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Tödliches Spiel um 75000 Dollar

2018 120 Seiten

Leseprobe

Tödliches Spiel um 75000 Dollar

W. W. Shols

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Tödliches Spiel um 75.000 Dollar

Ein Western von W.W. Shols

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2018

Früherer Originatitel: Späte Sühne

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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DIE POSSE IST UNTERWEGS, und sie ist Hank O´Leary verdammt hart auf den Fersen. Wenn es Jim O´Leary nicht gelingt, seinen Zwillingsbruder vorher noch einiges zu fragen, dann können 75 000 Dollar aus dem Raubüberfall auf die South Pacific Railways in den Wind geschrieben werden. Hank, der ewige Taugenichts, steckt mit beiden Stiefeln im Verdruss. Trotzdem muss er sterben. Aber zuvor verrät er seinem Bruder Jim noch den Aufenthaltsort der Slater-Bande, die das Geld geraubt hat. Ein tödliches Spiel beginnt, als Jim zu den Halunken stößt und sich für Hank ausgibt. Und der Weg zum Versteck der Beute ist voller Gefahren ...

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O’LEARY HÄMMERT GEGEN die Tür wie ein Grisly und rüttelt an der Klinke.

„Aufmachen!“, schreit er zum dritten mal. Bis jetzt hat die Frau geschwiegen. Beim dritten mal verkündet sie laut und spitz, dass sie ein Gewehr in der Hand hat.

„Das Gewehr breche ich genauso durch wie Sie, M’amI“

O’Leary hämmert wieder, und es ist still danach. Dann jagt er zwei Kugeln über sich in den überstehenden Dachfirst. Es gibt ein merkwürdiges Geräusch.

„Machen Sie auf, Madam, oder es passiert ein Unglück! Ich hab ’ne Kanone dabei, wie Sie wohl gehört haben.“

„Er ist nicht hier, ich schwöre es Ihnen! Ich weiß, wen Sie suchen ... Aber er ist nicht hier. Er ist weggegangen. Vor einer halben Stunde. Er ist...“

O'Leary’s dritte Kugel jagt dicht neben dem Schloss ins Türholz.

„Erlauben Sie, dass ich mich davon überzeuge, Madam?"

Mrs. Horten dreht den Schlüssel. O’Leary schiebt den Stiefel zwischen Pfosten und Tür. Beim nächsten Schritt ist er drin.

„Sie...?"

Mrs. Horten weiß nicht mehr weiter. Sie sieht ihn an wie ein Gespenst. O’Leary grinst.

„Kleine Überraschung, wie?“

Er sagt es so dahin, weil er seine verblüffende Ähnlichkeit mit seinem Zwillingsbruder gut genug kennt. Aber er ahnt nicht, was im Kopf dieser Frau vor sich geht. Er kriegt es vielleicht heraus, wenn er genau aufpasst.

Sie hat kein Gewehr in der Hand. Sie steht am Tisch, an der hinteren Ecke zum Kamin.

Sie sieht ihn an wie etwas, das sie nicht fassen kann.

„Mr. O’Leary!“

„Okay, der bin ich! Was dagegen?“

„Ich denke. Sie sind ...?"

„’ne kleine Maskerade, Madam." Jetzt hat er geschaltet. „Sie sehen, man muss nicht gleich sein ganzes Haus in die Luft jagen, bevor man einen Freund herein lässt. Jetzt sagen Sie mir, was ich falsch gemacht habe! Was trinkt ein Mann wie ich in diesem Augenblick?"

„Eine Tasse Tee, Hank."

Jim wird es fast schwarz vor Augen, als sie ihn mit Hank anredet. Aber seine Chance wittert er sofort. Er sieht für eine Sekunde zu der Frau hinüber, die zum Steinofen geht.

„Ja", sagt er, „’ne heiße Tasse Tee. Sie haben ein gutes Gedächtnis, Mrs. Horten. Sie denken so klar, wie sich das ein Mann nur wünschen kann."

„Warum sind Sie zurückgekommen, Hank?“

„Ich habe Ihnen einen derben Schrecken eingejagt, wie?"

„Sie müssen verschwinden, Hank! Machen Sie keine Witze!"

„Witze?"

Sie macht alles, um einen Tee fertigzukriegen. Jims Denkmaschine arbeitet auf Hochtouren. Natürlich! Seine Kleidung stimmt nicht überein mit den Sachen, die Hank getragen hat. Vielleicht nicht einmal sein Bart. Aber Mrs. Horten ist verwirrt.

Sie stellt ihm einen heißen Tee auf den Tisch und lächelt. Es ist ein schiefes Lächeln, und er weiß nicht, wie weit das Lächeln intim sein muss. Er grinst zurück. Irgendwie wird es bei der Frau ankommen, denkt er.

„Wie sehen Sie aus?", fragt sie.

„Sollte ich wohl anders aussehen?", fragt er lauernd zurück.

„Natürlich nicht. So kommen Sie überall durch. Aber warum kommen Sie noch einmal zurück und erschrecken mich?"

„Well, ich habe Sie erschreckt. Wird Sie auch der nächste erschrecken?“

„Reden Sie nicht durcheinander, Hank. Sie sind zurückgekommen, um mir zu zeigen, dass Sie auch andere Kleidung tragen können. Ich falle auf Ihren Bluff nicht herein."

„Wer redet von Bluff, Madam?"

„Hank", sagt sie unsicher.

Jim O'Leary dreht einmal den Kopf herum und mustert alle Einzelheiten in dem ausgeräucherten Raum. Er geht auf sie zu.

„Sie wissen doch, dass es hier um Leben und Tod geht, Madam. Halten Sie Ihren Kopf hier heraus. Was werden Sie sagen, wenn jetzt einer kommt und Sie nach Hank Slater fragt?“

Auf dem Tisch steht ein Emaillebecher mit heißem Tee. Jim hat gesehen, wie Mrs. Horten Zucker hineingetan und umgerührt hat. Das ist wohl Hanks Geschmack, Tee mit Zucker. Jim zieht den Becher heran und trinkt.

„Ich frage erst gar nicht, Hank, woher Sie die Sachen haben. Das würde alles zu lange dauern“, murmelt die Frau.

„Es ist auch besser, Sie wissen’s nicht", erwidert Jim und grinst. „Was man nicht weiß, kann man nicht verraten, und wenn der Sheriff mit glühenden Eisen käme.“

„Er wird sehr bald kommen, Hank. Das wissen Sie besser als ich.“

„War die Posse schon hier?", fragt Jim.

„Natürlich nicht, und wenn sie kommt, werde ich ihnen sagen, was wir verabredet haben", entgegnet Mrs. Horten.

„Dann kann ja nichts schief gehen.“

Jim O’Leary nimmt den Tee nur schluckweise. Wie einer, der viel Zeit hat und gar nicht neugierig ist.

„Es geht schief, wenn Sie weiter so den Helden spielen, Hank", beschwört ihn Mrs. Horten. „Kein vernünftiger Mensch geht so leichtsinnig mit seinem Leben um."

„Es geht schief, wenn Sie sich verplappern, Madam! Sie brauchen nur die Richtung zu verwechseln."

Sie hat hinten am Kamin gestanden. Jetzt kommt sie bis an den Tisch vor. Ihr graues Gesicht beginnt unter der Petroleumlampe plötzlich zu glühen.

„Ich werde nichts verwechseln, Hank. Ich bin kein dummes Girl von der Sorte, wie ihr sie im Saloon aufgabelt und wohl auch lieber habt als ’ne alte Frau wie mich. Ich schicke sie nach Westen weiter, in die Berge. Sie sollen den Creek hochreiten, möglichst bis Centennial hinauf.“

Jim O’Leary steht auf und rückt seinen Revolvergurt zurecht.

„Well, und wohin reite ich?", fragt er.

„Nach Tillerson natürlich. Wenn sie dennoch Ihre Fährte finden, sollen sie denken. Sie setzten sich nach Cheyenne ab. Aber Sie gehen über den Evans Pass und lassen sich hier mindestens ein Jahr nicht mehr blicken.“

„Ich weiß, Madam. Sie können es nicht mit ansehen, wenn ein Unschuldiger für eine Tat gehenkt wird, die auf ein ganz anderes Konto geht. So long, Mrs. Horten! Ich werde schon auf mich aufpassen."

Dann geht er hinaus.

„Das gebe Gott!", haucht sie. Hinter der Gardine sieht sie ihm nach. Er verschwindet hinter dem Stall. Nach einer Weile hört sie Hufschlag. Merkwürdig, dass er sein Pferd so weit weggestellt hat, dass man es gar nicht sieht.

Hank O’Leary hat das sonst nie getan.

*

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DER ZWILLINGSBRUDER erreicht die Straße zwischen Laramie und Tillerson und macht sein Pferd schneller. Er hat ein paar Meilen gutzumachen, und in zwei Stunden wird es dunkel sein.

Hinter Sheeps Corner macht die Poststraße einen weiten Bogen um den Felsen herum. Dahinter muss die Station am Berghang liegen.

Jim O’Leary weiß, dass es vielleicht nicht gut ist, hier in der Gegend sein ehrliches Gesicht zu zeigen. Hank hat in diesem County ein paar Sachen angestellt, deshalb mögen ihn die Leute nicht sonderlich. Und Jim ist nun mal sein Zwillingsbruder. Mrs. Horten wäre nicht die erste gewesen, die sie beide schon verwechselt hat.

