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Trevellian jagt die Rattenbande: Kriminalroman

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Trevellian jagt die Rattenbande
Krimi von Theodor Horschelt

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

Die ›Ratten‹ sind eine Verbrecherbande, die in New York für Aufregung sorgt, aber weder die städtische Polizei noch dem FBI gelingt es, die Gang dingfest machen. Als der Landmaschinenfabrikant Abner Drobb erpresst wird, soll Ermittler Jesse Trevellian inkognito als Chauffeur auf dessen kleine Tochter achtgeben, während sein Kollege Milo Tucker versucht, an die Drahtzieher der ›Ratten‹ zu kommen. Doch auch Ashburne & Sedley, der stärkste Konkurrent Drobbs, macht dem Geschäftsmann das Leben schwer, weil dieser seine streng geheim entwickelten Maschinen früher auf den Markt bringt. Trevellian und Tucker glauben, dass es eine Verbindung zwischen den ›Ratten‹, Ashburne und einem Spion in Drobbs Firma gibt ...

Leseprobe

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Trevellian jagt die Rattenbande

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Krimi von Theodor Horschelt

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

Die ›Ratten‹ sind eine Verbrecherbande, die in New York für Aufregung sorgt, aber weder die städtische Polizei noch dem FBI gelingt es, die Gang dingfest machen. Als der Landmaschinenfabrikant Abner Drobb erpresst wird, soll Ermittler Jesse Trevellian inkognito als Chauffeur auf dessen kleine Tochter achtgeben, während sein Kollege Milo Tucker versucht, an die Drahtzieher der ›Ratten‹ zu kommen. Doch auch Ashburne & Sedley, der stärkste Konkurrent Drobbs, macht dem Geschäftsmann das Leben schwer, weil dieser seine streng geheim entwickelten Maschinen früher auf den Markt bringt. Trevellian und Tucker glauben, dass es eine Verbindung zwischen den ›Ratten‹, Ashburne und einem Spion in Drobbs Firma gibt ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Mister Drobb!

Wir geben Ihnen drei Tage Zeit, um 500000 Dollar lockerzumachen.

Nach Ablauf dieser drei Tage werden wir Ihnen mitteilen, auf welche Weise Sie uns diese Summe zu übergeben haben.

Sollten Sie nicht zahlen, wollen, stirbt Ihre Tochter Dana.

Es erübrigt sich wohl, eigens darauf hinzuweisen, welche betrübliche Folgen es für Sie hätte, wenn Sie die Polizei informieren würden.

An Stelle einer Unterschrift trug der Drohbrief einen blauen Stempel, der vermutlich eine Ratte darstellen sollte.

Der Umschlag des Schreibens, ein billiges blaues Kuvert, war laut Poststempel am frühen Morgen des Vortages in der Innenstadt von New York aufgegeben worden.

Er trug in Maschinenschrift die Adresse:

Mr. Abner Drobb, Red House, Cobham.

Ich legte den Brief aus der Hand und blickte Mr. McKee an, den Leiter der New Yorker FBI-Zentrale.

»Wie kommen Sie zu dem Brief, Chef?«

»Ich habe Drobb vor ein paar Jahren kennengelernt. Er ist ein ordentlicher Mann. Nur vielleicht etwas zu weich fürs Geschäftsleben.«

»Immerhin besitzt er Härte genug, sich trotz der offenen Drohung an das FBI zu wenden.«

»Hm — das hat seinen besonderen Grund, Jesse«, erklärte Mr. McKee. »Dazu muss ich Ihnen etwas mehr erzählen. Abner Drobb ist der Besitzer der gleichnamigen Landmaschinenfabrik in Cobham. Sie wurde von seinem Vater gegründet und zu hoher Blüte gebracht, besitzt auch heute noch einige Bedeutung, aber es scheint seit einigen Jahren abwärts mit ihr zu gehen. Das ist auch der Grund, weshalb sich Drobb in seiner Verzweiflung an mich wandte. Er ist im Augenblick völlig außerstande, die 500000 Dollar aufzubringen.«

»Eine dumme Geschichte«, murmelte ich. »Wenn ich den Stempel richtig erkannt habe, dann deutet er darauf hin, dass diese ›Ratten‹ hinter dem Erpressungsversuch stehen?«

»Ist wohl anzunehmen.«

Die ›Ratten‹ waren eine Verbrecherbande, die im Laufe der letzten acht Monate in New York ziemlich viel Staub aufgewirbelt hatte, aber bisher nicht zu fassen gewesen war, so sehr sich Stadtpolizei, Staatspolizei und FBI auch bemühten, ihrer Herr zu werden.

»Milo und ich sollen uns also einmal intensiv der Gang annehmen, wenn ich recht verstehe?«, sagte ich.

Mr. McKee lächelte. »Sie nicht, Jesse, ich habe bereits Milo damit beauftragt. Machen Sie nicht so ein verdutztes Gesicht. Sie waren ja zwei Tage nicht da, und er musste schließlich was tun. Für Sie habe ich etwas anderes.« Er schob mir ein Exemplar der New York Times hin und deutete auf eine rot angestrichene Anzeige.

›Herrschaftschauffeur gesucht. Alter bis 40 Jahre. Angenehme Dauerstellung; Wohnung im Hause. Unverheiratete Bewerber werden bevorzugt. Persönliche Vorstellung täglich von 15 bis 16 Uhr. Maschinenfabrik Drobb, Cobham.‹

Ich grinste. »Ich verstehe, Chef, und Sie meinen, Mr. Drobb wird mich anstellen?«

Mr. McKee nickte. »Drobb muss im Augenblick ziemlich sparsam sein, aus Geschäftsgründen nach außen hin dennoch repräsentieren. Stellen Sie sich vor, verlangen Sie neben freier Verpflegung dreißig Dollar die Woche, und dann klappt es schon.«

»Er wird Zeugnisse sehen wollen«, warf ich zweifelnd ein.

Aber Mr. McKee hatte auch dafür bereits gesorgt. Er übergab mir eine dünne Mappe, die lückenlose Auskünfte über drei Stellungen gab, die ich angeblich in den letzten zehn Jahren innegehabt hatte.

