Lade Inhalt...

Invasion aus der Tiefe

2018 190 Seiten

Leseprobe

Invasion aus der Tiefe

W. W. Shols

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

image
image
image

Invasion aus der Tiefe

image

Science Fiction Roman von W. W. Shols

Der Umfang dieses Buchs entspricht 199 Taschenbuchseiten.

Rätselhafte Erscheinungen und Naturkatastrophen, die mit Methoden der Wissenschaft nicht zu deuten sind, lassen auf die Existenz einer außerirdischen Macht schließen, einer Macht, welche die Menschheit zu vernichten trachtet. Im Pazifik versinken ganze Inseln im Meer, ohne dass Erdbeben die Ursache dafür hätten sein können.

Während der Erprobung einer neuen Abwehrwaffe im Pazifik beobachtet der Fähnrich Gordon Bliss ein unbekanntes Objekt, das aus dem Nachthimmel herabstößt und in der See verschwindet. Es verstärkt sich die Vermutung, dass die Bedrohung der Menschheit aus den Tiefen des Meeres kommt. In zwei U-Raketen werden die Fähnriche Bliss und Henderson auf den Grund der Tiefsee geschickt. Aber nur Bliss kehrt zurück, und er bringt die Gewissheit, dass im Meer gespenstische Kräfte am Werke sind.

Diese Erkundungsfahrt ist der Anfang eines verzweifelten Ringens mit den Wasserwesen, die in unterseeischen Städten leben und sich unheimlicher Mittel bedienen, um den Erdball für sich zu erobern.

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

1

image

Fähnrich Gordon Bliss stand an der Backbordreling und starrte sinnend und traumverloren auf den zunehmenden Mond, der sich in dieser frühen Abendstunde in den Fluten des Pazifik spiegelte. Obgleich der nach Norden stampfende Untersee-Kreuzer SEAL, Flaggschiff der 11. US-Flotte, im Augenblick die Erprobung einer bedeutungsvollen neuen Abwehrwaffe durchführte, hatte Bliss dienstfrei. Er war sozusagen ein Stiefkind auf diesem Schiff. Noch vor zwei Monaten hatte er die Uniform der Air Force getragen und war bis auf den heutigen Tag damit beschäftigt, sich an den Seegang zu gewöhnen. Bei der Luftwaffe war das anders gewesen. Sobald er dort dienstfrei gehabt hatte, war er über unerschütterlich festes Land gegangen, auf dem er sich von den anstrengenden Bewegungen in der Rakete erholen konnte. Hier ging das Schlingern und Stampfen weiter – auch bei der Freiwache.

Aus der Dunkelheit tauchte ein Schatten auf. Bliss sah zur Seite und erkannte seinen Leidensgefährten Mike Henderson.

„Hallo, Gordon!“

„Hallo, Mike!“

Das Gespräch verstummte wieder. Als Henderson feststellte, dass Bliss in den Mond sah, stellte er sich neben ihn – und tat dasselbe.

„Heimweh?“, fragte Henderson mach einer langem Pause.

„Nach dem Mond?“, wollte Bliss wissen.

„So ungefähr. Oder nach Hause. Hauptsache runter von diesem Schiff.“

„Mach mich nicht sentimental! Ich tröste mich damit, dass unser Kommando hier höchstens ein halbes Jahr dauert. Und sechs Wochen haben wir schon herum.“

„Ich beneide dich, Du findest an der scheußliche Sitten Situation immer noch etwas Gutes, womit du dich trösten kannst.“

„Anscheinend ist das auch der Sinn der Übung“, philosophierte Bliss. „Als Raumfahrer und Satellitenzubringer wirst du während deiner Ausbildung mindestens noch ein Dutzend Mal versetzt werden, damit du jede nur denkbare Situation durchmachst. Das ist eben das pädagogische Prinzip in unserem technischen Zeitalter.“

„Ich war dreimal auf dem Mond, mein Lieber. Und sechsmal habe ich ganz allein eine Zubringer-Rak zu einer unserer Weltraumstationen gesteuert. Dabei habe ich niemals ein ähnliches Gefühl gehabt wie auf diesem endlosen Teich. Es ist scheußlich, sage ich dir. Mein Vater hat mir immer zugeredet, bloß freiwillig zur Luftwaffe zu gehen, damit ich nicht eines Tages bei diesen Heringsbändigern lande. Wasser hat keine Balken, hat er immer gesagt. Und ich kann nur bestätigen, dass er recht hatte ...“

„Aber in der Luft kannst du nicht einmal schwimmen“, widersprach Bliss. „Also werde ich etwas phlegmatischer und denke daran, dass auch dieses Kommando ein Ende haben wird.“

Bliss starrte noch immer auf den Mond. Obgleich auch ihm der Einsatz auf dem U-Kreuzer nicht unbedingt behagte, trug er sein Schicksal doch mit etwas mehr Würde als der andere.

Es gab wieder eine Pause, die Henderson schließlich mit einer Zigarette ausfüllte. Auch Bliss bekam eine.

„Sie tun sehr geheimnisvoll seit ein paar Tagen ...“

„Wen meinst du?“, fragte Bliss.

„Nun, die Mariner. Auf jeden Fall die Offiziere.“

„Wie kommst du darauf?“

„Mein Gott, bist du stur! Die Sache scheint dich gar nicht zu interessieren, was?“

„Ob ein Geheimnils interessant für mich ist, kann ich immer erst mit Sicherheit feststellen, wenn ich es kenne.“

„Oh, wie geistreich! Ich schätze aber, diese Sache ist wirklich interessant. Selbst für deine Ansprüche.“

„Dann schieß los!“

„Womit soll ich losschießen? Glaubst du, ich wüsste etwas Genaues? Allerdings hörte ich vor ungefähr zwei Stunden, wie der Captain zu Maloney sagte, dass sie spätestens um zweiundzwanzig Uhr den Beweis dafür hätten, ob die neue Sache klappt oder nicht. Und zwar solle bis zu diesem Zeitpunkt die WHALE auf Backbord in Entfernung von einer haben Seemeile passieren.“

„Die WHALE?“, fragte Gordon Bliss etwas interessierter als bisher. „Wir haben doch vor drei Tagen den Flottenverband verlassen. Ich habe vorgestern noch Patrouille geflogen und die WHALE auf Ostkurs gesichtet. Die müsste nach meiner Meinung jetzt kurz vor dem Panamakanal stehen.“

„Daran siehst du schon, dass sie Geheimnisse haben. Allerdings fürchte ich, dass die Sache nicht geklappt hat. Denn wir haben inzwischen zweiundzwanzig Uhr dreißig, und von der WHALE ist bisher nicht einmal eine Silhouette aufgetaucht. Es könnte höchstens sein, dass sie früher vorbeigekommen ist. Ich bin erst nach neun an Deck gestiegen.“

„Die WHALE ist nicht vorbeigekommen“, versicherte Fähnrich Bliss. „Ich stehe schon gute zwei Stunden hier oben.“

„Du bist ein ausdauernder Mensch. Wird das nicht langweilig – so ganz allein?“

„Für intelligente Menschen gibt es keine Langeweile.‟

„Oh, natürlich. Ich vergaß, wer du bist“, knurrte Henderson und stelzte unvermittelt weiter. Sein Ziel war das Schott, das dreißig Meter weiter zum gut geheizten Offizierskasino führte. Im Unterbewusstsein genoss er bereits die Wärme, die ihn erwartete. Doch er kam so bald nicht dazu, diesen Genuss auszukosten.

Ein Schrei ließ ihn den Schritt anhalten. Auf dem Absatz fuhr er herum und starrte in die graue Dunkelheit, in der die Schatten der vom Mond beschienenen Deckaufbauten tanzten.

„Gordon! Was ist los?“, rief er. Denn zweifellos war der Ruf von Fähnrich Bliss gekommen, der plötzlich auch schon vor ihm stand.

„Verdammt, du hast was verpasst, Mike. Wenn sie hier die Geheimnisvollen spielen, dann hat das reichlich wenig mit der WHALE zu tun. Allerdings wundert es mich, dass man uns nicht eingeweiht hat, obgleich wir von der Luftwaffe sind ...“

„Was redest du für einen Blödsinn? Vor einer knappen Minute habe ich noch neben dir gestanden. Und da warst du noch ganz normal.“

„Wenn du nichts dagegen hast, bin ich es auch jetzt noch. Die Sache ging eben viel zu schnell. Das Ding kam aus der Luft. Ich sah es mir wenige Sekunden über dem Wasser herankommen. Dann tauchte es weg.“

Henderson holte tief Luft und legte dem anderen die Hand auf die Schulter. „Ich möchte dich gern mal bei Licht besehen, Gordon. Willst du nicht mit herüberkommen?“

„Spiel nicht den Psychiater, Mike! Ich werde dir ganz genau erzählen, was passiert ist. Dann kannst du mir immer noch sagen, ob du mich für verrückt hältst ...“

„Bitte, auch mich interessiert, was hier passiert ist“, sagte plötzlich eine Stimme hinter den beiden. „Darf ich vielleicht an der Diskussion teilnehmen?“

„Der Leutnant!“, schnappte Henderson abgehackt, als hätte man ihn bei einer Ungehörigkeit erwischt.

„Fähnrich Bliss“, sagte Leutnant Maloney kurz. „Ich hörte, es ist etwas aus der Luft gekommen. Darf ich darüber etwas Genaueres hören?“

Bliss glaubte, in den Worten Maloneys einen drohenden Unterton feststellen zu können. Er brachte seine Beobachtung deshalb mit den Geheimnissen in Verbindung, von denen Henderson kurz vorher gesprochen hatte. Und offenbar gingen ihn diese Sachen nichts an. Seine Antwort klang daher sehr zurückhaltend und wenig überzeugend.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Sir!“

Der Leutnant schwoll vor Zorn so sehr an, dass er plötzlich fast doppelt so breit wie normal wurde. „Haben Sie diese Manieren von der Air Force mitgebracht, Fähnrich? Ich verlange, dass Sie mir Auskunft geben! Und versuchen Sie nur nicht einzureden, dass ich ein Nachtwandler bin, der Dinge hört, die es nicht gibt.“

„Jawohl, Sir! Ich dachte nur, es könnte sich um diese Übung handeln, von der ich offiziell nichts wissen darf.“

„Sie sind Offizier und dürfen auf Grund Ihres Eides beinahe alles wissen. Beinahe, Fähnrich! Doch ich möchte nicht, dass wir unsere Rollen vertauschen. Zunächst sind Sie an der Reihe. Was haben Sie gesehen?“

„Einen Gegenstand, Sir. Ich weiß nicht, wie ich ihn beschreiben soll. Fähnrich Henderson hat einige Minuten bei mir gestanden und ging dann plötzlich weg. Im selben Augenblick sah ich einen Schatten am Himmel. Es muss sich um einen schnell fliegenden Gegenstand gehandelt haben. Er flog etwa mit einem Neigungswinkel von fünfundvierzig Grad und tauchte dann ins Wasser. Als das Ding verschwunden war, rief ich nach Henderson, der dann sofort zurückkam.“

„Hm, seltsam. Und das ist alles?“

„Es ging alles sehr schnell, Sir.“

„Wie sah das Ding aus?“

„Dunkel. Ellipsenförmig. Ich kann es nicht genau sagen, Leutnant. Es ging alles sehr schnell.“

„Das haben Sie schon einmal gesagt. Im Übrigen ist Ihre Zielansprache die eines Rekruten. Begnügt man sich bei der Luftwaffe mit solchen Erklärungen?“

Du bist ein alter Marinehengst, dachte Bliss. Du bist eifersüchtig auf jede andere Waffengattung und machst sie herunter, wo du nur kannst. Du bist außerdem furchtbar primitiv. Doch den Gedanken behielt er für sich und versuchte, eine möglichst plausible Erklärung zu finden.

