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Sternenschwester

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Der seit vielen Jahrzehnten bekannte und beliebte Westernautor John F. Beck beschreitet mit STERNENSCHWESTER Neuland – und zwar präsentiert er eine Sammlung von Märchen aus der indianischen Welt. Dieses Buch enthält folgende Erzählungen:
Sternenschwester
Blauvogels Lied
Wolfbruder
Lerchensänger
Sturmstute
In jeder Geschichte werden Kultur und Mythologie eines anderen Indianervolkes erzählt. Die Sprache ist poetisch und eindringlich zugleich. Die Geschichten eignen sich in beiden Maßen für Alt und Jung – und sie enthalten viele mythische Elemente, die jede einzelne dieser Erzählungen zu einem ganz besonderen Juwel machen. John F. Beck hat mit STERNENSCHWESTER ein wunderbares Buch geschrieben, dessen Inhalt bei den Lesern noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Sternenschwester

Klappentext:

Sternenschwester

Blauvogels Lied

Wolfbruder

Lerchensänger

Sturmstute

JOHN F. BECK

 

Sternenschwester

 

Indianische Märchen

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Elina Zolotareva/123RF, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Der seit vielen Jahrzehnten bekannte und beliebte Westernautor John F. Beck beschreitet mit STERNENSCHWESTER Neuland – und zwar präsentiert er eine Sammlung von Märchen aus der indianischen Welt. Dieses Buch enthält folgende Erzählungen:

Sternenschwester

Blauvogels Lied

Wolfbruder

Lerchensänger

Sturmstute

In jeder Geschichte werden Kultur und Mythologie eines anderen Indianervolkes erzählt. Die Sprache ist poetisch und eindringlich zugleich. Die Geschichten eignen sich in beiden Maßen für Alt und Jung – und sie enthalten viele mythische Elemente, die jede einzelne dieser Erzählungen zu einem ganz besonderen Juwel machen. John F. Beck hat mit STERNENSCHWESTER ein wunderbares Buch geschrieben, dessen Inhalt bei den Lesern noch lange in Erinnerung bleiben wird.

 

 

 

 

Sternenschwester

 

 

 

In jenen Tagen, als noch kein weißer Mann mit Feuerrohr und mit Fallen beladenem Packpferd durch das Land der Lakota zog, lebte am Großen Antilopenfluss eine alte, weise Frau, Flussfrau genannt. Die Kranken und Ratsuchenden aller Stämme in weitem Umkreis fanden Hilfe bei ihr. Denn sie kannte alle Kräuter und Wurzeln, Blüten und Blätter, die der Große Geist wachsen ließ, um Krankheiten und Verletzungen zu heilen oder zumindest zu lindem. Mehr noch: Sie kannte die Herzen und Gedanken der Menschen, ihren Kummer, ihre Nöte, aber auch ihre Listen und ihre Gier.

Kein Krieger und keine Squaw gingen ohne Dank von ihr fort. Sie versorgten Flussfrau mit allem, was sie für ihr Leben weit weg von den Dörfern und Jagdlagem benötigte: Büffel- und Antilopenfleisch, Stein und Knochenwerkzeug, Decken und Felle, Brennholz und getrockneten Büffeldung für denselben Zweck.

Flussfrau hauste in einer, in den mit Gras bewachsenen Hang gebauten Hütte ein Stück oberhalb des mit Pappeln und Weiden gesäumten Ufers. Ringsum dehnte sich baum- und strauchlose Prärie. Die Furt war nur einen Steinwurf entfernt. Kojoten und Antilopen kamen bei Tagesanbruch oder im Schein des Sonnenuntergangs hierher zur Tränke. Sie wussten genau, dass sie von Flussfrau nichts zu fürchten hatten. Nachts rief die Eule in den Pappelwipfeln. Am Tag zirpten die Grillen im sommergelben Gras. Sonst herrschte nur Stille, ausgenommen der Wind spielte übermütig im grün belaubten Zweigwerk oder Hufschlag kündete Besuch von weither an. Doch Flussfrau fühlte sich nicht einsam. Die Bäume, das Gras und der Fluss, die Sonne, der Mond und die Sterne, das waren ihre Freunde und Verwandten.

Eines Tages kam ein junger, von Liebeskummer geplagter Hidatsa-Krieger am Fluss entlang, um von Flussfrau Rat zu erbitten. Sein Name war Pferd läuft im Wind. Als er seinen Schecken den sanft ansteigenden Hang hinauflenkte, wunderte er sich, dass aus der Öffnung im Erddach der Hütte kein Rauch stieg. Keine Bewegung zeigte sich im Eingang. Die Decke, die als Vorhang diente, war zur Seite gebunden, die Dämmerung dahinter für die an das grelle Sonnenlicht gewöhnten Augen des jungen Mannes undurchdringlich.

Als er die Zügel straffte und das Stampfen der Hufe aussetzte, lag hitzegesättigtes Schweigen über dem Land. Die Sonne stand im Zenit. Kein Lufthauch ließ die dürren Halme des Büffelgrases knistern. Keine Grille zirpte.

„Höre mich, Flussfrau! Hier ist Pferd läuft im Wind vom Wasserschlangen-Clan der Hidatsa, der deinen Rat sucht und dir Geschenke bringt.“

Die Stille war geisterhaft. In dem Erdbau rührte sich nichts. Auch nicht, als Pferd läuft im Wind sein Pony bis zum Eingang lenkte. Schließlich überwand er sich, saß ab und betrat den dämmrigen und kühlen Raum. Die Glut in der mit Steinen ummauerten Feuerstelle war längst erloschen. An den Stützpfählen hingen Felle, Gerätschaften und Kräuterbüschel.

Es dauerte eine Weile, bis Pferd läuft im Wind die reglose Gestalt auf dem Felllager im Hintergrund sah. Schlohweißes Haar umrahmte Flussfraus faltenzerfurchtes Gesicht. Ihre Augen standen offen. Als der junge Hidatsa sich über sie beugte, sah er gläserne Starre in ihnen. Hastig sprach er eine Beschwörungsformel, lief hinaus und schwang sich auf den Schecken. Sein erster Impuls war, im Galopp davonzujagen. Dann besann er sich, stieg wieder ab und schleppte Steine vom Fluss herauf, mit denen er den Eingang der Erdhütte verschloss. Auf dem Querbalken darüber brachte er das Zeichen des Todes an, sodass von nun an Flussfraus Heim ihre Grabstätte war.

Zwei Tage später lagerte eine Sippe der Wahpeton-Lakota auf dem Weg zu einem Stammestreffen an der Furt. Den meisten Mitgliedern war Flussfrau gut bekannt. Einige hatten selbst ihre Hilfe beansprucht, andere kannten Freunde und Verwandte, denen sie geholfen hatte. Betroffen standen sie vor der vermauerten Tür. Dann ehrten die Frauen sie einen ganzen Tag lang mit lauter Totenklage.

