfsbereit.

„Können Sie ein gebrochenes Herz reparieren?“

„Hat ein Kerl mit Ihnen Schluss gemacht? Er muss verrückt sein.“

„Das glaube ich auch“, sagte Loni und wischte sich die Tränen ab.

Zu Hause begrüßte sie ihren Bruder nicht, sondern ging gleich in ihr Zimmer und damit Erich sie in Ruhe lassen musste, schloss sie sich ein.

Ihr Bruder klopfte wenig später an ihre Tür.

„Loni, ist alles in Ordnung?“

Es wollte ihr das Herz zerreißen. Ein heißer Schmerz durchtobte ihre Brust.

„Ja“, log sie. „Ja, es ist alles in Ordnung.“

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Erich Zielstorff bekam den Bonner Auftrag. Der Mann kalkulierte jetzt immer so knapp, dass kaum Gewinne zu erzielen waren. Er kaufte billigeres minderwertigeres Material ein, um konkurrenzfähig zu sein und er versuchte zu rationalisieren, wo es möglich war.

Er träumte von einer großen neuen Maschine, aber es fehlte das Geld, um sie zu kaufen und einen zusätzlichen Kredit wagte er in diesen unsicheren Zeiten nicht aufzunehmen.

Dass es zwischen Loni und Dr. Büttner zum Bruch gekommen war, blieb ihm nicht verborgen, aber er sprach nicht darüber. Er wollte den Finger auf keine offene Wunde legen.

Drei Tage lang war seine Schwester nicht ansprechbar und nachts weinte sie ihr Kissen nass. Doch dann setzte ihr Verstand allmählich wieder ein und sie fragte sich, ob sie nicht Leidenschaft mit Liebe verwechselt hatte.

Sie wäre nicht die erste Frau gewesen, der so ein Irrtum unterlaufen war. Es war in Basel wunderschön gewesen. Loni wollte diese drei Tage nicht missen.

Aber war das Ganze nicht mehr eine körperliche Sache gewesen? War wirklich das Herz dabei gewesen?

Plötzlich konnte Loni sich diese Frage nicht mehr mit einem klaren Ja beantworten. Jürgen war ihr begegnet, als sie jemanden an ihrer Seite gebraucht hatte. Sie musste dem Schicksal dankbar sein, dass es ihr Jürgen geschickt hatte.

Aber das hatte nichts mit Liebe zu tun gehabt. Leidenschaft ja, aber nicht Liebe. Jürgen schien das schneller erkannt zu haben als sie.

Doch nun war sie auch drauf gekommen und sie sagte sich, dass es keinen Sinn mehr hatte, weitere Tränen zu vergießen. Die Zeit mit Jürgen war kurz gewesen, aber sehr schön.

Es gab keinen Grund, traurig zu sein. Wenn er sie wieder anrief, würde sie offen mit ihm darüber reden und sie würde so vernünftig klingen, dass er ihr dafür dankbar sein würde.

Manche Frauen machten in diesen Situationen hässliche Szenen. Es fielen Worte, die verletzend waren und die sie eigentlich nie hätten sagen wollen.

Man kann das auch mit Würde und Anstand beenden, sagte sich Loni und hatte keine Angst vor diesem Gespräch, das nicht ausbleiben würde.

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Habe ich es dir nicht gesagt?“, bemerkte Charlotte, als Richard erwähnte, dass Dr. Büttners Strohfeuer schon wieder niedergebrannt sei. „Er wird sich nie ändern, unser lieber Kollege. Er ist ein Falter, der von Blüte zu Blüte flattert. Er will gar nicht sesshaft werden.“

„Doch, natürlich will er es.“

„Denke an die Schwimmlehrerin vom vergangenen Sommer. Oder an die attraktive Besitzerin der Hundeschule. Jedes Mal waren seine Gefühle himmelhoch jauchzend und wenig später fand Dr. Büttner schon wieder ein Haar in der Suppe. Er liebt die Abwechslung, aber er scheint das nicht zugeben zu wollen.

„Ein Glück, dass du nicht mit seinem ausgeprägten Jagdinstinkt ausgestattet bist."

Richard schmunzelte. „Wer behauptet das?“

„Vorsicht!“, warnte Charlotte. „Gleich wird scharf geschossen.“

„Dann gehe ich lieber rechtzeitig in Deckung“, sagte die Haushälterin, die soeben den Raum betreten hatte.

„Keine Sorge Theresia, Sie nehme ich nicht aufs Korn“, sagte die Internistin. „Eine neue gute Haushälterin ist nämlich schwerer zu finden als einen anderen Ehemann.“

„Haben Sie Glück, Theresia“, sagte Dr. Berends lachend. „Sie stehen in diesem Haus gewissermaßen unter Denkmalschutz.“

„Also so alt bin ich nun auch wieder nicht“, gab die Haushälterin spitz zurück.

„Mein Mann ist in der Wahl seiner Worte manchmal sehr unglücklich“, sagte Charlotte amüsiert. „Sie müssen ihm das verzeihen. Er kann mit dem Skalpell besser umgehen als mit Worten.“

„Das nützt den Patienten mehr, als wenn es umgekehrt wäre“, sagte Dr. Berends und erkundigte sich bei der Haushälterin, was es Gutes zu essen gäbe.

„Auf vielfachem Wunsch einer einzelnen Dame gibt es Fleischklößchen in Herrenpilzsoße mit Reis“, gab Therese Mansfeld Auskunft.

„Die einzelne Dame bin ich“, erklärte Charlotte.

„Darauf wäre ich nie gekommen“, erwiderte ihr Mann. „Und was meint unser kleiner Herr Sohn zu den Fleischklößchen? Soviel mir bekannt ist, mag er kein Fleisch.“

„Dem jungen Herrn serviere ich eben nur die Herrenpilzsoße mit Reis“, sagte die Haushälterin. „Und sollte ihm das auch nicht schmecken, kriegt er einen schönen, kräftigenden Grießbrei.“

„Geschichten werden mit dem gemacht, als wäre er ein Prinz“, sagte Richard kopfschüttelnd. „So gut sollte es mir auch mal gehen.“

„Haben Sie sich etwa zu beklagen?“, fragte Therese Mansfeld aufhorchend.

„Um Himmels willen, nein“, lenkte der Chefarzt sogleich ein.

Charlotte hatte eine feine Nase. Sie zog die Luft prüfend ein.

„Also was da aus der Küche kommt... Theresia, ich weiß nicht recht...“,

„Großer Gott“, stieß die Haushälterin erschrocken hervor und lief aus dem Wohnzimmer.

Als sie zurückkam, hatte sie Tränen in den Augen. „Alles angebrannt. Die Fleischklößchen - schwarz wie Kohlenstücke.“, sie schluchzte.

„Ach, machen Sie sich nichts draus“, sagte Richard und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Dann muss uns eben unser Sohn etwas von seinem Grießbrei abgeben.“

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Erich Zielstorff erstellte einen Kostenvoranschlag für ein Gasthaus. Loni half ihm dabei. Beide rechneten und rechneten. Es gab eine Summe, über die sie nicht kommen durften, deshalb strich Erich immer wieder Positionen zusammen und berechnete das Produkt erneut.

„Andere Firmen benützen dafür einen Computer. Das spart Zeit und Geld“, meinte er mürrisch. „Wir werden uns so ein Wunderding wohl nie leisten können.“

„Jammern hilft gar nichts“, sagte seine Schwester. „Früher hat keiner einen Computer gehabt und es ging auch.“

„Ja, früher. Aber heute kommst du an so einem Gerät nicht mehr vorbei. Selbst dein Dr. Büttner kommt ohne die Hilfe von Computern in der Wiesen-Klinik nicht mehr aus.“

Er hatte Dr. Büttners Namen absichtlich in das Gespräch gebracht, weil er wissen wollte, was da nun eigentlich los war, Loni ging so gut wie nicht mehr aus, und, der Arzt rief auch nicht mehr an.

„Er ist nicht mein Dr. Büttner“, korrigierte Loni ihren Bruder.

Er lehnte sich zurück und biss in den Kugelschreiber.

„Wie darf ich das verstehen? Bis vor kurzem wart ihr doch noch ein Herz und eine Seele.“

„Die Zeiten ändern sich“, erklärte sie.

„Willst du damit andeuten, dass es mit dir und Dr. Büttner aus ist?“

„Sieht ganz danach aus.“

„Hast du ihn verlassen? Mädchen, damit hättest du einen ganz großen Fehler gemacht. Dr. Büttner ist ein Mann von untadeligem Ruf und er ist bei Dr. Berends gut angeschrieben. Vielleicht hätten wir von der Wiesen-Klinik den einen oder anderen Auftrag bekommen. Für so ein Krankenhaus gibt es immer irgendetwas zu tun.“

Loni schaute ihren Bruder entrüstet an.

„Denkst du, ich bleibe mit Jürgen nur deshalb zusammen, damit du mit Aufträgen von der Wiesen-Klinik rechnen kannst?“

„Das natürlich nicht, aber es wäre doch ein angenehmer Begleitumstand gewesen.“

„Wir haben beide eingesehen, dass es keinen Sinn mehr hat, diese Beziehung fortzusetzen“, erklärte seine Schwester.

„Du hättest die Frau eines gut verdienenden Chirurgen werden können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du dir das reiflich überlegt hast, Loni. Dr. Büttner wird vielleicht irgendwann mal sogar Chefarzt der Wiesen-Klinik.“

„Dr. Berends ist noch kein Tattergreis.“

„Man könnte ihn mit einer größeren Aufgabe fortlocken. Hast du die Tür ganz hinter dir zugeschlagen? Vielleicht gelingt es mir, sie wieder aufzumachen,“

Es funkelte in Lonis Augen.

„Du wirst dich da nicht einmischen. Ich will, dass du alles so lässt, wie es ist.“

„Aber, Schwester, ich will dir doch nur helfen."

„Du hältst dich raus! Das geht dich nichts an“, sagte Loni. Selten hatte Erich sie so energisch erlebt.

Er hob die Hände, als würde er kapitulieren. „Schon gut, schon gut, ich habe verstanden. Jegliche Schützenhilfe ist unerwünscht.“

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Das Kleid hatte fünf hundert Euro gekostet. Loni hatte sich in diesen bunten Traum auf Anhieb verliebt, aber fünfhundert Euro waren ein stolzer Betrag, den sie nicht auszugeben bereit war.

Fast täglich ging sie an der Boutique vorbei, um sich das Kleid anzusehen und einmal war sie nahe daran, den kleinen Laden zu betreten und das Kleid anzuprobieren.

Aber dann sagte sie sich, dass es ihr hinterher nur noch schwerer gefallen wäre, darauf zu verzichten.

Und plötzlich kostete das Kleid nur noch die Hälfte!

Jetzt war Loni nicht mehr zu halten. Sie hatte nur zweihundert Euro bei sich, aber sie war sicher, dass ihr die Boutiquebesitzerin das Kleid zurücklegen würde, damit sie die restlichen fünfzig Euro holen konnte.

Loni probierte es wenig später an, und es passte ihr so hervorragend, als wäre es extra für sie genäht worden.

„Es passt Ihnen ausgezeichnet“, sagte die Besitzerin der Boutique. „Alle Männer von Bergesfelden und Umgebung werden sich in Sie verlieben, wenn Sie dieses Kleid tragen.“

„Warum verkaufen Sie es plötzlich zum halben Preis?“, fragte Loni, während sie sich vor dem Spiegel hin und her drehte, um sich von allen Seiten zu betrachten.

„Es ist das letzte Modell. Aber ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass es keiner anderen Kundin so gut passte wie Ihnen.“

„Ich habe leider nur zweihundert Euro bei mir, aber ich bringe Ihnen den Rest ganz bestimmt noch heute. Würden Sie das Kleid für mich solange reservieren?“

„Selbstverständlich“

Loni zog sich um und eilte nach Hause.

Kurze Zeit später gehörte das Kleid ihr. Sie behielt es gleich an. Ihr anderes Kleid ließ sie einpacken. Stolz und glücklich verließ sie die Boutique.

An der nächsten Straßenecke pfiff ihr ein junger Bursche nach. Normalerweise ärgerte sie sich darüber, doch diesmal sah sie es als Kompliment an.

Sie schwebte wie auf Wolken über die Straße, war ein bisschen leichtsinnig, achtete nicht allzu sehr auf den Verkehr, kam aber trotzdem unversehrt drüben an.

Man hatte den Gehsteig halbiert und Platz für die Radfahrer geschaffen und erst auf dem Radweg bekam sie die Rechnung für ihre Sorglosigkeit präsentiert.

Eine Radklingel schrillte. Loni wollte sich umdrehen, doch da passierte das Unglück schon. Ein Radfahrer stieß sie in voller Fahrt nieder und kam dabei selbst zum Sturz.

Mein Kleid, durchzuckte es Loni, während sie stürzte. An etwas anderes dachte sie nicht, nur an ihr Kleid.

Der Sturz war auch überhaupt nicht schmerzhaft. Sie hatte wirklich großes Glück gehabt.

„Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen?“, wetterte der Radfahrer. „Haben Sie keine Augen im Kopf? Sie dumme Gans?“

Das Kleid wies mehrere Schmutzflecken auf und hatte einen Riss abbekommen. Das war für Loni schmerzhafter als ein verletztes Knie.

Der junge Mann humpelte zu seinem Fahrrad und hob es auf, klemmte das Vorderrad zwischen seine Knie und richtete die Lenkstange wieder gerade. Die Lampe war verbogen und die Griffe der Bremsen nach unten gedreht.

„Sie könnten sich wenigstens entschuldigen!“, meinte der junge Mann.

„Dafür, dass Sie mich dumme Gans genannt haben?“

„Das habe ich im Schock gesagt. Es tut mir leid“, sagte der Radfahrer.

„Und mein Kleid ist auch kaputt. Wissen Sie, dass ich es noch keine fünf Minuten anhabe? Ich habe es eben gekauft und es war nicht billig.“

„Ich glaube, ich höre nicht richtig. Bin ich etwa schuld an diesem Unfall? Sie laufen wie eine Schlafwandlerin durch die Stadt und das am helllichten Tag“

„Und Sie sind zu schnell gefahren“, entgegnete sie.

„Ich fahre immer so.“

„Dann sind Sie immer zu schnell. Somit trifft Sie eine Teilschuld.“

„Das darf doch wohl nicht wahr sein! Nicht das Fünkchen einer Schuld nehme ich auf mich. Ich hätte Lust, mit Ihnen zur Polizei zu gehen, damit man Ihnen beibringt, wie man auf der Straße zu gehen hat, ohne dass man andere Verkehrsteilnehmer gefährdet.“

„Sie unverschämter Kerl!“

„Jetzt reicht es mir. Wir gehen zur Polizei“, erklärte der Radfahrer.