„Ich muss meine Phantasie zu Hilfe nehmen, Leutnant. Ich habe etwas gesehen, was ich mir nicht erklären kann, weil es neu ist. Das Ding war ein Schatten. So grau wie der Himmel. Es hob sich nur dadurch vom Hintergrund ab, dass es auf seiner Bahn die Sterne verdeckte. Und dann schoss es genau am Mond vorbei. Ein linsenförmiges Ding. Mehr kann ich nicht sagen. Nicht einmal die Größe lässt sich schätzen. Denn genauso unbestimmt ist die Entfernung.“

„Ich finde, das Ganze ist sehr unbestimmt“, mischte sich Henderson ein. „Du hast stundenlang auf den Mond gestarrt. Die Lichtreflexion kann aber bei Nacht das gesündeste Auge reizen. Ich wette, der Schatten war kein optisches Objekt, sondern eine Reaktion deines Gehirns.“

„Unsinn! Was ich gesehen habe, ist eine reine Tatsache. Das darfst du mir bei unserem Beruf getrost glauben.“

„Na ja, als Solopilot im Satellitendienst bist du natürlich eine nahezu unfehlbare Person ...“

„Mischen Sie sich bitte nicht in dieses Gespräch, Fähnrich Henderson!“, schnarrte Maloney. „Vielleicht warten Sie, bis Sie gefragt sind.“

„Aye, aye, Sir! Ich wollte ja bloß helfen.“

Maloney wandte sich wieder Bliss zu.

„Wenn das Ding eine habe Seemeile entfernt war, wie groß müsste es dann sein?“

„Etwas größer als ein Viermotoriger Bomber.“

„Okay! Kommen Sie mit! Beide.“

Maloney stieg zur Brücke hinauf, wo Captain McAllister und ein Steuermannsmaat Dienst taten.

Bliss wurde aufgefordert, noch einmal alles genau zu erzählen. Er fasste sich sehr kurz dabei und war in zwanzig Sekunden fertig. McAllister war ein Mann schneller Entschlüsse. Er stellte keine Gegenfragen, sondern rief sofort die Seemessabteilung.

Aus dem Lautsprecher meldete sich Obermaat Evans.

„Backbord querab ist vor wenigen Minuten ein unbekannter Gegenstand ins Meer gestürzt. Versuchen Sie, die entstandene Flutwelle zu messen und die genaue Entfernung herauszubekommen!“

„Aye, aye, Sir!“

„Das könnte zu spät sein, Captain“, meinte Maloney.

„Ich fürchte es auch. Aber Wenn Bliss recht hat mit der haben Seemeile, dann ist Vorsicht geboten. Die WHALE ist noch nicht lange vorüber.“

Die beiden Fähnriche sahen sich verständnisvoll an, obgleich sie eigentlich sehr wenig von den Zusammenhängen begriffen. Sie waren sich lediglich darüber einig, dass das Geheimnis um die WFIALE mitspielte.

„Die Verständigung mit der WHALE war bis zum Schluss in Ordnung, Captain. Sie denken doch nicht an einen Angriff von dritter Seite?“

„In Friedenszeiten ist es beinahe absurd, so etwas zu denken. Und ich bin ehrlich genug, die Beobachtung des Fähnrichs für ein Hirngespinst zu halten. Die Verantwortung verlangt jedoch von einem Offizier, dass er selbst bei geringer Wahrscheinlichkeit alle Beobachtungen auswertet. Mit diesem Sicherheitsfaktor werden Sie immer gut fahren, meine Herren. Das gilt besonders für Sie, Fähnrich.“

Die beiden Offiziersanwärter nahmen Haltung an.

„Stehen Sie bequem“, winkte McAllister ab. „Maloney, lassen Sie bitte drüben anfragen, ob alles in Ordnung ist auf der WHALE!“

,Jawohl, Sir!“

Wenig später kam die Meldung, dass der andere U-Kreuzer seine Übung planmäßig beendet habe. Außer der SEAL habe man jedoch keine unbekannten Einheiten – weder auf dem Wasser, noch in der Luft – feststellen können. Man machte aber die Einschränkung, dass die Radarbeobachtung zur Zeit eingestellt sei.

„Genau wie bei uns“, meckerte McAllister. „Man soll eine Übung eben niemals als beendet betrachten. Wir haben einen Fehler gemacht, meine Herren. Merken Sie das?“

„Demnach halten Sie meine Beobachtung also doch nicht für ein Hirngespinst“, wagte Bliss einzuwerfen.

„Doch, doch, Fähnrich. Nur hätte ich es Ihnen bei lautendem Radar besser beweisen können.“

Bliss hielt es für unklug, weiter auf seiner Ansicht zu bestehen. Außerdem wusste er selbst nicht einmal, was er nun eigentlich gesehen hatte. Gewiss war es besser, er schlief erst einmal eine Nacht darüber. Nur der scharfe Schatten vor der Mondscheibe machte ihn so unruhig. Selbst wenn dieses Bild nur für den Bruchteil einer Sekunde existiert hatte, so war es aus seiner Erinnerung nicht mehr wegzudenken.

Der Captain hatte die Aufforderung zum Gehen auf der Zunge, als sich plötzlich Obermaat Evans meldete. An die Seemessabteilung hatte auf der Brücke niemand mehr gedacht.

„Bleiben Sie noch!“, rief McAllister, doch das war gar nicht nötig, denn was Evans zu sagen hatte, war immerhin interessant genug, um noch weitere Minuten der Nachtruhe zu versäumen.

„Sind Sie verrückt, Evans?“, brüllte der Captain. „Bliss hat Sie wohl angesteckt, was?“

„Die Messung ist völlig sicher, Sir! Ich habe sie soeben abgeschlossen. Und die Richtung stimmt ebenfalls mit Fähnrich Bliss Beobachtung überein.“

„Mein Gott, dann müsste der Ursprung ja meilenweit entfernt sein! Ich schlage vor, Sie rechnen alles noch einmal nach. Und dann geben Sie mir einen glaubhaften Bericht, verstanden?“

„Es gibt nichts nachzurechnen, Sir!“

Evans benahm sich mit einer Sicherheit, als sei er die Unfehlbarkeit persönlich. Das ließ McAllister stutzen.

„Schon gut, ich habe es zur Kenntnis genommen. Wenn Sie dennoch glauben, Korrekturen durchgeben zu müssen, so verschieben Sie das nicht auf morgen. Ende!“

Die Verbindung wurde unterbrochen, und die Offiziere auf der Brücke starrten sich sekundenlang wortlos an. Die kurzen Angaben, die Evans gemacht hatte, riefen bei jedem etwa dieselben Vorstellungen hervor. Sogar Bliss wäre jetzt lieber gewesen, einen tröstenden Einwand zu finden.

„Wenn Evans allein den Wellengang und die Störungen gemessen hat, dann kann man sich die Sache nur mit einem anderen Störungsfeld erklären.“

„Blödsinn!“, schnaufte McAllister. „Wollen Sie die Sache noch komplizierter machen, indem Sie noch ein paar andere unbekannte Körper ins Spiel bringen? Mir reicht dieser eine vollständig.“

„Sie sagten“, wandte sich Maloney an Bliss, „dass der Körper Bombergröße gehabt haben müsse, falls er eine habe Seemeile entfernt niedergegangen ist.“

„Jawohl, Sir! Es ist freilich nur eine Schätzung, aber die Differenz kann nicht sehr groß sein.“

McAllisters Knurren verriet, dass er noch weit davon entfernt war, sich zu beruhigen. „Hören Sie, mein Jüngling von der Luftwaffe. Evans behauptet, dass das Ding fünf Seemeilen entfernt niedergegangen ist. Demnach müsste es eine Größe von gut zweihundert Metern haben.“

„Jawohl, Sir!“

„Jawohl, Sir!“, äffte der Captain wütend. „Ein Flugzeug von zweihundert Metern Durchmesser! Wissen Sie, was das ist? Ein Irrsinn ist das. Oder sind Sie anderer Meinung?“

„Ich habe keine Erklärung, Sir. Es ist mir natürlich klar, dass man eine solche Größe höchstens bei einem Boliden erwarten kann. Aber ein Meteor, der in die Lufthülle der Erde eindringt, glüht auf. Der Gegenstand, den ich beobachtet habe, war jedoch dunkel. Wenn es sich um kein Flugzeug handelt, finde ich auch keine Erklärung. Eigentlich müsste es ein Flugzeug gewesen sein ...“

„Eigentlich! Eigentlich! Und wer soll es gebaut haben? Ich bin zwar nur von der Marine. Aber soweit ich unterrichtet bin, hat man auf dieser Erde noch keine größeren Raumschiffe gebaut, die mit solch einem Apparat zu vergleichen wären.“

„Natürlich nicht, Sir.“

image
image
image

2

image

Bliss hatte mit seiner Beobachtung eine sonderbare Stimmung an Bord erzeugt. Er war an jenem Abend mit sehr gemischten Gefühlen in die Koje gekrochen und musste es sich an den folgenden Tagen gefallen lassen, dass man ihm im Kasino eine Menge lächerlicher Fragen stellte. Es war klar, keiner nahm ihn ernst – bis auf McAllister und Maloney, die mit auf der Brücke gestanden hatten.

Ähnlich war es bei den Unteroffizieren und Mannschaften. Dort musste Evans herhalten, der für seine Wellenberechnung von den Maschinisten sogar einen Orden aus Pappe verliehen bekam. Dieser Orden stellte eine fliegende Untertasse dar, aus deren Schleusen mehrere schieläugige Marsmenschen ihre hässlichen Köpfe reckten.

Evans war ein geduldiger Büffel. Er trug die Pappe, solange es den anderen Spaß machte. Drei Tage nach dem Vorfall ging er zu Fähnrich Bliss, nachdem er sich überzeugt hatte, dass dieser allein war.

