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Sammelband 5 Wildwest-Romane: Ein Stern für Texas und andere Western

von Alfred Bekker (Autor) Pete Hackett (Autor) W. W. Shols (Autor)

2018 600 Seiten

Leseprobe

Sammelband 5 Wildwest-Romane: Ein Stern für Texas und andere Western

Alfred Bekker et al.

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Sammelband 5 Wildwest-Romane: Ein Stern für Texas und andere Western

von Alfred Bekker & Pete Hackett & W.W.Shols

––––––––

Dieses Buch enthält folgende  Romane:

W.W.Shols: Teufelsfährte

Pete Hackett: Ein Stern für Texas

Alfred Bekker: Brigade der Desperados

Alfred Bekker: Sonora Geier

Pete Hackett: Die Höllenhunde vom Rio Bravo

Der alte Patterson steht vor dem Ruin und trifft eine verhängnisvolle Entscheidung. Die Karten sind gemischt, das gefährliche Spiel kann beginnen. Aber zwei Karten sind gezinkt - zwei Karten, die den Tod bedeuten!

––––––––

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors, Titelbild: Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Teufelsfährte

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Western von W. W. Shols

Der Umfang dieses Buchs entspricht 146 Taschenbuchseiten.

Der alte Patterson steht vor dem Ruin und trifft eine verhängnisvolle Entscheidung. Die Karten sind gemischt, das gefährliche Spiel kann beginnen. Aber zwei Karten sind gezinkt - zwei Karten, die den Tod bedeuten!

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Hugo Kastner, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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Holly Patterson ist voll wie tausend Mann. Aber er ist zu jung, um so voll zu sein.

Benny Yates hat ein Würgen im Hals, als er durch die Schwingtür tritt und wie angewurzelt stehen bleibt.

Eigentlich hat Benny Yates vorbeigehen wollen. Mittags um zwölf steht ihm für gewöhnlich nicht der Sinn nach Brandy. Mittags um zwölf will er keinen Saloon von innen sehen. Da ist das Licht so fahl, und die Bude stinkt noch nach dem kalten Rauch vom Vortage. Benny Yates ist nur zufällig vorbeigekommen, weil er im Drugstore von Mr. Galogue noch was zu erledigen gehabt hat.

Und dann hat er die Stimme gehört. Hollys Stimme. Dieser elende Bengel wird noch der Ruin seines Vaters werden!

Und Benny ist Pattersons Vormann. Das ist so gut, als wäre er auch der Aufpasser für den Jungen. Und wenn der Bengel schreit, muss er nachsehen. Kein Zweifel!

Holly tanzt auf dem Tisch. Dieser grüne Junge tanzt tatsächlich auf dem Tisch, und die sieben Gäste halten sich den Bauch vor lachen.

Nur der Wirt Sam Boones steht dabei und verzieht keine Miene. Er scheint nur die Dollars zu zählen, die schon zu so früher Stunde in seine Kasse wandern werden.

Als Benny die Tür aufstößt, ist der Lärm wie abgeschnitten. Für ein paar Sekunden wenigstens. Und alles starrt zum Eingang, weil auch Holly hinsieht.

„By Gosh, unser Vormann!“, stöhnte der Junge. Sein Gesicht ist wie eine Maske. Und dann schreit er es noch einmal: „Hiii, unser Vormann! Komm her, Yates! Du hast einen Schluck verdient. Und heute bezahle ich!“

Holly hat den Schreck überwunden. Er findet alles sehr lustig, und er breitet seine Arme aus, als ob Yates gleich zu ihm auf den Tisch hinaufkommen sollte.

„Komm rauf, Vormann! Heute nur Whisky! Und nur auf meine Rechnung ...“

Die anderen stehen da, als ob sie einen Stock geschluckt hätten. Als Benny Yates durch die Reihen der leeren Tische geht und genau auf sie zumarschiert, hat er nicht das geringste Verständnis im Blick.

