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Sammelband 10 Western – Männerhass und andere Wildwestromane

von Pete Hackett (Autor) Larry Lash (Autor)

2018 1100 Seiten

Leseprobe

Sammelband 10 Western – Männerhass und andere Wildwestromane

Pete Hackett and Larry Lash

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Sammelband 10 Western – Männerhass und andere Wildwestromane

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Dieses Buch enthält folgende Western:

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LARRY LASH: VERKLUNGEN und verweht

Pete Hackett: Hass, der in die Hölle führt

Pete Hackett: Im Banne des Hasses

Pete Hackett: Die Aasgeier von Junction City

Pete Hackett: Das Gesetz des Stärkeren

Pete Hackett: Das blutige Gesetz der Colts

Pete Hackett: Die Höllenhunde von Anaconda

Pete Hackett: Partner bis in den Tod

Pete Hackett: Männerhass

Pete Hackett: Trag den Stern für Wichita

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DER BAU DER EISENBAHN „Union Pacific“, die quer durch den Wilden Westen von einem Ozean zum anderen verläuft, hatte schon unzählige Menschenleben gekostet! Präriebrände, Überschwemmungen, klirrender Frost, Blizzards, harte Arbeit und nicht zuletzt die brutalen Überfälle der Indianer waren für viele kühne Eisenbahnbauer das Todesurteil. Die Bautrupps, die sich jeweils von Ost und West aufeinander zubewegen, befinden sich in einem gnadenlosen Wettstreit - jeder will der Erste sein, der das Ziel erreicht und die Prämie kassiert. Ein Westagent, ein gewissenloser Schuft, setzt alles daran, die Arbeit auf der Ostseite zu sabotieren und schreckt auch vor eiskaltem Mord nicht zurück. Nur John Brown, ein harter Kämpfer für die gerechte Sache, der sich einst „Schwarzer Wolf“ nannte, als er bei den Hunkpapas-Sioux lebte, und jetzt für die „Union Pacific“ arbeitet, nimmt es mit dem Gesetzlosen auf ...

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Verweht und verklungen

Western von Larry Lash

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 222 Taschenbuchseiten.

Der Bau der Eisenbahn „Union Pacific“, die quer durch den Wilden Westen von einem Ozean zum anderen verläuft, hatte schon unzählige Menschenleben gekostet! Präriebrände, Überschwemmungen, klirrender Frost, Blizzards, harte Arbeit und nicht zuletzt die brutalen Überfälle der Indianer waren für viele kühne Eisenbahnbauer das Todesurteil. Die Bautrupps, die sich jeweils von Ost und West aufeinander zubewegen, befinden sich in einem gnadenlosen Wettstreit - jeder will der Erste sein, der das Ziel erreicht und die Prämie kassiert. Ein Westagent, ein gewissenloser Schuft, setzt alles daran, die Arbeit auf der Ostseite zu sabotieren und schreckt auch vor eiskaltem Mord nicht zurück. Nur John Brown, ein harter Kämpfer für die gerechte Sache, der sich einst „Schwarzer Wolf“ nannte, als er bei den Hunkpapas-Sioux lebte, und jetzt für die „Union Pacific“ arbeitet, nimmt es mit dem Gesetzlosen auf ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

(früherer Titel: FEUERMAL)

© Cover: Hugo Kastner, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

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Mit dieser Story setzt Larry Lash denjenigen harten Männern des damaligen Wilden Westens ein Feuermal, deren Namen verweht und verklungen sind, deren Gräber vergessen wurden.

Sie waren dabei, als man die „Union Pacific“ baute. Sie arbeiteten und litten, kämpften und starben, und ein jeder trug sein eigenes Schicksal.

Sie waren nicht dabei, als der große Augenblick in der Geschichte der Vereinigten Staaten und des Wilden Westens kam, als das unmöglich Scheinende Wirklichkeit wurde und die Gesellschaft von Ost und West in Ogden die letzten Verbindungsschienen legte. Eine Schiene aus reinem Silber, die mit goldenen Nägeln festgenietet wurde, die den großen Strang vollendete, der Ost und West verband, der den Westen erschloss.

Sie wichen aus den Reihen, noch bevor das Finale aufklang. Schicksale! ... Feuermale! ... abseits des Trails! Niemand weiß, woher sie kamen und wohin sie gingen. Aber eines blieb zurück, ihr Feuermal, das noch heute an allen Lagerfeuern lebendig ist.

Am 9. Mai 1869 wurde das kaum Glaubliche zur Wirklichkeit: Eine Bahn lief quer durch den Wilden Westen, von einem Ozean zum anderen!

Die „Union Pacific“, wie sie genannt wurde, gelangte unter ungeheuer schwierigen Umständen zur Fertigstellung. Der Bau einer solchen Riesenstrecke, die zum größten Teil durch unwegsames, kaum erschlossenes Land führte, wurde angezweifelt, befeindet. Man vermochte sich nicht über den Verlauf der Riesenroute zu einigen. Man hatte Angst vor Katastrophen und Überfällen.

Trotz aller Widerstände wurde der Bau der Bahn in geradezu fanatischer Art vorwärtsgetrieben und vollendet. Unberührt von allen Rückschlägen, ohne Rücksicht auf Naturgewalten und die Gefahren der fast unberührten Wildnis.

Die Wirklichkeit war grausam, ungeheuerlich. Präriebrände, Moskitos, Überschwemmungen, klirrender Frost, Schnee und Eis, aufreibende Kämpfe gegen die Dakotas unter ihrem Häuptling „Red Cloud“, der die Stämme des Westens zum Widerstand organisierte, die roten Krieger gegen das Dampfross des weißen Mannes führte.

Jeden Tag konnten die hungernden, darbenden Kolonnen vom Schienenstrang aus die Feuermale der Redmen beobachten, die sich durch Rauchzeichen auf ihren Jagd- und Kriegszügen miteinander verständigten, konnten sie sich bereit machen für unliebsame Abenteuer.

Sie kamen kaum zum Schlafen, standen immer auf Wache gegen Präriebrände, die die Redmen anlegten, gegen deren Überfälle, gegen die unerbittliche Natur, die sich ihnen entgegenstemmte. Sie arbeiteten und kämpften, schossen dabei Millionen von Büffeln ab, die Nahrungsquelle des roten Mannes. Die Arbeiter wurden von Agenten aufgeputscht, zu Revolten getrieben, wurden untereinander wie Wölfe. Zwei Gesellschaften waren es, die den Bau vorwärtstrieben, die eine von West, die andere von Ost. Jede wollte die Prämie einheimsen, die die Regierung ausgesetzt hatte, jede wollte die Erste sein. Alle Mittel waren ihnen recht.

Elf Jahre waren für den Bau der Bahn geplant. Die Hälfte der Zeit wurde bis zu seiner Vollendung nur benötigt. Nach sechs strapazenreichen, intrigenvollen Jahren war das große Werk vollbracht. Yeah, ein bedeutungsvoller Augenblick in der Geschichte der jungen Nation und in der Geschichte des Wilden Westens.

Am 10. Mai 1869 fuhren die beiden geschmückten Lokomotiven von Ost und West her über die zuletzt gelegte Schiene, die die Schienenstränge verband. Es war eine Schiene aus reinem Silber, die mit goldenen Nägeln festgenietet war.

Ingenieur Dodge hielt die Festrede. Tausende von glücklichen Menschen jubelten ihm zu. Tausende feierten diesen Tag, jubelten, fielen sich auf offener Straße in die Arme, tanzten, vergnügten sich.

Vielleicht waren aber auch einige unter ihnen, die zurückdachten an die, die am Trail geblieben waren, deren Gräber still und verlassen neben den verfallenen Bauhütten lagen. Gräber, über denen der Wind des Vergessens wehte.

„Union Pacific“ hätte dieser Roman heißen können. Stattdessen nannte man ihn „Feuermal“.

„Feuermal“ deshalb, weil in ihm lebendig bleiben und leuchten soll, wie die Vergessenen litten und starben. „Feuermal“, ein Licht, das weiterbrennen soll in der Nacht des Vergessens, ein Licht, das einem Manne gesetzt wurde, der im großen Geschehen des 10. Mai 1869 im Meer der Freude nicht einmal ein Tropfen war.

Yeah, das hier ist die Geschichte eines Mannes, der mit dabei war. Jeder der anderen Unzähligen hätte ein Feuermal verdient, jeder der Vielen, Namenlosen. Gewiss ist die Story von John Brown nicht einmal so überragend wie die Erlebnisse anderer, die Seite an Seite mit ihm standen, gewiss ist sie nur eine von vielen.

Feuermal! ... Es soll brennen den Vergessenen, leuchten denen, die unter der Erde liegen, allen denen, die längst vergessen und deren Grabhügel verweht sind, die halfen, das große Werk zu vollenden.

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1.

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Fünf bittere Jahre voll harter Arbeit hatten ihn gezeichnet, hatten ihre Spuren in sein Gesicht geschrieben. In fünf Jahren hatte John Brown vergessen, dass er einmal ein Cowboy war, hatte vergessen, dass seine Heimat irgendwo in Texas lag.

In seinem hageren Gesicht flammte eine frisch verheilte rote Schnittwunde, sein rechtes Ohr fehlte zur Hälfte, war durch eine Kugel zerfetzt, und an seinem Hals zeigte sich eine weiß leuchtende, seltsam gezackte Narbe, die ein Tomahawk hinterlassen hatte. Düster glühten seine Augen, lagen in tief umschatteten Höhlen. Sein Gesicht war gezeichnet von Kälte, dem klirrenden Frost mit Eis und Schnee, von Hunger und Arbeit, von Aufregung und den Gefahren, die ständig das Bahnarbeitercamp umgaben.

Seit einigen Tagen hatte es im Camp nichts Rechtes mehr zu essen gegeben1. Der Transport- und Verpflegungszug war überfällig. Die Stimmung im Camp war gedrückt und bitter. Man munkelte davon, dass Red Cloud den Zug überfallen habe oder dass weiße Desperados sich über ihn hergemacht hatten. Zwischen dem vorgeschobenen Camp und dem Hauptcamp lagen über hundert Meilen, lag die Wildnis der Felsengebirge, düster, drohend, durchtobt von eisigen Winden und Schneestürmen, die das Blut in den Adern gefrieren ließen.

By Gosh, John Brown dachte einen Augenblick lang an den vergangener Sommer, als die Kolonne den Bahnstrang weiter östlich durch blumenreiche Prärien verlegt hatte. Im Sommer war es gewesen, als nach einer Revolte der Arbeiter die Bauleitung neue Arbeiter nach hierher an den menschenfressenden Strang gebracht hatte: Mormonen, hart, genügsam, strebsam und tapfer, Weiße aus aller Welt, Chinesen, kleine, zähe Arbeiter, die ohne zu murren die harte Arbeit verrichteten, die in Sturm und Regen, Hitze und Kälte ihre Ruhe und das geheimnisvolle Lächeln einer anderen Welt nie verloren.

Brown schlug sich den Pelzkragen vor das frostrote Gesicht, stemmte sich gegen den Wind und schritt rascher aus. Er hielt die Winchester unter dem Arm geklemmt, und seine in Handschuhen verpackten Hände schoben sich unter die wärmende Jacke.

Kaum drei Yards reichte die Sicht. Der Schnee, vom Wind getrieben, fegte ihm ins Gesicht, verklebte seine Augen, setzte sich in seinen wochenalten Bart fest.

John spürte den nagenden Hunger kaum. Er trachtete danach, schnell zum Camp zu kommen, das irgendwo vor ihm liegen musste, geduckte Hütten am Schienenstrang, eng beieinander, als suchten sie gegenseitig Schutz vor der drohenden Umgebung, vor den unheimlichen Gefahren.

John war froh, dass er, von seiner Wache abgelöst, bald in die Wärme einer der Hütten treten konnte. Er freute sich auch auf die dünne Wassersuppe, die ihm der Chinesenkoch auftischen würde, freute sich, weil etwas Warmes im Magen besser war - als das Warten auf Fleisch.

By Gosh, im Sommer hatten sie davon so viel gehabt, dass es am Wege liegen blieb. Im Sommer hatten die Jäger des Camps die Büffel in Rudeln geschossen. Er, John Brown, war als Jäger verpflichtet worden, um das Camp mit Fleisch zu versorgen. Das war im Sommer sehr leicht gewesen. Man brauchte nur auf einem gut dressierten Büffelpferd in eine der vielen Herden hineinzureiten und den schwerfälligen Tieren das Blei zu schicken.

Dreißig und mehr Büffel blieben an manchen Tagen tot liegen. Es gab unter den Jägern Jagdspezialisten, die nach Indianerart auf ihren Pferden die Büffelherden umkreisten, tollkühn mitten hineinritten, um sich das zarteste Fleisch auszusuchen.

Einer von diesen Spezialisten war William Cody, ein Mann, der später Weltruhm erlangen sollte unter seinem Kampfnamen „Buffalo Bill“.

Yeah, im Sommer war die Verpflegung der Bahnarbeiter, einer rauen Horde hämmernder, nietender, Schienen transportierender Burschen eine Kleinigkeit, jetzt, im Winter aber ein Kunststück, denn wo nichts war, konnte man auch nichts holen.

Keine Wildfährte hatte sich in den letzten drei Tagen gezeigt, und nur einmal war John Brown auf einen altersschwachen, räudigen Fuchs gestoßen, dessen Fell keine Kugel wert und dessen Balg wahrscheinlich sogar von Ratten verschmäht worden wäre.

Nein, weder die riesigen Trittsiegel des Grizzlys noch die zarten Stippspuren von Schneehühnern oder anderem Federwild hatten sich auf dem Schnee gezeigt. Im Camp stöhnten die Arbeiter, drohten zu meutern und verhielten sich wie Wölfe, die der Hunger rasend machte. Sie hatten den beiden hageren Wölfen, die John vor der Dämmerung erlegt hatte, nur das Fell abgezogen und sie dann in den Riesenkochtopf des Chinesenkochs verschwinden lassen. Sie hatten das Wolfsfleisch gegessen, als wäre es eine besonders gute Delikatesse.

Was waren aber zwei Wölfe für eine Hundertschaft?

Ein Tropfen auf einen heißen Stein, weiter nichts! Diese schwer arbeitenden, hart kämpfenden, nie zur Ruhe kommenden Männer brauchten das beste Essen, die beste Verpflegung, die man ihnen geben konnte. Seit vier Tagen warteten sie schon vergeblich darauf.

Der Schnee knirschte unter Johns derben Stiefeln. Das Schneetreiben schien noch zuzunehmen. Dabei wurde es aber nicht milder, sondern anscheinend noch kälter. Der Winter hier im Felsengebirge war hart und schrecklich, und dennoch, es wurde weitergearbeitet. Die Arbeit ging weiter, obwohl in der vergangenen Woche drei Chinesen erfroren waren und über zwanzig Arbeiter durch Krankheit ausfielen, obwohl jeder neu verlegte Schienenstrang alle Kräfte von den Arbeitern forderte im Kampf mit Schnee und Eis. Es wurde weiter gesprengt, weitergewühlt.

John blieb stehen. Ein eintöniges Grau war um ihn herum. Für einen Moment glaubte er die Richtung zum Camp verfehlt zu haben, aber dann sah er rechts die schwachen Konturen von Loren im Schneetreiben auftauchen und hielt darauf zu. Der Schneefall war so dicht, dass er die Lichter des Camps erst sah, als er sich kurz davor befand.

Er stolperte einmal über einige Eichenbohlen, die der Schnee unter sich begraben hatte, fiel in den Schnee und rappelte sich fluchend wieder auf, ging weiter.

Der Schnee hatte das Camp zugedeckt, hatte es einförmig gemacht. Unter der weißen Decke konnte niemand die aufgerissene Erde sehen, die Baracken, Schuppen, primitiven Unterkünfte erkennen, und den irgendwo unter dem Schnee verborgenen Schienenstrang, der von Westen kam und sich mit jedem Tag mehr nach Osten schob, der Kolonne entgegen, die von Osten her den Strang legte.

Wie ein Irrlicht flackerte von der Gemeinschaftsbaracke die am Dachbalken hängende Karbidlaterne durch das Schneetreiben, kämpfte gegen die Nacht an, einen hoffnungslosen, verzweifelten Kampf. Es schien wie ein Symbol für das ganze Werk der „Union Pacific“ zu sein, das jeden Tag vor einem unlösbaren Halt stehen konnte, das jeden Tag scheitern konnte vor dem Unmöglichen, was den Menschen abverlangt wurde.

Das Karbidlicht zog John magisch an. Er stampfte darauf zu, ohne groß auf das Lärmen in einer Baracke zu achten, in der die Chinesen untergebracht waren. Der Schnee hemmte ihn.

Nirgends sah John ein Pferd. In dieser Nacht hatte man die Tiere in die Schuppen gesperrt, damit sie eng nebeneinander standen und sich gegenseitig wärmen konnten. Er schritt an zu hohen Haufen geschichtetem Baumaterial und gestapelten Schienen vorbei, prallte im nächsten Augenblick vor zwei Gestalten zurück, die um den Bauholzstapel kamen.

Es waren zwei Männer, tief vermummt wie er selbst. Sie hielten ebenso rasch an.

„Brown ...?“

John erkannte den Sprecher sogleich an der Stimme und seiner Gestalt. Er war der leitende Ingenieur des Camps. Ein gesetzter, breitschultriger Mann, etwa einen Kopf kleiner als John, dabei aber kompakt und schwer gebaut wie ein Freistilringer.

Dan Jefferson konnte nicht nur planen, rechnen und Kommandos geben, sondern konnte auch zupacken, schwer schuften, konnte den Arbeitern durch seine Kraft und Geschicklichkeit imponieren. Er war ein Kämpfer!

Dan Jeffersons Frau und Kinder wohnten irgendwo im sonnigen Kalifornien. Er war besonders versessen auf die Hilfszüge, die ab und zu die Post mitbrachten.

Dan trug ein kleines, von einem bedeutenden Künstler gemaltes Porträt seiner Frau wie einen Talisman im Futter seiner Jacke über dem Herzen verborgen.

„Es ist gut, dass ich dich treffe. Ich habe dich ablösen lassen, John“, sagte der Ingenieur.

„Heute ist auch nichts zu erwarten, Dan. Es ist selbst den Redmen zu kalt.“

„Nun, das trifft wohl nicht ganz zu, denn an meiner Seite ist einer der roten Gents“, dehnte Dan Jefferson. Sein Begleiter, der etwas zurückgeblieben war, trat jetzt vor.

Er war so groß wie John Brown und trug Pelzjacke und Pelzmütze, ganz so, wie viele Camparbeiter. Auf den ersten Blick hätte man ihn für einen Arbeiter halten können, doch jetzt, da John ihn aus der Nähe betrachten konnte, sah er ein schmales, scharf geschnittenes, stolzes Gesicht mit hohen Wangenknochen und leicht schräg gestellten, schwarzen Tieraugen, sah er einen schmalen Mund und eine leicht gekrümmte Adlernase.

Unwillkürlich sog er heftig den Atem ein.

„Ich habe diesen Mann irgendwann und irgendwo schon einmal gesehen, Dan“, kam es John von den Lippen.

Jefferson sah ihn erstaunt an, machte dann eine unwillige Bewegung.

„Das ist ganz und gar ausgeschlossen! Asa Lewis ist schon seit einiger Zeit von der 'Union Pacific' angestellt und zur Streckenbewachung abgestellt worden. Er gehört zu den Spähern und Scouts, ist Kundschafter und Jäger wie du, John.“

„Dann kann ich nur hoffen, dass er uns vom Hauptcamp geschickt wurde, Dan. Hoffentlich hat er dir eine gute Meldung gebracht.“

„Das ist es eben! Man weiß drüben nicht, dass der Hilfszug hier nicht eingetroffen ist und denkt, dass wir ihn wegen des Schneetreibens zurückhalten. Das ist doch begreiflich, oder ...? Aber komm nur mit in mein Büro. Ich habe mit dir einige wichtige Dinge zu besprechen.“

Es war schwer festzustellen, was hinter der runzligen Stirn Jeffersons vor sich gehen mochte, und noch schwerer waren die Gedanken seines schweigsamen Begleiters zu erraten, der wortlos kehrtmachte und ihnen voranging.

„Dan, hältst du etwa den Burschen für einen Mestizen?“, flüsterte John ihm leise zu.

„Ich halte ihn nicht nur dafür, sondern er ist einer“, gab Jefferson zurück. „Gewiss war sein Vater irgendein Trapper oder Fallensteller und seine Mutter eine Squaw in irgendeinem Redmen-Dorf. Soviel wie ich weiß, hast du nichts für Mestizen übrig, wie?“

„Ich halte diesen Burschen für einen reinrassigen Redman, Dan, für einen echten Dakota-Sioux, und das, Fellow, bedeutet schon etwas. Die Dakota-Sioux sind eine besondere Rasse. Das sind keine lahmen Redmen, die verdreckt und zerlumpt vor irgendeinem Store sitzen und um Whisky betteln, das sind Hochprärieindianer, stolz und mächtig. Sie unterscheiden sich von jenen Friedfertigen wie Pumas von Hauskatzen. Das wollte ich dir sagen.“

„In fünf Jahren habe ich den Unterschied selbst erfahren können“, knurrte ihn Jefferson böse an. „Fünf Jahre Bahnbau brachten die Hölle, und wer weiß, wann sie enden wird. In fünf Jahren habe ich mehr Leute unter die Erde gebracht, als ich in einem Monat an Dollars verdiene. Ich habe mir meine eigenen Erfahrungen gesammelt. Wenn ich auch nicht wie du bei den Hunkpapas erzogen und aufgewachsen bin, so dürfte ich doch ein Wort mitreden können. Dieses Mal irrst du. Asa Lewis ist auch kein Name für einen Redman.“

„Das wird sich der rote Gent schon selbst gedacht haben. Einen Namen kann man sich schnell umhängen. Deshalb wird aus einem Puma noch lange kein Hofhund, Dan“, rasselte John, zuckte mit den Schultern, sah wohl ein, dass jedes weitere Wort vergebens war. Er schwieg auch dann noch, als er im Büro Jeffersons stand und sich die Pelzjacke öffnete.

Der Kanonenofen bullerte seine Wärme in den Raum hinein. Erstickend heiß schien es John. Der Schnee auf seiner Kleidung und in seinem Bart wurde zu Wasser und tropfte auf die Dielen nieder.

Rechts neben dem Ofen hockte Asa Lewis, wie er sich nannte, auf einem Hocker. Er hatte die Lider heruntergezogen und saß mit der seiner Rasse eigentümlichen Interesselosigkeit, die dem Laien den Eindruck völliger Gleichgültigkeit vermitteln konnte, aber John ließ sich nicht täuschen. Er war sicher, dass er niemals gründlicher beobachtet, niemals genauer getestet wurde, als in diesem Augenblick. Jefferson war in einem Nebenraum verschwunden, um sich seiner Hüllen zu entledigen.

John nestelte an seiner Pelzjacke herum, stellte die Winchester in den Ständer gleich neben der Tür, in dem bereits einige Waffen standen. Büffelgewehre großen Kalibers, Rifles und eine Henry-Martini-Büchse. Dann drehte John den Docht der Petroleumlampe höher.

Asa Lewis regte sich nicht.

John langte sich vom Regal die Whiskyflasche und zwei Gläser, stellte die Gläser auf den Tisch, goss ein und schob Asa ein Glas hin.

Nur einen Augenblick blitzte es höllisch heiß in den Augen des anderen. Nur für einen Augenblick schien sich ein Vorhang zu heben, dann aber wehrte Asa Lewis mit guttural klingender Stimme ab: „Ich trinke nicht.“

„Es soll nicht gut sein, wenn ein Mestize Feuerwasser trinkt, so heißt es. Für dich trifft das wohl nicht zu, oder ...?“

Wie von einer Sehne geschnellt schoss Asa Lewis in die Flöhe, doch im gleichen Augenblick war John Brown zurückgetreten, hatte mit Zauberschnelle einen Colt tief an der Hüfte angeschlagen.

Der Lauf seiner Waffe drohte zu Asa herüber.

„Nun erzähle mir, wie es kommt, dass du nicht auf dem Schienenweg hierhergekommen bist, Freund. Du bist kein Mestize, sondern ein verdammt reinrassiger Dakota. Vor fünf Jahren, als der Bürgerkrieg zu Ende ging und der Bahnbau begann, haben die beiden Gesellschaften manchen eingestellt, der ihnen hinterher den größten Schaden zufügte. By Gosh, yeah, du bist ein Spion, Asa Lewis, oder wie du sonst heißen magst, und ich werde es bald beweisen.“

John schwieg, denn Dan Jefferson war an der Verbindungstür aufgetaucht und verzog unwillig das Gesicht.

„Stecke den Colt ein, John!“, forderte er. „In den letzten Tagen haben unsere Nerven zu viel ertragen müssen. Lass den Scout in Ruhe!“

Beim Aufklingen von Jeffersons Stimme ließ sich Asa Lewis auf den Hocker zurücksinken und versank sofort wieder in seine eigentümliche Schläfrigkeit, tat ganz so, als wäre die drohend auf ihn gerichtete Waffe nicht vorhanden.

„Möchtest du eine wichtige Aufgabe für mich erledigen, John?“

„Es kommt darauf an“, gab John zurück und ließ den Colt ins Futteral gleiten.

„Zweihundert Meilen durch Eis und Schnee! Ich habe hin und her überlegt, wem ich eine solche Aufgabe anvertrauen kann, und bin auf dich gekommen. Ich brauche einen zuverlässigen Mann, der die hundert Meilen zum Hauptcamp hin- und zurückreitet. Du weißt wohl, um was es geht?“

„Ich kann es mir denken, Dan“, murmelte John. „Ich soll wohl einen Hilfszug mit Verpflegung und einer starken Besatzung zur Bergung des verschollenen Zuges anfordern, dazu Männer, die die Trümmer beiseite räumen und die Toten begraben, denen die Sioux ihre Zeichen aufgedrückt haben.“

„Ich habe gewusst, dass du es herausfinden würdest, Brown“, krächzte Jefferson heiser, „aber das ist nicht alles.“

„Was gibt es denn noch?“

„Meine Tochter soll im Hauptcamp eingetroffen sein.“

„Deine Tochter ...?“, schnappte John bissig zurück.

Jefferson hob wie abwehrend die Arme.

„Fünf Jahre hat sie mich schon nicht mehr gesehen. Jetzt hält sie es nicht länger aus und will zu mir. Ich habe es nicht gewollt, habe sie in meinen Briefen gebeten und angefleht, sie möge dort bleiben. Ich habe alles getan, um sie von ihrem Plan abzubringen. Vergeblich! Ich weiß genau, dass dieses Land hier nicht für ein Mädchen geschaffen ist. Ich kenne die Gier der Arbeiter nach Abwechslung, nach Frauen, nach Liebe. Ich kenne die Gefahren ringsum. Sie hat nicht hören wollen und die Reise angetreten, wie mir meine Frau in ihrem letzten Brief mitteilte. Ich weiß nun nichts mehr von ihr. Der Hilfszug sollte die Post bringen. Der Zug kam nicht an, aber ich muss Gewissheit haben. Ich muss wissen, ob meine Tochter im Hauptquartier eingetroffen ist, sonst werde ich noch verrückt!“

„Wenn hier nicht schon die Hölle wäre, Boss, würde sie bestimmt durch ein Mädel entfesselt werden“, murmelte John Brown dumpf. „Ich werde sie unmöglich nach hier bringen können.“

„Das will ich auch nicht!“, stöhnte Jefferson. „Um Gottes willen, nein! Sie soll nur im Hauptcamp bleiben! Dort wird ihr so leicht nichts geschehen. Du sollst ihr einen Brief von mir übermitteln, worin ich ihr mitteilen werde, dass sie bis zum Frühjahr die Sicherheit des Hauptquartieres nutzen soll. Sie darf nicht den Hilfszug benutzen, der nach dem verschollenen Zuge Ausschau halten und uns Proviant bringen soll. Dir aber, Brown, werde ich noch einen versiegelten Brief an den Chef mitgeben. Das wäre alles, das heißt, wenn du dich zu diesem Ritt entschließen kannst. Ich kann schließlich nicht von dir etwas fordern, was ich selbst nicht ausführen kann!“

Man sah es Jefferson an, dass er schlaflose Nächte hinter sich hatte. Kerben hatten sich in seine Mundwinkel eingegraben, tiefe Kerben zerfurchten auch die Stirn. Das Schicksal derer, die verschollen waren, war klar auszurechnen. Der Zug entgleist, überfallen, die Menschen tot. Wenn es Oglalas, Brules oder Minneconjous-Sioux waren, dann wehe all denen, die auf diesem Zuge waren. Der Schnee deckte sie bereits zu, hüllte die Toten sanft in sein weißes Leichentuch.

Derartige Gedanken gingen John durch den Kopf. Zu spät kam alle Hilfe, zu spät würde man zurückschlagen können und dann noch ins Leere, ins weiße Nichts.

Indianer waren wie Schatten der Nacht, abgehärtet gegen die Kälte, lautloser als der Flügelschlag eines Uhus. Sie ritten auf unbeschlagenen Ponys, die klapperdürr und elend vor Hunger umzufallen drohten, und sie verstanden zu kämpfen, grausam und ohne Gnade.

Ein Zug weniger bei der „Union Pacific“. Namen würden wieder aus den Lohnlisten gestrichen, das alte Lied auf dem Trail der „Union Pacific“, dem glitzernden Schienenstrang, der Menschen fraß wie ein beutehungriges Untier.

Oh, yeah, Bitterkeit überkam John. Zum Teufel auch, warum musste Jefferson seine Rede ausgerechnet vor Asa Lewis halten?

Schien es nicht, als ob die zugekniffenen schwarzen Augen seltsam glühten, wie bei einem Wolf in der Nacht, dem jäh die Flamme eines Lagerfeuers in die Iris fiel. Das wie ans einem Basaltklotz gemeißelte Gesicht verriet nichts, war unbewegt, fern.

„Ich kann dich nur bitten, diesen Ritt auszuführen, John. Es ist kein Befehl.“

Die schweren Lider Asa Lewis' hoben sich ein wenig. Blicklos waren die schwarzen Augen, als schauten sie durch ihn hindurch. Die hellen Lichtreflexe vom Kamin huschten über sein bronzefarbenes Gesicht hin und her, erweckten es zu einem seltsamen Leben.

Man konnte sich gut eine Krone aus Adlerfedern um diese prächtige Stirn denken, indianische Kleidung an seinem Körper, Mokassins dort, wo seine Stiefel waren.

„Wozu ich mich entschließe, werde ich nur dir allein sagen, Dan“, erklärte John brüsk. „Ein Zweihundert Meilen Ritt ist für deinen Besucher wohl eine Kleinigkeit?“

„Yeah, er kam und reitet auch wieder zurück. Er sollte dein Begleiter sein, John.“

„Ich verzichte auf seine Begleitung. Ich glaube noch immer, dass er viel besser weiß, wo sich Red Clouds Unterhäuptlinge befinden, wo die einzelnen Stämme der Sioux, Cheyennes und Arapahos ihre Winterquartiere haben, wo Tashunka Witko, der höchste Kriegshäuptling, den man auch Crazy Horse nennt, und der düstere Hunkpapahäuptling Sitting Bull zurzeit umherstreifen. Ich möchte Asa Lewis' Pferd sehen, Dan!“

„Ich weiß, worauf du hinauswillst und kann dich beruhigen. Es ist ein Pferd von der Gesellschaft und ist beschlagen. Dein Misstrauen führt zu weit, John. Willst du nun den Auftrag annehmen oder nicht?“

„Ich reite, Dan, aber allein!“

„Dann Gott befohlen, John! Warte, ich schreibe dir noch die Briefe.“

Asa Lewis bewegte sich nicht. Er wirkte wie eine Bronzefigur. Jeffersons Blick glitt über ihn hinweg. Plötzlich zog er John am Arm hinter sich in sein Privatzimmer, das gleich hinter dem Büro lag und schloss die Tür hinter sich und seinem Gast.

„Ich teile deine Abneigung gegen Asa Lewis nicht, John“, sagte er ernst, „aber ich respektiere deine Wünsche, denn es ist dein Leben, das du in die Waagschale wirfst. Glaube mir, ich schicke dich nicht gern allein los. Was soll ich aber machen? Ich kann unmöglich mit einem Teil der Arbeiter aus dem Camp die Strecke entlangreiten, bis wir auf den verlorenen Zug stoßen. Das Schneetreiben ist viel zu dicht, sodass man kaum die Hand vor den Augen sieht. Hier im Camp ist man schon gefährdet. Wenn ich aber die Arbeiter in die Sättel treiben und durch die Nacht führen würde, gäbe das ein Riesenunglück! Sie sind nicht gewohnt, in einem solchen Schneetreiben zu reiten, sich zu orientieren. Das kann nur einer, der in der Wildnis groß geworden ist, der die Himmelsrichtungen im Blut hat, einer, der hart und zäh ist. Jeder andere würde im Kreise reiten, endlos, bis er und sein Reittier erschöpft sind. Nun, John, ich rede dir die Ohren voll, als wollte ich mich vor dir entschuldigen, aber ich denke an alles, was in den fünf langen Jahren des Bahnbaues geschah. Ich habe fünf komplette Mannschaften eingebüßt, ich habe ...“

„Dan“, unterbrach ihn John Brown heftig, „die Regierung hat für den Bau der Bahn quer durch den Kontinent elf Jahre Zeit gegeben. Das ist eine verteufelt lange Zeit. In Wirklichkeit aber lockt die ausgesetzte Prämie. Jede der beiden Gesellschaften will die andere übertrumpfen, jede will die erste sein, die am Zielort Ogden anlangt und die Prämie einstreicht, bevor die andere die Stadt erreicht hat. Fünf Jahre wütet der Kampf der Gesellschaften, wüten Intrigen, Korruption, ein Kampf bis aufs Messer. Daran hat auch der Bürgerkrieg nichts ändern können, auch nicht die unzähligen Gefahren, die an der Bahnstrecke lauern. Um die Prämie zu gewinnen, wird der Mensch verschlissen, werden Tausende geopfert. Für ein großes Ziel ...? Wer fragt nach denen, die bereits die Erde deckt, die verhungert, erfroren, links und rechts der Bahn liegen blieben, die mit Pfeilen oder mit Kugeln in der Brust zusammenbrachen, die von Seuchen dahingerafft winden? Wer fragt schon nach all den Namenlosen, die ihren Atem aushauchten unter dem Skalpmesser eines Roten? Ist das auch alles mit einkalkuliert worden? Dan, die Strecke wächst mit Riesenschritten. Ich sagte dir, es wird noch nicht einmal ein ganzes Jahr vergehen und der Bau ist abgeschlossen. Aber was wird in diesem letzten Jahr nicht noch alles geschehen? Wie viel Menschen werden noch ihr Leben lassen müssen?

Du hast gekämpft und gearbeitet. Du hast deine Schienenleger, Planierer, Ingenieure, Streckenarbeiter und Holzfäller unerbittlich weiter vorstoßen lassen.

Schau dir doch die Männer an, Dan, die diese Fronarbeit bei Tag und Nacht ausführen! Sie sind menschliche Roboter geworden, fast willenlos. Sie hören auf dich, und du hörst auf die Befehle des Hauptquartiers der Gesellschaft. Könnten sich nicht die Konkurrenten einigen, könnten sie nicht nach dem Regierungsvertrag bauen? Man hätte dann noch viele Jahre Zeit, und es kämen nicht mehr so grauenhafte Dinge vor, wie in den verflossenen fünf Jahren.

Oh, ich weiß, was man dir nachsagt, Dan, dass du der härteste Kolonnenführer bist. Ich weiß auch, dass dir die Redmen einen Kampfnamen gegeben haben, und du in ihren Augen ein großer Häuptling bist. Ich bin nur ein Scout und Jäger, aber ich schlafe nicht, Dan. Ich sehe, was hier für ein Schindluder mit den Menschen getrieben wird. Für die Gesellschaften ist der Mensch nur Ware, Mittel zum Zweck. Die hohen Löhne locken immer neues Menschenmaterial zum Bahnbau, aber wenn auch solche hohen Löhne geboten werden, so wird doch auch Unmenschliches von den Arbeitern verlangt. Hier ist es ähnlich wie bei der Arbeit am Bozeman Weg, um die Goldgründe der Alderschlucht. Aber was ist die Alderschlucht gemessen an dem Projekt der 'Union Pacific'!“

„Die Bahn wird das Land erschließen, John Brown“, nahm ihm Dan Jefferson hart das Wort. „Eine große Nation ist im Entstehen. Sie wird mächtig und stark werden. Eine große Nation aber muss auch bereit sein, Opfer zu bringen!“

„Das sind schöne Worte, Dan, zu schön und zu abgedroschen. Auch die Roten sind eine Nation. Auch sie sind Menschen, aber für sie gibt es keine Menschenrechte. Sie werden niedergeschossen, wenn sie sich gegen das Vordringen des weißen Mannes wehren, werden erschlagen, niedergemäht wie reifes Korn. Ihre verzweifelten Versuche, die Weißen aufzuhalten, werden zerbrochen. Nun, ich will zugeben, dass du als der Herr im Camp durchdrungen von deiner Aufgabe sein musst und davon überzeugt sein musst, dass alles richtig ist, was im Namen der Gesellschaft geschieht.“

„Wenn man dich reden hört, glaubt man, einen Redman zu hören, John. Du bist zu lange unter den Hunkpapas gewesen, viel zu lange! Ein Teil ihres Wesens ist dir eigen. Das Blut, das dir Sitting Bull als dein Blutsbruder mischte, scheint auch in deinen Adern zu rollen. Warum, zum Teufel, bist du überhaupt fünf Jahre bei der Bahn geblieben? Warum hast du es nicht schon längst aufgegeben und bist davongeritten, wie viele andere auch?“

Beide Männer starrten sich an, feindlich, fast drohend. Beide schienen tief erregt zu sein.

„Weil ich nie ein begonnenes Werk aufgebe, Dan, und weil ich dabei sein will! Schreibe jetzt deine Briefe, für deine Tochter, für das Hauptcamp. Ich gehe inzwischen zur Baracke, packe das Notwendigste, esse meine Wassersuppe und hole mein Pferd aus dem Schuppen. So long ...!“

John Brown war schon fast an der Tür, als ihn Jefferson fragte:

„Du bleibst also bei deiner Weigerung und willst ganz allein ohne Asa Lewis reiten?“

„Yeah!“

„Sei nicht so stur, Buddy. In einer solchen Nacht sollte man nie eine Begleitung abschlagen, oder hast du etwa ...“

„Sprich nicht weiter, Dan!“, unterbrach ihn John wütend, fuhr dann erregt fort: „Zum Teufel, sage deinem Schützling, dass er sich mir anschließen soll. Es wird ein Höllenritt werden, Dan!“

Jefferson zuckte zusammen. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn. Mit einigen raschen Schritten verhinderte er, dass John aus dem Raume stürmte.

„Beruhige dich erst, Freund. Du musst verstehen, dass es für mich nicht so einfach ist. Gestern Nacht quälten mich Traumbilder. Ich sah einen entgleisten Zug, Trümmer, zerrissene Schienen, Menschen, die mit erloschenen Augen in den grauen Himmel blickten und Gestalten, die in der Nacht verschwanden. Ich träumte schlecht, Buddy, und ich habe zu oft erfahren müssen, dass die Wirklichkeit die grauenvollsten Träume noch weit in den Schatten stellte. John, meine Tochter soll in dem Hauptcamp eintreffen, meine Tochter ...“

Dan Jeffersons Stimme verlosch. In seinem faltigen Gesicht stand eine unheimliche Sorge eingebrannt. Seine Lippen bebten verhalten. Er sah von John, der ihn still beobachtete, schnell fort, als wollte er seine Depression verbergen, rasselte dann über die Schulter: „Es geht mir auch um meine Tochter, John! Darum wünsche ich, dass du mit Asa Lewis auszukommen versuchst. Das ist eine Bitte von Mensch zu Mensch, von Freund zu Freund.“

Die Grauaugen Jeffersons flackerten nicht mehr, die alte Härte lag wieder darin, der alte, wilde Trotz, die ungebrochene Energie eines Mannes, der an seine Aufgabe glaubt, der nicht von seinen Gefühlen hin her gerissen wird, der nicht erst groß über Probleme nachgrübelt, der mit beiden Beinen fest auf der Erde steht. Ein fanatischer Anhänger der Idee der jungen Nation, die sich einen Platz an der Sonne erkämpfen musste.

Oh, yeah, Männer seiner Art bauten Brücken, Tunnels, legten Schienen. In ihrem Leben herrschten die nüchternen Zahlen, die Akten, die Zeichnungen. Sie planten, kommandierten und bauten. Sie waren erfüllt von der Unrast der Zeit, dem Gedröhn der Hämmer, dem bitteren Rhythmus der Arbeit.

Sie standen an der vordersten Front der Arbeit, konnten jederzeit die Schaufel, die Spitzhacke mit dem Gewehr vertauschen. Sie stemmten sich gegen Tod und Hölle.

So war auch Jefferson. So war er schon fünf Jahre lang hindurch. In diesem Augenblick aber schien die erste weiche Regung über sein strenges Gesicht hinwegzuhuschen.

„Du hast gute Freunde bei dem verschollenen Zug gehabt, John. Ich begreife deine innere Erregung und verstehe auch, weshalb du allein sein willst, aber mir zuliebe verzichte darauf und reite mit Asa Lewis.“

Wortlos drehte sich John um und ging. Asa Lewis schaute nicht einmal auf, als er quer durch das Büro zur Tür stapfte. Jefferson starrte hinter ihm drein und John fühlte den Blick in seinem Rücken.

Draußen tobte der Schneesturm heftiger als zuvor. Er sprang ihn an wie ein wildes Tier, verschlug ihm fast den Atem, riss ihm die Tür aus der Hand und schmetterte sie hinter John zu.

Schon nach wenigen Schritten stand John im Dunkeln. Der dicht fallende Schnee verschluckte das Licht der Karbidlampe.

Kniehoch lag der Schnee. John tastete sich an einer Barackenwand entlang, überquerte den Platz, auf dem die Holzfäller die Bohlenschwellen für die Schienen herstellten und trat wenig später durch die Tür einer niedrigen Baracke.

Er zog die Tür hinter sich zu und schaute zu den bärtigen, wild aussehenden Männern hin, die in Qualmwolken gehüllt Karten spielten oder auf ihren Pritschen lagen.

Sie saßen im Overall und mit aufgekrempelten Ärmeln. Schweiß- und Modergeruch mischte sich mit dem scharfen Whiskygestank und dem Tabaksqualm. Ihre Pelzsachen hingen, an Leinen aufgehängt, rings um den mitten im Raume stehenden Kanonenofen, dessen Eisenwände hochrot vor Überhitzung glühten, als wolle er jeden Augenblick auseinanderplatzen.

Das war für John Brown ein gewohntes Bild. Jahrelang hatte er es schon gesehen, jahrelang hatte er es in sich hineingeschluckt, hatte mit diesen Männern, die doch todmüde von der harten Arbeit sein mussten den Raum geteilt und mit ihnen gelebt.

„Heh, John, schon zurück von der Wache?“ Einer hatte ihn an der Tür entdeckt und sprach es laut aus.

Plötzlich herrschte Ruhe im Raume, reckten die Männer die Hälse und drehten die Köpfe.

„Nachrichten vom Proviant- und Löhnungszug?“, schnappte irgendeine Stimme aus der Tiefe des Raumes. Sie sprach das aus, was in allen Gesichtern, was in allen Augen stand, die bange Erwartung, ein Anklammern an das schier unmöglich Scheinende.

Sie schauten ihn an, gespannt, verzweifelt fast. Andere wieder blickten hart und kalt, als hätten sie bereits das Gruseln verlernt, als hätte der harte Winter sie innerlich ausgelaugt und alle Gefühle in ihnen erstickt. Oh, yeah, alle diese Männer waren Einzelwesen, Individuen, alle lebten ein Einzelleben, und daran änderte auch nichts, dass die „Union Pacific“ sie in der Arbeit und im Kampfe zusammengeschweißt hatte, änderte auch nichts daran, dass sie jetzt, in diesem Augenblick, einmütig wirkten in der Hoffnung, etwas Positives zu erfahren.

„Nichts Neues, ihr Männer!“

„Der Scout hat keine Nachricht gebracht?“, schrillte es heiser zurück. Es war wie ein Aufschrei aus tiefster Not. „Heilige Madonna, bei dem Proviantzuge war mein Bruder Jim!“

„Andy, Jim war auch mir ein guter Freund.“

„Davon hat er jetzt nichts mehr. Verdammt sei das Camp, die Gesellschaft, die 'Union Pacific'!“ Erstickt schwieg die Stimme, und der Mann, dem sie gehörte, sank mit einem bitteren Seufzer auf seine Lagerstatt zurück, schien resigniert und verzweifelt.

Die Männer starrten John an, feindlich, bösartig, als wäre er, der Überbringer der schlechten Nachricht, schuld an allem.

„Und was wird nun?“

„Asa Lewis, der Scout, wurde vom Hauptcamp nach hier geschickt, um sich zu erkundigen, ob wir nicht trotz des Schneetreibens den Zug zurückschicken könnten.“

„Allmächtiger, sie wissen dort hinten nicht, dass der Zug hier nicht angekommen ist? Sie haben keinen Hilfszug losgeschickt? Oh, diese Pfeffersäcke sind weit ab vom Schuss! Was bilden sich diese Narren nur ein?“

„So lange das Schicksal des verschollenen Zuges noch ungewiss ist, wäre es äußerst gefährlich, auf der eingleisigen Strecke einen Hilfszug abfahren zu lassen. Im Hauptcamp müssen sie damit rechnen, dass die Züge zusammenstoßen können. Sie müssen ferner damit rechnen, dass dem zweiten Zuge dasselbe Los zuteil werden kann wie dem ersten, dass er entgleisen oder in einer Schneewehe stecken bleiben kann/'

„In einer Schneewehe stecken geblieben? Hölle, John, wollte Gott, dass das Letztere den Zug aufgehalten hat, dann wäre ja noch Hoffnung! Ich kann mich erinnern, ihr Männer, dass vor drei Jahren einmal ein Zug in einer Büffelherde fünf Tage lang stecken blieb. Damals hatten wir auch bereits alle Hoffnung verloren, und gerade, als sich Jefferson entschloss, trotz der lauernden Redmen-Gefahr das Camp abzubrechen, kam unser Dampfross vergnügt angefaucht und hatte so viele Büffel geladen, dass uns hinterher fast die Bäuche von all dem Fleisch geplatzt sind.“

Die Spannung wich für wenige Augenblicke von vielen der bärtigen, eingefallenen Gesichtern. Einer lachte sogar, aber es war ein freudloses, geisterhaftes Lachen.

„Es müsste sich ein Mann finden, der durch die Blizzardhölle reitet“, sagte einer.

Sofort brachen die Stimmen ab, reckten sich die Männer höher. Betretenes Schweigen breitete sich aus, in der die abgerissenen Atemzüge der Männer standen.

Plötzlich knurrte einer bissig: „Wer wird schon durch diese Hölle gehen wollen? Nicht einmal einem Wolf ist das zuzumuten, Gents.“

„Es kann nicht viel schlimmer sein als das, was Jefferson von uns verlangt“, fauchte ein rothaariger Hüne böse. „Oder solltet ihr noch nicht wissen, dass er die Absicht hat, trotz des Blizzards die Arbeit weiter durchzuführen?“

Das Schweigen ringsum vertiefte sich. Es schien, als hätte jemand eine Dynamitbombe angekündigt, die jeden Moment mitten im Raume hochgehen konnte.

„Damny, dann soll er seinen Mist allein machen!“, fauchte ein kleiner Kerl, wobei er seinen Kaugummi zur Seite spuckte und feindlich in die Runde sah. „Dann hau ich ab!“

„Durch den Blizzard, Dicky?“, kicherte sein Nachbar, der Hüne. „Schon hinter der letzten Hausecke hängt dir ein so großer Eiszapfen an der Nase, dass er dich vornüberzieht und du in den Schnee fällst. Es bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als deinen Vertrag zu halten, hierzubleiben, zu arbeiten bis zum Verrecken. Wenn einer einen Grund hätte zu reiten, dann wäre es Andy, damit er weiß, wo sein Bruder Jim geblieben ist. Andy hat aber eine Lungenentzündung und Frost in den Beinen. Er dürfte nicht weit kommen. Keiner von uns würde weit kommen, Gents. Bei diesem Wetter könnte sich niemand lange auf einem Pferde halten. Wir sind Arbeiter, aber keine Reiter, und das weiß Jefferson. Er weiß aber auch, dass wir hart genug sind, um im Blizzard arbeiten zu können. Er wird Schneefänger anfertigen und von den Holzfällern aufstellen lassen, genau wie im vorigen Winter. Er wird Feuer längs der Strecke anlegen lassen, damit uns nicht vor Kälte das Werkzeug aus den Händen fällt und wir die steif gefrorenen Glieder ab und zu auftauen können. Gents, wir sitzen in einer Klemme, und wahrhaftig, ich möchte nicht in Jeffersons Haut stecken. Vielleicht findet er einen Freiwilligen, einen Narren, einen Lebensmüden.“

„Ich hoffe, dass du das zurücknimmst“, meldete sich John, der bereits das bereitstehende Essen hastig heruntergeschlungen, seine Habseligkeiten in ein Bündel gepackt und sich seine Decken über die Schulter geworfen hatte, so laut, dass der rothaarige Hüne wie unter einem Peitschenschlag zurückprallte und seine Augen aus den Höhlen traten, dass er schwerfällig aufstand und seine haarigen Arme nach einer Stuhllehne ausstreckte, die er mit einem langen Atemzug so fest mit den Fingern umkrallte, als wollte er sie in Stücke reißen.

„Mit anderen Worten: Jefferson hat den Mann bereits gefunden?“

„Ich denke, ich habe mich klar genug ausgedrückt, Bob“, klang es aufreizend ruhig zurück. „Nimmst du den Narren zurück?“

„By Gosh, John, jeden anderen, der den Ritt wagen würde, müsste ich für einen Narren halten, nur dich nicht“, grollte der Hüne heraus. Er ließ die Stuhllehne los, atmete schwer. Hölle, jeder im Camp kannte John Brown, den Scout und Jäger, und sie alle hatten schon einmal erlebt, wie schnell er die Eisen handhaben und mit den Fäusten umgehen konnte. Sie alle hielten John für einen gefährlichen Mann, der nur mit äußerster Vorsicht anzufassen war.

Fast schwarz wirkte die fettige Hirschlederkleidung, deren Fell nach innen gekehrt war. Der Rauch vieler Lagerfeuer hatte seine Pelzkappe gegerbt, schien auch seine Haut lederfarbig gefärbt zu haben. Wenn, man ihn betrachtete, glaubte man einen Prärieindianer zu sehen, athletisch und knochig gebaut, breit in den Schultern, schmal in den Hüften. Nur die seltsam hellen Grauaugen passten nicht zu einem Redman. Sie stachen gleich Flammen aus seinem Gesicht, hart, unnachgiebig, so hell, als brannten sie durch einen Menschen hindurch. Sein schwarzes, strähniges Haar quoll unter seiner Kappe hervor.

Nur einen Herzschlag lang blickte er den rothaarigen Hünen an, dann packte er sein Bündel fester, drehte sich herum und ging. Niemand hielt ihn auf, niemand hielt ihn zurück. Das Schweigen blieb hinter ihm, ein seltsames Schweigen, das nur ein überragender Mann zurücklassen kann. Es war, als hätte der Eishauch des Blizzards die Männer gestreift und zu Statuen gemacht.

„Gott stehe ihm bei“, flüsterte Andy mit heiserer Stimme von der Lagerstatt her. „Er geht zu meinem Bruder Jim!“

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2.

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Der Blizzard fiel von neuem über John her, sobald er die Hütte verlassen hatte. Schon seit Tagen wütete der Sturm, brachte Eis und Schnee, eisige Kälte, die fast das Blut in den Adern gefrieren ließ. Der weiße Tod grinste aus dem Dunkel der Nacht. Es war, als habe er rings um das Camp, schon wenige Schritte entfernt, alles Leben ausgelöscht. Unmöglich schien die Vorstellung, dass bei solcher Witterung Redmen durch das Land streiften, auf ihren klapperdürren Ponys, getrieben von dem Hass gegen den weißen Mann.

Verschwommen zeichneten sich im Schneetreiben die Palisaden ab, die rings um das Bahnarbeitercamp standen, es gegen feindliche Überfälle schützen sollten. Geduckt unter ihrer Schneelast standen Schuppen und Corrals.

Der Schnee knirschte unter Johns Stiefeln, und in seinem Bart fror der aufgetaute Schnee zu einer glitzernden Eiskruste. Am Schuppen vier traf er auf Jefferson, der ihn bereits erwartete.

„Ich habe dir das beste Pferd gesattelt und gezäumt, John. Auf deinem Ritt kann nur das ausdauerndste und schnellste Pferd gut genug sein. Asa Lewis ist auch schon startbereit. Es tut mir leid, dass ich euch keinen Whisky mitgeben kann. Der letzte Vorrat ist gestern ausgegeben worden. Hier sind die Briefe, John.“

Jefferson langte mit seinen Handschuhen unter die Pelzjacke, holte die Briefe hervor. John nahm sie entgegen, verstaute sie sorgfältig, wobei er zu der dunklen Gestalt hinsah, die im Eingang des Schuppens stand und zwei Pferde an den Zügeln hielt.

Hoch aufgerichtet, drahtig stand die Gestalt im Eingang, in einer Haltung, die darauf hindeutete, dass dieser Mann eher gewohnt war, Befehle zu geben, als Befehle anzunehmen. In seiner fleckigen Fellkleidung wirkte er in der Dunkelheit noch düsterer.

„Asa reitet sein eigenes Pferd zurück“, erklärte Jefferson. „Er hat auf Ersatz verzichtet und wollte es nicht gegen ein ausgeruhtes Pferd umtauschen. Schau nur hin, es hat keine unbeschlagenen Hufe wie du angenommen hast, John. Es ist ein gutes, starkes Pferd der Gesellschaft, für die wir arbeiten. Es trägt den Brand der Gesellschaft an seinen Flanken, genauso wie der Falbe, den ich dir gesattelt habe.“

„Fünf Jahre 'Union Pacific' sollten dich misstrauischer gemacht haben, Dan“, schnappte John leise zurück. „Asa Lewis wird sicherlich nicht an den Christengott glauben, sondern an Wakan Tanka, den Großen Geist, und vielleicht gehört er dem Oyate Asiyu, dem obersten Rat der sieben verbündeten Siouxstämme an, gewiss aber irgendeinem besonderen Bund der Sioux. Krieger seiner Art sind schlau wie Füchse, waghalsig und mutig bis zur Selbstvernichtung.“

John Brown brach ab. Jefferson sah ihn fest an. Seine Augen schimmerten seltsam. John erwiderte seinen Blick, und dann gaben sich die Männer die Hand zu einem festen Druck, wie Freunde, wenn sie Abschied nehmen.

„Gott möge dir helfen!“, murmelte Jefferson. Noch nie hatte er sich so verabschiedet. Die ganze Schwere der Verantwortung für dieses Camp lag in seinen Worten, die Sorgen, die auf ihm lasteten, die Hoffnung auf ein gutes Gelingen von Johns Ritt durch Schnee und Eis.

John ließ Dan Jefferson stehen, ging auf Asa Lewis zu und nahm ihm die Zügel seines Falben aus der Hand, schnallte seinen Beutel und seine Decken hinter dem Sattel fest, führte das Reittier aus dem Schuppen ins Freie hinaus und schwang sich auf.

„Hopo, gehen wir!“, kam es über seine Lippen. Er beobachtete Asa Lewis scharf, aber dessen Gesicht blieb unbewegt, wirkte wie aus dunklem Granit gehauen. Er ließ sich nicht durch die Siouxworte aus seiner Ruhe bringen, sondern trieb seinen Dunkelbraunen mit leisem Zuruf und verstärktem Schenkeldruck neben Johns Falben. Nebeneinander ritten sie an Jefferson vorbei. Der Ingenieur blieb im Schneetreiben zurück.

Die Pferde stampften durch den Schnee zu dem Palisadentor hin. Es wurde vor den Reitern geöffnet. Auch hier hatte Jefferson bereits vorgesorgt.

Von den beiden Posten sprach niemand. Es war, als ob der Ritt der beiden in den Blizzard hinaus ihnen den Atem verschlüge. „Ho, hepp ...!“, gellte es ihnen entgegen. Zwei Männer trieben ihre Pferde durch das Tor, um wie Schatten im Schneetreiben zu verschwinden.

By Gosh, yeah, gewiss wären zwei weniger erfahrene Reiter schon nach kurzem Ritt auseinandergekommen, um sich nicht mehr zu begegnen. Nicht so die beiden. Ihnen schien das Heulen und Brausen, das gellende Lachen des Windes nichts auszumachen. Sie ließen sich auch nicht durch den Schnee beirren, der auf sie einstürmte, als wollte er sie aus den Sätteln fegen. Weit vornübergeneigt lagen sie auf den Pferden, an deren Mähnen und Schweifhaaren der Wind riss.

Zwei vermummte Gestalten, Gespensterreiter, im Nu steif gefroren von der Kälte und dem gnadenlosen Wind. Ihre Pferde trieben wie Nussschalen auf einem bewegten Ozean dahin, stemmten sich vorwärts, immer weiter, ließen die Meilen zurück.

Asa Lewis klebte an Johns rechter Seite, wie ein Schatten seines eigenen Ichs, der sich weder lösen noch trennen konnte.

Vor den Männern schien sich eine grauenvolle Ewigkeit aufzutun. Mit jeder Meile mehr wurden ihre Beine in den Stiefeln gefühlloser und das Wenige der Gesichtshaut, das dem Schneetreiben schutzlos preisgegeben war, brannte und stach nicht mehr, als ob tausend Nadeln ins Fleisch drangen, sondern wurde wie leblos.

In dieser Höllenacht musste man nicht nur Reiter sein, sondern man musste auch einen Instinkt für die Richtung haben, in die der Ritt ging, denn nirgendwo im unheimlichen Grau, das in eisigen Wirbeln um sie fegte, das über und unter ihnen war, gab es eine Richtung.

Der Schienenstrang? Der war verweht und lag unter hohen Schneemassen begraben. Er kam als Richtungsweiser nicht in Frage, seine Bohlen und Schwellen lagen tief unter dem Schnee. Verschwunden war auch das letzte Licht vom Camp, und geblieben war nur die unheimliche Einsamkeit, war die Hölle, der Ritt durch die Nacht.

John überlegte, weshalb wohl sein Begleiter zum Camp gekommen war. Hatte er etwa den Ritt durch die Eishölle nur deshalb gewagt, um Jefferson aufzufordern, den Hilfszug nicht zurückzuhalten?

Hölle, da stimmte etwas nicht! Drüben im Hauptcamp würden sie gewiss über die Wetterlage genau informiert sein. Sie glaubten sicher, dass der Hilfszug durchgekommen war und würden abwarten. Nicht aber jene Burschen, die den Coup auf den Hilfszug gestartet hatten. Vielleicht wollten sie wissen, wann sie mit einem Vergeltungsakt zu rechnen hatten, wollten wissen, was man zu tun gedachte und schleppten inzwischen von dem überfallenen Zug fort, was sie nur konnten.

Möglich war es auch, dass das Hauptcamp aber doch durch irgendeinen Umstand über den Verbleib des Hilfszuges beunruhigt war und einen Suchtrupp losgeschickt hatte. Die Kerle hatten davon Wind bekommen und wollten jetzt wissen, ob dieser Suchtrupp von irgendeiner Seite noch Unterstützungen erhielt. Wenn es so war, dann waren jene braven Burschen des Suchtrupps, die jetzt durch den Blizzard ritten, in höchster Gefahr. Vielleicht waren es Blauröcke. Truppen, die die Gesellschaft angefordert hatte, Männer, die in den Kampf ziehen mussten, ob es ihnen passte oder nicht, die gewohnt waren, alles Persönliche zurückzustellen und einem Befehl auf Biegen und Brechen zu gehorchen.

John glaubte ersticken zu müssen. Der Zorn wallte in ihm auf. Ah, yeah, dieser Asa Lewis war verschlagen genug, um für eine Horde roter Teufel die nötigen Spionagedienste zu leasten. Asa Lewis, oder wie der rote Gent sonst heißen mochte, wusste nun, dass Jefferson festsaß und sich nicht heraustraute.

Johns Augen richteten sich auf seinen Begleiter, saugten sich fest an seiner hageren Reitergestalt. Gewiss wusste Asa Lewis längst mehr als er, John Brown, viel mehr. Vielleicht kannte er die Stärke des Trupps, der vom Hauptcamp losgezogen war, und vielleicht hatte er sich bereits mit „Roter Wolke“ oder irgendeinem anderen der roten Häuptlinge die Chancen eines Überfalles auf den Suchtrupp klar ausgemalt.

By Gosh, es war nicht das erste Mal, dass das Hauptquartier der Gesellschaft Truppen zur Unterstützung der „Union Pacific“ anforderte. Je länger John über seine Vermutungen nachdachte, die erst vage und unklar waren, dann aber feste Formen annahmen, umso sicherer wurde er, dass er sich nicht irrte. Er kannte die Art der Roten, hatte selbst lange Jahre unter ihnen gelebt.

Er konnte es sich fast plastisch vorstellen, wie die Zusammenhänge waren, und das nicht nur, weil er die Redmen kannte, sondern weil fünf nervenaufreibende, kampferfüllte Jahre bei der „Union Pacific“ besonders gute Lehrmeister waren.

Wie eine Vision stand es vor Browns Augen. Die Roten hatten den Zug entgleisen lassen und waren gewiss über ihn wie die Insekten über ein Aas hergefallen, mordend und plündernd. Ihr Kriegsgeschrei hatte das Krachen der Winchester übertönt, deren Besitzer sich verzweifelt gegen die Übermacht wehrten und mit fliegenden Fahnen untergingen. Mann um Mann, jeder starb allein, jeder auf eine andere Art. Jedes Paar brechender Augen nahm ein anderes schreckliches Bild mit in die andere Welt, die jenseits von Gut und Böse liegt.

Den Toten aber tat das entsetzliche Zeichen, das die Sioux nach dem Kampf den Gefallenen gaben, nicht mehr weh. Jeder Redmen-Stamm hatte ein besonderes Zeichen. Aber allen gemeinsam war die Jagd nach dem Skalp, dem Kopfhaar, der Siegestrophäe.

Welcher Stamm den Zug auch immer überfallen haben mochte, er war gewiss noch in der Nähe des Tatortes, angefeuert von seinen Medizinmännern, die noch größere Beute, noch mehr Skalps den Kriegern versprachen. Der Himmel oder die Hölle mochten wissen, woher die roten Teufel wussten, dass das Hauptcamp Kavallerie entsandt hatte.

Johns Zähne knirschten hart aufeinander. Die Jahre, die er unter dem schrecklichsten der Stämme der Sioux, den Hunkpapas, verbracht hatte, hatten ihn auch gelehrt, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gab, die man nicht entschleiern konnte. Man sagt, dass die Hochprärieindianer ein Ohr offen haben für die Schwingungen der Ferne, ein Auge offen für die Geister der Nacht.

Heiden nannte man sie, weil sie mit den Fingern aßen und weil ihre heidnischen Sitten und Gebräuche manchmal grausam waren. Er kannte die Redmen besser. Er betrachtete sie nicht als Freiwild, wie es viele weiße Männer taten, die keinen Unterschied kannten zwischen Grizzlys, Pumas und Redmen. Für ihn waren sie Menschen, großen Kindern ähnlich, stolz und treu, tapfer und auch verschlagen. Ein Hochprärieindianer nahm keine Befehle an, er handelte nach eigenem Ermessen. Ein Redman konnte eine Schlacht oder einen Jagdzug verlassen, wann es ihm passte. Er beugte sich keinem Despoten, blieb stets Herr seiner selbst.

Die Redmen waren aber auch rangstolz und ehrten ihre Toten. Sie hatten Achtung vor den Älteren und putzten sich auf heidnische Art manchmal so grell heraus, dass der Anblick wehenden Federschmucks, bewimpelter Lanzen und geschmückter Ponys einem den Atem verschlagen konnte.

Die Redmen hatten dem Vormarsch des Schienenstranges noch nicht ihre geballte Kraft entgegengesetzt. Sie kämpften zersplittert in Horden, immer nur dann, wenn ein besonders redegewandter Häuptling die Krieger aufwiegeln konnte. Allein schon diese Überfälle störten beträchtlich und waren äußerst hart und grausam. Noch hatte sich kein großer Häuptling gefunden, der alle Stämme vereinte. Noch konnten die Scheinverträge der Regierung sie hinhalten und nur einzelnen Redmen-Führern blieb der Angriff überlassen.

„Go on ...!“, fauchte John. Die Worte riss ihm der Blizzard vom Munde. Dennoch schien ihn der Falbe gehört zu haben, stemmte sich schneller gegen den Sturm. Auch das Pferd seines Begleiters wurde sogleich eifriger, als hätte Asa Lewis die Worte aufgefangen und sie seinem Tier übermittelt.

Um Mitternacht ließ das heftige Schneetreiben nach. Später fielen nur noch vereinzelte Flocken vom Himmel. Rechts und links sah man die verschwommenen Konturen der Wälder, sah man Bäume, die unter der Schneelast zusammenzubrechen drohten. Nach einer Stunde weiteren Ritts kam der Mond hinter grauen, schnell dahinsegelnden Wolken hervor. Der Sturm ließ nach, und es sah aus, als wollte er eine Atempause machen, in der man das Geheul streifender Wölfe aus der Ferne hörte.

Es störte die beiden Reiter nicht, war ihnen nichts Neues. Beiden waren die grauen Reißer der Wälder und der Prärie nichts Unbekanntes mehr. Sicher hatte sich ein Rudel zusammengetan, um gemeinsam zu jagen. Das war ein Naturgesetz, dem sich auch die Menschen beugten. Auch sie schlossen sich zu Horden zusammen, um zu jagen.

Nach etwa zwanzig Meilen hielten sie wortlos im Schutz einer Felsenwand an, warfen sich von ihren Pferden, um sich die Füße warm zu treten und um das Blut durch die steif gefrorenen Finger zirkulieren zu lassen.

Sie stampften im Kreise herum, rieben sich die Hände. Zwei Männer in einem grotesken Tanz, so schien es, und doch war dieser Tanz notwendig, war eine Vorbeugung gegen die Kälte, die immer tiefer in ihre Körper drang wie schleichendes Gift. So eine Gefahr durfte man nicht unterschätzen. Als John Brown vor Jahren noch als Cowboy hinter Rindern geritten war, hatte er einmal in einem Blizzard erlebt, wie einige Cowboys tot aus dem Sattel fielen. Erfroren, weil sie versäumt hatten, ihr Blut in Wallung zu halten.

Es brannte und schmerzte zwar, aber es war das beste Zeichen, dass alles wieder in Ordnung kam. Ah, es war so kalt, dass ihr Atem in kleinen Schneeflöckchen niederfiel, so kalt, dass, wenn sie mit der nackten Hand Eisen berührt hätten, die Haut in Fetzen daran hängen geblieben wäre.

Die Kälte aber war es auch, die sie wieder weitertrieb, wieder auf den Trail brachte und keine lange Rast zuließ. Mühsam stampften die Pferde vorwärts. Schneewehen hielten sie auf oder vereiste Stellen, Dickichte und Gesträuch standen hindernd im Wege.

Weiter, immer weiter. Wie von einer Unrast getrieben, so ritten sie. Jetzt hätten sie sich unterhalten können, wenn nicht die Kälte gewesen wäre. Die Gefahr einer Unterhaltung war zu groß. Im Augenblick hätte der Tod einschreiten und sie aus dem Sattel werfen können.

Weiter! Meile um Meile, bis der Morgen graute und mit ihm die graue Decke am Himmel sich so tief senkte, dass sie die Bergspitzen einhüllte, fast die Erde berührte.

Da erst schwächte die Kälte ab. Sie schien sich durch ein gelbes, bizarr verfranstes Loch in der Wolkendecke in höhere Regionen zurückgezogen zu haben.

Beide Männer starrten zu diesem Loch hin, das wie das böse Auge eines Dämonen zu ihnen niederblickte und in seiner schwefelgelben hässlichen Färbung nichts Gutes verhieß.

„Woyuonihan“, murmelte John, wobei ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief.

„Du grüßt den bösen Geist, Bruder?“

Dass Asa Lewis „Bruder“ sagte, machte deutlich, dass er seine indianische Abstammung nicht verleugnete, und zeigte klar, dass auch er nach dem langen Schweigen froh darüber war, die eigene Stimme zu hören.

Jetzt konnte man sprechen, ohne Gefahr zu laufen, dass die Atmungsorgane geschädigt wurden. Jetzt konnte man wieder reden.

„Die Sioux glauben, durch ein gutes Wort den bösen Geist beschwichtigen zu können, da du es nicht getan hast, habe ich es getan“, antwortete John Brown.

Sein Begleiter zuckte mit keiner Wimper, nickte nur still vor sich hin, spähte an John vorbei, als suchten seine Augen etwas.

Wenige Augenblicke später, als der Wolkendunst aufriss, sah es auch John, sah den Rauch, der trichterförmig in kurzen Intervallen auftrieb und sofort wieder vom Wind zerfetzt wurde.

Bevor er seiner Überraschung Herr werden und etwas sagen konnte, hörte er Asa Lewis tiefe Stimme:

„Das dort gefällt mir nicht, Bruder. Von allen Zeichen, die ein Scout deuten soll, ist das dort das schlimmste, Redmen auf dem Kriegspfad. Wir werden sehr vorsichtig reiten müssen, Bruder. Um diese Jahreszeit sind die Roten wie ausgehungert und fallen jede Beute an. Ändern wir unsere Richtung!“

Das war ein vernünftiger Vorschlag, und zum ersten Mal schien John geschlagen zu sein. Jefferson hatte anscheinend recht. Sein Begleiter würde niemals einen solchen Vorschlag gemacht haben, wenn er ein echter Sioux gewesen wäre.

Die dunklen Perlaugen sahen gleichmütig in die Ferne, in der die Rauchzeichen noch immer deutlich sichtbar waren. Graugelb, giftig wie die Öffnung in der Wolkendecke, war der Rauch. Der Standort des Feuers war schwer in der diesigen Sicht zu schätzen.

Er konnte zehn oder auch zwanzig Meilen entfernt liegen.

„Wir reiten genau darauf zu, Asa“, bestimmte John. „Aber es steht dir frei, deine eigene Richtung zu wählen. Ich für meinen Teil habe keine Zeit zu verlieren.“

Asa Lewis nickte nur und sagte gleichmütig: „Hopo, reiten wir. Der Tag bricht an, Bruder, und es ist wärmer geworden.“

In der Tat, die schreckliche Kälte war wie fortgewischt. Das gefährlich drohende, gelbe Loch in der Wolkendecke hatte sich wider Erwarten geschlossen, war nicht aufgerissen zu neuem, gewaltigem Sturm, zum Schreckhauch, der Mensch und Tier in den Tod fegen konnte. Das Loch hatte sich geschlossen, als hätte ein gütiger Geist mit den beiden einsamen Reitern dort unten auf der Erde ein Einsehen. Gleichzeitig verdeckten aber die ziehenden Wolken auch die Rauchzeichen in der Ferne. Die graue Einsamkeit der Dämmerung wurde von schwarz starrenden, gewaltigen Tannenbeständen unterbrochen. Als das Licht heller wurde, lag um die beiden Reiter eine Welt in Schwarz und Weiß, eine seltsam verwunschene Welt, vom Leichentuch des Winters bedeckt.

Um die Mittagszeit hielten sie an einem zugefrorenen Weiher im Schutze eines verschneiten Dickichts an. Hier schnallten sie die mitgeführten Futtersäcke ab und banden sie den Pferden um. Wieder vertraten sie sich die Beine und aßen von dem wenigen Trockenproviant, den sie in den Satteltaschen mit sich führten.

Eine heiße Elchfährte zeigte sich dicht am Campplatz. John juckte es in den Fingern, und die Vorstellung eines saftigen Bratens machte ihm den Mund wässerig. Er zwang sich dazu, diese Vorstellung aus dem Gedächtnis zu bannen. By Gosh, es war nicht daran zu denken, eine Jagd zu starten. Der Elch mochte leben, so lange ihn noch die Wölfe in Ruhe ließen, denn Wolfsspuren sahen sie überall.

Als die Männer nach der kurzen Rastpause gestärkt aufbrachen, fing es wieder in kurzen Intervallen zu schneien an. Dickflockiger Schnee fiel vom Himmel und sperrte die Sicht bis auf eine Meile in der Runde. Wacker hielten sich die Pferde. Manchmal sanken ihre Hufe tief in den Schnee ein, dann wiederum bewegten sie sich über verharschte Schneekrusten, die das Gewicht von Reitern und Pferden aushielten, aber gefährlich schwankten. Dort, wo die Eisfelder in blitzender tückischer Art schimmerten, machten die Reiter Umwege.

Asa Lewis ritt voran, hielt es schon vom Morgengrauen an so. Er ritt düster und verschlossen in seine Pelze gehüllt, hing vornübergeneigt im Sattel und seine schmal gekniffenen Augen suchten nach Spuren im Schnee.

John war es recht so, den Begleiter vor sich zu haben. So konnte er ihn immer beobachten. Ein Teil seines Misstrauens gegen Asa Lewis war geblieben.

Oh, man konnte sich Asa recht gut als einen Kriegshäuptling vorstellen, man brauchte nur wenig Fantasie dazu.

Plötzlich hielt Asa Lewis seinen dunkelbraunen Wallach an, wartete, bis John mit dem Falben herangekommen war.

„Du hast daran gezweifelt, dass ich ein Mestize bin, Brown. Nun, ich kann dir beipflichten. Weder mein Vater noch meine Mutter waren weiß gewesen.“

„Warum kommst du erst jetzt damit heraus, Asa?“

„Weil ich dir sonst vor Jefferson eine Erklärung hätte geben müssen. Niemals hätte die Gesellschaft einen reinrassigen Sioux eingestellt.“

„Also doch!“

„Asa Lewis ist mein angenommener Name, wie du es richtig herausgefunden hast, Brown.“

„Und wie lautet dein richtiger?“

„Ich habe ihn vergessen!“, klang es rau, abwesend und heiser. Das konnte vieles bedeuten. Wenn ein Redman seinen Kriegsnamen vergaß, dann nur, wenn er entweder aus seinem Stamm ausgestoßen, oder ein Gelübde abgelegt hatte, oder auf dem Kriegspfad war. Diese drei Möglichkeiten gab es und es blieb John überlassen, sich eine davon auszusuchen.

Er wusste, dass es vergeblich sein würde, den anderen zum Sprechen zu bewegen. Asa Lewis würde sein Schweigen nicht mehr brechen. Er war ein namenloser Redman und wollte auch als ein solcher angesehen werden. Warum nur? Um Johns Wachsamkeit einzuschläfern?