„Fassen Sie mich ja nicht an, sonst schreie ich um Hilfe.“

„Sie scheinen ja eine ganz fürchterliche Neurotikerin zu sein“, sagte der Mann. „Dass ich mir Ihretwegen beinahe das Genick gebrochen hätte, stört Sie überhaupt nicht.“

„Wo haben Sie denn Ihr Genick? Ich sehe Sie lediglich humpeln.“

„Werden Sie jetzt bloß nicht spitzfindig.“

Sie warfen einander etliche Grobheiten an den Kopf, Sie schauten sich dabei kaum an, aber irgendwann taten sie es dann zwangsläufig doch und sie waren von dem, was sie sahen, angetan.

Der junge Radfahrer, Loni schätzte ihn auf vierundzwanzig, war ein Bild von einem Mann mit schwarzem Haar und dunklen Augen. Er hatte ein winziges Grübchen am Kinn und war sportlich gekleidet.

Es war wohl die verrückteste Art, wie zwei Menschen sich kennenlernten. Als sie merkten, dass sie aneinander Gefallen fanden, fielen ihnen keine bösen giftigen Worte mehr ein.

Sie sagten eine Weile überhaupt nichts, standen nur verlegen da und suchten nach Worten.

Schließlich sagte Loni kleinlaut: „Ich glaube, ich sollte mich entschuldigen. Sie sind an diesem Unglück wirklich unschuldig.“

„Vielleicht bin ich doch etwas zu schnell gefahren“, meinte der Mann.

„Wenn Sie immer so fahren und es ist noch nie etwas passiert.“

„Ihr Kleid. Es ist wunderschön. Auch jetzt noch.“

„Den Riss kann man nähen und die Schmutzflecken lassen sich raus waschen. Aber Ihr Rad ...“

„Es ist fünfzehn Jahre alt.“

„Und Sie haben sich beim Sturz verletzt.“

„Kaum der Rede wert. Ein Mann, der das nicht aushält, ist kein richtiger Mann, Und Sie? Tut Ihnen irgendetwas weh?“

„Nein“, antwortete Loni,

„Ein Glück“, sagte der junge Mann. „Mein Name ist Paul Breitenbach.“

„Loni Zielstorff.“

„Wie kann ich den Schaden, den ich angerichtet habe, wiedergutmachen?“

Loni widersprach ihm, Schließlich kämpften sie jeder um eine Teilschuld und einigten sich auch darauf, dann gingen sie in ein nahegelegenes Lokal und tranken ein Glas Wein auf den Schrecken.

Paul Breitenbach war Assistent eines Zahntechnikers. In seiner Freizeit fuhr er gern mit dem Rad durch Bergesfelden, aber eine Bekanntschaft dieser Art hatte er noch nie gemacht.

Der Mann war ganz anders als Dr. Jürgen Büttner, fröhlicher, unbeschwerter, schalkhafter. Vielleicht auch liebenswerter. Jürgen war nett gewesen und Loni hatte sich von Anfang an zu ihm hingezogen gefühlt. Aber bei Paul Breitenbach empfand sie alles viel intensiver.

Es war eine andere Situation,

Es war alles anders als bei Jürgen. Schöner... Tut mir leid, Jürgen, dachte Loni, aber so ist es.

Immer wieder stellte sie Vergleiche an und Paul Breitenbach schnitt jedes Mal besser ab, Jürgen war ein Irrtum, aber diesmal irre ich mich nicht.

Alles begann so ähnlich wie bei Dr. Büttner. Sie traf sich mit Paul Breitenbach anderntags wieder. Ihr Kleid war gewaschen, der Riss genäht und Paul humpelte nicht mehr.

Sie gingen miteinander spazieren und Loni entdeckte Bergesfelden an Pauls Seite so, wie sie es noch nicht kannte. Er führte sie in eine neue Konditorei. Sie aßen von den leckeren Süßigkeiten, bis sie nichts mehr hinunterbrachten und Paul kaufte ihr ein Lebkuchenherz, das sich Loni daheim übers Bett hängen sollte.

Eine neue Liebe erblühte. Zuerst war es eine zarte Knospe, aber sie hegten und pflegten sie und die Knospe wurde zu einer wunderschönen Blume,

Dieses Leben ist verrückt, dachte Loni. Mal ist man oben, dann wiederum unten.

Jetzt bin ich oben und ich möchte hier bleiben zusammen mit Paul. Der junge gutaussehende Mann machte sie glücklich. Sie konnte über seine lustigen Witze herzlich lachen und wenn er seinen Arm um sie legte, versank alles in Bedeutungslosigkeit.

Sie hatte geglaubt, dass sich das, was sie mit Jürgen erlebt hatte, nicht steigern ließ, aber es war möglich. Loni hängte sich mit der ganzen Liebe, zu der sie fähig war, an Paul, ohne ihm lästig zu sein. Im Gegenteil, er begrüßte es von ganzem Herzen.

Sie machten in ihrer Freizeit alles gemeinsam, fuhren nach Freiburg, gingen tanzen, ins Kino, essen.

Erich Zielstorff lernte den neuen Freund seiner Schwester kennen. Er sagte nichts gegen ihn, aber wenn Loni bei Dr. Büttner geblieben wäre, wäre ihm das lieber gewesen.

Er fand sich damit ab, dass Loni einen neuen Freund hatte. Was blieb ihm auch anderes übrig?

Paul hatte sich einen Videorecorder gekauft.

„Jetzt kann ich die Filme nach Stimmung auswählen“, sagte er. „Wenn ich einen knallharten Action-Film sehen will, hole ich mir einen Krimi ins Haus. Wenn mir nach Liebe ist, kann ich aus einem breit gefächerten Sortiment wählen.“

Loni schmunzelte und fragte: „Ist dir denn manchmal nach Liebe?“

„Das fragst du? Neuerdings ist mir nur noch danach,“

„Dann brauchst du doch keinen Film. Mich gibt es in natura.“

„Dafür danke ich dem Himmel.“

Er schlug ihr vor, ihn in die Videothek zu begleiten und dort wählten sie dann gemeinsam eine Kassette aus, die sie beide vom Titel und von der Aufmachung her ansprach.

Wie selbstverständlich ging Loni mit Paul nach Hause, um sich den Film anzusehen. Er hatte eine kleine Wohnung, die nicht besonders geschmackvoll eingerichtet war.

Paul legte keinen Wert auf Wohnkultur. Die Möbel sollten lediglich ihre Funktion erfüllen.

„Wie gefällt dir meine Junggesellenbude?“, fragte er.

„Soll ich ehrlich sein?“

„Ich bitte darum“, antwortete der junge Mann.

„Es ließe sich mehr daraus machen.“

Er gab ihr recht, ohne beleidigt zu sein.

„Ich habe alles wahllos zusammengekauft“, sagte er grinsend. „Aber mit der Zeit sieht man das nicht mehr. Weißt du, wann es mir auffällt? Wenn ich vom Urlaub nach Hause komme. Ich war, sagen wir, drei Wochen weg... Wenn ich dann hierher zurückkehre und die drei Wochen in einem schicken Hotel verbracht habe, fällt es mir schon auf, dass es hier nicht besonders schön ist.“

„Wollen wir gemeinsam ein paar Veränderungen vornehmen?“, fragte Loni.

„Alles, was du willst, mein Liebling. Aber später.“

Dann setzten sie sich vor den Fernsehapparat. Vor ihnen stand eine Flasche Wein und Knabbergebäck.

„Heute machen wir es uns mal so richtig gemütlich“, sagte Paul. Er knipste eine kleine Stehlampe an. Es handelte sich um eine elektrifizierte Petroleumlampe aus Messing mit einem milchweißen Schirm.

Dann schob er die Kassette in das Videogerät und lehnte sich, neben Loni auf dem Sofa sitzend, bequem zurück. Loni zog die Beine an und ließ sie unter ihrem Kleid verschwinden.

Sie legte ihren Kopf auf Pauls Schulter und fühlte sich ungemein behaglich.

Der Film brachte sie beide in eine wunderbare Stimmung. Sie identifizierten sich mit dem jungen Paar, das darin vorkam, litten mit den jungen Leuten und waren mit ihnen glücklich.

Das Thema war nicht übertrieben, sondern aus dem Leben gegriffen, deshalb sprach es Loni und Paul ganz besonders an. Als der Film zu Ende war, machten Loni und Paul da weiter, wo das Stück geendet hatte.

Sie hatten das ganze Knabbergebäck aufgegessen und allen Wein getrunken, waren locker und gelöst. Loni sehnte sich nach einer leidenschaftlichen Umarmung und rückte noch näher an Paul heran.

„Hat dir die Liebesgeschichte gefallen?“, fragte Paul Breitenbach.

„Sehr. Aber unsere Geschichte ist noch schöner, weil wir sie nicht nur sehen, sondern auch fühlen und erleben können. Waren schon viele Frauen in dieser Wohnung?“, fragte Loni plötzlich.

„Wofür hältst du mich? Für Don Juan?“

„Ich möchte eine ehrliche Antwort.“

„Nicht sehr viele“, sagte Paul. „Aber wir wollen jetzt nicht über andere reden, sondern über uns. Du hast mir eine sehr große Freude gemacht.“

„Ich? Womit?“, wollte die junge Frau wissen.

„Dass du mitgekommen bist. Du hättest auch sagen können, dass du...“

„Wir sind alt genug, um zu wissen, was wir tun, würde ich sagen.“

„Eine sehr vernünftige Einstellung“, sagte Paul und kam mit seinem Mund näher. „Ich möchte dich küssen, Loni.“

Sie lächelte. „Ich habe nichts dagegen.“ Sie streichelte seine Wange und bohrte ihren Zeigefinger in das Grübchen an seinem Kinn. „Ein Grübchen wie Kirk Douglas“, sagte sie amüsiert.

„Ich habe dem großen Filmstar etwas voraus“, behauptete Paul.

„So? Was denn?“

„Ich bin jünger als er. Und er kennt dich nicht.“ Paul küsste Loni so sanft, dass seine Lippen kaum ihren Mund berührten. Dann begann er, zärtlich an ihrer Unterlippe zu knabbern.

Loni kicherte. „Das kitzelt.“

Pauls Kuss wurde intensiver, fordernder und als seine Hände über ihren Körper glitten, war sie wie elektrisiert.

Vielleicht war es nicht richtig, jetzt an Jürgen zu denken, aber sie tat es und es machte ihr nichts mehr aus, dass die Beziehung mit dem Arzt nicht mehr bestand.

Der neue Mann in ihrem Herzen hieß Paul Breitenbach und er liebte sie viel leidenschaftlicher.

Liebevoll drückte der Mann sie an sich.

„Ich würde dich am liebsten mit Haut und Haaren verschlingen, so gern habe ich dich.“

„Rotkäppchen und der böse böse Wolf “, sagte Loni belustigt.

„Hast du Angst?“, fragte er. „Überhaupt nicht.“

Er schaltete mit seinen zärtlichen Berührungen ihre Vernunft aus. Sie konnte nicht mehr klar denken, wollte es auch nicht. Es war so viel schöner zu fühlen, sehr viel schöner.

Loni rutschte auf dem Sofa etwas tiefer, schlang die Arme liebevoll um seinen Nacken und zog ihn zu sich herab.

„Ehrlich gesagt, ich konnte es kaum erwarten, bis der Film zu Ende ist“, gestand sie ihm. „Ich wollte, dass du dich mir widmest.“

Die blonde Frau wusste, dass es heute mit ihnen beiden passieren würde. Jeder einzelne Nerv in Lonis Körper schien zu vibrieren. Paul wollte sie und sie wollte ihn.

Konnte etwas einfacher sein?

„Ich muss dir etwas sagen“, flüsterte Paul. „Du bist wunderschön. Du bist die schönste Frau, der ich je begegnet bin. Noch nie habe ich für eine Frau so viel empfunden. Glaubst du mir das?“

„Sehr gern sogar. Welcher Frau würde ein solches Geständnis nicht gefallen?“

„Wir werden diesen Augenblick ohne Reue genießen“, sagte er leise. „Und ich freue mich heute schon auf morgen und auf übermorgen... Unsere Liebe ist stark. Sie hat Zukunft.

Ich wäre sehr traurig, wenn du mich verlassen würdest.“

„Wie kannst du in diesem Augenblick nur an so etwas Schreckliches denken, mein dummer geliebter Radfahrer. Du hast das sehr geschickt eingefädelt, das mus ich schon sagen. Ich dachte an nichts Böses und auf einmal wärst du da. Ein Radfahrer mit Raketenantrieb. Ich hatte keine Chance, dir auszuweichen.“

Paul strich ihr das Haar aus dem Gesicht und lächelte sie an.

„Tja, ein Mann muss eben Einfälle haben.“

„Ich liebe ideenreiche Männer.“

„Und was sagst du zu hungrigen Männern?“

„Hör mal, du hast das Knabbergebäck fast allein gegessen. Du kannst unmöglich hungrig sein“.

„Es ist ein anderer Hunger, der mich plagt.“

„Und wie stillt man den?“

„Das kann ich dir zeigen“, sagte Paul und küsste sie wild und leidenschaftlich. Dieser neue Kuss brachte Loni völlig aus dem seelischen Gleichgewicht.

Er streichelte ihr Gesicht.

„Du bist so angenehm weich. Ich möchte nie mehr auf hören, dich zu streicheln“, sagte er.

Er liebkoste sie mit sehr viel Gefühl, es war überwältigend. Jede seiner vielen Zärtlichkeiten ließ Lonis Blut aufwallen. Sie seufzte glücklich und flüsterte seinen Namen.

Mit jeder Berührung wuchs Lonis Verlangen. Es steigerte sich ins Unerträgliche. Paul überschüttete sie mit seiner Liebe. Sie hatte das Gefühl, darunter keine Luft zu bekommen.

Aber wozu brauchte sie Luft? Ihr genügte Pauls Liebe. Allein davon konnte sie leben, Ihre Körper wurden von sanften Wellen fortgetragen, und dann stürzte ein gewaltiger Wirbelwind aus heißen Gefühlen auf sie herab und holte sie dorthin, wo nur Liebende Zutritt hatten.

„Es... es ist wunderschön“, flüsterte sie.

„Ich kann mit Worten nicht ausdrücken, wie sehr ich dich liebe, mein Engel.“

„Versprich mir, dass es in deinem Leben nie mehr eine andere Frau geben wird.“

„Ganz bestimmt nicht.“

„Du musst es mir versprechen.“

„Ich verspreche es hoch und heilig. Und wie ist es mit dir? Wird es in deinem Leben jemals wieder einen anderen Mann geben?“

„Es gibt keine anderen Männer mehr auf der Welt für mich. Sie sind von nun an durchsichtig für mich. Ich kann sie nicht mehr sehen.“

„Das finde ich wunderbar.“

Beide erlebten die Liebe so, wie sie ihnen noch nie begegnet war.

