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Rancher-Rache

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

RANCHER – RACHE

Klappentext:

Roman:

W.W.SHOLS

 

 

RANCHER – RACHE

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Nur weil er angeblich eine Flasche Whisky gestohlen hat, wollen einige wütende Cowboys den jungen Benny Holden aufhängen. Zum Glück kann das der Kleinrancher Bob Sloan in letzter Sekunde verhindern. Er beschließt, sich um den verwahrlosten Jungen zu kümmern – auch wenn das einigen Leuten aus der Stadt Thatcher nicht gefällt. Und natürlich erst recht nicht den Cowboys der Kendall-Ranch, die Benny noch weiterer Verbrechen bezichtigen. Aber Sloan glaubt nach wie vor an Bennys Unschuld und nimmt sich vor, die wahren Schuldigen zu finden. Dabei gerät er allerdings selbst in große Gefahr. Zuerst wird seine Ranch ein Opfer der Flammen, und dann hat man es auf ihn persönlich abgesehen. Die Luft wird verdammt bleihaltig – aber Sloan gibt trotzdem nicht auf!

 

 

 

 

Roman:

Sie werden ihn aufhängen! denkt Bob Sloan verzweifelt. Sie werden ihn aufhängen, sobald Al Turner den Strick fertig hat, wenn der Knoten geknüpft ist.

Bob Sloans Kopf liegt in einer Felsmulde. Er schiebt ihn noch weiter vor. Dadurch sieht er nicht besser und nicht schlechter. Die einsame Gruppe bleibt nackte Wirklichkeit. Vier Männer, vier Pferde.

Plötzlich ist ein Fingernagel abgebrochen. Die Hand hat versucht, einen kleinen Stein zu zermalmen.

Der Stein ist stärker.

Manches ist stärker als der Mensch in Colorado.

Unter Bobs Kinn fällt der Hang steil ab. Heiß und steinig. Im Grund wächst trockenes Gras und Salbei. Hundertfünfzig Yards entfernt stehen die ersten Cottonwood-Trees. Schon der erste ist gut für einen Strick. Und stark genug, Ben Holdens Gewicht zu halten.

Benny ist ein leichter Junge. Jung und geschmeidig. Aber das weiß Bob Sloan nicht. Sloan sieht nur die Silhouetten gegen das Licht der untergehenden Sonne im Westen.

Ein Bild, das das Herz hochjagt und unter den Schlund drückt.

Seine Augen kommen nicht davon los. Sloan hat seinen Kopf zurückgezogen und ist aufgestanden. Er geht zu seinem Pferd. Der Braune erwartet ihn mit erhobenem Kopf. Zwischen den Augen glänzt ein weißer Stern.

„Well, King, Irrtum! Hier gibt’s nichts für uns zu tun. Wir haben nichts damit zu tun, verstehst du? Wir werden reiten."

Bob Sloan steigt in den Sattel. Das Leder knarrt. Eine Sekunde wartet er. Er weiß selbst nicht, auf was. Dann rollt er die Zunge, um King das Zeichen zu geben.

Bevor King es hören kann, kommt der Schrei aus dem Tal.

„Tut es nichtI Ich flehe euch an! Tut es nicht! Ich war... Ihr irrt euch. Ihr irrt euch, Gents! Tut es nicht!"

Sloans Rücken ist gerade geworden. Er sitzt im Sattel. Er kann sie sehen.

„Tut es nicht!"

Ein Stiefel war leicht in Kings Flanke. Der Braune streckt sich, geht dreißig Yards wie auf einem geraden Strich und stemmt sich auf der Hinterhand herum, wo der Creek einen Hohlweg gewaschen hat, als er noch Wasser führte.

King prescht ins Tal und jagt auf die Bäume zu.

Sie hören ihn.

Al Turner lässt die Hand sinken, die die Schlinge hält. Er dreht sich um und zieht die Augenbrauen herunter.

„Damn . .. dieser Zuwanderer!"

„Lasst den Colt sitzen!“, sagt Fred Henderson. „Er ist allein. Der kann uns nichts.“

„Ich werde ihn dazuhängen", zischt Turner. „Dafür gibt der Boss ein Monatsgeld."

„Du wirst gar nichts“, sagt Ron Lighton. „Gar nichts wirst du! Täusch dich nicht im Boss! Der wird dir was anderes erzählen, wenn du ihm Schwierigkeiten machst.“

„Der Kerl ist allein."

„Umso besser! Wir werden ihm sagen, wo's nach Kansas langgeht."

Dann ist Sloan heran. King kommt in einer Staubwolke zum Stehen.

„Hier rief jemand um Hilfe, Gents. Wenn ich was für Sie tun kann …?"

„Sie könnten nach Kansas reiten, Sloan", sagt Turner hohl. Genau! Seine Stimme klingt leer, als ob er in einem Baumstamm spricht, von dem nur noch die Rinde steht. Den die Ameisen aufgefressen haben. Der keine Seele mehr hat.

„Mir war's nicht so, als ob der Ruf aus Kansas käme. Mir war, als ob es um einen Irrtum ..."

Sloan unterbricht sich selbst.

Das hat er gelernt. Wenn ihn andere unterbrechen, sind die anderen auch im Vorteil. Wenn er sich selbst unterbricht...

Al Turner glotzt auf den schimmernden grauen Stahl.

Die Sonne steht tief im Westen und ist glutrot. Sloans 45er ist wie ein Spiegel. Das Licht sticht Al Turner in die Augen. Er zieht sie zusammen. Er blinzelt...

Henderson hat die Arme schon angewinkelt. Die Hände wandern langsam nach oben. Er ist alt genug und weiß, dass es in dieser Lage keine andere Wahl gibt.

Ron Lighton denkt, der ist ein Satan. Ein Satan aus Kansas, der hier die Pferde melken will. Erst ein Ducker, dann ein Muckser.

Ron Lighton denkt zuviel!

Er hat noch hingehört, was das Gespräch wohl ergeben wird. Und jetzt ist der graue Stahl da.

Ron Lighton denkt zuviel...

Dieser Sloan! Dieser Zuwanderer aus Kansas. Eingeschlichen hat er sich. Bis heute hat er das Maul gehalten, jetzt steht er mit einem 45 er da.

An den Kolben kommt Lighton nicht mehr heran. Er nimmt die Arme hoch.

„Komm her, Boy!“, sagt Sloan. „Stell dich auf meine Seite! Hier ist ein Messer.“

Er drückt es dem Jungen zwischen die gefesselten Hände.

Ben Holden starrt noch einmal auf den Ast, der ihm zum Schicksal werden sollte. Dann geht er hinüber zu Bob Sloan und stellt sich neben King. Der Braune rührt sich nicht vom Fleck.

Holden hat das Messer zwischen den gefesselten Händen.

„Das ist schwierig, Mister. Kann mir nicht einer von den Partnern helfen?"

Den drei Männern verschlägt es die Sprache.

„Al Turner kann es", sagt Bob Sloan. „Ich schätze, er kann es so gut wie die anderen. Los, Mister Turner!"

Sloan sitzt im Sattel. Turner muss zu ihm hinaufsehen. Zuerst hat er gedacht, ein Zittern in Sloans Stimme gehört zu haben. Aber er hat sich wohl getäuscht. Und das reizt ihn noch mehr.

Yeah, zu diesem Zuwanderer aus Kansas hinaufsehen zu müssen!

„Was Sie da in der Hand haben, Sloan, kann leicht nach hinten losgehen", knurrt er. „Sie werden sich die Finger verbrennen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie reiten dahin, wo Sie hergekommen sind. Könnte sein, dass wir dann Ihre Dummheit vergessen."

„Der singt aber ein sanftes Lied“, meldet sich der Junge. „Gehen Sie bloß nicht darauf ein, Mister! Turner wollte mir den Strick um den Hals legen, und er wird es tun, wenn er kann. Die Kendall-Mannschaft ist eine Verbrecherbande. Die ..."

Turner macht einen Schritt vorwärts. Ben Holden verstummt sofort. Sloans Schusshand stößt um drei Zoll nach vorn. Länger kann er nicht bluffen. Das nächste Mal wird er den Finger krumm machen müssen.

Er weiß, wie das ist. Er weiß auch, dass das alles ändern würde. Es würde keine Sloan- Ranch in Colorado mehr geben. Nie mehr.