Das wäre vergebliche Mühe von Asa Lewis gewesen. Das Misstrauen saß zu tief in Johns Gedanken. Vorerst war es auch nicht einmal so wichtig, wer dieser Asa Lewis war, ob man ihn wegen Feigheit oder sonst einem Verbrechen aus seinem Stamm gestoßen hatte, oder ob er log. Egal, wichtig war es zu erfahren, wo die Späher der Redmen sich befanden, wo der Zug überfallen worden war, wichtig war es festzustellen, was mit dem Zug geschehen war.

„Go on ...! Ho hepp ...!“ Sie ritten weiter.

Johns Augen schmerzten und tränten leicht. Irgendwo vor ihm im Dunst musste sich der Schienenstrang befinden, und richtig, nach etwa zwei Meilen trafen sie auf einen Holzeinschlag. Hier hatte in den vergangenen Wochen die Holzfällerkolonne Bäume für den Schwellenbau gefällt. Bald darauf gelangten sie an den schneeverwehten Bahndamm. Die Telegrafenmasten waren ganz so, wie es John angenommen hatte, vom Blizzard längs der Strecke umgefegt worden, der singende Draht an vielen Stellen zerrissen.

Sie ritten auf dem Damm weiter und folgten den Schienen, die nur ab und zu aus dem Schnee zum Vorschein kamen. Vor ihnen zeigte sich eine Waldzunge. Sie schob sich bis dicht an den Bahndamm heran. John wusste, dass sich hinter der Waldzunge abschüssiges Gelände befand und der Bahndamm in einer weiten Kurve sich um die Felswände eines Berges herumschwang, dessen Granit gestern den Sprengkolonnen eine harte Nuss zu knacken gegeben hatte. Vor vier Monaten, Anfang des Herbstes, hatten sie hier gewühlt, geschuftet und gearbeitet wie die Besessenen. Hier waren auch zum ersten Mal die Dakotas aufgetaucht und hatten einen Angriff auf das Camp ausgeführt.

Deutlich erinnerte sich John noch an die mit Zinnober und Ocker bemalten Fratzen, an den gellenden Kriegsschrei, an die verteufelt schnellen Attacken, die die Roten auf ihren schnellen Pferden vortrugen. Er erinnerte sich an die Wolken von Brandpfeilen, die die Geräteschuppen und Läger in Brand setzten, an die Panik, die im ersten Augenblick die Arbeiter befallen hatte, als die Roten wie ein Hornissenschwarm über sie herfielen.

„Ich denke, dass wir gleich eine Überraschung erleben werden, Lewis!“, hetzte John seinem Begleiter zu. „Vielleicht weißt du, dass wir unweit der Stelle sind, an der die Dakotas das Camp überfielen.“

„Ich habe davon gehört, Bruder. Es waren Dakotas und sie kamen so schnell, dass das Camp beinahe von der Bildfläche verschwunden wäre, wenn nicht die Blauröcke eingegriffen hätten.“

„Eine Kompanie Kavallerie, die zufällig einen Geländeritt machte, brachte die Hilfe.“

Gleichmütig zuckte Asa Lewis mit den Schultern. Seine Lippen bewegten sich kaum, als er sagte: „Es sterben viele Männer auf der Prärie. Du glaubst, dass wir gleich auf das verlorene Dampfross stoßen werden?“

„Genau das ...“

„Warten wir ab“, murmelte Asa Lewis, wobei er die Zügel seines Braunen kurz nahm und das Pferd schneller antrieb. „Es wird sich bald zeigen.“

Näher kam die Waldzunge, die die Biegung verbarg. Als sie nur noch einige Pferdelängen entfernt lag, blieb Asa Lewis plötzlich zurück und ließ John vorreiten. Dieser war zu sehr in seine Gedanken versunken, zu sehr gespannt auf das Bild, das sich bald seinen Augen bieten würde, als dass er darin eine böse Absicht sah. Nur für einen Augenblick hatte John seine Wachsamkeit fallen lassen und sich von der Erregung vorwärtstreiben lassen. Nur für einen Moment hatte er alle Vorsicht vergessen und ritt an.

Prallte dann so jäh zurück, dass sein Falbe unter ihm aufstellte.

Das rettete John das Leben. Etwas Hartes streifte seinen Kopf, traf ihn dann hart an der Schulter. Schmerzwellen durchrasten ihn, schüttelten ihn durch, trieben bis in die Endspitzen seiner Nerven hinein und Lähmten ihn auf der Stelle. Gleichzeitig krachte der Bug des braunen Pferdes so heftig gegen den Falben, das er hoch aus dem Sattel geschleudert wurde.

Er sah nicht mehr, wie der Falbe in die Knie brach und qualvoll schnaubte, hörte nicht mehr, wie von Asas Lippen der Wolfsschrei der Teton Dakotas aufgellte. John fiel in den Schnee, versank darin.

Asa Lewis riss seinen Braunen herum, als er ihn aber dorthin treiben wollte, wo sein überrumpelter Gegner im Schnee lag, peitschten drei Schüsse aus der Waldzunge, flammten die heißen Feuerstrahlen wie Blendlichter des Todes aus dem Dunkel des Gehölzes heraus. Zwei Reiter brachen aus dem Gestrüpp.

Blauröcke, Soldaten, die Asa Lewis so überraschend angriffen, dass dieser die Flucht ergriff und seinem Pferd die Sporen gab.

So kam es, dass sich John Brown beim Erwachen allein fand. Er war noch benommen von dem Schlag, den seine Schulter aufgefangen hatte, stemmte sich auf und sah den aufgewühlten Schnee ringsum.

Er sah die Schleifspur, die sein Körper in den Schnee gegraben hatte und stellte fest, dass er sich durch den Schnee bis zur Waldzunge geschleppt hatte. Ein Instinkt hatte ihn, obwohl sein Bewusstsein ausgeschaltet gewesen war, so handeln lassen.

Ein Schauer durchrann ihn. Mühsam rappelte er sich hoch, tastete nach seinen Waffen. Sie lagen in den Holstern unter der Pelzjacke wohl verborgen. Er zog seine Handschuhe aus, holte die Pelzmütze aus dem Schnee, tastete nach der Schulter, die sich so anfühlte, als wäre sie zu doppelter Größe angeschwollen.

Er hob die Rechte und bewegte sie, konnte es, obwohl die Schmerzen schier unerträglich waren. Er atmete befreit auf, es war nichts gebrochen. Laut knirschten seine Zähne zusammen. Er zog die Handschuhe wieder über die Finger, prüfte dann die Fährten im Schnee und wusste bald, dass Asa Lewis von zwei Reitern davon abgehalten worden war, ihm, als er im Schnee lag, den Rest zu geben. Ein eigenartiges Kribbeln spürte John unter seiner Kopfhaut.

Gewiss hatten die Männer, die Asa Lewis angegriffen hatten, ihn für tot liegen gelassen.

Wer waren die Retter? Sie konnten unmöglich zu dem Kriegstrupp gehören, den John, als er um die Waldecke spähte, gesehen hatte. Jener Kriegstrupp, dessen Anblick so überraschend auf ihn gewirkt hatte, als hätte ihn ein heißes Eisen versengt.

Er hatte zwei Abteilungen Dakotas und Hunkpapas erkannt, die auf ihren mageren Ponys in düsterer unheimlicher Ruhe dahinzogen, dass ihm der Atem gestockt war. Er hatte sie gerade dabei überrascht, wie sie rechts und links an den Hängen des Berges ihre Pferde durch die Büsche trieben.

By Gosh, waren nicht auch Schüsse gefallen? Yeah, er entsann sich jetzt, sie dumpf gehört zu haben, entsann sich, dass er nach dem Aufwummern der Schüsse sich kriechend fortbewegt hatte.

Die Schüsse aber hatten die Redmen nicht fortlocken, nach hierhin bringen können.

Er kannte ihre Angewohnheiten zu gut. Irgendetwas Wichtiges musste sie davon zurückgehalten haben, sich seinen Skalp zu holen.

John musste an Asa Lewis Worte denken: „Es sterben viele auf der Prärie.“ Ah, Lewis hatte gewusst, dass sich hinter dem Wald eine Falle aufbaute, hatte gewusst, dass ausgerechnet hier irgendetwas nicht stimmte.

John unterdrückte seine Schmerzen, stapfte vorwärts, wollte zu seinem Pferd, aber der Falbe war verschwunden, nirgends zu entdecken. Er zerbiss einen Fluch auf den Lippen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! John blieb in der Deckung der Bäume stehen und traute sich nicht hinaus. Er durfte es jetzt nicht wagen, sich offen sehen zu lassen. Sicher wimmelte es jetzt überall von Redmen. Nur zwei Stämme hatte er erkannt, aber konnten nicht noch mehr Redmen da sein?

Er fror, fieberte fast, machte kehrt und schlich durch die verschneiten Bäume quer durch die Waldzunge, bis er unter sich das Tal liegen sah und die Schienenkurve.

Von den Redmen war nichts mehr zu entdecken. Es war, als ob sie sich spukhaft aufgelöst hätten, und das, was er mit eigenen Augen gesehen hatte, eine Halluzination gewesen wäre.

Eine Halluzination? By Gosh, die Schmerzen in seiner Schulter waren es auf keinen Fall, und auch die beiden Reiter nicht, die jetzt unten über einer Bodensenke auftauchten.

Blauröcke ritten dort, Soldaten. Sie ritten gemächlich durch die Todesfalle. Bewegten ihre Pferde hart am Bahndamm, hielten plötzlich und beobachteten schweigend die Umgebung.

„Sie wissen nicht, dass sie bereits im Rachen des Löwen stecken“, murmelte John. Die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, denn als er unter seine Pelzjacke griff, um seinen rechten Colt herauszuholen, damit Warnschüsse abzufeuern, erschienen am rechten Hang sieben Indianer auf ihren struppigen Mustangs, als hätte sie der Schnee ausgespuckt.

Ihre Lanzen und Bogen waren mit bunten Wimpeln geschmückt. Der kleine Trupp stutzte, hielt an. Die sieben indianischen Reiter glichen Bildsäulen, boten einen prächtigen Anblick. Mitten unter ihnen war einer, den John trotz der Entfernung und trotz des veränderten Aufzuges sogleich erkannte ... Asa Lewis.

Er ritt noch auf dem Dunkelbraunen, der das Brandmal der Gesellschaft auf seinen Flanken trug, und der sich von den kleinen Indianerpferden abhob wie ein Bernhardinerhund von einem Gassenköter. An Stelle der Stiefel trug Asa Lewis Mokassins. Wie er darangekommen war und wieso Asa Lewis so rasch zu seinen Kriegern stoßen konnte, blieb John ein Rätsel.

Der Redman dort auf dem Dunkelbraunen hielt sein lang herabfallendes Haar nicht mehr unter der Pelzmütze verborgen. Es hing ihm in dichter Fülle bis auf die Schultern herab, war schwarz wie Rabengefieder. Die Adlerschwinge aber an seiner Pelzkappe leuchtete weithin. Sie war knallrot gefärbt.

„Red Cloud, der Dakotahäuptling“, flüsterte John aufgeregt vor sich hin. Wer kannte Red Cloud nicht, wer hatte noch nichts von den tollkühn verwegenen Überfällen dieses Häuptlings gehört? Sein Name löste Schrecken und Grauen aus. Die Abneigung, die John gegen ihn empfunden hatte, bewies sich jetzt als begründet.

Mit sechs Kriegern des Fuchsbundes hielt der Häuptling auf dem Kamm. Sieben rote Krieger, Mitglieder eines besonderen Bundes, dem nur die Tapfersten angehörten. John erkannte das an den Fuchsschwänzen, die den Kriegern wie Troddeln vom Haar herunterhingen.

Die beiden Soldaten erblickten die Redmen, zogen ihre Repetiergewehre aus den Sattelschuhen und eröffneten das Feuer. Sie schossen ungenau, da der Schneefall die Sicht verschlechterte. Nach vier Schüssen, die sämtlich fehlgingen, rissen sie ihre Pferde auf den Hinterhufen herum, ritten im gestreckten Galopp zurück, flüchteten, noch bevor die sieben Redmen mit wilden Schreien hinter ihnen drein fegten. Beide Trupps verschwanden nach kurzer Zeit in einer Senke. Einzelne Schüsse fielen noch, entfernten sich.

John Brown sah über die weite Biegung des Schienenstranges, versuchte vergeblich, etwas von dem verlorenen Zug zu erspähen. Soweit er aus seiner Deckung heraus die schneeverwehten Geleise und den Bahndamm übersehen konnte, war nichts von dem Zug zu entdecken. Eine trügerische Ruhe herrschte, nur von den vereinzelt aufklingenden, entfernten Schüssen unterbrochen.

John Brown sah sich nach seinem Pferd um, aber der Falbe war verschwunden. John wandte sich um, wollte tiefer in den Wald dringen, wollte versuchen, irgendeinen Redman zu überraschen, sein Pferd zu nehmen, um durch das Todesgebiet zu brechen.

Plötzlich lebte das Feuergefecht in der Ferne auf, kam näher und näher, schwoll immer mehr an. Wilde Schreie erklangen, als hätte sich die Hölle entfacht.

Die sieben Redmen tauchten auf. Wild peitschten sie ihre Pferde vorwärts, als wäre der Teufel hinter Red Cloud und seinen Kriegern her. Ihnen auf den Fersen jagten Soldaten, Blauröcke, die unaufhörlich auf die Fliehenden schossen und zwei der Redmen aus ihren Sätteln holten.

Zwei reiterlose Mustangs brachen wiehernd zur Seite aus. Ihre Mähnen und Schweifhaare flatterten im Winde. Die restlichen fünf Redmen tauchten in einer Bodensenke unter.

Ein Trompetensignal schmetterte. Im gleichen Augenblick formierten sich die Verfolger zur Gefechtsordnung. Dreißig Reiter, die von einem Offizier angeführt wurden. Oh, yeah, das hatten sie gelernt. Es klappte wie auf dem Exerzierplatz. Dreißig junge Burschen auf prächtigen Pferden gehorchten dem Signal, gaben die lose Schlachtordnung auf, die sie bisher innehatten.

Ihre Uniformen hoben sich klar von dem Weiß des Schnees ab, boten eine lebendige Zielscheibe. Dreißig Soldaten, blutjung und wohl kaum in Indianerkämpfen erfahren, unter dem Kommando eines Offiziers, der sich sicher die ersten Sporen verdienen wollte, ritten in eine höllische Falle, befanden sich schon mitten darin.

Jetzt wusste John, weshalb sich die Roten nicht um ihn gekümmert hatten. Sicherlich hielt man ihn für angeschlagen und gab sich Zeit, wollte später seinen Skalp holen. Zuerst galt es die größere Beute zu erledigen.

Es waren die Soldaten, ihre Waffen, Ausrüstung, ihre Pferde. Wenn es auch wenig wertvolle Waffen waren, veraltete Repetiergewehre, schlechter als diejenigen, die die Redmen zur Verfügung hatten, was machte das schon?

Welcher Narr auch immer diese unerfahrene Truppe im Dienste der Gesellschaft entsandt hatte, er hätte ihnen zumindest einen erfahrenen Offizier zur Seite stellen sollen.

Die Truppe dort war durch den Blizzard gekommen, war davon erschöpft und durchgefroren. Die Soldaten hatten sich durch ihre Attacke gegen die sieben Redmen zu sehr hinreißen lassen, hatten alle Vorsicht vergessen, waren wie blind in ihr Verderben geritten.

Es war zu spät, die Männer zu warnen. Sie waren mitten in der Falle, und ein Schuss löste plötzlich das Verhängnis aus, kaum, dass eine Minute nach dem Verschwinden der Lockvögel vergangen war.

Mit einem Male schienen die Flanken des Bahndammes und des Hügels, alle Büsche und Steine ringsum, Redmen auszuspeien. Redmen, deren schauriges Kriegsschrei die Luft erdröhnen ließ, deren Pferdehure den Boden zum Zittern und Beben brachte. Gleich einer gewaltigen Sturzsee schwemmten sie von allen Seiten auf die Blauröcke zu, als sollten die Pferdehufe sie in den Grund treten, als wollte die rote Walze darüber hinwegfegen.

Johns Herzschlag schien auszusetzen. Er blieb geduckt in seiner Deckung stehen, wie gelähmt von dem Schrecklichen, das sich vor seinen Augen abspielte.

Drei Krieger brachen mitten durch das Trommelfeuer der Soldaten mit ihren Pferden hindurch. Zwei verschwanden im Getümmel, und nur einer kam lebend durch. Das war das Zeichen für den beginnenden Totenreigen.

Revolver bellten, Repetiergewehre krachten, Messer blitzten, Streitäxte wurden geschwungen, Degen klirrten! An der linken Flanke schossen die anreitenden Roten eine Wolke gefiederter Pfeile auf die Soldaten ab, bevor sie mit ihnen in Nahkampf gerieten. Todesschreie durchgellten das Kampfgetöse. Dreißig junge Soldaten kämpften einen verzweifelten, hoffnungslosen Kampf. Beim ersten Ansturm schon fiel der Offizier, der sie kommandierte.

Dreißig Männer wuchsen in diesen Minuten des Todes über sich selbst hinaus, kämpften verzweifelt, verbissen gegen die unheimliche Übermacht. Ein Sergeant brachte es fertig, eine kleine Gruppe von Männern um sich zu schließen, denen es gelang, einen Keil in die Horde der Redmen zu treiben, einen Keil, der auch noch einige andere verzweifelt kämpfende Soldaten mitriss. Dieser Keil schreiender, dreinschlagender Soldaten stieß eine Lücke in die Übermacht. Diesem Keil zum Letzten entschlossener Männer gelang es wirklich, den Bahndamm zu erklimmen.

Ein kümmerlicher Haufen Männer war es, die hier auf dem Bahndamm Deckung suchten, den Tod vor Augen. Das Schicksal, das sie selbst erwartete, sahen sie unter sich. Dort waren inzwischen ihre Kameraden untergegangen, von der roten Sturmflut verschlungen. Sie sahen die triumphierenden Indianer, die sich mit den Toten beschäftigten und die Kriegstrophäen in wilder Freude schwenkten. Sie sahen das alles und kämpften weiter, erfüllt von Entsetzen, von Zorn und von Angst.

Sie hielten sich noch volle zehn Minuten, dann waren sie von der roten Flut niedergeritten. Ihre seelenlosen Augen aber starrten zur grauen Wolkendecke, die tief über der Wahlstatt hing.

Dort unten herrschte das Grauen.

Redmen stritten sich um die Skalps. Einige brachten den Toten bereits das Zeichen ihres Stammes bei. John aber krümmte sich der Magen zusammen. Es wurde ihm speiübel. Er ballte die Hände vor ohnmächtiger Wut.

Musste es sein, dass dreißig blutjunge Menschen nutzlos geopfert wurden? War man sich noch immer nicht darüber im Klaren, mit welch verzweifelt kämpfenden Gegnern man es zu tun hatte? Versuchte man noch immer Experimente? Glaubte man etwa in höchsten Regierungskreisen noch immer, dass die Roten vor einer Handvoll Uniformen ausreißen und die Flucht ergreifen würden? Welch schrecklicher Irrtum! Glaubte man, dass man mit Gewalt das Problem einer Rasse lösen konnte, denen man das Land nahm und das Leben dazu? Glaubte man diese ernsten Probleme auf die leichte Schulter nehmen zu können?

Wer hatte recht, der weiße Mann oder der rote?

Der Indianer ahnte, dass ihm mit dem Vordringen des Schienenstranges der Todesstoß versetzt würde. Er ahnte es und schlug zu. So wie er es gewohnt war, wie es bereits seine Ahnen taten, wenn sie sich gegen Unrecht zur Wehr setzten, wenn sie untereinander kämpften.

Die Armee einer großen Nation stand hinter den Weißen, hinter dem Schienenstrang. Der Rote musste unterliegen, kämpfte seinen letzten Kampf.

Eine wilde Ohnmacht stieg in John Brown auf, der Schmerz in seiner Schulter vertiefte sich. Trotzdem musste er jetzt fort, jetzt, wo eine kleine Zeitspanne entscheidend sein konnte. Er musste fort, bevor die Krieger ihn suchten.

John ging vorsichtig in Deckung des Waldes weiter und entdeckte bald darauf einige abgestellte Pferdegruppen der Redmen. Sie standen unbewacht mit glitzerndem Reif an Nüstern und Flanken, nur etwa fünfzig Yards von der Stelle entfernt, von der er den Untergang der Blauröcke miterlebt hatte.

Zwei Pferdegruppen ließ er unbeachtet. Erst bei der dritten sah er einen Apfelschimmel, dessen Rammskopf ihm auffiel und der stärker gebaut war, als die anderen Pferde. Ringsum war der Schnee mit Mokassinfährten übersät. Die Redmen würden die Stiefelspur, die er hinterließ, leicht erkennen. Es war nur ein Glück, dass es bereits zwischen den Bäumen dämmerte, ein Glück auch, dass Gott Wanito, der Wintergott, den Schnee in immer dichteren Flocken zur Erde schickte.

Der Apfelschimmel drängte zur Seite, als John ihn von den Zweigen losband. Er schnaubte und versuchte nach ihm zu beißen. John zerrte ihn heran, schwang sich auf den Pferderücken, auf dem ein Grizzlyfell mit einem breiten Gurt festgeschnallt war.

Langsam ritt er an, langsam trieb er das Tier durch den Wald. Ohne Hast, ohne Eile, wie es schien, und doch war es nur Berechnung. Schneller Hufschlag würde sofort die schlachttrunkenen, siegesbesessenen roten Teufel auf den Plan rufen.

John aber war krank bis ins Mark, mitgenommen von dem Erlebten, durchfroren und fast erstarrt. Nicht nur von der Kälte, sondern auch von dem, was das Grauen in ihm heraufbeschworen hatte.

Er ritt in der Hoffnung, die Wahlstatt des Todes so schnell wie nur möglich hinter sich zu bringen, aus dem Kreise des Todes zu kommen, der sich noch immer um ihn schließen konnte. Er ritt, bis ihm, als er gerade über eine Lichtung wollte, ein Trupp Dakota-Krieger entgegenkam, die frische Skalps an ihren Lanzen befestigt hatten.

Sie stutzten, genauso wie John Brown, reagierten aber nicht so schnell wie er. Sie trieben ihre Pferde erst an, als John seinen Apfelschimmel mit einem gewaltigen Satz in die Büsche getrieben hatte. Ihr Wolfsschrei gellte hinter ihm her. Gleichzeitig schlugen ihm Zweige ins Gesicht, Dornen rissen ihm die Wangen auf. Im Reiten nahm John die Rechte aus dem Handschuh, schob sie unter die Jacke und zog den schweren, langläufigen Colt aus dem Futteral.

Die Waffe klebte in seiner Hand fest. Er hörte die Rufe der Redmen hinter sich und vor ihm Antwortschreie der Verständigung.

Nun gab er sich keinen Illusionen mehr hin. Aus diesem Kessel würde auch er nicht lebend herauskommen. Er würde seinen letzten Kampf kämpfen müssen, ohne Erbarmen, ohne Mitleid. Die Flucht nützte ihm nichts. Drei, vier Sprünge machte der Apfelschimmel noch mit ihm durch die Büsche, dann sauste er auf eine Waldschneise hinaus, mitten in eine Gruppe Hunkpapa-Krieger hinein. Ein Kriegsbeil sauste auf ihn zu, fegte haarscharf an seinem Kopf vorbei. Dann schoss John Brown.

Mitten im Lauf fiel ein hochbeiniger, schlanker Krieger vornüber, rollte in den Schnee und blieb mit ausgebreiteten Armen liegen. Ein anderer sackte, von einem Feuerstoß aus Johns Colt getroffen, zur Seite, und ein dritter warf beide Arme hoch, seine zum Wurf bereite Lanze glitt ihm aus der Hand, bevor er in die Knie brach und zu Boden fiel.

„Hun hun heh ...!“, brach es von den Lippen des Sterbenden. Vielleicht hatte der Letzte ihn erkannt, hatte mit brechenden Augen in ihm den Mann wiedererkannt, der jahrelang die Tipis der Hunkpapas bewohnt, mit ihnen gejagt und gefischt hatte, mit ihnen in den Kampf gezogen war. Noch im Sterben rief er ihm die geheiligten Worte der Freundschaft zu. Ein Gegner, der die Tapferkeit ehrte, der im Tode noch den Bruder, den Adoptivsohn des düsteren Sitting Bull ehrte.

„Hun hun heh ...!“, raunte es rings um John Brown. Etwas Hartes schlug gegen seinen Kopf. Es hob ihn in die Höhe und ließ ihn dann schlaff vom Pferderücken gleiten. Dunkle Schatten rasten auf ihn zu, wirbelten ihn in einen tiefen Abgrund hinein.

Dunkle Gestalten beugten sich über ihn, Hunkpapas, die den Leblosen mit ihren Mokassins anstießen und nur widerwillig einigen heranreihenden Teton Dakotas Platz machten, die ihre Pferde plötzlich scharf zügelten, haltmachten und sich wie Katzen von den Pferderücken schwangen.

„Nehmt ihm den Skalp, ihr Männer vom Stamme der Grenzleute“, befahl Red Cloud, der Vorderste der Männer, den Hunkpapas.

Ein dumpfes Murren stieg ihm entgegen. Die Hunkpapas regten sich nicht, blieben im Kreise um John Brown stehen.

„Vetter, wir werden ihm den Skalp lassen, denn dieser Krieger hier ist Sitting Bulls Adoptivsohn.“

„Er war ein Verräter!“, fauchte Red Cloud. „Macht Platz, sein Skalp gehört mir!“

„Vetter ... tu es nicht!“ Ein untersetzter Hunkpapa-Krieger trat Red Cloud entschlossen entgegen. „Achte diesen Krieger, seine Skalplocke ist heilig!“ Ein Anruf, den selbst ein Häuptling nicht überhören durfte.

Red Cloud verzog grimmig sein Gesicht, er zögerte eine Weile, machte dann kehrt, schwang sich auf seinen Braunen, winkte seinen Teton Dakotas und ritt schweigend davon. Zurück blieben drei Hunkpapa-Krieger, die um John Browns leblosen Körper standen.

„Er ist tot, Vetter“, wandte sich einer der Krieger dem Stämmigen zu. „Niemand wird sich danach erkundigen, wem ein frischer Skalp gehört. Red Cloud hat recht, er war ein Verräter.“

„Ich bin sein Blutsbruder, Vetter. Er fiel durch meine Streitaxt, deren stumpfe Seite ihn traf. Er gehört mir. Ich wollte ihn nur betäuben, aber ich traf ihn wohl zu hart. Wir werden ihn bestatten, wie die anderen unserer gefallenen Brüder, gleich nach dem großen Tanz. Packt an, tragen wir ihn zu den Toten hin.“ Der Sprecher bückte sich, nahm Johns Revolver aus dem Schnee, steckte die Waffe dem Leblosen in das leere Futteral hinein.

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3.

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Ein seltsam winziger Funke tanzte auf dem Grund der tiefen Bewusstlosigkeit, in die John Brown gefallen war, weitete sich aus und erfüllte sein Hirn immer mehr mit Licht.

Eine ganze Weile verging, bis er endlich begriff, dass seine Augen weit geöffnet waren und geradewegs in den Nachthimmel starrten, der mit Myriaden von Sternen geschmückt war. Ringsum aber flackerte es purpurfarbig auf und schien von allen Seiten entporzugeistern. Es dauerte lange, bis John begriff, dass es Flammen waren, Siegesfeuer, um die sich die Tänzer der Sioux zu monoton tönenden Trommeln drehten. Eine mit einem Büffelfell vermummte Gestalt führte die Tänzer mit rhythmischen Bewegungen im Kreise um die Feuer herum.

Der große Skalptanz. Viele Male hatte John Brown selbst daran teilgenommen, als er noch bei den Hunkpapas lebte. Er kannte die Bedeutung des Tanzes, der, vom Medizinmann angeführt, sich rasch zu einer grotesken Ekstase steigern würde.

Ein schaurig wildes Bild, das ihn zugleich anzog und abstieß. Er versuchte den Kopf zu drehen, um besser sehen zu können. Die Muskeln gehorchten seinem Willen. Nun lag das wilde Geschehen ganz deutlich vor seinen Augen.

Roter Feuerschein lag über der düsteren Szene. In seinem Schein wirkten die Tänzer wie bösartige Dämonen, deren Schatten zu leben schienen und in bizarren Sprüngen über den rot überflammten Schnee huschten.

Über hundert Krieger schauten den Tänzern zu, deren ungesattelte, magere Pferde weiter rechts in einer Mulde standen. John Brown sah noch etwas anderes, was ihm jäh die Kälte des Todes tief ins Mark hieb. War es ein Traum, eine Halluzination, oder war er wirklich tot? Er lag in einer Begräbnisstätte nach Siouxart, lag auf einem Reisiggerüst. Seine Rechte hob sich, tastete umher. Seine Fingerspitzen fühlten die Reisigmatte unter sich, auf die bereits Schnee gefallen war. Rauchfleisch und kleine Maisbrote lagen neben ihm. Opfergaben, die man den Kriegern mitgab in die ewigen Jagdgründe.

Es gab keinen Zweifel, auch ihn hatte man auf einer Reisigmatte bestattet, auch er schwebte wie die unheimlich leblosen Gestalten der Krieger rechts und links auf den schnell errichteten Begräbnisstätten zwischen Himmel und Erde. Ein kalter Schauer durchrieselte John, schaltete augenblicklich den dumpfen Schmerz aus, der ihm Schulter und Kopf durchflutete. Der Schreck war so groß, dass er in eine Ohnmacht zurücksank und erst daraus erwachte, als er die Totengebete einer guttural klingenden Stimme unter sich vernahm.

Im Halbdämmern des Erwachens lauschte er der Stimme, die zu Manito sprach, die darum bat, dass er unbeschadet in die ewigen Jagdgründe einziehen möge.

Nach dem kurzen, feierlichen Gebet murmelten zwei andere Stimmen: „Hun hun heh ...“ Dann stieg beißender Tabaksrauch zu ihm auf. Vorsichtig drehte sich John herum und sah durch die Ritzen des Reisiggeflechtes unter seiner Begräbnisstätte drei Hunkpapa-Krieger im Schnee hocken.

Er erkannte sie gleich wieder, obwohl einige Jahre vergangen waren, seitdem er sie zum letzten Mal gesehen halle. Einer von ihnen war Langhaar, ein dürrer, hohlwangiger Krieger, dessen Mut und Kühnheit berühmt war. Neben Langhaar hockte Zwei Narben, ein Roter, dessen Gesicht von zwei schrecklichen Narben gezeichnet war. Er hielt eine langstielige Pfeife zwischen die Lippen geklemmt und rauchte. Ihm gegenüber saß Gelber Büffel auf einer Matte.

Gelber Büffel war stämmig und breit gebaut, hatte schräg gestellte, schwarze Tieraugen, die geheimnisvoll und rätselhaft waren, genauso wie die Augen seiner Schwester, jener Frau, die John Browns Leben in den Tipis der Hunkpapas geteilt hatte, jener Frau, die man ihm in heidnischer Art zum Weibe gab, von der John in den Nächten träumte und nach der er sich in einsamen Tagen sehnte, wie die Blume nach Licht und Sonnenschein.

By Gosh, er konnte Morgensonne nicht vergessen. War es nicht, als ob ihre zarte, unendlich sanfte Stimme aus den entlaubten Bäumen über ihm flüsterte:

„Nur eine kurze Weile noch, Schwarzer Wolf, nur noch wenige Schritte trennen uns, und alles ist wieder gut für das Auge und für das Herz.“

Lag er nicht bereits auf der Lagerstatt der Toten, umgeben von leblosen Gestalten, die sich fahl in der Nacht abhoben, die weit und fern der Ekstase waren, die die Lebenden an den Feuern befallen hatte und im Siegesrausch dazu trieb, heisere Schreie in die Nacht hineinzubrüllen. Schreie, die das Tomtom der Trommeln übertönten.

Die toten Krieger hatten ihren toten Gegnern nichts voraus, denn jene lagen bedeckt vom Leichentuch des Winters dort, wo der Tod sie ereilt hatte. Im Tode waren sie alle gleich, ob Freund ob Feind. Der Tod löschte die Unterschiede ihrer Hautfarbe aus.

John Brown aber lag unter den Toten auf einem Gerüst, das er in ähnlicher Art gebaut hatte, als Morgensonne starb und er sie bestattete. Nach ihrem Tode hatte er das Hunkpapa-Dorf verlassen. Nichts hielt ihn dort mehr zurück. Er war zurückgekehrt zu den Männern seiner Hautfarbe und war später zur „Union Pacific“ gestoßen.

Der Traum, jener heidnische, glückliche Traum, der ihn einige Jahre seines Lebens weit über den Alltag gehoben hatte, war aus mit dem Tode des Mädchens, das er über alles geliebt hatte, für das er ein Leben bei den Hunkpapas führen wollte.

Der Anblick ihres Bruders unter der Begräbnisstätte löschte die Jahre, und es war ihm, als ob er niemals von den Hunkpapas fortgewesen, sie niemals verlassen hatte.

„Morgensonne wird Schwarzen Wolf bereits erwarten, um ihn in ihr Tipi zu führen“, hörte John Gelben Büffel sagen. „Es ist alles so gekommen, wie meine Schwester es sich auf ihrem Sterbebett wünschte. Schwarzer Wolf starb als ein tapferer Krieger. Sie brauchte sich seiner nicht zu schämen. Hopo ... gehen wir?“

„Gehen wir“, wiederholten die beiden anderen. „Lassen wir die Toten allein.“

Sie erhoben sich aus dem Schnee und stampften, davon, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen. Es gehörte sich nicht, zu den Männern zurückzublicken, die auf der langen Wanderschaft begriffen waren. Man durfte ihre Seelen nicht aufhalten.

Johns Schrecken nahm zu. Sein Herz krampfte sich zusammen und klopfte dann wie rasend gegen die Rippenwandungen. Es wurde ihm nun alles klar. Man hatte ihn für tot gehalten, hatte ihn auf Siouxart bestattet, aber er war doch nicht tot, er lebte doch.

Er versuchte, sich etwas aufzurichten, und es gelang ihm. Benommen sah er sich in der Runde um. Die Kehle schnürte sich ihm eng. Über dreißig Begräbnisstätten legten Zeugnis ab, mit welcher Verzweiflung die Soldaten gekämpft hatten, bis sie von der Übermacht bis auf den letzten Mann niedergemacht wurden.

Die Bitterkeit in John wuchs. Er biss die Zähne aufeinander, um nicht laut aufzustöhnen. Seine Rechte wischte über die große Beule an der Stirn, ließ ihn zurückzucken vor Schmerz. Ermattet ließ er sich zurücksinken. By Gosh, er war müde, hier würde ihn niemand mehr stören. Er würde schlafen können, schlafen.

Wie ein Blitzstrahl durchfuhr es ihn plötzlich, wenn er sich jetzt hängen ließ, seinen Gefühlen Raum gab, dann würde er in der großen Gesellschaft der Toten bleiben, und keine Macht der Welt konnte ihn mehr retten. Wenn er aber leben wollte, musste er sich zusammenreißen, musste er handeln.

John tastete nach seinen Futteralen. Sie waren noch da, und auch die Eisen lagen glatt in den Holstern, nicht einmal die Pelzmütze hatte man ihm genommen. Er zog sie tiefer, bis zum Rand der Beule, nahm dann das Rauchfleisch und die Maisbrote an sich, verstaute den Proviant in seiner Pelzjacke.

By Jove, einen Toten konnte dieser Proviant nicht mehr ins Leben zurückrufen, ihm aber waren die Opfergaben wertvoll. Vorsichtig rutschte John bis zum Rand der Reisigmatte, glitt dann an einem der Trägerstämme hinunter und blieb geduckt, schwer atmend stehen. Niemand war mehr bei den Toten, man hatte sie allein gelassen. John konnte sich weiterer Opfergaben bemächtigen, bevor er wie ein Schemen in dem nahe gelegenen Wald untertauchte.

Bei den ersten Bäumen machte er halt. Die Anstrengung hatte ihm schwer zu schaffen gemacht. Er hockte sich nieder, kühlte mit Schnee die Beule auf der Stirn und seine fieberheiße Schulter.

Es wäre Selbstmord gewesen, sich in einem solchen Zustand der Indianerhorde zu nahen. John kannte sie zu gut und wusste, dass sie selbst beim größten Siegesfest ihre gewohnte Vorsicht nicht außer Acht ließen. Diese Sioux waren keine Krähenindianer oder irgendeine andere rote Horde. Es waren Kämpfer, es waren die tapfersten Krieger der Hochprärie, Jäger und Fährtenleser, wie man sie selten fand.

John murmelte einen Fluch und taumelte tiefer in den Wald hinein. Schwaches Mondlicht sickerte durch die Zweige der Baumriesen. Kolkraben stiegen von ihren Schlafästen und zogen schimpfend ab.

Erschrocken blieb er stehen. Seine Nerven vibrierten. Hatten die Wachtposten den Flug der Schwarzgefiederten gesehen? John wartete eine Weile und war dann sicher, dass niemand den Kolkraben große Beachtung geschenkt hatte und stampfte weiter durch den Schnee, zog den rechten Handschuh aus. Er schob seine Hand in das Innenfutter seiner Pelzjacke und spürte die beiden Briefe, die ihm Jefferson mitgegeben hatte. Beruhigt zog er die Hand zurück und zog den Handschuh wieder an. By Gosh, Jefferson war in Gefahr. Es war eindeutig, dass die Siouxmeute auf das Bahnarbeitercamp zutrieb. Heute noch mit Hunderten, morgen oder übermorgen aber vielleicht schon mit tausend Kriegern. Eine rote Sturzwelle, die alles unter sich begraben würde.

Ihr erster Ansturm hatte es bereits bewiesen. Im offenen Gefecht fielen dreißig Blauröcke.

Morgen oder übermorgen würde Jeffersons Camp an der Reihe sein.

Es würde ganz gegen die Gewohnheit der Redmen sein, wenn sie ihren Siegeszug in schneller Art fortsetzen würden. Sie konnten sich auch außerdem Zeit lassen. Red Cloud wusste das, hatte es im Camp wohl mit eigenen Augen gesehen. Jeffersons Arbeiter kamen nicht voran. Die Kälte ließ nicht zu, dass sie einen Tunnel in die Granitwand des Blue Whisters sprengen konnten. Der Tunnel aber musste gesprengt werden, es gab keinen anderen Weg, wie die Vermessungspläne gezeigt hatten, denn der neben dem Gebirgsrücken gelegene See führte zwar um die Hills herum, aber an einen Brückenbau war schon gar nicht zu denken, die Mehrkosten wären nicht tragbar gewesen.

Yeah, das alles musste Red Cloud erfahren haben und hatte sich gewiss an Ort und Stelle überzeugt, wie weit Jefferson war.

Die Sioux brauchten sich nicht zu beeilen. Sie konnten in aller Ruhe gegen das Bahnarbeitercamp ihre Vorbereitungen treffen. Sie hatten die Blauröcke besiegt und den Zug überfallen. Das Kampfglück stand auf ihrer Seite. Der Siegestaumel würde auf andere Siouxstämme übergehen, auf die Oglalas, Brules, Minneconjous, Two Kettle und wie sie alle hießen. Es würden sich die anderen Stämme der Cheyennes anschließen, der Arapahoes und Apachen.

Und dann würde die Leitung der roten Horde in die Hände der Fähigsten übergehen, der roten Giganten, wie John Brown die überragenden Gestalten nannte, die in die Geschichte eingehen würden. Unvergessen, Mahnmale einer Rasse, die zum Untergang verurteilt war.

Ah, weiter, durchhalten, nicht müde werden, wenn es ihm auch schien, als ob an seinen Stiefeln Bleigewichte hingen, auch wenn seine Müdigkeit überwältigend groß war und ihn in den Schnee zerren wollte, wenn auch die Schmerzen manchmal so rasend wurden, dass er sich an einen Baumstamm Lehnen und gegen seine Schwäche angehen musste. Weiter, vorwärts ...! Er gehörte der weißen Rasse an. Wenn er auch bei den Hunkpapas das Glück seines Lebens erfahren und verloren hatte, wenn er auch wie ein echter Sioux aussah, so war ihm doch im Grunde seiner Seele vieles zuwider gewesen, gab es vieles in dem Leben der Roten, an das er sich nicht gewöhnen konnte. Art gehörte eben zu Art, Rasse zu Rasse.

Meile um Meile marschierte John, von eisernem Willen getrieben, Meile um Meile durch den verschneiten Wald. Hinter ihm blieb das Grauen zurück.

Zwei Stunden nach Mitternacht erreichte er den Bahndamm und marschierte dann auf ihm entlang. Er maß den Abstand der Schwellen und richtete seine Schritte darauf ein, sodass er nicht in die Schneeverwehungen stürzte. Weiter, immer weiter schritt er durch die Nacht. Ein menschlicher Roboter, der gegen sich selbst alle Härte einsetzte.

Das Hauptcamp sollte so schnell wie möglich erfahren, was er mit eigenen Augen gesehen hatte. Es kam jetzt nicht mehr darauf an, nach dem verlorenen Zug zu forschen. Das war fast unwichtig, denn die Insassen des Zuges hatten längst ihr Leben verloren wie die Blauröcke. Es galt Hilfe zu holen für das Bahnarbeitercamp, Hilfe für Jefferson. Andy würde umsonst auf seinen Bruder Jim warten, die Männer vergebens auf Post aus der Heimat, von den fernen Familien. In den nächsten Tagen würden die Rationen noch mehr gekürzt werden, und an Stelle von Bohrern, Hacken und Schaufeln würden sie Winchester und Munition tragen.

Vorwärts ...! Schneeflocken tanzten um ihn herum. Was machte das schon? Es war gut so, so würde seine Fährte zuwehen, noch bevor die Redmen entdeckten, dass seine Leiche vom Totengerüst verschwunden war. Der Große Geist, so musste es ihnen scheinen, hatte ihn selbst geholt. Es würde eine Legende mehr in den Tipis erzählt und weitergetragen, die Legende vom Schwarzen Wolf, den der Große Geist selbst zu sich nahm.

Ein grollendes Lachen kam aus Johns Munde. Aufgeplatzt waren seine Lippen, heiß vom Fieber. Er kühlte sie ab und zu mit Schnee und wanderte weiter. Es schien ihm, als führte sein Weg ins Wesenlose, in die Ewigkeit hinein.

Er wusste nicht, dass er eine einzigartige Leistung vollbrachte, und wenn er es auch gewusst hätte, es wäre ihm gleich gewesen. Er marschierte bis kurz vor dem Morgengrauen. Dann aber war die Müdigkeit in ihm so gewaltig, dass er vom Bahndamm herunterging, um sich ein Schneelager zurechtzumachen. Etwas abseits vom Bahndamm grub er mit seinen Händen ein Loch in den Schnee, schlüpfte hinein und machte es sich darin mit angezogenen Beinen bequem.

Das Loch war schnell zugeschneit, und hier, tief im Schnee, war es sogar erträglich warm für John. Er schlief sofort ein.

Im Unterbewusstsein weckte ihn ein Geräusch. Alles war dunkel um ihn herum, als er erwachte, wie in einem Grabe. Feucht kalt war seine Gesichtshaut. Er streckte die Hände aus und fühlte die Schneedecke über sich.

Im gleichen Augenblick wusste er auch, was ihn geweckt hatte: Das dumpfe Geräusch unbeschlagener Hufe.

Er musste hinaus, bevor ein Pferd oder ein Büffel in die Schneeverwehung einbrach, die ihm als Ruhelager gedient hatte, bevor die Last von Zentnern mit erdrückender Gewalt über ihn einbrach.

Die Schneedecke über ihm war verharscht und brach auf den ersten Anhieb ein. Graues Morgenlicht fiel in die dunkle Höhle. Schnee überstäubte ihn, als er sich durch die Öffnung schob. Kalt stob ihm der Wind entgegen.

Geduckt verhielt er, schaute vorsichtig über den Rand der Schneeverwehung hinweg. Das Geräusch, das ihn geweckt hatte, war nicht von einem Büffel verursacht worden, nicht von einem jener zottigen Ungetüme, die jeder großen Herde vorauszogen oder als Einzelgänger ein verteufelt mürrisches Dasein führten.

Drei Pferde waren die Ursache, die sich scharf gegen den Morgenhimmel auf dem Bahndamm abhoben, drei magere Pferde, auf denen Teton-Dakota-Krieger saßen. Krieger aus dem Fuchsbund.

Bewährte Kämpfer mit federgeschmückten Lanzen, dunkelbronzefarbenen Gesichtern, in Pelze gehüllt, die wie das Fell ihrer Pferde mit feinem Schneestaub überzogen waren.

Sie ritten langsam, unschlüssig, wie es schien. John brauchte nicht erst lange darüber nachzudenken, was das zu bedeuten hatte. Diese drei waren ausgezogen, um ihn zu stellen. Sie hatten die Legende vom Großen Geist, der ihn zu sich geholt hatte, nicht geschluckt. Vielleicht hatte Red Cloud sie auf die Pferde gehetzt, als er das Verschwinden des Schwarzen Wolfes feststellte. Vielleicht war Red Cloud heimlich zu der Begräbnisstelle gegangen, um sich seinen Skalp zu holen.

Wie es auch sein mochte, die drei Teton Dakotas auf dem Bahndamm warnen Wirklichkeit und kein Traumgebilde. Sie waren mit Winchestern neuester Bauart bewaffnet, die sie quer vor sich liegen hatten. Einer der Roten trug eine Adlerfeder an seiner Fellmütze, die außerdem noch mit Büffelhörnern verziert war.

Drei prächtige Gestalten, die wie angegossen auf ihren Pferden hockten.

Sie spähten rechts und links des Bahndammes, und das war das beste Zeichen dafür, dass sie auf gut Glück ritten und die eigentliche Fährte längst verloren hatten.

„Der Große Geist hat ihn unsichtbar gemacht“, klang es kehlig. „Kehren wir um, geben wir es auf!“

„Red Cloud will seinen Skalp! Jetzt wird uns keiner der Grenzleute daran hindern, Bruder. Wir werden dem Schwarzen Wolf die Stirnlocke nehmen. Er kann nicht sehr weit gekommen sein. Nach den deutlich sichtbaren Spuren im Walde dürfte er krank und elend sein, wie ein Elchbulle, dem die Wölfe die Sehne des Hinterlaufs zerbissen haben. Wir suchen weiter!“

Langsam kamen sie näher, ließen sich Zeit in der Erwartung, in John einen Halbtoten vorzufinden, der sich kaum wirklich würde wehren können.

Der Anblick der drei Reiter erschütterte John nicht allzu sehr. Er duckte sich nur tiefer, ließ die Handschuhe fallen und schob die Hände unter die Pelzjacke, ergriff seine Colts.

Ah, sollten die Burschen nur herankommen, sollten sie sich nur ruhig in die Reichweite seiner Colts begeben. Es sollte ihm nur recht sein. Der Hunger brannte in seinen Eingeweiden, das Fieber hatte ihm die Lippen aufgerissen. Die Schmerzen in der Schulter und am Kopf hatten aber nachgelassen. John fühlte sich wie ein Wolf, der gestellt war und keinen Ausweg mehr sah, der kämpfen musste, um das heiligste Gut, das Leben, zu verteidigen.

Ruhig schlug sein Herz, ganz ruhig war es in ihm. Schmal wurden seine Lippen, wie Geißelschnüre. Ein harter Zug grub sich um seinen Mund ein.

Tief prägte sich das Bild der Reiter in ihm ein. Der rechte Mustang hatte geflochtene Mähnenhaare, in denen Federn steckten. Federn, deren Endspitzen knallrot gefärbt waren. Bunte Perlenschnüre leuchteten aus dem Mähnenhaar. Sie waren mit eingeflochten worden, genauso wie die Skalps, die in Büscheln herunterhingen. Blondes Menschenhaar, das sicherlich nicht auf einem Indianerschädel gewachsen war, musste John denken.

Es war ein schauriger Schmuck, auf den sein Besitzer stolz herabblickte. Mit noch größerem Stolz trug der Bursche eine Kette aus Grizzlyzähnen und Klauen, was ihn nicht nur als großen Krieger, sondern auch als bedeutenden Jäger herausstellte. Seine beiden Begleiter hatten außer den Fuchsbälgen, die ihren einzigen Schmuck bildeten, noch die Kriegsbemalung angelegt, die ihre Gesichter zu dämonischen Masken machte.

Sie unterhielten sich halblaut miteinander, nicht laut genug, dass John sie verstehen konnte. Langsam kamen sie näher, drohend, unheilverkündend. John hätte jetzt schießen können, wartete aber noch. Fünfzehn Yards waren sie nun entfernt ... zehn ... acht ...

„H'g—un! H'g—un!“, fetzte der Mutruf der Sioux von seinen Lippen. Wie von einer Sehne geschnellt sprang er hoch, alle Vorsicht außer Acht lassend, als hätte eine unheimliche Kraft ihn explodieren lassen. Für die drei Reiter musste sein plötzliches Erscheinen aus der Schneewehe ein Schlag aus heiterem Himmel sein. Wie ein weißer, schneeüberzogener, unheimlicher Teufel musste er ihnen erscheinen.

Erschreckt stiegen die Pferde steil auf die Hinterhand. Der Rote mit der Grizzlykette reagierte zuerst. Er schwang die Winchester hoch, doch mitten in seiner Bewegung flammte das heiße Todeslicht tief an Johns Hüfte auf, raste ihm das Blei entgegen, schlug in seine Brust und hieb ihn vom Pferderücken, noch bevor die Vorderhand seines Mustangs wieder den Boden berührte. Der Kriegsschrei erstickte auf seinen Lippen, dafür aber grollte John den Wolfsschrei der Hunkpapas in den beginnenden frostklaren Tag hinein.

Flammenstöße fegten aus seinen Colts, und die wild schmetternden Detonationen vereinten sich zum Kettendonnergrollen. Bei jedem Schuss sprang er weiter, als wollte er gegen seine Gegner prallen.

Zwei Redmen fielen tödlich getroffen von den Rücken ihrer Pferde in den Schnee. Der dritte glitt wie ein Schatten von seinem sich wild aufbäumenden Pferd hinunter, um Deckung zu suchen, hatte mit seinen Mokassins noch nicht die Schneedecke erreicht, als ihn Johns Kugel voll traf und ihn in den Schnee legte.

Drei reiterlose Pferde, drei tote Redmen! John starrte sie über seine rauchenden Waffen hinweg an. Dunkel glühten seine Augen, als wäre Nacht in ihnen. Schatten wogten darin, sodass sie zu grausigen Klüften wurden, die alles Grauen der Welt geschluckt zu haben schienen.

„Großer Gott! Es waren tapfere Männer!“ John sagte es wie zu sich selbst, blickte von den Toten fort auf seine rauchenden Colts, wischte sie plötzlich über die Pelzjacke, als wollte er etwas ungeschehen machen, als wollte er etwas Bedrückendes von ihnen abwischen.

Durch die Überraschung hatte er die Redmen schlagen können. Oh, yeah, er wusste ganz gut, dass es auch ganz anders hätte kommen können, dass er an ihrer Stelle im Schnee liegen konnte, tot, erledigt.

Niemals hätte er sie schlagen können, wenn er ihnen nur einige Sekundenbruchteile Zeit gegeben hätte, den Schock seines Auftauchens zu überwinden. Jetzt, nach dem Kampfe, wurde es ihm so recht bewusst, was er gewagt und was für ein Glück er gehabt hatte.

Der Kampf hatte nur wenige Sekunden gedauert, seine Nachwirkung machte ihm jetzt aber die Knie weich und krampfte ihm das Herz zusammen.

Glatte Schüsse waren es gewesen. Alle drei Redmen hatten nicht zu leiden gebraucht, als das Blei sie traf. John ging von einem zum anderen. Jeder war anders in den Tod gegangen. Der erste entspannt, mit einem eigenartigen, wissenden Lächeln um den schmallippigen Mund, der zweite mit einem staunenden Ausdruck in den gebrochenen Augen, der dritte aber hielt in seinem Angesicht das Grauen des Todes fest. Er sah verzerrt und wütend aus, als hätte er seine Wut über die Niederlage mit hinübergenommen in jene andere Welt, aus der es keine Rückkehr gibt. Der Tod hatte das Gesicht gezeichnet. Noch im Tode war der wilde Trotz des Kämpfers in ihm ausgeprägt.

Ein kalter Schauer flog John an. Er atmete schwer und gepresst, machte kehrt. Sie sollten so liegen bleiben, bis ihre Stammesbrüder sie fanden, ungezeichnet, mit ihrem Haarschmuck. Ihre Pferde aber würden ihn weitertragen.

Er fing sie sich ein, fand in den Taschen des Anführers Stricke, die er dazu verwandte, die Pferde miteinander zu verkoppeln, dann schwang er sich auf und ritt langsam am Bahndamm entlang weiter.

Der Sturm pfiff ihm entgegen, zerrte und riss an den Mähnenhaaren der Mustangs, die sich im tapfer entgegenstemmten.

So ritt er in den Morgen hinein, mit düsteren Augen, durchfroren, von Kältewellen geschüttelt, die ihn schier vom Pferderücken reißen wollten. Er hatte seine Waffen neu geladen und dann seine Handschuhe angezogen. Trotzdem wurden ihm bald Beine und Anne gefühllos. Er bewegte sie, rieb sie. Es brannte und stach, aber schon nach kurzer Zeit war wieder das gleiche tote Gefühl in ihm.

John wusste es zu deuten, ritt trotzdem weiter über die eisige, sturmüberwehte Schneewüste, die nur vor einzelnen Bodenwellen unterbrochen wurde. Vereinzelte, sturmgebeugte Bäume peitschten ihre Äste durch die Luft. Trostlos einsam war die Gegend. Links von John hob sich der Bahndamm von der Schneedecke ab, zog sich weit ins Land hinein. Nur vereinzelt stehen gebliebene Telegrafenmasten reckten sich wie mahnende Finger in den Himmel, an dem sich graugelbe Wolken zuhauf ballten und erneut die Gewalt des Blizzard verkündeten.

Immer wieder bewegte sich John. Immer wieder glitt er nach einiger Zeit vom Pferderücken, um sich warm zu schlagen. Immer kürzer wurden die Abstände. Der weiße Tod stemmte sich gegen ihn, streckte seine Krallenhände bereits nach ihm aus, hauchte ihm seinen höllischen Eisatem ins Gesicht, und das Mark in seinen Knochen schien langsam zu erstarren.

Weiter ...! Yeah, immer weiter, für Jim, für Jefferson und alle Männer, die im Bahncamp bedroht waren. Immer weiter, mochten Himmel und Hölle sich John entgegenstemmen, er musste beides bezwingen! Lautlos sanken die Pferdehufe ein, als es wieder zu schneien anfing und der Schnee sich über die verharschte Schicht legte. Wie auf Wattepolstern schlugen die Hufe.

Ein Pferd der Gesellschaft hätte schon längst Ruhe und Erholung nötig gehabt, nicht aber diese zähen, struppigen Broncos, die so aussahen, als könnten sie das Gewicht eines Mannes kaum tragen. Sicher, sie waren in der Schnelligkeit den gut gefütterten Tieren der Weißen unterlegen, aber mit ihrer Zähigkeit glichen sie diesen Fehler aus.

Es wurde Mittag, und noch immer liefen die Pferde in ihrem gleichmäßigen, schwingenden Trotteltrab, so wie sie es gewöhnt waren, über die Schneedecke. Sie drangen durch Schneeverwehungen, kämpften gegen den Sturm, schnoben und wieherten böse gegen ihn, der ihnen den Atem zu ersticken drohte, aber sie liefen weiter, als könnten sie nie ermüden.

Die Ebene blieb zurück. Das Land wurde wieder gebirgiger. Wald tauchte auf. Die Strecke führte durch eine Gasse, die die Holzfäller in den Wald geschlagen hatten. Hier machte die Strecke eine große Krümmung. John konnte hier den Weg abschneiden, konnte aber auch weiterhin am Bahndamm entlangreiten, den Umweg wählen.

Beides hatte etwas Verlockendes an sich. Wenn er die gerade Strecke wählte, kam er wohl rascher zu dem Hauptcamp, dafür entging ihm aber ein besonders wichtiger Abschnitt der Strecke, auf dem der verlorene Zug vielleicht entgleist war und überfallen wurde.

John überlegte hin und her, wollte sich schon entscheiden, die Strecke trotz seines üblen Zustandes und seiner schlechten körperlichen Verfassung weiter abzureiten, als alle drei Pferde die Nüstern hoch in den Wind hoben und laut schnaubten.

Wölfe? Johns Geruchssinn nahm nichts wahr, obwohl er witternd die Luft einsog. Die Pferde waren ihm in dieser Beziehung über. Vielleicht hatten sie die Ausdünstungen von Raubtieren gewittert, von Wölfen, die der Hunger trieb, von Pumas, die aus den Bergen kamen, um in den Tälern zu jagen oder von Grizzlys, in deren Eingeweiden der Hunger tobte und sie dadurch vorzeitig aus dem Winterschlaf gebracht hatte.

„Vorwärts!“ Schon wollte John die Pferde weitertreiben, als er im gleichen Moment überrascht den Kopf hob. Jetzt roch er selbst, was die Pferde schon vorher gewittert hatten, den leichten, kaum wahrzunehmenden Geruch eines Lagerfeuers, dessen Rauch meilenweit vom Wind getrieben noch spürbar in der Luft lag.

Die Vorstellung von Wärme und Menschen wurde unüberwindlich stark in John. Ah, es musste gut tun, die Kälte aus den Gliedern zu treiben, Beine, Hände und Rücken an einem Campfeuer zu wärmen. Es würde den ganzen Menschen auftauen, ihn mit neuen, ungeahnten Kräften erfüllen.

Wortlos lenkte John in die neue Richtung! nicht nur allein, weil ihn die Vorstellung von Wärme verlockte, sondern weil er auch unbedingt wissen wollte, wer hier mitten im Indianerterritorium ein Lagerfeuer unterhielt.

John selbst hatte sich die Wohltat eines Feuers versagen müssen, hatte gar nicht erst mit einer solchen Möglichkeit geliebäugelt, denn er kannte die Nasen der Sioux-Krieger zu genau. Wenn etwas Verrat üben konnte, dann gewiss der Rauch eines Campfeuers.

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Mit jeder Meile, die John vorwärtskam, verstärkte sich der Geruch. Bald schon sah er den Rauch eines Feuers mit dem Winde treiben. Es gab keinen besseren Richtungsweiser für ihn.

Die Pferde schnaubten nicht mehr. Sie hielten die Ohren wachsam gespitzt und hoben die Köpfe hoch. Ihre Nüstern sogen die Luft ein. John trieb sie im Schritt weiter, stieg schließlich ab und ließ sie an einem Gebüsch zurück, setzte den Weg zu Fuß fort.

John zog seine Holster handgerecht, sodass die Kolben über den Jackenrand herausragten. Geduckt und vorsichtig bewegte er sich zwischen den Bäumen weiter, bis er im offenen Wald unter hohen Baumstämmen zwei Planwagen sah.

Er hielt fast erschrocken an.

Yeah, er täuschte sich nicht. Nur etwa fünfzig Yards von ihm entfernt standen Ochsen im Geschirr der Planwagen und kauten gemächlich, Futtersäcke hingen den schweren Zugtieren um die Mäuler.

Ein großes Feuer, an dem man fast einen ganzen Ochsen hätte schmoren können, zeigte an, dass die Männer, die sich an dem Feuer wärmten, sehr unwissend waren oder sich für unbedingt sicher halten mussten. Jedenfalls taten sie so, als ob sie sich mitten in einem Park in Westvirginia befanden, als gäbe es auf Hunderten von Meilen an der Runde nicht einen einzigen Sioux-Krieger. Nicht einmal Wachposten hatten sie auf gestellt, wie John gleich erkannte.

Den Kerlen dort schien der Skalp wahrhaftig ziemlich locker auf den Schädeln zu sitzen. Sie schienen in ausgelassener, ja fröhlicher Stimmung zu sein, was John Brown sehr befremdete. Aber zum Teufel auch, warum sollten sie es nicht sein? Sie waren es doch, die ihre Haut zum Markte trugen. Sicherlich wussten sie nicht, dass in ihrer Nähe ein Zug entgleist und überfallen war. Gewiss ahnten sie nichts von dem Untergang der Blauröcke. Vielleicht vertrauten sie sogar dem Schutz der Truppe? Es waren alles Fragen, auf die sich John keine Antwort geben konnte.

Vorsichtig zog er sich wieder zurück, ging zu den Pferden und schwang sich auf. By Gosh, drei ungesattelte, unbeschlagene, federgeschmückte Redmen-Pferde mussten auf die weißen Männer wie eine Warnung des Himmels wirken. Selbst dem einfältigsten Greenhorn würde es wie Schuppen von den Augen fallen.

Auf diese Art, so hoffte John, würde er nicht erst große Reden zu halten brauchen. Man würde sofort begreifen und die Gefahr erkennen, die ringsum lauern konnte, man würde das Feuer löschen und aufbrechen, ihm dankbar sein für den Wink.

Yeah, so dachte John, bis er das Camp wieder vor sich hatte und drei Kerle sah, die bei seinem Erscheinen erregt aufsprangen. In ihrer Eile ein kleines Whiskyfass umstießen und zu den Waffen griffen.

Er stoppte ihre drohende Bewegung, indem er nach Redmen-Art die freien Handflächen zeigte und sie nach oben drehte.

Unter allen Völkern war dieses Friedenszeichen bekannt. Die drei Kerle ließen die Colts stecken und sahen gespannt zu ihm hin.

John konnte sie in Ruhe betrachten. Drei Galgengesichter stierten ihm entgegen, drei Kerle, die lauernd am Feuer standen und ein bleckendes Grinsen zeigten.

Der Kerl in der Mitte war stämmig gebaut, hatte leicht schräg gestellte, mongolische Augen, eine eingeschlagene, lächerlich runde Knollennase, einen kurzen Hals, sodass man den Eindruck hatte, sein Kopf stecke direkt auf den wuchtigen Schultern.

„Ich lasse mich fressen, wenn das nicht ein Squawman ist, so eine Mischung von Rot und Weiß“, fauchte er grimmig seinen beiden hageren, verkniffen blickenden Partnern zu.

Eine Whiskydunstwolke schlug John entgegen.

Jetzt kannte er den Grund ihrer Lustigkeit, den Grund, warum sie keinen Posten aufgestellt hatten, den Grund ihrer misstrauischen, aggressiven Art, und John schluckte die Beleidigung des „Squawmans“ hinunter, ohne sich aufzuregen.

Sehr zum Ärger der drei whiskytrunkenen Kerle, die ihre Hände nicht von den Kolben ließen und ihn nun höhnisch musterten.

„Red Cloud schickt uns nicht gerade seinen besten Vertreter, schätze ich!“

John glaubte nicht recht zu hören, glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können. Was wollten die Kerle von Red Cloud? Als er noch darüber nachdachte, fiel sein Blick auf einen der plumpen, mit Planen überzogenen Wagen. Eine Plane hatte der Blizzard zerfetzt. Kleine Fässer schauten heraus, die handelsüblichen Whiskyfässer für die Redmen: Brandy der schlechtesten Sorte.

Feuerwasser! Gift für die Roten! Eine ganze Ladung davon, genug, um sieben Stämme in einen Berserkerrausch zu versetzen.

„Du staunst du wohl, wie, Buddy?“, grinste der Kerl mit der Kartoffelnase. „Den besten Whisky für deine Stammesbrüder. Oder gehörst du nicht zu Red Clouds Höllenmeute? Man sieht kein Stammesabzeichen an dir.“ Er grinste wie ein großer, böser Wolf, und die beiden anderen Galgenvögel grinsten mit. Sie beobachteten John und legten dessen Blick zu den Whiskyfässern auf ihre Art aus.

Es war John klar, dass sie ihn für einen Squawman hielten. Seine äußere Aufmachung und die Tatsache, dass er auf indianischen Pferden ins Camp geritten kam, hatte sie in ihrer Vermutung bestärkt. Oh, Hölle, yeah, diese Kerle wussten von Red Cloud und seiner Höllenmeute. Sicherlich wussten sie auch einiges von dem verschwundenen Zuge zu berichten, und sicherlich kannten sie einen besonderen Namen, hinter dem ein Mann stand, der ein verteufelt übles, anrüchiges Geschäft betrieb.

„Red Cloud feiert einen großen Sieg, Brüder“, wich John vorsichtig einer direkten Antwort aus.

„Lass dein indianisches Kauderwelsch, Buddy, und drücke dich so aus, wie du es früher getan hast, bevor du der Fahne untreu wurdest. Komm her, steig ab und trink dir erst einmal einen. Du siehst verteufelt verfroren aus, und ich schätze, dass der Whisky und etwas Wärme dich beleben werden. By Gosh, Tim, Andy ... Red Cloud konnte uns keinen besseren Gefallen erweisen, als einen unserer Rasse zu schicken. Man wird doch gleich wärmer dabei, als wenn man so einen richtigen Sioux vor sich hätte. Komm nur, Freund, vielleicht machen wir eines Tages ein Sondergeschäft.“ Er lachte heiter und wohlwollend. „Yeah, wir können Sondergeschäfte tätigen, und vereint könnten wir die Roben noch mehr ausnehmen als bisher.“

„Die sind nach ihrem großen Sieg so sehr in Stimmung, dass sie euch noch mehr als nur die Whiskyfässer abnehmen dürften, Freunde“, gab John zu verstehen, indem er die Gebärde des Skalpierens machte, ohne den Blick von den drei Schuften zu nehmen, die merklich ernüchtert von ihm fort in die Runde sahen, als könnte hinter jedem Busch und jedem Baum eine Rothaut erscheinen.

Vielleicht begriffen ihre vom Whisky umnebelten Hirne endlich, dass so ein roter Krieger im Siegesrausch keinen großen Unterschied zwischen Männern der weißen Hautfarbe und ihren Skalps machte.

Tom Wellig, der Sprecher, schluckte schwer an einem unsichtbaren Knäuel, hetzte hervor:

„Das dürfte Stewart Granger verteufelt teuer zu stehen kommen!“

„Dieser Granger dürfte sich wohl über euer Wohlbefinden keine Sorgen machen, denn Tote reden nicht viel“, sagte John mit eiskalter Stimme. „Vielleicht hat Granger sein Geschäft schon gemacht, und ihr riskiert nur Kopf und Kragen in seinem Auftrag!“

„Tom, dieser Squawman macht sich über uns lustig“, fauchte der Kerl links von dem Schwergewichtler mit tückisch funkelnden Augen, wobei er mit der freien Linken sanft über seinen herabhängenden sandfarbenen Schnurrbart strich. Eine gefährliche Ruhe folgte seinen Worten. Alle drei sahen sich an.

Da standen sie nun, drei höllische Kerle, denen ein Lump den Auftrag gegeben hatte, die Whiskyladung an die Redmen zu verkaufen, und dieser Lump im Hintergrund war kein geringerer, als Granger, der zweite Sekretär der Gesellschaft.

Alle drei wirkten böse, explosiv geladen. Alle drei standen sie feuerbereit. Es war möglich, dass noch andere irgendwo in der Nähe waren. Um das herauszufinden, musste John sie noch eine Weile hinhalten.

Drei wilde Burschen sahen ihn böse an. Sie sahen einen hochgewachsenen Mann in fast schwarzer, von vielen Feuern gegerbter und verrußter Fellkleidung, deren Pelzseite nach innen gekehrt war. Sie sahen die unförmige, blutunterlaufene Beule an seiner Stirn, gleich dort, wo die Messerwunde wie ein Feuermal leuchtete. Sie sahen die weiß schimmernde Tomahawkwunde am Halse und das rechte, zerschossene Ohr, ein hageres, wie aus Granit gemeißeltes Gesicht, rotbraun, wie das eines Sioux-Kriegers. Nur die Augen in diesem Gesicht waren hellgrau, leuchtend, und von einem unbändigen Willen erfüllt.

Nein, kein Redman hatte solche Augen.

Die Männer bemerkten aber auch, dass ihr Besucher, der seine drei indianischen Ponys lässig in der Gewalt hatte, müde und vom Kampf mitgenommen schien, dass seine Lippen von der Kälte blau gefärbt waren, und die Schatten in seinen Augen von bitteren Strapazen berichteten.

„Tim, wenn Red Cloud uns diesen Burschen schickte, um uns zu erschrecken, so lachen wir nur darüber“, knirschte Tom, der Mann mit der Kartoffelnase wütend. „Wir lassen uns keine Angst einjagen ... Höre, Granger hat uns fest versprochen, dass alles glattgeht.“

„Und der Whisky den roten Gents in die Hände fällt, wie?“, unterbrach ihn John mit sanfter Stimme „Was sollt ihr dafür einhandeln?“

„Pelze, indianische Decken ...“

„Red Cloud ist auf dem Kriegspfad und führt alles andere, nur keine Tauschware mit sich, Gents.“

„Um uns das zu sagen, bist du gekommen?“, schnappte der dritte Mann, Andy Slamm. „Mann, binde uns keinen Bären auf, so selbstlos ist niemand. Wo ist Red Cloud?“

„Nicht allzu weit von hier, Freund“, grinste ihn John an. „Gestern hat er eine Kampfgruppe Blauröcke hinweggefegt.“

„Ah, und du hast deinen Teil dazu beigetragen, wie?“, kicherte Tim Grester höhnisch. „Alle Squawmen sind sich irgendwie gleich. Wenn sie einmal die rote Denkart annehmen, sind sie noch wilder und grausamer, als ihre lieben Brüderchen. Komm nur näher, Freund!“

Das war keine freundliche Aufforderung, sondern ein Befehl. John verwünschte die Kälte, die ihm tief ins Mark gedrungen war und ihn nicht mehr dazu befähigte, schnell die Eisen zu lüften. Die drei aber, die in der Wärme saßen, hatten geschmeidige Gelenke und dazu noch ihre Hände an den Kolben. Sie würden die Waffen schneller aus den Holstern haben, wie es ihm lieb sein konnte. Sie waren ausgeruht und frisch, beweglich und voll Misstrauen. Noch hielten sie John aber für einen Abgesandten Red Clouds, noch war die Lage nicht hoffnungslos für ihn. Er trieb die drei Ponys näher an das Lagerfeuer heran. Der scharfe Gestank des verschütteten, billigen Whiskys schlug ihm entgegen.

Die drei wichen zur Seite und ließen ihn durch, blieben wachsam und misstrauisch, auch dann noch, als er sich vom Pferderücken gleiten ließ.

John band die Pferde an einer Radspeiche fest, vertrat sich die Beine, tat so, als sei alles in bester Ordnung.

„Red Cloud wird euch bald besuchen, Gents.“

„Umso besser. Solange jedenfalls wirst du unser lieber Gast sein“, versicherte Tom, der Gorillamann eifrig. Er lachte dazu, rau und abgehackt, sprach dann weiter: „In der Schlacht gegen die Blauröcke hast du nicht besonders gut abgeschnitten, wie? Du müsstest dich in die Behandlung eines Doc begeben, Freund, oder hat dich der Medizinmann deines Stammes bereits verarztet?“

Allmächtiger, yeah, diesen Muskelkoloss ließ der Untergang von dreißig jungen Soldaten kalt. Mit keinem Wort fragten er oder die anderen beiden, was sich abgespielt hatte. Diese erbärmliche Interessenlosigkeit für Angehörige der eigenen Rasse zeigte deutlich, was diese Burschen waren, Aasgeier, Raubgesindel, Kerle, die nur eines kannten, Geschäfte machen. Gleich, ob sie damit den Untergang einer Nation schneller heraufbeschworen, gleich, ob ihr Gewerbe den Schnee rot färben würde, dass viele Menschen sterben würden.

Sie beobachteten ihn unentwegt. Es war ein Glück, dass sie nicht seine Gedanken lesen konnten, die schnell und exakt arbeiteten.

Granger saß im Hintergrund dieses Geschäftes. Granger war ein großer Mann bei der Gesellschaft. Als zweiter Sekretär hatte er Einblick in alle Pläne, musste wissen, wann die Sonderzüge liefen.

Wollte Granger wirklich Pelze und indianische Decken eintauschen für diese Höllenladung? Nein, sicher steckte etwas mehr dahinter. Wahrscheinlich hatte Granger durch Red Cloud den Zug überfallen Lassen, weil dieser für das Bahnarbeitercamp außer dem Proviant noch die Löhnung von mehreren Monaten mitführte. Der Whisky sollte als Geschenk übergeben werden, und Red Cloud sollte allem Anschein nach die Geldkisten herausgeben, die ihm bei der Plünderung des Zuges in die Hände gefallen waren.

So und nicht anders verhielt es sich. Ein einfaches, glattes Geschäft.

„Red Cloud hat die Geldkisten bereit, Freunde“, sagte John, zu den Kerlen gewandt. „Granger wird sehr zufrieden sein.“

Die Spannung auf ihren Gesichtern löste sich sofort.

„All light, Buddy, wenn du das weißt, ist alles in Ordnung. Wir sind gestern Abend zu der Stelle geritten, an der der entgleiste Zug liegt. Es sind nur noch ausgebrannte Trümmer vorhanden. Eine wirklich saubere Arbeit hat Red Cloud hinterlassen. Komm jetzt zum Feuer und wärme dich auf“, lud ihn Tom ein, indem er breit den Mund verzog. „Sei willkommen hier im Camp! Wie war doch dein indianischer Name?“

„Schwarzer Wolf!“, gab John seinen Namen bekannt. Er konnte es unbesorgt.

Der Gorillamann zuckte zusammen. Seine Partner ruckten die Köpfe höher.

„Schwarzer Wolf? Das ist doch ein Weißer, der bei den Hunkpapas lebt.“

„Genau der bin ich“, erwiderte John, froh darüber, dass diese Burschen so wenig informiert waren.

„Die Hunkpapas und die Teton Dakotas Seite an Seite? Oh Hölle, das muss Granger erfahren!“, entfuhr es Tim Grester, dem Kerl mit dem sandfarbenen Schnurrbart ungewollt. „Das war nicht im der Abmachung vorgesehen, die Granger und Red Cloud miteinander haben. Wie viel Hunkpapa-Krieger sind zu ihm gestoßen?“, erkundigte er sich, und jetzt ließ es sich nicht leugnen, alle drei schienen besorgt zu sein. Johns Mitteilung hatte sie erregt und skeptisch gemacht.

„Es sind über vierhundert Hunkpapas“, grinste John sie am. „Die beste Auslese aus dem Stamme der Grenzläufer, alles junge Krieger!“

„Hölle und Teufel! Das ändert vieles. Werden diese roten Teufel auf Red Cloud hören?“

„Die Hunkpapas haben eine besondere Meinung vom Beutemachen, Gents“, versicherte John ungerührt. „So eine Ladung wie diese hier würden sie selbst gegen den Wunsch der Teton Dakotas einfach kassieren, und ich denke, dass Red Cloud ihnen das nicht einmal verübeln wird. Auf diese Weise muss Granger ihm nochmals dieselbe Ladung zukommen lassen. Die Redmen haben eine große Portion Mutterwitz und Pfiffigkeit, ihr lieben Freunde! Auf ihre Art verstehen sie es auch, Geschäfte zu machen. Es ist möglich, dass die Hunkpapas viel eher hier eintreffen werden, als die Dakotas. Granger wird euch wohl abschreiben müssen und anderen Leuten die zweite Ladung anvertrauen.“

Die drei waren seltsam blass geworden, seltsam nervös. Von ihrer Überheblichkeit war so viel wie nichts mehr zu erkennen.