„Ich muss Sie sprechen, Fähnrich. Haben Sie einen Augenblick Zeit?“

„Für Sie bestimmt. Kommen Sie herein.“

„Danke! Ja, also – ich will Sie nicht lange aufhalten ...“

„Mensch, setzen Sie sich und reden Sie! Sie kommen wegen unserer gemeinsamen Beobachtung. Ich kann nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass wenigstens Sie dieses sogenannte Hirngespinst unterstützen.“

„Und trotzdem machen wir uns lächerlich. Die Leute nehmen anscheinend überhaupt nicht zur Kenntnis, dass unsere getrennten Feststellungen durch das gleiche Ergebnis so gut wie ein Beweis sind.“

„Nun, so ist es nicht. Man macht zwar seine Witze über uns. Aber offiziell wird die Sache keineswegs für so lächerlich gehalten. Der Captain hat sofort die Admiralität verständigt und auf Anforderung die ermittelten Daten durchgegeben. Wahrscheinlich wird man sich in der Abteilung für unbekannte Flugobjekte damit beschäftigen.“

Evans holte seinen zerknitterten Orden hervor. „Denken Sie auch an so etwas?“

„Ufos?“, machte Bliss gedehnt. „Warum nicht? Wissen Sie, ich habe nie sehr viel von dieser Fabel gehalten. Aber wenn ich bedenke, dass der Apparat zweihundert Meter lang oder gar im Durchmesser sein soll, dann bleibt bald keine andere Deutung mehr übrig.“

„Wenn man uns bei der Admiralität ernst nimmt“, fuhr Evans fort, „dann sollte man auf jeden Fall Vermessungs- oder Bergungsschiffe herschicken. Ich weiß, der Pazifik ist hier mehr als fünftausend Meter tief. Aber trotzdem ...“

„Natürlich, ich weiß, was Sie meinen. Sie denken an eine Bergung des Objekts. Wenn es gelingt, an der vermessenen Stelle tatsächlich einen unbekannten Flugkörper oder sonst etwas ans Tageslicht zu fördern, so hätten wir den besten Beweis für die Richtigkeit unserer Angaben.“

„Freilich. Aber wenn Sie meinen, es ginge mir lediglich darum, mich zu rehabilitieren, dann stimmt das nicht ganz. Bedenken Sie, Fähnrich, dieses Objekt hatte die Ausmaße eines Boliden. Ihre Angaben decken sich weitgehend mit meinen Messungen ...“

„Ohne Weiteres“, nickte Bliss. „Aber ... sind diese Messungen wirklich genau genug?“

Evans machte ein leicht beleidigtes Gesicht. „Ihr Luftwaffenleute traut uns wohl nicht ganz?“

„Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe die Exaktheit eurer Echolotung immer bewundert. Aber vergessen Sie nicht den Seegang. Die lange Dünung muss bei Ihren Untersuchungen doch sehr störend wirken.“

„Natürlich stört sie. Doch letzten Endes ist das nichts als eine Überlagerung. Wellen sind Wellen. Die Grundgesetze gelten überall, ob es sich nun um Schall, Elektrizität oder Wasser handelt. Wenn Sie einen Stein ins Wasser werfen, um den sich dann die Wellen kreisförmig ausdehnen, dann haben Sie auch Werte für Frequenz, Stromstärke, Spannung, Widerstand, Wellenlänge und so weiter. Ich kann somit sehr genau Rückschlüsse auf den Ursprungsherd der Wellenbewegung schließen. Ich kenne die Koordinaten, die annähernde Größe des Objekts und sogar die Geschwindigkeit, mit der es ins Meer tauchte. Ein abstürzendes Ufo wäre nach meiner Meinung die beste Erklärung. Sie haben es doch mit eigenen Augen gesehen, Bliss. Gerade Sie müssten also das Phänomenale an dieser Erscheinung würdigen können.“

„Das tue ich ja“, beteuerte der Fähnrich. „An die Theorie der abgestürzten Untertasse habe auch ich schon gedacht. Aber sie ist nicht wieder aufgetaucht und müsste demnach ein massiver Körper sein. Ein luftdichtes Raumfahrzeug hätte wieder auftauchen müssen. Ich selbst habe das Gebiet am nächsten Tage noch mehrere Male überflogen und nicht das Geringste feststellen können. Deshalb frage ich mich andauernd, ob unsere Vorgesetzten nicht viel besser Bescheid wissen und uns nur deshalb nichts verraten, weil uns die Sache nichts angeht.“

„Unsinn! Bei der neuen Abwehrwaffe handelt es sich um einen Absorptionsschirm, mit dem man ganze Schiffe unsichtbar und unmessbar machen kann. Sie haben es mit der WHALE selbst erlebt, die nachweislich am uns vorbeigefahren ist, ohne dass man sie optisch oder durch Radar feststellen konnte. Diese Sache ist jedoch völlig anders gelagert, dass sie mit dem abgestürzten Körper unmöglich etwas zu tun haben kann. Und – glauben Sie mir – die Ratlosigkeit unserer Offiziere ist nicht gespielt. Sie ist echt. Sie selbst haben gesagt, dass man der Admiralität Meldung erstattet hätte.“

„Vielleicht eine Finte. Man will etwas unter allen Umständen geheim halten ...“

„Das reden Sie sich ein, um Ihre eigene Unruhe zu besänftigen. In Wahrheit glauben Sie selbst nicht an das, was Sie sagen.“

„Schon möglich“, nickte Bliss. „Man muss halt abwarten.“

image
image
image

3

image

Die beiden hatten noch eine Weile über ihr seltsames Thema gesprochen, als Bliss vom Kommandanten gerufen wurde. Seltsamerweise verriet McAllister am Lautsprecher nicht, worum es sich handelte. Er erwartete den Fähnrich auf der Brücke.

„Sie kennen das Makari-Atoll ...“

„Jawohl, Sir! Die unsichtbare Insel.“

„Die – was?“

„Verzeihung, Sir. Ich meine den Flottenstützpunkt, mit dem wir vorgestern die Übung mit dem neuen Absorptionsschirm durchführten.“

„Okay! Die Lage ist folgende. Seit zwanzig Minuten ist die Funkverbindung unterbrochen. Sie fliegen sofort die Insel an und melden sich bei Captain Hornley. Machen Sie sich startklar! Ich gebe Ihnen eine Depesche mit, die ich inzwischen vorbereiten lasse. Sie können gehen!“

Wenig später schoss das Bordflugschiff vom Katapult und stieg flügellos in den blauen Himmel. Bliss nahm sofort Kurs Nord-Nordwest und war schnell am Horizont verschwunden.

Nach einer kurzen Verständigung mit der SEAL wurde die Funkverbindung unterbrochen, und der Fähnrich war mit seiner Maschine allein zwischen Wasser und Himmel.

Diese Augenblicke ließen ihn den Zwang seiner halbjährigen Dienstzeit bei der Marine vergessen.

Wenn er die SEAL hinter sich hatte und losgelöst von der Dünung des Pazifik in die scheinbare Endlosigkeit jagte, dann war er in seinem Element. Fliegen, fliegen, fliegen! In der engen Kabine seiner schlanken „Kiste“ empfand er die Einsamkeit als etwas Wohltuendes. Mit dem Zwang des Dienstes hatte das nichts mehr zu tun. Hier war er freier als irgendwo anders.

Die SEAL versank unter der Kimm. Jetzt gab es nur noch Wasser, Himmel und die übermütig singende Rak. Nein, es gab noch etwas. Die Depesche in der linken Brusttasche. Bliss fühlte mit der Hand das knisternde Papier des Umschlages. Und er musste an seine Aufgabe denken.

Das Makari-Atoll antwortete nicht mehr. War das auch wieder eine Übung? Wollte man ihn testen, ohne zu verraten, worum es eigentlich ging? Vor zwei Tagen hatte man eine ähnliche Übung durchgeführt wie damals mit der WHALE. Diesmal hatte man eine ganze Insel unsichtbar gemacht, und Fähnrich Bliss war darüber hinweggeflogen und hatte nur Wasser ausgemacht. Nichts als Wasser.

Heute behauptete man, dass eine solche Übung mit Absorptionsschirmen nicht auf dem Programm stände. Und doch gab der Stützpunkt auf dem Makari-Atoll keine Antwort.

Bliss musste wieder an den unbekannten Flugkörper denken. Er war immer noch versucht, dieses Rätsel der Geheimniskrämerei des Flottenkommandos und seiner Vorgesetzten zuzuschreiben. Aber er zog auch die Bedenken des Seemessmaates Evans in Betracht. Die neue Abwehrwaffe und der stürzende Körper waren zwei Erscheinungen, die man selbst mit der großzügigsten Phantasie nicht unter einen Hut kriegen konnte.

Ein Anruf von der SEAL riss ihn aus seinen Gedanken. McAllister wünschte einen Lagebericht. Dass er einige Minuten zu früh damit kam, war ein Beweis für seine Nervosität. Also doch kein Geheimtest für mich, rekapitulierte Bliss. Die anderen sind genauso dumm wie ich. Diese Feststellung beruhigte ihn jedoch nicht. Das Rätsel wurde nur noch größer dadurch.

„Makari-Atoll noch nicht in Sicht!“, meldete Bliss. „Befehlen Sie, dass ich höher gehe, Sir?“

„Lassen Sie das! Sie sollen landen und nicht zum Mond fliegen.“

„Aye, aye, Sir!“

Fähnrich Gordon Bliss starrte auf den Horizont. Es konnte sich nur noch um Minuten handeln. Um eine Minute, um Sekunden.

Er erwartete sanfte Hügel, einen weißen Strand und einen Korallenring. Und außer der Romantik vielleicht einen Flugplatz, ein paar Baracken und Menschen in Uniform. Doch weder das eine noch das andere kündigte sich an. Er nahm ein Schnellbesteck auf. Aus dem Lautsprecher kam die ungeduldige Stimme des Captains. Bliss gab seinen Standort durch. Er fühlte sich nicht ganz wohl dabei. Denn jetzt musste er längst die Insel dm Blickfeld haben, wenn er sich nicht verfranzt hatte.

„Was haben Sie mir zu sagen, Fähnrich?“, donnerte McAllisters Stimme.

„Ich – ich kann keinen Fehler Finden, Sir. Aber ich sehe das Riff nicht. Können Sie vielleicht meinen Kurs durch Radar überwachen?“

„Ihr Kurs ist in Ordnung. Aber machen Sie Ihre Augen auf! Sie müssen doch genau über der Insel sein.“

„Ich sehe nichts, Sir! Beim besten Willen ...“

„Menschenskind! Sind Sie blind? Wieso sehen Sie nichts? Ist es bei Ihnen dunkel geworden?“

„Nein. Ich sehe Wasser und Wolken, aber kein Land. Ich verstehe es nicht, Sir. Sie müssen Ihren Absorptionsschirm eingeschaltet haben.“

„Auf Ihre Kommentare lege ich keinen Wert, Bliss. Ich möchte Ihnen nur raten, dass Sie die Insel finden. Damit Sie genau orientiert sind: der Absorber befindet sich seit zwei Tagen wieder an Bord der WHALE, und niemand auf Makari ist in der Lage, sich unsichtbar zu machen. Also, suchen Sie! Oder soll ich Ihnen Henderson nachschicken, damit er Ihnen die Augen öffnet?“

Bliss war so aufgeregt, dass er frech behauptete, Henderson würde auch nicht mehr finden als er.