Fred Henderson tut, als ob seine Arme schwach würden. Lighton, der in der Mitte steht, schielt nach rechts und links, ob seine Partner nicht eine Idee haben.

By Gosh, denkt Bob, hinter solchen Gesichtern schlummern eine Menge Ideen. Und je länger man wartet, um so mehr werden es.

„Los, Turner! Schneiden Sie ihm die Fesseln durch! Lighton wird schon schwach in den Armen. Er wird Ihre Ansprache nicht durchhalten."

„Das werden Sie büßen, Sloan! Dieser Lümmel ist ein Pferdedieb und gehört an den Ast.“

„Schneiden Sie!"

„Kein Messer ...“

Sloan wirft ihm seins hin. Turner fängt es und geht zu Holden.

„Dreh dich um, Junge!"

„Der jagt mir das Ding zwischen die Rippen“, sagt Ben Holden schrill. Er hat jetzt wieder Angst. Genau wie vorhin, als er unter dem Ast stand. Zwischendurch hat er keine Angst gehabt. Da hat es frech in seinen Augen geblitzt.

Bob Sloan sieht nicht genau hin. Er achtet auf die drei Männer von der Kendall-Ranch. Auf jeden einzelnen.

Turner säbelt umständlich an den Fesseln, als ob er mit dem Rücken schneidet. Es dauert eine Ewigkeit. Aber dann hat er’s geschafft.

„Wirf!", befiehlt Sloan knapp.

Turner will ihm das Bowiemesser hinhalten, als ob er dem anderen nicht zutraut, es zu fangen. Er müsste dazu dicht an King herantreten. Er könnte ...

„Wirf!“, sagt Sloan noch einmal und fängt es, steckt es ein.

Ben Holden reibt sich die Handgelenke. Als Sloan ihn auffordert, die Revolver einzusammeln, hat er plötzlich keine Schmerzen mehr. Seine Finger sind flink wie die eines Taschendiebs.

Wie die eines Taschendiebs, überlegt Bob. Der Gedanke ist plötzlich wie von selbst da. Taschendieb - Pferdedieb.

Well, da kann man nichts machen. Das ist Sache des Sheriffs. Ob Pferdedieb oder nicht. Du hast es richtig gemacht, Bob Sloan.

Mit drei Colts hat Holden die Hände voll.

„Steck sie ins Hemd“, befiehlt Bob, „und hol dein Pferd!"

King hört das leise Schnalzen. Als er vorwärtsgeht, springt Henderson zur Seite. Henderson hat ihm genau im Weg gestanden, und King geht meistens geradeaus.

Die Pferde stehen fünfzig Yards entfernt und sind angehobbelt. Holden rennt neben King und steuert auf einen schmalbrüstigen Rapphengst zu.

„Ist das dein Gaul, Kid?", fragt Sloan, während er aus dem Sattel gleitet und sich nach hinten umsieht.

„Auf Ehre und Gewissen, Mister, den hab’ ich schon von Wyoming bei mir! Die Kendall-Leute sind eine gemeine Lügenbande. Die haben Spaß daran, wehrlose Leute aufzuhängen, solange sie in der Übermacht sind. Ich habe die Nase voll von Colorado und werde..."

„Gib mir die Revolver und nimm die Leine!", unterbricht ihn Bob.

Er hat inzwischen die Pferde aus den Schlingen treten lassen und die Zügel mit dem Strick zusammengebunden, den Turner vor ein paar Minuten noch für einen Fall von Lynchjustiz missbrauchen wollte.

Holden holt drei Colts aus seinem Hemd und gibt sie ab.

„Steig auf, Kid!"

Sloan sitzt schon wieder im Sattel. „Reite voran, Kid! Durch den Creek auf die Felsplatte. Beeil dich!"

Die drei Kendall-Männer stehen noch da. Unbewaffnet haben sie auch in der Übermacht keine Chance, irgend etwas an der Lage zu ändern. Sie können sich Vorwürfe machen, sicher. Oder sie können ihre Wut in sich hineinfressen.

Da kommt so ein Kleinrancher daher, der noch keinen Winter in Colorado gesehen hat, und setzt ihnen Hörner auf! So ein Zugewanderter! So ein Gernegroß!

Und lässt den Colt aufblitzen, als er noch nicht zu Ende gesprochen hat.

„Der Boss wird dir was erzählen, Al", presst Lighton durch die Lippen. „Wir haben den Kerl kommen sehen."

„Wir alle haben ihn gesehen. Und ihr beiden Schlafmützen hattet nichts anderes zu tun, als ihn anzuglotzen. Ich musste mich um den Strick kümmern. Ich hatte keine Hand frei.“

„Du kannst es Kendall ja so erzählen. Das wird einen mächtigen Eindruck auf ihn machen."

„Wir sind noch nicht auf der Ranch", sagt er jetzt. „Und es fließt noch ’ne Menge Wasser durch Timpas River, ehe ich mit leeren Halftern und auf Schuhsohlen nach Hause gehe. Der Kansas-Mann hat euch wohl ziemlich imponiert. Aber nicht Fred Henderson!"

„Du kannst ja sein Pferd beißen", meint Ron Lighton. „Er kommt genau auf uns zu. Yeah, mein Bruder hat immer gesagt, ich sollte mir langsam einen Derringer für den Stiefelschaft zulegen. Er hat ’ne Menge falsch gemacht im Leben. Besonders, als sie ihn zu der windigen Sache zwangen, die ihn das Leben gekostet hat. Aber das mit dem Derringer war’n Tipp, den ich mir in Zukunft merken werde."

Ben Holden ist inzwischen mit den Pferden heran. In zwanzig Yards Entfernung reitet er an ihnen vorbei. Sein Ziel ist der Steilhang.

Er zeigt ihnen die Zunge.

„By Gosh!", stöhnt Lighton. „Dieser dreckige Lümmel, dieser..."

Wenn jetzt nicht Bob Sloan wäre!

„Er zeigt uns die Zunge, dieser ...“

King steht noch für ein paar Sekunden. Der Mann im Sattel sieht wie ein Pater aus. So fromm guckt er ins Wetter, denkt Lighton.

Ron Lighton denkt immer so etwas, auf das die anderen nicht kommen, und meistens ist es zuviel, was er denkt.

„Es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme, Gentlemen", sagt Sloan. Es klingt wie eine Entschuldigung. „Ich kann das nicht machen, mit dem Jungen und Sie dann hinter mir. Sie haben eine Menge Wut auf mich."

Er macht eine Pause, als ob jetzt von den anderen einer an der Reihe wäre zu reden. Aber die Kendall-Männer starren ihn nur an.

Pokergesichter.

„Well, klettern Sie zum Plateau hoch! In Richtung Thatcher liegt ein Steinhaufen am Weg, wo der alte Burnes immer seine Briefe für die Postkutsche versteckt. Da werden Sie Ihr Eigentum wiederfinden. Hat der Junge wirklich ein Pferd gestohlen?“

Turner und Henderson haben nicht die Absicht, noch irgend etwas zu diesem Fall zu sagen. Mit ihren Blicken reden sie schon genug. Aber Ron Lighton packt ein Schreikrampf.

Wie ein hysterisches Frauenzimmer fuchtelt er mit den Händen in der Luft, reißt sich das Flanellhemd auf, dass zwei Knöpfe abspringen und zeigt die roten Haare auf seiner weißen Brust.

„Yeah! Habt ihr diesen scheinheiligen Bruder gehört? Ob der brave Junge wirklich ein Pferd gestohlen hat! Drei hat er gestohlen! Drei Pferde! Eins - zwei – drei!“ Er zählt es an den Fingern vor. „Zwei Tage ist er um unser Camp geschlichen, und dann waren sie weg. Mit ihm! Bessey, Loly und Hurricane. Ob er wirklich ein Pferd gestohlen hat... hahaha!"

Ron Lighton scheint die Welt nicht mehr zu verstehen. Als er Atem holen will, sagt Bob Sloan:

„Wenn Sie Beweise haben, schlage ich vor, Sie gehen zum Sheriff. Das ist wohl der richtigere Weg. So long, Gents!"

Lighton schnappt nach Luft. Er will sich weiter aufregen. Aber dann spürt er Al Turners schwere Hand auf der Schulter.

