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Arztroman Exklusiv Edition - Mit Blaulicht ins Glück

2018 140 Seiten

Zusammenfassung

Mit Blaulicht ins Glück
Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

Für die ambitionierten Ärzte und Schwestern der Hafenklinik Hamburg hat das Wohl ihrer Patienten oberste Priorität. Doch dass es sich auch für ein glückliches Privatleben zu kämpfen lohnt, realisiert der junge Assistenzarzt Dr. Harald Preiß schnell, als er sich über seine Gefühle für die Krankenschwester Marita im Klaren wird. Die kompetente Stationsärztin Dr. Ina Bender muss hingegen schmerzlich feststellen, dass man sich in gewissen Momenten zwischen Privat- und Arbeitsleben entscheiden muss.

Leseprobe

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Mit Blaulicht ins Glück

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Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

Für die ambitionierten Ärzte und Schwestern der Hafenklinik Hamburg hat das Wohl ihrer Patienten oberste Priorität. Doch dass es sich auch für ein glückliches Privatleben zu kämpfen lohnt, realisiert der junge Assistenzarzt Dr. Harald Preiß schnell, als er sich über seine Gefühle für die  Krankenschwester Marita im Klaren wird. Die kompetente Stationsärztin Dr. Ina Bender muss hingegen schmerzlich feststellen, dass man sich in gewissen Momenten zwischen Privat- und Arbeitsleben entscheiden muss.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Das ist kein Dienstplan, das ist eine Katastrophenmeldung!“, polterte Gött, der schwergewichtige Chefarzt der Inneren Abteilung. Und wie zur Bestätigung seiner Worte wedelte er mit diesen beiden Bogen Papier, dem Dienstplan also, wild in der Luft herum.

Vor ihm standen Oberarzt Dr. Kiesewetter und die beiden Stationsärzte Dr. Ina Bender und Dr. Hans Breitenbacher. Letzterer stützte sich auf einen Stock, denn er hatte seinen linken Fuß in Gips.

„Aber Herr Chefarzt“, rief Breitenbacher jetzt, „ich bin ja schon trotz meines Fußes gekommen. Was wollen Sie noch mehr?“

Die beiden Männer musterten sich.

Gött, schwergewichtig, der personifizierte Gott Bacchus, sechzig Jahre alt und ein berühmter Vertreter der Medizin, der diese aber an sich selbst missachtete. Er aß, was ihm schmeckte, er rauchte seine Zigarren, wenn ihn danach verlangte und war einem guten Schluck noch nie abhold gewesen. Was das Essen und den Schluck anging, sah man es ihm an, ein Gebirge von Mensch.

Auch Breitenbacher war groß und breit, aber nichts an ihm wirkte weich und schlaff. Er war kräftig, muskulös, hatte aber schon trotz seiner sechsunddreißig Jahre einen Großteil seines brünetten Kopfhaares verloren. So wirkte er älter.

Gött schätzte seinen Stationsarzt sehr. Aber heute Morgen war er auf Streit aus. Seine Laune befand sich unter dem Nullpunkt und alle, die ihm begegnet waren, seit er das Haus betreten hatte, wurden Opfer seines Zorns.

Ina Bender spürte, dass heute nichts von der versöhnlichen Art Götts zu merken war und sie hielt sich zurück, schwieg und ließ es über sich ergehen wie einen Gewitterregen.

„Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu“, brüllte Gött. „Mit einem Male sechs Schwestern krank, drei Ärzte krankgemeldet, wie soll denn hier der Betrieb aufrechterhalten werden?“ Sein Augenmerk richtete sich jetzt auf seinen Oberarzt Dr. Kiesewetter. Hans Breitenbacher wirkte eher zierlich und schwächlich. Sein ein wenig unproportioniert großer Kopf erinnerte umso mehr an den geistigen Theoretiker, der er auch war.

„Sie hätten Ersatz besorgen müssen. Wieso haben Sie das nicht getan, Kiesewetter?“

„Weil gestern nur drei Krankmeldungen vorlagen, zwei von Ärzten, eine von einer Schwester. Ich bin kein Hellseher, Herr Chefarzt. Ich kann nicht voraussehen, dass heute so viele Krankmeldungen vorliegen.“

„Dafür haben wir aber eine Personalstelle in diesem Haus“, fauchte Gött. „und als ich eben da angerufen habe, wusste noch niemand etwas von unserem Dilemma. Zum Teufel nochmal, wollen Sie mir vielleicht verkaufen, Sie hätten sich um alles gekümmert? Einen feuchten Kehricht haben Sie getan!“

Götts Blick schweifte in die Runde, er suchte ein neues Opfer. Und da war es schon: Ina Bender, die schlanke, dunkelhaarige Ärztin, ahnte in diesem Augenblick, dass sie an der Reihe war.

„Und Sie, Frau Bender, schicken ausgerechnet für heute zwei Schwestern auf diesen verdammten Lehrgang. Wie kommen Sie darauf? Sind Sie total verrückt geworden?“

„Die Entscheidung, welche Schwestern den Lehrgang machen werden, musste bereits vorige Woche fallen. Auch ich gehöre nicht zu den Hellsehern, falls Sie das erwartet haben sollten.“

„Werden Sie hier nur nicht vorlaut!“, brüllte Gött und er wuchtete mit der Faust auf die Schreibtischplatte. „Hier bestimme ich und sonst niemand! Und ich will gefragt werden, wenn irgendjemand in einen Lehrgang geht.“

„Ich hatte es gebilligt, Herr Chefarzt“, erklärte Kiesewetter und Ina blickte den Oberarzt überrascht an. Von seiner Seite hatte sie keine Hilfestellung erwartet.

„Ich bestimme hier!“, brüllte Gött erneut. „Und ich schicke Leute auf den Lehrgang und nicht Sie! Und jetzt die zweite schlechte Nachricht an diesem Morgen. Auch das haben Sie gewusst, Kiesewetter. Wir müssen einen Arzt und einen Pfleger oder eine Schwester zu diesem verdammten Containerschiff schicken, das auf der Reede vor Cuxhaven liegt.“

Keiner der Ärzte, die da vor Gött standen, stellte eine Frage. Dabei brannte sie allen dreien auf den Lippen. Denn niemand wusste, welche Seuche denn auf dem Containerschiff ausgebrochen war. Offenbar kannte nur Gött die Einzelheiten. Aber er hatte im Augenblick alles andere im Sinn, als seine Ärzte zu unterrichten. Er war ganz einfach wütend, dass er so viele Krankmeldungen hatte und zudem noch Personal zu einem Notfall abstellen musste.

