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Gefangen auf Kallisto

2018 180 Seiten

Leseprobe

Gefangen auf Kallisto

W. W. Shols

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Gefangen auf Kallisto

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Science Fiction Roman von W. W. Shols

Der Umfang dieses Buchs entspricht 177 Taschenbuchseiten.

Das war eine Sensation für Dr. Addison und Leutnant Melrose: Auf dem Planeten Jupiter gab es Lebewesen, mit denen man Kontakt aufnehmen konnte. Sie hatten jedoch keine Gelegenheit mehr, etwas zu unternehmen, denn ein dringender Funkspruch beorderte sie zur Raumstation Kallisto zurück, deren Besatzung von vier entflohenen Sträflingen eines anderen Planeten überrascht worden und ihnen wehrlos ausgeliefert war. Es hätte in dieser aussichtslosen Situation keine Rettung mehr gegeben, wäre es Addison und Melrose nicht gelungen, sich im letzten Moment mit einem Jupiter-Lebewesen in Verbindung zu setzen, das aus einer formlosen, blauen Masse zu bestehen schien und mit starker elektrischer Energie geladen war; eine Waffe, die jeden Menschen auf der Stelle zu töten vermochte.

Tsu, wie sich dieses Wesen nannte, war nicht in der Lage, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, es handelte nur auf Befehl. Und vielleicht lag gerade darin die große Gefahr, denn wer Tsu in seine Gewalt bekam, konnte den Kampf für sich entscheiden. Forscher gegen Gangster – es ging auf Leben und Tod!

Erstmals ungekürzt als eBook.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Sergeii Patalakha/123RF, Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Das schien heute ihr größter Tag zu werden.

„Es versteht uns“, behauptete Dr. Addison. „Es versteht immerhin, dass wir Leben verkörpern, dass wir in gewissem Sinne seinesgleichen sind.“

„Okay“, nickte Leutnant Melrose grinsend. „Hauptsache, wir wissen erst einmal umgekehrt Bescheid. Es scheint sich tatsächlich um etwas Lebendiges zu handeln.“

Addison warf ihm einen empörten Blick zu, den er aber nicht bemerkte, weil sie beide hintereinander in der engen Kabine saßen. „Eines Tages werde ich mich mit ihm unterhalten“, versicherte er mit übertriebenem Optimismus.‟ In diesem Augenblick war er zu jeder Übertreibung bereit, nur um sich gegen die phlegmatische Interessenlosigkeit des Piloten zu wehren.

„Haben Sie seine Bewegung gesehen? Wir haben ganz still gelegen. Einzig und allein der Lautsprecher war in Aktion. Das Ding reagiert akustisch. Es kann uns hören ...“ Addison gab sich keine Mühe, seine Aufregung zu verbergen.

Obwohl das Wesen keinerlei sichtbare Sinnesorgane trug, hatte er das Gefühl, dass es ihn durch den Bildtauscher fasziniert anstarrte. Zwischen ihnen lag die statische Leichtmetallkonstruktion der Schiffswand. Der Bildtauscher – praktisch nichts anderes als ein Videoskop, das nach beiden Seiten empfing und sendete – wirkte wie eine dicke Quarzglasscheibe. Die einander so fremden Wesen waren sich seltsam nah, obgleich die so unterschiedlichen Atmosphären jeden für sich abkapselten und eine niemals überbrückbare Grenze zwischen ihnen aufzurichten schien.

Das kleine Zwei-Mann-Boot lag fest verankert auf dem harten Grund. In seinem Inneren herrschte gute, stets sich erneuernde Sauerstoffatmosphäre. Wie ein sich abkapselndes Geschwür klammerte es sich in der von Natur aus feindlichen Umgebung fest. Draußen dagegen herrschten Methan und Ammoniak; eine Welt, in der sich das fremde Wesen zu Hause fühlte.

Fünfmal waren die Menschen bereits in den letzten Monaten von ihrer Station auf Kallisto aufgebrochen, um den größten Planeten des Sonnensystems zu erforschen. Bei der dritten Expedition hatten sie diese, kompakten gliederlosen Wesen entdeckt. Erscheinungen, die sich bewegten und die Flucht ergriffen, sobald sich der Mensch näherte. Heute blieb eines von ihnen unbekümmert liegen und schien keine Angst mehr zu haben.

Angst? An der Richtigkeit dieser Definition ließ sich zweifeln. Niemand konnte mit Sicherheit sagen, dass es wirklich Angst war, was die fremden Wesen zu ihrem Verhalten zwang. Niemand konnte überhaupt etwas mit Sicherheit sagen, soweit es das Leben auf Jupiter betraf. Sie standen ganz am Anfang ihrer Forschung. Sie wussten weniger über ihn als ein Frosch über die Dinge jenseits seines Schilfufers.

Leutnant Melrose schüttelte sich. Er übertrieb dabei gehörig, nur um zu zeigen, wie wenig sympathisch er die fremde Umgebung fand.

„Eine Qualle aus dem Atlantik wäre mir lieber“, behauptete er. „Was uns aber die Schöpfung hier vorsetzt, hat gewiss nicht die Aufgabe, jemals in einen Kontakt mit uns zu treten. Dieser Bursche hat uns nicht mehr zu sagen als ein Sandhaufen. Sie finden keine Intelligenz auf Jupiter, Doc. Glauben Sie mir das! Begnügen Sie sich damit, den Allgemeinzustand dieses Planeten zu erforschen.“

„Was hier erforscht wird, überlassen Sie getrost den Wissenschaftlern“, gab Addison gereizt zurück. „Das Ding hat uns zur Kenntnis genommen, und es läuft nicht weg. Sie sollten getrost einmal intensiver hinsehen und sich klarwerden, wie faszinierend dieser Anblick ist.“

„Ich gucke schon die ganze Zeit. Aber was hilft’s wenn er uns nicht sieht? Er hat keine Augen, keine Ohren, keine Nase ...“

„Dann wissen Sie mehr als ich. Über die Anzahl der Sinne dieser Entität kann man absolut noch nichts sagen. Eine biologische Erforschung dürfte zudem schwierig sein. Wir müssen den Umweg über die Verhaltensforschung machen. Wenn wir beweisen können, dass es uns hört, wissen wir auch, dass es Ohren besitzt, ganz gleich, ob man sie nun sehen kann oder nicht.“

„Na schön“, nickte Melrose obenhin. „Forschen Sie! Wir haben noch einen ganzen Standardtag Zeit für diese Späße. Die Rückkehr ist für spätestens in zweiundzwanzig Stunden notwendig. Sie gestatten, dass ich mich inzwischen ein bisschen schlafen lege.“

Addison hatte nichts dagegen. Der Leutnant würde ihn bei seiner Kleinarbeit nur stören. Vor Allem, wenn er seine völlig unwissenschaftlichen Bemerkungen nicht unterdrückte.

Die Antischwerkraftmaschine lief automatisch. Sie absorbierte einen wesentlichen Anteil der natürlichen Schwerkraft des Jupiter. Trotzdem wog man hier immer noch ungefähr das Doppelte als normal. Und die Männer, die seit Monaten auf dem Mond Kallisto Quartier bezogen hatten, waren längst an eine wesentlich geringere Gravitation als auf der guten Mutter Erde gewöhnt.

Melrose schob seinen Sitz vor und klappte ihn zu einer Liege zurück. Addison dagegen kroch noch näher an den Bildschirm heran und kämpfte fanatisch gegen die mächtige Schwerkraft des Planeten. Er blieb sitzen und starrte auf den lebendigen Klumpen, der draußen vor seinem Empfänger hockte.

„Er bewegt sich mehr wie ein Fisch, wie ein Tier, das in einer Flüssigkeit lebt. Aber da draußen ist kein Wasser und auch nichts in dem gleichen Aggregatzustand. Ich denke mir, die Bewegungen eines Lebewesens müssen auf Jupiter einfach so vorsichtig und behäbig sein, weil die enorme Schwerkraft es verlangt. Ich denke mir, sie haben hier einen ganz anderen Lebensrhythmus. Sie leben langsamer, sie leben länger. Vielleicht eine halbe Ewigkeit ...“

Melrose gab keine Antwort. Er schien tatsächlich zu schlafen.

Dr. Addison schielte nur mit einem Auge zu seinem Vordermann hin und konzentrierte sich gleich wieder auf den Bildschirm. Er war dem Piloten nicht einmal böse. Diese Offiziere von der Space Force waren für einen ernsten Wissenschaftler sowieso die reinsten Ignoranten. Sie taugten gerade zum Chauffeur und blieben immer eine Klasse unter dem akademischen Niveau. Addison hatte es längst aufgegeben, sich darüber zu ereifern.

Er starrte auf den Klumpen, der jetzt wie ein toter Gegenstand dasaß. Nur seine streng blaue Färbung hob ihn von dem Gelb und Schwefelgrün der kahlen Nachbarschaft ab. In der ölig flimmernden Atmosphäre waren ein paar treibende Lichtreflexe sichtbar. Auf Jupiter war es niemals ganz windstill. Dafür sorgten schon die gegensätzlichen Temperaturen auf dieser unausgeglichenen Welt.

Aus der äußeren Methan und Ammoniak-Atmosphäre drangen dann und wann Hagelschauer. Wasserstoff ist frei reichlich vorhanden und verbindet sich – wo irgend möglich – mit dem weniger häufigen Sauerstoff. Die Hagelschauer hätten längst eine kilometerdicke Eisschicht um den Planeten gelegt, wenn nicht seine innere Glut das verhinderte. Wo diese gegensätzlichen Tendenzen sich trafen, gab es den Kompromiss einer annähernd festen Planetenoberfläche. Und dort musste sich auch Leben gebildet haben. Bescheidenes Leben.

Addison erinnerte sich, wie er in früheren Jahren alle Hypothesen bekämpft hatte, die dem Jupiter das Leben absprechen wollten. Fast gegen seine wissenschaftliche Überzeugung hatte er das getan, weil der geringe Sauerstoffgehalt der Jupiter-Atmosphäre tatsächlich auf eine tote Welt hindeutete. Seine Bedenken waren weniger logisch untermauert, sondern mehr einem sentimentalen Gefühl entsprungen. Es konnte einfach nicht wahr sein, dass die Natur den größten und erhabensten Planeten des Sonnensystems so stiefmütterlich behandelt hatte.

Und jetzt bewegte sich dieser blaue Klumpen. Schon seit Monaten grassierte die Aufregung unter den Expeditionsteilnehmern, seit man festgestellt zu haben glaubte, dass die Jupiter-Wesen vor ihnen wegliefen. Männer wie Dr. Baily hatten freilich zu bedenken gegeben, dass es sich auch um rein physikalische oder chemische Reaktionen handeln könne. Das Leben an sich sei damit noch längst nicht bewiesen.

Und heute war eines dieser Wesen einfach hocken geblieben und hatte sich sogar mit seinem gliederlosen Körper nach der Methode einer Schnecke hergerobbt. Das war ein Beweis für die Neugier.