»Ihre genannten ehemaligen Arbeitgeber sind alles Leute, die bereits tot sind. Lernen Sie den Kram auswendig, und dann ist alles in Ordnung.«

»Wollen wir hoffen, dass es klappt«, sagte ich. »Aber eine andere Frage, Chef. Haben Sie den Drohbrief auf Fingerabdrücke untersuchen lassen?«

»Selbstverständlich, aber ohne Ergebnis.«

»Was ist eigentlich über die ›Ratten‹ bekannt?«, fragte ich.

Mr. McKee zuckte die Schultern. »Nichts Konkretes. Wir wissen nur von ein paar Erpressungsfällen, bei denen man sich des Namens bediente. Mit Kidnapping haben sich die Burschen jedenfalls noch nicht abgegeben.«

»Welchen Auftrag hat eigentlich Milo?«, wollte ich wissen.

»Er hat sich bereits nach Cobham begeben und wohnt im Hotel Palm Springs. Praktisch arbeiten Sie am gleichen Fall, wenn auch von verschiedenen Seiten. Sie dürfen sich aber nur im äußersten Notfall mit ihm in Verbindung setzen, Jesse. Im Übrigen haben Sie freie Hand.«

»Freie Hand ist gut gesagt, Chef«, meinte ich. »Was bedeutet das in diesem Fall?«

»Sie fragen mich zu viel«, meinte der Chef mit einem kleinen Lächeln. »Sie haben Dana Drobb, die zweijährige Tochter Ihres zukünftigen Chefs, zu beschützen und zu verhindern, dass man sie entführt. Alles andere überlassen Sie Milo ... und den ›Ratten‹.«

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Cobham ist eine kleine Stadt mit etwa 50000 Einwohnern und liegt etwa dreißig Meilen südwestlich von New York inmitten eines Gebietes, in dem in der Hauptsache Ackerbau und Viehzucht betrieben werden.

Dass ich meinen Sportwagen zu Hause lassen musste, schmerzte ein wenig, aber als Privatchauffeur konnte ich ihn schließlich nicht brauchen.

Ich stieg also um dreizehn Uhr in den Greyhound-Bus und kam um vierzehn Uhr in Cobham an. Eine halbe Stunde später stand ich vor einem großen Gebäudekomplex am Nordostrand der Stadt, der aus zwanzig großen Montagehallen und einem zweistöckigen Verwaltungsgebäude bestand. Davor lag die große Villa der Familie Drobb, die noch aus der Gründerzeit stammte.

Ich betrat den Garten vor dem Haus, in dem es nichts als Rasen, ein paar Kieswege und blühende Hortensienbüsche gab und schritt über die Freitreppe zur Tür. Auf mein Klingeln öffnete eine etwa dreißigjährige, ziemlich mollige Frau mit einem groben Gesicht.

»Was soll es denn sein, Mister?«, fragte sie missmutig.

Ich setzte mein schönstes Lächeln auf. »Ich nehme an, ich habe das Vergnügen mit Mrs. Drobb ...?«, erwiderte ich mit einer leichten Verbeugung.

Sie kroch tatsächlich gleich auf den Leim. Ihre Miene hellte sich auf. »Oh, nein«, entgegnete sie, »ich bin nur die Köchin.«

»Oh, dennoch hätten Sie eine tadellose Hausfrau abgegeben«, schmeichelte ich und stellte mich vor. »Mein Name ist Trevellian, ich komme auf die Anzeige in der New York Times. Wegen des Chauffeurpostens, wissen Sie ...«

Ihr Lächeln war wie weggeblasen. »Da sind Sie eine halbe Stunde zu früh dran, Mister. Kommen Sie um drei Uhr wieder.«

»Mir liegt aber viel an der Stellung«, druckste ich herum. »Dürfte ich nicht in der Diele warten? Es sind doch nur noch zwanzig Minuten.«

Sie musterte mich von Kopf bis Fuß, und ich muss wohl Gnade vor ihren Augen gefunden haben, denn sie ließ mich in die Diele treten und auf einem Stuhl Platz nehmen. Die Ledersessel in den drei anderen Ecken schienen den Herrschaften und vornehmeren Besuchern vorbehalten zu sein.

Das Mädchen hatte anscheinend das Bedürfnis, mit mir zu reden, aber eine scharfe Stimme sagte akzentuiert: »Mary! Mary! — Verflixt, wo steckt denn das verdammte Frauenzimmer wieder!«

Gleich darauf trat ein etwa vierzigjähriger, sehr dünner und großer Mann mit schütterem Haar in die Diele. Er trug einen korrekten schwarzen Anzug, sodass es nicht schwer war zu erraten, dass er so etwas wie Diener war.

Die Köchin Mary wandte sich zornig und mit rotem Kopf um. »Erstens, Mr. Corry«, fauchte sie, »bin ich kein verdammtes Frauenzimmer, und zweitens bin ich kein Rennpferd. Haben Sie übrigens schon mal etwas von einem Achtstundentag gehört?«

Mr. Corry warf mir einen hastigen Blick zu und erwiderte mit Würde: »Das ›verdammte Frauenzimmer‹ war nicht für Ihre Ohren bestimmt, Mary. Und was den Achtstundentag betrifft — eine gute Hausangestellte fühlt sich vierundzwanzig Stunden im Dienst.«

Mary lächelte sarkastisch. »Was Sie nicht sagen, Mr. Corry! Ich möchte Ihnen den guten Rat geben, Ihre Meinung im Fachblatt der Gewerkschaft zu veröffentlichen. Anschließend können Sie sich gleich ...«

Sie verschwanden beide in einem Nebenraum, sodass ich ihr weiteres Gespräch nicht mehr mitbekam.

Um vierzehn Uhr achtundfünfzig — ich sah gerade auf meine Uhr — erschien Mary wieder. Sie trug jetzt ein schwarzes Kleid und eine weiße Schürze. Wahrscheinlich spielte sie Hausmädchen und Köchin zugleich. Sie winkte mir zu, führte mich in die erste Etage hinauf und öffnete die Tür zu einem großen, mit geschnitzten Eichenmöbeln eingerichteten Arbeitszimmer.