„Ich gehe auf hundert Meter Flughöhe und kreuze über dem Zielgebiet. Bleiben Sie bitte auf Empfang.“

„Ich danke für den Rat“, machte der Captain giftig, und Bliss merkte jetzt erst, dass er sich in seiner Hilflosigkeit reichlich kollegial McAllister gegenüber benahm. Wütend nahm er einige Schaltungen vor und jagte die Maschine fast im Sturzflug nach unten. Dicht über dem Wasser fing er sie ab. Doch eine Insel, die sich aus zweitausend Metern Höhe nicht ausmachen lässt, wird auch nicht auf hundert Meter sichtbar. Das Riff war verschwunden. Nicht die geringste Spur verriet, dass es jemals bestanden hatte, obgleich man auf der SEAL noch vor einer knappen Stunde in Funkverbindung mit der Insel gewesen war. Und bis diese abriss, hatte von dort niemand etwas von einer nahenden Gefahr erwähnt.

Bliss war verzweifelt. Er stellte mehrere Male hintereinander seinen Standpunkt fest und kam immer zu demselben Ergebnis. Er befand sich dort, wo die Seekarten das Makari-Atoll verlangten. Verwirrt wiederholte er schließlich den Befehl McAllisters, der ihn auf die SEAL zurückholte.

Unterwegs begegnete ihm Henderson mit seiner Maschine. Na gut, man traute ihm nicht. Aber Henderson würde genauso wenig finden. Dieser Gedanke wurde ihm plötzlich zur Gewissheit. Und er behielt recht.

Als die beiden Fähnriche nach der misslungenen Aktion zum Kommandanten gerufen wurden, erwarteten sie ein Donnerwetter und einigten sich bereits vorher auf eine zurückhaltende Sturheit.

„Wir haben beide nichts gesehen“, flüsterte Henderson kurz vor dem Aufgang zur Brücke. „Der Knabe kann sich auf den Kopf stellen. Ich bleibe bei meiner Aussage.“

„Was willst du sonst tun? Die Insel ist verschwunden. Wie – das sollen die Experten feststellen.“

Das erwartete Donnerwetter kam nicht. Denn die Brücke hatte Besuch von Admiral Ferguson bekommen, der wie immer eine gedämpfte Atmosphäre um sich verbreitete. Allerdings war nicht seine Anwesenheit allein schuld an den betretenen Gesichtern der Männer. Bliss stellte bald fest, dass sämtliche Offiziere des Flaggschiffes auf der Brücke waren. Und er schöpfte Hoffnung.

McAllister meldete dem Admiral die Anwesenheit von fünfzehn Offizieren der SEAL und trat in den Kreis zurück.

Ferguson räusperte sich kurz und erklärte: „Sie sind über die Vorgänge um das Makari-Atoll orientiert meine Herren. Jedenfalls, soweit man bei der augenblicklich noch völlig ungeklärten Lage etwas dazu sagen kann. Es ist als absolut sicher anzusehen, dass die Insel innerhalb von wenigen Minuten im Meer verschwunden ist. Die Besatzung unseres dortigen Stützpunktes hat nicht einmal Zeit gehabt, einen Notruf abzusetzen. Ebenso konnten die dort stationierten Boote und Flugzeuge nicht gestartet werden. Man darf nach Lage der Dinge nicht damit rechnen, noch Überlebende zu bergen. Dennoch wird alles getan, um das Katastrophengebiet abzusuchen. Wir befinden uns hier in einer seismisch regen Zone. Es ist anzunehmen, dass das endgültige Untersuchungsergebnis das Unglück durch ein Seebeben erklären wird. Doch wir müssen in dieser Beziehung Geduld haben. Ich bitte Sie, meine Herren, in einer Minute des Schweigens der Toten zu gedenken ...“

image
image
image

4

image

Bliss und Henderson waren unmittelbar nach dem Admiralsappell zu Evans gegangen und hatten ihm von der kurzen Ansprache erzählt.

Der fand nur eignen boshaften Kommentar zu der Sache. „... seismisch rege – ist gut! Hat der Alte nichts von meinem Gutachten erwähnt, das er bei mir angefordert hatte? Wenn im Pazifik eine Insel versinkt, dann schreibt jedes Kind diese Tatsache einem Seebeben zu. Aber ich sage Ihnen, es war kein Seebeben! Es war eine Hexerei. Mein Seismograf hat die Sache genau aufgezeichnet. Und dennoch dauerte das ganze Drama nicht länger als fünf Sekunden. Ich habe die Messungen auf das Wasser ausgedehnt. Wenn eine Insel verschwindet, entsteht bekanntlich ein enormer Sog. Der, den ich festgestellt habe, war nicht größer, als wenn ein zehntausend-Tonnen-Schiff versinkt.“

Henderson nickte ernst. „Haben Sie eine Erklärung, Maat?“

„Leider nicht. Ich weiß nur, dass alle bisher gefundenen falsch sein müssen ...“

Die beiden Fähnriche und der Seemessmaat hatten auf Grund ihrer Spezialausbildung das zweifelhafte Vergnügen, noch am gleichen Tage zu einer Sondersitzung gerufen zu werden. Captain McAllister war blasser als je zuvor. Er verlas ohne schonende Einleitung einen Bericht der Admiralität, der frisch aus dem Funkschapp kam.

Demnach war das Versinken der Makari-Insel nicht das einzige Vorkommnis dieser Art. Am gleichen Tage waren das Kiu-lao-Atoll und die ganze Riffgruppe Nonouti verschwunden. Erste Radarlotungen vom Flugzeug aus hatten an diesen Stellen unmittelbar darauf Meerestiefen bis zu dreitausend Metern ergeben.

„Allein diese Tatsachen lassen kaum noch eine seismische Erklärung zu. Ich nehme an, das ist auch Ihre Meinung, Evans.“

„Wie ich schon in meinem Gutachten über das Makari-Atoll sagte, Sir. Wenn wir dann noch die drei Unruheherde geografisch vergleichen, so müsste schon ein seltsamer Zufall mit im Spiel sein. Die Wahrscheinlichkeit spricht durchaus dagegen, dass an diesen drei Stellen gleichzeitig Seebeben von dieser Stärke auftreten. Die Konstellation der Erscheinungen lässt nach meiner Meinung nur den Schluss zu, dass es sich hier um gelenkte Katastrophen handelt.“

Ein ersticktes Lachen war die Antwort. Es kam von Maloney.

„Sie wollen doch wohl nicht sagen, Evans, dass Menschen hinter der Sache stecken. Selbst wenn Ihre Ansicht rein technisch vertretbar wäre, woher wollen Sie unsere Feinde kriegen, nachdem die politische Situation auf der Erde bestens geregelt ist?“

„Es müssen nicht Menschen sein, Sir.“

Maloney setzte noch einmal mit seinem arroganten Lächeln ein.

„Fragen Sie Bliss oder Henderson. Die werden Ihnen verraten, dass der Mond unbewohnt ist. Denn Sie kleiner Phantast denken doch bestimmt an eine Invasion aus dem Weltall, nicht wahr? Oder glauben Sie vielleicht, dass sich die Affen von Indonesien inzwischen zu einer Überkultur entwickelt haben?“

„Mit Ihrer Ironie kommen wir nicht weiter“, schaltete sich der Captain ein. „Was wollten Sie sagen, Evans?“

Der Maat dachte an seine verrückte Andeutung und fühlte sich nicht sehr wohl unter den Blicken, die sich auf ihn konzentrierten.

„Natürlich dachte ich nicht an Affen. Auch an keine Mondbewohner. Ich möchte daran erinnern, dass seit Jahren die Invasionsmöglichkeit von anderen Planeten im Zusammenhang mit dem Ufo-Problem ernsthaft diskutiert wird. Also sollte man diese Vermutung durchaus nicht von sich weisen, nur weil man nicht in den Ruf eines unrealistisch denkenden Zeitgenossen geraten will. Ein wesentlicher Faktor bei meiner Überlegung ist das scheinbar zufällige Zusammentreffen zweier Vorfälle, die beide gleich rätselhaft erscheinen. Über das Verschwinden der Inseln sollten wir nicht Fähnrich Bliss’ Beobachtung vor fünf Tagen vergessen. Auch hier fiel scherzhaft der Verdacht auf fliegende Untertassen. Wenn es nun kein Scherz wäre, so müsste sich irgendwie ein Zusammenhang finden lassen. Auf jeden Fall halte ich es für falsch, beide Phänomene von vornherein als unabhängig voneinander zu bezeichnen.“

„Die Invasionstheorie an sich ist durchaus nicht so lächerlich, wie man sie gemeinhin bezeichnet“, erklärte der Captain. „Allerdings möchte ich in diesem Falle zu bedenken geben, dass es wenig sinnvoll ist, einen Angriff auf unsere Weltmeere zu erwarten. Gesetzt den Fall, die Invasoren wären Venus- oder Marsbewohner. Sie müssten sich ausschließlich auf die Landmassen dieser Planeten konzentrieren . . .“

„Wieso müssten sie das?“

Die Frage war Gordon Bliss herausgerutscht. Doch Captain McAllister lächelte nur über die Heftigkeit seines Nachwuchsoffiziers.

„Weil auf beiden Planeten aller Voraussicht nach akuter Wassermangel herrscht. Ich kann mir also nicht vorstellen, dass sich dort Intelligenzwesen auf machen, um hier unsere Meere zu erobern. Sie dürften durchaus wasserscheu sein.“

„Auf den Mars trifft das zu, Sir“, sagte Bliss gemessen. „Doch unsere Venusforschung ist längst nicht so weit, dass man sich ein abschließendes und endgültiges Urteil erlauben kann. Die einen behaupten, auf der Venus toben Sandstürme und herrsche Trockenheit, die anderen sagen das Gegenteil, nämlich, das die Venus ein reiner Wasserplanet sei.“

„Ich kenne keine spektroskopische Untersuchung, die Wasser oder Sauerstoff auf der Venus nachgewiesen hat, Fähnrich. Wie wollen Sie mich da von Ihrer vagen Theorie überzeugen?“

„Das Spektroskop reicht nur bis an die äußeren Schichten der Venusatmosphäre, Sir. Die dort herrschende Kälte dürfte alles Wasser zu Eiskristallen gefrieren lassen. Diese sind aber in einem Spektrum niemals aufzufinden. Man müsste schon bis zu dem Wasserdampf der Wolken vordringen. Und das ist uns mit den augenblicklichen technischen Mitteln noch nicht möglich. Die Astronomen kommen nicht weiter. Wenn eine kurzfristige Klärung dieser Frage erreicht werden kann, so nur durch die Raumfahrt.“

„Ein Hoch auf die Air Force!“, stichelte Leutnant Maloney, winkte aber sofort versöhnlich ab, als er Hendersons bissigen Blick sah.