Und wo Neugierde ist, da muss auch Leben sein.

„Wenn das Ding wenigstens ein Auge zeigen würde! Oder ein Ohr.“

Vor zehn Minuten hatte Addison ein paar Sätze über den Außenlautsprecher gesagt. Und da hatte sich das Wesen einen Augenblick lang wie toll gebärdet. Jetzt lag es wieder ganz ruhig da und dachte noch immer nicht an einen Rückzug.

Wenn man es mit bekannten Erscheinungsformen verglich, so hatte es Ähnlichkeit mit einem Kaktus. Sein Körper war in regelmäßigen senkrechten Reihen mit Stachelbüschen besetzt. Diese tausend Nadeln waren ununterbrochen in Bewegung und wahrscheinlich auch für das monoton summende Geräusch verantwortlich, das über das Außenmikrofon hereingetragen wurde.

Addison fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Melrose begann gerade, leicht zu schnarchen, und er musste ihn anstoßen, um dieses dümmste Geräusch eines Menschen zu unterbinden. Wahrscheinlich wäre es nicht weiter schlimm gewesen, den Jupitermann mit einem Schnarchen zu konfrontieren, aber Addison war durch und durch Ästhet, und daher ging ihm so etwas gegen den Strich.

Nachdem der Schlaf des Leutnants ruhiger geworden war, entschloss sich der Arzt, seine spekulativen Gedanken zu bremsen und dafür zu arbeiten. Nur mittels einer sorgsam durchdachten Versuchsreihe bot sich die Chance, über die Verhaltensweise des Wesens ein gewisses System aufzustellen.

Heute musste er allerdings improvisieren, denn niemand hatte damit gerechnet, dass ein Wesen vom Jupiter so nahe herankommen würde. Er nahm noch einmal das Mikrofon und sprach ein paar Sätze.

„Guten Tag, Sir! – Ich bin erfreut, Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen. Es hat uns sehr beeindruckt, dass Sie Ihre Scheu endlich abgelegt haben und Vertrauen zu uns fassen. Wir kommen in friedlicher Absicht, das möchte ich auf jeden Fall einmal vorausschicken. Wir kommen, um zu lernen. Weil uns die Neugier des Forschers treibt, der alle Geheimnisse des Weltalls zu ergründen sucht.“

Addison deklamierte noch ein paar Sätze weiter. Dabei war er sich längst im Klaren darüber, dass sein Text nicht mehr Sinn hatte, als wenn er von eins bis hundert zählen würde. Was wusste der Jovianer schon vom Weltall? Was wusste er vom Forscherdrang? Vielleicht war ihm nicht einmal der Unterschied zwischen Krieg und Frieden bekannt.

Trotzdem! Er reagierte. Er begann wieder zu vibrieren und zu tanzen. Er sah possierlich aus. Addison dagegen fragte sich, ob es wirklich possierlich war. Nicht auf den Anschein, sondern auf die objektive Bedeutung kam es an. Dieses Schütteln und Zittern konnte ebenso die Äußerung von Zufriedenheit wie auch eine Drohung bedeuten.

Trotzdem war Addison im Augenblick froh, dass Melrose schlief. Der Leutnant hätte bei solchen Befürchtungen wahrscheinlich gleich mit dem Daumen an der Waffe reagiert. In dieser Situation aber konnte nur der Mut des friedlichen Wissenschaftlers weiterhelfen.

Er schwieg und schaltete das Mikrofon für einen Moment ab. Das Wesen sackte sofort in sich zusammen und blieb regungslos liegen. Dabei wechselte auch seine Farbe um eine Nuance. Während des Tanzes hatte es sich leicht ins Violett gewandelt, jetzt strahlte es wieder tiefblau. Aber es lief nicht weg.

Dr. Addison entschloss sich, zufrieden zu sein. Er war ein ungeduldiger, wissensdurstiger Mann, hatte aber gleichzeitig gelernt, dass wissenschaftliche Forschung ein Abenteuer in der Zeitlupe war. Neue Erkenntnisse muss man sich in der Regel mit viel Geduld zusammentragen.

Er schaltete die Röntgenanlage auf den Bildtauscher. Vielleicht gelang es ihm, den Körper des Jovianers optisch zu durchdringen. Wenn er gleichzeitig eine Aufnahme davon machte ...

Das wäre ein sensationelles Ergebnis!

Er war durchaus begeistert von seiner Idee. Einen besseren Vorschlag hätte kaum jemand machen können. Jeder Handgriff saß. Er konnte das Ergebnis kaum abwarten.

Der Schalter rastete ein. Mit der linken Hand regulierte er die Welleneinstellung. Der rechte Zeigefinger drückte den Auslöser.

Im selben Augenblick geschahen zehn Dinge auf einmal.

Die Sicht auf der Bildscheibe durchdrang den fremden Körper. Die Robot-Kamera aktivierte und machte fünf Aufnahmen pro Sekunde. Aus dem Lautsprecher in der Pilotenkanzel drang ein Schrei. So spitz, dass Addison das Gefühl hatte, ein Messer treffe auf sein Trommelfell.

Er hielt sich die Ohren zu, als es bereits zu spät war.

Auf dem Bildschirm sah er die blaue Kugel davonschweben. Mit der Geschwindigkeit eines Düsenbootes jagte sie über die spröde Landschaft und verschwand dann in einer Felsspalte. Mit dem Grad der Entfernung hatte das erschreckende Geräusch abgenommen.

Addison ließ die Hände sinken und schaltete die Röntgenkamera auf Null. Er hatte einen Fluch auf den Lippen. Doch damit kam ihm Melrose zuvor.

„Zum Teufel, Addison! Sind Sie übergeschnappt? Ein solches Geschrei gibt’s nicht einmal in einem Affenkäfig.“

„Wir sind auch nicht in einem Affenkäfig, sondern auf Jupiter.“

„Okay! Ihre Belehrung ist nicht sehr witzig, Doc. Jupiter ist zwar groß genug, dass Sie sich in den meisten Fällen wie ein Kannibale benehmen können. Aber bitte nur, wenn Sie allein sind.“

„Schon gut, Sie Schreihals ...“

„Schreihals!“ Melrose lachte wütend und humorlos. „Sie nennen mich einen Schreihals? Sie ...?“

„Sie irren sich, weil Sie geschlafen haben, Leutnant“, erklärte der Arzt leidenschaftslos. „Den hat der Jovianer ausgestoßen. Nicht ich.“

Melrose blickte sich um und sah den Wissenschaftler durchdringend an. „Sie sind doch nicht inzwischen verrückt geworden, nicht wahr?“

„Sie meinen, weil die Jovianer bisher keinen Laut von sich gegeben haben, müssten sie auch stumm sein. Bitte!“ dabei zeigte Addison auf den Bildschirm. „Er hat geschrien und ist dann weg gerannt.“

Melrose drehte jetzt auch seinen Körper nach, während er sich bisher nur den Hals verrenkt hatte. Seine Wut schien abzuklingen. Immerhin interessierte ihn das.

„Hm, schon möglich, Doc. Der Rest des Schreis klingt mir jetzt noch in den Ohren. Ein solches Organ habe ich Ihnen bis heute auch nicht zugetraut. Was haben Sie mit dem Burschen angestellt?“

„Ich wollte eine Röntgenaufnahme von ihm machen. Das heißt, ich habe sie gemacht. Ich fürchte fast, die Jovianer vertragen die Strahlung nicht. Jedenfalls ist er weggerannt und hat diesen Schrei fabriziert.“

„Sehr intelligent. Jetzt haben Sie die Bescherung. Wenn Sie Pech haben, kriegen wir ab dato keinen von ihnen mehr vor die Linse.“

„Wer konnte das ahnen“, verteidigte sich Addison. „Und vorher habe ich ihm noch eine Rede über unsere friedfertigen Absichten gehalten.“

„Wenn er die über sich hat ergehen lassen, wird sie ihm nicht geschadet haben. Wissen Sie genau, dass seine Flucht eine Reaktion auf die Röntgenstrahlen gewesen ist?“

„Es geschah alles im selben Augenblick. Also dürfen wir das schon mit Sicherheit annehmen.“

„Hm, immerhin etwas. Auf Schallwellen reagiert er, indem er tanzt oder sich doch irgendwie bewegt. Röntgenwellen dagegen sind ihm unsympathisch, vielleicht sogar schmerzhaft. Ein Freudengeheul kann es nicht gewesen sein, weil er ja weggelaufen ist. Andererseits sind Röntgenstrahlen auch nicht unmittelbar tödlich für Jovianer. Sonst müsste jetzt eine Leiche vor der Tür liegen.“

Dr. Addison spielte an der Einstellung des Videoskops. Dadurch gelang es ihm, den Blickwinkel zu ändern. Mehr aber auch nicht. Der Spalt, in dem der fliehende Jovianer verschwunden war, ließ sich vergrößern, dass man die Poren darin erkennen konnte. Doch nach wenigen Metern machte der Gang einen Knick und verschwand im Dunkel. Die Landschaft blieb tot. Nur der ständige Wind trieb Wolken heißen Sandes vor sich her. Das war die einzige Bewegung auf diesem Bild. Aber Leben?

Leben war es nicht.

Addison hatte wieder den Ärmel vor der Stirn, um den Schweiß abzuwischen. Es war nicht nur die Hitze, die ihn so fertigmache. Es waren die Zweifel, die jeder Hoffnung, jedem Optimismus und jeder Begeisterung folgten.

Er hatte den Faden zu dem Gespräch verloren, als ob es keinen Sinn hätte, auf Melroses Worte einzugehen. Trotzdem hatten sich ein paar Worte bei ihm festgefressen. Sie betrafen die Frage nach Leben.

„Sie reden auch in sehr willkürlichen Bildern, Leutnant.“

„Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen.“

„Sie haben vorhin behauptet, Röntgenstrahlen wären nicht tödlich für die Jovianer. Der Tod aber setzt vorangegangenes Leben voraus. Glauben Sie, dass diese Dinger leben?“

„Fragen Sie mich bloß nicht so direkt, Doc! Ich weiß genau, dass das Ihr Steckenpferd ist mit dem Leben auf Jupiter. Und ich möchte es mit Ihnen nicht auf die Dauer verderben.“

„Schönen Dank! Sie sind wenigstens ehrlich. Es ist Ihnen völlig gleichgültig, was bei unserem ganzen Forschen herauskommt. Sie tun nur Ihre Pflicht. Sie fahren uns dahin, wohin wir müssen, und bringen uns auch eines Tages wieder nach Hause. Eventuell ...“

„Ich habe die feste Absicht, Doc. Trotzdem bin ich nicht so stumpfsinnig, wie Sie gerade behauptet haben. Meine Definitionen sind vielleicht, wissenschaftlich gesehen, manchmal schief oder sogar falsch. Aber, beim Weltall, interessant wäre es schon, zu wissen, ob diese Bewegungen hier Leben sind oder nur irgendeine Reaktion. Sie sollten noch einmal versuchen, den Jovianer wieder herzulocken. Und wenn es nur dazu reicht, dass wir ihn wieder tanzen lassen.“

„Tanzen!“, stöhnte Dr. Addison. „Das ist auch so ein verdammt oberflächliches Wort.“

„Wie wollen Sie es sonst nennen?“

„Ich weiß nicht, was diese Bewegung bedeutet. Wir müssten Vokabeln benutzen, die viel weniger Bestimmtes ausdrücken. Die nicht mehr sagen, als wir wirklich wissen.“

„Dann schweigen Sie lieber ganz, mein Lieber.“

Der Zynismus des Leutnants besaß ein Fünkchen Wahrheit. Das musste Addison schon zugeben. Mit Zynismus jedoch kam man nicht weiter.