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Eines Tages sah Loni Dr. Jürgen Büttner in einem Kaufhaus. Der Arzt war in Begleitung einer Dame.

Wäre er allein gewesen, hätte sie mit ihm gesprochen und ihm von ihrem neuen Glück erzählt. Nicht, um ihm weh zu tun, nicht, um damit anzugeben. Sie wollte einfach nur, dass die ganze Welt wusste, wie glücklich sie war. Jede Zeitung hätte es auf der ersten Seite mit riesigen Lettern verkünden sollen.

Aber dann...

Es traf Loni wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Sie war wie erschlagen. Sie hatte sich mit Paul Breitenbach treffen wollen, doch er hatte gesagt, er habe keine Zeit. Und dann sah sie ihn zufällig aus dem Wagen einer schwarzhaarigen, vollbusigen Frau steigen. Er hatte sie zum Abschied auf beide Wangen geküsst, hatte dabei ihren Kopf liebevoll und zärtlich in seine Hände genommen.

Keine Zeit für mich, dachte Loni wütend und empört. Was hast du mir erst vor kurzem versprochen? Es wird nie mehr eine andere Frau für dich geben. Nie mehr! Wieso halten die Versprechen von Männern nur so kurze Zeit?

Loni war wahnsinnig unglücklich. Sie wollte sterben. Wieso hatte sie mit Männern kein Glück? Sie hatte mit Jürgen Schiffbruch erlitten und nun passierte es ihr mit Paul zum zweiten Mal.

Ich bin die geborene Verliererin, dachte Loni mit Tränen in den Augen. Jedes Mal wenn ich denke, das Glück in meinen Händen zu halten, kommt eine eiskalte Dusche und alles, was schön war, rinnt mir durch die Finger.

Paul Breitenbach winkte dieser schönen schwarzhaarigen Frau nach, dann ging er auf Loni zu. Sie erschrak zutiefst. Sie hatte nicht die Kraft, ihn jetzt zu sehen.

Zum Glück waren auch noch andere Leute auf dem Bürgersteig. Loni drehte sich hastig um und verschwand in einem Haus. Sie schloss das Tor hinter sich und wartete zitternd.

Was machte sie immer falsch? Wieso vergnügten sich die Männer nur mit ihr? Warum hatte keiner den Wunsch, länger bei ihr zu bleiben? Bin ich nicht mehr wert als ein flüchtiges Abenteuer fragte sie sich?

Diese leidenschaftlichen Liebesschwüre... Nichts waren sie wert. Ich werde dich immer und ewig lieben ... Immer und ewig, wie herrlich das klingt, aber gemeint sind höchstens ein paar Tage, bestenfalls ein paar Wochen...

„Ich will von Männern nichts mehr wissen“, flüsterte Loni todunglücklich. „Ich habe genug von ihnen.“

Es war eine Zeitlang so wunderbar mit ihnen, aber danach kam immer dieser schreckliche Trennungsschmerz. Das wollte sich Loni nicht mehr antun, nie mehr!

Sie sagte sich, sie wäre nicht geschaffen für ein Leben zu zweit. Sie müsse sich damit abfinden.

Die Liebe war ja etwas Himmlisches, aber das Leid danach war kaum auszuhalten. Für eine dritte Enttäuschung hätte Loni Zielstorff die Kraft nicht mehr aufgebracht.

Sie öffnete vorsichtig das Haustor. Paul Breitenbach war nicht mehr zu sehen.

Er war für Loni gestorben. Er existierte nicht mehr für sie. Als sie die Straße überquerte, dröhnte die Hupe eines Lastwagens. Sie zuckte nicht einmal zusammen. Es hätte ihr nichts ausgemacht, wenn sie überfahren worden wäre. Dann hätte der Schmerz in ihrer Brust wenigstens aufgehört.

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Natürlich fiel Erich Zielstorff auf, dass seine Schwester einen neuerlichen Tiefschlag zu verkraften hatte. Er hoffte, sie würde mit ihm reden, sich bei ihm aussprechen wollen, aber sie schluckte alles hinunter, war gereizt, arbeitete mit großer Unlust, war manchmal so unzuverlässig, dass Erich nicht umhin konnte, sie zurechtzuweisen. Sie gab ihm dann zumeist schnippische Antworten und zweimal kam es sogar zum handfesten Krach.

Aber der absolute Tiefpunkt war damit noch nicht erreicht.

Es kam noch schlimmer, der Frauenarzt bestätigte Loni Zielstorff, dass sie schwanger war.

Was sie bewog, ihrem Bruder das mitzuteilen, wusste er nicht. Loni war jedenfalls nicht bereit, mit ihm darüber zu diskutieren. Es stand lediglich fest, dass sie das Kind behalten wollte.

Erich Zielstorff hatte zwar genug Sorgen mit der Firma, aber es passte ihm nicht, dass das Kind seiner Schwester ohne Vater aufwachsen sollte.

Deshalb beschloss er, die Angelegenheit hinter dem Rücken der Schwester in Angriff zu nehmen.

Seiner Ansicht nach war Dr. Jürgen Büttner der Vater des Kindes und der Arzt durfte sich nicht vor der Verantwortung drücken. In erster Linie ging es Erich Zielstorff um das Glück seiner Schwester, aber in zweiter Linie ließ er die Schreinerei nicht ganz außer Acht. Vielleicht kam er mit der Wiesen-Klinik über Dr. Büttners Vermittlung doch noch ins Geschäft.

Es musste auf jeden Fall etwas geschehen. So, wie die Dinge jetzt standen, waren sie nicht tragbar.

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Am Nachmittag wurde eine Hausfrau mit schweren Verbrennungen in die Wiesen-Klinik eingeliefert.

Der Verlauf einer Verbrennungskrankheit wird von zwei Faktoren geprägt, Schock und Verbrennungswunde. Der Verbrennungsschock ist auf die ersten zwei Tage beschränkt.

Die Behandlung, die Dr. Richard Berends verordnete, erfolgte durch reichliche Infusionen ausgewogen zusammengesetzter Lösungen. Mehr Sorgen als der kurz dauernde Kampf

gegen den Schock würde den Ärzten und dem Pflegepersonal die Verbrennungswunde bereiten, die von Infektionen und ihren fatalen Folgen bedroht war.

„Wir werden die Wunden mit körpereigener Haut decken“, sagte der Chefarzt zu Dr. Jürgen Büttner, „Aber das können wir frühestens in zwei bis drei Wochen machen. Inzwischen müssen wir uns mit biologischen Verbänden helfen.“

Die Mediziner befanden sich auf dem Weg in den OP, in dem die Frau für den Eingriff bereits vorbereitet worden war. Zwei Stunden arbeiteten die Chirurgen mit vollster Konzentration.

Dr. Büttner betrat danach abgekämpft das Ärztezimmer und dort erreichte ihn Erich Zielstorffs Anruf. Der junge Chirurg war überrascht.

„Wie geht es Ihnen, Herr Zielstorff?“

„Man wurstelt sich so durch“, antwortete er.

„Was macht Loni?“, wollte der Chirurg wissen.

„Sie macht mir Sorgen,“

„Wieso?“

„Ich würde mich gern mit Ihnen unterhalten, Herr Dr. Büttner. So von Mann zu Mann, Sie verstehen. Hätten Sie heute Abend Zeit?“

„Möchten Sie mit mir über Ihre Schwester reden?“, fragte er neugierig.

„Ja, aber das kann man unmöglich am Telefon besprechen. Können Sie um zwanzig Uhr im 'Weinkrug sein?“

„Das ist kein Problem.“

„Gut, also bis dann“, sagte Erich Zielstorff und legte auf.

Es kommt häufig vor, dass Ärzte nicht pünktlich sind. Das liegt zumeist nicht an ihnen, sondern an den Umständen, auf die sie keinen Einfluss haben.

Dutzende Male war Dr. Jürgen Büttner zu Verabredungen schon zu spät gekommen, weil ein Schwerverletzter in die Wiesen-Klinik eingeliefert worden war oder weil bei einem der Kranken ein rascher Eingriff nötig war.

Diesmal schaffte es der Chirurg jedoch, pünktlich zu sein. Er betrat das Lokal sogar fünf Minuten vor der verabredeten Zeit. Erich Zielstorff war bereits da.

Der junge Mann hob die Hand, um sich bemerkbar zu machen und Dr. Büttner ging auf den Tisch zu, an dem der Schreiner saß. Erich Zielstorff hatte bereits ein Glas Wein getrunken und bekam soeben das zweite serviert.

Der Chirurg bestellte das gleiche für sich und setzte sich. In der Mitte des großen Lokals befand sich ein offener Kamin, der um diese Zeit aber noch nicht beheizt wurde.

Im Hintergrund des Lokals musizierten drei Mann so dezent, dass man keine Schwierigkeiten hatte, sich zu unterhalten.

„Danke, dass Sie gekommen sind, Dr. Büttner“, sagte Erich Zielstorff.

„Sie haben mich neugierig gemacht.“

„Sie mögen meine Schwester immer noch, nicht wahr?“

„Sehr sogar. Sie ist eine wirklich nette Frau.“

„Wissen Sie, was ich nicht verstehen kann? Dass es zwischen Ihnen beiden so plötzlich aus war. Ich meine... Zuerst schien es mir die ganz große Liebe zu sein und auf einmal, beinahe über Nacht, nichts mehr. Lag das an Loni?“

„Nein, Herr Zielstorff. Ich würde eher sagen, dass es an mir lag. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das erklären soll. Ich kann mich ungemein schnell für etwas begeistern, aber zumeist verliere ich schon nach kurzer Zeit das Interesse wieder daran.“

„Solange es sich nur um Dinge handelt, ist das nicht weiter schlimm, aber wenn’s um Menschen geht, kann es tragisch werden“, sagte Erich Zielstorff.

Dr. Büttner bekam seinen Wein und trank einen Schluck.

„Was ist los mit Loni? Hat sie Sie gebeten, mit mir zu reden?“

„Oh, nein, nein. Meine Schwester hat keine Ahnung, dass ich Sie angerufen habe. Sie würde es auch nicht wollen, dass ich mit Ihnen über sie rede, aber ich bin ihr Bruder. Wenn sie auch der Ansicht ist, ich hätte kein Recht, mich in ihr Leben einzumischen, so sehe ich das doch anders. Ich bin älter als meine Schwester. Unsere Eltern leben nicht mehr. Ich fühle mich für Loni verantwortlich.“

„Das finde ich durchaus in Ordnung“, sagte Dr. Büttner.

„Essen wir etwas? Sie haben hier einen köstlichen Kümmelbraten.“

„Ich habe in der Klinik eine Kleinigkeit gegessen.“

„Na schön, dann lassen wir’s.“ Erich Zielstorff nahm einen Schluck vom Wein. „Guter Tropfen, nicht wahr?“

„O ja.“

„Edel und gehaltvoll.“

„Sie wollten mit mir über Ihre Schwester reden“, sagte der junge Chirurg.

„Ja, natürlich, Herr Dr. Büttner. Ich möchte nur nicht mit der Tür ins Haus fallen, verstehen Sie? Dazu ist mir die Geschichte doch ein wenig zu heikel. Lassen Sie es uns langsam angehen, einverstanden? Sie gehören also zu jenen Männern, die sich schnell verlieben, bei denen die Liebe aber auch bald wieder erlischt.“

„Ich hoffe, Sie denken nicht, ich hätte es mit Ihrer Schwester nicht ehrlich gemeint.“

Erich Zielstorff schüttelte den Kopf.

„Mein lieber Dr. Büttner, ich halte Sie für einen Ehrenmann, sonst säße ich heute nicht hier mit Ihnen an diesem Tisch. Ich bin davon überzeugt, dass Sie Lonis Schwäche nicht ausgenutzt haben. Es gibt Männer, die möchten nur ihren Spaß haben und ziehen sich dann wieder zurück, aber zu dieser gewissenlosen Sorte gehören Sie nicht. Wenn Sie lieben, tun Sie es rückhaltlos und aufrichtig. Dass das Strohfeuer nicht lange brennt, ist zwar bedauerlich, aber nicht Ihre Schuld.“

Dr. Büttner fragte sich, worauf Erich Zielstorff hinauswollte.

„Das Zusammensein mit Ihnen hat meiner Schwester sehr gutgetan, Herr Dr. Büttner. Ich möchte sagen, Sie traten genau zum richtigen Zeitpunkt in das Leben meiner Schwester. Sie halfen ihr, über viele Probleme hinwegzukommen.“ Zielstorff nahm wieder einen großen Schluck vom Wein. „Offengestanden, ich hatte gehofft, Sie zum Schwager zu bekommen. Sie waren mir auf Anhieb sympathisch. Ich dachte mir, wir würden uns gut vertragen. Aber dann flaute die Sache ab und verlor sich gewissermaßen im Sand.“

„Das habe ich auch bedauert“, gestand der Mediziner.

„Nicht mehr als ich“, sagte Erich Zielstorff. „Aber ich machte mir klar, dass das Leben eben so wäre und ich müsse mich damit abfinden. Schließlich gehe es in erster Linie darum, dass Loni glücklich wird.“ Er trank wieder einen Schluck Wein. „Ich möchte Ihnen eine Frage stellen, Dr. Büttner. Wenn sie Ihnen zu indiskret erscheint, brauchen Sie sie mir nicht zu beantworten.“

Der Chirurg nickte und blickte Erich Zielstorff offen an.

„Fragen Sie“, bat er.

„Wenn man sich so oft verliebt wie Sie... gibt es da nicht ab und zu Komplikationen?“

„Welche Komplikationen meinen Sie?“

„Nun ja, die jungen Damen könnten Ihnen zum Beispiel hässliche Szenen machen, wenn Sie auf einmal nichts mehr von ihnen wissen wollen. Jede nimmt es nicht so still hin wie meine Schwester. Und dann... Wir sind erwachsene Menschen, Herr Dr. Büttner, und ich finde, dass man über alles reden kann. Wenn ein Mann und eine Frau sehr intim miteinander werden, kann das unter Umständen Folgen haben. Sie wissen, was ich meine. Gab’s da noch nie Probleme?“

„Nein“, antwortete Dr. Büttner. „Sie als Arzt könnten sich’s natürlich bequem richten, aber ich glaube nicht, dass Sie so etwas tun würden. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass Sie eine Frau überreden würden, sich das Kind, das sie von Ihnen bekommt, abtreiben zu lassen. Wissen Sie, was ich eher annehme? Dass Sie die Frau heiraten würden, damit das Kind nicht ohne Vater aufwachsen muss. Was kann schließlich der arme Wurm dafür, dass er auf der Welt ist, nicht wahr?“

„Würden Sie jetzt bitte langsam zum Thema kommen, Herr Zielstorff?“, fragte Dr. Büttner mit erwachsender Ungeduld.