Der hagere Tim begann mit einem Ast das Feuer auseinanderreißen, und Andy trat die Glut in den Schnee. Nur Tom, der Gorillamann, stand mit gerunzelter Stirn. Leise pfiff es von seinen Lippen:

„Ich habe keine Lust, die Bekanntschaft der Hunkpapas zu machen. Es sollen die grausamsten Kerle sein, die die Sioux auf die Beine bringen.“

Yeah, er hatte genauso wie seine beiden Kumpane das Gift geschluckt, das John ihnen eingegeben hatte, musste es schlucken, weil er annehmen musste, dass Schwarzer Wolf ein Abgesandter der Hunkpapas war. Man sah es diesem Kerl an, dass Übelkeit seinen Magen zusammenzog. Jetzt, da die Aussicht bestand, von roten Teufeln gefangen genommen und an den Marterpfahl gestellt zu werden, wirbelten seine Gedanken durcheinander, machte er eine klägliche Figur.

Feiglinge waren diese Kerle, ganz so, wie sie John, eingeschätzt hatte. Gegen solche Leute brauchte man kein Blei. Es genügte, ihnen die Gefahr vor Augen zu stellen, und schon krümmten sie sich bereits in Angstvorstellungen.

„Warum löscht ihr das Feuer, Freunde?“, fragte John, als ob er langsam ungeduldig würde. „Was kann euch schon groß passieren, wenn Red Cloud die Hunkpapas nicht überreden kann? Vielleicht ein Messerkampf gegen einen besonders darauf trainierten Redman.“

„Der einem dann ganz säuberlich in die ewigen Jagdgründe hinüberhilft, wie?“, fauchte Tom bissig. „Deine Narbe sagt genug. Ich bin kein großer Messerkämpfer, und bevor man so eine Lektion begreift, ist man schon aus seiner Haut heraus. Nein ... heh, Tim, Andy, wir verschwinden und nehmen diesen Schwarzen Wolf mit ... als unseren Gefangenen!“

„Gents, es ist mir eine Ehre und zugleich der größte Gefallen, den ihr mir erweisen könnt“, erwiderte John. „Ich muss gestehen, dass es jetzt nicht mehr so paradiesisch schön bei den Hunkpapas ist, jetzt da sich die sieben Siouxstämme zu einer gewaltigen Einheit verschmelzen werden und der heilige Krieg ausgerufen wird. Nein, da ziehe ich ein Leben in einem sicheren Fort vor. Aber falls die Hunkpapas uns einholen, kann ich den roten Gents versichern, dass wir dabei waren, ausgerechnet ihnen die Whiskyfässer zu bringen. Sie werden es mir glauben und euch in den Stamm aufnehmen, Brüder.“

„Der Teufel möge das verhindern, aber ehe man meinen Skalp lüftet, will ich lieber in einem Tipi hausen und mir Ocker- und Zinnoberfarben ins Gesicht schmieren“, gestand Tom Wellig, wobei er einen wilden Blick um sich warf, als ob die Hunkpapas bereits im Anmarsch wären. „Granger hätte uns einige gute Reiter mitgeben sollen. Heh, brechen wir lieber gleich auf.“

Yeah, sie hatten es jetzt verteufelt eilig. Keiner von ihnen grinste mehr. Der Name der Hunkpapas hatte ihren Nerv getroffen. Tom trat auf John zu und legte ihm beide Pranken fest auf die Schultern. „Du bist unser Gefangener, verstehst du das?“

„Nicht ganz, Freund.“

„Wir werden dich binden und knebeln.“

„Und nicht weit kommen mit den Ochsengespannen. Falls die Hunkpapas mich als euren Gefangenen erkennen, geht es euch schlecht. Dein Skalp sitzt bereits sehr locker!“

Tom Wellig griff unwillkürlich nach seinen Stoppelhaaren. In seinem ungeschlachten, riesigen Körper war nur ein winziger Funke von Mut und Tapferkeit.

Dieser Kerl mochte ein Teufel sein, wenn er sich überlegen fühlte. Jetzt aber war er alles andere als das. Die Ungewissheit der Lage machte ihn wirr.

Sei breites Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Er sog tief die Luft ein.

„Ich traue dir nicht über den Weg“, fetzte es ihm heiser über die Lippen. „Man sollte es darauf ankommen lassen.“

„Tu, was du willst. Ob so oder so, ich habe nichts zu verlieren, und das, Freund, ist mein Plus.“

John tat so, als langweile ihn das Gestammel, und er schüttelte die Pranken des Riesen einfach von den Schultern ab. Der stand eine Weile wie benommen, wandte sich dann schwerfällig ab, ging zu den beiden anderen. Alle drei tuschelten erregt, und John sah, wie sie ihn mit schnellen, forschenden Blicken bedachten.

Kerle von diesem Schlage gab es genügend im Westen. Kerle, die kein Risiko eingehen wollten, die jederzeit bereit waren, Menschen ins Jenseits zu befördern, die aber vor einer Schramme in der eigenen Haut von Angst geputscht zu jedem Zugeständnis bereit waren.

Mit solchen Burschen würden die Teton Dakotas und die Hunkpapas besondere Experimente aufstellen, um sie dann anschließend ihren Frauen und Kindern vorzuführen, damit man sie anspuckte. Durch solche Vertreter der weißen Rasse wurde das Ansehen der Weißen in den Dreck gestoßen.

By Jove, es widerte John an. Er ging um die Ochsengespanne herum, kehrte zur zertrampelten Feuerstelle zurück, nahm sich einen der dort liegenden Blechteller und füllte ihn aus dem danebenstehenden Kessel mit dampfend heißer Bohnensuppe. Niemand hinderte ihn daran. Die Kerle hatten es sich wohl anders überlegt und betrachteten ihn nicht mehr als Gefangenen. Er hatte sie durch seine Worte überlistet, hatte sich sozusagen mit ihnen auf eine Stufe gestellt, sie mit ihrer eigenen Feigheit geschlagen. Oh, yeah, das verstanden sie. Seine Angaben, nicht mehr bei den Hunkpapas bleiben zu wollen, weil es dort jetzt zu brenzlig wurde, das entsprach ihrer eigenen Gesinnungsart.

Das warme Essen tat ihm gut. Aus den Augenwinkeln heraus, ganz nach Inidanerart, beobachtete er die überstürzten Aufbruchsarbeiten der drei. Sie nahmen den Ochsen die Futtersäcke ab, prüften die Geschirre. Aus der Tatsache, dass Granger nur diese drei Kerle Red Cloud entgegengeschickt hatte, erkannte John, dass Granger sich seiner Sache sehr sicher gewesen war, dass er außerdem nur diese drei eingeweiht hatte. Eine Vorsichtsmaßnahme, die verhindern sollte, dass allzu viele von seiner Untreue der Gesellschaft gegenüber erfuhren, die verhindern sollte, dass sein schändliches Spiel vor der Zeit auf flog.

John war kaum mit dem Essen fertig, als ihn Tom Wellig aufforderte: „Komm zu mir auf den Bock. Binde vorher deine drei Ponys hinter dem Wagen an, bringe das Geschirr zum Wagen mit.“

John tat wie ihm befohlen, schwang sich dann zu Tom auf den Bock. Die schweren Zugochsen setzten sich sogleich in Bewegung. Die beiden Planwagen rumpelten hintereinander durch den Schnee.

„In einer Stunde wird es dunkel. Soviel ich weiß, halten die Sioux nicht viel von Nachtritten und Kämpfen bei Nacht“, erklärte Tom nach einer Weile düster. „Wir werden das ausnützen und die ganze Nacht über fahren. Granger wird sich wundern.“

„Granger wird wahrscheinlich leugnen und euch schneller einige Killer vor die Stiefel setzen, als euch lieb ist.“

„Damny, daran habe ich noch nicht gedacht. Ah, zuzutrauen ist es ihm. Er wird versuchen, uns auf die Seite zu schaffen.“

„Ihr habt versagt, und er kann es sich nicht erlauben, euch am Leben zu lassen. Sein Prestige ist in Gefahr!“

Tom grinste böse und deutete hinter sich auf die Fässer: „Diese Ladung wird dem Kommandanten die Wahrheit erzählen über den zweiten Sekretär der Gesellschaft.“

Yeah, so hatte John den Kerl neben sich eingeschätzt, rachelüstern und enttäuscht, sich nicht scheuend, gegen seinen Auftraggeber vorzugehen. Es klappte alles so, wie es sich John vorgestellt hatte. Er musste seine heimliche Freude unterdrücken, musste ernst bleiben, wenn ihm auch das Lachen tief in der Kehle steckte. By Jove, yeah, dieses geheime Frohlocken tat ihm gut. Sie löste die Verkrampfungen, nahm die Härte von jenen schrecklichen Ereignissen, die er hinter sich hatte, die in seinem Gedächtnis eingebrannt waren.

„Ich sagte es dir schon, Granger ist ein mächtiger Boss, und er wird alles ableugnen. Er wird nicht so dumm sein und abwarten, was du und deine Partner dem Kommandanten zu sagen haben, Buddy. Er wird schon auf eine andere Weise zu den Geldkisten kommen, die die Teton aus dem Zuge raubten. Wer wird dir glauben, Buddy? Niemand! Im Gegenteil, der Kommandant wird sich eingehend diese Ladung ansehen und sie beschlagnahmen. Dann wird er euch drei einsperren. Ob es jemals dann zu einer Verhandlung gegen euch kommt, ist eine andere Frage. Granger aber dürfte euch drei in aller Ruhe erledigen können.“

Toms Vierkantgesicht wurde runzlig vor innerer Erregung. Er schnaubte laut und wütend:

„In was für eine Klemme sind wir nur hineingerasselt?“ Er schwieg wie erstickt, und John konnte die Angst aus seinen Worten heraushören. Die Gesiebter der beiden anderen Kerle zeigten die gleiche ängstliche Spannung, wie John sie bei einem schnellen Blick zum anderen Wagen feststellen konnte. Yeah, überall lauerten die höllischen Gefahren. Alle drei atmeten erst auf, als die Dämmerung hereinbrach.

Nur langsam kamen die Planwagen vorwärts, unendlich langsam, und mühevoll, wie es schien. Die Ochsen zogen sie durch, den Schnee hindurch, Meile um Meile durch die Dämmerung, durch den Flockentanz der Schneeböen.

Als die Nacht kam, hörte der Schneefall gänzlich auf. Der Wind fegte den Himmel frei von Wolken, und noch nie waren John die Lichter des Himmels so klar und leuchtend erschienen wie in dieser Nacht.

Er hatte sich an Toms Flüche gewöhnt, und auch das Ächzen der ungeschmierten Räder, die krachend durch verharschte Eisschneeschichten brachen, war zum ständigen Geräusch geworden. John hatte eine Decke, die er hinter dem Bock fand, um sich geschlagen und schlief. Der Rhythmus des Fahrens blieb in seinem Traum, das Gebrüll der Ochsen ebenfalls.

Bis, yeah, bis er plötzlich hintenübergeschleudert wurde und auf den Whiskyfässern liegen blieb, die polternd nach rechts rollten. John erwachte jäh.

„Wir sitzen fest!“, hörte er die tiefe Bassstimme Toms neben sich. „Ausgerechnet jetzt. Ein Rad ist gebrochen, und wir haben nicht einmal ein Ersatzrad da! Heh, Buddy, wir müssen umsteigen.“

John schälte sich aus seiner warmen Umhüllung. Der Schlaf hatte ihn erfrischt, mit neuen Kräften angefüllt. Er sprang hinter Tom über die Radnabe vom Bock in den Schnee.

Die Kälte trieb den letzten Rest von Müdigkeit von ihm fort, strich über seine Schläfen und spannte seine Gesichtshaut. Er sah gleich, dass beide Planwagen standen. Ein Rad war zerbarsten und die Achse hing tief herab. Die Last der Whiskyfässer wuchtete so stark, dass sich mit einem splitternden Krachen der Planwagen plötzlich zur Seite neigte.

Im selben Moment sprang John vor, packte Tom und riss ihn zur Seite. Früh genug, denn im nächsten Augenblick krachte und polterte es herab, fetzte die Planen auseinander, und ein Teil der Ladung rollte umher.

Tom Wellig stemmte sich auf und seine weit aufgerissenen Augen starrten John an. „Ohne dich wäre ich jetzt von den Whiskyfässern erschlagen worden, Buddy“, kam es heiser von seinen Lippen. Aber John hörte nicht auf ihn. Er war bereits davor geeilt, hetzte zu den Indianerponys hin, die wie wild an ihrer Halfterung rissen und mit den Vorderhufen gegen das Hinterteil des Planwagens schlugen und wie in panischem Schrecken auskeilten.

Andy Slamms spitzer Schrei gellte plötzlich durch die Nacht. John sah den Mann wie einen Schatten hintenüber in den Schnee fallen und ahnte gleich, dass ihn ein Hufschlag gefällt hatte, kam gerade noch zurecht, um den emporgerissenen Revolver Tim Gresters zur Seite zu schlagen und den Schuss, der eines der Ponys aus dem Leben bringen sollte, in die Nacht zu lenken.

Tim Gresters Zorn richtete sich sogleich auf John. Er schwang den Revolver herum, bereit zu töten, bereit, sein Blei anzubringen.

Doch Johns Faustschlag traf ihn mit explosiver Gewalt an das Kinn, hob ihn auf die Zehenspitzen. Der Revolver entglitt ihm, und mit verdrehten Augen ging Tim zu Boden. Er schlug lang in den Schnee, gleich neben seinen reglosen Partner.

John sprang über ihn hinweg, schnellte auf die Pferde zu, ohne auf das Toben der Tiere zu achten, ohne sich um die Hufschläge zu kümmern und zwang sie bald zur Ruhe.

„Buddy, es ist aus mit dir!“

Hart, wie Hammerschläge fielen diese Worte. Der sie sprach, war niemand anders als Tom Wellig, dem er gerade noch das Leben gerettet hatte. Der Gorillamann stand breitbeinig im Schnee und hielt die Waffe im Anschlag. Der Lauf seines Revolvers zeigte drohend auf John. „Du hast nicht einmal eine Minute mehr, um dein letztes Gebet zu sprechen.“

„Du sollst dich lieber um Andy kümmern, als nutzlose Reden zu halten.“

„Andy ist tot“, rasselte der Kerl böse. „Einer deiner Gäule hat ihn gegen den Schädel getroffen. Niemand kann Andy helfen.“

Es war nur zu wahr, wie John feststellte, als er zu der seltsam verkrümmt am Boden liegenden Gestalt hinblickte. Andy war tot, und neben ihm lag, von dem Faustschlag Johns getroffen, der bewusstlose Tim Grester.

„Andy wollte deine verdammten Pferde beruhigen.“

„Er tat es aber sehr ungeschickt.“

„Das war kein Grund, Tim daran zu hindern, die Bestie gleich auf der Stelle zu erschießen, kein Grund, ihn niederzuschlagen.“

„Doch, Buddy“, pfiff es von Johns Lippen. „Der Grund liegt dort!“

John stand so, dass er die Furchen, die die Planwagen in den Schnee gegraben hatten, entlangsehen konnte. Beide Hände hatte er an der Halfterung der Pferde. Wenn er sie losließ, um zu seiner Waffe zu greifen, würde das Blei seines Gegners ihn durchsieben. Yeah, das sah er in den Augen des Kerls, sah auch, dass der andere seine Worte für eine Finte hielt, die ihn ablenken und ihm, John, Zeit geben würde, seine Eisen zu ziehen.

„Du bist ein Narr. Schau dich um!“, hetzte John durch die Zähne. „Dann wirst du erkennen, dass nur die Pferde uns noch retten können. Hörst du, nur diese drahtigen Indianerponys, und das hat Andy eher erkannt als du. Andy hatte nur eins im Sinn, sich auf eines der Pferde zu schwingen, damit er schnell fortkonnte. Er hat dabei nur eins nicht bedacht, dass man von links auf Redmen-Pferde aufsteigen muss und nicht von rechts. Das ist alles! Sein Irrtum aber und seine Voreiligkeit brachten ihm den Tod. Sorge lieber dafür, dass Tim munter wird, und werde auch du verteufelt schnell wach, Buddy. In weniger als einer Viertelstunde dürfte es zu spät sein!“

John hielt noch immer mit aller Gewalt die Pferde, zwang sie zur Ruhe und wurde von den unruhig drängenden Pferden hin und her gerissen. Sie waren erregt und nervös durch den Radbruch, von Ekel erfüllt von dem scharfen Whiskydunst, der aus den zerschlagenen Fässern aufstieg. Sie bewegten die Ohren und rollten die Augen, hatten die Nüstern gebläht.

Tom aber stand da, breitklotzig und verbohrt wie es schien. Seine Augen flackerten. Er glich einem großen Bären, düster und grimmig. Ein hässliches Grinsen hing in seinen Mundwinkeln.

„Das hast du dir alles schön ausgedacht. Genauso wie die Litanei, mit der du uns zum Aufbruch getrieben hast, Buddy“, fetzte es über seine Lippen. „Einer der Gäule hat Andy auf dem Gewissen. Nun zahlst du dafür. Blut gegen Blut, Auge um Auge, Zahn um Zahn, das ist hier das Gesetz, das Gesetz der Wildnis.“

„Das werden die Hunkpapas gleichermaßen befolgen, Freund“, unterbrach ihn John aufreizend ruhig. „Wenn du dir die Mühe machen würdest und auf unserer Spur zurückblickst, wirst du mich begreifen. Ein Dutzend Krieger sind hinter uns her.“

Das war mehr, als der Kerl vertragen konnte. Vorsichtig wandte er den Kopf und zuckte zusammen, denn yeah, es war keine Finte, die sein Gegner ersonnen hatte, kein Trick.

Die Nacht war hell genug, um ihn weit in der Ferne die schwarzen Schatten von Reitern sehen zu lassen, die zwar noch winzig klein, aber doch deutlich zu erkennen waren.

Mehr als ein Dutzend Schatten waren es, die sich an die hinterlassene Wagenfährte geheftet hatten, wie Bluthunde auf die Spur eines Wildes.

Fast kraftlos sank die angeschlagene Waffe herab.

„Man soll keinen Toten beschimpfen“, grollte Tom wütend hervor. „Aber dieser Schuft hatte es etwas zu eilig. Er hat selbst schuld, dass sein Trail zu Ende ist. Du reitest mit uns?“

„Yeah, falls sie uns einholen, kann ich immer noch sagen, dass ich sie für Krähenindianer hielt. In der Nacht sind alle Schatten grau, oder sollen wir bleiben und kämpfen?“

„Kämpfen? Höre, Buddy, ich bin kein Held und habe auch nicht die Absicht, einer zu werden, das überlassen wir lieber den Blauröcken und anderen, die sich danach reißen. Wenn das dort wirklich Hunkpapas sind, nehme ich lieber meine Beine in die Hand.“

Er kam eilig näher, beugte sich über Tim, schüttelte den Bewusstlosen und rieb dessen Stirn mit Schnee ab.

„Du hast einen verteufelt harten Schlag, Buddy. Man könnte fast glauben, dass er ebenfalls von einem Pferdehuf getroffen wurde. He, aufwachen! ... aufwachen! ...“

Er schrie so heftig, dass Tim es aufgab, weiter in seiner Ohnmacht zu verharren. Er kam langsam wieder zu sich und blickte verwirrt um sich.

„Tim, es würde besser für dich sein, wenn du jetzt deine Gedanken zusammennimmst und dich verteufelt schnell bewegst. Die Hunkpapas treffen gleich ein.“

Das sagte John und sah mit Genugtuung, wie der Kerl mit einer Verwünschung auf die Beine kam und wild um sich blickte. „Schau dort hin, Tim!“, forderte John ihn auf. Tim reagierte sofort und schaute in die angegebene Richtung. Ein Fluch erstickte ihm in der Kehle. „Jetzt begreifst du sicher auch, weshalb ich dich hinderte, eines der Pferde zu erschießen, nicht? Mit Ochsen kann man kein Wettreiten auf Leben und Tod durchführen, oder ...?“

„Ich gebe zu, dass ich wie ein Narr gehandelt habe. Aber jetzt gibt es nur eins: auf und davon!“

„Und Andy?“, warf John ihnen die Frage zu.

„Andy? Dem kann niemand mehr helfen. Nur fort!“, kreischte Tim.

„Und der Whisky?“

„Wenn du ihn saufen willst, Buddy, dann bleibe nur hier. Unseren Segen hast du. Tom, lass uns eiligst verschwinden. Wir haben keine Chance, lebendig davonzukommen, wenn wir auch nur eine Minute noch zögern.“

Er drängte sich zu den Pferden. John warnte ihn und sagte, von welcher Seite die Ponys bestiegen werden mussten. Beide kamen dem Befehl nach, schwangen sich auf und ritten an.

„Was ist mit dir, Buddy?“, fauchte Tom, als er sah, wie John ein Streichholz anriss und an den Planwagen hielt, sodass die Flammen sich hellauf in die Plane fraß. „Du kommst doch mit?“

„Ein Nachtritt macht mir zu jeder Zeit helle Freude, Gents“, versicherte John ungerührt. „Nur kann ich es nicht vertragen, dass sich die roten Gents mit diesem schönen Whisky volllaufen lassen würden. Wenn wir ihn schon nicht trinken können, so sollen sie es auch nicht.“ John riss ein Stück der brennenden Plane ab, schleuderte sie in den anderen Wagen, schnitt die Geschirre durch und trieb die Ochsen davon. Dann erst schwang er sich auf den Pferderücken.

Zu dritt jagten sie davon. Hinter ihnen brannten zwei Planwagen. Der Wind stob hinein, Ließ die Flammen emporlodern und die Whiskyfässer explodieren. In wenigen Minuten verbreitete sich roter Feuerschein durch die Nacht. Schwarze Qualmwolken zerfetzte der Wind.

Der Kriegsschrei der Teton Dakotas verwehte. Weder Tom Wellig noch Tim Grester kannten den Unterschied zwischen dem Kriegsschrei der Hunkpapas und dem der Teton Dakotas. Sie lagen tief über die Pferdehälse gebeugt. Von Panik erfasst und vom Grauen der Nacht erfüllt, trieben sie ihre Pferde unaufhörlich an. John jagte ihnen voraus, zwang sie damit, seinen Kurs aufzunehmen.

Er verlangsamte die Gangart seines Pferdes erst, als die beiden anderen Pferde abfielen.

Die beiden waren keine guten Reiter, sie verstanden es nicht, sich dem Rhythmus des Pferdekörpers anzupassen, um dadurch dem Tier die Last zu erleichtern. Sie hingen schief auf den Pferden, als sie John herankommen ließ.

„Ohne dich, Freund, wären wir längst auf dem Trail zur Hölle!“, keuchte Wellig bitter. „Granger aber soll es jetzt mit uns zu tun bekommen. By Gosh, der arme Andy wird inzwischen seinen Skalp verloren haben.“

„Auch uns sitzt er noch verteufelt locker, Freunde“, grinste ihn John Brown in kalter Art an. „Ich habe den Untergang von dreißig Soldaten erlebt.“

„Auch das kommt eigentlich auf Grangers Konto“, knurrte Tom schwer atmend. „Granger war es, der dafür sorgte, dass der Zug überfallen wurde und die Sioux die Geldkisten raubten. Granger war es, der Militär anforderte und absichtlich die Gefahr so hinstellte, dass man bei der Armee glaubte, mit einem Trupp von dreißig Blauröcken die Sache aus der Welt zu bringen. Granger und immer wieder Granger! Oh, der Schurke sitzt zu nahe an der Quelle, und gerade ihn wird niemand verdächtigen. Niemand wird ihm später etwas in die Stiefel schieben können.“

„Auch dann nicht, wenn das Bahnarbeitercamp am Blue Whister von den Redmen ausgelöscht werden wird?“, fuhr John seinem Begleiter ins Wort.

„Das dürfte Granger sogar sehr recht sein. Ich weiß, dass er aus irgendeinem Grunde Jefferson hasst, dass die beiden Todfeinde sind. Vielleicht hat Granger Red Cloud bereits den Auftrag gegeben, auch das Bahnarbeitercamp zu sprengen. Die Vorarbeiten hat Granger doch schon erledigt, indem er den Proviant- und Geldzug überfallen ließ“, mischte sich auch Tim bissig ein. „Jetzt begreife ich auch, dass er von Anfang an damit rechnete, dass du, Tom, Andy und ich niemals wiederkommen würden. Er war deswegen so verteufelt offen uns gegenüber, weil er wusste, dass Red Cloud bereits den Auftrag hatte, uns bei der Übergabe der Whiskyladung zu töten. Das Bild rundet sich immer mehr ab. Die Lücken schließen sich.

Granger wird ein Agent von der anderen Gesellschaft sein, der — der Teufel mag wissen wie — sich den Vertrauensposten verschaffte, um die Arbeiten zu sabotieren. Sicherlich bekommt er auch dafür bezahlt. Er macht aus allen seinen Verrätereien Geld. By Gosh, er ist schlimmer als der Teufel. Ich hasse ihn!“

„Wie sieht er denn aus?“, forschte John. Sicher, er hatte den Namen des zweiten Sekretärs oft genug gehört, aber er war dem Manne nie persönlich begegnet. Es war gut, wenn er sich ein Bild von dem Menschen machen konnte, der so teuflisch handelte.

„Wie er aussieht?“, fauchte Tom Wellig grimmig heraus, wobei er die geballte Faust durch die Luft hieb, als wolle er einen unsichtbaren Gegner zerschmettern. Sein Gesicht verzerrte sich. Er blickte zurück, als erwarte er die Feinde auftauchen zu sehen, aber es zeigte sich niemand. John Brown hätte ihn aufklären und beruhigen können, denn seiner Meinung nach hatten die Teton Dakotas genug damit zu tun, die noch heilen Whiskyfässer vor den Flammen zu retten. Für die Redmen aber war der Whisky im Augenblick wichtiger, als die Skalps, die ihnen entgangen waren.

John unterließ es jedoch, seine beiden Begleiter darüber aufzuklären. Sollten sie ruhig in dem Glauben bleiben, dass sie schon in den nächsten Sekunden den Weg zur Hölle antreten konnten. Das lockerte ihre Zungen und verwirrte den Verstand so, dass sie nicht klar denken konnten. Yeah, so wie sie jetzt waren, so wollte John sie haben, flatternd vor Angst.

„Ich kann dir von Granger ein verteufelt klares Bild entwerfen“, fauchte Tom grollend heraus. „Er ist sozusagen eine Mischung von einem eiskalten Revolvermann, Saloonlöwen und Gent. Er trägt nur die neuesten Anzüge vom modernsten Schnitt. Dazu Lackschuhe, Reitgerte und Achselholster, eine Krawatte, in der eine Perle steckt. Wo immer er auch ist, zeigt er ein freundliches Lächeln. Nein, Granger sieht nicht so aus wie einer, der schmutzige Geschäfte macht. Er hat sich überall ins rechte Licht gesetzt, und überall ist er beliebt bei Vorgesetzten und Untergebenen. Es dürfte verteufelt schwer sein, ihm das Handwerk zu legen.“ Tom Wellig schüttelte die Faust und knurrte etwas Unverständliches hinterher, sah sich dann um. Sein Mund presste sich zusammen, und seine Augen flackerten. „Es macht mich ganz nervös, dass man nichts sieht und nichts hört von dem Gegner. Wo, zum Teufel, bleiben die Sioux?“

„Sie werden dabei sein, die Ochsen abzuschlachten, Buddy“, klärte ihn John gelassen auf. „Sie retten von den Whiskyfässern, was noch zu retten ist, und dann werden sie kommen. Das ist so sicher wie die Tatsache, dass der Blizzard merklich abflaut. Wir werden uns keine Rastpause gönnen, sondern weiterreiten. Das Wetter ist gut und die Orientierung leicht. Reiten wir!“

Sie blieben dicht beisammen und ritten weiter in die Nacht hinein. Drei Männer in einer wild romantischen Schneelandschaft, auf Indianerponys ohne Sättel und Steigbügel. Für Johns Begleiter war dieses Reiten ungewohnt. Sie fluchten und schimpften manchmal verhalten. Sie stöhnten, wagten aber nicht, John um eine Rastpause zu bitten. Die Angst ließ sie schweigen.

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5.

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Die beiden Wachtposten Tonny Slatter und Ruy May, die auf einem Wachtturm der Ostgesellschaft kurz vor ihrer Ablösung standen, unterhielten sich bereits eine ganze Weile. Tonny war vor drei Monaten von der Westgesellschaft zur Ostgesellschaft gewechselt, hatte das getan, was viele seiner Kameraden ebenfalls taten. Sie hatten sich von Agenten bereden lassen und hatten die Gesellschaft gewechselt in der Hoffnung, bessere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu bekommen. Damals warben die Agenten in beiden Gesellschaften und holten sich gegenseitig die besten Leute fort.

Tonny Slatter hatte indes herausgefunden, dass die unheimlichen Strapazen, die er vor drei Monaten auf sich nahm, als er die Westgesellschaft verließ, nicht den Einsatz lohnten. Damals, als der Indianiersommer zu Ende ging und die Arbeiter der Präriestrecke den Anblick der gewaltigen Rockys mit Lokomotiv-Dampfpfeifensignalen und schmetterndem Niethämmersalut begrüßten, verließ er das Sicherungsfort mit einem wehmütigen Blick auf den blitzenden Strang. Yeah, damals waren gleich ihm noch viele andere aufgebrochen, um auf der Jagd nach besseren und höheren Löhnen bei der Ostgesellschaft anzufangen.

Damals hatten die vielen Hundert der Abwanderer nicht gewusst, dass es nicht damit getan war, Hals über Kopf die Arbeit niederzulegen, sich Pferde und Ausrüstung zu besorgen, dass es nicht damit getan war, blindlings den Agentenversprechungen zu glauben, sondern dass eine raue Leidenszeit über sie kommen würde. Der Winter überraschte sie auf ihrem Weg, und so mancher, der den Agenten und den neuen Verträgen allzu großes Vertrauen geschenkt hatte, mochte mitten im Felsengebirge wehmütig auf die verflossenen Sommermonate in der übersonnten Prärie zurückdenken, denn der Winter, der sie mitten auf dem Trail zu den neuen Arbeitsplätzen überraschte, war furchtbar, vernichtend. Er kam mit Schneefällen und ungeheuren Eisstürmen. Er sperrte die Pässe und hielt die Wagen der Ostwanderer fest.

Tonny Slatter wusste damals noch nicht, dass es vielen anderen, die in die umgekehrte Richtung von Agenten gelockt wurden, ähnlich so erging. Er sah, wie Menschen erfroren und vor Hunger starben, in Lawinen aus Eis und Schnee umkamen.

Er selbst verlor alles, was er sich erspart hatte, und kam mit dem Leben davon. Jetzt war er Wachtposten am Osttor der gewaltigen Palisadenmauer, die das Hauptcamp umgab. Innerhalb dieser Mauer lagen die Verwaltungsgebäude, das Rangiergelände, lagen Lokschuppen, Reparaturwerkstätten, Material- und Proviantläger, lag die große Stadt mit ihren Saloons und und Whiskyhöllen, Drugstores und den Gebäuden, in denen eine Kompanie Blauröcke untergebracht war.

„Es ist fast windstill, Ruy“, sagte Tonny aus seinen Gedanken heraus. „Die schönste Macht, die ich seit Langem erlebte. Morgen dürfte die Kraft des Blizzards wohl vollkommen gebrochen sein.“ Er schulterte die Winchester fester, nahm die Pfeife zwischen die Lippen und paffte blaue Wolken in die Nacht hinein.

Tonny war es gewohnt, dass sein Kamerad mürrisch und wortkarg war, dass seine Antworten oft nur aus einem Brummen bestanden. Jetzt brummte Ruy nicht einmal, sondern riss unvermutet heftig die Winchester von seiner Schulter und legte sie über die Brüstung.

Tonny wirbelte herum, sah im gleichen Moment ebenfalls die drei vermummten Gestalten am Waldrand auftauchen..

„Sioux!“, rasselte er kehlig heraus, brachte seine Winchester ebenfalls in Anschlag auf die Reiter, die langsam auf müden, ausgepumpten Pferden durch den Mondschein ritten.

„Hölle, Pest und Schwefel! Wenn mich nicht alles täuscht, reitet dort unten John Brown“, knurrte Ruy May, „und mit ihm reiten Tom Wellig und Tim Grester, die beiden Kerle, die es so furchtbar eilig hatten, von hier zu verschwinden. Partner, das dort sind keine Sioux, aber die Pferde sind von den Redmen. Öffnen wir das Tor!“

Ohne eine Entgegnung abzuwarten, hetzte er los, kletterte die Stiege vom Wachtturm hinunter. Wenig später öffnete er das Tor, und die drei Reiter hielten ihre Tiere vor ihm an.

„Brown?“

„Hallo, Ruy!“

„By Gosh, man muss zweimal hinsehen, wenn man dich erkennen will, Brown. Du bist wohl geradewegs aus einer Stampede gekommen, wie?“

„Aus einer roten Stampede“, klang es verhalten zurück. „Es wimmelt von Sioux in der Gegend, und wenn nicht bald etwas geschieht, wird man das Bahnarbeitercamp von der Liste streichen müssen. Aber du wirst alles später hören, ich bin zu müde, um meinen Song jedem Einzelnen vorzutragen. Wo finde ich den Kommandanten?“

„Setze erst deine beiden Begleiter in einem Saloon ab, Brown. Der Kommandant ist nicht gut auf sie zu sprechen. Du findest ihn im Verwaltungsgebäude.“

„All right!“

„Beeile dich nicht zu sehr. Der Kommandant schätzt nichts so sehr wie seine Nachtruhe, und was auch immer geschehen ist, reite du erst beim Doc vorbei.“

„Der kann mir nicht helfen, Ruy, aber der Kommandant kann es. So long!“

John Brown gab seinen beiden düster dreinblickenden Begleitern einen Wink. Sie ritten an, aber schon nach einigen Yards trieb Tom Wellig sein Pony dicht neben Johns Pferd und zischte wütend:

„Du bist John Brown?“

„Wenn du nichts dagegen hast?“

„Du hast uns belogen!“

„Sage das noch einmal“, forderte John mit eisig klingender Stimme. „Es gab noch keinen Mann, der mich einen Lügner nennen konnte.“

„Mit anderen Worten, du bleibst dabei, dass du bei den Hunkpapas gelebt hast?“

„Das ist schon einige Jahre her, Freunde“, versicherte John den beiden grimmig dreinblickenden Kerlen. „Lasst euch darum keine grauen Haare wachsen. Es ist nicht meine Schuld, dass ihr mich nicht vorher gesehen habt. Im Camp bin ich John Brown.“

„... der Jäger!“, vollendete Tom Wellig grimmig. „Du hast uns hereingelegt, du hast ...“ Seine Hand schnellte zum Colt, doch mitten in der Bewegung hielt er inne, starrte in die Mündung von Johns Waffe, die dieser blitzschnell auf ihn angelegt hatte, und stieß ein grollendes, hartes Lachen aus. „Wir haben uns von dir täuschen lassen.“

„Und revidiert nun eure Ansichten über Granger, nicht?“, grollte John sie bitter an. „Schert euch jetzt zum Teufel! Wir sprechen uns später noch!“ Er blickte mit kalten Augen über die Mündung seines Colts, lenkte mit der linken Hand sein Pony so, dass die beiden Burschen gezwungen waren, ihre Tiere herumzunehmen.

„Granger wird sich über Andys Tod besondere Gedanken machen, Brown“, zischte Tom Wellig ihn heiser an. „Du hast uns hereinlegen können. Da draußen saß unser Skalp locker, hier aber der deine.“

„Abwarten, Gents“, gab John gleichmütig zurück. „Wer kein Hirn hat, dem wird keins nachwachsen. Schert euch davon!“

Eine gallige Bitterkeit war in ihm, eine tiefe Verachtung gegen diese beiden Kerle, denen er das Leben gerettet hatte, und die jetzt in offensichtlicher Feindschaft gegen ihn standen. Glaubten die Narren denn wirklich, ihr Auftraggeber Granger würde sie mit offenen Armen empfangen, oder waren sie so verbohrt, dass sie Grangers Macht gegen die Macht abwogen, ehe John Brown besaß? Sicher, in diesem Falle musste Granger Übergewicht haben. So gesehen, hatten diese beiden Schurken die richtige Seite gewählt.

By Gosh, John wollte die Kerle nicht mehr sehen, die er durch dick und dünn geführt, vor den Skalpiermessern der Roten gerettet hatte. Sie widerten ihn an.

Er trieb sie mit gezogenem Colt vor sich her, durch die Gassen hindurch, bis zur Mainstreet hin.

„Verschwindet nun!“

„Brown, wir rechnen noch mit dir ab!“, keuchte Tom Wellig heiser vor Erregung. „Du hast das beste Geschäft unseres Lebens zerschlagen. Ohne dich wären wir jetzt aus dem Dreck heraus. Beeile dich nur, zum Kommandanten zu kommen.“

„Ich werde mir sogar Zeit lassen“, versicherte John. „Solange Zeit, wie ihr braucht, um euren Hintermann Granger zu informieren. Vielleicht entschließt sich Granger dazu, mit euch eilig das Fort zu verlassen. Luftveränderung täte ihm gut, und auch für euch wäre es die beste Lösung!“

Sie gaben keine Antwort darauf, blickten ihn nur düster mit flackernden Augen an und ritten weiter. Er wartete, bis sie vor einem Saloon haltmachten, absaßen, die Tiere anbanden und durch die Schwingtür des Saloons verschwanden. Erst dann ritt er weiter.

Er musste daran denken, dass er sich seine Ankunft am Zielort ganz anders vorgestellt hatte. Hier zeigte sich nichts von der Spannung, die draußen lag. Hier ging das Leben seinen gewohnten Gang. Pferde standen an den Holmen, Menschen bewegten sich auf den Gehsteigen. Sie sahen ihn zwar alle verwundert an, aber ihr Interesse galt mehr seinem indianischen Pony als ihm selbst. Sogar einige zerlumpte Redmen, die in schmutzigen Decken gehüllt an einem Saloon um Whisky bettelten, sahen erstaunt zu ihm hin.

Nicht alle Tage kamen Reiter auf Siouxponys ins Fort geritten. Nicht alle Tage sah man einen so vom Kampf gezeichneten Mann. Was mochte ihn hierhergebracht haben?

John sah und spürte die neugierigen Blicke der Passanten, tat aber so, als gingen sie ihn nichts an und hielt erst, als er vor dem Verwaltungsgebäude der Ostgesellschaft angekommen war. Einige Fenster waren erleuchtet. Er schwang sich vom Pferderücken und fühlte die Schwäche in den Beinen, die Müdigkeit in den Knochen. Er spürte die Reaktion seines Körpers auf die unendlichen Strapazen, der nach Ruhe, nach Schlaf verlangte.

Der Portier sah ihm scharf ins Gesicht.

„Wenn ich mich nicht täusche, Brown? Oder ...?“

„Deine Augen haben sich nicht geirrt, Fellow.“

„Allmächtiger, dann bist du von Jeffersons Lager durch den Blizzard geritten?“, staunte der Mann ehrlich überrascht, um dann gleich fast atemlos fortzufahren: „Hundert Meilen durch den Blizzard! Hölle, vielleicht bringst du Nachricht von unseren guten Jungen in Uniform, die es sich ebenfalls nicht nehmen ließen, durch den Blizzard zu reiten, um bei euch im Camp festzustellen, wann Jefferson den Sonderzug zurückschicken will. Ah, Freund, komm herein in die Wärme, lass dich auftauen durch einen warmen Grog. Hat man dir bereits ein Quartier angewiesen? Wenn nicht, so werde ich es besorgen.“

Der Oldtimer schloss den Schalter, kam zur Tür gehumpelt und ließ John in die behagliche Wärme eintreten, die ein Kanonenofen im Raum verbreitete. Er wartete, bis John am Schreibtisch Platz genommen hatte. Dann erst holte er Gläser und eine Flasche vom Regal, zog aus einer Schublade ein Glas mit Zucker und hob den summenden Wasserkessel von der Ofenplatte. „Bevor wir uns weiter unterhalten, zuerst einen Drink, denn, by Gosh, falls du den Kommandanten sprechen willst, wirst du dich gedulden müssen. Der Kommandant ist mit einer kleinen Truppe aus der Stadt geritten, um die Umgebung des Forts zu erkunden.“

„Das hat mir gerade noch gefehlt, Fellow!“

„So wichtig sind deine Nachrichten? By Gosh, dann wende dich nur an Granger. Er ist der Stellvertreter des Kommandanten.“

„Gerade das möchte ich auf keinen Fall, Fellow!“

Der Alte runzelte die Stirn, schob die Unterlippe vor und betrachtete den Besucher befremdet. Die Wärme des Ofens begann, Schnee und Eis aus Johns Kleidung aufzutauen. Eine Wasserlache entstand dort, wo John saß und wurde mit jeder Sekunde größer.

Wortlos bereitete der Alte mit geschickten Händen den Grog. Er nahm dazu nur wenig Wasser und noch weniger Zucker, setzte sich dann John gegenüber. „Es liegt etwas in der Luft“, flüsterte er rau. „Was ist los, Brown?“

„Zunächst das eine, dass die dreißig Soldaten von ihrem Ritt nicht mehr zurückkehren werden, Fellow. Wer, zum Teufel, kam auf die verrückte Idee, dass Jefferson nur so zum Spaß den Lohngeld- und Proviantzug festhalten würde, bis der Blizzard nachgelassen hätte, wer?“, fauchte John in losbrechendem Zorn. „Doch wohl Granger, wie? Ah, ich kann es mir schon denken. Eine Erklärung hatte er sicherlich bereit: Keine Verbindung, die Telegrafenmasten vom Blizzard niedergefegt! Für Granger war es gewiss sonnenklar, dass für dreißig unerfahrene Soldaten der Ritt zum Camp sozusagen nur als ein Abhärtungsritt galt. Es kam diesem sauberen Gent nicht in den Sinn, dass Red Cloud nicht zum ersten Mal sich den richtigen Zug als Beute auswählte.“

„Mein Gott, Brown, was willst du damit sagen?“

„Was ich damit sagen will, Fellow? Oh, das behalte ich vorerst noch für mich. Es war mir schon genug, dreißig unerfahrene jungen Menschen in den Tod gehen zu sehen.“

„Allmächtiger, das klingt so, als wolltest du sagen, dass man die Jungens erwartet hatte, dass ...“ Die Stimme des alten Mannes erstickte. Hart setzte er das Glas, das er bereits an den Lippen gehalten hatte, auf den Tisch zurück. Funken tanzten in seinen Augen. „Brown, jeder zweite hier im Lager kennt dich und weiß, dass man nicht an deinen Worten zweifeln kann. Du trägst frische Narben, die so aussehen, als hätte der Teufel sie dir verpasst, als du mitten durch die Hölle geritten bist. Ich weiß, dass du mir kaum berichten wirst, was du gesehen und was du herausgefunden hast. Allein das, was du angedeutet hast, ist zu viel, um es herunterzuschlucken. Red Cloud hat also die Löhnung und den Proviant erwischt? Red Cloud hat die dreißig Soldaten in eine Falle gelockt und niedergemacht? Allmächtiger, ich werde dafür Sorge tragen, dass einige Reiter den Kommandanten aufspüren werden. Wir werden zurückschlagen, wir werden die roten Schufte auf ihre Größe zurechtstutzen, sie verjagen und ihnen die Geldkisten wieder abnehmen. Brown! Hölle! Brown! Wo willst du hin?“

„Ich komme bald zurück, Fellow“, erwiderte John von der Tür her. „Versorge mein Pony und suche mir ein Zimmer aus, stelle mir ein gutes Essen zurecht.“

„Brown, ich will dich wahrhaftig nicht belästigen, aber was zum Teufel zwingt dich jetzt zu gehen? Hast du nicht genug hinter dich gebracht?“

„Ich glaube nicht, Fellow. Jefferson gab mir zwei Briefe mit, einen für den Kommandanten, einen für seine Tochter. Solange ich diese Briefe nicht an die richtige Adresse befördert habe, brennen sie mir auf der Haut. Vielleicht kannst du mir sagen, wo Jeffersons Tochter wohnt?“

Der Alte wurde bleich, stieß heftig den Atem aus und blickte scheu zur Seite, sah dann eigenartig blicklos über den Tisch, auf dem Johns Glas noch unberührt stand. Müde sanken ihm die Schultern herab.

„Frage in der Union Pacific Bar, Brown. Ah, heute ist ein verteufelt kalter Tag. Es friert mich.“ Er schüttelte sich und ging zum Ofen, ohne John dabei anzublicken. Er zeigte John den gebeugten, krummen Rücken. In dieser Haltung blieb er stehen, bis John die Tür leise hinter sich schloss und in den Schneematsch des Bohlensteiges hinaustrat.

John ärgerte sich über das Verhalten des Oldtimers, der ihm kein Unbekannter war, schüttelte den Kopf wie besorgt. „Ein Mädel in dieser Stadt? Ah, sie muss Mut haben!“, flüsterte er vor sich hin.

John ging an seinem Pony vorbei mit schweren Schritten. Bleigewichte schienen an seinen Beinen zu hängen. Die Augen schmerzten und tränten ihm. Er warf einen Blick durch das Fenster und sah die bewegungslose Silhouette des Oldtimers. Sicherlich würde in dem alten Manne gleich jähes Leben erwachen, würde er alle Hebel in Bewegung setzen, was einem Großalarm gleichkam. Der Oldtimer brauchte gewiss noch einige Minuten, um sich von dem Schrecken der ungeheuren Nachrichten zu erholen. Dann aber ...

John schritt schneller aus. Er wusste, dass die Union Pacific Bar das solideste Unternehmen dieser Art im Fort war. Kein Wunder, dass dort Jeffersons Tochter Quartier bezogen hatte.

Trotz der Müdigkeit in ihm musste er sich eingestehen, dass die Neugier ihn munter hielt. Wie sah Jeffersons Tochter aus? Es war schon lange her, dass er eine weiße Lady gesehen hatte. Er hatte nur noch unklare Vorstellungen davon. Sein Leben hatte der Wildnis und dem Bahnbau gehört, den Stätten der Männer. Dort, wo Männer noch Männer sein können, hatte er sich wohl gefühlt. Nur einmal hatte er eine Frau kennengelernt, aber sie war keine Weiße gewesen. Sie war so sanft und scheu wie ein Reh gewesen und ihre Augen so dunkel wie die Nacht. Sie war seine Gefährtin geworden, seine Kameradin. Sie war immer für ihn da, bis der Tod sie von seiner Seite gerissen hatte. Nein, sie war keine weiße Lady gewesen und sie hatte keine besonderen Ansprüche gestellt. Als sie starb, hinterließ sie eine große Lücke in seinem Herzen.

By Gosh, yeah, man nannte ihn einen Squawmann, denn er hatte eine Wilde geheiratet, nicht nach christlichem Ritual, sondern von dem Medizinmann der Hunkpapas getraut in heidnischer Art. Aber sie war doch wie eine Lady gewesen, eine echte Lady, wenn auch ihre Haut wie dunkles Kupfer aussah und sie kein Besteck beim Essen kannte. Sie hatte leuchtend schwarzblaues Haar gehabt, das ihr bis tief auf den Rücken in sanften Wellen herabfiel. Ihr Gang war königlich, ihr Körper formvollendet, biegsam gewachsen, schlank und rank wie eine Tanne. In ihrer Nähe hatte er erstmalig gefühlt, was es hieß, Mensch zu sein.

Ah, vorbei, aus, dahin ...! In den Rockys lag ihr Grab, fern, aber unvergessen.

Er erreichte die Bar, schob sich durch die Schwingtür hindurch.

Nur wenige Männer saßen an den blank gescheuerten Tischen, aber alle ohne Ausnahme sahen hoch, sahen auf den neuen Gast. John spürte, dass er in einem Netz von Blicken hing, beachtete es aber nicht. Er war es gewohnt, überall, wohin er kam, Aufsehen zu erregen, war es gewohnt, dass man hinter ihm hertuschelte und die Köpfe zusammensteckte.

Ihn interessierte der Mann hinter der Theke, ein schlaksiger Mann, mit müden, hoffnungslosen Augen, in denen sich alles Leid der Welt angesammelt zu haben schien.

Diese Augen flammten bei seinem Anblick jäh auf, tasteten über ihn forschend und wägend hinweg. Die Hände des Mannes legten das Geschirrspültuch beiseite, fingerten nervös an der Weste herum, krallten sich dann wie haltsuchend an der Theke fest.

„Hallo, Brown!“ Heiser und abgerissen war seine Stimme. Wie alle anderen wusste auch er das Erscheinen des Jägers hier im Camp richtig zu deuten. „Du kommst wohl geradewegs vom Mond?“, versuchte er mit einem Scherz die eigene Beklemmung zu vertreiben. „Vom Mond durch den Blizzard gefallen, so ist es doch, nicht? Kein Christensohn reitet bei diesem Unwetter.“

„Draußen ist es sternenklar und vom Blizzard keine Spur, Buddy. Gib mir einen doppelstöckigen Whisky pur. Ich kann ihn heute vertragen.“

„Der Drink geht auf meine Rechnung, Brown. Ich bin dir noch einige schuldig“, versicherte der Keeper eifrig. Er bediente, schob das Glas John über die Nickeltheke zu, sah ihn mit großen Augen an. „Nur um einen Whisky bei mir zu trinken, bist du wohl nicht gekommen, deswegen hat dich Jefferson wohl kaum aus dem Camp gelassen.“

„Nein, Buddy, aber du warst doch genau wie ich ein Freund von Jimmy Glody?“

„Wozu eine solche Frage, Brown? Jimmy war in Ordnung, jeder mochte ihn gem. Er fuhr mit dem letzten Zug vor dem Blizzard zum Camp hinaus. Er sagte mir noch vor der Abfahrt, dass er seinen Posten als Lokheizer aufgeben müsse, damit er seinen Bruder Andy im Camp pflegen könne. Eine verteufelt anständige Gesinnung, muss man schon sagen! Den guten Posten aufs Spiel zu setzen, nur um den Bruder zu pflegen?“

„Jimmy ist nicht eingetroffen, Buddy“, unterbrach ihn John leise und sah ihn aus schmalen Augen an. Der Keeper zuckte zusammen. Weit öffneten sich seine Augen. Er machte eine recht hilflose Bewegung, murmelte dann leise:

„So etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht, aber das werden die Soldaten klären, denke ich.“

„Es tut mir leid, dich abermals enttäuschen zu müssen, Freund. Von den Blauröcken wird niemand zurückkommen.“

John sagte das so leise, dass es außer dem Keeper niemand verstehen konnte, und doch war es so, als ob eine unheimliche Stille seinen Worten folgte, als ob alle den Atem anhielten bei dieser Hiobsbotschaft.

Der Keeper schluckte, setzte zweimal zum Sprechen an, aber kein Wort kam über seine Lippen. Wieder schluckte er schwer, fragte dann heiser:

„Ist kein Irrtum möglich, Brown?“

„Nein!“

„Gott sei der Seele meines Neffen gnädig“, flüsterte der Keeper aufstöhnend. „Mein Neffe führte das Kommando.“

„Es tut mir leid, ich konnte das nicht wissen. Ich ...“

„Es ist schon besser, es von dir, als durch andere zu erfahren, Brown. Wie konnte das nur geschehen?“

„Sioux!“

„Sioux? Jetzt, mitten im Blizzard?“

„Einen besseren Zeitpunkt hätten die Redmen nicht wählen können. Hier konnte man alles auf den Blizzard schieben, dass die Telegrafen nicht arbeiteten, dass die Verbindung abgerissen war und der Zug nicht zurückkam, auf Schneeverwehungen, Eis und Kälte. Nun, es würde schon nichts Schlimmes vorgefallen sein. Man ist so leichtsinnig geblieben wie vor Jahren, als der Bahnbau begann.“

„Hat der Kommandant deine Meldung?“

„Warum Fragst du?“

Der andere hatte sich schnell gefasst. Was auch immer in ihm vorgehen mochte, er war ein Mann, der seine Gefühle zu beherrschen wusste.

„Granger ist augenblicklich Kommandant. Hast du das gewusst?“

„Du liebst Granger nicht sonderlich?“

„Nein!“, klang es hart und entschlossen. „Mag er sich noch so sehr ins rechte Licht rücken, ich mag ihn nicht. Das hat seine Gründe. Wenn du deine Meldung noch nicht abgegeben hast, dann warte damit, bis der Kommandant von seinem kleinen Nachtritt zurückgekommen ist, Brown. Halte deine Meldung zurück. Meiner Meinung nach ist Granger nicht der Mann, der einer solchen ernsten Lage gewachsen ist.“

Er beugte sich über die Theke, sodass sein heißer Atem John über das Gesicht fegte: „Außerdem ist er ein Schuft! Yeah, höre genau zu, Brown, ein Schuft, der es so arg trieb, dass Jeffersons Tochter allen Warnungen zum Trotze mit dem letzten Zug abgefahren ist. Nur, um aus der Nähe des aufdringlichen Burschen zu kommen, der jede Gelegenheit wahrnahm, um ihr lästig zu werden. Aber was ist dir, Brown?“

John war es, als öffnete sich der Boden, als müsste er in einen Abgrund sinken. Er schüttete den Whisky in sich hinein, um das Knäuel herabzuspülen, das ihm jäh die Kehle verengte. Er merkte nicht, dass, als er das Glas absetzte, seine Finger es zerdrückten und die Scherben um seine Stiefel prasselten, Splitter in seine Handflächen drangen. Nein, er sah nur sein Gegenüber an, der erschrocken vor ihm bis zu den Regalen zurückgewichen war.

Jetzt begriff John das Verhalten des Portiers, jetzt wusste er, weshalb der Alte so merkwürdig wurde, als von Jeffersons Tochter die Rede war.

„Wiederhole es ... Jeffersons Tochter ist mit dem Zug gefahren?“, fragte er schroff.

„Brown, es ist grauenhaft, aber es ist wahr!“, schluckte der Keeper schwer. „Sie hat bei mir gewohnt, und ich selbst habe sie zum Zuge begleitet. Brown, sie war ein gutes Mädel, und jetzt wird sie ...“ Er sprach nicht aus, was er dachte, schwieg erschüttert, von seinen Gedanken bewegt.

„Tot ...?“, fuhr John wie verzweifelt auf, und seine Faust krachte auf die Theke nieder, dass die Gläser ringsherum tanzten. „Das wäre eine Gnade für sie, Freund. Nein, die Sioux werden sie mitgenommen haben in ihre Dörfer. Irgendwohin, wo es schlimmer wie in der Hölle für sie sein wird, und das hat Granger getan! By Gosh, Granger hat seinem Feind Jefferson den härtesten Schlag versetzt. Er hat ...“ John schwieg wie erstickt, denn in diesem Augenblick rasten zwei Schüsse auf. Ihre Detonationen kamen von der Straße her. Sie rissen John herum, rissen auch die anderen Männer von den Stühlen.

„Schüsse am Mannschaftslogis, Brown! Das hat nicht viel zu besagen“, tönte die Stimme des Keepers hinter ihm. „Komm zu mir ins Privatzimmer.“

Seine Worte brachen ab, er hatte einen Blick Browns aufgefangen, der ihm die Stimme nahm. Yeah, nur einen einzigen Blick warf John dem Keeper zu, dann ging er quer durch den Raum, wie von einer schrecklichen Ahnung getrieben.

Hinter ihm drängten sich die übrigen Gäste durch die Schwingtür nach draußen.

John nahm die Rechte, die er um die Briefe in seiner Innentasche wie verkrampft hatte, heraus, schob sie hinter das Holster, blieb mitten auf dem Bohlensteig stehen. Genau wie die anderen Männer, die von dem Bild auf der Fahrbahn wie hypnotisiert waren. Denn dort, genau vor dem lang gestreckten Mannschaftslogis, dort, wo die Planierer, Schienenleger und Reparaturarbeiter wohnten, dort lagen zwei Männer in der Fahrbahn auf dem Bauch.

Dem einen war der Stetson vom Kopf gerollt, und der andere lag so, als hätte er sich mit Händen und Füßen in den Schneematsch feststemmen wollen.

Sie lagen so, wie sie in den Schnee gesunken waren. Ringsum auf den Gehsteigen, aus Häusern und Hütten, aus Saloons und Gassen kommend, drängten sich Männer herbei. Zögernd, langsam, so als wollten sie die Toten nicht stören. Sie machten Platz, als John sich durch ihre Reihen drängte.

Sie schlossen sich zum Kreis hinter ihm. Zu einem tödlichen Kreis, in dem ein modisch gekleideter, drahtiger Mann stand, der recht spöttisch die rauchende Waffe in seiner Hand hielt und mit der anderen an der Perle seiner Krawatte nestelte. Zwei Tote lagen zwischen ihm und John Brown, zwei Tote, deren Colts nicht angerührt worden waren, wie John auf den ersten Blick erkannte.

Er nahm den Blick von den Toten und sah zu Stewart Granger hin. Oh, yeah, man hatte nicht zu viel von ihm gesagt. Er war wirklich nach der allerneuesten Mode dandyhaft gekleidet. Nur der Revolver in seiner Rechten war nicht modisch und war ihm wohl verteufelt schnell aus dem Schulterholster gefahren.

Grangers Jacke stand offen. Er trug den Kopf hoch, und seine Augen glühten wild auf, als John vor dem ersten Toten stehen blieb, sich bückte und den Mann auf den Rücken legte.

„Brown, Sie wollen wohl feststellen, wie glatt der Bursche ins Jenseits fuhr, wie?“, rasselte Granger so laut, dass alle ihn verstehen konnten. „Ich habe Richter und Sheriff zugleich vertreten. Der Mann dort ist Tom Wellig, ein verteufelt übler Patron, und der andere ist Tim Grester. Beide, so nehme ich an, werden Ihnen nicht einmal dem Namen nach bekannt sein, Brown.“

„Woher weißt du, dass ich Brown bin?“, fuhr ihn John grimmig an.

Der andere ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, und das zeigte seine Gefährlichkeit.

„Man hat mich bereits unterrichtet, aber darüber können wir später sprechen. Was hier geschehen ist, brauche ich niemandem besonders klar zu machen. Sie wissen es alle. Diese beiden Burschen haben das Verpflegungsdepot um einige Hundert Whiskyfässer erleichtert. Mit zwei gestohlenen Planwagen verschwanden sie. Ich habe sie verfolgen lassen, aber der Blizzard verwehte die Spuren. Jetzt traf ich sie zufällig. Alles andere denke ich, dürfte wohl klar sein.“

„Für dich ja, Granger, nicht für mich!“, hetzte es über Johns Lippen.

Das höhnische Lächeln in Grangers Mundwinkeln vertiefte sich. Er hielt die Waffe schussbereit in der Hand, trat langsam näher auf John zu.

„Ich bin hier der Kommandant, Brown! Das solltest du dir besonders gut merken, denn du bist Angestellter unserer Gesellschaft, und als dein Vorgesetzter gebe ich dir den Befehl, mir Jeffersons Bericht auszuhändigen!“

Es war John, als träfe ihn der Schlag, als bliebe ihm die Luft weg. Mit einer solchen dreisten Unverschämtheit hatte er nicht gerechnet.

„Treibe es nicht zu weit, Granger!“, kam es rau über seine Lippen. So leise, dass nur Granger es verstehen konnte, fügte er hinzu: „Dein Whiskygeschäft ist dir zerschlagen worden, und du hast die Zeugen abgeräumt, aber dein Schlag gegen Jefferson, gegen die Gesellschaft, gegen die Armee ist dir gelungen. Sage mir doch, an welchem Ort dir Red Cloud die Geldkisten übergeben soll, und sage mir, was du mit ihm über Jeffersons Tochter ausgehandelt hast. Beantworte mir doch alle diese Fragen, Granger.“

Irgendetwas an Johns Haltung ließ Grangers mächtig aufflackernden Zorn zurückdämmen. Laut und wie irr lachte er auf:

„Brown, du hast zu lange keine Ruhe gehabt. Der Blizzard hat dich zu sehr mitgenommen. Du solltest schlafen und dich ausruhen, aber du solltest vorher deinen Bericht abgeben, denn, by Gosh, sollte es sich herausstellen, dass durch deine Verstocktheit Menschenleben in Gefahr kommen, dass die Gesellschaft Verluste an Menschen und Material erfährt, dann wirst du exemplarisch bestraft, Brown, härter als je ein anderer Mann bestraft wurde. Das kann ich dir versprechen! Heh, Männer, räumt die Toten aus der Fahrbahn und hört her! Die Sioux sind in der Nähe und auf dem Kriegspfad. Sie haben den Sonderzug überfallen und dreißig Soldaten niedergemäht. Wir werden zurückschlagen, Boys, sodass den Roten Hören und Sehen vergeht. Freiwillige melden sich am Verwaltungsgebäude. Und nun wieder zu dir, Brown. Was du mir leise zugeflüstert hast, war nichts anderes als eine verteufelte Beleidigung, und darum werde ich dich hier in Sicherheitsverwahrung nehmen. Ah, greife nicht zu deinen Colts. Es sind bereits zwei Läufe auf dich gerichtet.“

John sah, dass Granger die Wahrheit sprach, sah, dass zwei Kerle ihre Eisen auf ihn gerichtet hatten. Granger fuhr fort: „Als Kommandant habe ich für Ordnung zu sorgen, Brown. Solange du nicht ausgeruht bist, scheinst du ein Ruhestörer zu sein.“ Granger grinste ihn unverschämt an. „Vielleicht bist du auch etwas Schlimmeres als das.“ Er senkte seine Stimme und stieß heiser heraus: „Du hättest dir das Bild hier genau einprägen sollen, Buddy.“

John glaubte, dass die Wutlohe, die jäh in ihm ausbrach, ihn zerreißen wollte.

Seine Faust flog vor, krachte mit explosiver Gewalt unter Grangers Kinn, hob den Kerl aus dem Stand und riss ihn mit verdrehten Augen hintenüber in den Dreck. Doch bevor John vorschnellen, den Kampf weiterführen konnte, rammten zwei Revolverläufe mit hartem Ruck in seinen Rücken, stoppten seinen Angriff und seine Bewegung, ließen ihn zur Bildsäule erstarren.

Niemand griff ein. Niemand hinderte die beiden Kerle, die in Grangers Diensten standen, John die Arme auf den Rücken zu reißen. Niemand trat Granger entgegen, als dieser sich aus dem Dreck erhob, die Ärmel zurückstreifte und dann zuschlug.

Sie sahen nur, wie sich John aufbäumte, gegen die Männer stemmte, die ihn hielten, und wie seine Stiefel Granger zum zweiten Mal in den Dreck warfen. Sie beobachteten, wie der dreckbesudelte Granger sich abermals schwankend und stöhnend erhob.

By Gosh, Granger sah aus, als hätte man ihn durch den Schlamm gezerrt. Über und über war er mit Dreck behangen. Er schrie seinen Kerlen zu, Brown fester zu halten. Abermals schlug er mit aller Kraft auf den Wehrlosen ein, schlug zu, bis John wie ein schlaffes Bündel zwischen den Armen seiner Peiniger hing.

„Ich hätte ihn für härter gehalten“, schnappte Granger mit hängenden Fäusten atemlos, „er hat nicht allzu viel hingenommen.“

„Boss, er hat den Blizzard hinter sich, vergiss das nicht“, mahnte einer der Kerle, die Johns Hände auf seinem Rücken festhielten. „Er war halbtot, als er hier ankam, und es ist überhaupt ein Wunder, dass er noch so lange standhielt. Wir schaffen ihn am besten fort, bevor man sich das hier richtig überlegt hat. Rede zu den Leuten, halte sie in Atem. Es könnte sonst sein, dass sie uns lynchen.“

„Schafft ihn ins Gefängnis und achtet darauf, dass niemand sich mit ihm ins Einvernehmen setzen kann“, rasselte Stewart Granger. „Sein Hiersein bedeutet für uns mehr als die Explosion einer Bombe oder einen Massenüberfall durch die Sioux. Er ist hinter unser Spiel gekommen. Wenn er redet, sind wir alle drei verloren!“

„Keine Sorge, Boss, er wird nicht reden“, brummte der Kerl zurück.

Zwei Kerle schleiften Brown davon, während Granger eine flammende Rede gegen die Sioux hielt. Man musste es Granger lassen, er war nicht nur ein schneller Schütze, sondern auch ein hervorragender Redner. Ein Mann, der es verstand, die Menge hinzuhalten, nach seinem Willen zu beeinflussen, der es verstand, seinen Mord an zweien seiner früheren Mitarbeit er so geschickt auszunutzen und hinzustellen, dass man geneigt war, in ihm einem Helden zu sehen.

So kam es, dass man Brown fortschaffen konnte, mitten aus einer Menschenmenge heraus, deren Sympathien zweifellos noch nicht entschieden waren.

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6.

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Das war das Ungeheuerlichste in dieser ereignisreichen Nacht! Ein Mann wurde beiseite geschafft, von Stewart Granger geschickt aus dem Spiel geschaltet. By Gosh, yeah, eiskalt war dieser Bursche, kalt wie Gletscherschnee. Er hatte John Brown nicht einfach erledigen können, wie die beiden anderen Männer. Nein, in eiskalter Art hatte er blitzschnell überschaut, dass er einen so berühmten Jäger nicht einfach erledigen konnte wie Tom Wellig und Tim Grester, seine Komplizen.

Ihr Auftauchen hier verriet ihm nur zu deutlich, dass sein Plan misslungen war. Er hatte sie nicht einmal zur Rede kommen lassen und gleich blank gezogen, hatte ihnen sein Blei aufgebrannt, bevor sie zu den Waffen griffen. In verteufelt kalter Art war das geschehen! Jetzt redete er auf die Menschen ein, bot alle Überredungskunst auf, um sie auf seine Seite zu ziehen. Oh, yeah, er sah deutlich genug, wie mancher Mann misstrauisch hinter seinen beiden Handlangern herblickte, die den Ohnmächtigen schnell davontrugen. Er sah und spürte die undurchdringliche Wand, die sich jäh vor ihm auftat, aber er redete weiter. So lange, bis seine Trabanten mit John Brown verschwunden waren und einige Männer seine toten Komplizen aus der Fahrbahn brachten und in einen leeren Schuppen trugen.

Er atmete auf, als die Spannung sich lockerte, und dann hatte er es verteufelt eilig, zum Gefängnis zu kommen, wo er seine beiden Hands vor der Zelle, in der sie John Brown auf eine Pritsche gebettet hatten, antraf.

„Ist er munter geworden?“, stellte er die Frage.

„Er hat uns keine Schwierigkeiten bereitet“, grinste Guy Natter verächtlich, ein drahtiger, hagerer Bursche, dem die Colts tief auf den Schenkeln hingen. „Einmal wurde er zwar aus seiner Ohnmacht wach, aber Rod sorgte dafür, dass er bald wieder einschlief, Boss.“

„Hat euch niemand aufgehalten?“

„Nein! Rod hatte seinen Revolver gezogen, und das wirkte selbst auf den Verwaltungsportier und den Keeper der Union Pacific Bar sehr entmutigend.“

„Hölle, haben Spaud und Old Jemmy versucht, euch aufzuhalten?“

„Sie dachten nicht daran, obwohl sie uns verteufelt seltsam ansahen, Boss“, grinste der rothaarige Rod McBrud.

„Ich muss wissen, mit wem Brown gesprochen hat, als er ins Lager kam“, hetzte Granger durch die Zähne. „Wer hatte Wache am Haupttor?“

„Tonny Slatter und Ruy May. Sie sind jetzt abgelöst, Boss.“

„Geh hin und horche sie aus. Vielleicht kann einer von den beiden uns sagen, mit wem Brown sprach. Es ist für mich verteufelt wichtig, das zu wissen.“

„All right, Boss, und wenn sich herausstellt, dass er seine Weisheit noch nicht an den Mann gebracht hat?“

„Dann haben wir gerade noch so viel Zeit, um die besten Pferde mit Waffen und Munition zu bepacken. Unsere Zeit ist hier zu Ende, Boys. Soll das Camp auffliegen, und sollen sie nur alle den Roten in die Falle reiten! Was geht mich das an? Wir müssen nur verhindern, dass der Kommandant vorzeitig zurückkommt und dass keiner auf den Gedanken kommt, ihn etwa zu suchen. Das wäre alles.“

„Was soll mit Brown geschehen?“

„Lasst ihn sich ausschlafen. Du, Rod, bleibst hier und bewachst ihn.“

„Ich werde den Tisch vor das Gitter rücken und mich so setzen, dass ich ihn im Blickfeld habe. Ich werde ihn mit meinem Revolver in Atem halten.“ Rod McBrud zeigte ein böses, unheimliches Grinsen. Sein Blick schweifte von dem Boss fort zu einem Haken an der Wand, an der der Waffengurt John Browns hing. „Ich habe mir schon immer gewünscht, einen Tiger zu bewachen, Boss.“

„Ganz recht, Rod, gib auf diesen prächtigen Tiger nur gut acht. Wo ist das Schreiben für den Kommandanten?“

„Wir haben ihm außer dem Waffengurt noch zwei Briefe abgenommen, einen von Jefferson an seine Tochter Dolores und einen ...“

„Gib sie her!“, schnitt ihm Granger das Wort ab. Düster brannten seine Augen. Rote, hektische Flecken zeichneten sich auf seinen Wangen ab.

„Vielleicht kann man Jeffersons Brief an den Kommandanten verlängern oder so gestalten, dass die Lage im Bahnarbeitercamp ganz anders aussieht.“ Granger sprach das wie zu sich selbst, und seine beiden Hands warfen sich einen verständnisvollen Blick zu.

Drei hartgesottene Kerle waren diese drei Männer, drei Schufte, die Hand in Hand arbeiteten. Agenten aus dem anderen Lager, die kein noch so erbärmliches Mittel scheuten, um die Arbeiten an der Bahn aufzuhalten, zu sabotieren, die sich kein Gewissen daraus machten, dass bei ihren Machenschaften viele gute Männer starben und untergingen.

Rod übergab Granger die Briefe, die er dem Ohnmächtigen abgenommen hatte. Granger riss sie an sich, atmete schwer, drehte den Docht der Petroleumlampe höher, die ein trübes Licht in den Raum warf.

„Jefferson hat es mir verteufelt leicht gemacht. Er hat weder die Briefumschläge verschlossen, noch ein Dienstsiegel verwandt.“

„Der Narr vertraute dem berühmten Jäger“, kicherte der schwarzhaarige Guy Natter höhnisch. Man sah es ihm an, dass er niemals ein solches Vertrauen genossen hatte, dass er gelb vor Neid war und einen unbegreiflichen Hass gegen John Brown hatte. Er richtete sich kerzengerade auf und starrte durch die Gitterstäbe zu der Pritsche hin, auf der John Brown ruhig und still lag, drehte sich dann schroff auf seinen hochhackigen Stiefeln um. „Ich werde mir Ruy May und Tonny Slatter vorknöpfen“, pfiff es von seinen Lippen, „denn ich habe das verteufelte Gefühl, als ob sich in dieser Nacht für uns so manches ändern wird. Es wird wohl mit dem bequemen Leben vorbei sein, schätze ich.“

„Ganz recht“, kicherte Granger, ohne den Kerl anzusehen. „Wir werden noch in dieser Nacht unsere Vorbereitungen treffen und alles bereit zum Start halten. Man kann nie wissen, was kommt. Wir dürfen jetzt auf keinen Fall die Übersicht verlieren.“

„Ich denke, du wolltest morgen an der Spitze des Vergeltungstrupps reiten, Boss?“, stichelte Natter.

„Jetzt, wo ich Jeffersons Brief an den Kommandanten habe, wäre es mir wahrhaftig angenehmer, wenn der Kommandant bald eintreffen und selbst die Führung übernehmen würde. Ich aber, als sein Stellvertreter, könnte hier noch verschiedene Dinge regeln.“

„Wie in Densly, wo nach deinem Verschwinden einige Depots in die Luft flogen, wie?“

„Hier würde ich es gründlicher machen“, erklärte Granger sanft und sah Natter eigentümlich scharf in die Augen. „Verschwinde nun, und erfülle meinen Auftrag!“

Natter zuckte zusammen, senkte wie betreten den Blick, als hätte ihn etwas Unangenehmes berührt.

„Ich gehe schon, Boss“, brummte er in sich hinein, „wenn ich auch der Meinung bin, dass wir uns diesmal auf höllisch heißem Boden befinden und du den Bogen überspannt hast.“

„So ...?“ Nur das eine Wort warf ihm Granger über die Schulter zu. Es enthielt Vorwurf, Zynismus und den Befehl, sich zu erklären. Granger hielt den Kopf schief, sah von den Briefen fort, als lauere er auf die Antwort.

Unruhig bewegte sich der rothaarige Rod McBrud, sah rasch von einem zum anderen, sagte dann vorwurfsvoll :

„Wir sollten uns jetzt wahrhaftig nicht streiten, Stewart. Du bist der Boss. Wir haben bisher gut verdient und sogar ein bequemes Leben dank deiner Initiative geführt. Vielleicht war es wirklich ein Fehler von dir, Tom Wellig und Tim Grester auszuschalten. Vielleicht hättest du die beiden wieder auf unsere Seite ziehen und irgendwo verstecken können.“

„Ihr seid Narren, ihr beide!“, unterbrach ihn Granger mit einem peitschenden Lachen. „Manchmal dachte ich, dass ihr große Revolverschwinger und kalt wie Eis seid. Manchmal dachte ich, dass man mit einem solchen Gespann wie euch beiden, mitten durch die Hölle fegen kann. Aber das muss wohl ein Irrtum sein. Ihr seid verdammt klein und winzig, wenn es hart wird. Kleine, mickrige Geschäfte, kleine Grobheiten, und auch ein Kampf hin und wieder, das ist ganz nach eurem Geschmack. Ich aber will mehr, hört ihr, alles, oder nichts!“

„Wenn du zu diesem 'alles' das Mädel rechnest, Boss“, entfuhr es Natter grimmig, „dann war dein Plan, sie von Red Cloud für dich entführen zu lassen, verteufelt seltsam.“

„Seltsam ...?“, knirschte Granger böse zurück. „Oh, ihr Narren! Sie hasst mich, wenn ich auch nicht weiß, warum. Sie konnte doch unmöglich davon Wind bekommen haben, dass ihr Vater und ich Feinde sind. Ich habe doch alles getan, um ihr zu zeigen, dass sie mir nicht gleichgültig ist.“

„Vielleicht hast du dich zu viel um sie bemüht. Manche Frauen vertragen das nicht!“

„Yeah, die Frage habe ich mir selbst vorgelegt, Gents“, fauchte Granger. „Darum wird sie mich als ihren Retter und Befreier ansehen, wenn Red Cloud sie mir ausliefert.“

„Sprich nicht so laut! Vielleicht ist Brown inzwischen erwacht und tut nur so, als ob er noch in Ohnmacht oder im Schlafe ist.“

„Das ist doch vollkommen gleichgültig geworden“, erwiderte Granger heftig. „Ob er es hört oder nicht, er dürfte doch nichts mehr ändern können. Ein Mann, der so wie er zerschlagen ist, braucht Wochen, um sich wieder zu erholen. Daran ändert auch nichts, dass er ein berühmter Jäger und Scout, ein verteufelt schneller Mann mit den Eisen ist. Du, Rod, wirst dafür sorgen, dass er bei der geringsten Gefahr wieder in Ohnmacht fällt!“

„Boss, es wird mir leicht fallen, das zu besorgen.“

„All right ...! Und du, Guy, verschwinde jetzt und nimm dir Slatter und May vor.“ Granger steckte die Briefe mit einem befriedigten Knurren in die Westentasche. „Versäumen wir nichts! Falls etwas Dringendes dazwischenkommt, findet ihr mich in meiner Wohnung.“

„Von wo du dann die Vorbereitungsarbeiten für den morgigen Ausfall machst“, lächelte Rod McBrud ausdruckslos vor sich hin. „Sicher ordnest du von dort aus auch das Begräbnis für Tim Grester und Tom Wellig an. Vielleicht studierst du außerdem noch dort die Beerdigungsrede ein!“ Er lachte.