„Ich habe gesprochen, und der blaue Klumpen hat sich bewegt“, überlegte er laut. „Er muss also für Schallwellen empfindlich sein.“

„Vielleicht hat er doch getanzt“, sagte Melrose vorsichtig und ohne jeden Spott. „Nennen Sie es doch einfach Tanzen, Doc, solange Sie nichts Besseres darüber wissen. Eine falsche Voraussetzung ist immerhin mehr als gar keine.“

„Das klingt fast wissenschaftlich, vorausgesetzt, Sie meinen es ernst.“

„Ich meine, dass wir noch einen halben Tag Zeit haben, und dass Sie etwas tun sollten. Reden Sie etwas Feierliches über den Außenlautsprecher. Sagen Sie den Jovianern, dass es uns leid tut, sie erschreckt zu haben, dass wir es nicht wieder tun wollen, und dass wir ihre Freunde sind. Und wenn Sie Ihrem Charme nicht mehr trauen, dann versuchen Sie zu singen.“

Das war wieder der alte Zynismus, dachte Addison. Aber trotzdem! Jetzt würde er es gerade tun!

Er schnappte das Mikrofon aus der Halterung und stellte den Sender ein. Dann sang er. Heiser und rau – zum Weglaufen. Seine Stimme überschlug sich ein paarmal und wechselte von einer Tonart in die andere. Addison war im höchsten Grade unmusikalisch.

„Hören Sie auf!“, wimmerte Melrose. „Damit vertreiben Sie höchstens noch Sanddünen von der Oberfläche.“

„Können Sie es besser?“

„Dazu verweigere ich die Aussage. Sonst gibt es hier noch einen Sängerwettstreit. Wir sind aber von höherer Warte verpflichtet, uns zu vertragen. Deshalb schlage ich vor, Sie lassen ein Tonband ablaufen. Ich habe hier schwarz ein paar Privatbänder in meinem Bestand. Schräger Queezly Toon, der neuste Schrei.“

„Um Himmels Willen! Da wäre konkrete Musik noch besser. Haben Sie nicht etwas Gefühlvolles?“

„Uralte klassische Romantik, natürlich. Zum Beispiel die Ouvertüre zum Rosenkavalier.“

„Rosenkavalier? Kenne ich nicht. Aber spielen Sie ihn!“

Leutnant Melrose griff über sich unter die niedrige Decke der Kabine. Dann hatte er ein halbes Dutzend 2-Zentimeter-Spulen in der Hand und suchte das Gewünschte heraus. Etwas später erklang Strauß aus dem Lautsprecher. Melrose war ein Musikfanatiker in jeder Hinsicht und genoss die bekannte Melodie. Addison war zu jung, um einen solch alten Komponisten zu erkennen, aber er fand es auch nicht schlecht. Beide lehnten sich zurück und lauschten. Geistesabwesend starrten sie unter die Decke ins Leere. Es wurde ein Ohrenschmaus. Alles Sichtbare um sich herum vergaßen sie. Wenigstens für drei oder vier Minuten.

Dann kam der Schrei des Leutnants.

„Die Jovis, Doc! Sehen Sie doch bloß hin!“

Auf dem Bildschirm wimmelte es plötzlich von blauen Kugelwesen. Sie quollen aus dem Felsspalt und wurden immer mehr. Sie wälzten sich heran, umzingelten das Schiff und drängten gegen seine Wand.

Melrose und Addison schoben sich ein paar Zentimeter aus ihren Sitzen hoch, als ob es unter ihren Hosen zu heiß geworden sei.

„Verrückt!“, stöhnte der Arzt. „Da haben Sie uns was Schönes eingebrockt. Klassische Romantiker!“

Melrose rutschte wieder zurück. In diesem kritischen Augenblick konnte er sich keine unbequeme Körperstellung leisten. Seine Finger tasteten nach den Feuerknöpfen der Bug-Kanonen.

„Davon lassen Sie jetzt die Hände!“, drohte Addison und fasste wütend nach dem Hals seines Vordermannes. „Wenn die uns jetzt in die Mangel nehmen wollen, dann tun sie es auch. Und sobald Sie einen Schuss abgeben, ist unser Leben überhaupt nichts mehr wert.“

Die drängenden Massen draußen sahen durchaus bedrohlich aus. Trotzdem wäre es der reine Wahnsinn gewesen, mit Gewalt etwas gegen sie zu unternehmen. Hier standen sich zum ersten Male zwei einander fremde Arten gegenüber, die nichts über den anderen wussten. Nur eins wusste Addison! Nämlich, dass die Vernunft bei dieser Begegnung dabei war. Wenigstens auf einer Seite. Auf die Vernunft würde es ankommen!

Das Tonband dudelte weiter. Die beiden Männer dachten in der Erregung an alles andere, nur nicht an die Orchestermusik.

„Sie drücken das Boot ein“, stöhnte Melrose.

„Sie lassen die Finger von den Waffen, Leutnant. Ich sitze hinter Ihnen und bin deshalb der Stärkere. Ich werde verhindern, dass Sie mein Totengräber werden.“

„Das Grab schaufeln Ihnen schon die anderen da draußen. Oder wahrscheinlich werden sie nicht einmal das tun. Vielleicht sind es Kannibalen und fressen uns.“

„Auf Jupiter gibt es kein Fleisch. Also auch keine Kannibalen.“

„Dann fressen sie Blech und Plastik. Himmel, Doc! Die Biester kriechen uns aufs Dach! Hören Sie nicht, wie es draußen schabt und kratzt?“

„Stellen Sie das Tonband ab!“, befahl der Arzt.

Melrose gehorchte. Die plötzliche Stille war schmerzhaft. Nur noch das Schaben und Kratzen an der Außenwand. Dann hörte auch das auf. Die drei Wesen auf dem Boot hatten sich fallen lassen und lagen auf dem harten Jupiter-Boden. Die Masse zog sich ein Stück zurück und bildete einen Kreis. In respektvoller Entfernung erstarrte die Bewegung wieder. Addison wurde an Pinguine erinnert. Genauso teilnahmslos wartete die Menge der blauen Wesen. Das feine Summen ihrer Nadelbüschel drang zu den Menschen ins Schiff. Sonst blieb es still.

Melrose atmete auf.

„Wenigstens eine Atempause“, grollte er. „Aber ich möchte wissen, wie das weitergehen soll.“

„Die Musik hat sie angelockt. Die Musik hat sie unter Umständen sogar verrückt gemacht“, behauptete Addison. „Ich werde wieder zu ihnen sprechen ...“

„Lieber wär’s mir, Sie machten noch ein paar Röntgenaufnahmen. Nur das gibt uns Luft.“

„Natürlich! Besser noch als alle Ihre Kanonen zusammengenommen. Aber das ist nicht meine Absicht. Seien Sie jetzt vernünftig, Leutnant. Ich werde zu ihnen sprechen. Wahrscheinlich überschätzen Sie unsere Gefahr. Falls es überhaupt eine gibt.“

„Okay! Erst gut zureden wie ein alter Vater und dann naiv daherreden! Auf dem Jupiter ist es immer gefährlich, Doc.“

„Schon gut! Streiten können wir uns zu Hause.“

Dr. Addison nahm das Mikrofon und hielt seine Rede. Er gebrauchte durchaus feierliche Worte und versprach sich sogar ein paarmal dabei. So aufgeregt war er. Doch auch das hatte seinen Sinn. Melrose wurde von seiner Angst und seinem Zorn abgelenkt und hatte Gelegenheit, über das verrückte Pathos seines Kameraden erhaben zu sein.

Addison sprach nicht länger als zwei Minuten von Freiheit, Vernunft und Rassenverbrüderung. Er sprach, nur um etwas zu sagen. Auch diese Taktik stieß auf eine Reaktion.

Die Jovianer begannen abzuwandern. Es war wie auf einem Fußballplatz zwei Minuten vor Spielende. Die hinteren Reihen lichteten sich zuerst. So, als ob ein paar Leute nicht ins allgemeine Gedränge kommen wollten. Dann setzte die Massenwanderung ein.

Es dauerte ziemlich lange. Alle mussten durch den engen Felsspalt. Es dauerte länger als der Anmarsch, ging aber recht diszipliniert vor sich.

„Ich habe es mir gleich gedacht“, war Melrose jetzt obenauf. „Ihr Text ist ihnen zu banal. Die erwarten etwas ganz anderes von einem guten Agitatoren.“

Addison war trotzdem zufrieden.

Denn nicht alle wanderten ab. Einer blieb. Ein einziger blauer, plumper Jovianer.

„Ob das der von vorhin ist?“, wollte Melrose wissen. „Man kann sie so schlecht unterscheiden.“

Man konnte sie überhaupt nicht unterscheiden.

„Vielleicht suchen sie doch Kontakt mit uns. Was schließen Sie aus den letzten Beobachtungen, Leutnant?“

„Ich sagte es schon. Ihre Rede hat sie gelangweilt.“

„Und was noch?“

„Mehr wüsste ich nicht.“

„Dann will ich es Ihnen sagen. Der Versuch hat drei Teile. Röntgenstrahlen sind bedrohlich, abschreckend oder wenigstens unangenehm für sie. Die menschliche Stimme erscheint ihnen langweilig. Lediglich, um nichts zu verpassen, stellen sie einen Beobachter bei unserem Lautsprecher auf, der ihnen eventuell später noch berichten kann. Bei klassischer Musik dagegen geraten sie in Ekstase. – Stimmt das so weit?“

„Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Nur halte ich es trotz allem immer noch für ein mageres Ergebnis.“

„Wissenschaftler haben mehr Geduld als Soldaten“, philosophierte der Arzt mit belehrendem Unterton.

„Irrtum!“, widersprach der Leutnant. „Man sagt: die halbe Zeit seines Lebens wartet der Soldat vergebens. Wenn das keine Geduld erfordert!“

„Okay! Um das zu beweisen, können Sie mir weiterhelfen. Nehmen wir an, der Bursche da draußen ist unser alter Freund. Wir werden ihm jetzt ...“

Melrose sollte nie mehr erfahren, welchen genialen Einfall Dr. Addison in diesem Augenblick hatte.