Krebsrot im Gesicht brüllte Gött: „Ich kann da nicht irgendeinen Anfänger hinschicken. Das muss ein Arzt sein, der Erfahrung hat und der sich nicht mehr in der Facharztausbildung befindet.“

Völlig überraschend für alle Umstehenden sagte Oberarzt Dr. Kiesewetter plötzlich: „Ich bin bereit, das zu erledigen, und im Übrigen käme ja nur der Kollege Breitenbacher in Frage, der mit seinem Fuß nicht kann. Die Kollegin Bender möchte ich nicht noch einmal auf ein Schiff schicken, das hatten wir bereits. Und sonst kommt wohl niemand anderer in Frage.“

Gött blähte die Nasenflügel. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll noch mehr an. Er wollte schon wieder losbrüllen, da schellte das Telefon. Missmutig nahm er ab und bellte seinen Namen in den Hörer.

Die Umstehenden verstanden nicht, was am anderen Ende der Leitung gesprochen wurde. Aber das Gesicht von Gött wurde so dunkel, fast blaurot, dass Ina sich um die Gesundheit ihres Chefs Sorgen machte. Er sah jedenfalls aus, als befände er sich unmittelbar vor einem Schlaganfall. Doch er schwieg, er hörte nur. Aber dann brach es aus ihm heraus wie eine Detonation.

„Soll ich mir Personal aus den Fingern saugen? Ich habe selbst nicht genug Leute heute. Völlig unmöglich ... Nein, ausgeschlossen ... Es interessiert mich einen Dreck, ob das so abgemacht ist oder nicht. Wenn ich keine Leute habe, kann ich Ihnen keine geben... Ich brülle so viel wie ich will. . . Nein, es geht nicht und damit basta!“ Er knallte den Hörer auf die Gabel und sah wild um sich.

So sehr ihn Ina sonst mochte, aber in seinen cholerischen Ausbrüchen, die von Zeit zu Zeit wie bei einem Vulkan stattfanden, war er ihr unheimlich. Aus diesem Grund wohl hatte er trotz seines hohen internationalen Ansehens nicht gerade sehr viele Freunde.

„Diese Idioten!“, polterte Gött. „Wollen die von mir für den Notdienst zwei Mann haben. Ich kann sie doch nicht zaubern. Da weist diese Knalltüte auf das Bereitschaftsabkommen. Sollen die sich selber welche im Frühbeet wachsen lassen. Ich kann keine Ärzte und Schwestern aus dem Boden stampfen.“ Plötzlich schien ihm etwas einzufallen. Er blickte zornig auf Kiesewetter. „Haben Sie eigentlich Schwester Heidemarie freigegeben für diese Woche?“

„Sie ist zur ihrer Mutter nach Köln gefahren“, erklärte Kiesewetter, „und hatte schon vor Wochen um diese vier Tage, die es sind, Herr Chefarzt, und nicht eine Woche, Urlaub gebeten.“

„Und jetzt? Wer macht das jetzt?“ Kiesewetter blickte hilfeheischend auf Ina Bender.

Die verstand Kiesewetters Blick und erwiderte an seiner Stelle: „Das macht Schwester Marita.“ „Schwester Marita?“, Gött' schüttelte den Kopf und dachte nach. „Wer ist denn das?“

Er hatte den Namen wohl schon irgendwann mal gehört, aber er konnte sich nicht an das Gesicht der Schwester erinnern.

Auch Kiesewetter schien da seine Schwierigkeiten zu haben.

Aber genau an Kiesewetters Adresse richtete Gött die nächste Frage: „Ist sie qualifiziert? Immerhin tut sie Stationsschwester-Dienst.“

Auch jetzt musste Kiesewetter wieder auf Ina schauen und die erklärte spontan:

„Natürlich ist sie qualifiziert. Sie ist eine hervorragende Schwester. Außerdem hat sie eine ganze Zeit lang den Spätdienst gemacht. Das müsste Ihnen doch aufgefallen sein, Herr Chefarzt.“ Gött, der sich eben ein wenig beruhigt hatte, wurde wieder krebsrot und brüllte los: „Was mir auffallen muss und was nicht, geht Sie einen Dreck an, merken Sie sich das!“

„Sie sind hier nicht auf dem Kasernenhof, Herr Chefarzt“, widersprach ihm Ina heftig, die es nicht ausstehen konnte, angebrüllt zu werden, auch nicht von ihm.

Ob das ein Kasernenhof ist oder nicht...“,

... das bestimme ich“, ergänzte Ina Bender und lächelte ihn herausfordernd an.

Sie war die einzige, die ihm in solchen Situationen Widerpart gab.

Er wollte schon zu erneutem Gebrüll ansetzen, besann sich aber eines Besseren und grollte nur noch: „Was für eine Qualifikation hat sie denn?“

„Sie könnte jederzeit als Stationsschwester arbeiten, hatte sich auch darum beworben“, erklärte Ina ruhig, „doch es war keine Stelle bei uns frei.“

„Wieso kenne ich sie nicht?“

„Sie kennen sie ja.“

„Ich weiß aber nicht, wer sie ist!“, brüllte Gött. „Ich will sie sehen, schicken Sie mir die mal her! Und jetzt raus mit Ihnen allen! Und sehen Sie bloß zu, dass Sie über die Runden kommen, ganz gleich wie.“

„Und was ist mit der Bereitschaft?“, fragte Breitenbacher jetzt.

„Was für eine Bereitschaft?“, brüllte Gött.