Die Postkutsche ist vor sieben Stunden durchgekommen. Heute kommt keine mehr an. In der Station wird sich demnach kaum jemand aufhalten, und der alte Dienstmann kann keinem Kerl wie Jim O’Leary gefährlich werden. No, das kann er nicht. Jim lässt seinen Braunen die Straße heruntertraben.

Das Adobeziegelhaus steht einsam da wie ein Kaktus in Arizona. Kein Pferd an der Haltestange, nur aus dem Kamin quillt blasser Rauch.

Der Alte wird zu Hause sein.

Jim gleitet aus dem Sattel und schlingt die Leine um den Hitchrail. Das Haus hat eine feste Tür mit Schloss und Klinke. Jim drückt sie auf.

Die schmutzigen Fenster lassen so wenig Licht herein, dass es hier drinnen schon Nacht zu sein scheint.

Die beiden Menschen sind nicht wirklicher als zwei Schatten. Jims Augen wollen sich am die plötzliche Dunkelheit erst gewöhnen, aber die Bewegung des einen Kerls ist so eindeutig, dass Jim keine Sekunde zögert.

Während die Schusshand auf den Colt herabstößt, knickt Jim auf dem rechten Bein ein und lässt den Körper in die Dunkelheit fallen.

Die Kugel jagt an seinem linken Ohr vorbei und bohrt sich in das weiche Holz. Jims Ellbogen kracht auf eine Bank. Er wirft sich hinter den Tisch und stößt ihn um.

Die Tischplatte liegt wie ein Schild vor ihm. Der andere knallt drauflos wie auf eine Zielscheibe. Drei Kugeln bleiben in der Platte hängen. Dann fliegt der ganze Tisch in Richtung auf den Schützen.

Die vielen Geräusche lassen sich plötzlich nicht mehr genau unterscheiden. Es kracht und poltert, schnarrt und stöhnt.

Jims Augen haben sich inzwischen an das Dämmerlicht gewöhnt. Er kann jetzt jede Bewegung erkennen, als ob der Stationer zehn Kerosinlampen auf einmal angesteckt hätte.

Der Alte steht hinter seinem Ladentisch wie ein steinernes Denkmal. Der mischt sich bestimmt nicht ein.

Der Schütze liegt am Boden, fletscht die Zähne und ist gefährlich wie ein angeschossenes Raubtier.

Als er nach dem Revolver greifen will, der beim Sturz ein Stück außer Reichweite geraten ist, ist Jims Stiefel da. Das Ding fliegt jetzt noch dreimal so weit und knallt gegen die Fußbodenleiste.

„Steh auf, alter Buschklepper!"

Der Fremde hält mit der einen Hand die andere und kommt auf einem langen Umweg auf die Beine. Zehn Fuß entfernt schiebt er sich an den langen Tisch heran und hockt sich auf einen Stuhl.

Der Tresen in der Poststation ist lang, breit und niedrig. Nicht wie in einem Saloon. Er ist zum Ausschenken von Brandy genauso geeignet wie zum Abstellen von Reisegepäck. Es gibt auch keine Barhocker, sondern nur ganz normale Stühle. Und eine Reihe von Tischen.

Wenn hier ein Rindertrieb hält, gibt es bestimmt ’ne Menge Stimmung, denkt Jim O’Leary. Er sieht, wie der Fremde ihn anschielt und taxiert.

„Habt ihr Whisky da, Alter?"

Der Stationer greift nach einer Flasche unter dem Tresen und stellt sie hin.

„Glaubt ihr, ich will mich betrinken?“, schnauft Jim. „Ein Glas voll, und ganz gesittet, old boy. Willst mich doch wohl nicht reinlegen zusammen mit diesem Gent, hm? Oder hat er dir ’ne Stange Dollar versprochen?"

Die Augen des Stationers flackern. Der denkt nicht an Dollars. Der hat die nackte Angst im Gesicht - und noch woanders. Der denkt nur an sein Leben. Jim weiß, dass er ihn für den gefährlichsten Desperado in Wyoming und Colorado hält.

Und bestimmt ist nur sein Gesicht schuld daran.

Dieses verdammte Gesicht, das sich sonst überall sehen lassen kann! Auf das die Mädchen fliegen wie die Bienen auf den Honig.

Nur hier bei Laramie scheint es den Leuten nicht zu gefallen.

Jim kippt einen Schluck weg und stellt das Glas so weit zurück, dass er es in der nächsten halben Stunde nicht mehr zu brauchen scheint.

„Sie sind mir ’ne Erklärung schuldig, Fremder."

Der andere weiß genau, wer damit gemeint ist. Jim schätzt ihn auf dreißig und hält ihn für einen guten Schützen. Der Mann ist in den besten Jahren, by Goshl Und er hat drauflos geknallt wie eine ganze Schwadron Dragoner. Der fackelt nicht lange.

„Ich war nicht sicher, ob Sie mir zuhören würden", meint der Mann misstrauisch.

„Das wissen Sie ja jetzt. Also los!"

„Yeah, O’ Leary, Sie sollten Ihr Schießeisen jetzt freiwillig auf den Tisch legen und sich von mir abführen lassen."

„Sind Sie Sheriff? Wo ist Ihr Stern?“

„Ich bin kein Sheriff. Aber jeder anständige Mann in diesem County hat das Recht und die Pflicht, Leute wie Sie vors Gericht zu bringen."

„Well, und Sie glauben, ich kenne keinen sehnlicheren Wunsch, als von Ihnen gerecht behandelt zu werden, hm?", fragt Jim bissig.

„Sie wollen die Freiheit wie jedes Tier, natürlich. Aber Sie können klarer denken als ein Tier. Sie haben keine Chance mehr, O’Leary. Sie kommen hier nicht mehr heraus. Hier wimmelt es von Leuten, die Ihnen an den Kragen wollen. Sie landen irgendwo bei der Lynchjustiz, Mann."

„Die andere Möglichkeit: Ich komme freiwillig mit Ihnen, und Sie besorgen mir einen zivilisierten Richter."

„Genau das meine ich!"

„Vorschlag abgelehnt! Ich weiß was besseres für mich“, erwidert Jim kaltblütig.

„Sie kommen hier nicht heraus, O’Leary."

„Wollen Sie mich daran hindern?"

Der Mann zeigt ihm die Mündung eines sechspfündigen Remington.

„By Gosh“, sagt Jim O’Leary trocken. „Ein richtiger Gunner! Mit einem Schießeisen kommt er schon nicht mehr aus."

„Das ist die dritte Möglichkeit, O’Leary. Der alte Hawkins passt auf, dass es mit rechten Dingen zugeht. Wenn Sie mich schaffen, haben Sie freien Abzug."

„Sie wollen sich mit mir schießen?“

„Das ist keine Chance, O’Leary. Ich werde Sie töten. Und Sie wissen genau wofür."

Jim versucht erst gar nicht, ihm klarzumachen, dass er es gar nicht wissen kann. Jetzt die Story von dem Zwillingsbruder zu erzählen, das ist so abwegig wie nur irgend etwas. Aber dieser Bursche mit den wilden Händen ist zu schade, dass man ihn in sein Unglück rennen lässt. Der steht genau auf der richtigen Seite. Auf der Seite, wo Jim seinen Bruder Hank ein Leben lang gern gesehen hätte.

Jim überlegt zu lange. Der andere hält das Schweigen nicht aus. Jim sieht von der Seite, wie dessen Hand nach oben zuckt.

Trotzdem - die Wahrheit zu sagen, das würde jetzt vielleicht doch helfen. Man braucht sie ihm nicht zu glauben. Nur einfach die Wahrheit sagen um der Wahrheit willen.

Und um Zeit zu gewinnen!

Jim zieht das Glas heran, das er so weit weggeschoben hat.

„Sie trinken jetzt nicht, O’Leary!", befiehlt der Fremde. „Sie schießen sich mit mir! Sie trinken erst an meiner Leiche - oder überhaupt nicht mehr!"

Jim denkt, das kann nicht gut gehen. Er hat die Hand am Drücker, und das hole ich nie ein. Aber diese ehrlichen Augen, die der Junge hat, der wird mich nicht gleich in die ewigen Jagdgründe schicken.

Jim nimmt das Glas und hebt es hoch.

Die Wahrheit zu sagen, das ist eigentlich nicht sein Plan gewesen. Aber vielleicht klingt die Wahrheit ja auch so lächerlich, dass sie niemand glaubt.

„Wie heißen Sie?“, fragt Jim. Das Glas schwebt über dem Tisch. Er bringt es nicht an die Lippen, und er stellt es auch nicht zurück.

„Ich bin Jo Terrel", sagt der andere bereitwillig. „Das ist aber die letzte Auskunft, die Sie vor Ihrem Tod erhalten, O’Leary."

„Warum wollen Sie mich tot abliefern? Macht das einen guten Eindruck? Ich denke, der Sheriff will mich lebend?", entgegnet Jim gelassen.

„Sie quatschen zuviel, O’LearyI Das Glas weg und hoch vom Stuhl! Das ist mein letztes Wort!", faucht Terrel.