Hinter ihnen erklang das Alarmzeichen der Kallisto-Station, das sich durch einen automatischen Sendeimpuls selbst einschaltete. Melrose drückte sofort die Empfangstaste und meldete sich.

„Hier Professor Graham“, kam eine dünne, entfernte Stimme zu ihnen. „Kehren Sie sofort zur Zentrale zurück, Leutnant! Wir haben ...“

Hier brach die Verbindung ab.

Melrose rief noch ein paarmal zurück, bekam aber keinen Kontakt mehr mit der Kallisto-Station.

„Begreifen Sie das, Doc?“

„Es wäre nicht das erste Mal, dass atmosphärische Störungen eine Verständigung unmöglich machen. Was soll oben schon los sein? Sie haben den Befehl gehört. Starten Sie.“

Melrose hatte im Prinzip nichts dagegen. Der Jupitermond Kallisto, auf dem sie ihre Zentrale für die Jupiter-Forschung eingerichtet hatten, war ihm wesentlich sympathischer als der große Planet. Er machte sich sofort daran, die Maschine zum Start vorzubereiten. Bevor er aber abhob, hielt Addison ihn noch zurück.

„Moment, Leutnant! Dieser Jovi-Stamm ist mir interessanter als jeder andere, dem wir bisher begegnet sind. Ich möchte diesen Ort genau wiederfinden.“

„Die Koordinaten sind automatisch im Elektronenspeicher festgelegt.“

„Das genügt mir nicht. Ich will diesen Platz auf den Quadratmeter genau wiederfinden. Sie haben doch Sendebojen an Bord.“

„Okay! Aber kein vorbereitetes Programm. Graham hatte es sehr eilig, wenn ich richtig gehört habe. Ich kann nichts mehr zusammenstellen.“

„Wir haben eine ausreichende Phonothek an Bord. Legen Sie irgendein Sprechband ein, das sich laufend wiederholt. Aber bloß keine Musik, damit uns die begeisterte Menge nicht aus lauter Übermut die Anlage zertrümmert.“

„Well, schon klar, Doc ... Ein Sprechband. – Dieses hier kann ich entbehren. Wahrscheinlich wird jetzt wochenlang ein einsamer Jovianer davor hocken und herauszukriegen versuchen, welches Kuckucksei ihm die langbeinigen Terraner ins Nest gelegt haben.“

Melrose machte die Boje fertig und schleuste sie aus. Ihre Sendeenergie würde für Monate reichen. Es bestand kein Zweifel daran, dass sie diesen Punkt exakt wiederfinden würden.

„Okay“, stöhnte Dr. Addison abgespannt und ließ sich in seinen Sitz zurücksinken. „Starten Sie, Leutnant! Ich möchte wissen, was sich der Professor zu Hause wieder ausgedacht hat.“

Melrose grinste noch einmal zurück und wandte sich dann seinen Armaturen zu.

„Der junge Graham wird Langeweile haben. Er ist mehr ein Kasernenhof-Spieß als ein Professor. Sonderübungen zur Erhaltung der Arbeitsmoral hat er uns schon lange angekündigt.“

„Sie meinen, dass es nichts Schlimmeres ist?“

„Für einen Soldaten gibt es nichts Schlimmeres, als andauernd geschliffen zu werden.“

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Eine Zeitlang schwamm das Expeditionsboot auf der Atmosphäre des Jupiter. Dann glitt es in immer dünnere Schichten und überwand schließlich den Fluchtpunkt. In einer schlangenförmigen Bahn jagte es auf den Mond Kallisto zu.

Stunden später setzte es auf bekanntem und vertrautem Kurs zur Landung an. Kurz bevor sie aufsetzten, ging ein Schütteln durch das Fahrzeug. Melrose hatte für einen Sekundenbruchteil nicht aufgepasst. Das war in dem Augenblick, als er das Schiff entdeckte.

Er streckte den Arm aus und zeigte auf den Bugschirm.

„Sehen Sie sich das an, Doc!“

„Ein Raumschiff“, sagte Addison. „Nicht viel kleiner als unser Schlitten hinter dem Einsteinberg. Jetzt wird mir manches klar.“

„Wenn Ihnen was klar wird, dann sagen Sie es mir“, verlangte der Leutnant. „Ich kann mir unter diesem Besuch rein gar nichts vorstellen. Jedenfalls steht im Programm der Raum-physikalischen Gesellschaft nichts davon.“

„Programme sind dazu da, dass man sie ändert“, versicherte Addison frohen Mutes. „Vielleicht ein ganz hohes Tier auf Inspektionsreise.“

„Wir werden sehen“, meinte Melrose und konzentrierte sich auf den Rest des Landemanövers. Er ging ganz nahe bei dem fremden Schiff nieder. Dann stiegen sie aus.

In plumpen Raumanzügen betraten sie den mit leichtem Reif überzogenen Boden des Mondes. Das geringe Taglicht, das sich aus der gemeinsamen Strahlung der Sonne und der Reflexion des Jupiters mischte, lud sich in seiner Wirkung praktisch an dem weißen Untergrund auf und verbreitete eine ausreichende Helligkeit.

Melrose schloss ab, indem er die Zahlenkombination der Einstiegsluke durcheinander brachte. Es war eine eingedrillte Gewohnheit, nach der man auf jedem „Parkplatz“ zwischen Merkur und Mars handelte. Sie wirkte nur hier in der Abgeschiedenheit der Jupiter-Region skurril, weil es hier keine Diebe gab, die das Schließen eines Sicherheitsschlosses rein logisch begründet hätten.

Sie gingen ein paar Schritte und blickten an dem schlanken Leib des fremden Schiffes hinauf.

„Unser Boss reist wohl inkognito“, vermutete Dr. Addison. „Ich sehe nicht einmal den traditionellen Namen am Bug.“

„Vielleicht hat ihn ein Meteor wegrasiert“, sagte Melrose durch den Helm-Lautsprecher und bemühte sich dabei um einen lächerlichen Ton. Addison kannte diese Manie, die fast jeden von ihnen dann und wann befiel. Zum gesunden Betriebsklima gehörte immer wieder ein guter Witz. Und weil die Besatzung des ganzen Mondes nur aus sechs Mann bestand, kam jeder mit dem Witzemachen im Durchschnitt mehrere Male in der Woche an die Reihe.

Tatsächlich! Es war zur Manie und zur Gewohnheit geworden.

So zur Gewohnheit, dass man schon nicht mehr darüber lachen konnte.

„Der Witz vom Dienst“, stellte Dr. Addison lakonisch fest und nahm die Bemerkung weiter nicht ernst.

Der kürzeste Weg zur Druckkuppel der Station, die nichts als ein nackter, zweckmäßiger Betonturm war, führte sie an einem der drei Teleskopständer des fremden Schiffes vorbei. Sie hatten sich schon gewundert, dass niemand zu ihrem Empfang herausgeeilt war, als sie endlich doch einen Menschen gewahrten.

Da sein Helm entgegen der Gewohnheit ihres Teams keinen Namen trug, wussten sie nicht, wen sie vor sich hatten. Sie ahnten nur beide gleichzeitig, dass es ein Fremder war, der wohl zu den Gästen gehörte.

Nur im Unterbewusstsein registrierten sie die auf sich gerichtete Waffe aus dem rechten Arm des Anzuges. Die Bewegung mochte ein Zufall sein.

„Guten Tag, Sir!“, grüßte Melrose über UKW. „Sie gehören wohl zur Inspektion hier. Well! Macht nichts. Ihr Boss wird Sie dahingestellt haben. Wir werden hineingehen und ihm Bescheid geben, dass solche Posten in dieser Gegend überflüssig sind. Hier gibt es keine Diebe oder gar schlimmere Verbrecher. Hier gibt’s auch keine geheimnisvollen Entitäten fremdartiger Bauart. Wir haben eine reine Weste und viel Ehrgeiz, sonst nichts.“

„Guten Tag“, antwortete der andere rau und herzhaft. „Wenn ich Ihrer verdächtig ausführlichen Beteuerung glauben darf, so haben Sie hier genügend Einfluss, um mich vor meinem Boss in Schutz zu nehmen. Ich werde mir gestatten, gleich mit hineinzukommen. Ein paar Stunden im Raumanzug, das ist sowieso schon kein Vergnügen. Und dieser hier ist ausgerechnet nicht meine Größe. Er spannt im Nacken wie eine Zwangsjacke. Würden Sie vorausgehen?“

Es war im Weltraum nicht Usus, sich lange vorzustellen, wenn man kurz vor einer Schleuse stand, hinter der man wieder richtig Mensch sein durfte. Man verschob dann solche Förmlichkeiten gern für ein paar Minuten. Melrose aber war neugierig, seit sie vom Jupiter abberufen worden waren. Er opferte daher noch einiges von seiner knappen künstlichen Luft im Anzug und fragte: „Sie sind wohl mit der Grund, weshalb der Professor unsere Planeten-Expedition abbrechen ließ, wie? Muss wohl eine spannende Angelegenheit sein?“

„Ich habe gehört, dass im Weltraum so vieles relativ sein soll“, gab der andere mit einem rauen Lachen zurück. „Unsereiner kann sich so schlecht ein Bild darüber machen, was für euch Forscher spannend oder langweilig ist.“

Sie hatten inzwischen die Schleuse erreicht.

Melrose gab seine Meldung durch und bat den Wachhabenden, zu öffnen.

Aus dem Inneren meldete sich der junge Curt Shapley. Er war auffallend wortkarg und ging auf keine private Bemerkung ein. Na ja, dachten die beiden Ankömmlinge. Wenn das tatsächlich eine Inspektion ist, wird der gute Junge natürlich nervös sein, dass er ja nichts falsch macht.

Sie warteten, bis das Außenschott zur Seite glitt. Dann traten sie ein. Zwei Minuten später hatten sie atembare Luft in der Schleuse, und Shapley gab bekannt, dass sie die Raumanzüge ablegen könnten.

Sie befolgten die Aufforderung, während die innere Luke zur Seite glitt und den kleinen Vorraum der Station freigab.

Dahinter lag der Gemeinschaftsraum, der noch viele andere Namen trug. Je nach Laune und persönlichem Anspruch nannte man ihn Tagesraum, Salon, Kantine oder Messe. Nun, jedenfalls hatten die Industriepsychologen, die zu Hause auf Terra die Station entwerfen mussten, an jeden Komfort gedacht. Sie hatten dafür gesorgt, dass den Leuten draußen im feindlichen All eine Zelle blieb, in der sie jeden Luxus und jede Bequemlichkeit von der Erde zur Verfügung hatten.

Es war ein Raum, wie ihn sich Millionäre einzurichten pflegen. Und trotz allem war kein Cent daran vergeudet. Schließlich hatte man Milliarden in dieses ganze Projekt hineinstecken müssen. Die schweren Teppiche, die echten Holzmöbel und super-bequemen Pneumosessel waren in der ganzen Kalkulation ein lächerlich geringer Betrag geblieben.