„Es könnte auch deine Totenrede sein, Buddy!“, zischte Granger seltsam heiser. „Sorge dafür, dass niemand an unseren Gefangenen herankann. Du haftest mir dafür!“

„Geht in Ordnung, Boss“, gab Rod McBrud kleinlaut zu verstehen und sah dann schnell fort, konnte nicht mehr in die gelb schimmernden Augen Grangers blicken. Ein kalter Schauer kroch über seinen Rücken, als der Boss und Natter den Raum verlassen hatten. „Um die eigene Haut zu retten, würde er seinen besten Freund zusammenschießen“, flüsterte er heiser und abgerissen. „Seine Nerven sind aus Stahl. By Jove, er hätte jetzt passen und verschwinden müssen. Sein Whiskygeschäft mit Red Cloud ist geplatzt. Dieses Vorzeichen sollte er richtig deuten. Ich bin wirklich nicht abergläubisch, aber seine Geldgier ist es, die uns an den Rand der Hölle treiben wird.“

Er ahnte nicht, wie recht er hatte, konnte nicht wissen, dass mit der Gefangennahme John Browns sich gewisse Dinge anbahnten.

Lange Zeit hielt er bereits Wache, als es plötzlich hart an der Gefängnistür klopfte.

Sofort drehte er den Docht der Lampe niedriger, sprang vom Hocker und schob sich vorsichtig quer durch den Raum zum Fenster hin. Draußen sah er den Besitzer der Union Pacific Bar vor der Tür stehen. McBrud sah rasch die Straße hinauf und hinunter. Gewiss, überall war heute etwas los. Überall standen noch Menschengruppen herum, die trotz Kälte, Schnee und Nacht nicht zur Ruhe kamen. Menschen, die von Grangers Rede, dass Redmen den Zug überfallen, ausgeraubt und geplündert hatten, bis zum Äußersten erregt waren. Menschen, die Grangers Song von Tom Wellig, Andy Slamm und Tim Grester, die zwei Conestoga-Planwagen mit geraubtem Whisky aus dem Depot an die roten Teufel verkaufen wollten, innerlich aufgewühlt und aufgebracht hatte. By Gosh, yeah, diesen einfältigen Menschen war das, was er ihnen vorschwatzte, für recht erschienen, und sie hatten es hingenommen ohne Kompromisse. In ihren Augen hatte Granger zwei Verräter auf offener Straße erledigt, und das war recht so!

Das war etwas, was sie über das andere, was mit John Brown geschah, hinwegsehen ließ. Warum stellte sich Brown auch gegen Granger? Tim Grester und Tom Wellig hatten das bekommen, was alle für Recht hielten.

Rau war das Land und rau die Gesetze der Männer. Also war es richtig, dass Tim und Tom, die Whisky stahlen und damit die roten Teufel in einen Berserkerrausch versetzen konnten, sang- und klanglos verschwanden.

Richtig war in ihren Augen auch, dass Granger Brown zusammenschlug. Brown würde nach seinem Erwachen schon einsehen, dass man nur mit härtesten Methoden in einem solchen Falle Disziplin wahren konnte. Es war schon recht so: Blei für Verräter!

McBrud beobachtete aus schmalen Augen den Mann an der Tür, der noch immer heftig klopfte und Einlass begehrte, warf dann einen raschen Blick durch die Gitterstäbe in die Zelle hinein. John Brown regte und rührte sich nicht.

Warum sollte er den Keeper Spaud nicht hereinlassen? Brown war noch nicht vernehmungsfähig und darum ungefährlich. Sicher war es besser, Spaud nicht allzu lange vor der Gefängnistür warten zu lassen, denn einige Passanten wurden bereits aufmerksam.

Es war nicht gut, wenn einige der Männer erst zu denken anfingen, und darum entschloss sich McBrud, den Riegel der Tür zurückzuschieben.

Er ließ Spaud eintreten, fragte dann den Besucher: „John Browns Anhänger sind wohl beunruhigt?“

„Sie haben auch allen Grund dazu, Buddy“, gab Spaud zur Antwort, indem er sich an dem Revolvermann vorbei bis zum Gitter drängte und dort stehen blieb. „Warum sperrt man ihn in eine Zelle?“

„Anordnung von Granger! Ich kann daran nichts ändern.“

„Glaubt Granger, dass Brown toben würde?“

„Möglich, ich weiß es nicht. Der Boss hat zu entscheiden. Ich aber führe nur Befehle aus.“

„Wenn das der Kommandant erfährt, Buddy, jagt er dich und deinen Boss zum Teufel“, entfuhr es Spaud grimmig, „öffne sofort die Zellentür!“

McBrud grinste, hob die Schultern hoch. „Es tut mir leid, der Boss nahm die Schlüssel mit. Selbst wenn es nicht so wäre, es gäbe keinen Grund für mich, dir diesen Wunsch zu erfüllen.“

„Ich denke doch, der Doc kommt gleich.“

„Wer hat den bestellt?“, schnappte McBrud wütend. Mit einem Schlag änderte sich sein Gesichtsausdruck. Er versteinerte sozusagen, nur die Augen des Killers blieben eigenartigerweise seltsam lebendig, saugten sich an dem Besucher fest, und seine Rechte schob sich langsam, betont langsam, hinter den tiefschwarzen Walnusskolben seines langläufigen Revolvers. „Spaud, ich habe dich nicht hierherbestellt, und ich habe auch nichts davon erfahren, dass ein Doc kommen soll. Glaube nicht, dass Granger ein Unmensch ist. Schau selbst hin. Brown bekam zwei Decken und liegt warm. Außerdem ist der Raum geheizt. Er schläft und ist erschöpft von dem weiten Ritt durch den Blizzard. Es wäre unverantwortlich, ihn zu stören.“

„Danach fragte Granger nicht, als er ihn zusammenschlug“, hetzte Spaud und tat so, als übersehe er die drohende Haltung des Wächters. „Ich werde hier bleiben und auf Granger warten.“

„Dann wirst du mir die ganze Nacht Gesellschaft leisten. Ich glaube kaum, dass ich ein angenehmer Gesellschafter bin. Gehe lieber zu Grangers Wohnung.“

„Das werde ich nicht tun! In der Zwischenzeit könnte etwas mit Brown geschehen. Ich bleibe!“ Fest sah er den Gegner an.

Der schien explodieren zu wollen, überlegte es sich aber anders und grinste:

„Bleibe nur, solange du willst, Buddy.“

„Sicherlich wird auch der Doc gleich eintreffen, McBrud ... und der Kommandant“, betonte Spaud.

„Der Kommandant?“, platzte der andere heraus.

„Yeah! Solltest du nicht bereits darüber informiert sein? Das ist aber verteufelt schade, Buddy. Old Jemmy hatte gleich, nachdem John Brown eintraf, eine Aussprache mit ihm und sandte danach einige Reiter los, um den Kommandanten zu suchen. Man fand ihn schneller, als man erwarten konnte, auf dem Weg hierher.“

McBruds Augen flackerten seltsam. Ein eigenartig erstickter Laut kam aus seiner Kehle, dann riss er im Zurückweichen sein Eisen heraus, duckte sich und fauchte:

„Nimm die Hände hoch, Spaud!“

Spaud sah in die drohende Mündung des auf seinen Bauch gerichteten Colts und lächelte sanft.

„Du hoffst dich noch in Sicherheit bringen zu können, wie es dein Boss und Natter getan haben?“

Er sagte genau das, was der Killer dachte, traf damit den Nagel auf den Kopf. Yeah, McBrud wusste nun, dass er von Granger genauso ausgebootet worden war wie Tom, Tim und Slamm. Ein Knäuel steckte in seiner Kehle. Wild flackerten seine Augen. Es gab keinen Irrtum, die Augen des Besuchers verrieten es ihm nur zu deutlich, dass jedes Wort stimmte.

Granger hatte eine Idee zu lange gezögert, und das war sein erster verderblicher Fehler in diesem Spiel.

„Im Augenblick sehe ich nur dich, Spaud“, fauchte der Killer böse über die Mündung seines Revolvers hinweg, „und hinter dir sehe ich freie Bahn.“

Spaud hielt dem höllischen Blick des Killers stand. Das war es, was McBrud irritierte. By Jove, yeah, in Spauds Augen war ein helles Licht, ein Licht, das nur in den Augen eines Mannes leuchten konnte, der genau wusste, dass der Tod noch weit von ihm entfernt stand.

„Dreh dich herum!“, herrschte ihn McBrud an. „Versuche nicht, mich hinzuhalten. Ich will nicht durch einen Schuss riskieren, alle auf meine Fährte zu setzen, aber ich tue es, wenn du mir Schwierigkeiten machst!“

„Du redest zu viel, McBrud“, gab Spaud ruhig und gelassen zur Antwort, sodass McBrud zum ersten Mal in seinem Leben einen Schauer fühlte, der ihn mit Unbehagen und Furcht erfüllte. „Deine Nerven sind nicht mehr so recht in Ordnung, Sonny. Du müsstest etwas für sie tun“, lächelte Spaud.

Das war mehr, als McBrud aushielt, mehr als er, der doch einen Colt in der Hand hatte, schlucken konnte. Yeah, er hatte schon manchen Menschen vor seinen Kanonen gehabt, und allen hatte mehr oder minder der kalte Angstschweiß auf der Stirn gestanden. Einige hatten gezittert und gebebt und die Nerven verloren, andere waren verstockt und stur gewesen. Aber nicht ein Einziger hatte sich so unverschämt dreist aufgeführt wie Spaud, nicht ein Einziger in so kalter Art die Weißglut der Wut geschürt, wie dieser hagere, blasse Keeper, der nicht einmal eine sichtbare Waffe trug.

Für einen Selbstmordkandidaten war der Bursche zu gerissen und hing zu sehr am Leben und an dem Gelde, das ihm die Bar einbrachte.

„Halte mich nicht auf!“, fauchte McBrud, fasste damit alle seine Wünsche in einem Satz zusammen, machte deutlich, dass er nur noch einen Wunsch hatte, schnell und spurlos zu verschwinden. Irgendwohin, wo nicht die Gefahr anschwoll, als wären es drohende, gigantische Schatten, die nach seiner Kehle griffen.

Er wollte die Mündung der Waffe hochreißen, doch in diesem Moment klang eine tiefe Stimme in seinem Rücken, dort, wo die Zelle war: „Tu es lieber nicht!''

Nein, wahrhaftig, McBrud hatte niemals an Gespenster und Geister geglaubt. Jetzt, in diesem Moment, wurden ihm die Knie weich. Ein Gefühl von Schwäche flutete durch ihn hindurch, machte es ihm unmöglich, seinem Willen gemäß sich herumzuwerfen und dabei das Blei abzufeuern.

„Ich habe einen Colt in der Hand. Der Lauf ist auf deinen Rücken gerichtet. Lass fallen, Buddy!“ Hart und schneidend wurde die Stimme. Sie fegte ihn an, wie ein kalter Windstoß.

Er drehte den Kopf etwas seitlich, und dann sah er, was ihm schier den Atem verschlug. John Brown stand an den Gitterstäben, aufrecht, stolz, trotz des zerschlagenen Gesichts, der Flecken und Beulen. Ein Mann, ein Tiger, der angeschlagen war und sich überraschend schnell zu neuem Kampf erholt hatte. Zum Kampf mit gleichen Chancen, denn John Brown hielt einen ausgewachsenen 45er Colt in seiner Hand.

McBrud brauchte nicht erst groß nach der Erklärung für diese Zauberei zu suchen. Er sah sie am Gitterfenster. Dort zeichneten sich die Umrisse eines Männerkopfes gegen den Nachthimmel ab.

Er hatte sich überrumpeln lassen, hatte sich von Spaud ablenken lassen. In der Zeit, da Spaud sich mit ihm beschäftigte, hatte der Kerl draußen am Fenster es irgendwie fertiggebracht, John Brown den Colt zuzuschieben. Lautlos war das alles vor sich gegangen. McBrud hatte nicht das geringste Geräusch gehört und nicht den geringsten Schatten gesehen.

„Brown, ich denke, dass er sich nun erinnert, wo der Schlüssel geblieben ist“, hörte er Spaud sagen. Die Situation war für Spaud nicht ungefährlich, aber er tat so, als wäre für ihn die Gefahr bereits erledigt. Der Killer hätte schießen können, hätte es auf einen Ausbruchsversuch ankommen lassen können, wenn, ja, wenn nicht der Kerl am Fenster jetzt ebenfalls einen Colt über den Fenstersims schob und beinahe freundlich, sagte:

„Wenn er seinen Colt nicht fallen lässt, schießen wir ihn zusammen, Brown, so wie es ein Agent verdient!“

Das gab den Ausschlag! McBrud erstickte ein Stöhnen, öffnete die Hand und sein Colt polterte dumpf zu Boden.

„Meine Karten waren schlecht“, fetzte es über seine Lippen. „Ich passe!“ Fahl und bleich wurde sein Gesicht, schwerfällig trat er zur Seite.

Spaud aber huschte an ihm vorbei, nahm John Browns Revolvergurt vom Haken herunter, zog einen Colt heraus. „Nun, wo ist der Schlüssel, McBrud?“

Für einen Mann, der drei Colts auf sich gerichtet sah, war es schwer, noch länger zu leugnen. Mit spitzen Fingern und im Zeitlupentempo holte er den Zellenschlüssel aus der Tasche, warf ihn auf den Tisch, wo Spaud ihn an sich nahm.

„Es ist doch seltsam, wie leicht man mit einiger Kombination solche Schufte wie dich in die Ecke treiben kann, McBrud“, grinste Spaud. Er öffnete die Gittertür und John Brown verließ die Zelle.

McBrud sah ihn an. Die Wut entstellte ihn, machte sein Gesicht zur Fratze, die Wut schüttelte ihn hin und her. Wie Irrlichter tanzten seine Augen in den Höhlen.

„Wir sind noch nicht am Ende, Brown!“, kreischte er heraus.

Weiter kam er nicht, denn John Brown konnte sich nicht mehr zurückhalten. Er schlug mit der geballten Linken zu, traf McBrud am Kopf, sodass dieser einige Schritte zur Seite geworfen wurde, gegen die Wand krachte und dort aufgehalten wurde.

„Nehmt eure Colts weg, ihr beiden!“, forderte John mit heiserer Stimme seine beiden Partner auf. „Ich bin noch fit genug, um so eine Ratte durchzuschütteln.“

„Brown, mache keine Experimente! Wir haben dich nicht herausgeholt, damit du dich in eine nutzlose Schlägerei einlässt.“

„Spaud, das verstehst du nicht“, unterbrach ihn John ruhig, ohne seinen Blick von dem Gegner zu nehmen, in dessen Augen wilde Hoffnungsfunken aufflammten. „Das wirst du auch niemals begreifen. Aber ich würde ersticken, wenn ich es in mir zurückhalten müsste. By Jove, ich brauche keinen Doc und keine guten Worte, nur das hier als einen Beweis, dass ich nicht zerschlagen bin.“

Mit diesen Worten legte er seinen Colt auf den Tisch.

Zugleich wich Spaud zurück bis zur Tür. Er hielt immer noch den Gurt in seiner Hand und in der am deren die Waffe, sah recht betreten drein, knurrte dann:

„Es ist ein Fehler, Brown, gewiss ist es ein Fehler. Du bist zu stolz!“ Er schwieg verstimmt, da Brown keine Reaktion zeigte und auch gar nicht antwortete.

Brown stand am Tisch. Es war, als müsste er sich an der Tischkante festkrallen, um seine Schwäche zu überwinden. Hart angeschlagen sah er aus. Das Gesicht war von Grangers Fäusten zerschlagen und aufgedunsen, die Augen kaum zu sehen. Und doch, dieser Mann, das fühlte Spaud mit grimmiger Verwunderung, wollte kämpfen, wollte sich selbst beweisen, dass er nicht zertreten war.

Großer Gott, was für ein Mann!

Was für eine physische Kraft wohnte in ihm. Vor diesem Mann musste man den Stetson ziehen. Old Jemmy, der am vergitterten Fenster stand, hatte sich nicht einmal zum Wort gemeldet. Old Jemmy begriff schneller, um was es ging.

Ein Mann wollte sich selbst beweisen, wollte stärker sein als alles das, was er überwunden hatte.

Ein Experiment? Nein, das war die Art echter Männer. Jener Männer, die so selten anzutreffen waren, die es wert waren, dass man ihnen ein Feuermal setzte. Old Jemmy ließ ein Schnaufen hören, von dem man nicht wusste, war es aus Angst oder vor Hochachtung. Beides konnte es sein.

Yeah, es mochte sein, dass John Brown irgendwie im Unterbewusstsein Grangers Worte aufgefangen hatte: „Ich hätte ihn für härter gehalten!“ Gewiss waren es auch diese Worte, die ihn jetzt irgendwie zum Kampfe trieben.

Kalt blickten seine Augen. Sie hatten etwas Wölfisches an sich. Nicht umsonst hatten die Hunkpapas ihm den Kriegsnamen „Schwarzer Wolf“ gegeben, nicht umsonst hatte er bei den Roten Häuptlingswürden genossen. Es war etwas an ihm, was ihn herausstellte, und das mochte auch McBrud empfinden, der seinen Rücken gegen die Wand stemmte, um einen festen Halt zu haben.

John Brown wandte sich an McBrud: „Wenn du meinen Colt erwischt, kannst du ihn gegen mich einsetzen.“

„Brown, übertreibe es nicht. Ich brenne ihm meine Kugel auf, oder glaubst du, ich würde erst warten, bis er mir das Blei schickt?“, fauchte Spaud erregt.

Ohne sich nach Spaud umzusehen, rasselte ihm John über die Schulter zu:

„Wenn deine Nerven es nicht ertragen, dann warte draußen, bis hier die Vorstellung zu Ende ist.“

„Hölle, Pest und Schwefel! Man sollte das wahrhaftig tun und eine Menge Leute auf die Tribünen rufen. Brown, denkst du denn, nicht daran, dass wir nur Zeit verlieren?“

„Was macht das jetzt noch aus, Spaud? Vor Tagesanbruch kann sowieso nichts unternommen werden, und gewiss ist der Kommandant erst bei Tagesbeginn zur Stelle.“

„Dann denke doch an Granger und Natter!“

„Die hole ich mir auch noch. Ich fange der Reihe nach an, Spaud.“

„Herr im Himmel, was ist nur in dich gefahren, John? Mach es einem nicht so verteufelt schwer. Es ist doch Wahnsinn, was du vorhast. Lasse wenigstens den Colt aus dem Spiel! Treibe es doch nicht auf des Messers Schneide. Ich will nicht mehr gegen den Kampf reden, aber ich habe etwas dagegen, wenn du dich selbst in eine unnötige Gefahr bringst. Deine Chancen stehen nicht so gut, dass du großmächtig den eigenen Colt zu deiner Erschießung zur Verfügung stellen kannst.“

„Spaud, bei den Hunkpapas hätte man dich an einen Pferdeschweif gebunden und dich um die Zelte der Squaws geschleift. Es bleibt bei meinem Angebot!“

Er wich vom Tisch zurück, ohne Eile, ohne Hast, und mit Erschauern erkannte Spaud, dass er seinem Gegner so viel Platz einräumen wollte, dass beide zur Waffe den gleichen Abstand hatten.

Deutlich sah Spaud, wie McBruds Nasenflügel bebten, wie bei einem witternden Tier, das in Gefangenschaft gehalten, plötzlich die Tür zur Freiheit offen sieht. Deutlich wurde die Anspannung, die gierige Bereitschaft, unter der McBrud stand.

Sein Rücken stemmte sich fester gegen die Wand. Sein Mund klappte mit einem saugenden Geräusch auf, und dann, genau als John den gleichen Abstand vom Tisch hatte wie er, warf er sich mit einem Hechtsprung vor.

Wie ein Pfeil von der Sehne abgeschossen, wie ein Habicht auf die Beute, so stürzte er vor. Seine Krallenhände streckten sich aus, um die Waffe zu erwischen.

Sein Brustkorb streifte die Tischkante. Der Colt wurde wie von unsichtbaren Kräften weit in den Raum geschleudert. Der Tisch kippte um, die Lampe fiel zu Boden und zerbarst klirrend. Brennendes Petroleum lief über die Dielen, loderte empor, beleuchtete eine gespenstisch unheimliche Szene, den Kampf zweier Männer, einen Kampf auf Biegen und Brechen. By Gosh, yeah, John Brown war herumgeschnellt und erwischte den Gegner, als dieser sich aufraffen wollte, mit einem Schwinger gegen den Brustkorb.

Dieser Schlag trieb McBrud mit einem Schrei in die Höhe, nahm ihm für Sekunden den Atem, und John, den bleckende Flammen, Rauch und Qualm am Nachdrängen hinderten, kam nicht schnell genug heran, um in den ersten Phasen den Kampf zu beenden.

McBrud war massig, kernig gebaut. Er war ausgeruht und kräftig, hatte keine Strapazen hinter sich wie sein Gegner. Gute zehn bis zwanzig Pfund wog er mehr als Brown. Kein überflüssiges Fett war an seinem Körper.

Nur wenige Sekunden genügten ihm, um sich von dem schweren Schwinger zu erholen, die Lungen aufzufüllen und sich gegen den Gegner zu werfen.

Sie prallten zusammen, dass die Dielen bebten, aber die ungestüme Wucht, die McBrud in seinen Angriff legte, wurde von einer leichten Drehung seines Gegners sozusagen in die Luft geschleudert. McBruds Fäuste streiften Brown am Kinn und Ohr. Die eigene Wucht riss McBrud über das vorgestellte Bein Browns hinweg, und Brown jagte einen trockenen Haken auf das linke Ohr seines stürzenden Gegners, der so hart und wuchtig war, als hätte ein Dampfhammer getroffen.

McBrud krachte nieder, schrie gellend auf. Im nächsten Moment hatte ihn John aus den lodernden Flammen gerissen und in die offene Zellentür hineingestoßen. McBrud fiel auf die Pritsche, von Flammen umlodert, die aus seiner nun mit brennendem ölgetränkten Kleidung aufstiegen. Noch bevor Spaud begriff, dass der Kampf zu Ende war, noch bevor Spaud sich von der Tür her in Bewegung setzte, warf John Brown die Wolldecken der Pritsche über McBrud, erstickte die Flammen. Ließ erst nach, als das Stöhnen seines Gegners leiser wurde.

Hinter ihm war Spaud damit beschäftigt, die Flammen auf dem Fußboden zu löschen. Spaud trampelte darauf herum, packte dann den Tisch und versuchte, mit dessen Platte die Flammen zu ersticken. Er arbeitete wie ein Berserker, bekam plötzlich Hilfe, denn Old Jemmy, der vom Fenster her alles beobachtet hatte, war rasch, so schnell es seine Gichtbeine erlaubten, um das Haus herumgerannt und griff wortlos mit ein.

Er war es auch, der die Fenster aufriss, als der Qualm unerträglich wurde. Er war es, der in die Dunkelheit, nachdem die Flammen erstickt waren, eine neue Lampe aus irgendeinem Winkel brachte und anzündete.

„Das Spiel ist aus“, keuchte er abgerissen. Mit der brennenden Lampe, zerzaust, verrußt, stapfte er an Spaud vorbei, der sich einige Funken aus seiner Kleidung wischte, und trat in die Zelle ein. „Lebt er noch? Ich sah ihn fallen, so als hätte man einen Ochsen gefällt.“

Er wartete keine Antwort ab und sah zu, wie John die Decken von McBrud wegzog, knurrte dann: „Jetzt ist alles aus! Schau zur Tür hin, wir bekommen Besuch.“

John tat es. Seine Brauen zogen sich finster zusammen. Er schaute kurz zu den Männern hin, die atemlos an der aufgerissenen Tür standen und mit Spaud sprachen. Es kümmerte ihn nicht, was Spaud ihnen sagte. John war beruhigt, hatte wohl einen anderen Besuch erwartet und beugte sich wieder über seinen Gegner, sah dann Old Jemmy an: „McBrud braucht einen Doc.“

„Das trifft sich gut. Ich habe einen für dich bestellt, Fellow“, knurrte der Oldtimer bitter. „Aber du scheinst aus Eisen zu sein. Nicht genug damit, dass du mir die Haare einzeln zum Sträuben brachtest, kümmerst du dich auch noch wie ein treusorgender Vater um diesen Burschen. Er hätte eigentlich verdient, dass man ihn liegen und jammern ließ. By Gosh, was, zum Teufel, fiel dir nur ein, diesem Killer eine solche Chance zu geben?“

„Ich rechnete mit seiner Gier nach der Waffe“, erwiderte John gelassen. „Seine Gier entschied den Kampf. Er ist nicht groß verletzt, hat nur einige Verbrennungen im Gesicht.“

„Das sind Schönheitsfehler, die der Teufel ihm nicht nachtragen wird, wenn er in der Hölle eintrifft“, unterbrach Old Jemmy. „Heh, Brown ... wohin?“

John ließ sich nicht aufhalten, rasselte über die Schulter:

„Bleibe hier, sperre die Zelle ab und lass nur den Doc zu ihm.“

„Und was hast du vor?“, fauchte Old Jemmy.

„Es laufen noch zwei Kerle herum, die ich hier in dieser Zelle unterbringen will, Fellow. Mach dir nur keine Sorgen.“

John ging weiter, blieb im Vorraum stehen und sah sich um. Der kleine Brand hatte einige Dielen verkohlt. Der Tisch lag in Trümmern und überall verstreut lagen die Scherben der Lampe. Er hob den am Boden liegenden Revolver auf, ging dann zur Tür, vor der aus die Männer ihm mit großen Augen entgegensahen. John blieb vor Spaud stehen.

„Freund, jetzt können wir die Waffen wechseln“, sagte er ruhig. „Nimm deine Kanone zurück und gib mir meinen Gurt mit den Eisen. Es geht doch nichts über eine Waffe, die einem gut in der Hand liegt.“

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7.

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Spaud war nicht nur ein guter Keeper, sondern auch ein guter Menschenkenner. Er atmete schwer, schob sich seinen Stetson mit einer heftigen Bewegung aus der Stirn. Es ließ ihn kalt, dass die Männer an der Tür, die der Rauch und das Feuer hergelockt hatten, mit großen Augen verwundert Brown ansahen. Es ließ ihn gleichgültig, dass Old Jemmy ihm verzweifelt Zeichen machte. Er zog die Augen schmal und sah John Brown fest an, sagte heiser:

„Du solltest doch genug haben, Brown! Ein Mann soll nicht zu stolz sein. Dein Sieg hier sollte dir genügen.“

„Halte mich nicht auf!“, fauchte ihn John an, wobei er nahe an den Keeper herantrat und seine Hände nach seinem Gurt ausstreckte. „In dieser Stadt scheinen die Menschen blind zu sein.“

„Möglich, Brown, aber vielleicht kann dich der Doc darüber aufklären.“ Er überließ John den Waffengurt, den dieser sich gleich um die Hüfte schwang und die Holster mit schnellen Händen nach vorn zurechtrückte. „Der Doc ist keine Erfindung, wir haben ihn wirklich hierherbestellt.“

Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, als sich ein kleiner, drahtiger Mann mit einer Nickelbrille im bleichen Gesicht durch die Front der Zuschauer schob. Er trug eine schwarze, abgegriffene Tasche. Schweißtropfen standen auf seinem Gesicht. Der Doc sah erst John, dann Spaud an, sagte:

„Es tut mir leid, dass ich erst so spät erscheine, aber ich hatte zwei dringliche Fälle zu bearbeiten, Tim Grester und Tom Wellig.“

„Deren Tod Sie nur feststellen konnten, Doc, nicht wahr?“, schnappte John wütend auf. Der kleine Doc schob die Nickelbrille in die Stirn. Ein eigenartiges Grinsen zeigte sich um seine Mundwinkel.

„Als man sie in den Schuppen trug, sah es so aus, als ob sie tot seien“, murmelte er vor sich hin. „Ich untersuchte sie und konnte rechtzeitig eingreifen. Sie werden beide mit dem Leben davonkommen. Tom Wellig war sogar so freundlich, uns einiges zu erzählen.“

„Und ...?“, fuhr John ihn an.

„Oh, hat man dir noch nicht gesagt, dass der Kommandant eingetroffen ist, Fellow?“, erkundigte sich der Doc erstaunt. Er trat rasch näher und baute sich vor John auf, sah ihm fest in die Augen, ging dann um ihn herum und schüttelte leicht den Kopf. „Man hat mich zu einem Schwerkranken bestellt, und ich kann nur feststellen, dass man sich geirrt hat. Das Einzige, was dir fehlt, Brown, ist Ruhe und Schlaf. Vielleicht noch eine kleine Massage, aber das wäre auch alles!“

Johns Gedanken schwirrten durcheinander. Er begriff nun, dass Spaud dem Killer McBrud nichts als die nackte Wahrheit gesagt hatte, als er diesem mitteilte, dass der Kommandant von seinem Nachtritt zurückgekommen sei. Alles hatte sich nun in der Stadt geändert, alles war mit einem Schlage anders geworden.

„Wo sind Granger und Natter?“, hetzte er durch die Zähne. Der kleine Doc schüttelte traurig den Kopf.

„Leider hatten diese beiden mehr Glück als McBrud. Granger scheint eine besondere Nase für akute Gefahr zu haben. Er ist verschwunden, und obwohl der Kommandant die Stadt nach den beiden durchkämmen und die Umgebung der Stadt von Suchtrupps durchstreifen ließ, sind sie entkommen. Spaud“, wandte er sich an den Keeper, „begleite doch bitte John Brown zum Kommandanten. Ich habe hier noch zu tun.“ Er sah zu der Zelle hin, in der McBrud stöhnend auf der Pritsche lag, packte die Tasche mit den Instrumenten, Salben und Binden fester, nickte John zu und ließ ihn einfach stehen.

Spaud packte John am Arm, flüsterte ihm zu:

„Gehen wir, die Luft hier im Raum ist von einem Skunk verpestet. Die Nacht ist nicht mehr lang.“

Schweigend wichen die Männer an der Tür zurück, ließen die beiden passieren. Draußen leuchteten die Sterne hell und klar. Der Schnee blitzte auf den Dächern, Eiszapfen glitzerten. John atmete wie befreit auf. Die kalte Nachtluft kühlte seine heißen Schläfen.

„Was wird mit McBrud geschehen?“, forschte er gespannt. Spaud hob die Schultern und blickte düster in die Nacht hinein.

„Wahrscheinlich das Gleiche, was auch mit Grester und Wellig geschehen wird. Man wird sie alle drei zur Hauptstadt schaffen und ihnen den Prozess machen. Vielleicht haben sie Glück und die Westgesellschaft stellt ihnen einen guten Rechtsanwalt zur Seite, Brown, im ganzen Camp gibt es heute nur ein Gespräch, über Dakotas und Hunkpapa-Sioux und über dich.“

„Man sollte lieber von dem verschwundenen Zug reden.“

„Das Thema ist noch gleichermaßen aktuell, Freund“, entgegnete Spaud grimmig. „Es sind schon manche Züge von den Redmen ausgeraubt und geplündert worden, und schon manch braver Soldat fiel im Kampf. Das wird auch so bleiben, bis die große Nation der Redmen kapituliert, wird noch so lange bleiben, bis die letzten Redmen in die Reservation abgewandert sind und ein stolzes Volk zum Sterben verurteilt ist. Wahrhaftig, ich bin kein besonderer Freund ihrer Methoden und ihrer Kriegsführung, aber es ist doch so, dass man mit den Redmen Verträge macht und die bricht, dass man ihnen immer mehr von ihren Rechten nimmt und ihre Länder stiehlt. Man sollte nicht allzu sehr über diese Probleme nachdenken.“

Er verstummte, schritt rascher an Johns Seite aus, blickte nur hin und wieder verstohlen zu dem Manne hin, dessen Kampfgeist jeden Mann zur Begeisterung hinreißen musste. Überall standen die Menschen noch auf den Gehsteigen und auf den Veranden diskutierend herum. Überall sah man ihre Zigaretten und ihre Pfeifenglut aufleuchten wie Glühlichter.

By Jove, Spaud erwähnte Jimmy Glody und Jeffersons Tochter mit keinem Wort, und doch, er spürte es deutlich, waren es gerade diese beiden, die unsichtbar zwischen ihm und Brown standen, diese beiden Menschen, die mit dem Zug verschwunden waren.

Sie schritten weiter. Von einem Schuppen löste sich eine große Kavalkade, die langsam in die Nacht zum Palisadentor hinritt. Bevor John fragen konnte, gab Spaud die Erklärung:

„Der Telegrafentrupp, Sonny. Sie werden die Masten an der Strecke aufrichten und die Leitung wiederherstellen. Sie reiten und beginnen mit ihrer Arbeit, die zeitraubend ist, bevor der große Trupp die Strecke abreitet, um nach dem Zug und den Soldaten zu suchen.“

John sah zu den Reitern hin, die Schlitten mit Werkzeugen, Kabelrollen und Proviant mit sich führten. Er gab keine Antwort und ging weiter. Er kam sich jetzt so überflüssig und zwecklos vor. Ein bitteres, schales Gefühl war in ihm, als er die kleine Kanone sah, die der Werktrupp mit sich führte. Er sah zu den Arbeitern hin, die am Palisadentor dicht gedrängt dem Abmarsch des Werktrupps zuschauten. Keine Hochrufe, kein Lärm, nichts, was nach begeistertem Kampfrausch aussah. Jeder im Lager wusste, dass in der Wildnis der Gegner hart und zäh war. In den langen Jahren des Bahnbaues hatten sie alle mehr oder minder ihre Lektion erhalten.

Wie ein düsteres Verhängnis lag es über dem Camp, und das wurde noch deutlicher offenbar, als die beiden Männer am Verwaltungsgebäude die Vorbereitungen sahen, die getroffen wurden. Man ließ sie ungehindert passieren und zum Kommandanten gehen. Sie fanden ihn in seinem Arbeitszimmer, mit leitenden Ingenieuren im Gespräch. Bei ihrem Eintritt verstummte die Diskussion.

Al Chester, der Kommandant, sah mit seinen hellen Augen die beiden scharf an. Zuerst Spaud, dann Brown, und sein Blick ließ nicht von John ab, als er sich hinter seinem Schreibtisch erhob und John wortlos die Hand hinstreckte, die John ohne Pathos schüttelte.

„Hallo, Brown!“

„Hallo“, erwiderte John ruhig den Gruß.

Der Pfiff einer Lokomotive drang ins Zimmer. Chesters wie versteinert wirkende Gesichtszüge lockerten sich auf.

„Der Hilfszug fährt bereits“, sagte er, als spräche er mit sich selbst. „Über dreihundert schwer bewaffnete Männer fahren mit diesem Zug.“

„Sie kommen zu spät, Kommandant!“

„Ich weiß“, klang es bewegt. „Wir alle kommen viel zu spät, und wir haben nur die schreckliche Aufgabe, die Toben zu holen und für sie zu beten.“

„Und in der Frühe bricht sicher eine große Streitmacht auf, um den Roten eine gehörige Lektion zu erteilen, wie?“

„Yeah, es muss sein, Brown! Der Bahnbau geht weiter. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Das war von Anfang an so und wird bleiben. Das große Werk wird vollbracht. Unsere Gesellschaft wird als erste in Ogden eintreffen.“ Er löste seine Hand aus der seines Gastes und ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken. „Brown, trotz aller Intrigen, Strapazen, Kämpfe und Fehlschläge werden wir siegen. Oder glaubst du, dass die Westgesellschaft nicht mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat wie wir? Wir haben hier die Teton Dakotas und die Hunkpapas, drüben aber sind die Oglalas und Brules. Hier haben wir es mit Red Cloud zu tun, die anderen aber mit Crazy Horse. Ob hier oder dort, überall ist es das Gleiche. Für eine große Sache müssen auch große Opfer gebracht werden. Glaube nicht, Brown, dass es mich kaltlässt, die guten Jungens tot zu wissen, dass es mir gleichgültig ist, was aus Jeffersons Tochter geworden ist.“

„Kommandant, heißt das mit anderen Worten, dass Sie nicht gewillt sind, etwas für Jeffersons Tochter zu riskieren?“, unterbrach ihn Brown mit harter Stimme.

„So sollst du das nicht auffassen, Brown. Zuerst kommt das Ziel! Es ist doch klar, dass ich erst die Strecke freihaben muss, erst alles tun muss, um hier die Schwierigkeiten zu bekämpfen.“

„Das kann zehn bis vierzehn Tage dauern, Chester!“

„Gewiss kann es das, Brown. Man weiß nie, was man uns zwischen die Stiefel werfen wird. Ich kann nur eines, erst darauf dringen, dass die Männer im Vorcamp mit Proviant und allem Nötigen versorgt werden, dass die Redmen-Gefahr von ihnen abgewandt wird und sie weiterbauen können.“

„Es geht dir wohl nur um die Bahn, Kommandant?“

„In erster Linie, yeah!“, stellte Al Chester fest. Ein bitterer Zug grub sich um seinen Mund. „Das wirst du doch begreifen, Brown. Du bist schon lange dabei.“

„Gut, ich will es begreifen, obwohl ich weiß, dass gerade jetzt die Arbeiten am Blue-Whister-Berg zum Halt gekommen und der Vormarsch des Schienenstranges gestoppt ist. Vielleicht gestoppt bis zum Frühjahr, bis man den Berg sprengen und einen Tunnel bauen kann.“

„Die Arbeiten werden nicht gestoppt“, erwiderte Al Chester schroff. „Wenn man nicht durch den Berg kann, werden die Schienen einfach über den vereisten See, um den Berg herum verlegt, und die Arbeit geht weiter. Morgen schon wird Jefferson entsprechende Befehle erhalten.“

John prallte zurück. Groß und fast starr wirkten seine Augen.

„Das heißt also, dass man keine Leute hat, um nach Jeffersons Tochter zu suchen?“

„Allmächtiger, Brown, ich sagte doch bereits, wie sehr ich gerade ihr Schicksal bedauere. Aber wer will das Risiko auf sich nehmen, nach ihr zu suchen? Es würde sich nicht ein einziger Freiwilliger melden, Brown. In den langen Jahren am Schienenstrang weiß ein jeder zu viel über die roten Teufel. Ah, glaube mir, Brown, ich begreife dich recht gut. Du hast geglaubt, dass die Arbeit bis zum Frühjahr liegen bleiben wird und ich genügend Männer für eine Suchexpedition abstellen könnte. Das ist leider nicht der Fall. Alle Männer werden hier gebraucht.“

„Ist das dein letzter Entschluss?“ Browns Augen wurden schmal, funkelten den Kommandanten an. Der nickte und biss sich auf die Unterlippe, stieß heftig heraus:

„Yeah! Es geht um mehr, es geht um das große Ziel. Ich bin dafür verantwortlich, und ich kann nur dieses Ziel sehen, Brown. Es tut mir leid, dass ich es nicht mit deinen Augen sehen kann, aber durch Grangers Tätigkeit als Agent hier im Lager haben wir bereits viel Zeit verloren. Ich kann nicht anders, als meine Pflicht tun! Wenn die erste Bahn von Ost nach West und umgekehrt laufen wird, dann ist eine neue Epoche in diesem Kontinent angebrochen. Weitere Bahnlinien werden gebaut werden. Die Eisenbahnen werden Truppen, Material, Munition, Auswanderer, Farmer bringen, sie werden Ranchers und Fallensteller, Bisonjäger, Indianeragenten und eine Fülle von Gepäck befördern. Sie alle werden nach Westen ziehen. Dorthin, wo im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten der fruchtbare Boden winkt, wo es Gold, Erze, Edelhölzer gibt, wo sich ihnen eine neue, noch nicht übersehbare Zukunft öffnet. Brown, wie schon gesagt, wo gehobelt wird, fallen Späne. Du und ich, wir alle sind nur Wegbereiter für eine bessere Zukunft. Dein Ritt durch den Blizzard gehört dazu. Wir alle sind nur Pioniere und Werkzeug für eine große, gewaltige Nation.“

„Mit großen Worten wird Jeffersons Tochter nicht zu helfen sein, Kommandant“, nahm John dem anderen scharf das Wort. Ein übles Gefühl krampfte ihm den Magen zusammen. Nein, diesem Manne würde er nichts berichten, nichts davon sagen, dass er den Untergang der dreißig Blauröcke mit angesehen hatte. Er würde auch die schrecklichen Erlebnisse, die in jener grausigen Nacht über ihn wie eine Sturmflut hereinbrachen, für sich behalten. Was ging es auch den Kommandanten an, dass man ihn bereits nach Siouxart bestatten wollte, dass er in einer Schneehöhle gelegen hatte und dass er kämpfen und töten musste, um mit dem Leben davonzukommen? Hölle und Teufel, was stand er hier noch herum? Es gab keine Hoffnung mehr für Dolores Jefferson. Man hatte sie abgeschrieben wie alles, was mit dem verlorenen Zug zusammenhing.

Betreten sahen die Ingenieure drein, recht mürrisch war auch Spaud, aber niemand der Männer hatte den Mut, gegen die Erklärung des Kommandanten Stellung zu nehmen.

„Chester, in diesem Augenblick betrachte ich meinen Vertrag mit der 'Union Pacific' als gelöst.“ Schwer wie Hammerschläge fielen Johns Worte in die Stille. Spaud zuckte zusammen, und die Ingenieure hinter dem Kommandanten hoben die Köpfe. In ihren Augen war Erstaunen und Verwunderung zu lesen.

Ein Mann wagte es, seinen Vertrag zu kündigen! Das war noch nie dagewesen! Nein, wenn einer gehen wollte, der tat es heimlich und still, sagte es auf keinen Fall offen heraus, sondern verschwand bei einer ihm günstig erscheinenden Gelegenheit, denn harte Strafen bedrohten den, der seinen Vertrag nicht einhielt.

Die Stille nach Johns Worten war noch tiefer geworden. Man hätte eine Stecknadel fallen gehört. Al Chesters Hand ballte sich zur Faust. Ein hartes Glitzern erschien in seinen Augen. Finster krochen seine buschigen Brauen zusammen.

„Brown, außer Jeffersons Tochter sind auch die Geldkisten aus dem Zuge geraubt worden“, dehnte er, wobei er John zwingend ansah. „Ein Verlust, der die Gesellschaft schwer treffen wird.“

„Granger und Natter werden sich schon darum kümmern.“

„Hölle!“ Chesters Faust krachte auf den Tisch herab. Er sprang von seinem Sitz auf. „Wenn ich dich recht verstehe, willst du damit sagen, dass Granger schon vorher mit Red Cloud Abmachungen getroffen hat?“

„Genau das, Kommandant! Granger war nicht nur ein Verräter, sondern auch ein Mann, der das ihm geschenkte Vertrauen restlos ausnützte.“

„Um diese Behauptung aufzustellen, muss man sehr viel wissen, Brown, und ich bestehe nun darauf, dass du auspackst.“

John ließ es sich nicht zweimal sagen. In knappen Worten schilderte er, was er herausgebracht hatte. Man hörte ihm zu, unterbrach ihn nicht, und als er endete, herrschte atemlose Stille. Chester schnaufte, als hätte sich in seinem Innern zu viel Dynamit angesammelt:

„Ich habe Jeffersons Briefe von Tonny Slatter und Ruy May erhalten. Natter war bei ihnen gewesen, um sie auszuhorchen. Die beiden Männer gaben bereitwillig Auskunft und folgten anschließend Natter, ohne dass der Bursche es bemerkte. Sie sahen, wie Natter in Grangers Wohnung ging. Sie beobachteten das Haus, bis ich in der Stadt eintraf. Als die beiden das Haus verließen und zu den Munitionsschuppen gingen, folgten sie ihnen nicht, weil das Gelände bei den Munitionsschuppen zu offen lag, sondern durchsuchten Grangers Wohnung, fanden die beiden Briefe von Jefferson und brachten sie mir.

Das sage ich dir alles, Brown, damit sich das von dir entworfene Bild abrundet. Du hast uns mit deinem Bericht die Augen geöffnet, aber leider zu spät. Granger und Natter sind flüchtig und entwischt.“

„Du willst ihre Spuren nicht aufnehmen lassen?“, keuchte John Brown.

„Nein!“, fetzte es von Chesters Lippen. „So sehr ich auch wünschte, dass man Granger das Handwerk legte. Ich muss ihn mit seinem Komplizen laufen lassen.“

„Er wird ebenso abgeschrieben, wie Jeffersons Tochter, die Geldkisten und der Zug?“, platzte John böse heraus. „Großer Gott, Chester, das kann doch nicht dein Ernst sein?“

Der Kommandant schluckte schwer.

„Doch!“, grimmte er. „Mir sind die Hände gebunden. Zuerst die Bahn.“

„Mittlerweile spielt Granger seinen besten Trumpf aus. Kommandant, das ist mehr, als ich ertragen kann!“

„Und wenn du es hundertmal nicht schlucken kannst und dich dagegen auflehnst, Brown, ich kann deine privaten Rachegefühle nicht unterstützen und deinen Vertrag mit uns nicht lösen. Die Gesellschaft braucht dich, jetzt mehr denn je. Der Vertrag wird nicht gekündigt! Gute Scouts und Jäger findet man nicht alle Tage und selten einen, der sich mit den Redmen so gut auskennt wie du. Du wirst bleiben!“

„Ich habe einen guten Freund, der durch Grangers Machenschaften umkam. Er nannte sich Jimmy und wollte zu seinem Bruder, um ihn zu pflegen.“

„Jimmy Glody war unser aller Freund“, betonte Chester, „genauso wie die anderen Jungen, die mit dem verlorenen Zug umkamen. Sie sind genauso unvergesslich, wie die gefallenen Soldaten, die für eine große Sache starben. Stelle lieber nicht ein Einzelschicksal heraus, Brown, die anderen waren auch Menschen.“

„So ...? Das Gefühl hatte ich bisher nicht bei deiner Einstellung über das Geschehene“, klang es kalt, abweisend, von bitterem Grimm erfüllt. „Ich habe meinen Dienst quittiert, und ich bleibe dabei.“

„Was du denkst, ist im Augenblick gleichgültig, Brown“, gab Chester ungeduldig zu verstehen. „Im Augenblick gilt das, was ich bestimme, und ich lasse mir von niemandem dazwischenfunken. Lege deinen Gurt ab. Du bist unser Gefangener, Brown!“

„Ich?“, platzte John heraus.

„Yeah, so lange, bis du wieder vernünftig denkst“, klang es kalt und kühl. „Oder glaubst du, dass du allein gegen die Roten Amok laufen kannst? Glaubst du, dass ich deine Gedanken nicht kenne? Du verlangst wie toll nach Rache, aber das wäre das Unvernünftigste. Ich betone noch einmal, es geht hier um etwas Großes und um die Vollendung eines Werkes, von dem die Welt sprechen wird, und darum, Brown, wirst du gehorchen.“

Statt aller Antwort kam nur ein seltsam hohles Lachen über Johns aufgeschlagene Lippen. Er löste den Waffengurt, warf ihn mitsamt den Eisen auf die Schreibtischplatte des Kommandanten. Der legte beide Hände darauf und starrte John kalt an.

„Ich wusste doch, dass du vernünftig bist, Brown. Es wäre auch schade um einen Mann, der so viel für die 'Union Pacific' getan hat und dessen Name in den Annalen der Geschichte um den Bahnbau eingehen wird.“

„Halte diesen Song Jefferson, wenn du ihm mitteilst, dass er sich seine Tochter aus dem Herzen reißen soll, und sage es Andy Glody, wenn er sich nach seinem Bruder Jimmy erkundigt. Mich aber lass damit in Ruhe. Zum Teufel mit meinem Ritt hierher!“ Schroff drehte sich John auf seinen Stiefelabsätzen herum und zeigte dem Kommandanten seinen Rücken.

Spaud legte ihm sanft die Rechte auf die Schulter, sagte:

„In meinem Hause ist ein prima Zimmer und ein weiches Bett für dich frei. Ich denke, dass Chester nichts dagegen haben wird, wenn du beides benutzt.“

„Auf keinen Fall, Spaud! Nur, du bist für ihn verantwortlich, und ich mache dich haftbar, falls Brown flüchten sollte“, bestimmte der Kommandant.

„Das nehme ich auf mich, Chester. Gehen wir, Brown! Hier riecht es beinahe so wie im Gefängnis. Findest du nicht auch?“

„Yeah“, rasselte John Brown zurück. „Jeder könnte das auf drei Meilen Entfernung hin riechen.“

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8.

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Ruhe und Schlaf waren das Nötigste, was John Brown brauchte. Er fand beides in Spauds Zimmer, in dem er sofort, ohne Spauds Einladung zum Essen anzunehmen, in einen tiefen Schlaf verfiel. Die Reaktion nach allen Aufregungen setzte ein, und auch die Tatsache, dass ihm durch Al Chester die Hände gebunden waren, verhalfen ihm zur Entspannung und zum Schlaf. Irgendwo aber in der weißen Wildnis ritten Indianerhorden, ritten zwei Schufte, fuhr ein Zug langsam dahin und war eine Gruppe Arbeiter dabei, die Telegrafenmasten wieder aufzustellen.

Und hundert Meilen entfernt wartete Jefferson auf Nachricht von seiner Tochter, bangte Andy Glody um seinen Bruder Jimmy.

Diese Gedanken verfolgten John bis in den Schlaf hinein. Sie erfüllten ihn mit unruhigen Träumen, in denen er mit schemenhaften Gewalten kämpfte.

Wie lange er schlief? Er wusste es nicht, denn als er die Augen aufschlug, war der Tag so grau und trübe wie immer.

„Wie fühlst du dich, Brown?“, hörte er Spauds tiefe Stimme. „Als ich dich massierte, hast du wie wild um dich geschlagen. Ich musste Old Jemmy zur Hilfe holen, aber auch er schaffte es nicht, dich zu bändigen. Es blieb uns nichts anderes übrig, als dich ans Bett zu binden, damit wir dich mit Alkohol einreiben konnten. Heh, Brown, es hat nicht viel gefehlt und du hättest die Fesseln gesprengt!“

John richtete sich auf, starrte auf seine Handgelenke. Die roten Striemen daran zeigten deutlich, dass Spaud nicht log. Spaud saß an dem kleinen Tisch im Zimmer und beobachtete ihn ruhig.

„Wie lange habe ich geschlafen?“, fragte John verwirrt.

„Einen Tag und eine Nacht hindurch“, klang es aufreizend spöttisch. „Oh, rege dich nur nicht auf. Es ist auch ohne dich alles programmgemäß vorangegangen.“

„Wo ist Chester?“

„Fort, mein Junge! Er wartete nicht erst, bis du aus deinem Winterschlaf aufwachtest und ist schon lange Zeit unterwegs. Sicherlich hat er mit seiner starken Truppe die Unfallstelle bereits erreicht. Er nahm nur die besten Pferde und die härtesten Burschen auf seinem schnellen Ritt mit.“

„Er hat sich nicht mehr nach mir erkundigt?“

„Oh, yeah, er war vor seinem Aufbruch hier.“

„Und, was wollte er? Sich sicherlich davon überzeugen, ob ich mich nicht heimlich auf und davon gemacht habe.“

„Das weniger, Brown“, grinste Spaud ungehalten. „Er gab mir nur diesen Wisch ab. Hier, nimm und lies! Vielleicht hat er dir einen Drohbrief geschrieben oder will dir mit teilen, was du nun zu tun hast.“

„Oder er schlägt meine Beförderung vor oder teilt mir mit, dass ich einen Orden bekommen werde!“, knirschte John Brown böse. Er schob die Decke von sich, langte sich den verschlossenen Briefumschlag, riss ihn auf.

Seine Augen weiteten sich vor Staunen.

„Nun?“, fragte Spaud ungeduldig. „Hat er dich zum Werksleiter ernannt?“

„Nein, Buddy, er hat mir meine Entlassungspapiere geschickt!“

Spauds Mund öffnete sich. Seine Augen traten hervor, tief saugte er die Luft ein:

„Mach keine Witze, Brown! Das würde ja bedeuten, dass er dir freie Hand lässt, dass er im Grunde ein anständiger Mann ist, dass er doch noch ein menschliches Empfinden in sich trägt!“

„Dichte ihm nicht zu viel an, Freund“, unterbrach ihn Brown düster. „Vielleicht hat er auch herausgefunden, dass es unmöglich ist, mich festzunageln, und will sich nicht blamieren.“

„Ah, nimm das nur, wie du willst, Brown. Ich denke, dass deine Entlassung auch mir einen Stein von der Schulter nimmt. Du bist jetzt ein freier Mann und kannst tun und lassen was du willst.“

„Yeah, Chester war so freundlich, mir meinen Lohn gleich beizulegen und dafür zu sorgen, dass Proviant und ein Reittier für mich bereitstehen. Er hat es eilig und will mich wohl schnell aus der Stadt haben. Oh, er wird darauf nicht lange zu warten brauchen. In einer Stunde reite ich.“

„Aber nicht allein, Sonny“, unterbrach ihn Spaud. „Du hast vergessen, dass Old Jemmy und ich die drückende Luft im Camp kaum noch vertragen können. Wir reiten mit dir!“

„Den Teufel werdet ihr, Spaud, hörst du?“

„Rufe den Teufel lieber nicht an, denn ich denke, dass wir ihm auf dem Trail zu den Dakotas oft genug begegnen werden, sozusagen in allen möglichen Fratzen. Du willst doch zu den Dakotas, oder ...?“

„Damny, Spaud, ich habe dich in Verdacht, dass du dich mit Chester über meinen Kopf hinweg ins Einvernehmen gesetzt hast. Du gehörst wohl zu den Hirnverbrannten, die freiwillig ein Höllenkommando auf sich nehmen?“

„Etwas stimmt nicht, Brown. Dazu gehört noch Old Jemmy und du. Es tut mir leid, dass ich dich berichtigen muss.“

„Und mir tut es leid, dass ich dir sagen muss, dass ich nicht die Absicht habe, mein Fell zum Markte zu tragen. Ich habe meine Entlassung, das genügt. Ich will dir sagen, was ich tue. Ich werde diesem Lande den Rücken zeigen, dorthin reiten, wo man in Frieden leben kann. Genau das werde ich tun, Fellow. Ich bin dieses Leben hier bei der 'Union Pacific' leid bis obenhin.“

Wütend brach John ab, stand auf und zog sich an. Dann sah er seinen Waffengurt auf dem Tisch liegen. Irgendwer musste ihn gebracht haben. Er nahm ihn an sich, schnallte ihn um. „Bevor ich losreite, kann ich einige Whiskys und eine gute Mahlzeit vertragen. Eh, was ist mit dir los, Spaud?“

„Mir ist nur übel geworden, Brown, verteufelt übel. Gestern noch hätte ich mich an deiner Seite erschießen lassen können.“

„Und heute?“

„Ah, lass es lieber ungesagt sein, Brown“, stieß Spaud heiser heraus und sah mit zornglühenden Augen an John vorbei zum Fenster hin, an dem von draußen dicke Schneeflocken entlangrieselten. „Dein Drink und dein Essen gehen auf die Rechnung meines Hauses. So long!“

„Warum so eilig, Spaud? Bleibe doch, gehen wir gemeinsam zur Bar.“

„Ich werde Anweisung geben, dass du alles erhältst, was du dir wünschst, Brown, aber verlange nicht von mir, dass ich meine Zeit mit dir vertrödele.“

„Oh, ich habe nicht gewusst, dass dich die Geschäfte so in Anspruch nehmen?“, entgegnete John spöttisch.

„Geschäfte?“, stieß Spaud wild heraus. „Sonny, was weißt du von mir? Dass ich eine Bar habe? Nun, ich bin nicht der Erste und werde nicht der Letzte sein, der eine Bar besitzt und ein windschiefes, klappriges Hotel. Vor mir waren Keeper da, die unrasierte Männer bis zum Hals mit Whisky füllten, und hinter mir werden es andere tun. Es gibt noch andere Dinge im Leben, als Whisky verkaufen und sich mit Besoffenen herumärgern. Vielleicht habe ich bis zum heutigen Tag warten müssen, um das zu erkennen. Aber einmal im Leben kommt eine Stunde, in der sich ein Mann entscheiden muss, ob er gewillt ist, Mann zu bleiben. Diese Stunde, Brown, ist gekommen, und ich habe mich entschieden. Genauso wie sich Old Jemmy entschieden hat. Reite du nur dahin, wo es Frieden für dich gibt.“

Er schluckte schwer. Schatten standen in seinen Augen. Langsam drehte er sich herum und verschwand aus dem Raume.

John hielt ihn nicht auf, biss sich nur auf die Unterlippe und knurrte vor sich hin:

„Zwei Narren mehr auf der Welt! Wo soll das hinführen?“

Dann ging John in die Bar. Old Jemmy saß dort auf einem Hocker und grinste vergnügt zu ihm hin.

„Nun, Brown, wann geht es los?“

„Du redest in Rätseln, Fellow. Was habe ich noch mit Chester zu tun?“

Old Jemmy schob sich den zerfransten Stetson in die Stirn und kicherte:

„Stell dich nicht so an. Du weißt genau, was ich meine. Versuche erst gar nicht, mich und Spaud abzuwimmeln. Ich sage es dir offen heraus, dass wir dich auf den Trail gegen die Dakotas begleiten werden. Zu dreien sind die Möglichkeiten besser. Sechs Augen sehen mehr als zwei, und wenn wir hart genug sind, müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht den Roten ein Schnippchen schlagen und Jeffersons Tochter befreien können.“

Er schwieg und sah John seltsam in das ausdruckslose, versteinerte Gesicht, beugte sich vor und krallte seine Hände in Johns Schultern hinein, rüttelte daran. „Dir geht es wohl nicht gut, Brown, wie?“

„Ich bin ganz fit, Fellow, aber mir wird es verteufelt übel, wenn ich zwei Narren begegne, die ihre Skalps so locker sitzen haben, wie Spaud und du.“

„Damit kannst du mich nicht erschrecken, Buddy“, kicherte der Oldman erleichtert und hob mit dem Stetson seine Haarperücke ab, die einen kahlen, runden, haarlosen Schädel verdeckte. „Wo nichts zu holen ist, hat sogar der Präsident sein Recht verloren. Du reitest doch?“

„No!“, klang es grollend. „Ich habe nichts dagegen, wenn du und Spaud euch an die Marterpfähle der Dakotas bringen wollt, für mich aber habe ich entschieden etwas dagegen.“ John riss sich von dem Oldman los und steuerte auf einen Tisch in der Ecke der Bar zu.

Brown ärgerte sich. Yeah, er ärgerte sich über die Zähigkeit, mit der die beiden sich ihm aufdrängen wollten. Sicherlich hatte sich das Chester so ausgebeten, bevor er bereit war, ihm die Entlassungspapiere auszuhändigen. Er, Brown, hatte zu lange geschlafen. Über seinen Kopf hinweg hatte man verhandelt. By Gosh, yeah, der Trail zu den Jagdgründen der Dakotas war aber kein Spazierritt.

John ärgerte sich darüber, dass er den beiden Theater vorspielen musste. Gewiss würden die beiden es nicht wagen, auf eigene Faust loszuziehen. Sie sollten lieber in der Sicherheit des Camps bleiben.

Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie sich Old Jemmy Stetson und Perücke wieder auf den Kopf stülpte und vom Hocker rutschte und mit einem schnellen Blick auf ihn eilig aus dem Raume eilte. Ah, sollte er sich ruhig mit Spaud in Verbindung setzen, es sollte John nur recht sein. Den Weg durch die Hölle wollte er ohne Begleitung antreten.

John bestellte seine Mahlzeit und seinen Whisky. Er aß und trank ohne jeden Appetit. Dann verließ er die Bar, ging zurück auf sein Zimmer und holte seine Fellmütze. Wenig später ließ er sich vom Stallmann das Pferd zeigen, das Chester für ihn ausgesucht hatte.

John war ehrlich überrascht, als er einen Rappen in der Box vorfand, der alle seine Wünsche weit übertraf. Er ging nahe an das Tier heran, kraulte es in der Mähne, klopfte ihm den Hals und freundete sich mit ihm an. Der Stallmann stand dabei und sah zu. Sagte dann:

„Das beste Pferd der Gesellschaft hat dir Chester überlassen, und zwar sein eigenes. Du musst ihm ein besonderer Freund sein, Brown, Chester trennt sich sonst nie von diesem Rappen. Außerdem stellte er dir ein gutes Packpferd bereit. Dazu Proviant und Decken, alles, was man sonst noch für einen Ritt durch Schnee und Eis haben muss. Chester hat dir wohl eine Sonderaufgabe zugeteilt, wie?“

John gab darauf keine Antwort. Interessiert sah er zu zwei leeren Boxen hin, sah dann den Stallmann an. Fragte: „Heute scheinen viele Gents unterwegs zu sein?“

„Oh, darüber ließe sich vieles sagen, Brown, aber wenn du wissen willst, wer die Pferde dort aus den Boxen bekam, kann ich dir deine Frage nicht beantworten. Sie wurden von meinem Kameraden herausgegeben. Mein Dienst begann vor zehn Minuten. Wie du siehst, sind fast alle Boxen leer.“

„In den beiden dort standen aber bis vor einer Viertelstunde noch Pferde.“

„Woran willst du das erkennen, Brown?“

„Ganz einfach, die Losung ist noch nicht erkaltet!“

„Yeah, es ist wirklich einfach“, staunte der Stallmann verwundert. „Ich kann mich erinnern, dass in den beiden Boxen ausgezeichnete Tiere standen. Ich werde sogleich nachhören, wer die Tiere bekommen hat.“

„Das ist nicht mehr nötig, Buddy“, versicherte John dem Stallmann. „Ich denke, auch das ist mir bereits klar.“

Überrascht schaute ihn der Stallmann an.

„Brown, ich habe von dir gehört, dass du ein berühmter Jäger und Scout bist, aber man hat mir nicht erzählt, dass du auch hellsehen kannst. Wer, zum Teufel, hat die Pferde bekommen?“

„Zwei, die es eilig hatten, aus dem Camp zu kommen, Sonny. Zwei, die der Hafer sticht.“

„Ich weiß, Tim Grester und Tom Wellig! Hölle, dass ich nicht gleich darauf kam! Ich muss Alarm schlagen, ich muss ...“

„Beeile dich nicht zu sehr, Freund. Grester und Wellig werden kaum in der Lage sein, sich auf ein Pferd zu setzen. Grangers Kugel hat sie arg niedergeworfen.“

„Dann ist es sicher McBrud!“, kreischte der Stallmann schrill vor Erregung. „Der verteufelte Bursche soll nicht weit kommen. Ah, ich verstehe, Granger oder Natter kam zurück und befreite ihn.“

„Weder Granger noch Natter würden sich dieser Mühe unterziehen, Freund“, grinste ihn John an. „Sie stören sich einen Dreck darum, was aus ihrem Komplizen wird. Den besten Beweis gab Granger, als er Grester und Wellig seine Kugeln schickte.“

„Dann bleibt mir die Luft weg, Brown“, klang es verstört zurück.

„Vergiss nicht, weiterzuatmen, Freund“, forderte ihn John auf. „Bewege dich lieber und hole mir mein Packpferd. Es ist doch aufgepackt, oder ...?“

„Zum Teufel, yeah! Chester selbst bestand darauf, dass ich ihm die Packen aufschnallte. Chester überwachte mich und sah alles nach, prüfte die Bauchriemen und die Ladung, und den Rappen sattelte und zäumte er selbst auf.

Der Kommandant hat sich sehr um dich bemüht, Brown. Sage mir nun endlich, wer die beiden Pferde aus den Boxen bekommen hat?“

„Das kann dir dein Partner besser sagen als ich, Buddy“, grinste ihn John lässig an. „Neugier ist eine schlechte Eigenschaft bei einem Manne.“

„Hölle, Brown, wer ist das in diesen Tagen nicht? Weißt du, dass der Ersatzzug bereits die Unfallstelle erreicht hat? Nein, das kannst du noch nicht wissen, denn die Nachricht hörte ich vor Dienstbeginn von meinem Freund, der Telegrafist ist. Man hat die Leitung wiederhergestellt, man hat den entgleisten Zug gefunden. Einige Wagen waren restlos verbrannt. Man hat auch die Soldaten gefunden.“

„Ohne einen Sioux zu Gesicht zu bekommen?“

„Hölle, woher weiß du das, Brown?“, schnappte der Stallmann erstaunt zurück.

„Weil ich die Angewohnheiten der Redmen kenne, Freund“, gab John zur Antwort. „Es ist sicher, dass sie sich zurückgezogen haben, um für den nächsten Schlag auszuholen.“

„Du willst damit sagen, dass sie nicht ausgerissen sind?“, erkundigte sich der Stallmann erstaunt.

„Genau das, Fellow! Ich nehme an, dass die Sioux in der Nähe sind. Chester sollte sich nicht in voreiliger Sicherheit wiegen.“

„Brown, wenn es einen Mann gibt, der erfahren in Redmen-Kämpfen ist, dann ist es unser Kommandant. An ihm werden sich die roten Teufel sicherlich die Zähne ausbrechen. Er ist ein Brocken, den sie nicht schlucken können.“

„Wir wollen es hoffen, Buddy. Das wäre für die Stadt und das Bahnarbeitercamp am Blue Whister nur von Vorteil. Ah, zeige mir nun das Packpferd. Ich will fort aus der Stadt. Der Boden hier brennt mir unter den Füßen.“

„Du solltest dir nur ruhig Zeit lassen. Wenn Chester dir einen Sonderauftrag erteilt hat, so nimm dir nur Zeit dazu, Brown. Du hast genug für uns getan.“

„Genug?“, entfuhr es John. Dann lachte er, ein dunkles, abgehacktes, fast verzweifeltes Lachen. Der Stallmann prallte vor diesem Lachen zurück und riss weit die Augen auf. Nein, er begriff nicht, weshalb John Brown lachte, begriff nicht, dass ein Mann an ein Mädel dachte, dass alle abgeschrieben hatten. Er wusste auch nicht, dass John Brown an Granger und Natter, an die Geldkisten und an die Dakota Sioux dachte, an die Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte und die düster und grau in grau vor ihm lag.

Yeah, John wusste nun, dass Andy Glody, der Planierer im Bahnarbeitercamp, sich auf die Hilfe anderer Männer in seiner Krankheit verlassen musste. Sein Bruder Jimmy hatte den Tod gefunden.

John schüttelte sich, stapfte dann hinter dem Stallmann drein. Wenig später sah er das Packpferd, das Chester für ihn zurückgestellt hatte. Ein prächtiges Pferd, das ganz so aussah, als ob es Ausdauer und Zähigkeit besitzen würde. John schaute sich das Tier lange an und kam zu der Überzeugung, dass sein Aussehen kein Bluff war und es halten würde, was es versprach.

Beide Pferde wurden aus dem Stall geführt und an die Halteringe angebunden. John ging auf sein Zimmer, um seine Waffen gründlich zu reinigen, sie mussten ihm glatt in der Hand liegen, die Läufe mussten geölt, die Munition gesichtet werden und jede einzelne Patrone geprüft werden, denn, by Gosh, yeah, jetzt würde er seine Eisen brauchen können. Er erledigte alle Vorbereitungen, die ein Mann treffen musste, wenn er mitten durch die Hölle reiten wollte, und in der Tat, Johns Trail führte direkt in die Hölle.

Ein düsteres Licht flammte in seinen Augen. Er war Chester nicht mehr gram. Chester hatte alles getan, um ihm diesen Ritt so bequem wie möglich zu machen.

Als er mit seinen Vorbereitungen fertig war, brachte ihm der Stallmann einen Brief.

„Den gab Chester für dich ab, Brown. Ich sollte ihn dir aber erst übergeben, wenn du die Stadt verlassen würdest.“

John nahm den Brief entgegen, wartete, bis der Stallmann das Zimmer verlassen hatte. Dann erst riss er den Umschlag auf und nahm das Schreiben heraus.

„Brown, ich weiß, dass dich niemand mehr halten kann. Ich habe es versucht und habe festgestellt, dass es nutzlos war. Bei jedem anderen Mann hätte ich diesen Widerstand zerbrochen und ihn gegen seine Überzeugung im Camp behalten, denn ich bin kein Narr und weiß genau, was einem Einzelgänger da draußen abverlangt wird. Jeden anderen hätte ich gezwungen, den Vertrag mit der 'Union Pacific' zu halten, um sein Leben zu schützen. Dich aber entlasse ich und löse den Vertrag. Du hast bei den Redmen gelebt, du kennst sie besser als wir alle. Vielleicht hast du wirklich eine reelle Chance, etwas von Dolores Jefferson zu erfahren, und vielleicht kommst du durch, um Nachricht zu bringen für Jefferson. Ich wünsche dir alles Glück und Cheerio.“

Der Brief trug Chesters Unterschrift, kein Wort war darin von den Geldkisten, kein Wort von Natter und Granger. Nichts anderes sprach aus dem Schreiben, als die Sorge um eine Frau, die in eine harte Männersache hineingerasselt war. Chesters menschliches Herz sprach aus den Zeilen und tiefes Verständnis für John Brown. Yeah, Chester war nicht nur verantwortlich für alle die Menschen, die gegen Eis und Schnee kämpften, um den Bahnbau weiterzutreiben, er fühlte sich auch für Dolores Jeffersons Schicksal verantwortlich.

John zerriss den Brief in kleine Stücke. Dolores' Schicksal ging allen im Camp nahe. Eine weiße Frau in den Händen der Sioux! Wie ein düsteres Verhängnis lag es über den Männern.

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9.

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Am Morgen war es windstill gewesen. Jetzt kam ein leichter Wind auf, und die Sonne, die bisher fahlgelb wie eine milchige Kugel am Horizont im dunstigen Blau des Winterhimmels hing, wurde von ziehenden, grauen Wolken verdeckt.

Zwei Pferde stemmten sich gegen den Wind. Weit hinter ihnen, schon viele Meilen zurück, lag das Hauptcamp, war wie von der gigantischen Einsamkeit verschluckt. Ringsum breitet sich eine unendlich scheinende weiße Decke aus, nur manchmal unterbrochen von schwarz wirkenden Stämmen schneebedeckter Blautannen, die unter ihrer Schneelast zusammenzubrechen drohten.

Meile tun Meile brachten die Hufe der Pferde hinter sich. Über Hügel ging der Ritt, deren Kuppen vom Wind blank gefegt, nackt und kahl waren, durch Täler, in denen hohe Schneeverwehungen die Hufe der Pferde tief einsinken ließen, sodass sie nur langsam, fast im Zeitlupentempo, weiterkamen. John Brown wählte nicht den Schienenstrang, den Trailweg, den der Zug und die Arbeiterkavalkade genommen hatten, den auch Chester mit seiner schlagkräftigen Truppe nahm, die aus erfahrenen Kämpfern bestand. Er hielt sich abseits des Schienenstranges, brauchte ihn nicht auf diesem Ritt, der ihn geradewegs zu den Tipis der Teton Dakotas führen sollte.

Das war leichter gedacht als ausgeführt. Redmen schlugen einmal hier, einmal dort ihre Zelte auf, ganz so, wie es dem Gebot der Stunde entsprach. Mancher Stamm hatte zwar feste Sommer- und Winterquartiere, jedoch nur in Zeiten, in denen das Kriegsbeil begraben lag. Jetzt aber flammte der Aufruhr unter den Stämmen.

By Gosh, um die Tipis der Teton Dakotas zu finden, musste man eine besondere Nase für ihre Gewohnheiten haben. John war froh, dass er Old Jemmy und Spaud abgeschüttelt hatte. Gewiss hatten die beiden auf eigene Faust reitenden Männer schon längst aufgegeben und waren zur Stadt zurückgekehrt. Sollten sie nur, dort waren die beiden besser aufgehoben, als an seiner Seite.

Am Nachmittag, als John die erste Rast hinter sich hatte, sah er drei erfrorene Büffel, in denen er beim Näherkommen einen alten Büffelbullen und zwei Büffelkühe erkannte, an denen die Wölfe bereits gerissen hatten. Er sah die Spuren vom Aas zum Wald hinführen.

Weiter ging der Ritt! Ein Adler schwebte in Spiralen hoch in der Luft. Von fern her tönte Coyotengeheult. Überall waren noch Spuren des schrecklichen Blizzards festzustellen. Ein alter Fuchsbalg lag quer über einen Baumstumpen, dort, wo der Blizzard das Tier getötet hatte.

Raben stoben auf und drehten schimpfend ihre Runde, ließen sich, als John vorbei war, wieder auf den Balg nieder.

„Vorwärts, go on!“

Johns Augen suchten überall, spähten wachsam in die Runde, beobachteten jeden Baum, jeden Strauch, so, als ob es überall jeden Moment lebendig werden könnte. Der Nachmittag verran. Es zeigten sich weder die Trittsiegel von Mokassins, noch von unbeschlagenen Pferdehufen. Schon wollte er an der lang gestreckten Flanke eines baumbestandenen Hügels entlangreiten, auf denen das nackte Geäst vom Wind gepeitscht durch die Luft fegte, als ihn das Schnauben eines Pferdes jäh seine beiden Pferde an einer Wegbiegung anhalten ließ.

Der Rappe sträubte sich und stieg ein wenig mit der Vorderhand, während das Packpferd an seiner Seite dem noch unsichtbaren Pferd ein gellendes Wiehern zur Begrüßung entgegenschickte.

Zu spät war es für John, es zu verhindern, zu spät, dem Pferd die Nüstern zuzuhalten.

Johns Rechte fegte zum Scabbard und riss die Winchester heraus, schwang sie schussbereit vor.

Für die beiden pelzvermummten Reiter kam das Begrüßungswiehern des Packpferdes völlig überraschend. Sie waren schon aus ihrer Deckung heraus, waren ebenso erschrocken wie John, und auch sie griffen zu den Winchestern, auch sie dachten nicht daran, sich kampflos aus den Sätteln heben zu lassen.

„Stuart Spaud?“, fegte Johns Stimme laut zu den beiden Reitern hin. By Gosh, im letzten Moment hatte er Spaud erkannt.