„Es ist gut, meine Herren“, erklärte McAllister. „Es ist nicht der Sinn unseres Gesprächs, hier Invasionstheorien oder sonstige Erklärungen für die rätselhaften Ereignisse zu finden. Prinzipiell soll das nicht heißen, dass wir uns nicht damit beschäftigen. Schließlich sind wir durch besondere Umstände unmittelbar an den Geschehnissen beteiligt. Vor allem werden uns die kommenden Tage jedoch zusätzliche Aufgaben bringen. Die Elfte Flotte hat Befehl, sich weiter in diesen Gewässern aufzuhalten. Der Admiral befindet sich zur Zeit auf dem Flug in die Staaten und wird dort Besprechungen mit dem Präsidenten führen. Das Flottenkommando führt im Augenblick Vize-Admiral Wolfe auf der WHALE. Inzwischen wird unsere Aufgabe sein, diesen Raum des Pazifik auf fünfhundert Meter Tiefe zu beobachten. Ich möchte Sie bitten, meine Herren, in Ihren Abteilungen die notwendigen Vorbereitungen zu treffen, damit notfalls ein sofortiges Tauchen durchgeführt werden kann. Leutnant Maloney, die Fähnriche und Obermaat Evans bleiben bitte noch einen Augenblick. Ich danke Ihnen.“

Neun Offiziere verließen den Raum.

„Rücken Sie etwas zusammen!“, sagte McAllister zu den anderen. Er holte eine Zigarre aus der Tasche und gab Raucherlaubnis. Bliss dachte für sich, dass es jetzt entweder einen gemütlichen Casinoabend, oder eine heiße Einsatzsitzung geben würde. Er tippte auf das Letztere. Und hatte recht.

„In vier oder fünf Stunden erwarben wir Unterstützung der Luftwaffe“, erklärte der Captain. „Mr. Muir wird Ihnen das Weitere auseinandersetzen ...“

Er drückte auf einen Knopf und erklärte der eintretenden Ordonnanz, dass Mr. Muir kommen möge. Dieser Mann war ein Zivilist, dessen Anwesenheit auf der SEAL sich niemand so recht erklären konnte. Allerdings waren im Laufe des Tages mehrere Flugzeuge auf und neben dem U-Kreuzer gelandet, so dass es sich hier nicht unbedingt um ein neues Phänomen handeln musste. Es war wohl lediglich die Tatsache, dass hier jemand in einem grauen Einreiher auftauchte, die die Uniformträger im ersten Augenblick stutzen ließ.

Der Captain machte die Herren miteinander bekannt. Mr. Muir blieb im Gegensatz zu den anderen Dienstgraden schlicht und einfach Mr. Muir. McAllister sagte noch, dass er aus dem Pentagon komme. Das war eben auch alles. Jeder konnte sich in seiner Phantasie selbst ausmalen, ob er diesen Mann nun für einen Senatoren, für einen General in Zivil oder einen technischen Beamten hielt.

Man setzte sich.

„Was Sie hier zu hören bekommen, ist Top Secret, meine Herren. Wir verstehen uns.“

Es war wie eine Frage gesprochen. Aber es klang nicht so. Es klang wie eine Feststellung. Bliss fühlte sogar so etwas wie eine Drohung dahinter. Doch das war selbstverständlich nur Einbildung. Mr. Muir hatte zwar die unpersönlichen Augen eines Roboters. Ganz bestimmt war er aber keiner. Die Männer nickten automatisch.

Muir fuhr fort. „Sie haben selbst fünf Tage lang über die Vorfälle in diesem Seegebiet diskutiert. Ich brauche daher hierauf nicht mehr näher einzugehen. Für uns kommt es darauf an, diesen Dingen auf den Grund zu gehen ...“

Muir brachte sogar ein verstecktes Lächeln zustande, als er betont zu Henderson und Bliss hinübersah.

„Die Zusammenarbeit zwischen der Luftwaffe und der Marine hat sich, wie ich annehmen darf, schon gut eingespielt. Sind Sie bereits im Untersee-Einsatz gewesen?“

Henderson bejahte. „Einige Male mit Ein-Mann-Raketen.“

„Wie tief sind Sie gekommen?“

„Hundertfünfzig Meter. Mehr halten die Druckkörper nicht aus.“

„Es gibt bessere Druckkörper, meine Herren. Sie werden noch in dieser Nacht hier sein. Da es sich um Mehrzweck-Fahrzeuge handelt, brauchen wir Piloten zu ihrer Bedienung. Steuermänner sind weniger geeignet ...“

McAllister machte ein süßsaures Gesicht, unternahm aber nichts gegen Muirs Voreingenommenheit.

Maloney wagte dagegen eine Frage.

„Unsere Spezial-Tauch-Raketen schaffen hundertfünfzig Meter, Sir. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet Mehrzweckapparate besser sein sollen. Ich meine im Hinblick auf den Wasserdruck.“

„Es ist aber so. Sie sind offenbar der Meinung, dass Ihre Tauchtorpedos in erster Linie vor dem Überdruck haltmachen. Ich darf Ihnen als Techniker sagen, dass die Schwierigkeit in großen Tiefen der Antrieb ist. Abgesehen von Elektromotoren hat es da unten bisher kein Universaltreibmittel gegeben. Wir haben es jetzt ...“

Mehr sagte Muir dazu nicht.

„Ich komme jetzt zu der eigentlichen Aufgabe. Die drei bisher beobachteten Katastrophen lagen im Gebiet zwischen den Gilbert- und den Marshal-Inseln. Ihre Arbeit wird es sein, die Tiefsee auf diesem Meridian zwischen fünf Grad Süd und zehn Grad Nord nach Erscheinungen abzusuchen, die geeignet sind, die Vorfälle zu erklären.“

„Die Tiefsee?“, machte McAllister ungläubig. „Wir haben bereits versucht, durch Echolotungen etwas festzustellen. Das einzige Ergebnis war, dass das Makari-Atoll jetzt fünftausend Meter tief liegen muss.“

„Ich sprach nicht von Lotung“, erklärte Muir. „Die neuen Maschinen werden selbst bis in diese Tiefe vordringen ...“

Ein helles Geräusch verriet, dass sich einer verschluckt hatte. Maloney blickte strafend auf Evans.

„Was Sie sagen, klingt sehr phantastisch, Mr. Muir. Wenn ich nicht wüsste, dass Sie aus dem Pentagon kommen, wäre ich zu einer handfesten Diskussion aufgelegt. Trotzdem möchte ich Sie bitten, uns eine kurze Erklärung dazu zu geben. Denn es ist nicht gut, wenn meine Leute mit Dingen zu tun bekommen, deren technische Verwirklichung ihnen unmöglich erscheint.“

Wieder kam das sparsame Lächeln des Zivilisten zum Vorschein.

„Wie sieht es auf der Venus aus, Captain?“

McAllisters Augen wurden um einen haben Zentimeter größer. Er ließ sich nur ungern examinieren, machte bei Muir aber schließlich eine Ausnahme.

„Es ist noch nicht lange her, da hatte ich einen Disput mit Fähnrich Bliss über dieses Thema. Er wollte mich überzeugen, dass die Venus eine Panthalassa, also ein Wasserplanet sei. Ich vertrat die Ansicht, auf der Venus wäre es knochentrocken und stürmisch wie bei einem Samum in der Sahara.“

Muir nickte bestätigend.

„Ein ähnlicher Streit besteht auch in der Fachwelt. Endgültiges hat noch keiner sagen können. Es steht nur fest, dass eine der beiden Möglichkeiten zutrifft. Aus diesem Grande sind die Vorbereitungen für einen Raumflug nach der Venus seit Jahren sozusagen zweigleisig durchgeführt worden. Ein großes Team der Luftwaffe hat Raumfahrzeuge entwickelt, die im All genauso fahren können wie unter Wasser.“

„Also handelt es sich bei Ihrer Überraschung heute Nacht um solche Apparate?“

„Allerdings.“

„Dann verstehe ich nicht, dass Sie nicht längst einen Flug zur Venus unternommen haben, um endlich einmal die vorhin aufgeworfene Streitfrage zu klären. Man könnte sich damit doch tatsächlich viel Arbeit ersparen.“

„Uns fehlte das Schiff, das genügend groß ist, um sich selbst und außerdem Menschen und Material in die Nähe der Venus zu schießen. Die Mehrzweckfahrzeuge sind kleine Apparate, die im Raumschiff mitgeführt werden müssen, damit man sie später aus einer Kreisbahn auf den Planeten bringt. Wenn Sie nun von der Annahme ausgehen, dass die gesamte Oberfläche der Venus aus Wasser besteht, dann bleibt gar keine andere Wahl, als diese Raumtaxis als Mehrzweck-Raketen zu konstruieren.“

„Das ist verständlich“, nickte McAllister. „Und wie steht es mit dem Raumschiff selbst? Existiert es bereits?“

„Man baut daran“, sagte Muir knapp. Diesmal ohne jedes Lächeln. Und das bedeutete, dass er in dieser Richtung kaum noch eine Frage hören wollte.

Bliss und Henderson tuschelten in diesem Augenblick im Hintergrund.

„Wenn Sie etwas zu sagen haben, dann tun Sie es laut“, knurrte Leutnant Maloney mit einem Anflug von Kasernenhofton.

Bliss richtete sich auf.

„Ich sagte, dass wir jetzt doch wenigstens eine glaubwürdige Erklärung für die ins Wasser getauchte Untertasse hätten. Wenn unsere Luftwaffe Mehrzweckraketen in dieser Arbeit bereits in Dienst hat, so dürften ähnliche Konstruktionen auch anderen Nationen gelungen sein.“

„Was für andere Nationen sollten das sein?“, fragte McAllister.

„Nun, irgendwelche. Ich habe keine Anhaltspunkte.“

„Sie haben aber selbst geschätzt, dass das von Ihnen beobachtete Objekt einen Durchmesser von annähernd zweihundert Metern gehabt haben müsse. Trauen Sie den anderen in Ostasien oder sonstwo diesen Vorsprung zu?“

„Es wäre nicht das erste Mal“, sagte Mr. Muir sarkastisch. Und weil er es sagte, hatte der Captain nichts dagegen einzuwenden.

image
image
image

5

image

Gegen Mitternacht wasserte ein Stratosphären-Transporter neben der SEAL. Während des Verladens der beiden angekündigten neuen Tauchapparate waren kaum Menschen an den Decks zu sehen. Die Arbeit wurde von aus dem Inneren gelenkten Kränen geleistet. McAllister hatte nur den Leuten die Erlaubnis zum Aufenthalt an Deck gegeben, die unmittelbar mit der geplanten Aktion zu tun hatten.

Die beiden Fähnriche und Evans standen an der Reling und beobachteten, wie die neuen Flug-Schwimm-Geräte auf die beiden frei gemachten Katapulte gesetzt wurden. Sie hatten erschreckend wenig Ähnlichkeit mit den schlanken Raketen, wie man sie aus dem Zubringerdienst für die Erdsatelliten kannte. Sie waren kurz und gedrungen. Wie dicke fette Regentropfen unter einem millionenfachen Vergrößerungsglas.

„O weh“, meckerte Henderson. „Sie sind nicht nur eine Promenadenmischung, sie sehen auch so aus.“

Wenig später verging ihm das Lästern. Mr. Muir war herangekommen und bat die drei zum Katapult hinauf. Eine Stunde lang erteilte er theoretischen Unterricht, bei dem sich herausstellte, dass bei der Bedienung dieser neuen Wundertropfen doch allerhand Neues zu beachten war, wenngleich die Bedienung im Prinzip der der alten U-Raks ähnelte.