Die Umgebung war vertraut. Trotzdem störte etwas an ihr.

Die Ungezwungenheit fehlte.

Niemand saß. Alle standen steif irgendwo herum. Und es gab auch nicht die gewohnte Begrüßung.

Panoptikum, dachte Leutnant Melrose. Steif genug für eine Inspektion. Aber längst nicht höflich genug. Selbst bei der strengsten Kontrolle pflegte eine gewisse Verbindlichkeit eine Rolle zu spielen. Die Begrüßungen waren bei derartigen Begegnungen sogar besonders höflich, weil sich dadurch für spätere Rügen ein gewisser Sympathievorschuss ergab.

Hier fehlte das alles.

Man stand, obwohl der Raum schon wieder zu eng zu werden drohte, weil er nicht für zehn Personen eingerichtet war.

„Nehmen Sie Platz, meine Herren“, empfing Professor Graham den Leutnant und den Arzt. Auch das klang steifer als sonst. Und es hatte auch nicht die konventionelle Wirkung. Die zwei Männer vom Jupiter setzten sich ebenso wenig wie die anderen. Sie drehten sich vielmehr vorsichtig im Kreis, bis ihr Blick auf dem Mann hängenblieb, den sie von draußen mit hereingebracht hatten. Der stand lässig an der Tür wie ein Wachhund und kaute Gummi.

Melrose fand, dass die Sache immer weniger von einer Inspektion an sich hatte, je länger er sich in der wortkargen Runde umsah. Obwohl er nach Curt Shapley der jüngste von der Besatzung war, sah er keine andere Möglichkeit, als erster zu reden.

„Guten Tag, Professor! Sie haben uns zurückgerufen. Wahrscheinlich wegen der Gäste ...“

„Setzen Sie sich“, erklärte Graham ohne jeden Zusammenhang, und Melrose gehorchte. Ihm folgte Dr. Addison. Als diese beiden Platz genommen hatten, schien von den anderen ein Alpdruck zu weichen. Auch Fabio Correia kam näher und glitt vorsichtig in einen Sessel, als fürchte er, das Ding stecke voller Ungeziefer. Der ältere Dr. Baily setzte sich gleichzeitig mit Curt Shapley. Die fünf, die jetzt noch standen, waren außer dem Professor nur noch Fremde.

Melrose griff nach einer Zigarette und dem Feuerzeug. Seine Bewegung war äußerst langsam, als fürchte er, im nächsten Moment eine Reklamation zu hören. Sie kam nicht.

Er entzündete die Flamme und nahm sich Feuer. Dazu zog er sich einen Aschenbecher heran.

Obwohl er auf die Fremden wesentlich neugieriger war, nahm er zunächst Dr. Addison aufs Korn. Wahrscheinlich, weil er mit ihm in letzter Zeit am längsten zusammen gewesen war. Addison war Nichtraucher. Trotzdem schob er ihm seine Schachtel hin und sagte: „Bitte!“

Jetzt schien eine Welt einzustürzen. Der Arzt nahm die Zigarette und das Feuer, zog einmal kräftig und hustete sofort.

Damit schien der Bann gebrochen.

„Ich hatte gleich so ein Gefühl“, sagte Melrose, „als ich hereinkam. Irgend etwas stimmt hier nicht. Wenn Doc Addison zu rauchen anfängt, ist irgend etwas nicht in Ordnung. Ich wette, so ein Biologe und Psychiater hat ein Gespür dafür.“

Da noch immer kein anderer reden wollte, zuckte Melrose mit der Schulter und wollte sich gelangweilt abwenden. Jedenfalls sollte es gelangweilt aussehen. Dabei kam ihm aber wieder der Mann an der Tür zu Gesicht. Der gleiche, mit dem sie hereingekommen waren. Und der stand noch immer an der Tür und kaute Gummi. Eigentlich stand er nicht einmal, sondern lümmelte sich dort herum und bildete einen lausigen Kontrast zu der Erhabenheit, die die kostbare Einrichtung des Zimmers ausstrahlte.

Natürlich! Das war es!

Das Zimmer wirkte nicht mehr wie früher. Es schien plötzlich zu einer Kasernenstube herabgewürdigt ...

„Eine Inspektion sind die Herren jedenfalls nicht“, hörte Melrose sich dann sagen. Dabei blickte er immer noch auf den Mann an der Tür und registrierte ein hämisches Grinsen.

Keine Kinderstube, dachte er und wollte sich weigern, weiterzureden.

Der Mann mit dem Kaugummi zwang ihn jedoch dazu.

„Jetzt wollen wir mal Quiz spielen, Leutnant. Was meinen Sie denn wohl, was auf dieser schönen einsamen Insel im Weltraum passiert ist?“

„Etwas durchaus Ungewöhnliches. Wir haben Besuch gekommen. Das hat bisher noch kein Mensch behaupten können, der achthundert Millionen Kilometer von der Erde entfernt war.“

„Schön! Ihr habt Besuch bekommen. Von welcher Sorte mag der wohl sein?“

„Von einer durchaus üblen, wenn ich Sie betrachte. Ich hoffe, Ihre Kollegen werden mich eines Besseren belehren.“

„Belehren werden wir euch auf jeden Fall. Darauf können Sie Gift nehmen, Leutnant.“

In diesem Augenblick schob sich ein anderer der Fremden in den Vordergrund. Er war der größte von allen und wirkte ungeschickt. Wie ein Holzfäller auf diplomatischem Parkett. Sobald er jedoch den Mund aufmachte, hatte er etwas durchaus Aristokratisches an sich.

Dabei kam auch eine gewisse Bescheidenheit zum Durchbruch. Melrose fragte sich jedoch sofort, ob das Theater war. Der Brocken machte sogar eine leichte Verbeugung, deren Wirkung allerdings durch einen feinen Spott im Gesicht etwas gemildert wurde.

„Ich heiße Hunter, Leutnant.“

„Angenehm“, trällerte Melrose. „Der Herr neben mir ist Dr. Addison. Ich finde, Sie sollten sich ebenfalls setzen. Im Stehen spricht es sich nicht gut.“

Hunters ironisches Lächeln wurde zur Maske. Er sah sich zufrieden im Kreis um und setzte sich ebenfalls.

„Wenn Sie jetzt noch Ihre Waffen auf den Tisch legen würden, dass meine Männer Gelegenheit haben, sie zu untersuchen ...“

Addison gehorchte sofort. Ganz automatisch. Hunter hatte noch nicht ausgesprochen, da lag seine Pistole schon auf dem Tisch. Melrose war langsamer.

„Also doch eine Inspektion.“

„In gewissem Sinne, ja“, nickte Hunter. „Und nun zieren Sie sich nicht, Leutnant. Jedes meiner Worte hat durchaus seine Bedeutung.“

Als seine Waffe neben der anderen lag, fühlte sich Melrose wie nackt. Er gab sich nicht die Mühe, mit einem Male alles zu begreifen. Trotzdem wusste er, dass hier mit nichtssagenden Worten ein vielsagendes Spiel getrieben wurde. Er hielt es für langweilig, solange nicht jeder mit offenen Karten spielte.

Seine Frage wirkte umwerfend.

„Sie sind Banditen, Mr. Hunter, nicht wahr?“

Diese Frage kam selbst für den Chef des Besucherteams überraschend. Er gab nicht sofort eine Antwort. Statt dessen fragte der Kaugummimann von der Tür: „Soll ich ihn auseinander nehmen, Chef?“

Hunter winkte ab. Er raffte sich sogar zu einem Grinsen auf.

„Eine seltsame Situation, nicht wahr, meine Herren?“

Melrose nickte ernst, aber ohne sichtlich beeindruckt zu sein.

„Banditen auf Kallisto! In der Tat ist das seltsam. Wenn ich richtig darüber nachdenke, ist es sogar gegen das ökonomische Prinzip. Banditen pflegen dorthin zu gehen, wo es etwas zu holen gibt. Es sei denn, sie haben etwas zu verstecken.“

„Ganz recht. Auf Kallisto gibt es nichts zu holen. Und verstecken wollen wir uns selbst. Ich bitte Sie, sich mit dieser Situation abzufinden. Wir werden gemeinsam gut dabei fahren. Was halten Sie davon, Leutnant?“

„Das ist eine Prinzipienfrage, die ich meinen Chef beantworten lassen möchte, Mr. Hunter. Darf ich Mister zu Ihnen sagen, oder verfügen Sie über einen offiziell anerkannten Titel?“

„Ich bin Hunter, schlichtweg Gus Hunter. Die Titel legen mir meine Gegner zu. Ich kann sie nicht mehr zählen.“

„Okay! Sie sind also nicht nur ein gewöhnlicher Bandit, sondern einer, von dem die Sage geht. Oder etwa nur ein Angeber?“

Ein Mann, der sich noch nicht vorgestellt hatte, trat dicht an Melrose heran und nahm eine drohende Haltung ein. Dabei blieb es jedoch. Anscheinend tat von den vieren keiner etwas, wenn es der Chef nicht befohlen hatte.

„Zurück, Webb!“, befahl Hunter, und der große Bursche wirkte wie eine Maus. Hunter begab sich auf eine langsame Runde durch das Zimmer und musterte scheinbar jeden Gegenstand. Die anderen folgten ihm mit den Blicken, und er wusste es. Er spürte es an dem Schweigen und Abwarten. Schließlich drehte er sich auf dem Absatz herum, nachdem er lange auf ein abstraktes Bild an der Wand gestarrt hatte.

„Ein kurzer Nachholunterricht für Sie, meine Herren, die Sie gerade gekommen sind. Wir haben jetzt zwei Parteien auf Kallisto. Diese unterscheiden sich dadurch, dass die eine bewaffnet ist. Im Übrigen wünsche ich, dass der Dienstbetrieb hier weitergeht, als ob nichts geschehen sei. Wenn Sie sich danach richten, werden wir gut miteinander auskommen.“

„Als ob nichts geschehen sei“, ächzte Dr. Addison.

„Im wahrsten Sinne des Wortes“, nickte Hunter. „Abgesehen davon, dass Sie uns mit allen lebensnotwendigen Dingen versorgen werden, sind wir für Sie nicht vorhanden. Besonders nicht in Ihren Berichten, die Sie zur Erde und anderen Planeten absetzen. Der Funkverkehr mit der Außenwelt ist nur in Anwesenheit eines meiner Männer erlaubt. Einzelheiten habe ich bereits mit Professor Graham besprochen. Er wird Sie darüber unterrichten ... Es ist sehr schwül hier. Meine Männer und ich hätten gern etwas zu trinken. Aber alkoholfrei.“

Addison sah zu Graham hinüber. Der junge Professor mahlte mit den Zähnen. Er sah eigentlich gar nicht aus wie ein Professor. Eher wie ein Zehnkämpfer. Für den Rasen und die Aschenbahn schien er nicht einmal zu alt zu sein.