Von nun an verbreitete sich die Nachricht von Flussfraus Tod mit der Schnelligkeit eines Präriefeuers von Stamm zu Stamm, von Dorf zu Dorf. Überall herrschte Trauer, überall erhob sich Wehklagen. Doch die Furt am Großen Antilopenfluss blieb seitdem verlassen. Der Platz, den Flussfrau zur Heimat erwählt hatte, verwaiste. Nur der eine oder andere Jäger kam vielleicht einmal auf der Spur eines Wildes in die Nähe der Furt. Dann konnte es geschehen, dass er Flussfraus Geist am Ufer Wasser schöpfen und eine gespenstische Rauchsäule aus der Erdhütte steigen sah.

Aber es war nicht Flussfraus Geist, und es war der Rauch eines ganz gewöhnlichen Holz- oder Büffeldungfeuers. Denn Flussfrau lebte. Drei Tage und Nächte lag sie in todesähnlicher Starre auf ihrem Fellbett, von einer geheimnisvollen Krankheit niedergestreckt. Drei Tage benötigte sie dann, geschwächt wie sie war, um die mit Erde und Lehm verdichtete Steinmauer vor ihrer höhlenartigen Behausung abzutragen. Ein paar Tage mehr reichten ihre Wasser- und Lebensmittelvorräte. Dann war sie genesen, und an ihrer aufrechten Haltung und dem wachen Glanz ihrer Augen hatte sich nichts geändert.

Aber zum ersten Mal, obwohl sie die Sommer und Winter, die sie erlebt hatte, schon längst nicht mehr zählte, fühlte sie sich alt und schwach. Das Wasserholen am Fluss, das Kräuter-, Beeren- und Wurzelnsammeln erschöpfte sie in immer kürzeren Abständen. Und niemand mehr sorgte dafür, dass sie genug Brennholz für ihr Kochfeuer besaß. Das Land ringsum blieb menschenleer. In den Tipis der Lakota und Cheyenne, der Blackfeet und Chippewa erzählte man von Flussfrau wie von jemand, der vor langer Zeit gelebt hatte.

 

*

 

Eines Nachts wachte Flussfrau auf. Ein Lied, das sie im Traum vernommen, klang noch deutlich in ihren Ohren. Oder war es gar kein Traum gewesen? Eine klare, helle Stimme drang leise zu ihr. Es war eine nie gehörte wunderbare Melodie. Flussfrau verstand die Worte nicht, aber sie spürte, dass sie von Trauer und Einsamkeit sprachen. Als sie sich aufsetzte und dabei die Decken ein wenig raschelten, verstummte der Gesang sofort. So lange Flussfrau auch lauschte, sie hörte nur mehr den klagenden Ruf der Eule in den Pappeln am Fluss und in weiter Feme heulte ein Kojote.

Am Morgen fand die alte Frau vorm Eingang ein Bündel Reisig und in einem aus Schilf geflochtenen Beutel etliche Vogeleier. Niemand war zu sehen, und obwohl Flussfrau sich wie ein erfahrener Krieger aufs Spurenlesen verstand, konnte sie trotz allem Suchen keinen fremden Mokassinabdruck in der Nähe ihrer Behausung entdecken.

„Ich danke dir, Fremdling“, rief sie laut. In ihrem Herzen war Freude.

In der kommenden Nacht wurde Flussfrau wieder von dem wundersamen Gesang geweckt. So rasch, wie es ihre alt und steif gewordenen Glieder erlaubten, erhob sie sich und eilte zur Tür. Der Mond beschien den grasbewachsenen Hang, der Fluss glänzte silbrig zwischen den Bäumen, doch nirgends war auch nur die geringste Bewegung zu erkennen. Vor Flussfraus Füßen aber lag ein in einer Schlinge gefangener Präriehase.

„Ich danke dir, fremder Helfer“, rief sie diesmal. Und die Freude in ihrem Herzen durchpulste sie mit Wärme.

In der dritten Nacht schlief Flussfrau nicht. Kaum erklang wieder der zarte und traurige Gesang, da war sie schon bei der Tür und lupfte den schweren Büffelhautvorhang. In einem ausgehöhlten Wildkürbis blinkte das frisch vom Fluss geschöpfte Nass. Daneben lag ein Häufchen Brombeeren, die viele Meilen weiter oben am Fluss wuchsen, zu weit für Flussfraus alte Füße. Die Nacht war still, der Himmel sternenübersät. Nichts regte sich. Flussfrau trat ins Freie.

„Ich danke dir, fremder Freund. Wer du auch sein magst, du bist mir willkommen.“

Da erklang über ihr ein schluchzender Laut. Flussfrau wandte sich um und blickte nach oben. Auf dem mit Gras und Kräutern bewachsenen Hüttendach kauerte ein merkwürdiges Wesen, nicht Mensch noch Tier. Es war das hässlichste Geschöpf, das Flussfrau je zu Gesicht bekommen hatte. Es besaß einen unförmigen Schuppenleib mit einem Echsenschwanz. Die Gliedmaßen waren menschenähnlich, aber auffällig gekrümmt. Der Kopf war rund, das Gesicht platt, der Mund jedoch weich geschwungen und mädchenhaft. Und die Augen waren schöner als die Sterne im Hintergrund, die die schrecklich aussehende Gestalt wie ein Strahlenkranz umgaben: Voll von einem warmen goldfarbenen Glanz.

„Wer bist du?“, fragte Flussfrau.

„Ich weiß es nicht.“ Kein Mädchen, keine Frau hatte je mit so wohltönender Stimme gesprochen.

„Wie heißt du?“

„Ich habe keinen Namen.“

„Woher kommst du?“

„Von überallher wo es keine Menschen gibt. Sie fürchten und verfolgen mich.“

„Hier bist du sicher. Steig herab. In meiner Hütte ist Platz für uns beide.“

„Noch nie hat mich jemand willkommen geheißen.“

„Ich bin alt und schwach“, sagte Flussfrau lächelnd. „Und eigennützig. Ich kann deine Hilfe sehr wohl gebrauchen. Du schuldest mir also keinen Dank. Eher ich dir.“

Das Wesen auf dem Dach zögerte noch. „Wirst du denn meinen Anblick Tag für Tag, Monat für Monat ertragen?“

„Du redest Unsinn“, lachte Flussfrau. „Alles, was ich fürchte, ist, dass ich deinen Gesang nicht mehr missen kann. Ich werde dich Sternenschwester nennen. Denn schau, die Sterne bilden einen Reigen um dich, als gehörtest du zu ihnen.“

Da erhob Sternenschwester ihre Stimme zu einem Lied, in dem keine Trauer und Einsamkeit mehr waren, nur Jubel, sodass Flussfraus Herz vor Glück erzitterte. Von nun an lebten sie wie Mutter und Tochter in der Erdhütte am Großen Antilopenfluss. Flussfrau lehrte Sternenschwester alles, was der Große Geist ihr an Wissen über die Heilkräfte der Kräuter und Wurzeln, der Blüten und Blätter geschenkt hatte.