Gleich vorn steht Joe Burdy, der sich im Stillen zehn Meilen weit weg wünscht. Der zur Seite guckt, als Benny neben ihm ist.

„War das nötig, Joe, wo du dabei bist?“

Die Worte kommen so leise, dass nur Joe sie hört. Und er tut so, als wären sie noch leiser gewesen.

Yeah, wenn er taub ist ..., denkt Benny und geht noch die letzten drei Schritte. Bis er vor dem Tisch steht.

Was er jetzt sagt, kann jeder hören.

„Komm ’runter, Holly! Wir reiten nach Hause.“

Holly sieht ihn an wie ein Indianerkind mit zwei Köpfen. Dann kriegt er wieder das Lachen. Schlägt sich ausgelassen auf die Schenkel, dass das Leder wie eine Peitsche klatscht.

„Ich habe einen Whisky spendiert, Vormann! Kann mir nicht denken, dass Sie das überhört haben. Einen Whisky — für alle im Saal!“

„Komm herunter!“, sagt Benny Yates leise und ohne jeden Zorn.

„Ich trinke hier oben“, sagt Holly heiter. „Und Sie stellen sich neben mich, Yates! Das ist ein Befehl!“

Die Frechheit hätte ihm eher im Halse stecken bleiben sollen. Drei Sekunden eher ...

Jeder sieht, dass Benny Yates nicht hergekommen ist, um sich von dem jungen Patterson übers Maul fahren zu lassen. Und sein Geduldsfaden ist heute auch nicht sehr lang. Der väterliche Ton ist aus seiner Stimme weggewischt, als er noch einmal zu reden anfängt.

„Ich trinke Whisky, wann es mir passt, Junge. Und du trinkst heute überhaupt keinen mehr. Komm ’runter!“

Auch Hollys Heiterkeit hat sich plötzlich gelegt. Halb scheint er jetzt aus seinem Rausch erwacht zu sein. Er ist in den Beinen etwas eingeknickt und legt die Hand an die Griffschalen seines Revolvers.

„Pass auf, Vormann! Du hast wahrscheinlich meine letzten Worte nicht verstanden. Ich bin Holly Patterson und habe dir einen Befehl gegeben. Komm ’rauf, oder ich zeige dir, wer hier der Boss ist!“

Benny traut seinen Ohren nicht. Den anderen geht es genauso. Vielleicht sogar dem Sprecher selbst. Aber die Worte sind heraus.

Selbst, wenn er es wollte.

Dass er gar nicht daran denkt, zeigt sein Gesicht.

Dann kommt Bennys Hand, packt den Stiefel und reißt Hollys rechtes Bein weg. Der Bengel scheint zu kippen, aber er hat wohl den Angriff früh genug erkannt und verlagert sein Gewicht aufs Standbein. Er kippt nicht. Er hat den Absatz schon wieder auf der Tischplatte, als Benny ein zweites Mal ausholen will.

Doch mitten in die Bewegung platzt die schrille Warnung.

„Keinen Schritt mehr, Vormann!“

Holly hat tatsächlich den Revolver draußen. Das Ding schwebt dicht vor Bennys Kopf, den er weit in den Nacken legen muss, um Holly da oben zu erkennen.

Das schwarze Loch in dem Stahl tanzt vor seinen Augen.

Benny scheint angewachsen zu sein.

Eine gefährliche Pause entsteht. Den Männern läuft es eiskalt die Rücken herunter. Holly Patterson weiß nicht mehr, was er tut. Der hat schon den ganzen Kopf voller Brandy. Er wird Benny umbringen, sobald der die geringste Bewegung macht.

Rühr dich nicht, denkt Joe Burdy schräg hinter ihm.

Joe hört noch einmal die Frage von vorhin. By Gosh, natürlich hätte er es nicht so weit kommen lassen dürfen, dass sich der Junge bis zum Hals mit Feuerwasser volllaufen lässt.

Aber jetzt ist es zu spät.

Jetzt hat es ihn gepackt, und er will Befehle erteilen, als ob er der Alte selbst wäre.