Graham gab Shapley einen Wink. Curt Shapley war gleichzeitig der Küchenchef und Verwalter über alle Nahrungs- und Genussmittel.

„Hol einen Drink für zehn Personen, Curt. Ich glaube, wir haben jetzt alle Durst.“

Shapley steuerte auf die Tür zu. Dort stand noch immer der Kaugummimann. Er grinste und ging nicht einen Schritt zur Seite. Shapley fasste trotzdem nach der Klinke. „Einen Moment, Mister. Ihr Boss hat Durst.“

„Ich bin Benny Morrison“, sagte der andere. „Merken Sie sich den Namen. Einen Mister ohne sonst etwas möchte ich nicht mehr hören.“

Shapley war mit sechsundzwanzig Jahren zu jung, um mit der Einsicht eines Greises zu reagieren. Er stutzte einen Moment und wurde dann eine Handbreit größer.

„Haben Sie nicht gehört, Mister, was Ihr Chef gesagt hat? Wir sollen so tun, als wären Sie nicht hier. Der Ausnahmefall ist Ihre liebliche Versorgung. Ich werde für Sie ein zusätzliches Glas mitbringen. Und damit hört die Freude auf.“

„Bravo!“, schrie Leutnant Melrose aus seinem Sessel. Mit Shapley verstand er sich so ziemlich am besten. Wahrscheinlich, weil sie beide etwa aus einem Jahrgang stammten.

„Ich heiße Morrison!“, sagte der Mann an der Tür. Er sah dabei wütend aus. „Wie heiße ich?“

„Sie heißen Morrison“, nickte Shapley freundlich. „Wenn ich’s nicht vor zwei Sekunden gehört hätte, könnte ich’s nicht glauben. Ich hatte nämlich mal einen Freund, der auch Morrison hieß. Und der war von Kopf bis Fuß sympathisch. Der hatte Lebensart und war ein wirklicher Freund ...“

„Sie!“, fauchte der Kaugummimann. „Nehmen Sie sich in Acht!“

„Er lebt nicht mehr“, sagte Shapley ungerührt. „Dieser Morrison ist tot, Mister. Wollen Sie wissen, wie er umgekommen ist?“

Der Kaugummimann starrte ihn ausdruckslos an.

„Dieser Morrison ist tot, weil ich lebe. Begreifen Sie das? Eigentlich war nämlich ich an der Reihe zu sterben. Auf dem Merkur war das. Nicht mehr ganz in der Zwielichtzone, sondern schon mehr dort, wo es langsam heiß wird. Da hatten wir zwei Expeditionspanzer, und ich war mit meinem an der Reihe. Mir aber war nicht wohl zumute, weil ich feurige Hitze nicht vertragen kann. Ich markierte den kranken Mann und blieb mit meinem Wagen zu Hause. Dafür fuhr Morrison. Und er fuhr in den Tod. Sie sehen also, Mister, dass es auch Morrisons gibt, vor denen man den Hut ziehen muss. Aber es ist immer dasselbe im Leben. Keine Sorte kann man richtig einstufen. Keinen Beruf, kein Volk, keinen Bildungsgrad, keinen Namen. Überall gibt es aufrichtige Männer und Schweinehunde.“

In den Sesseln erwartete man jetzt eine harte Reaktion. Doch Benny Morrison rührte kein Glied und stand da wie die Gemeinde, die sich am Sonntagmorgen die Standpauke von der Kanzel anhört. Sein Blick wirkte verschlagen und zurückhaltend zugleich. Nachdem Shapley das Wort „Schweinehund“ gebraucht hatte, verstrichen ein paar ganz mäuschenstille Sekunden. Dann wurde es Morrison unerträglich, weil alles auf ihn gaffte.

„Was wissen Sie schon von mir, Shapley? Gar nichts wissen Sie! Sie fühlen sich höchstens als ein Mensch, der besser als ein Haufen anderer ist. Sie sind ein kleiner Pharisäer. – Los, kratzen Sie die Kurve und holen Sie Ihren Himbeersaft! Ich werde mitkommen, um die Örtlichkeiten ein wenig zu studieren.“

Shapley ging hinaus, und Morrison folgte ihm wie ein Hinrichtungskommando; so deutlich brachte er seine Pistole zum Vorschein.

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Sie brachten guten Traubensaft und schenkten ein. Rein äußerlich wirkte alles wie eine nette Party. Der erste Schönheitsfehler begann jedoch schon mit den Sitzplätzen. Es waren nur acht vorhanden. Die Zahl der Männer dagegen betrug zehn. Das Problem wurde gelöst, indem Shapley sich auf den Teppich setzte und Morrison an der Tür stehenblieb.

„Ich spiele den Rausschmeißer“, grinste er, indem er seine Pistole ein paarmal um den Zeigefinger trudeln ließ. „Wie Mister Shapley soeben bewies, bin ich sowieso nicht der beste Vertreter meiner Sippe. Lassen Sie sich also nicht stören, meine Herren!“

„Cheers“, sagte Fabio Correia, der selbst den ungemütlichsten Situationen eine heitere Seite abzugewinnen trachtete. „Whisky wäre mir allerdings lieber. Doch heute haben wir Gäste, die den allgemeinen Geschmack bestimmen. Auf gute Zusammenarbeit, Mr. Hunter.“

Der Trinkspruch war so absurd, dass niemand eine Entgegnung darauf wusste. Die Männer griffen also nach den Gläsern und tranken. Dann erhob sich Hunter, als wolle er doch noch eine Rede halten.

„Die Situation mag ungewöhnlich sein, meine Herren. Trotz Allem halte ich es für richtig, dass wir uns gegenseitig bekannt machen. Wir werden unter Umständen lange miteinander auskommen müssen. Das Zeremoniell kann kurz gehalten werden. Sie alle sind uns dem Namen und Beruf nach bekannt. Unser eigenes Team besteht aus vier Mann. Mich selbst kennen Sie. Benny Morrison hat sich selbst vorgestellt, so dass nur noch Webb Dalgety, der schwarze Herr dort drüben, und Woody Clint hier, mit dem struppigen Bart, bleiben. Ich danke Ihnen.“

Hunter setzte sich und nahm noch einen Schluck.

„Ein nettes Himbeersaft-Kränzchen“, ergriff Melrose sofort danach das Wort. „Jetzt sind Sie an der Reihe, Professor! Ich zweifle zwar nicht daran, dass nach Mr. Hunters Worten die Situation ungewöhnlich ist, möchte aber trotzdem wissen, was hier eigentlich gespielt wird. Dr. Addison dürfte mit mir einer Meinung sein.“

Der Arzt nickte eifrig, blieb aber stumm.

Graham erklärte: „Wir wissen nicht viel mehr als Sie. Vor etwa zehn Stunden landete dieses Raumschiff hier. Wir ließen die drei Männer herein und mussten uns sagen lassen, dass sie nun ab sofort das geheime Kommando übernehmen würden. Im Übrigen könne alles recht friedlich vor sich gehen, wenn wir nur einen klaren Kopf behielten. Ich wurde angehalten, Sie vom Jupiter zurückzurufen und von den neusten Ereignissen keinerlei Bericht an die Öffentlichkeit zu geben. Das ist eigentlich alles. Es wäre lediglich noch hinzuzufügen, dass wir zunächst keine andere Wahl hatten, als der Aufforderung unserer Gäste zu folgen, da diese uns sofort entwaffnet haben.“

„Ich verstehe“, nickte Melrose. „Sie hatten die Pistolen selbstverständlich alle in den Schlafkabinen liegen. Wer rechnet auch mit solchen Moritaten in der Jupiter-Region!“

„Eben“, sagte Graham nachdenklich, als wäre er mit sich selbst noch nicht im Reinen darüber, wie es weitergehen solle.

Danach trat wieder eine Pause sein. Eine akustische Pause.

Ansonsten wusste jeder, dass es keine Pause war. Denn das Schweigen war bereits der Zweikampf. Jedes Team hatte seinen Chef. Graham hatte Brief und Siegel dafür, und Gus Hunter hatte die Gewalt auf seiner Seite.

Eigentlich gab es wenig zu bereden. Man musste die sonderbare Situation akzeptieren. Durch eine gescheite Unterhaltung würde nicht viel Neues herauskommen. Denn irgendwo würde das Mitteilungsbedürfnis der Eindringlinge seine Grenze haben.

„Banditen“, hatte Melrose gesagt. Und diese Definition schien zu stimmen. Was aber sollte man mit Banditen besprechen?

Fabio Correia sprach plötzlich davon, dass ihm der Traubensaft nicht schmecke. Er verlangte nach schärferen Sachen. Keiner bekam heraus, wie Hunter auf diese Anregung reagieren würde, denn in diesem Augenblick klingelte es in der Wand.

Das Geräusch hatte eine aufmunternde Wirkung.

Die vier Gäste hielten sofort Waffen schussbereit, weil sie die Anwesenheit eines Mannes befürchteten, den sie noch nicht registriert hatten. Graham beruhigte sie.

„Es ist ein automatisches Zeichen, meine Herren. Im Funkraum liegt eine Nachricht für uns bereit.“

Mit ihm erhob sich auch Hunter.

„Ich werde mitkommen.“

Damit hatte Graham gerechnet. „Meinetwegen können alle mitkommen.“

Hunter dagegen entschied anders.

„Wir zwei werden allein gehen, Professor. Ich gebe eine Flasche Whisky frei. Geteilt durch zehn ist das eine erträgliche Dosis. Kommen Sie!“

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Der Funkraum lag genau über dem Salon. Aus dem Radiograf sah ein Tonstreifen hervor, den Graham sofort wieder abspielte.