Sternenschwester erwies sich trotz ihrer plumpen Gestalt als geschickte Jägerin und Sammlerin. Keine Arbeit war ihr zu schwer, kein Weg zu weit, um für all das zu sorgen, was sie für ein gutes Leben in der nach wie vor menschenleeren Weite benötigten. Auch ihre Fingerfertigkeit war groß. Unter Flussfraus Anleitung nähte sie bald die schönsten Fellmäntel und Mokassins.

 

*

 

Die Tage wurden kürzer. Die Pappeln und Weiden am Fluss verloren ihr herbstgelbes Laub. Eines Morgens lag das Land unter einer dicken weißen Decke. Doch die Weidenkörbe in Flussfraus und Sternenschwesters Hütte waren mit getrockneten Beeren, Früchten und Pilzen gefüllt. An den Deckenstangen hingen schwere Streifen Rauch und Dörrfleisch, dazu Lederbeutel, gefüllt mit den Körnern vom wilden Mais, Kürbiskalebassen voll Honig und die üblichen Kräuterbüschel. Neben dem mehrfach verhängten Eingang stapelten sich Holzscheite und Büffelfladen, sodass die Glut in der Feuermulde nie zu verlöschen drohte. Mochten auch Schneestürme toben und frostklirrende Nächte manches Menschen und Tierherz zum Stillstand bringen, Flussfrau und Sternenschwester waren in ihrem Heim wohlgeborgen. Und kein Abend verging, an dem Flussfrau nicht Sternenschwesters wundersamem Gesang lauschte. Dann war ihr, als würde sie auf geheimnisvolle Weise zu den blinkenden Himmelslichtem emporgetragen, die in ihren Gedanken die Brüder und Schwestern ihres hässlichen Zöglings waren.

Längst nahm sie selbst Sternenschwesters schreckeneinflößendes Äußeres nicht mehr wahr, und darüber vergaß auch Sternenschwester, dass die Menschen einst in Panik vor ihr geflohen waren, Pfeile auf sie abgeschossen und Lanzen nach ihr geschleudert hatten. Sie lebte fröhlich und bewegte sich ohne Scheu. In ihren goldglänzenden Augen war das ganze Jahr hindurch Sommer.

Der Südwind brachte die Schneeschmelze. Bald prangten die Bäume am Großen Antilopenfluss in frischem Grün, und die Prärie verwandelte sich in ein leuchtendes Blumenmeer. Es war an einem warmen und windigen Nachmittag im Monat der wiederkehrenden Frösche, als Flussfrau jenseits des Flusses einen Reiter auf die Furt zukommen sah. Ihr erster Gedanke war, dass er auf keinen Fall Sternenschwester sehen durfte. Dann fiel ihr ein, dass Sternenschwester ja flussabwärts gewandert war, um nach den jungen Maispflanzen zu sehen, die dort in einer Niederung wuchsen. Flussfrau hoffte, dass sie lange genug fortblieb.

Reglos wartete sie vor ihrer Hütte. Es dauerte noch eine Weile, bis der Fremde zwischen den Bäumen am Ufer zum Vorschein kam und sein großes, pechschwarzes Pferd den Hang herauflenkte. Es war ein kraftvoll gewachsener Krieger, ganz in schmuckloses, aber kunstvoll genähtes Leder gekleidet. Der Wind bog seine Adlerfeder über dem rechten Ohr. Sein Gesicht war mit roter und schwarzer Farbe bemalt. Um den Hals trug er eine Kette mit Bärenkrallen. Bogen und Köcher hingen am Fellsattel. Im Gürtel steckte ein Tomahawk. Es waren nicht seine Waffen, die Flussfrau mit einer unbestimmten Furcht erfüllten, sondern sein Gesichtsausdruck, der, so steinern er auch sein mochte, ihr eine Mischung aus wilder Entschlossenheit und Verzweiflung verriet.

„Ich grüße dich, Flussfrau. In allen Dörfern, durch die ich kam, hieß es, dass du gestorben seist. Doch ich wollte mich selbst davon überzeugen.“

„Daran hast du recht getan.“

„Ich bin froh, dass ich dich gefunden habe.“

„Kenne ich deinen Namen?“

„Ich bin Kämpfender Bär von den Assiniboine.“

„Dein Stamm lebt weit im Norden. Ein langer Weg liegt hinter dir.“

„Es ist viele Monde her, dass ich an einem Assiniboine-Feuer saß, nicht nur, weil ich zu dir wollte.“

„Du wirst meine Hütte jedoch nicht mit der Farbe des Krieges in deinem Gesicht betreten.“

Kämpfender Bär presste die Lippen zusammen, dann glitt er schweigend vom Pferd, führte es zum Fluss hinab und band es mit einem langen Seil fest, damit es grasen und trinken konnte, wie es wollte. Als er zurück kam, hatte er die schwarzen und roten Streifen von Stirn und Wangen gewaschen, und obwohl er ein Krieger in bestem Mannesalter war, wirkte sein Gesicht jetzt fast so hohlwangig und zerfurcht wie das eines Greises.

Flussfrau erwartete ihn an ihrem Feuer. Sie bot ihm zu essen und zu trinken, aber er nahm nur wenige Bissen und wenige Schlucke zu sich. Und doch hatte er an diesem Tag gewiss noch keine Rast eingelegt.

„Was führt dich zu mir?“, fragte Flussfrau schließlich.

„Ich bin nicht ausgezogen, um einen feindlichen Stamm zu bekämpfen. Ein Ungeheuer bedroht mich. Ich muss es finden und töten, ehe es mich findet und tötet.“

„Ein Ungeheuer? Bist du sicher?“

„Ganz sicher.“

„Wenn du es erst suchen musst, woher weißt du dann, dass es dich bedroht?“

„Seit im letzten Herbst die Blätter fielen, sehe ich es jede Nacht im Traum.“

„Ein Traumgespinst.“

„Jede Nacht“, wiederholte Kämpfender Bär heftig. „Ich sehe es so deutlich, wie ich dich sehe. Ich weiß, dass es wirklich lebt und dass es meinen Tod bedeutet, wenn ich ihm nicht zuvorkomme.“

„Erzähle mir von ihm.“

„Es ist nicht Mensch, es ist nicht Tier. Sein unförmiger Leib ist ganz mit graugrünen Schuppen bedeckt. Dazu schleppt es einen hässlichen Echsenschwanz hinter sich her. Seine Arme und Beine sind auf grauenhafte Weise gekrümmt und dennoch bewegt es sich mit unglaublicher Behändigkeit.“

Flussfraus Herz pochte schmerzhaft. „Und seine Augen? Seine Augen?“, fragte sie eindringlich.