Dann machten Muir und Henderson eine erste Probefahrt. Vom Katapult geschleudert, zündeten sie in hundert Meter Entfernung den eigenen Antrieb, stiegen steil hoch, über schlugen sich zu einem haben Looping und stürzten beinahe senkrecht ins Meer.

„Genau wie das Ding vor fünf Tagen“, murmelte Bliss.

„Nur, dass das andere größer war“, wiederholte Evans McAllisters Bedenken. „Meinst du, dass irgendwer auf diesem Planeten solche Pötte baut?“

Bliss nahm die plötzlich so kollegiale Anrede des Maats mit Zufriedenheit hin. Der junge Offiziersnachwuchs liebt manchmal solche Vertrautheiten der alten Unteroffiziere, die zwar weniger Aussichten auf Beförderung, dafür aber ein gutes Maß an Erfahrungen mehr haben.

„Wenn irgendein Land tauchfähige Riesengeräte bauen kann, dann ist das eine Gefahr für uns“, sagte Fähnrich Bliss. „Verdammt! Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken. Seit Mr. Muir uns diese beiden Zwerg-Schwimmer gebracht hat, will ich nicht mehr so recht an die Ufos glauben. Das ist immer ein heikles Kapitel gewesen. Die Erklärung, dass es sich um Erzeugnisse dieser Erde handelt, klingt jedenfalls realistischer.“

„Gefährlich ist eins wie das andere“, sagte Evans. „Sie haben Land vernichtet. Und zwar nur britisches und US-amerikanisches Hoheitsgebiet.“

„Wir werden es feststellen“, tröstete Gordon Bliss. „Du fährst mit mir. Ich freue mich, dass Muir so entschieden hat. Wir werden ein gutes Gespann sein.“

„Ich denke auch“, nickte Evans. „Da kommen sie zurück. Offenbar hat alles geklappt. Ich bin nur gespannt, wie tief sie gewesen sind.“

Die U-Rak war in geringer Entfernung aus dem Wasser geschossen und nahm sofort Kurs auf die SEAL, neben der sie kurze Zeit später wasserte. Automatische Hebewerkzeuge brachten sie auf das Katapult zurück. Winkend stiegen Muir und Henderson aus. Der Fähnrich war etwas blass im Gesicht. Aber er lächelte, und in seinen Augen lag etwas von Begeisterung.

„War es schlimm?“, fragte Bliss skeptisch.

„Das Fahren ist eine Sache, die du in fünf Minuten heraus hast. Den Rückflug habe ich ganz allein gemacht, nicht wahr, Mr. Muir?“

Der Zivilist aus dem Pentagon nickte mit einem Gesichtsausdruck, der freundlich sein sollte. „Nur den Übergang vom Wasser in die Luft müssen Sie noch wesentlich gleitender machen. Damit Sie es gleich wissen, Bliss, dieser Apparat entwickelt eine Geschwindigkeit von fünfundachtzig Seemeilen unter Wasser. Mit diesem Tempo müssen Sie auch auftauchen. Wenn Sie sich da keine Gehirnerschütterung holen wollen, dann müssen Sie auf Sekundenbruchteile genau die Fahrt herunternehmen und in der Luft dann wieder langsam beschleunigen ...“

Fähnrich Henderson wollte etwas sagen. Sein blasses Gesicht hatte zu einem leichten Rot übergewechselt. Doch da kamen gerade McAllister und der Leutnant um die Ecke.

„Hallo, Mr. Muir! Wie war die erste Expedition?“

„Wenn Bliss so reagiert wie Henderson, können wir nach der nächsten Probefahrt zu einer weiteren Expedition starten. Technisch bestehen wohl kaum Schwierigkeiten.“

„Technisch nicht? Aber ...“

„Auf fünfhundert Meter haben wir festen Boden vorgefunden, Sir!“, mischte sich Henderson plötzlich mit Überlautstärke in das Gespräch. Sofort stotterte er eine Entschuldigung hinterher, als er sich von Maloney vernichtend angestarrt fühlte.

Der Captain nahm die Angabe nicht ernst. „Sie meinen fünftausend Meter, Henderson.“

„Er meint fünfhundert, Captain“, erklärte Muir. „Ich begreife die Lotungsergebnisse selbst nicht. Aber es stimmt genau. Nachdem ich mir alles überlegt habe, muss es sogar stimmen. Wir befinden uns hier auf den Koordinaten des ehemaligen Makari-Atolls. Die Südausläufer der Ratak-Gruppe haben unter Wasser einen nur allmählichen Übergang zur Tiefsee. Stellen Sie sich vor, diese Gebiete, die auf weiten Strecken nur zwei- bis dreihundert Meter unter dem Nullpunkt verlaufen, wären plötzlich bis auf fünftausend Meter gesenkt worden. Ihre ganze Flotte hätte in einen Orkan geraten müssen, der Sie und alle Schiffe mit einer wolkenkratzerhohen Flutwelle zugedeckt hätte. Die Bewegung des Meeresbodens kann schon aus diesem Grunde nicht die Ausmaße gehabt haben, wie sie auf Grund der Echolotungen angenommen wurden.“

McAllister sah etwas ratlos drein.

„Sie erklären mir ein Rätsel, Mr. Muir, und geben mir gleichzeitig ein neues auf. Es fällt mir schwer, zu glauben, dass unsere Seemessverfahren plötzlich nicht mehr in Ordnung sind. Wenn Obermaat Evans Angaben die einzigen wären, gut. Aber seine Ergebnisse wurden von der WHALE und anderen Schiffen bestätigt.“

„Es ändert nichts an den Tatsachen, Captain. Die nächsten Expeditionen sind ja zu dem Zweck angesetzt worden, dass sie uns Aufklärung bringen. Wir müssen jetzt Geduld haben. Die Praxis erfordert mehr Zeit als Theorie, aber sie ist zuverlässiger.“

„Ihr Ausflug wird mich nicht am Denken hindern, Mr. Muir. Das Paradoxon sucht nach einer Erklärung.“

„Es gibt eine sehr naheliegende ...“

„Ich weiß. Die einzige, die auch mir einfällt. Die Leute, die das hier gemacht haben, besitzen ebenfalls einen Absorptionsschirm. Aber das dürfte eine allzu unglaubliche Theorie sein. Denn ein Absorptionsschirm, der mehrere Quadratmeilen Meeresboden tarnt, dürfte kaum im Bereich irgendeiner menschlichen Technik liegen.“

„Mr. Muir glaubt vielleicht doch an die Venusianer“, meckerte Leutnant Maloney dazwischen.

„Warum nicht?“, sagte der Zivilist, „ich lege eine Möglichkeit erst dann zu den Akten, wenn sie sich als zweifellos falsch erwiesen hat.“

image
image
image

6

image

Die Morgendämmerung kroch bereits über den Horizont, als Gordon Bliss von seiner Schulfahrt zurückkehrte. Muir äußerte auch ihm gegenüber ein sparsames Lob und drückte seine Zufriedenheit darüber aus, dass der Übergang vom Wasser in die Luft einigermaßen geklappt hatte. Die Fahrt in der Tiefe selbst war für einen Piloten, der bereits seine Einsätze im Raum und im Ozean hinter sich hatte, nicht mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Die neuen Kombifahrzeuge waren letzten Endes die Verkörperung eines neuen Modells, das lediglich die Weiterentwicklung des Bekannten darstellte.

Als in der Messe das erste Frühstück serviert wurde, waren überraschenderweise alle Offiziere der SEAL anwesend. Auch diejenigen, die gerade von der Fahrwache kamen und reif für die Koje waren. Die Fähnriche hatten Mühe, während des Sprechens noch einige Sandwiches mit Jam herunterzuwürgen, und waren der Interviews erst entledigt, als McAllister ein Machtwort sprach. Mr. Muir, der in allen Dingen, die mit der angesetzten Unterwasser-Expedition zusammenhingen, gern gefragt wurde, hatte zunächst eine Bettruhe empfohlen. Er selbst wollte ebenfalls schlafen gehen. Der Start wurde aus diesem Grunde für 14 Uhr angesetzt.

Es geschah mit militärischer Pünktlichkeit.

Um 14 Uhr schleuderte das Katapult den ersten Kombiapparat über Backbord hinaus in die Luft. An Bord waren Mr. Muir und Fähnrich Henderson. Drei Minuten später folgte die zweite Rak mit Bliss als Piloten. Sein Assistent war Obermaat Evans.

Die durch Sprechfunk verbundenen Maschinen tauchten nach einer Höhenschleife sofort weg. Schon in geringer Tiefe musste die Außenbeleuchtung eingeschaltet werden, da das Sonnenlicht auch im hellsten Mittag sehr rasch an Wirkung verlor. Der Ozean ist dunkel wie die Nacht.

Muirs Maschine stand im Bildschirm von Bliss. Sie hatten noch Westkurs, schwenkten dann aber um 90 Grad nach Norden, um zunächst einen Streifen von einer haben Seemeile Breite abzukämmen.

„Alles okay?“, rief der Zivilist aus dem Pentagon.

„Maschine läuft fehlerfrei“, bestätigte Bliss, und McAllister auf der SEAL erklärte, dass er sich im Funkraum befinde, um das Unternehmen unmittelbar zu verfolgen.

Bei sechshundert Metern erreichten sie den Meeresgrund, den sie in geringer Höhe überfuhren. Im Licht der Scheinwerfer funkelten bunte Fische, deren Farbenpracht in dieser Dunkelheit wie eine Vergeudung der Natur wirkte. Hier und da zeigten sich Spuren einer spärlichen Vegetation.

„Nach einer Katastrophe oder einem Seebeben sieht es hier nicht aus“, hörte man Muirs Stimme. „Der steinige Boden ist mit Korallen bedeckt, als habe seit Jahrtausenden nichts diesen Frieden gestört.“

„Dann bin ich gespannt, was Sie am Makari-Atoll entdecken“, sagte McAllister. „Ich schätze, Sie haben noch fünf bis sechs Meilen.“

„Wir werden sehen.“

Laut der Seekarte hätte der Meeresboden jetzt langsam ansteigen müssen. Das tat er auch. Aber nur noch auf einer ganz kurzen Strecke. Plötzlich war es aus mit der Vegetation und Pflanzenfauna. Der Boden fiel steil ab und senkte sich auf neunhundert Meter.

„Wir sind am Rande des Katastrophengebietes!“, rief Bliss ins Mikrophon. „Unter mir befinden sich zerklüftete Felsen ohne nennenswerten Korallenansatz. Ich habe den Eindruck, als ob dieser Stein erst vor kurzem auseinanderbrach ...“

Wenig später bestätigte Muir die gleiche Beobachtung.