Die Nachricht lautete: „Raumpatrouille an alle Außenstationen und privaten Forschungsexpeditionen! Seit dem siebenundzwanzigsten März sind vier Strafgefangene aus dem Zuchthaus Deimos flüchtig. Diesen Männern ist es gelungen, ein am Strafmond angelegtes Raumschiff der Pegasus-Klasse unbemerkt zu besteigen und sich zu entfernen. Voraussichtliche Fluchtrichtung: die äußeren Planeten. In Frage kommen vor allem der Planetoid Ceres und die Jupiter-Region. Genaues Radio-Psychogramm folgt in drei Minuten. Bitte die Empfänger auf Welle sechs-sieben Komma drei Mhz einstellen. Weitere Vermutungen: Es ist wahrscheinlich, dass die Ausbrecher ihren Kurs ändern und im Planetoidenring unterzutauchen suchen. Besondere Aufmerksamkeit ist daher auch auf den Forschungsstationen der Kleinplaneten angeraten. Grobe Angaben zur Person. Gus Hunter, achtunddreißig Jahre alt, einhundert neunundachtzig cm groß, eckiges Gesicht, Adlernase, blondes Haar, blaue Augen – verurteilt zu lebenslänglich Zuchthaus wegen Mordes ... Webster Dalgety, vierunddreißig Jahre alt, einhundert-siebenundsiebzig cm groß, ovales Gesicht, breitschultrig, schwarzer untersetzter Typ, scheinbar negroider Einschlag, welcher täuscht, braune Augen – verurteilt zu lebenslänglich Zuchthaus wegen Mordes ... Benjamin Morrison, dreißig Jahre alt, einhundert-fünfundachtzig cm groß, dunkelblond, gepflegtes Aussehen, trotzdem Schlägertyp, graublaue Augen – verurteilt zu lebenslänglich Zuchthaus wegen Mordes ... Atwood Clint, vierzig Jahre alt, einhundert-zweiundsechzig cm groß, breites Gesicht, spärlicher grauer Haarwuchs, aber bräunlicher Vollbart, ungepflegt, braune stechende Augen – verurteilt zu lebenslänglich Zuchthaus wegen Mordes ... Wer sachdienliche Hinweise auf den Verbleib dieser Männer geben kann, sende sofort ein Radiogramm oder Funkspruch auf der amtlichen Verkehrswelle für Raumnot. Bei Annäherung der Flüchtlinge unbedingt Vorsicht walten lassen. Die vier Männer sind bewaffnet. Das erbeutete Raumschiff mit dem Kennzeichen XXR I ist mit einem Jupiter-Laser-Geschütz und zwei Torpedorohren bestückt. Ausreichende Munition befand sich während des Diebstahls an Bord! – John Carpenter, General der Raumpatrouille. Achtung! Diese Meldung wird wiederholt! – Raumpatrouille an alle Außenstationen und privaten ... “

Die Blicke der beiden Männer kreuzten sich. Keiner versuchte etwas damit auszudrücken. Kein Erstaunen, keine Ironie, kein Erschrecken. Keiner wollte verraten, was er dachte. Und doch wusste es der eine vom anderen. Wenigstens so ziemlich.

Professor Graham ging zwei Schritte weiter, ohne dass Hunter ihn hinderte. Der Empfänger des Radio-Psychomaten aktivierte den Empfang. Aus dem Inneren des Gerätes erklang ein schwaches Summen. Kurz darauf begann ein Lochstreifen zu laufen. Graham nahm das freie Ende und führte es in den Schlüssel ein. Im selben Augenblick erschien das dreidimensionale Bild Gus Hunters auf der Mattscheibe. Es drehte sich wie auf einer Töpferscheibe. Nur langsamer. Der Verbrecher war von vorn, von den Seiten und von hinten zu sehen. Er stand wie am Pranger. Dieses Bild würde man in diesen Stunden zwischen allen von der Menschheit erreichbaren Planeten sehen und dazu die Angaben notieren, die außerdem in dem Psychogramm enthalten waren. Der ganze amtlicherseits festgelegte Charakter der vier Männer wurde vor der Öffentlichkeit ausgebreitet.

Es war eine sehr indiskrete Angelegenheit!

Wieder starrten sich die feindlichen Männer gegenseitig an und hatten Masken statt Gesichtern. Schließlich lachte Graham. Man konnte keinen Sinn dahinter erkennen, und es klang fast charakterlos.

„Komisch! Die Patrouille ist wieder einmal zu spät gekommen, obwohl ihre Meldungen gewöhnlich Lichtgeschwindigkeit haben und damit schneller als das modernste Raumschiff sind.“

„Es gibt eine ausgleichende Gerechtigkeit“, philosophierte Hunter.

Graham lachte noch einmal. Diesmal klang es echter.

„Mörder empfangen ihre Gerechtigkeit vor dem Gericht. Reden Sie also lieber vom Selbsterhaltungstrieb, Hunter. An der Gerechtigkeit gibt es nichts auszugleichen. Sie haben für eine Weile Ihre Haut gerettet. Okay! Wenn die Episode hier eines Tages für Sie aufhört, werden Sie vielleicht noch ein paar Menschen mehr töten. Aber irgendwann hat dieses Scheinparadies für Sie ein Ende.“

„Überlassen Sie es mir, Graham, über unsere gemeinsame Zukunft zu entscheiden. Sie bleiben der Boss – dem Namen nach. In Wirklichkeit regiere ich. Ist das klar?“

„In Wirklichkeit regiert die ausgleichende Gerechtigkeit. Unsere Lebensmittelvorräte reichen noch für ein knappes Jahr. In zehn Monaten werden wir hier von der Gesellschaft abgeholt. Ihr Aufenthalt ist also begrenzt, wie Sie sehen. Wir brauchen nicht einmal auf das Raumschiff meiner Auftraggeber zu warten. Vier Fresser mehr kürzen die Zeit um fast die Hälfte. Oder haben Sie die Absicht, zu rationieren?“

„Im Augenblick habe ich noch gar keine Absicht. Wir werden uns zunächst einmal langsam akklimatisieren. Dann sehen wir weiter. Man kann auch die Rationen für Ihre Leute herabsetzen. Das wird meinen dann ein wenig helfen.“

„Sie können uns auch ganz verhungern lassen. Nur ist dann niemand mehr da, der für Sie glaubwürdige Falschmeldungen durchgibt.“

Jetzt kam Hunters Grinsen wieder durch.

„Lassen Sie Gras über die Sache wachsen, Professorchen! Kurz bevor Sie hier am Hungertod ein gehen, werden wir uns absetzen.“

„Ähnliche Pläne und Absichten traue ich Ihnen ohne Weiteres zu. Nur sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass auf Kallisto kein Gras wächst.“

Hunters Gesicht wurde noch um eine Nuance freundlicher. Es war ganz klar, dass er nichts zu befürchten hatte. Er war der Stärkere und würde es bleiben. Daran gab es keinen Zweifel. Er hatte die Trümpfe in der Hand.

Mit solchen Trümpfen konnte man freundlich sein, und wenn man der eingefleischteste Weltverächter war.

„Eines Tages wird auch auf Kallisto Gras wachsen, Professorchen. Sie sollten zukunftsgläubiger sein, mehr Vertrauen in die Wissenschaft und Technik setzen. Auch in der Zwielichtzone des Merkur wuchs vor fünfzig Jahren noch kein Gras. Heute weiden dort die fettesten Kühe von der Welt. Heute stehen dort die größten Schokoladenfabriken.“

„Wenn Sie wenigstens ein Kuhhirt geworden wären“, sagte Graham dozierend. „Oder ein Schokoladenfabrikant. Aber was Sie jetzt sind, kann Ihnen doch beim besten Willen keinen Spaß machen.“

„Was ich jetzt bin? – Wissen Sie, was ich bin?“

„Ein Mörder, denke ich.“

In Hunters Augen blitzte es einen Moment auf. Sein überlegenes Lächeln hatte für Sekunden keinen Platz mehr in seinem Gesicht. Graham dachte, jetzt explodiert er, jetzt verliert er die Beherrschung.

Und Graham irrte sich.

Hunters Grinsen kam zurück. Der „Mörder“ glitt an ihm ab wie Wasser an der Ölhaut. Und aus dem Grinsen wurde Verachtung.

„Sie haben das halbe Psychogramm verpasst, Professorchen. Übrigens ist das eine falsche Bezeichnung für Ihr Gerät. Das Psychogramm ist auch gleichzeitig ein Physiogramm.“

„Wir wissen es, Mr. Hunter. Im Hausgebrauch verlieren die Begriffe oft ihren Sinn. Der nachlässige Alltag nimmt es nicht so genau.“

„Wem sagen Sie das? Definitionen sind Glücksache. Jeder, durch dessen Hand ein Mensch umkam, ist heute ein Mörder. Finden Sie das richtig?“

„Keineswegs. Solange man von der Gerechtigkeit spricht, gibt es auch den Justizirrtum. Wollten Sie mir jetzt versichern, dass Sie unschuldig sind?“

Der Hieb sollte sitzen. Er saß nicht.

„Meine Person steht hier nicht zur Debatte, Professor. Ich brauche nicht Ihr Mitleid, sondern Ihren Gehorsam. Ich sagte, Sie haben das halbe Psychogramm verpasst, und das interessiert Sie doch.“

„Ich werde es mir wiederholen lassen, falls Sie nichts dagegen haben.“

„Durchaus nicht. Ich bin nicht weniger abgelenkt worden als Sie. Und es interessiert mich tatsächlich, wie ich und meine Leute bei den Juristen zu Buche stehen. Soweit ich sehe, haben Sie hier eine nahezu vollendete Automatik. Gibt es eine Möglichkeit, den Betrieb hier auf den Aufenthaltsraum zu übertragen?“

„Die gibt es“, versicherte Graham und nahm ein paar Schaltungen vor, die sein drohender Gast nicht begriff. „Kommen Sie! Wir können es unten bequemer haben!“

Sie begaben sich in den Gemeinschaftsraum. Die Männer hockten da wie Marionetten. Die Tatsache, dass sich an dem Inventar nichts verändert hatte, gab Graham die Gewissheit, dass inzwischen nichts Entscheidendes geschehen war. Umso mehr mussten ihre Gehirnwindungen beansprucht worden sein, denn Gangster in einer so ruhigen Gegend wie der Jupiter-Region, mussten einfach den Alltag durcheinander bringen.

Professor Graham hatte sich inzwischen entschlossen, reinen Tisch zu machen. Seine Schritte polterten lauter als jemals zuvor. Die Fremden kannten seine Gewohnheiten nicht so genau. Aber die eigenen Leute spürten sofort, dass er sich selbst Mut machen wollte.

Er stellte sich mitten ins Zimmer.

„Oben sind ein paar Nachrichten eingegangen, die jeder von uns hören sollte. Auch unsere Gäste werden sich dafür interessieren ...“

„Schießen Sie schon los!“, schrie der kleine Woody Clint mit dem Vollbart. „Wenn Sie unseren Steckbrief haben, dann lassen Sie ihn sehen! Fotos schmeicheln ja meistens. Aber wenn’s um sogenannte Verbrecher geht, dann wird immer ein bisschen ins Negative retuschiert. Film ab, Professor! Wir können das verlangen! Wir sitzen am Steuer, so lange es gut geht.“

Ein klatschendes Geräusch ließ alle aufmerken.

Auf dem Tisch standen drei Whiskyflaschen. Und jede war bis auf den Boden voll Luft. Es gab keinen Zweifel daran, dass man allgemein gebechert hatte.

Das Klatschen war Hunters Hand auf Clints Gesicht gewesen.

„Wenn ihr Gauner noch einen Schluck mehr trinkt, als ich erlaube, dann jage ich euch mit dieser ganzen Station in die Luft! Was hast du mir geschworen, Woody, als wir getürmt sind?“ Hunter hielt Clints Hemd in der Hand und drehte die Knopfleiste zu einem Strick. „Rede, mein Guter! Rede die reine Wahrheit. Alle dürfen es hören.“

„Ich habe Gehorsam geschworen“, versicherte der Vollbärtige wimmernd. „Ich habe geschworen, nicht eher zu ruhen, als bis uns Gerechtigkeit widerfahren ist.“

Hunter ließ ihn los.