„Du bist jetzt ganz ruhig, Ron! Alles zu seiner Zeit. In zehn Minuten sind wir bei unseren Colts und den Pferden."

„Wenn der die Wahrheit sagt..."

„Schätze, der sagt die Wahrheit, dieser Kansas-Mann.“

Bob Sloan verschwindet in einer Staubwolke.

Auf dem Plateau hat er den Jungen eingeholt.

Der dreht sich grinsend im Sattel.

„Fein gemacht, Mister! Würde Ihnen was geben, wenn ich reich wäre."

„Nicht nötig, Kröte. Das ist nicht ganz die Richtung nach Thatcher. Halt dich genau rechts auf der Poststraße.“

„Ich wollte nicht nach Thatcher, Mister. Hatte mehr an den Norden gedacht."

„Das Denken habe ich für dich übernommen. Wenigstens für die nächste Stunde. Wie heißt du?"

„Ben Holden. Meine Freunde sagen Benny zu mir?“

„Danke, ich bin nicht dein Freund. Wie alt?"

„Achtzehn, glaub’ ich.“

„Glaubst du?“

„Als ich die zweiten Zähne bekam, war ich bei Onkel Phil. Von da an haben wir ungefähr mitgezählt. Vielleicht bin ich auch zwanzig. Wenn ich bedenke, wie kindisch manche noch mit achtzehn sind. Ich als reifer Mann dagegen ...“

Benny spricht selbst nicht weiter. Das soll wohl was heißen, denkt Sloan. Er mustert den Kleinen von der Seite.

Vielleicht ist er auch erst siebzehn.

Sloan möchte wetten, dass er schon mit vierzehn so groß war wie Benny jetzt. Das ist kein Mensch für die Weide, denkt er. Der fliegt beim ersten Sprung aus dem Sattel und hat einen Hinterhuf im Gesicht.

Onkel Phil, hat er gesagt.

Sie haben ihn herumgestoßen. Er ist kein schöner Junge und erst recht kein starker. Sie haben ihn herumgestoßen, natürlich. Bis heute. Er wird nicht wissen, was Recht und Unrecht ist.

Heute hat er noch einmal Glück gehabt. Aber das wird nicht immer so weitergehen. Wenn sie ihn einsperren, wird er noch eine Weile zu leben haben. Wenn er frei herumläuft, wird er sein fünfundzwanzigstes Jahr nicht mehr erreichen.

Bob Sloan ist kein Prophet. Er kennt diese Leute, und er kennt den Westen. Das ist es!

Als er sich an den Schrei erinnert, verschluckt er die nächste Frage. Dann spricht er sie doch aus.

„Du hast wie am Spieß geschrien, Bengel. Aber auch Diebe schreien, wenn man sie hängen will. Bist du’s gewesen?“

„No, Mister.“

Mehr sagt Ben Holden nicht, und Bob hat keine Lust, länger über diesen rätselhaften Burschen nachzudenken.

Sein Stiefel berührt leicht Kings Flanke. Der Braune streckt sich. Holdens Rappe bleibt hinter ihm. Die drei ledigen Pferde gehen mit.

Am Steinhaufen des alten Burnes geht Sloan aus dem Sattel.

„Die Leine!“

Benny reicht sie ihm hin. Sloan bindet sie fest an den nächsten Baum. Die drei Colts legt er an die verabredete Stelle. So hat alles seine Richtigkeit. Bei Bob Sloan hat immer alles seine Richtigkeit gehabt. So soll es bleiben!

Und wenn da eine Sache ist, die er nicht entscheiden kann, überlässt er sie den Leuten, die dafür da sind.

Zum Beispiel einem Sheriff.

 

*

 

Mit Holden hat er kein Wort mehr gesprochen, bis sie in Thatcher einreiten. Holden weiß nicht, was ihm blüht. Am meisten beachtet er die Anschriften der Saloons. Davon gibt es drei in Thatcher. Sie haben große bunte Buchstaben über der Tür. Meistens rote. Die leuchten auch noch weit genug, wenn die Dämmerung hereinbricht.

Bob merkt, wie der Junge neugierig auf die Schwingtüren starrt.

„Lass die Augen im Kopf, Ben! Die brauchst du noch. Und was Whisky ist, darfst du noch gar nicht wissen.“

„Whisky!", sagt Ben Holden kaum hörbar, aber es liegt eine Menge Sehnsucht darin, so viel Sehnsucht, dass es Sloan fast erschüttert.

Es tut ihm immer weniger leid, den korrekten Weg eingeschlagen zu haben, den zu Sheriff Long.

Unterwegs hat ihm immer der Schrei in den Ohren geklungen, und er ist ihn bis jetzt nicht losgeworden.

„Tut es nicht! Ich flehe euch an! Ich war ... tut es nicht.“

So schreit ein unschuldiges Kind, aber kein Verbrecher. Nur, welches unschuldige Kind hat Sehnsucht in den Augen und Gier in der Stimme, wenn es das Wort Whisky hört?

Neben der Tür steht das Wort ,Jail'. Das ist ein ganz anderes Wort.

Hier ist auch Sheriff Longs Office. Beides unter einem Dach.

Am Hitchrail macht Sloan mit dem Zügel eine Schlinge.

„Komm ’runter, Ben! Wir haben hier noch was zu erledigen."

Ben Holden gehorcht wie ein dressierter Hund. Er bindet Torro an die Haltestange, geht dann zu Bob Sloan hinüber. Der winkt mit dem Kopf.

Sheriff Long steht da wie ein Denkmal. Seine Figur füllt den halben Türrahmen aus.

„Wir möchten Sie sprechen, Sheriff", sagt Bob. „Können wir hereinkommen?"

„Bitte", sagt Long trocken und geht voraus. Sein Interesse scheint nicht groß zu sein. Jedenfalls verrät er es nicht. Er setzt sich hinter seinen Schreibtisch.

„Setzen Sie sich, Sloan!“

Den Jungen beachtet er nicht.

„Danke", sagt Bob und bleibt stehen. „Ich kann es kurz machen. Unterm Tahopi Plateau wollten sie diesen Mann hängen."

„Wer wollte ihn hängen?"

Bob hebt die Schulter, als wüsste er das nicht genau.

„Sie sagten, er wäre ein Pferdedieb, und sie wollten ihn hängen. Ich mag nicht, wenn sich jemand zum Richter aufspielt, der sich selbst dazu ernannt hat. Wir haben unsere Gesetze, Sheriff, nach denen ich mich richte. Wenn Sich auch die anderen danach richten, hat alles seine Ordnung. Sperren Sie ihn ein, Sheriff! Dafür habe ich ihn hergebracht."

Longs Blicke wandern zum ersten mal richtig zu Bob Holden hinüber. Er sieht ihn von oben bis unten an. Viel gibt’s da nicht zu sehen. Die Augen sind mit dem bisschen Mensch schnell fertig.

„By Jove, Sloan, so ohne weiteres kann ich ihn nicht einsperren. Wir brauchen einen Kläger, am besten einen Zeugen."

„Ich habe nichts mit der Sache zu tun, Sheriff. Es waren drei Männer, die ihn aufhängen wollten. Ich kam gerade vorbei, als sie den Strick über den Ast warfen. Sie sagten, er hätte drei Pferde gestohlen und müsste dafür hängen. Ich sagte, Lynchjustiz wäre nicht nach meinem Geschmack, und ich hätte entschieden was dagegen. Dann habe ich Ben Holden hierhergebracht. Alles andere ist Ihre Sache, Sheriff."

„Hat er’s gestanden?"

„Ich war’s nicht, Sheriff!“, sagt der Junge jetzt spitz und aufgeregt. „Warum sollte ich ein Pferd stehlen, wenn ich Torro habe? Das alles ist ein Irrtum oder noch mehr eine große Gemeinheit! Die Kendall-Leute sind ein Haufen Desperados, sage ich Ihnen. Die hängen einen auf, bloß, weil es ihnen Spaß macht.“

„Also die Kendalls waren es, Sloan. Warum sagten Sie das nicht gleich? Den Kendalls hat man drei Pferde gestohlen. Jetzt sagen Sie am besten gleich alles, und ich nehme das Protokoll auf. Dann hat alles seine Richtigkeit. Sie wollen doch, dass alles immer seine Richtigkeit hat."