»Der erste Besucher, Sir«, meldete sie.

Mr. Drobb saß hinter seinem Schreibtisch. Er war ein schwarzhaariger, ungefähr vierzig Jahre alter Mann mit ebenmäßigen, aber etwas weichen Gesichtszügen. Mit überragender Intelligenz schien er gerade nicht ausgestattet zu sein.

Bescheiden trat ich näher. »Trevellian, Jesse Trevellian, Sir«, stellte ich mich vor. »Ich komme auf Ihre Anzeige in der New York Times und möchte mich um den freien Posten eines Fahrers bewerben.«

Drobb erhob sich etwas schwerfällig, verschränkte die Arme und fragte mich mit schief gehaltenem Kopf: »Wie lange fahren Sie denn schon Auto?«

»Seit meinem siebzehnten Lebensjahr, Sir.«

»Wo waren Sie zuletzt beschäftigt?«

»Ich war in den letzten fünf Jahren bei Mr. Nuffield in New York, Sir. Mr. Nuffield starb vor sechs Wochen, und der Haushalt wurde aufgelöst.«

»Sind Sie verheiratet?«, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein.«

Er sah mich prüfend an, setzte sich und fragte gedehnt, welche Entlohnung ich mir in etwa vorgestellt habe.

»Dreißig Dollar die Woche«, erwiderte ich, »dazu freie Wohnung und Verpflegung.«

Angesichts dieser bewusst niedrigen Summe taute er offensichtlich auf.

»Können Sie einen Lincoln-Premiere fahren?«, fragte er lebhaft.

Ich erwiderte, ich könne jedes Fahrzeug bis zum Zweiundsiebzig-Tonnen-Panzer fahren.

»Haben Sie Ihre Zeugnisse bei sich?«

Ich gab sie ihm, und er bot mir Platz, um sich dann in die Dokumente zu vertiefen. Nach einer ganzen Weile sah er auf und meinte:

»Wenn Sie wirklich ein erstklassiger Fachmann sind, dann hätten Sie in den vergangenen sechs Wochen doch genügend neue Stellen finden können ...«

»Aber keine, die mir zusagte, Sir. Ich bin in meinen Forderungen nicht unverschämt und tue meine Pflicht, möchte aber von meinem Arbeitgeber als Mensch und nicht als Sklave behandelt werden.«

»Okay, dann wäre der Job bei mir gerade der richtige«, meinte Drobb, während er mich misstrauisch musterte. »Aber ich muss im Augenblick besonders vorsichtig sein. Können Sie mir einen Bürgen benennen?«

Ich war auch darauf vorbereitet. »Rufen Sie Leutnant Malloney von der City Police New York an, Sir. Er kann Ihnen weitere Auskunft über meine Person geben.«

Drobb nickte bedächtig. »Okay, warten Sie so lange draußen.«

Fünf Minuten später rief er mich ins Zimmer zurück und eröffnete mir feierlich, ich sei zunächst einmal probeweise für vierzehn Tage engagiert.

»Danke, Sir«, murmelte ich bescheiden, »Sie werden Ihre Wahl nicht zu bereuen haben. Ich habe meine Koffer mitgebracht. Kann ich gleich in die Chauffeurwohnung einziehen?«

»Selbstverständlich. Einen Augenblick.« — Er drückte auf einen Knopf und beugte sich zum Mikrophon nieder. »Muriel!«

»Ja, Lieber. Was gibt es?«, tönte es aus dem Lautsprecher zurück.

»Ich habe eben einen neuen Fahrer engagiert. Könntest du mal für einen Sprung zu mir kommen?«

»Ich komme gleich.«

Wenige Minuten später betrat eine hochgewachsene, schlanke Frau von etwa vierunddreißig Jahren das Zimmer.

Sie war rotblond, und sie bewegte sich mit der vollendeten Sicherheit der geborenen Dame. Allerdings lag über ihrem hübschen Gesicht der Schatten einer geheimen Angst.

Drobb informierte seine Frau kurz, und sie reichte mir mit einem freundlichen Lächeln die Hand.

»In Ordnung, Jesse. Wollen es miteinander mal versuchen. Leben Sie sich im Hause gut ein.«

»Vielen Dank für Ihre Freundlichkeit«, erwiderte ich. »Wer weist mir meine Unterkunft an?«

»Kommen Sie mit in die Halle.«

Ich machte vor meinem neuen Chef eine respektvolle Verbeugung und folgte Mrs. Muriel in die Halle.

Dort hatten sich inzwischen der Diener und das Mädchen Mary eingefunden.

Mrs. Drobb übernahm die Vorstellung.

»Das hier ist Mr. Jesse Trevellian — unser neuer Chauffeur. Jesse, ich mache Sie mit dem Personal bekannt!« Sie deutete auf den Diener. »Hal Corry, unser Getreuer, er ist schon sehr lange bei meinem Mann.«

Ich nickte dem Burschen zu.

»Und das hier ist Mary Easters, unser Mädchen für alles«, stellte Mrs. Drobb weiter vor.

Ich murmelte respektvoll, ich hätte bereits das Vergnügen gehabt.

Eine der auf die Diele mündenden Türen wurde aufgestoßen, und ein entzückendes Mädchen von etwa zwei Jahren trippelte herein. Die Kleine trug einen blauen Overall, blickte mich neugierig aus riesengroßen Augen an und lutschte am Daumen. Dann warf sie in einer jähen Aufwallung beide Arme in die Luft und eilte auf die Mutter zu, die sich niederbeugte und das kleine Wesen auffing.

Dabei rollten dieser plötzlich die Tränen über die Wangen.

Die Kleine machte sich von ihrer Mutter los und starrte mich wieder mit großen verwunderten Augen an.

Plötzlich flog ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht. Sie lief auf mich zu und umklammerte meine Beine.

Ich nahm sie auf den Arm und lächelte sie an.

Es war Liebe auf den ersten Blick — bei uns beiden!

Schließlich setzte ich die Kleine vorsichtig wieder ab.

Sie wandte sich zu ihrer Mutter um, die die Szene erstaunt betrachtet hatte.