„Okay! Richte dich danach. Darf ich jetzt bitten, Professor?“

Graham spielte die Meldung ab und brachte anschließend das gesamte Psychogramm. Als alle vier Steckbriefe durchgelaufen waren, schienen beide Parteien bedrückt zu sein. Die einen von den reellen Tatsachen, die anderen von der abscheulichen Verstellung der Tatsachen.

Noch während Clints Angaben zur Person liefen, sprang Webb Dalgety aus seinem Sessel auf.

„Das ist eine Lüge!“, schrie er. „Immer wieder die alte Leier vom Staatsanwalt. Ich hätte meinen Bruder ermordet! – Ich werde euch erzählen, wie es gewesen ist ... “

Aber niemand interessierte sich dafür, wie es gewesen war. Gegen die Anschuldigungen, die der Steckbrief enthielt, wirkte keine noch so intensive Unschuldsbeteuerung glaubwürdig. Und auch Gus Hunter schien nicht daran interessiert zu sein, stichhaltige Beweise für Dalgetys Ehrenhaftigkeit zu liefern.

„Werde jetzt bitte nicht sentimental“, maßregelte er ihn. „Es ist durchaus nicht unsere Aufgabe, diese Männer hier über unseren guten Charakter aufzuklären. Für dich kommt es einzig und allein darauf an, achtzugeben, dass sie keine Dummheiten machen. Ab sofort gilt folgende grundsätzliche Anordnung. Keiner von Grahams Männern darf unbeobachtet bleiben. Das hat zur Folge, Professor, dass Ihre Leute stets zu zweit oder zu mehreren zusammen sein müssen, damit die Kontrolle durch uns gewährleistet ist. Ferner wird der Funkraum geschlossen. Den Schlüssel habe ich in Verwahrung. Bei jeder Sendung und bei jedem Empfang wird einer von uns anwesend sein und Ihre Worte kontrollieren. Ich wünsche, dass Sie jetzt sofort eine Empfangsbestätigung der letzten Polizeimeldung durchgeben und General Carpenter versprechen, sich in die Jagd nach den Verbrechern einzuschalten, sobald diese hier auftauchen. Alsdann werden Sie nur noch Fehlanzeigen bekanntgeben.“

„Ihr Rezept ist praktisch und einfach“, versicherte Professor Graham. „Da es jedoch verdächtig wäre, den Bildsender auszuschalten, rate ich Ihnen, sich nicht zu sehr in meiner Nähe aufzuhalten, wenn ich einen Spruch absetze. Sie werden sich also trotz allem ein wenig vorsehen müssen.“

„Das lassen Sie nur meine Sorge sein“, erklärte Hunter trocken. „Nachdem nun alle ihre Milch getrunken haben, möchte ich die neue Quartiereinteilung vornehmen. Zeigen Sie uns bitte die ganze Station! – Webb und Benny, ihr geht am Schluss und übt euch schon etwas als Aufseher. Clint und ich bleiben vorn. Vorwärts, meine Herren!“

„Moment, Hunter!“, reklamierte Leutnant Melrose. „Was verstehe ich unter Quartiereinteilung? Jeder von uns hat sein Bett hier. Ich zum Beispiel habe mich so sehr daran gewöhnt, dass ich es auf keinen Fall mit irgend jemand tauschen werde.“

„Wir werden sehen ...“

„Wir werden nicht sehen, Sir! Nachdem Sie festgestellt haben, wie tolerant man bei uns selbst Mördern begegnet, machen Sie sich offenbar ein schiefes Bild von Ihrer Lage. Es sieht ganz danach aus, dass unser verehrter Professor sich auf eine gewisse Koexistenz einlassen will. Das machen wir bis zu einem gewissen Grade mit. Irgendwo aber hat auch unsere Geduld ein Ende. Ich schlage zur Vermeidung von Irrtümern vor, dass das rechtmäßige Besatzungsteam dieser Station bestimmte Grundrechte geltend macht, die es keinesfalls antasten lassen wird.“

„Bravo!“, rief ein Mann aus der hinteren Reihe. Es war der kleine und unscheinbare Dr. Baily, der sich offenbar an dem Mut des Leutnants ein wenig aufrichten wollte. Aber auch Correia und Addison ließen ihre Zustimmung laut werden. Melrose und Graham freuten sich über soviel Lebensmut und strahlten. Hunters Gesicht dagegen blieb eine Maske.

„Ich erinnere daran, meine Herren, dass wir diesen Punkt bereits erledigt hatten. Das Kommando auf Kallisto führe ich. Wenn über irgendwelche Fragen diskutiert werden kann, bestimme ich das. Ich wünsche, dass Sie Ihre wissenschaftliche Arbeit so ungestört wie möglich fortsetzen. Das ist mein einziges Zugeständnis. Einzelheiten werden sich später ergeben.“

„Aber nur nach Ihrem Rezept, nicht wahr?“, fragte Melrose hartnäckig.

„Allerdings.“

„Und was machen Sie, wenn ...“

Graham legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Stopp, Leutnant! Ich erwarte noch Addisons Expeditionsbericht. Wir sind auf Grund der Umstände bisher nicht dazu gekommen. Aber wenn Sie noch lange reden, wird der Tag darüber vergehen. Wir sind zu Konzessionen bereit. Warten wir also lieber erst einmal ab, was Mr. Hunter uns zuzumuten hat. Ich bin ganz Ihrer Meinung, dass unserer Toleranz irgendwo Grenzen gesetzt sind.“

Grahams Worte wirkten. Sie wirkten vor Allem deshalb, weil Hunter unmittelbar nichts darauf erwiderte. Der drängte vielmehr zum Aufbruch und zog Clint und den Professor am Ärmel.

„Kommen Sie jetzt, Gentlemen! Ich will endlich Ihre Station sehen. Vom Keller bis zum Dachboden.“

Die Karawane setzte sich in Bewegung. Das vierstöckige, turmartige Gebäude lag mit der unteren Sohle im Erdboden. Dort befand sich der Reaktor, der das ganze Haus mit Energie versorgte. Mit jeder Art von Energie, die man gerade brauchte. Mit der richtigen Temperatur, mit Strom für den Sender, mit Hitze zum Kochen der Konserven, mit Licht, mit künstlicher Schwerkraft, mit imitierter Sonnenstrahlung für die hydroponische Anlage, in der aus Licht, Wasser und Chlorella-Algen der Sauerstoff zum Atmen entstand.

Im Parterre lagen die Kombüsen, der Gemeinschaftsraum und Vorratsschuppen. Im ersten Stockwerk folgte die Funkanlage mit zwei Wohnkabinen, im Oberstock lagen weitere Wohnräume, ein Labor, der hydroponische Garten und die Sternwarte. Auf dem Dach schließlich gab es noch eine Radarantenne und ein paar Sendemasten.

Das alles interessierte die Verbrecher nur am Rande.

Scheinbar nahmen sie Notiz von jeder Nebensächlichkeit, was ihre Argusaugen jedoch in erster Linie suchten, war alles das, was ihnen gefährlich werden konnte.

Der Rundgang glich daher weniger einer Führung als einer Haussuchung. Hunters Männer brachten dabei noch zwölf Schusswaffen und sechs Kleinfunkgeräte zum Vorschein, die sofort beschlagnahmt wurden.

Zwischen den Algenkästen angekommen, wandte Hunter sich an alle.

„Die Station ist – wie ich sehe – groß genug für eine Besatzung von zehn Mann. Ich hoffe, wir werden uns vertragen. Zunächst noch eine Frage an Ihre Männer, Professor. Falls noch jemand von ihnen verborgene Waffen und Radiosender besitzt, hat er jetzt die Gelegenheit, diese abzugeben. Sobald wir diesen Raum verlassen haben, kommt Ihre Meldung zu spät.“

„Ein Sprichwort sagt, dass es nie zu spät ist“, warf Melrose ein.

„Hier gelten keine Sprichwörter, sondern meine Anweisungen, Leutnant. Ich sehe schon, Ihnen fällt es besonders schwer, sich an die neue Ordnung zu gewöhnen. Um so mehr rate ich Ihnen, sich Mühe zu geben. Es könnte Ihr Leben davon abhängen.“

„Okay! Das ist eine deutliche Sprache. Sie wollen hier Ihren Beruf weiter ausüben. Oder waren Sie als Mörder nur Amateur?“

Nach dieser Frage ließ Melrose ein kurzes Stöhnen hören. Er sackte in sich zusammen – bis auf die Knie. Dort fing er sich wieder.

Morrison hatte ihm einen kurz angesetzten Tiefschlag verpasst.

„Das war eines unserer humansten Mittel“, belehrte ihn Hunter. „Im äußersten Fall werden wir Sie töten. Ich brauche Sie wohl kaum noch darauf hinzuweisen, dass solche Zusagen bei uns keine leeren Drohungen sind.“

„Also, wer von euch hat noch Waffen im Besitz“, fragte Graham. „Ich möchte, dass Hunters Forderung erfüllt wird.“

Melrose, Correia und Shapley meldeten sich nun mürrisch. Morrison und Clint gingen mit ihnen, um die Dinger in Empfang zu nehmen. Correia legte auch noch ein Funkgerät dazu.

„Das ist nun beim besten Willen alles, was ich habe. Lasst mir jetzt wenigstens noch mein Hemd.“

Gus Hunter ging jetzt zum nächsten Punkt über.

„Die Quartiere!“

Er warf alles um. Bis auf Graham und Addison mussten alle umziehen. Aus den Zwei-Mann-Kojen wurden Unterkünfte für drei. Zu Addison und Baily zog Woody Clint, zu Shapley und Correia zog Benny Morrison, Melrose und Graham wohnten mit Dalgety zusammen, und lediglich Gus Hunter wählte sich ein Einzelzimmer aus.

Es gab wieder eine Menge Reklamationen dabei. Besonders von Melrose und Correia. Doch Graham bog auch diese Diskussionen ab. Schließlich wurde er von der neuen Regelung am empfindlichsten getroffen, indem er nämlich sein Einzelzimmer an den Gangsterboss abgeben musste.

Nachdem der Umzug erledigt war, meldeten die Banditen Ansprüche aufs Essen an. Shapley durfte unter Bewachung Clints ein Menü zusammenstellen und und servieren. Bei dieser Gelegenheit gaben Addison und Melrose ihren Expeditionsbericht. Sie versuchten ihn so undramatisch wie möglich zu servieren, weil sie nicht wollten, dass die Gangster auch an diesen Problemen ein Interesse entwickelten. Sie waren Laien. Und wer weiß, auf was für verrückte Gedanken sie noch kommen würden.

Graham dagegen schien keine Scheu zu haben, offen darüber zu sprechen. Er vergaß die Anwesenheit der Fremden völlig, als er die mysteriösen Andeutungen über das vermutliche Pseudoleben hörte.

Details

Seiten
180
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917574
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v413459
Schlagworte
gefangen callisto

Autor

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Titel: Gefangen auf Kallisto