Noch einmal hebt Bob Sloan die Schultern und lässt sie wieder sinken.

„Ich habe gesagt, was zu sagen war, Sheriff. Ich bin kein Kläger und kein Zeuge. Sie können mit Holden machen, was Sie wollen. Das geht mich nichts mehr an. Kann sein, dass in einer halben Stunde drei Männer auftauchen und eine Anklage mitbringen. Für den Fall habe ich gesorgt, wie es meine Pflicht ist.“

„Zum Teufel, Sloan, Sie sind ein Dickschädel! Und es gibt ein paar Leute im County, die behaupten noch ganz was anderes über Sie."

„Das sollen sie mir ins Gesicht sagen! Sonst interessiert es mich nicht. Ich gehe jetzt.“

Sloan nimmt seinen Hut vom Tisch.

„Warten Sie! Einen Augenblick noch", sagt der Sheriff. „Ich habe noch eine Frage unter vier Augen. Warten Sie wenigstens fünf Minuten, zum Teufel!"

Long steht auf und rückt seinen Gürtel zurecht. Er geht auf Ben Holden zu und legt ihm die Hand auf die Schulter.

„Kommen Sie mit, Holden! Sie sind verhaftet."

Benny windet sich wie eine Katze unter Longs schwerer Hand weg und springt einen Schritt vor.

„Sie Bandit, Sie Feigling, Sie Halsabschneider, Sie ...“

Ihm fällt nichts mehr ein. Er zittert vor Wut. Er steht da, und seine grünen Augen sind voller Hass. Dann spuckt er Bob Sloan vor die Füße, dreht sich um und geht ruhig nach hinten zu der einzigen Tür in der Mitte des Raumes.

„Hier geht’s wohl zum Jail, Sheriff, wie?“

Long hat inzwischen instinktiv nach dem Revolver gefasst, mit dem er offensichtlich nichts mehr anzufangen weiß. Der unberechenbare Junge hat ihn irritiert und überrumpelt. Sloan weicht seinem Blick aus und dreht sich zum Straßenfenster. Das ist deutlich genug.

„Well, hier geht’s zum Jail", erwidert Long brummig und macht seinem Gefangenen die Tür auf.

Bob hört kurz darauf ein Eisengitter schlagen. Ein Schlüssel dreht sich.

Der Sheriff kommt zurück. Ben Holden hat kein Wort mehr gesagt.

„Das ist ja noch ein halbes Kind, Sloan.“

„Wenn er ein Pferdedieb ist, macht das keinen Unterschied. Sie wollten mich noch unter vier Augen sprechen, Sheriff."

„Natürlich! Und ich hoffe, dass ich nicht jedes Wort einzeln aus Ihnen herausquetschen muss. Wie war das nun?"

„So, wie ich’s erzählt habe."

„Ich weiß nicht recht, was ich mit Holden anfangen soll."

„Ich hab’s auch nicht gewusst. Aber Sie sind der Sheriff. Ich habe meine Pflicht getan."

„Ihre Pflicht! Ihre Pflicht! Sie reden zuviel davon, Sloan."

„Besser, als. wenn man sie mit dem Revolver ausüben muss. Das geht mich nichts mehr an, Sheriff. Ich glaube nicht, dass Sie von mir noch einen Rat brauchen."

Bob Sloan tippt mit dem Zeigefinger an den Hutrand, geht zur Tür und macht sie auf.

„Übrigens, der Torro ist ein Klassegaul, wie Sie bemerkt haben werden. Bringen Sie ihn gut unter, solange es nötig ist. Für den Hafer können Sie mir eine Rechnung schreiben. Das bisschen will ich wohl übernehmen.“

„Das bisschen - by Gosh, Sloan, Sie sind fast ein Rätsel wie dieser Bengel.“

„Schon gut, ich meine ja nur für den Fall, dass er kein Geld bei sich hat. Er macht nicht den Eindruck, als ob er über ein geregeltes Einkommen verfügt."

„Nein, den macht er nicht. Aber ich glaube, dass er Ihnen das alles nicht danken wird.“

„Damit rechne ich auch nicht."

„Eher wird er Sie umbringen, Sloan."

„Hm, Sie veruchen es aber mit allen Tricks, Sheriff."

„Als ich ihn einschloss, hat er ganz leise etwas vor sich hingemurmelt. Er hasst Sie. Sloan. Und er wird Ihnen ein Messer zwischen die Rippen jagen, sobald er wieder frei ist. Das hat er gesagt. Ich bin Ihnen wohl schuldig, dass Sie das wissen.“

„Danke, Sheriff! Gut, dass ich es weiß. So long dann!"

„Die Rechnung für den Hafer kann ich jetzt wohl streichen?"

„Wie kommen Sie darauf?“

Bob Sloan geht zur Haltestange und bindet sein Pferd los. Sheriff Long steht noch eine Weile in der Tür und sieht ihm nach, bis er hinter dem nächsten Knick nach Nordwesten verschwunden ist.

 

*

 

Bob Sloan ist nicht von gestern.

Er denkt nicht an Nebensächlichkeiten. Nicht einmal an Billy Prewitt, der zu Hause sitzt und den Corralzaun hinter dem Wohnhaus repariert. Er denkt nicht an Rinder, nicht an die Ernte.

Bis zur Ranch sind es knapp acht Meilen. Sie liegt am anderen Ufer des Apishapa River. Der nächste Weg führt über den Westrand des Tahopi-Plateaus auf der alten Poststraße. Für drei Meilen wenigstens. Dann muss er links abbiegen.

Am Nachmittag war er schon einmal so weit. Dann kam ihm die Sache mit Ben Holden dazwischen.

Den Hafer werde ich für Torro zahlen, denkt Bob. Mehr kann ich nicht tun. Wenn die Kendal-lLeute Pferdediebe jagen, hält man sich am besten 'raus aus der Angelegenheit. Kendall ist der Stärkste zwischen El Moro und Timpas. Der hat seinen eigenen Kopf. Und seine Reiter bilden sich ein, sie müssten auch einen eigenen Kopf haben. Ron Lighton denkt zu viel, und bei Al Turner weiß man nie, was er im nächsten Moment tut. Anscheinend denkt der gar nicht, sondern handelt einfach.

Bei Burnes’ Steinhaufen stehen keine Pferde mehr. Auch die Colts wurden inzwischen bestimmt abgeholt.

Es hat keinen Sinn, bei Burnes vorbeizureiten und zu fragen, ob jemand dagewesen ist. Burnes ist schwerhörig. Man muss sich immer heiser schreien, wenn man mit ihm spricht, und meist versteht er trotzdem nicht, was man sagt.

Bob Sloan erreicht das ausgetrocknete Bett des Tahopi Creek. Hier fällt das Wasser in die Senke, solange es Regen gibt. Aber nicht im Sommer.

Das erste Geräusch überrascht ihn. Die Gefahr ist da, bevor er sie erkennt. Ein Gegenstand klatscht auf Kings Rücken. Der bäumt sich wiehernd auf.

Drei Schritte vor ihm peitschen Schüsse auf. Es blitzt jedes mal, wenn der Hammer die Zündung auslöst.

Bobs Stiefel rutschen aus den Bügeln. Er liegt flach auf Kings Hals, rutscht herum nach unten und lässt sich fallen.

King weiß, wohin er treten muss. Und King rennt, schlägt Haken. Die Kugeln hinter ihm verirren sich im Wind.

Es ist Nacht.

Bob hört den Atem eines anderen. Zwei sind weit vor ihm und denken, er hängt in Deckung auf der Seite des Pferdes.

Eine Winchester knallt.

Aber der Atem des einen ist ganz nah. Was der denkt und sieht, weiß Bob nicht. Es sind auch Pferde in der Nähe.

Die mondlose Nacht wirft kaum einen Schatten. Ein paar Sterne blinken. Das Schwarze vor ihm ist ein Mensch.

Ein Stiefel scharrt. Der Klang der Schritte wird leiser. Irgendwo ist Moos, das die Geräusche verschluckt.

Ein Pferd wiehert.

Sie stehen links von ihm. Der Mann ist hingegangen. Dann kommt er wieder. Steht erneut dicht vor Bob Sloan und starrt nach Norden, wo die anderen ein lediges Pferd jagen.

Der Bursche flucht laut vor sich hin.