Weil Jim in den Augen lesen kann, weiß er, dass das keine leere Drohung ist. Die Posse ist schon eine ganze Weile unterwegs nach ihm - oder besser nach Hank. Irgendwie muss Jo Terrel hier hängengeblieben sein.

Und jetzt wittert der Junge mit den ehrlichen Augen seine Chance und spielt verrückt.

„Wir werden uns schlagen, Jo“, sagt Jim gefährlich leise und fixiert dabei Terrels Augen. Von dort wird das Signal kommen, falls er vorzeitig losdrückt. „Leg dein Eisen weg, Jo! Wenn du mich schaffst, hast du mich lebendig. Mehr Entgegenkommen kannst du von mir nicht...“

Jim bringt den Satz nicht zu Ende, weil er das Signal gesehen hat. Und Jo hat übersehen, dass Jim das Glas links hält. Die Rechte ist schon halb an der Hüfte, und das letzte Stück schafft sie mit der Geschwindigkeit, wie die neumodischen Telegrafen die Morsezeichen durchs County jagen.

Der Alte hinter seinem Tresen hört endlich den Schuss, auf den er schon so lange wartet. Aber der Schrei kommt aus der falschen Ecke.

Jo Terrel ist wie ein Heupferd aufgesprungen. Sein Remington liegt am Boden, seine Hand blutet. Jim O’Leary bringt das Glas hoch und kippt den Whisky.

„Wenn du noch ’ne dritte Kanone hast, musst du es sagen. Ich hatte dir gleich die Fäuste angeboten“, erklärt er grimmig.

Terrel hat die Augenbrauen heruntergezogen. Der ist genau in der Stimmung, in der man am liebsten alles oder gar nichts sagen möchte. Und er überlegt es sich lange.

Jim schiebt inzwischen das Glas zurück und winkt ab, als der Stationer neu einschenken will. Dann kriegt Terrel endlich die Zähne auseinander.

„Im Augenblick hast du gewonnen, O’Leary. Du kannst mich jetzt aus den Stiefeln holen."

„Dann hätte ich ja für immer gewonnen."

„Die Posse wird dich kriegen, und wenn du noch ein Dutzend von uns umlegst. Aber ein Dutzend wird es nicht", stößt Jo wütend hervor.

„So viel hatte ich mir auch nicht ausgerechnet, Jo Terrel. Nur Irre schießen wild drauflos. Mit euch macht mir das keinen Spaß.“

„By Gosh!", stöhnt der Stationer. „Spaß soll es Ihnen auch noch machen?"

Jim hört gar nicht hin.

„Schmeiß deinen Patronengurt her, Jo!", kommandiert er, „und dreh alle Taschen nach außen! Alter, Sie sammeln die Schießeisen auf und fassen sie nur am Lauf an! Und dann alles hier auf den Tisch!"

Die Sache rollt ab wie ein Schattenspiel. Jim leert die Trommeln und die Läufe und gibt Terrel die beiden Revolver zurück.

„Jetzt kannst du reiten. Jo. Und zwar ununterbrochen zehn Minuten geradeaus nach Süden! Wenn du Ärger machst, wird es allein dein Pech sein. Also, los!"

Jo Terrel gehorcht. An der Tür bleibt er noch einmal stehen.

„Zehn Minuten?", fragt er lauernd.

„Ich denke, das reicht", erwidert Jim lächelnd.

Terrel verzieht kein Gesicht.

„Für mich bestimmt, O’Leary. Und wenn du mich zehn Jahre wegschickst, ich finde dich immer wieder.“

*

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DER STATIONER STEHT da wie ein Toter am Marterpfahl.

„Entschuldigen Sie!“, sagt Jim.

Die Höflichkeit bringt den Alten ganz aus der Fassung. Seine Augen rollen ungläubig im Kreis.

„Sagten Sie etwas, Mister?", fragt er verstört.

„Soll ich’s wiederholen? Entschuldigen Sie, dass ich Sie so erschreckt habe! Aber mit diesem Mann konnte ich nicht anders umgehen. Ich kam herein, und er ließ gleich heißes Blei durch die gute Stube fliegen. Was sollte ich anders tun, hm? Ich wette, Sie können mir das auch nicht sagen."

„Sie haben es getan."

„Eh, schon. Aber es war nicht gut, denke ich. Wo hat er seinen Gaul gehabt? Wirklich im Stall?"

„Natürlich. Er hat wohl die Posse verloren. Vielleicht hätte er hier übernachtet, wenn Sie nicht gekommen wären."

„Jetzt habe ich Ihnen ein Geschäft verdorben, wie?“, fragt Jim lächelnd.

„Darauf kann ich verzichten, O’Leary, wenn Sie es mir nicht zugrunde richten."

„Kein Anlass, denke ich“, meint Jim vieldeutig. „Sie können ja reden - und wahrscheinlich auch schweigen wie ein Grab."

„Ich kann alles, wenn es sein muss."

„Well, das wollte ich wissen. Gute Partner sind Gold wert.“

„Ja, Partner", sagt der Alte rau, und jeder Buchstabe kommt ihm dabei einzeln über die Zunge. „Wenn Sie ein Zimmer brauchen ...?"

„Dummkopf!“, brummt Jim.

„Natürlich, Mister, Sie müssen weiter. Ich weiß. Terrel wird die Posse zurückholen."

„Ist sie denn schon durch?“

Die Frage scheint der Stationer beim ersten mal nicht zu begreifen. Er rollt wieder die Augen.

„Natürlich ist sie durch, Mister. Sie müssen doch wissen, dass Sie schon mal vor einer Stunde durchgekommen sind. Und jetzt wieder hier... das hat ja der arme Terrel nicht kapiert."

„Sie denn?", will Jim wissen.

„Natürlich nicht. Aber so genau habe ich Sie das erste Mal ja nicht gesehen. Der Bursche ist sehr schnell vorbeigeritten, und vielleicht war es ja sogar ein anderer? Wie ist das, Mr. O’Leary? Mir können Sie es ja sagen."

„Ich kann Sie zum Schweigen bringen, Alter", droht Jim und spielt mit dem Colt, der fünfmal um seinen Finger wirbelt. Aber der Stationer scheint seine Angst überwunden zu haben.

„Sie wollen doch was wissen. Also werden Sie mich nicht erschießen", erklärt er ungerührt.

„Merkwürdig, Alter. Woher wissen Sie das?“

„Ich hab’s mir eben überlegt. Wie Sie Jo Terrel geschafft haben, wäre der reif für ’ne Kugel gewesen. Aber dann hätten Sie auch mich erschießen müssen, weil ich Zeuge war. Und das erschien Ihnen ein bisschen viel. Ich sehe doch, dass Sie in Wirklichkeit ein anständiger Kerl sind, O’Leary."

„By Gosh, du hast Humor, Alter! Und vielleicht stimmt das sogar, was du sagst. Dafür erzählst du mir, was du weißt."

„Das ist nicht viel, Mister. Erst kam ein einzelner Reiter durch und hielt nicht an. Ich habe ihn kaum gesehen. Dann kam der Sheriff.“

„Allein?“, fragt Jim lauernd.

„Natürlich nicht. Mit ’ner Posse.“

„Wie stark?"

„Sieben Mann. Sie waren hier drin mit vieren. Aber dann sind sie gleich weiter."

„Und Jo Terrel?"

„Der kam ’ne Weile später, und ehe er weiter konnte, waren Sie wieder da. Das ist alles, und das schwöre ich Ihnen.“

„Wie groß war der Abstand zwischen dem einzelnen Reiter und der Posse?", fragt Jim.

„Ein paar Minuten, denke ich. Fünf oder zehn vielleicht. Höchstens ’ne Viertelstunde."

„Danke, Alterl Das genügt. Vielleicht kommt alles mal anders, als die Leute sich das denken. Ich sehe mal ’rein, wenn ich wieder in der Gegend bin. So long!“

*

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INZWISCHEN IST DIE Nacht da. Jim O’Leary reitet nach Süden. Die zehn Minuten sind herum. Wie Terrel sie genutzt hat, weiß Jim nicht. Er reitet langsam und ist darauf bedacht, wenig Lärm zu machen. Die Posse kriegt Hank heute nicht mehr. Die Zeit ist nicht mehr so kostbar.

Irgendwo wird der Sheriff ein Camp machen. Jim findet es rechts von der Poststraße. Der Schein des Lagerfeuers dringt durch das Unterholz. Sie liegen höchstens dreihundert Yards links im Wald.

Jim führt seinen Braunen nach rechts und bindet ihn fest. Er schleicht sich vorsichtig ans Lager heran, prüft den Wind und sucht die Pferde, damit er nicht der Wache in die Hände läuft.

Die Stimmen der Männer sind weit hörbar. Es ist eine lebhafte Unterhaltung. Am Spieß brät ein Stück Wild. Jim merkt, dass er Hunger hat. Aber es gibt Schlimmeres.

Was er in den nächsten zehn Minuten zusammenbringt, klärt manche Frage für ihn. Nur für die größte gibt es noch keine Antwort. Jo Terrel ist noch nicht da. Wenn er hinter Jim reitet, warum hat er ihm da nicht aufgelauert?

Am Lagerfeuer fragt zwischendurch einer nach Jo. Keiner weiß, wo er steckt, und keiner scheint sich auch groß drum zu kümmern. Jos Name wird nicht mehr erwähnt.