„Ich bin bereits beim Thema, Herr Dr. Büttner. Ich dachte, Sie hätten das gemerkt.“

Der Chirurg erschrak. Er glaubte mit einem Mal zu wissen, worauf Erich Zielstorff hinauswollte und brauchte unbedingt einen Schluck Wein.

„Wenn ich Sie recht verstehe, erwartet Loni ein Kind“, sagte der junge Mediziner mit belegter Stimme.

„Ja, Herr Dr. Büttner. Das sind die Folgen, von denen ich vorhin sprach. Sie waren mit Loni in Basel, und es muß für Sie beide dort sehr schön gewesen sein, aber... Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Dr. Büttner. Ich bin der letzte, der Ihnen Vorwürfe zu machen gedenkt. Wir sind schließlich beide Männer und ein Mann ist ein Jäger, wenn ich das Mal so ausdrücken darf. Außerdem wäre ja nichts passiert, wenn Loni es nicht auch gewollt hätte, nicht wahr? Es trifft ja nie einen allein die Schuld in diesen Fällen. Aber nun gibt es ein schwerwiegendes Problem, mit dem wir beide fertig werden müssen.“

„Warum hat mir Loni nichts gesagt?“, fragte Dr. Büttner erregt.

Erich Zielstorff zuckte mit den Schultern.

„Sie wissen doch, wie Frauen manchmal sind. Sie haben ihren Stolz. Loni würde sich eher die Zunge abbeißen, als Ihnen zu sagen, dass sie von Ihnen ein Kind unter dem Herzen trägt Loni ist ein Engel. Sie würde Sie niemals unter Druck setzen. Die Beziehung, die Sie beide verband, löste sich auf und ich bin der Meinung, man sollte es so belassen, wenn Loni nicht in anderen Umständen wäre. Das rückt die Geschichte natürlich in ein völlig anderes Licht, wie Sie zugeben müssen, Herr Dr. Büttner. Oder darf ich Sie Jürgen nennen?“

„Meinetwegen“, sagte der Chirurg geistesabwesend.

„Dann müssen Sie mich aber Erich nennen.“

Dr. Büttner hörte kaum, was Erich Zielstorff sagte. Er dachte an Loni, an das Kind, das sie erwartete. An sein Kind.

Ich werde Vater!

Ein unbeschreibliches Gefühl durchtobte ihn bei diesem Gedanken,

„Es wäre natürlich angenehmer gewesen, wenn Sie mit Loni noch zusammen gewesen wären, Jürgen“, sagte der Schreiner. „Denn dann wäre uns dieses Gespräch erspart geblieben. Aber ich bin sicher, dass wir eine Lösung finden werden. Sie sind ein vernünftiger Mensch, der für die Dinge, die er tut, geradesteht.“

„Das ist klar“, sagte der Arzt. „Das Kind soll nicht ohne Vater aufwachsen, da bin ich ganz Ihrer Meinung, Erich.“

Zielstorff nickte zufrieden.

„Sie sind ein großartiger Mensch, Jürgen. Sie haben Stil. Natürlich ist mir klar, dass es zu keiner Neuauflage dieser himmelstürmenden Liebe kommen kann. Was vorbei ist, ist vorbei. Aber vielleicht ist es ganz gut, wenn die Wogen der Leidenschaft nicht mehr so hoch schlagen und der Vernunft Platz machen. Die Vernunft ist eine stabilere Basis. Auf ihr lässt sich eine Ehe dauerhafter errichten. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich Ihnen all das sage, Jürgen, aber soll ich Zusehen, wie meine Schwester ein Leben lang unglücklich ist? Das kann niemand von mir erwarten.“

„Es war richtig, dass Sie mich angerufen haben, Erich“, sagte Dr. Büttner.

„Wenn Sie es Loni sagen, schlägt sie mich tot.“

„Sie wird es von mir nicht erfahren“, versprach der Chirurg.

„Es bleibt unser Geheimnis“, sagte Erich Zielstorff lächelnd.

„Ich würde Loni gern sehen“, bat der Arzt.

»Lassen Sie ihr Zeit“, sagte Zielstorff. „Sie müssen so tun, als wüssten Sie nichts von dem Kind. Sie müssen warten, bis Loni soweit ist, es Ihnen zu sagen. Vielleicht wäre es besser, wir würden ein zufälliges Zusammentreffen arrangieren.“

„Keine schlechte Idee“, sagte Dr. Büttner.

„Das ist meines Erachtens besser, als wenn Sie Loni anrufen und ihr sagen, dass Sie sie sehen wollen. Sie könnte Verdacht schöpfen oder einfach sagen, sie hätte keine Zeit. Wenn Sie ihr aber zufällig begegnen, kann Ihnen Loni nicht davonlaufen. Meine Schwester braucht Sie, Jürgen. Sie wird es sich nicht anmerken lassen, aber ich weiß es. Loni hatte Sie noch nie so bitter nötig wie jetzt.“

„Sie kann mit mir rechnen.“

„Ich rufe Sie an, sobald ich weiß, wo Sie Loni zufällig über den Weg laufen können.“

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Paul Breitenbach verstand die Welt nicht mehr. Gab es eine launischere Frau als Loni Zielstorff? Er war mit ihr so glücklich gewesen. Den Himmel auf Erden hatten sie zusammen erlebt und plötzlich wollte Loni nichts mehr von ihm wissen.

Wenn er anrief, hob ihr Bruder den Hörer ab und wenn Mal sie am Apparat war, legte sie sofort wieder auf, sobald sie seine Stimme erkannt hatte. Paul hatte sie zu Hause aufsuchen wollen, doch sie hatte sich verleugnen lassen und Erich Zielstorff hatte ihm den Eintritt verwehrt.

„Was hat sie denn?“, hatte Paul Lonis Bruder gefragt. „Darf ich wenigstens das erfahren? Hat sie mit Ihnen darüber gesprochen? Warum will sie mich aufeinmal nicht mehr sehen? Dafür muss es einen Grund geben.“

„Ich kümmere mich nicht um die Angelegenheiten meiner Schwester“, hatte Erich Zielstorff geantwortet. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie uns nicht mehr belästigen würden.“

„Aber ich liebe Loni.“

„Offenbar liebt meine Schwester aber Sie nicht. Es tut mir leid für Sie, Herr Breitenbach, aber ich kann Ihnen nur raten, sich damit abzufinden. Unterlassen Sie es, meine Schwester in Zukunft Wiedersehen zu wollen. Das würde zu nichts anderem als zu Ärger führen. Es wäre in unser aller Sinn, wenn der sich vermeiden ließe“

Paul schrieb ihr Briefe. Sie kamen alle ungeöffnet zurück. Der junge Mann zerriss sie dann wütend und warf sie in den Papierkorb. Loni hatte also nur mit ihm gespielt.

Er war für sie nichts weiter als ein kurzes Abenteuer gewesen und darüber ärgerte er sich maßlos.

Er betrank sich und schrie und tobte zu Hause. Er schüttelte wütend die Fäuste und rief:

„Ein Glück für dich, dass du nicht hier bist, Loni Zielstorff, du gewissenlose Sirene. Sonst könnte ich nämlich für nichts garantieren!“

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Sie besucht am Freitag eine Kleintierschau in der Brahmsgasse“, sagte Erich Zielstorff am Telefon zu Dr. Jürgen Büttner.

„Ich komme mir vor, als würde ich an einer Verschwörung teilnehmen“, sagte der Chirurg.

„Genau genommen ist es eine Verschwörung. Aber wir haben nichts Schlechtes im Sinn, sondern nur Lonis Bestes.“ Erich Zielstorff sagte, wann seine Schwester in der Brahmsgasse anzutreffen sein würde.

„Dann werde ich mir die lieben Tierchen also auch ansehen“, bemerkte Dr. Büttner lächelnd. „Und dabei werde ich ganz zufällig Loni begegnen.“

Erich lachte. „Was es doch für begrüßenswerte Zufälle gibt, nicht wahr?“

„Sie sagen es.“

„Ich drücke Ihnen die Daumen, Jürgen. Und nicht vergessen: Sie müssen den Ahnungslosen spielen, sonst zieht sich Loni zurück und lässt Sie nicht mehr an sich heran. Wie wir das wieder ausbügeln können, weiß ich nicht.“

„Keine Sorge“, beruhigte Dr. Büttner den Schreiner. „Ich werde meine Rolle gut spielen.“

„Ich bin gespannt, mit welchem Gesicht und welcher Nachricht Loni nach Hause kommt.“

„Mit einem strahlenden Gesicht, hoffe ich“, meinte der Mediziner.

„Ich auch“, sagte Erich Zielstorff und legte auf.

Als Dr. Büttner eine Stunde nach diesem Anruf die Wiesen-Klinik verließ, begegnete er Dr. Richard Berends, der sich mit einem Patienten im Park unterhalten hatte.

„Schönes Wochenende!“, rief Dr. Büttner.

„Wünsche ich Ihnen auch“, gab der Chefarzt zurück. „Fahren Sie ein bisschen raus ins Grüne?“

„Weiß ich noch nicht. Kann sein. Kommt darauf an.“

„Sie meinen, ob sich jemand findet, der Sie begleitet“, sagte Dr. Berends schmunzelnd.

„Genau.“

Der Chefarzt schüttelte den Kopf. „Sie werden sich wohl nie ändern.“

„Doch. Vielleicht sogar schon bald.“

„Tatsächlich?“

„Mehr wird nicht verraten“, sagte Dr. Büttner lachend und stieg in seinen Wagen.

Er fuhr nach Hause und zog sich um. In dem grauen Flanellanzug wirkte er sehr seriös. Dazu trug er eine getupfte Krawatte und ein Stecktuch mit demselben Muster.

Vor dem Wandspiegel stehend, betrachtete er sich mit gestrengem Blick.

„Du siehst aus, als wärst du einem exquisiten Herrenjoumal entstiegen“, sagte er zu sich selbst. „Wenn du in dieser Verpackung keinen Eindruck mehr auf Loni machst, ist wohl Hopfen und Malz verloren."

Er war pünktlich in der Brahmsgasse, doch wie zu erwarten, fand er dort keinen Parkplatz. Fünfzehn Minuten kurvte er herum, bis er endlich den Wagen abstellen konnte.

Die Kleintierschau befand sich in den Räumen eines öffentlichen Gebäudes, im Erdgeschoss und im ersten Stock. Dr. Büttner beachtete die Tiere kaum.

Er suchte Loni. Im Erdgeschoss war sie nicht, deshalb hastete er die Treppe zum ersten Stock hinauf. Er hoffte, dass Loni nicht früher gekommen und schon wieder gegangen war.

Aber dann sah er sie und sein Herz krampfte sich leicht zusammen. Sie trug ein wunderschönes Kleid, in dem sie großartig aussah. Loni, die Mutter seines Kindes.

Ein ganz eigenartiges Gefühl beschlich ihn bei diesem Gedanken. Er näherte sich der jungen Frau. Sie stand vor einem Käfig, in dem sich zwei prächtige Angorakaninchen befanden.

„Ist das denn die Möglichkeit“, sagte er, als er hinter ihr stand. „So ein Zufall. Loni, was tust du denn hier?“

Sie drehte sich um, und er sah ihr an, dass sie sich freute, ihn zu sehen.

„Jürgen. Du interessierst dich auch für Kleintiere?“

„Wundert dich das? Als ich ein kleiner Junge war, brachte ich täglich ein anderes Tier nach Hause: Schlangen, Mäuse, Ratten, Käfer, junge Katzen, junge Hunde... Ich brachte meine Mutter damit zur Verzweiflung. Diese Tierliebe ist mir geblieben. Wie geht es dir, Loni? Du siehst großartig aus.“

„Danke, du aber auch. Hast du viel zu tun?“, fragte sie.

„Manchmal zu viel.“

„Wenn du so weitermachst, wirst du noch mal zum größten Aufschneider Deutschlands..“

„O ja, daran arbeite ich. Wir haben uns lange nicht gesehen. Was machst du so?“

„Och, nichts Besonderes. Ich helfe Erich nach wie vor in der Firma.“

„Hat sich die Auftragslage gebessert?“, wollte der attraktive Chirurg wissen.

„Nur unwesentlich. Aber es ist wenigstens nicht mehr von Schließung die Rede und das Entlassungsgespenst konnten wir auch verscheuchen.“

„Ist doch schon ein Fortschritt.“

„Leider haben wir aber nach wie vor mit den roten Zahlen zu kämpfen“, erklärte sie.

„Ihr kriegt die Angelegenheit in den Griff, zwei so tüchtige dynamische Leute wie ihr. Hat sich Erich inzwischen eine Braut zugelegt?“

Loni schüttelte den Kopf.

„Wir haben beschlossen, ledig zu, bleiben.“

„Das ist nicht dein Ernst. Eine so gutaussehende begehrenswerte Frau wie du..“

„Was soll das denn werden? Das haben wir beide doch hinter uns.“

„Gehen wir zusammen etwas trinken? Ich freue mich riesig, dich wiederzusehen.“

„Die Trennung scheint uns beiden gutgetan zu haben“, sagte Loni.

„Wir müssen unbedingt auf die alten Zeiten anstoßen.“

„Gar so alt sind sie noch nicht.“

„Ich habe keine einzige Stunde vergessen“, sagte Dr. Büttner und schob seine Hand unter ihren Arm. „Komm, Loni. Du darfst mir keinen Korb geben.“

Sie schmunzelte. „Das hatte ich nicht vor.“

Dr. Büttner hupte kurz und Loni Zielstorff kam fünf Minuten später aus dem Haus. Sie trug himmelblaue Jeans und eine weiße Bluse. Das Wetter war herrlich.

Der Samstagausflug würde bestimmt alle Erwartungen erfüllen. Dr. Büttner war ausgestiegen und ging um den Wagen herum. Er war mit Loni gestern lange zusammen gewesen.

Die Liebe war nicht mehr aufgelodert, aber was sich zwischen ihnen auf gebaut hatte, war auf jeden Fall sehr viel mehr als nur eine lockere Freundschaft.

Er gab ihr einen Begrüßungskuss auf die Wange. Am Fenster stand Erich Zielstorff und war mit dem, was er sah, zufrieden.

Er hatte die Sache gut eingefädelt. Auf alles Weitere hatte er aber nun so gut wie keinen Einfluss mehr. Loni winkte ihm und er winkte zurück.

Dann stieg seine Schwester in Jürgens Wagen und die beiden fuhren los. Dieser Tag würde eine wichtige Entscheidung bringen, dessen war sich Erich Zielstorff sicher. Jürgen konnte sich vor der Verantwortung nicht drücken. Loni würde genau den Mann bekommen, den ihr Bruder für sie haben wollte.

Das Paar verließ Bergesfelden. „Ich habe heute Nacht von dir geträumt“, begann Dr. Büttner.