„By Gosh, dieser Dreckskerl! Sie haben ihn nicht...“

Es ist Ron Lightons Stimme.

Diese Bande hat sich etwas in den Kopf gesetzt.

Bob ist hinter ihm. Aufrecht und ganz nah. Lighton spürt das Eisen im Kreuz.

„Wen haben Sie nicht, Mister Lighton?"

Der Rothaarige zuckt zusammen, nur ganz leicht. Er führt die Bewegung nicht aus, zu der er instinktiv angesetzt hat. Sie kann den Tod bedeuten.

Dann fühlt er, wie sein Gürtel leicht wird. Zum zweiten mal an einem Tag hat der Zuwanderer seinen Colt geholt. Das kann nicht gutgehen ...

„Ich hab’ was gefragt!", sagt Bob und setzt mehr Druck hinter die Rechte. Lighton hat die Hände oben, weicht ein Stück mit der Hüfte aus und dreht sich um.

„Sloan, wenn ich mich nicht irre, hm?"

„Jetzt sagen Sie bloß, es war reiner Zufall. Das glaube ich dann aufs Wort."

„Mir egal, was Sie glauben. Mit Ihnen hat keiner gerechnet."

„Natürlich nicht. Sie waren der Meinung, ich reite über El Moro nach Hause, wie?“

„Wir haben auf Holden gewartet. Sonst nichts. Holden kriegt ’ne Abreibung, da können Sie gar nichts machen, Kansas-Mann.“

„Und Holden hat Ihnen gesagt, er würde wieder vorbeikommen. Genau hier, wo Sie ihn hängen wollten. Sie lassen sich wohl von einer alten Frau die Karten legen, wie? Außerdem kann Holden nicht kommen."

„So, er kann nicht?"

Lighton lauert wie ein Schakal, der sich ein fertiges Gericht abholen will.

„Ich habe ihn weggeschafft. Wenn Sie etwas gegen ihn vorzubringen haben, melden Sie es dem Sheriff. Der wohnt in Thatcher, falls Sie’s vergessen haben sollten. Der macht alles, wie es sich nach dem Gesetz gehört."

„Das Gesetz steht hier", sagt eine Stimme hinter Bob. Die Nacht ist eine Weile ganz still. Doch die Weile ist zu kurz, um was Brauchbares draus zu machen.

Die Stimme gehört Turner, dem Mann, der erst handelt, bevor er denkt. Der dann schießt und immer noch nicht denkt.

„Nimm sie hoch“, sagt Turner, „und lass das Eisen fallen.“

Es geschieht alles so, wie er es will. Noch redet er.

Lighton schnappt seinen Revolver und den anderen dazu.

Bob steht zwischen zwei Männern, von denen der eine gefährlicher ist als der andere. Den gefährlicheren hat er im Rücken.

„Dreh dich um!“, befiehlt Turner.

Noch redet er.

Obwohl er eine 45er Remington in der Hand hält.

„Hast du gehört, Kansas-Mann, wer das Gesetz ist? Dann sag’s!"

„Blödsinn!", hört er sich sagen. „Der Bengel ist nicht da. Sie brauchen also kein Theater für Kinder aufzuführen. Wenn Sie aber absolut nicht wissen, Turner, wer das Gesetz ist, dann legen Sie mich um. Das Gesetz wird sich dann um Sie kümmern, und Sie werden es merken!"

Turner schießt nicht, er lacht. Etwas rau und gequält. Aber er lacht.

„Du willst Zeit gewinnen, Kansas-Mann, wie? Das klappt nicht. Hier steht die Zeit still. Wir hatten einen Pferdedieb zum Aufhängen. Jetzt haben wir dich."

„Sicher, auch so können Sie herausfinden, wer das Gesetz ist."

Er ist abgebrüht. Er reizt sie aufs Blut.

Das kann doch nicht wahr sein, denkt Ron Lighton verzweifelt. Der will doch nicht, dass wir ihn umbringen.

Und während er denkt, geht er um Bob Sloan herum, weil er dessen Gesicht sehen will.

Aber es ist dunkel, und man sieht höchstens das Weiße in den Augen.

Irgendwo ruft Henderson.

„Komm her! Hier sind wir!“, ruft Turner. Keiner wendet den Blick.

Aber dann ...

Als Henderson gelaufen kommt, wiehert hinter ihm ein Pferd. Es ist King.

Jetzt drehen sie die Köpfe. Da schnellt Bob vor. Zwei Fäuste treffen. Die linke auf die Schusshand, die rechte in den Magen.

Turner stöhnt und klappt zusammen.

Lightons Revolver donnert.

„Idiot!", schreit Turner. „Willst du mich ...?"

Der Rest der Frage fällt Bobs zweitem Treffer zum Opfer. Der Schlag schmerzt auf beiden Seiten. Beide schlucken es herunter.

Turners Kopf hat sich nach links gedreht wie eine Schwingtür, gegen die ein Stiefel tritt. Bob hat das Gefühl, gegen eine Felswand geboxt zu haben.

Turner strauchelt.

Lighton steckt den Colt weg und will einen Hechtsprung machen. Sein Missgeschick ist Sloans Verbündeter.

Die Leine an Lightons rechtem Bein hat sich gelöst. Das Halfter gerät zwischen die Beine. Lighton stolpert, will sich fangen. Aber sein eigener Schwung ist so stark, dass Sloan ihm nicht entgegenzukommen braucht.

Bob zieht mit der voll einsatzfähigen Rechten einen Haken hoch. Lighton fällt genau hinein, wirbelt um die eigene Achse und schlägt dumpf auf den Rücken.

So stürzt einer, der nicht mehr Herr seiner Sinne ist...

Turner ist wieder hoch. Hinter ihm kommt Henderson heran. Der sieht noch nicht klar. Also erst Turner.

Der kommt schon von selbst, wirbelt beide Fäuste wie Dampfhämmer. Einen deckt Bob ab, den anderen muss er nehmen.

Er rutscht aus, taumelt.

Wieder braust Turners Schatten durch die Nacht heran.

Der Bursche wittert den Vorteil. Er braucht nur noch hineinzudreschen in das angeschlagene Bündel. Ehe Sloan sich fangen kann, wird er ganz fertig sein.

Turner denkt und rechnet nicht. Er hat das Auge eines Falken und die Tatzen eines Grizzlybären. Er braucht nur seinen Körper arbeiten zu lassen.

Aber Sloan denkt.

Den Schwung ausnutzen!

Zurück kann er nicht. Hoch kann er nicht. Er kann sich nur noch fallen lassen.

Das tut er wie eine Katze. Mit eingezogenem Kopf. Zuerst schlägt die Schulter auf den Stein. Die Beine kommen hoch. Er zieht die Knie an die Brust und tritt in Richtung Turner aus.

Al Turner fällt aufs Gesicht.

Unter dem Gesicht ist nackter Fels. Turner vergisst den Schmerz. Sein Hass ist größer. Er kommt auf die Knie und die Hände. Das ist alles zu langsam.

„He, was ist los?", schreit Henderson.

Er steht dicht vor ihnen und kann nichts erkennen. Seine Frage macht alles nur noch schlimmer für die Kendallmänner. Sloan erkennt seinen Vorteil, und er ist dicht neben Lighton, der immer noch wie ein gefällter Baum daliegt.

Er fühlt den Gürtel. Noch ein Griff, und er hat den Colt. Spannt den Hammer, drückt ab. Ein Warnschuss!

„Keine Bewegung, Gents! Und hoch damit! Ich werde Ihre Schatten zählen.“

Bob sitzt noch in der Hocke neben Lighton und tastet weiter. In der Tasche findet er den eigenen Revolver. Der ist ihm lieber. Er tastet noch nach Lightons Kopf und fühlt den rauen, roten Bart. Kein Muskel reagiert in Lightons Gesicht.

Bob Sloan steht auf, geht um die Männer herum und sammelt die Revolver. Er macht es geschickt, obwohl er sonst andere Arbeit zu verrichten pflegt.

„Sie werden sie unter dem Baum wiederfinden, Turner! Sie wissen, welchen ich meine. Kann sein, dass sie auch etwas auseinanderliegen, aber den Vorsprung brauch ich. Und dann kümmern Sie sich lieber um Lighton als um fremde Leute."