Sie sprechen von Hank O’Leary. Immer wieder von Hank O’Leary, der allein die Postkutsche zwischen Wyoming City und Laramie überfallen und den zweiten Mann auf dem Bock erschossen hat. Den Beifahrer Adam Price.

„Er wird nach Cheyenne gehen."

„Wenn er dumm genug ist. Und dumm ist der Bursche nicht.“

„Sie denken, Holloway", sagt der Sheriff, „er geht in die Einsamkeit. Aber er muss damit rechnen, dass wir ihn gerade dort suchen. Und zum Evans Pass hinauf findet man jede Spur."

„Dann müssten wir uns teilen."

„Warum nicht? Drei Mann werden immer mit ihm fertig. Bill, du nimmst mit Holloway und McBride den Pass, klar?"

Bill Crawley trägt den Stern. Er ist Sheriff Heighs Deputy.

„Well, Boss. Und ihr anderen amüsiert euch in Cheyenne.“

„Nenne es amüsieren. Du kennst mich aber besser.“

„Wenn O’Leary nach Cheyenne geht, hat er bald die Truppen von Fort Warren auf dem Hals. Der ist doch nicht verrückt."

„O’Leary ist ein Bluffer. Jetzt legt euch hin. Wir brechen eine Stunde vor dem Morgengrauen auf."

Jim O’Leary weiß genug. Er zieht sich zurück, holt den Braunen und reitet drei Meilen durch die Nacht. Er kennt das Seitental nach Westen, das zum Evans Pass hinauf führt. Er schläft fünf Stunden und steigt wieder in den Sattel. Der Himmel ist schwarz und im Osten etwas grau.

Jim weiß, dass Hank den Evans Pass nehmen wird. Und er weiß, dass die Posse hinter ihnen nicht stärker als drei Mann ist.

Du hast noch eine Chance, Hankl

*

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DER MANN HAT EIN GERÄUSCH gehört. Der Hengst spürt den Druck in den Flanken und fliegt rechts hinüber, zwischen die jungen Birken. Dort wendet der Reiter und zwingt das Tier, wie ein Fels zu stehen.

Hank O’Leary lauscht in die Stille des Morgens. Yeah, da ist es wieder! Er hat sich nicht getäuscht. Er hat Ohren wie ein Luchs. Er weiß die Geräusche zu unterscheiden. Das Schnaufen des Pferdes vom Stöhnen des Windes, den Hufschlag von rollenden Steinen am Hang, das Knirschen des Sattelzeugs von den tausend Warnrufen der Tierwelt.

Hinter ihm kommt ein Reiter. Einer nur.

Merkwürdig...

Hank O’Leary hat den Colt gezogen und den Hammer gespannt. Fünfzig Schritt entfernt taucht der Reiter auf und hält an. Er sieht, dass die Spur nach rechts führt.

Dann blicken sie sich in die Augen.

Auf jeden anderen hätte Hank bedenkenlos geschossen, auf Jim nicht. Dabei gibt es nichts mehr, was sie verbindet. Von Brüdern zu sprechen, hat erst recht keinen Sinn.

Jims Pferd trabt durchs Unterholz.

Hank wälzt tausend Probleme in den paar Sekunden, die er noch Zeit hat.

Es muss eine Falle sein. Jim war immer schon ein anständiger Bursche, der das Lob aller Eltern und Verwandten kassierte. So ist es schon in der Kindheit gewesen. Jim, der saubere und ehrliche Junge - Hank, der Taugenichts.

Und jetzt hatten sie ihn auf seine Fährte gesetzt, um ihn einzuwickeln. Aber schießen wird er nicht gleich.

Jim hält an, als sich die beiden Pferde fast mit den Köpfen berühren.

„Guten Tag, Hank!"

„Guten Tag, Jim!", würgt Hank heraus. „Am besten, du reitest gleich weiter, ehe du deine Predigt beginnst. Ich habe nämlich keine Zeit, sie bis zu Ende anzuhören."

„Ich will nicht predigen, Hank, ich will dir helfen. Was ich zu sagen habe, dauert keine drei Minuten", erwidert Jim ernst.

„So dicht ist also die Posse auf?"

„Sie ist weit hinter mir. Und sie weiß nichts von mir."

„Wir haben uns sechs Jahre nicht gesehen. Das war ’ne schöne Zeit, Jim. Ich hatte keinen Bruder, der es immer besser wusste als ich."

„Du steckst mit beiden Stiefeln im Verdruss, Hank. Wenn das Leben eng um den Hals wird, braucht man immer Hilfe", gibt Jim zurück.

„Du willst mir helfen?," höhnt Hank.

Er lacht freudlos. Jim verzieht keine Miene.

„Eher ein Geschäft, Hank. Es stimmt, wir haben uns sechs Jahre lang nicht gesehen. Da lernt man, ohne seinen Bruder auszukommen. Aber heute brauchen wir uns gegenseitig“

„Yeah! Rede schon vom Geschäft. Aber lass dir nicht zuviel Zeit dabei."

„Ich pauke dich hier heraus. Du wirst noch woanders gebraucht."

„Wo? Bei dir?"

„Irgendwo liegen 75.000 Dollar. Vielleicht sind sie schon verschimmelt, vielleicht auch nicht. Es war ’ne Menge Papiergeld dabei.“

„Möglich. Irgendwo liegen auch hunderttausend Dollar, und woanders bestimmt auch zweihunderttausend und ’ne Million. Nur schade, dass wir nichts davon wissen.“

„Beschwer dich nicht, Hank, dass unser Gespräch zu lange dauert. Solange du dich dumm stellst, kommen wir nicht weiter. Ich spreche von eurem Überfall auf die South Pacific Railway.“

„Knapp bei Kasse, Jim? Seit wann interessierst du dich für heißes Geld? Für heißes, stinkendes und verschimmeltes? Haben die sechs Jahre einen vernünftigen Menschen aus dir gemacht?"

„Du kennst den Ort, Hank, und du wirst dafür sorgen, dass wir beide hinkommen."

Hank O’Leary kaut auf der Unterlippe. Der Braten riecht ihm nicht gut genug, aber nach irgend etwas riecht er schon.

„Ich glaube Jim, das ist hier nicht der richtige Ort, über Geld zu reden."

„Das will ich auch nicht. Du sollst bloß wissen, wie der Wind weht. Ich bleibe bei dir, bis wir uns geeinigt haben. Die Posse werden wir schon loswerden."

„Das wäre die Bedingung. Solange uns der Sheriff im Nacken sitzt, haben wir andere Sorgen. Du weißt was über die Posse, denke ich, oder?"

„Ich weiß ’ne Menge. Zuerst waren sie mit sieben Mann hinter dir her. Dann haben sie einen verloren. Der heißt Jo Terrel."

„Möglich. Kenne ich nicht so genau. Und die anderen?", fragt Hank mit gehetztem Blick.

„Die sechs haben sich geteilt. Zwei reiten mit dem Sheriff nach Cheyenne. Bei den anderen dreien befindet sich der Deputy. Mit denen müssen wir rechnen."

„Deputy Crawley, diese alte Hakennase! Ein Geier ist das. Aber der wird keiner Maus mehr die Augen aushacken. Mit dreien werden wir fertig. Kennst du den Evans Pass?"

„Du kennst ihn besser, denke ich. Bloß bau die Falle nicht gerade da, wo es jeder vermutet", erwidert Jim.

„Gescheit warst du schon immer, Junge. Aber glaube nicht, dass Hank O’Leary die Stiefel noch über dem Präriegras hätte, wenn er weniger gescheit wäre. Schlage vor, wir reiten."

Sie drücken ihren Gäulen die Hacken ein, und sie reiten über den Pass hinweg. Noch eine ganze Meile. Das wird die Verfolger nervös machen.

Am Pass werden sie langsam reiten, sich vielleicht sogar anschleichen und aus den Sätteln gehen. Wenn dann nichts geschieht, werden sie nervös werden.

Hank grinst schadenfroh in sich hinein. Er fühlt sich sicher. Ihm ist bis heute jedes krumme Ding geglückt. Das einzige, was ihn daran stört, sind die Moralpredigten, die er sich deswegen von Jugend auf anhören musste. Seine Eltern haben gepredigt; die Onkel und Tanten haben gepredigt, später die Lehrer, der Bürgermeister und alles, was in der Stadt etwas zu sagen hatte. Und nicht Jim zu vergessen, den Bruder, der so etwas nie getan hätte.

Wie kommt er dazu, mit Jim zu reiten?

Jim kennt ihn. Kennt ihn noch besser als er sich selbst.

Jim hat ein Geschäft daraus gemacht. Er ist nicht nur so gekommen, um ihm aus reiner Bruderliebe zu helfen. Er ist gekommen, ein Geschäft mit ihm zu machen.

Predigten gehen bei Hank O’Leary zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus, aber von Tatsachen lässt er sich überzeugen.

Er selbst sorgt für Tatsachen.

Im Trab reißt er plötzlich seinen Gaul nach rechts und bricht ins Buschwerk ein. Kein Baum steht hier oben auf der hängenden Ebene höher als der Kopf eines Reiters. Das meiste, was hier wächst, sind Krüppelkiefern und anspruchsloses, drahtiges Präriegras. Kahle Felsbuckel scheinen überall weiß durch.

Jims Brauner geht mit.