„Ich hoffe, es war kein Alptraum“, sagte Loni gut gelaunt.

„Es war der schönste Traum, den ich je hatte. Ich möchte dir dafür danken.“

Sie lachte. „Mir danken? Ich kann doch nichts dafür.“

„Doch, denn wäre ich dir gestern nicht begegnet wäre, wär’s bestimmt nicht zu diesem Traum gekommen.“

„Dann musst du dem Zufall danken, denn er hat uns zusammengeführt.“

Der Zufall heißt Erich, dachte Dr. Büttner amüsiert.

„Du warst gestern sehr nett zu mir“, sagte er. „Magst du mich noch?“

„Vielleicht ein bisschen“, antwortete Loni kokett.

„Ich möchte dich von nun an wieder öfter sehen. Du hast mir gefehlt. Ich war nicht sehr glücklich in der jüngsten Vergangenheit, aber ich hatte meine Arbeit und vergrub mich in sie, um nicht so viel über uns beide nachdenken zu müssen. Irgendwie sind die Dinge schiefgelaufen. Keiner von uns hat Schuld. Wir konnten es nicht verhindern, aber ich könnte mir vorstellen, dass wir beide sehr sehr gute Freunde werden könnten. Was meinst du dazu?“

„Freunde“, sagte Loni. „Das sind wir schon, Jürgen.“ Sie legte die Hand auf seinen Arm und schaute ihn lächelnd an.

Die Straße schlängelte sich durch einen dichten finsteren Mischwald und einige Zeit später schlenderten Jürgen und Loni über grüne Höhen und der Wind zerzauste ihre Haare.

Dr. Büttner verhielt sich reserviert, um nichts zu verderben. Sie waren beide auf eine neue Art glücklieh, aßen in einem kleinen Dorfgasthaus zu Mittag und wanderten danach weiter.

Die große Rundwanderung sollte bei Dr. Büttners Wagen enden. Sie kamen am Nachmittag an einem kleinen Steinbruch vorbei und Loni stellte fest, dass es darin ein Echo gab.

Sie lief in den Kessel, legte die Hände trichterförmig an den Mund und rief:

„Hallo!“

„Hallo! Hallo!“, antwortete das Echo.

„Komm, Jürgen, versuch’s auch mal!“

„... auch mal!.,. auch mal!“

Er rief: „Loni!“

„Loni! Loni!“

Und sie rief seinen Namen. Sie alberten und gestanden dem Echo, wie schön es sei zu leben, und das Echo plapperte ihnen alles nach. Loni wirkte froh und unbeschwert.

Gestern hatte Jürgen geglaubt, Schatten unter ihren Augen zu erkennen, doch heute war davon nichts zu sehen. Er trat vor sie hin und griff nach ihren zarten Schultern.

Loni sah ihm in die Augen und als er sie an sich ziehen wollte, legte sie ihre Hände auf seine Brust und schüttelte bestimmt den Kopf. Sie schien genau zu wissen, was sie wollte und das wollte sie nicht.

„Nein, Jürgen. Das hätte keinen Sinn. Wir verstehen uns großartig und wir kamen überein, dass wir Freunde sein wollen. Damit bin ich einverstanden. Du wirst mein allerbester Freund sein, solange ich lebe. Aber mehr nicht. Das ist vorbei.“ Sie löste sich von ihm. „Wir sollten keinen so ernsten Ton aufkommen lassen. Er passt nicht zu meiner großartigen Stimmung. Ich möchte fröhlich sein und mit dir lachen. Willst du mich fangen?“

„Als ich dich gestern sah, hatte ich den Eindruck, dass dich etwas bedrückt“, sagte er. Er wollte ihr die Gelegenheit bieten, mit ihm über das Baby zu sprechen.

„Du hast dich geirrt Ich habe keine Probleme, bin völlig ausgeglichen und mit meinem Leben zufrieden. So, und jetzt fange mich oder bist du dafür schon zu müde?“

Er sprang vor, sie wich ihm lachend aus und wirbelte herum. Sie lief durch den Steinbruch und ihr manchmal schrilles Lachen zitterte als Echo in dem kleinen Kessel.

Zweimal hätte Jürgen die junge Frau beinahe erwischt, doch beide Male konnte ihm Loni entkommen. In ihrem Übermut kletterte sie sogar an der steinigen Wand hoch und wollte, dass Jürgen ihr folgte.

Dr. Büttner sagte, sie solle es nicht übertreiben. Er dachte an das Kind. „Komm lieber wieder herunter.“

„Befürchtest du, dass mir etwas zustößt? Ich bin eine Gämse, aufgewachsen im Hochgebirge.“

„Ich finde, wir haben uns unmöglich genug benommen.“

„Wie kleine Kinder. Ach, es ist herrlich, so verrückt zu sein, Jürgen. Weißt du was? Wenn du mich hier oben erwischst, darfst du mich küssen. Na, ist das nicht ein Preis, der dich lockt?“

Er kletterte über brüchiges Gestein, stellte sich dabei nicht ungeschickt an, aber er fühlte sich ab einer gewissen Höhe nicht mehr wohl.

Loni entfernte sich von ihm, aber er holte auf. Die Distanz verringerte sich. Loni drehte sich zu ihm um und lachte.

„Sieht ganz danach aus, als würdest du deinen Kuss bekommen. Aber noch hast du mich nicht.“

Sie kletterte weiter, und plötzlich geschah das, was Dr. Büttner befürchtete. Der Stein, auf dem Loni stand, brach. Die Frau verlor den Halt und stieß einen spitzen Schrei aus.

Sie warf erschrocken die Arme hoch und suchte Halt, doch ehe sie welchen finden konnte, stürzte sie ab. Sie rutschte auf dem Rücken, wälzte sich den Hang hinunter, kugelte über Steine und Felsen rollten polternd und klackernd hinter ihr her.

„Loni!“, schrie Dr. Büttner entsetzt.

Sie kam unten an und blieb liegen. Der Arzt befürchtete das Schlimmste.

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Loni ist nicht zu Hause!“, sagte Erich Zielstorff unfreundlich, als er die Haustür geöffnet hatte.

„Das glaube ich Ihnen nicht“, gab Paul Breitenbach angriffslustig zurück. „Sagen Sie ihr, dass ich mit ihr sprechen möchte.“

„Sie ist nicht da, hat heute morgen das Haus verlassen, ist weggefahren.“

„Ich will wissen, warum sie das tut. Ich finde, ich habe ein Recht, eine Erklärung von ihr zu verlangen.“

„Nichts haben Sie, gar nichts“, erklärte Erich Zielstorff energisch. „Wenn Sie Ihre Belästigungen nicht einstellen, sehe ich mich gezwungen, entsprechende Schritte gegen Sie einzuleiten. Es muss Ihnen doch genügen, wenn ich Ihnen sage, dass meine Schwester von Ihnen nichts mehr wissen will.“

„Warum darf ich das nicht von ihr selbst hören? Wissen Sie, was ich glaube? Das Ganze geht von Ihnen aus. Sie wollen nicht, dass ich Loni wiedersehe. Aber Sie können sie nicht einsperren wie eine Sklavin.“

„Wenn Sie anriefen und Loni war am Telefon. Was hat meine Schwester dann gemacht?“

„Sie hat aufgelegt“

„Na sehen Sie. Genügt Ihnen das nicht?“, fragte der Schreiner.

„Vielleicht haben Sie Loni gegen mich auf gehetzt.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich. Warum sollte ich denn so etwas Blödes tun?“, entgegnete Erich Zielstorff ärgerlich.

„Was weiß ich. Vielleicht ist Ihnen der Assistent eines Zahntechnikers nicht gut genug für Ihre Schwester.“

„Sie stehlen mir die Zeit!“, herrschte Erich Zielstorff den jungen Mann an und knallte die Tür zu.

Paul Breitenbach blieb nichts anderes übrig, als zu gehen.

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Loni! O mein Gott!“, Dr. Büttner beeilte sich, zu der Verunglückten zu kommen. Auf den letzten Metern stürzte auch er und landete neben der Frau, aber der Arzt blieb zum Glück unverletzt Er sprang auf. „Loni!“

Ihr Gesicht war mit blutigen Schrammen übersät, die Bluse war zerrissen, die Jeans auch. Blutflecken befanden sich auf dem hellblauen Stoff.

„Loni, kannst du mich hören?“, fragte Dr. Jürgen Büttner.

Ihre Lider hoben sich, flatterten, wollten wieder zufallen.

„Hast du Schmerzen? Tut dir irgendetwas weh?“, fragte er.

Loni schien etwas sagen zu wollen. Ihre bebenden Lippen bewegten sich. Der Chirurg beugte sich über ihren Mund und lauschte.

„Baby...“, hauchte Loni.

Jetzt hatte sie Angst um ihr Kind, Mein Gott, warum jetzt erst? Warum war sie so übermütig gewesen? Warum war sie nicht vorsichtiger gewesen?

Er machte ihr keine Vorwürfe. Vielleicht hatte sie Schmerzen im Bauch. Dr. Büttner hob den Kopf und erkannte, dass Loni bewusstlos geworden war.

Sie musste schnellstens in die Wiesen-Klinik. Der Chirurg schob seine Hände unter ihren Körper und hob sie hoch. Es war nicht mehr sehr weit bis zum Wagen.

Dr. Büttner trug die Bewusstlose keuchend aus dem Steinbruch. Er stolperte über Wurzeln und Bodenunebenheiten, lief so schnell er mit seiner Last laufen konnte.

Er schwitzte und verausgabte sich völlig, denn es war keine Zeit zu verlieren. Endlich erreichte er den Wagen. Der Schweiß brannte in seinen Augen. Er schloss die Tür zu den hinteren Sitzen auf und legte die Frau in den Wagen.

„Es wird alles gut“, sagte der Facharzt heiser. Sie konnte ihn nicht hören, aber er sprach weiter: „Mach dir keine Sorgen, es wird alles gut.“ Es hörte sich an, als wollte er sich damit selbst trösten. „Mache dir keine Sorgen...“

Aber er machte sich Sorgen!

Mit dem Ärmel wischte er sich den Schweiß von der Stirn, dann lief er um den Wagen herum und stieg ein. Er startete den Motor und drückte den Schalthebel nach vorn.

Der Wagen schoss los durch den düsteren Wald, nach Bergesfelden zurück. Dr. Büttner fuhr schnell, aber nicht zu schnell. Er war so erregt, wie noch nie.

Zweimal kam Loni ganz kurz zu sich, wurde aber immer gleich wieder bewusstlos. Dr. Büttners Sorgen wuchsen. Er konnte sich nur schwer konzentrieren.

Als er endlich seinen Wagen vor der Notaufnahme der Wiesen-Klinik anhielt, war er in Schweiß gebadet. Er lief in die Ambulanz hinein und sorgte dafür, dass zwei Pfleger die Frau hereinholten.

Inzwischen rief er Dr. Herbert Hansen zu Hause an. Irene, die Frau des Oberarztes, meldete sich.

„Mir fällt ein Stein vom Herzen“, begann der Chirurg. „Hier spricht Dr. Büttner. Ist Ihr Mann da?“

„Er spielt mit den Zwillingen im Garten. Ist etwas passiert?“

„Ja. Eine gute Freundin von mir hatte einen Unfall.“

„Augenblick. Ich rufe meinen Mann.“

„Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse...“

„Ich bitte Sie, Dr. Büttner... Herbert! Kommst du mal? Dr. Büttner ist am Apparat Er muss dich dringend sprechen. Ein Notfall... Mein Mann kommt schon.“

„Ich befürchtete schon, Sie wären nicht zu Hause“, sagte der Chirurg.

„Wir hatten ursprünglich tatsächlich einen Ausflug vor, aber dann haben die Kinder zu lange getrödelt...“ Irene Hansens Stimme war plötzlich weg und Dr. Hansen meldete sich. Sein Kollege berichtete ihm in wenigen Worten, was geschehen war.

„Ich komme sofort“, sagte der Leiter der gynäkologischen Abteilung und legte auf.

Dr. Büttner rief auch noch Dr. Richard Berends an, denn er sah sich in seiner Verfassung außerstande, der Bewusstlosen zu helfen. Der Chefarzt versprach ebenfalls, sofort in die Wiesen-Klinik zu kommen. Einige Zeit später kämpften die beiden Ärzte Stunden um das Leben der Patientin.

Es waren die qualvollsten Stunden in Dr. Büttners Leben. Er ging vor dem Operationssaal auf und ab, setzte sich, stand gleich wieder auf, lief wieder auf und ab.

Zum ersten Mal spürte er selbst, wie es den Leuten ging, die hier draußen auf das Ergebnis einer Operation warteten. Er erfuhr die Zweifel, die sie plagten, die Ängste, die sie ausstanden.

Man hatte das Gefühl, im OP würde über Sein oder Nichtsein entschieden, während man hier draußen nichts, aber auch gar nichts, tun konnte.

Drei lange lange Stunden... Eine peinigende Ewigkeit, in der viel Schweiß floss. Als diese schreckliche Zeit endlich um war, erschienen Dr. Hansen und Dr. Berends.

Sie sprachen von inneren Verletzungen, erwähnten den starken Blutverlust, der bei der Patientin einen Schock ausgelöst hatte.

Er hörte es kaum, konnte den Kollegen nicht folgen. Um ihn herum drehte sich alles. Der Chefarzt sagte, dass Loni durchkommen würde, aber das Kind, das sie erwartet hatte, habe sie verloren.

„Das Kind... Lonis Kind... unser Kind...“, stammelte Dr. Jürgen Büttner bloß.

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Es war Ihr Kind?“, fragte Dr. Richard Berends. Er befand sich mit dem jungen Kollegen allein in seinem Büro. Jürgen Büttner hielt ein Glas mit Kognak in der Hand.

Erschüttert nickte der Gefragte und schaute den Chefarzt an.

„Ja, es war mein Kind. Ich wusste nicht, dass sie von mir schwanger war. Ihr Bruder hat es mir gesagt. Eigentlich wollte ich mich mit Loni nicht mehr treffen. Ich hatte nichts

gegen sie, aber Sie kennen mich. Es... es war einfach vorbei. Als ich erfuhr, dass sie ein Kind von mir erwartet, änderte das natürlich die Situation grundlegend. Ich war bereit, Loni zu heiraten, damit das Kind in geordneten Familienverhältnissen aufwächst.“

„Sie wollten Loni Zielstorff heiraten, obwohl Sie sie nicht mehr liebten.“

„Ich will sie immer noch zur Frau haben.“

„Aus einem Schuldgefühl heraus? Haben Sie den Eindruck, an Loni Zielstorff etwas gutmachen zu müssen, Herr Kollege?“

„Kann schon sein. Sie soll sehen, dass ich kein gewissenloser Halunke bin, sondern dass ich weiß, was sich gehört.“

„Was für eine Ehe wollen Sie ohne Liebe führen?“, fragte der Chefarzt.