Er pfeift King heran, der durch sein Wiehern längst verraten hat, dass er okay ist. Dann steigt er in den Sattel und reitet an.

„Beeil dich, King! Die Burschen sind irre vor Wut. Vielleicht laufen sie erst zu den Pferden und holen ihre Büchsen, bevor sie sich um Lighton kümmern."

King streckt sich, findet das Loch im Hang, das der Creek gespült hat, und ist schnell in der Ebene.

Unter dem Baum lässt Bob die Revolver fallen. King behält sein Tempo bei. Sie werden ihn nicht kriegen. Sie werden nicht wagen, ihn bis zum Apishapa River zu verfolgen.

Dort ist er der Herr.

Denkt Bob Sloan.

Jeder wäre überall der Herr, wenn überall das Recht wäre.

Aber was sagt Al Turner dazu?"

Und George Kendall?

 

*

 

King findet die Furt im Fluss.

Er geht langsam. Er kennt das tückische Geröll, das ihm vor einem halben Jahr eine Zerrung im rechten Vorderlauf beigebracht hat.

Vor einem halben Jahr waren sie noch neu hier. Bob, King und auch Billy Prewitt.

King gewinnt das Ufer und stemmt sich den Steilhang hoch. Dann sehen sie das Haus. Zweihundert Yards hinter dem River steht es. Daneben der Stall und ein kleiner Werkschuppen mit der Schmiede.

Links der Corral.

Es ist warm, und King wird draußen bleiben.

Bob geht aus dein Sattel, schnallt ihn los und hängt ihn über die Schulter. Als er aus dem Stall zurückkommt, steht ein Strich Mondlicht über dem Wald. Es ist weit nach Mitternacht, und es geht auf Neumond zu.

Bob schiebt die Balken zurück und lässt King einlaufen. Der Braune wiehert und wartet noch. Er braucht noch einen Klaps auf die Hinterhand. Den Gute Nacht-Gruß.

Bob tätschelt ihn, dann geht er los, läuft eine Runde und schnappt hier und da nach ein paar Grashalmen. Es ist Spielerei. Er ist satt und braucht nichts mehr. Sein Wasser hat er unterwegs im Fluss getrunken.

Bob geht ein Stück den Zaun entlang. Mit jedem Schritt wird das Mondlicht heller.

Er sieht, was Bill geschafft hat. Der Junge ist fertig geworden. Er hat eine flinke Hand, und auch eine sichere. Er muss nicht erst zweimal zugreifen, bevor eine Sache sitzt. Er hat auch ein gutes Auge. Bevor Bob ihm sagt, dass dieses und jenes zu tun ist, hat er es selbst gesehen.

By Gosh, Billy!

Andere Kleinrancher haben drei Hands im Haus und auf der Weide. Aber wenn die drei das schaffen wollen, was Billy schafft, dann müssen sie gut sein.

Bob Sloan sieht noch einmal nach dem silbernen Mond, der jetzt zur Hälfte über der Wipfellinie des Waldes steht. Dann dreht er sich um und geht ins Haus.

Gut, dass er so zufrieden über Billy nachdenken konnte. Das lenkt ab und beruhigt. Es wird Zeit, dass er auf andere Gedanken kommt. Die Arbeit wartet nicht.

Bob hat noch Hunger.

Er zündet die Kerosinlampe am Herd an. Bill hat Holz nachgelegt. Die Platte ist noch heiß, und er kann einen Topf Bohnen warm machen.

Dann findet er den Zettel auf dem Tisch. Billy Prewitt hat eine Handschrift wie ein Schulmeister.

„Habe noch im Porkling Valley zu tun. Bin bis Mitternacht zurück. Schlaf gut! Bill."

Bob zieht die Nickeluhr an der Kette heraus und sieht sie sich genau an. Sie sagt ihm das, was er schon selber weiß. Und was der Mond verraten hat.

Für eine Weile hockt er auf dem Strohsack seines Bettes, legt sich aber nicht hin, macht nicht einmal den oberen Hemdknopf auf. Dann ist er wieder auf den Beinen, steht in der Tür und lauscht in die Nacht.

Kein Huftritt.

Es ist eins durch ...

Gesichter tauchen vor ihm auf. Nicht wirkliche Gesichter. Gesichter vom Abend und vom Nachmittag.

Ein Baum und ein Ast mit einem Strick daran. Der Junge auf dem schwarzen Pferd. Das Weiße in seinen Augen.

Wie er vor ihm ausspuckt ...

„ ... der Hafer geht auf meine Rechnung, Sheriff."

Das Recht bin ich, sagt eine Stimme hinter ihm.

„Er wird Sie umbringen, Sloan!"

Sheriff Long ist einer von den Oldtimern. Dem macht keiner ein X für ein U vor. Von einer Drohung spricht er nur, wenn er sie selber ernst nimmt. Aber Ben Holden steckt im Jail.

Die Kendall-Männer stecken nicht drin. Nur, so schnell konnten sie nicht sein.

Es ist alles Unsinn. Er sieht Gespenster.

Jetzt hört er den Reiter. Der Hufschlag ist das einzige Geräusch in der Nacht. Es kommt genau von Westen. Ein einzelnes Pferd.

Im Westen liegt das Porkling Valley.

Es ist Bill mit seinem Schecken. Er rutscht aus dem Sattel, federt auf den angewinkelten Beinen, wirft sich herum und hat die Hand am Sattelgurt. Ein Ruck, die Schnalle ist los. Noch zwei Handgriffe und der Sattel hängt auf dem Pfosten.

Bill hat Bob längst gesehen, aber erst macht er die Arbeit. Dann wundert er sich.

„By Gosh, Boss, du wirst doch nicht nachtwandeln! Fünf Stunden Schlaf brauchst du, hat Doc Lansdale gesagt. Du gehörst längst in die Falle."

„Was war im Porkling Valley?", fragt Bob Sloan. .Du wolltest bis Mitternacht zurück sein.“

„So? Muss ich neuerdings über jede Minute meiner Arbeit Rechenschaft ablegen?“

„Rede kein dummes Zeug, Billy! Ich fand deinen Zettel... Ist alles klar?“

„Terry hat mich hergeholt. Um neun kam er an und kläffte um meine Beine herum wie eine Furie. Die letzten Longhorns kalben jetzt. Wurde Zeit bei der einen.“

„Wir haben in drei Tagen damit gerechnet.“

Bill Prewitt zuckt mit der Schulter.

„Der Mensch kann sich irren. Und morgen wird’s wohl weitergehen. Einer von uns müsste jetzt draußen bleiben. Was meinst du?"

„Ganz recht. Reite nur, Bill. Ich mach das bisschen zu Hause schon."

Prewitt steht am Herd.

„Noch mal Bohnen? Nachthunger, wie?“

„Ich bin gerade erst gekommen", sagt Bob, und Bill schnuppert.

„Whisky? Saloon? Mädchen? Mein Boss wird noch leichtsinnig auf die alten Tage, wette ich. Vertrink bloß nicht unser Geld, bevor wir’s verdient haben."

„Unser Geld?“

Die Frage klingt merkwürdig scharf. Jetzt endlich merkt Bill, dass Bob gereizt ist.

„Entschuldige, Boss! Wem’s gehört, weißt du selbst am besten. Ich wollte dir nicht zu nahe treten. Aber das Geld interessiert mich doch."

„Ich hab’s in der Tasche. Fünf Bullen werden bar auf den Tisch finanziert. Im nächsten Jahr haben wir eine richtige Herde, Bill. Wir werden keine Kleinrancher mehr sein, die man an die Seite drückt und vor denen man ausspuckt.“

Jetzt wird er sonderlich, denkt Bill. So hat er nie im Leben geredet. Er war nie neidisch auf die anderen, die mehr hatten. Er wusste immer, dass er eines Tages genau soviel besitzen würde, wie er für richtig hielt.

„So, du hast das Geld?"

Die Frage klingt gedehnt und misstrauisch. Bob zieht es aus der Tasche und blättert es auf den Tisch.

„Hier, zähl nach!"

„Ich habe dein Geld nie nachgezählt. Und ich werde mich hüten, es jemals zu tun. Du bist der Boss, und du bist selber schuld, wenn deine Kasse mal nicht stimmt.“

„So wird’s sein."