Hank ist schnell auf Rufweite voraus. Plötzlich sind Pferd und Reiter verschwunden. Jim reitet das letzte Stück nach dem Gedächtnis. Dann sieht er den Bruder zehn Fuß unter sich. Er ist aus dem Sattel gegangen.

„Hey, Hank! Was willst du in dieser verteufelten Mausefalle?", ruft er ihm zu.

„Komm erst mal herunter, und dann sage, ob es eine Falle ist!", ruft Hank zurück.

Als Jim bei Hank ankommt, sieht die Sache schon ganz anders aus. Um einen Fels herum, der spitz wie eine Tanne dasteht, führt ein Weg nach Westen. Nach Osten hin ist der Blick frei auf die Poststraße.

„Da drüben werden sie reiten. Genau die richtige Entfernung für meine Winchester", sagt Hank. „Wenn die drei hübsch zusammenbleiben, legen wir sie auf einen Schlag um.“

Die Idee hält er für so gut, dass er gar keine Antwort mehr erwartet. Er nimmt seinen Gaul am Zügel und zieht ihn tiefer zwischen die Kiefern.

„Hey, Jim, schlepp deinen Braunen auch hierher! Hier gibt es sogar etwas Gras, und die Viecher werden uns nicht verraten, auch wenn sie ihre Hälse recken."

Als Jim diesmal zögert, merkt Hank, dass er doch noch nicht der Boss ist. Es ist genau wie früher. Der Bruder scheint es wieder mal besser zu wissen.

„Hey, Jim! Bist du taub? Die Posse kann noch zwei Stunden weg sein, aber vielleicht ist sie auch in fünf Minuten da.“

„Das ändert nichts an unserem Geschäft", erwidert Jim trocken.

Geduld ist nie Hanks starke Seite gewesen. Sobald ihm was quergeht, zeigt er, dass es ihm nicht passt.

„Das Geschäft kommt später. So war es abgemacht. Erst müssen wir uns diese Kerle vom Hals schaffen. Dann können wir meinetwegen einen ganzen Tag lang von Geschäften reden", sagt er deshalb.

„Das hier gehört schon zum Geschäft, Junge“, erklärt Jim. „Ich lege mich nicht mit dir in den Hinterhalt und knalle drei ehrliche Leute ab. Das müssen wir besprechen, ehe du einen Irrtum ..."

„Das ist nicht dein Ernst, Jim? Hier ist mein Schießeisen ...“, unterbricht Hank ihn.

„Ich seh’s. Und hier ist meinsf Das wäre ein Spaß für die Posse, wenn sie uns beide hier fänden. Die Brüder O’Leary, die sich gegenseitig umgebracht haben. Denn der eine ist so schnell wie der andere."

„Also, was willst du, Jim? Du kannst mir jetzt nicht in den Rücken fallen."

„Ich habe gesagt, dass ich dir helfe, in Ordnung. Aber ich habe nicht gesagt, dass wir aus einem sicheren Nest den Deputy und seine Männer abknallen. Hier geht es um deine Haut, um keine Unze mehr.“

„Und was ist meine Haut wert, solange diese Crew lebt?", knurrt Hank missmutig.

„Du musst Geduld haben, Junge, und verschwinden! Oben in der Med Bow kannst du dich drei Jahre verstecken, ohne dass dich einer findet. Ich verrate dich nicht."

„Wie freundlich von dir! Du schiebst mich in die Hölle ab und reitest selbst in deine herrliche Freiheit hinaus. Du willst mich hier zwischen die Steine quetschen, damit ich jahrelang stillhalte. Da kannst du mich auch gleich lebenslänglich in Cheyenne unterbringen."

„Ich glaube, das ist noch ein Unterschied."

„Für mich nicht, Jim. Ich opfere keinen Tag meiner Freiheit irgendeinem von euch. Und wenn ihr alle draufgeht.“

Hank hebt den Colt um zwei Zoll. Jim lächelt und rührt sich nicht. Hank ist nervös.

„Du glaubst, ich tu’s nicht, wie? Du glaubst, ich bin dein Bruder und werde es deshalb nicht wagen?“

Hank hat nichts an der Haltung seines Revolvers verändert. Auch nichts an seinem herausfordernden Lächeln.

„Denk jetzt mal einen Moment nicht daran, Hank, dass wir Brüder sind. Ich tu das auch nicht. Für mich bist du irgendeiner, dem es dreckig geht und dem ich helfen kann. Weil ich ein Geschäft mit ihm machen will, solange er lebt."

„So praktisch hast du lange nicht geredet, Jim", erwidert Hank grinsend.

„Wenn du mich umlegst, gibt’s einen Knall, ein Schuss kann alles für dich ändern. Junge. Die Posse wird merken, dass hier was nicht stimmt. Eigentlich musst du dir ganz sdmell überlegen, ob das die Sache wert ist."

„Was?", fragt Hank aufhorchend.

„Erst einen toten Bruder und dann die Scherereien mit den anderen."

„Du hast was gegen mich, Jim. Du hast was dagegen, dass ich die anderen umlege.“

„Das ist eben unser Geschäft, Hank? Du begreifst endlich, dass das Maß voll ist. Ich helfe dir hier heraus. Du sagst mir, was mit den 75.000 Dollar ist, und wo ich sie finde. Und du reitest weit weg. Möglichst bis Texas oder meinetwegen auch bis Utah hinauf. Aber du verschwindest und beginnst ein ganz neues Leben! Du wirst keinen Bruder Jim mehr haben, der dir ’ne Predigt hält. Aber du wirst ein anständiger Kerl sein und ohne Aufpasser auskommen. Alles, was du haben wirst, wird aus anständiger Arbeit stammen. Du wirst keinen Beutel mit Silberdollars irgendwo haben, der aus irgendeinem Raub stammt. Du wirst ...“

„Brems dich, Jim! Das Angebot habe ich gehört. Ich sage: abgelehnt! Was der Reverend nicht geschafft hat, das schlag auch dir aus dem Kopf. Wir legen sie um, die drei, klar? Und aus dem Geschäft mit den 75.000 Dollar wird nichts! Du reitest mit leeren Händen weg! Aber du weißt, du hast deinen Bruder gerettet. Das ist mein Vorschlag für dein Geschäft."

Hank hat lange genug geredet. Jim weiß, dass er eine Menge falsch gemacht hat, dass er dreißig Jahre lang geglaubt hat, aus dem Bruder einen anderen Menschen machen zu können. Trotzdem will es ihm nicht einleuchten, dass dieser ganze Ritt vergeblich gewesen sein soll.

In der Poststation hat er vor ein paar Stunden die Idee gehabt, allen die reine Wahrheit zu erzählen. Im letzten Moment hat er es sich anders überlegt.

Aber hier sitzt Hank O’Leary, sein Bruder. Wenn er dem die Wahrheit erzählt, wird alles noch lächerlicher. Der lacht sogar einen Priester aus.

Trotzdem, Jim kann nicht anders. Er muss es sagen. Er steckt den Colt weg. Vielleicht entspannt das die Lage.

Auch Hank steckt den Colt ein.

„Du nimmst also an ...“, sagt er lauernd, und nchi der Art, wie er es sagt, weiß der Bruder, dass er keine falsche Hoffnung hat. Hank erwartet von jedem nur das Schlechteste. Hank macht sich keine Illusionen über die Leute, die ihm über den Weg laufen.

Jim tut, als hätte er den letzten Satz nicht gehört. Er geht ein paar Schritte zurück und setzt sich auf einen Stein, den die Erosion zu einem runden Katzenbuckel gemacht hat.

„Ich sage dir jetzt was, das man nur einem Bruder sagen kann, Hank."

Entweder ist Hank sprachlos, oder er nutzt die Pause aus, um in sich hineinzugrinsen. Jim weiß selbst, dass er seine „Predigt" völlig falsch angefangen hat. Aber jetzt hat er es gesagt, und er muss weitermachen. Sonst wird alles noch verzwickter.

„Well, Junge, wir haben uns sechs Jahre nicht gesehen. Wir haben nicht mal viel voneinander gehört. Ich jedenfalls von dir nicht. Du weißt, dass ich keiner von denen bin, die von der Hand in den Mund leben können. Ich habe einen Beruf, Junge. Wahrscheinlich im Gegensatz zu dir ..."

Jim macht eine Pause und erwartet, dass der andere endlich was sagt. Aber Hank scheint den Mund plötzlich voll Blei zu haben. Nach einer Weile redet Jim weiter.

„Du hast keinen, ich habe einen, well. Ich sage das nicht, um dich zu reizen. Für Predigten gibst du ja nichts. Ich will dir nur sagen, was für einen Beruf ich habe ...“

Auch diese Pause bringt keinen Erfolg. Hank hockt wie ein Stein da.

Jim kurbelt sein halbes Selbstgespräch wieder an.

„Ich stehe in den Diensten des Gouverneurs von Colorado, Hank. Ich bin US-Marshal."

„Du bist hier in Wyoming, Junge“, sagt Hank endlich.

„Ich bin hier als dein Bruder, das ist meine Privatsache. Aber drüben in Colorado trage ich den Stern."

„Sie haben immer gesagt, aus dem Jim wird mal ein braver Junge. Der Jim ist ganz anders als dieser verrückte Hank. Mit dem nimmt es mal kein gutes Ende. Ausgepredigt, Bruderherz?“

„Nicht ganz. Du hast uns immer deine Streiche gespielt, aber ein Verbrecher warst du trotzdem nicht. Aus wars mit dir erst, als Tom Slater kam."