„Die Bereitschaft, zu der wir verpflichtet sind, Herr Chefarzt, Sie können das jetzt nicht einfach abwehren. Bei der nächsten Gelegenheit bekommen wir Ärger. So wie die uns brauchen, brauchen wir die. Es ist auch durchaus möglich, ein oder zwei Tage mit einer kleineren Besetzung auszukommen“

„Darüber denke ich nach. Aber dazu brauche ich keinen von Ihnen. Raus!“ Es war seine Art und die kannten sie ja, wenn sie ihnen auch nicht gefiel.

Kiesewetter war am ehesten bereit, das zu schlucken. Breitenbacher machte die Faust in der Tasche, doch wenn es ihm zu toll wurde, so wie eben, dann wehrte er sich. Und Ina hatte noch nie etwas unerwidert geschluckt.

Sie war es auch, die wie eine Königin hinausrauschte, ohne sich noch einmal nach Gött umzusehen.

Draußen dann brummte Breitenbacher missvergnügt: „Das wird immer schlimmer mit ihm. Ich glaube, das ist bald ein Fall für die Psychiatrie.“  .

„Hans“, sagte Ina besänftigend, „rede doch nicht so einen Quatsch! Ich weiß nicht, was ihm heute früh quer geraten ist. Vielleicht liegt es auch an seiner Frau. So etwas kann man doch mal hinnehmen.“

„Der Kollege Breitenbacher hat recht“, bemerkte Kiesewetter. „Es wiederholt sich in der letzten Zeit zu oft. Man kann es nicht mehr als normal bezeichnen. Dieser Mann isst, trinkt und raucht einfach zu viel. Er lebt hemmungslos und ebenso hemmungslos spricht er. Er sagt, was ihm gefällt.“ Ina war stehengeblieben und sah Kiesewetter an. Er war kleiner als sie und das schien ihn auch zu wurmen. Aber er sagte nichts.

„Herr Oberarzt“, erwiderte Ina auf seine Bemerkung, „alles, was Sie sagen, stimmt. Nur eines haben Sie vergessen. Er ist ein Genie. Und einem Genie kann man zugestehen, dass er ein paar Marotten hat. Keiner von uns dreien wird je seine Fähigkeiten erreichen, nicht in fünfzig Jahren. Und das sollten wir bei alldem auch nicht vergessen. So, meine Herren, ich muss mich um die Station kümmern.“

„Ich auch“, bemerkte Breitenbacher, nickte Ina und dann Kiesewetter zu und verschwand.

Kiesewetter ging noch ein Stück neben Ina her.

„Sie sind doch jetzt erst einmal aus dem Schneider, Herr Oberarzt“, erklärte Ina. „Wenn Sie zu diesem Containerschiff fahren.“

„Meinen Sie, das wäre ein Zuckerlecken? Sie kennen das doch. Am Ende hänge ich da wochenlang fest.“

„Vielleicht sind Sie nach zwei Wochen wieder da, vielleicht schon nach Tagen. So schlimm ist das doch nun auch wieder nicht. Wenn Sie wollen, kann ich es für Sie übernehmen.“

„Kommt nicht in Frage! Das ist keine Aufgabe für eine Frau.“

„So wie Sie die Frau sehen“, stichelte Ina.

„Wie meinen Sie das?“

„Ich meine es so, dass Sie zu denen gehören, die der Meinung sind, eine Frau gehört an den Herd, zu den Kindern, in Küche und Keller. Und allenfalls noch Sonntag früh in die Kirche. Habe ich nicht recht?“

„Sie wollen mich nur herausfordern“, brummte er.

Sie lächelte nur und stieß dann die Schwingtür zu ihrer Station auf. Kiesewetter ging zu den Fahrstühlen.

Nach einigen Schritten hatte Ina das Stationszimmer erreicht, aber dort kochte eine Lernschwester gerade Grießbrei.

„Wo ist die Stationsschwester?“ fragte Ina. „Ich meine Schwester Marita.“

„Auf 268. Da ist eine Nierenkolik. Doktor Preiß ist auch da.“

„Und die anderen?“, wollte Ina wissen.

„Alle drei beschäftigt. Uns fehlen ja zwei Schwestern, Frau Doktor.“

„Das ist mir bekannt“, entgegnete Ina knapp. Dann wandte sie sich ab und wollte ebenfalls zu Zimmer 268 gehen, als dort gerade der kraushaarige Dr. Preiß herauskam. Er war jünger als Ina, stand noch in der Facharztausbildung und wurde von den Schwestern und auch manchen Kollegen insgeheim Belmondo genannt, weil er eine weit entfernte Ähnlichkeit mit dem Schauspieler besaß. Ina ertappte sich selbst dabei, dass sie ihn, wenn sie an ihn dachte, mit seinem Spitznamen bezeichnete.

Sie hatten sich schon gesehen und Ina fragte sofort: „Was ist mit der Kolik?“

„Ex, Kreislaufversagen. Ich habe alles versucht“

„Sie ist tot?“, fragte Ina ungläubig; „Warum bin ich nicht gerufen worden?“ 

„Die Kollegin Grund war als Erste da und da ist sie wohl schon ex gegangen. Ich bin hinzugeholt worden; es war nichts mehr zu machen.“

„Das ist ja furchtbar!“

„Aber Frau Kollegin“, meinte Preiß, „die Frau ist immerhin über achtzig. In diesem Alter ist der Kreislauf ohnehin...

„Es hätte nicht passieren müssen. Wo ist Frau Grund jetzt?“

„Sie ist noch drinnen. Übrigens hatte Schwester Marita schon eine kreislaufstärkende Spritze aufgezogen. Frau Grund war der Meinung, dass die Dosis zu hoch sei und hat sie nicht geben wollen.“

„Aber diese Frau bekommt doch jeden Tag diese Injektion ... beziehungsweise hat sie die bekommen“, verbesserte sich Ina dann. Ich werde sofort nach der Patientin sehen. Kommen Sie ruhig nochmal mit, Herr Kollege.“

Preiß machte ein mürrisches Gesicht. Ina war bekannt, wie schwer er sich damit tat, sich einer Frau unterzuordnen, aber sie war nun einmal die Stationsärztin und hatte eine erheblich längere Praxis als er und damit auch die größere Erfahrung.