„Es gibt auch noch andere Werte, auf die man bauen kann. Zum Beispiel gegenseitige Achtung, Zuneigung, Freundschaft. Manchmal ist das mehr als eine Liebe, die vielleicht ein, zwei Jahre hält und sich dann verflüchtigt wie Rauch. Was ich Loni bieten kann ist von Dauer, hat Beständigkeit über die Spanne eines ganzen Lebens.“

„Nun, da Fräulein Zielstorff das Kind verloren hat..

Dr. Jürgen Büttner schüttelte entschlossen den Kopf.

„Ich bin dieser anständigen Frau trotzdem etwas schuldig und ich werde mich vor dieser Verantwortung nicht drücken.“

„Es ist Ihre Entscheidung, Herr Kollege. Ich möchte Sie nur bitten, keine voreiligen Entschlüsse zu fassen.“

Dr. Büttner trank einen Schluck von dem Kognak.

„Ich werde mit Loni reden, wenn es ihr bessergeht, werde ihr meinen Standpunkt darlegen. Sie soll dann entscheiden, ob sie mich haben will oder nicht.“

„Reden Sie erst übermorgen mit ihr. Lassen Sie ihr und sich selbst ein wenig Zeit. Es wird erst mal ein Schock für die Patientin sein, wenn sie erfährt, dass sie das Baby verloren hat. Sie wird schrecklich durcheinander sein. Wenn Sie sie dann auch noch überfallen, wird sie keine Gelegenheit haben, Ordnung in dieses Durcheinander zu bringen. Ich denke, wenn Sie mit Fräulein Zielstorff am Montag reden, hat sie den Abstand, den sie braucht, um richtig entscheiden zu können. Sie dürfen nicht vergessen, dass dies eine Entscheidung ist, die für ihr weiteres Leben gravierend sein wird.“

Dr. Büttner stellte das Glas auf den Schreibtisch des Chefarztes ab.

„Noch einen?“, fragte Dr. Berends. „Nein, vielen Dank.“ Der junge Chirurg seufzte. „Wahrscheinlich haben Sie Recht. Ich werde morgen zu Hause bleiben. Es wird der schlimmste Sonntag meines Lebens werden, das weiß ich jetzt schon.“

„Da Sie nichts Vorhaben... Wie wär’s, wenn Sie morgen zu uns zum Essen kämen, Herr Kollege?“

Dr. Jürgen Büttner kräuselte die Nase.

„Ich weiß nicht recht. Ich wäre sicher kein guter Gesellschafter. Ich könnte Ihnen allen die Laune verderben.“

„Sie kommen!“, sagte Dr. Berends entschieden. „Keine Widerrede. Das ordne ich als Ihr Vorgesetzter an.“ Dr. Jürgen Büttner nickte resigniert. „Na schön. Wenn Sie darauf bestehen.“

„Ja, das tue ich.“

„Danke, Herr Chefarzt. Danke für alles, was Sie für Loni getan haben.

Dr. Hansen war so schnell wieder weg, dass ich keine Gelegenheit fand, auch ihm zu danken.“

„Sie können es am Montag nachholen“, sagte Dr. Richard Berends. „So und nun gehen wir nach Hause, bevor jemand auf die Idee kommt, uns noch weiter einzuspannen.“

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Dr. Jürgen Büttner brachte einen großen Blumenstrauß für Dr. Charlotte Berends mit. Dr. Berends bekam eine Flasche trockenen Wermuth.

Schatz, würdest du mal einen Blick auf den Kalender werfen?“, sagte der Chefarzt. „Ist mir entgangen, dass Weihnachten vor der Tür steht?“

„Soviel mir bekannt ist, nicht“, sagte Charlotte schmunzelnd. „Bitte kommen Sie doch weiter, Herr Kollege.“

Therese Mansfeld versorgte die Blumen. Es gab einen Tisch im Wohnzimmer, er stand in der Ecke und eine Vase stand darauf. In dieser kamen Dr. Jürgen Büttners Blumen ganz besonders zur Geltung.

„Einen Aperitif?“, fragte Dr. Berends und wies auf die Hausbar.

Der Besucher rieb sich die Hände und gab sich sehr viel Mühe, nicht zu zeigen, wie angespannt er war und bis jetzt gelang ihm das recht gut.

„jugoslawischen Slibowitz?“, fragte Richard. „griechischen Ouzo? Oder möchten Sie lieber einen Likör? Auch russischen Wodka können Sie haben.“

„Wodka, ja“, sagte Dr. Büttner.

„Und für dich, Schatz?“, fragte der Chefarzt seine Frau.

„Ebenfalls Wodka, aber...“

„Ich weiß. Einen Fingerhut voll“, vervollständigte er Charlottes Satz.

„Genau.“

„Du wirst nie eine richtige Russin", meinte ihr Mann belustigt.

„Das habe ich auch nicht vor.“

Alle setzten sich und der Hausherr goss das russische Nationalgetränk ein. Als der Aperitif Dr. Jürgen Büttners Magen erwärmt hatte, servierte Therese Mansfeld den ersten Gang.

Als sie gehört hatte, dass Dr. Büttner eingeladen war, hatte sie den ursprünglichen Speiseplan umgeworfen und statt des geplanten Hähnchens schmackhafte Rindsrouladen zubereitet. Das Fleisch war so weich, dass es auf der Zunge zerging.

Der junge Chirurg konnte nicht umhin, der Köchin ein Lob auszusprechen. Therese Mansfeld nahm es mit vornehmer Bescheidenheit entgegen. Nur am Glanz ihrer Augen war zu erkennen, wie sehr sie sich darüber freute.

Sie sprachen zunächst nicht über die Tragödie vom Samstag, aber weder Charlotte noch Richard wichen ihr absichtlich aus. Es gab nur so viele andere Themen, über die sie zuerst redeten. Das lenkte den jungen Chirurgen ab.

Später bei Kuchen und Kaffee redete Dr. Büttner über seine Empfindungen, die er gehabt hatte, als Loni Zielstorff bewusstlos in seinen Armen gelegen hatte.

„Ich spürte einen Schmerz, der nicht körperlich war. Es war meine Seele, die litt. Ich... ich fühlte mich auch an dem Unfall schuldig. Ich sagte mir: »Vielleicht war sie nur aus der Verzweiflung heraus so übermütig. Vielleicht wollte sie dieses Unglück herbeiführen. Das menschliche Gehirn kann die verrücktesten Gedanken produzieren, wenn man unter Schock steht.“

„Sie wird wieder gesund“, sagte der Chefarzt. „Sie ist sehr zäh und hat ein starkes Herz.“

„Wird sie jemals wieder Kinder haben können?“, fragte Dr. Jürgen Büttner,

„Soviel sie will“, antwortete der Hausherr.

„Glück im Unglück für Loni. Ich glaube, sie wird mal eine Mutter sein, die in dieser Rolle völlig aufgeht“, sagte Dr. Büttner und dachte: Die Frage ist nur, wessen Kinder sie aufziehen wird.

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Selbstverständlich war Erich Zielstorff noch am Samstag verständigt worden. Eine Krankenschwester hatte ihn angerufen. Als er gehört hatte, dass der Anruf aus der Wiesen-Klinik kam und dass seine Schwester dort lag, war er ziemlich aus dem Häuschen gewesen.

Auf sein „Ich komme sofort“ hatte die Schwester gesagt, er könne sich den Weg sparen, denn man würde ihn nicht zu Loni lassen.

„Sie ist meine Schwester!“, hatte er gebrüllt. „Sie haben kein Recht, mich daran zu hindern, sie zu sehen!“

„Doch, Herr Zielstorff, dieses Recht haben wir, wenn wir der Patientin damit helfen“, hatte die Krankenschwester erwidert. Sie war ihm wegen seiner Heftigkeit nicht böse, hatte Verständnis dafür. „Ihre Schwester braucht jetzt sehr viel Ruhe, Herr Zielstorff. Sie darf sich nicht aufregen.“

„Also gut. Wann darf ich sie sehen?“

„Frühestens am Montag“, hatte die Krankenschwester geantwortet.

„Dann komme ich am Montag, aber nach Hause schicken könnt ihr mich dann nicht, ohne dass ich Loni gesehen habe. Würden Sie.. .Würden Sie ihr Grüße von mir bestellen?“

„Aber gern.“

„Sagen Sie ihr, dass ich sie liebe und dass ich in Gedanken bei ihr bin.“

Die Krankenschwester hatte versprochen, das zu tun.

Am Sonntag versuchte Erich Zielstorff, Dr. Jürgen Büttner telefonisch zu erreichen. Er wollte Genaueres erfahren, Einzelheiten über den Unglücksfall, aber der junge Mediziner war weder zu Hause noch in der Wiesen-Klinik.

Erich Zielstorff hatte das Gefühl, die Decke würde ihm auf den Kopf fallen. Er musste raus, das Haus war so deprimierend leer. Das wäre es natürlich auch gewesen, wenn Loni geheiratet und zu ihrem Mann gezogen wäre, aber dann hätte er sich um seine Schwester keine Sorgen zu machen brauchen.

Er verließ das stille Haus und begab sich in die Werkstatt. Dort ging er von Maschine zu Maschine und er träumte von einer modern eingerichteten Schreinerei und dass er keine Angst mehr vor der Konkurrenz zu haben brauchte.

Er hätte es mit dem nötigen Kapital allen gezeigt. Jene, die ihn heute mitleidig belächelten, hätten vor ihm morgen Angst.

Der junge Schreiner fühlte sich dazu imstande, dieses Unternehmen auf gesunde Beine zu stellen. Ihm fehlte lediglich das Startkapital. Wenn er erst mal das hatte, würde er der gesamten Konkurrenz davonlaufen. Aber das schien wohl ewig, ein Traum zu bleiben. Ohne neue Maschinen keinen Erfolg. Und neue Maschinen konnte er sich nicht leisten, weil zu wenig Geld hereinkam. Es sah so aus, als würde er mit seiner Firma für alle Zeiten am Existenzminimum herum krebsen müssen.

Niedergeschlagen verließ der Mann die Werkstatt, Er wusste mit seiner Zeit nichts Genaues anzufangen. Er fuhr zur Wiesen-Klinik, sah Besucher hineingehen, blieb selbst aber draußen, weil man ihn nicht zu Loni gelassen hätte.

Er betrachtete das Gebäude nachdenklich und fragte sich, in welchem Zimmer seine Schwester lag. Welches war ihr Fenster? Konnte man es von hier aus sehen?

Er überlegte, ob er Dr. Berends um Besuchserlaubnis bitten solle, erkundigte sich beim Pförtner, ob der Chefarzt da sei und bekam die Auskunft, dass sich Dr. Berends nicht in der Wiesen-Klinik befände.

Am frühen Nachmittag landete Erich Zielstorff im „Weinkrug“. Der Tisch, an dem er sich mit Dr. Jürgen Büttner unterhalten hatte, war besetzt.

Er setzte sich an einen anderen und bestellte einen Liter Wein. Was er so geschickt in die richtige Bahn gelenkt hatte, war verdorben. Loni hatte das Baby verloren. Dr. Büttner hatte keinen Grund mehr, sie zu heiraten. Es gab keine moralische Verpflichtung mehr.

Erich Zielstorff seufzte und goss sich Wein ins Glas. Loni würde erfahren, dass er hinter ihrem Rücken gewisse Fäden gezogen hatte. Sie würde deswegen nicht gut auf ihn zu sprechen sein.

Dr. Büttner kannst du als Schwager vergessen, sagte er sich. Es gibt nichts mehr, womit man ihn unter Druck setzen kann.

Er trank und blickte sich um. Die Gäste waren fröhlich, aßen, tranken, ließen es sich gutgehen, unterhielten sich mit lauten Stimmen. Einer versuchte, den anderen zu über schreien. Es wurde laut gelacht.

Und Erich saß allein an seinem Tisch und hatte keinen Grund, fröhlich zu sein.

„Erich!“, rief plötzlich jemand erfreut. „Erich Zielstorff alter Freund! Wie schön, dass ich dich hier treffe!“ Der junge Schreiner hob den Blick und traute seinen Augen nicht. Er sah Stephan Jaconis, seinen besten Jugendfreund, rothaarig, pausbäckig und sommersprossig wie eh und je.

„Stephan!“, sagte er verdattert. „Ich muss eine Halluzination haben.“

„Ich bin es wirklich.“

„Wieso bist du nicht mehr in Amerika?“

„Ach, ich hatte schnell die Nase voll von Kaugummi und Quick Lunches aus der Plastikbox“, sagte Stephan Jaconis grinsend.

„Setze dich. Setze dich doch. Du hast doch bestimmt Zeit. Mensch, ich freue mich, dich wiederzusehen. Ich dachte damals, als du auszogst, um die Welt zu erobern, es wäre ein Abschied für immer.“

„Das dachte ich auch, aber inzwischen habe ich eingesehen, dass einem nichts die Heimat ersetzen kann. Manche Menschen behaupten, ihre Heimat ist dort, wo sie ihr Geld verdienen, wo es ihnen gutgeht. Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich kann ohne mein Bergesfelden nicht leben. Weißt du, wie es ist, in New York zu leben? Diese Wolkenkratzer erdrücken dich. Du kommst dir winzig wie eine Ameise vor und der Himmel zeigt sich dir nur in dünnen Streifen. Nein, mein Lieber, in dieser Stadt lebt man nicht, man vegetiert dort nur dahin.“

„Seit wann bist du wieder zurück?“, fragte Erich Zielstorff. Er verlangte ein Glas für seinen Freund.

„Seit gestern.“

„Du warst vier Jahre drüben. Vier Jahre. Eine lange Zeit.“

„Eine endlos lange Zeit für amerikanische Begriffe. Dort drüben ist doch alles so schnelllebig.“

„Hier doch auch.“

„Kein Vergleich, Erich“, sagte Stephan Jaconis.

„Aber die Erdnussbutter ist dir bekommen“, sagte Erich Zielstorff und wies auf den Bauch des Freundes. Das zweite Glas wurde gebracht. Erich goss sofort etwas Wein ein. „Komm, trinke mit mir. Trinken wir auf die alten Zeiten und auf das schöne Bergesfelden.“

Die beiden Männer stießen mit ihren Gläsern an und tranken.

„Ich hoffe, nun bist du geheilt und hast nie wieder Fernweh“, sagte Erich Zielstorff. „Von hier aus sieht alles viel rosiger aus, als es tatsächlich ist, hab ich recht? Drüben wird einem auch nichts geschenkt.“

„Bestimmt nicht.“

„Und das Geld liegt auch nicht auf der Straße, wie man uns immer weismachen will.“

„Doch, das tut es“, widersprach Stephan Jaconis. „Man kann nirgendwo schneller Geld machen als in den Staaten.“

„Hast du denn welches gemacht?“, fragte Erich Zielstorff aufhorchend.