„Dann geh zu Tom und beschwer dich bei ihm! Mir kannst du mit so was nicht kommen, Jimmy. Ich knalle die Kerle ab, wenn sie da drüben vorbeikommen, und du wirst mitmachen, verstanden? Spiel den Marshal, wo du willst, hier ..."

Ein Schuss, ein Singen und das Schwirren einer abgeprallten Kugel unterbrechen ihn. Er liegt plötzlich tief im Dreck und auf der Nase. Jim hat sich zur Seite gerollt und den Revolver in der Hand.

Nach dem Schuss ist es totenstill. Hank scheint nicht mal mehr zu atmen. Und in das Schweigen bricht plötzlich der Lärm galoppierender Pferde. Die Gäule sind wild geworden. Oder ihre Reiter.

Drüben auf der Poststraße jagen sie vorbei. Sie sehen es in dem kurzen Blickwinkel zwischen den Felsen. Die Posse ist genau dort, wo sie aus dem Hinterhalt abgeknallt werden sollte.

Hank reißt die Winchester hoch und rollt sich auf den Bauch. Ehe Jim eingreifen kann, bellt die Büchse los.

Drüben sind drei Reiter. Einer reißt die Arme hoch und rutscht aus dem Sattel. Jim springt Hank von hinten an, um ihn wegzureißen. Er ist noch nicht ganz am Ziel, als der zweite Schuss aus dem Hinterhalt kommt. Jim fasst Hanks Rücken, dann spürt er den Schlag in dem Körper des Bruders, aus dem plötzlich jede Spannung gewichen ist. Hank fällt in sich zusammen wie ein halb gefüllter Mehlsack. Jim springt zurück und lässt sich fallen. Im Fallen dreht er sich und liegt dann genau riditig.

Irgendwo hinter ihnen sitzt einer und hat sie genau im Visier. Der Mann ist gefährlicher als die drei drüben auf der Poststraße. Jim weiß, dass der Kerl ganz nahe ist. Er kann ihn nur nicht sehen.

*

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AUF DER POSTSTRAßE ist alles auseinandergestoben, da ist es still. Hank stöhnt leise, aber Jim dreht sich nicht nach ihm um. Er sucht den Fremden zwischen den Felsen. Er wartet, bis dieser feige, hinterhältige Bursche sich eine Blöße gibt.

Er wartet eine halbe Ewigkeit... Er hört, wie ein paar Steine den Hang herunterpoltern. Dann ist es wieder still.

Jim will hinterher. Die Richtung ist ja klar. Er würde den Kerl noch erwischen.

Aber mit Hank ist was nicht in Ordnung. Der Bruder liegt dicht neben ihm auf dem Rücken und versucht den Kopf zu heben.

Jim schiebt den Kopf vor und sieht den Hang nach Westen herab. Da rührt sich nichts mehr.

Drüben auf der Poststraße hinkt einer neben seinem Pferd und ruft etwas. Ein Stück weiter gibt jemand Antwort. Man kann es nicht verstehen.

Jim sieht wieder Hank an, mit dem es nicht gut aussieht.

Jim zieht ihm einen Stiefel aus und legt ihn unter seinen Kopf. Was Weicheres hat er nicht. Die Pferde stehen zu weit weg, genau um die Ecke. Und das ist ein langer Weg, solange die Kerle auf der Poststraße drüben auf ihre Chance warten.

„Die wissen genau, wo wir sind", sagt Jim, als hätte Hank seine bisherigen Gedanken alle erraten. „Aber lass sie nur ’rankommen, Junge! Wir sind sicher hier."

„Hey, Junge!“, drängt Jim. „Es hat dich an der Schulter erwischt. Du musst jetzt für ’ne Weile vergessen, dass du nicht gut auf mich zu sprechen bist. Ist kein anderer da, der dir helfen kann."

„Mir kann keiner mehr helfen, das weißt du genau. Und jetzt hör auf mit deinen Sprüchen! Bring deinen sauberen Hals in Sicherheit! Wenn sie dir nachreiten, werde ich sie schon kriegen. Die müssen hier vorbei.“

„Du willst also noch eine Menge für deinen Bruder tun, der dir sonst gleichgültig ist?“, fragt Jim irgendwie gerührt.

„Vielleicht... hilft das ... im Himmel", murmelt Hank.

„Ich helfe dir hier unten, Junge! Nimm die Hand weg!"

Hank gehorcht nicht. Er hat den linken Unterarm an die Brust gedrückt. Jim reißt ihm das Flanellhemd auf und sieht, dass die Kugel tiefer steckt, als er zuerst gedacht hat. Er zögert eine Sekunde. Hank ist nicht so dumm, es nicht zu merken.

„Jetzt weißt du Bescheid", zischt Hank. „Hau schon ab, alter Besserwisser! Kannst ja demnächst mal etwas Besseres über mich reden als bisher.“

„Hank!", fährt ihn Jim an. Aber der Bruder sieht nicht so aus, als wollte er sich von ihm in den letzten Minuten noch Vorschriften machen lassen.

„Verschwinde, Jim! Ich gebe dir Feuerschutz. Das ist das letzte ...“

Jim hat nach Osten gesichert.

„Auf der Straße rührt sich nichts, Junge. Du musst zu einem Arzt, und ich bringe dich hin."

„Du bringst mich keine zehn Fuß weg, denn ich hab’s hinter mir. Das weißt du genau, Jim. Ich kapiere bloß nicht, wie du dich plötzlich so um mich reißt."

„Ich habe meine Gründe, und ich brauche dich lebend ..."

„Für den Strick? Nein!“, stößt Hank hervor.

„Verdammt, Junge, ich brauche deine Geschichte. Ich kriege dich dahin, dass du redest. Du wirst noch zur Vernunft kommen, sage ich dir.“

„Pass lieber auf, wo die Kerle von der Posse stecken! Hast du vielleicht ’ne Ahnung, dass an meiner Story etwas dran sein könnte?"

„Ich weiß genau, dass du vor fünf Jahren dabei warst“, erwidert Jim.

„Natürlich! Ich glaub’s ja schon. Hast ja lange darüber geredet. Du weißt ’ne Menge darüber — 75.000 Dollar! Wenn ich weg bin, wird sie keiner kriegen. Verschimmeltes Geld - pah! Keiner wird’s kriegen... Au!"

Hank wirft schmerzhaft das Kinn hoch und verstummt.

„Du redest zuviel unnützes Zeug, Junge! Was heißt das - keiner wird es kriegen?“

Hank bringt ein verzerrtes Grinsen zustande. „Keiner weiß, wo es liegt, Bruder. Das ist es. Keiner weiß alles. Nur alle zusammen - die können es wissen."

„Verschimmeltes Geld wird keinem nützen. Aber es gibt Leute, die ein Recht darauf haben, auch heute noch!“, entgegnet Jim grimmig.

„Was soll’s? Wenn ich für immer die Stiefel ausgezogen habe..."

Jim sieht ihn starr an. Er weiß, dass die Zeit knapp geworden ist, aber er denkt trotzdem eine Weile nach. Dabei sieht er unverwandt in Hanks Gesicht, als suchte er dort etwas.

„Ich habe nie tief in dich hineinsehen können, Junge. Nie so tief, wie ich wollte. Aber du hast vorhin gesagt, ich soll besser über dich reden als bisher. Gib mir einen Grund dafür! Nur weil du mein Bruder bist? Das genügt nicht.“

Eine Weile ist es so still, dass man jedes Geräusch im Umkreis einer Meile hören können müsste.

Der Gedanke kommt ganz von selbst bei diesem Schweigen. Und plötzlich scheint Hank O’Leary die Angst gepackt zu haben.

„Jim, was ist? Ich höre nichts mehr."

„Wenn du nichts sagst“, erwidert der Bruder leise und fast kalt.

„Es ist, als ob man schon gestorben ist, Jim. Ich habe gar keine Schmerzen. Eigentlich kann ich doch gar nicht sterben. Ich habe keinen Schmerz und keine Wunde. Aber nein, hier unter dem Arm ist es ganz warm. ... Wir waren genau sechs Mann. Tom Slater, der Boss, und Ernie Fleming, der ihm alles zutrug ... Ich... by Gosh, Jim, es hat keinen Sinn. Ich... ich habe nicht mehr lange Zeit. Die Story ist viel zu lang ... Ich ... ich brauche Wasser und ..."

Jim kriecht zu den Pferden zurück und holt die Feldflasche. Als Hank getrunken hat, scheint ihm wieder einzufallen, dass er eine Geschichte erzählen wollte.

„Danke, danke, Jim! Es geht schon viel besser. Da war noch Ted Boone mit dabei, der Grisly. Und Al Carwick und Mort Liddle. Das waren alle.“

„Du warst der sechste“, sagt Jim leise.

„Ohne mich können sie nichts machen. Sie ... sie wissen nicht ...“

„Sag’s mir! Dann weiß ich es.“

„Du?" Hank grinst wieder, als hielte er die Idee für einen köstlichen Witz. „Du meinst...? Well, pass gut auf, Jim! Es wird nicht leicht für dich sein. Al Carwick wird dir die Binde von den Augen nehmen, und du wirst einen uralten Cottonwood-Baum sehen. Dann bist du an der Reihe ..."