Damit dreht Bob sich zum Herd und nimmt die Bohnen von der Platte. Bill reicht ihm einen Teller und einen Löffel vom Regal und setzt sich daneben.

„Guten Appetit!"

„Danke, Billy!"

„Jetzt erzähl mal!"

„Was soll ich erzählen?“

„Whisky war’s wohl nicht. Das könnte ich riechen. Und wenn ich dich ansehe, war’s ’ne Schlägerei. Also doch im Saloon gewesen, hm?"

Bob Sloan sagt nichts, weil er die Bohnen isst. Bill spinnt den Faden weiter.

„Ich hätte nie geglaubt, dass du dich für so was hergibst."

Er will ihn damit nicht kränken. Er will nur, dass Bob endlich redet. Und er weiß, dass man ihn nur so aus der Reserve locken kann.

Als er fertig ist, steht er auf und zieht den singenden Topf Wasser von der heißen Stelle, öffnet die Ofenklappe und setzt sich wieder.

Das flackernde Feuer wirft bizarre Schatten in den großen Raum. Rot und unruhig liegt es auf ihren Gesichtern.

Bob starrt ins Feuer.

„Was meinst du, Bill, wer hier im County das Recht hat?“

Zuerst sagt Bill gar nichts, weil er den Freund ansehen und herauskriegen muss, ob die Frage im Ernst gestellt ist. Dann:

„Jeder hat natürlich sein Recht.“

„Well, und wer übt es aus?“

„Das Council, der Friedensrichter, der Marshal. Natürlich auch Sheriff Long, um den nicht zu vergessen. Bist du jetzt zufrieden?"

„Und was ist mit George Kendall?"

„By Gosh, Bob! Hast du dich mit denen vielleicht geschlagen?"

Billy Prewitt ist aufgestanden und beugt sich über den Tisch.

Und weil Bob wieder nichts sagt und am letzten Bissen kaut, schiebt Bill sich noch mehr über die Platte.

„Du sagst nichts. Also habe ich recht... Bisher habe ich immer geglaubt, du bist gescheiter als die anderen, die sich von den kleinen Frechheiten dieser Kerle reizen lassen. Und dann ziehen sie den kürzeren. By Gosh, Bob, was willst du gegen den großen George Kendall unternehmen?"

„Ich? Gar nichts! Er soll mich zufrieden lassen."

„Er lässt keinen zufrieden. Wenigstens seine Leute nicht. Er selbst ist viel zu clever, sich offen einzumischen. Und wohl auch zu vornehm. Und du warst bis heute clever genug, seinen Leuten aus dem Weg zu gehen. Yeah, der Himmel stehe uns bei, wenn wir hier unseren Frieden nicht behalten! Du hast dein ganzes Geld in dieses Land und dieses Haus gesteckt.“

„Dazu 5.000 Dollar, die mir ein gewisser Billy Prewitt geliehen hat!"

„Davon rede ich jetzt nicht“, entgegnet Bill barsch. „Aber jetzt sag endlich was! Hast du dich mit ihnen geschlagen?“

„Ich hatte das Geld von der Bank geholt und ritt nach Hause. Auf dem Tahopi-Plateau sah ich eine Gruppe Männer, die sich ganz komisch benahmen. Ich ging aus dem Sattel und schob mich hinter die Felsen am trockenen Creek..."

So kommt Bob Sloan ins Erzählen und hört nicht eher auf, als bis Bill Prewitt über jede Sekunde Bescheid weiß, die seitdem verstrichen ist.

Bill hat ihn mit keinem Wort unterbrochen, und als Bob fertig ist, sagt er immer noch nichts, sondern guckt starr in das Feuer des offenen Steinofens.

„Well, und jetzt sage mir, was ich falsch gemacht habe!“

„Du bist der Kleinrancher Bob Sloan. Das ist das Falsche an dir! Ich habe ja gewusst, dass sie uns eines Tages kriegen werden. Du hast Kendall das Land vor der Nase weggekauft, als er auf die Idee kam, seine Weiden über den Apishapa auszudehnen."

„So wird es sein. Aber jetzt sitzen wir nun mal hier, und ich denke, wir werden bleiben. Was meinst du, Bill?"

„Wenn du denkst, ich würde mir jetzt ’ne Extrawurst braten, dann weißt du noch immer nicht, wer Billy Prewitt ist. Ich würde an deiner Stelle schlafen gehen.“

Sie legen sich hin. Ihre Betten stehen in einem kleinen Nebenraum ganz dicht zusammen. Nur ein schmaler Gang ist dazwischen.

Bob wirft sich lange hin und her, weil er nicht einschlafen kann. Bill geht es genauso. Er regt sich aber mehr über Sloans Unruhe auf.

„Mann, du bist heute nervös wie ein junges Mädchen vor der Verlobung. Kannst du nicht endlich ruhig liegen?“

„Ich denke gerade darüber nach, ob wir noch einen Mann bei uns gebrauchen können.“

„Wenn er was taugt. Warum nicht? Weißt du einen?"

„Benny Holden."

Jetzt wird er verrückt, denkt Billy Prewitt. Aber er sagt nichts mehr. Er will nur noch schlafen.

 

*

 

Sheriff Long ist noch nicht einmal rasiert.

Er wohnt im Office. Er ist Junggeselle. Wo könnte er also billiger wohnen, als in einem Haus, das das Council bezahlt?

Er hat gerade sein Hemd angezogen, als es an der Außentür klopft. Er hat eine lange Nacht gehabt. Es ist spät geworden. Auch mit dem Aufstehen. Danach ist seine Laune.

„Wer ist da?", schreit er mürrisch.

„Sloan, Sheriff! Ich muss Sie sprechen.“

„Mitten in der Nacht?"

„Wenn Sie die Nacht zum Tage machen, haben Sie recht. Aber denken Sie an meine acht Meilen. Ich bin auch nicht gerade ausgeschlafen.“

„Schon gut! Warten Sie!"

Er braucht noch eine Minute für die Morgentoilette. Er wirft sich drei Tropfen Wasser ins Gesicht, steckt das Hemd in die Hose, schnallt den Gürtel um und fährt sich mit den Fingern durch die Haare.

„Well, kommen Sie herein!", grunzt er mürrisch und öffnet die Tür.

„Danke, Sheriff. Guten Tag!“

„Guten Morgen!", sagt Long mit Betonung. „Setzen Sie sich! Kommen Sie in der Sache von gestern?“

„Ganz recht. Wegen Ben Holden."

„Haben Sie sich’s überlegt? Werden Sie mir die Namen nennen?"

„Was für Namen?"

„Zum Teufel! Sie gehören zur intelligenten Sorte, Sloan. Wenn Sie sich dumm stellen wollen, können Sie verschwinden. Sie haben mich im Schlaf gestört."

„Ich stelle mich nicht dumm. Ich bleibe bei dem, wras ich gestern gesagt habe.“

„Aber ich brauche eine Anzeige! Verstehen Sie? Eine Anzeige mit Ihrer Unterschrift. Ich kann Holden hier nicht festhalten, weil eines Tages jemand kommen könnte, der etwas gegen ihn hat."

„Seiner Entlassung steht also nichts im Wege? Es war keiner da, der ihn des Pferdediebstahls anklagt?"

„Natürlich nicht! Es war keiner da. Nur dem Pferd habe ich schon zweimal Futter gegeben.“

„Hoffentlich hat Holden auch was mitbekommen.“

Long gähnt ihn wütend an.

„Was wollen Sie, Sloan? Reden Sie!"

„Den Jungen!“

Die zwei Worte machen den Sheriff endgültig wach.

Er starrt den Kansas-Mann an, mustert ihn von oben bis unten. Dann setzt er sich hinter seinen Schreibtisch und wird offiziell.

„Sie haben ihn gebracht. Sie können ihn auch abholen. Well, Sloan. Aber seit wann sind Sie lebensmüde? Jeder kennt Sie im County und weiß, wie Sie zupacken können. Sie sind kein Selbstmörder."

„Davon ist auch gar nicht die Rede."

„Aber Sie sind vergesslich. Oder... natürlich, Sie nehmen mich nicht ernst. Sie haben gedacht, der alte Long spinnt. Der ist schon zu lange im Amt. Der sieht kleine Männchen an der Wand, wie?"