Kämpfender Bär schüttelte sich in Erinnerung an das Geschaute. „Ich habe im Traum nie so lange gewartet, bis es so nahe kam, dass ich seine Augen sehen konnte.“

„Woher weißt du, dass es dir Böses will?“

„Was sollte ein solch schreckliches Geschöpf denn sonst wollen?“, entgegnete Kämpfender Bär verwundert. „Warum sollte es mich sonst jede Nacht im Traum erschrecken? Bedenke, jede Nacht. Ich schlafe kaum noch. Ich habe versucht, Nächte hindurch wach zu bleiben, um mir seinen Anblick zu ersparen. Umsonst. Kaum nicke ich nur für eine kurze Zeitspanne ein, da streckt es schon wieder seine abscheulichen Arme nach mir aus.“

„Vielleicht sucht es nur deine Nähe. Vielleicht braucht es dich.“

Kämpfender Bär war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, als dass er das Zittern in Flussfraus Stimme vernommen hätte.

„Ich habe meinen Stamm verlassen, um es aufzuspüren. Es ist besser, im Kampf mit ihm zu sterben, als Nacht für Nacht im Traum von ihm heimgesucht zu werden. Vergeblich habe ich die Berge, die Wälder und die Ebenen durchstreift. Bei den Blackfeet hieß es, dass sich im fernen Schwarzwassertal ein solches Wesen verborgen halte. Aber ich ritt umsonst dorthin. Nun weiß ich nicht mehr, wohin ich noch reiten soll. Und doch spüre ich, dass es auf mich lauert und nur auf den richtigen Augenblick wartet, um über mich herzufallen.“

Das Feuer war herabgebrannt. Bedächtig legte Flussfrau ein paar trockene Zweige auf die Glut. Ihr Gesichtsausdruck war abwesend. Der Assiniboine wartete. Aber Flussfrau schien ihn vergessen zu haben.

„Und hast du nie seine Stimme gehört?“, fragte sie plötzlich.

„Nie“, bestätigte Kämpfender Bär. „Sein Aussehen ist schlimm genug.“ Wieder versank Flussfrau in Schweigen. Schließlich erhob sich Kämpfender Bär. „Ich hatte gehofft, bei dir Rat zu finden. Ich hatte gedacht, dass du mir sagen könntest, wie und wo ich das Ungeheuer zur Strecke bringen kann. Nun gut. Ich danke dir für deine Bewirtung. Ich wünsche dir, dass dir der Große Geist noch viele friedliche Jahre schenkt.“

Er wandte sich zur Tür. Flussfrau regte sich nicht. Er war schon halb im Freien, als Flussfrau sagte: „Ja, ich kann dir helfen.“

Kämpfender Bär kam schneller ans Feuer zurück, als es seine Kriegerwürde eigentlich gestattete. „Wie?“

„Ich kann dir helfen, dass das Ungeheuer aus deinem Dasein verschwindet, aber es wird dich einen hohen Preis kosten.“

„Ich gebe dir alles, was ich besitze, mein Pferd, meine Waffen, meine Decken. Ich werde dir Büffel und Antilopenfleisch beschaffen, solange du...“

„Ich verlange nichts für mich.“

„Was dann?“

„Du musst dein Augenlicht opfern, dann wirst du für immer Ruhe vor jenem Wesen haben.“

Zuerst ungläubig, dann betroffen starrte Kämpfender Bär die weißhaarige Alte an.

„Geh zu deinem Pferd, reite über den Fluss zurück und überlege dir, ob es besser ist mit den Augen oder mit dem Herzen zu sehen“, sagte Flussfrau.

„Wie meinst du das?“

Doch Flussfrau antwortete nicht. „Wenn du dich entschieden hast, dann gib mir ein Zeichen“, fuhr sie schließlich fort. „Bleib auf der anderen Seite und entfache ein Feuer. Dann werde ich wissen ...“

„Es gibt nichts zu überlegen“, unterbrach der Krieger sie. „Besser blind als ein Mann, dem seine bösen Träume den Verstand verwirren. Und das wird geschehen, wenn alles so bleibt wie es ist. Aber wenn du dich irrst, Flussfrau, wenn ich danach auch nur noch einmal das Ungeheuer im Traum sehe, werde ich - glaube mir - auch als Blinder Mittel und Wege finden, dich zu töten.“

„So sei es“, entgegnete Flussfrau ruhig.

Sie braute ihm einen betäubenden Kräutertrank und hieß ihn, sich auf ihr Fellbett zu legen. Dann hielt sie einen Stock ins Feuer, bis dessen Ende aus fester roter Glut bestand. Als Sternenschwester auf ihrem Rückweg die sanfte Krümmung des Flusses erreichte, von wo aus man den Hang mit der Erdhütte sah, hörte sie einen kurzen, lauten Schrei, sodass sie bis ins Innerste erschrak. So schnell sie konnte, eilte sie zu Flussfraus Heim.

 

*

 

Langsam tauchte Kämpfender Bärs Bewusstsein aus dunkler Tiefe empor. Da hörte er den Gesang einer so hellen und klaren Stimme, wie er noch keine vernommen hatte. Sie ließ ihn die Schmerzen seiner geblendeten Augen und das Fieber, das in seinen Adem zu brennen begann, vergessen. Es war ein Lied in einer ihm imbekannten Sprache. Aber es weckte Bilder in ihm, die er, ständig vom selben Albtraum geplagt, fast schon vergessen hatte: Büffelhautzelte auf einer blumenübersäten Bergwiese, schneeglitzemde Gipfel, darüber ein leuchtend blaues Firmament, der Schatten eines Adlers, der über Felshänge und bewaldete Kuppen huscht. Es war die Heimat seines Volkes, und sie war so deutlich in ihm, dass er die Wärme der Sonne und das kühlende Nass des Gebirgsbaches, der am Dorf seines Stammes vorbei floss, auf der Haut spürte.

„Wer singt da?“, fragte er schließlich.

„Es ist Sternenschwester, meine Ziehtochter“, antwortete Flussfrau. „Sie holt Wasser für dich vom Fluss.“

„Sie singt wunderschön“, sagte Kämpfender Bär und lächelte zum ersten Mal nach langer Zeit.

Später spürte er sanfte Hände, die den lindernden Kräuter- und Flechtenbrei auf seinen Augen erneuerten und eine Binde aus weich gegerbtem Leder darüberlegten.

„Du bist Sternenschwester, nicht wahr?“

Die sanften Hände hielten inne. Er spürte ihr leichtes Zittern.