„Achtung! Wir nähern uns Makari!“

„Seien Sie vorsichtig!“, rief der Captain von der SEAL aus. „Verlassen Sie sich nicht darauf, dass es ich um eine Naturkatastrophe gehandelt hat. Denken Sie an eventuelle Gegner!“

„Wir können ohne Kriegserklärung kaum schießen“, gab Muir zu bedenken. „Auch wenn hier ein asiatisches U-Boot auftauchen sollte, bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten.“

„Die Vernichtung fremden Hoheitsgebietes ist eine feindliche Handlung“, erklärte der Captain. Selbstverständlich sollen Sie sich nicht provozieren lassen. Doch die jüngsten Ereignisse lassen es geraten erscheinen, dass Sie ihre Bewaffnung nicht allzu weit weglegen. Unterrichten Sie mich sofort, wenn Sie etwas entdecken, was Ihnen verdächtig erscheint. Die SEAL folgt Ihnen in gleichbleibendem Abstand nach.“

Fähnrich Henderson entdeckte zuerst etwas, was an eine untergegangene Insel erinnerte. Die abgebrochene Krone eines Palmbaumes. Dann häuften sich die Anzeichen, dass man das versunkene Makari-Atoll erreicht hatte.

Bliss und Evans berichteten von den Trümmern eines Flugzeuges.

„Sie scheinen dem Zentrum am nächsten zu sein“, sagte Muir. „Wir kommen näher.“

„Ist es vielleicht möglich, Tote zu bergen?“, kam McAllisters Frage.

„Schwer zu sagen. Bis jetzt haben wir noch keine gesehen ...“

Sie fanden auch keine. Nur vereinzelte Trümmer, die an die menschliche Technik erinnerten. Und auch Bäume, die auf dem Lande wachsen.

„Nun, was sagst du dazu?“, fragte Bliss seinen Sozius.

„Ich habe bis jetzt nicht glauben wollen, dass meine Messungen falsch waren. Ich kann mir das Rätsel nicht erklären. Die Tiefe beträgt jetzt neunhundert-fünfundachtzig Meter. Und wenn hier ein Absorptionsschirm arbeitete, dann dürften wir auch jetzt kein Ergebnis haben. Das Ganze passt einfach nicht zusammen.“

„Vor allem dann nicht, wenn du die Vorfälle einem Naturereignis zuschreiben willst. Hier haben intelligente Kräfte ihre Hand im Spiel. Verlass dich darauf!“

In diesem Moment kam ein Anruf vom anderen Boot. Muir und Henderson schienen zugleich sprechen zu wollen. Doch dann mischte sich auch McAllister ein.

„Achtung, Mr. Muir! Achtung, Bliss! Wir empfangen soeben eine Meldung der Admiralität. Es muss damit gerechnet werden, dass ein weiterer Landverlust eingetreten ist. Seit dreizehn Uhr fünfunddreißig ist jede Verbindung mit der gesamten Gruppe der Onon-Inseln abgerissen. Eine Achthundert-Tonnen-Korvette, die von dort aus kurz vorher nach Faraulip ausgelaufen ist, meldet plötzlich orkanartigen Seegang. Die Äquator-Gegenströmung ist auf einige hundert Faden nicht mehr messbar. Auf der Korvette sprach man zuerst den Verdacht auf einen Atombombenversuch aus. Doch das wurde sofort von der Admiralität dementiert. Hören Sie, Muir, Bliss! Sie werden kaum daran zweifeln, dass mit den Onon-Inseln dasselbe passiert ist wie mit Makari, Kiu-lao und Nunouti. Ich befehle Ihnen äußerste Wachsamkeit. Halten Sie genügend Abstand zum Meeresboden, damit Sie bei neuen Erdbewegungen ausweichen können. – Sie wollten vorhin etwas sagen, Mr. Muir. Entschuldigen Sie die Unterbrechung. Aber diese Meldung erschien mir wichtig.“

„Hallo, Muir, Henderson, Bliss! Warum antwortet denn keiner?“

Bliss war etwas aus der Fassung geraten. Nicht nur wegen der Nachricht von der Admiralität. Er hatte das andere Boot aus dem Beobachtungsschirm verloren.

„Entschuldigen Sie, Sir! Ich dachte, Mr. Muir würde sprechen. Er und Henderson waren vorhin reichlich aufgeregt.“

„Na und? Warum antworten Sie nicht? Hallo! Mr. Muir! – Verdammt, Bliss, was ist denn dort unten los? Sind die Herren vielleicht eingeschlafen?“

Gordon Bliss sah einen Augenblick zu Evans hinüber, als ob der ihm helfen könne. Dann starrte er wieder auf den Bildschirm und drehte wie verrückt an der Visiereinstellung. Doch daran hatte sich nichts verschoben.

Die andere U-Rak war aus dem Bildschirm verschwunden. Und weder Muir noch Henderson reagierte über die Sprechverbindung.

„Ich weiß nicht, Sir! Sie sind weder zu sehen, noch zu hören ...“

„Und wofür haben Sie Evans mit?“

„Ich bin schon dabei, Captain!“, rief der Maat. „Aber kein Radar reagiert. Es ist wie bei einem Absorptionsschirm ...“

„Sie wissen genau, dass sich ein Atomreaktor nicht in einer Zigarrenkiste einbauen lässt. Sind Ihre Geräte defekt? Selbst wenn man Muir angegriffen und getötet hat, muss doch sein Fahrzeug noch da sein!“

„Wir finden es nicht!“, rief Bliss verzweifelt. „Zum Donnerwetter, Evans, lass die Finger vom Kopiloten!“

„Was willst du denn? Ich habe nichts angefasst.“

„Und dein Höhenmesser? Ist der vielleicht in Ordnung? Oder meinst du, meiner hätte sich selbständig gemacht?“

Evans stöhnte nur, fand aber keine zusammenhängende Antwort. An Bord der SEAL hörten sie alles mit und fühlten, dass sich unter ihnen auf dem Meeresgrund eine neue Katastrophe anbahnte.

„Geben Sie endlich vernünftige Lagemeldung, Fähnrich!“, brüllte McAllister in einer Lautstärke, die die Verständigung schon schwierig machte. „Wenn Sie Schwierigkeiten haben, kommen Sie hoch! Wenn Sie verdächtige Bewegungen erkennen, dann geben Sie mir eine vorschriftsmäßige Zielansprache, damit die SEAL herunterkommen kann.“

„Sie schaffen doch höchstens fünfhundert Meter, Sir! Wir sind nahezu auf tausend. Aber ich weiß jetzt, was los ist. Ich dachte erst, Evans hätte am Kopiloten gefummelt, weil unser Höhenmesser stieg. Das Gegenteil ist der Fall ...“

„Was für ein Gegenteil?“, fragte McAllister etwas kultivierter als zuvor, doch das Poltern war immer noch in seiner Stimme.

„Der Meeresboden sinkt weiter, Sir. Er sinkt als Ganzes, ohne dass sich innerhalb der sinkenden Fläche Verschiebungen feststellen lassen.“

„... als ob man alles in einen Fahrstuhl gebaut hätte“, kommentierte Obermaat Evans abwegig und wie einer, den das alles nichts angeht.

„Achtung!“, schrie Bliss. „Der Sog kommt. Ich starte nach vorn, Captain, und versuche, hier zu verschwinden ...“

„Ich lege Wert darauf!“

Es war ihre Rettung, dass Bliss trotz dieser einmaligem und völlig neuen Situation erkannte, was um sie vorging. Der geschlossen wegsinkende Meeresboden verursachte in seiner unmittelbaren Nähe kaum eine Strömung. Die Wirbel des Wassers machten sich durch die enorme Ausdehnung des ganzen Vorganges erst in größerer Entfernung bemerkbar. Und sobald Bliss den ersten geringen Sog auf seinen Messgeräten ablas, entschloss er sich zu einem gewaltsamen Ausbruch. Er jagte die Maschine auf Höchstgeschwindigkeit, so dass sie auf Grund ihres starken Beharrungsvermögens gewisse Aussichten hatte, sich gegen die Gewalten des tobenden Wassers durchzusetzen.

Mit 75 Prozent Steigung schoss er nach oben. Und als der riesige Schatten kam, besaß die Maschine bereits ihre Rekordgeschwindigkeit. Sonst wäre sie der Gefahr niemals entronnen.

Bliss und Evans entdeckten ihn gleichzeitig. Ein Schatten wie ein Hai wie ein Tintenfisch, wie ein Wal, wie eine ganze schwimmende Insel. Auch ihr Mund öffnete sich gleichzeitig, und ihr Ruf des Schreckens war wie einer.

Der Fähnrich korrigierte den Kurs, bis die U-Rak beinahe senkrecht stand. Sie sahen das Ding heranjagen, das trotz seiner Größe eine Geschwindigkeit haben musste, die ihre eigene noch übertraf. Trotzdem rutschten sie um einige knappe Meter vor dem Unheil vorbei.

Es sah aus wie ein Schuss, was der unbekannte Apparat auf sie abgab. Aber es ließ sich nicht näher definieren. Man sah kein Feuer, keinen Strahl, keinen Sprengkörper, der sich torpedoartig bewegt hätte. Man sah lediglich ein paar Blasen. Doch sie waren zu schnell, zu genau platziert, zu deutlich eine Reaktion des unbekannten, drohenden Schattens, um harmlos wirken zu können.

Der Schuss – oder wenn es kein Schuss war – die feindliche Handlung verfehlte ihr Ziel. Sie waren auf fünfhundert Meter Tiefe, als das unbekannte Objekt zurückkam.

„Es hat gewendet“, sagte Evans sachlich und ohne erkennbare Erregung. Offenbar hatte er sich gefangen. Es ist typisch für den Menschen, dass er kalt und besonnen wird, wenn die Gefahr am größten ist. Anders lassen sich die vermeintlichen Wunder seiner Geschichte nicht erklären.

„Soll ich Sie mit Wasserbomben unterstützen?“, fragte McAllister. „Wir haben Sie angepeilt und können Sie auf Grund des deutlichen Massenunterschiedes gut von dem Gegner auseinanderhalten.“

„Bloß nicht!“, schrie Bliss völlig respektlos. „Bis Sie die Waffen klar haben, sind wir längst hier heraus!“

„Um so besser“, grunzte der Captain zufrieden. „Dann kriegen Sie wenigstens nichts mehr davon ab.“

Obwohl Bliss ein Nachwuchsmann war, der noch vor achtzehn Monaten die Schulbank gedrückt und um das Ergebnis seiner Aufnahmeprüfung für die Offizierslaufbahn bei der Luftwaffe gebangt hatte, fuhr er ein Manöver wie ein alter Routinier. Evans, der in diesen kritischen Sekunden nur zuschauen konnte, registrierte es mit Genugtuung und Bewunderung. Ein Auge genügte für die Aufmerksamkeit, die er seinen Beobachtungsgeräten schuldig war.

Dann stellte er plötzlich eine messbare Wirkung fest.

Die Blasenbahn schoss auf sie zu, nicht genau, sondern mit einem richtig berechneten Vorhaltewinkel. Das feindliche Etwas und die Rak mussten sich an einem Punkt etwa hundert Meter unter der Oberfläche treffen. Bliss stoppte die Fahrt, wechselte den Kurs um 30 Grad und beschleunigte erneut. Evans fühlte sich hin und her gerissen, aber er schaffte es, dass sein Kopf nicht gegen die Armaturen knallte.