„Sie meinen die Drohung, Sheriff. Ich habe sie nicht vergessen.“

„Sie haben sie nicht gehört. Nicht, wie Holden es sagte. Und wenn ich es Ihnen weiterbringe, klingt das wohl nicht überzeugend. Er macht Sie tot, Sloan. Lassen Sie die Finger von dem Jungen! Reiten Sie weg, und ich verspreche Ihnen, ich lasse ihn eine halbe Stunde später laufen."

„Ich möchte ihn sehen, Sheriff!"

„Well, er sitzt hinterm Gitter. Sehen Sie sich ihn an. Vielleicht glauben Sie mir dann."

Long steht auf und nimmt die Schlüssel. Er geht nach hinten. Sloan folgt ihm durch die knarrende Tür.

Benny liegt zusammengerollt hinten auf der Pritsche. Wie ein junger Jaguar. Seine stechenden Katzenaugen linsen über den vorgelegten Unterarm hinweg. Er rührt sich nicht.

„Hallo, Benny!"

Er rührt sich nicht.

„Hallo, Benny! Jeder von uns hat eine Nacht hinter sich. Ich habe drüber nachgedacht. Über alles... über dich und so."

Zwei Zoll hebt der Bengel den Kopf und spuckt in Richtung auf das Gitter. Er kommt nicht ganz so weit, wie er gedadit hat.

„Das Spucken musst du noch lernen, Küken. Es gibt Leute, die schaffen die Entfernung.“

„Sie vielleicht, Mister!"

Er hat sich gerührt und den Kopf gehoben. Und er hat diesen Satz geschrien. Mehr nicht. Sofort hat er sich wieder zusammengekringelt.

„Ich nicht. Aber ich kenne einen, bei dem du es lernen kannst. Wenn du willst. Ich hätte aber was Besseres für dich."

Wieder macht Bob eine Pause.

Irgendwann muss der Junge doch neugierig werden. Der kann doch nicht immer mit diesem Hass in den Augen herumlaufen.

Beide sehen diese Augen. Der Rancher und der Sheriff.

„Wo die Erziehung gefehlt hat“, sagt Long, „können Sie bei einem achtzehnjährigen Landstreicher die Versäumnisse nicht in ein paar Minuten wiedergutmachen, Sloan. Geben Sie’s auf! Reiten Sie nach Hause! Ich bring ihn an die Grenze, und wehe, er lässt sich hier noch einmal blicken!"

„Für den Fehler haben Sie immer noch Zeit, Sheriff. Wollten Sie sich vorhin nicht rasieren? Ich schlage vor, Sie lassen uns für ein paar Minuten allein."

Long überlegt eine Weile. Dann nickt er und will verschwinden.

„Den Schlüssel noch", ruft Bob, „den Schlüssel für die Zelle!"

„Das ist ein Raubtier, Sloan. Da lass ich Sie nicht hinein!“

„Holden geht Sie nichts mehr an, Sheriff. Sie müssen gleich sowieso aufschließen. Und da er für Sie ein Raubtier ist, lassen Sie mich das lieber machen. Ich bestehe darauf!"

Longs Schädel bewegt die wenigen grauen Haare hin und her. Wie Sloan das gesagt hat, ist es zwingend. Er tut ihm den Gefallen.

Er wirft sie.

Bob fängt sie.

Dann schlurft Long hinaus. Man hört die müden, latschigen Geräusche. Er trägt noch Hausschuhe und keine festen Stiefel.

Die Tür klappt.

„Den sind wir los“, sagt Bob und öffnet das Schloss, zieht die Gittertür nach außen, hockt sich wieder auf den Holzschemel.

Keine Sekunde lang lässt er den Bengel aus den Augen.

Das geht eine Minute so, ohne dass einer etwas sagt.

„Ich hätte was Besseres für dich", fängt Bob wieder an. „Pferde!“

Jetzt macht Ben Holden die Augen auf.

Bob bemerkt es und findet die Reaktion günstig. Er redet weiter:

„Sie haben gesagt, du hättest Pferde gestohlen. Das ist eine Behauptung. Ich musste sie zur Kenntnis nehmen, und deshalb habe ich dich hierher gebracht. Aber heute Nacht musste ich über dich nachdenken. Ich hab’ dich wieder gesehen, wie du dich vor dein Pferd gestellt hast, wie du gesagt hast, dass ich dich an seiner Stelle erschießen soll. Du hast keine Pferde gestohlen, Benny. Das weiß ich genau. Wenn du Lust hast, reiten wir auf meine Ranch. Da ist noch Billy Prewitt und der Hund Terry. Und dann haben wir vier Pferde. Nicht viel... natürlich."

Sloan muss eine Pause machen. Nicht, dass er kurzatmig wäre. Aber lange Reden hat er nie gehalten. Und diese hier war schon sehr lang.

Im Augenblick fällt ihm auch nichts mehr ein. Er hat sowieso schon Ärger mit Bill, dass er diesen Jungen holen will. Bill kennt ihn nicht, sicher, doch aus den Erzählungen macht er sich ein Bild.

Du holst dir das Unglück auf die Ranch, hat Bill gesagt, als Bob weggeritten ist. Es ist noch früh gewesen. Ein bisschen Schlaf hat Bob im Sattel nachgeholt.

Jetzt sitzt er hier und will seinen Kopf durchsetzen. Er wird das Bild nicht los, wie Benny gestern vor seinem Schwarzen stand und die Arme ausbreitete.

Wer sich so für ein Tier aufopfert...

Plötzlich rutscht Benny von seiner Pritsche. Bob sieht, dass er barfuß ist. Der Saum seiner blauen, langen Hosen ist ausgefranst. In schmutzigen Fäden hängt er über die Knöchel.

Benny steht in der offenen Zellentür und hält sich an beiden Seiten an den Stangen fest.

Bob Sloan nimmt sein Messer.

„Hier, fang!", sagt er und schleudert es zu Benny hinüber. Der holt es mit einer Hand aus der Luft.

Vorläufig tut Ben Holden überhaupt nichts. Das Messer hat er unbeachtet eingesteckt.

„Komm jetzt!“, sagt Bob. „Formalitäten gibt es nicht zu erledigen. Wir gehen hinten hinaus. Da steht Torro.“

Ben Holden sagt kein Wort, aber er gehorcht. Nebeneinander gehen sie durch die Tür auf den Hof. Am anderen Ende liegt der offene Stall. Zwei Pferde stehen darin. Eins davon ist Torro.

„Du kannst ihn satteln", sagt Bob Sloan. „Gefressen hat er."

„Das sehe ich, Mister“, bemerkt Benny schnippisch.

Bob ist jetzt froh, dass er wieder redet.

„Bring ihn über den Seitengang hinaus, Benny! Wir treffen uns vor dem Office, wo ich King stehen habe."

Bob geht wieder ins Haus. Der Sheriff trocknet sich gerade das Gesicht ab.

„Alles klar", sagt Bob. „Hier sind Ihre Schlüssel. Die Sorge mit Benny sind Sie los.“

„Und Sie haben sie am Hals!“

Bob zuckt mit der Schulter. Abwarten, denkt er.

„So long, Sheriff. Falls doch noch jemand nach dem Jungen fragen sollte, bestellen Sie ihm, dass er bei mir ist. Es braucht sich keiner mehr um ihn zu kümmern. Benny ist kein Pferdedieb.“

„So long!", sagt Long erleichtert. Er ist froh, alles hinter sich zu haben.

Benny kommt aus dem Nebenweg. Er führt Torro am Zügel. Auf der Mainstreet sieht er sich nach allen Seiten um. „Yeah, Torrrooo!", macht er mit seiner hohen Stimme.

Torro dreht sich und schießt auf die Mitte der Straße und steckt die Nase in den Wind.

Sekunden später ist er nach Süden verschwunden.

Bob Sloan reitet nach Süden.

Warum, weiß er selbst nicht.

Ein Stück hinter Thatcher steigt das Gelände leicht an. Auf einer Bodenwelle stehen vier Kiefern. Dort hält Bob. Von hier aus kann er weit nach Westen sehen. Am Horizont ist der Kamm des Sangre de Christo auszumachen.

Keine Spur von Benny.

Was mag diese Wildkatze sich denken?

Was bildet sie sich ein?

Er kehrt um.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917703
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v414047
Schlagworte
rancher-rache

Autor

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Titel: Rancher-Rache