„Ja, das bin ich.“

„Ich habe dein Lied gehört. Ich würde wieder mein Augenlicht hergeben, um dich noch einmal singen zu hören.“

„So darfst du nicht sprechen.“

„Es ist wahr. Du solltest Stemensängerin heißen. Denn wenn die Sterne singen könnten, sängen sie mit deiner Stimme.“

„Du fieberst“, lachte Sternenschwester. Aber ihr Herz erbebte. Denn noch nie hatte ein Mann solche Worte zu ihr gesprochen. Als sie nochmals an den Fluss ging, um Wasser zu schöpfen, wunderte sich Flussfrau, warum sie so lange ausblieb. Sie fand Sternenschwester unter den Pappeln. Das hässliche Wesen saß auf einem moosbewachsenen Stein und weinte.

„Weshalb weinst du?“, fragte Flussfrau.

Sternenschwester schluchzte. „Ich weiß es nicht.“

Aber Flussfrau wusste es, und sie legte ihre Arme um Sternenschwester und wiegte sie, wie eine Mutter ihr weinendes Kind wiegt. Doch in der Nacht, als das Fieber des Kranken stieg, ertönte wieder Sternenschwesters wundersüße Stimme. Sie sang, bis Kämpfender Bär aufhörte, sich unruhig auf seinem Lager hin und her zu werfen und in einen bleischweren, aber erholsamen Schlaf fiel. Beim Aufwachen hielt ihm jemand einen mit Wasser gefüllten Becher an die Lippen.

„Bist du es, Sternenschwester?“

„Ich muss dich enttäuschen, großer Krieger. Ich bin nur die alte Frau, die seit vielen Jahren am Großen Antilopenfluss lebt. Was hast du geträumt?“

„Ich träumte von Sternen und Wäldern, von Büffelherden und lachenden Menschen im Lagerfeuerschein.“

„Und sonst nichts?“

„Und von einem Mädchen mit goldfarbenen Augen, das schöner war als alle, die ich jemals gesehen.“

„Und sonst nichts?“

„Nun verstehe ich, was du meinst!“, rief Kämpfender Bär. „Nein, ich träumte von keinem Ungeheuer. Zum ersten Mal wurde ich nicht mehr von ihm im Traum verfolgt.“

So blieb es auch in den folgenden Nächten, und Kämpfender Bär genas schneller, als sogar Flussfrau erwartet hatte. Jeden Morgen und jeden Abend erfreute ihn Sternenschwesters Gesang. Trotz seiner Blindheit fand er sich bald recht gut in der Hütte zurecht. Eines Tages traf Flussfrau ihn mit geschultertem Bogen und pfeilgefülltem Köcher auf dem Pfad zum Fluss hinab, wo sein Rappe graste. Er erkannte Flussfrau an ihren Schritten.

„Es wird Zeit, dass ich dir und Sternenschwester nicht länger zur Last falle und zu meinem Stamm zurückkehre. Mein Pferd kennt den Weg.“

„Du meinst, wir beide fallen dir mittlerweile auf die Nerven und nun willst du dich in aller Würde und Ruhe aus dem Staube machen, großer Krieger.“

„Das ist nicht wahr! Ich würde viel darum geben ...“

„Sprich weiter.“

„Nun ja ...“ Wieder brach Kämpfender Bär verlegen ab. Flussfrau fasste ihn am Arm.

„Wenn du bleiben willst, dann bleib. Bei deinem Stamm wärst du sowieso nur ein überzähliger Esser, der von den Almosen seiner Verwandten lebt. Wir aber freuen uns über einen Freund, der uns hilft und beschützt.“

„Einen Blinden!“

„Hast du in deinen Träumen nicht Bilder geschaut, die so wirklich waren, wie das mit deinen Augen Gesehene? Und obendrein Dinge, die du sehend vielleicht gar nicht wahrgenommen hättest? Sei unbesorgt. Ich werde dich lehren, deine Ohren, deine Nase und deine Hände so zu benutzen, dass dir dein Augenlicht kaum fehlen wird. Und sei ehrlich: Kannst du dir vorstelien, nie wieder Sternenschwesters Stimme zu hören?“

Kämpfender Bär seufzte. „Du hast Recht.“

„Wie immer“, scherzte Flussfrau und knuffte ihn. „Aber mach dir nichts draus. Das ist vom Großen Geist nun einmal so eingerichtet.“

 

*

 

Sie hielt Wort. Als der Herbst kam, war Kämpfender Bär imstande, mit seinem Bogen wieder auf die Jagd zu gehen, fast so wie in jenen Tagen, als er im fernen Felsengebirge bei seinem Stamm gelebt hatte. Er vermochte jedes Wild wie ein Wolf zu wittern. Ein Blätterrascheln oder ein Knistern im Gras genügten ihm, um sich niederzukauern und einen Pfeil auf die Sehne zu legen. Wenn ihn dann auch noch Sternenschwester begleitete und ihm flüsternd die Richtung wies, tat er kaum einen Fehlschuss. Er fertigte Pfeilspitzen und Knochenwerkzeug, fällte Bäume, um die Stützpfosten in Flussfraus Hütte zu erneuern, und gemeinsam mit Flussfrau und Sternenschwester baute er für den Winter einen Pferdeunterstand. Zu viert wäre es ihnen im Rund ihres Heims doch zu eng geworden.

Manchmal war er einen ganzen Tag lang auf seinem Rappen unterwegs. Aber jedes Mal wenn er spürte, dass die Kraft der Sonne nachließ, zog es ihn mit geradezu unwiderstehlicher Macht an Flussfraus Feuer zurück. Es war nicht die Geborgenheit in der Hütte, es war nicht Flussfrau, sondern es war Sternenschwesters Nähe, die ihm fehlte. Er sehnte sich nach ihrer Stimme, und jede noch so flüchtige Berührung ihrer Hände machte ihn glücklich. Wenn er jedoch selbst einmal die Hand nach ihr ausstreckte, wich sie ihm ängstlich aus. Dann wurde ihr stets bewusst, wie abstoßend und erschreckend ihr Äußeres für die Menschen war, Flussfrau, die alt und weise war, ausgenommen. Und sie vergaß nie, dass Kämpfender Bär gelernt hatte, mit seinen Händen zu sehen.

Die ersten Flocken fielen. Wieder stapelten sich die Vorräte in Flussfraus Erdbau und die Glut der Feuerstelle leuchtete Tag und Nacht. Aber Sternenschwesters Lieder klangen traurig. Es fiel ihr immer schwerer, Kämpfender Bär auszuweichen. Denn in dem Maße, in dem er sich immer heftiger nach ihrer Liebe sehnte, sehnte sie sich auch nach ihm. Und doch wäre sie lieber gestorben, als dass sie ihm ihre Schreckensgestalt hätte auch nur ahnen lassen. Flussfrau, die ihren Kummer sah, bereute es schon, den großen Assiniboine zum Bleiben aufgefordert zu haben.

Sie war froh, als Schnee und Kälte dem lauen Atem des Frühlings wichen. Die Prärie schmückte sich mit blauen und gelben, roten und weißen Farbtupfern. Die Lerchen sangen, und die große, alte Klapperschlange, die nur mehr selten auf Mäuse und Erdhörnchenjagd ging, sonnte sich auf den Steinen am Fluss. Flussfrau nahm sich vor, mit Sternenschwester in der Maispflanzenniederung ein richtiges Feld anzulegen.

Kämpfender Bär sollte darum herum einen Flechtzaun bauen, damit die junge Saat gegen den Appetit der Kaninchen, Antilopen und aller anderen pflanzenfressenden Tiere geschützt war. Das würde die beiden beschäftigen und ablenken, hoffte sie. Doch es kam nicht soweit.

 

*

 

Es war wieder ein Tag im Monat der wiederkehrenden Frösche, etwa ein Jahr, nachdem Kämpfender Bär durch die Furt geritten war. Die Sonne vergoldete das Laub der Uferbäume. Auf dem Wasser tanzten Lichtgeister.

Kämpfender Bär zimmerte nahe bei der Hütte ein Gerüst, an dem Häute zum Trocknen aufgespannt werden sollten. Kein Fremder, der beobachtet hätte, wie er mit Steinbeil und Lederriemen hantierte, wäre auf den Gedanken gekommen, dass er blind war. Drinnen zerstampfte Flussfrau in einem Steinmörser rote Erde, um daraus später, mit Wasser vermischt, Farbe herzustellen. Da trat Sternenschwester zu ihr.

„Ich danke dir, dass du mich bei dir aufgenommen hast, meine Mutter.“ Zum ersten Mal gebrauchte sie diese Anrede. „Du warst immer gut zu mir. Doch nun muss ich fort.“ Und mit leiser Stimme setzte sie hinzu: „Du weißt, warum.“

Flussfrau musste sich an einem Pfosten festhalten. „Du triffst mich ins Herz.“

„Auch ich bin ins Herz getroffen. Es gibt keinen anderen Weg. Leb wohl.“

Flussfrau umarmte sie. Dann eilte Sternenschwester den Hang hinab, ohne noch einmal zurückzuschauen. Bei den Uferbäumen angelangt, wandte sie sich flussabwärts. Flussfrau war vor die Tür getreten und ihr Blick suchte Kämpfender Bär. Der hatte das Steinbeil sinken gelassen und lauschte angespannt.

„Flussfrau!“, rief er plötzlich.

„Ich bin hier.“

„Wo ist Sternenschwester?“

„Warum fragst du?“

Kämpfender Bär spannte sich noch mehr. „Ich höre Reiter. Sie kommen am Fluss herauf.“

Flussfrau erschrak. Da ertönte drunten kurz vor der Flusskrümmung ein Schrei. Es war Sternenschwesters Stimme. Flussfrau sah, dass sich das echsenähnliche Geschöpf jäh zur Flucht wandte. Gleich darauf tauchten die Reiter in der Biegung auf, vier kupferfarbene Gestalten auf struppigen Pferden. Sie schwangen Lanzen und Schädelbrecher. Adlerfedern wippten in ihren wehenden schwarzen Haaren. Eine wilde Stimme schrie: „Tötet das Ungeheuer! Lasst es nicht entkommen!“

Kämpfender Bär hatte einen Pfosten für das Häutegerüst gepackt und stürmte den Hang hinab. „Sternenschwester, wo bist du?“

„Bleib, wo du bist, Kämpfender Bär! Sie töten dich sonst auch!“, rief sie, mehr um sein als um ihr eigenes Leben bangend. Ihre Stimme wies dem Assiniboine-Krieger die Richtung. Er kannte in der Umgebung der Hütte jede Mulde, jeden Stein. Seine Füße in den weichsohligen Mokassins schienen kaum den Boden zu berühren. „Zurück, ihr Hunde!“, brüllte er.

Sternenschwester stolperte, stürzte. Er stürmte an ihr vorbei. Das Hämmern der Hufe war dicht vor ihm. Eine Lanze verfehlte ihn knapp. Sein Hieb mit dem Pfosten schmetterte den Angreifer vom Pferd. Der Schecke des nächsten Verfolgers stieg, und Kämpfender Bär traf das Tier statt den Reiter mit solcher Wucht, dass es samt seinem Besitzer niederstürzte. Die Pferde der beiden übrigen Gegner prallten auf. Eines knickte vome ein, das andere wurde von einem Huf getroffen und drehte sich schrill wiehernd auf der Stelle. „Sternenschwester!“, schrie Kämpfender Bär.

„Ich schaffe es schon! Bleib weg, fass mich nicht an!“

Da war Kämpfender Bär schon bei ihr, hob sie auf seine starken Arme und hastete den grasbewachsenen Hang hinauf. „Hab keine Angst, Sternenschwester. Ich weiß längst, wer du bist.“

Sternenschwester barg ihr hässliches Gesicht an seiner Brust. Aus dem Knäuel strampelnder und sich windender Pferde und Menschenleiber am Flussufer zischte ein Pfeil. Kämpfender Bär zuckte zusammen, hielt kurz inne, dann lief er weiter, keuchend und langsamer jetzt, jeden Augenblick auf einen weiteren Treffer gefasst. Doch kein Pfeil folgte mehr.

„Seht, da ist Flussfraus Geist!“, rief der Bogenschütze, als er die alte Frau vor dem Eingang der Erdhütte sah. Die fremden Krieger schwangen sich auf ihre Pferde, die wieder auf die Beine gekommen waren, und trieben sie, um von dem vermeintlichen Gespenst nicht verhext zu werden, in eiliger Flucht durch die Furt. Bald waren sie nur mehr Punkte auf der Ebene jenseits des Flusses.

Kämpfender Bär aber schwankte. Seine Last entglitt ihm, und er sank zu Boden. Sternenschwesters Arme umfingen ihn. Er spürte wieder ihre sanften Hände. Ein Pfeil steckte zwischen seinen Schultern, doch Kämpfender Bär lächelte.

„Ich war ein Narr, dass ich mich sogar im Traum von meinen Augen täuschen ließ und vor dir floh“, flüsterte er. „Flussfraus Rat war gut. Sie hat mir die Augen meines Herzens geöffnet. Nun sehe ich, wie schön du bist.“

Er sah sie wirklich. Denn die Tränen, die über Sternenschwesters Wangen liefen, tropften auf seine blinden Augen, sodass diese wieder ihre Klarheit und Schärfe zurückerhielten. Kämpfender Bär sah den blauen Himmel, das grüne Laub der Uferbäume, die blumenübersäte Prärie, davor aber die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Goldfarbene Augen leuchteten in ihrem fein geschnittenen Gesicht. Die langen schwarzen Haare glänzten wie Rabengefieder. Erst als Kämpfender Bär nicht mehr atmete, bemerkte Sternenschwester ihre Verwandlung.

Da drückte sie den großen Krieger fest an sich und weinte noch bitterlicher. Flussfrau trat zu ihr und legte eine Hand auf ihren Scheitel.

„Sei nicht traurig. Es war seine Bestimmung, dich zu finden und zu erlösen. Er wusste es. Sieh nur sein Lächeln.“

Sternenschwester blieb bei Flussfrau, bis der Große Geist diese ebenfalls zu sich rief. Sie verschloss die Hütte, so wie Pferd läuft im Wind es schon einmal getan hatte, und brachte das Zeichen des Todes auf dem Querbalken über der Tür an. Dann verließ sie das Land am Großen Antilopenfluss.

Viele Jahre später erzählte man von einer geheimnisvollen Medizinfrau mit goldfarbenen Augen, die fern im Westen in den grünen Tälern der Yakima und Spokane lebte. Es hieß, dass sie viele Kranke und Verletzte heilte, Ratsuchenden half und ihre sternengleiche Schönheit bis ins hohe Alter bewahrte.

 

 

 

Blauvogels Lied

 

 

 

Als die Shawnee noch im Land des Grünen Rohrs Mais pflanzten und Hirsche jagten, errichteten zwei Brüder auf einer lichten Anhöhe über dem Blauvogel-Fluss ein Jagdlager. Es bestand lediglich aus einem auf Pfähle gestützten Zweiggeflecht, das die Feuerstelle schützte, und ein paar Stangengerüsten zum Häutetrocknen und Fleischdörren. Nicht weit entfernt gab es eine Salzlecke, eine salzhaltige Quelle, die einen sumpfigen Tümpel speiste, zu der von überall her Wildspuren liefen.

Steinhand, der ältere der beiden Brüder, legte sich dort auf die Lauer. Springender Hirsch, gerade erst achtzehn Sommer alt, streifte dagegen am Fluss entlang.

Er fand zwar die Spuren von Biber, Luchs und Reh, aber statt den Bogen zu benutzen, betrachtete er lieber das Glitzern des Sonnenlichts auf dem Wasser, das Schattenspiel der Sträucher und die Wolken, die schwanengleich darüber hinwegzogen. Ihm war, als rede der Fluss zu ihm in einer Sprache, die er nur lange genug hören musste, um ihre Geheimnisse zu verstehen. Vielleicht auch das Geheimnis von Blauvogel. Es hieß von ihm, dass ihn nur in Abständen von etwa hundert Jahren ein Mensch zu sehen bekam. Und es hieß weiter, dass Blauvogel, solange es Wälder, Flüsse und Prärien gab, nur ein einziges Mal singen würde. Sein Lied würde von so reiner, süßer Schönheit sein, dass im grimmigsten Winter der Frühling erblühen und kein Stamm je wieder gegen einen anderen das Kriegsbeil schwingen würde. Von jenem Tag an würden Hunger, Not und Krankheit ausgelöscht sein.

Für Männer wie Steinhand war dies alles nur Weibergewäsch. Springender Hirsch jedoch wünschte sich mehr als alles andere, Blauvogel zu sehen und seinen Gesang zu hören. Steinhand schalt ihn, wenn er von seinen Streifzügen nur mit einer Forelle für die Abendmahlzeit zurückkam. Doch sein unbeschwertes und argloses Wesen ließ Springender Hirsch dies jedes Mal schnell vergessen.

In der dritten Nacht, die sie in ihrem Jagdlager verbrachten, erwachte er unvermittelt. Hatte er geträumt oder klang in seinen Ohren tatsächlich noch eine sanfte Stimme, die ihn rief? Der Vollmond beherrschte das Firmament. Sein weißes Licht lag wie ein Zauber über Wälder und Auen. Die Baumstämme glänzten. Jedes Blatt schien silbrige Funken zu sprühen. Springender Hirsch lauschte. Aber nur ein Wolf heulte in den von Dunstschleiern durchwobenen Niederungen. Als der junge Shawnee sich erhob, wachte auch Steinhand auf.

„Feinde?“, fragte er sofort, und seine erste Bewegung war der rasche Griff zum Tomahawk.

„Nur ein Wolf“, winkte Springender Hirsch ab. „Sieh nur, wie schön die Nacht ist, wie geschaffen für Blauvogels Lied.“

„Du redest dummes Zeug. Ich frage mich manchmal, ob aus dir jemals ein richtiger Krieger wird.“ Und Steinhand drehte sich auf die Seite und schlief weiter.

Springender Hirsch aber ging zum Fluss hinab, um dessen Sprache zu lauschen. Er setzte sich auf einen halb im Wasser liegenden Baumstamm. Das Raunen und Plätschern des Flusses war noch geheimnisvoller und eindringlicher als am Tag. Nebelstreifen lagen über dem Wasser, und nachdem Springender Hirsch eine Weile so da saß, tauchte flussaufwärts etwas Dunkles in ihnen auf. Schemenhaft kam es auf ihn zu. Sein Herz schlug schneller.

Dann erkannte er, dass es ein Kanu war, in dem eine alte und unwahrscheinlich hässliche Frau saß. Lautlos und geschickt handhabte sie das Paddel. Ihr runzeliges Gesicht glich einem verschrumpelten Apfel. Die Nase war lang und schief, der Mund zahnlos, die Augen trieften. Verfilzte weiße Strähnen hingen auf ihren Schultern. Sie lenkte ihr Fahrzeug neben Springender Hirsch ans Ufer. Er war überrascht, als er ihre weiche und wohlklingende Stimme hörte.

„Kanufrau grüßt den jungen Shawnee.“

„Springender Hirsch grüßt Kanufrau“, erwiderte er höflich.

„Flussblume ist erwacht. Sie wartet auf ihren Liebsten. Hast du nicht ihren Ruf vernommen? Steig ein.“

„Wer ist Flussblume?“

„Meine Tochter.“

Da zögerte Springender Hirsch. Die Alte lächelte.

„Sie ist schöner als der Fluss, schöner als der Mond, schöner als die Sterne. Darauf gebe ich dir mein Wort, Shawnee.“

Ihre Augen tränten heftiger, ihr welker Mund zuckte. Doch Springender Hirsch schwang sich behände in das Kanu, und schon trieben sie auf dem Wasser.

„Werde ich vor dem Morgen zurück sein? Mein Bruder macht sich sonst Sorgen um mich.“

„Sei unbesorgt. Ich bringe dich rechtzeitig zurück.“

Die Strömung war stärker als Springender Hirsch vermutet hatte ,und die Anhöhe mit dem Jagdlager verschwand hinter einer Biegung. Mit kräftigen Schlägen hielt die alte Frau das Kanu in der Flussmitte. Das Paddel verursachte kein Geräusch.

„Wenn du müde bist, löse ich dich gerne ab“, sagte Springender Hirsch.

„Du bist wirklich ein höflicher junger Mann, Shawnee“, antwortete Kanufrau und reichte ihm das Paddel. „Versuche aber nicht schneller zu sein als der Fluss.“

Springender Hirsch spürte die Kraft des Wassers. Aber er fühlte sich wie auf dem Rücken eines nicht nur mächtigen, sondern ihm auch wohlgesonnen Tieres. Wie Kanufrau es verlangt hatte, überließ er dem Fluss die Geschwindigkeit und achtete nur darauf, dass sie Sandbänken, Felsen und treibenden Baumstämmen auswichen. Als er sich einmal umschaute, sah er, dass Kanufraus Nase nicht mehr lang und schief, sondern wohlgeformt war. Der zahnlose Mund war wieder fest und voll. Doch dann wurde er abgelenkt, denn eine große Wasserschlange schwamm plötzlich neben dem Boot.

Sie war größer als alle, die er bisher gesehen hatte. Auf gleicher Höhe mit Kanufrau reckte sie den Kopf aus dem Wasser, züngelte, tauchte, kam wieder empor und versuchte, ihren fast armdicken Leib über den Rand des Kanus zu heben. Springender Hirsch lachte.

„Ich glaube, sie will zu dir ins Kanu.“

„Hilf ihr“, sagte Kanufrau.

Springender Hirsch legte das Paddel weg und hob die Schlange aus der Flut. Sie ringelte sich in Kanufraus Schoß zusammen. Ihr Kopf fuhr züngelnd über ihre Arme, Schultern und streifte auch ihre Wangen. Springender Hirsch hielt wieder das Paddel.

„Sie liebt dich“, sagte er vergnügt.

„Sie liebt den Fluss.“

Kanufrau lächelte, und währenddessen hörten ihre Augen auf zu triefen und wurden klar und schön. Nach einiger Zeit glitt die Schlange wieder ins Wasser, umkreiste das Kanu noch einige Male und verschwand dann.

Mondbeschienene Bäume und Sträucher säumten die Ufer. Ein Hirsch stand zwischen ihnen. Reglos beäugte er das still vorbeischwimmende Kanu. Der junge Shawnee dachte an Flussblume und was Kanufrau von ihr gesagt hatte, aber auch an seinen Bruder, und er musste sich zusammennehmen, damit er das Kanu nicht schneller vorantrieb, als der Fluss es trug.

„Nun will ich noch die Wasserlilien besuchen“, sagte Kanufrau und deutete auf einen schilfbewachsenen Seitenarm, über den die Bäume sich zu einem Dach wölbten.

„Werde ich auch rechtzeitig zurück sein?“, fragte Springender Hirsch, denn die Fahrt dauerte schon lange.

„Gewiss, wenn du es willst“, entgegnete Kanufrau.

Da lenkte Springender Hirsch das Kanu folgsam in den dunklen Schilf und Blättertunnel. Gleich darauf öffnete sich vor ihnen eine den Mond spiegelnde runde Wasserfläche. Ein Saum hochstieliger Wasserlilien umgab sie. Ihre Blütenkelche waren geschlossen. Obwohl Springender Hirsch keinen Luftzug spürte und kein Rascheln hörte, schien ihm, als wiegten sie sich im Schlaf. Sobald aber das Kanu an ihnen vorbei glitt und Kanufraus Hände sachte über sie strichen, öffneten sich ihre Blüten zu voller mondbeglänzter Pracht, sodass Springender Hirsch vor Staunen den Atem anhielt.

„Sie lieben dich“, flüsterte er ehrfurchtsvoll.

„Sie lieben den Fluss“, antwortete Kanufrau, und als Springender Hirsch sich zu ihr umwandte, waren die vielen Runzeln aus ihrem Gesicht verschwunden, das zuvor verfilzte und strähnige Haar umrahmte es in seidiger Glätte, wenn es auch weiß geblieben war. Schweigend wies sie ihm die Ausfahrt von dem kleinen See, und der Fluss schien sie jetzt noch schneller voranzutragen. Kein Hindernis zwang sie mehr zum Ausweichen.

Dafür stand hinter der nächsten Biegung eine mächtige Nebelwand. Fragend blickte Springender Hirsch seine Begleiterin an.

„Flussblume wartet auf dich“, sagte sie nur.

 

*

 

Er steuerte das Kanu in die Flussmitte, der Nebel umschloss sie so dicht, dass die Bäume und Sträucher an den Ufern nicht einmal mehr zu ahnen waren. Auch der Mond und die Sterne hatte er verschluckt. Springender Hirsch sah nur noch den Bug des Kanus und hinter sich, auch nur mehr verschwommen, die Gestalt von Kanufrau. Seltsamerweise spürte er keine Kälte. Tiefe Stille herrschte. Er wusste nicht, fuhr oder stand das Kanu.

Plötzlich klaffte der Nebel auf, und nun strahlte der Mond noch herrlicher, der Fluss blinkte noch silberner und die Weiden, Cottonwoods und Erlen warfen noch klarer gezeichnete Schatten, als hätte zuvor trotz aller Schönheit ein unmerklich trüber Schleier über ihnen gelegen. Die Nacht war warm und von Blütenduft erfüllt. Mitten im Fluss lag eine Insel.

Schweigend nahm Kanufrau dem jungen Mann das Paddel ab und steuerte darauf zu. Wie von selber glitt das Fahrzeug in eine schmale Bucht. Wilder Wein und Efeu umrankte die Bäume am Ufer. Magnolien blühten. Springender Hirsch spürte die Luft wie Balsam auf der Haut.

„Komm!“, sagte Kanufrau nur.

Sie führte ihn durch den Waldgürtel, der die Insel umschloss. Seine Schritte waren so leicht wie nie zuvor, und sein Herz pochte so freudig wie damals, als sein Vater ihn vor langer Zeit zum ersten Mal an den Blauvogel-Fluss mitgenommen hatte. Eine stille Lichtung öffnete sich vor ihnen. Der Mond tauchte sie in silberne Helligkeit. Vor einer mit Birkenrinde gedeckten Rundhütte glommen noch die Reste eines Feuers.

„Bist du es, Mutter?“, fragte eine Stimme, deren wundersamer Klang Springender Hirsch seine Sehnsucht nach Blauvogels Lied vergessen ließ. „Ich bringe dir deinen Liebsten, Flussblume“, antwortete Kanufrau. „Sein Name ist Springender Hirsch.“

„Bist du sicher, dass er der Richtige ist?“

„Er war höflich zu mir. Er hat dem Fluss gehorcht. Er hat die große Schlange ins Kanu gehoben, damit sie mich begrüßen konnte. Er hat mich zu den Lilien gerudert, obwohl er es nicht erwarten konnte, zu dir zu kommen. Er ist es, Flussblume.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738917697
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Februar)
Schlagworte
sternenschwester
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Titel: Sternenschwester