Man müsste um den Tisch herum kommen. Man müsste etwas tun, das er nicht sehen kann ...

Mehr Zeit hat Joe nicht.

Die kurze Pause ist zu Ende.

„Komm ’rauf, Vormann!“, sagt Holly. Die schwere Waffe in seiner Hand zittert nicht einmal. Er steht oben und braucht sie nicht hochzuhalten. Er ist eindeutig im Vorteil, obwohl er sich in jeder anderen Lage tausendmal überlegt hätte, ob er so mit Benny Yates herumspringen kann.

Benny hat noch immer den Kopf im Nacken und sieht Holly staunend an.

„Yeah, ich komme, Mr. Patterson. Aber wenn ich oben bin, werde ich entscheiden, was wir trinken.“

Über Hollys Gesicht geht ein breites Grinsen. Benny Yates scheint über eine ferne Zukunft zu sprechen. So wenig interessiert ihn das, was er sagt.

Und außerdem — man wird schon sehen, wie es weitergeht, wenn dieser von sich eingenommene Vormann erst mal oben ist. Der Kerl hat schon lange verdient, dass man ihm mal sagt, wohin er gehört und dass ein Patterson für ihn immer der Boss ist.

Der Alte oder der Sohn ...

Hollys Gedanken nehmen ein jähes Ende, als der Boden unter seinen Stiefeln zu schwanken beginnt.

Er hat zu viel an die Zukunft gedacht und dabei die Gegenwart verpasst. Er hat sich ganz oben gefühlt, weil er ein Patterson ist.

Benny Yates denkt gar nicht daran, auf den Tisch zu steigen. Er will nur, dass Holly für einen Augenblick sein Schießeisen vergisst und keine Dummheit damit macht.

Als Benny in Bewegung gekommen ist, hat es so ausgesehen, als wolle er lediglich den Befehl ausführen. Er packt die Tischplatte, als ob er sich abstützen wollte. Stattdessen reißt er sich hoch, dass die vier Beine darunter plötzlich wie eine Batterie Artillerie schräg nach oben zeigen.

Auf der anderen Seite rutscht Patterson jr. hinunter und landet auf der Ebene, wo auch die anderen stehen.

Nur steht er nicht ...

Der Schwung hat ihn noch tiefer gerissen. Als Benny mit einem Hecht über den umgestürzten Tisch heranfliegt, ist Holly noch damit beschäftigt, seine Knochen einzusammeln. An den Colt, der irgendwo in der Ecke liegen muss, gar nicht zu denken.

Benny rammt vor ihm die Stiefel auf die Dielenbretter. Er fasst ihn nicht an.

Noch nicht!

„Steh auf, Boy! Steh auf, oder du erlebst, wie ein Oldster dir Greenhorn Beine macht. Von wegen befehlen! Du wirst dir alles der Reihe nach verdienen, was einen Mann ausmacht, und dann kannst du mitreden. Dann kannst du einem Benny Yates vielleicht eines Tages auch Befehle erteilen.“

Wieder fängt dieser verdammte Vormann von der Zukunft an zu reden, denkt Holly mit dem Teil seines Gehirns, der noch nicht ganz vom Alkohol verwirrt ist.

Der soll sehen, was er davon hat ...

Jetzt wird Holly Patterson die Rollen vertauschen. Jetzt wird er so tun, als würde er gehorchen.

Er kommt hoch ...

Und sofort rennt er vorwärts. Seine Anne schleudern durch die Luft wie Windräder.

Bennys Faust nimmt den geraden Weg. Holly bleibt mit dem Brustkorb drauf hängen, als wäre er auf einer spitzen Felskante gelandet.

Die Faust schüttelt ihn ab und lässt ihn stehen.

„Verlass dich darauf, Yates, ich werd’s dem Alten sagen! Du kommst nicht weit mit deinen Gemeinheiten ...“

Kaum, dass der Bengel etwas Luft hat, so fängt er schon wieder an zu toben. Dem ist nicht mehr zu helfen. Nicht in dem Zustand. Oder ...