Hanks Story ist lang, lang und kompliziert. Jim muss immer wieder fragen, weil es immer schwieriger wird, Hank zu verstehen. Er unterbricht sich häufiger. Aber er setzt immer wieder von neuem an.

Er hat dieses verbissene Grinsen auf den Lippen, als wollte er den letzten Spaß seines Lebens noch genießen.

Und Jim feuert ihn an, wenn es aussieht, als würde er aufgeben. Jim hetzt ihn auf den letzten Yards 

Dann ist es zu Ende, ganz plötzlich.

Die Story und mit Hank. Alles mit Hank.

Jim ist blass.

Er hat das Gefühl, dass er noch etwas hätte sagen, dass Hank noch einen Abschied auf den Weg hätte haben müssen.

Aber Hank hat mit dem Leben aufgehört, als seine Geschichte zu Ende war. Er hat es schwer gehabt mit den letzten Worten. Der Wille, diesen Spaß mit auszukosten, hat ihn noch so lange hingehalten. Zum Schluss hat er Jim noch angesehen ...

Er sieht ihn jetzt noch an.

Mit starren Augen, die kein Licht mehr empfinden.

Jim drückt sie zu. Was er dann noch tut, geschieht alles wie im Traum.

Er holt die Pferde, führt sie aus dem Felsgewirr und schleppt ihnen den Toten nach, legt ihn in den Sattel der Rappstute, die sich an Hank O’Leary gewöhnt hat und nicht unterscheiden kann zwischen einem guten und einem schlechten Bruder.

Sie scheut und will ausbrechen.

So hat Hank O’Leary nie bei ihr im Sattel gesessen. Der Bruder Jim erklärt es ihr, so gut ein Mensch es einem Pferd erklären kann, das er kaum kennt. Yealah hat Hank sie genannt. Das hat Jim behalten.

„Yealah“, sagt Jim und redet ihr gut zu.

Sie gehorcht, und sie erreichen die Poststraße, als die Dämmerung kommt. Auf dem Pass ist es still.

Jim reitet den Braunen und hat Yealah mit dem Bruder an der Leine. Sie haben keine Schwierigkeiten auf dem Pass. Die Posse ist nicht da.

Jim O’Leary versteht das nicht. So handelt kein Mann, der einen Verbrecher jagt. Aber Jim O’Leary nimmt die Tatsache hin und reitet in den Wald auf der anderen Seite.

Er hebt ein Grab aus. An einer Stelle, die er nie im Leben verfehlen kann. Er macht keinen Hügel und kein Kreuz. Hank O’Leary liegt unter dem größten Cottonwood, den es hier gibt. Der ist herrlicher als ein Kreuz und ein Grabhügel.

Es ist Nacht, als er weiterreitet.

Das Grab bleibt hinter ihm.

Die Story kennt er. Er hat sie bis zum Ende gehört.

Und Hank hat ihn zum Schluss noch angesehen. Nur angesehen, ein Abschiedswort hat er nicht mehr gesagt, weil die Zeit zu knapp war.

Jim hat zwei Pferde, von denen er eins loswerden muss.

Jim O’Leary ist US-Marshal von Colorado.

Jim O’Leary kann an seinen toten Bruder denken, solange er will, wenn er nur reitet.

Und Jim O’Leary reitet.

*

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GOUVERNEUR LANDSBOROUGH trägt einen großen goldenen Siegelring an der linken Hand, der immer dann nicht zu übersehen ist, wenn er die Hand mahnend erhebt, mit dem Zeigefinger eine Spirale beschreibt und dann ein Loch in die Luft sticht, als wollte er seinen Gesprächspartner durchbohren.

„Sie sind nervös heute, O’Leary. Das kenne ich sonst nicht an Ihnen. Nehmen Sie doch erst einmal Platz, und dann erzählen Sie noch mal ganz von vorn! Zigarre?"

Der Weißbärtige schiebt ihm eine Kiste Virginias über den Tisch. Jim angelt sich eine und reißt Feuer unter dem Stiefel an. Dann setzt er sich.

„War die Story so verworren, Sir? Möglich, dass mich Hanks Tod so mitgenommen hat. Er war eben doch mein Bruder. Und ich habe nicht einmal den Kerl erkannt, der ihn auf dem Gewissen hat."

„Jetzt reden Sie wie einer, der auf Rache sinnt, Marshal. Das schlagen Sie sich aus dem Kopf! Sie haben andere Aufgaben."

„Natürlich, Sir. Der Mann gehörte einer Posse ehrlicher Leute an, die einen Verbrecher gejagt haben. Hank braucht keinen Rächer.“

„Ich habe Sie soweit verstanden, dass Ihr Bruder Ihnen noch eine wichtige Mitteilung machen konnte. Kennt er den Ort, wo das Geld versteckt wurde?“

„Dann hätte er es längst geholt, Sir. Als Sie mir den Auftrag gaben, war Ihnen klar, dass der Fall verzwickter ist", erwidert Jim mit undurchdringlicher Miene.

„Schon gut! Wenn Sie nur endlich reden würden", brummt der Gouverneur.

„Hier habe ich einen Zettel mit den sechs Namen, Sir“, erklärt Jim.

Der Gouverneur nimmt das Papier und wirft einen kurzen Blick drauf.

„Mort Liddle - ist der jetzt der Boss?“

„Der Boss ist Tom Slater, Sir. Ich habe ihn unten hingesetzt, weil die Reihenfolge einen ganz bestimmten Sinn hat.“

„Well, wenn sie einen Sinn hat, haben Sie sich etwas dabei gedacht, Marshal. Weiter."

„Es ist so, wie Sie vermutet haben. Keiner der sechs Burschen hat bisher die Möglichkeit gehabt, sich das Geld zu holen."

„Wir haben Slater lange genug beobachtet, um sagen zu können, dass er es noch nicht hat. Er hat inzwischen nicht am Hungertuch genagt, aber dafür sind andere Erwerbsquellen verantwortlich. Jetzt sind Sie wieder dran, Marshal."

„Well, Sir. Die sind damals zehn Tage unterwegs gewesen und nur in der Dämmerung geritten, morgens und abends. Fünf Männer haben jeweils eine Augenbinde getragen, solange sie im Sattel waren. Der sechste hat geführt. So haben sie sich abgewechselt. Und zwar in der Reihenfolge, wie ich sie hier aufgeschrieben habe. Jeder kennt nur das Stück des Weges zum Versteck des Geldes, auf dem er die Binde nicht getragen hat.“

„Ziemlich naiv, wie?", wirft Landsborough ein und kaut an dem feuchten Ende seiner Zigarre. Jim weiß genau, was er meint.

„Habe ich auch schon überlegt, Sir. Aber es steht fest, dass sie es so gemacht haben. Es ist ein alter Schatzgräbertrick."

„Er lässt sich nur durchführen, wenn der Boss clever ist“, meint der Gouverneur.

„Tom Slater ist clever. Ich glaube, das dürfen wir voraussetzen, Sir. Er hat seine Leute nur im Dämmerlicht reiten lassen. Da ist es schon schwieriger zu mogeln. Und der Mann an der Spitze kann seine Partner außerdem kontrollieren... Bei Tageslicht haben sie sich versteckt gehalten. Wild jagen durften immer nur drei Mann gemeinsam. Slater hat sie nie weiter als eine Meile vom Camp weggelassen, und er selbst hat sich an den Schluss gesetzt. Er ist die Nummer sechs."

„Die Nummer sechs, die alle anderen überlebt“, bemerkt Landsborough grinsend.

„Sie haben sich abgesichert“, sagt Jim, „und zehn Tage gebraucht. Jeder hat sechsmal geführt. Dann kommen zwei Ruhetage hinzu, die sie einschieben mussten, weil ein Hurricane die klare Sicht verhinderte. Für die zwei restlichen Tage wurden zwei Männer ausgelost, die nacheinander die Führung übernahmen. Sie allein wissen, dass sie es waren. Es wird also so schnell keiner auf den Gedanken kommen, seinen Partner aus dem Weg zu räumen, weil er immer damit rechnen muss, dass der andere noch gebraucht wird."

„Gegen Ende des Rittes wird sich diese Notwendigkeit legen.“

„Kein System ist ohne Schwächen, Sir. Sie haben es so gemacht. Mein Bruder Hank war nie ein Glanzstück in unserer Familie, aber als er mir diese Story erzählte, wusste er, wie es um ihn stand. Hank hat nicht gelogen", entgegnet Jim ernst.

„Und er wollte, dass Sie helfen, das Geld zu holen?“

„Ich habe ein letztes gutes Werk von ihm verlangt. Wir sehen uns sehr ähnlich, Sir, obwohl wir zwei Jahre auseinander sind. Er hat mir genau erklärt, was ich zu machen habe.“

„Sie wollen also an seine Stelle treten, Marshal?“ Der Gouverneur hebt erstaunt die Brauen.

Jim nickt und macht einen langen Zug aus der Virginia.

„Ich habe sein Gesicht und sein Pferd. Von Ihnen brauche ich noch sein Sündenregister, soweit es offiziell bekannt ist. Und dann müssen Sie Fleming und Boone begnadigen!“ „So, muss ich?“, fragt Landsborough.