„Ich hätte gerufen werden müssen.“

„Irgendjemand hat es wohl auch versucht. Wir haben eine Lernschwester zum Chef geschickt, aber... “

Ina konnte sich schon fast denken, wie es dann weitergelaufen war. Götts Sekretärin musste ja die Brüllerei ihres Chefs in ihrem Zimmer gehört haben und hatte wohl die Schwester deshalb wieder weggeschickt. Aber richtig war das bestimmt nicht gewesen.

Für Ina bedeutete jeder Todesfall eine Niederlage, die sie sich sehr zu Herzen nahm. Es ging ihr nahe, wenn ein Patient dahingerafft wurde, wenn es der Medizin nicht gelang ihn zu retten. Und es interessierte sie wenig, ob die Wahrscheinlichkeit bei dieser alten Frau größer war, als wäre sie jünger gewesen. Für Ina war es gleichermaßen ein Schlag. In dieser Beziehung wurde sie nie abgebrüht.

Die blonde Dr. Hella Grund stand am Fenster und wandte Schwester Marita, die sich um die Tote bemühte, den Rücken zu.

„Hella“, sagte Ina, „wie konnte das passieren?“ Während Ina noch sprach, blickte sie auf den Nachttisch, wo die zur Hälfte gefüllte Injektionsspritze lag. Sie ging hin, nahm sie auf, ohne dass sich Dr. Hella Grund bis jetzt umgedreht hatte. Sie starrte immer noch nach draußen.

„Was ist hier drinnen?“ wandte sich Ina an Schwester Marita.

Die dunkelblonde junge Frau blickte auf, griff wortlos in ihre Kitteltasche und brachte eine Ampullen-Verpackung heraus.

Für Ina war es die Bestätigung, dass es sich um das Kreislaufstützungsmittel handelte.

„Hella, ich rede mit dir.“

Als müsse er sich noch einmal vergewissern, hörte Dr. Preiß die Tote ab. Aber es gab keinen Zweifel, in ihr war kein Leben mehr. Prüfend hielt er die Hand an ihre Carotis, an die Halsschlagader, seufzte dann und drehte sich zu Ina hin um. Aber die hatte keinen Blick für ihn übrig. Sie sah auf Hellas Rücken und erst jetzt drehte sich Hella Grund langsam um, blickte aus glänzenden Augen Ina an, schwieg aber. Sie hielt ihre Lippen zusammengepresst und Ina konnte sich vorstellen, was in ihr vorging.

Ina hob die Injektionsspritze hoch und sagte: „Wieso hast du das nicht gegeben?“

„Noch mehr quälen?“, fragte Hella Grund plötzlich. „Ich habe ihr etwas Anderes injiziert, eine Beruhigungsspritze.“

„Darüber reden wir an einer anderen Stelle“, entschied Ina. „Komm mit ins Arztzimmer. Dazu möchte ich etwas sagen.“

Hella Grund nickte nur, als habe sie nichts Anderes erwartet und ging auf die Tür zu, an allen vorbei.

Ina wandte sich Schwester Marita zu. „Wenn Sie hier fertig sind, Schwester, kommen Sie doch bitte auf einen Sprung zu mir. Ich bin jetzt im Arztzimmer. Und sollte wieder etwas sein... “

„Frau Doktor, wir haben nach Ihnen geschickt“, erklärte Schwester Marita. „Aber die Lernschwester ist zurückgekommen und...“

„Das erzählen Sie mir nachher. Ich habe erst mit meiner Kollegin zu sprechen. Und Sie, Herr Preiß, übernehmen Sie bitte solange die Station. Aber wenn ein ähnlicher Fall auftritt, bitte ich, alarmiert zu werden!“

Preiß lächelte souverän, wippte auf den Absätzen, sagte aber nichts. Dann ging er hinter Ina hinaus, wandte sich aber nach links, während sie nach rechts ging.

Hella Grund war stehengeblieben. „Was willst du mir vorwerfen?“, fragte sie.

„Einen Kunstfehler, meine Liebe“, erwiderte Ina. „In diesem Stadium durftest du der alten Frau keine Beruhigungsspritze geben und schon gar nicht jenes Präparat, das du gegeben hast. Es war ein Kunstfehler. Möglicherweise wäre sie noch am Leben... “

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Gegen fünfzehn Uhr hatte Schwester Marita Feierabend. Aber da sie als Stationsschwester Dienst tat, gab es noch mehr zu tun; sie konnte nicht weg.

Sie war gerade dabei, die Medikamente für die Spätschicht zurechtzumachen, als Dr. Preiß zu ihr ins Stationszimmer trat.

„Alles klar an Deck?“, fragte er aufgeräumt.

Sie schaute gar nicht auf. „Ja, Herr Doktor“, erklärte sie nur und konzentrierte sich auf ihre Arbeit.

Er setzte sich auf die Kante des Tisches und sah ihr zu. Sie spürte seinen Blick wie eine Berührung. Doch sie wollte sich nicht ablenken lassen.

„Haben Sie heute Abend etwas vor?“ hörte sie ihn fragen.

Sie zählte erst die Dosis zu Ende, dann schaute sie auf. Er gefiel ihr, das konnte sie nicht verhehlen. Aber mit den Ärzten war das so eine Sache. Die meisten bemerkten eine Schwester gar nicht. Frau Doktor Bender war da die große Ausnahme. Der Oberarzt zum Beispiel schnaubte nur seine Befehle und kam über einen mürrischen Gruß selten hinaus. Für den schienen die Schwestern Menschen zweiter Wahl zu sein.

Preiß war anders. Aber bei ihm spürte sie genau, um was es ihm ging. Es war die Frau, die er in ihr suchte und nicht die Mitarbeiterin.

„Ich weiß nicht so genau. Aber ich glaube, ich habe etwas vor“, erwiderte sie.

Sie wusste zufällig von den Personalunterlagen her, die sie einmal gesehen hatte, dass er drei Jahre älter war als sie, also neunundzwanzig. Was sie an ihm abschreckte, war sein Ruf als Schürzenjäger.