Bennys Hand rutscht einfach aus. Flach schlägt sie zu.

Zweimal.

Und es klatscht wie eine Peitsche.

Die Männer im Kreis zucken zusammen, als hätten die Schläge sie selbst getroffen.

By Gosh, er gibt ihm eine Ohrfeige!

Joe Burdy findet, dass das zu viel ist. Auch wenn Benny völlig im Recht ist.

Hollys Gesicht färbt sich wie der Abendhimmel bei Sonnenuntergang. Im nächsten Augenblick schlägt die Farbe in fahles Weiß um, als ob Schnee darauf gefallen wäre.

Der Bengel steht wie ein Pfahl. Er macht den Mund auf und bringt kein Wort heraus. Er ist sprachlos wie die andern.

„Geh, Junge!“, sagt Benny Yates leise. „Ich bring dich nach Haus.“

Und dann sind sie draußen.

Holly ist mitgegangen, als hätte er keinen eigenen Willen mehr. Man hört, wie sie draußen anreiten und wie der Hufschlag verklingt.

Im Saloon wird ein Murmeln laut. Joe Burdy bückt sich und angelt einen Colt vom Boden, pustet über den Lauf, um den Schmutz zu entfernen. Und dann steht er am Tresen.

„Was hat er noch zu bezahlen, Sam?“

Der Keeper winkt ab.

„Lass es stecken, Joe! Die Pattersons laufen mir nicht weg, und du hast jetzt wohl andere Sorgen.“

„Mag schon sein, Sam“, sagt Joe Burdy schleppend und geht langsam hinaus.

Er hat ihn geohrfeigt!

By Gosh! Warum hat er ihn nicht geschlagen, bis er liegen blieb und halbwegs nüchtern wurde?

Aber dieser Schlag mit der flachen Hand ...

Joe bindet die Zügel von der Haltestange und steigt in den Sattel. Er reitet aus der Stadt wie einer, der viel Zeit hat.

Was kann er schon ändern, wenn er sich beeilt?

Es ist nun einmal geschehen.

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Als Joe Burdy auf die Ranch kommt, ist der Hof zwischen dem Haupthaus und dem Bunkhaus wie leer gefegt. Das gibt es sonst nur sonntags. Und heute ist Mittwoch. Ein ganz simpler Mittwoch, an dem noch nie das Schmiedefeuer ausgegangen ist.

Im Stall stehen vier Pferde. Also muss jemand da sein. Zum Beispiel Benny Yates. Sein Gaul ist auch dabei.

Joe sattelt ab und geht zum Bunkhaus hinüber. Benny steht an seinem Bett und rollt eine Decke zusammen. Die Decke, die immer über dem Strohsack gelegen hat.

„Howdy, Benny“, sagt Joe.

Benny murmelt eine Antwort, die er wohl selbst nicht versteht — und schweigt.

„Was hast du vor?“, fragt Joe.

„Reiten“, sagt Benny knapp.

„Das wirst du nicht tun, Junge!“

„Willst du mich daran hindern?“

„Du weißt genau, wie ich es meine. Du kannst hier nicht weg, Benny.“

„Frag lieber erst den Boss, ehe du so was behauptest. Er hat ja ’nen guten Vormann.“

„Sieh mich nicht so an, als ob du mich meinst. Du kannst nicht reiten, weil wir dich brauchen.“

„Du vielleicht? Oder wer ist das — wir?“

„Angefangen beim Boss ...“

„Der Boss hat mich entlassen. Was willst du noch? Mir macht es nichts aus.“

„Das glaubt dir jeder, bloß ich nicht. Ich weiß mehr, als du denkst.“

„Was das schon sein wird?“

„Du weißt es selbst am besten, also reden wir nicht darüber.“

Benny hat die Decke fertig, aber er zurrt immer noch einmal an den Riemen, als säßen sie ihm noch nicht gut genug. Er hat es nicht eilig, wegzukommen.