Stephan Jaconis nickte. „Eine ganze Menge sogar. Mit Grundstücksspekulationen. Ich hatte einen Bekannten, der mich mit Tipps versorgte. Einen Landsmann aus Hannover. Großartiger Kumpel. Er hatte nur einen Fehler, er konnte den Hals nicht voll kriegen und deshalb verspekulierte er sich eines Tages und landete wieder bei Null. Das war mir eine Lehre. Damit mir das nicht auch passieren konnte, nahm ich meine Dollars und setzte mich in Richtung Heimat ab.“

„Und da bist du nun, die Taschen voller Geld, und weißt nicht, wohin mit dem ekelhaften Reichtum.“

„Im Augenblick weiß ich wirklich noch nicht, wie ich das Geld anlegen

werde. Aber mir wird schon etwas einfallen.“

„Wie wär’s, wenn du’s in den Ausbau einer Schreinerei investieren würdest? Ich kenne ein Unternehmen, das so eine Finanzspritze gut gebrauchen könnte.“

„Du denkst doch nicht etwa an ein Konkurrenzunternehmen.“

„Nein, Stephan, ich denke an meinen Betrieb“, erklärte Erich Zielstorff.

„Du hast ihn von deinem Vater übernommen? Aber so, wie du möchtest, darfst du ihn trotzdem nicht führen, wie? Dein alter Herr redet nach wie vor ein gewichtiges Wörtchen mit, wie ich ihn kenne.“

Erich senkte den Blick.

„Vater ist gestorben, Stephan“, sagte er mit dumpfer Stimme.

„Das tut mir leid.“

Erich Zielstorff sprach über das Ableben seines Vaters und bestellte noch einen Liter Wein.

„Was hast du vor?“, fragte Stephan Jaconis. „Willst du dich betrinken?“

„Ich hätte viele Gründe dazu“, sagte Erich düster. „Die Firma schleppt sich dahin wie ein schwerverwundetes Tier. Ich muss mich um Aufträge prügeln, bin mit den alten Maschinen nicht konkurrenzfähig, arbeite manchmal mit Verlust, um keinen Arbeiter entlassen zu müssen und gestern passierte auch noch dieses Unglück mit Loni...“ Er erzählte dem Freund davon.

„Deine arme Schwester“, sagte Stephan Jaconis. „Ich hatte sie immer sehr gern, hab sie zu viel geneckt, deshalb fand sie mich unausstehlich. Wenn du sie besuchst... Darf ich dann mitkommen?“

„Nicht gleich beim ersten Mal. Ich muss erst mal sehen, wie es ihr geht. Wo wohnst du?“

„Bei meiner Tante, vorläufig. Aber sie ist noch unleidlicher geworden. Sie macht mich krank mit ihrem Putzfimmel. Am liebsten hätte sie es, wenn ich die Schuhe schon zwei Straßen vorher ausziehen würde. Ich werde mir ein Haus suchen.“

„Vielleicht kann ich dir helfen.“

„Das wäre prima“, sagte Stephan. „Weißt du was? Den Wein lassen wir stehen.“

„Warum? Schmeckt er dir nicht?“

„Doch, aber du hast doch sicher auch welchen zu Hause. Ich schlage vor, wir verlassen diese gastliche Stätte und machen bei dir weiter. Dort sind wir ungestört und können von den alten Zeiten reden. Bei der Gelegenheit zeigst du mir auch gleich deine Schreinerei.“

„Hast du wirklich die Absicht, dein Geld in mein Unternehmen zu stecken?“, fragte der Schreiner.

„Kommt darauf an. Ich höre mir zunächst mal an, was du für Vorstellungen hast und wenn sie mir gefallen, können wir über eine Partnerschaft reden,“

„Weißt du, dass dich der Himmel heimgeschickt hat?“

Stephan Jaconis grinste. „Sieht fast so aus.“

Erichs Freund bezahlte und die Männer verließen das Lokal. Stephan hatte sich einen tollen Leihwagen zugelegt.

„Du riechst förmlich nach Geld“, sagte Erich Zielstorff.

„Ich hoffe, der Geruch ist dir nicht unangenehm.“

„Garantiert nicht. Ich wollte, er würde mir auch anhaften.“

„Na, mal sehen, was ich für dich tun kann“, sagte Stephan Jaconis und schlug dem Freund auf die Schulter.

Stephan war kein Blender. Wenn er behauptete, dass er in Amerika ein kleines Vermögen gemacht hatte, dann stimmte das. Es war höchstens noch untertrieben.

Stephan Jaconis sagte später in der Schreinerei: »Genauso habe ich sie in Erinnerung. Es hat sich nichts geändert.“

„Jede Änderung kostet Geld und daran hapert’s“, erklärte Erich Zielstorff. Seinem Freund gegenüber konnte er offen sein. Ansonsten hielt er mit der Wahrheit zurück, um nicht ganz abgemeldet zu sein.

„Du hast recht, hier müsste wirklich etwas geschehen“, bemerkte Stephan sich umsehend.

Erich Zielstorff nannte die Maschinen, die er unbedingt brauchte. Er erwähnte auch die, die man erst später kaufen konnte. Stephan wollte wissen, was das über den Daumen gepeilt kosten würde und Erich nannte ihm die Summe.

„Und was käme dazu, wenn du die Maschinen, die du später anschaffen möchtest, gleich mitbestellen würdest?“, erkundigte sich Stephan.

Auch diesen Betrag hatte Erich im Kopf. Er hätte nicht im Traum geglaubt, dass ihm soviel Geld jemals zur Verfügung stehen würde. Sein Freund stand schweigend da.

„Ich wäre dir nicht böse, wenn du abwinken würdest, Stephan“, sagte Erich Zielstorff. „Wir würden trotzdem Freunde bleiben.“

„Halt den Mund. Siehst du nicht, dass ich nachdenke?“

„Besitzt du überhaupt soviel Geld?“

„Ich müsste auch mein Sparschwein schlachten, dann ginge es eventuell.“

„Du willst auch deine Rücklagen angreifen? Das möchte ich nicht.“

„Ich werde bei meiner unleidlichen Tante wohnen bleiben und die Schuhe rechtzeitig ausziehen. Ich werde mir vorläufig noch kein Haus kaufen und dafür sorgen, dass du alle Maschinen kriegst, die du benötigst. Du bist ein erstklassiger Schreiner und mein bester Freund. Die Firma Zielstorff wird bald in aller Munde sein. Du wirst mehr Aufträge haben, als du bewältigen kannst. In ein paar Jahren wird dir diese Werkstatt zu klein geworden sein. Wir werden eine große Fertigungshalle bauen und ich werde mich darum kümmern, dass die Aufträge reinkommen. Wir werden zu einem Höhenflug ansetzen, dessen Ende nicht abzusehen ist. Bist du zum Start bereit, Partner? Dann schlage ein.“

Erich Zielstorff ergriff die dargebotene Hand.

„So wird ein Geschäft unter Freunden abgeschlossen“, sagte Stephan Jaconis.

Erich schüttelte den Kopf und sagte: „Ich glaube, ich träume.“

Stephan lachte. „Dann wache auf und gib mir was zu trinken. Ich habe mächtigen Durst.“

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Endlich war Montag. Dr. Büttner fieberte dem Augenblick entgegen, in dem er Loni sehen durfte. Seine Knie waren weich, als er ihr Zimmer betrat.

Lonis Gesicht wirkte wächsern. Als sie den Arzt sah, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Er schüttelte langsam den Kopf.

„Nicht weinen, Loni, sonst muss ich gleich wieder gehen. Du darfst dich nicht aufregen.“

Sie versuchte zu lächeln.

„Übermut tut selten gut. Ich hätte daran denken sollen.“

Er streichelte sie vorsichtig, als hätte er Angst, ihr weh zu tun.

„Du warst wirklich sehr leichtsinnig“, sagte der Chirurg leise.

„Ich bin ein Pechvogel. Allmählich erkenne ich es. Das Glück ist eigentlich sehr ungerecht verteilt, findest du nicht? Die einen haben so viel davon, dass sie es gar nicht mehr schätzen, dafür gehen andere leer aus. Zu letzteren gehöre ich “

„Das darfst du nicht sagen. Du hast zur Zeit ein Tief, das ist alles. Du kommst schon wieder hoch.“

„Es hält deprimierend lange an, dieses Tief“, sagte Loni.

Dr. Büttners Augenbrauen zogen sich zusammen. Über seiner Nasenwurzel entstand eine Falte.

„Loni, ich habe dir etwas sehr sehr Wichtiges zu sagen.“

„Keine unangenehmen Dinge. Ich bitte dich. Ich kann nicht mehr.“

„Ich habe gründlich nachgedacht. Zeit hatte ich nach deinem Absturz ja genug. Ich dachte über dich nach, über mich, über uns und ich sagte mir, dass ich mich dir gegenüber nicht richtig verhalten habe. Wir waren in Basel sehr glücklich miteinander. Ich dachte, dieses Glück würde uns beiden treu bleiben. Als ich erkannte, dass meine Gefühle so schnell wieder erkalteten, war ich verzweifelt, glaubst du mir das? Ich dachte, mit dir die Frau fürs Leben gefunden zu haben. Ich wäre unsagbar froh gewesen, wenn das der Fall gewesen wäre. Mit mir muss irgendetwas nicht stimmen.“

„Lass nur, Jürgen“, sagte Loni, „Quäle dich nicht. Was zwischen uns war, war zwar wunderschön, aber es war ein Irrtum, Wir verwechselten Leidenschaft mit Liebe. Auch ich beging diesen Fehler, aber es tut mir nicht leid, ihn gemacht zu haben. Er machte mich um eine Erfahrung reicher, Der Mensch lernt aus seinen Fehlern.“

Dr. Büttner biss sich auf die Unterlippe.

„Loni, nichts ist zwischen uns nun wichtiger, als völlige Aufrichtigkeit. Es darf keine Lüge zwischen uns geben, deshalb muss ich dir ein Geständnis machen: Unser Zusammentreffen in dieser Kleintierausstellung war nicht zufällig. Ich wusste von deinem Bruder, dass du da sein würdest. Er hatte mich angerufen und es mir gesagt. Er wollte uns wieder zusammenbringen und ich wollte auch, dass wir wieder Zusammenkommen, weil... ich hatte ein Gespräch mit Erich. Er sagte mir, dass du schwanger wärst und dass du keinen Vater zu deinem Kind hättest.“

„Dieser verrückte Kerl spinnt hinter meinem Rücken Intrigen wie J.R. Ewing.“

„Erich meint es gut mit dir. Er will nur dein Bestes. Du darfst ihm das nicht übelnehmen.“

„Du hast dich neuerlich bemüht, weil Erich dich darum gebeten hatte.“

„Nein, Loni, so darfst du das nicht sehen. Ich war Erich dankbar für diese Information, die ich von dir nie bekommen hätte.“

„Wozu auch?“

„Du wärst zu stolz gewesen, mir zu sagen, dass du schwanger bist.“

„Nicht zu stolz. Ich fand nur, dass es dich nichts angeht.“

Der junge Mediziner lachte trocken.

„Wie kannst du so etwas sagen? Wieso geht es mich nichts an, wenn du... Also ich finde, du hättest unbedingt mit mir darüber reden müssen. Ich hoffte, du würdest es während unseres Ausfluges am Samstag tun, aber du hast das Baby mit keiner Silbe erwähnt. Erst nach dem Unglück sprachst du davon... Loni, ich weiß, dass unsere Beziehung nicht so hätte enden dürfen, wie es geschah, aber ich bin ein Mann mit einem ausgeprägten Ehrgefühl und ich weiß, was sich gehört. Ich schlug dir diesen Ausflug vor, um dir ein Angebot zu machen.“

„Was für ein Angebot?“, fragte Loni.

„Die Liebe, die uns in Basel verband, existiert leider nicht mehr. Niemand bedauert das mehr als ich. Es ist meine Schuld. Ich kann es nicht ändern. Jeder Mensch ist eben so, wie er ist. Aber man kann sich bis zu einem gewissen Punkt zusammennehmen. Manchen Menschen gelingt es sogar, eines Tages über ihren eigenen Schatten zu springen. Man muss ihnen nur die Chance dazu einräumen. Ich wollte dich am Samstag um diese Chance bitten, Loni. Ich wollte dich bitten, meine Frau zu werden. Ich kann dich lieben. Zwar nicht mehr so verrückt und über schwenglich wie damals, aber, dafür aufrichtig und dauerhaft. Man kann mit Vernunft eine sehr viel bessere Ehe führen, als wenn man blind vor Liebe in sie hinein stolpert, denn es gibt kein böses Erwachen.“

Loni sah ihn erstaunt an.

„Du wolltest mich heiraten?“

„Ja, Loni und ich will es immer noch.“

„Du wolltest mich heiraten, obwohl ich schwanger war?“

„Gerade deshalb wollte ich, dass du meine Frau wirst. Das Kind sollte nicht ohne Vater auf- wachsen müssen“, erklärte Dr. Büttner.

„Ich verstehe nicht, warum du ein so großes Opfer bringen wolltest, Jürgen.“

„Na höre mal...“

„Du bist ein Mann, der seine Freiheit über alles liebt. Du bist nicht geschaffen für die Ehe.“

„Das stimmt nicht, Loni“, entgegnete der Chirurg.

„Du wärst mit mir nicht glücklich.“

„Du hast das Kind verloren, aber Dr. Berends sagte, du kannst ein anderes haben. Ich fühle mich schuldig...“

„Auf so einem Schuldgefühl kann man doch keine gemeinsame Zukunft aufbauen, Jürgen. Und erst recht sollte man darauf keine Familie gründen. Das ginge nicht gut.“

Dr. Büttner wusste nicht mehr weiter. Loni bat ihn, sich zu ihr hinunterzubeugen und dann strich sie ihm zärtlich übers Haar.

„Deine Anständigkeit ehrt dich, Jürgen, aber ich hätte deinen Antrag nicht angenommen. Ich hätte dieses große Opfer nicht annehmen können. Verstehst du das?“

„Nein. Wieso sprichst du von einem Opfer? Ein Mann hat für das geradezustehen, was er getan hat.“

„Das ist schon richtig, aber du hast nichts angestellt.“

„Und das Kind? Unser Kind?“

Loni schaute den jungen Chirurgen verblüfft an.

„Was sagst du da? Unser Kind? Ach, jetzt verstehe ich. Du dachtest, es wäre dein Kind, aber das ist nicht der Fall.“

Dr. Büttner wischte sich mit einer fahrigen Bewegung über die Augen.

„Jetzt begreife ich überhaupt nichts mehr. Erich sagte doch...