»Wer ist das? Ein neuer Onkel?«

»Ich bin der Chauffeur«, sagte ich. »Ich fahre Auto.«

»Auto!«, jubelte das kleine Mädchen und klatschte in die Händchen. »Auto! Dana will spazieren fahren.«

»Komm, halt' den Herrn nicht auf«, sagte Mrs. Drobb lächelnd und fügte, zu mir gewandt, hinzu:

»Das hier ist Dana — unser Sonnenschein.«

Sie wandte sich ab. Ich merkte, dass ihr schon wieder Tränen in die Augen traten.

Mary bedeutete mir, die Koffer aufzunehmen und ihr zu folgen.

Sie führte mich durch eine schmale Tür in den Garten. Dort sah ich, dass rechts an das Haus eine große Garage angebaut war, über der sich die Chauffeurwohnung befand. Sie hatte sowohl vom Garten als auch vom Haus aus einen Zugang und bestand aus zwei sehr gut eingerichteten Zimmern, einem Schlafzimmer und einem Wohnraum, in dem Radioapparat und Fernsehempfänger nicht fehlten.

»Sie können es sich hier gemütlich machen, Jesse«, sagte das Mädchen. »Nennen Sie mich einfach Mary. Der Diener ist allerdings mit Mister Corry anzureden.«

»Danke. Mary. — Vielleicht sagen Sie mir noch, was, ich alles zu tun haben werde.«

»Unsere Firma«, erwiderte Mary wichtig, »hat insgesamt zehn Kraftfahrzeuge. Sie selbst werden aber nur für Mr. Drobbs Lincoln eingesetzt. Sie haben den Chef zu fahren und außerdem den Wagen zu pflegen. Der Fabrik ist eine kleine Autowerkstatt angeschlossen, in der praktisch alle vorkommenden Reparaturen ausgeführt werden.«

»Okay, ich weiß also Bescheid. Ich nehme aber nicht an, dass ich durch mein Fahren ausgelastet bin?«

»Gott, das ist sehr unterschiedlich«, meinte Mary leichthin. »Wenn der Chef Sie nicht benötigt und die Wagenpflege Sie gerade nicht in Anspruch nimmt, werden Sie von Hal Corry zu Gartenarbeiten herangezogen. Aber das soll er Ihnen lieber selber sagen. Ich mische mich nicht gern in die Angelegenheiten dieses hochnäsigen Burschen. Ich gebe Ihnen überhaupt den guten Rat: Halten Sie sich von Hal zurück.«

»Ist er kein ordentlicher Bursche?«

Mary lachte bitter auf. »Er ist wie viele Diener — unfehlbar, noch mehr als der Chef selbst. Er ist so vornehm, dass er sich selbst für eine Lüge zu gut wäre. Aber auch ein Mensch ohne jeden Fehler kann einem auf sämtliche Nerven gehen.«

»Wenn ich Ihnen während meiner Freizeit irgendwie helfen kann, will ich das gerne tun«, sagte ich. »Wie ist es mit dem Essen?«

»Gut und reichlich«, versetzte sie kurz. »Die Angestellten nehmen es gemeinsam in der Küche ein. Sieben Uhr Frühstück, dreizehn Uhr fünfzig Mittagessen, neunzehn Uhr Abendessen. — Wollen Sie jetzt vielleicht Tee und einige Sandwiches haben?«

Ich wehrte ab. »Ich habe ausreichend zu Mittag gegessen. Ich bin nicht hungrig.« — Als mich Mary verlassen hatte, räumte ich meine Sachen in den Schrank ein.

An Kleidern, Schuhen und Wäsche hatte ich nur das eingepackt, was einem soliden Herrschaftschauffeur zusteht.

Als das erledigt war, ging ich nach unten in die Garage. Hier stand ein chromglitzernder, noch ziemlich neuer resedagrüner Lincoln.

Der bisherige Fahrer schien den Wagen gut gepflegt zu haben. Ich selbst verstehe allerlei von Autos und sah, dass es da sicher keine Schwierigkeiten geben würde.

Als ich aus dem Halbdunkel der Garage wieder nach draußen trat, glaubte ich im dichten Gebüsch schräg gegenüber eine Bewegung erkennen zu können.

Ich tat jedoch, als sei nichts gewesen, und umrandete in aller Gemütsruhe pfeifend das Haus.

An der Rückseite waren eine Terrasse und ein Wintergarten angebaut. Von der Terrasse aus führte eine schmale Treppe zu einigen Blumenbeeten, die ein asymmetrisches Schwimmbecken einsäumten. Etwa dreißig Schritt dahinter teilte eine Mauer das Grundstück von dem Fabrikgelände ab.

Ich ging bis zur Mauer, wo mich die Hortensienbüsche gegen etwaige unbefugte Blicke abschirmten, spazierte etwa zwanzig Schritt nach rechts weiter, wo dann der Garten zu Ende war, und schlich nun gebückt bis auf die Höhe der Garage zurück.

Ich hatte mich nicht getäuscht! Hinter dem Busch, der sich vorhin bewegt hatte, kauerte ein kleiner, stämmiger Mann, der sich maßlos für das Haus zu interessieren schien.

Ich schlich mich leise an ihn heran.

Er hatte auch noch nichts gemerkt, als ich schon hinter ihm stand.

Ich klopfte ihm kräftig auf die Schulter, und er fuhr mit einem leisen Aufschrei zu mir herum.

Er war bestimmt fünfzig Jahre alt, hatte eine Glatze, und der Olivton seiner unreinen Gesichtshaut bewies mir, dass ein gehöriger Schuss spanischen Blutes in ihm war.

»Guten Abend, Sir«, grüßte ich lächelnd. »Darf ich fragen, wer Sie sind? Ich nehme an, Sie sind hier der Gärtner. Ich bin der neue Chauffeur.«

Jawohl, er sei der Gärtner, sagte er, um im nächsten Augenblick auch schon einen Haken abzuschießen. Ich blockte den Schlag ab und setzte ihm einen Brocken ans Kinn, der sich gewaschen hatte. Widerspruchslos setzte er sich auf den Boden und verdrehte die Augen.