Er war es wirklich. Sein Begleiter war Old Jemmy, der sich freudig in den Steigbügeln hob und krächzte:

„Sagte ich dir nicht, Stuart, dass wir diesen Indianernarr John Brown noch vor Dunkelwerden treffen würden? Hoh, Brown, du hast uns beide abschütteln wollen. Versuche es jetzt nicht mehr, wir lassen uns selbst durch Pulverdampf und Kettenblitze nicht vertreiben.“

Er grinste und zwinkerte mit den Augen, trieb sein Reittier eilig weiter auf Johns Rappen zu und brachte es quer vor dem Rappen zum Halten. „So leicht kannst du uns nicht abschütteln, Brown. Ich habe dir von Anfang an deine Story nicht geglaubt, habe sofort gefühlt, dass du uns nicht mit auf den Trail nehmen willst. Um aber die Sache gleich klarzustellen, Stuart Spaud hat ein Recht darauf, an deiner Seite zu bleiben.“

„Ein Recht?“, fauchte John ungehalten und ungeduldig. Man hörte es seiner Stimme an, dass der Ärger ihm schier die Kehle zudrückte. „Wer gab ihm dieses Recht, heh?“

„Dolores Jefferson, sie ist seine Braut!“

„Allmächtiger!“, stöhnte John erschüttert.

„Sie hatten sich heimlich verlobt und wollten heiraten, sobald sie mit ihrem Vater gesprochen hatte. Jetzt begreifst du sicher, weshalb Spaud seine Bar in Stich ließ, jetzt verstehst du seine Wut auf Granger, der hinter seinem Mädel her war, seine Wut auf Natter und alle jene Schufte, die zu dem Verein gehörten. Höre, Brown, du kannst uns beide nicht mehr abweisen!“

Hölle und Teufel! John Brown sah aus schmalen Augen von einem zum anderen, schluckte schwer, stemmte die Hände fest auf das Sattelhorn.

Er betrachtete den Keeper so, als ob er ihn zum ersten Mal gesehen hätte, abwägend, forschend, kalt, und stellte fest, dass sich eine Frau sehr wohl in ihn verlieben könnte. Yeah, Stuart Spaud machte keinen schlechten Eindruck. Fest erwiderte er Johns Blick.

„Ich weiß, dass du uns lieber auf den Mond, als an deiner Seite wünschst, Brown“, murmelte er bitter. „In deinen Augen sind wir dir vielleicht nur Ballast, aber ...“

„Rede nicht weiter, Freund. Ein Schuft ist der Mann, der nicht alles versuchen würde, um die Frau, die er liebt, aus einer gefahrvollen Situation zu befreien.“

„Was auch immer sein mag, Brown, wenn sie nur lebt, wenn sie nur gerettet werden kann. Ich ...“ Seine Stimme erstickte vor innerer Bewegung. Er wandte sich ab, wollte nicht mehr in die forschenden Augen Browns sehen. Seine Wangenmuskeln mahlten bewegt, zuckten verhalten.

„Ich verstehe ich, Spaud. Ich habe nicht gewusst, dass dir Jeffersons Tochter so viel bedeutet!“

„Ich würde durch die Hölle für sie gehen, Brown“, erwiderte Spaud ohne Pathos.

„Und du bereust nicht, dass du im Begriff bist, alles aufzugeben, wahrscheinlich sogar das Leben?“

„Nein! Ohne sie ist für mich alles wertlos, Brown, auch das Leben.“ Spaud wandte sich mit seinem Tier herum, sodass er John Brown den Rücken kehrte und trieb es langsam zu einer Fichtengruppe zur linken Hand hin. Als er sich außer Hörweite befand, beugte sich Old Jemmy im Sattel vor.

„Den hat es erwischt, Brown!“, krächzte der Alte. „Der würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen. Stoße uns nicht von deiner Seite, denn wir würden auch ohne dich unser Glück versuchen.“

Er schwieg und sah John erwartungsvoll an. „Wir werden alles tun, was du anordnest, Brown“, murmelte er heiser. „Ich denke, dass drei Paar Augen mehr sehen, als nur ein Paar, und ich denke, dass drei Winchester einen größeren Feuerzauber ausüben können als eine. Wie steht es nun, Brown?“

„Reitet mit!“, bestimmte John. „Wenn ein Mann dem Teufel ins Auge spucken will, soll man ihn davon nicht abhalten.“

„Das ist ein Wort, Brown! Heh, Stuart, auf zum Höllenreigen!“, rief Old Jemmy erleichtert seinem Partner zu. „Als Kleeblatt hat man immer einige Chancen, und ich will meinen Stetson fressen, wenn dieser Höllenschuft Granger mit seinem Komplizen nicht auf demselben Trail ist wie wir!“

Zu dritt ritten sie weiter, hintereinander, ein Pferd in den Trittsiegeln des anderen. Eine Vorsichtsmaßnahme, die John nicht außer Acht ließ, Meile um Meile, Stunde um Stunde. Es dämmerte schon, als sie gerade an einem dichten Unterholzgestrüpp entlangritten und plötzlich die Pferde unruhig wurden. Dünner Rauch wurde sichtbar.

„Stopp!“, murmelte John. „Schauen wir nach. Old Jemmy bleibt bei den Pferden!“

Der Alte nickte wortlos. Spaud und John warfen ihm die Zügel zu, glitten aus den Sätteln, und Old Jemmy führte die Tiere schnell zu einigen Tannen in Deckung hin.

„Gebt auf eure Haut acht!“, rief Old Jemmy hinter den beiden her. Weder Spaud noch John gaben Antwort. Wozu auch, denn das, was vor ihnen lag, war äußerst ungewiss. Sie bewegten sich im Feindesland und waren sich der Gefahr bewusst. Spaud hatte einen Ausdruck in den Augen, als ob er zum Äußersten entschlossen wäre, sich gegen jedes Hindernis stemmen würde.

Spaud war verteufelt schweigsam. John, der vor ihm her mit den gleitenden Bewegungen eines Pumas durch das Unterholz drang, wurde plötzlich langsamer, blieb schließlich stehen und zwang den in seinen Fußstapfen tretenden Partner, ebenfalls anzuhalten.

„Was gibt es?“, fragte Spaud abgerissen.

John streckte die Hand aus. Nur wenige Yards vor ihnen brach das Dickicht ab. Dahinter lag eine schneeverwehte, ansteigende Fläche, auf der im scheidenden Tageslicht ein Seilcorral sichtbar war, in dem über fünfzehn Pferde dicht beieinander standen. Indianerpferde, drahtig, schneebedeckt, mit geflochtenen Mähnen und Schweifen, in den Zierrat angebracht war und gefärbte Federn steckten.

„Sie fühlen sich hier so sicher, dass sie nicht einmal einen Wachposten bei den Pferden abgestellt haben“, flüsterte John Stuart Spaud zu. „Es sind Dakotas, soweit ich das dem Putz der Pferde nach beurteilen kann.“

„Red Clouds Wölfe?“

„So mag man sie nennen, Spaud. In Wirklichkeit sind es Menschen, so wie du und ich. Zwar anderer Hautfarbe und anderer Sitten, aber im Grundprinzip genauso leidend und zu einem Gott betend wie wir.“

„Brown, nimm sie nicht in Schutz“, unterbrach der andere rau. „Mir kocht das Blut in den Adern, wenn ich daran denke, was diese Schurken anstellten!“

„Nur ruhig, Spaud!“, mahnte John. „Ein Mann mit kochendem Blut gleicht einem Berauschten, dessen Handlungen unberechenbar sind. Yeah, darum wirst du jetzt hier auf mich warten.“

Er beobachtete den anderen scharf. Spauds dunkle Augen blitzten unwillig auf. Ungesagt blieben die Worte, die ihm auf der Zunge brannten. Seine Zähne knirschten. Johns Rechte legte sich ihm schwer auf die Schulter: „Ich kann dich verstehen, aber ich fühle auch mit jenen, die dort hinter dem Hügel sind.“

„Brown, man weiß, dass du bei den Hunkpapas gelebt und du eine besondere Vorliebe für die Roten hast, aber geht diese nicht zu weit?“

„Zu weit?“, dehnte John seltsam erregt. „Der Rote ist mir wie ein guter Freund, der auf dem Sterbebett liegt. Man erkennt den nahenden Tod und kann doch nichts daran ändern.“

„Das ist kein Vergleich, Brown. Wahrscheinlich hast du bei den Redmen noch nichts erleiden müssen, sonst würdest du anders reden.“

„Nie!“, klang es dumpf aus Johns Munde. Er sagte dem anderen nicht, dass er damals bei den Mutproben der Hunkpapas beinahe gestorben wäre, erwähnte nicht, dass man ihn bereits als Toten bestattet hatte. Er sah Spaud nur mit großen Augen an, atmete tief. „Das wirst du nicht begreifen und auch nicht verstehen, Fellow“, kam es abgehackt aus seinem Munde, „aber das ist meine Sache! Für uns ist es jetzt nur wichtig, dass wir den Trupp hier sprengen. Es ist zu spät für uns, ihm auszuweichen. Die Redmen würden bald unsere Fährte finden, hinter uns her hetzen und uns keine Ruhe geben. Wichtig ist, dass wir ihnen die Pferde nehmen.“

„Und ich soll hier warten?“

„Nein, es ist besser, du gehst zu Old Jemmy zurück. Steigt auf und reitet weiter, umwickelt aber vorher die Hufe der Pferde, damit man sie nicht hört. Ich treibe euch die Pferde zu, und ihr treibt sie dann weiter.“

„Wenn aber dein Plan schiefgeht, Brown? Wer sagt dir denn, dass die Pferde dort unbewacht sind? Irgendwo kann ein Wächter im Schnee kauern, unsichtbar und doch bereit. By Gosh, du setzt dich einer zu großen Gefahr aus.“

„Rede nicht davon, Spaud, tu was ich dir sage!“

„Brown, du bist verdammt stolz“, krächzte Spaud böse. „Wenn du aber nicht zurückkommst, wenn du nach einer gewissen Zeit die Pferde nicht in Bewegung bringst, dann kehren wir um, Old Jemmy und ich, und wir werden verteufelt heiße Revolver in den Händen haben.“

„Das werdet ihr nicht, ihr Narren!“, fauchte ihn John Brown an. „Denke an das Mädel, das du liebst. Du und Old Jemmy werdet dann reiten, als ob der Teufel hinter euch her wäre. Höre, Spaud, vielleicht bist du dir noch nicht darüber im Klaren, dass das hier kein Spazierritt ist und dass die Teton Dakotas keine lahmen Reservations-Redmen sind, die Whisky bettelnd vor den Stores sitzen, völlig zerlumpt und verludert. Teton Dakotas sind Hochprärieindianer, Kämpfer vom Scheitel bis zur Sohle, sozusagen die Garde der Sioux. Ihr Häuptling Red Cloud ist der gerissenste Fuchs, der jemals eine rote Haut trug. Er hatte die Frechheit, ganz allein ins Bahnarbeitercamp zu reiten und selbst Jefferson zu täuschen.“

„Hölle, davon hast du bisher niemanden etwas gesagt!“

„Ich wollte Jefferson keine Schwierigkeiten machen. Dir aber, der du sein Schwiegersohn werden willst, kann ich es sagen. Du wirst davon keinen Gebrauch machen und Jeffersons Karriere zerstören.“

Spauds dunkle Augen saugten sich an dem wetterharten Gesicht seines Gegenübers fest.

„Brown, ich habe mich schon darüber gewundert, dass dich Chester ohne viel Geschrei von deinem Vertrag entband. Langsam beginne ich zu begreifen, dass er mehr von dir weiß, als wir alle zusammen nur ahnen können. Hölle, wenn einer entscheidend mithalf, die 'Union Pacific' aufzubauen, dann hast du deinen besonderen Anteil daran. Ah, Brown, gib gut auf dicht Acht!“

Fast schwerfällig drehte sich Spaud herum, stapfte durch das Unterholz denselben Weg zurück, den sie gekommen waren und verschwand. John war allein.

Um ihn lagen die Schatten der Nacht, die alles Licht in sich aufsaugten, wie in einen dunklen Wattebausch. John lauschte. Die Pferde der Redmen verhielten sich ruhig. Nur ab und zu stampfte eines der Tiere mit den Hufen in den Schnee oder schüttelte schnaubend seine Mähne. Geduldig waren diese Tiere, die, jeder Witterung ausgesetzt, Sturm, Regen und Schnee trotzen mussten.

Geduldig und zäh waren sie wie ihre Reiter, wie die Nation, der sie dienten, musste John denken. Mit tigerhaften, weichen Schritten schob er sich bis zum Rand der Deckung vor. Zwei Bodenfalten liefen den sanften Hang hinauf bis zum Hügelkamm hin. John drang in der einen vor, sank tief in den Schnee ein, kam nur langsam vorwärts. Als er die Deckung der Bäume verließ, schützten ihn die überragenden Ränder der Bodenfalte. Nur ab und zu nahm er den Kopf hoch und sicherte nach allen Seiten, nur nicht nach hinten in der Richtung, in der ihn Spaud verlassen hatte.

Von dort tönte plötzlich ein leises Geräusch an Johns Ohren. Blitzschnell wandte er sich um, atmete erleichtert auf, als er Spaud erkannte.

„Brown, ich nehme dein Opfer nicht an!“, kam es keuchend über Spauds Lippen, der zurückgekommen war und John aus schmalen Augen beobachtete. „Ich habe einen Anteil an dieser Sache, Brown. Ich dulde nicht, dass du sie allein austrägst.“

Spaud wartete Johns Antwort nicht ab, sondern sprang mit Riesenschritten über die freie Strecke und sprang in die zweite Erdfalte hinein, die den Hügel hinauf auf den Seilcorral zulief. Er fiel in den Schnee, hob den Kopf und schaute starr nach vorn. Von John, der in der anderen Bodenfalte vorwärtsdrang, war nichts mehr zu sehen. Er war allein, fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben einsam und verlassen, fühlte eine eisige Beklemmung in sich, die das herrschende, fahle Zwielicht noch verstärkte. Drohend, geisterhaft wirkten die tief hängenden, bizarr geformten Wolken auf Spaud, die der Wind auf ihn zutrieb, und die ihn in ihrer Massigkeit zu erdrücken schienen.

Der Wind trug plötzlich das Geräusch dumpfer Stimmen in gutturalen Kehllauten heran, gab Spaud die Gewissheit, dass ihr Vorhaben wohl kaum ohne einen Kampf mit den Redmen auszuführen war. Jetzt, wo ihm die Schwierigkeiten deutlich ins Bewusstsein kamen, krampfte sich Stuart Spauds Herz in schmerzhafter Art zusammen. Er fühlte, wie eine eisige Kälte in ihm aufstieg, langsam höher kroch, ihn bis in die Endspitzen seiner Nerven erfüllte. Auf allen vieren robbte sich Spaud weiter durch den Schnee, versank in Schneeverwehungen, arbeitete sich wieder heraus und kroch weiter. Wie ein Alpdruck saß ihm die Angst im Nacken, dass die Redmen am Seilcorral den Schnee unter ihm knirschen und seinen Herzschlag wie laut dröhnende Hammerschläge hören würden.

Ab und zu lugte er über die gezackte Böschung der Bodenfalte hinweg, sah nichts Verdächtiges. Näher und näher schob er sich dem Seilcorral.

Spaud hatte den Wind gegen sich. Darum blieben die feinnervigen Indianerbroncos ruhig, schnaubten, wieherten nicht, konnten seine Annäherung nicht verraten.

Wo war John Brown? Auch jetzt war nichts von ihm zu entdecken. Brown kannte die Redmen besser als Spaud und mochte sich irgendwo sprungbereit ducken. Es war für Spaud ein tröstlicher Gedanke, einen Mann in der Nähe zu wissen, der mit ihm mitten durch die Hölle gehen würde.

Spaud kamen plötzlich Bedenken. Hatte er recht daran getan, von sich aus etwas zu unternehmen? Brachte er nicht durch seine unüberlegte Tat John Brown in Bedrängnis, der ihn doch gewarnt und zurückgeschickt hatte?

Es waren Fragen, die ihn mit Unbehagen erfüllten, die er sich nicht zu beantworten wagte, sondern weit von sich wies, weil sie ihn jetzt, nahe am Ziel, verwirrten und seine Entschlusskraft hemmten.

Die Sicht war schlecht. Nur die dunklen Silhouetten der Pferde standen riesengroß vor den dunstigen Wolkenfetzen, verschwommen und verzerrt, gleich gigantischen Ungeheuern. In einer solchen Nacht wirkten wohl alle Konturen unheimlich und verzerrt, weil es die Nerven so vorspiegelten, weil trotz allem die Angst mitwirkte. Sie war einfach da, und obwohl Spaud beileibe kein Hasenfuß war, sondern ein Mann, der durch raues Leben gehärtet worden war, ließ sie sich nicht ganz unterdrücken. Redmen waren doch ganz andere Menschen, und Spaud wusste nicht, wie sie reagierten, wusste nicht, ob sie ihn bereits schon gesehen hatten und jetzt auf ihn lauerten.

Die Haare sträubten sich ihm, seine Zähne schlugen wie im Frost zusammen.

Ah, wieder bedrängten ihn die Gedanken an Brown. War er schon aus seiner Deckung heraus? Hölle, yeah, Brown war wie ein Redman, und er ging an eine solche Aufgabe auch ganz anders heran als er, Spaud, war genauso kalt, pantherhaft leise, wie es Indianer sein würden.

Atemlos lauschte Spaud in die Nacht hinein. Tödliche Stille herrschte ringsum, ab und zu durch ein kurzes Prusten eines Pferdes oder durch dumpfen Hufschlag gestört. Diese natürlichen Geräusche schienen den giftigen Atem noch zu verstärken, sodass Stuart Spaud glaubte, ersticken zu müssen.

Dazu kam, dass die gutturalen Stimmen verstummt waren und der Wind leise stöhnte, dass es anzuhören war, als wimmerte ein Mensch in Todesnot.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, sah er sie kommen. Vier Gestalten, groß, aufrecht. Ihre Silhouetten zeigten den wippenden Federschmuck, die kraftvoll breiten Schultern, die schmalen Hüften der Dakotas, prächtige Krieger, die besten, die die große Sioux-Sippe hatte.

Es überlief Spaud heiß und kalt. Seine Rechte klammerte sich um den Revolverkolben und seine Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. Sicher, ab und zu hatte er schon Redmen gesehen, war auch mit ihnen in Kontakt gekommen, aber nie waren darunter solche Kerle wie diese dort gewesen.

Sie kamen genau auf ihn zu, schien es ihm. Vier große menschliche Wölfe, die kämpfen konnten, denen der Kampf lebensnah und notwendig geworden war.

In diesem Augenblick dachte Spaud nicht mehr an John Brown. Es war, als ob ein heller Funke in seinem Hirn aufloderte und ihn das tun ließ, was der Augenblick gebot und das einzig Richtige war.

Der Funke war es, der ihn aus dem Schnee aufspringen ließ, sodass seine Silhouette für einige Sekunden sichtbar wurde. Sekunden, die jenen anderen genügten, um wie vom Donner gerührt zurückzuprallen und zu handeln.

Rote Flammenzungen zuckten auf, fielen wieder in sich zusammen. Gleichzeitig barst und krachte es. Kugeln wimmerten, fetzten in den Schnee. Mit einem wilden Plärren hieb eine Kugel an Spauds rechtem Ohr vorbei, jaulte irgendwohin und quarrte als Querschläger davon. Pferde wieherten, schnaubten, aber das hörte Spaud nicht. Er hörte nicht einmal seinen eigenen, gellenden Schrei, ein Urlaut, der ungewollt über seine Lippen drängte. Er kam erst wieder zu sich, als der Colt an seiner Hüfte wie in verzehrender Wut aufbrüllte und sein tödliches Blei in einer gleißenden Feuerfahne hinaushieb.

Vor ihm stob der Schnee auf von Einschlägen schlecht gezielter Kugeln. Über ihm fauchte es mit schrillem Zischen hinweg. Drei Feuerzungen rissen rot leuchtende Bahnen in die Nacht hinein, Blendlichter, die der Tod selbst angezündet hatte.

Ein Redman kippte schräg zu Boden, lag dann seltsam verkrümmt, steif, bewegungslos.

Pulverrauch ätzte Spauds Schleimhäute. Er taumelte vorwärts, als zöge ihn eine unheimliche Macht magnetisch an. Ein Tomahawk wirbelte über seine Schulter hinweg.

Mit berstendem Dröhnen krachten die Hinterlader der Redmen. Etwas Heißes streifte seinen linken Arm, und dann war er so nahe an den drei anstürmenden Gestalten, dass ihm der Atem stockte und sein Blut in den Adern fast gerann.

Metallisch klickte es in seinem Colt. Leer geschossen ...! Allmächtiger, die Waffe war wertlos, jetzt, da er sie zur Verteidigung brauchte, da die Übermacht ihn niederzustampfen drohte. Spaud wich einem anspringenden Schatten aus, vermochte es geschickt, sich im gleichen Moment herumzuwerfen und den Revolverlauf quer über die Federhaube seines Gegners zu ziehen.

Der Kerl stieß ein böses Brummen aus, stolperte und berührte mit den Händen den Boden, richtete sich katzenhaft gewandt wieder auf.

Jetzt hätte für Spaud das Ende kommen müssen. Yeah, es wäre auch mit ihm vorbei gewesen, wenn nicht John Brown wie ein tödlicher Wirbelwind aufgetaucht und plötzlich in den Kampf eingegriffen hätte, als hätte ihn die Hölle herausgeschleudert. Sein unheimliches Lachen geisterte durch die Nacht. Er prallte mit einem der Roten zusammen und begrub ihn beim Anprall unter sich, schoss von der Hüfte und brachte den Gegner zu Fall, der Spaud arg bedrängte. Der letzte Redman entkam mit einem Panthersprung in die Bodenfalte.

„Zum Teufel, Spaud, du hast die Hölle entfesselt!“, schrie John aufgebracht. „Wir sprechen uns später! Zu den Pferden, bevor sie uns mit Blei zudecken!“ Er wartete die Antwort nicht ab und rannte an Spaud vorbei, der noch recht benommen war.

Ein innerer Impuls veranlasste Spaud dazu, den Willen John Browns sofort auszuführen. By Gosh, yeah, es war ihm verteufelt heiß geworden, und er begriff, dass es jetzt nicht darauf ankam festzustellen, ob man getroffen hatte, wer tot und wer verwundet war. Jetzt ging es um die eigene Haut.

Der Wolfsschrei der Sioux gellte, durch die Nacht. Feuerlichter zuckten vom Hügelkamm her. Die Roten schossen ungenau und schlecht.

Spaud erreichte den Seilcorral fast mit John Brown zusammen, der die Stangen einfach niederriss und sich auf eines der sattellosen Indianerponys schwang. Spaud ergriff ebenfalls ein Pferd, lief einige Schritte neben dem stürmisch antrabenden, schnaubenden Tier her und warf sich dann auf dessen glatten Rücken.

Es war zu spät, um die Pferderemuda fortzutreiben. Jetzt gab es nur eines, so rasch wie möglich zu flüchten. Die auseinandersprengenden Pferde schützten sie zwar vor den Kugeln, aber nicht vor einer Verfolgung, denn die Redmen rannten bereits ihren Tieren nach und sprangen wie Katzen auf die Pferderücken hinauf.

Hölle, sie begannen wieder zu schießen.

„Dreh dich nicht herum. Sie jagen bereits auf unserer Fährte!“, schrie John dem dicht neben ihm reitenden Spaud zu. „Bleibe an meiner Seite!“

Der Nachsatz hatte einen besonderen Grund. Es begann zu schneien und John Brown wollte verhindern, dass sie sich aus den Augen verloren. Er nahm dabei lieber die Gefahr auf sich, dass zwei eng beieinanderreitende Männer ein viel besseres Ziel abgaben, als auseinanderschwärmende Reiter. Das bekam Spaud im gleichen Moment zu spüren. Eine Kugel sauste von hinten durch seine Fellmütze hindurch, vorn wieder heraus. Sie streifte dabei heiß seine Kopfhaut, so schmerzhaft, das Spaud einen zornigen Schrei ausstieß und versucht war, zurückzuschießen. Im letzten Moment erinnerte er sich daran, dass sein Colt leer geschossen war.

„Heh, hopp!“, hörte er John Browns grelle Stimme. Mitten durch den Wald lenkten sie die Pferde, ohne Rücksicht, ohne erst ein Ablenkungsmanöver zu starten. Es galt, so schnell wie möglich zu Old Jemmy zu kommen, die Pferde zu wechseln. Die Indianerponys würden gegen die langbeinigen, gut genährten Läufer, die Old Jemmy bewachte, nicht aufkommen.

Old Jemmy würde bereits wissen, um was es ging. Er hatte gewiss die Schüsse gehört und sich darüber seine Gedanken machen können.

Als ob die Hölle hinter ihnen drein wäre, so ritten sie nebeneinander, lagen tief gebeugt über den Rücken der Ponys, deren gestreckte Leiber fast die Schneedecke berührten. Sie verschmolzen mit den Pferdeleibern genauso wie die Sioux, deren Verfolgerkette hinter ihnen herbrauste.

Der Streifschuss, der Spaud die Kopfhaut aufgerissen hatte, verursachte ihm höllische Schmerzen. Er musste die Zähne zusammenbeißen, musste all seinen Willen einsetzen, um nicht vom Pferd zu fallen. Die Bäume tanzten um ihn herum.

Spaud nahm alle Kraft zusammen, krallte die Linke in die Mähne des Ponys und schlug es mit der rechten, flachen Hand auf den Hals. Ganz so, wie es die Dakota-Krieger im Gefecht taten, wenn sie alles aus ihren Pferden herausholen wollten.

Verteufelt übel war ihm zumute. By Gosh, er brauchte sich nicht erst vorzustellen, was ihm geschehen wäre, wenn die Kugel, die ihm die Kopfhaut streifte, nur einen Zentimeter tiefer getroffen hätte.

Zwar war es ein Zufallstreffer, aber ein weiterer Zufallstreffer konnte Brown oder ihn aus dem Sattel heben, und dann ...? Ah, nur nicht denken. Weiter, vorwärts!

Das Feuer hinter ihnen riss ab, als sie tiefer in den Wald gedrungen waren. Hier unter den Bäumen war das Licht so schlecht, dass man kaum fünf Yards überblicken konnte.

Jeden Moment konnte eines der Pferde in eine Verwehung treten, in einen Fuchsbau oder Kaninchenstollen, konnte sich das Sprunggelenk brechen. Die Folgen wären verheerend gewesen.

Spauds Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er atmete erst auf, als die Pferde schaumbedeckt aus dem Wald herangaloppierten und vor ihnen im Dunst Old Jemmy mit den Tieren auftauchte.

Oh, yeah, Old Jemmy wusste Bescheid. Er trieb die Pferde an, ritt vor ihnen her, wie es die Läufer einer Stafette beim Stabwechsel tun. Er warf erst Brown die Zügel des Rappens, danach Spaud die Zügel seines Pferdes zu. Beide Männer wechselten von den Indianerponys mitten im vollen Jagen auf ihre eigenen hochbeinigen Pferde über. Die Ponys wichen reiterlos zur Seite, als wüssten sie, dass es für sie keinen Sinn mehr hatte, mit den überragenden Läufern Schritt halten zu wollen. In wildem Stakkato hämmerten die Pferdehufe, dass der Schnee unter ihnen aufwirbelte wie Erdfontänen.

By Gosh, yeah, die Redmen mochten das Vergebliche einer Verfolgung einsehen, denn schon nach einigen Meilen waren sie verschwunden. Trotzdem ritten die drei im gleichen Tempo weiter. Der Schneefall wurde stärker.

„Das wird unsere Spuren zudecken“, knurrte John und tat so, als ob alles in Ordnung wäre. Er musterte Spaud schief von der Seite, sah die bleiche Gesichtsfarbe des Partners, die zusammengepressten Lippen und die zusammengekniffenen Augen. John spürte, wie mühsam sich Spaud im Sattel hielt. Er verlangsamte sogleich das Tempo.

„Du bist verwundet?“, fragte John. „Ich denke, wir verbinden dich erst, Spaud.“

„Lasst euch nur nicht aufhalten. Ich halte schon durch.“

„Darum geht es nicht“, unterbrach ihn John scharf. „Steigen wir ab!“

„Wir sollten lieber keine Zeit versäumen, Brown. Die Dakotas werden uns folgen. So leicht geben sie sich nicht geschlagen.“

Spaud schwieg erstickt vor Browns Blick und sah betreten zur Seite. „Es tut mir leid, dass ich alles verdorben habe, Brown“, murmelte er kehlig.

„Es ist in Ordnung, Spaud. Sprechen wir nicht mehr davon. Wir haben Glück, der Schnee wird unser Verbündeter sein.“

Old Jemmy sah von einem zum anderen. Sein faltiges Gesicht drückte Besorgnis und Kummer aus. Er hielt als Erster sein Reitpferd an und stieg ab. Die beiden anderen taten es ihm gleich.

Es stellte sich heraus, dass Spauds Verletzungen wohl schmerzhaft, aber nicht gefährlich waren. Er wurde verbunden, und dann ritten sie weiter, strengten sich aber nicht sonderlich an, denn Spaud sollte nicht überanstrengt werden. Er hatte viel Blut verloren und wankte im Sattel hin und her. Der Schnee fiel in dicken Flocken. Aus der Ferne tönte das Geheul eines streifenden Wolfes. Um sie herum war die Einsamkeit der Wildnis. Nach etwa zehn Meilen machten die drei eine kurze Rastpause, hielten an und verzehrten im Sattel etwas Trockenproviant, ließen den Tieren ein wenig Ruhe, ohne abzusteigen. Danach trieb sie die Unruhe wieder weiter.

„Wir müssen das Tempo steigern, Spaud.“

„Brown, ich halte schon durch. Nur zu“, murmelte Spaud abgerissen. „Ich komme schon zurecht!“

Schneller liefen die Pferde. Stunde um Stunde verging. Meile um Meile legten sie zurück. Sie stemmten sich gegen die Schneeböen, kämpften hart und verbissen gegen den Schnee, der sich an den Hufen der Pferde festsaugte und den Tieren manchmal bis zum Bauchgurt reichte, sodass sich die Pferde fast hindurchpflügen mussten.

Es wurde Mitternacht. Die Kälte nahm wieder zu, machte sie fast gefühllos. Weit hinter sich sahen sie plötzlich den hellen Glühpunkt eines Signalfeuers, das bald verlosch. Sie kamen an den Kadavern von Büffeln vorbei, die der Blizzard gefällt hatte und die der Schnee jetzt gnädig zudeckte.

Es wurde kaum noch gesprochen. Die Schneeböen schnitten kalt in die Haut, die durch die Kälte blutleer und gefühllos wurde. Aber sie blieben im Sattel, ritten weiter gegen die Schneeböen an, und die Pferde schluckten die Meilen.

Johns Augen brannten in düsterem Feuer. Ab und zu sah er zu seinen Begleitern hin. Old Jemmy schien dieser Gewaltritt trotz seines Alters wahrhaftig wenig auszumachen. Auch Spaud hielt sich gut, obwohl man es ihm ansah, dass er allen Willen einsetzte, um nicht aus dem Sattel zu fallen. Er schwankte manchmal verdächtig hin und her. Doch immer, wenn John anhalten, ihm helfen wollte, fetzte es ihm über die Lippen:

„Es geht schon, Brown. Ich bin euch wohl lästig wie?“ Er lachte dann abgehackt. Manchmal sah er auch zurück, dorthin, woher sie gekommen waren und seine Augen weiteten sich. Es schien, als ob er dachte, wie er es wohl gutmachen konnte.

John konnte ihm diese Gedanken von der Stirn ablesen. Es war nicht einmal schwer, Spauds Gedanken zu erraten. John wusste aber auch, dass jedes Wort vergebens war und Spaud nur aufbringen musste. Darum schwieg er beharrlich.

Yeah, von Anfang an hatte John gewusst, dass dieser Ritt durch die weiße Einsamkeit alles von ihnen abverlangen würde, und er hatte sich nicht getäuscht. Für Spaud konnte die Lehre nicht schaden, denn nur einer konnte Befehle erteilen, nur einer den Ton angeben. Es war eine harte Musik, die hier gespielt wurde, schrill und an die Nerven gehend. Die Begegnung in der Nacht hatte sie beinahe den Skalp gekostet. Sicherlich dachte Spaud, dass er genauso hart war, wie Granger und Natter, die ja auch auf dem Trail nach den Tipis der Dakotas waren, aber sicherlich hatte er dabei nicht bedacht, dass diese beiden Schurken keine Schwierigkeiten von den Redmen zu erwarten hatten.

Zwei Stunden nach Mitternacht wurde das Schneetreiben so stark, dass sie wie schneeverkrustete Zentauren auf ihren Pferden hockten. Die Sicht war so gering, dass sie kaum einen Yard weit sehen konnten.

„Wir sollten anhalten“, murrte Old Jemmy.

„Nein!“, schnitt ihm John die Rede ab. „Jetzt, wo unsere Spuren auslöschen, werden wir jede Meile nützen. Die Tipis der Dakotas können nicht mehr weit sein.“

„Hölle, das sagst du erst jetzt?“, brummte Old Jemmy mit verbissenem Gesicht. „Woraus willst du das schließen?“

„Daraus, dass ein Kriegstrupp wie der, der gegen die Blauröcke kämpfte, es sich nicht erlauben kann, allzu weit von den Tipis zu operieren, außerdem auch noch aus der Tatsache, dass jeder Hochpräriestamm im Kriege die Zelte, in denen die Frauen, Greise und Kinder zurückgelassen werden, an geschützten Stellen errichtet.“

„Gut, reiten wir also weiter“, knurrte Spaud. „Ich halte durch.“

„Daran zweifle ich nicht mehr, Buddy“, entgegnete John, „aber ich muss euch beide darauf aufmerksam machen, dass man uns sicherlich schon erwartet.“

„Pest und Schwefel! Male den Teufel nicht an die Wand, Brown. Das ginge ja nicht mit rechten Dingen zu“, schnaubte Old Jemmy, wobei er sich den Schnee aus dem Gesicht wischte. „Glaubst du wirklich, dass man das Signalfeuer bei diesem Schneetreiben beobachtet hat? Kann es nicht sein, dass wir diesmal mehr Glück als Verstand haben? Hölle, wir selbst können nicht einmal einige Yards in die Runde sehen und müssen aufpassen, dass wir zusammenbleiben, dass wir uns nicht verlieren. Schreibe den Redmen nicht allzu große Fähigkeiten zu, Brown!“

Johns Augen verdüsterten sich. Er zuckte die Schultern, zog es vor, nicht zu antworten. Beide, Old Jemmy und auch Spaud, würden niemals die Redmen so kennenlernen, wie er sie kennengelernt hatte. Sie würden niemals begreifen, dass die Sinne der Redmen nicht abgestumpft waren wie die der Weißen.

„Reiten wir!“, bestimmte er hart. Old Jemmy nickte. Er führte noch immer das Packpferd an der Longe und war auch gewillt, dieses Amt weiter zu behalten. Er schien wohl einzusehen, dass Brown als der Anführer der kleinen Gruppe mehr Bewegungsfreiheit haben und ungebundener sein musste. Er lächelte John an:

„Nimm es nicht so tragisch, Brown. Vielleicht lasse ich mich eines Tages belehren.“

„Dann dürfte es wohl zu spät sein, Fellow“, grinste ihn John von der Seite an, wobei er die Zügel hob und die Hacken leicht seinem Reittier über die Weichen strich. „Ein Toter lernt keine Redmen mehr kennen, und das haben verteufelt viele beim Bau der 'Union Pacific' zu spüren bekommen“, warf er über die Schulter Old Jemmy zu.

Dieser fuhr auf:

„Sicher, aber niemand wird die Vollendung des Bahnbaues verhindern können. Allem Widerstand, allen Intrigen, Angriffen und Sabotagen zum Trotz wird eines Tages der Schienenstrang quer durch den Kontinent führen. Eines Tages werden solche verteufelten Ritte nicht mehr nötig sein, Brown, eines Tages wird der Segen der Zivilisation ein neues Kapitel in die Geschichte der Vereinigten Staaten schreiben ...“

„... und eine große Nation wird nicht mehr bestehen“, vollendete John bitter. „Man kann alles von zwei Seiten betrachten, Fellow!“

Spaud mischte sich nicht ein. Ihm war es auch wohl gleichgültig, was die beiden sprachen. Er hatte starke Schmerzen und kämpfte dagegen an. Er dachte nicht an die „Union Pacific“, auch nicht daran, was die Zukunft diesem Lande bringen würde. Es war ihm auch gleichgültig, ob die Redmen eines Tages ausgewischt und vernichtet wurden. Ihn trieb nur die Sehnsucht nach Dolores Jefferson, nach dem Mädel, das er kennen- und lieben gelernt hatte. Außerdem war eine rasende Eifersucht und ein grimmiger Zorn gegen Granger in ihm. Ein Zorn, der ihm schier die Brust zerreißen wollte.

Er lenkte schweigend sein Pferd hinter Johns Rappen und sah aus den Augenwinkeln heraus, wie sich ihm Old Jemmy mit dem Packpferd anschloss. By Gosh, yeah, Spaud hatte eine Bar im Hauptcamp von seinem ersparten Geld errichtet. Er hatte die Konjunktur ausgenutzt wie so viele andere auch, denn sie alle zogen nach Westen. Dorthin, wo es Gold gab: zu den Bergflüssen des großen Felsengebirges, den Rockys. Die Indianer ...? Mochte die Regierung doch zusehen, wie sie mit denen fertig wurde. Er, Spaud, hatte heute eine Sonderlektion erhalten, die er so schnell nicht vergessen würde. Für ihn galt es nur, Dolores zu finden und dann zurückzukehren in die andere Welt, die Wärme spendete und Bequemlichkeit gab. By Gosh, es war ein Glück, dass Brown mit von der Partie war. Von seinem breiten Rücken ging so etwas wie Sicherheit und Schutz aus. Spaud schloss die Augen, ließ sich im Rhythmus des Reitens hin und her bewegen. Er dachte daran, dass es jetzt wundervoll sein müsste, schlafen zu können, einfach schlafen. Yeah, die Ansprüche eines Menschen wurden sehr gering, wenn er sich in einer harten Lage befand.

Wie konnte nur Old Jemmy einen solchen Ritt ertragen, fragte sich Spaud und riss die Augen auf. Schnee ringsherum, und genau vor ihm, in treibende Schneeflocken gehüllt, ritt Brown. Spaud drehte sich etwas im Sattel und sah zurück. Was wusste er eigentlich von Jemmy?

Jemmy war Portier gewesen und hatte sich hin und wieder in der Union Pacific Bar sehen lassen, aber nicht, um sich mit Whisky volllaufen zu lassen, wie es andere taten, sondern um eine Partie Poker mit geringem Einsatz zu spielen.

Jemmy hielt es nie lange am Spieltisch aus und ging dann wie einer, der ein großes Vermögen gewonnen hatte. Er war bekannt im Camp als ein besonnener, anspruchsloser Mensch, der jedem Krach und jeder Streitigkeit aus dem Wege ging. Wie kam ausgerechnet Jemmy dazu, sich so für Brown einzusetzen, als ihn Granger ins Gefängnis steckte? Was trieb Jemmy dazu, jetzt mit ihnen durch die Nacht, durch Eis und Schnee zu reiten? Jemmy hätte im Camp bleiben können wie die andern, die sich ihre Chancen verteufelt genau ausrechneten und um kein Geld in der Welt diesen Ritt mitgemacht hätten. Yeah, was trieb ausgerechnet diesen Mann dazu, einen solchen Ritt auf sich zu nehmen, der, wie Spaud jetzt wusste, unerhört hart und rau war.

Spaud hielt sein Pferd etwas zurück, ließ den nachfolgenden Old Jemmy an seine Seite kommen, starrte ihn von der Seite an. Der Alte fühlte diesen Blick, nahm den Kopf herum und schaute ihn groß an, sagte:

„Du hast sicher den Schock überwunden, Spaud, von jetzt an wird es dir nicht mehr so schwerfallen.“

„Ich bin verteufelt müde, Oldtimer“, knurrte Spaud in Abwehr. „Außer Schlaf fehlt mir nichts, nicht einmal ein Whisky.“

Wie wenig er doch von seinem Partner wusste, musste Spaud denken. Vor ihm ritt Brown, der Scout und Jäger, berühmt und gefürchtet. Neben ihm ritt der Alte, still und verschlossen, schneeverkrustet und doch so fest im Sattel wie ein Dreißigjähriger, zäh und verbissen. „Ich weiß bis jetzt noch nicht, Jemmy, was dich zu diesem Ritt veranlasste. Hundert Männer wandten sich ab, als ich sie um ihre Begleitung bat“, unterbrach Spaud das Schweigen.

„Man kann sie nicht schelten und ihnen nicht gram sein, Freund“, stieß Old Jemmy fast heftig durch die Zähne. „Der eine hat Familie, dem anderen fehlt es an Mut, dem dritten ist der Vertrag der 'Union Pacific' im Wege gewesen, und so hat jeder seine Begründung.“

„Und du?“

„Ich?“ Old Jemmys dunkle Brauen krochen finster zusammen. Er nahm den Blick von Spaud und starrte in die wirbelnden Flocken, als suche er in dem undurchdringlichen Schneewirbel etwas, was weit in der Vergangenheit zurücklag. Sagte dann nachdenklich: „Nun, ich habe Dolores Jefferson gesehen, Freund.“

„Weiche mir nicht aus, Fellow!“

„Das will ich wahrhaftig nicht, aber unterbrich mich nicht, Spaud. Dolores Jefferson ist ein wunderhübsches Mädel, so eines, wie es ein Mann sein Leben lang sucht und nur selten findet. Sie erinnerte mich an meine eigene Tochter. Yeah, es ist genauso, wie ich es sage, Dolores Jefferson erinnerte mich an meine Tochter Bessie. Ob du es glauben willst oder nicht, Spaud, ich hatte eine Tochter, nach der sich die Cowboys die Hälse verrenkten.“

Er schwieg und versank scheinbar wieder in die Vergangenheit. Nur das Schnauben der Pferde war zu hören.

„Und ... was ist mit deiner Tochter?“, erkundigte sich Spaud ungehalten nach einer Weile.

Der Alte schreckte zusammen, als hätten ihn die Worte aus einem schönen Traum aufgescheucht. Sein Gesicht verfinsterte sich.

„Es gab eine Zeit, da wartete ich wie Jefferson auf sie und verließ mich auf die Männer, die ich zu ihrer Befreiung angeworben hatte. Nun, die Männer kehrten nicht mehr zurück, und meine Tochter auch nicht.“

„Allmächtiger, das konnte ich nicht ahnen.“

„Das macht nichts, Buddy! Ich habe etwas gutzumachen, wenn es auch nicht mehr meiner Tochter gilt. Vielleicht wird man es mir dort anrechnen, wo wir alle einmal hintrailen müssen, und falls ich dort Bessie begegne, wird sie nicht Tränen in den Augen haben.“

Seine Stimme brach vor innerer Bewegung ab, aber er schaute nicht von Spaud fort, sondern sah ihm fest in die Augen. „Es waren Dakotas, Buddy, die mir Bessie nahmen. Bevor ich zur 'Union Pacific' ging, war ich Rancher, hatte mir mitten im Indianerland eine Ranch aufgebaut. Ich hatte gute Reiter, harte Boys, fühlte mich groß und mächtig. Jedenfalls mächtig genug, um den Indianern zu trotzen und mich auszudehnen.“

Old Jemmy beugte sich im Sattel vor, wischte sich mit dem Handrücken über das faltige Gesicht, zog die Pelzmütze tiefer in die Stirn hinein und fuhr dann fast leise fort: „Ich hatte mich geirrt, Sonny. Die Ranch fiel beim ersten Ansturm. Meine Tochter wurde entführt. Ich war damals verwundet und verließ mich auf die Männer, die ich für die Suche nach Bessie anwarb.“

„Und du hast niemals wieder etwas von ihr gehört, Fellow?“, erkundigte sich Spaud bewegt. Alle Müdigkeit war von ihm gewichen, gespannt sah er den Alten an. Der schüttelte den Kopf, atmete schwer.

„Nein ... und darum bin ich wieder in die Rockys gekommen, habe immer wieder versucht, von ihr Nachricht zu erhalten, Jahr um Jahr. Ich habe niemals die Hoffnung aufgegeben, Buddy. Ich hatte Geld genug, um ein geruhsames Leben im Osten zu führen. Nun, das Geld ging bei den Nachforschungen nach Bessie drauf. Ich weiß nicht, ob sie noch lebt ober ob sie längst gestorben ist. Es sind zwanzig Jahre her, seitdem die Sache passierte. Damals war sie einundzwanzig Jahre alt, heute würde sie einundvierzig Jahre alt sein, wenn sie noch lebte. Die Ungewissheit, Spaud, ist schlimmer zu ertragen als eine Todesnachricht. Dann wüsste man wenigstens, an welchem Flecken Erde man beten könnte.“

Spaud erwiderte nichts darauf, die Kehle war ihm wie zugeschnürt. By Gosh, yeah, in diesem Lande trug jeder ein besonderes Schicksal, jeder musste mit der ihm aufgebürdeten Last auf seine Art fertigwerden. Hölle und Teufel! Man musste die Zähne zusammenbeißen, man durfte nicht müde werden, man durfte nicht verzagen und resignieren. Old Jemmy gab ein leuchtendes Beispiel.

Spaud fror innerlich, krampfte seine behandschuhten Hände fester um die Zügel und starrte auf den breiten Rücken seines Vorreiters.

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10.

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Wanitu, der mächtige Wintergott, schnaubte so heftig, dass sein Atem in dichten Flocken zur Erde fiel und die Tipis der Teton Dakotas einhüllte. Die Dunkelheit fiel sanft herab. Zwei schneebedeckte Reiter hielten auf dem freien Platz vor dem Häuptlingszelt, das mit Lanzen und Federn, mit bunten Wimpeln und dem Totempfahl geschmückt war.

Sie waren so steif gefroren, dass sie sich nur schwerfällig aus dem Sattel schwingen konnten.

„Stew, der Empfang hier ist nicht gerade freundlich“, knurrte Guy Natter verdrossen Granger an, der aus schmalen Augen vorsichtig in die Runde sah.

Ein Kreis schweigender Krieger umgab sie. Kein Willkommensgruß, kein freundliches ,,H' gun! H' gun!“ Versteinert schienen die Gesichter der hochgewachsenen prächtigen Männergestalten.

Soweit Granger feststellen konnte, bestand das Lager aus über fünfzig Zelten. Das hier war ein Winterlager, in dem auch Frauen, Kinder und Greise lebten. Diese Zeltstadt konnte aber in wenigen Minuten abgebrochen werden.

„Der Empfang ist kühl“, knurrte Granger böse über die Schulter. „Sie nehmen uns das verpatzte Whiskygeschäft übel. Diese Redmen sind unverschämt, und man kann ihnen nicht genug in den Hals werfen. War in dem Zug nicht Beute genug für sie? War ihr Sieg über die Blauröcke nicht ein Sonderpreis?“

„Den man dir immer wieder auf ein besonderes Konto stellen wird“, knurrte Natter verbissen. „Wir hätten nicht hierherreiten sollen.“

„Du Narr! Jetzt, da wir am Ziel sind, willst du die Flügel hängen lassen? Denke doch an das viele Geld!“

„Dir geht es mehr um das Mädchen, Granger“, unterbrach ihn Natter schroff. „Mir ist nicht wohl in meiner Haut.“

Granger wandte den Kopf, blinzelte ihm zu.

„Das ändert sich, wenn dich ein Feuer aufgetaut und ein gutes Essen deinen Magen erwärmt hat. Ah, dort kommt, 'Drei Federn', ein Unterhäuptling von Red Cloud.“

Es war ein mittelgroßer Mann, der aus dem Häuptlingszelt trat. Er hielt sich sehr gerade. Drei Federn steckten in seinem lang herabfallenden, schwarz wie Rabengefieder aussehenden Haar. Aus dem bronzefarbenen scharfen Gesicht leuchteten dunkle Glutaugen, die die beiden aufmerksam und durchdringend musterten.

„Willkommen in meinem Zelt!“, sagte 'Drei Federn' mit tiefer, sanfter Stimme, und sogleich antwortete Granger:

„Woyuonihan!“ Granger zeigte dabei auf seine Brust und auf die von 'Drei Federn', was in der Siouxsprache den Respekt anzeigte, den er vor dem Häuptling empfand.

'Drei Federn' nickte, trat zurück und deutete auf den offenen Zelteingang. Granger und Natter folgten der Aufforderung, ohne sich um ihre Pferde zu kümmern, die von zwei jungen Kriegern eilends hinweggeführt wurden.

Ein offenes Feuer brannte im Zelt, dessen Rauch an der Decke durch ein Loch abzog. Felle und Gerätschaften, Krüge und Waffen schmückten das Zeltinnere und machten es wohnlich.

„Ich frage mich, ob Jeffersons Tochter und die Geldleisten hier sind“, knurrte Natter leise seinem Partner zu.

„Wir werden es schon herausbringen“, hetzte Granger durch die Zähne. „Wie ich die Sache bereits überschauen kann, wird man uns weder die Geldkisten noch Jeffersons Tochter freiwillig überlassen.“

„Damny ...“

„Aber wir werden schon einen Weg finden, denke ich. Sei jetzt still, 'Drei Federn' versteht unsere Sprache.“

Er hatte kaum seinen Genossen gewarnt, als der Häuptling durch den Zelteingang trat, an ihnen vorbeischritt und sich in königlicher Haltung auf einen bunten Teppich niederließ. Er wartete, bis seine Gäste ihm gegenüber Platz genommen hatten, und klatschte dann in die Hände.

Eine Gestalt zeigte sich am Zelteingang, trat fast zögernd ein und stellte einige Tonkrüge, in denen sich eine dampfende Flüssigkeit befand, vor den Männern hin.

Granger schluckte schwer, glaubte seinen Augen nicht zu trauen, war versucht, sich die Augen zu reiben, sich in den Arm zu kneifen. By Gosh, yeah, die Frau, die ins Zelt getreten war und sie nach Indianerart bediente, war eine Weiße. Yeah, es gab keinen Irrtum. Die Indianertracht konnte ihre Hautfarbe nicht ändern.

Sie hatte blaue Augen und langes blondes Haar. Sie war nicht mehr ganz jung, mochte bereits an die vierzig Jahre zählen. Granger bemerkte, dass Natter genauso überrascht war wie er, bemerkte aber auch, wie ihn der Häuptling scharf beobachtete, dann aber seinen Blick gleichmütig wieder von ihm nahm.

Ah, man konnte 'Drei Federn' nicht einfach fragen, wer diese Squaw war, denn ein Krieger sprach nicht von Frauen. Das war nicht üblich und würde gegen die Sitte verstoßen. Granger musste seine brennende Neugier unterdrücken und wartete gespannt darauf, ob 'Drei Federn' die Pfeife anzünden würde. 'Drei Federn' dachte nicht daran, sondern hob seinen Tonkrug an die Lippen und gab der Frau ein Zeichen, sich aus dem Zelt zu entfernen.

Granger und Natter tranken ebenfalls und wussten nun, dass man sie wohl aufgenommen, aber nicht für würdig befunden hatte, die Pfeife zu rauchen.

Ein Umstand, den Granger sehr wohl begriff, denn die Pfeife war ein geheiligtes Friedenssymbol. Kein Vertrag wurde gebrochen, bei dessen Abschluss sie geraucht wurde. Wenn man sie in die vorderste Kampflinie trug, brach jede noch so wilde Schlacht sofort ab.

„Red Cloud wird meine Brüder erst in den nächsten zwei Tagen begrüßen können“, sagte 'Drei Federn' ohne jegliche Einleitung, was wiederum ein Zeichen grober Missachtung war.

„Solange werdet ihr in diesem Zelt wohnen.“ Er stand auf und verschwand auf demselben Weg, den die Frau genommen hatte.

Granger und Natter waren allein. Granger ballte die Hände, fauchte:

„Es fehlt nur noch, dass sie Wachen vor den Zelteingang stellen, dann wären wir wirklich nichts anderes als Gefangene, und das muss mir passieren, mir!“ Er steigerte sich immer mehr in Wut. „Sobald Red Cloud kommt, dürfte sich das ändern“, knurrte er. „Ich werde dafür sorgen, dass ...“

Seine Stimme brach ab. Er kramte in seinen Taschen, zog den Tabaksbeutel und eine abgenagte Pfeife hervor, beugte sich dann näher zu Natter. „Wir müssen diese weiße Frau für uns gewinnen“, raunte er leise. „Sicherlich ist sie eine der Unglücklichen, die von den Redmen geraubt wurden und einen Indianerkrieger zum Manne nehmen musste.“

„Sie hat sich wie eine Siouxsquaw benommen. Das bedeutet, dass sie schon Jahre hier ist. Mache sie lieber nicht zu deiner Vertrauten“, warnte Natter. „Vielleicht gefällt ihr das Leben hier, und sie wünscht sich nichts anderes. Vielleicht haben die Jahre alles das ausgelöscht, was weiß in ihr war.“

„Wollen abwarten! Ich denke, dass sie uns sagen kann, wo man Dolores gefangen hält und wo man die Geldkisten verborgen hat.“

„Wir sind mitten unter Feinden“, flüsterte Natter verstört. „Wage nicht zu viel, Granger. Warte lieber erst ab, bis Red Cloud zurück ist.“

„Red Cloud ist genauso ein Gauner wie 'Drei Federn'“, schnitt ihm Granger heftig das Wort ab, wobei er sich vom Feuer erhob, langsam zum Ausgang ging und vorsichtig die Schutzplane am Eingang lüftete. Sofort ließ er sie wieder fallen, wobei sich sein Gesicht zur Grimasse verzerrte. „'Drei Federn' hat uns einen Wächter vor die Nase gesetzt!“, zischte er. „Er hat wohl auch erkannt, dass uns das Schneetreiben auf den Gedanken kommen lassen könnte, selbst Ausschau nach dem Geld und nach Jeffersons Tochter zu halten. 'Drei Federn' hat uns durchschaut. Es sieht nicht gut für uns aus.“

„Granger, ich habe mir den Marterpfahl in diesem Indianerdorf genau angesehen“, hetzte Natter durch die Zähne. „Ich möchte nicht daran stehen!“

„Halt's Maul!“, keuchte Granger, indem er sich wieder ächzend auf seinen alten Platz am offenen Feuer fallen ließ und seine Pelzjacke öffnete. „Du wirst das tun, was ich dir sage, oder man wird dich hier so kitzeln, dass du diese Zeltstadt nie wieder verlässt.“

„Du bist der größte Schuft, der jemals zum Westen kam“, rasselte Natter verstört. Granger aber lachte dazu ein dunkles gehässiges Lachen, sodass Natter bleich wurde und sich fahrig, verstört über die Stirn wischte und vor sich hin keuchte: „Ich soll wohl dein letztes Opfer sein, Granger, wie? Wenn du alles das erreicht hast, was du willst, dann bin ich dir im Wege. Genauso wie Tim Grester, Tom Wellig, Andy Slamm und McBrud. Oh, ich habe dich jetzt durchschaut. Ich hasse dich, Granger!“

„Es haben mich schon ganz andere Männer mit ihrem Hass überschüttet, und ich habe ihnen allen ein Schnippchen geschlagen“, grinste Granger. „Ich lasse mich durch keine noch so verfahrene Lage beeindrucken, das dürfte ich dir wohl schon mehrfach bewiesen haben. Ich sage dir, dass diese weiße Squaw zu beeinflussen ist, dass sie von der Welt jenseits der Tipis träumt und dass ihre Sehnsucht nach dieser Welt nicht erloschen ist.“

„Was hast du vor, Granger?“, zischte Natter heiser heraus. Mochte Natter auch ein Schurke sein, ein harter Kerl, der sich vor Tod und Teufel nicht scheute, aber eines hatte er sich bewahrt: die Scheu und Achtung vor einer Frau.

Grangers Mundwinkel verzogen sich zu einem zynischen Grinsen.

„Du wirst es erleben.“

„Ich weiß Bescheid. Du wirst ihr Versprechungen machen, die du niemals gewillt bist einzuhalten. Du willst sie ausnützen und dann fallen lassen, genauso, wie du alle anderen, die dir bisher zur Seite standen, fallen gelassen hast“, ächzte Natter böse heraus. „Ich habe nichts dagegen, wenn du Männer übertölpelst und es dir dadurch gelingt, dass wir aus diesem roten Rattenbau herauskommen, lass aber die Frau aus dem Spiel!“

„Du entdeckst zu spät dein Gewissen, Natter“, unterbrach ihn Granger hämisch. „Es hat dir doch verteufelt wenig ausgemacht, dass wir der Ostgesellschaft Schaden zufügten, so gut wir konnten, und das Agentengeld bekam dir gut. Du bist nicht hart genug, Buddy. In diesem Spiel jedoch entscheidet neben Verstand und Ausdauer allein die Härte. Ah, ruhen wir uns vorerst aus und warten ab. Wie ich die Redmen kenne, werden sie uns die weiße Squaw zur Bedienung schicken.“

Er sollte recht behalten. Es verging etwa eine Stunde, als die Fellplane vor dem Eingang sich bewegte und die weiße Frau in einem Bastgeflecht gebratenes Fleisch hereintrug.

Wieder schaute sie die Männer nicht an. Ganz so wie eine Indianerfrau wollte sie sich stillschweigend wieder entfernen. Doch Granger beugte sich vor, packte ihr rechtes Handgelenk und hielt sie fest.

Sie bäumte sich auf und riss sich los. Ihre Augen blitzten.

„Madam, Sie müssen mir glauben, ich will Ihnen nur helfen.“

„Sie mir?“, pfiff es von ihren Lippen. Sie lief aber nicht davon, wie es im ersten Moment den Anschein hatte, und blieb schwer atmend stehen. Ihre Brust hob und senkte sich in stürmischer Erregung. Es mochte lange her sein, dass sie die Sprache ihres Volkes gesprochen hatte, denn die indianischen Kehllaute waren in ihrer Sprache noch vorherrschend. Sie war immer noch schön. Vor Jahren mochte sie so reizend und bezaubernd wie Dolores Jefferson gewesen sein. Ihre Blauaugen sahen forschend Natter und Granger an, als wollten sie bis tief auf den Grund ihrer Seelen dringen. „Sie mir helfen?“, wiederholte sie erregt. „Sie können sich doch kaum selbst helfen.“

„Weil wir nicht wie Ehrengäste aufgenommen wurden, Madam? Oh, das dürfte sich ändern, wenn Red Cloud kommt“, gab Granger zu verstehen.

Sie schüttelte den Kopf.

„'Drei Federn' weiß das besser.“

„'Drei Federn'? Woher wollen Sie das wissen, Madam?“

„Weil er mein Mann ist“, sagte sie offen.

„Hölle, dann wird er auch wissen, warum man uns so eigenartig, fast feindlich, empfing!“

„Das ist sehr leicht. Er hält euch für die Männer, die einer Gruppe unserer Krieger die Pferde stehlen wollten. Die Nachricht brachte uns ein Signalfeuer, bevor es zu schneien anfing.“

Granger sah von der Frau fast bestürzt zu Natter hin, kniff die Augen schmal. Es war ihm anzusehen, dass ihm die Nachricht schwer zu schaffen machte.

„Wir sind diese Männer nicht gewesen, Madam“, stieß er schließlich rau heraus. „Wir hätten keinen Grund, unseren Freunden einen Streich zu spielen und es dann noch zu wagen, hierherzukommen.“

„Wenn die Teton Dakotas Ihre Freunde sind, dann ist es doch sinnlos von Ihnen, mir helfen zu wollen“, sagte sie ruhig. „Außerdem will ich mir nicht helfen lassen, denn dieses Leben gefällt mir, und ich will nicht fort. Ich habe längst vergessen, dass ich eine Weiße bin.“

„Das dürfte das junge Mädchen bestimmt noch nicht vergessen haben“, fiel ihr Granger ins Wort. „Sie haben sie doch gesehen, Madam. Haben Sie den Eindruck, dass sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden hat?“

„Ich habe ihr Schicksal selbst durchgemacht, ihr Männer“, kam es spröde von ihren Lippen. „Nicht jede Frau hält es durch. Die Gefangene gehört zu den Frauen, die daran zerbrechen würden.“

„Oh, Sie wissen, wo sie ist, Madam?“

„Ja“, klang es herbe, „ich kenne auch ihr Schicksal. Ihr ist bisher kein Leid geschehen, aber Sie werden sie auch nicht bekommen, Granger!“

„Sie kennen meinen Namen?“

„Er wurde oft in unseren Tipis genannt. Man nennt Sie einen Verräter, und man hat recht. In Ihren Augen steht Verrat!“

Sie wollte sich abwenden, wollte gehen, erreichte den Fellvorhang und spürte im gleichen Moment einen heftigen Stoß im Rücken.

„Keinen Laut, Madam!“, zischte ihr Granger zu. „Beim geringsten Laut drücke ich ab.“

Fester bohrte sich der Lauf der Waffe in ihren Rücken hinein.

Sie war nicht erschrocken, geriet nicht außer Fassung. Das Leben bei den Teton Dakotas hatte auch ihr einen Stempel aufgedrückt.

„Vielleicht würden Sie mir einen Gefallen tun, wenn Sie abdrückten“, erklärte sie fest. „Was wollen Sie, Granger?“

„Ich bin hierhergekommen, um Dolores Jefferson und die Geldkisten zu holen, Madam. Die Gelegenheit war mir nie günstiger. Niemand, selbst 'Drei Federn' nicht, wird damit rechnen, dass ich schon in der ersten Stunde meines Hierseins damit beginnen werde, meinen Plan durchzuführen.“

„Und wie soll es weitergehen, Granger?“

Granger gab dem verstört dreinblickenden Natter einen Wink, und Natter erhob sich ebenfalls. Die Frau sah mit kalten Augen die Männer an, so als wäre sie nicht bedroht. Ihre Haltung imponierte Granger. „Wie soll es weitergehen?“, wiederholte sie nochmals, und als Granger nicht antwortete, fuhr sie fort: „Es dürfte euch kaum gelingen, den Wachtposten aus dem Wege zu schaffen. Ihr müsst warten, bis 'Ein Auge' den 'Großen Biber' in einer Stunde ablöst. 'Ein Auge' ist etwas schwerfällig.“

„Das könnte Ihnen so passen, Madam“, schnitt ihr Granger das Wort ab. „Mich können Sie nicht täuschen. Sie wollen nur Zeit gewinnen.“

Sie zuckte die Schultern. Ihre Augen funkelten.

„Granger, die Redmen haben Sie so eingeschätzt wie Sie sind, aber sie wussten nicht, dass Sie nicht nur ein Verräter, sondern auch ein Feigling sind, der selbst vor Frauen nicht haltmacht. Ich glaube jetzt fest daran, dass Sie und Ihr Partner die Pferde stehlen wollten.“

„Zum Teufel, Madam! Ich sagte Ihnen doch, dass wir es nicht waren. Ich muss aber auch gestehen, dass es gerade diese Nachricht ist, die mich zwingt, gleich und sofort alles auf eine Karte zu setzen, denn wahrhaftig, ich kann mir denken, wer so verrückt war, hinter uns herzutrailen.“ Granger verstummte und gab Natter einen Wink, sich dicht vor den Fellvorhang zu postieren. Seine Rechte hielt den Colt umspannt. „Sie, Madam, werden jetzt den Posten hereinrufen.“

„Das ist das Dümmste, was Sie tun können, Granger“, antwortete sie.

„Rufen Sie ihn, Madam!“, zischte er wütend, wobei sich sein Gesicht zu einer schrecklichen Grimasse verzog. „Los, rufen Sie ihn!“

„Ich habe Sie gewarnt, Granger“, flüsterte sie leise. „Vor zwanzig Jahren dachte ich auch, dass mir eine solche Schneenacht die Flucht ermöglichen würde.“

„Ich will nicht Ihre Geschichten hören, Madam. Mir genügt festzustellen, dass Sie es in zwanzig Jahren nicht fertigbrachten, diese rote Horde zu verlassen. Selbst für eine Frau, die fest entschlossen ist, dürfte sich eine Gelegenheit ergeben, zu den Ihrigen zurückzukehren.“

„Zu den Ihrigen? Wie das klingt, Granger, fast so als hätten selbst Sie ein Gefühl in der Brust. Wohin sollte ich denn? Zurück ...? Die Ranch meines Vaters war niedergemacht und mein Vater verschwunden.“

„Madam, Sie langweilen mich.“

„Das kann ich mir denken, Granger“, kam es heiser über ihre Lippen. „Sie sollen es aber hören. Einmal will ich es einem Menschen anvertrauen. Einmal muss ich reden zu einem, der die Sprache meiner schönsten Erinnerungen spricht. Es ist mir gleich, zu welch einer Sorte Mensch er gehört. Ich bin geflohen, Granger, und habe meinen Vater gesucht, fand mich nicht mehr da draußen in der Welt zurecht und kam aus freiem Entschluss zu 'Drei Federn', meinem Mann, zurück, zu den Kindern, die ich ihm schenkte. Ich habe erkennen müssen, dass man nicht einfach davonlaufen kann, sondern dort bleiben muss, wo einen das Schicksal hinstellt. Aber das alles wird Sie nicht interessieren, Granger!“

Ihre Augen suchten seinen Blick festzuhalten. Vergeblich, Granger wich ihrem Blick aus, blieb hinter ihr stehen, verstärkte den Druck seines Revolvers in ihrem Rücken.

„Genug jetzt, Madam!“, fetzte seine Stimme auf.

„Ich vergesse sonst, dass Sie eine Frau sind. Halten Sie mich nicht auf, rufen Sie den Posten!“

Sie schluckte schwer, nagte an ihrer Unterlippe, doch dann zog sie den Fellvorhang beiseite und rief etwas in das Schneetreiben hinaus.

Eine dunkle Männerstimme antwortete. Ein Schatten kam herangeglitten. Im gleichen Augenblick, in dem der Krieger seinen Kopf durch den Fellvorhang steckte, schlug Natter brutal zu.

Ohne einen Laut von sich zu geben, fiel der Posten zu Boden. Granger zerrte den schlaffen Körper ins Zeltinnere. Mit einem Wehlaut sank die Frau auf die Knie nieder. Granger fauchte sie an:

„Keine Szene jetzt, Madam! An Derartiges sind Sie gewiss gewöhnt.“ Er wollte noch mehr sagen, aber die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, als ihre Augen ihn ansahen. Etwas war in diesen Augen, das ihn wie ein Peitschenschlag traf, was ihn vor ihr zurückschrecken ließ.

Trotz des auf sie gerichteten Colts beugte sie sich über den jungen Krieger, der schlaff auf dem Boden lag, tastete mit ihren Händen über seinen Kopf.

„Oh Gott, er lebt!“, flüsterte sie. „Mein Sohn lebt! Er wird wieder erwachen und zu sich kommen.“

„Genau das wollen wir verhindern“, fauchte Granger mit einem bösen Seitenblick auf Natter.

„Tun Sie ihm nichts, Granger. Lassen Sie ihn leben. Ich führe Sie auch zu Dolores Jefferson und zu den Geldkisten. Ich werde Ihnen helfen, dass Sie aus dem Lager kommen, aber tun Sie meinem Sohn nichts.“ Abwehrend und bittend streckten sich ihre Hände vor. Alle indianische Erziehung war mit einem Schlag von ihr gewichen.

Eine Mutter bat um das Leben ihres Sohnes.

Granger grinste Natter triumphierend an, zog dann die Frau empor.

„Also gut, das Leben Ihres Sohnes für unser Leben. Beeilen Sie sich!“

Er stieß sie durch den Fellvorhang ins Freie. Natter folgte geduckt wie ein verschüchteter Puma.

Die Frau führte sie durch eine Zeltreihe zu einem verschneiten Gebüsch. Sie wurden weder aufgehalten noch gestört. Es war so, als ob die Redmen vor dem Schneetreiben und der Nacht in ihren Zelten Schutz gesucht hätten. Am Gebüsch verhielt die Frau und blieb stehen, deutete auf drei verschneite eisenbeschlagene Kisten.

„Das dort wollen Sie doch, Granger?“

Granger erkannte die Lohngeldkisten, die aus dem geplünderten Zug stammten, sogleich wieder. Er erkannte auch gleich die Chance, die ihnen durch die Pferde geboten wurden, die am Gebüsch in einem primitiven Stangencorral untergebracht waren.

„Hole vier der besten Pferde, Natter, lade die Kisten auf und führe die Tiere hinter das Gebüsch. Warte dort, bis ich mit Dolores Jefferson zurück bin. Alles klar?“

„Verdammt, Boss, es geht alles zu glatt!“, hetzte Natter hervor. Man sah es ihm an, dass er nervös war, dass er sich alle Mühe geben musste, um seiner Erregung Herr zu werden. Die Tatsache, dass die Dakotas die Geldkisten unbewacht und offen mitten in ihrem Dorf gelagert hatten, bewies, dass die roten Gents verteufelt wenig mit ihnen anfangen konnten, dass sie wenig vom Wert des Geldes kannten.

Granger hatte recht gehabt. Das Schneetreiben, das nun so stark war, dass man kaum einen Yard weit sehen konnte, kam ihnen zustatten. Der weiche Schnee schluckte die Geräusche, würde ihre Fährte zudecken.

Natter besann sich nicht lange. Er mochte erkannt haben, dass sein Boss die einzig richtige Gelegenheit zur Flucht geschickt erfasst hatte und ausnutzte. Natter verschwand im Stangencorral, und Granger forderte die Frau auf:

„Und nun zu Dolores Jefferson, vorwärts, Madam!“

„Wenn sie tot wäre, würde sie es besser haben als in Ihrer Begleitung“, stieß die Frau leise heraus.

„Lassen Sie das nur meine Sorge sein, Madam“, zischte er wütend. „Vielleicht sagen Sie mir Ihren richtigen Namen, damit ich später erzählen kann, wen sich 'Drei Federn' zur Squaw nahm.“

„Sie werden tot sein, noch bevor drei Stunden vergangen sind!“, stieß sie hervor. „Was nützt Ihnen dann noch mein Name? Vielleicht habe ich ihn hier vergessen.“

„Nun, ich kenne einen Mann, der seit zwanzig Jahren nach seiner Tochter Bessie sucht“, sagte Granger böse. „Der Narr zieht Jahr um Jahr aus, um sie zu finden. Los, weiter, Madam! Es ist doch kaum möglich, dass Sie etwas mit Old Jemmy zu tun haben könnten.“

Trotz seiner Aufforderung weiterzugehen, blieb sie stehen und warf sich herum, krallte ihre Hände in seine Pelzjacke.

„Old Jemmy sucht seine Tochter Bessie?“, kam es abgerissen aus ihrem Munde. „Mein Gott, das kann doch nicht wahr sein, das kann es nicht geben!“

„Ich sagte Ihnen doch, Madam, ein alter Narr!“, stieß Granger hervor. „Von dieser Sorte gibt es unzählige im Westen. Nur mit solchen Narren kann man die 'Union Pacific' bauen, den Westen erobern. Mit Narren, denen das Abenteuerblut keine Ruhe gibt, denen alles gleichgültig ist, solange sie von ihrer Narretei besessen sind. Los, weiter ...!“ Brutal stieß er sie von sich. Sie wimmerte leise und schritt dann wieder vor ihm her, am Gebüsch entlang wieder auf die Zeltreihen zu.

Granger packte ihre Schulter und hielt sie plötzlich fest, beugte sich zu ihr nieder und stieß rau heraus: „Falls ein Wachtposten Dolores Jefferson bewacht, sagen Sie es mir lieber gleich.“ Seine Augen flammten sie an, wurden plötzlich ganz schmal. „Hölle, Madam, versuchen Sie keinen Trick! Sie scheinen mir verändert. Wenn es aus Sorge um Ihren Jungen ist, kann ich Sie beruhigen. Er wird lange schlafen, jedenfalls lange genug, dass wir in Ruhe alles erledigen können. Sicher ist es etwas anderes, das Sie drückt. Ich weiß sogar, was es sein könnte!“

„Sie sind ein Teufel, Granger!“, bebte es von ihren Lippen.

„Nun, es ist nicht schwer zu kombinieren. Der alte Narr ist wohl Ihr Vater und Sie sind Bessie, die Tochter, die er all die Jahre suchte. Sie werden jetzt von Ihren Empfindungen hin und her gerissen. Dort irgendwo draußen ein alter Narr, der seine Tochter sucht, und hier ein roter Häuptling und Ihre Kinder.“ Er grinste ihr widerlich, unverschämt ins Gesicht. „Für Sie gibt es keinen Weg zurück, Madam. Der alte Mann wird eines Tages nicht mehr suchen. Sie aber werden stolz auf Ihre Söhne schauen, die rotes Blut in ihren Adern haben. Ah, zum Teufel mit Frauen, die sich in einem Redmen-Camp wohlfühlen!“

Ihre Rechte fuhr ihm wie eine Kralle mitten durch das Gesicht, erstickte ihm die Worte auf den Lippen. Sie duckte sich, als er sie schlagen wollte, unter seinen Händen hinweg wie eine Katze. Sein Revolver schwang in die Höhe.

„Sie kommen mir nicht davon, Madam!“, rasselte er mit angeschlagener Waffe. „Holen wir die Gefangene!“

Sie zuckte zusammen, wagte beim Anblick der auf sie gerichteten Waffe nicht, ihre Flucht weiter fortzusetzen. Ergab sich in ihr Schicksal und ging schweigend voraus. Granger folgte ihr auf dem Fuße, grimmig, zu allem entschlossen.

„Dort!“, stieß sie beim Anblick eines großen Zeltes, das im Schneegestöber sichtbar wurde, hervor. Granger glaubte seinen Augen nicht zu trauen, denn in der Zeltplane war ein Loch eingeschnitten. Es klaffte weit auf. Dort, wo der Eingang war, lag eine Gestalt im Schnee.

Mit einem Satz war Granger von der Seite der Frau, huschte zu der Gestalt hin, bückte sich und sah in die weit aufgerissenen Augen eines indianischen Wächters, die blicklos und leer waren.

Er brauchte nur einmal hinzusehen, wusste sofort, dass der Mann tot war, dass sich seine Seele auf der Wanderschaft zu den ewigen Jagdgründen befand. Noch im Tode umklammerte die braune Faust des Toten ein Messer. Lanze, Bogen und Pfeil lagen neben ihm.

Grangers Blick schweifte von dem Toten fort auf die Spuren im Schnee, halb verweht schon, aber doch erkennbar.

Es war, als ob eine eiskalte Hand sein Herz berührte, denn die Spuren dort waren klar als die eines Mädchens und die eines Mannes, der Stiefel trug, zu erkennen.

Er erstickte einen Fluch und riss den Kopf hoch, aber dort, wo eben noch die weiße Squaw gestanden hatte, war niemand mehr.

Wie ein Schatten war sie untergetaucht, hatte in Sekundenschnelle die Chance genutzt, die er ihr unfreiwillig gegeben hatte.

Granger wusste nun, dass er keine weitere Zeit versäumen durfte. Es war zwecklos, erst im Zelt nachzuschauen. Dolores Jefferson war verschwunden, das Zelt leer!

Granger rannte zum Gebüsch zurück. Auf dem halben Wege hörte er den gellend hohen Wolfsschrei der Dakota-Sioux wie einen Fanfarenstoß durch die Nacht schmettern.