„Ich werde Erich tüchtig den Kopf waschen, darauf kannst du dich verlassen! Mein schlauer Bruder dachte, da etwas ganz schlau einfädeln zu können. Er wollte von Anfang an, dass ich deine Frau werde. Es war ihm nicht recht, dass wir uns getrennt haben. Als ich ihm sagte, ich wäre schwanger, sah er einen Hoffnungsschimmer und er versuchte, uns beide doch noch zusammenzubringen

Das Kind, das ich verlor, Jürgen, war von einem anderen Mann.“

„Bist du sicher?“, fragte Dr. Büttner völlig verwirrt.

„Wer könnte sicherer sein als ich?“, sagte Loni. „Bist du nun enttäuscht von mir?"

„Nein, nur...“

„Was ich dir eben gesagt habe, enthebt dich mir gegenüber jeglicher Verpflichtung, Jürgen. Du brauchst mich nicht zu heiraten. Nicht wegen eines Kindes, das nicht von dir ist, und nicht aus Mitleid oder aus irgendeinem anderen Grund. Aber ich wäre sehr froh, wenn ich deine Freundschaft behalten dürfte.“

„Natürlich“, sagte Dr. Büttner wie vor den Kopf geschlagen.

„Mir wird Basel in guter Erinnerung bleiben“, erklärte die Patientin. „Mir auch“, sagte Dr. Büttner.

Loni seufzte.

,»Schade, dass ich mit Männern kein Glück habe. Ich werde mich damit wohl oder übel abfinden müssen.“

„Wer ist der Vater deines Kindes, Loni?“, wollte der Arzt wissen.

Sie schüttelte den Kopf.

„Das möchte ich nicht sagen.“

„Er weiß nicht, dass du es verloren hast?“

„Er weiß nicht einmal, dass ich schwanger war.“

„Du hast es ihm verschwiegen?“, fragte der Chirurg.

„Unsere Beziehung endete schon, bevor ich es selbst wusste.“

„Aus welchem Grund?“

„Ich sah ihn mit einer anderen, mit einer rassigen schwarzhaarigen Vollbusigen. Wenn ein Mann schon vor der Ehe nicht treu sein kann, ist es besser, man geht seinen Weg allein. Auch mit einem Kind.“

„Bist du sicher, dass du mir seinen Namen nicht nennen möchtest?“

„Ganz sicher“, antwortete Loni, und ein finsterer Ausdruck erschien in ihrem Blick.

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So rasch gab Dr. Büttner jedoch nicht auf. Er fand Gelegenheit, sich mit Dr. Richard Berends in seinem Büro zu unterhalten.

„Sind Sie nun erleichtert, Herr Kollege?“, fragte der Chefarzt.

„Sie meinen, weil ich weiß, dass das Kind nicht von mir war? Ich weiß nicht, Herr Chefarzt. Ich sage mir immer wieder, es hätte von mir sein können und das bedrückt mich weiterhin.“ Dr. Büttner atmete tief durch. „Mir tut diese Frau leid. Zuerst hatte sie mit mir Pech, dann mit diesem anderen Mann und dann verlor sie auch noch das Kind. Für manche Menschen kommt es wirklich knüppeldick. Ich würde Loni gern helfen, weiß aber nicht, wie. Will sie wirklich nichts von diesem anderen Mann wissen? Oder sagt sie das nur, um leichter über die Enttäuschung hinwegzukommen? Sie war nicht bereit, mir seinen Namen zu nennen.“

„Möchten Sie, dass ich einmal bei ihr mein Glück versuche?“

„Tun wir ihr damit einen Gefallen?“, fragte Dr. Büttner unsicher. „Vielleicht gelingt es Ihnen, ihr den Namen zu entlocken, aber wir wissen nicht, was für ein Mensch dieser Mann ist. Vielleicht ist es besser, wenn ihn Loni nicht wiedersieht.“

„Wenn wir seinen Namen kennen, könnten Sie ihn sich ansehen und dann entscheiden, ob Sie ihm von Lonis Unglück erzählen oder nicht.“

„Und wenn ich mich falsch entscheide?“, fragte der Arzt.

„Vor Fehlern sind wir alle nicht gefeit“, sagte Dr. Richard Berends und sah auf seine Uhr. „Aber nun müssen Sie mich entschuldigen, Herr Kollege, ich habe noch unbedingt zwei Krankengeschichten zu lesen.“

„Selbstverständlich, Herr Chefarzt“, sagte Dr. Büttner und stand auf.

Eine Stunde später unterhielt sich Dr. Berends mit Loni Zielstorff. Es war ein sehr freundliches angenehmes Gespräch. Sie redeten über vieles, nur nicht über den Vater des Kindes.

Aber der Leiter der Wiesen-Klinik verstand es vortrefflich, dem Gespräch unmerklich die gewünschte Richtung zu geben. Zunächst folgte ihm die Patientin bereitwillig.

Erst als sie merkte, worauf er hinaus wollte, verstummte sie und war nicht bereit, auch nur ein weiteres Wort zu sagen. Doch Dr. Berends wusste sich zu helfen.

Er suchte seine Frau auf der Internen auf.

„Möchtest du einen sehr heiklen Auftrag übernehmen?“

Dr. Charlotte Berends musterte ihn neugierig mit ihren samtweichen braunen Augen.

„Was kann ich tun?“

„Die Sache erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl“, sagte Richard. „Und sie hat nichts mit Medizin zu tun. Du sollst dir gewissermaßen Zugang zur Seele einer Patientin verschaffen. Von Frau zu Frau redet es sich leichter.“

„Um welche Patientin handelt es sich?“, wollte die Internistin wissen.

Ihr Mann sagte es ihr und weihte sie in seinen Plan ein.

„Ich werde sehen, was sich machen lässt“, sagte Charlotte. „Aber erwarte nicht von mir, dass ich ein Wunder vollbringe. Wenn du, ein Mann, der so gut mit Menschen umzugehen versteht, bei Loni Zielstorff Schiffbruch erlitten hast, kann mir dasselbe passieren.“

„Unterschätze deine Fähigkeiten nicht, meine Liebe. Eine Frau findet in solchen Situationen den besseren Ton. Ich habe vollstes Vertrauen zu dir.“

Und Charlotte wurde diesem Vertrauen gerecht.

Sie brachte ihrem Mann den gewünschten Namen und dieser gab ihn unverzüglich an Dr. Büttner weiter.

Der junge Chirurg sah den Chefarzt verblüfft an.

„Wie haben Sie das geschafft?“

„Oh, das war nicht einmal so schwierig“, sagte Richard schmunzelnd. „Ich musste meinen Hebel nur an die richtigen Stelle ansetzen und schon war die geheimnisvolle Schatztruhe offen. Der Hebel hat übrigens einen Namen. Er heißt Dr. Charlotte Berends.“

„Dann ist mir alles klar“, sagte Dr. Büttner lächelnd.

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Dr. Büttner klopfte. Ein junger, gutaussehender Mann öffnete und musterte ihn reserviert.

„Sie wünschen?“, fragte er.

„Herr Paul Breitenbach?“

„Der bin ich und wie ist Ihr Name?“

„Ich bin Dr. Jürgen Büttner“, sagte der Mediziner, doch sein Name war Breitenbach kein Begriff. „Ich bin Chirurg in der Wiesen-Klinik und muss Sie sprechen.“

„Ich wüsste zwar nicht, was... Aber bitte, treten Sie ein“, bat Paul Breitenbach und gab die Tür frei.

„Es geht um Loni Zielstorff“, begann der Besucher Sekunden später.

Breitenbach erschrak. „Ist sie krank?“

„Sie hatte einen Unfall.“

„Ist sie schwer verletzt?“, Paul Breitenbach erinnerte sich daran, wie er Loni kennengelernt hatte. „Sie ist eine sehr unbekümmerte, junge Frau. Ich hab sie mal mit dem Rad angefahren.“

„Es stand nicht sehr gut um sie, aber inzwischen ist sie über den Berg“, sagte der Chirurg.

Paul Breitenbach bot ihm Platz an. „Möchten Sie etwas trinken?“

Dr. Büttner lehnte dankend ab und setzte sich.

„Hat Loni Ihnen gegenüber nie meinen Namen erwähnt?“

„Nein. Warum hätte sie es tun sollen?“, fragte der Hausherr.

„Ich war... Ihr Vorgänger. Ich war mit Loni kurz zusammen. Wir dachten, es wäre die große Liebe, doch das stellte sich schon nach kurzem als Irrtum heraus. Und kurz darauf muss sie Ihnen begegnet sein.“ Paul Breitenbach nannte das Datum und erzählte, auf welche ungewöhnliche Weise er Lonis Bekanntschaft gemacht hatte.

„Sie scheint eine Frau zu sein, die man nicht mit normalen Maßstäben messen kann. Zuerst war sie so... so... Ich erlebte mit ihr den Himmel auf Erden und plötzlich.... Aus! Als wenn man den Lichtschalter dreht. Sie wollte von einem Tag zum anderen nichts mehr von mir wissen. Ich habe immer noch keine Ahnung, warum es zu diesem Bruch gekommen ist.“

„Wissen Sie es wirklich nicht? Denken Sie scharf nach“, riet ihm Dr. Büttner.

„Ich habe tagelang nichts anderes getan. Ich komme nicht drauf „Dann will ich es Ihnen sagen. Loni hat herausgefunden, dass Sie es mit der Treue nicht besonders genau nahmen.“

„Hat sie Ihnen das gesagt?“, fragte Paul Breitenbach verblüfft. „Allerdings.“

„Ich wusste es. Ich wusste es, dass Loni verrückt ist.“

„Loni hat Sie mit einer Freundin gesehen“, sagte Dr. Büttner scharf.

„Das kann nicht sein. Ich schwöre Ihnen, ich habe keine andere Frau angesehen, seit ich mit Loni zusammen war. Vielleicht lebt in Bergesfelden ein Doppelgänger von mir.“

„Kommen Sie, haben Sie keine andere Erklärung als diese kitschige Ausrede?“

„Ich will auf der Stelle tot umfallen, wenn ich nicht die Wahrheit sage, Dr. Büttner. Von dem Tag, an dem ich Loni kennenlernte, gab es keine andere Frau mehr in meinem Leben, gibt es immer noch nicht.“

„Lieben Sie Loni noch?“, fragte der Besucher.

„Natürlich tue ich das, aber wenn ich sie angerufen habe, hat sie aufgelegt, sobald sie meine Stimme erkannt hatte und ihr Bruder sagte mir mehr als einmal klipp und klar, dass sie nichts mehr von mir wissen wolle. Ohne Angabe von Gründen.“

„Ich kenne den Grund.“

„Dann sagen Sie ihn mir“, forderte Paul Breitenbach leidenschaftlich. „Damit ich mich endlich verteidigen kann. Mein Gott, sie verurteilte mich, ohne mich angehört zu haben.“

„Sie sah Sie mit einer schwarzhaarigen vollbusigen Frau. Musste sie Ihnen da wirklich noch die Chance geben, sich zu verteidigen?“, fragte Dr. Büttner.

„Sie klagen mich an, wie?“

„Wenn Sie es schaffen, mir auszureden, dass diese Frau, die Sie zum Abschied geküsst haben, nicht Ihre Freundin ist, glaube ich Ihnen.“

„Loni hat gesehen, dass ich diese Frau geküsst habe?“

„So ist es“, antwortete der Chirurg. „Hat Ihnen Loni gesagt, wohin ich die Frau geküsst habe? Hat sie gesagt, ich habe sie auf den Mund geküsst? Dann hat Loni Zielstorff einen Augenfehler. Ich habe diese Frau auf die Wangen geküsst. Herrgott noch mal, man wird seine Schwester doch noch auf die Wangen küssen dürfen!“

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Erich Zielstorff besuchte seine Schwester mit strahlender Miene, doch Loni begegnete ihm mit großem Groll.

„Ich hätte sagen sollen, sie sollen dich nicht zu mir lassen. Jemandem wie dir sollte der Zutritt zur Wiesen-Klinik verwehrt werden!“

„Aber Loni, sagte Erich perplex. „Was ist denn das für eine Begrüßung? Ist dein Geist verwirrt? Erkennst du mich nicht? Ich bin dein Bruder.“

„Ja. Leider. Brüder kann man sich nicht aussuchen, mit denen muss man leben. Mit Freunden hat man’s ein wenig besser. Wenn man von denen genug hat, kann man es ihnen sagen und sich von ihnen trennen.“

„Liebe Güte, Schwesterherz, was haben die hier mit dir gemacht?“

„Du bist der schäbigste Intrigant, den ich kenne. Du solltest dich schämen, Erich. Du hast Dr. Jürgen Büttner unter Druck gesetzt.“

„Niemals! Behauptet er das etwa?“

„Es war ein moralischer Druck. Du hast ihm erzählt, ich würde von ihm ein Kind erwarten.“

„Ich war der Meinung, er hätte ein Recht, es zu erfahren.“

„Du wolltest ihn zum Schwager haben.“

„Ich mag Dr. Büttner. Und du mochtest ihn auch.“

„Ich hatte dich gebeten, dich nicht in meine Angelegenheiten zu mischen, aber du hast meinen Wunsch nicht respektiert. Du musstest unbedingt Schicksal spielen. Paul Breitenbach war dir als Schwager nicht recht, deshalb wolltest du sein Kind Dr. Büttner unterschieben.“

Erich Zielstorff holte tief Luft. „Was sagst du da?“

„Du wolltest Jürgen zum Vater von Pauls Kind machen.“

„Es war Paul Breitenbachs Kind? Das wusste ich nicht.“

„Es interessierte dich auch gar nicht. Nachdem ich mit Paul Schluss gemacht hatte, gingst du zu Jürgen, um ihm diese... diese Lügengeschichte zu erzählen. Du wusstest, wie Jürgen darauf reagieren würde. Er ist ein anständiger Kerl. Er hätte mich tatsächlich geheiratet. Aber dachtest du im Ernst, ich hätte mit einer solchen Lüge leben können? Ich hätte Jürgen gesagt, von wem das Kind ist und ich hätte damit seine Freundschaft verloren, weil er wahrscheinlich angenommen hätte, dass ich dich angestiftet hatte. Du wirst dich bei Dr. Büttner entschuldigen, Erich. Wenn du es nicht tust, will ich nichts mehr von dir wissen.“ Erich Zielstorff stand wie versteinert da, dann sagte er nach einiger Zeit:

„Schon gut, schon gut. Ich werde mich entschuldigen. Ich tue alles, was du von mir verlangst, Loni. Ich bitte dich, rege dich nicht mehr auf, das könnte dir schaden.“

Details

Seiten
380
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917802
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v414276
Schlagworte
arztroman sammelband romane kind büttner baby herzenswunsch eine liebe leben

Autoren

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Titel: Arztroman Sammelband 3 Romane: Ein Kind für Dr. Büttner /Ein Baby ist mein Herzenswunsch / Eine Liebe – ein ganzes Leben lang