„Es ist Magnetismus. In irgendeiner Form Magnetismus. Wahrscheinlich durch elektrische Felder ...“

Weiter kam er nicht.

„Festhalten!“, schrie der Fähnrich. „Wir beschleunigen!“

Eine noch höhere Geschwindigkeit wäre im Wasser freilich unmöglich gewesen. Aber dahinter kam die Luft, die im Gegensatz zum Wasser wie ein Vakuum wirkte.

Bliss nahm im richtigen Augenblick die Fahrt weg. Trotzdem schoss die Rak in den Himmel hinaus, als hätte ein Superkatapult sie losgelassen. Die beiden Insassen fühlten sich in die Rückenpolster gedrückt und rangen nach Luft. Dann ließ der Druck nach, und Bliss setzte die Düsen in Tätigkeit.

Unter ihnen lag die SEAL.

image
image
image

7

image

Sie wasserten, ließen sich an Bord hieven und am Sockel des Katapults von McAllister persönlich in Empfang nehmen. Der Captain brachte sogar eine persönliche Geste wie einen Händedruck zustande, was bei ihm höchst selten vorkam.

„Was ist mit Muir?“, fragte er in einem Ton, der keine Antwort verlangte. Die Antwort lag bereits in der Frage. „Wie ist es möglich, dass das Fahrzeug ohne jede Spur und in Sekundenbruchteilen verschwindet?“

„Sie gaben gerade die Meldung von den Onon-Inseln durch, Sir. Dadurch muss unsere Aufmerksamkeit einen Augenblick nachgelassen haben. Trotzdem ist die Sache nicht mit unserem Manöver zu vergleichen. Wir sind dem Gegner eine Viertelstunde lang ausgewichen, ohne dass er uns richtig zu fassen bekam.“

„Es gibt nur eine Möglichkeit“, sinnierte McAllister. „Man hat Muir und Henderson beim ersten Angriff sofort restlos überrumpelt. Sie konnten einfach nicht mehr reagieren. Und sie waren auch nicht gewarnt wie Sie. Ich verstehe nur nicht, dass es keine Trümmer gab. Man kann eine Rak vernichten. Man kann sie aber nicht zu Wasser machen. Eh, kommen Sie mit in die Messe! Wir können dort weiter reden. Leutnant, Sie sorgen dafür, dass der Funker in ein paar Minuten erscheint. Die Admiralität wird zwar wenig erbaut sein. Aber die Meldung muss so schnell wie möglich raus.“

„Aye, aye, Sir!“

Bliss und Evans berichteten übereinstimmend, dass der fremde Körper in seiner Gestalt an eine Flunder erinnerte. Sie waren sich auch über die Ausmaße ziemlich einig.

„Ich soll Ihnen also die verrückte Beobachtung glauben, die Sie vorige Woche bei der ersten Übung mit dem Absorptionsschirm machten?“

Der Captain schob ihnen ein Glas Whisky hin.

Bliss machte ein ernstes Gesicht, was durchaus seinem Charakter entsprach. Allerdings war das Thema Untertassen bei seriösen Leuten so weit verpönt, dass schon ein gewisser Mut dazu gehörte, ernst dabei zu bleiben.

„Ich halte meine Beobachtung nach wie vor für eine Realität, Sir. Es ist nicht möglich, dass ich mich geirrt habe. Ich war ausgeruht und stand auch nicht unter dem Einfluss irgendwelcher Rauschmittel, wenn man von dem Nikotin einer Zigarette absieht.“

„Wenn Muir jetzt hier wäre ...“, wagte Evans einzuwerfen. McAllister schielte ihn mit geneigtem Kopf und hochgezogenen Augenbrauen an.

„Stimmt schon, Evans. Muir müsste hier sein. Aber wahrscheinlich ist er tot. Tot wie Henderson. Wir müssen uns mit dieser Tatsache abfinden. Und vor allem ist es mit dieser einen Expedition nicht getan. Unsere Aufgabe wird es sein, herauszufinden, was diese zweihundert Meter langen Flundern denn nun wirklich sind ...“

Der Captain wurde durch drei schnell aufeinanderfolgende Detonationen unterbrochen, winkte aber sofort ab. „Ich hatte befohlen, Wasserbomben zu werfen. Allerdings fürchte ich, dass Oberleutnant Miggs da zu spät kommt.“

„Das Objekt ist bestimmt längst verschwunden.“

Dann kam der Funker, und McAllister diktierte einen kurzen Bericht der Vorfälle an die Admiralität.

image
image
image

8

image

Noch am selben Tage mussten Fähnrich Bliss und Obermaat Evans ihr Päckchen klarmachen. Die Admiralität hatte sie auf Grund von McAllisters Funkspruch direkt nach Washington beordert und der 11. Flotte gleichzeitig sechs weitere Kombi-Raks mit ausgebildeter Besatzung versprochen. Bis zum Eintreffen dieser Fahrzeuge sollte nichts unternommen werden.

Bliss prüfte missbilligend die Unförmigkeit seines gefüllten Seesacks.

„Amerika lebt mit einem Bein immer in der Zukunft. Aber bei euch Marinefritzen hat sich noch niemand gefunden, der den armen Lords ein vernünftiges Reisegepäck konstruiert.“

Mit dieser Reklamation hatte er Evans gemeint, der bereits zur Abreise gerüstet und gerade eingetreten war. Doch der Maat hatte andere Sorgen.

„Was sollen wir kleinen Würstchen im Pentagon?“, fragte er. „Bisher wurden höchstens Admirale nach dort zitiert.“

„Vielleicht sollst du einer werden ...“

„Hemmungen kennst du wohl nicht?“

„Bei meinem zweiten Mondaufenthalt habe ich mit der Gattin von General Bings getanzt und sie völlig unbeschädigt bei dem hohen Herrn abliefern können. Seitdem gibt es keine Hemmungen mehr bei mir.‟

„Na ja, du bist ja jetzt schon so eine Art Offizier. Aber ich als Obermaat ...“

„Daran siehst du wenigstens, wie wichtig sie oben die Sache nehmen. Immerhin ein erfreuliches Zeichen. Denn wenn akute Gefahr für unser Land besteht, dann hilft nur schnelles Schalten, eine Sache, die manchmal zu kurz kommt.“

„Bei Gott, ja. Deine Untertasse hätte dir kaum jemand so bereitwillig abgenommen. Aber wenn uns nach und nach der gesamte pazifische Inselbesitz unter Wasser gesetzt wird, besteht ja wohl Grund zur Besorgnis.“

„Ich hoffe, damit hast du unsere Strategen richtig eingeschätzt. So, und wenn du jetzt so freundlich wärest, an diesem Zipfel mit anzufassen, dann bestehen für uns noch gute Aussichten, dass wir die Kuriermaschine pünktlich betreten.“

Das Düsenflugzeug kam mit Eintritt der Dämmerung. Da McAllister zur Zeit auf der Brücke das Kommando hatte, mussten die beiden noch hinaufsteigen, um sich abzumelden.

„Bleiben Sie nicht zu lange weg“, sagte der Captain, was man, wenn man wollte, als Lob auffassen konnte.

Maloney dagegen fühlte sich zu einer Mahnung verpflichtet. „Machen Sie der SEAL und der Elften Flotte keine Schande in Washington“, dozierte er mit undurchsichtiger Miene.

„Der ist ja bloß neidisch, dass er nicht mitfahren darf“, meinte Evans abfällig, als sie ein Stück weg waren, so dass sie sonst niemand hören konnte.

image
image
image

9

image

Noch bevor die Nacht vorüber war, setzte die Kuriermaschine nach einem Flug von beinahe 13 000 Kilometern zur Landung an. Bliss und Evans wurden bereits erwartet und in einer geschlossenen Limousine zum Pentagon gefahren. Offenbar nahm man an, dass sie sich während des Fluges gut ausgeruht hatten, denn sie wurden sofort zu Admiral Ferguson geführt, der sie kurz darauf mit Admiral Davis bekannt machte. In einem kleinen Sitzungszimmer waren etwa fünfzig Männer versammelt, die zum nicht geringen Teil Zivil trugen. Wie sich später herausstellte, bestand das Auditorium nicht nur aus Militärs, sondern auch aus Politikern und Wissenschaftlern.

„Sie sind die ersten Menschen“, erklärte Admiral Davis, „die uns über die Insel-Katastrophen hinaus etwas über die Erscheinungen sagen können, welche in unmittelbaren Zusammenhang einer Bedrohung unserer Nation gebracht werden könnten. Mehrere der Herren werden Fragen an Sie richten, die ich Sie nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten bitte. Schildern Sie dabei Ihre Eindrücke bitte ohne Hemmungen, auch wenn sie unwahrscheinlich und nach einer Sinnestäuschung ans sehen sollten ...“

Die Sitzung dauerte sechs Stunden. Bliss und Evans mussten ihre Erlebnisse mehrere Male hintereinander erzählen. Durch die Gegenfragen der verschiedenen Kapazitäten wurden immer wieder neue Gesichtspunkte über ein und dieselbe Sache gefunden. Alles, was seit dem ersten Auftauchen des unbekannten Flugobjektes von Bedeutung geschehen war, wurde nach strategischen, psychologischen, biologischen und physikalischen Gesichtspunkten seziert.

Eine habe Stunde lang führte man Lichtbilder vor. Aufnahmen von unbekannten Flugobjekten aus Beobachtungen der letzten drei Jahrzehnte.

„Sagen Sie uns, Fähnrich Bliss, wenn Sie eine Ähnlichkeit feststellen. Man hat auf der Erde die verschiedensten Typen beobachtet und hat doch nur eine recht vage Vorstellung von der genauen Form.“

Bliss sagte dreimal „Halt!“ und erklärte, dass eine gewisse Verwandtschaft der Erscheinungsformen gegeben wäre. Genaueres ließe sich aber bei bestem Willen nicht sagen.

„Alles, was die Archive bieten, ist zu schemenhaft. Auch meine Beobachtung hat nur Sekunden gedauert, und doch habe ich eine wesentlich klarere Vorstellung von der Maschine. Ich habe in meiner Freizeit versucht, mehrere Skizzen anzufertigen. Vielleicht darf ich Sie Ihnen einmal zeigen.“

Die Anwesenden rissen sich um die fünf Blätter und diskutierten in Gruppen über ihre Eindrücke und stellten erneut Fragen an Bliss. Zufriedenstellend war das Ergebnis auch hier nicht. Man bedauerte allgemein, dass im entscheidenden Augenblick keine Filmkameras zur Verfügung gestanden hatten, registrierte aber auf der anderen Seite mit Verwunderung, dass ein Ufo zum ersten Male seit Menschengedenken in solch geringer Entfernung von irdischen Beobachtern zu Boden, beziehungsweise zu Wasser gegangen sei.

Details

Seiten
190
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917512
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v413196
Schlagworte
invasion tiefe

Autor

Zurück

Titel: Invasion aus der Tiefe