No, das sieht jeder, und das weiß jeder. Auch wenn man Gloria einmal ganz aus dem Spiel lässt.

„Mach’s gut, Joe!“, sagt dann Benny wie aus heiterem Himmel und dreht sich zur Tür.

Joe bleibt in seiner Ecke. Er könnte sich ihm jetzt in den Weg stellen, und es würde noch eine lange Auseinandersetzung. Wer weiß, was dann am Ende dabei herauskommt. Aber soll er anders entscheiden als der Boss? Oder als Benny selbst?

Außerdem — Benny hat nicht die Nerven, jetzt so einfach zu gehen. Nur mit einem „Mach’s gut, Joe!“

Aber trotzdem steht er schon an der Tür, und sein Rücken ist schon zu einem schwarzen Schatten geworden.

„By Gosh, Benny“, stöhnt Joe Burdy, „warte! Du hast mal gesagt, uns würde nichts mehr auseinanderbringen, ’ne Frau vielleicht, doch sonst nichts.“

„Wer denkt schon daran, wie’s mal kommen kann? Sorry, Partner! Einer von uns muss schließlich hierbleiben. Ganz ohne uns wird Patterson niemals fertig.“

„Er wird auch ohne dich nicht fertig. Und weil du das weißt, macht es dir eine teuflische Freude, jetzt zu verschwinden. Du bist gemein, Benny!“

„Tut mir leid. Ich werd nicht warten, bis der Alte Gewalt anwendet. Ich habe ihn auch so ganz gut verstanden.“

„Diese verdammte Ohrfeige! Wie konntest du den Bengel ...“

„Ist schon passiert. Willst du es vielleicht aus der Welt reden? Geh zu Holly und sag ihm meinen Namen. Der springt dir wie ein Grizzly ins Gesicht.“

„Warte noch, Benny! Auf zehn Minuten kommt es auch nicht mehr an. Warte, bis ich zurück bin!“

„Was soll der Blödsinn?“

„Warte! — Ich habe Hollys Colt bei mir. Den werde ich zurückbringen.“

„Dazu brauchst du mich ja nicht.“

„Warte hier, Benny! Das kann ich von dir verlangen.“

„Yeah, geh schon. Zehn Minuten, keine Sekunde länger!“

Joe zögert noch und schielt Benny von unten her an. Er hat so viel Misstrauen im Blick wie drei Schakale. „Und wenn ich zurückkomme, wirst du noch hier sein.“

„Seit wann fragst du zweimal, wenn ich dir mein Wort gegeben habe?“

Joe Burdy dreht sich um.

Er hat zwei Revolver bei sich. Einen im Holster, einen in der Hand. Der in der Hand gehört nicht ihm.

Benny sieht seinen Rücken kleiner werden. Der Weg bis zum Haupthaus ist lang. Und kein Mensch ist zu sehen.

Joe geht wie durch eine tote Stadt ...

„Da kommt er“, sagt Kim White.

Das ist vollkommen überflüssig, denn die anderen sehen es auch.

Sie sind drei Mann im Zimmer. Als Joe Burdy hinzutritt, sogar vier.

Kimbal White hat an dem kalten, steinernen Kamin gelehnt. Jetzt stößt er sich ab und steht mitten im Raum. Schräg hinter ihm steht der Boss, Henry Patterson. Er hat graues, kurzes Haar, dessen Strähnen wild durcheinander stehen. Wie Präriegras, das nicht weiß, wie es sich im Wind neigen soll.

Einer sitzt am Tisch. Ausgerechnet der jüngste von allen. Er hat es nötig — aus verschiedenen Gründen. Einer davon hängt mit dem Brandy zusammen, den er in der Stadt hat anschreiben lassen.

Vier Männer ...

Und hinten eine Frau. Oder vielleicht noch nicht ganz eine Frau, weil auch sie noch zu jung ist.

Gloria Patterson, Hollys Schwester.