„Sie sind zwei wichtige Glieder in der kurzen Kette, Sir. Vielleicht sogar doppelte Glieder. Auf Hank ist die Wahl bei der Auslosung der beiden Unbekannten jedenfalls nicht gefallen.“

„Vielleicht auf den Boss selbst?“

„Vielleicht auf Carwick oder Liddle", murmelt Jim und zuckt mit der Achsel. „Eines Tages werde ich es wissen, Sir, wenn ... Sie mir die Gelegenheit geben.“

„Sie riskieren Kopf und Kragen, Marshal. Es ist kein Befehl, wenn ich Sie schicke. Der Gedanke mag Sie reizen, aber 75.000 Dollar sind immer noch wenig gegen ein Menschenleben von Ihrer Qualität.“

„Danke für die Blumen, Sir! Aber es geht, soviel ich weiß, um mehr als um die Dollars. Sie brauchen die Slater-Bande auf einen Streich. Und Sie brauchen den Beweis, dass sie für den Überfall vor fünf Jahren verantwortlich ist.“

„Well, O’Leary, ich brauche sie der Reihe nach, richtig. Und wenn Sie mir die Beweise bringen, will ich sie hängen sehen - hier in Colorado, wo sie dafür gesorgt haben, dass mein Ruf nicht mehr der beste ist, weil ich solches lichtscheues Gesindel ungestraft herumlaufen lasse. Morgen früh sind Fleming und Boone auf freiem Fuß. Sie werden ihre Fährte nicht verfehlen.“

„Danke, Sir! Auf Fährten verstehe ich mich schon. Aber denken Sie auch an Hanks Sündenregister“, wirft Jim ein.

„Kommen Sie heute Nachmittag zu mir! Das heißt, nein! Bleiben Sie lieber im Red Arrow. Ich schicke Ihnen einen Boten, der einen Brief für Sam Shelton bringt. Sie heißen doch Shelton?" Der Gouverneur lädielt verschmitzt.

„Wenigstens im Red Arrow. Und dort kennt man mich auch nur mit diesem Bart. Ich warte auf die Stunde, in der ich das eklige Ding abnehmen und aus Denver verschwinden kann", erwidert Jim O’Leary.

„Dar wird schon morgen der Fall sein. Aber vergessen Sie nicht, sich mit allen notwendigen Dingen einzudecken. Wir haben gute Geschäfte hier, und wenn Sie einmal draußen in den Counties sind, ist es ein weiter Weg zurück nach Denver."

Landsborough reicht ihm die Hand. Wenig später steht er draußen bei Yealah und rückt ihren Sattel zurecht. Er dreht den Kopf, um die Straße besser zu sehen. Er sieht die Reihe von Stores, die vornehmen Geschäfte, die so aussehen, als wäre Denver eine Art Boston, New York oder Philadelphia.

Er reitet die Straße herab und sieht den massiven Backsteinbau mit den vergitterten Fenstern.

In Denver sitzen zwei Gefangene, die zu acht Jahren verurteilt wurden, weil sie beim Überfall auf die South Pacific erkannt worden sind. In derselben Nacht, als 75.000 Dollar den Besitzer wechselten und als der Ingenieur Ward sein Leben verlor.

Morgen werden sie reiten, Fleming und Boone. Begnadigt...

Es ist ein weiter Weg von Denver in die Counties.

Sie werden sechs Mann sein. Sechs Mann - und das Misstrauen.

Sechs Mann, deren Namen die Nummern eins bis sechs tragen, die auf Gouverneur Landsboroughs Notizzettel stehen.

Einer davon ist der Name eines Toten.

Eines Toten, der trotzdem reitet.

Hank O’Leary!

*

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TED BOONE HAT DEN ZWÖLFTEN Whisky gekippt, als er drohend herumfährt und auf das spindeldürre Männchen starrt, das durch reinen Zufall in seine Visierlinie geraten ist.

„Und da haben wir grünen Schnee gesehen, Gents! Grünen Schnee, auf der Nordseite der Rockies. Und du hast blau gesagt, kleines Opossum, hm? Du hast tatsächlich blau gesagt?"

Boohe ist ein Mann ohne Hals. Die Natur hat ihn kräftig gebaut wie einen Bären, aber an seinem Hals hat sie gespart. Wie ein Gebirge steht er vor dem spindeldürren Mister aus der Stadt, den der Schreck völlig steif gemacht hat.

„Grünen Schnee...", stottert der Kleine. „Sie sagen es ja, grünen Schnee!"

Es klingt wie ein Hilferuf.

Der lange Fleming nimmt seinen dürren Finger und tippt Boone auf die Schulter.

„Der Brandy wird warm, wenn du dich noch länger aufregst, Ted.“

Ted Boone zögert eine Sekunde.

„Warm wird er, sagst du?“

Der Mann hinterm Tresen heißt Patrick Angel. Der Saloon heißt „Very Nice", und die Stadt heißt Hotchkiss. Alles zusammen liegt westlich der Berge, in Colorado. Zwischen Hotchkiss und Denver liegen zweihundert Meilen, die Rocky Mountains und ... grüner Schnee. Wie Boone behauptet.

Für Jim O’Leary liegt noch eine Menge Elend dazwischen, aber es hat den Trost, dass es auch für Fleming und Boone eine Menge Elend war. Selbst wenn sie sich nach einem Dutzend Whiskys noch stark fühlen.

In Hotchkiss leben Männer, die tagsüber mit dem Wald kämpfen, die sich bei den Sägemühlen verdingt haben und sich für jeden Tropfen Schweiß harte Dollars zahlen lassen.

Sie brauchen Holz für die Häuser und Weidezäune. Aber noch mehr Holz brauchen sie für die Schwellen der Eisenbahn.

In Hotchkiss ist Hochkonjunktur. Hochkonjunktur für Muskeln und Schweiß. Das spindeldürre Männchen hat sich nach Hotchkiss verirrt. Es versteht etwas von Arzneien und kann Schlagadern abbinden und hat sich hier unentbehrlich gemacht. Und es hat starke Freunde. Stärkere, als es ahnt.

Vom rechten Eck an dem Tresen schiebt sich ein Fleischberg heran und stellt sich hinter den Schatten von einem Menschen.

„Ich hab’s selbst gesehen, Mr. Wrighly. Der Schnee in den Rockies ist blau, und ich würde mir das noch mal überlegen.“

Der Mann aus dem Drugstore fährt herum und scheint sich zu beruhigen, als er den Holzfäller hinter sich sieht.

„Natürlich! Ich sage es ja die ganze Zeit. Wo gibt es grünen Schnee? Schnee ist immer blau, auch bei uns.“

Keiner weiß, ob er noch etwas sagen wollte. Mr. Wrighly schnappt plötzlich nach Luft. Ted Boones dreizehnter Whisky landet zwischen seinen Zähnen. Ernie Fleming schüttelt sich vor Lachen. Boone grinst nur satt. Er grinst immer, wenn er einem anderen Schaden zugefügt hat. Er zeigt natürlich kein übertriebenes Triumphgefühl bei solch einer kleinen Sache. Das würde ihm schlecht stehen, sich jetzt als der große Sieger aufzuspielen gegenüber so einem spindeldürren Kerlchen.

Nein, da kann er sich nur langsam wegdrehen und mit der Faust auf den Tresen schlagen, damit der dreizehnte Whisky, den er verschüttet hat, umgehend nachgeschenkt wird.

„Sie haben es gesehen", brummt Boone. „Sie haben es genau gesehen, Mr. Angel. Der kleine Wrighly ist mir mit seinem Brummschädel genau ins Glas gefallen. Aber ich verschenke heute keinen Whisky. Yeah, Mr. Angel, ich kriege einen gratis. Und wenn es Ihnen zu teuer ist, lassen Sie sich das Geld von Mr. Wrighly geben."

Patrick Angel zögert, weil er den Holzfäller sieht, der ein Kreuz hat, dass man es genausowenig übersehen kann wie diesen Fremden, der sich Ted Boone nennt.

Boone ist kein Freund von Schwerhörigkeit. Noch einmal knallt seine Faust auf den Tisch, dass sämtliche Gläser tanzen, als wären sie das Ballett.

Die Gläser sind noch nicht zur Ruhe gekommen, als Boone einen Finger auf seiner Schulter spürt.

Patrick Angel rührt sich noch immer nicht. Er denkt gar nicht an die Whiskyflasche und an die Abrechnungsschwierigkeiten für den dreizehnten. Er sieht nur den Holzfäller McGregor. Als Boone herumfährt, sieht auch er ihn.

„Yeah!", sagt er. Dann kommt eine kurze Pause, die McGregor ausnutzt, vornehm und freundlich zu werden.

„Ich heiße McGregor, Fremder, Winslow McGregor. Und ich wette, Sie haben auch einen Namen.“

„Yeah!", schnauft Boone noch einmal. „Du bist ein alter Zaunpfahl, Junge. Dich haben sie irgendwo herausgerissen und liegen gelassen. Du willst doch nicht mit mir reden, oder?“

McGregor gibt sich so vornehm, dass er sogar die Beleidigung herunterschluckt und sein freundliches Grinsen beibehält.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917543
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v413318
Schlagworte
tödliches spiel dollar

Autor

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Titel: Tödliches Spiel um 75000 Dollar