Granger rannte um sein Leben. Gleich würde es von Kriegern wimmeln und dann ...? Seine Lungen drohten zu bersten, als er Natter wartend hinter dem Gebüsch fand. Natter hatte die Geldkisten auf zwei Indianerponys geladen und die eigenen Pferde aus dem Corral geholt. Er warf nun Granger die Zügel zu.

By Gosh, Natter fragte nicht nach Dolores Jefferson, begriff wohl, dass es jetzt um die eigene Haut ging, dass der Tod hinter ihnen herbrausen würde, und jagte, kaum dass Granger sich in den Sattel geworfen hatte, in höllischem Tempo los.

Hinter ihnen verklang das schrille Rufen, das Pferdegewieher und der Wutschrei aus vielen Kehlen. Sie trieben die Pferde an, rissen die Sporen über Flanken und Weichen, jagten in die eisige Nacht hinein, in die weiße Einsamkeit, die von wirbelnden Schneeflocken erfüllt war.

Die Angst saß ihnen im Nacken. Sie sahen nicht einmal den Schatten des Indianerponys, das dicht hinter ihnen herjagte und erst nach etwa zwei Meilen etwas abfiel.

„Halten wir nach Nordwest, Boss?“, schrie Natter durch den Reitwind.

Granger nickte.

„Wir müssen in den Wäldern untertauchen“, kam es ihm rau über die Lippen. „Jetzt wird sich erweisen, wie viel ich von den Indianertricks nutzvoll anwenden kann.“

„Wo ist Dolores Jefferson?“, fragte Natter. Grangers Nasenflügel blähten sich.

„Ich weiß es nicht, Buddy“, keuchte er. „Jedenfalls ist sie nicht mehr in dem Dakota-Dorf.“

„Dann hast du sie endgültig aufgegeben?“

„Nein, Buddy!“, pfiff es von Grangers Lippen. „Ich werde sie bekommen und jetzt vielleicht leichter als vorher.“

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11.

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Jetzt erst, als sie sich unter einigen Bäumen etwas Ruhe gönnen konnten, betrachtete John Brown das Mädel, das er aus dem Redmen-Dorf geholt hatte. Ihr Anblick drang ihm tief ins Herz. Solange Atem in ihm sein würde, solange würde er ihr Gesicht nicht mehr vergessen.

By Gosh, sie war bleich und sah mitgenommen aus, auch war sie vom raschen Ritt erschöpft und ihre Brust hob und senkte sich unter schnellen Atemstößen. John hatte über ihre schnelle Auffassungsgabe gestaunt, als er in das Zelt eindrang, in dem man sie gefangen hielt. Sie hatte weder aufgeschrien, noch sich sonst wie bemerkbar gemacht. Sie war seiner Aufforderung sofort nachgekommen und ihm willig in die Freiheit gefolgt.

Jetzt, unter den Bäumen, betrachtete auch sie ihn verstohlen, wandte den Blick jedoch zur Seite, als er sie offen ansah.

„Sind wir bald am Ziel?“, fragte sie besorgt.

„Nein, Madam, aber es dauert nicht mehr lange. Bald werden Sie Ihrem Vater die Hand geben können.“

„Meinem Vater?“, wiederholte sie ungläubig, fast erschüttert. „Ich kann es noch nicht glauben.“

„Sie werden sich mit dem Gedanken und noch einem anderen vertraut machen müssen, Madam.“

„Mit noch einem anderen Gedanken?“

Yeah, es war besser, sie gleich darauf aufmerksam zu machen, dass Spaud sie erwartete und dass Old Jemmy gespannt auf den Ausgang des Befreiungsversuchs wartete.

„Ich bin nicht allein zu Ihrer Befreiung ausgezogen, Madam“, gab er offen zu.

„Stuart Spaud und Old Jemmy zogen mit.“

„Der Barbesitzer und der Portier?“ Sie entsann sich gleich, legte aber keine besondere Betonung auf die Namen. „Ich kann kaum Worte des Dankes finden“, murmelte sie leise.

„Das erwartet auch niemand. Oder doch ... yeah, Spaud erwartet so etwas Ähnliches. Er sagt, dass Sie sein Mädel sind, Madam, und dass ...“

„Ich ... sein Mädel ...“ Dolores Jefferson wandte John ihr Gesicht zu, sah ihn mit großen Augen an. Augen, die voll Ratlosigkeit waren.

Sie hatte grüne, leicht schräg gestellte, mandelförmige Augen, ein zart geschnittenes Gesicht, in dem der rote, sanft geschwungene Mund, die langen Wimpern und die gerade Nase ein Bild vollendeter Harmonie bildeten.

Ein leichtes Zittern war in ihrer Stimme, als sie fortfuhr: „Ich habe Mister Spaud nie einen Grund dazu gegeben, dass er das annehmen konnte.“ Ihre Stimme erstickte. Wahrscheinlich dachte sie daran, dass sie ihren Rettern dankbar sein müsste und dass es ungehörig von ihr war, John die Wahrheit über Spaud zu sagen. Tränen schimmerten in ihren Augen. Hilflos senkte sie den Kopf.

Ihr Haar quoll in dichter Fülle unter der Pelzkappe hervor, fiel in weichen Wellen bis auf die Schultern. Jetzt wirkte sie nicht mehr so mutig und voller Zuversicht. Jetzt saß sie im Sattel, als trüge sie eine große Last auf ihren Schultern.

John spürte, wie er tief im Innern erschauerte.

„Wahrhaftig, Madam, Sie sind niemandem etwas schuldig“, sagte er rau, „am allerwenigsten Spaud. Ich kann verstehen, dass er sich etwas einbildet, was nie bestand. Ich begreife ihn nun, denn ein Mann, der Ihnen einmal in die Augen schauen durfte, wird davon träumen, solange er lebt. Spaud ist ein großer Träumer.“

„Und Sie ...?“, fragte sie leise, und ihre Stimme klang wie ein Hauch zu ihm hin, koste und lockte, sodass er erbebte.

„Ich bin kein Träumer, Madam“, murmelte er heiser, und vor seinen geistigen Augen erschien eine Trau mit kupferfarbener Haut, mit dunklen Glutaugen, mit einem leuchtend roten Mund, so lockend und betörend wie der Mund von Dolores Jefferson.

Rau stieß er hervor: „Ich bin ein Squawmann gewesen!“

„Gewesen?“, fragte sie weich, als taste sie mit zarter Hand in seiner Vergangenheit. „Es gibt viele Männer, die irgendwo einmal einem Glück begegnen. So war es doch, nicht?“

„Ich bin John Brown, Madam. Die Hunkpapas nennen mich 'Schwarzer Wolf'. Ich lebte mit ihnen.“

„Was tut's ...? Es gibt Frauen, die sogar bei den Indianern leben, ohne es zu bereuen“, flüsterte sie leise, ohne groß auf seine Worte einzugehen, ohne den Vorwurf, den er sich selbst machte, zu beachten. „Das Glück ist so kurz. Man sollte es halten, wann immer es einem begegnet.“

„Derselben Meinung war Spaud, Madam, aber mir dünkt, dass er nicht dem Glück, sondern einem Irrlicht nachgejagt ist.“

„Das Glück ist launisch, Brown. Dem einen bleibt es versagt, zu dem anderen kommt es oft ein zweites Mal.“ Ihre Stimme verlöschte vor innerer Bewegung.

Er trieb den Rappen näher an ihr Pferd heran, zwang sie dazu, fest in seine Augen zu sehen.

„Mädel“, stieß er heiser heraus, „ich sagte schon, dass ich kein Träumer bin, aber ich bin auch nicht blind. Es gibt nichts Ärgeres, als eine Dankbarkeit, die alles hingeben möchte.“

„Wer sagt es, dass es Dankbarkeit ist, Brown?“, erwiderte sie. „Oder sollte es daran liegen, dass ein Mann Vergleiche stellt und nicht in der Lage ist, das Glück zum zweiten Mal fest in der Hand zu nehmen ...?“

„Dolores!“, stieß John abgerissen hervor. Ihre Augen brannten ihn an. Beide hielten die Pferde an, ohne den Blick voneinanderzunehmen. Seine Augen flackerten. Er spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat, wie es ihn heiß durchbebte. Allmächtiger, yeah, sie wäre ein zweites Glück, neu und unergründet, geheimnisvoll und voll Kraft eines neuen Beginns.

Der Schatten der Toten stand nicht hindernd zwischen ihnen, auch nicht die kurze Zeit ihrer Bekanntschaft. Was waren Stunden in einem solchen Augenblick, in dem alles, was war, was kam und kommen konnte, sich in nichts auflöste.

„Dolores ...!“ John beugte sich näher. Sie wich nicht zurück. „Wer bin ich denn schon?“, murmelte er. „Ein Reiter ohne Ziel, ein Wanderer ohne Heimat!“

„Das alles kann sich ändern, John“, klang es sanft aus ihrem Munde. Er glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu können. Dumpf hämmerte ihm das Herz in der Brust. Plötzlich riss er sie in seine Arme, küsste sie stürmisch, herb und wild. Sie taumelte zurück, war seltsam erregt.

„Entschuldige, Dolores, ich ...“

„Wozu entschuldigst du dich, John? Es ist recht so! Ich bereue nichts.“ Nun war sie es, die ihm willig die Lippen bot.

Abermals nahm er sie in seine Arme, hielt sie fest umschlungen. In der Umarmung der Liebe verschwand die Nacht, waren die Schneeböen nichts weiter als streichelnde Hände. Wie eine Flutwelle hob es die beiden und brachte sie fern der Wirklichkeit.

Plötzlich ließen sie jählings voneinander. Fast im gleichen Atemzug hatten beide den dumpfen Hufschlag gehört.

John war im Glauben, dass es seine Partner wären, die nicht mehr länger auf seine Rückkehr warten und nun auf eigene Faust nachschauen wollten. Er machte den Fehler, die Pferde nicht seitwärts ins Gebüsch zu drängen.

Zu spät erkannte er, dass die beiden Reiter, die plötzlich vor ihnen auftauchten, nicht Spaud und Old Jemmy waren, sondern Natter und Granger, jene Kerle, die er suchte.

Blitzschnell handelte John. Mit einem Schenkeldruck trieb er den Rappen quer vor Dolores' Pferd, und die Kugel, die aus Grangers Colt aufflammte, hieb an ihm vorbei, schlug irgendwo mit einem klatschenden Laut in einen Baumstamm hinein.

Oh, Hölle, kein Wort, kein Ruf ging diesem Kampf voran. Die Tatsache, dass Granger sofort schoss, bewies, dass er seinen Gegner erkannt hatte, bewies aber auch, dass er keine Rücksicht auf Dolores Jefferson nahm. Er schoss, ohne seine Handschuhe abzustreifen, schoss aus einer inneren Reaktion heraus, die das jähe Auftauchen seines Gegners und der Frau, die er suchte, in ihm auslöste. Er schoss auf Kosten der Treffsicherheit, und die Kugel ging daneben.

Noch nie hatte John seine Hände so schnell frei bekommen, noch nie hatte er so glatt und schnell das Eisen ziehen und schwingen können wie in diesem Augenblick, in dem zwei höllische Revolvermänner ihn und das Mädchen bedrohten.

Er war schneller als Natter und schoss bereits, als Granger die zweite Kugel abgefeuert hatte, über den Kopf seines Rappen hinweg. Die Flammenzungen rasten mit wütendem Belfern aus seinem Eisen heraus, hieben Feuerstiche durch die Nacht, Blendlichter des Todes! Eines davon riss Granger aus dem Sattel. Noch im Fallen feuerte Granger, und das Todeslicht aus seiner Waffe riss ein Feuermal in die Nacht. Granger blieb in den Steigbügeln hängen. Sein Pferd machte einige Sprünge zur Seite, blieb dann mit der grausigen Last stehen.

Natter erstickte einen Fluch auf den Lippen. Seine zerschossene Revolverhand pendelte hin und her. Er wagte nicht, seine zweite Waffe zu ziehen, hatte wohl genug. Er starrte mit ausdruckslosem Gesicht auf Granger. Dann jagten seine Blicke zu dem Mädchen und John hin. „Brown, trotzdem hast du das Spiel verloren!“, rasselte er. „Im nächsten Augenblick werden hundert Dakota-Krieger dich wie einen Hasen jagen. Ah, diesen Teufeln wirst auch du nicht entfliehen können!“

Seine Stimme brach ab, denn John Brown, der die rauchende Waffe in der Hand hielt, stemmte sich in den Steigbügeln hoch, sah fast starr an ihm vorbei.

Spaud und Old Jemmy tauchten auf. Old Jemmy ritt an Grangers Pferd heran, schwang sich aus dem Sattel und löste den Toten aus den Steiggurten, ließ ihn sanft in den Schnee gleiten.

„Ich denke, dass wir hier nun nichts mehr verloren haben, Brown“, pfiff es von seinen Lippen. „Die Schüsse dürften die Dakota-Sioux auf unsere Spur gebracht haben. Wir werden es schwer haben, heil durchzukommen. By Gosh, Granger hat uns die Geldkiste aus dem Redmen-Dorf geholt. Irgendwie kommt wohl alles ins rechte Geleise, Brown.“

Er sah zu Spaud hin, der inzwischen Natter nach Waffen untersucht hatte und jetzt fast benommen zu dem Mädchen hinsah, das ihn mit keinem Blick beachtete, sondern nur Augen und Sinn für John Brown hatte.

Old Jemmy zuckte die Schultern. Ah, was ging ihn Spauds Gefühlswelt an. Es war gut, dass er nicht hören konnte, was Spaud leise vor sich hin sagte: „Verloren ...! Man soll nicht nach den Sternen greifen. By Gosh, ich hatte eine klare Chance, aber zum Teufel, warum musste ich schlafen, als Brown auszog, um das Redmen-Dorf zu erkunden? Ich hätte der Glückliche sein können. Damny, ich bin ein schlechter Verlierer!“

Er ahnte nicht, dass nicht weit von der Walstatt entfernt eine Frau den Kopf ihres Indianerponys fest an ihre Brust presste und ihre hellen Augen nicht von der Gruppe lösen konnte, die sich anschickte, fortzureiten. Er ahnte nicht, dass nicht nur bei Dolores Tränen über die Wangen liefen.

Die Frau in der Deckung sah dem davonreitenden kleinen Trupp nach. Schneeflocken trieben ihr ins Gesicht. Lange stand sie wie auf den Fleck gebannt, als sei sie eine Statue, in der kein Leben war.

„Leb wohl, Vater ...“, flüsterten ihre Lippen. Die Worte trieb der Wind in die tanzenden Schneeflocken hinein.

ENDE

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Raue Sattelgefährten – 9 Western Romane

von Pete Hackett

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––––––––

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EIN CASSIOPEIAPRESS E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Der Umfang dieses Ebook entspricht 1116 Taschenbuchseiten.

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Dieses Ebook enthält folgende neun Romane:

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Hass, der in die Hölle führt

Im Banne des Hasses

Die Aasgeier von Junction City

Das Gesetz des Stärkeren

Das blutige Gesetz der Colts

Die Höllenhunde von Anaconda

Partner bis in den Tod

Männerhass

Trag den Stern für Wichita

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Hass, der in die Hölle führt

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Auf den Tag genau fünf Jahre nach seiner Verurteilung öffneten sich für Dick Wetham die Zuchthaustore. Drei Freunde erwarteten ihn. Sie hatten ein Pferd für ihn dabei. Am Sattelknauf hing ein Revolvergurt mit einem schweren, langläufigen 44er im Halter, im Scabbard steckte eine fabrikneue Winchester.

Einer der Kerle grinste und sagte: „Fünf Jahre, Dick. Hoffentlich haben sie dich nicht kleingekriegt oder bekehrt da drin.“ Er wies mit einer knappen Geste auf den riesigen Backsteinbau mit den vielen vergitterten Fenstern, der von hohen Mauern umgeben und mit Stacheldraht auf den Mauerkronen gesichert war.

Wethams Züge vereisten. „Sie haben es versucht, und manchmal war ich nahe daran, zu zerbrechen. Es war hart - höllisch hart. Aber der Gedanke an Quincannon hat mich durchhalten lassen.“ Aus der Tiefe seiner Augen stieg ein hässliches, bösartiges Funkeln. Seine Stimme war zuletzt von einer wilden, ungebändigten Leidenschaft verzerrt, und sein glitzernder Blick verlor sich für kurze Zeit in der Ferne, als würde er in bitteren Erinnerungen versinken.

Dick Wetham war voll Hass. Es war ein Hass, den die Jahre nicht zum Erlöschen zu bringen vermochten - ein Hass, der mit jedem Tag im Zuchthaus geschürt worden und höhergebrannt war wie eine verzehrende Flamme.

Plötzlich riss er sich los von seinen düsteren Überlegungen, er schaute wie ein Erwachender, es kam wieder Leben in seine Miene. Er sagte kehlig: „Es ist schön, dich zu sehen, Bill. Du hast meinen Brief also erhalten. Aber warum bringst du nur zwei Burschen mit?“

Er musterte die beiden abschätzend und sah zwei Kerle, die einen hartgesottenen, wenig vertrauensverweckenden Eindruck vermittelten, die dem äußeren Anschein nach aber im Großen und Ganzen seiner Vorstellung entsprachen.

„Ich habe vier Freunde von mir für den Ritt nach San Marcial gewinnen können, Dick. Ben Smith und Stuart Boddam habe ich schon in die Stadt vorausgeschickt, damit sie sich dort etwas umsehen und Quincannon auf deine Ankunft vorbereiten.“ Bill Haggan kicherte spöttisch. „Der verdammte Sternschlepper soll ruhig wissen, dass die bittere Stunde der Wahrheit für ihn nicht mehr fern ist.“

Dick Wetham schnallte sich den Revolvergurt um und band das Halfter am Oberschenkel fest. Er rückte den Colt zurecht, drückte den Knauf etwas nach außen, und dann zog er. Ansatzlos, gedankenschnell und glatt. Es war eine fließende Bewegung von Hand, Arm und Schulter. Mit dem Hochschwingen des Colts spannte er den Hahn, er schlug das Eisen an. Wie fest damit verwachsen lag es in seiner Faust.

Bill Haggan nickte anerkennend und schmunzelte beeindruckt: „Du hast es nicht verlernt, Dick. Was das Zaubern mit dem Sechsschüsser anbelangt, kann dir so schnell keiner das Wasser reichen.“

Wetham ließ den Hahn in die Ruherast gleiten, der Colt rotierte einmal um seinen Zeigefinger, er versenkte ihn im Futteral und lächelte geschmeichelt.

Einer sagte grinsend: „Mein Name ist McPherson - Cole McPherson. Wir kennen dich nur aus Bills Erzählungen, Wetham. Aber er hat wohl nicht übertrieben, als er dich als Akrobat mit dem Schießeisen beschrieb. Wenn du auch so gut triffst, wie du ziehst ...“

„Keine Sorge“, murmelte Wetham und zog das Gewehr aus dem Scabbard. Es war eine Winchester 73, erst ein halbes Jahr auf dem Markt, kinderleicht zu handhaben und sehr zielgenau. Er riegelte eine Patrone in den Lauf, hob das Gewehr an die Schulter und peilte ein imaginäres Ziel an. „Sehr gut“, lobte der alternde, hagere Bandit mit dem schmalen, hohlwangigen Raubvogelgesicht. Schulterlange, angegraute Haare fielen unter dem verschwitzten und verbeulten Stetson hervor. Ein unstetes, ruheloses Leben und die fünf Jahre in den Steinbrüchen hatten unübersehbare Spuren bei ihm hinterlassen. Tiefe Furchen zogen sich von seinen Nasenflügeln bis zu den Mundwinkeln. Eine helle Messernarbe auf der eingefallenen Wange bildete einen scharfen Kontrast zur sonnenverbrannten Haut.

Er senkte das Gewehr. In seinen pulvergrauen Augen irrlichterte es. „Morgen können wir in San Marcial sein. Reiten wir. Fünf Jahre lang habe ich diesen Tag herbeigesehnt wie sonst nichts auf der Welt. Die Hölle hat mich wieder ausgespuckt, Bill. Und nun gilt es, abzurechnen.“

Er stieß die Winchester in den Scabbard, warf sich in den Sattel und trieb das Pferd an. Dick Wetham war besessen von dem Gedanken an Rache. Mit diesem Gedanken war er Abend für Abend todmüde unter seine zerschlissene Decke gekrochen, mit ihm war er am Morgen wieder aufgewacht. Er hatte ihm geholfen, nicht durchzudrehen und zu verzweifeln unter der glühenden Sonne und den Peitschenschlägen der Aufseher. Jeder Schlag und jede Demütigung hatten seinem Hass neue Nahrung gegeben.

Mit jedem Schritt ihrer Pferde kamen sie San Marcial ein Stück näher. Und mit ihnen näherten sich Hass und Tod der friedlichen Stadt im Socorro County am Westufer des Rio Grande ...

*

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STEVE QUINCANNON, DER Town Marshal von San Marcial, hatte seinen letzten Tagesrundgang hinter sich gebracht. Es ging auf den Abend zu. Die Sonne hing über dem westlichen Horizont. Von Osten kam schnell die Dämmerung. Die Schatten waren lang und begannen zu verblassen, das Land verlor seine Farben.

Steve bog in die Main Street ein. Es war die Stunde des Feierabends und San Marcial war ruhig. Auf der Straße war um diese Zeit kaum etwas los. Die Stadt war arglos. Niemand erinnerte sich des tödlichen Versprechens, das Dick Wetham vor fünf Jahren gegeben hatte. Dick Wetham war in Vergessenheit geraten. Und so ahnte niemand, dass sich das Verhängnis bereits auf stampfenden Hufen näherte, personifiziert in der Gestalt einiger Banditen, deren Lebenselexiere Hass, Gewalt und Terror waren.

Der einzige, der Wetham nicht vergessen hatte, war Steve. Und als er den Mann sah, der lässig am Stützpfosten des Vorbaudaches des Office lehnte, ahnte er sogleich das Unheil. Er verspürte eine jähe Anspannung.

Der Bursche war groß und wirkte abgerissen und verwahrlost. Staub haftete an seiner Kleidung. Er hatte sich den Stetson tief in die Stirn gedrückt, und so war von seinem stoppelbärtigen Gesicht nur der untere Teil zu sehen. Im ersten Moment durchfuhr wie ein Stromschlag der Name Wetham Steves Verstand. Im nächsten Augenblick aber wusste er, dass es sich nicht um den Banditen handelte. Steve stockte etwas im Schritt und schaute schnell in die Runde.

Der Fremde schien allein zu sein.

Steve beschleunigte seine Schrittfolge wieder. Als er an dem Fremden vorbei ins Office wollte, ließ dieser seine Stimme erklingen: „Sorry, Marshal, auf ein Wort.“

Es war eine klanglose Stimme ohne Höhen und Tiefen, weder freundlich noch auf irgendeine Art aggressiv. Dennoch brachte sie Steves Nerven zum Schwingen. Er blieb stehen, fixierte den anderen, und jetzt konnte er auch sein Gesicht sehen. Was er sah, gefiel ihm nicht. Bei dem Burschen handelte es sich um einen Sattelfalken, einen Langreiter, wahrscheinlich einen Gesetzlosen. In den Jahren als Marshal hatte Steve genug Menschenkenntnis erworben, um ihn richtig einzustufen. Und er dachte wieder an Dick Wetham.

„Was ist?“, fragte Steve.

Der andere lächelte und zeigte dabei die Zähne. „Ein schöner Ort, Marshal. Ruhig, friedlich und beschaulich. Früher soll San Marcial ein ziemlich wildes Nest gewesen sein. Haben Sie hier mit eisernem Besen gekehrt? Waren Sie die zähmende Hand hier?“

„Die Zeiten ändern sich eben“, versetzte Steve kühl. „Die Städte werden größer und zivilisierter. Die wilden Burschen sterben langsam aus, denn mehr und mehr zeigt man ihnen ihre Grenzen auf.“

„Ja, so scheint es“, erwiderte der Fremde. Sein Lächeln schien zu gefrieren. „Dennoch sollte man sich in solchen Städten nicht in Sicherheit wiegen, Marshal. Denn der eine oder andere wilde Hombre taucht überraschend wieder aus der Versenkung auf, um irgendwelche alte Rechnungen zu begleichen. Und dann ist es oftmals vorbei mit Ruhe, Frieden und Beschaulichkeit.“

Steve nickte gelassen. „Warum nennen Sie das Kind nicht beim Namen, Stranger? Sie schickt Dick Wetham, nicht wahr?“

„Nicht direkt“, dehnte der Bursche. „Wethams alter Freund Haggan meinte, wir sollten vorausreiten und dieses Nest - vor allen Dingen Sie, Marshal -, auf die Stunde der Abrechnung einstimmen.“

„Wir?“, entfuhr es Steve und seine Wirbelsäule versteifte jäh.

„Mein Freund Ben Smith und ich. Mein Name ist übrigens Boddam.“ Er deutete über die Straße, und als Steve den Kopf drehte, nahm er in der Mündung einer Gasse einen weiteren Burschen wahr, der vorher nicht dort gestanden hatte.

Ben Smith hatte die Hände flach hinter den Gurt mit dem tiefhängenden Halfter geschoben. Sein Gesicht war ausdruckslos. Um seinen Mund lag ein brutaler Zug. Eine unausgesprochene Drohung ging von ihm aus, etwas Gefährliches, ein Strom von Härte, Skrupellosigkeit und Gnadenlosigkeit.

Steve wandte sich Boddam wieder zu, als dieser erneut anhub. „Hatten Sie Wetham etwa aus Ihrem Gedächtnis gestrichen, Marshal? Rechneten Sie nicht mehr damit, dass er seinen Schwur erfüllt?“

„Wann kommt Wetham?“

„Morgen.“

Hinter Steve waren das Knarren von Stiefelleder, das leise Klirren von Radsporen und das Mahlen von Staub unter Ledersohlen zu hören. Ben Smith näherte sich mit schleppenden Schritten.

„Nun“, murmelte Steve, „dann sind wir ja gewarnt hier in der Stadt. Die Bürger San Marcials werden nicht dulden, dass ihr hier einen faulen Zauber abzieht. Sie werden euch geschlossen wie ein Mann gegenübertreten und euch mit Pauken und Trompeten zum Teufel jagen.“

Boddam lachte verächtlich auf. „Darauf würde ich mich nicht verlassen, Ouincannon. Es wird wohl eher so sein, dass sich eine ganze Reihe der ehrenwerten Gentleman hier in die Hosen machen und sich vor uns verkriechen.“

Hinter Steves Rücken lachte auch Ben Smith. Dann gab er zu verstehen: „Er spricht aus Erfahrung, Sternschlepper. Ich denke, du stehst ziemlich einsam und verlassen da, wenn es zum Treffen kommt. Es ist überall das selbe. Man wird dich daran erinnern, dass du derjenige bist, der für Ruhe und Ordnung zu sorgen hat. Sie bezahlen dich, damit du sie beschützt. Und sie machen keinen Finger krumm, wenn du für sie dein Fell zu Markte trägst. Es ist dein Job. Und das ist für sie die Rechtfertigung.“

Steve vollführte eine halbe Drehung. „Ich frage mich, woher Sie Ihre Sicherheit nehmen, Mister.“

„Ich war schon in vielen solchen Städten“, antwortete Smith fast sanft. Und dann fügte er klirrend hinzu: „Du wirst es selbst erleben, Quincannon. Morgen, wenn Wetham hier ist. Fang langsam an zu beten und komm mit dir ins Reine, Amigo. Denn deine Stunden sind gezählt.“

„Ich verstehe“, knurrte Steve. „Ihr seid vorausgeritten, um im Vorfeld die Menschen hier einzuschüchtern, zu verunsichern, sie ängstlich zu machen. Leider habe ich gegen euch Schufte nichts in der Hand. Ein Steckbrief scheint von euch in diesem Staat nicht zu existieren. Seid nur zurückhaltend und friedfertig, solange ihr in der Stadt weilt.“

Steve sprach es mit aller Entschiedenheit und setzte sich wieder in Bewegung. Er beachtete die beiden Banditen nicht mehr. Als sich die Officetür hinter ihm schloss, stieß Smith hervor: „Wir werden ihm seinen Hochmut austreiben. Ich sah schon ganz andere Burschen als ihn zerbrechen. Es ist nur eine Frage der Mittel. Komm, spülen wir uns den Staub aus der Kehle. Und dann sehen wir weiter.“

Sie lenkten ihre Schritte auf den Saloon zu.

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DIE DUNKELHEIT KAM. Steve machte im Office kein Licht. Angie wartete mit dem Abendessen auf ihn. Er konnte sich nicht entschließen, nach Hause zu gehen. Er wollte alleine sein mit all seinen nagenden Gedanken. Auch wusste er nicht, wie er Angie beibringen sollte, dass über ihm das Damoklesschwert einer tödlichen Gefahr hing.

Er dachte daran, die maßgeblichen Männer der Stadt aufzusuchen, um mit ihnen über eine Bürgerwehr zu sprechen. Aber auch diesen Gedanken schob er beiseite. Ungute Ahnungen erfüllten ihn. Er wusste nicht, wie die Reaktionen ausfielen. Und tief in seinem Innersten fürchtete er sich davor, dass es so kommen könnte, wie der Bandit auf der Straße es prophezeit hatte.

Die Zeit schritt fort. Steves Gedanken bewegten sich im Kreis. Er spürte Verunsicherung, und das zermürbte seine Nerven und machte ihn gereizt. Aus dem Saloon war verschwommenes Stimmengewirr und Gelächter zu vernehmen. Boddam und Smith hatten also noch nicht begonnen, die Saat des Schreckens und  der Angst in die Herzen und Gemüter zu streuen. Wahrscheinlich wollten sie nichts herausfordern. Möglicherweise wollten sie es auch ihm, Steve, überlassen, die Hiobsbotschaft in San Marcial zu verbreiten.

Plötzlich erklang lautes Kreischen, eine wütende Stimme schrie etwas, jemand lachte schallend. Schwerfällig erhob sich Steve. Er holte sein Gewehr, ging zur Tür und trat auf den Vorbau. Ein kühler Luftzug streifte ihn. Ein ganzes Stück die Straße hinunter lag eine Gestalt auf der Fahrbahn. Sie wurde vom Licht, das aus dem Saloon fiel, umflossen. Steve hörte den Mann hüsteln und ächzen, und nun kroch er auf allen vieren davon, auf den nachtschwarzen Schlund einer Gasse zu.

Steve seufzte. Er hatte den Mann erkannt. Er sprang vom Vorbau und schritt schräg über die Fahrbahn auf ihn zu. Der Mann lag nun im Maul der Gasse, röchelte und gurgelte, und bewegte sich nicht mehr, als hätte ihn sämtliche Kraft verlassen.

„Telly“, murmelte Steve bitter, als er ihn erreichte, „du hast dich also wieder sinnlos betrunken. Und sie haben dich wie so oft schon auf die Straße geworfen, als du ihnen lästig wurdest mit deiner Bettelei nach einem Brandy oder ein paar Cents.“

Der Betrunkene lallte unartikulierte Laute vor sich hin.

Steve beugte sich über ihn. „Es wird immer schlimmer mit dir, Telly. Ich muss dich wieder einmal zur Ausnüchterung ins Gefängnis stecken. - Du lieber Himmel, wie kann sich ein Mensch nur so sinnlos betrinken?“

Er packte Telly am Kragen der zerschlissenen, schmutzstarrenden Jacke, da lachte jemand leise hinter ihm, und dann sprang ihn eine spöttische Stimme an: „Quincannon der Samariter. Sieh an, sieh an. Liebe deinen Nächsten, wie? Du machst dem biblischen Grundsatz alle Ehre. Willst du dir damit einen Platz im Himmel erkaufen?“

Steve identifizierte diese Stimme auf Anhieb. Sie gehörte Ben Smith. Und Steve wusste, dass ihn die beiden Kerle beobachteten und überwachten.

Er nahm die Hand von Tellys Jackenkragen und versuchte, mit den Augen die Dunkelheit in der Gasse zu durchdringen. Es gelang ihm nicht.

Ben Smith sagte: „Es wird Wetham ein Leichtes sein, dir das Licht auszublasen, Quincannon. Du bist ziemlich unachtsam. Wir könnten dich jetzt kaltmachen. Du hebst dich gut ab gegen den helleren Hintergrund der Main Street. Aber keine Sorge: Wir wollen Dick Wetham nicht vorgreifen.“

Den Worten folgte wieder ein dumpfes, höhnisches Lachen.

„Ich rate euch zu verschwinden“, stieß Steve hervor, als er den Aufruhr seiner Gefühle wieder unter Kontrolle hatte. „Eure Taktik hat nämlich einen Fehler. Ihr könnt mich nicht mürbe machen. Es gelingt euch nicht, mich in ein Nervenbündel zu verwandeln. Ich habe Dick Wetham schon einmal kleingekriegt, obwohl ihm ein Rudel Kerle von eurer Sorte den Rücken stärkten. Und er wird sich auch diesmal die Zähne ausbeißen.“

Aus der Finsternis lösten sich zwei Schemen. Sie näherten sich langsam. Als sie einen Schritt vor Steve anhielten, sagte Stuart Boddam: „Du versuchst dir Mut zu machen, Quincannon.“

Wenn der Bandit am Nachmittag noch die Form gewahrt hatte, so zeigte er Steve jetzt seine Geringschätzung und Missachtung, indem er ihn mit ‘du’ anredete.

Zorn, den er nur mühsam im Zaum halten konnte, ergriff von Steve Besitz. „Psychoterror funktioniert bei mir nicht“, knirschte er. „Eure drohenden Verheißungen könnt ihr für euch behalten. Reitet Wetham entgegen und warnt ihn. Bestellt ihm von mir, dass er gut daran täte, nicht nach San Marcial zu kommen. Ich will euch zwei morgen nicht mehr in der Stadt antreffen. Wenn doch ...“

Er verstummte, denn die Erkenntnis, dass er keine Handhabe gegen Smith und Boddam hatte, traf ihn und machte ihn ratlos.

„Mach dich nicht lächerlich, Quincannon!“, giftete Boddam. „Dir sind die Hände gebunden. Yeah, der Stern an deiner Brust lässt es nicht zu, dass du zwei unbescholtenen Bürgern eines freien Landes auf die Zehen trittst. Du bist machtlos, Amigo. Du kannst nicht so, wie du gerne möchtest. Und das macht dich wütend. Dazu kommt die Angst. Noch ist sie vielleicht nur unterschwellig. Aber sie wächst mit jeder Stunde, und sie zersetzt deinen Verstand. Und wenn Metham in die Stadt kommt, wirst du halb verrückt sein vor Angst. Es ist wie bei einem, der in der Todeszelle sitzt und dem der Termin seiner Hinrichtung mitgeteilt wird. Ich schätze, innerhalb der nächsten zwölf Stunden bist du mit deinen Nerven so ziemlich am Ende.“

Sie setzten sich in Bewegung, schritten an Steve vorbei und verschwanden gleich darauf um die Ecke des Saloons. Abgesehen von dem Betrunkenen war Steve mit seinen aufgewühlten Empfindungen allein. Er knirschte mit den Zähnen. Und er sagte sich, dass die Schufte vielleicht gar nicht so unrecht hatten. Möglich, dass die Angst schon in ihm wurzelte. Schicksalhafte Stunden lagen vor ihm. Und am Ende stand vielleicht der  Tod ...

Gewaltsam konzentrierte Steve sich auf den Augenblick. Er half Telly hoch. Der Trinker konnte sich kaum auf den Beinen halten. Steve hatte alle Mühe, ihn in den Jail zu schaffen.

*

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DER TAG ERWACHTE MIT strahlender Schönheit. Die Sonne schleuderte ihre Flammenbündel in das Land und vertrieb die Kälte der Nacht. Die gleißende Helligkeit griff nach San Marcial.

Steve Quincannon hatte an diesem Morgen kein Auge für dieses prächtige Naturschauspiel. Er würgte an seinem Frühstück. Angie beobachtete ihn sorgenvoll. Seit nicht ganz drei Jahren waren sie verheiratet. Er hatte ihr nichts von den beiden Kerlen und ihrer bösen Prophezeiung erzählt. Mit dem untrüglichen Instinkt der liebenden Frau aber spürte sie, dass etwas nicht stimmte.

Sie schenkte ihm Kaffee nach. Draußen erwachte die Stadt zum Leben. Vögel zwitscherten. Forschend schaute sie in sein Gesicht. Er wirkte gedankenverloren, als wäre er im Geiste ganz woanders.

„Was ist los, Steve?“, fragte sie. „Etwas stimmt doch nicht. Seit gestern bist du so verändert, so in dich gekehrt. Du sprichst kaum noch und grübelst nur. Gibt es Probleme? Was verschweigst du mir?“

Er spülte den Bissen mit einem Schluck Kaffee hinunter, legte den Toast auf den Teller zurück, blinzelte und sah Angie voll an. Dann brach es über seine Lippen: „Gestern wurde Dick Wetham aus dem Zuchthaus entlassen. Und heute wird er in San Marcial eintreffen.“

Angie erbleichte. „Gütiger Gott“, entrang es sich ihr, und ihre Hände wischten fahrig über den Tisch. Aus der Tiefe ihrer blauen Augen stieg das blanke Entsetzen, unter ihrem linken Auge begann ein Nerv zu zucken. Mehr als die beiden Worte brachte sie nicht heraus. Die würgende Angst ließ ihre Stimmbänder versagen.

Steve nickte schwer. „Gestern kamen zwei Fremde in die Stadt. Sie erwarteten mich am Abend vor dem Office. Es sind Kumpane von Wetham, und ihre Aufgabe ist es, mich mürbe zu machen. Ich soll nervlich am Ende sein, wenn Wetham aufkreuzt. Sie sollen mit mir spielen wie die Katze mit der Maus. Den Rest will Wetham dann selbst besorgen.“

Steve erhob sich.

„Wo willst du hin?“ Angies Stimme klang schrill und unnatürlich. Ihre Nasenflügel bebten. Ihr hübsches, gleichmäßiges Gesicht mutete in dieser Minute verkrampft an. Ihre Brust hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen.

„Ich will versuchen, einige Männer zu mobilisieren“, murmelte er. „San Marcial drohen Terror und Gewalt. Ich bin zwar der Marshal, aber alleine stehe ich gegen ein Rudel Banditen auf ziemlich verlorenem Posten. Darum ist diese Stadt gefordert.“

Zuletzt klang seine Stimme hart und scharf.

„Keiner wird dir helfen. Keiner!“ Angie knetete ihre Hände. Sie sprach abgehackt, und was sie sagte, kam im Brustton der Überzeugung. „Sie sind feige. Sie lassen sich lieber terrorisieren und demütigen, als dass sie eine Waffe in die Hand nehmen und ihre Haut zu Markte tragen.“ Sie stemmte sich am Tisch in die Höhe. „Steve, bitte, lass uns die Stadt verlassen, solange noch Zeit ist. Es gibt hier kaum etwas, was uns hält.“

Zuletzt hatte Angies Stimme beschwörend, fast flehend geklungen. Angst und Verzweiflung, die in ihrem Blick lagen, trafen ihn bis in den Kern. Er schluckte trocken. Das Abzeichen an seiner Weste mutete ihn plötzlich zenterschwer an. „Du vergisst die beiden Strolche, die Wetham vorausschickte, Angie“, murmelte er rau. „Sie beobachten mich auf Schritt und Tritt. Wir kämen nicht aus der Stadt. Es ist aber auch nicht notwendig, dass wir davonlaufen. In San Marcial gibt es ...“

„Rechne nicht mit den Männern dieser Stadt!“, unterbrach Angie ihn fast hysterisch. Und plötzlich sank sie auf ihren Stuhl zurück, als würden ihre Beine sie nicht mehr tragen. „Du wirst allein sein, Steve, mutterseelenallein, und Wetham wird dich töten. Mein Gott, Steve, allein der Gedanke daran ist mir unerträglich.“

Ihr Gesicht war Spiegelbild der Empfindungen, die sie quälten. Die Angst um ihn drohte ihr den Verstand zu rauben. Sie streckte ihm die zitternden Hände hin. „Bitte, Steve“, kam es brüchig und losgelöst, fast hauchend über ihre zuckenden Lippen. „Lass uns fliehen.“

Bei ihm stritten sich Gefühl und Verstand. Ein peinigender Zwiespalt war in ihm aufgerissen. Er wollte einerseits Angie nicht weh tun. Denn er liebte sie mehr als sein eigenes Leben. Andererseits konnte er nicht fliehen. Dick Wetham war voll Hass und Rachegier. Den Platz gab es nicht auf der Welt, wo er ihn nicht finden würde. Heiser sagte Steve: „Egal, wohin wir gehen, Angie: Wetham findet mich. Soll ich den Rest meines Lebens damit verbringen, vor ihm zu flüchten? Nein, Angie, das wäre kein Leben. Hier ist unser Platz - und diesen Platz verteidige ich.“

Angie schlug die Hände vor das Gesicht. Ihr ganzer Körper  erbebte. Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Steve umrundete den Tisch, stellte sich hinter sie und legte ihr beide Hände auf die Schultern. „Hör bitte zu weinen auf, Angie“, presste er hervor. „Wir wussten beide, dass Wetham eines Tages seinem Schwur getreu nach San Marcial kommen würde, um sich für die Jahre im Zuchthaus zu rächen. Den Gedanken daran haben wir immer nur zur Seite geschoben, aber wir lebten ständig mit ihm. Wir wussten auch, dass die Zeit nicht still steht. Und jetzt sind die fünf Jahre um. Wir müssen jetzt stark sein, Angie - beide. Und wir müssen uns an dem Gedanken aufrichten, dass ich Wetham schon einmal besiegte. Auch damals stärkten ihm fast ein halbes Dutzend coltschwingender Schufte den Rücken. Dennoch brachte ich ihn vor Gericht.“

„Er wird dich töten“, keuchte sie. „Ich spüre es. Er wird dich dort draußen auf der Straße zusammenschießen - und die Stadt wird zusehen.“

Sein Griff auf ihren Schultern wurde härter. Er presste die Lippen zusammen, dass die Backenknochen scharf hervortraten. „Niemand kann seinem Schicksal davonlaufen oder ihm ausweichen, Angie“, sagte er mit Nachdruck. „Ich gehe jetzt. Es gibt genügend aufrechte Männer in dieser Stadt, die nicht zulassen werden, dass eine Horde skrupelloser Banditen hier einen höllischen Reigen aufführen. Du wirst es sehen, Angie.“

Er ging zur Tür. An der Wand daneben, an einem Hacken, hingen sein Revolvergurt mit dem Sechsschüsser im Halfter und sein Hut. Er stülpte ihn sich auf den Kopf, dann schnallte er sich den Gurt um. Er rückte das Halfter zurecht und band es am Oberschenkel fest. Seine Gestalt straffte sich, er reckte die breiten Schultern, sog die Luft in seine Lungen und drehte sich noch einmal zu Angie um. Sie starrte ihn aus tränenumflorten Augen an, Tränen rollten auch über ihre Wangen.

„Es ist schon schwer genug, Angie“, murmelte er betrübt. „Mach es für uns nicht noch schlimmer. Bitte ...“

„Ohne dich werde auch ich nicht mehr leben wollen“, flüsterte sie.

Er spürte ein Würgen in der Kehle und ging schnell hinaus. Und als er auf dem Sidestep seinem Office zustrebte, echoten ihre Worte noch durch seinen Verstand.

Eine kalte Hand schien nach ihm zu greifen und ihn nicht mehr loszulassen.

*

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NUR VEREINZELT BEGEGNETEN Steve Passanten. Es war noch früh am Morgen. Er wurde gegrüßt, aber er war viel zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um darauf zu achten. Verdutzte Blicke folgten ihm. Dann betrat er das Office. Abgestandene Luft schlug ihm entgegen und er ließ die Türe offen, damit frische Luft in den Raum strömen konnte.

Aus dem Zellenanbau war röchelndes, gequältes Husten zu vernehmen. Und dann ein langgezogenes Stöhnen. Es riss Steve aus seiner gedanklichen Versunkenheit. Er betrat den Jail. Leise quietschte die Tür in den Angeln. In einer der Zellen saß Telly Bradlow zusammengekrümmt auf der Kante einer Pritsche und hielt sich den Kopf mit beiden Händen. Er ächzte und brabbelte unverständliche Worte vor sich hin, dann stöhnte er wieder gequält auf.

Unwillkürlich musste Steve grinsen. „Na, Telly, wieder von den Toten aufgewacht? Du lieber Himmel, du warst wieder einmal betrunken wie ein ganzer Indianerstamm.“

Vorsichtig drehte Telly Bradlow den Kopf. Seine Augen waren wässrig und gerötet, die Nase war großporig und bläulich verfärbt, wirr fielen ihm die grauen Haare in die runzlige Stirn, und den unteren Teil des Gesichts verdeckte ein verfilztes Bartgestrüpp.

„An meinem Brummschädel gemessen muss es wohl so gewesen sein, Steve“, murmelte der Oldtimer und seufzte. „Mein Kopf fühlt sich an wie ein leeres Whiskyfass, gegen das jemand ununterbrochen mit einem Paukenschlegel hämmert.“ Er holte rasselnd Luft, hüstelte, und versprach: „Nie wieder rühre ich einen Tropfen Brandy an, nie wieder. Und nun lassen Sie mich raus, Steve. Ich muss meinen Kopf ins Wasser halten. Und dann ...“

„... musst du wieder etwas gegen deinen Kater trinken, Telly, nicht wahr?“ Steve war wieder ernst geworden. Er nahm den Schlüssel vom Haken und schloss die Zellentür auf. „Es ist ein Teufelskreis, Telly. Mit dir nimmt es noch mal ein schlimmes Ende. Du solltest künftig tatsächlich die Finger von der Schnapsflasche lassen. Nun verschwinde, Telly.“

„Sie - Sie lassen mich tatsächlich gehen?“ Der Trinker war erstaunt. Seine Hände sanken nach unten. Ungläubig musterte er Steve. Und dann erhob er sich langsam, schwankte leicht und wiederholte: „Sie lassen mich wirklich frei, Steve? In der Vergangenheit haben Sie mich doch immer drei Tage lang in diesem Käfig schmoren lassen.“

„Und was hat es genützt?“, fragte Steve bitter. „Du bist raus aus dem Knast und hast sofort wieder zu saufen begonnen wie ein Loch. Man kann dich nicht mehr umerziehen, Telly. Bei dir ist Hopfen und Malz verloren. Und der Tag ist sicher nicht mehr fern, an dem ich dich irgendwo in einer Gasse finde, und du bist tot.“

Telly setzte sich in Bewegung. Er torkelte an Steve vorbei in das Office. Er war noch immer nicht richtig nüchtern. Er atmete keuchend, fast asthmatisch. Es war wohl so, dass er sich irgendwann totgetrunken haben würde. Sein ausgemergelter Körper hielt das Schindluder, das Telly mit ihm trieb, gewiss nicht mehr lange durch.

Steve blickte dem Oldtimer nach, als er über die Straße schwankte und sich bei einem Tränketrog niederkniete. Telly steckte seinen Kopf in das kalte Wasser. Als er wieder hochkam, schnaubte und prustete er. Dann wiederholte er die Prozedur. Und schließlich verschwand er in einer Hofeinfahrt.

Es war immer das selbe mit dem alten Trunkenbold, dem man in San Marcial nur mit Verachtung begegnete, den Steve aber irgendwie ins Herz geschlossen hatte. Er mochte den Alten, trotz allen Ärgers, den er laufend mit ihm hatte. Vielleicht war es auch Mitleid. Möglicherweise wusste Steve es selbst nicht so genau.

Steve nahm sein Gewehr, prüfte die Ladung, dann verließ auch er das Office.

Sein erster Weg führte ihn zu Jim Hopkins, dem Town Major. Missis Hopkins, eine rundliche Person mit freundlichem Gesicht, ließ ihn ins Haus. Der Bürgermeister saß noch beim Frühstück. Er erwiderte Steves Gruß, dann fragte er kauend: „Was führt Sie in aller Herrgottsfrühe schon zu mir, Marshal?“

Mrs. Hopkins bot Steve einen Stuhl an, dieser aber lehnte dankend ab und erwiderte an den Town Major gewandt: „Dick Wetham hat durch zwei Kumpane sein Kommen anmelden lassen. Er wurde gestern aus dem Zuchthaus entlassen, und heute schon wird er in San Marcial aufkreuzen.“

Sekundenlang vergaß Jim Hopkins zu kauen. Dann aber schluckte er, und es mutete an, als bliebe ihm der Bissen im Hals stecken. Die Augen quollen ihm aus den Höhlen, schließlich aber brach es über seine Lippen: „Dick Wetham kommt nach San Marcial?“

Entsetzt fixierte er Steve.

Dieser nickte. „Yeah. Und der Grund, der ihn hertreibt, ist allgemein bekannt. Er will sich an mir, und wahrscheinlich auch an der Stadt rächen.“

„Gott steh uns bei“, entrang es sich Mrs. Hopkins und sie musste sich setzen.

„Auf Gott können wir in diesem Fall nicht bauen, Mrs. Hopkins“, murmelte Steve. Und dann schaute er wieder den Bürgermeister an. „Die beiden Kerle, die gestern ankamen, waren sozusagen die Vorhut. Wetham wird weitere Burschen dieser Spezies mitbringen.“

„Nun haben wir den Salat“, knirschte Hopkins. „Hätten Sie damals die aufgebrachte Meute nicht zurückgehalten, Quincannon, dann wären wir das Problem Wetham längst los. So aber ...“

Steve versetzte achselzuckend und ohne auf den Vorwurf des Town Majors einzugehen: „Wir müssen eine Bürgerwehr auf die Beine zu stellen. Nur wenn die Stadt Wetham und seinem Verein gegenüber geschlossen auftritt, nötigt ihnen das Respekt ab und sie verschwinden wieder, weil sie ja Kopf und Kragen riskieren würden, ließen sie hier den Teufel von der Leine.“

Wie gebannt saß Jim Hopkins auf seinem Stuhl. „Bürgerwehr!“, echote er. Nur langsam setzte sich dieses Ansinnen in seinem Verstand durch.

„Ich denke an Männer wie Sie, Town Major. An Jack Bowden, den Sattler, Hank Chapman, den Schmied, Elliott Fuller vom ‘San Marcial Express’, an den Barbier, den Salooner, den Mietstallbesitzer und all die anderen, die in dieser Stadt leben und arbeiten und die ganz gewiss nicht wollen, dass hier Terror, Hass und Gewalt fußfassen.“

Der Bann fiel von Hopkins ab. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Dann sagte er mit kratzender Stimme: „Man müsste mit den in Frage kommenden Männern reden. Aber man wird sie überzeugen müssen. Es sind keine Kämpfer. Sie haben Familien zu versorgen, sind rechtschaffen, redlich und arbeitsam - aber eben keine Kämpfernaturen. Reden Sie mit ihnen, Marshal. Versuchen Sie ihnen klarzumachen ...“

Steve unterbrach ihn schroff: „Es fehlt an der Zeit, um langwierige Überzeugungsarbeit zu leisten, Hopkins. Darum will ich, dass Sie unverzüglich eine Bürgerversammlung einberufen und zu den Männern dieser Stadt sprechen.“

Der Town Major rang die Hände.

„Und Sie sollten mit gutem Beispiel vorangehen und der erste Freiwillige in der Bürgerwehr sein, Town Major“, kam es von Steve. In seiner Stimme lag ein zwingender Unterton, sein Blick übte Druck auf den korpulenten Mann aus, dem er nicht standhalten konnte.

„Mein Mann geht auf die sechzig zu“, begehrte Mrs. Hopkins auf, und der freundliche Ausdruck ihres Gesichts war abweisender Verschlossenheit gewichen. „Außerdem ist er nicht der Gesündeste, und mit einer Waffe kann er schon gar nicht umgehen. Ziehen Sie ihn da nicht mit hinein, Marshal. Es ist nicht seine Aufgabe, in San Marcial eine Waffe zu schwingen.“

Steve sah sie betroffen, aber auch erstaunt an, dann kam der kalte Zorn und schließlich entfuhr es ihm: „Ich ziehe Ihren Mann in nichts hinein. Bei Gott, Ihr Mann war damals Obmann der Jury, die Wetham schuldig sprach. Es wird Wetham kaum interessieren, dass er zwischenzeitlich auf die sechzig zugeht und kränklich ist. Aber natürlich, Mrs. Hopkins. Die Waffe in dieser Town zu schwingen ist Job des Marshal. Er wird dafür bezahlt. Das wollten Sie doch zum Ausdruck bringen, nicht wahr?“

Ja, der Zorn hatte ihn übermannt, und er hatte schärfer gesprochen als er es eigentlich beabsichtigt hatte. Denn irgendwie konnte er die Frau verstehen. Auch Angie hatte Angst um ihn. Und weshalb sollte Mrs. Hopkins nicht ebenso an ihrem Mann hängen wie Angie an ihm?

Die Augen der Frau blitzten ihn kriegerisch an. „Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, Quincannon!“, stieß sie hart und leidenschaftlich hervor. „Ihre Aufgabe ist es, in San Marcial dem Recht Geltung zu verschaffen. Nicht die Aufgabe meines Mannes, oder des Sattlers oder des Schmieds oder wessen auch immer.“

„Und wie stehen Sie dazu, Hopkins?“, kam Steves scharfe Frage.

„Nun - ja - ich weiß nicht“, stammelte der Town Major betreten, und es war wohl so, dass er sich in dieser Sekunde am liebsten in einem Mausloch verkrochen hätte. „Grundsätzlich hat meine Frau recht. Andererseits aber ...“ Seine Rechte wischte durch die Luft, er blinzelte, und als er weitersprach, versuchte er, seiner Stimme einen festen Ton zu verleihen, was jedoch deutlich misslang. Er krächzte: „Nun, man  muss Wetham frühzeitig bremsen. Andernfalls gibt er sehr schnell den Ton an in unserer Stadt und ...“

„Bist du verrückt?“, fauchte ihn seine Gattin wütend an. Ihr Gesicht hatte sich gerötet, und sie wirkte ganz und gar nicht mehr gütig und wohlwollend. Sie erinnerte Steve jetzt an eine Furie, und er beobachtete, dass der Bürgermeister den Kopf zwischen die Schultern zog und regelrecht zusammenschrumpfte. Seine Lippen bewegten sich, als wollte er etwas sagen, aber seine Frau ließ ihn nicht zu Wort kommen. Sie kreischte: „Schweig! Wenn du nicht genug Rückgrat hast, das Ansinnen des Marshals abzulehnen, ich besitze es. Und ich sage nein, nein, nein und nochmals nein. Du wirst keine Waffe in die Hand nehmen und dich zusammenschießen lassen.“

Steves Mundwinkel sackten geringschätzig nach unten. Sicher, er konnte die Haltung der Frau verstehen, aber Hopkins Verhalten wollte er nicht akzeptieren. Er empfand plötzlich Verachtung. Kaum die Lippen bewegend gab er zu verstehen: „Wie ich schon sagte: Sie waren damals Obmann der Geschworenen, die den Schuldspruch fällten, Hopkins. Sie müssen Dick Wetham und seinen Anhang fürchten. Jetzt aber hat Ihre Frau ein Machtwort gesprochen. Ich denke, ich kann nicht mit Ihnen rechnen.“

„Ich - ich ... Meine Frau - sie will doch nur ...“

Steve winkte ab. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren  machte er abrupt kehrt, und ohne das Ehepaar noch eines Blickes zu würdigen verließ er den Raum.

Er begab sich zur Sattlerei. Jack Bowden hatte schon geöffnet und nahm gerade den Auftrag eines Mannes entgegen. Als der Marshal eintrat, hob Bowden die linke Braue und sagte: „Einen Augenblick, Marshal. Wallace bestellt gerade einige Sättel und Zaumzeuge und ...“

„Was ich zu sagen habe, geht Sie beide an, Gentleman“, knurrte Steve und er hatte noch immer gegen den Zorn anzukämpfen, der ihn seit seiner Vorsprache beim Town Major erfüllte. Darum lag auch wenig Freundlichkeit in seinem Tonfall. „Dick Wetham ist im Anmarsch auf San Marcial. Den Grund, der ihn hertreibt, brauche ich Ihnen sicherlich nicht zu nennen. Alleine bin ich aufgeschmissen. Denn Wetham kommt wahrscheinlich mit einer ganzen Horde schnellschießender Schufte. Ich brauche einige Männer, die bereit sind, Wetham entgegenzutreten.“

Jeff Wallace, der Mietstallbesitzer, starrte Steve an, als käme dieser geradewegs von einem fremden Stern. Jack Bowdens Miene verdüsterte sich schlagartig. Er nagte kurz an seiner Unterlippe, entschied sich im nächsten Moment und murmelte: „Ich glaube nicht, dass ich dazu bereit bin, Marshal. Wie käme ich auch dazu, meine Haut gegen einen Verbrecher wie Wetham zu Markte zu tragen? Sie tragen den Stern, Quincannon. Sie haben geschworen, gegen Unrecht und Gesetzeswidrigkeit einzutreten. Nicht die Stadt hat ihren Marshal zu schützen. Der Marshal hat die Stadt vor Terror und Gewalt zu bewahren. So ist es doch, oder gilt dieser Grundsatz nicht mehr?“

Steve kniff die Lippen zusammen. Die Worte des Sattlers waren wie Hammerschläge gefallen. Bowden hatte seinen Standpunkt klargemacht und keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, dass er jedes Wort genauso meinte, wie er es gesprochen hatte.

Steves Blut geriet in Wallung. Der gehässige Ton in Jack Bowdens Stimme jagte eine Welle heißer Wut in ihm hoch, die er nur mit Mühe bezähmen konnte. Er erzitterte innerlich. Herzschlag und Puls beschleunigten sich, seine Wangenmuskulatur vibrierte. „Das war klar und deutlich“, presste er hervor, und es klang ausgesprochen herb. „Wie stehen Sie dazu, Wallace?“

Der Mietstallbesitzer druckste herum und vermied es, Steves herausfordernden Blick zu erwidern. Er hob die Schultern und meinte lahm: „Ich habe nie gelernt, mit einer Waffe umzugehen. Ich wäre Ihnen keine Hilfe, Marshal, eher ein Klotz am Bein. Außerdem glaube ich nicht, dass ich genug Mut aufbrächte, gegen ein Rudel Gunslinger anzutreten. Ich - ich war mein Leben lang kein Kämpfer und ...“

Wallace brach ab, vollführte einige unbeholfene, marionettenhafte Gesten mit beiden Händen und trat von einem Bein auf das andere.

Der Zorn verrauchte. Enttäuschung befiel Steve, und ein niederschmetterndes Gefühl von Verlorenheit gesellte sich hinzu. Allein die Nennung des Namens Dick Wetham genügte, um ihn zum einsamsten Menschen in San Marcial zu machen.

Er begann noch einmal, nachdem er tief durchgeatmet hatte, als könnte er sich so von dem immensen Druck befreien, der seine Brust plötzlich einzuengen schien: „Es geht nicht nur um mich, Leute. Wetham hat sicher nicht vergessen, dass man ihm in dieser Stadt am liebsten einen Strick geknüpft hätte. Er hat am Spieltisch einen Mann dieser Stadt erschossen, und wäre ich nicht dazwischen gegangen, würde man ihn kurzerhand aufgeknüpft haben. Waren nicht sogar Sie einer der vorlautesten Schreihälse, Wallace, die nach Richter Lynch brüllten?“

Steve legte den Kopf etwas schief und beobachtete die Reaktion des Mietstallbesitzers. Dieser zuckte zusammen wie unter einem Einschuss und sein Gesicht entfärbte sich bis in die Lippen. Mühsam schluckte er. Hilfesuchend verkrallte sich sein Blick an Jack Bowden. Dessen Brauen schoben sich düster zusammen, er stemmte sich mit beiden Armen auf die Ladentheke und ließ seine Stimme ertönen: „Was bezwecken Sie damit, Quincannon? Wollen Sie uns Angst einjagen, uns einschüchtern und verunsichern? Die Bürger San Marcials interessieren Wetham nicht. Er will Ihren Skalp. Mit Derartigem jedoch mussten Sie rechnen, als Sie damals den Stern nahmen. Oder nahmen sie das Abzeichen nur, um auf Kosten der Bürgerschaft ein sorgenfreies, ruhiges Leben zu führen?“

Steve schüttelte den Kopf. „Sie wissen genau, dass es nicht so ist“, versetzte er kratzig. „Ich will Ihnen auch nicht Angst machen. Ich will Sie nur warnen. Die Gesichter der Männer, die damals lautstark nach einem Strick schrien, hat Wetham wahrscheinlich ebenso wenig vergessen wie die Gesichter der Geschworenen, die ihn für schuldig befanden. O ja, ich trage den Stern, und ich werde alles tun, um die Stadt und ihre Bürger vor brutaler Gewalt, Demütigung und Terror zu schützen. Aber gegen eine Kugel bin auch ich nicht gefeit. Wetham wird alles daransetzen, mich zuerst aus dem Verkehr zu ziehen. Und wenn ihm das gelingt, dann seid ihr an der Reihe. Einen nach dem anderen von euch wird er sich vorknöpfen. Und niemand wird euch helfen.“

Er nickte den beiden zu, ließ sie seine Verachtung spüren, schwang herum und ging.

Sein nächster Weg führte zu Hank Chapman, dem Schmied ...

*

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NOCH ZWANZIG MEILEN bis San Marcial“, erklärte Dick Wetham triumphierend, wie von wilder, unbeherrschter Vorfreude erfüllt.

Sie lagerten an einem schmalen Creek. Die Gesichtszüge seiner drei Begleiter waren Spiegelbild von Verworfenheit und Niedertracht. Da war Bill Haggan, der früher schon mit Wetham geritten war. Haggan war um die vierzig, mittelgroß und untersetzt. Cole McPherson dagegen war groß und schlaksig. Tom Logan besaß vorstehende Zähne und schien ständig zu grinsen. Sein Blick war frettchenhaft unstet, in seinen Augen lauerte Verschlagenheit. Sie waren Ausdruck seiner niedrigen Gesinnung.

Jetzt sprangen seine dünnen Lippen auseinander, und er sprach mit seltsam scheppernder Stimme: „Zwanzig Meilen, yeah. Vier, fünf Stunden. Nur befürchte ich, dass mein Gaul bald schlapp macht. Er hat gestern schon gelahmt. Wahrscheinlich eine Entzündung - weiß der Teufel.“

Die Pferde standen beim Creek in einem Corral, den sie aus Lassos errichtet hatten und der zum Fluss hin offen war. Sie grasten oder knabberten an den jungen Trieben des Ufergestrüpps. Die Tiere waren verstaubt und abgetrieben. Die Banditen hatten ihnen lediglich die Sättel abgenommen und sie getränkt.

Dick Wetham rollte sich eine Zigarette und zündete sie an. Er warf den Tabakbeutel Bill Haggan zu. Nach der ersten Qualmwolke, die er ausstieß, sagte Wetham: „Einige Meilen vor San Marcial gibt es eine kleine Ranch. Sie gehört einem gewissen Wes Holliday.“ Er fuhr sich mit der Zungenspitze über die rissigen Lippen. „Auf der Ranch Hollidays besorgen wir dir einen frischen, gesunden Gaul, Tom. Wir reiten eben langsam. Smith und Boddam werden Quincannon einstweilen auf Sparflamme weichkochen. Er läuft uns nicht davon.“

„Vielleicht sollten Cole und ich ebenfalls vorausreiten, Dick“, mischte sich Bill Haggan ein und grinste. „Wir drängen Quincannon für dich langsam aber sicher in die Ecke, und wenn du ihm gegenübertrittst, wird er nur noch ein halbwertiges Nervenbündel sein, mit dem du leichtes Spiel hast. An seinem Beispiel kannst du dann einigen Gentleman San Marcials gleich vor Augen führen, was auf sie zukommt.“

„Yeah“, pflichtete Cole McPherson bei, „wir bereiten dir Quincannon für die Schlachtung vor wie einen Schafhammel für die Schlachtbank. Wir erschließen ihm sozusagen das Fegefeuer als Vorgeschmack auf die Hölle. Gönn uns den Spaß, Dick. Du willst doch kein Spielverderber sein.“

„Ganz und gar nicht“, lachte Wetham auf. „Reitet nach San Marcial. Tom und ich kommen nach, sobald wir für Tom ein frisches Pferd besorgt haben. Aber merkt euch: Quincannon gehört mir. Kocht ihn weich, zerstört ihn meinetwegen seelisch und moralisch, aber hebt ihn mir auf. Ist das klar?“

„Natürlich“, erwiderte McPherson und erhob sich mit einem Ruck.

„In Quincannons Haut möchte ich bei Gott nicht stecken“, frohlockte Tom Logan.

Eine Viertelstunde später verließen sie den Platz. Bill Haggan und McPherson ließen ihre Pferde traben. Dick Wetham und Tom Logan fielen mehr und mehr zurück.

Nach fünf Meilen blieb Logans Pferd einfach stehen. Es hatte den linken Vorderlauf angehoben, der Huf hing dicht über dem Boden. Das Tier prustete. Logan saß ab und zerrte an der Leine, das Pferd machte einen Schritt nach vorn und wieherte von tobenden Schmerzen gequält schrill auf.

Dick Wetham, der angehalten hatte, rief: „Es hat keinen Sinn, Tom. Der Gaul ist fertig. Erschieß ihn und steig bei mir auf. Die sieben oder acht Meilen bis zu der Ranch trägt mein Brauner uns beide.“

Logan zog den Colt und setzte dem Pferd die Mündung an den Kopf. Der Schuss peitschte. Wie vom Blitz getroffen brach das Tier zusammen, ein unkontrolliertes Zucken durchlief noch einmal den ganzen Tierleib, dann war das Pferd verendet.

„Lass Sattel und Zaumzeug hier“, ließ sich wieder Wethman vernehmen. „Die Dinge besorgen wir uns auch auf der Ranch.“

Logan zog sein Gewehr aus dem Scabbard, dann schwang er sich hinter Wetham auf dessen Braunen.

Es wurde heiß. Das Pferd, das zwei Männer tragen musste, röchelte und röhrte. Ein sachter Wind wirbelte den feinen Staub auf und trieb ihn in Spiralen vor sich her. Ringsum buckelten Hügel mit spärlicher Vegetation, hier und dort wuchteten zerklüftete Felsen zum Himmel. Unter den Pferdehufen knisterte rotbraun verbranntes Gras.

Sie brauchten fast drei Stunden, dann lag die Ranch vor ihnen im Sonnenglast. Wes Holliday hatte sie an einem Creek erbaut, dessen Wasser er auch für seine Rinder und die Bewässerung einiger Weizenfelder nutzte. Denn Holliday hatte längst erkannt, dass die Zukunft des Landes nicht in der Rinderzucht lag, sondern im Getreideanbau, in der Landwirtschaft also. Und er war bereit, langsam auf Farmwirtschaft umzustellen. Noch aber verfügte er über eine große Longhornherde, und so waren der Rancher und die Cowboys auf der Weide.

Wetham hatte das Pferd pariert. Er beobachtete die Ranch. Logan blickte über Wethams Schulter hinweg auf die Ansammlung von Gebäuden und Corrals, in denen sich einige Pferde tummelten. Ein Ranchhelp karrte Pferdemist aus einem Stall. Im Ranchhof scharrten einige Hühner oder badeten im Staub.

„Da haben wir ja, was wir brauchen“, tönte Tom Logan und rutschte auf dem Pferderücken herum, um bequemeren Sitz einzunehmen.

„Hüh!“ Mit einem Schenkeldruck trieb Wetham das Pferd wieder an. Mit hängendem Kopf trottete das erschöpfte Tier weiter. Wenig später ritten sie zwischen zwei Schuppen und gelangten in den Ranchhof.

Gerade kam wieder der Help mit einer Karre voll Mist aus dem Stall. Er sah die beiden Fremden absitzen und stellte die Schubkarre ab, wischte sich an der Hose den Schweiß von den Händen und musterte dann die beiden Männer, die auf ihn einen abgerissenen, mitgenommenen und wenig vertrauenserweckenden  Eindruck machten.

Sattelsteif näherte sich Dick Wetham dem Ranchhelfer. Sein wacher Blick sprang zwischen Haupthaus und Mannschaftsunterkunft hin und her. Seine Rechte hing locker neben dem Knauf des Sechsschüssers.

Tom Logan war beim Pferd zurückgeblieben. Mit beiden Händen hielt er die Winchester schräg vor der Brust. Die Mündung wies zum Himmel. Logans Finger lagen im Repetierbügel.

„Hallo, Ranch“, grüßte Dick Wetham und grinste tückisch. „Scheint ja wenig los zu sein, hier.“

„Der Boss und die Mannschaft sind auf der Weide“, erklärte der Help, und das Misstrauen, das ihn erfüllte, was aus jedem Zug seines Gesichts zu lesen. „Hatten Sie Pech mit einem Ihrer Pferde?“

„Ja.“ Wetham hielt an. „Wir mussten den Gaul meines Gefährten erschießen. Auch mein Pferd ist ziemlich verausgabt. In den Corrals hier stehen prächtige und ausgeruhte Tiere herum. Was meinst du, mein Freund, wird dein Boss etwas dagegen haben, wenn wir uns zwei seiner Gäule nehmen?“

Das Grinsen des Banditen hatte sich verstärkt, aber es war ein Grinsen, das alles andere als freundlich war. Hinter der verzerrten Maske lauerten Verworfenheit und Erbarmungslosigkeit.

Der Help erwiderte nach kurzer Überlegung: „Ich kann Ihnen keine Pferde verkaufen, Stranger. Dazu bin ich nicht befugt. Entweder warten Sie bis zum Abend, bis der Boss auf die Ranch zurückkehrt, oder Sie und Ihr Gefährte müssen sich weiterhin mit einem Pferd behelfen.“

Wethams Grinsen war erstarrt. „Boyfriend“, murmelte er, indes sich über seiner Nasenwurzel eine steile Falte bildete, und es klang auf besondere Art drohend und unheilvoll. „Ich lebte früher mal in dieser Gegend und dein Boss ist ein alter Bekannter von mir. Er hat sicherlich nichts dagegen, wenn ich mir zwei Pferde mit seinem Brand borge. Er kann sie sich in San Marcial gerne wieder abholen.“

„Das kann jeder sagen“, entgegnete der Help trotzig. „Vielleicht versuchen Sie es bei Mrs. Holliday. Sie ist im Haus. Wenn Sie ein alter Bekannter des Boss sind, dann kennt Sie gewiss auch Mrs. Holliday, und wenn Sie Ihnen zwei Pferde verkauft oder leiht, dann ist das für mich okay. So aber ...“

Aus einem der Fenster des Haupthauses erklang eine weibliche Stimme: „Wer ist da gekommen, Toby? Fremde? Haben Sie Hunger und Durst?“

Wetham drehte den Kopf und sah Jane Holliday, die sich mit beiden Armen auf die Fensterbank stützte. „Wir sind nicht hungrig und durstig, Ma’am“, rief er. „Wir brauchen zwei Pferde und einmal Sattelzeug.“

Jane erkannte den Banditen nicht.

„Ohne meinen Mann kann ich Ihnen keine Pferde geben“, rief die Frau. „Aber Sie können gerne auf ihn warten. Vielleicht machen Sie sich bis zum Abend etwas nützlich hier auf der Ranch und ...“

„Kein Interesse!“, rief Wetham barsch. „Wir nehmen uns jetzt zwei Gäule.“ Er wandte sich dem Help zu. „Und wenn du an deinem Leben hängst, mein Freund, dann versuch nicht, es zu verhindern. Schaff lieber einen Sattel und Zaumzeug herbei. Pronto! Mach schon!“

Wetham gab Logan einen Wink. Dieser nahm das Lasso von Wethams Sattel und stieß sein Gewehr in die Deckenrolle. Steifbeinig stakste er zu einem der Corrals, indes er das Lasso für den Wurf vorbereitete.

„Das ist Diebstahl!“, erboste sich Jane Holliday. „In unserem Land werden Pferdediebe gehängt.“

„Dass man mit dem Strick in diesem Land schnell bei der Hand ist, weiß ich!“, schnarrte Wetham und fuhr den Help an: „Steh nicht herum wie angenagelt! Hol einen Sattel und Zaumzeug.“

Zögernd setzte sich der Bursche in Bewegung. Er fürchtete den Banditen und wagte keinen Widerspruch mehr. Er verschwand in der Düsternis eines Schuppens, in dem Sättel, Zaumzeuge, Campzeug und all die anderen Dinge lagerten, die draußen auf der Weide benötigt wurden.

Tom Logan ließ die Lassoschlinge über seinem Kopf kreisen, dann ließ er sie fliegen. Die Pferde liefen unruhig im Kreis. Hufschlag rumorte. Ab und zu erschallte ein Wiehern. Staub wallte dicht. Die Lassoschlinge schien sekundenlang über dem Kopf eines Rotfuchses zu stehen, dann fiel sie und die Schlinge zog sich zusammen. Logan zerrte das Pferd aus der Fence und nahm ihm das Lasso ab. Währenddessen löste Wetham schon die Sattelgurte und nahm seinem ausgepumpten Pferd erst den Sattel, dann das Kopfgeschirr ab. Der Ranchhelp schleppte einen alten, brüchigen Sattel und Zaumzeug ins Freie.

Mit gemischten Gefühlen beobachtete Jane Holliday, was sich abspielte. Sie hatte die Kerle eingeschätzt und wusste, dass es Banditen waren. Deshalb zog sie es vor, zu schweigen. Sie wollte nichts herausfordern. Plötzlich aber fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, in ihre Züge schlich sich der Ausdruck eines namenlosen Erschreckens. „Wetham! Gütiger Gott ...“, entrang es sich ihr und ein Taumel befiel sie.

Der Help legte dem Rotfuchs den Sattel auf.

Logan fing ein zweites Pferd aus der Herde und führte es zu Wetham. Er half diesem, zu satteln. Dann nahm er sein Gewehr aus der Deckenrolle und begab sich zu dem Tier, das er für sich gefangen hatte. Als er sah, dass der Help noch immer nicht fertig war, versetzte er ihm einen brutalen Tritt. „Schlaf nicht ein!“, knurrte er böse.

Schließlich verließen sie die Ranch.

Der Help atmete aus. Die Angst, die sein Herz umkrallt hatte, legte sich. Die beiden Banditen schauten sich nicht mehr um. Als sie weit genug entfernt waren, rief Jane Holliday mit zittriger Stimme: „Reite sofort hinaus und unterrichte meinen Mann, Toby. Reite wie der Wind, und sage ihm, dass Dick Wetham zurückgekehrt ist!“

Nur ganz langsam bekam die Rancherin die Rebellion in ihrem Innersten wieder in den Griff. Mit einem zitternden Atemzug wandte sie sich um und trat vom Fenster weg.

*

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IM IMPERIAL SALOON saßen an einem Tisch der Town Major, der Sattler, der Schmied, der Mietstallbesitzer und Dave Carter, der Barbier. Es war kurz nach elf Uhr. Sie steckten die Köpfe zusammen und tuschelten miteinander.