Ich machte mich an eine Durchsuchung und fand einen Schlüsselbund, einen Satz Autoschlüssel, etwa hundert Dollar in verschiedenen Noten und Münzen und einen Führerschein, ausgestellt auf Harold Smith, 13. Harrison Street, Newark.

Man lernt im Leben nie aus.

Als ich dem Burschen Geld, Schlüssel und Führerschein wieder ins Jackett zurückstopfte, rammte er mir überraschend seinen Schädel unters Kinn.

Nun war ich es, der sich schlafen legte.

Als ich wieder erwachte, lag ich ein paar Schritte weiter unter blühenden Büschen.

Von Mr. Smith war nichts als ein schlechter Eindruck zurückgeblieben — und ein schmerzendes Kinn.

Ihm schien es nur darum zu tun gewesen zu sein, meinen Händen zu entrinnen. Er hatte mir weder meine Papiere noch mein Geld noch meine Null-Acht abgenommen. Das war wenigstens ein Lichtblick.

Ich erhob mich etwas schwerfällig und musste mir wütend eingestehen, dass ich mich wie ein Junge im ersten Schuljahr hatte übertölpeln lassen.

Aber es kam noch besser!

Plötzlich spürte ich, dass sich von hinten ein Pistolenlauf in meinen Rücken bohrte. Eine offenbar verstellte Stimme zischte:

»Hände hoch und keine Bewegung, du Raubvogel!«

Ich erhob zögernd die Arme.

»Umdrehen!«

Ich wandte mich wütend um und blickte in das grinsende Gesicht meines Freundes Milo Tucker!

Nun bin ich doch für einen Scherz immer zu haben, aber in dieser Situation hätte ich Milo am liebsten eine Ohrfeige verpasst.

»Der große Jesse Trevellian«, sagte er. »Fein habe ich dich aufs Kreuz gelegt, was?«

»Es ist keine Kunst, einen Halbohnmächtigen zu überrumpeln«, brummte ich.

»Was ist denn passiert?«, fragte er.

Ich erzählte ihm in Stichworten von meiner Anstellung und von meinem Abenteuer mit Mr. Harold Smith.

Milo wurde sofort ernst.

»Entschuldige den Hokuspokus. Wenn ich das gewusst hätte, wäre es nicht passiert.«

»Schon gut«, wehrte ich ab. »Wesentlich ist jetzt, herauszubringen, was es mit diesem Harold Smith auf sich hat.«

Milo notierte sich die Adresse und versprach, Nachforschungen einzuleiten.

»Seit wann bist du schon in dem Fall tätig?«, fragte ich.

»Erst seit gestern Abend, Jesse.«

»Irgendwelche Ergebnisse?«

Milo schüttelte den Kopf.

»Bis jetzt nicht. Sofern man Harold Smith nicht als Ergebnis wertet. Und das wird sich herausstellen. Ich werde meine Augen offen halten! — Ich frage mich nur, ob Mr. McKee nicht besser Drobb über deine wahre Identität unterrichtet hätte.«

Ich zuckte die Achseln.

»Das habe ich mir selbst auch gesagt. Allerdings spricht durchaus einiges für Mr. McKees Entscheidung. Vielleicht ist es ganz gut, wenn Drobb und seine Frau mir gegenüber völlig unbefangen sind. Die Gefahr einer Entdeckung ist dadurch wesentlich geringer.«

Milo war nicht so sehr davon überzeugt. »Das wird sich noch herausstellen. Mach's gut, Jesse, ich verschwinde jetzt wieder. Falls irgendetwas los ist, meine Telefonnummer ist 3669. Ruf mich aber nur im äußersten Notfall an. Die ›Ratten‹ könnten unter dem Personal des Hauses Helfer haben.«

Ich stimmte ihm zu und fragte: »Und wie höre ich von dir?«

»Ich werde mich mit dir von Zeit zu Zeit in Verbindung setzen.«

Milo nickte mir knapp zu, ging bis zur Mauer und flankte hinüber.

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Ich selbst ging in meine Wohnung über der Garage zurück.

Hatte ich nicht einen blendenden Job? Dreißig Dollar die Woche, freie Kost und freie Wohnung.

Im Treppenhaus überlegte ich es mir wieder anders. Ich kehrte um.

Tagsüber war es drückend heiß gewesen, aber inzwischen war die Hitze abendlicher Kühle gewichen.

Ich beschloss, noch etwas Luft zu schnappen.

Als ich gerade zur Rückseite des Hauses einbog, hörte ich ein helles Jauchzen. Vor mir hatte ich ein reizendes Bild.

Dana spielte mit ihrer Mutter Ball.

Mrs. Drobb trug Shorts und dazu eine Bluse. Ihr Haar hatte sie mit einem Band zusammengebunden.

Selbstverständlich wollte ich mich sofort zurückziehen, aber sie winkte mir zu.

»Bleiben Sie nur hier, Jesse«, rief sie. »Sie stören uns nicht.«

Dana warf mir mit einem hellen Krähen ihren Ball zu, und ich sah mich unwillkürlich in die Rolle eines Mitspielers versetzt.

Nach etwa zehn Minuten hörte ich feste Schritte hinter mir, und die dunkle Stimme meines Arbeitgebers sagte:

»So ist es recht, Jesse. Ich merke, Sie fügen sich gut in die Hausgemeinschaft ein! — Jetzt aber Schluss, meine Herrschaften, es ist Zeit zum Essen!«

Dana gehorchte sofort. Sie nahm ihren Ball auf und verschwand über die Terrasse im Haus.

Ich wollte mich ebenfalls zurückziehen und prallte dabei an der Hausecke mit einem kleinen rothaarigen Mann zusammen.

Ich trat mit einer gemurmelten Entschuldigung zur Seite. Der andere — er mochte etwa fünfunddreißig Jahre alt sein und war sehr gepflegt und teuer gekleidet — beachtete mich gar nicht, sondern rief mit vor Erregung bebender Stimme:

»Mr. Drobb! Mr. Drobb! Einen Augenblick bitte!«

Ich bog um die Hausecke und blieb stehen, um zu lauschen.

»Was gibt es denn, Pat?«, hörte ich meinen augenblicklichen Chef gelangweilt sagen. »Wo haben Sie eigentlich den ganzen Nachmittag gesteckt? Ich habe dreimal vergeblich nach Ihnen telefoniert.«

»Ich war bei Perkins. Ich habe mir den neuen Mähdrescher von Ashburne & Sedley angesehen.«

»So? Die neuen Modelle der Konkurrenz scheinen Sie nicht schlafen zu lassen?«, spottete Drobb.

»Allerdings«, tönte es überraschend scharf zurück. »Und was ich jetzt sage, wird Ihnen vielleicht auch den Schlaf rauben. Das neue Modell 3 C der Konkurrenz ähnelt unserer Versuchsmaschine, die im Herbst in Serie gehen soll, wie ein Ei dem anderen!«

Drobb stieß einen Fluch aus. »Zum Donnerwetter! Ist etwa Ashburne auf die gleiche Idee gekommen wie unsere Konstrukteure?«

»Das wäre ein geradezu erstaunlicher Zufall, Drobb. Aber ich glaube im Geschäftsleben nicht an Zufälle!«

»Verflixt, wenn wir die neue Maschine nur schon zum Patent angemeldet hätten.«

Pats Stimme klang geradezu mitleidig, als er sagte:

»Mr. Drobb, das habe ich doch alles versucht! Aber das Patentamt hat abgelehnt. Haben Sie denn den Schriftwechsel nicht gelesen? Ich ließ ihn Ihnen doch durch Wilma vorlegen. Nachdem es sich bei unserem neuen Modell lediglich um eine Neugruppierung bisher schon bekannter Konstruktionselemente handelt, ist die Geschichte eben nicht patentfähig.«

»Was sollen wir nun machen?«

»Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als das Projekt fallen zu lassen und in aller Eile mit einer Neuentwicklung zu beginnen.«

»Verdammt noch eins! Jetzt ist die Arbeit von zwei Jahren zum Teufel! Und wenn wir unser Modell trotzdem in Serie gehen lassen?«

»Das ist völlig ausgeschlossen, Drobb! In der Fachwelt würde man sofort behaupten, wir hätten Ashburne & Sedleys Konstruktion gestohlen, und Ashburne selbst würde uns einen Rattenschwanz von Prozessen anhängen, dass uns bald die Augen übergingen.«

»Dass in letzter Zeit doch auch alles schiefgeht!«, schimpfte Drobb verdrossen. »Es sieht fast so aus, als hätten wir einen Spion im Werk sitzen.«

»Eine andere Erklärung bleibt fast nicht übrig. Aber wer soll es sein? Das Personal der Versuchsabteilung?«

»Unsinn, Pat. Die Leute haben schon unter meinem Vater gearbeitet. Nein, ich lege für jeden Einzelnen die Hand ins Feuer.«

»Dann bliebe noch Oberingenieur Holl übrig. Er ist neu.«

»Unsinn! Holl hat die Maschine konstruiert.«

»Vielleicht haben ihm Ashburne & Sedley einen interessanten Preis für seinen Treuebruch bezahlt?«

»In was verrennen wir uns da, Pat?«, wehrte Drobb fast heftig ab. »Kommen Sie mit! Mir ist der Appetit zum Abendessen vergangen. — Kommen Sie! Wir wollen die Lage besprechen und dabei einen Schluck trinken.«

»Das wird Muriel gar nicht gerne sehen.«

»Muriel! Muriel!«, fauchte mein Chef. »Meine Frau ist für Sie immer noch Mrs. Drobb!«

Pats Stimme wurde eisig. »Ganz, wie Sie wünschen, Sir.«

Die beiden entfernten sich.

Ich musste lächeln. Drobb war also auch noch eifersüchtig. Dass dazu aber kein Grund vorlag, hätte auch ein Blinder sehen können.

Ich schlenderte zum Vordereingang und traf dort Mary.

»Wo stecken Sie denn, Jesse«, fragte das Mädchen mürrisch. »Ich suche Sie schon überall. Kommen Sie in die Küche. Wir wollen essen!«

»Okay«, nickte ich. »Ich bitte um Entschuldigung. — Übrigens, wer war eigentlich der rothaarige Herr, der vor etwa fünf Minuten die Terrasse stürmte?«

Mary trat etwas dichter an mich heran. »Pat Will, Mr. Drobbs Prokurist. Er soll ein Genie sein. Im Vertrauen — er ist mehr Chef in der Fabrik drüben als Drobb selbst. Der gute Abner hat leider nicht viel von der Tüchtigkeit seines Vaters geerbt.«

»Aber er war immerhin schlau genug, sich eine geradezu fantastische Frau zu fischen.«

»Allerdings«, stimmte mir Mary eifrig zu. »Sie ist viel zu gut für ihn. Bei einer solchen Frau angestellt zu sein, ist fast ein Vergnügen.« — Wir, das heißt Hal Corry, Mary, die übrigens mit Familiennamen Easters hieß, und ich aßen an einem weiß gedeckten Tisch in der Küche unser Abendbrot: Rohkostplatten, pikante Happen, Eierspeisen; zu trinken gab es Bier.

Das Personal wurde im Hause Drobb tatsächlich sehr gut gehalten.

Hal Corry residierte an unserer Tafel mit der Miene eines ins Exil geschickten Fürsten und ließ deutlich durchblicken, wie entwürdigend es für ihn sein, mit einem simplen Dienstmädchen und einem noch simpleren Chauffeur zusammensitzen zu müssen.

»Immerhin, Jesse«, sagte er gönnerhaft, »Sie besitzen gute Tischmanieren. Man merkt, dass Sie aus einem ordentlichen Hause kommen.«

»Man tut, was man kann«, murmelte ich. »Ich hoffe, von Ihnen noch viel lernen zu dürfen.«

Im Lautsprecher der Haussprechanlage begann es plötzlich zu quäken: »Der Fahrer soll zu mir kommen. Ich bin im Arbeitszimmer.«

Ich tupfte mir mit der Serviette den Mund ab, verschwand aus der Küche und machte, dass ich ins Arbeitszimmer des Hausherrn kam.

Drobb und sein Prokurist saßen in weichen Sesseln und hatten auf einem Tischchen vor sich eine dickbäuchige Flasche mit zwei Gläsern stehen.

»Tut mir leid, dass ich Sie stören musste«, sagte Drobb. »Aber es ist wichtig. Fahren Sie zum Hill Square 27 und holen Sie dort Miss Crest ab. Miss Crest ist meine Sekretärin.«

»27 Hill Square, Miss Crest«, wiederholte ich. »Darf ich den Zündschlüssel haben?«

Er griff in die Hosentasche und reichte mir den Schlüssel.

Ich ging hinunter in die Garage und startete den Wagen.

Hill Square war vermutlich von der aufstrebenden Entwicklung Cobhams überrollt worden. Neben windschiefen Häusern, deren Fenster offenbar seit dem ersten Weltkrieg nicht mehr geputzt worden waren, erhoben sich hübsche, brandneue Bungalows und ein großes Appartementhaus.

Letzteres trug die Nummer 27.

Als ich den Lincoln stoppte, trat eine Frau auf die Straße. Sie war mittelgroß, hatte ein interessantes Gesicht und dichte schwarze Naturlocken. Sie trug eng anliegende schwarze Stretch-Hosen, eine feuerrote Bluse und eine überdimensionale Sonnenbrille.

Normalerweise hätte diese etwas gewagte Kleidung eher zu einem Teenager gepasst als zu einer Frau ihres Alters, aber sie trug sie mit Chic, sie passte zu ihr, und sie wirkte darin nicht lächerlich.

Ehe ich aussteigen konnte, war sie heran, öffnete den rechten Wagenschlag und stieg geschmeidig wie eine Pantherkatze ein.

»Habe ich die Ehre mit Miss Crest?«, fragte ich geistesgegenwärtig.

Die Frau nahm ihre Sonnenbrille von den Augen. Ein prüfender Blick traf mich.

»Ja, ich bin Wilma Crest«, sagte sie. »Sie sind wohl der neue Chauffeur?«

»Jawohl, Miss Crest«, antwortete ich und stellte mich vor: »Jesse Trevellian.«

»Was will der Chef bloß jetzt noch von mir?«, fragte die Sekretärin unmutig.

Ich zuckte die Achseln und fuhr an. »Bin erst seit einigen Stunden im Haus. Ich weiß es nicht.«

»Natürlich, ich vergaß es. Ist Mr. Drobb allein?«

»Nein, ein Herr ist bei ihm«, antwortete ich bereitwillig. »Das Dienstmädchen hat mir gesagt, es handle sich um Mr. Will, den Prokuristen.«

»Will ist einer von mehreren Prokuristen«, berichtigte Miss Crest etwas hochmütig. »Ich zum Beispiel habe auch Prokura.«

»Ein ungewöhnlicher Vertrauensbeweis für eine Sekretärin«, sagte ich.

Wieder traf mich ein abschätzender Blick aus ihren dunklen Augen. »Hm — für einen Chauffeur wissen Sie im Geschäftsleben ungewöhnlich gut Bescheid.«

Mir reichte die Erwiderung, und ich beschloss, mich in Zukunft mehr zurückzuhalten.

Ich setzte Miss Crest vor dem Haupttortal ab und brachte anschließend den Wagen wieder in die Garage.

Wie sollte ich den Abend verbringen? Ausgehen konnte ich nicht, weil ich sicher Miss Crest nach Hause bringen musste, also war es das Vernünftigste, ich hielt mich in Hörweite der in jedem Zimmer eingebauten Lautsprecher auf.

Mary, die aus dem Haus kam, erlöste mich aus meiner Unentschlossenheit, indem sie sagte:

»Kommen Sie, Jesse! Dicke Luft im Hause. Spielen Sie etwa zufällig Canasta?«

»Okay, ich mache gern mit.«

Nun, wir unterhielten uns bis gegen Mitternacht mit diesem südamerikanischen Kartenspiel.

Mary Easters spielte mit echter Passion. Hal Corry war ein höhnischer Gewinner und ein schlechter Verlierer.

Genau um vierundzwanzig Uhr bestellte mich die Stimme meines Chefs zum Wagen.

Ich durfte Miss Crest nach Hause fahren.

Die Sekretärin war unterwegs höchst einsilbig. Vermutlich waren ihr die Mitteilungen Mr. Wills gehörig in die Glieder gefahren.

Ich dachte an meine Aufgabe hier in Cobham. Unbekannte Verbrecher — man kannte sie nur unter dem Decknamen ›die Ratten‹ — wollten von Abner Drobb eine halbe Million Dollar kassieren. Laut Mr. McKees Mitteilung und nach dem, was ich mir so selbst zusammenreimen konnte, war aber Drobb geschäftlich gerade in einer schwierigen Lage und konnte das Geld nicht herausrücken, ohne seine Firma dadurch zu ruinieren.

Hier schien mir ein Widerspruch zu klaffen. Erpresser verlangen beim ersten Aderlass nie mehr, als das Opfer tatsächlich zu zahlen in der Lage ist. In diesem Fall wäre also zu erwarten gewesen, dass die ›Ratten‹ eine Summe forderten, die Drobb durchaus zur Verfügung stand. Natürlich würden sie ihre Forderungen immer wieder wiederholen und dies so lange fortsetzen, bis Drobb am Ende war. Aber gleich beim ersten Mal eine über die Finanzkraft des Opfers hinausgehende Summe zu fordern, entsprach absolut nicht den Spielregeln.

Regelwidrig war auch, dass man nicht erst das Kind entführt und dann die Forderung gestellt hatte. Vom Standpunkt der Gangster aus gesehen wäre es doch wesentlich einfacher gewesen, die kleine Dana ohne Vorwarnung zu entführen. Jetzt, da Drobb gewarnt war, war ein Kidnapping doch eine fast undurchführbar gewordene Sache. Die Verbrecher mussten sich doch sagen, dass das kleine Mädchen Tag und Nacht strengstens bewacht wurde.

Mir kam zum ersten Male das Gefühl, dass hinter der Sache etwas ganz anderes stecke. Das machte sie gleichermaßen interessant und gefährlich.

Hm, überlegte ich. Drobb scheint sich in gewissen Schwierigkeiten zu befinden, die keineswegs ursächlich mit dem eben erst entdeckten Fall von Werkspionage zusammenhängen.

Ob vielleicht die Firma Ashburne & Sedley nicht ganz sauber ist?

Der Name des Unternehmens war mir genauso unbekannt, wie mir der der Firma Drobb bis zum Dienstagmorgen unbekannt gewesen war. Ein G-Man ist schließlich auch kein Landmaschinenspezialist.

»Nanu, so nachdenklich und einsilbig?«, riss mich eine angenehm klingende Stimme in die Wirklichkeit zurück.

Ich lächelte Wilma Crest um Verzeihung bittend an, was sie freilich in der Dunkelheit nicht sehen konnte.

»Ich wollte nicht unhöflich sein«, sagte ich. »Damen in Ihrer Position sind nicht immer an einer Unterhaltung mit einem Chauffeur interessiert.«

»Unsinn«, widersprach die Sekretärin. »Sie arbeiten für Geld, ich arbeite für Geld. Nur die Art unserer Tätigkeit ist verschieden. Sehen Sie einen Unterschied?«

»Zumindest in der Höhe des Entgeltes«, gab ich zu bedenken. »Im Übrigen bin ich jetzt seit zehn Jahren Chauffeur. Ich habe immer Wert darauf gelegt, gut und ohne Reibungen mit der Herrschaft auszukommen, den Mund zu halten, nichts zu sehen, nichts zu hören.«

»Eine lobenswerte Lebensphilosophie«, erkannte die Sekretärin an. »Sie ist mir gegenüber aber nicht angebracht.« Sie wandte sich halb zu mir. »Sie gefallen mir, Jesse.«

Nanu, was sollte denn das? Mich ritt der Teufel, und ich beschloss, auf ihr Spiel einzugehen.

»Würde ich Ihnen jetzt Ihr Kompliment zurückgeben, dann wäre das nicht leeres Gerede, sondern entspräche ganz den Tatsachen«, gab ich zur Antwort.

»Ich bin fünfunddreißig Jahre alt«, entgegnete die Sekretärin vergnügt, »aber mir ist selten ein so reizendes Kompliment gesagt worden wie jetzt eben. Sie wissen übrigens nicht nur über geschäftliche Dinge sehr gut Bescheid, sondern Sie verfügen außerdem über einen recht ungewöhnlichen Wortschatz — wenigstens für einen Fahrer.«

»In der Demokratie, heißt es, stehen jedem auch die höchsten Stellen offen, Miss Crest«, konterte ich lächelnd. »Ich möchte nicht immer ein kleiner Chauffeur bleiben, und da muss man etwas für seine Bildung tun. Wenn ich ...«

»Bitte, halten Sie«, unterbrach sie mich abrupt und in völlig verändertem, geschäftsmäßig kühlem Tonfall. »Schade, dass ich schon zu Hause angelangt bin. Aber vielleicht können wir uns gelegentlich über das Thema weiter unterhalten.«

Ich half ihr, wie es sich für einen herrschaftlichen Chauffeur gehört, galant beim Aussteigen und wartete, bis sie die Haustür aufgeschlossen hatte und im Flur verschwunden war.

Als ich wenig später in die Main Street einbog, sprang mir ein Mann in den Weg und hob die Hand:

Milo Tucker.

Ich bremste und öffnete den Wagenschlag. Er stieg ein und bat, ich solle ihn zum ›Palm Springs‹ bringen.

»Gibt es was Neues?«, fragte er interessiert.

Ich informierte Milo über das, was ich wusste, und sagte: »Merk dir den Namen Ashburne & Sedley! Lass über diese Firma nachforschen, welchen Ruf sie genießt. Und ob sie vielleicht dafür bekannt ist, im Konkurrenzkampf krumme Touren zu reiten.«

»Okay, werde ich tun. Aber ich habe auch etwas für dich, und zwar betrifft es diesen Harold Smith.«

»Und ...«

»Es gibt weder einen Harold Smith noch eine Harrison Street in Newark.« Ich pfiff leise durch die Zähne. »Aber ich bin ja schließlich nicht von gestern«, setzte Milo lächelnd seinen Bericht fort. »Smith heißt in Wirklichkeit Enrico Casetti und wohnt in Queens, 55. Avenue, Haus 2209. Er ist Privatdetektiv. Aber einer von der üblen Sorte.«

»Soll das etwa heißen, dass er keine Lizenz mehr besitzt?«, fragte ich interessiert.

»Nein, so weit ist es noch nicht. Aber verschiedene Male wollte man ihm die Lizenz schon entziehen.«

»Ob er mit den Kidnappern in Verbindung steht?«

»Weiß ich nicht«, meinte Milo achselzuckend, »werden wir aber bald heraushaben. Halt die Augen offen! Mir liegt daran, die Kindesentführung zu verhindern. Das ist leichter, als ein geraubtes Kind aufzuspüren und es lebend den Gangstern wieder aus den Klauen zu reißen.«

Ich setzte Milo vor dem ›Palm Springs‹ ab und fuhr langsam nach Red House zurück.

Ich sehnte mich nach meinem Bett.

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Wenn Sie mich fragen — eine über das ganze Haus verästelte Haussprechanlage ist bestimmt eine schöne Sache, aber sie kann einem scheußlich auf die Nerven gehen!

Als ich am Mittwochmorgen eben aus dem Bett gesprungen war, knackte es im Lautsprecher.

»Ich rufe den Fahrer«, hörte ich Drobbs Stimme. »Jesse, kommen Sie bitte!«

Ich sprang zum Mikrophon und drückte auf den Knopf.

»Hier Jesse — bitte, Mr. Drobb?«

»Stehen Sie mit dem Wagen um acht bereit«, befahl mein hoher Chef. Das war alles.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738917727
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
trevellian rattenbande kriminalroman
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Titel: Trevellian jagt die Rattenbande: Kriminalroman