In ihren Händen dreht sie ein Geschirrtuch. Es ist mürbe und schon an mehreren Stellen eingerissen. So stark hat sie daran gerissen.

„Yeah, da kommt er“, wiederholt Joe Burdy Kims seltsame Begrüßung. „Warum kommt er wohl, Kim? Was meinst du?“

Es sieht aus, als wollte er sich an dem anderen reiben. Gloria versteht immer weniger von der Sache.

Wie kommen diese Männer dazu, sich so aufzuführen? Sie haben sich in den Ärger hineingeritten wie dumme Kinder, die sich um ein paar wertlose Kieselsteine streiten und deshalb ihre ganze Freundschaft vergessen.

„Du bist gereizt, Joe“, stellt der Boss fest.

„Kunststück! — Wenn man solche hirnverbrannten Dinge erlebt! Und was ist hier? Sind Sie vielleicht nicht gereizt, Boss?“

„Auch kein Kunststück, wenn man das hört. Soll ich meiner Mannschaft noch einen Aufpasser mitschicken, wenn sie mal in die Stadt reitet?“

„Trotzdem, Boss ... Ich würde ihn nicht gehen lassen ...“

„Ich habe ihn ’rausgeworfen.“

„Ich weiß. Aber auch nur, weil Sie gereizt sind.“

Henry Patterson macht eine heftige Bewegung.

„Du hältst den Mund, Joe! Du mischst dich nicht ein, wenn die Pattersons eine Familienangelegenheit zu regeln haben!“

„Warum ist dann Kim hier?“

Henry Patterson geht einen Schritt auf Joe zu. „Hör zu, mein Junge! Um Unsinn zu reden, hättest du nicht herzukommen brauchen. Außerdem macht Benny dir seinen Platz frei. Du weißt, dass du nach ihm dran bist, Vormann zu werden.“

„Das bedeutet Lohnzulage, wie?“

„Auch das, Joe.“

„Sie wissen genau, dass mich der Lohn unter gewissen Umständen nicht interessiert.“

„Was für Umstände wären das, hm?“

„Ich habe mir mal ein Versprechen gegeben. Ich habe mir mal geschworen, überall hinzureiten, wo auch Benny Yates hinreitet ...“

„By Gosh! Das bildest du dir jetzt ein. Du träumst am helllichten Tage, mein Junge.“

„Irrtum, Boss! Es ist genau, wie ich sage.“

„Und du bildest dir ein, er wartet auf dich, oder? — Dabei weißt du ganz genau, dass er keinen Partner brauchen kann, wenn er auf den Trail geht. Er ist ein Wolf, Joe Burdy! Ein Wolf, der allein jagt. Er braucht dich nicht.“

„Aber Sie brauchen ihn, Boss!“

„Du bist ab heute der Vormann. Joe. Abgemacht! — Yates wird dahin reiten, wo ihn der Teufel holt ...“

Henry Patterson hält ihm die Hand hin. Er braucht nur einzuschlagen und hat den Posten des Freundes übernommen.

Joe scheint die Hand nicht zu sehen. Er dreht sich zu Holly um.

„Hier ist dein Colt, Holly. Du hast ihn im Saloon bei Boones liegen lassen.“

Holly macht keine Anstalten, sich das Stück Eisen anzusehen. Er guckt sogar daran vorbei, als es dicht vor ihm auf dem Tisch liegt. Holly ist jetzt wie ausgetrocknet. Seine Augen sind glasig. Bestimmt bekommt er in seinem Zustand nur die Hälfte von dem mit, was hier gesprochen wird.

Achselzuckend wendet sich Joe wieder an den Rancher.

„Ich habe nicht viel Zeit, Boss. Benny wartet nicht länger als zehn Minuten. Die Hälfte davon ist herum.“

„Du glaubst, du kannst mich erpressen, wie? Vielleicht hat er dich sogar geschickt?“

Joes Blick ist wie eine Beleidigung. So geringschätzig hat Henry Patterson keiner angesehen, solange er zurückdenken kann. