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Arztroman Sammelband 3 Romane – Verzweifele nicht, Christine / Das Lied ihrer Liebe / Zähl' nicht die Tränen!

2018 360 Seiten

Zusammenfassung

Arztroman Sammelband 3 Romane – Verzweifele nicht, Christine / Das Lied ihrer Liebe / Zähl' nicht die Tränen!
Dreimal Top-Autor Glenn Stirling!

Ich will nicht mehr leben, sagt Christine Hoffarth völlig verbittert zu sich selbst. Sie sieht in den Spiegel, doch es ist nicht mehr ihr Gesicht. Es ist ein von Narben entstelltes Gesicht. Sie ist allein, ganz allein. Dieter Lemmers, ihre große Liebe, hat sie verlassen. Und auch ihre Freunde kommen nicht mehr zu ihr. Ihren Job als Sekretärin hat sie ebenfalls verloren. Für sie hat das Leben keinen Sinn mehr. Christine hat ihre Entscheidung getroffen. Entschlossen lässt sie sämtliche Tabletten aus dem Röhrchen in ihre Hand gleiten ...

Leseprobe

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Arztroman Sammelband 3 Romane – Verzweifele nicht, Christine / Das Lied ihrer Liebe / Zähl' nicht die Tränen!

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Dreimal Top-Autor Glenn Stirling!

Ich will nicht mehr leben, sagt Christine Hoffarth völlig verbittert zu sich selbst. Sie sieht in den Spiegel, doch es ist nicht mehr ihr Gesicht. Es ist ein von Narben entstelltes Gesicht. Sie ist allein, ganz allein. Dieter Lemmers, ihre große Liebe, hat sie verlassen. Und auch ihre Freunde kommen nicht mehr zu ihr. Ihren Job als Sekretärin hat sie ebenfalls verloren. Für sie hat das Leben keinen Sinn mehr. Christine hat ihre Entscheidung getroffen. Entschlossen lässt sie sämtliche Tabletten aus dem Röhrchen in ihre Hand gleiten ...

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Zähl’ nicht meine Tränen!

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Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

Michaela hat die Chance, einem Traumjob nachzugehen. Doch da wird bei ihrer Schwester Stefanie, die schwanger ist, bei der gynäkologische Untersuchung festgestellt, dass sie unbedingt operiert werden muss und dabei das Kind verlieren wird. Michaela ist nun hin und her gerissen, Soll sie bei ihrer Schwester bleiben, um sie zu unterstützen oder soll sie ihren Job antreten, auf den sie sich so freut? Und dann ist da noch Manfred, mit dem sie sich gerade wieder versöhnt hat ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Personalchef Dr. Schwarzer hatte Michaela länger als eine Viertelstunde warten lassen, ehe er sie von seiner Sekretärin hereinbitten ließ. Bevor er sie zum Platznehmen aufforderte, musterte er Michaela von Kopf bis Fuß. In ihrem dunkelblauen Kostüm war die brünette Vierundzwanzigjährige eine ausnehmend hübsche Erscheinung, wie sich Dr. Schwarzer eingestehen musste. Er lächelte vielversprechend, deutete auf den Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches und sagte freundlich: „Setzen Sie sich doch bitte!“

Auch Michaela musterte Dr. Schwarzer, obgleich sie ihn von den drei Eignungstests her kannte. Er war ein Mann Mitte dreißig mit schwarzem lockigem Haar, einem urlaubsgebräunten Gesicht, in dem zwei perlweiße Zahnreihen blitzten. Gekleidet war er nach dem modernsten Schnitt, was sowohl den Kragen des Hemdes, als auch den anthrazitfarbenen Anzug betraf. Alles an ihm wirkte korrekt und wie aus dem Ladenfenster eines Herrenausstatters.

Der Topas in seinem Ring an der linken Hand funkelte geheimnisvoll im Sonnenlicht, das durch die Fenster fiel und etwas von dem herrlichen Wetter verkündete, das draußen herrschte.

Michaela war voll banger Erwartung. Die letzte Nacht hatte sie kaum schlafen können. Nun heute hierhergebeten zu sein, war für sie ein Grund zu erhöhter Hoffnung gewesen. Sah es doch so aus, als habe sie alle drei Eignungstests bestanden, denn die meisten Mitbewerberinnen waren schon zum dritten Test nicht mehr erschienen.

Ein wenig ängstlich schaute sie auf Dr. Schwarzer und dachte im Grunde weder über das schöne Wetter noch über seine korrekte Kleidung nach. Ihr Blick hing an seinen Lippen fest. Was würde er sagen?

Er lehnte sich zurück und genoss den Augenblick der Spannung, was ihm durchaus bewusst zu werden schien. Und er genoss auch die Fülle der Macht, die ihm selten so deutlich würde, wie bei der Einstellung neuen Personals.

Sein Lächeln steigerte sich, und die blitzenden Zahnreihen wurden breiter. Dann öffnete er den Mund zum Sprechen, und sie hörte ihn sagen: „Sie haben alle drei Tests erfolgreich bestanden. Gegen Ihre Beschäftigung als Reisesekretärin in diesem Haus besteht von Ihrer fachlichen Qualifikation  her nicht der mindeste Hinderungsgrund. Vielleicht interessiert es Sie, wenn ich Ihnen das Ergebnis des Tests einmal vorlese.“ Er lächelte entwaffnend und fügte hinzu: „Es betrifft allerdings nur den dritten Test, eigentlich den, auf welchen wir am meisten Wert legen.“

Er zog eine Brille aus seiner Brusttasche, setzte sie auf und zog sich dann ein Schriftstück heran, blätterte darin und begann vorzulesen: „Ihre ausgesprochen kaufmännischen Kenntnisse sind von uns mit ,sehr gut' geurteilt worden. In Englisch schätzen wir Sie ebenso ein. Französisch ist gut, durchaus zu gebrauchen. Spanisch weist noch geringfügige Lücken auf, an denen Sie arbeiten müssen.“ Er schob sich die Brille zur Nasenspitze hin und blickte über den oberen Rand hinweg auf Michaela. „Das werden Sie doch tun, nicht wahr?“

Sie nickte eifrig, voller Hoffnung, dass sie es geschafft hatte.

„Was Ihre Fähigkeit zur Kommunikation angeht, die sehr wichtig ist, beurteilen wir Sie nach den Tests auch mit ,sehr gut‘“, fuhr er fort. „Alles in allem sind auch die weiteren Noten ausgezeichnet.“

Er lehnte sich zurück, nahm die Brille ab, klappte die Bügel zusammen, und ließ die Brille wieder in der Brusttasche  versinken. Und dann legte er seine Arme auf die Seitenlehnen des Sessels und begann im Sessel zu wippen.

„Das alles ist sehr erfreulich. Aber eine letztendliche Zusage, ob wir Sie einstellen oder nicht, hängt noch von etwas anderem ab. Wie Sie wissen, ist das eine Position, wo Sie sehr viel im Ausland sein werden. Im Übrigen ist sie hochbezahlt. Sie verdienen weit mehr als irgendeine Chefsekretärin hier verdienen kann. Aus diesem Grunde haben wir es uns zur Angewohnheit gemacht und auch zur Sicherheit des Personals selbst, dass die Bewerber für eine solche Position ein ärztliches Attest vorlegen müssen, das uns die Gewehr gibt, die Bewerberin befinde sich in voller Gesundheit.“

„Aber eine solche Erklärung habe ich doch schon unterschrieben. Das war doch gleich das Erste. Sie wollten wissen, ob ich an irgendwelchen Krankheiten leide und ob ich nicht womöglich schwanger sei.“

Dr. Schwarzer lächelte nickend.

„Stimmt. Aber dabei handelt es sich um Ihre rein subjektiven Angaben. Ich weiß nicht, wie es um Ihre medizinischen Kenntnisse bestellt ist, aber ganz sicher haben Sie doch nicht die Qualifikation eines Arztes. Wir wollen also denen, die es gelernt haben, ein Urteil überlassen, zudem ein objektives Urteil. Wir bestehen also auf eine gründliche Untersuchung, in der auch eine gewisse Tropentauglichkeit bescheinigt wird. Und wir bestehen darauf, dass es sich nicht um die Untersuchung durch einen Allgemeinpraktiker, also einen normalen, freipraktizierenden Arzt handelt, sondern um die eines anerkannten klinischen Instituts. Ich will sagen, eines Krankenhauses, einer Klinik, die in unserem Auftrag solche Untersuchungen ausführt. Sie können selbst unter drei verschiedenen Kliniken wählen, wobei Sie bitte berücksichtigen wollen, dass es auch zu einer gynäkologischen Untersuchung kommen wird.“

„Aber wieso das? Eine Schwangerschaft etwa auszuschließen?“, fragte Michaela verstört. „Das könnte doch ein ganz normaler Arzt. Und abgesehen davon ist das mit einem Urintest zu beweisen.“

Dr. Schwarzer lächelte nachsichtig.

„Nicht nur deshalb, meine Verehrte. Wenn Sie ins Ausland gehen, werden Sie dort nicht immer die Gesundheitsbetreuung erwarten können, wie Sie das von hier aus gewohnt sind. Wir müssen gewisse Zufälle ausschließen, die in Wirklichkeit gar keine Zufälle sind, sondern bei gründlicher Voraussicht eigentlich zu erwarten wären. Ich will sagen, eine Frau, bei der es vom Unterleib her erwartungsgemäß früher oder später zu Schwierigkeiten in der Gesundheit kommen könnte, wäre für uns nicht der geeignete Mitarbeiter. Wir brauchen robuste Leute, die auch unter Tropenbedingungen mit den Schwierigkeiten fertig werden, die dort herrschen. Einmal von Physischen, aber auch vom Psychischen her. Dies heißt also, um es im Klartext zu sagen: Sie müssen rundum von Seele und Körper her völlig kerngesund sein. Ich nehme an, Sie haben für unsere Maßnahme Verständnis.“

Mit seiner Rechten angelte er wieder nach seiner Brille, während er gleichzeitig mit der Linken einen roten Zettel heranzog, den er dann, als er die Brille vor Augen hatte, vorlas.

„Wir haben drei Kliniken zur Auswahl, wie ich schon andeutete, und einmal ist es die Universitätsklinik in Köln, zum zweiten die Paul-Ehrlich-Klinik hier in Bonn und zum dritten das Bundeswehr Krankenhaus in Koblenz. Alle drei Institute führen für uns die gewünschte gründliche Untersuchung durch, deren Kosten selbstverständlich zu unseren Lasten gehen.“

Er ließ den Zettel sinken, setzte die Brille wieder ab, und steckte sie, wie automatisch, erneut in jene Tasche, schaute auf Michaela und fragte: „Für welche Klinik haben Sie sich entschieden?“

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Michaela hatte sich wieder angekleidet. Dr. Sabrina Scheibler, die ihr braunes Haar zum Pferdeschwanz gerafft hatte, saß am Schreibtisch und blätterte in den vielen Fragebögen dieses Untersuchungsberichtes.

Die hübsche vierunddreißigjährige Ärztin und Michaela kannten sich. Deshalb war Michaelas Wahl auf die Paul-Ehrlich-Klinik gefallen. Aber sie hatte den Grund dafür Dr. Schwarzer nicht genannt.

„Kommen Sie doch zu mir, Frau Brentig“, sagte Dr. Scheibler und blickte kurz in Michaelas Richtung. Michaela zog sich ihre bunte Bluse straff, strich sich noch einmal über ihren dunkelblauen Faltenrock und nahm dann Dr. Scheibler gegenüber Platz.

Ihre Blicke trafen sich. Dr. Sabrina Scheibler lächelte, als sie sagte: „Das ist ja ein richtiger Wälzer von Fragen. Sagen Sie mal, sollen Sie da Junior-Chefin werden?“

Michaela wehrte lachend ab. „O nein, Reisesekretärin, nichts weiter.“

Sabrina wurde ernst. „Das ist ja fast eine Unverschämtheit, was die da alles wissen wollen. Und dann noch mit dem Vermerk, dass Sie einverstanden sind, die ärztliche Schweigepflicht aufzuheben. Das geht doch irgendwie entschieden zu weit. Für eine Sekretärin?“

„Na ja“, sagte Michaela, „sie begründen es damit, dass viele Auslandsreisen gemacht werden und überhaupt ein längerer Aufenthalt im Ausland möglich ist. Aus Sicherheitsgründen, auch mir gegenüber.“

Sabrina Scheibler schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ich habe ja schon Mitglieder des Diplomatischen Corps untersucht, Frauen selbstverständlich; schließlich bin ich Gynäkologin. Aber solchen Fragen wie hier sind eigentlich noch nirgendwo gestellt worden. Das ist ja ein Test, als sollten sie in den Weltraum geschossen werden.“

Michaela zuckte die Schultern. „Wenn ich den Posten haben will, muss ich mich fügen.“

„Die nehmen sich heute eine Menge heraus. Und das ist meine unumstößliche Meinung“, erklärte Sabrina Scheibler. „Wie dem auch sei, bei Ihnen ist alles bestens.“ Sie lachte. „Sie haben das sogenannte gebärfreudige Becken, und die Organe sind auch völlig in Ordnung. Rund heraus gesagt, ich habe nicht das Geringste auszusetzen.“

„Und Ihre Kollegen? Sie sind ja die letzte, die ich aufsuchen musste.“

Sabrina lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor ihrer weißen Kittelbrust und blickte Michaela abschätzend an.

„Das sieht auch alles gut aus“, erwiderte sie knapp. „Sie hätten vielleicht etwas mehr Sport treiben müssen. Jedenfalls behaupten das die Chirurgen. Doch das ist kein Hinderungsgrund. Gar keiner. Doch jetzt habe ich eine ganz andere Frage an Sie. Wenn Sie dann in Zukunft sehr viel unterwegs sind, sehen wir uns nur noch selten, nicht wahr?“

„Möglich wäre es schon“, entgegnete Michaela. „Aber wenn Sie damit meinen, dass Sie Sorge haben, Ihren Kleinen irgendwo unterbringen zu können, kann ich Sie beruhigen. Ich habe mit meiner Schwester gesprochen ...“

Sabrina Scheibler schüttelte energisch den Kopf. „Aber nein. Ich frage doch nicht wegen Murkel. Der ist ja mittlerweile sechs. Der kann notfalls mal den ganzen Tag im Kindergarten bleiben. Das ist nicht schlimm. Und was mein Jogging angeht, so werde ich das in Zukunft abends machen.“

„Es tut mir leid“, meinte Michaela. „Sie haben sich so sehr darauf eingestellt, nicht wahr? Früh kommt Murkel zu mir, und Sie machen Jogging, und wenn Sie wieder da sind, gehe ich. Aber ...“

„Kein Aber. Sie müssen an Ihr eigenes Ich denken, und nicht an die Interessen anderer Leute. Murkel wird es nicht sofort verstehen. Er mag Sie sehr. Sagen Sie mal, wissen diese Leute hier“, sie tippte auf die Akte, „dass Sie mich kennen?“ Michaela schüttelte den Kopf. „Nein, nein, das habe ich natürlich nicht gesagt. Sie haben mir drei Kliniken zur Auswahl gestellt. Ich habe natürlich sofort an die Paul-Ehrlich-Klinik gedacht, als die mit unter den dreien war. Es war eine richtige Erleichterung für mich. Und ich danke Ihnen auch, dass ich es durch Ihren Einfluss leichter gehabt habe, ich meine, ich musste nicht so endlos herumwarten.“

Dr. Scheibler hob abwehrend die Hand. „Um Gottes willen, das ist doch eine Selbstverständlichkeit. Sie tun mir doch auch dauernd Gefallen, für die ich mich praktisch nie revanchieren konnte. Ich bin froh, dass ich einmal Gelegenheit habe, auch Ihnen einen Gefallen zu erweisen. Und die Kollegen haben das gern gemacht.“

„Ist auch alles wahr, was in dem Gutachten steht? Ich meine, bin ich wirklich rundherum gesund?“

„Aber ja doch. Soweit gehen Gefälligkeiten der Kollegen nun wiederum nicht. Es muss schon stimmen, was sie aufschreiben. Nein, Sie sind wirklich gesund. Was meinen denn Ihre Eltern dazu, dass Sie in Zukunft so viel weg sind?“

„Was sollen die sagen? Ich bin vierundzwanzig. Ich sitze nicht mehr im Nest wie meine Schwester.“

„Und was sagt Ihr Freund?“

Michaela senkte den Kopf. „Wir haben uns getrennt.“

„Nach drei Jahren? Sie sind doch drei Jahre mit ihm gegangen, nicht wahr?“

Ohne aufzublicken, nickte Michaela. „Ja, es waren drei Jahre, sogar etwas mehr. Aber er hat so viele andere Interessen als ich. Und er hat auch immer wieder erklärt, dass ich im Geschäft seines Vaters arbeiten soll. Aber ich verstehe nichts vom Autohandel, und ich könnte dort auch nicht weiterkommen.“

„Im Büro oder als Verkäuferin?“, fragte Sabrina.

„Im Büro. Immer dasselbe, wissen Sie? Nein, ich möchte das nicht. Sie hätten auch viel schlechter bezahlt. Sein Vater hat mir einmal erzählt, dass Manfred alles bekommen werde - den Betrieb. Und da könnten wir vorher keine großen Ansprüche stellen. Dabei hat er noch zwei Brüder. Und ich will es auch gar nicht wissen, was er bekommt und was er nicht bekommt. Ich habe keine Lust, irgendetwas zu machen, was mir nicht gefällt, nur weil es Manfred so will.“

„Schade“, meinte Sabrina. „Er hat mir mehrmals mein Auto repariert. Und das war viel billiger als in einer Werkstatt.“

„Das hat er mir zu gefallen getan. Aber hinterher hat er herumgejammert, dass er so gut wie umsonst arbeitet. Ich hatte Ihnen das nie gesagt. Aber ich habe mich immer so geärgert darüber, dass ich es doch einmal loswerden will.“

„Das tut mir wirklich leid“, erklärte Sabrina. „Wenn ich das gewusst hätte ...“

Michaela sah auf. „Reden wir nicht mehr davon! Es ist einfach vorbei. Seine Interessen und die meinen, das waren zwei ganz verschiedene Wege, die weit auseinander drifteten.“

„Die Welt ist voller junger Männer“, meinte Sabrina tröstend. „Da wird schon einer dabei sein, der Ihnen gefällt und der am Ende so ist, wie sie es sich erträumen.“ Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. „Es tut mir wahnsinnig leid, aber vielleicht haben Sie heute Abend ein wenig Zeit. Kommen Sie doch zu mir herauf, wenn Murkel im Bett liegt. Ich habe heute gar nichts vor. Und wenn Sie selbst auch nichts vorhaben ...“

Michaela nickte. „Mal sehen. Ich wollte eigentlich heute Abend noch einmal in den Spanischkursus gehen. Die haben auch beklagt, dass ich da noch Lücken hätte.“

„Na ja, wenn es nicht geht, sehen wir uns eben ein andermal.“

Michaela hatte sich erhoben, und Sabrina stand ebenfalls auf. Sie reichte Michaela die Hand, und die beiden Frauen verabschiedeten sich voneinander. Lächelnd rief Sabrina Michaela nach, als die schon zur Tür ging: „Lassen Sie sich nicht noch eine Gehirnwäsche aufschwatzen.“

„Möglich wäre es“, sagte Michaela, bevor sie die Tür öffnete und lachend hinausging.

Draußen lockte ein herrlich schöner Spätsommertag. Einen Augenblick lang war Michaela versucht, einem inneren Wunsch nachzugeben und zum Schwimmbad zu fahren. Doch dann verwarf sie den Gedanken und fuhr mit ihrem Fiesta nach Hause zurück.

Sie wohnte in einem vierstöckigen Haus im Stadtteil Heyderhof, wo sich ein Stockwerk über ihr die Wohnung Dr. Sabrina Scheiblers befand. Gleich hinter dem Haus begann der Wald, in dem Sabrina Scheibler sonst jeden Morgen ihren Trainingslauf machte.

Doch seit vierzehn Tagen ungefähr war Frau Dr. Scheiblers sechsjähriger Sohn Marek, den sie Murkel nannte, bei seiner Oma. Und so hatte Sabrina ihn nicht zu Michaela gebracht.

Daran musste Michaela denken, als sie ihre Wohnung betrat. Ein paar Spielsachen von Murkel standen noch auf der Kommode im Korridor. Die muss ich ihr, dachte Michaela, heute Abend bringen. Vielleicht gehe ich doch nicht zur Spanischstunde und mache einen Sprung hinauf zu Frau Scheibler.

Michaela hatte ihre Post vom Briefkasten unten mit heraufgebracht und schaute die Kuverts durch, bevor sie ihre Jacke ausgezogen hatte. Es war nichts Besonderes dabei. Bei den meisten Sendungen handelte es sich um Drucksachen. Michaela legte die Post beiseite und ging nachdenklich durch ihre Wohnung, als habe sie die zum ersten Male in ihrem Leben betreten. Sie schaute die Wände, die Bilder, die Möbel an, trat ans Fenster, zog die Gardine beiseite und schaute hinaus auf die Straße, ging dann zum Schlafzimmer, in dem außer ihrem Bett ein weiteres für ihre Schwester stand, die manchmal für ein paar Wochen herkam. Von diesem Fenster aus hatte sie einen Blick direkt auf den Wald. Lächelnd und versonnen schaute sie auf die Birken und Tannen, beobachtete die Amseln, die von Ast zu Ast sprangen und verfolgte den Flug eines Schwalbenpaares.

Lange, dachte sie, werden die nicht mehr da sein. Es ist eine schöne Wohnung hier. Aber wenn ich viel unterwegs bin, werde ich nicht viel davon haben. Und die Miete ist hoch. Ich sollte die Wohnung aufgeben.

Sie wandte sich um und ging wieder ins Wohnzimmer zurück, trat auf den Balkon und sah unten spielenden Kindern zu. Als sie dann wieder ins Zimmer ging, blieb sie an der einen Wand stehen, an der Bilder hingen, die sie selbst einmal in den letzten Jahren gemacht hatte. Bilder von ihrer Zeit bei der Lufthansa, wo sie als Stewardess gearbeitet hatte. Aber auch Bilder von Betriebsausflügen, in jenem Betrieb, in dem sie eigentlich noch beschäftigt war und als Fremdsprachenkorrespondentin arbeitete. Sie hatte Urlaub und war entschlossen, sofort zu kündigen, sollte sie den Traumjob in der Firma Dr. Schwarzers bekommen.

Es klingelte. Michaela schrak aus ihren Gedanken und ging zur Tür. Aber bevor sie öffnete, schaute sie durch das kleine Guckloch, weil sie insgeheim befürchtete, Manfred könnte wieder Erwarten plötzlich auftauchen. Aber er war es nicht. Draußen stand in der Uniform einer Condor-Stewardess ihre Schwester Stefanie.

Michaela machte sofort auf und rief erfreut: „Das ist eine Überraschung, dass du mich einmal besuchst! Ich dachte, ich sehe dich die nächsten Wochen überhaupt nicht. Komm herein!“

Stefanie wirkte bleich. Aber das kannte Michaela aus ihrer eigenen Zeit als Stewardess. Diese ständige Klima- und Zeitwechsel machten allen Leuten vom fliegenden Personal zu schaffen. Das war ihr selbst so ergangen.

Stefanie, die zwei Jahre jünger und ein wenig kleiner als Michaela war, lächelte gequält, als sie eingetreten war. Die Schwestern umarmten und küssten sich, und dann sagte Stefanie, als sie ihre Jacke auszog: „Du wirst dich wundern. Ich habe dir etwas zu erzählen.“

„Es hört sich nicht wie eine Freudenbotschaft an“, meinte Michaela. „Aber komm doch erst mal herein! Soll ich uns Kaffee kochen?“

„Nein, nein“, meinte Stefanie abwehrend. „Keinen Kaffee. Hast du nicht etwas Frisches? Mir ist so heiß.“

„Wo bist du jetzt hergekommen?“, fragte Michaela, während sie in ihre kleine Küche ging, um etwas aus dem Kühlschrank zu holen.

Stefanie kam ihr nach. Sie ging an Michaela vorbei und schloss das Fenster.

„Du hattest doch gesagt, dir sei so heiß? Warum machst du das Fenster zu?“, fragte Michaela, die vor dem Kühlschrank kauerte und etwas Erfrischendes suchte.

„Ich will nicht, dass die Leute zuhören. Ich bin eben beim Arzt gewesen.“

„Ich auch“, erwiderte Michaela lächelnd.

„Aber ich war beim Frauenarzt. Ich bin schwanger.“

Michaela schaute ihre Schwester erschrocken an.

„Das hört sich nicht an, als seist du sehr erfreut.“

Stefanie machte ein sehr betrübtes Gesicht. „O nein“, stieß sie hervor, „das kann man weiß Gott nicht behaupten.“

„Aber es ist doch etwas Schönes. Ich meine, du wolltest doch immer so gerne Kinder.“

„Aber doch nicht von ihm. Er ist verheiratet und hat schon welche.“

„Wer ist ihm?“

„Erik“, entgegnete Stefanie knapp.

„Das sagt mir auch noch nichts“, erwiderte Michaela. Doch dann fragte sie rasch: „Du meinst doch nicht etwa Erik Bausch, den Flugkapitän?“ Sie brauchte auf keine Antwort mehr zu warten. Sie sah es Stefanie an, dass sie mit ihrer Frage ins Schwarze getroffen hatte.

„Ja, er ist es.“

„Du lieber Himmel, wie kommst du nur auf den und er auf dich? Ich kenne ja seine Frau. Das hätte ich ihm überhaupt nicht zugetraut“, erklärte Michaela fassungslos. „Du hattest doch einen Freund?“

„Du hattest auch einen Freund. Aber so wenig wie er zu dir gepasst hat“, sagte Stefanie, „passte Winfried zu mir. Und außerdem bin ich immer unterwegs, und wir sehen uns kaum noch. Er hat eine andere. Ich habe mich schon vor vier Monaten von ihm getrennt. Wollte dir das nur nicht sagen.“

Michaela seufzte. „Also jetzt trinken wir erst etwas. Dann setzen wir uns gemütlich hin, und weißt du was? Ich koche uns doch Kaffee. Ja, das tu ich. Und dann reden wir in aller Ruhe darüber. Einverstanden?“

Stefanie nickte nur. Und wenig später saßen sie einander im Wohnzimmer gegenüber in den neuen Sesseln, die sich Michaela erst vor kurzem gekauft hatte. Sehr teuer waren sie gewesen und hatten zusammen mit dem kleinen Wagen, den sie besaß, alle ihre über Jahre gemachten Ersparnisse aufgezehrt. Vielleicht, dachte sie in diesem Moment, brauche ich sie in Zukunft überhaupt nicht mehr. Dann wird es so sein wie damals, als ich Stewardess gewesen bin. Immer unterwegs und so selten daheim.

„Wie lange kannst du hierbleiben?“, erkundigte sich Michaela bei ihrer Schwester.

„Ich habe jetzt vierzehn Tage frei. Du kennst das ja. Sie wissen noch gar nichts.“

„Du meinst, dass du schwanger bist? Und du weißt es seit heute, nicht wahr?“

„Eigentlich schon seit vorgestern. Da habe ich einen Test gemacht. Aber heute war ich bei einem Arzt. Er ist absolut sicher.“

„Und du willst es haben?“

Stefanie zuckte die Schultern. „Eigentlich nicht. Und ich habe Angst, es wegmachen zu lassen. Ich habe gerade in letzter Zeit so viel gelesen von Frauen, die anschließend beinahe daran zugrunde gingen. Einmal wirklich infolge des Eingriffs oder seelisch. Irgendwie verkraftet man das nicht recht. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Eigentlich bin ich zu dir gekommen, um dich um Rat zu fragen.“

„Zu Hause wissen sie nichts?“

Stefanie schüttelte heftig den Kopf. „O nein. Nun sag bloß Therese nichts. Die quatscht zu Hause alles aus.“

Therese war ihrer beiden jüngere Schwester. Sie hatte im Frühsommer Abitur gemacht und besuchte Michaela häufig. Für sie stand auch das Bett in Michaelas Schlafzimmer.

„Therese wollte in nächster Zeit kommen. Aber natürlich sag ich ihr nichts, wenn du es nicht willst. Du solltest mit Mutter reden.“

„Die hat doch den Kopf voll. Seit sie Vater entlassen haben, bekommen die beide doch kein Bein mehr auf die Erde. Ein Glück, dass Therese mit der Schule fertig ist. Aber so viel ich gehört habe, findet sie keine Arbeit, nicht wahr?“

„Bis jetzt jedenfalls nicht. Und zum Studieren hat sie keine Lust.“

„Dass Paps aber auch keine Arbeit findet. Dabei ist er so tüchtig gewesen.“

„Seit dem Unfall vor fünf Jahren kann er eben nicht mehr so richtig. Heute wollen sie gesunde Leute. Weißt du, was mir passiert ist? Ich habe mich bei Neuhoff & Sohn beworben.“

„Neuhoff & Sohn? Ist das nicht irgend so eine Exportfirma?“

„Ja. Eine der größten in Europa. Sie vermitteln Exportaufträge im Ausland. Ich soll mit dem Juniorchef unterwegs sein als Reisesekretärin. Die haben mich vielleicht durchgecheckt, sag ich dir. Und zu guter Letzt der Gipfel von allem, das habe ich heute Morgen hinter mich gebracht, eine Totaluntersuchung mit Röntgenschichtaufnahme und allem, was du dir denken kannst. Sogar zu den Gynäkologen musste ich.“

„Was sagst du da? Spinnen die? Das habe ich nicht einmal für die Condor machen müssen.“

„Die wollten alles wissen, von wegen robuster Gesundheit, die bei Auslandsaufenthalten in tropischen Gebieten von Nöten sei.“

„Die spinnen ja echt, sag ich dir. Und das hast du mitgemacht?“

„Ich wollte den Job. Wenn ich dir sage, was ich da verdiene, hättest du dich auch untersuchen lassen.“

„Und du hörst als Korrespondentin auf?“

Michaela nickte. „Ja. Es ist mir zu wenig, was ich da verdiene und zu stur. Ich komme nicht weiter.“

„Ich habe gehört“, sagte Stefanie, „dass du dich von Manfred getrennt hast. Na ja, es war höchste Zeit. Ihr habt nicht zusammengepasst. Aber wenn ich nur wüsste, was ich machen soll?“

„Weiß Bausch denn, dass du schwanger bist?“

Sie nickte. „Ja. Ich habe ihn, bevor ich zu dir kam, angerufen. Er hat ja auch frei. Er ist in Köln bei seiner Familie. Wir hatten vereinbart, dass ich ihn anrufe. Er wollte es nicht glauben.“

„Und was sagt er?“ Michaela blickte ihre Schwester gespannt an.

Im Gesicht Stefanies zuckte es. Ihre Blässe war einer tiefen Röte gewichen. Deutlich war der Zorn zu erkennen, der sie beherrschte.

„Was soll er gesagt haben?“, erklärte sie bissig. „Was solche Typen immer sagen. Ich soll es wegmachen lassen, und er will es bezahlen.“

„Ich hätte ihm das wirklich nicht zugetraut“, meinte Michaela nachdenklich. „Ich habe ihn immer für einen anständigen Kerl gehalten. Früher ist er bei der Lufthansa geflogen, allerdings als Copilot. Bei der Condor bekam er dann die Chance einer eigenen Maschine. Da ist er zur Schwesterngesellschaft übergewechselt. Dass du ausgerechnet an den kommst. Ich kenne zufällig seine Frau. Ich kenne sie sogar gut. Hanni ist ja früher auch Stewardess gewesen. Und er hat zwei reizende Kinder. Die müssen jetzt zehn und acht sein.“

„So alt schon?“, fragte Stefanie ungläubig.

Michaela nickte. „Doch. Ich weiß genau, dass Hanni auch als verheiratete Frau noch mitgeflogen ist. Das war damals in der Zeit, als es gerade erlaubt worden war. Die Kinder lebten bei den Großeltern. Aber lange hat sie das dann nicht mehr gemacht. Sie ist ausgestiegen. Sie ist sehr nett. Kennst du sie?“

„Nur flüchtig“, erwiderte Stefanie, „vom Sehen. Gesprochen habe ich mit ihr noch nicht. Er redet praktisch nie über sie.“

„Damals hatte ich den Eindruck, es sei die große Liebe zwischen beiden. Das reißt mich fast vom Sitz, wenn ich das höre. Und ausgerechnet du bist schwanger von ihm.“

„Was würdest du an meiner Stelle tun? Es etwa wegmachen lassen? Wenn ich nicht solche furchtbare Angst hätte.“

„Ich glaube nicht, dass man das für einen anderen entscheiden kann. Und ich könnte nicht einmal sagen, was ich täte, geschweige denn, was du tun sollst. Im wie vielten Monat bist du denn?“

„Ende des zweiten. Sagt auch der Arzt.“

„Dann wäre es ja noch möglich. Hat er dir etwa erzählt, er will sich scheiden lassen?“

„Kein Wort. Ich bin ja selbst schuld. Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. Aber wir waren in New York im Hotel. Es ist furchtbar heiß gewesen. Das war so Ende Juni. Die Crew hat ein bisschen gefeiert. Wir waren zusammen mit Leuten der Lufthansa. Es war unheimlich nett. Ich weiß selbst nicht, wie es gekommen ist. Wir haben getanzt, und ich war wie verrückt, wie aufgezogen. Er aber auch. Wir wollten es beide. Heute könnte ich mich ohrfeigen dafür. Eigentlich habe ich mich ihm richtig an den Hals geschmissen. Na ja, und dann ist es passiert. Das war natürlich der Tag des Herrn, weißt du?“

„Aber du hast es doch gewusst? Du hättest dich schützen können. Oder es ihm irgendwie sagen. Oder er muss es doch gemerkt haben als Mann, was mit dir los ist. Und nun?“

„Er sagte, er käme für alles auf, aber ich solle um Himmels willen das Kind wegmachen lassen. Das wäre die billigste Lösung. Er will mir sogar eine Art Schmerzensgeld zahlen.“

„Hat er die Summe genannt?“, fragte Michaela. „Kann man das eigentlich mit Geld wegwischen?“

„Es liegt ja auch an mir. Ich will nichts von ihm, gar nichts. Die Närrin bin ich allein. Und ich habe ihn da mehr oder weniger in etwas hineingezogen. Das gebe ich offen zu. Trotzdem ist er so anständig und ...“

„Du lieber Himmel, was tun wir mit dir? Du solltest es vielleicht wirklich wegmachen lassen. Mit einem Kind ist für dich alles vorbei.“

„Aber wer tut das? Ich möchte nicht nach Holland gehen oder nach England.“

„Es wird dir nicht viel mehr übrig bleiben. Oder warte. Heute Abend kommt Frau Doktor Scheibler vom Dienst. Ich wollte sowieso auf einen Sprung zu ihr.“

„Ja, du hast mir von ihr erzählt. Habt ihr noch immer Kontakt?“

Michaela lachte. „Ich war heute erst bei ihr. Sie hat die gynäkologische Untersuchung gemacht. Ich mag sie unheimlich. Sie ist wahnsinnig nett. Vielleicht kann sie uns einen Tipp geben.“

„Einen Tipp?“, fragte Stefanie unzufrieden. „Könntest du sie nicht bitten, dass sie mir hilft?“

„Willst du es denn?“, fragte Michaela zweifelnd.

Stefanie schlug die Hände vors Gesicht. „Wenn ich das wüsste? Wenn ich nur wüsste, was ich soll, und was ich kann? Ich habe so furchtbare Angst.“

„Überlegen wir doch einmal, was geschieht, wenn du dieses Kind bekommst.“

Stefanie antwortete nicht auf Michaelas Bemerkung. Sie begann zu weinen. Michaela erhob sich, setzte sich auf die Lehne des Sessels, in dem Stefanie saß und legte ihren Arm um Stefanies Schulter. Sie strich ihr übers Haar und sagte tröstend: „Es wird doch irgendwie alles gut. Ich helfe dir. Ich helfe dir, so gut ich kann. Mach dich nicht selbst verrückt! Wir werden jetzt gemeinsam beraten, was wir machen. Und heute Abend, da sprechen wir mit Frau Doktor Scheibler. Sie ist wirklich eine wunderbare Frau. Sie wird dir auch helfen, ja, sie wird dir helfen. Da bin ich ganz sicher. Hör doch auf zu weinen! Du bist doch nicht allein.“

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Professor Winter strich sich eine Locke seines blonden Haares aus der Stirn und lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück. Belustigt blickte er aus blauen Augen auf seine Stationsärztin Sabrina Scheibler.

„Na, Scheiblerin, was haben Sie heute Neues? Es ist ja ein wahrer Stoß von Krankenblättern, den Sie unter dem Arm hereingeschleppt haben.“

„Es ist vor allen Dingen der Untersuchungsbericht. Bei den anderen Chefs bin ich schon gewesen. Wissen Sie, Herr Chefarzt, es ist eine Bekannte von mir. Sie hatte sich um eine Stellung beworben, und die haben ganz unfassbare Bedingungen gestellt. Eine Untersuchung von Kopf bis Fuß wie für die Teilnahme an einer Raumfahrt. Sogar eine eingehende gynäkologische Untersuchung war dabei.“

„Vielleicht eine Dame, die in leitender Position ...“

Sabrina Scheibler unterbrach ihn. „Das habe ich auch scherzhaft gefragt. Nein, nein, es ist die Position einer Reisesekretärin. Können Sie sich diese Bedingungen vorstellen? Obgleich man dazu sagen muss, dass sie auch im tropischen Ausland arbeiten muss.“

„Die Bedingungen, die manche stellen, sind tatsächlich kurios. Zeigen Sie mal her!“

Dr. Scheibler schob ihm die Mappe mit den Untersuchungsberichten zu.

„Mein gynäkologischer Bericht liegt obenauf“, erklärte sie dazu.

Winter blätterte in den Unterlagen. Mehrmals schüttelte er den Kopf. „Sogar Schichtaufnahmen von der Lunge. Das ist tatsächlich allerhand“, meinte er. Aber dann unterschrieb er den Bericht seiner Stationsärztin und schaute auf. „Gibt es noch etwas?“

„Im weiteren Zusammenhang damit, ich sagte Ihnen ja, ich kenne die Dame. Sie wohnt eine Etage unter mir. Wir haben uns etwas angefreundet. Früh, wenn ich meinen Jogginglauf mache, verwahrt sie meinen Sohn. Im Augenblick ist er zwar nicht da, aber sie tut es sonst. Das wird in Zukunft, wenn sie unterwegs ist, nicht mehr möglich sein. Aber das Problem habe ich bereits gelöst. Da ist aber etwas anderes. Michaela Brentig hat eine Schwester. Sie heißt Stefanie. Sie ist Stewardess bei der Lufthansa oder bei Condor, so genau weiß ich es nicht. Jedenfalls bekommt sie ein Kind. Der Vater des Kindes ist verheiratet, und die ganze Geschichte ist wohl so etwas wie ein Betriebsunfall. Sie hat ihre Pille nicht genommen, wohl gar nicht damit gerechnet, sich mit einem Mann einzulassen. Es ist auf einem Fest geschehen. In gehobener Stimmung, schwüler Atmosphäre, na ja, wie so etwas kommt. Sie haben beide nichts dazu getan, sich zu schützen, und so ist es eben geschehen. Die Sache hat nur einen Haken. Sie ist von einem draußen praktizierenden Kollegen untersucht worden, der die Schwangerschaft bestätigte. Bei dem Kollegen handelt es sich um Doktor Vorberg, den ich persönlich aus der Zeit kenne, als ich meine Facharztausbildung gemacht habe.“

„Wie kamen Sie darauf“, fragte Professor Winter und blickte die junge Ärztin verwundert an, „mit ihm Kontakt aufzunehmen? Das ist doch ungewöhnlich. Nur weil Sie ihn kannten?“

„Nein. Weil mir Stefanie Brentig erklärt hatte, sie sollte sich noch einmal bei dem Kollegen vorstellen, und es sei sehr wichtig, sie müsse unbedingt kommen. Den Grund hatte er ihr nicht genannt. Den nannte er mir allerdings. Während Stefanie Brentig noch unentschlossen ist, ob sie das Kind behalten will oder nicht, steht für den Kollegen Vorberg fest, dass die Schwangerschaft in jedem Fall unterbrochen werden muss, mit Rücksicht auf die Mutter. Als Ergebnis seiner Untersuchung vermutet er, dass sie das Kind, ohne Gefahr für ihr eigenes Leben, nicht auf die Welt bringen kann.“

„Und warum hat er ihr das nicht sofort gesagt?“

„Weil er nicht sicher ist. Er möchte sie zu einer Ultraschalluntersuchung zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen lassen. Außerdem war von einer Röntgenaufnahme die Rede, was er mir auch nicht so genau begründen konnte. Er hat mir anheim gestellt, dass diese notwendige weitere Untersuchung bei uns hier vorgenommen wird. Er ist damit einverstanden und empfindet keinen Nachteil dabei. Natürlich hat meine persönliche Bekanntschaft mit ihm eine Rolle bei diesem Entgegenkommen gespielt.“

„In anderen Worten“, meinte Winter nachdenklich, „Sie möchten den Fall übernehmen, und der Kollege Vorberg hat nichts dagegen.“

„Genau so ist es, Herr Chefarzt, vorausgesetzt, Sie sehen keinen Hinderungsgrund.“

Winter rieb sich mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand am Kinn.

„Na ja, begeistert bin ich nicht“, meinte er missvergnügt. Ich habe es nicht gern, wenn den Kollegen draußen ein Patient weggenommen wird, ganz gleich aus welchem Grund und auf welche Weise. Er hat Ihnen zwar zugestimmt, aber es wird ihn nicht gerade zu Freudentänzen verleitet haben.“

„Das vielleicht nicht“, gab Sabrina zu, „aber es fiel ihm auch nicht schwer. Er hat einen sehr großen Patientenkreis und stets ein äußerst volles Wartezimmer. Das hatte mir auch Stefanie Brentig erzählt. Es tut ihm nicht weh. Er hat mir das mehrmals versichert. Ich glaube nicht, dass Ihre Bedenken in diesem Falle berechtigt sind. Stimmen Sie doch zu, Herr Chefarzt!“

„Also gut, ich habe nichts dagegen. Aber ich möchte, dass Sie in diesem Falle Mittler hinzuziehen. Eine Schwangerschaftsunterbrechung müssen wir sehr gut begründen. Und es muss eine absolute Indikation vorliegen, dass hier tatsächlich Gefahr für das Leben der Mutter besteht.“

„Es ist auch zu begründen, Herr Chefarzt“, meinte Sabrina. „Und zwar hängt es mit einer Anomalie zusammen, einer abnormen Verwachsung der Gebärmutter. Die Gefahr für die Schwangere träte schon ab dem sechsten Monat ein, behauptet jedenfalls der Kollege Vorberg. Er meinte auch, man müsse ganz einfach ein Röntgenbild haben, wobei wir ein Kontrastmittel spritzen müssen, um das exakt feststellen zu können.“

„Das allein schon ist ziemlich riskant bei einer Schwangeren“, meinte Winter. „Darüber müsste sich aber der Kollege Vorberg klar sein.“

„Ich bin mir nicht sicher, bevor ich nicht selbst die Untersuchung vorgenommen habe. Und selbstverständlich werde ich den Herrn Oberarzt einschalten.“

„Ja, richtig. Ziehen Sie Mittler hinzu! Nehmen Sie das nicht allein auf Ihre Kappe! Und wenn Sie unbedingt wollen, kann ich ja auch einmal einen Blick darauf werfen. Gibt es zu dieser Geschichte eine Reaktion vom Vater des Kindes?“

„Er hat ihr Geld geboten, die Abtreibung vornehmen zu lassen. In Holland oder England oder sonst wo. Er will ihr sogar etwas darüber hinaus zahlen, als sogenanntes Schmerzensgeld.“

„Wie nobel von dem Herrn. So kann man sich auch von der Verantwortung freikaufen“, erklärte Winter geringschätzig. „Also gut, machen Sie das mit der Untersuchung wie besprochen. Und nun zum nächsten Punkt.“

„Und da hätte ich noch die verschiedenen Berichte der Gewebeproben, Herr Chefarzt.“

Das Telefon summte. Winter murmelte eine Entschuldigung und nahm den Hörer. Er meldete sich, und Dr. Sabrina Scheibler hörte, wie er sagte: „Oh, Herr Neuhoff senior, welch eine Überraschung ... der Empfang? Das tut mir sehr leid, aber ich konnte beim besten Willen nicht. Ein Notfall, wenn Sie verstehen ... Natürlich kommen wir gern ... Nächste Woche Dienstag? Warten Sie mal, da muss ich nachsehen ... Ja ja, ich habe schon meinen Terminkalender ...“ Er zog sich seinen Terminkalender heran, blätterte und erklärte dann: „Ja, das ließe sich machen. Zwanzig Uhr sagen Sie? Ja, die ist bei mir gewesen. Ich habe ihr selbst schon gesagt, es ist alles bestens ... Ja, das ist immer ein Grund zur Freude. Da haben Sie recht. Sehen wir uns also nächsten Dienstag zwanzig Uhr ... Ja, wir werden da sein. Natürlich. Und eine Empfehlung an Ihre Frau Gemahlin, auch im Namen meiner Frau, Herr Neuhoff ... Ja, das wünsche ich Ihnen auch. Auf Wiedersehen.“ Er legte auf, und Sabrina hatte mehr im Unterbewusstsein diesen Namen Neuhoff in ihrem Gedächtnis registriert. Nicht ahnend, dass er noch einmal bei ihr eine Rolle spielen sollte.

„Fahren wir also fort. Wir waren doch bei den Gewebeproben, nicht wahr?“, fragte Winter.

Sabrina nickte und schob ihm die Unterlagen über den Schreibtisch ...

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4

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Michaela traf Dr. Sabrina Scheibler im Hausflur, als die gerade vom Dienst kam, und Michaela noch etwas einkaufen gehen wollte.

„Hallo“, rief Sabrina. „Was macht Ihre Schwester? Ist sie immer noch so deprimiert?“

Michaela blickte betrübt. „Ja, das ist sie wirklich. Ich weiß gar nicht mehr, was ich mit ihr anfangen soll. Den ganzen Tag hat sie herum geheult. Sie wollten doch mit Doktor Vorberg sprechen. Haben Sie das getan?“

Sabrina nickte. „Ja, das habe ich. Aber ich glaube, der Hausflur ist wohl nicht der richtige Ort. Auf der anderen Seite bin ich froh, dass ich Sie allein treffe. Ich möchte unbedingt vorher mit Ihnen sprechen.“

„Ich wollte nur etwas einholen. Gleich machen die Geschäfte zu.“

„Das trifft sich gut. Ich will auch noch etwas besorgen. Also gut, ich komme mit. Gehen wir doch zusammen!“

Sie gingen nebeneinander mit gesenkten Köpfen, weil die tiefstehende Sonne sie blendete.

„Und was sagt Doktor Vorberg?“, fragte Michaela gespannt.

Sabrina hatte die Hände in die Tasche ihrer weißen Hose gesteckt, blieb dann stehen und sah Michaela an, die ebenfalls stehengeblieben war.

„Dieses Kind dürfe nicht geboren werden, sagte er. Ich wollte Ihrer Schwester den Vorschlag machen, sie bei uns in der Klinik gründlich zu untersuchen, ein zweites Mal. Sie wissen ja, dass dies ohnehin notwendig gewesen wäre. Darauf hatte Doktor Vorberg ja bestanden, wie mir Ihre Schwester sagte.“

„Wieso darf dieses Kind nicht geboren werden?“

„Weil es nach Meinung des Kollegen Vorberg das Leben Ihrer Schwester in Gefahr bringt. Eine Geburt, vielleicht nicht einmal das Ende der Schwangerschaft, könnte sie ohne Gefahr für ihr eigenes Leben nicht überstehen.“

Michaela machte ein betroffenes Gesicht. Erstaunt darüber fragte Sabrina: „Will sie denn jetzt mit einmal das Kind haben?“

„Ich fürchte ja. Sie hat Angst vor einer Schwangerschaftsunterbrechung. Und ...“

„Aber hier liegt eine eindeutige Indikation vor. Man muss unterbrechen, wenn der Kollege Vorberg recht hat. Was ich in einer sehr gründlichen Untersuchung feststellen werde. Ich ziehe auf die Anweisung meines Chefs auch noch den Oberarzt hinzu. Am Ende möchte der Chef auch noch informiert werden. Also kurzum, sollten wir zum selben Resultat wie der Kollege Vorberg kommen, wird es für Ihre Schwester unumgänglich sein. Und wenn das stimmt, was Vorberg sagt, wird sie auch nie Kinder haben dürfen.“

„Wie schrecklich“, platzte Michaela heraus. „Sie hat Kinder immer so gern gehabt. Und das ist auch der Grund, warum sie dazu neigt, dieses Kind behalten zu wollen, auch wenn der Vater sich offiziell nie dazu bekennen kann, oder sagen wir einmal, nicht darum kümmern möchte.“

„Das ist jetzt nicht das Problem, und immer vorausgesetzt, der Kollege Vorberg hat sich nicht geirrt. Es ist von Verwachsungen der Gebärmutter die Rede. Eigentlich darf ich Ihnen das gar nicht sagen, aber so wie wir uns kennen, wage ich das. Es geht ja schließlich um Ihre Schwester.“

„Vielleicht ist es das Beste. Aber dass sie nie Kinder haben kann, das wird ein Schlag für sie sein. Mein Gott, wenn ich ihr das sage, wird alles noch viel schlimmer.“

„Nun warten wir erst einmal ab. Doktor Vorberg ist auch nur ein Mensch. Er kann sich geirrt haben. Allerdings weiß ich aus Erfahrung, dass er ein guter Arzt ist, ein hervorragender Gynäkologe. Er ist einmal mein Oberarzt gewesen, wie ich Ihnen schon gestern Abend sagte.“ Michaela senkte den Kopf, starrte auf ihre Fußspitzen und sagte verzagt: „Wie soll ich es ihr nur beibringen?“

„Sie sollten ihr jetzt noch gar nichts sagen. Wenn Sie wollen, rede ich mit ihr, wenn die Untersuchung abgeschlossen ist und das Ergebnis feststeht.“

„Das ist es nicht. Ich fürchte mich nicht, es ihr zu sagen. Ich habe nur Angst vor den Folgen.“ Michaela schaute auf und blickte fest in die Augen der Ärztin. „Wissen Sie, sie ist im Augenblick in einem so labilen Zustand, sie könnte sich etwas antun aus Verzweiflung. Sie fühlt sich minderwertig. Das hat sie gestern Abend schon gesagt, nachdem wir bei Ihnen waren. Minderwertig schon deshalb, weil sie den Gedanken hatte, dieses Kind in ihrem Leib töten zu wollen. Sie käme sich wie eine Mörderin vor. Und dann wieder sieht sie keinen Ausweg für die Zukunft. Sie wüsste gar nicht, wie sie dieses Kind ernähren sollte. Wo soll es bleiben? Meine Eltern können es auch nicht für sie aufziehen.“

„Warten wir erst einmal die Untersuchung ab und machen uns nicht selbst verrückt! Und was Ihre Schwester angeht“, entschied Sabrina, „werde ich mit ihr reden. Ich kenne ja die Umstände. Und das macht es mir ein wenig leichter.“

„Trotzdem mache ich mir Sorgen um Stefanie“, gestand Michaela. „Große Sorgen, Frau Doktor Scheibler.“ Aufmunternd erwiderte die junge Ärztin: „Aber, Frau Brentig, lassen Sie doch den Kopf nicht so hängen! Warten wir erst einmal ab. Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Michaela sah Sabrina zweifelnd an. „Sie wollen mir nur Mut machen. Und ich frage mich seit gestern Abend, ob es richtig ist, wenn ich diese Stelle antrete, sollte ich sie bekommen.“

„Wieso fragen Sie sich das?“, wollte Sabrina wissen.

„Ganz einfach. Ich möchte mich auch um meine Schwester kümmern. Meinen Eltern darf sie nicht zur Last fallen. Die haben Probleme genug, seit Vater daheim ist. Nein, ich muss mich um sie kümmern. Aber wenn ich Reisesekretärin bin, dann ...“

„O du lieber Gott, das zieht ja Kreise“, rief Sabrina. „Dabei habe ich mich so bemüht, alles so rasch wie möglich über die Bühne zu bekommen. Wir haben die Berichte heute schon abgeschickt. Ich bin selbst zu den anderen Chefs gegangen, um mir die Unterschriften zu holen. Ihretwegen, damit es so rasch wie möglich geht und Sie Ihren Bescheid von dieser Firma bekommen.“

Michaela zeigte ein mühsames Lächeln. „Danke“, murmelte sie. „Aber vielleicht war alles umsonst. Jemand muss sich doch um Stefanie kümmern.“

„Warten wir ab!“, versuchte Sabrina Michaela zu beruhigen. „Erst wollen wir sie untersuchen. Am besten übermorgen. Da hat auch der Oberarzt Zeit. Übermorgen Vormittag. Am besten so gegen zehn. Ich werde es fest einplanen. Wenn Ihre Schwester nicht einverstanden ist und ihr dieser Zeitpunkt nicht passt, dann lassen Sie es mich wissen. Wenn ich nichts höre, machen wir es fest auf übermorgen.“

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5

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Michaela und Stefanie hatten etwas länger geschlafen als üblich, und es war schon nach neun, als Michaela aufstand. Sie machte gerade den Kaffee, und Stefanie war noch im Badezimmer, da schellte das Telefon. Sie ging hin, hob ab und meldete sich. Am anderen Ende der Leitung war die Telefonistin von Neuhoff & Sohn.

„Herr Doktor Schwarzer möchte Sie sprechen. Ich verbinde Sie.“

Kurz darauf meldete sich Dr.Schwarzer.

„Wir haben alle Unterlagen von der Paul-Ehrlich-Klinik bekommen. Sie sind absolut zufriedenstellend. Herr Neuhoff junior wünscht Sie am besten noch heute zu sehen. Sie sagten doch, dass Sie derzeit Urlaub haben, nicht wahr. Wie wäre es, wenn Sie so gegen elf zu uns kämen?“

Eigentlich hatte Michaela mit Stefanie in die Stadt gehen und etwas einkaufen wollen. Und fast wider ihren Willen erklärte sie sich bereit, um elf zu dieser Verabredung zu kommen.

„Dann sehen wir uns nachher“, erklärte Dr. Schwarzer, verabschiedete sich und legte auf.

Stefanie kam im Bademantel aus dem Badezimmer, hatte ihre Haare hochgesteckt und wirkte noch immer verschlafen, obgleich sie eben unter der Dusche gewesen war.

„Wer war das?“, fragte sie.

„Neuhoff & Sohn. Ich soll um elf zu ihnen kommen.“

„Und unser Bummel?“ Stefanie machte ein betrübtes Gesicht.

„Den verschieben wir auf den Nachmittag. Was hältst du davon?“

„Da hätte ich auch noch im Bett bleiben können.“

„Nun sei nicht so miesepetrig.“

Stefanie schnupperte. „Es riecht so gut nach Kaffee. Ich habe richtigen Hunger - einen Bärenhunger.“

„Ich habe keine frischen Brötchen. Willst du Toast?“

„Es ist mir egal. Nur etwas zu futtern.“ Stefanie gähnte. „Ich bin wie zerschlagen. Dabei haben ich neun Stunden geschlafen.“

„Im Kühlschrank ist Fruchtsaft. Trink ein Glas! Da fühlst du dich frischer. Und zieh dich an!“

„Aber warum? Wenn wir sowieso nicht weggehen?“

„Zieh dich trotzdem an!“

„Du redest wie Mama. Bei der muss man auch herumlaufen, als könnte jeden Augenblick Besuch kommen.“

Michaela sagte nichts mehr, nahm den Filter von der Kaffeekanne und stellte die Kanne auf den Tisch.

„Ich könnte mich genauso gut nachher anziehen. Ich habe so gern, wenn ich noch im Bademantel Kaffeetrinken kann.“

„Tu, was du willst. Mir ist es egal“, meinte Michaela unlustig. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn jemand im Nachthemd oder im Morgenrock am Kaffeetisch saß. Vielleicht hatte sie das wirklich von ihrer Mutter übernommen.

Als sie die Tassen hinstellte, warf sie Stefanie, die noch immer an der Tür lehnte, einen missmutigen Blick zu. Man sieht ihr beinahe an, dass sie schwanger ist, dachte Michaela, so blass wie sie ist, die Ringe unter den Augen. Und ich habe immer gedacht, so früh könnte man das nicht erkennen.

Stefanie hatte ganz andere Gedanken. Sie ist wirklich wie Mama, dachte sie, als sie Michaela beobachtete. Beinahe dieselben Bewegungen. Und immer schnell, und alles so ordentlich. Die Henkel der Tassen müssen alle nach rechts stehen, die Löffel ganz gleichmäßig parallel zu den Henkeln liegen, die Servietten legt sie links neben die Brettchen, das Messer akkurat rechts daneben. Und so sieht es auch in ihren Schränken aus. Wie im Spind eines Soldaten. Sie ist wirklich wie Mama. Aber sie sieht wie Paps aus. Sie hat seine Nase, sein Gesicht. Nur denMund hat sie von Mama. Es war wirklich Zeit, dass sie sich von Manfred getrennt hat. Er passte überhaupt nicht zu ihr. Sie ist hübsch, viel hübscher als ich. Wenn sie auch einen so strengen Zug im Gesicht hat. Ob sie weiß, dass ich sie immer bewundert habe? Früher schon, als sie ihren ersten Freund hatte und ich noch für meinen Englischlehrer schwärmte.

„Nun komm! Setz dich!“, sagte Michaela. „Auf was wartest du?“

Stefanie drehte sich rasch um und rief, während sie weglief: „Ich zieh mich doch noch an. Dir zuliebe, Michaela.“

„Darüber wird der Kaffee kalt“, rief Michaela ihr nach.

„Es geht ganz schnell“, versicherte Stefanie vom Schlafzimmer her. Aber dann dauerte es doch fast zehn Minuten, bis sie frisiert, in weißer Bluse und hellblauen Hosen auftauchte.

Michaela hatte die ganze Zeit gewartet und den Kaffee auf ein Stövchen gestellt. Sie lächelte, und Stefanie lächelte zurück.

„Na, bist du zufrieden mit mir?“

„Sehr zufrieden. Komm, setz dich hin!“ Michaela schenkte Stefanie ein und hatte dabei das Gefühl, dass der Tag doch noch gut beginnen würde.

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6

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Sie hatte ihn schon einmal beim zweiten Einstellungstest gesehen und ihn damals für irgendeinen kleinen Angestellten gehalten. Aber jetzt saß sie vor ihm und hatte begriffen, dass er in Wirklichkeit der Juniorchef war. Er hatte seine Jacke über die Lehne seines Stuhles gehängt und saß im weißen Hemd, den Knoten der Krawatte heruntergezogen, den Kragen geöffnet, auf der anderen Seite des Schreibtisches. Mit der Linken fuhr er durch sein krauses schwarzes Haar, und er sah sie an mit einem Blick, bei dem sie das Gefühl hatte, von ihm ausgezogen zu werden. Sie hasste diesen Röntgenblick bei Männern, und auf ihrer Stirn bildete sich eine Unmutsfalte.

Ihrer Schätzung nach war er etwa Ende zwanzig. Er sah aus wie ein Grieche. Mit leicht geschwungener Nase, ausgeprägten Augenbrauen, und im Kontrast zum dunklen Haar standen die hellen Augen. Im Grunde war er das, was man einen schönen Mann nennt. Und er schien das auch zu wissen. Kam sich offenbar unwiderstehlich vor und grinste Michaela auf eine Weise an, die sie hasste.

Sie hatte ihn begrüßt, er hatte ihr Platz angeboten, ihr die Hand gegeben, und nun saß sie da, ohne dass er bisher ein einziges Wort darüber hinaus gesprochen hätte. Sie selbst schwieg ebenfalls. Sah ihn nur an, während sie sich vorkam wie eine Ware, die von ihm begutachtet wurde.

Schließlich lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und meinte: „Also, im Grunde sind Sie ganz attraktiv. Doch in Zukunft müssen Sie auf Ihre Garderobe achten. In meiner Begleitung können Sie so billige Fähnchen nicht tragen. So ein buntes, mit Blumen bedrucktes Kleid stellt doch nichts dar. Das Gehalt, das Sie bei uns bekommen werden, wird es Ihnen erlauben, sich in besseren Häusern einkleiden zu lassen als in denen, die Sie bisher bevorzugten.“

Die Unmutsfalte in Michaelas Stirn verstärkte sich. Michaela war drauf und dran aufzustehen und wortlos hinauszugehen. Doch sie versuchte sich zu beherrschen und wartete ab. Es war wirklich eine gut bezahlte Stellung. Und sie versprach, auch interessant zu werden, obgleich sie sich noch nicht so richtig vorstellen konnte, was man tatsächlich von ihr verlangte.

„Wie ist das mit Ihrer Kündigung?“, erkundigte sich Frank Neuhoff. „Wie viele Monate haben Sie?“

„Sechs Wochen vor Quartal“, entgegnete ihm Michaela.

Er nahm die Arme von der Brust, griff mit der Rechten nach einem goldenen Kugelschreiber und begann damit zu spielen.

„Mein Vater ist mit dem Inhaber der Firma bekannt, bei der Sie jetzt arbeiten. Ich glaube, es lässt sich ermöglichen, dass Sie früher dort wegkommen. Wir brauchen Sie nämlich eher.“

„Und wann wäre das?“, wollte Michaela wissen.

Er grinste sie wieder an, beugte sich nach vorn und blickte auf einen Bildschirm, von dem Michaela nur die abgekehrte Seite sah. Er drückte auf eine Taste, und dann sagte er, ohne Michaela anzusehen.

„Die erste Fahrt machen wir nach Rio de Janeiro. Das ist Ende nächster Woche. Wir haben fünf Tage dort zu tun. Von da aus fliegen wir nach Kapstadt. Das wird vier oder fünf Tage dauern, vielleicht auch länger. Und wie es dann weitergeht, steht im Augenblick noch aus.“

Michaela begann etwas zu ahnen. „Komm ich dann nie mehr hierher?“, fragte sie.

Er blickte sie überrascht an. „Was wollen Sie damit sagen? Hatten Sie gedacht, eine Reisesekretärin würde die meiste Zeit hier im Hause arbeiten?“

„Nein, das nicht. Nur ich dachte ... also ich glaubte, ich käme ab und zu ...“

„Das kommt darauf an. Es kann sein, dass Sie ein halbes Jahr nicht hierherkommen. Warum fragen Sie das? Sie können sich doch vorstellen, was Ihre zukünftige Arbeit ausmacht oder nicht? Ich nehme an, Doktor Schwarzer hat Ihnen das erklärt?“

„In groben Sätzen, ja“, bestätigte sie.

„Also gut, er wird Sie eingehender informieren. Wie gesagt, nächste Woche. Der 24. ist dann Dienstag, ja am Dienstag. Aber ich muss Sie natürlich schon vorher hier haben.“

„Aber entschuldigen Sie, ich habe noch Urlaub. Und ich hatte mir einiges vorgenommen.“

„Urlaub? Ja natürlich, Sie haben zur Zeit Urlaub. Aber den brauchen Sie ja nicht voll auszureizen. Wir schreiben Ihnen die Urlaubstage gut, die Sie einbüßen. Damit Sie auch einen richtigen Begriff von allem haben, wäre es am besten, wenn Sie morgen schon ...“

Sie schüttelte heftig den Kopf. „Das geht überhaupt nicht. Da habe ich etwas vor.“ Sie fragte sich insgeheim, ob sie diesen Leuten nicht absagen sollte. Was würde denn aus Stefanie werden? Die brauchte sie im Augenblick.

„Also, wie gesagt“, erklärte. Frank Neuhoff, „ich kann das mit Ihrem bisherigen Arbeitgeber regeln. Und den Urlaub, das hatte ich eben erklärt, schreiben wir Ihnen gut. Was hindert Sie noch daran?“

„Meine Schwester. Sie ist im Augenblick krank, und ich kümmere mich um sie. Deshalb hatte ich mir auch den Urlaub genommen.“ Es war eine Notlüge, aber Michaela war überzeugt, dass sie ein Recht darauf hatte, es jetzt zu sagen. Schon Stefanies wegen.

„Ja, wenn es so ist“, erklärte Frank Neuhoff, „dann müssen wir wohl jemand anderen bitten, für Sie einzuspringen.“

Für Michaela war es eine Absage. Sie erhob sich, fest entschlossen, das hinzunehmen.

„Es tut mir leid“, erklärte sie.

„Was tut Ihnen leid? Warum stehen Sie auf? Wir reden doch noch miteinander.“

„Aber Sie haben mir doch gerade gesagt, dass Sie mich nicht brauchen.“

„Wer hat das gesagt? Ich habe nur erklärt, dass jemand anderer einspringen muss, so lange Sie sich um Ihre Schwester kümmern. Und wenn das erledigt ist, wobei ich hoffe, dass dies bald der Fall sein wird, dann kommen Sie zu uns. Ich werde jemand anderen nach Rio mitnehmen.“

„Ja, wenn das geht. Ich muss mich wirklich um meine Schwester kümmern.“

Er sah sie ungeduldig an. „Was hat sie denn? Wie lange wird das dauern?“

Michaela überlegte fieberhaft. Dann platzte sie heraus: „Ja, wenigstens noch zwei Wochen.“

„Na ja, das ließe sich sogar einrichten. Dann machen wir die Reise nach San Francisco zusammen. Und von da geht es weiter nach Australien. Sind Sie schon einmal in den Vereinigten Staaten gewesen?“

Sie nickte. „Schon mehrmals. Ich war zwei Jahre lang Stewardess.“

„Na ja, dann wissen Sie ja Bescheid. Also dann in vierzehn Tagen. Rufen Sie mich ein paar Tage vorher an! Und was Ihre Aufgabe angeht, setzen Sie sich am besten noch einmal mit Doktor Schwarzer in Verbindung. Das werden Sie doch zwischendurch, wenn Sie sich um Ihre Schwester kümmern, einmal ermöglichen können?“

„Das wird sich sicher machen lassen, Herr Neuhoff.“

„Na, sehen Sie“, meinte er mit entwaffnendem Lächeln, „alles lässt sich regeln. Sie sind ja wie ein scheues Reh. Wären am liebsten weggelaufen. Bin ich Ihnen so unsympathisch?“

Eigentlich fand sie ihn nicht gerade unsympathisch, aber absolut nicht als den Typ, der ihr gefiel.

Er reichte ihr die Hand. „Auf gutes Gelingen. Bis in vierzehn Tagen. Und übrigens sollten Sie sich, wenn Sie Fragen haben, an meine Sekretärin wenden, die draußen im Vorzimmer sitzt. Fräulein Merck kann Ihnen viele Tips geben. Sie ist nämlich Ihre Vorgängerin und wird uns verlassen. Im allerbesten Einvernehmen natürlich.“

Michaela ging. Als sie die Tür des Zimmers hinter sich schloss, schaute sie auf Fräulein Merck, die vorn am Fenster an der Schreibmaschine saß und gerade etwas notierte. Sie war eine äußerst attraktive Frau mit hochgestecktem Haar, sehr schlank und groß. Ihr Haar war noch dunkler als das von Michaela. Aber sie war ein völlig anderer Typ. Als sie Michaela das Gesicht zuwandte, kamen der die Lippen Fräulein Mercks auffällig stark geschminkt vor. Auch der Lidschatten schien etwas zu stark aufgetragen zu sein, die Wimpern etwas zu lang, die Brauen etwas zu krass nachgezogen. Und gepudert schien sie auch zu sein, wie Michaela feststellte.

Fräulein Merck setzte ein einstudiertes Lächeln auf. „Kann ich etwas für Sie tun?“

„Herr Neuhoff sagte mir, dass Sie meine Vorgängerin seien und mir manchen Tipp geben könnten.“

„Oh, sagte er das?“, erwiderte sie spitz.

„Ja, das hat er gesagt. Übrigens, falls Sie meinen Namen nach den Unterlagen nicht mehr kennen, ich heiße Michaela Brentig.‘‘ Michaela ging auf Fräulein Merck zu und reichte ihr die Hand. Die schien nur sehr widerwillig einzuschlagen, und der Händedruck war flau und  matt.

„Darf ich Sie bitten, mir Ratschläge zu geben, wenn ich die brauchen sollte?“

„Da gibt es nicht viele Ratschläge. Sie haben nur eine Aufgabe, außer der Tatsache, dass man von Ihnen verlangt, wenigstens in zwei Fremdsprachen reden zu können, diese Aufgabe besteht darin, hübsch zu sein. Da Sie das von Natur aus sind, Fräulein Brentig, bleibt Ihnen zu tun nichts weiter übrig.“

„Wie darf ich das denn verstehen?“, fragte Michaela überrascht. Fräulein Merck lachte spöttisch auf. „Das werden Sie sehr schnell feststellen. Und vor allen Dingen sollten Sie sich ein anderes Modehaus suchen. Er liebt weiße Blusen und dunkle Rücke, möglichst eng und kurz. Am besten mit einem Reißverschluss an der Seite.“

Michaela wurde dunkel im Gesicht. „Wollen Sie mich verhöhnen?“

Fräulein Merck wurde ernst. „Nein. Absolut nicht. Aber ich will nichts weiter sagen. Sie hatten mich nach einem Tipp gefragt, und ich habe Ihnen einen gegeben. Und jetzt muss ich leider noch etwas tun. Wann werden Sie denn kommen?“

„Frühestens in vierzehn Tagen.“

„Oh, du lieber Himmel! Dann schleppt er mich auch noch nach Rio mit. Nein, dann mache ich lieber vorher krank. Können Sie nicht eher kommen?“

„Es geht nicht. Ich muss mich um meine kranke Schwester kümmern.“

„Auch das noch! Na ja“, meinte Fräulein Merck seufzend, „das werde ich auch noch über mich ergehen lassen.“

Michaela kam ein Gedanke. „Könnten wir uns nicht außerhalb der Firma treffen? Ich meine, Sie haben mir ein paar Dinge gesagt, die mich nachdenklich werden lassen.“

Fräulein Merck sah Michaela aus schmalen Augen an.

„Was wollen Sie denn? Möchten Sie viel Geld verdienen oder sind Sie lieber darauf aus, für wenig Geld von früh bis abends wie ein Pferd zu schuften.“

„Viel Geld für eine Arbeit natürlich. Und ich bin auch bereit, eine ordentliche Arbeit zu liefern.“

„Eine ordentliche Arbeit?“ Fräulein Merck lachte bitter auf. „Wenn es das wäre. Es kommt auf ganz andere Dinge an. Aber das werden Sie lernen. Natürlich wird von Ihnen auch Arbeit verlangt. Aber das, was er am meisten will, hat damit wenig zu tun. Sie werden es wohl auch nicht schaffen, das auszuklammern.“

„Können wir uns nicht treffen, wie ich vorschlug? Ein Stück weiter ist ein Café. Wir könnten doch ...“

Fräulein Merck schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Am Ende sagen Sie ihnen noch etwas. Dann kann er mich belangen. Um Gottes willen! Ich habe auch einmal geglaubt, der Himmel hinge voller Geigen. Jetzt weiß ich es besser.“

„Er sagte, sie schieden in bestem Einvernehmen.“

„Glauben Sie ihm das?“, fragte Fräulein Merck. Sie schüttelte unwillig den Kopf. „Gefeuert hat er mich. Und ich muss sogar noch froh sein, dass Sie vierzehn Tage später kommen, da bezahlt er mehr. Ich müsste Ihnen dankbar sein. Aber ich hatte mich damit abgefunden, schon früher zu gehen. Das ist alles.“

„Sie sind verbittert, nicht wahr?“

„Sie haben recht“, bestätigte Fräulein Merck, „enttäuscht und verbittert. Vielleicht sind Sie das eines Tages auch. Vielleicht aber auch nicht. Mancher zieht das große Los. Ich gehöre nicht dazu. Und jetzt habe ich wirklich zu tun.“

Obgleich Michaela Mitgefühl mit dieser Frau hatte, die so in Rätseln sprach, fiel der Abschied doch ziemlich frostig aus. Michaela war nachdenklich geworden. Und als sie auf dem Parkplatz wieder in ihren Wagen stieg, dachte sie noch immer dasselbe: Was hat sie wirklich gemeint?

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Die Tage bis zu Stefanies Untersuchung waren mit einer gewissen Spannung erfüllt. Aber beide, weder Michaela noch Stefanie, sprachen davon, und Michaela vermied es, das Thema überhaupt zu berühren. Dabei war ihr klar, dass Stefanie jede wache Minute daran zu denken schien. Es beschäftigte sie, auch wenn nicht darüber gesprochen wurde. Und Michaela ging es im Grunde nicht anders. War sie mit Stefanie beisammen oder dachte sie nur an ihre Schwester, drehten sich alle ihre Gedanken um die Möglichkeit der Schwangerschaftsunterbrechung.

Zur Untersuchung fuhr Michaela ihre Schwester in die Klinik, wollte zwischendurch noch etwas erledigen und Stefanie nachher wieder abholen. Von Dr. Scheibler wusste sie, dass alles etwa zwei Stunden dauern würde. Also war sie dann, zwei Stunden später, wieder in der Paul-Ehrlich-Klinik, parkte ihren Wagen und wartete. Als Stefanie nicht kam und sie bereits eine Viertelstunde auf ihre Schwester gewartet hatte, ging sie hinein, um sich zu erkundigen, wie lange es noch dauern könnte.

In der dritten Etage fragte sie dann die Sprechstundenhilfe von Professor Winter, Renate Angern, ob sie ihr nicht Auskunft über die Dauer der Untersuchung geben könnte. Sie wolle ihre Schwester doch abholen.

Renate Angern wusste zunächst von nichts. Aber sie war bereit, sich zu erkundigen, kam dann nach ein paar Minuten wieder auf den Flur und sagte: „Ich habe mit Herrn Oberarzt gesprochen. Er hat mir bei dieser Gelegenheit gesagt, dass er sehr gern mit Ihnen reden möchte. Auch Frau Doktor Scheibler, unsere Stationsärztin, wollte mit Ihnen sprechen. Im Augenblick wartet Ihre Schwester auf den Herrn Chefarzt. Er wollte auch mit ihr reden. Ich wusste das nur nicht. Sie wartet im Augenblick im Arztzimmer, wo sie mit der Frau Stationsärztin redet. Wenn Sie sich etwas gedulden wollen? Der Herr Oberarzt kommt gleich. Er weiß, dass Sie da sind.“

Michaela wurde ins leere Wartezimmer geführt, und Renate Angern erklärte ihr so beiläufig: „Wir haben heute an sich keine Praxis. Das mit Ihrer Schwester war ein Ausnahmefall. Gedulden Sie sich bitte!“

Wenig später tauchte Renate Angern wieder auf. „Der Herr Oberarzt ist da. Würden Sie bitte in die Ordination kommen?“

Der große blonde Dr. Mittler empfing Michaela in der Ordination seines Chefarztes, begrüßte sie ein wenig schwerfällig und deutete auf den Stuhl, dass Michaela Platz nehmen sollte. Mittler war Ende dreißig, wirkte aber älter. Sein blondes Haar lichtete sich schon stark. Michaela kannte ihn nur aus den Erzählungen Sabrina Scheiblers und fand, dass er ein sehr ernstzunehmender Mann war, dessen Gesicht eine gewisse Traurigkeit ausstrahlte. Ein bisschen erinnerte er sie an einen Jagdhund, der auch ein so trauriges Gesicht hat.

Als sie sich gegenübersaßen, sagte Mittler: „Wir haben Ihre Schwester untersucht. Auch der Chef hat sich die Geschichte angesehen. Wir stehen vor einer schwierigen Entscheidung. Für uns steht es fest, dass der Kollege, der Ihre Schwester untersucht hat, ich meine den Kollegen Vorberg, keinesfalls schief liegt in seiner Annahme. Im Grunde ist es noch schlimmer. Eine Schwangerschaftsunterbrechung ist nicht nur indiziert, sondern ausgesprochen notwendig. Es geht tatsächlich um das Leben Ihrer Schwester. Sie befände sich in tödlicher Gefahr, würde sie das Kind austragen wollen. Und zwar wird es ab dem sechsten Monat kritisch. Darüber hinaus kann es zu sehr erheblichen Veränderungen kommen, die irreparabel sind, das heißt, man kann das später nicht mehr in Ordnung bringen. Nach Meinung unseres Chefs, aber auch nach meinen eignen Überzeugungen und der meiner Kollegin Schreibler, sollte bei Ihrer Schwester eine Exstirpation des Uterus erfolgen, ich will sagen, man müsste die Gebärmutter entfernen. Und dies im gleichen Zusammenhang mit der Schwangerschaftsunterbrechung, die damit automatisch erfolgt. Es wird früher oder später durch eine Anomalie der Gebärmutter zu Komplikationen kommen, wenn wir nicht beizeiten etwas tun. Und zwar liegt das an den Verwachsungen, die möglicherweise durch eine Verletzung in der Kindheit entstanden sind. Zum Beispiel durch einen stumpfen Schlag in den Unterleib oder etwas Ähnliches. Ihre Schwester kann sich da an nichts erinnern, weiß zwar, dass sie als kleines Mädchen mal einen Unfall hatte, aber etwas Genaues kann sie darüber nicht sagen.“

„Ja, ich kann mich erinnern“, bestätigte Michaela. „Sie ist mal von einem Radfahrer umgefahren worden. Da hatte sie ihr Dreirad.“

„Sie sagt etwas Ähnliches. Nur von Folgen wusste sie nichts.“

„Sie hatte damals, wenn ich nicht irre, irgendwelche Blutungen. Aber wissen Sie, meine Eltern mochten über so etwas nie sprechen. Ich habe das immer so zwischen den Zeilen herausgehört, und da ich nur zwei Jahre älter bin als meine Schwester, war ich selbst noch ein Kind. So richtig begriffen habe ich das nicht. Ich kann mich aber schwach erinnern. Ich müsste mal mit meiner Mutter sprechen.“

„Das würde ich sehr empfehlen. Nur bringt es uns im Grunde nicht weiter. Und das Resultat unserer Untersuchungen ist ganz einfach, dass eine Hysterektomie, wie man die Entfernung der Gebärmutter nennt, nach heutigem medizinischen Stand, für Ihre Schwester gut wäre. Es könnte nämlich, auch ohne eine Schwangerschaft, später noch zu Komplikationen kommen, die möglicherweise lebensbedrohend sind. Und so etwas kann im Urlaub passieren, es kann irgendwo geschehen, wo sie weit ab ist von schneller Hilfe, zumal man bei einer Ruptur lebenswichtiger Gefäße, also von Adern, in einem Notfall nicht sofort weiß, wie das zustande gekommen ist, so dass Hilfe in einem solchen Fall sehr spät käme. Ich meine die richtige Hilfe. Der Entschluss, einer so jungen Frau die Gebärmutter zu entfernen, fällt natürlich sehr schwer.“

„Und wird sie dann vermännlichen?“, fragte Michaela sofort.

Dr. Mittler schüttelte lächelnd den Kopf. „O nein. Das geschähe nur, wenn eine Entfernung von Eierstöcken und Eileiter gleichzeitig erfolgte. Die Virilisierung ist in diesem Falle nicht zu befürchten, ich meine damit die Vermännlichung. Und selbst die kann in gewissen Fällen noch durch Hormongaben gesteuert werden, obgleich ich dazu neige, und besonders unser Chef, Hormongaben als das äußerste Mittel anzuwenden. Aber alles das ist hier nicht bedeutungsvoll, weil es dazu nicht kommt. Wenn die Eierstöcke erhalten bleiben, wird sich auch im äußeren Erscheinungsbild Ihrer Schwester nichts ändern. Allerdings ist der Zyklus, den eine Frau nun mal normalerweise hat, dann nicht mehr vorhanden. Alles Übrige wird mehr oder weniger normal

funktionieren. Also, sie wird eine Frau sein.“

„Aber keine vollwertige“, erklärte Michaela spontan. „Die ganzen Gefühle, Empfindungen, die eine Frau sonst hat, die sind doch dann nicht mehr da?“

„Das kann man so nicht sagen“, widersprach Dr. Mittler. „Vieles wird bleiben, weil eben die Eierstöcke und Adnexe erhalten sind. Aber Sie haben recht, manches in den weiblichen Empfindungen geht verloren. Und deshalb ist es eine so schwere Entscheidung.“

„Lässt sich denn dieses Organ nicht erhalten? Und Sie können gleichzeitig dafür sorgen, dass eben der lebensbedrohliche Zustand verschwindet.“

„Das ist möglich“, bestätigte Mittler. „Aber es ist eine sehr schwierige und zum Teil umstrittene Operation, die wir dann vornehmen müssen, wobei wir im Vorhinein überhaupt nicht garantieren können, dass es nur in etwa so ausfällt, wie sich das rein theoretisch machen ließe. Das ist nun mal bei Verwachsungen und Anomalien so. Jeder Mensch ist eben anders, und jede außergewöhnliche Gestaltung eines Organs wiederholt sich praktisch bei keinem Menschen.“

„Besteht denn Lebensgefahr, wenn Sie meine Schwester operieren?“

„Eine Lebensgefahr besteht sogar, wenn jemand eine Spritze bekommt. Sie besteht praktisch bei jeder Verletzung, ob sie nun künstlich oder durch Unfall hervorgerufen ist, wenn man das ganz genau betrachtet. Natürlich ist das äußerst selten. Ich will damit nur erklären, dass es einen völlig ungefährlichen Eingriff überhaupt nicht gibt. Wenn Ihnen so etwas gesagt wird, sind das Märchen. Kein Eingriff ist ungefährlich. Es könnte immer irgendetwas geschehen, was nicht vorauszuberechnen ist. Aber gehen wir mal vom Normalfall aus. Die Gefahr ist winzig klein bei dieser Operation. Das Problem liegt ganz einfach darin, dass wir, wollten wir das Organ erhalten, nicht voraussagen können, ob wir den Zustand, den wir ja ändern wollen, auch wirklich ändern können. Um das zu sehen, müssten wir eine Inspektion machen, das heißt, wir müssten die Bauchdecke öffnen, um uns alles genauestens anzusehen. Während der Operation werden wir wissen, wie wir verfahren können.“

„Aber dann ist doch die Möglichkeit immer noch offen, wenn es nicht anders geht, eben doch diese Hy ... Hy ...“

„Hysterektomie. Sagen Sie einfach: Entfernung der Gebärmutter. Ja, Sie haben recht, wir könnten es dann einfach so machen, wie es uns sicherer erschiene. Nur dazu muss uns Ihre Schwester die Einwilligung geben. Sie muss die Entscheidung fällen. Niemand kann es für sie tun. Ich habe Ihnen das alles erklärt, und Ihrer Schwester wird das nachher der Herr Chefarzt erklären. Sie braucht diese Entscheidung nicht sofort zu fällen. Aber an dem Tag, an dem sie operiert wird, müssen wir diese Entscheidung kennen.“

„Und wann wollen Sie operieren?“

„So wie die Dinge liegen“, erwiderte Mittler und starrte auf die Unterlagen, die auf der Schreibtischplatte lagen, „werden wir es bald tun müssen, sehr bald. Denn mit jedem weiteren Tag wächst ein gewisses Risiko.“

Michaela hatte verstanden. „Und was kann ich dazu tun?“ Sie blickte in die blassblauen Augen Dr. Mittlers. Sein eben noch gespannt wirkendes Gesicht glättete sich. Jetzt wirkte er auch gar nicht mehr so traurig. Lächelnd sagte er: „Sie können sehr viel tun. Wir sind der Meinung, dass gerade in einem solchen Fall die seelische Kraft mindestens so wichtig ist wie ein gut funktionierender Kreislauf. Ich weiß nicht, wie groß der Einfluss ist, den sie auf Ihre Schwester ausüben, aber Sie sollten ihr Mut machen, Sie sollten ihr das Gefühl verleihen, dass sie danach ein durchaus normales Leben führen kann. Und das gilt sowohl für eine Operation, bei der das Organ erhalten wird, als auch für den Fall, dass wir die Hysterektomie durchführen müssen, also die Gebärmutter entfernt wird.“

Michaela lehnte sich zurück und sah Dr. Mittler entschlossen an.

„Selbstverständlich werde ich alles dazu tun, um ihr Mut zu machen. Ich muss nur davon überzeugt sein, dass es wirklich so ist.“

„Es ist so. Sie wird wieder normal leben können. Und sie wird auch eine Frau bleiben, wenn sie das meinen. Ihre Schwester ist eine sehr attraktive Frau. Und sie ist sehr jung. Ich will Ihnen jetzt nicht die alten Geschichten erzählen, dass junge Menschen solche Operationen viel besser verkraften. In diesem Falle stimmt es aber. Doch, was das Seelische angeht, was von sehr vielen Kollegen unter den Frauenärzten unterschätzt wird, so muss ich Ihnen sagen, ist es eine Sache, die wir nur wenig beeinflussen können, obgleich wir uns darum bemühen. Oft sind nahestehende Familienangehörige oder ein Freund viel besser dazu in der Lage. Und so brauchen wir Ihre Hilfe. In diesem Punkt brauchen wir Sie. Sie hat auf meine Frage hin, ob sie eine enge Beziehung zu einem Mann hat, gegenwärtig noch hat, verneint.“

„Nein, sie hat jetzt niemand. Und der Mann, von dem das Kind stammt, ist verheiratet. Eine etwas unglückliche Geschichte, an der meine Schwester selbst nicht schuldlos ist. Aber nun ist es passiert, und im Nachhinein zu richten, hat wohl wenig Sinn.“

„Nein, das hat es sowieso nicht“, erklärte Mittler entschieden. „Sie muss jemanden haben, der jetzt Kraft gibt, seelische Kraft. Und wie gesagt, wir bemühen uns auch darum. Aber wir bitten Sie, uns zu helfen.“

„Das werde ich tun, so gut ich’s vermag.“

„Wie ist es denn mit dem Elternhaus?“

„Die haben selbst Probleme, und meine Schwester ist, genau wie ich, ein Nestflüchter, wenn Sie verstehen, was ich damit meine. Sie wollte immer hinaus. Sie wollte selbständig sein. Sie wollte ihr Leben selbst gestalten nach eigenen Vorstellungen. Und weitgehendst ist ihr das gelungen. Bis zu dieser Geschichte.“

„Im Grunde können Sie froh sein, dass auf diese Weise etwas erkannt werden konnte, was vermutlich sonst so schnell gar nicht festgestellt worden wäre.“ Mittler beugte sich vor und sah Michaela ernst an.

„Sie hat, wie sie sagte, nie eine gynäkologische Untersuchung durchführen lassen - bis zu der Untersuchung von Doktor Vorberg. Wer weiß, was geschehen wäre, hätten wir das jetzt nicht feststellen können.“

„Ist es wirklich so schlimm gewesen?“, erkundigte sich Michaela zweifelnd.

„Wenn Sie Wert darauf legen, kann ich es Ihnen gern erklären. Aber wie gesagt, es bringt uns nicht weiter. Wir brauchen die Einwilligung Ihrer Schwester, nötigenfalls die Gebärmutter entfernen zu können, und mehr noch als das brauchen wir jemanden, der uns unterstützt, sie davon zu überzeugen, dass der ganze Eingriff gemacht werden muss, ob wir ihn nun so oder so durchführen können. Das ist eine Frage, die zu entscheiden erst möglich ist, wenn Ihre Schwester auf dem Operationstisch liegt und die Operation bereits eingeleitet wurde. Das heißt, genauer gesagt, wenn die Operation in vollem Gange ist. Erst dann können wir diese Entscheidung fällen, wenn wir sehen, was tatsächlich los ist.“

„Und wer wird die Operation durchführen?“

„In diesem Falle, das hat mir der Chef vorhin schon erklärt, möchte ich bei der Operation zugegen sein. Den Auftrag zu operieren, hatte er mir erteilt, vorausgesetzt, Ihre Schwester stimmt dieser Operation überhaupt zu.“

„Ich bin Ihnen dankbar, dass sie mir das alles gesagt haben. Dankbar im Namen meiner Schwester.“

Mittler erhob sich. „Sie müssen mich jetzt bitte entschuldigen“, meinte er lächelnd. „Ich habe noch mehr Patienten.“

„Natürlich.“

Michaela stand ebenfalls auf, reichte ihm die Hand und bedankte sich nochmals. Sie verabschiedete sich, und Dr. Mittler sagte: „Der Chef will noch mit Ihrer Schwester reden. Kommen Sie, ich begleite Sie hinaus. Sie können auch woanders warten als im Wartezimmer. Wir haben da einen kleinen Raum, da ist es ein wenig gemütlicher. Soll ich Ihnen einen Kaffee bringen lassen oder so etwas?“

Michaela hatte Durst auf etwas Frisches. „Wenn es möglich ist, irgendeinen Saft oder ganz einfach Sprudel.“

„In Ordnung. Kommen Sie!“

Fünf Minuten später saß sie in einem kleinen Besprechungszimmer, in dem nur ein runder Tisch und drei Stühle standen, hatte ein Glas Fruchtsaft vor sich und wartete. In dieser Zeit dachte sie darüber nach, wie sie selbst empfinden würde, wäre diese Operation bei ihr notwendig und nicht bei ihrer Schwester. Und sie bemühte sich, Worte zu finden, die sie Stefanie nachher sagen wollte, nachher, wenn sie zusammen zu Hause waren und über alles sprechen würden. Worte, die Stefanie Kraft geben sollten, mit all dem fertig zu werden.

Als Stefanie dann auftauchte, war Michaela mehr als überrascht. Stefanie schien guten Mutes zu sein. Nichts von Traurigkeit, und so strahlend ging sie auf ihre Schwester zu.

Michaela wollte keine Frage stellen. Sie zwang sich zu einem Lächeln und stellte fest: „Du hattest offenbar ein gutes Gespräch mit Professor Winter.“

„Ein hervorragendes. Er ist ein großartiger Mann. Ein Arzt, sag ich dir, und nicht nur das, eben auch ein Mann. Ein wunderbarer Mann.“

Irritiert erkundigte sich Michaela dann doch: „Was hat er dir denn so Großartiges erzählt, dass du diesen Eindruck gewinnst?“

„Er wird alles in Ordnung bringen.“

Verwundert wollte Michaela wissen: „Wie meinst du das, in Ordnung bringen?“

„Na ja, vielleicht kann er meine Gebärmutter retten. Und dann, so hat er mir erklärt, könnte ich vielleicht doch noch Kinder bekommen. Und wenn nicht, dann nimmt er das Ding eben heraus. Aber er hat mir versichert, dass ich danach immer noch wie eine normale Frau empfinden werde. Ich bin froh, wenn alles vorüber ist, nun, da ich weiß, dass es sein muss.“

Du lieber Himmel, dachte Michaela, so einfach ist das. Als wenn sie sich einen Zahn ziehen ließe. Und ich habe geglaubt, sie ist völlig von der Matte. Dabei hat sie das offenbar besser verkraftet als ich. Sie könnte mir noch seelischen Trost spenden, so wie sie sich gibt. Dieser Professor Winter scheint wirklich ein Wunder bei ihr bewirkt zu haben. Vorhin noch war sie das heulende Elend, und jetzt kommt sie wie eine Siegerin heraus, als sei alles bestens in Ordnung. Und ich zermartere mir den Kopf, wie ich ihr helfen kann.

Auch auf der Fahrt nach Hause war Stefanie von einem Optimismus, der Michaela regelrecht überwältigte. Die noch gestern blassen Wangen hatten sich gerötet. Stefanie sprühte vor Übermut. Ihre Augen funkelten. Als stünde sie Unter dem Einfluss einer belebenden Droge.

Zu Hause begann Stefanie sofort unternehmungslustig etwas zu Essen zu machen. Dabei sang sie, pfiff auch zwischendurch, und Michaela hatte Mühe, ihre Verwunderung zu verbergen. Stefanie achtete wohl auch gar nicht so sehr auf die Empfindungen ihrer Schwester. Übermütig rief sie ihr zu: „Eigentlich könnten wir heute ein bisschen feiern. Was glaubst du? Ich habe noch zwei Piccolos. Sollen wir die nach dem Essen trinken? Was glaubst du?“.

„Ich weiß nicht. Aufgekratzt genug erscheinst du mir so schon.“

„Ach, ich finde ihn wunderbar. Er hat mir auch versprochen, dass er bei der Operation dabei ist. Ein großartiger Mann. Ich bin richtig verliebt in ihn.“

Michaela war wie vor den Kopf geschlagen. Sabrina Scheibler hatte ihr einmal erzählt, Winter sei etwa Mitte vierzig. Und ihr kam in diesem Augenblick der Verdacht, dass Stefanie eine regelrechte Vorliebe für Männer in diesem Alter hatte. Erik Bausch war ja auch schon weit in die Dreißig.

„Sag mal“, fragte sie Stefanie besorgt, „hast du dich etwa wirklich in ihn verknallt? Er ist zwanzig Jahre älter als du. Oder sogar mehr als das.“

„Na und? Man kann doch einen Mann in Ordnung finden. Ich finde ihn verdammt nett. Mehr als das. Ich finde ihn fantastisch. Er ist genau der Mann, den ich mir immer vorgestellt habe.“

„Er ist verheiratet. Und wenn ich nicht irre, hat er auch Kinder. Frau Doktor Scheibler erwähnte es einmal.“

„Ach, mach dir doch keine Gedanken. So meine ich es nicht. Man kann sich doch in einen Mann verlieben, auch wenn man weiß, dass die Trauben zu hoch hängen. Aber er ist der Typ - mein Typ.“

Michaela sagte nicht, aber sie dachte, du lieber Himmel, so ist es wohl auch bei Erik Bausch gewesen. Vielleicht ging die Initiative sogar von ihr aus. Sie ist sehr impulsiv, sehr stürmisch. Und nur die Person eines Mannes kann ihr alle Ängste nehmen.

Sie kam aus der Verwunderung nicht heraus, als Stefanie ihr dann beim Essen erzählte, was Winter ihr alles erklärt hatte.

„Ich habe nicht immer richtig hingehört, obgleich er sich Mühe gab“, sagte Stefanie, „es mir so zu erklären, dass man es versteht, auch wenn man nicht Arzt ist. Aber weißt du, ich habe ein unbändiges Vertrauen zu ihm. Ich bin überzeugt, er macht es großartig.“

Das Wort „großartig“ kam Michaela ein wenig zu oft in Stefanies Erzählungen vor.

„Du bist dir aber klar, daß es sich um eine Operation handelt und nicht nur um eine Bestrahlung oder so etwas.“

„Natürlich bin ich mir darüber klar.“ Stefanie schüttelte unwillig den Kopf. „Du kannst aber auch Sachen sagen? Jedenfalls solltest du dir um mich keine Sorgen machen. Ich schaffe das mit links.“

Ach, so ist es, dachte Michaela. Jetzt schafft sie es mit links. Heute Morgen noch war sie am Boden zerstört. Die Welt schien für sie unterzugehen. Sie hat vor Angst geflattert. Und mit einem Male diese Überzeugung, dieser Optimismus, diese strahlende Siegerlaune. Gebe Gott, dass alles gut verläuft!

Sie waren noch nicht fertig mit Essen, als das Telefon läutete. Stefanie war schon aufgesprungen und lief los, bevor Michaela überhaupt richtig reagiert hatte. Aber kurz darauf kam sie aus dem Wohnzimmer zurück und sagte: „Es ist für dich. Ein Doktor Schwarzer möchte dich sprechen.“

Mit gemischten Gefühlen ging Michaela ans Telefon und meldete sich, und Dr. Schwarzer nannte ebenfalls seinen Namen, begrüßte sie knapp und sagte: „Es hat sich eine Änderung ergeben, Frau Brentig, wir brauchen Sie auf alle Fälle früher. Die Reise nach Rio ist zwar aufgehoben worden, aber der Flug nach Kapstadt, den sie zusammen mit unserem Juniorchef machen sollen, bleibt bestehen. Wir haben auch inzwischen mit Ihrem bisherigen Arbeitgeber gesprochen. Er ist voll einverstanden, zumal wir gute Beziehungen zu ihm pflegen. Sie könnten kommenden Montag bei uns eintreten. Und wir brauchen Sie wirklich. Ich bitte Sie daher, meinem Vorschlag zuzustimmen. Sie müssten dann schon am Dienstag mit dem Junior abreisen. Es wird nicht viel Zeit zur Einarbeitung bleiben, aber das Wesentliche begreifen Sie sicher auch so. Außerdem wird Herr Neuhoff junior Ihnen das Notwendige auf dem Flug erzählen können.“

Michaela dachte, bevor sie antwortete, an die siegessichere, fast übermütige Stimme ihrer Schwester und sagte sich: Sie wird meine Hilfe kaum brauchen. Sie scheint in diesem Punkt stärker zu sein als ich selbst. Vielleicht sollte ich zustimmen. Es ist eine große Chance für mich. Wenn ich die ausschlage, sitze ich in der Klemme. Mein bisheriger Chef ist informiert und wird wohl nie mehr dieses Vertrauen zu mir haben wie zuvor. Er weiß ja, dass ich wegwollte. Die haben alles mit ihm besprochen. Ich sitze praktisch zwischen zwei Stühlen, wenn ich jetzt nicht ja sage.

Und so sagte sie ja. Es wurde vereinbart, dass sie kommenden Montag früh um neun im Büro Dr. Schwarzers erscheinen sollte. Alles weitere würde sie dort erfahren.

Als sie aufgelegt hatte, blieb sie mit der Hand auf dem Hörer noch eine Weile am Telefon stehen und starrte auf das Bild, das an der Wand hing. Sie selbst zusammen mit fünf Mitgliedern ihrer Crew vor einer Boing 737, ein Foto aus der Zeit, da sie selbst noch bei der Lufthansa gewesen war. Damals hatte sie ihr Haar blond gefärbt. Wie sie heute fand, stand ihr das gar nicht. Und in diesem Augenblick kamen ihr ein paar Erinnerungen an damals. Ihre Freundschaft und Liebe zu einem Bordingenieur, die nachher so bitter enttäuscht worden war. Das war auch der Grund für sie gewesen, bei der Lufthansa aufzuhören und als Fremdsprachenkorrespondentin dort zu arbeiten, wo sie rein theoretisch noch immer beschäftigt war. Einen Augenblick lang dachte sie auch an ihre Vorgängerin und das, was ihr von ihr gesagt worden war. Vielleicht, fragte sie sich, sollte ich diese Stellung nicht annehmen. So verlockend es klingt. Und eine Sekunde lang war sie geneigt, den Hörer abzuheben, Dr. Schwarzer anzurufen und ihm abzusagen.

Aber was würde dann aus mir? Es ist schwer, heute eine gut bezahlte Stellung zu bekommen. Und schon gar nicht leicht so eine zu finden, wie sie bei Neuhoff & Sohn angeboten worden war. Nein, so etwas schlägt man nicht aus. Was soll denn sein? Ich komme bestimmt zurecht. Dieses Fräulein Merck hat das doch alles nur gesagt, um sich für den Hinauswurf zu rächen.

Ich werde hingehen, sagte sie sich schließlich entschlossen. Es ist die Chance meines Lebens. Und so viel Geld wie da, habe ich noch nie irgendwo verdient.

Sie kehrte in die Küche zurück, wo Stefanie inzwischen die beiden Piccoloflaschen geöffnet und den Inhalt in Gläser eingeschenkt hatte.

„Wir haben nicht einmal richtige Sektgläser“, erklärte sie. „Jedenfalls habe ich keine gefunden.“

„Doch. Sie stehen in der Vitrine im Wohnzimmer. Aber es ist egal. Er schmeckt auch aus Biergläsern“, meinte Michaela mit nachsichtigem Lächeln.

„Das will ich meinen“, rief Stefanie fröhlich. „Komm, wir wollen anstoßen und uns freuen! Denn jetzt weiß ich, dass alles gutgeht. Was wollte übrigens dieser Doktor Schwarzer von dir?“ Ihr Gesicht war eine einzige Frage.

„Ich muss schon am Montag anfangen. Dabei wollte ich länger bleiben, um mich ein wenig um dich zu kümmern. Habt ihr übrigens einen Operationstermin festgelegt?“

Stefanie nickte. „Ja. Er hat mir auch den Montag vorgeschlagen. Merkwürdig, für uns beide ist der Tag von einschneidender Bedeutung. Fliegst du direkt am Montag weg?“

„Nein. Aber am Dienstag. Und ich wollte doch ...“

Stefanie hob beschwörend die Hände. „Du brauchst dich doch nicht um mich zu kümmern. Ich komme zurecht. In der Obhut von Professor Winter, das weiß ich ganz genau, bin ich bestens aufgehoben.“

„Das hoffe ich auch“, meinte Michaela nur, und Stefanie sah sie überrascht an.

„Was machst du für ein Gesicht? Man merkt dir an, dass du das alles nicht glaubst. Dass du denkst, es geht schief. Aber es geht nicht schief. Ich weiß, dass es nicht schiefgeht. Du brauchst dir wirklich keine Angst zu machen. Kein bisschen. Für so etwas habe ich ein inneres Gefühl. Ein Mann mit solchen Händen.“

„Händen?“ Michaela sah ihre Schwester aus großen Augen an. Und ihr Mund blieb dabei offen vor Überraschung.

„Ja. Ich sehe mir immer zuerst die Hände eines Mannes an - die Augen und die Hände. Er hat gute warmherzige Augen; er hat schmale lange Hände.“

Michaela gab sich Mühe, heiter zu lächeln. Es wirkte etwas verkrampft. Aber Stefanie schien das nicht zu bemerken. Sie hatte sich abgewandt, blickte zum Fenster hin und meinte: „Es ist so ein schöner Tag. Wollen wir etwas hinausfahren? Irgendwohin. Und ein Stück gehen. Ich könnte die ganze Welt umarmen. Ich bin so glücklich.“

Michaela sagte wiederum nichts. Aber sie dachte: Worüber glücklich? Nur, weil sie Professor Winter nett findet? Weil er ihr gefällt, oder sie sich vielleicht in ihn verliebt hat? Es ist einfach unbegreiflich. Es ist wirklich wie ein Wunder. Ich kann es weder fassen, noch verstehen. Aber ich muss froh sein, dass es so ist. Mir selbst macht es alles leichter. Hoffentlich stürzt sie sich von ihrem Elfenbeinturm herunter.

Plötzlich machte Stefanie den Vorschlag: „Sag mal, Micha, sollen wir nicht die vier Tage, die wir beide noch haben, zu was Besserem nutzen, als hier herumzusitzen?“

Der Vorschlag überraschte Michaela ebenso sehr wie die aus Kindertagen vertraute Anrede Micha. Damals hatten die Eltern Michaela so genannt. Später gestattete sie das eigentlich nur noch Stefanie. Aber die war dann auch dazu übergegangen, sie mit Michaela anzureden, statt mit Micha. Und sie selbst wollte auch nicht mehr Steffi genannt werden.

Was den Vorschlag anging, so fand ihn Michaela zwar gut, aber vier Tage erschienen ihr sehr kurz. Und was sollten sie da groß unternehmen?

„Was hast du dir denn ausgedacht?“, wollte sie wissen.

„Einmal könnten wir eine Fahrt machen. Du hast doch den Wagen. Lass uns irgendwohin fahren, wo es sehr schön ist. Bei diesem herrlichen Wetter möchte ich hier nicht vergammeln. Und außerdem hatte ich noch die Idee, Grit und Hans zu besuchen.“

„Grit und Hans? Mein Gott, die habe ich mindestens fünf Jahre nicht gesehen“, gestand Michaela.

„Mit Grit habe ich noch vor einigen Tagen gesprochen.“

Grit war auch einmal Stewardess gewesen, hatte aber, wie Michaela wusste, vor ein paar Jahren zusammen mit ihrem Freund eine Boutique aufgemacht. Ob die gut ging oder nicht, wusste sie nicht. Grit und Hans lebten in Freiburg.

„Bis dahin ist es weit. Ich hatte eigentlich keine Lust, noch viel herumzufahren, jedenfalls nicht bis nach Freiburg. Und überhaupt weißt du gar nicht, ob es denen passt.“

„Passt ihnen immer. Hat mir Grit noch gesagt. Und bei denen ist am Wochenende immer schwer was los.“

„Du kannst nichts losmachen am Wochenende. Am Montag früh wirst du operiert. Du sollst nüchtern sein, und solltest ja eigentlich Sonntagabend in die Klinik gehen, nicht wahr? Wenn wir nach Freiburg fahren, was hast du dann noch vom Wochenende?“

„Ach, du bist immer so genau.“ Stefanie schüttelte unwillig den Kopf. „Du bist wie Mama. Die ist auch so. Immer drohst du mit dem Finger. Du wirst das Große-Schwester-Image überhaupt nicht mehr los.“

„Aber es ist doch vernünftig, was ich sage.“

Stefanie zog einen Flunsch. „Du kannst einem alles verderben. Dann sind wir eben nicht zum Wochenende da, dann kehren wir am Sonntagmorgen zurück. Was soll denn sein? Lass uns doch hinfahren! Ich ruf sie gleich an.“

„Ich bin nicht begeistert davon. Das ist einfach zu weit“, widersprach Michaela.

„Dann fahre ich eben. Du kannst dich von mir aus hinten hinsetzen und die Beine ausstrecken, wenn du willst. Mir macht es nichts aus.“

„Das können wir doch ein andermal nachholen, meinst du nicht auch? Ich mache dir einen besseren Vorschlag. Wir besuchen die Eltern.“

Das Gesicht Stefanies wurde schlagartig abweisend.

„Das möchte ich überhaupt nicht. Mama wird wissen wollen, was ist, dann muss ich ihr alles erzählen. Und dann geht das Gejammer los. Und Paps ist auch immer so brummelig in letzter Zeit, seit er keine Arbeit hat. Nein, nach Hause möchte ich nicht. Nicht jetzt. Da bin ich nun der Meinung, wir könnten es später nachholen. Lass uns doch nach Freiburg fahren! Oder erlaube mir, dass ich sie anrufe. Ich bezahle dir das Telefon.“

„Rede nicht solchen Quatsch! Du weißt genau, dass ich das nicht von dir verlange. Also, ruf sie an!“

„Du bist einverstanden?“, jubelte Stefanie, deren Gesicht mit einem Male wieder vor Freude strahlte. Dann umarmte sie ihre Schwester, küsste sie auf beide Wangen und war Sekunden später am Telefon.

Michaela wollte gar nicht zuhören. Sie schloss die Küchentür, setzte sich und brannte sich eine Zigarette an, was sie selten tat. Dann schaute sie nachdenklich auf den sich kräuselnden Rauch, in dem sich ein Sonnenstrahl brach. Sie hatte den Vorschlag von Stefanie schon wieder völlig vergessen und dachte an ihre eigene Zukunft. Ihre Gedanken wurden von der Rückkehr Stefanies unterbrochen.

„Stell dir vor“, rief Stefanie schon an der Küchentür, „sie sind gar nicht in Freiburg. Sie sind in Köln. Jedenfalls ab morgen Mittag. Und als ich ihnen gesagt habe, dass wir sie eigentlich besuchen wollten, hat Hans sofort den Vorschlag gemacht, wir sollten uns doch treffen. Und die anderen wären auch mit.“

„Die anderen? Wer ist das?“, wollte Michaela wissen und zog die Stirn kraus.

„Na ja, die anderen von unserer Clique.“

„Ach, du meinst, die damals mit uns zusammen waren?“

„Klar. Aber, als ich ihr gesagt habe, dass du nicht mehr mit Manfred zusammen bist, da hat Grit gemeint, Wolfgang käme mit.“

„Nein“, rief Michaela spontan, „das ist vorbei. Da rührt sich nichts mehr in mir. Mit Wolfgang ... nein, wenn er kommt, tut es mir leid. Das musst du verstehen, Stefanie.“

„Ach, ihr braucht doch nichts wieder miteinander anzufangen. So schlimm kann das doch nicht gewesen sein.“

„Er hatte damals eine andere. Die gefiel ihm wohl besser als ich. Und seinetwegen bin ich von der Lufthansa weggegangen. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich nun eine Begegnung mit ihm suche? Das wäre der Fall, träfe ich mich mit Grit und Hans und mit ihm.“

„Das ist doch Schnee von gestern. Dass du dich so aufregen kannst!“ Stefanie zuckte die Schultern. „Ich habe es doch gut gemeint und Grit auch. Mir hat Wolfgang immer gefallen. Er war ein Klassetyp. Ist er bestimmt jetzt noch. Und außerdem glaube ich ihm auch, wenn er damals gesagt hat, dass es einfach nicht stimmt, dass es nicht wahr ist, was du von ihm behauptest. Er hat das Mädchen nur begleitet. Zwischen denen ist nichts gewesen, hat er gesagt. Und er hat ...“

Michaela unterbrach ihre Schwester mit einer schroffen Handbewegung: „Nun hör aber auf! Was ich gesehen habe, das habe ich gesehen. Es ist aus und vorbei, und seine faulen Ausreden interessieren mich nicht. Ich habe auch mit dem Mädchen gesprochen. Es hat meine Vermutung bestätigt. Das darfst du nicht vergessen. So dumm, wie ich vielleicht aussehe, bin ich nicht.“

„Du siehst weder dumm aus, noch bist du es. Aber das Mädchen hat dich sicher belogen. Und überhaupt, was soll denn sein nach so langer Zeit? Wenn er dir nichts mehr bedeutet, dann kann es dich doch auch nicht stören. Ich musste auch mit Leuten zusammenarbeiten, die ich nicht ausstehen konnte. Wenn ich nur an den Perser denke, den wir letztens in der Maschine hatten. Das war ein richtiger Armleuchter. Immer versucht er, den Frauen an die Brust zu fassen. Ich habe dem zweimal eine geschmiert ... Aber das hat ihn überhaupt nicht gestört. Im Gegenteil. Der wurde immer verrückter. Aber nicht nur auf mich. Auf alle. Ein richtig geiler Typ.“

„Ach, lass diese Ausdrücke! Ich kann es nicht ausstehen“, fauchte Michaela. „Ich gehe nicht hin, wenn Wolfgang kommt, und damit ist es vorbei.“

Betroffen starrte Stefanie auf ihre Schwester.

„Du kannst einem wirklich alles vermiesen. Erst wolltest du nicht nach Freiburg, weil es zu weit ist. Jetzt sind Grit und Hans in Köln, da fängst du wieder etwas an. Irgendwas muss immer sein. Ich glaube, du suchst richtig nach einer Ausrede oder einem Grund, dass wir hier herumsitzen müssen. Ich habe keine Lust dazu. Ich möchte leben. Jetzt, wo ich weiß, dass alles in Ordnung geht, bin ich glücklich.“

„Und du willst nur mit Grit und Hans zusammensein, weil du sie von früher her gut leiden kannst? Die haben doch sicher irgendetwas vor?“

„Aber bei denen ist immer etwas los. Und ich mag keine Langeweile haben. Ich möchte mit Menschen zusammensein, die ich gerne habe.“

„Ich auch. Und deshalb möchte ich nicht hin, weil ich Wolfgang nicht gerne habe. Er hat mein ganzes Leben durcheinander gebracht.“

„Mir hast du einmal gesagt, dass du ihn sehr liebst.“

„Das habe ich auch. Er ist meine große Liebe gewesen. Umso schlimmer war die Ernüchterung.“

„Sei kein Frosch und komm mit!“, wiederholte Stefanie. „Du musst dich ja nicht neben ihn setzen und immerzu mit ihm abgeben. Das verlangt ja niemand. Er ist eben da, und vielleicht hat er auch eine Freundin. Was weiß denn ich? Deshalb brauchst du doch nicht so zu tun, als wollte er dich umbringen.“

„Was weißt du, Stefanie! Ein bisschen umgebracht hat er mich ja. Er hat mich von den Wolken gestürzt, wenn du begreifst, was ich damit meine.“

Stefanie schüttelte bloß den Kopf. „Sich alles so zu Herzen zu nehmen, mein Gott. Da hätte ich doch tausend Gründe mehr. Das, was mir passiert ist ...“

Michaela sah ihre Schwerster ernst an. „Hast du Erik geliebt? War es wirklich Liebe? Oder war es nur ein Augenblick der Leidenschaft.“

„Na ja, Liebe war auch dabei. Aber so richtig große Liebe ist es nicht gewesen. Bei ihm natürlich auch nicht. Wir waren einfach wie aufgezogen.“

„So wie du jetzt aufgezogen bist, nicht wahr?“, sagte Michaela und sie dachte, Stefanie hätte tausend Gründe, Angst zu haben und alles andere zu sein, als aufgezogen und optimistisch. Und doch ist sie es. Ich sollte mich darüber freuen. Wer weiß, wie ihr zumute ist, wenn sie die Operation hinter sich hat. Also gut, ich werde einwilligen. Und wenn es mir noch so schwerfällt. Ich werde mich bemühen, so zu tun, als hätte ich Wolfgang nie zuvor in meinem Leben gesehen.

„Ich bin einverstanden, dir zuliebe. Nur dir zuliebe“, sagte Michaela schließlich.

Stefanie flog regelrecht auf sie zu, umarmte sie, küsste sie ab und schlang ihre Arme so fest um Michaelas Hals, dass der fast die Luft wegging.

Die stürmische Zuneigung ihrer Schwester machte es Michaela doch etwas leichter, sich mit dem Gedanken abzufinden, Wolfgang wiederzusehen.

Die nächsten Stunden musste sie immer wieder an ihn denken und an die Zeit, die sie mit ihm verbracht hatte. Zwischen einer noch immer bestehenden Zuneigung, aber einer gleichzeitigen empörten Ablehnung hin und her gerissen, bewegten sich ihre Gedanken wie im Kreise. Auf der einen Seite interessierte es sie, wie er heute aussah. Immerhin waren einige Jahre vergangen, seit sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Andererseits fürchtete sie ein Zusammentreffen mit ihm, weil sie sich selbst kannte und wusste, dass sie in solchen Augenblicken ihre Zunge nicht zu zügeln wusste. Er hatte ihr sehr wehgetan. So weh, dass es im Grunde heute noch schmerzte. Schon deshalb, weil da noch eine Glut von Zuneigung in ihr war, die sie vergeblich zu ersticken versucht hatte.

Stefanie war klug genug, das Thema nicht mehr zu berühren. Sie sprach nur noch von Grit und Hans, erzählte von früher, und war auch den Abend über in einer fröhlichen Verfassung.

Als die beiden jungen Frauen dann im Bett lagen, sagte Michaela, weil Stefanie einfach nicht aufhören wollte zu reden: „Und jetzt hältst du dein Plappermäulchen! Ich möchte schlafen.“

„Entschuldige“, sagte Stefanie vom Bett Thereses herüber, in dem sie schlief. „Ich wollte nicht unhöflich sein. Ich bin nur so fuchsmunter.“

Aber dann schlief sie doch noch viel früher ein als Michaela, die keinen Schlaf fand, obgleich sie sich wie zerschlagen fühlte. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um Wolfgang und das halbe Jahr, das sie mit ihm zusammen gewesen war. Eine turbulente Zeit. Langeweile war nie aufgekommen. Ganz anders als bei Manfred, mit dem sie sich viel länger verbunden gefühlt hatte und doch nie so innig und so stark wie mit Wolfgang. Aber Wolfgang hat mich betrogen, dachte sie. Ganz gemein betrogen.

Zum ersten Male kamen in ihr Zweifel auf, ob sie sich da nicht zu viel eingeredet hatte und ob nicht die eigentliche Lüge aus dem Mund jener Kollegin gekommen war, die behauptet hatte, Wolfgang sei mit ihr intim gewesen. Sie versuchte, diese Eingebung abzuschütteln.

Nein, dachte sie, er hat mich betrogen, und dabei bleibt es. Daran ändern auch die Jahre nichts, die dazwischen liegen. Es lässt sich nicht beschönigen.

Als sie dann endlich einschlief, war es ein unruhiger Schlaf. Sie begann zu träumen. Und in diesem Traum hielt Wolfgang sie in den Armen ...

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8

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Im Gespräch mit Stefanie hatte Grit den beiden Schwestern eine Überraschung vorausgesagt. Und es wurde eine.

Zwei einstige Kolleginnen von der Lufthansa hatten sich kurzerhand selbständig gemacht und ein Modegeschäft in der Kölner Innenstadt eröffnet. Das Geschäft schien ganz gut angelaufen zu sein. Und um das zu feiern, waren nicht nur Grit und Hans, sondern auch alle anderen einstigen Freunde eingeladen worden. Dass Grit diese Einladung auf Michaela und Stefanie ausgedehnt hatte, fand bei den eigentlichen Gastgebern nur Beifall.

Als Michaela und Stefanie eintrafen, war die Feier schon in vollem Gange. Sie fand in einem Stockwerk über dem Laden statt, wo die beiden ehemaligen Kolleginnen ein einstiges Büro zur Wohnung umfunktioniert hatten. In einem Zimmer waren die Möbel noch gar nicht eingeräumt. Nur eine Lampe hing an der Decke, die mit Girlanden geschmückt war. Girlanden auch an den Wänden, große Poster dazu, und das einzige Möbelstück waren zwei aneinander gestellte Tische voll beladen mit Schnittchen. Gleich daneben stand auf einem Bock ein Fass Kölsch-Bier, und Hans war dabei, daraus zu zapfen.

Etwa sechzehn Personen befanden sich bereits in diesem Raum, als Grit die beiden Schwestern hereinführte. Es hätten hundert sein können oder mehr, Michaela wäre Wolfgang nicht entgangen. Sie entdeckte ihn sofort, obgleich er in der hintersten Ecke stand. Er lehnte dort im Gespräch mit einem Mann, der Michaela den Rücken zukehrte, so dass sie ihn nicht erkannte, hatte die Arme verschränkt und schien Michaelas Eintritt nicht bemerkt zu haben.

„Also Kinder“, sagte Grit, „die meisten kennt ihr ja. Aber es sind auch ein paar, die euch fremd sein werden. Unsere beiden Gastgeberinnen sind noch einmal weggefahren und kommen nachher erst. Sie wollen noch ein paar Flaschen Wein auftreiben. Es gibt eben doch Leute, die kein Bier trinken.“

Michaela hörte das alles wie durch eine Wand. Grit, die attraktive Rothaarige, von der ein Flugkapitän einmal gesagt hatte, sie habe Pfeffer im Blut und Dynamit im Herzen, führte die beiden Schwestern herum. Die begrüßten, wen sie kannten und wen ihnen Grit vorstellte. Hans kam mit Bier, so nahm sich jeder ein Glas, stieß mit ihm an, und besonders Michaela erinnerte sich an viele schöne Stunden, die sie mit den beiden erlebt hatte. Verheiratet waren sie noch immer nicht. Aber sie lebten wie ein Ehepaar und schienen unzertrennlich.

Und dann war es unvermeidbar, dass Michaela auch mit Wolfgang zusammentraf, der sie natürlich inzwischen längst entdeckt hatte, doch nichts dazu tat, ihr nur einen Schritt entgegenzukommen. Er lehnte immer noch in seiner Ecke, hatte die Arme vor der Brust verschränkt, groß, breitschultrig, wie er war, stand er in seiner dunkelblauen Clubjacke, dem schneeweißen Hemd, dessen Kragen er über die Jacke geschlagen hatte. Und wie früher schon hatte seine Hose eine scharfe Bügelfalte. Sie wusste, dass er darauf großen Wert legte.

Als sie dann vor ihn hintrat, begleitet von ihrer Schwester und Grit, lächelte er verlegen.

„Hallo“, sagte Michaela nur, während Stefanie Wolfgang die Hand gab.

Michaela tat es nicht. Sie wollte sich schon wieder abwenden, da merkte sie, dass Grit und ihre Schwester bereits weitergegangen waren. Sie stand eine Sekunde lang mit Wolfgang allein. Aber bevor sie sich entfernen konnte, sagte Wolfgang: „Glaubst du das Märchen immer noch?“

Nichts sagen, dachte sie. Einfach weggehen. Ihn überhaupt nicht beachten.

Sie machte zwei Schritte. Da war er plötzlich neben ihr.

Er überragte sie um mehr als Haupteslänge, blickte auf sie herab und sagte leise: „Sollten wir nicht doch noch einmal miteinander reden?“

Sie schaute zu ihm auf, in sein markantes, männliches Gesicht, das von dunklem Haar umrahmt wurde. Dunkel waren auch seine Brauen und seine Augen. Er hatte ein kantiges Kinn mit einer Narbe. Sie wusste sogar, wie er zu dieser Narbe gekommen war. Es war bei einer Notlandung geschehen.

„Wozu?“, fragte sie.

„Weil es ein paar Dinge gibt, die zwischen uns stehen, und die einfach nicht stimmen. Ich habe dich gefragt, ob du das Märchen immer noch glaubst?“

„Ja“, behauptete sie. Und ihr fiel in diesem Augenblick der Traum von letzter Nacht ein. Sie ärgerte sich darüber, dass sie jetzt gerade daran denken musste und wollte schon weitergehen, da spürte sie seine Hand an ihrem Arm.

„Michaela, du machst dir etwas vor. Du steigerst dich in etwas hinein, was nicht stimmt. Ich schwöre dir, dass es nicht stimmt, so wie ich es dir damals geschworen habe. Und ich hatte gehofft, die Jahre hätten dir die Erleuchtung gebracht, hätten dich milder gestimmt in deinem ungerechten Urteil.“

Es überraschte sie, dass er im Grunde dieselben Worte gebrauchte wie damals.

„Willst du es denn abstreiten, was ich mit eigenen Augen gesehen habe?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich will es nicht abstreiten. Es ist einfach nicht wahr. Was hast du denn gesehen? Du hast mich gesehen und Dany gesehen. Du hast gesehen, wie sie ins Auto gestiegen ist, und du hast gesehen, wie ich den Arm um ihre Schultern gelegt habe.“

„Das hat mir bereits genügt.“

Er lachte zornig auf. „Wie einfach du dir das machst? Sollte es dir genügen? Wolltest du dich von mir trennen? Oder soll das tatsächlich der Grund gewesen sein? Ich habe den Arm nicht um ihre Schulter gelegt, wie du immer behauptet hattest, sondern ihr den Gurt herübergezogen, weil er sich an der Rücklehne eingeklemmt hatte. Ich weiß das bis heute, weil genau das der Grund für dich war, mich zu verurteilen. Mir etwas unterzuschieben, was von wenig Vertrauen zeugt.“

„Ich hatte ein unbändiges Vertrauen zu dir“, erklärte sie, spürte aber gleichzeitig, wie unsicher sie wurde. Das mit dem Gurt hatte er zwar schon einmal erwähnt gehabt, aber wenn sie es sich so richtig überlegte, hätte es wirklich so sein können. Warum nur wollte sie sich das nicht eingestehen?

„Michaela, du hast dir etwas eingeredet. Es ist nicht so, wie du denkst. Und was Dany dir nachher erzählt hat, ist eine einzige schmutzige Lüge. Du weißt genau, dass ich nie mehr mit ihr zusammen war.“

„Weil ich dich entlarvt habe“, platzte Michaela heraus, aber sie spürte im gleichen Augenblick, wie wenig überzeugt sie von dieser Behauptung war. Das ganze Gebäude der Empörung, das sie in sich aufgebaut hatte, war eigentlich schon seit jenem Traum letzte Nacht ins Wanken geraten.

„Hör mir mal zu!“, sagte er ruhig. „Wir können doch in Ruhe darüber reden. Sicherlich hast du heute jemand, der dir sehr nahesteht, und ich will auch gar nicht die alten Zeiten heraufbeschwören. Ich verlange nicht von dir, dass wir wieder dort anknüpfen, wo es aufgehört hat. Aber ich möchte einfach diese Unwahrheit aus der Welt schaffen. Ich möchte nicht, dass du so von mir denkst, wie du offenbar die letzten dreieinhalb Jahre gedacht hast.“

„Und warum sollte Dany mich angelogen haben?“

„Ich habe schon oft darüber nachgegrübelt“, entgegnete er, und machte ein ernstes, sehr nachdenkliches Gesicht. „Ich bin zu keinem Resultat gekommen. Sie konnte dich nicht besonders gut leiden. Das weiß ich. Aber ob es soweit ging, dass sie uns auseinander bringen wollte, das vermag ich nicht zu sagen ... Immerhin hat sie es geschafft. Du hast sogar deine Arbeit aufgegeben.“

„Ich hatte ohnehin keine Möglichkeit, dort weiterzukommen“, entgegnete Michaela. „Vielleicht sollten wir es dabei lassen. Kann ja sein, dass es ein Irrtum war. Was verändert es heute?“

Er sah sie eindringlich an. „Es verändert alles. Es wäre ganz einfach die Wahrheit, wenn du das erkennst. Dany ist nicht da. Ich habe keine Ahnung, wo sie geblieben ist. Damals, als du weggingst, habe ich sie noch einmal gesehen. Dann hat sie ihren Dienst bei der Lufthansa quittiert.“

„Und du? Was machst du heute?“ Bevor er antworten konnte, tauchte Hans mit einem Tablett voller Kölschgläser auf. „Wer möchte etwas?“, rief er.

„Ich habe noch“, entgegnete Michaela.

Wolfgang nahm ein Glas, und Hans merkte, dass er hier überflüssig war. Außerdem wollte er ohnehin die anderen Gäste versorgen, machte eine launige Bemerkung und verschwand wieder.

Ohne dass die beiden es bemerkten, wollten drei ehemalige Kolleginnen von Michaela zu den beiden hingehen und mit ihnen reden. Grit sah es rechtzeitig, hielt die drei auf und flüsterte ihnen etwas zu. Daraufhin sahen die drei neugierig zu den beiden hinüber, wandten sich aber ab, gaben ihre Absicht auf, mit Wolfgang und Michaela zu sprechen.

Ungestört von den anderen, standen die beiden in ihrer Ecke, und Wolfgang sagte: „Ich habe kurze Zeit nach dir jemand kennengelernt und hoffte, dich mit ihr zu vergessen. Es war hoffnungslos. Dabei hätte mich das Mädchen sehr gern. Sie hat sich so viel Mühe gegeben mit mir. Für sie muss ich eine wahnsinnige Enttäuschung gewesen sein.“

Michaela sagte nichts, aber sie dachte an Manfred. Obgleich er drei Jahre ihr Freund gewesen war, bedeutete er ihr im Grunde gar nichts. Die Trennung von ihm war überfällig geworden.

„Du sagst nichts. Was siehst du mich so an? Du hast noch immer die Grübchen in den Wangen. Für mich bist du hübscher geworden. Fraulicher. Aber gleichzeitig wirkst du so entschlossen. Ich weiß, dass du kämpfen kannst. Das hast du schon damals bewiesen. Ich möchte nicht dein Gegner sein. Ich habe mich nie als dein Gegner gefühlt. Eigentlich mehr als dein Opfer.“

Jetzt musste sie lachen. „Das glaubst du doch selbst nicht. Ein Mann wie du, der sich vor einer Frau fürchtet.“

„Es gibt Waffen, gegen die kein Mann ankann. Und du hast sie. Verführerisch schön wie einst, mit einer vermutlich größeren Erfahrung als damals. Jedenfalls lässt es mich nicht unbeeindruckt, dich wiedergetroffen zu haben. Ganz im Gegenteil. Als ich erfuhr, dass du kommst, hatte ich vor, mich zu entschuldigen und wegzubleiben.“

„Ich auch“, bekannte sie lächelnd.

„Grit sagte, du seist nicht verheiratet, hättest aber einen Freund.“

„Stefanie hat ihr gesagt, dass ich keinen Freund habe. Die Sache ist auseinandergegangen. Ich möchte nicht darüber reden. Und schon gar nicht mit dir.“

„Es ist trotzdem eine ausgesprochen schöne Melodie in meinen Ohren zu hören, dass dieser Freund nicht mehr dein Freund ist.“

„Und was versprichst du dir davon?“

Er zuckte die Schultern. „Na ja, ich bin auch allein. Single, wie man heute sagt.“

„Was ändert das?“

„Es ändert, dass ein Mensch, wenn er normal veranlagt ist, nicht sehr gut allein leben kann. Wir sind doch keine uralten Leute, keine Eremiten, keine Mönche oder Nonnen. Und denen fällt es bestimmt auch .schwer.“

„Mir fällt es nicht schwer, allein zu sein“, behauptete sie.

„Wenn man an einer Lüge ersticken würde, müsstest du jetzt schon blau anlaufen“, rief er lachend.

„Ich laufe aber nicht blau an. Vielleicht ist es die Wahrheit.“

„Die ich dir nicht abnehme. Ich kenne dich. Vielleicht nicht so sehr, wie ich dich kennen müsste. Aber ich weiß, dass du ein Mensch bist, der leidenschaftlich lieben kann, so wie ich dich auch leidenschaftlich geliebt habe. Und ...“ Er sprach jetzt sehr leise, dass sie es mit einiger Mühe bei dem Lärm, der herrschte, hören konnte. „... ich liebe dich noch immer. Ich liebe dich so sehr, dass ich Mühe habe, meine Aufregung zu unterdrücken. Ich hatte Lampenfieber, als ich dich sah. Ich habe mich angestrengt so zu tun, als hätte ich dich nicht erkannt, als du mit deiner Schwester eingetreten bist. Weißt du übrigens, dass sie immer auf meiner Seite war?“

„Stefanie?“

„Ja, Stefanie. Und auch deine jüngere Schwester Therese. Sie haben zu mir gehalten. Von Therese bekam ich noch jedes Jahr zu Weihnachten eine Karte. Und Stefanie hat mir noch öfter geschrieben. Einmal hatte ich sogar den Verdacht, dass die beiden mich mehr mögen, als man den Freund seiner Schwester mag.“

„Das glaube ich dir nicht.“

„Es war nur ein Verdacht. Ich kann es nicht behaupten. Stefanie hat mir auch gefallen. Kein Vergleich zu dir.“

„Mir behagt dein Gespräch nicht. Vielleicht sollten wir uns mit etwas anderem beschäftigen. Grit und meine Schwester stehen da hinten. Ich werde jetzt zu ihnen gehen. Ich wäre dir dankbar, Wolfgang, wenn wir uns hier nicht allzu oft begegnen würden.“

„Ich konnte dich also nicht überzeugen“, stellte er fest.

Sie schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht“, behauptete sie. Aber schon, als sie es ausgesprochen hatte, war ihr bewusst, dass sie log. In ihrem innersten Innern wollte sie ihm glauben und war froh darüber, erkannt zu haben, dass sie womöglich doch einem Irrtum erlegen war.

„Entschuldige“, erklärte er bitter. „Es tut mir sehr leid. Ich wollte dich nicht belästigen. Ich glaube, ich gehe jetzt am besten.“

„Das haben die beiden doch nicht verdient.“

„Welche beiden?“, fragte er irritiert.

„Die uns eingeladen hatten.“

„Sie sind nicht einmal da. Sie wollten noch Wein besorgen, jetzt am Abend. Aber es spielt keine Rolle. Man wird auf mich verzichten können.“

Sie sah ihn schweigend an. Er nickte ihr zu wie einer Wildfremden, wandte sich um, strebte der schräg gegenüberliegenden Tür zu. Die meisten nahmen davon gar keine Notiz, aber Grit und Stefanie sahen es. Und daran erkannte Michaela, dass die beiden sie und Wolfgang wohl die ganze Zeit beobachtet hatten.

Als Wolfgang gehen wollte, trat ihm Grit in den Weg. Aber was sie zu Wolfgang sagte, konnte Michaela auf die Entfernung und bei der lauten Musik nicht verstehen. Wolfgang hatte die Türklinke schon in der Hand, und Grit schien beschwörend auf ihn einzureden. Jetzt tauchte auch noch Stefanie auf, sagte ebenfalls etwas zu Wolfgang, und Michaela sah, wie er den Kopf schüttelte, dann kurz in Michaelas Richtung blickte, sofort darauf aber wieder Stefanie ansah. Stefanie löste sich jetzt von den beiden und kam auf Michaela zu.

Wolfgang versuchte sich an, Grit vorbei zu zwängen, aber sie stemmte die Hand an die Tür und versperrte ihm mit ihren Armen den Weg. Michaela sah, wie sie lachte, dann aber ernst wurde, während Wolfgang abermals den Kopf schüttelte.

Da war Stefanie bei Michaela. Empört sagte sie: „Das kannst du doch nicht tun! Du kannst ihn doch nicht einfach gehen lassen. Was hast du ihm nur um Gottes willen gesagt? Dann lass uns lieber gehen, wenn es so ist. Ich möchte nicht, dass du ihm das Fest vermiest. Das ist gemein von dir. Das hat er nicht verdient. Du behandelst ihn wie den letzten Dreck. Weshalb eigentlich? Ich weiß, dass er dich nicht angelogen hat, aber du bist so dickköpfig, so verbohrt, dass du es einfach nicht einsehen willst. Richtig borniert bist du.“

„Bist du jetzt fertig?“, fragte Michaela gelassen. „Ich mag es an dir, wie du dich immer in meine Angelegenheiten mischst“, fügte sie ironisch hinzu.

„Nein. Ich bin nicht fertig. Ich sage dir noch etwas ganz anderes. Er ist viel zu wertvoll, als dass er von dir vor den Kopf gestoßen wird.“

„Ist er so wertvoll für dich? Willst du ihn haben, dann nimm ihn dir! Dich scheinen alle Männer zu interessieren. Du kommst mir manchmal wie eine Nymphomanin vor. Erik Bausch, Professor Winter, Wolfgang - alle gefallen sie dir.“

Stefanie wurde dunkel im Gesicht. Zornsprühend sah sie ihre Schwester an und fauchte: „Du bist böse und gemein. Ich habe nie gedacht, dass du so gemein sein kannst. So etwas zu sagen! Ja, ich gebe zu, er hat mir gefallen, er hat mir immer gefallen, und er gefällt mir jetzt noch. Aber er ist ein Mann, der dich liebt, der mich nie lieben wird. Das habe ich ebenfalls begriffen. Du darfst dir nicht einbilden, dass nur du Gefühle hast. Ich habe auch welche und weiß, wo meine Grenzen liegen. Und wenn ich einen Mann nett finde und vielleicht etwas überschwänglich sage, dass ich ihn mag, dann machst du gleich eine Affäre daraus. Du drehst einem das Wort im Mund herum. Ich werde gar nichts mehr zu dir sagen. Und was Wolfgang angeht, das hat er einfach nicht verdient, wie du mit ihm umspringst. Und jetzt mach, was du willst! Ich für meinen Teil schäme mich für dich. Ich gehe! Ich möchte nicht, dass Wolfgang geht.“

„Also gut, ich will nicht, dass du gehst. Ich geh allein. Du wirst dich auch ohne mich amüsieren. Und irgendwer wird dich sicher nach Hause bringen.“

„Ich überlege mir ernstlich, ob ich das noch will.“

„Das ist mir gleich. Du bist erwachsen und kannst selbst entscheiden. Ich fahre jetzt. Viel Spaß noch!“

Stefanie blieb stehen und sah ihr nach, als Michaela ebenfalls auf die Tür zuging. Dort stand Wolfgang, immer noch aufgehalten von Grit. Aber nun trat sie beiseite, sah Michaela entgegen und meinte betrübt: „Was ist nur mit euch los?“

„Es ist ganz einfach“, entgegnete Michaela. „Einer von uns beiden, ich meine Wolfgang und mich, ist hier zu viel. Das ist das ganze Problem ...“

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9

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Die Kölner Schildergasse gehört zur Fußgängerzone, und so hatte Michaela ihren Wagen in einem einige hundert Meter entfernten Parkhaus untergebracht. Die sonst so belebte Fußgängerzone war so gut wie menschenleer. Auch in der Straße, die zum Parkhaus führte, begegnete sie nur einem jungen Pärchen. Im Parkhaus sah sie einen älteren Mann am Schalter hinter der Schranke sitzen, der Zeitung las.

Sie ging zum Aufzug, der sie ins dritte Parkgeschoss bringen sollte, fuhr nach oben, stieg aus, und ging dann die Reihe der wenigen hier geparkten Fahrzeuge entlang. Als sie ihren Wagen erreicht hatte und gerade die Türen öffnen wollte, hatte sie plötzlich das Gefühl, jemand stünde hinter ihr. Sie schaute über die Schulter und zuckte erschrocken zusammen. Zwei in Lederjacken gekleidete junge Männer standen da, die im diffusen Licht, das hier auf der Parketage herrschte, nur undeutlich zu erkennen waren. Der eine war etwas größer als der andere. Sie hatten Schals über die untere Gesichtshälfte gezogen. Der eine einen roten, der andere einen grauen Schal.

„Lass dich nicht aufhalten, Schatz! Mach schön auf! Wir wollen ja auch mitfahren“, sagte der größere der beiden.

„Machen Sie, dass Sie wegkommen!“, fauchte Michaela. Aber sie spürte, wie die Angst ihr die Kehle zuzuschnüren drohte. Sie wollte den Schlüssel aus dem Schloss ziehen, ihn wegwerfen und davonrennen. Das war ihre erste Eingebung. Aber die beiden hatten das wohl schon öfter gemacht und ahnten, was kommen würde. Plötzlich packte der Kleinere der beiden zu, beide Hände schlossen sich wie Stahlklammern um Michaelas Oberarme.

„Sie kann nicht aufschließen. Sie hat wohl keine Kraft dazu. Mach du das!“, sagte der Mann zu seinem Kumpanen.

Michaela explodierte förmlich. Sie riss das Knie hoch, versuchte auch den Mann zu treten, wehrte sich, so gut sie konnte. Aber da packte der Große zu. Seine Hände schlossen sich um ihren Hals, und sie bekam keine Luft mehr.

„Aber Schatz, du wirst uns doch keinen Ärger machen? Wir wollen, doch nur ein Stück mitfahren. Spiel dich doch nicht so auf!“, hörte sie den Mann in ihr Ohr sagen.

Sie konnte nicht schreien. Ihr ging die Luft weg. Und sie ahnte, dass etwas Furchtbares auf sie zukommen würde. Verzweifelt wand sie sich. Aber die beiden waren einfach viel stärker als sie. Und wenn sie auch versuchte, nach den Schienbeinen der Männer zu treten, so gab sie das doch in dem Augenblick auf, als der Schmerz immer größer wurde.

„Schatz, mach keinen Ärger!“, sagte der Kleine. „Wenn ich dir eine geklebt habe, ist deine schöne Larve zum Teufel. Und das wird nie wieder, glaub mir! Nach einem Kieferbruch sieht ein hübsches Mädchen wie du ganz beschissen aus. Also, mach keine Zicken! Dann passiert dir nicht viel.“

Der Griff um die Kehle versetzte Michaela in die panische Angst, ersticken zu müssen. Dann lockerte sich dieser Griff.

„Wenn du schreist“, sagte der größere, „dann kriegst du eines auf die Flappe, glaub mir! Jetzt schließe ich auf. Wehe, du gibst einen Ton von dir! Sonst ist der Ofen aus. Das ist ein heißes Versprechen, Liebchen!“

Endlich konnte sie wieder atmen. Aber die panische Angst, die sie erfasst hatte, ließ sie nicht mehr los. Sie spürte, wie sie am ganzen Körper bebte und zitterte.

Die Tür war offen. Der Große setzte sich hinters Steuer.

„Geh mit ihr nach hinten!“, sagte er zu seinem Kumpan. „Sonst fällt ihr noch was Blödes ein. Und hör mal, wenn wir unten am Schalter sind, da wirst du ganz brav sein! Hast du gehört? Ganz brav! Sonst können wir ernst machen mit dir. Wir brauchen nur deinen Wagen, Liebchen. Sonst nichts. Du kannst nachher verschwinden. Wir setzen dich irgendwo ab und ...“

Plötzlich sagte der kleinere, der mit Michaela noch draußen stand: „Los, schnell, da kommt wer!“

Michaela wurde nach hinten in den Wagen gestoßen und versuchte gar nicht mehr, sich zu wehren. Ihre Angst war einfach übermächtig. Sie wollte schreien, aber plötzlich sah sie dicht vor ihrem Gesicht die Faust dieses kleineren Mannes, und der Schreck fuhr ihr durch alle Glieder. Aus Furcht, er könnte doch noch zuschlagen, presste sie sich fest in die Polster.

„Nun mach schon!“, sagte der kleinere.

Der Große startete den Wagen. Und in diesem Augenblick entdeckte Michaela, dass das linke Türfenster offen stand. Und da fasste sie allen Mut zusammen und schrie plötzlich um Hilfe. Sie konnte dieses Wort Hilfe nur zweimal ausstoßen, dann bekam sie einen Schlag aufs Gesicht, der ihr fast die Besinnung nahm. Der Schmerz war so gewaltig, dass ihr schwarz vor Augen wurde. Sie hörte nicht, wie der Wagen angelassen wurde und spürte nichts, wie er losfuhr.

Aber dann war sie schon wieder bei Sinnen. Vor ihren Augen verschwamm alles. Der Schmerz war immer noch da. In ihrem Gesicht brannte es wie Feuer. Doch sie konnte nicht schreien, sie konnte keinen Ton von sich geben. Der kleinere, der neben ihr saß, hatte ihr die linke Hand an die Gurgel gepresst. Der Wagen schoss los. Und Michaela dachte nur das Eine: Sie werden irgendwann über mich herfallen und mich umbringen. Das werden sie tun. Du lieber Gott, was soll ich nur machen? Ich bin verloren ...

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Wolfgang hatte wie erstarrt gestanden, als Michaela an ihm vorbeigerauscht war und ihn und die anderen stehenließ wie begossene Pudel.

„Warum tust du nichts?“, hörte er Stefanie sagen. „Lauf ihr doch nach!“

Er schüttelte den Kopf. „Warum sollte ich das machen? Wenn sie mich nicht will, dann werde ich nicht vor ihr kriechen.“

Grit wurde dunkel vor Wut im Gesicht. „Mein Gott, warum seid ihr denn alle so stur und so stolz? Was vergibst du dir? Ich glaube nicht daran, dass sie dich nicht mag. Die hat nur ihre verfluchten Prinzipien und ihren Stolz. Genau so einen blöden Stolz wie du.“

„Ich weiß auch außerdem gar nicht, wo ich sie suchen soll. Jetzt ist sie schon längst unten.“

„Na und?“, rief Grit und sah vorwurfsvoll auf Wolfgang.

Stefanie fasste sich plötzlich an die Stirn. „Ich weiß, wo der Wagen steht. Im Parkhaus in der Glockengasse, gleich am Opernhaus.“

Wolfgang kannte sich aus. „Also gut, ich will es versuchen. Versprechen tu ich mir nichts davon. Das kann ich euch sagen.“ Er schüttelte zornig den Kopf. „Ich habe es ja versucht. Sie glaubt mir kein Wort. Aber gut, es soll nichts unversucht bleiben.“

„Nun beeil dich, sonst ist sie weg!“, rief Stefanie.

Wolfgang nickte ihr und Grit zu und sagte: „Ihr werdet mich wahrscheinlich gleich wiedersehen. Ihr habt ja gehört, was sie gesagt hat, und so schnell ändert sie ihre Meinung nicht. All die Jahre hat sie die nicht geändert.“

„Nun rede doch nicht und geh! Der Wagen steht im dritten Stock. Hast du gehört, im dritten Stock.“ Und auch Grit sagte: „Mein Gott, sie wird wirklich weg sein, bis du hinkommst.“

Vielleicht ist es besser so, dachte er. Aber er ging. Zuerst gemessenen Schrittes, aber später schneller. Vielleicht, so sagte er sich, ist doch alles so, wie Stefanie vermutet und wie Grit sagt. Wir haben uns früher so geliebt, das kann doch nicht vergessen sein? Es ist zwar nur ein halbes Jahr lang gewesen, aber dafür ist es für mich eine unvergessene Zeit. Auch bei ihr muss noch etwas zurückgeblieben sein.

Er beschleunigte seine Schritte, ohne dass ihm das überhaupt bewusst wurde. Er wollte sie treffen, wollte mit ihr reden.

Als er das Parkhaus erreicht hatte, sah er den Mann an der erleuchteten Kabine an der Schranke. Der las Zeitung. Ohne von dem beachtet worden zu sein, betrat Wolfgang das Treppenhaus. Er wollte nicht auf den Fahrstuhl warten. Er war sicherlich irgendwo oben. Er lief die Treppen hinauf, nahm immer zwei Stufen mit einmal. Und dann drückte er die Tür zum Parkdeck auf und hörte plötzlich einen Hilfeschrei.

Michaela!, dachte er sofort. Er hatte ihre Stimme eindeutig erkannt. Es muss Michaela sein!

Ein Motor heulte auf. Ein Wagen stieß zurück und schoss dann mit durchdrehenden Reifen und brüllender Maschine los. Die Scheinwerfer wurden nicht eingeschaltet. Und so konnte Wolfgang im Licht der wenigen Deckenlampen erkennen, dass es Michaelas Wagen war, ihr hellgrüner Polo.

Michaela wäre so nie losgefahren. Dazu kannte er sie auch gut genug. Und mehr noch, er hatte diesen Hilfeschrei gehört.

Wolfgang hatte eben, als er aus der Tür getreten war, rechts den Feuerlöscher gesehen. Und ohne nur eine Sekunde zu zögern, riss er ihn aus der Halterung, entfernte die Sperre am Griff und starrte dem auf ihn zu rasenden Wagen entgegen. Ein Stück vor ihm war eine Wendekehre, wo der Wagen zum nächsten Parkdeck hinunterfahren musste. Der Fahrer, der am Steuer von Michaelas Polo saß, konnte nicht in diesem Tempo in die Kurve gehen. Er würde an der Wand landen. Und prompt stoppte der Fahrer ab, riss das Steuer herum ... und da sprang Wolfgang nach vorn.

Er drückte den Hebel des Feuerlöschers nieder, hielt den Feuerlöscher mit ausgestreckten Armen, und das Löschpulver schoss direkt auf den Wagen und auf die Windschutzscheibe zu. In Bruchteilen von Sekunden hatte sich das weiße Pulver über die ganze Scheibe gelegt. Der Wagen wurde jäh abgestoppt, schleuderte, kam dann aber zum Stehen ... keinen Meter von der Mauer entfernt.

Die rechte vordere Tür wurde aufgestoßen, ein Mann sprang heraus, kam mit einem Gegenstand in der Rechten auf Wolfgang zu, und der drückte noch einmal den Griff des Pulverlöschers nieder, so dass Löschpulver herausschoss auf diesen Mann und ihn mit diesem künstlichen Schnee einhüllte und ihm die Sicht nahm.

Jetzt kam auch der zweite aus dem Wagen. Er hatte etwas in der Rechten, das wie eine Pistole aussah. Aber Wolfgang dachte jetzt nur an Michaela, stürmte auf diesen Mann zu, betätigte wieder den Feuerlöscher, und das Pulver spritzte dem anderen entgegen. Der wollte davonlaufen, aber Wolfgang hastete ihm nach. Der Mann rutschte auf einer Öllache aus, stürzte, und da war Wolfgang schon hinter ihm. Ein zweites Mal ergoss sich der Schnee über den Mann, und als der sich aufrichten wollte, schoss ihm erneut aus kurzer Entfernung eine volle Ladung ins Gesicht.

Details

Seiten
360
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738917628
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Februar)
Schlagworte
arztroman sammelband romane verzweifele christine lied liebe zähl tränen

Autor

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Titel: Arztroman Sammelband 3 Romane – Verzweifele nicht, Christine / Das Lied ihrer Liebe / Zähl' nicht die Tränen!