An der Theke lehnte Telly Bradlow, der Stadtsäufer. Soeben hatte er den Besen weggestellt, mit dem er den Saloon fegte. Und nun stand ein doppelter Whisky vor ihm - der Lohn für seine Arbeit.

Ihn interessierten die fünf Männer am Tisch in der hintersten Ecke nicht. Denn er wusste, dass sie von ihm nichts hielten, dass sie ihn verachteten und in der Stadt lediglich duldeten, aber nicht akzeptierten. Er starrte seinen Whisky an, einen gierigen Ausdruck in den geröteten Augen, schob langsam die zitternde Rechte auf das Glas zu, zog sie aber wieder zurück und schloss die Augen, als konnte er den Anblick des gefüllten Glases nicht mehr ertragen. Sucht und Gier fochten in ihm einen heftigen Kampf gegen die Vernunft aus.

Von dem Tisch an der hinteren Stirnwand sickerte verschwommenes Geraune heran.

„Quincannon muss aus San Marcial verschwinden!“, stellte Jim Hopkins, der Town Major, soeben mit leiser, aber eindringlicher Stimme fest. „Wir müssen ihn dazu bewegen, innerhalb der nächsten zwei Stunden der Stadt den Rücken zu kehren. Wethams Hass konzentriert sich in allererster Linie auf ihn. Wir sind nur Randfiguren. Wetham wird die Stadt unverzüglich wieder verlassen, um sich auf Quincannons Fährte zu heften, wenn er erfährt, dass Quincannon fort ist und nur einen knappen Vorsprung hat.“

„Ja, verdammt!“, pflichtete Hank Chapman, der Schmied bei. „Hätte Quincannon uns damals freie Hand gelassen, wäre Wetham längst tot und wir bräuchten heute keinen Gedanken mehr seinetwegen verschwenden. Die Frage ist nur, ob Wetham auch so reagiert, wie wir es erwarten, falls Quincannon tatsächlich verschwindet.“

Sein letzter Satz klang zweifelnd und sorgenvoll.

„Dieses Risiko müssen wir auf uns nehmen“, entgegnete der Town Major.

„Und warum treten wir Wetham nicht geschlossen entgegen?“, fragte Bowden.

„Willst du morgen Abend tot sein?“, herrschte ihn der Town Major an.

Bowden kniff die Lippen zusammen und schwieg. 

„Wer übernimmt es, mit dem Marshal zu reden?“, fragte Dave Carter.

„Ich lasse ihn zu mir in die City Hall zitieren“, knurrte Hopkins. „Dort werden wir alle anwesend sein, um ihm unseren Standpunkt zu verdeutlichen. Und da wir in meinem Büro unter uns sind, können wir unserer Forderung auch Nachdruck verleihen.“

Grimmig schaute er von einem zum anderen.

Chapman massierte sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken. Es mutete an, als plagten ihn plötzlich Zweifel. Und er sprach sie auch aus: „Wenn wir Quincannon verjagen, verjagen wir auch Angie. Und das wird ihrem Vater, dem alten Eisenfresser, ganz und gar nicht schmecken. Wenn er nur nicht verrückt spielt und mit seiner Mannschaft in die Stadt kommt, um uns die heilige Mannesfurcht einzujagen.“

„Wes Holliday wird sich raushalten“, grunzte der Town Major. „Vielleicht begeben sich der Marshal und Angie sogar zu ihm. Er kann sie ja beschützen mit seiner Crew. Auf der Bar-H werden sich Wetham und seine Komplizen blutige Nasen holen.“

Der Sattler raunte: „In Hollidays Augen ist Quincannon ein nichtsnutziger Revolverschwinger, und er hat ihn nie als Schwiegersohn akzeptiert. Holliday wollte, dass Angie einen  Rindermann heiratet. Ich glaube fast, er hasst Ouincannon.  Holliday hat damals sogar mit seiner Tochter gebrochen, als sie Quincannon gegen seinen erklärten Willen heiratete. Wenn Wetham also Angie zur Witwe macht, so wird dies Holliday eher wie eine Fügung des Schicksals denn als Unglück empfinden.“

Er lachte kehlig nach seinen letzten Worten.

Schritte polterten auf dem Vorbau, und dann flog die Schwingtür auf. In diesem Moment trank Telly Bradlow seinen Whisky. Er hatte den Kopf weit in den Nacken gelegt und ließ die scharfe Flüssigkeit wie ein Verdurstender in sich hineinlaufen.

Zwei Männer betraten den Inn. Es waren Ben Smith und Stuart Boddam. Sie schritten zum Tresen. Telly stellte sein Glas ab, nachdem der letzte Tropfen über seine Lippen war.

Am Tisch der Bürger wurde es still.

Sie fühlten sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Ihre Gesichter verkrampften sich maskenhaft und verrieten Unruhe. Sie duckten sich wie unter einer unsichtbaren Knute.

Auf Jim Hopkins Stirn begannen Schweißperlen zu glitzern. Als er sein Bier austrank, zitterte seine Hand. Er wagte nicht, Smith und Boddam anzusehen, denn er fürchtete, sein Blick könnte sie herausfordern.

Smith und Boddam bauten sich am Ende der Theke auf. Der Salooner verzog wenig begeistert den Mund, begab sich aber zu den beiden und nahm ihre Bestellung entgegen.

Der Town Major warf ein Fünfcentstück für sein Bier auf den Tisch und erhob sich. „Seid bis in einer Viertelstunde in meinem Büro in der City Hall“, wies er die anderen flüsternd an, dann schritt er zum Ausgang.

Auch Bowden, Chapman, Wallace und Carter standen auf. Sie legten gleichfalls das Geld für ihre Zeche auf den Tisch. Die beiden Banditen am Schanktisch musterten sie hämisch. Telly bettelte krächzend: „Noch einen, Slim - einen kleinen nur. Als Vorschuss dafür, dass ich morgen wieder den Schankraum kehre.“

Slim, der zwei Biere für die Fremden einschenkte, knurrte: „Nein, Ich will keinen Ärger mit Quincannon.“

Ben Smith kicherte widerlich, als der Name Quincannon fiel. Stuart Boddam grinste herablassend und nuschelte: „Wie kann man Ärger kriegen mit einem, der schon so gut wie tot ist?“

Die Bürger strebten hastig zur Tür und drängten schließlich hinaus. Befreit atmeten sie auf, als sie auf dem Vorbau standen. Aus dem Inn erklang die schnarrende Stimme eines der Banditen: „Gib dem Oldtimer eine Flasche, Keeper. Ich spendiere sie ihm.“

„Bis später“, sagte Jack Bowden, der Sattler, und eilte davon.

Auch die anderen verliefen sich.

Im Saloon sagte Stuart Boddam: „Okay, Alter, diese Flasche gehört dir. Aber ich schenke sie dir nicht. Du wirst uns dafür etwas die Zeit vertreiben. Kannst du irgendein Tier imitieren? Einen Hund vielleicht?“

Telly schluckte, dann bellte er einigemale. Ben Smith lachte schallend. Boddam aber winkte ab und knurrte: „Kein Hund steht auf zwei Beinen, wenn er bellt. Also runter auf alle viere, Oldman, und dann zeig uns, wie gut du einen Hund nachahmen kannst. Der Preis dafür ist ein Schluck aus der Flasche.“

Der Salooner schloss die Augen, um nicht sehen zu müssen, wie sie den Alten demütigten. Und als Telly über den Saloonboden kroch und bellte, versetzte ihm das einen Stich ...

*

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STEVE VERLIEß DIE SCHREINEREI. Er war zutiefst deprimiert. Auch hier hatte er sich eine Abfuhr geholt. Den Schreiner bekam er gar nicht zu Gesicht. Dessen Gattin wimmelte ihn ab, indem sie erklärte, dass ihr Mann krank sei und im Bett liege.

Die Nachricht, dass er Hilfe suchte, war schneller gewesen als er. Und zwischenzeitlich würde sie die letzten Häuser der Stadt erreicht haben. Er hatte es satt, abgewiesen oder angelogen zu werden. Steve gab auf. Bitter sagte er sich, dass sich Angies Prophezeiung zu hundert Prozent erfüllt hatte. Keiner in ganz San Marcial war bereit, ihm gegen eine Horde Banditen beizustehen. Er war enttäuscht. Seine Hoffnung, Hilfe zu finden, war verweht, zurückgeblieben waren nur die Aussicht auf eine finstere Zukunft und ein tiefsitzendes Gefühl von Resignation, Verlorenheit und Sorge, vielleicht sogar Angst.

Unschlüssig stand Steve am Straßenrand. Trügerische Ruhe umgab ihn. Ein ganzes Stück weiter sah er Hopkins, Bowden, Chapman, Wallace und Carter den Imperial Saloon verlassen. Sie gingen auseinander. Carter kam die Straße herunter und musste an Steve vorbei. Als er aber den Marshal bemerkte, wechselte er schnell auf die andere Straßenseite. Steve schluckte trocken. Lahm, als wäre er innerhalb der letzten Stunden um Jahre gealtert, setzte er sich in Bewegung. Es ging auf Mittag zu und Angie würde wie jeden Tag für ihn gekocht haben. Außerdem brauchte er jetzt jemand, einen Menschen, mit dem er sprechen und an dem er sich wieder aufrichten konnte.

Als er den Saloon passierte, vernahm er heiseres Gackern. Als wäre er gegen ein unsichtbares Hindernis gelaufen blieb Steve abrupt stehen. Das Gackern erklang noch einige Male, und dann kam brüllendes Gelächter auf, jemand klatschte sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel, und dann rief ein Mann: „Prächtig, Alter. Du könntest im Zirkus auftreten. Komm her und hol dir deine Belohnung ab. Und dann ahmst du einen Ziegenbock nach. Hahaha ...“

Nichts mehr hielt Steve auf seinem Platz. Er schob all die quälenden Gedanken zur Seite. Mit langen Schritten strebte er dem Inn zu. Unwillkürlich lüftete er etwas den Colt im Halfter. Das Gewehr trug er in der linken Hand. Sein Gesicht mutete an wie aus Granit gemeißelt.

Auf dem Vorbau bewegte Steve sich leise. Die Planken knarrten kaum unter seinem Gewicht. Er blickte über die Batwings der Schwingtür in den Schankraum. Telly trank gerade mit gierigen Zügen von dem Brandy. Am Tresen lehnten die beiden Fremden, deren Bekanntschaft er schon gemacht hatte, und einer von ihnen entwand nun Telly die Flasche. Schnaps rann in Tellys verfilzten Bart und tropfte auf sein verschmutztes Hemd.

„Und nun den Ziegenbock!“, forderte Stuart Boddam.

Da drückte Steve mit seinem Körper die Türflügel auseinander und glitt in den Schankraum. Die Pendel schlugen knarrend hinter ihm. Steve hielt das Gewehr jetzt mit beiden Händen. Smith und Boddam drehten sich ihm zu und nahmen Front zu ihm ein.

„Schluss damit!“, peitschte Steves metallisches Organ. Er ließ die beiden Banditen nicht aus den Augen. Stuart Boddam ließ die halbleere Brandyflasche fallen. Sie rollte über den Boden und der Inhalt ergoss sich glucksend auf die Dielen. Trotz seiner Trunkenheit bewegte sich Telly blitzschnell. Er folgte der Flasche auf allen vieren zwischen Tisch- und Stuhlbeine, um zu retten, was noch zu retten war.

„Du verdirbst uns den Spaß, Marshal“, stieß Ben Smith zwischen den Zähnen hervor. Seine Hand tastete in die Nähe des Revolvergriffs. Leicht geduckt und breitbeinig stand er vor dem Tresen.

„Ihr seid niederträchtige, hundsgemeine Schufte!“, sagte Steve klirrend, aber ruhig - gefährlich ruhig. Langsam ging er weiter, und die Banditen spürten den Anprall von Entschlossenheit und Härte, die von ihm ausgingen. „Na schön. Ihr hattet euren Spaß. Allerdings dulde ich derlei Späße in dieser Stadt nicht. Ihr habt die Würde eines alten Mannes mit Füßen getreten, habt seine Sucht schamlos ausgenutzt und ihn euch gefügig gemacht. Das ist schäbig. Auf Kerle wie euch können wir verzichten in dieser Stadt. Darum verschwindet. Ich gebe euch zwanzig Minuten, in denen ihr eure Siebensachen aus dem Hotel holen und eure Pferde satteln könnt. Treffe ich euch nach Ablauf der Zeit noch innerhalb der Stadtgrenzen an, verhafte ich euch und ihr landet hinter Gittern.“

Die Abscheu vor den beiden stand Steve ins Gesicht geschrieben. Er kochte aber auch vor Zorn und hatte Mühe, die Ruhe zu bewahren und es den beiden Strolchen nicht mit dem Gewehrlauf zu besorgen. Überhaupt war seine Stimmung auf dem Nullpunkt angelangt, nach allem, was er an diesem Tag erlebt hatte. Und das machte ihn unberechenbar und explosiv.

Ben Smith schürzte die Lippen. „Wie lautet die Anklage, Quincannon?“, fragte er hämisch. „Welche gesetzeswidrige Tat wirfst du uns vor? Mit welcher Begründung willst du uns aus der Stadt weisen? Weil der Oldtimer für uns den Kasper mimte? Oder weil dir unsere Nasenspitzen nicht gefallen? Oder weil du langsam durchdrehst vor Angst?“

Steve biss die Zähne zusammen. Er schielte zu Telly hin, der am Boden hockte und die Flasche mit einem Rest Brandy mit beiden Händen umklammerte. Telly trank jedoch nicht. Staunend fixierte er Steve. Und in seinen umnebelten Verstand sickerte nach und nach die Erkenntnis, wie sehr er sich des Brandys wegen erniedrigt hatte und wie sehr er von den beiden Kerlen gedemütigt worden war.

Steve sagte brechend: „Ich bin euch Halunken keine Rechenschaft für mein Handeln schuldig. Ich gab euch zwanzig Minuten Zeit, und davon sind gut und gerne drei Minuten abgelaufen. Ihr müsst euch sputen, wenn ihr nicht gesiebte Luft atmen wollt.“

Von Boddam kam ein höhnisches Lachen, dann versetzte der Bandit: „Deine Absicht ist leicht zu durchschauen, Quincannon. Du willst uns aus der Reserve locken, uns reizen. Du suchst einen Grund, um uns beide aus dem Verkehr ziehen zu können, denn wenn Dick ankommt, müsstest du dich zunächst auf zwei Gegner weniger einstellen, und damit vergrößern sich deine Chancen. Dir geht es gar nicht darum, dass wir die Stadt verlassen. Denn du weißt, dass wir noch heute wieder zurückkämen, und du hättest nichts gewonnen. Doch du bist auf dem Holzweg, Marshal. Wir lassen uns zu nichts Unbedachtem hinreißen, das dir eine Handhabe gegen uns gäbe. Wegen der Sache mit dem Säufer kannst du uns nicht einsperren. Es sieht ganz so aus, als kämpftest du im Moment gegen Windmühlenflügel.“

Da wankte Telly auf die Beine. Er stellte die Flasche auf einen Tisch und lallte mit schwerer Zunge: „Ihr Hundesöhne habt heute den letzten Rest von Stolz in mir zerstört. Dafür soll euch der Himmel strafen. Mein Gott, was bin ich doch für ein charakterloser Haufen Dreck, Marshal. Heute morgen hatte ich noch den Vorsatz gefasst, nie mehr zu trinken. Und nun ...“

Ben Smith lachte zynisch auf.

Bei Steve brannten die Sicherungen durch. Ehe der Bandit sich versah, war er bei ihm. Die Winchester schwang herum, der Kolben krachte seitlich gegen Smith’ Kinn und der Schlag warf den Strolch halb über den Tresen. Blut sickerte aus einer Platzwunde. Stuart Boddam war für den Bruchteil einer Sekunde gebannt, er wurde von Steves blitzartiger Aktion regelrecht überrollt, dann aber schüttelte er die Lähmung ab und stieß sich ab. Er sprang Steve an wie ein Raubtier ...

*

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STEVE SAH BODDAM AUF sich zufliegen. Instinktiv wich er zur Seite aus, er konnte aber nicht verhindern, dass der Bandit gegen ihn prallte und ihm mit der linken Hand fast die Weste herunterriss. Sie rutschte ihm über den rechten Oberarm und machte ihn mit rechts für die Spanne einiger Lidschläge lang bewegungsunfähig. Diese Zeit reichte für Boddam, Steve zweimal hart zu treffen. Steves Kopf wurde von einer Schulterseite auf die andere gerissen, und Steve entrang sich ein dumpfer, jäh abreißender Ton, vor seinem Blick versank die Welt in wogenden Nebeln.

Doch dann hatte er seinen Arm befreit. Blindlings schlug er mit dem Gewehr nach Boddam, er spürte Widerstand und vernahm einen schmerzhaften Aufschrei, und die Nebelschleier vor seinen Augen lichteten sich. Steve sah Boddam zurücktaumeln, und er nahm wahr, dass der Bandit am Revolver nestelte, um ihn aus dem Futteral zu bekommen.

Steve setzte nach. Da krachte etwas auf seinen Rücken, Arme umschlangen ihn von hinten und er wurde zurückgerissen. Ben Smith hatte den Schlag mit dem Gewehrkolben überwunden und mischte nun mit. Sein Knie knallte in Steves Rücken, Smith’ linker Arm lag jetzt um seinen Hals und würgte ihn, und er wurde über Smith’ Knie mit unwiderstehlicher Gewalt nach hinten gebogen. In seiner Wirbelsäule begann stechender Schmerz zu toben.

Steves Lippen klafften auseinander, er schnappte nach Luft, ein Röcheln kämpfte sich in seiner Brust hoch und brach aus seiner Kehle. Vor ihm tauchte Boddam auf. Die Idee, sich mit dem Colt gegen den Marshal zur Wehr zu setzen, hatte er sausen lassen. Er schickte seine Faust auf die Reise, und sie bohrte sich in Steves Magengrube. Der Aufschrei voll Not erstickte bei Steve im Ansatz. Der Schlag presste ihm die Luft aus den Lungen. In sein Gehirn schlich sich schwindelerregende Benommenheit, und in seinen Gedärmen begann Übelkeit zu wühlen.

Ein Schlag ertönte, es klirrte, Scherben regneten auf die Dielen, im nächsten Moment löste sich der Klammergriff um Steves Hals, der Druck des Knies von seinem Rückgrat verschwand, Steve verlor das Gleichgewicht und stürzte schwer auf den Rücken. Boddams Schwinger pfiff ins Leere, und von der Wucht des Schlages getrieben stolperte Boddam nach vorn, blieb mit dem Fuß an Steve hängen und flog auf den Bauch.

Am Schanktisch stand Telly. Er hielt noch den Rest des Bierglases, das er Ben Smith auf den Kopf geschmettert hatte, in der Hand. Nur noch der Boden und ein paar scharfrandige Zacken waren übrig. Smith war gegen den Tresen getaumelt, hielt sich mit einer Hand den Kopf, mit der anderen klammerte er sich an die Messingstange, die am oberen Thekenrand entlanglief.

Steve und Boddam kamen gleichzeitig hoch. Noch immer hielt Steve das Gewehr fest. Er hatte Benommenheit und Übelkeit überwunden, seine Lungen waren mit frischem Sauerstoff gefüllt, das Kreuz schmerzte ihm zwar noch, aber das war erträglich.

„Du kleine, betrunkene Ratte!“, knischte Ben Smith, als er wieder zu sich gefunden hatte. Er nahm die Hand nach unten und starrte auf seine Fingerkuppen, an denen Blut von einer Schnittwunde klebte. „Dafür schicke ich dich zur Hölle!“

Aus den Augenwinkeln sah Steve, dass Boddam Anstalten machte, sich wieder auf ihn zu werfen. Sein rechter Arm mit dem Gewehr säbelte herum, der stählerne Lauf knallte gegen Boddams Hals und schickte ihn zu Boden. Und in dem Moment, als Smith den Colt auf Telly richtete, schlug Steve auf den Banditen die Winchester an. Mit hartem Schnappen lud er durch. Smith versteifte.

„Fallen lassen“, befahl Steve, und seine Stimme klang wie zerspringendes Eis. „Danke, Telly.“

Smith ließ den Colt einmal um den Zeigefinger rotieren und stieß ihn ins Halfter. Angesichts der schussbereiten Winchester in den Fäusten des Marshals war es das Klügste. Wenn es um sein eigenes Fell ging, war der Bandit - wie fast alle Kerle seines Schlages -, ausgesprochen sensibel.

„Ich sagte fallen lassen!“, herrschte ihn Steve an. „Telly, entwaffne den anderen.“

„Mit Vergnügen“, kam es von dem Trinker, der jetzt  schlagartig ernüchtert schien. Er ließ den Rest des Bierglases fallen, beugte sich über Boddam, der zwischen Wachsein und Besinnungslosigkeit treibend am Boden lag, und zog ihm den Sechsschüsser aus dem Halfter. Telly trat zurück, spannte den Hahn und richtete die Mündung auf Boddam.

Smith reagierte nicht. Sprungbereit stand er da. Seine Hand hing noch über dem Kolben. Da fuhr aus der Mündung von Steves Gewehr eine feurige Lohe. Der Krach staute sich im Schankraum und ließ die Fensterscheiben erzittern. Pulverqualm wogte. Die Kugel riss dicht vor Smith’ Stiefelspitze einen Span aus der Diele. Der Bandit sprang erschreckt in die Höhe. Als er wieder am Boden stand, lag seine Hand auf dem Coltknauf. Aber Steve zielte bereits auf seinen Leib. Der Verstand des Banditen holte den Reflex, das Eisen zu ziehen, ein. Steve sagte frostig: „Das nächste Stück Blei fährt dir in die Figur, Hombre. Jetzt zieh vorsichtig dein Schießeisen und wirf es zwischen Stühle und Tische.“

Eine ungeduldige Bewegung mit dem Gewehr unterstrich seine Aufforderung.

Ben Smith gab sich geschlagen. Seine Kanone polterte auf die Dielen, schlitterte noch ein ganzes Stück weiter und blieb schließlich unter einem Tisch in der zweiten Reihe liegen.

Steve nickte. „Jetzt hilfst du deinem Kumpan auf die Beine, und dann geht ihr vor mir her zum Jail. Vorwärts!“

„Wie lange glaubst du, uns festhalten zu können?“, knirschte Smith. Die kleine Wunde an seinem Kinn von Steves Gewehrkolben blutete nicht mehr. Hals und Wange waren aber blutverschmiert, und der mörderische Hass, der wie ein Dämon in Ben Smith’ Augen lauerte, verlieh seinem Gesicht etwas Furchteinflößendes. „Die Schlägerei hier hast du selbst angezettelt. Außerdem trifft in wenigen Stunden Wetham in der Stadt ein. Und der wird dir ein Feuer unter dem Hintern schüren. Wir aber werden sehr schnell wieder draußen sein. Und dann spucken wir auf deinen Kadaver, Amigo.“

Unbeeindruckt versetzte Steve: „Du sprichst zuviel. Und ich bin es leid, mir deine Drohungen und Verheißungen anzuhören. Darum wirst du von nun an den Mund halten und haargenau das tun, was ich von dir verlange. Alles andere fasse ich als Widerstand gegen einen Vollzugsbeamten auf. Also hilf deinem Kumpan hoch, und dann Marsch!“

Smith biss sich auf die Unterlippe und bewegte sich. Stuart Boddam stöhnte und ächzte, als er ihn auf die Beine zerrte. Telly fuchtelte wild mit dem Colt herum. Dann stand Boddam. Smith hielt ihn aufrecht. Er hatte sich den linken Arm Boddams über die Schultern gelegt. Steve dirigierte sie aus dem Inn. Er hielt die Winchester im Hüftanschlag. Telly kam hinterher.

Sie wurden durch die Fenster beobachtet, als sie die Straße hinunterstapften. Aber niemand verließ sein Haus. Und wenn Steves Blick sich auf eines der Fenster richtete, zuckte der Beobachter schnell zurück. In Steves Mundhöhle entstand ein fader Geschmack. Die Feigheit all der Leute in dieser Stadt widerte ihn an. San Marcial erinnerte ihn an einen Fuchsbau, der von Jagdhunden eingekreist war. Wie die Füchse in ihrem Bau duckten sich die Männer dieser Town, die Angst ließ ihre Herzen erbeben und fraß sich wie ein unersättliches Tier in ihre Gemüter.

Als sie auf der Höhe der City Hall waren, schlurfte der Stadtschreiber aus der Tür und kam auf sie zu. Er sagte zu Steve: „Der Town Major möchte Sie innerhalb der nächsten halben Stunde sprechen, Marshal.“

„Was will er?“

Der Bursche zuckte mit den Achseln. „Er meinte nur, es sei zum Wohle der Stadt.“

Der Bursche machte kehrt und ging in die City Hall zurück.

Wenig später schloss sich hinter Ben Smith und Stuart Boddam die Zellentür. Boddam, der noch immer gegen eine große Not anzukämpfen hatte, legte sich sofort auf eine Pritsche. Smith umklammerte zwei der zolldicken Gitterstäbe und feixte: „Keine drei Stunden mehr, Quincannon. Dann bist du tot und wir sind draußen. Und dann geht es einigen Pfeffersäcken in diesem Drecknest an den Kragen. O ja, Dick hat ein Großreinemachen im Sinn. Denn wenn es nach einigen besonders vorwitzigen Hombres gegangen wäre damals, dann hätte sich Dick am Ende eines Hanfstricks das Genick gebrochen.“

„Dass es nicht so kam, hatte er mir - und nur mir - zu verdanken“, versetzte Steve lakonisch. Dann verließ er den Zellentrakt. Telly hatte auf einem Hocker Platz genommen. Noch immer hielt er den Banditencolt in der Hand. Telly sagte näselnd: „Es kommt mir vor wie ein Wunder, Steve. Ich verspüre keinerlei Verlangen nach Alkohol. Ich glaube, heute stand ich endgültig am Scheideweg. Als mich die Schufte bellen ließen wie einen Hund, als ich auf allen vieren über den Saloonboden kroch, als ich wieherte wie ein Pferd und gackerte wie ein Huhn, da hatte ich das Gefühl, mich wehren zu müssen. Irgendwie war da noch ein Rest von Stolz - aber ich hatte auch Angst, hündische, klägliche Angst. Sie war stärker als mein Stolz, und ich wäre wohl endgültig zerbrochen, wären Sie nicht eingeschritten, Marshal.“

„Schon gut, Telly. Du bist ein kranker, hilfloser Mann, und als Marshal war es meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit ...“

„Nein, o nein. Sie waren immer der einzige in diesem lausigen Nest, der mich nicht behandelte wie den letzten Dreck. Sie waren - obwohl Sie höchstens halb so alt sind wie ich -, immer wie ein guter Vater zu mir, ein Vater, der seinen missratenen Sohn unter allen Umständen vor dem unaufhaltsamen Untergang retten wollte. Ich weiß nun, wie sehr ich mich eines Rausches wegen erniedrigte. Ich fischte mit bloßen Händen Centstücke aus den Spucknäpfen, die irgendwelche Witzbolde hineinwarfen, und ich hätte noch viel mehr auf mich genommen, nur um etwas Geld für Schnaps zu ergattern. - Damit soll von heute an Schluss sein. Ich stehe in Ihrer Schuld. Und da ich einiges aufschnappen konnte und weiß, wie sehr die Stadt Sie im Stich lässt, bitte ich Sie, mich zu Ihrem Hilfsmarshal zu ernennen, Steve. Ich will eine Kanne starken Kaffee austrinken und meinen Schädel ein letztes Mal in den Tränketrog vor dem Saloon stecken. Und dann nehme ich ein Bad, rasiere mich und trete meinen Dienst an. Und ich lasse Sie nicht alleine, wenn Wetham und sein Halsabschneiderverein antanzen. Nehmen Sie an, Marshal?“

Steve lächelte trübe. „Keinen Alkohol mehr, Telly, drei Mahlzeiten täglich, und ...“

„So wahr mir Gott helfe!“, rief Telly und sprang auf. Er hob die rechte Hand wie zum Schwur. „Und das ist kein leeres Versprechen, Steve. Ich werde Sie nicht enttäuschen.“

„Okay, Telly. Ich gehe jetzt zum Town Major. Du bleibst hier und hältst die Stellung. Später nehme ich dich mit mir nach Hause. Dort bekommst du starken Kaffee und ein vorzügliches Essen.“

Er zog die Schublade seines Schreibtisches auf, nahm eine Blechmarke heraus und warf sie Telly zu. Dieser griff daneben und der Sechszack klirrte auf die Dielen. Beschämt bückte Telly sich danach. Dabei brabbelte er: „Auch das Zittern meiner Hände wird vergehen, Steve. Überhaupt wird wieder alles an meinem Körper funktionieren.“

„Ich hoffe es für dich, Telly“, murmelte Steve, dann verließ er das Office.

*

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AUF DEM SIDESTEP NÄHERTE sich Angie. Sie wirkte völlig verstört. Auf dem Grunde ihrer Augen schwammen Entsetzen und Verzweiflung. Einige Haarsträhnen hingen ihr in die Stirn. Sie hatte noch die Schürze an, die sie immer bei der Hausarbeit trug.

„Gott seid dank, du bist unversehrt“, wand es sich erleichtert und beklommen zugleich über ihre Lippen. „Ich hörte den Schuss und das Herz drohte mir auszusetzen. Was ist geschehen? Hast du Männer gefunden, die sich dir zur Seite stellen?“

Scharf stieß Steve die Luft durch die Nase aus. Er legte seinen Arm um Angies Schultern und zog sie dicht an sich heran. Glatt floss es über seine Lippen: „Ich habe die beiden Kerle, die Wetham vorausschickte, verhaftet. Und jetzt habe ich eine Unterredung beim Town Major. Sie hielten vorhin im Saloon so etwas wie eine - hm - Versammlung ab. Ich sah sie herauskommen. Und jetzt hat mich der Bürgermeister in die City Hall bestellt. Wahrscheinlich haben sie erkannt, dass unsere Stärke nur in der absoluten Geschlossenheit liegt. Ja, Angie, ich denke, die Männer der Stadt stehen hinter mir.“

„Ich habe daran gedacht, meinen Vater um Hilfe zu bitten, Steve. Wenn ich einen Boten zu ihm schicke, kann er im Laufe des Nachmittags mit der Crew hier sein. Was meinst du?“

Seine Miene verschloss sich. Herb antwortete er: „Nein, Angie. Dein Vater will nichts wissen von mir. Als ich vor einigen Jahren hier ankam, stellte er mich vom ersten Moment an auf die Stufe eines Satteltramps und Revolverschwingers. Das war ich auch. Aber ich wollte das unstete Leben aufgeben. Darum verließ ich auch Wyoming, wo ich mir den unseligen Ruf des Schnellschießers erworben hatte. - Nun, dein Vater jagte mich von der Ranch, als ich nach einem Job bei ihm fragte. Ich sah dich in dieser Stunde zum ersten Mal. In der Stadt war der Marshalposten vakant, und niemand wollte den Stern nehmen, weil eben Dick Wetham und seine Raubeine das Szepter in San Marcial schwangen. Also wurde ich Marshal. Ich wollte bleiben und sesshaft werden, nachdem ich dich gesehen hatte. Und irgendwie musste ich ja schließlich meinen Unterhalt verdienen. Dann warb ich um dich, und dein Vater hätte mir am liebsten mit der Peitsche das Fleisch von den Knochen geschlagen. Als wir heirateten, brach er mit dir. Er behandelt uns beide wie Luft. Und ihn soll ich um Beistand angehen? Niemals, Darling.“

In diesem Moment bogen aus einer Seitenstraße zwei Reiter in die Main Street ein. Sie waren verstaubt und verschwitzt, müde zogen ihre Pferde die Hufe durch den Staub.

Steve beobachtete sie über Angies Kopf hinweg. Die Main Street war wie leergefegt. San Marcial erinnerte an eine Geisterstadt. Nur das dumpfe Pochen der Pferdehufe störte die Stille. Steve atmete gepresst. Düstere Ahnungen stürmten mit Wucht auf ihn ein. Langsam wandte Angie sich um. Steves Arm fiel von ihren Schultern. Angie verdeckte den Stern an seiner linken Brustseite.

Die beiden Reiter hatten angehalten. Falkenäugig schauten sie sich um. Einer der beiden sagte etwas, der andere lachte. Das Geräusch versank in der Stille, und dann klopften wieder die Hufe. Die beiden näherten sich Steve und Angie.

Die junge Frau fühlte tief in ihrer Seele, dass das Verhängnis seinen Lauf zu nehmen begann. Und sie hörte Steve dicht neben ihrem Ohr murmeln: „Geh nach Hause, Angie, und bereite bis in einer halben Stunde das Essen. Koche auch starken Kaffee, denn ich bringe einen Gast mit.“ Sein Tonfall wurde beschwörend: „Bitte, Darling, geh jetzt. Ich habe die beiden nicht zu fürchten. Auch sie sind nur hier, um Psychoterror zu treiben. Den Todesstoß möchte mir Dick Wetham höchstpersönlich versetzen. Und dieser lässt wahrscheinlich noch einige Stunden auf sich warten.“

Sanft schob er Angie ein kurzes Stück den Gehsteig entlang, mechanisch setzte die Frau einen Fuß vor den anderen. Ihr Verstand begann zu blockieren, eine eiskalte Hand schien sie zu würgen, die Angst drohte ihr den Verstand zu rauben. Unterbewusst nahm sie wahr, dass sich niemand auf der Straße zeigte. Nur irgendwo schlug eine Tür, und dieses Geräusch vermittelte etwas Abschließendes, Endgültiges.

Sie rief sich zur Besinnung, und mit erschreckender Klarheit begriff Angie, dass kein Mann San Marcials bereit war, Steve zu unterstützen. Steve hatte sie angelogen. Ihr Schritt stockte, Steve prallte gegen sie, und sie drehte sich zu ihm herum. „Keiner hilft dir, Steve“, stieg es voll zittriger Erregung aus ihrer Kehle. „Sie lassen dich allein in deinem schwierigsten Kampf. Du hast gelogen, um mich zu beruhigen. Und dein irrsinniger Stolz lässt nicht zu, dass wir fliehen oder meinen Vater um Hilfe bitten. Gütiger Gott, Steve, diese Stadt ist es nicht wert, dass du für sie dein Leben wegwirfst.“

Die beiden Fremden waren bis auf drei Pferdelängen heran und zügelten. Noch immer hatten sie den Stern an Steves Brust nicht entdeckt. Sie legten ihre Hände auf die Sattelknäufe und fixierten Steve und Angie. Plötzlich fragte einer, es war Cole McPherson, mit staubheiserer, misstönender Stimme: „Gibt es außer euch beiden noch weitere Menschen in dieser Stadt?“

„Geh heim, Angie!“, flüsterte Steve rau, dann nahm er Front zu den Reitern ein.

Und nun erkannten sie, wen sie vor sich hatten. Sie prallten etwas zurück, hatten sich aber sofort wieder unter Kontrolle, hämisches Grinsen zog ihre Lippen in die Breite und Bill Haggans spottriefendes Organ röhrte: „Ist das ein Stern, was da an seiner Weste klebt, Cole? Ja, das ist ein Stern. Dann kann das nur Quincannon sein, der da steht und sich mit der hübschen Lady die Zeit vertreibt.“

„Anders kann es gar nicht sein“, pflichtete McPherson bei. „He, Quincannon, tausend Grüße von Dick Wetham. Er kann es kaum noch erwarten, dich unter die Erde zu bringen.“

„Warum kommt er dann nicht endlich und schickt nur euch Figuren?“, schnappte Steve erbost. „Ist er vielleicht gar nicht so sehr überzeugt von sich? Müsst ihr ihm den Weg bereiten, damit er selbst kein Risiko eingeht? Lässt er noch immer andere für sich die Kastanien aus dem Feuer holen?“

Steve sprach es provozierend und unbeeindruckt. Er zeigte sich den beiden furchtlos und unerschrocken. Lediglich Angies Anwesenheit passte ihm nicht. Und Angie rührte sich nicht vom Fleck.

Steve fuhr fort: „Wie viele von eurer Sorte will er denn noch schicken? Hat Dick denn keine Angst, dass ich euch Kerle der Reihe nach und nach schachmatt setze und dass er mir am Ende alleine gegenübersteht? Fürchtet er nicht, dass diese Stadt vielleicht nicht zulässt, dass er hier seinen faulen Zauber abzieht, dass man ihn samt euch mit Pulver und Blei zum Teufel jagt?“

Bill Haggan schaute umfassend in die Runde. Schließlich spuckte er verächtlich zur Seite aus und ließ dann seine Stimme erklingen: „Dick war einige Zeit in San Marcial. Schon damals - wenn auch nur für kurze Zeit -, zwang er den Leuten hier seinen Willen auf. Es gibt keine mutigen Männer hier, die eine Waffe in die Hand nehmen und sich zum Kampf stellen. Hier frisst man dem Stärkeren aus der Hand. Du wirst es nicht mehr erleben, Quincannon, aber die maßgeblichen Männer San Marcials werden um Dick herumschwänzeln wie geprügelte Straßenköter. Sie werden nichts unversucht lassen, um ihn gnädig zu stimmen.“

Ein trockener Ton entfuhr Angie. Die heiße Flamme des Zorns schlug in ihr hoch und verzehrte Angst und Verzweiflung. Ehe Steve es verhindern konnte, trat sie zwei Schritte auf die beiden Banditen zu. Sie rief mit klarer, präziser Stimme: „Lasst meinen Mann zufrieden! Er ist Marshal, und als er damals Wetham verhaftete und vor Gericht brachte, versah er nichts weiter als seinen Job. Wetham erschoss am Spieltisch einen Mann, und er wäre gelyncht worden, wenn mein Mann seinen Job nicht so ernst genommen und sich gegen die halbe Stadt gestellt hätte. Wetham hat ihm sein Leben zu verdanken. Und nur der Aussage meines Mannes vor Gericht ist es zuzuschreiben, dass er nicht des Mordes, sondern lediglich der Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig befunden wurde. So kam er mit fünf Jahren Zuchthaus davon. Steve rettete sein Leben. Und dafür will er ihn nun töten?“

„Fünf verlorene Jahre seines Lebens, Lady“, versetzte McPherson ungerührt, „fünf Jahre lebendig begraben, fünf Jahre Hölle. Das ist es, was Dick deinem Mann zu verdanken hat. Alles andere zählt nicht. Dein Mann steht bereits mit einem Bein im Grab. Aber mach dir keine Gedanken, Lady. Du bist viel zu hübsch, um lange allein zu sein. Sieh uns an. Wir sind richtige Männer, und wenn du willst, können wir vielleicht noch eine Menge Spaß miteinander haben. Nach Steve Quincannon wird bald kein Hahn mehr krähen.“

Bill Haggan grinste anzüglich und voll unverhohlener Begierde.

Angies Schultern zuckten wie unter einem Kälteschauer. Steves Zahnschmelz knirschte, seine Kiefer mahlten. Fiebrig durchrann es ihn. Seine Stimme klirrte: „Halt deine Zunge im Zaum, Mister, oder du bereust sehr schnell jede deiner Unverschämtheiten. Und freut euch nur nicht zu früh. Eure beiden Kumpane schmoren bereits im Jail. Und ihr könnt ihnen gerne Gesellschaft leisten.“

Ihre Lider zogen sich zusammen. Zwischen den engen Schlitzen glitzerte es reptilienhaft kalt. Sie verströmten plötzlich hellwache Angespanntheit und Bereitschaft. „Sag das noch mal!“, spuckte Bill Haggan geradezu hinaus. „Na los, wiederhole es, Quincannon, damit wir wissen, dass wir uns nicht verhört haben.“

„Ihr habt euch nicht verhört, ihr Schießbudenfiguren!“

Telly trat mit einer Shotgun im Anschlag aus dem Office. Als das letzte Wort über seine Lippen war, spannte er beide Hähne. Es knackte hart, als die Spannfedern einrasteten. Wie leere Totenaugen starrten die beiden Mündungslöcher auf die Banditen; kreisrund, schwarzgähnend und wie eine Warnung vor Untergang und Tod.

Haggan und McPherson waren überrumpelt. Ungläubig und zu keiner Reaktion fähig starrten sie Telly an. Dieser tönte: „Jetzt hat es euch Galgenvögeln die Stimmen verschlagen, wie? All right, ihr Schufte. Ihr werdet euch nun bei der Dame entschuldigen, und zwar artig und höflich und mit allen Anzeichen des tiefen Bedauerns, wie es sich für echte Gentleman gehört. Andernfalls sperren wir euch ein wegen - wegen ...“

„Na, sag’s schon, du alte Vogelscheuche!“, zischte Haggan, der seine Empfindungen wieder im Griff hatte.

„Wegen übler Beleidigung!“ So entband Steve den Oldtimer von einer Antwort. „Ihr habt eine unbescholtene, ehrenhafte Lady mit doppelsinnigen Anspielungen beleidigt, und das ist unserem Stadtgesetz gemäß ein Vergehen, auf das eine Ordnungsstrafe steht. Zwanzig Dollar. Falls ihr nicht bezahlen wollt oder könnt, wandert ihr für jeden Dollar einen Tag hinter Gitter.“

Steve hatte das Gewehr angehoben, und nun deuteten von zwei Seiten die Mündungen auf die Banditen.

„Vielleicht wart ihr der Meinung, dass mich allein die Tatsache von Dick Wethams Anmarsch vor Angst und Ehrfurcht im Boden versinken lässt“, hub Steve wieder an. Er sprach schleppend. „Nun seid ihr eines besseren belehrt worden. Ja, eure beiden Kumpane befinden sich hinter Schloss und Riegel. Und ihr beide zahlt nun auf der Stelle jeweils zwanzig Dollar Strafe, oder ihr landet in der Nachbarzelle. Ihr könnt aber auch nach euren Kanonen greifen. Es wird uns kaum Skrupel bereiten, die Stadt mit heißem Blei von eurer Anwesenheit zu befreien.“

„Nicht die geringsten!“, näselte Telly und seine kleinen, schwarzen Augen funkelten grimmig.

Steve war vor Angie getreten und schützte sie so mit seinem Körper.

Die beiden Banditen stauten den Atem. Sekundenlang sah es so aus, als wollten sie aggressiv reagieren. Plötzlich erschlafften ihre angespannten Haltungen, sie setzten sich lässig zurecht, Unverfrorenheit und Kaltschnäuzigkeit kamen bei ihnen zurück. McPherson dehnte: „Wir entschuldigen uns bei Ihnen, Ma’am, yeah, verzeihen Sie unser frivoles Benehmen.“ Er schoss Telly einen sengenden, vernichtenden Blick zu. Dann griff er in die Tasche und holte einige Geldscheine hervor. „Zweimal zwanzig Bucks, Marshal, okay, hier ist das Geld.“ Er ließ die Noten achtlos fallen, sie schwebten in die Tiefe und landeten im Staub. „Aber glaube mir: Ich hole es mir wieder.“

Er zog das Pferd um die rechte Hand und ruckte im Sattel. Das Tier ging an. Müde zog es die Hufe durch den Staub. Bill Haggan tippte mit dem Zug einer bösen Verheißung um den Mund gegen die Krempe seines Hutes und orakelte: „Es wird heute noch schlimm für dich werden, Quincannon, und du wirst die Stunde verfluchen, in der du geboren wurdest. Dick hat eine ganze Reihe von Methoden auf Lager, mit denen man einem Mann die Hölle bereiten kann, ohne ihn umzubringen. Bei ihm könnten sogar die Apachen noch was lernen. Er wird dich in die Mangel nehmen, und glaube mir, du wirst ihn anflehen, dich endlich mit einer Kugel zu erlösen. Nun, du wirst es erleben.“

Er sprach es und folgte McPherson. Sie lenkten ihre Pferde auf den Saloon zu.

Telly entspannte die Shotgun und legte sie sich auf die Schulter. Zwischen Steve und Angie herrschte betretenes Schweigen, das Angie schließlich nach einer geraumen Zeit brach, indem sie kehlig sagte: „Du hast also einen Mann gewonnen, Steve.“ Sie musterte Telly widerwillig von oben bis unten. „Einen Stadtstreicher und haltlosen Trinker.“ Es klang herablassend und geringschätzig. „Ist er der Gast, den du mir angekündigt hast? Braucht er starken Kaffee, um nüchtern zu werden?“

Steve schluckte und würgte an dem Kloß, der ihm plötzlich im Hals saß. Er nickte. Angie kam ihm plötzlich fremd vor. Diesen Zug kannte er an ihr nicht. Sie erinnerte ihn unvermittelt stark an ihren Vater, dessen Unduldsamkeit und Arroganz er am eigenen Leib zu verspüren bekam.

„Ich will ihn nicht in meinem Haus haben, Steve!“, kam es unnachgiebig und hart von Angie. „Er ist Abschaum. Wenn du meinst, ihn aus der Gosse holen zu müssen - bitte. Mich aber verschone damit.“

Steve schrieb ihr Verhalten der Angst, der Hilflosigkeit und der Enttäuschung zu, die sie beherrschten. Ja, es war wohl so, dass sie aufgrund ihrer Erregung und der ganzen Gefühlswelt, die sich in ihr staute, nicht mehr in der Lage war, abzuwägen, was sie von sich gab. Dennoch verspürte er das Bedürfnis, etwas sagen zu müssen, einzulenken, sie behutsam zurechtzuweisen. Er formulierte seine Worte im Kopf, ehe er zu sprechen begann. Dann sagte er: „Telly hat geschworen, niemals mehr einen Tropfen Alkohol zu sich zu nehmen, Angie. Er half mir im Saloon aus einer ziemlich üblen Klemme. Ohne ihn hätten mich die beiden Kerle, die jetzt im Jail sitzen, in Stücke geschlagen. Er hat als einziger in dieser ganzen lausigen Stadt Mut bewiesen. Ich habe ihn zu meinem Deputy ernannt. Ich glaube, Telly ist kein schlechter Mann. Und jetzt, da er Besserung gelobt hat, sollte man ihn nicht vor den Kopf stoßen und ihm jede erdenkliche Chance geben. Sonst verliert er sehr schnell wieder den Glauben an sich selbst.“

„Angies Reaktion ist ganz normal, Steve“, ließ Telly verlauten. „Ich kann sie ihr nicht verdenken. Ich habe noch nicht bewiesen, dass ich stark genug sein werde, durchzuhalten. Ich bin nicht verletzt. Denn sie hat recht, wenn sie mich Stadtstreicher, Trinker und Abschaum nennt. Ich muss erst den Beweis antreten, dass mehr in mir steckt.“

„Das ist kein Grund, dich zu beleidigen, Telly“, stieß Steve hervor. „Du hast gezeigt, dass einiges in dir steckt. Ich lasse nicht zu, dass du gekränkt wirst, schon gar nicht von meiner Frau.“ Er wandte sich wieder Angie zu, sah sie zwingend an, und sagte halblaut: „Geh jetzt nach Hause und bereite das Essen so, wie ich es dir aufgetragen habe. Ich will auch, dass du für Telly starken Kaffee kochst. Bitte, Darling ...“

Unergründlich schaute sie ihn an. In ihren ebenmäßigen Zügen arbeitete es. Dann murmelte sie: „Jeder andere Mann würde weglaufen, Steve. Du aber bleibst. Ich weiß nicht, was in deinem Kopf vorgeht. Vielleicht hat Dad recht, und du bist im Grunde deines Herzens wirklich nur ein Coltschwinger, der die Gefahr sucht und mit ihr leben will. Du hast es all die Jahre nur unterdrückt. Jetzt aber bricht es wieder durch bei dir. Du bist nicht umzustimmen. Du setzt dich über alles hinweg und wirfst dich dieser blutrünstigen Meute zweibeiniger Wölfe regelrecht zum Fraß vor. Ich kann nichts tun. Ich kann nur zu Hause darauf warten, dass sie dich mir tot vor die Türe legen. Ich weiß nicht, ob ich das alles bewältigen und verkraften kann.“

Sie drehte ihm den Rücken zu und schritt mit hängendem Kopf davon.

Fast körperlich glaubte Steve die Kluft zu spüren, die zwischen ihm und Angie innerhalb der letzten Minuten aufgerissen war. Und die Stimmung, in der er sich befand, war so ziemlich die erdrückendste in seinem Leben.

Vor sich hinmurmelnd stieg Telly vom Vorbau, um das Geld aufzuheben, das der Bandit in den Staub geworfen hatte.

*

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STEVE BETRAT DIE CITY Hall und ahnte wenig Gutes. Als er an die Tür des Dienstzimmers des Bürgermeisters klopfte, verstummte drinnen das erregte Durcheinander von rauen Stimmen. Er wurde aufgefordert, einzutreten.

Steve schloss hinter sich die Tür und lehnte sich dagegen. Sein kühler, abwägender, forschender und einschätzender Blick zuckte über die ausdruckslosen Mienen hinweg, die ihm entgegenstarrten. Da war ein Großteil jener Männer versammelt, die er um Hilfe gegen Wetham angegangen hatte und von denen er eine Abfuhr erhielt. Diesmal war auch Elliott Fuller vom ‘San Marcial Express’ dabei. Ein halbes Dutzend Honorationen von San Marcial, die sich gewiss nicht von ungefähr hier getroffen hatten.

„Was wollen Sie von mir?“ So richtete er die Frage an den Town Major. Aufreizend langsam hob Steve die Arme und überkreuzte sie vor der Brust.

„Wir haben lange beraten“, begann Hopkins nach kurzem Zögern. „Ja, wir haben über die Gründung einer Bürgerwehr nachgedacht, Marshal.“ Er log, ohne rot zu werden. „Und wir sind zu dem Ergebnis gekommen, vorerst abzuwarten. Denn der Gedanke stieß bei keinem der Männer, die wir befragten, auf Zustimmung.“

„Erstens haben Sie nicht einen einzigen Gedanken an eine Bürgerwehr verschwendet, Gentleman“, versetzte Steve eisig, „zweitens wurde außer von mir niemand in ganz San Marcial dahingehend befragt, und drittens frage ich mich, was Sie abwarten möchten.“

Steve trat selbstbewusst und sicher auf, und das irritierte die Männer, denen ein gewisses Maß an Wohlstand anzusehen war und die nun erröteten.

Der Town Major versuchte ein beschwichtigendes Lächeln, aber mehr als eine verzerrte Fratze brachte er nicht zustande. „Einen Entschluss haben wir dennoch gefasst, Quincannon“, fuhr er fort, beruhigt von dem Wissen, dass ihm fünf angesehene Männer der Stadt den Rücken stärkten.

„Dann spucken Sie mal das Ergebnis aus!“, forderte Steve.

Hopkins strich sich fahrig über den Mund. Das Lächeln, das um seine Lippen spielte, war abstoßend und heuchlerisch. Und als er sprach, verlieh er seiner Stimme einen fast sanften Ton. Er sagte: „Wir haben beschlossen, Sie aufzufordern, San Marcial zu verlassen, ehe Wetham hier eintrifft, Quincannon.“

Es war heraus. Rasselnd atmete Hopkins aus. Erwartungsvoll abwartende Haltungen nahmen die anderen ein. Dabei starrten sie Steve an, als wollten sie ihn ihrem Willen entsprechend hypnotisieren.

Hopkins konnte die Verachtung in Steves Blick nicht mehr ertragen. Wie von Fäden gezogen setzte er sich in Bewegung, umrundete seinen Schreibtisch und ließ sich schwer auf den Stuhl fallen. Er zog die Schublade auf, schaute angestrengt hinein, als suchte er etwas mit ganz besonderer Intensität, und schließlich beförderte er ein Blatt Papier auf die Tischplatte, auf das einige Zeilen geschrieben waren.

„Was versprechen Sie sich davon, meine Herren?“, fragte Steve, und sie zuckten zusammen.

Jetzt war es Jack Bowden, der das Wort ergriff. Er räusperte sich, dann erklärte er: „Sie sind es, Quincannon, der uns den Verdruss in die Stadt zieht. Wetham will Sie - und nur Sie. Wenn Sie nicht mehr in San Marcial weilen, wird auch er sehr schnell wieder verschwinden, um Ihre Fährte aufzunehmen. Verkriechen Sie sich irgendwo in der Weite des Landes. Spuren verwehen hier schnell. Und eines Tages wird Wetham die Suche nach Ihnen aufgeben. So ist dieser Stadt geholfen, und auch Sie können mit einigem Geschick ihre Haut retten.“

Steve lachte scheppernd auf. „Sie irren sich, Gentleman. Wetham kommt, um auch von Ihnen Rechenschaft zu fordern. Das weiß ich. Er will Rache. Und er verlässt diese Stadt nicht, ohne vorher hier für Furore gesorgt zu haben. Ich schätze, jeder von Ihnen, die ihr euch hier eingefunden habt, hat ihn zu fürchten. - Was haben Sie da für ein Schreiben vorbereitet?“

Steve wies mit dem Kinn auf den Bogen Papier auf dem Schreibtisch.

„Eine Vereinbarung zwischen Ihnen und der Stadt, wonach Sie das Marshalsamt niederlegen. Außerdem wollten wir uns Ihnen gegenüber großzügig erweisen. Wir zahlen Ihnen zweitausend Dollar Abfindung, wenn Sie noch in dieser Stunde die Stadt verlassen.“

Wieder lachte Steve auf. Es war ein sarkastisches und zugleich ironisches Lachen. Er nahm die Arme aus der Verschränkung und hakte seine Daumen in den Revolvergurt. „Stecken Sie sich den Fetzen Papier sonstwo hin, Hopkins. Mein Kampf gegen Wetham hat bereits begonnen. Zwei seiner Mitläufer habe ich vorhin eingesperrt - aber das dürfte Ihnen ja sicherlich bekannt sein. Vorhin tauchten wieder zwei verwahrloste Typen auf, und sie bestellten mir Grüße von Wetham. Ich werde auch Sie ausschalten. Und dann kann Wetham kommen. Kaum vorstellbar, dass seine Gefolgschaft dann noch besonders groß ist. Ich werde bereit sein. Auf Ihre zweitausend Dollar pfeife ich. Und den Stern - den werde ich Ihnen vor die Füße werfen. Vorher aber schalte ich Wetham aus - und zwar mit dem Abzeichen an der Brust.“

„Verdammt, Quincannon, Sie zwingen uns, Ihnen mit Nachdruck die Sache klarzumachen!“, fauchte Elliott Fuller, der Inhaber der hiesigen Zeitung.

Steve betrachtete ihn fast mitleidig. Fuller war ein kleiner, mickriger Mann mit einer randlosen Brille auf der Nase, und seine Drohung wirkte auf Steve fast lächerlich. Aber Fuller war nicht allein. Da waren noch fünf andere, und wenn auch keiner von ihnen unter fünfundfünfzig war, so waren sie in ihrer Überzahl nicht zu unterschätzen. Darum nahm Steve Fullers Drohung nicht auf die leichte Schulter. Jede Silbe betonend gab er zu verstehen: „Ich bin Marshal dieser Stadt. Ich wurde vom Bürgerrat berufen. Es gibt nur eine Möglichkeit, mich aus dem Amt zu entfernen. Das wäre die Entlassung durch den Bürgerrat. Zu diesem Gremium allerdings gehört außer dem Town Major und Ihnen keiner, Fuller. Hopkins und Sie sind alleine aber nicht beschlussfähig. Im Augenblick können Sie an meiner Position nicht kratzen. Und ich lasse mich auch nicht einschüchtern. Drohungen irgendwelcher Art können Sie sich sparen. Denn sie beeindrucken mich nicht. Abgesehen davon würde ich auch im Falle der Entlassung durch den Bürgerrat die Stadt nicht verlassen. - War das alles, was Sie mir zu sagen hatten?“

„Es gibt noch eine zweite Möglichkeit, Sie aus dem Amt zu entfernen, Quincannon“, gab der Barbier aufgebracht zu verstehen.

Steve verstand. Dennoch fragte er: „Und die wäre?“

Sie fixierten ihn vielsagend und bedeutungsvoll, schwiegen aber.

Steves linker Mundwinkel zuckte in die Höhe. „Sie sind eine Bande von Heuchlern und Feiglingen!“ Wie Bleitropfen fielen die Worte von seinen Lippen. „Mag Dick Wetham noch so ein niederträchtiger und verkommener Bandit sein - er hat wahrscheinlich im kleinen Finger mehr Charakter als jeder von Ihnen im ganzen Körper. Sie und ich - wir sind geschiedene Leute. Kommen Sie mir nicht mehr in die Quere - keiner von Ihnen.“

Er machte kehrt und legte die Hand auf den Türknopf. Da vernahm er hinter sich einen scharfen Keuchton, Fußbodenbretter knarrten - und er wirbelte geduckt herum. Der riesige Schmied stürmte auf ihn zu. Die Erkenntnis, dass es keine leeren Drohungen gewesen waren, die Fuller und Carter ausgestoßen hatten, fuhr ihm wie ein Blitzstrahl ins Gemüt. Er sprang zur Seite, und Hank Chapman krachte ungebremst gegen die Türfüllung, die Tür flog unter dem wuchtigen Anprall auf und Chapman taumelte hinaus auf den Flur.

Steve war ziemlich perplex, seine Reaktion erfolgte mehr instinktiv als vom bewussten Willen geleitet. Er war nahe daran, den Colt zu ziehen, konnte sich jedoch letztendlich nicht dazu entschließen, denn keiner der Männer war bewaffnet. Seine Rechte umklammerte zwar den Coltgriff, aber er ließ das Eisen im Halfter. Und als Jack Bowden und Jeff Wallace gleichzeitig auf ihn zustürzten, warf er sich ihnen entgegen. Er traf Wallace am Kopf und rammte Bowden die Schulter in den Leib. Bowden ging mit einem spitzen Aufschrei zu Boden, Wallace taumelte zur Seite.

Steve wurde zurückgerissen. Er flog herum, und vor seinen Augen schien der Raum zu explodieren, als ihm der Schmied die Faust ins Gesicht schmetterte. Sofort spürte er den süßlichen Geschmack seines Blutes auf den Lippen. Mit rudernden Armen wankte er rückwärts, und er erhielt einen hinterhältigen Tritt in die Kniekehlen, der ihn einbrechen ließ. Tränen, die ihm der Schmerz in die Augen trieb, nahmen ihm die Sicht. Er lag auf den Knien. Panik stieg wie ein Schrei in ihm auf. Und jetzt scheute er sich nicht mehr, nach dem Colt zu greifen. Aber ein Tritt zwischen die Schulterblätter warf ihn nach vorn, und instinktiv benutzte er beide Arme, um den Sturz auf das Gesicht abzufangen.

Er wurde hochgerissen und entwaffnet. Die Arme wurden ihm brutal auf den Rücken gedreht. Chapman, der Schmied, schlug ihm zweimal die flache Hand ins Gesicht, und die Schläge brannten auf seiner Wange. Und dann vernahm er wie aus weiter Ferne die leidenschaftliche Stimme des Town Majors: „Noch einmal, Quincannon: Unterschreiben Sie nun die Vereinbarung, oder müssen wir Sie in Stücke schlagen? Entscheiden Sie sich schnell, denn die Zeit läuft uns davon. Ich warte nicht länger als drei Sekunden auf Ihre Antwort. Und dann ist wieder Chapman an der Reihe.“

Steve mühte sich ab, seine Arme aus den stahlharten Griffen zu befreien. Blut lief von seiner Unterlippe über sein Kinn. Er wand sich, bog das Kreuz durch, stemmte sich gegen den Druck ihrer Fäuste.

„Die drei Sekunden sind um!“, tönte Hopkins ohne jede Gemütsregung. „Chapman!“

Ein bretterharter Schlag mit dem Handrücken traf Steves Mund. Und dann bohrte sich die riesige Pranke des Schmieds in seinen Leib. Da sie verhinderten, dass er sich nach vorne beugte, um dem Schlag die Kraft zu nehmen, riss er die abgewinkelten Beine hoch und hing einige Sekundenbruchteile in der Luft, in denen er dachte, die Arme würden ihm aus den Schultergelenken gerissen. Eine Welle des rasenden Schmerzes durchflutete ihn und ließ ihn japsen. Dann schlugen seine Absätze wieder am Boden auf.

Sein Widerstandsgeist erwachte. Sein Bein flog hoch und traf den Schmied, der gerade zu einer geraden Rechten ausholte. Chapman brüllte auf und krümmte sich nach vorn, Steves angezogenes Knie sauste in die Höhe und knallte gegen den Brustkasten des vierschrötigen Mannes. Chapman wurde wieder aufgerichtet, er schnappte nach Luft - und Steve bekam einen Arm frei.

Er stieß den Ellenbogen nach hinten und rammte ihn Bowden gegen die Rippen. Der Sattler heulte auf und ließ Steves Arm fahren, aber Steve konnte ihn nicht benutzen. Er war taub, baumelte lahm von seiner Schulter. Steve befürchtete, dass Bowden ihm das Gelenk ausgekugelt hatte.

Chapman hatte den Treffer verdaut. Er warf sich mit seinem ganzen Gewicht auf Steve und riss ihn zu Boden, begrub ihn nahezu unter sich. Und dann waren auch die anderen wieder da. Sie schlugen auf Steve ein, traten ihn, und ließen erst von ihm ab, als sie völlig außer Atem waren.

Sie traten auseinander, bildeten einen Kreis um ihn und starrten mitleidlos auf ihn hinunter. Die Furcht vor Wetham hatte sie in Bestien verwandelt, die nur noch den niedrigsten Trieben gehorchten. Und sie glaubten fest daran, dass Steves Verschwinden sie vor Wetham retten konnte. Sie klammerten sich daran wie der Ertrinkende an den rettenden Strohhalm.

Steve lag auf dem Bauch. Er röchelte und stöhnte. Das verriet ihnen, dass er bei Besinnung war. Der Town Major keuchte gehässig: „Verschwinden Sie aus der Stadt, ehe Wetham eintrifft. Andernfalls liefern wir Sie höchstpersönlich an Wetham aus. Und das würde den Banditen ziemlich versöhnlich stimmen, schätze ich. - Jeff, Dave, werft ihn auf die Straße. Niemand wird sich darum kümmern, was hier vorgefallen ist. Du, Elliott, gehst in den Jail und lässt die beiden Kerle frei, die dieser Narr eingesperrt hat. Macht schon.“

Steve wurde gepackt und auf die Straße geschleift, wo sie ihn einfach fallen ließen.

Elliott Fuller eilte zum Marshal Office.

Steve zog sich am Hitchrack in die Höhe. Sein linker Arm funktionierte wieder. Er stand auf schwachen Beinen, die jeden Moment nachzugeben drohten. Nebel der Benommenheit brandeten gegen sein Bewusstsein an, es schien keine Stelle an seinem Körper zu geben, die nicht schmerzte. Mit dem Aufflackern eines übermenschlichen Durchhaltewillens verfluchte er die Stadt. Dann torkelte er unter der glühenden Sonne dahin wie ein Betrunkener, zerschlagen, blutend, ausgehöhlt wie eine faule Nuss, und die Verbitterung, die ihn erfüllte, ließ keine anderen Empfindungen zu.

*

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TELLY BRADLOW STAND auf der Schwelle des Marshal Office. Eine Schnapsfahne wehte aus seinem Mund. Sie stammte noch von dem Brandy, für den er sich auf das Tiefste erniedrigt hatte. Telly hatte sich, seit ihn Steve verlassen hatte, nicht mehr von der Shotgun getrennt. Jetzt sagte er:

„Keine Chance, Fuller. Der Town Major hat mir keine Befehle zu erteilen. Ich bin Hilfsmarshal“ - er warf sich in die Brust -, „und meine Befehle erhalte ich von Quincannon. Die beiden Dreckskerle bleiben im Jail, bis sie entweder verfault sind oder bis der Marshal sie wieder entlässt. Bestellen Sie das dem ehrenwerten Mister Hopkins, Fuller.“

Der Zeitungsmann rümpfte die Nase. „Du bist ja besoffen, Bradlow, stinkbesoffen, und es spricht nicht gerade für die Qualität unseres Marshals, wenn er dich zum Deputy ernannt hat. Leg den Stern ab, der an deiner Brust anmutet wie ein Hohn, und geh hinüber in den Saloon, um die Centstücke aus den Spucknäpfen zu fischen.“

„Für diese Worte sollte ich Ihnen das Gebiss bis in den Hintern schlagen, Fuller, Sie Zwerg!“, erregte sich Telly. „Doch ich kann mich beherrschen. Und jetzt ziehen Sie Leine. Ich lasse die beiden Hundesöhne nicht frei. Bestellen Sie das dem Town Major.“

Er zielte wie unabsichtlich auf Fuller, und diesen verließ plötzlich jeglicher Mut. Dennoch tönte er trotzig: „Das hat ein Nachspiel, Bradlow. Dafür garantiere ich. Du kriegst in San Marcial kein Bein mehr auf die Erde.“

Plötzlich weiteten sich Tellys Augen. Er blickte an Fuller vorbei, und ihm entrang es sich erschüttert: „Bei der Heiligen Jungfrau, was habt ihr Schufte mit Quincannon angestellt?“

Steve bewegte sich mühsam auf der anderen Straßenseite auf dem Sidestep. Seine Beine vermochten ihn kaum noch zu tragen. Er musste sich am Geländer festhalten, um nicht zusammenzubrechen. Immer wieder blieb er stehen, um Kraft zu schöpfen.

Und jetzt sah Telly auch die beiden Fremden, die vor etwa einer halben Stunde in San Marcial eintrafen. Sie sprangen vom Saloonvorbau in die Straße und folgten Steve.

„Da scheint jemand vor uns Quincannon die Flügel gestutzt zu haben“, rief Bill Haggan und kicherte.

„Scheint so“, gab McPherson grinsend zurück. „Von Quincannon ist nur noch ein kläglicher Haufen Elend übrig.“ Jäh wurde er ernst. „Wer immer ihn auch so zurichtete, er hat Dick schätzungsweise keinen Gefallen erwiesen. Kaum anzunehmen, dass er sich an einem Halbtoten vergreift. Nun, wir werden sehen, wie Dick reagiert.“

Sie holten Steve ein. Dieser hatte wieder angehalten. Seine Bronchien pfiffen und rasselten. Seine Brust hob und senkte sich unter röchelnden Atemzügen. Er nahm die beiden Banditen kaum war. In seinem Zustand hätte er sich wohl nicht einmal etwas darum geschert, wenn ihm der Präsident der Vereinigten Staaten in den Weg gelaufen wäre.

„Mann, o Mann, der sieht aus, als wäre er in eine Stampede geraten“, presste Haggan hervor. Er versetzte Steve einen leichten Stoß, und Steves Beine knickten ein, er versuchte, sich an das Geländer zu klammern, doch seine Finger glitten ab und er fiel auf den Gehsteig.

McPherson beugte sich über ihn. „Den haben sie ziemlich außer Gefecht gesetzt“, murmelte er. „Dick kann ihm höchstens noch den Rest geben.“

Telly stieß kurzerhand Elliott Fuller auf die Seite und hetzte über die Straße. „Weg vom Marshal!“, gellte seine Stimme, und er schlug die Shotgun auf Haggan und McPherson an.

Fuller huschte in das Office.

Aus der City Hall traten der Town Major und seine Gefolgschaft. Sie näherten sich schnell.

Haggan und McPherson musterten den Oldtimer verdutzt, die gefährliche Waffe in seinen Fäusten zog ihre Blicke fast magnetisch an, sie traten zurück und konnten nicht glauben, dass der heruntergekommene Alte die Courage besaß, auf sie loszugehen.

„He, Oldman, nimm den Bleistreuer runter, ehe du aus Versehen den Abzug betätigst“, grollte McPhersons Organ.

„Wenn ich den Abzug betätige, dann gewiss mit Bedacht!“, fuhr ihn Telly an. „Ihr kleinen, miesen Ratten!“, zischte er dann. „Ihr habt gesehen, dass er sich kaum noch von selbst auf den Beinen halten kann, und dennoch habt ihr ihn umgestoßen. Ihr seid schon ein mutiges Gespann. Umgibt sich Wetham mit noch mehr Kerlen eures Schlages?“

In der Officetür erschienen Ben Smith und Stuart Boddam. Sie hatten sich im Office mit Colts bewaffnet. Elliott Fuller hielt sich im Hintergrund. Boddam hatte sich wieder von dem Schlag erholt, mit dem ihn Steve im Saloon niedergestreckt hatte.

Die Männer aus der Stadt erreichten Steve, Telly und die beiden Banditen. Der Town Major sagte, indem er mit einer knappen Geste auf Steve deutete: „Wetham kann ihn haben. Wir überlassen ihn euch. Legt ihn auf ein Pferd und bringt ihn Wetham.“

Telly schnellte aus seiner gebückten Haltung regelrecht in die Höhe. „Was sind Sie doch für ein dreckiger Bastard, Hopkins. Man müsste Sie teeren und federn und mit der Bullpeitsche aus dem Land jagen. Pfui Teufel!“

Er spuckte dem Town Major vor die Füße.

Vom Marshal Office her erschallte ein scharfer Ruf: „He, alter Saufkopf!“

Es war Ben Smith, der rief, auf dessen Kopf Telly ein Bierglas zerschmettert hatte.

Telly wirbelte mit der Flinte im Anschlag herum. Smith hatte den schon den Colt in der Faust. Und er zielte bereits auf Telly. Eine ellenlange Mündungsflamme stieß aus der Revolvermündung. Der Schuss dröhnte, und die Detonation rollte durch die Straße, stieß in die Gassen und Einfahrten und wurde vom Donnerknall verschluckt, mit dem die Shotgun in Tellys Händen aufbrüllte. Aber Telly war bereits getroffen. Das gehackte Blei fuhr in die Straße und ließ den Staub spritzen. Der Oldtimer taumelte sterbend zu Boden.

Dann trat Stille ein - bleierne, lastende Stille. Sie dauerte aber nur einige Sekunden lang. Dann sprang Ben Smith auf die Fahrbahn. Er überquerte die Straße, stieß Telly mit der Stiefelspitze an und sagte ungerührt: „Er hat ein Bierglas auf meinem Schädel zertrümmert. Ich habe geschworen, ihn dafür umzubringen. Dieser alte Narr hat sein Schicksal selbst herausgefordert.“

Stuart Boddam folgte ihm langsam.

Ächzend und stöhnend versuchte Steve, sich aufzurichten. Es war eine Anstrengung, eine Überwindung, die all seinen Willen erforderte. Schließlich lehnte er am Gehsteiggeländer. Sein Kopf baumelte vor der Brust. Sein Gesicht verschwoll mehr und mehr zu einer unförmigen Maske. Es zeigte viele dunkle Verfärbungen sowie Platz- und Schürfwunden.

Er hörte jemand sprechen. Der Mann sagte: „Steck den Colt weg, Ben. Von Quincannon droht keine Gefahr. Ein Rudel Ratten ist ihm in den Rücken gefallen und hat ihn übel zugerichtet. Nun wollen sie, dass wir Quincannon zu Dick bringen, damit dieser seinen Hass abreagiert und die Stadt verschont. Was hältst du davon?“

„Das ist gewiss kein dummer Vorschlag“, antwortete Ben Smith und versenkte das Schießeisen im Halfter. „Aber es wäre zu einfach. Was will Dick mit diesem menschlichen Wrack? Außerdem gibt es außer Quincannon eine Reihe von Kerlen in diesem lausigen Nest, mit denen Dick ein Hühnchen zu rupfen hat. Sicher, Quincannon nimmt Platz eins bei ihm ein - aber die Reihenfolge lässt sich je nach Bedarf leicht ändern, nicht wahr?“

Mit höhnischem, vielversprechendem Grinsen wandte Smith sich an die Städter. „Ihr habt einen Fehler begangen, als ihr Quincannon halbtot geschlagen habt. Ihr habt euch selbst damit des einziges Schutzes beraubt, den es für euch gab. Ich spreche sicher in Dick Wethams Sinn, wenn ich sage, dass wir Quincannon zu seiner alten Form auflaufen lassen werden, ehe wir uns ihm widmen. Und bis es soweit ist, haben wir Zeit und Muße, einigen von euch aufgeblasenen Burschen auf die Zehen zu treten.“

Ben Smith sprach die letzten Worten in einer Art, die in ihrer Unmissverständlichkeit erschreckend war. Und er weidete sich offensichtlich an ihrer Bestürzung.

Sie wurden krankhaft bleich. Sie waren Zeugen eines skrupellosen Mordes geworden. Und sie begriffen, dass sie auf das verkehrte Pferd gesetzt hatten mit allem, was sie bisher inszenierten. Das Begreifen setzte sich durch, und die Gewissheit, dass Schreckliches auf sie zukam, ließ sie erschaudern und verschloss ihre Lippen.

„Gehen wir in den Saloon“, forderte Bill Haggan seine Kumpane auf. „Es kann nicht mehr lange dauern, bis Dick eintrifft. Und dann sehen wir weiter.“

Sie stiefelten davon.

Der Town Major sagte mit belegter, heiserer Stimme, nachdem er zweimal angesetzt hatte, weil zunächst seine Stimmbänder versagten: „Es war alles umsonst. Heavens, was waren wir doch für Narren. Dachten wir denn wirklich, Wetham würde uns in Ruhe lassen, wenn er Quincannon nicht mehr in San Marcial vorfindet?“ Er griff sich an den Kopf, denn sein Verstand konnte alles das, was auf ihn einstürmte, nicht mehr verarbeiten. „Wir haben uns aufgeführt wie die wilden Tiere, und es ist kaum wieder gutzumachen. Was jetzt?“

„Ich verschwinde, solange noch Zeit dazu ist“, kam es brüchig von Jeff Wallace, dem Mietstallbesitzer.

„Ich auch!“, entwand es sich Dave Carter, dem Barbier, und er hüpfte von einem Bein auf das andere, als würde ihm der Boden plötzlich glühend heiß unter den Fußsohlen.

„Wir sollten Telly von der Straße und Quincannon nach Hause schaffen“, schaltete sich der Schmied ein. „Und dann sollten wir uns zusammensetzen und beraten, ob wir uns nicht doch bewaffnen sollten.“

„Mörder“, flüsterte in diesem Moment Steve. „Elende Mörder! Und ihr seid mitschuldig. Indirekt seid ihr schuld an Tellys Tod. Die Hölle verschlinge euch alle.“

Er löste sich vom Geländer und wankte davon.

*

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ALS STEVE ERWACHTE, lag er in seinem Bett. Es war noch Tag, trotzdem war es im Schlafzimmer düster, denn Angie hatte die Vorhänge vor das Fenster gezogen.

Sie saß erschüttert und fassungslos auf der Kante seines Bettes. Als Steve die Augen aufschlug, beugte sie sich über ihn. Sie küsste ihn auf den Mund, dann hörte er sie sagen: „Verzeih mir mein abscheuliches Benehmen von heute Mittag, Steve. Ich war erregt, ich war außer mir vor Angst und Sorge, und es ist einfach mit mir durchgegangen. Als dann wieder Schüsse krachten, dachte ich, sterben zu müssen. Ich wagte mich nicht auf die Straße, denn ich fürchtete, dass ich vor deinem Leichnam stehe, wenn ich das Haus verlasse.“

Sie begann zu weinen. Mit tränenerstickter Stimme fuhr sie fort. „Dann hörte ich dich an der Tür. Du brachst zusammen. Ich schleppte dich ins Bett, kleidete dich aus und versorgte deine Wunden. Und ich dankte Gott, dass du noch am Leben warst. Seitdem saß ich unablässig hier und wartete darauf, dass du zu dir kommst. Kannst du mir verzeihen?“

Die Worte waren zuletzt nur so aus ihr herausgesprudelt, flehend sah sie ihm in die Augen, die fast gänzlich zugeschwollen waren.