„Sie sind scheu wie ein Reh“, meinte er. „Machen Sie sich doch einmal einen schönen Abend. Wir können irgendwo schön essen gehen und...“

Sie lächelte geringschätzig. „Ich kenne das. Damit bieten Sie mir keine Neuigkeiten. Soll ich Ihnen den weiteren Verlauf schildern?“

Er sah sie überrascht an. Er hatte sie wirklich immer für scheu gehalten, für schüchtern. Sie war das, was man eine graue Maus nennt, fleißig, emsig, trat aber nie in Erscheinung. Zum ersten Male machte sie jetzt den Dienst als Stationsschwester und auch das geschah nahezu lautlos.

„Ich glaube, Sie schätzen mich falsch ein“, behauptete er.

Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Tatsächlich?“ Wieder lächelte sie auf eine so undurchsichtige Art, dass er unsicher zu werden begann.

„Es ist die Wahrheit“, beteuerte er. Wir gehen irgendwo essen, trinken, anschließend ein schönes Glas Wein und dann bringe ich Sie nach Hause.“ Investieren Sie da nicht zu viel für nichts?“, fragte sie amüsiert.

Dass sie so überlegen sein konnte, verunsicherte ihn noch mehr. „Na, Sie sind gut. Was haben Sie denn erwartet?“ „Das übliche, das ist Ihnen doch nicht unbekannt, oder?“

Er erhob sich, stemmte die Arme in die Hüften und sagte leicht verstört: „Sie können einen richtig durcheinanderbringen. Habe ich Ihnen irgendetwas getan? Ich dachte, wir verstünden uns gut.“

Sie nickte. „Ja, das ist nicht falsch. Sie sind wenigstens freundlich.“

„Oder sollen wir am Sonnabend tanzen gehen? Was halten Sie davon? Hier in Hamburg gibt es ja eine Masse Lokale. Von Disco bis Seniorenball; suchen Sie sich doch das Geeignetste aus und wir gehen hin.“

Zu seiner Verblüffung sagte sie: „Das nehme ich gerne an. Ich nehme auch das Essen an.“

Er kam aus seiner Überraschung gar nicht heraus. „Also doch! Wie wäre es mit heute Abend?“

„Einverstanden. Ich habe aber noch eine Weile zu tun.“

„Es ist ja auch noch nicht Abend“, erklärte er triumphierend. „Sagen wir, so gegen sechs?“ 

Sie blickte zum Fenster hinaus. Draußen schüttete es.

„Haben Sie einen Wagen?“, fragte sie und schaute ihn wieder an.

„Klar, zwar nicht das neueste Modell, eher eine ziemlich betagte Oma von Auto, aber bis jetzt hat es immer geklappt.“

Sie lachte. „Na ja, dann also um sechs. Aber entschuldigen Sie mich bitte jetzt, ich habe zu tun.“

Er blickte lächelnd zu ihr herab. „Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie sehr schön sind?“

Sie vermied es aufzusehen. „Es gibt Wichtigeres“, erklärte sie nur und füllte wieder ihre Portion Tabletten ab.

„Für eine Frau darf es nichts Wichtigeres geben. Nicht viele können das von sich behaupten, schön zu sein.“

Jetzt sah sie ihn doch an, schüttelte unwillig den Kopf und sagte verlegen: „Ich bin nicht schön. Sie müssen so etwas nicht zu mir sagen; ich mag das nicht.“

Als sie sich wieder ihren Tabletten zugewandt hatte, ging er zur Tür, drehte sich aber noch einmal um und sein Blick heftete sich auf ihre Beine. Im Sitzen war ihr der Rock etwas nach oben gerutscht, sodass er ihre Knie und eine Handbreit darüber sehen konnte. Sie hatte sehr schöne Beine, bewundert hatte er das schon länger

Sie merkte, dass er sie ansah, wandte sich ihm zu und ahnte etwas von seinen Gedanken. Da drehte er sich um und ging hinaus.

Sie hielt mit dem Zählen inne, richtete sich auf und lehnte sich im Stuhl zurück, blickte gedankenverloren gegen die Wand und fragte sich, warum sie ihm nachgegeben hatte. Es wird so wenig dabei herumkommen wie alle Male, dachte sie. Seit Horst weg ist, hat sich nichts mehr ereignet, über das ich nachdenken müsste oder weswegen es sich lohne, sentimental zu werden. Nein, entschloss sie sich, ich werde mich meiner Arbeit widmen, ganz meiner Arbeit...

Ihre Gedanken wurden von dem Eintritt Ina Benders unterbrochen.

„Sie sind ja noch hier, Schwester Marita!“

Irritiert blickte Marita die Ärztin an. „Sollte ich das nicht? Ich habe noch zu tun. Und die Besprechung von heute Morgen mit Ihnen muss ich irgendwie aufholen. Die Arbeit macht niemand anderer.“

„Ich habe eine Neuigkeit für Sie, da werden Sie staunen“, erklärte Ina, ohne darauf einzugehen, was Marita gesagt hatte. Marita sah die Ärztin gespannt an.

„Und das wäre?“, fragte sie bang, als erwarte sie eine schlechte Nachricht.

Ina setzte sich auf einen freien Stuhl, stützte den rechten Ellenbogen auf den Tisch und sah Marita an. „Der Chef hat zwar heute Morgen getobt, dass er niemanden für die Notdienste abstellen kann, aber im Laufe des Tages hat er sich dann beruhigt und eine Entscheidung getroffen. Morgen kommt Schwester Heidemarie wieder zurück, und er hat entschieden, dass Sie und mein Kollege Preiß sich der Notdienstzentrale zur Verfügung stellen sollen. Haben Sie das schon mal gemacht?“

Schwester Marita nickte. „Aber ja, schon mehrere Male. Das wissen Sie doch, Frau Doktor.“

Ina Bender dachte nach und es fiel ihr ein, dass Schwester Marita vor einem halben Jahr schon mal zum Notdienst beordert worden war.

„Eine traurige Arbeit, nicht wahr? Aber Sie kommen einmal hinaus, machen etwas anderes, nicht immer denselben Trott. Oder mögen Sie so etwas nicht?“

„Mit gemischten Gefühlen, Frau Doktor. Manchmal sind diese Notfälle katastrophal schlimm und das geht einem unter die Haut. So wie es mir unter die Haut geht, wenn jemand... Na ja, wie die Frau heute Morgen.“

„Das lässt mich auch nicht kalt, Schwester Marita“, entgegnete Ina. „Sie haben Ihre Sache großartig gemacht, Schwester Marita. Hätte meine Kollegin Grund auf Sie gehört, wäre vielleicht manches anders gekommen.“

Schwester Marita schüttelte den Kopf; „Nein. Sie hätten Ihrer Kollegin keine Vorwürfe machen dürfen. Ich habe die Frau ja viel öfter gesehen als Sie. Ich bin oft bei ihr gewesen, sie hat mit mir gesprochen. Sie wollte ja nicht mehr. Deswegen hat sie auch eine Operation abgelehnt.“

„Die Operation war ohnehin verworfen worden, weil das viel zu riskant gewesen wäre“, erklärte Ina.

„Sie wollte vorher schon nicht, als diese Entscheidung noch nicht feststand, Frau Doktor. Sie hat niemanden mehr und war ganz einfach müde. Sie sagte immer wieder: „Ich bin müde vom Leben, ich will nicht mehr. Es ist sehr schlimm, wenn man alt wird.“

„Manche Alten sehen das anders, wenn ich an meinen Großvater denke, der ist noch unheimlich mobil und auch schon einundachtzig.“

„Sie jedenfalls“, sagte Schwester Marita, „gehörte nicht dazu.“

„Arbeiten Sie eigentlich gern mit dem Kollegen Preiß zusammen?“, wollte Ina wissen.

Schwester Marita zuckte die Schultern. „Schwer zu sagen. Manchmal, da mag ich ihn. Er ist sehr tüchtig, er setzt sich ein, aber dann wieder hat er so eine Art, die ich nicht ausstehen kann.“

„Zum Beispiel, wenn er hinter Frauen her ist, nicht wahr?“, meinte Ina lächelnd.

„Er wird es beizeiten aufgeben, wenn er merkt, dass sie nicht darauf eingehen. Er hat es auch bei mir versucht. Ich habe ihn einfach ausgelacht und das ist schlimmer, als ihn einfach abzuwehren oder wegzuschicken.“

„Ja, Sie haben ja jemanden“, sagte Schwester Marita. „Ich hatte einmal zusammen mit Herrn Doktor Kluge Notdienst. Er ist ein sehr netter Mann, wir haben uns gut verstanden. Aber bitte, verstehen Sie das nicht falsch, Frau Doktor.“

Ina schüttelte den Kopf. „Aber nein, wie sollte ich das falsch verstehen? Vertrauen muss man haben. Jetzt zum Beispiel ist er schon seit zehn Tagen im türkischen Erdbebengebiet. Über dreißigtausend Menschen sind ohne Obdach. Die Regierung befürchtet Epidemien. Die Hilfsaktionen sind zwar angelaufen, aber alles stockt, weil das Gebiet so unzugänglich ist. Ich habe seit seinem Abflug noch nichts gehört. Er hat sich dem Internationalen Roten Kreuz in Genf zur Verfügung gestellt für solche Einsätze. Mir wäre lieber, er hätte es nicht getan.“

„Aber es muss immer Leute geben, die so etwas tun. Ich habe mich auch einmal gemeldet“, sagte Schwester Marita nachdenklich. „Aber man hat mich nicht genommen, obgleich ich die notwendigen Prüfungen hatte.“

„War es eine Gesundheitsfrage?“, wollte Ina wissen.

„Nein“, entgegnete Schwester Marita, „das nicht. Aber Schwester Heidemarie hatte den Chef gebeten, es abzulehnen.“ Schwester Marita blickte an sich herab, schaute dann aber wieder auf und sah Ina voll an. „Wussten Sie das nicht?“ „Nein, keine Ahnung“, sagte Ina. „Und warum hat sie das getan?“

„Das müssten Sie Schwester Heidemarie selbst fragen.“

„Aber Sie wissen das doch, sagen Sie es."

„Nein“, wehrte Schwester Marita ab. „Das muss sie Ihnen selbst erzählen.“ Schwester Marita machte ein abweisendes Gesicht.

Ina wollte gerade etwas erwidern, als Dr. Kiesewetter auftauchte. „Ach, hier sind Sie, Frau Kollegin!“, rief er. „Kann ich Sie mal ganz kurz unter vier Augen sprechen?“ Er machte ein ernstes Gesicht.

In diesem Augenblick hatte Ina eine Ahnung, dass es etwas sehr Schlimmes sein würde, was sie erfuhr. Sie hatte richtig Angst aufzustehen, um mit ihm nach draußen zu gehen.

Dann, als sie im Flur vor ihm stand, sagte er mit gedämpfter Stimme:

„Wir haben einen Anruf aus Genf bekommen. Herr Doktor Kluge hatte unsere Nummer dort hinterlassen.“

„Was ist passiert?“, stieß Ina hervor. Kiesewetter schlug die Augen nieder und vermied es, sie anzusehen. „Der Kollege Kluge hatte einen Autounfall in der Türkei.“

Ina hatte das Gefühl, ihr würde das Blut in den Adern gefrieren. Sie wollte etwas sagen, sie wollte den Arm bewegen, aber nichts dergleichen konnte sie. Sie vermochte sich nicht von der Stelle zu rühren, starrte Kiesewetter entgeistert an und der sagte, noch immer ohne sie anzusehen: „Der Nachricht zufolge war es ein sehr schwerer Unfall. Sie müssen sehr tapfer sein, Frau Kollegin. Bitte, nehmen Sie sich zusammen.“

„Es ist nicht wahr! Es darf nicht wahr sein! Er ist nicht tot! Sagen Sie, dass er nicht tot ist.“

Kiesewetters Kopf sackte noch etwas tiefer. Er sagte nichts und doch war es Ina Antwort genug ...

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Schwester Jutta war diensthabende Stationsschwester im Spätdienst. Sie hatte noch den Mantel an, als sie ins Stationszimmer kam, wo noch immer Schwester Marita am Tisch saß und die Eintragungen für die Spätschicht vollendete.

„Du, sag mal, Marita, was war denn mit Frau Doktor Bender los? Die ist mir eben begegnet, weiß wie eine Wand, den Blick starr. Ich habe sie gegrüßt, aber sie hat getan, als habe sie mich gar nicht gesehen. Wie eine Schlafwandlerin ging die an mir vorbei.“

„Keine Ahnung“, sagte Schwester Marita. „Vorhin ist der Oberarzt dagewesen, wollte sie sprechen und sie ging mit ihm hinaus. Ich habe sie nicht mehr gesehen.“

„Kiesewetter ist mir auch begegnet, der machte auch eine sauertöpfische Miene. Aber immerhin hat er wenigstens gegrüßt.“

„Er kam herein und wollte ihr irgendetwas mitteilen, unter vier Augen, wie er sagte. Sie sind nach draußen, aber was dann war... Ich habe keine Ahnung.“ Schwester Marita hatte sich erhoben. „Ich bin hier fertig. Wenn du willst, kannst du übernehmen. Unterschrieben habe ich schon. Du musst ganz besonders auf 335 achten, das ist die Nierenbeckenentzündung. Das Fieber ist herunter, die Schmerzen sind geringer geworden, aber es ist noch längst nicht vorbei. Und denke dran, der Mann hat mit dem Herzen zu tun, ist überhaupt sehr schwach. Deswegen haben sie ihn ja ins Krankenhaus gebracht. Und noch etwas, die alte Frau mit den Nierensteinen ist heute Morgen ex gegangen.“

„Was?“, fragte Schwester Jutta, „Wie kam denn das so plötzlich? So hinfällig war sie doch gar nicht.“

Schwester Marita sagte gar nichts, zuckte nur die Schultern. „Ich muss ab morgen in den Notdienst. Ausgerechnet mit Preiß.“

„Doktor Preiß?“, Schwester Jutta lachte. „Na hör mal, das ist doch ein netter Bursche, mir gefällt der. Wenn ich nicht schon verlobt wäre...“

„Willst du für mich in den Notdienst gehen? Ich bin jedenfalls nicht scharf drauf“, sagte Schwester Marita.

„Morgen kommt Heidewitzka wieder“, entgegnete Schwester Jutta. „Sei froh, wenn du eine Weile weg bist. Die lässt die anderen ganz schön arbeiten. Selber spielt sie immer die Fröhliche, Aufgekratzte, immer einen Scherz auf den Lippen, und wir dürfen die Arbeit machen. Ich bin ganz zufrieden, dass ich im Spätdienst arbeiten kann und nicht nur unter Heidewitzka schuften muss wie ein Pferd. Sie ist immer um den Chef herum oder um den Oberarzt, zumindest aber um die Stationsärzte. Und wir, wir dürfen herumflitzen wie Rennpferde.“ „Ein bisschen recht hast du.“

„Den Posten, den sie hat, hättest du auch haben können. Du hast ja alle Prüfungen. Ich müsste noch eine machen. Aber wann komme ich dazu?“

„Was nützt es schon?“, meinte Schwester Marita deprimiert. „Ich habe diese Prüfungen und komme auch nicht weiter. Ich verdiene so viel wie du.“

„Du solltest an eine andere Klinik gehen, irgendwohin, wo du Stationsschwester werden kannst. Und wenn es nur ein Kreiskrankenhaus ist. Mein Vater sagt immer „Lieber ein König unter Bettlern, als ein Bettler unter Königen“. Was nützt mir der große Name vom Hafenkrankenhaus, wenn ich ein Nichts bin. Ich glaube, ich mache doch meine dritte Prüfung und dann nichts wie weg von hier. Von mir aus in die Provinz. Mein Freund will sowieso von Hamburg weg. Die Großstadt, sagt er, die schlechte Luft und das alles. Lieber aufs Land, in die Heide. In Buchholz ist ein nettes kleines Krankenhaus. Das ist wie eine große Familie da, weißt du?“

Marita schüttelte den Kopf. „Das kann ich besser beurteilen. Ich bin als junge Schwester schon an einer solchen Klinik gewesen, eine Privatklinik. Wir waren im Ganzen nur vier Schwestern und dann noch die Frau des Besitzers und Chefarztes. Von früh bis abends war Mord und Totschlag. Wenn ich damals älter gewesen wäre, hätte ich mich als Nachtschwester gemeldet. Aber die Bedingung war damals, dass man fünfundzwanzig Jahre alt sein muss. Sie hatten eine ältere Frau dafür. Die Nachtschwester hatte ihre Ruhe. Aber am Tag war nur Zank und Streit. Und auch die Ärzte waren in der Öffentlichkeit ganz freundlich zueinander, aber jeder hat Krieg gegen den anderen geführt. Und allesamt haben sie auf uns herumgehackt. Du sagst, wie eine Familie? Es gibt auch solche Familien. Aber dann möchte ich lieber nicht in einer solchen Familie sein. So, ich gehe jetzt.“ Sie dachte an die Einladung zum Abendessen. Große Erwartungen hegte sie nicht, was diesen Abend mit Dr. Preiß betraf. Auf der anderen Seite war sie ehrlich genug mit sich, zu spüren, dass es etwas Verlockendes hätte. So ganz gleichgültig war er ihr nicht, auch wenn sie sich das nicht eingestehen wollte. Gab es überhaupt ein Mädchen im Haus, das ihn nicht mochte? Er hatte eine Art, die war einfach unwiderstehlich.

Marita verließ den Fahrstuhl und trat ins Foyer. Da kam ihr Roswitha entgegen, die als Telefonistin arbeitete. Sie hatte jetzt auch Dienstschluss. Die mollige Blondine kam im rosa Kleid mit weißen Tupfen auf Marita zu und sagte wichtigtuerisch: „Hör mal, weißt du auch das Neueste? Der Freund von der Bender ist tot.“

„Was sagst du da?“, rief Marita, bestürzt. „Redest du von Frau Doktor Bender?“

„Ja, ja, die hat doch diesen Anästhesisten von der Frauenklinik, diesen Doktor Kluge. Er ist auch mal hier gewesen und hat hier in irgendeiner Geschichte ausgeholfen. Ich kenne ihn, oft holt er sie ab. Er hat einen tollen Porsche. Naja, jetzt hat es ihn erwischt. In der Türkei, im Erdbebengebiet. Sie sind mit einem Auto verunglückt.“

„Doktor Kluge ist tot? Jetzt verstehe ich, was Jutta mir da erzählt hat.“

„Was hat sie dir denn erzählt?“, wollte Roswitha wissen.