„Es gibt nichts zu verzeihen, Darling“, erwiderte er mühsam. „Jeder schießt einmal über das Ziel hinaus. Wer von uns ist schon unfehlbar?“

„Danke“, raunte sie. „Ich werde auch Telly Bradlow um Verzeihung bitten. Ich wollte ihm nicht bewusst wehtun. Aber ...“

Bei Steve kam die Erinnerung. Sie stürmte mit der Wucht eines Blizzards auf ihn ein. Ruckhaft stemmte er sich mit den Ellenbogen hoch, sofort aber fiel er mit einem verlöschenden Stöhnen wieder auf das Bett zurück. „Telly ist tot. Sie haben ihn abgeknallt wie ein Stück Vieh. Ermöglicht haben es Hopkins, Bowden, Chapman und einige andere Bürger San Marcials ...“

Er erzählte Angie, was sich zugetragen hatte, seit er die City Hall betreten hatte. Die Frau hörte ihm zu, und ihre Fassungslosigkeit wuchs mit jedem Wort, das über seine aufgeplatzen Lippen quoll. Er schloss: „Das Verhängnis, das über die Stadt hereinbrechen wird, ist wohl nicht mehr aufzuhalten. Hopkins’ Rechnung ist nicht aufgegangen. Und jetzt können wir nichts anderes tun als es auf uns zukommen lassen. Es ist sinnlos, gegen den Strudel von Gewalt, in den wir gerissen worden sind, anschwimmen zu wollen.“

„Ich habe furchtbare Angst, Steve.“ Angie wischte sich die Tränen ab. „Vor einer Stunde kamen Wetham und ein weiterer Mann an. Jetzt hockt die ganze Bande im Saloon. Ich habe ein Gewehr hier, um zu verhindern, dass Wetham das Haus betritt. Aber ich fürchte, dass ich nicht in der Lage bin, ihn aufzuhalten. Was soll ich nur tun, Steve? Wie kann ich es ermöglichen, dich ungesehen aus der Stadt zu schaffen?“

Seine Hand tastete über sein zerschlagenes Gesicht. „Es hätte keinen Sinn. Und es ist wohl auch gar nicht notwendig. Solange ich nicht wieder voll auf dem Damm bin, lässt Wetham mich sicher in Ruhe.“ Er versank in Nachdenklichkeit, und schließlich murmelte er wie im Selbstgespräch: „Ich komme wieder auf die Beine. Und dann werde ich kämpfen. Und sollte ich mit Wetham fertig werden, dann müssen sich einige Gentleman in dieser Stadt warm anziehen.“

„Ich ahnte es, Steve“, brach es aus ihr heraus. „Es ist wohl so, dass du nicht aus deiner Haut kannst. Es wird mir jetzt so richtig klar. Und ich beginne mich damit abzufinden. Ja, Steve, du hörst schon richtig. Ich fange an, deine Einstellung zu akzeptieren, dass Flucht zwecklos wäre. Man kann seinem Schicksal wohl tatsächlich nicht entfliehen.“

Zuletzt sprach sie sachlich, klar und mit aller Entschiedenheit.

Sie erhob sich.

„Und jetzt koche ich dir eine kräftige Brühe. Es ist später Nachmittag. Deinen Toast heute morgen hast du kaum angerührt. Du musst am Verhungern sein. Und das ist schlecht für einen kranken Mann. Ich päpple dich wieder hoch - wie einen flügellahmen Vogel.“

Sie lächelte, und es war kein erzwungenes Lächeln. Es verströmte Zuversicht und Wärme. Und Steve wusste, dass sich die Kluft, die mittags zwischen ihnen aufgerissen war, wieder geschlossen hatte. Und zwar für immer. Angst und Not hatten ihn und Angie noch mehr zusammengeschweißt. Nie mehr sollte ein Schatten zwischen sie fallen.

Und für einen Augenblick vergaß Steve sogar die tödliche Gefahr, die ihn umgab und die ihn in ihren gnadenlosen Fängen hielt.

*

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DER SCHUSS IST NACH hinten losgegangen“, entsetzte sich Jim Hopkins. Er war nur noch ein fahriges Nervenbündel.

Draußen neigte sich dieser unselige Tag seinem Ende zu. Die Sonne stand weit im Westen, die Schatten krochen über die Main Street und stießen gegen die Häuserfassaden auf der anderen Fahrbahnseite. Unablässig tupfte sich der Town Major mit einem weißen Taschentuch den Schweiß vom Gesicht.

Sie waren wieder versammelt. Diesesmal jedoch hatten sie sich im Haus des Sattlers getroffen. Jeff Wallace vom Mietstall und Dave Carter, der Barbier, fehlten. Sie hatten still und heimlich die Flucht vor Dick Metham und seinen Banditen ergriffen.

Vier Männer, denen die Angst vor Wetham Übelkeit verursachte. Sie sahen den Banditen zusammen mit Tom Logan in die Stadt reiten. Das Grauen vor den kommenden Stunden hatte  Skrupellosigkeit und Niedertracht in ihnen verdrängt. Ja, ihnen war ein gewaltiger Strich durch die Rechnung gemacht worden. Als Steve auf der Straße zusammenbrach, als sie die beiden Banditen, die kurz vorher in die Stadt gekommen waren, bei ihm sahen, da hatten sie zum letzten Mittel gegriffen und Steves Auslieferung an Wetham angeboten. Aber all die Hoffnungen, die sie mit dieser Niedertracht verbanden, waren in sich zusammengestürzt wie ein Kartenhaus.

Ihre Schäbigkeit, ihre Gemeinheit, hatte keine Grenzen gekannt. Ihre Angst, das Entsetzen und die Verzweiflung hatten sie zu Unmenschen degradiert, die weder Mitleid noch Gnade kannten.

Und nun ...

„Bieten wir Wetham Geld an“, schlug Elliott Fuller vor. „Kaufen wir uns frei. Soviel Geld, dass er gar nicht nein sagen kann.“

„Ach was!“ Chapman winkte verdrossen ab. „Wenn er unser Geld haben will, dann holt er es sich einfach. Das ist keine Lösung. Ich für meinen Teil komme mehr und mehr zu dem Ergebnis, dass wir uns Quincannon hätten anschließen sollen. Wenn sich die kampffähigen Männer der Stadt unter der Führung des Marshals der Horde Outlaws entgegengestellt hätten, würden sie sich an uns die Zähne ausgebissen haben. Nun haben sie sich in San Marcial eingenistet, und allein ihre Anwesenheit verbreitet Angst und Schrecken.“

„Und wenn wir vier uns bewaffnen und sie im Saloon überfallen?“, warf Jack Bowden hin.

„Dann legen wir wahrscheinlich einen oder zwei vielleicht auch drei von ihnen um. Im nächsten Moment aber sausen wir ihnen in die Hölle hinterher.“ Mit schriller Stimme verwarf Chapman diese Idee.

„Verdammt, verdammt, wir können hier doch nicht herumsitzen und darauf warten, dass sie uns das Fell über die Ohren ziehen!“, hechelte Jim Hopkins fast hysterisch.

„Wallace und Carter, diese feigen Hunde, haben Fersengeld gegeben!“, schnappte Fuller erbost. „Wahrscheinlich war es aber das Klügste in der Situation, in der wir uns befinden. Wetham wird ja nicht ewig in San Marcial bleiben. Wir könnten ja zurückkehren, wenn er wieder verschwunden ist.“

„Für eine Flucht ist es zu spät“, wandte Chapman ein.

„Dann weiß ich, was ich tun muss!“, fauchte Fuller und sprang auf. „Ich ...“

Chapman packte ihn an der Jacke und zerrte ihn wütend auf den Stuhl zurück. „Du machst gar nichts, Fuller!“ zischte er grimmig. „Jede unbedachte Aktion fordert Wethams Zorn noch mehr heraus. Noch hält Wetham sich zurück. Vielleicht gibt er sich mit Quincannons Skalp zufrieden. Man soll schlafende Hunde nicht wecken.“

„Ich warte nicht, bis er kommt, um mir das Fell über die Ohren zu ziehen!“, hechelte Fuller. Seine Hände zuckten fahrig über die Tischplatte.

Der Town Major knallte die flache Hand auf den Tisch. „Uns kann nur einer helfen. Und das ist Quincannon!“

Wie ein Manifest schienen die Worte im Raum zu hängen. Sie klangen in den Gehirnen der anderen nach. Dann lachte Bowden zynisch auf. „Den haben wir regelrecht zertrümmert, und wenn ihn Wetham nicht schon vorher zum Satan schickt, muss er mindestens eine Woche das Bett hüten. Und selbst wenn er in der Lage wäre, zu kämpfen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass er unseretwegen eine Waffe in die Hand nähme.“

Dem konnte keiner widersprechen. Zu übel hatten sie dem Marshal mitgespielt. Und sollte er die Sache mit Wetham heil hinter sich bringen, mussten sie ihn sogar fürchten. Denn es war sicher, dass er dann Rechenschaft von ihnen forderte.

Auf der Straße war Hufschlag zu hören. Fuller sprang auf und eilte zum Fenster. „Da kommt Wes Holliday mit vier Reitern!“, entfuhr es ihm. „Und sie sind bis an die Zähne bewaffnet.“

Sofort begann der Funke der Hoffnung bei jedem von ihnen zu glühen. Sie stemmten sich hoch, drängten ebenfalls zum Fenster, behinderten sich gegenseitig, Chapman fluchte lästerlich, und dann sahen sie die fünf Reiter. Bowden wuchtete das Fenster hoch. „Holliday - hierher!“ Seine gellende Stimme trieb den Reitern entgegen, übertönte den Hufschlag und veranlasste den Pulk, die Pferde in den Stand zu zerren.

Erregt winkte Bowden.

„Was will der von mir?“ So grollte Hollidays tiefer Bass. „Wartet hier. Ich will hören, was er mir zu sagen hat.“

Er ritt zu Bowdens Haus und zügelte beim Fenster sein Pferd. Und er sah die blassen Gesichter der drei Männer, die sich um Bowden geschart hatten. „Was gibt es?“

„Dick Wetham ist in der Stadt! Und er hat eine Bande von Strauchdieben mitgebracht.“

Jim Hopkins bellte diese Eröffnung geradezu hinaus.

Holliday zeigte keine Reaktion. Er grollte: „Yeah, das weiß ich. Wetham und ein Komplize statteten heute meiner Ranch einen Besuch ab und klauten zwei meiner besten Pferde.“

„Himmel, Holliday“, schnaubte Jack Bowden, „Ihre Pferde sind im Moment unwichtig. Tatsache ist, dass Wetham gekommen ist, um sich an Quincannon und der Stadt zu rächen. Es hat bereits einen Toten gegeben, Jeff Wallace und Dave Carter sind Hals über Kopf aus der Stadt geflohen, der Marshal ist kampfunfähig. Sie und Ihre Männer müssen uns helfen, Holliday.“

„Wieso ist Quincannon kampfunfähig?“, fragte der Rancher. Sein Pferd tänzelte unruhig unter ihm. Er bändigte es mit eiserner Faust.

Sie kniffen die Lippen zusammen und schwiegen. Keiner brachte den Mut auf, zuzugeben, dass sie es waren, die den Marshal ausbooteten.

„Ich warte auf Antwort!“, presste Holliday ungeduldig und mit Nachdruck hervor.

„Er - er wurde zusammengeschlagen“, antwortete Chapman.

„Es geht auch um Ihre Tochter, Holliday“, stieß Fuller hastig hervor. „Sie ist Quincannons Frau, und Wetham wird vor ihr nicht halt machen - gerade weil sie mit Quincannon verheiratet ist.“

Die Schultern des Ranchers strafften sich. „Meine Tochter kann jederzeit zu mir auf die Ranch zurückkehren. Sie hat mich zwar maßlos enttäuscht, als sie diesen Gunslinger heiratete, einen Mann, der nur eine Sprache versteht, nämlich die Sprache der Fäuste und des Colts, und der, als er in diesem Landstrich ankam, mittellos war und auf nichts weiter als eine rauchige Vergangenheit zurückblicken konnte. - Angie ist und bleibt meine Tochter, und deshalb stehen ihr bei mir alle Türen offen. Aber das wollte sie drei Jahre lang nicht, und sie wird es auch jetzt nicht wollen.“

„Schicken Sie einen Ihrer Reiter zurück, damit er den Rest Ihrer Mannschaft holt, Holliday“, kam es von Hopkins. „Mit Ihren Leuten können Sie Wetham samt Anhang aus San Marcial hinausfegen.“

„Weshalb soll ich das Leben meiner Männer aufs Spiel setzen?“, antwortete wie aus der Pistole geschossen der Rancher. „Ich will meine Pferde zurückhaben, und dann will ich mit Angie sprechen. Ich werde ihr anbieten, mit mir nach Hause zu reiten. Und wie ihre Antwort auch immer ausfällt, ich werde nach dem Gespräch mit ihr San Marcial wieder verlassen. Seid ihr denn nicht selbst manns genug, euch zur Wehr zu setzen? Also schnappt euch Waffen und verteidigt eure Stadt.“

Er nickte ihnen zu, zog das Pferd herum und ritt zurück zu seinen Männern.

Bowden zerkaute eine bittere Verwünschung. Hopkins stöhnte. Hank Chapman verließ mit verkniffenem Gesicht das Fenster und setzte sich wieder an den Tisch. Fuller ballte die Hände zu Fäusten und knirschte: „Die Pest an den Hals dieses überheblichen Mistkerls!“

Als der Reiterpulk vor dem Saloon anhielt, trat Dick Wetham aus der Tür. Er war allein. Und er zeigte nicht die Spur von Unsicherheit oder Furcht. Er und Wes Holliday starrten sich an, schätzten sich ein, jeder schien beim anderen Maß zu nehmen. Plötzlich platzte es über Wethams Lippen: „Hallo, Rancher, ich habe mir heute Mittag zwei Pferde bei Ihnen ausgeliehen. Die Tiere stehen im Stall des Saloons. Sie können sie gerne zurückhaben. Denn in der nächsten Zeit brauche ich kein Pferd.“

„Sie sind also zurückgekehrt, Wetham, und Sie sind drauf und dran, sich Ihrer Verurteilung wegen zu rächen“, sagte der Rancher. „Haben Ihnen die fünf Jahre hinter Zuchthausmauern denn nicht gereicht? Möchten Sie wieder zurück, oder haben Sie Sehnsucht nach dem Galgen?“

„Es waren fünf Jahre in der Hölle. Und deshalb müssen einige Gents büßen. Diese Stadt ist erbärmlich. Die Hasenherzen sind sogar soweit gegangen, mir Quincannon anzubieten, nachdem ihn einige Hombres fast erschlagen haben. - Ihre Männer sollten die Hände von den Waffen nehmen, Holliday. Denn meine Leute haben sich an den Fenstern verteilt und zielen auf sie. Ich will mit Ihnen keinen Verdruß. Die beiden Pferde und den Sattel können Sie aus dem Stall holen. Wie gesagt, ich habe mir die Gäule nur ausgeliehen.“

Sofort nahmen die Cowboys die Hände von den Coltknäufen. Unruhe ergriff sie.

Holliday schluckte betroffen. Und obwohl er zu wissen glaubte, wer den Marshal außer Gefecht setzte, wollte er es von Wetham hören. „Wer sind die Hombres, die Quincannon zusammenschlugen? Vorhin baten mich einige Bürger San Marcials um Hilfe. Von ihnen erfuhr ich, dass Quincannon kampfunfähig ist. Ich dachte, Sie und ihre Leute hätten ihn zurechtgestutzt. Dem scheint es nicht so zu sein. Also, Wetham, wer war es?“

„Es waren jene, die mich am meisten zu fürchten haben. Hopkins, Bowden, Chapman, Fuller, Wallace und Carter. Sie ließen sogar zwei meiner Männer frei, die Quincannon einsperrte. Und Hopkins bot meinen Männern Quincannon feil wie ein Krämer seine Ware. Jämmerlich, nicht wahr?“

„Sie wollen Quincannon töten?“

„Deshalb bin ich hier. Aber Quincannon ist im Moment nur ein zahnloser Tiger ohne Krallen. Ich hätte nichts davon, wenn ich ihn in seinem kläglichen Zustand abserviere. Deshalb warte ich, bis er wieder auf den Beinen steht. Das kann allerdings einige Tage dauern.“

Holliday zeigte die Zähne. „Quincannon ist mein Schwiegersohn“, erklärte er.

„Ja, das hörte ich vom Salooner. Doch diese Tatsache ändert nichts. Ich weiß, dass Sie Quincannon nicht akzeptieren. Sie wollten die schöne Angie an ihren Vormann verkuppeln, um den Bestand Ihrer Ranch zu sichern. Ein Gunfighter wie Quincannon passte Ihnen nicht in den Kram. Also gehe ich davon aus, dass Sie keinen Finger krümmen werden, um ihm zu helfen.“

Wetham grinste lauernd und schien vor Selbstbewusstsein zu strotzen. Seine Banditen an den Saloonfenstern verliehen ihm ein Gefühl von Überlegenheit und Stärke.

„Was Quincannon anbetrifft, mögen Sie recht haben, Wetham. Aber zwischen Ihnen und Quincannon steht meine Tochter.“

„Warum schließen wir keinen Pakt, Holliday?“ Wetham legte den Kopf in den Nacken und stemmte die Arme in die Seiten. Rötliches Licht der untergehenden Sonne lag auf seinem Geiergesicht und vertiefte die Furchen und Kerben. „Sie mischen sich nicht ein, wenn ich in San Marcial etwas Angst und Schrecken verbreite, im Gegenzug haben Sie mein Wort, dass Ihrer Tochter kein Haar gekrümmt werden wird.“

„Ich werde meine Tochter fragen, ob sie mit mir auf die Ranch kommt. Ich glaube nicht, dass sie es tut. Zwingen kann ich Angie nicht. Sollte sie in der Stadt und an der Seite Quincannons bleiben, wird sie kämpfen wie eine Löwin für ihr Junges. Darum warne ich Sie, Wetham. Sollten Sie oder einer Ihrer Banditen Angie auch nur das geringste Leid zufügen, jage ich euch - wenn es sein muss -, bis zum Nordpol. Lassen Sie Quincannon hundertprozentig gesund werden, und dann stellt er sich Ihnen auch zum Kampf. Und er wird Angie heraushalten. Sind wir uns einig?“

Wetham senkte den Kopf zum Zeichen seines Einverständnisses.

Holliday knurrte: „Roy, Sid, holt meine Pferde und den Sattel aus dem Stall. Kommt dann nach zu Quincannons Haus.“

Er wendete das Pferd. Zwei der Cowboys glitten aus den Sätteln. Die beiden anderen folgten ihrem Boß.

Wetham grinste höhnisch und ging in den Saloon zurück.

*

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ALS HOLLIDAY UND SEINE Reiter San Marcial verließen, war Angie nicht bei ihnen. Unmissverständlich hatte sie ihrem Vater klargemacht, dass sie zu Steve gehörte. Wutentbrannt hatte der Rancher das Haus verlassen.

Die erste Dunkelheit nistete zwischen den Häusern und in den Gassen San Marcials. Im Westen verglühte der blutrote Widerschein der Sonne. Die kleine Versammlung in Bowdens Haus hatte sich aufgelöst. Durch verschlungene Gassen und Hinterhöfe waren die Männer nach Hause geschlichen.

Elliott Fuller saß mit einem Gewehr im Büro des ‘San Marcial Express’. Er spann düstere Gedanken. Durch das Fenster konnte er den Imperial Saloon beobachten. Im Schankraum hielten sich die Kerle auf, die er fürchtete wie der Teufel das Weihwasser. Er hatte damals in der Jury gesessen, die Wetham für schuldig befand. Er hatte sogar auf Mord plädiert, und wäre es nach ihm gegangen, hätten sie Wetham einen Strick um den Hals gelegt.

Dabei hatte der andere, den Wetham erschoss, diesen als Falschspieler bezeichnet und war mit einem Stuhlbein auf ihn losgegangen. Wetham hatte geschossen. Colt gegen Stuhlbein entsprach nicht der Verhältnismäßigkeit der Mittel, um Notwehr zu konstruieren. Und der Mann, den Wetham erschoss, war ein alteingesessener Bürger der Stadt. Wetham aber war ein Außenseiter. Er hauste zusammen mit einem Rudel heruntergekommener Sattelstrolche auf einer verfallenen Ranch in den Bergen, und wenn er kam, verbreitete er Terror ...

Nun, Quincannon verfolgte Wetham und brachte ihn zurück. Wetham wurde verurteilt, und er, Elliott Fuller, war maßgeblich daran beteiligt.

Und jetzt fürchtete er um sein Leben.

Im Saloon sagte Wetham zu seinen Kumpanen: „Ich sehe jetzt nach Quincannon. Bleibt hier. Ich will mir ein Bild von seinem Zustand machen.“

„Man ist uns in dieser Town nicht gerade freundlich gesonnen, Dick“, wandte Bill Haggan ein. „Du solltest nicht alleine auf die Straße gehen. Aus sicherer Deckung ist eine Kugel schnell abgefeuert. Und es ist nicht auszuschließen, dass den einen oder anderen Feigling in diesem Nest nicht der Mut der Verzweiflung befällt.“

Wetham winkte ab. „Sie haben sich verkrochen wie Mäuseriche vor der Katze. Von ihnen droht keine Gefahr.“

„O verdammt, Dick, das Beispiel Quincannons zeigt uns, dass sie ein Rudel heimtückischer Ratten sind. Gerade weil sie vor Angst fast vergehen, sind sie zu jeder Gemeinheit fähig.“

„Ich will mich in San Marcial frei bewegen, um ihnen zu zeigen, dass ich sie nicht fürchte.“ Wetham grinste flüchtig und ging zur Tür, drückte die Türflügel auseinander und trat hinaus.

Elliott Fuller fuhr zusammen, als die Saloontür aufgestoßen wurde und Wetham heraustrat. Der Bandit stand groß und hager auf dem Vorbau, schaute nach rechts, nach links, dann tauchte er unter dem Geländer hindurch und sprang auf die staubige Fahrbahn.

Keiner seiner Männer folgte Wetham. Dieser stapfte die Straße hinunter. Fullers Hand zuckte nach dem Gewehr, berührte es, schnell zog er sie zurück, als hätte er glühendes Eisen angefasst. Eine jähe Blutleere im Gehirn verursachte ihm Schwindel, doch dann rang er sich durch und packte die Winchester mit beiden Händen. Eine Kugel befand sich bereits im Lauf. Er unterdrückte gewaltsam die hochlodernde Angst und spürte den Taumel, der ihn erfasste. Es war wie ein Rausch.

Mit pendelnden Armen schritt auf der anderen Seite Dick Wetham am Rand der Fahrbahn entlang. Mit einer Hand schob Fuller etwas das Fenster in die Höhe. Er legte den Lauf auf die Fensterbank und sein fiebernder Verstand hämmerte ihm ein, dass er schießen musste.

Peitschend brach der Schuss. Als er abdrückte, atmete Fuller aus. Dazu kam das Zittern seiner Hände. Er verriss um wenige Millimeter, und seine Kugel meißelte neben Dick Wetham den Putz von einer Hauswand. Eine Staubwolke senkte sich zu Boden.

Der Bandit reagierte gedankenschnell. Mit einem Satz hechtete er flach auf den Boden, wie durch Zauberei lag plötzlich der Colt in seiner Faust, er rollte unter den Gehsteig und verschmolz mit der Dunkelheit unter den Bohlen.

Sein Colt brüllte auf. Er hatte sofort registriert, aus welcher Richtung die Kugel gekommen war. Und vor einem der Fenster des ‘San Marcial Express’ zerflatterte eine Pulverdampfwolke. Glas klirrte, als die Fensterscheibe beim Einschlag seines Bleis zersplitterte.

Aus dem Saloon rannten die Banditen. Sofort verteilten sie sich. Fullers zweiter Schuss fiel zu spät. Das Geschoss knallte in einen der Schwingtürflügel und ließ ihn wild schlagen.

Bill Haggan hetzte geduckt und im Zickzack über die Straße. Cole McPherson war hinter dem Regenfass des Saloons abgetaucht. Tom Logan spurtete ein Stück den Gehsteig hinauf und warf sich hinter einen Tränketrog. Ben Smith verschwand in der Gasse, die neben dem Inn in die Main Street mündete, und Stuart Boddam folgte, hakenschlagend wie ein Hase, Bill Haggan auf die andere Seite der Fahrbahn.

„Hat es dich erwischt, Dick?“, schrie McPherson.

„Um ein Haar!“, antwortete Wetham. „Der Bastard steckt im Zeitungsgebäude. Ich denke, es ist Fuller, der die Nerven verloren hat.“ Seine Stimme hob sich und trieb über die Straße: „Okay, Fuller, jetzt kommen wir dich holen. Du stehst zwar nicht so weit vorne auf meiner Liste, aber es ist im Endeffekt egal, mit welcher von euch Ratten ich beginne.“

Er jagte einen Schuss aus dem Colt, und das Blei pfiff in die leere Fensterhöhle, harkte in die gegenüberliegende Wand und jaulte als Querschläger durch den Raum.

Doch Fuller hatte sein Büro bereits verlassen. Er befand sich im Hinterhof. Irrsinnige Angst wütete in seinen Zügen, grenzenloses Grauen irrlichterte in seinen Augen. Sein gehetzter Blick schnellte in die Runde. Dann lief er los, flankte über den hüfthohen Staketenzaun zum Nachbargrundstück, blieb mit einem Fuß hängen und krachte auf der anderen Seite schwer auf den Boden.

Hinter ihm, in einer Lücke zwischen zwei Gebäuden, tauchten Haggan und Boddam auf. Kalt reflektierte der Stahl ihrer Colts das letzte Licht des Tages. Fuller kam hoch. Er hastete durch den Garten und achtete nicht darauf, dass er Salat- und Kohlköpfe zertrat. Er kroch durch eine Lücke im Zaun, kam auf einen schmalen Fußweg zwischen den Gärten und Höfen und sah einen der Banditen dicht an der Wand eines Schuppens heranpirschen.

Er riss das Gewehr hoch. Da sah er aus den Augenwinkeln Haggan und Boddam kommen. Er schleuderte sich halb herum und schlug das Gewehr auf die beiden an.

Der Bursche auf dem unkrautüberwucherten Steig feuerte. Fuller bekam die Kugel in die Seite. Sein Schuss löste sich, doch das Geschoss fand kein Ziel. Haggan und Boddam schossen gleichzeitig. Elliott Fuller schien zu wachsen, plötzlich kippte er über seine Absätze nach hinten und schlug hin wie ein gefällter Baum.

In diesem Moment begann auf der Straße ein Gewehr zu knattern. Wummerndes Revolverfeuer stimmte ein und verschlang das helle Peitschen der Winchester.

„Lasst ihn liegen!“, wies Haggan die anderen beiden an. „Wie es scheint, spielt noch einer verrückt. Folgt mir!“

Sie rannten zurück zur Straße, wo jetzt nur noch vereinzelte Schüsse fielen.

*

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JACK BOWDEN HEGTE ÄHNLICHE Gedanken wie Elliott Fuller. Er war in seiner Wohnstube hin und her gelaufen wie ein gefangenes Raubtier. Und auch er hatte sich ein Gewehr bereitgelegt. Seine Frau hatte er aus dem Zimmer gejagt. Er wollte allein sein mit all seinen nagenden Überlegungen und seiner ätzenden Furcht. Er befand sich im Obergeschoss seines Hauses, direkt über dem Laden.

Er war innerlich total zerrissen, und das Herz drohte im in der Brust zu zerspringen, als auf der Straße die Waffen zu sprechen anfingen. Er eilte zum Fenster. Zwei Kerle rannten über die Straße, als säße ihnen der Leibhaftige im Nacken. Einen sah er hinter einem Tränketrog abtauchen, einen anderen hinter einem Regenfass. Raue Stimmen erschallten.

Seine schweißnassen Hände saugten sich am Gewehr fest. Seine Zähne mahlten übereinander. Jener Bursche, der hinter dem Regenfass in Deckung gegangen war, sprintete jetzt über die Fahrbahn und geriet in den toten Winkel zu dem Sattler.

Dann peitschten hinter den Häusern die Schüsse. Schlagartig schwiegen die Waffen. Der Bandit, der hinter dem Tränketrog Schutz gesucht hatte, kam hoch. Jack Bowden legte an. Er spürte den Rückstoß, als der Schuss detonierte. Tom Logan, der rattengesichtige Outlaw, warf die Arme hoch, sein Colt flog im hohen Bogen davon, dann kippte er über die Pferdetränke.

Wethams und Ben Smith’ Colts bellten los wie eine wütende Hundemeute. Ihre Kugeln zerhieben das Fenster, neben das Jack Bowden getreten war, zerfetzten den Fensterstock, ließen Kalk und Gesteinssplitter spritzen.

Bowden feuerte noch ein paarmal, aber er fand kein Ziel. Smith war in die Gasse zurückgesprungen, Dick Wetham war unter dem Gehsteig weitergekrochen, und so vergeudete Jack Bowden nur sein Blei.

Und jetzt hörte er Wetham brüllen: „Bleibt von der Straße weg! Der Schütze steckt in der Sattlerei, im Obergeschoss. Macht euch von hinten an das Haus heran, dann räuchern wir ihn aus!“

Wie elektrisiert fuhr Bowden herum. Er musste hinaus. Die Todesangst brüllte in seinen Augen. Er war dem Wahnsinn nahe. Eine Welle des Entsetzens um die andere überspülte sein Bewusstsein. Im Flur kam ihm seine Frau entgegen. Er schleuderte sie gegen die Wand und stürzte an ihr vorbei, überwand mit wenigen Sprüngen die Treppe nach unten und rüttelte an der Hintertür. Sie war verriegelt. Mit fliegenden Fingern stieß er den Riegel zurück, er war mit einem langen Satz im Hof und rannte hinüber in seine Werkstatt, wo er sich auf dem Dachboden verkroch.

Zitternd wie Espenlaub hockte er in der hintersten Ecke, das Gewehr auf die Luke gerichtet, ein Netz glitzernder Schweißperlen überzog sein zuckendes Gesicht, seine Zähne schlugen aufeinander wie im Schüttelfrost.

Aus dem Wohnhaus vernahm er berstendes Krachen, als die Vordertür eingetreten wurde. Ein Mann brüllte irgend etwas. Dann flog krachend die Werkstattür auf, die er hinter sich zugeworfen hatte. Stiefelleder knarrte unten, Sporen rasselten, Stimmengemurmel erklang. Bruchstückhaft vernahm der schockierte Sattler: „... muss hier sein ... hätten wir ihn gesehen ... kamen von der Rückseite.“

Bowden vernahm einen Aufschrei aus dem Mund seiner Frau, gellend und jäh abreißend. Ihr Schicksal war ihm in diesen Augenblicken, in denen er selbst die Hölle durchlebte, egal. Der Schrei erreichte nur den Rand seines Bewusstseins. Sein Herz hämmerte rasend, seine Nerven waren zum Zerreißen angespannt, sein Gesicht war fratzenhaft entstellt.

„Sie mal oben nach“, hörte er.

Leitersprossen knarrten, ein Hut schob sich langsam durch die Luke, Bowden drückte ab. Der Knall drohte das niedrige Dach wegzusprengen. Der Hut kreiselte um den Gewehrlauf, über den er gestülpt worden war, und im nächsten Moment wurde er zurückgezogen. Ein hohntriefendes Lachen erklang, und dann kam es rasiermesserscharf: „Komm herunter, Bowden, oder wir zünden diesen Schuppen an. Und dann musst du ihn verlassen, es sei denn, du ziehst es vor, bei lebendigem Leib gebraten zu werden.“

Es traf Bowden wie ein eisiger Guss. Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. Es gab keinen. Er saß hier auf dem niedrigen Dachboden in der Falle, wie ein verängstigtes Tier, das  trübe Zwielicht verstärkte das Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit, stickige, heiße Luft umgab ihn, dennoch fror er.

„Ist - ist Fuller tot?“, fragte er brüchig.

„Mausetot!“, wurde ihm geantwortet. Der Sprecher lachte hohl. „So tot wie das Leder, aus dem du deine Sättel fertigst.“

„Was - was geschieht - mit - mir, wenn ich ...“

„Vielleicht knüpfen wir dich auf, vielleicht schleifen wir dich am Lasso durch die Stadt, möglicherweise aber gebe ich dir sogar eine Chance, Bowden. Jetzt steig herunter. Meine Geduld mit dir geht langsam zu Ende. - Gieß das Petroleum auf den Boden, Bill. Wir warten nicht länger.“

Es knirschte leise, als Bill Haggan den Tank der Laterne aufschraubte. Dann war Gluckern zu vernehmen und Plätschern, als sich das Petroleum auf den Bretterboden ergoss.

„Aufhören!“, kreischte Bowden. „Ich komme!“

Er kroch los. Das Gewehr ließ er liegen. Seine Knie waren butterweich, als er die Leiter hinunterkletterte. Dann stand er vor den Banditen. Mittlerweile hatten sie sich alle in der Werkstatt versammelt. Sie trieben ihn hinaus auf die Straße, vorbei an seiner weinenden Frau, die sich an ihn klammern wollte, die aber von Ben Smith brutal weggerissen wurde.

Bowden nahm das alles fast nicht wahr. Er wurde von Todesangst und Verzweiflung zerfressen. Es gelang ihm nicht mehr, irgendwelche Gedanken zu formulieren und festzuhalten. Seine Psyche spielte einfach nicht mehr mit. Er begann zu schluchzen. Und plötzlich warf er sich vor Wetham auf die Knie, faltete die Hände und hob sie zu dem Banditen empor. „Bitte, Wetham, lassen Sie mich gehen“, wimmerte er. „Sie können alles von mir haben - alles, mein gesamtes Hab und Gut. Aber lassen Sie mich leben.“

Der Pulk hatte angehalten. Obwohl die Dunkelheit schnell zunahm, wurde nirgendwo ein Licht angemacht. Die Stadt blieb finster. Kein Laut war zu hören. Es war, als fürchteten die Menschen, das Böse auf sich aufmerksam zu machen, das die Stadt in seinem Bann hielt.

„Wo ist deine Großspurigkeit geblieben, Bowden?“, zischte Wetham gehässig und seine Lippen zogen sich über die Zähne zurück. „Als ich damals in Fesseln vor euch stand, war deine Stimme klar, fest und ziemlich laut, als du nach einem Strick brülltest. Ho, ich habe weder deinen Namen noch dein Gesicht vergessen. Hättest du dich erweichen lassen, wenn ich wimmernd und weinend um Gnade gefleht hätte?“

„Bitte“, winselte Bowden und krümmte den Rücken. Seine Hände fielen in den Staub. Zwischen den Armen baumelte sein Kopf.

„Hol aus seiner Werkstatt einen Strick, Ben“, murmelte Wetham ohne Rührung und ohne Erbarmen. „Wir hängen ihn am Hoftor des Mietstalles auf. Er verdient keine Chance.“

Smith lief in den Hof zurück ...

*

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JIM HOPKINS SCHLICH hinter den Häusern entlang. In seinem Hosenbund steckte ein alter Armeecolt. Es war fast eine Viertelstunde her, dass der letzte Schuss fiel. Ein schriller Schrei wehte heran, der jäh abbrach. Der Magen krampfte sich dem Town Major zusammen und er duckte sich noch tiefer. Schließlich fasste er all seinen Mut zusammen und pirschte vor bis zur Straße.

Sein Herz übersprang einen Schlag, als er die schlaffe Gestalt am Tor das Mietstalles baumeln sah. Jetzt wusste er auch den schrillen Schrei zu deuten. Es war Jack Bowdens Todesschrei gewesen. Die fünf Banditen marschierten gerade davon.

Hopkins wagte sich erst wieder zu rühren, als sie vorbei waren und er ihre Rücken sah. Er zog sich zurück. Als er sich wieder hinter den Häusern befand, wandte er sich zum Ostende der Stadt. Am Himmel glitzerten einige Sterne. Der Mond befand sich noch hinter den Höhenzügen im Osten. Wie ein Phantom huschte Hopkins durch die Dunkelheit.

Der Town Major stolperte fast über Elliott Fullers schlaffe Gestalt. Dem eisigen Wind des grenzenlosen Entsetzens ausgesetzt tastete er den leblosen Körper ab. Blut klebte an seinen Fingerkuppen. Und obwohl es noch drückend warm war, fröstelte ihn. Gänsehaut lief ihm über den Rücken.

Er setzte seinen Weg fort. Und nach etwa fünfzehn Minuten erreichte er das Haus des Marshals. Ehe er den gepflegten Vorgarten betrat, sicherte er um sich. Da die Luft rein zu sein schien, huschte er zwischen Büschen und Hecken hindurch zur Haustür. Er pochte dagegen.

„Wer ist da?“ Es war Angie, die fragte. Ein Gewehr wurde durchgeladen.

„Der Town Major, Ma’am. Ich muss mit Ihrem Mann sprechen.“

„Verschwinden Sie, Hopkins!“, rief Angie mit zerspringender Stimme. „Steve ist weder für Sie noch für sonst einen Mann dieser jämmerlichen Town zu sprechen. Sie ...“

„Lass ihn herein, Angie!“, rief Steve aus dem Schlafzimmer, dessen Tür offenstand. „Ich muss wissen, was geschehen ist.“

„Aber dieser gemeine Schuft hat doch ...“

„Bitte, Mrs. Quincannon, öffnen Sie, ehe ich entdeckt werde. Es - es wäre mein Tod!“

„Mach auf, Angie!“, forderte Steve. „Die Ungewissheit bringt mich sonst um.“

Da entriegelte Angie die Tür. Hopkins drückte sich durch den Spalt, den Angie freigab. „Wo ist er?“

Angie schloss die Tür wieder und legte den Riegel vor. In der Dunkelheit war sie nur schemenhaft auszumachen. Aus einer Tür am Ende des Flurs fiel gedämpfter Lichtschein. „Folgen Sie mir“, murmelte Angie reserviert, ohne die Spur von Versöhnlichkeit oder Entgegenkommen.

Dann stand Hopkins vor Steves Bett. Er sah Steves entstelltes Gesicht mit den vielen Pflastern und vom Jod rot gefärbten Stellen, und fand im ersten Moment keine Worte. Dann aber quoll es aus ihm heraus: „Wetham macht blutigen Ernst. Fuller liegt tot - erschossen - am Stadtrand. Bowden haben die Kerle nach einem kurzen Schusswechsel aufgehängt. Mein Gott, Marshal, dem Wüten der Banditen muss ein Riegel vorgeschoben werden. Der nächste bin vielleicht ich, oder es ist Chapmann, und das geht so weiter, bis am Ende Sie an der Reihe sind. Sie - Sie müssen Wetham und seine Banditen stoppen. Nur Sie sind dazu in der Lage.“

Seine Stimme klang weinerlich und drängend.

„Ihre Unverfrorenheit kennt wohl keine Grenzen, Hopkins?“, herrschte ihn Angie an. Ihre Augen versprühten Blitze. Sie hielt das Gewehr, als wollte sie im nächsten Moment damit auf den Town Major einschlagen. „Und jetzt gehen Sie wohl besser wieder“, fügte sie gefährlich leise hinzu. „Ihr Anblick verursacht in mir Übelkeit, ihre Anwesenheit beleidigt mich und Steve. Verschwinden Sie, und sehen Sie selbst, wie Sie mit Ihrem Problem fertig werden.“

Hopkins ignorierte ihre Worte einfach. „Marshal“, begann er aufs neue, „Sie müssen uns helfen. Es tut mir leid, dass wir so gemein mit Ihnen umgesprungen sind. Versuchen Sie, aufzustehen. Töten Sie Wetham. Ohne ihn haben die anderen Schufte keinen Grund mehr, in San Marcial zu bleiben.“

„Raus, Hopkins!“, platzte es aus Angie heraus. Plötzlich hatte sie den Stern in der Hand. Er hatte auf dem kleinen Tisch gelegen, der an der Längswand stand. Sie schleuderte ihn Hopkins vor die Füße. „Verlassen Sie dieses Haus!“, fauchte sie. „Oder muss ich Sie mit dem Gewehr auf die Straße jagen.“

„Ja“, mischte sich Steve ein, „verschwinden Sie. Feigheit, Skrupellosigkeit, Hinterhältigkeit und all die anderen schlechten Eigenschaften, aus denen Sie zusammengesetzt sind, vergiften die Luft in diesem Haus. Ich fühle mich dieser Stadt nicht mehr verpflichtet. Seht selbst zu, wie ihr zurechtkommt.“

Da klopfte es erneut an der Tür, und dann erklang es barsch und fordernd: „Hier ist Wetham! Ich will zu dir, Quincannon, um mich von deinem angeblich so schlechten Zustand selbst zu überzeugen.“

Jim Hopkins wankte plötzlich. Ein heiserer Ton brach über seine Lippen, und mit allen Anzeichen des Entsetzens flüsterte er: „Es ist aus. Das ist das Ende. Ich war damals Obmann der Jury ...“

„Nehmen Sie den Hinterausgang, Hopkins“, raunte Steve und gab Angie, die wie zu einer Salzsäule erstarrt dastand, einen Wink.

Ungeduldig wurde gegen die Haustür gehämmert. Wetham schrie: „Keine Sorge, Quincannon. Ich will mir nur ein Bild machen, mit eigenen Augen sehen, wie schlecht es wirklich um dich steht. Ich bin nicht hier, um dich umzubringen. Es wäre keine Befriedigung für mich, dich einfach nur zu töten. Das wäre ein zu geringer Tribut dafür, dass ich deinetwegen fünf Jahre in der Hölle verbringen musste. Ich will dich besiegen, Quincannon, am Boden zerstören, und dann ...“

In Angie geriet Leben. Sie schob Hopkins aus dem Zimmer, den Flur entlang und zur Hintertür hinaus. Jeglichen Willens, jeglichen Gedankens beraubt ließ es der Town Major mit sich geschehen.

„Dein Hass wird dich in die Hölle führen, Wetham“, rief Steve. „Du kannst hereinkommen. Meine Frau macht dir auf.“

Steves rechte Hand verschwand unter der Bettdecke ...

*

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MIT EINEM FAUNISCHEN Grinsen um die schmalen Lippen betrat Dick Wetham sporenklirrend das Zimmer. So, als wollte sie sich schützend vor Steve stellen, begab Angie sich zum Bett und hielt das Gewehr mit beiden Händen fest. Im trüben Licht nahm Wetham alles in sich auf. Seinen Stetson hielt er in der Linken. Mit den gespreizten Fingern seiner Rechten fuhr er sich nun durch die fettigen, grauen Haare. Der Kranz von Falten um seine Augen verstärkte sich, als sein Grinsen breiter wurde, und er richtete seinen kalten Raubvogelblick auf Angie.

„Du bist noch genauso hübsch wie vor fünf Jahren, Kindchen. Ich habe mit deinem Vater eine Abmachung getroffen. Vielleicht weißt du Bescheid. Es wäre klug von dir gewesen, mit ihm auf die Ranch zurückzukehren. Denn in San Marcial wirst du den Tod bald hautnah erleben.“

„Warum hassen Sie Steve so sehr, Wetham?“, fragte Angie. „Weil er damals seine Pflicht tat? Sie haben einen Mann erschossen. Steve verhaftete Sie, wie es ihm sein Eid gebot. Er hat Sie weder schuldig gesprochen, noch ...“

Wetham ließ sich nicht zu Ende sprechen. „Ich habe den Narren damals in Notwehr getötet. Sollte ich mich von ihm erschlagen lassen? Quincannon wusste es. Trotzdem schleppte er mich in die Stadt, und hier wäre ich um ein Haar gelyncht worden.“

„Steve verhinderte es. Sie verdanken ihm Ihr Leben.“

Rasselnd lachte Wetham auf. „Ich ging durch die Hölle, Kindchen. Erst hier in San Marcial, wo der Schatten des Galgenbaums schon auf mich fiel, und dann im Zuchthaus, wo sie uns mit Peitschen an die Arbeit trieben und uns willkürlich schikanierten. Das habe ich Quincannon zu verdanken, der mich vor Gericht schleppte. Nur das - sonst nichts. Sich gegen den Lynchmob zu stellen war seine Pflicht. Er hat es auch gar  nicht meinetwegen getan, er tat es, um der Stadt seine Härte und Unbeugsamkeit zu beweisen.“

„Das ist eine Sache der Anschauung, Wetham“, versetzte Angie. „Na schön. Sie haben nun gesehen, was Sie sehen wollten. Nun aber sollten Sie unser Haus wieder verlassen.“

„Langsam, Kindchen, ganz langsam.“ Der Bandit trat dicht an das Bett heran und schob Angie sanft zur Seite. Er starrte auf Steve hinunter. Sein Grinsen war erloschen. Ein brutaler Zug bildete sich um seinen Mund. „Die Feiglinge in dieser Stadt haben dir eine Galgenfrist verschafft, Quincannon. Okay, ich lasse dir eine Woche Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen. Sieben Tage, hörst du? Lass dich noch einmal so richtig von deiner schönen Frau verwöhnen. Ich werde mich in der Zwischenzeit einigen anderen Gentleman widmen. Das habe ich mir geschworen. Wenn ich San Marcial wieder verlasse, wird hier Heulen und Zähneknirschen herrschen.“

„Und du wirst als steckbrieflich gesuchter Verbrecher den Rest deines Lebens auf der Flucht verbringen, Wetham“, murmelte Steve lahm. „Du bist nicht mehr der Jüngste. Warum hast  du die fünf Jahre im Zuchthaus nicht einfach aus deinem Gedächtnis gestrichen und bist auf deine Ranch in den Bergen zurückgekehrt? Warum konntest du nicht vergessen? Du hättest in den Bergen alt und grau werden können.“

„Du hättest nicht Marshal, sondern Prediger werden sollen, Quincannon.“ Plötzlich kräuselte wieder das kalte Grinsen Wethams Lippen. „Denk nur nicht, dass ich nicht bemerkt habe, dass du unter der Bettdecke mit einem Colt auf mich zielst. Aber draußen, rund um das Haus, habe ich meine Leute postiert.“ Er grinste und nickte. „Nach Fullers hinterhältigem Schuss bin ich klüger geworden. - Wenn du schießt, Quincannon, reißen meine Freunde diesen Bau nieder. Denn dann gilt mein Pakt mit Wes Holliday nicht mehr. Du würdest nichts gewinnen, Amigo. Aber die hübsche Angie müsste für deine Dummheit teuer bezahlen.“

Er schwang herum, machte einen Schritt - und trat auf etwas Hartes. Er nahm den Fuß zur Seite und schaute nach unten. Da lag der Sechszack. Wetham bückte sich und hob ihn auf. Er wog ihn in der flachen Hand, lachte ironisch auf, und warf den Stern auf die Bettdecke. „Steck ihn dir an, Quincannon, wenn es soweit ist. Es soll sein wie vor fünf Jahren.“

Draußen erklang Geschrei. Dann war ein dumpfer Fall zu vernehmen.

Dick Wetham stutzte, dann setzte er sich abrupt in Bewegung.

*

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LANGE ZEIT HATTE JIM Hopkins unschlüssig und von Angst zerfressen in der Finsternis verharrt. Er presste sein Ohr gegen die Hintertür und bemühte sich, zu verstehen, was im Haus gesprochen wurde. Aber es war nur undeutliches Gemurmel, was er vernahm.

Schließlich fasste er den Entschluss, Hank Chapman aufzusuchen und sich mit diesem zu beraten. Es gab außer ihnen noch weitere Männer in der Stadt, die Wetham fürchten mussten. Hopkins sagte sich, dass diese sicher bereit waren, um ihr Leben zu kämpfen, nachdem die Banditen vor Augen geführt hatten, mit welch kompromissloser Brutalität sie vorzugehen bereit waren. Diese Männer mussten mobilisiert werden. Unter allen Umständen.

Er pirschte in die Nacht hinein.

Der Town Major kam keine dreißig Schritte weit, als sich aus der Finsternis ein Schemen löste. Und rechterhand glaubte er im selben Moment eine flüchtige Bewegung wahrzunehmen. Jim Hopkins war einen Herzschlag lang wie gelähmt, der Schreck fuhr ihm bis ins Mark, und dann griff er nach dem Colt in seinem Hosenbund. Aber er schoss nicht. Hopkins versuchte zu fliehen, wandte sich nach links und rannte, so schnell es seine Körperfülle erlaubte. Er lenkte seine Schritte auf eine dunkelgähnende Gasse zu, die nach etwa siebzig Yards in die Main Street mündete.

Doch da spuckte die Nacht eine weitere schattenhafte Gestalt aus, und ehe Hopkins so richtig begriff, traf ihn ein Gewehrlauf seitlich am Kopf. Doch der Hieb warf ihn nicht um. Er fing an zu brüllen wie am Spieß und taumelte blindlings im Kreis herum, benommen von dem Schlag, überwältigt von der Angst. Ein zweiter Hieb fällte ihn. Schwer schlug er auf.

Ein Streichholz wurde angerissen, die kleine Flamme warf zuckende Reflexe in das ausdruckslose Gesicht mit den erschlafften Wangen.

„Ho, der Town Major“, stieß Cole McPherson aus. „Da ist mir ja ein prächtiger Fisch ins Netz gegangen. Dick wird Augen machen.“

Das Streichholz verlosch, die Szene versank wieder in der Dunkelheit. Aber die nicht zu überhörenden Geräusche verrieten, dass sich McPhersons Kumpane näherten. Die Tür von Steves und Angies Haus wurde aufgestoßen, Dick Wetham kam ins Freie.

McPherson rief triumphierend: „Es ist der dicke Bürgermeister, der sich hier herumtrieb. Jetzt schläft er. Aber ich schätze, es wird ein böses Erwachen für ihn geben. “

Heiße Genugtuung erfüllte Dick Wetham. „Er war der Sprecher der Geschworenen“, grunzte er. „Versuchen wir, ihn wach zu kriegen. Und dann nehmen wir ihn mit. - Hervorragend, Cole. Er wäre uns zwar auch so nicht entkommen, aber da wir ihn nun einmal haben, ziehen wir ihm gleich die Hammelbeine lang.“

In der Haustür stand Angie. Sie beobachtete, wie einer der Kerle Hopkins mit der flachen Hand wiederholt auf die Wangen schlug. Das hässliche Klatschen war deutlich vernehmbar. Ein Gurgeln erklang, dann ein Röcheln, dann ein nicht endenwollendes Stöhnen. Sie zerrten den Town Major auf die Beine. Und dann entfernte sich der Pulk.

Angie empfand kein Mitleid mit Hopkins. Dennoch durchpeitschte sie eine zwingende, innere Stimme, die ihr einhämmerte, dass es nicht sein durfte, dass jetzt auch der Bürgermeister Opfer der Bande wurde. Angie spürte Trockenheit im Hals. Hopkins war ein Dreckskerl. Er ging über Leichen, wenn er sich einen Vorteil davon versprach. Doch jetzt befand er sich in der Gewalt skrupelloser Mörder ...

Sie ging ins Schlafzimmer.

„Sie haben Hopkins erwischt, nicht wahr?“, empfing sie Steve.

„Ja. Sie haben ihn fortgeschleppt. Und sie werden ihn töten wie sie Fuller und Bowden getötet haben. Diese elende Stadt schaut zu. Und mein Vater ...“

Sie brach verbittert ab.

„Hilf mir, mich anzukleiden, Angie“, murmelte Steve heiser. „Ich kann nicht zulassen, dass sie weitermorden. Jetzt haben sie Hopkins. Als nächster wird Chapman dran sein. Dann der Schreiner, der Bäcker, der Storehalter ... Hilf mir, Angie. Ich kann nicht länger zusehen, wie sie hier die Männer abschlachten.“

„Du bist verrückt!“ Angie schüttelte den Kopf. „In deinem Zustand bläst Wetham dich auf den Mond. Willst du wirklich Selbstmord begehen?“

„Wie könnte ich je wieder mein Gesicht im Spiegel betrachten, wenn ich jetzt hier liegen bliebe und den Dingen ihren Lauf ließe, Angie. Bitte, versteh mich.“

„Ich verstehe es nicht, Steve“, flüsterte sie bedrückt, voller Beklemmung, aber auch resignierend und innerlich total zerrüttet. „Aber ich kann dich wohl nicht zurückhalten. Du hast es dir in den Kopf gesetzt, und damit ist es für dich Gesetz.“

Ächzend stemmte Steve sich in die Höhe.

Sich anzuziehen war für Steve eine Tortur. Jeder Muskel und jeder Knochen in seinem Körper schmerzten. Er bewegte sich linkisch und hölzern. Zum Abschied küsste er Angie. Es war ein leidenschaftlicher Kuss, und Angie klammerte sich für kurze Zeit an ihn, als wollte sie ihn nicht gehen lassen.

Mit Gewehr und Colt bewaffnet verließ er das Haus. Angie hatte ihm den Stern an die Weste geheftet. Wenn er kämpfte, dann sollte dies im Namen des Gesetzes sein. Und obwohl sie klägliche Angst um ihn hatte, empfand Angie Hochachtung vor ihm. Steve gehörte zu der seltenen Art, die bereit war, für ihre Überzeugung zu sterben.

Anfangs bereitete Steve jeder Schritt unsägliche Qualen. Er fühlte sich wie gerädert. Wellen des siedenden Schmerzes wogten durch seinen malträtierten Körper und ließen ihn keuchen. Je länger er sich aber bewegte, umso besser funktionierte die Durchblutung, und die Verkrampfungen lösten sich.

Er pirschte zum Saloon und beobachtete ihn.

*

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WETHAM SCHLUG HOPKINS die flache Hand ins Gesicht. Unter dem Haaransatz des Town Majors klaffte eine Wunde, die von dem Schlag McPhersons herrührte. Blut rann über sein Gesicht. Hopkins Aufschrei wurde abgewürgt, als erneut Wethams Hand auf seine Wange klatschte. Sein Kopf flog auf die linke Schulter. Und wenn ihn Haggan und Smith nicht gehalten hätten, wäre er wahrscheinlich vom Stuhl gekippt.

Sie befanden sich im Imperial Saloon. Boddam und McPherson lehnten lässig am Tresen. Den Salooner hatten sie hinausgejagt. Sie wollten völlig ungestört sein.

Wethams Stimme kam nur als heiseres, besessenes Geflüster, als er sprach: „Winsle nicht, Fettsack! Du hattest fünf Jahre Zeit, San Marcial zu verlassen und irgendwo unterzukriechen. Du hast meinen Schwur von damals ebenso wenig ernst genommen wie all die anderen, die geblieben sind. Nun hilf mir auf die Sprünge. Einige Namen habe ich vergessen. Du warst damals Obmann der Geschworenen. An den Richter komme ich leider nicht heran, denn der lebt in der County Hauptstadt, und das ist mir zu heiß. Wer saß noch in der Jury außer dir, Elliott Fuller und Hank Chapman?“

Sein stechender Blick schien Hopkins zu durchdringen.

Der Bandit setzte warnend und drohend hinzu: „Spiel jetzt nur nicht den Heldenmütigen und Verstockten, Bürgermeister. Es könnte deine Situation nur verschlimmern. Ich finde es auch so heraus. Also sprich!“

„Da - da waren noch Levi Stowell, der Storebesitzer, Will Hanchett, der Schreiner, Dave Carter ...“ Hopkins stammelte, konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, verhaspelte sich, hüstelte und keuchte. Speichel rann aus seinem Mundwinkel, Blut lief ihm in die Augen und blendete ihn. Sein Innerstes war aufgewühlt wie eine sturmgepeitschte See.

Er schluchzte. „Ja, Dave Carter, der Barbier. Er und Jeff Wallace vom Mietstall sind geflohen, ehe Sie in San Marcial eintrafen, Wetham“, entrang es sich ihm stockend. „In der Jury waren noch ...“

„Jeff Wallace!“, spuckte Wetham hinaus. „Richtig! Diese fiese Ratte war einer der Schreihälse, die mich lynchen wollten. - Er und Carter sind abgehaun, sagst du!“ Er beugte sich weit nach vorn, sein Gesicht war ganz nahe dem des Town Majors, sein Atem streifte Hopkins.

„Ja - ja! Von einer Stunde auf die andere.“

„Wohin sind sie geflohen?“

„Keine Ahnung. Soviel ich weiß, nahmen sie nur ihr ganzes Geld mit. Sie - sie ließen alles liegen und stehen.“

Wetham richtete sich auf. Seine Züge hatten sich böse verkniffen. Er schaute von Haggan auf Smith, und dann wieder auf Haggen und stieß hervor: „Geht in den Barber Shop und kehrt das Oberste zuunterst. Denn Carter hat die Stadt gewiss nicht für immer verlassen. Irgendwann, wenn er denkt, dass die Luft rein ist, kehrt er zurück. Dann soll er nur noch einen Haufen Trümmer von seinem Laden vorfinden.“

Smith grinste gemein und rieb sich die Hände. „Warum reißen wir den Mietstall nicht auch gleich ein oder noch besser, wir brennen ihn nieder? Das wäre doch ein feiner Spaß. Wir könnten die Bürgerschaft ziemlich aufschrecken. Wie ein aufgescheuchter Haufen Hühner würden sie rennen, um ihre Stadt vor den Flammen zu retten.“

„Alles der Reihe nach“, erwiderte Wetham, und sein Tonfall duldete keinen Widerspruch.

Haggan leckte sich über die Lippen. „Well, Ben, lassen wir Dampf ab im Barber Shop. Es wird etwas dauern, Dick. Denn wir wollen gründliche Arbeit leisten.“

Sie verließen den Inn und schritten den Gehsteig hinunter. Mit den örtlichen Gegebenheiten hatten sie sich in der Zwischenzeit einigermaßen vertraut gemacht. Minuten später traten sie die Tür des Ladens ein. Und dann hausten sie wie die Vandalen. Stühle zersplitterten, Spiegel zerbarsten in tausend Scherben, die große Fensterscheibe zerklirrte. Nichts ließen sie heil, sogar die Flakons mit Duft- und Haarwassern zerschmetterten sie an den Wänden.

Sie wüteten fast eine Viertelstunde, und der Krach, den sie veranstalteten, war weit zu hören.

Schließlich traten sie wieder auf die Straße. Sie nahmen den Weg zurück zum Saloon unter die Sohlen. Als sie eine stockfinstere Gassenmündung passierten, sprang sie eine klirrende Stimme an:

„Na, ihr Schufte, hattet ihr euren Spaß?“

Sie sprangen auseinander, rissen die Colts heraus. Ein greller Mündungsblitz zerschnitt in der Gasse die Nacht. Der Schuss dröhnte wie eine Explosion, die Wucht des Treffers riss Ben Smith um. Der Mörder Telly Bradlows war tot. Der Mord an dem alten Trinker, der als einziger in der Stadt Mut bewiesen hatte, war gesühnt.

Bill Haggan feuerte auf den verglühenden Feuerstrahl. Die Detonationen verschmolzen ineinander und stießen wie eine Botschaft des Satans durch die Stadt.

Bill Haggan, der in zig Kämpfen erprobte Bandit, stieß sich ab und hechtete unter dem Gehsteiggeländer hindurch, rollte bis zur Hauswand und lag im Schlagschatten. Der Schussdonner war verhallt, in der Gasse knirschte Staub unter schleichenden Schritten.

McPherson hetzte die Straße herauf, Stuart Boddam überquerte sie und näherte sich auf der anderen Seite der Fahrbahn.

„Da schleicht einer herum!“, schrie Haggan, und Erregung schwang im Tonfall seiner Stimme, denn nachträglich wurde ihm bewusst, dass er an Ben Smith’ Stelle auf der Straße liegen könnte. Sein Leben hatte an einem seidenen Faden gehangen, und nur der Zufall wollte es, dass es Smith erwischte. „Er hat Ben umgelegt. Beim Henker, wenn ich diesen Bastard zwischen die Finger kriege.“

In der Gasse rührte sich nichts mehr. McPherson und Boddam pirschten vorsichtig näher, die Colts in den Fäusten. Im Schutz der Gebäude zu beiden Seiten der Gassenmündung gingen sie in Deckung und äugten in die undurchdringlich anmutende Finsternis hinein.

„Passt auf“, knirschte Bill Haggan. „Ich gehe in die Gasse. Und wenn er schießt, haltet auf das Mündungslicht.“

„Gib nur acht, dass du uns nicht in die Schusslinie kommst“, knurrte Stuart Boddam. Sein Blick suchte den verrenkt im Staub liegenden Ben Smith, und Unbehagen beschlich ihn.

Haggan richtete sich auf. Dicht an die Hauswand gepresst schob er sich um die Ecke, eng an der Giebelseite des Gebäudes glitt er tiefer in die Gasse hinein. Er wurde eins mit der Dunkelheit. Behutsam setzte er einen Fuß vor den anderen, nach jeweils drei kurzen Schritten hielt er an, um zu lauschen und zu wittern.

Nach etwa dreißig Yards kreuzte ein Weg die Gasse. Der Mond stand jetzt im Osten über den Hügeln und schüttete fahles Licht auf diesen schmalen Pfad. Auf der anderen Seite zog sich ein Buschgürtel, und dahinter erhoben sich noch einige Wohnhäuser und Schuppen. Große Lücken klafften hier zwischen den Gebäuden. Es war nicht so wie auf der Main Street, wo sich die Häuser wie die Perlen an einer Schnur aneinanderreihten und die Flucht nur von Seitenstraßen und Gassen unterbrochen wurde. Hier gab es Gärten und Corrals, Ziegen- und Schafpferche, Hühnerställe und Schweinekoben. Es roch penetrant nach Dung und Urin.

Bill Haggan sicherte um sich. Geduckt verharrte er dicht an der rauen Hauswand. Ein kleiner Schritt, und er stünde im Mondlicht. Sein Instinkt signalisierte Gefahr. Er wagte den Schritt nicht. Er wechselte auf die gegenüberliegende Gassenseite, schob vorsichtig den Kopf um die Ecke.

Nichts!

Haggan setzte alles auf eine Karte. Seine Muskeln spannten sich, er schnellte aus der Deckung und verschwand mit einem zweiten, federnden Satz zwischen den Büschen, ließ sich sofort fallen.

Durch die Gasse kam jemand. Eine Stimme erklang: „Ich bin es, Bill. Nicht schießen.“

Es war McPherson.

„Der Hund ist auf und davon“, erklärte Haggan wild. „Wenn ich nicht wüsste, dass Quincannon halbtot im Bett liegt, würde ich annehmen, dass er die Jagd auf uns begonnen hat.“

„Ich tippe eher auf einen der Kerle, denen Dick das Höllentor aufzustoßen nach San Marcial gekommen ist. Vielleicht Chapman, der Schmied. Er war doch auch dabei, als Hopkins uns Quincannon überlassen wollte, nachdem sie ihn fast in Stücke geschlagen haben.“

„Wir werden Chapman einen Besuch abstatten“, schnappte Haggan und kroch aus dem Zweiggespinst. „Vorher aber geben wir Dick Bescheid.“

„Das kann Stuart übernehmen. Er hält vorn an der Gassenmündung die Stellung.“

„All right, verziehen wir uns.“

Haggan glitt in den Schutz der Gasse. Sie kamen wieder auf die Main Street. Stuart Boddam rannte zurück zum Saloon, in dem Dick Wetham wie auf glühenden Kohlen stand, weil er nicht wusste, was sich draußen zugetragen hatte.

Haggan und McPherson strebten der Schmiede zu. Sie passierten das Tor in den Wagen- und Abstellhof des Mietstalles, und dort hing noch immer Jack Bowden am Seil. Niemand hatte gewagt, ihn abzuschneiden.

Haggan trommelte gegen die Haustür. Die harten Schläge hallten durch das ganze Haus. Nichts rührte sich.

McPherson schoss kurzerhand das Türschloss auf. Sie drangen in das Haus ein. Im Licht eines Streichholzes sahen sie eine Laterne auf einer Konsole im Flur. McPherson zündete sie an. Dann durchsuchten sie jeden Winkel des Hauses. Aber Chapman war ausgeflogen.

„Also doch Chapman“, giftete McPherson.

„Scheint so“, antwortete Haggan. „Gehen wir. Wahrscheinlich versucht er es noch einmal. Und dann verwandeln wir ihn in ein Sieb.“

Sie trennten sich und huschten zu beiden Seiten der Straße im Schatten der Vorbaudächer entlang.

*

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STEVE HATTE DEN KAMPF gegen die Bande aufgenommen. Er hatte Ben Smith getötet. Smith hatte den Tod verdient. Steve empfand nichts. In ihm war nur das Verlangen, San Marcial von der Geisel der Banditen zu befreien.

Er versteckte sich, denn auf einen offenen Kampf mit einer Überzahl von tödlich gefährlichen Gegnern konnte er sich nicht einlassen. Dazu war er körperlich nicht in der Verfassung.

Schließlich hörte er sie an der Haustür Hank Chapmans. Steve kroch unter einen Vorbau. Sie kamen. Deutlich konnte er sie ausmachen, als sie auf die Straße traten, denn Mondlicht fiel auf sie. Sie trennten sich. Auf dem Plankengehsteig tackten harte Stiefelsohlen. Schon bald war das Tacken über ihm auf dem Vorbau, von dessen anderen Ende aus der Sidestep weiterführte. Feiner Sand rieselte durch die Fugen auf Steve herunter. Dann sah Steve die Füße des Burschen, als dieser die vier Stufen zum Gehsteig hinunterstieg. Steve warf einen Blick über die Main Street. Der andere Bandit war schon ein Stück weiter. Er schob sich unter dem Vorbau hervor, wuchs in die Höhe und hatte das Gewehr im Hüftanschlag. Das metallische Knacken, mit dem er durchlud, holte den Kerl auf seiner Seite ein.

Der Outlaw versteifte. Mit dem nächsten Atemzug aber kreiselte er herum, ging in die Hocke und schlug den Colt an. Steve drückte ohne mit der Wimper zu zucken ab. Ihre Schüsse dröhnten fast gleichzeitig, aber der Bandit feuerte viel zu überstürzt und blindlings, nahm sich kaum Zeit, das Ziel richtig aufzunehmen und anzuvisieren.

Steves Geschoss warf ihn gegen die Hauswand, an der er langsam zu Boden rutschte. Sein Colt polterte auf die Gehsteigbohlen.

Der Bursche am jenseitigen Straßenrand schoss auf Steve. Dieser hatte sich auf die Knie geworfen. Die Kugel pflügte einen Schritt vor ihm in den Staub und schleuderte eine Staubfontäne hoch. Steve repetierte, schoss, repetierte und jagte einen zweiten Schuss aus dem Lauf. In das Dröhnen hinein gellte ein spitzer Aufschrei, und der Bandit wankte schießend zurück, die Dunkelheit in einer Häuserlücke nahm ihn auf.

Steve verschwand zwischen den Häusern.

Auf dem Gehsteig lag Cole McPherson. Steve hatte einen blutigen Punkt unter sein Leben gesetzt. Nun hatte er es nur noch mit drei Gegnern zu tun.

Jim Haggan erreichte auf Schleichwegen den Saloon. Er hinkte stark, denn Steves Blei hatte ihn in den Oberschenkel getroffen. Blut durchnäßte seine Hose und ließ sie am Bein kleben. Neben der Schwingtür lauerte Stuart Boddam, den Colt in der Faust, Rastlosigkeit im Gesicht, unablässig die Main Street beobachtend.

Wetham fauchte: „Beim Henker, was ...“

„Jetzt hat er auch Cole abserviert! Und ich habe eine Kugel im Bein. Verdammt, Dick, wir müssen uns was einfallen lassen, sonst knallt er uns nach der Reihe ab.“

Wetham schoss Hopkins einen tückischen Blick zu. Der Town Major hockte mit gekrümmten Rücken auf seinem Stuhl und spürte die Klammer des überwältigenden und grenzenlosen Grauens. Er stierte Wetham mit den weitaufgerissenen, verängstigten Augen eines Tieres an, das nicht mehr ein noch aus wusste.

Ein teuflisches Kichern kam plötzlich von Wetham. „Ihr denkt also, es ist der Schmied, der uns so zusetzt. Ich bin anderer Meinung. Es ist Quincannon. Der Bastard hat uns getäuscht. Er hat eine verdammte Show abgezogen und uns allen Sand in die Augen gestreut. Okay, wir haben Hopkins. Wenn Quincannon nicht will, dass wir ihn kaltmachen, muss er aufgeben.“

Haggan hatte sich auf einem Stuhl niedergelassen, sein verwundetes Bein weit von sich gestreckt und umklammerte es mit beiden Händen.

Ein Schatten lief über Wethams angespanntes Gesicht. Er stakste zur Pendeltür und rief in die Nacht hinein: „Quincannon! Ich weiß, dass du da draußen bist. Also hör mir zu: Wir haben Jim Hopkins hier. Und wenn du innerhalb von fünf Minuten nicht freiwillig mit erhobenen Händen in den Saloon kommst, stirbt er.“

Die Worte trieben über die Straße und verhallten. Draußen blieb es still. Ein Mann aber erbebte. Es war Hank Chapman. Unruhe und Ungewissheit hatten ihn aus dem Haus und in die Nähe des Saloons getrieben, wo er sich im tintigen Schatten unter der Außentreppe des Hotels verborgen hatte. Er war im Besitz eines Gewehres. In seinem Haus hatte er es nicht mehr ausgehalten. Er fühlte sich dort wie ein Gefangener.

„Zwei Minuten sind vorbei, Quincannon!“, gellte Wethams Organ.

Hank Chapman wagte kaum noch zu atmen. In seiner Seele war war die Qual des Verlorenen, der bereits die Berührung einer eisigen Knochenhand zu verspüren glaubte.

Wetham flüsterte: „Geh durch den Hinterausgang, Stuart, und postiere dich an der Straße. Und wenn sich irgendwo was rührt, dann halte drauf, was das Zeug hält. - Okay, Quincannon!“, rief er dann schneidend. „Wahrscheinlich ist es dir egal, wenn Hopkins stirbt. Wir kriegen dich auch so. Verlass dich drauf.“

Stuart Boddam schlüpfte durch die rückwärtige Tür. Wetham näherte sich Hopkins. Bill Haggan zurrte gerade das Halstuch fest, das er sich um die Wunde am Oberschenkel geschlungen hatte.

„Wird es gehen?“, fragte Wetham grollend.

„Ich denke schon“, murmelte Haggan. „Es ist ein glatter Durchschuss. Der Knochen scheint unverletzt zu sein. Es schmerzt zwar höllisch - aber ich halte durch.“

„Es geht ans Sterben, Hopkins“, sagte Wetham grollend. „Fuller und Bowden warten bereits in der Hölle auf dich.“ Er schlug den Colt auf den Town Major an. Sein Daumen lag auf der Hammerplatte.

„Nein“, drang es wie ein Windstoß über Hopkins trockene Lippen. „Nein ...“ Der Mut der Verzweiflung befiel ihn mit der Wucht einer alles verschlingenden Flut, er schnellte vom Stuhl in die Höhe und auf Wetham zu. Selbsterhaltungtrieb und Überlebenswille verliehen ihm eine pantherhafte Schnelligkeit. Und ehe Wetham richtig zum Denken kam, riss ihn der Town Major zu Boden. Seine dicken Finger legten sich um den faltigen Hals des Banditen und drückten ihn zusammen. Wethams Mund sprang auf, seine Zähne klafften auseinander, er wand sich unter dem schwergewichtigen Mann, der über ihm kniete und der die Welt um sich herum vergessen zu haben schien. Hopkins war nicht mehr Herr seiner Sinne.

In Haggans Faust bäumte sich der Colt auf. Mit wummerndem Knall entlud er sich. Hopkins’ Hände um Wethams Hals öffneten sich, er fiel auf der Seite. Der Bandit rollte von ihm weg und kam taumelnd hoch. Er griff sich an den Hals und massierte ihn. Sein Kehlkopf schmerzte, das Schlucken bereitete ihm Mühe.

Hopkins keuchte rasselnd. Er rollte auf den Bauch. Seine Finger verkrallten sich in den Dielen, seine Nägel brachen. Er wollte wegkriechen. Aber da war die Kraftlosigkeit - die grenzenlose Schwäche, die seine Motorik lahmlegte, und da war der Schmerz, der in seinem Oberkörper ein verzehrendes Inferno auslöste - und dann war gar nichts mehr. Hopkins fiel auf das Gesicht und versank in einer bodenlosen Schwärze.

Und draußen donnerten die Colts. Und ebenso jäh, wie sie einsetzten, verstummten sie wieder.

Bill Haggan riss es herum. Er humpelte auf die Tür zu.

„Bleib!“, presste Dick Wetham zwischen den Zähnen hervor. „Wie es aussieht, sind nur noch wir beide übrig.“

*

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STEVE BEFAND SICH HINTER dem Saloon, als Wetham mit lauter Stimme drohte, Hopkins zu töten. Er hatte die Absicht, durch die Hintertür in den Saloon einzudringen und Hopkins freizuschießen. Er wollte dem widerwärtigen Spiel mit dem Tod ein abruptes Ende setzen. Wetham und seine Komplizen hatten ihr Leben verwirkt. Steve wollte nicht mehr lange herumfackeln ...

Da kam einer der Kerle in den Hof. Steve verdrückte sich schnell hinter einen Stapel leerer Kisten, in denen Whisky geliefert worden war.

Der Bandit schlich durch die Einfahrt und verschwand in der Finsternis der Gasse. Steve überlegte nicht lange. Er hörte wieder Wethams Geschrei und folgte dem Burschen. Dieser entfernte sich hinter den Häusern, Schuppen und Scheunen ein Stück vom Saloon und pirschte dann vor zur Main Street, wo er Stellung bezog.

Ein Schuss drohte den Inn zu sprengen. Steve konnte sich keinen Reim darauf machen, er befürchtete jedoch das Schlimmste.

Geräuschlos huschte er hinter dem Banditen heran, und als ihn nur noch fünf Schritte von ihm trennten, rief er unterdrückt: „Hinter dir, Bandit!“

Stuart Boddam federte in seiner kauernden Haltung herum. Nur undeutlich konnte er die hochgewachsene Gestalt Steves durch die Finsternis ausmachen. Er drückte die Beine durch und kam hoch. Sein Arm mit dem Colt hing nach unten. Gegen die etwas hellere Kulisse der Main Street hob er sich scharf ab. Locker lag in Steves Faust der Sechsschüsser.

Boddam knurrte: „Bist du es, Quincannon?“

„Yeah, Bandit. Und nun ...“

Boddam riss die Hand mit dem Eisen hoch, sein Colt spuckte Feuer und Blei und warf sein dröhnenden Krachen gegen die Häuser. Die Kugel schrammte knapp neben Steves Gesicht über die Hauswand und ließ Kalk und Splitter stieben, und Steve glaubte den Gluthauch des Bleistücks auf seiner Wange zu spüren.

Details

Seiten
1100
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917741
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v414063
Schlagworte
sammelband western männerhass wildwestromane

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Titel: Sammelband 10 Western – Männerhass und andere Wildwestromane