„Als mich Jutta ablösen wollte, kam ihr Doktor Bender entgegen, weiß wie eine Wand, sagt Jutta. Und wie eine Nachtwandlerin sei sie ihr vorgekommen.“

Dann hat sie es wohl gerade erfahren. Die haben von Genf angerufen. Kiesewetter hat mit ihnen gesprochen. Er wollte es der Bender sagen.“

Marita nickte gedankenverloren, sagte aber nichts dazu. Erst nach einer ganzen Weile murmelte sie: „Sie ist immer so nett. Die einzige von den Ärztinnen, die wirklich nett ist. Und außerdem kann sie was. Wenn ich da an die Grund denke, die darf alles und kann nichts. Aber hochnäsig wie sonst was. So eine eingebildete Kuh und hinter jedem Mann her. Die alte Mutter könnte noch leben, wenn sie nicht an die Grund geraten wäre.“

„Die ist ja wirklich doof, die Grund“, bestätigte Roswitha. „Der letzte Heuler hier im Haus. Aber wenn sie auf ihren hochhackigen Schuhen angetrippelt kommt und mit dem Hintern wackelt, da gucken ihr die ganzen Männer nach.“

Marita schüttelte den Kopf. „Das sind nicht mehr viele, die ihr nachsehen. Und die das tun, die kennen sie nicht. Auf der Station verrenkt sich keiner mehr den Hals. Und der Chef redet mit ihr wie mit einem Lehrling. Neulich hat er sie angebrüllt, das hat man durch die Doppeltüren gehört.“

„Die telefoniert auch dauernd. Es ist mir bloß zu blöd, ich könnte es ja mithören, aber ich will es gar nicht. Und immer ist es irgendein anderer Mann, der anruft.“

Sie verließen beide die Klinik und Roswitha fragte:

„Nimmst du den Bus? Dann müssen wir uns beeilen.“

„Nein“, lächelte Marita, „ich werde ausnahmsweise mal abgeholt.“

Roswitha blickte Marita überrascht an. „Hast du einen Neuen?“

„Nein, nein. Es ist, glaube ich, eine einmalige Sache. Es geht um etwas Fachliches. Doktor Preiß holt mich ab.“ Roswitha pfiff wie ein Junge zwischen den Zähnen. „Donnerwetter!“, rief sie anerkennend. „Den hast du dir geangelt? Ein toller Hecht! Mensch, das wäre auch mein Traum einer schlaflosen Nacht, der gefällt mir.“

„Es ist nicht so, wie du denkst“, entgegnete Marita, blickte an Roswitha vorbei und sagte: „Da ist er schon. Entschuldige mich. Wir werden uns übrigens die nächste Zeit nicht sehen“, erklärte sie, während sie schon weiterging, und rief dann über die Schulter zurück: „Ich muss in den Notdienst.“ „Einen schönen Abend noch!“, rief ihr Roswitha nach, aber Marita hörte es nur mit halbem Ohr. Da stand ihr schon Harald Preiß gegenüber.

Auf seine gewinnende Art lächelte er sie an.

„Ich wollte eigentlich erst nach Hause, ich muss mich noch umziehen.“

„Umziehen? Wozu denn? Was haben Sie denn unter dem Mantel an? Ich sehe nur die dunkelblauen Hosen.“

„Eine Strickjacke und eine weiße Bluse. Ich weiß nicht, ob ich da... “

„Nun hören Sie mal, damit kann man überall hingehen. Wir sind doch nicht mehr in Opas Zeiten. Kommen Sie, so groß wollte ich Sie nicht ausführen. Ich habe mich auch nicht umgezogen. Und wenn, dann wäre ich in Jeans gekommen. Also gehen wir.“ Er hakte sie unter und sie gingen auf seinen Wagen zu, der ein Stück entfernt stand. Er hatte ihn in der zweiten Reihe geparkt.

„Wenn das die Polizei sieht“, meinte Marita.

„Ach was“, erwiderte er. „Ich bin ja eben erst dahingefahren. Ich fürchtete schon, Sie könnten direkt zum Parkplatz gehen. Nun kommen Sie, steigen Sie ein.“

Es war ein hoffnungslos vom Rost benagter alter Audi und innen roch es, wie es oft in alten Autos riecht. Die Sitze waren durchgesessen und Marita glaubte zu versinken.

Er sprang auch nicht sofort an, als ihn Dr. Preiß in Gang setzen wollte. Aber schließlich entschloss sich der Motor doch seinen Dienst zu tun und es hörte sich an, als würde vorn unter der Haube mit Topfdeckeln geklappert. Der Wagen fuhr rumpelnd und laut, doch bei dem nun einsetzenden Schneeregen fühlte sich Marita in dem Vehikel fast wohl.

Sie sprachen nicht, bis Harald Preiß in einer Seitenstraße der Innenstadt anhielt, sie ausstiegen und er einen Knirps aufspannte, damit Marita nicht nass werden sollte.

„Lassen Sie doch, ich habe eine Kapuze“, rief sie. Aber er bestand darauf, den Schirm über sie zu halten. „Wir haben nicht weit. Da drüben, das Lokal, das wäre etwas für uns. Nicht so nobel, aber die Kost ist gut und vor allen Dingen auch reichlich, worauf ich besonderen Wert lege.“ Er lachte.

„Ich nicht so sehr.“

„Ich kenne den Spruch von der Linie. Vergessen wir das. Es wird Ihnen so schmecken, dass Sie ordentlich zulangen, hoffe ich.“

Details

Seiten
140
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738917505
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Februar)
Schlagworte
arztroman exklusiv edition blaulicht glück

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Titel: Arztroman Exklusiv Edition - Mit Blaulicht ins Glück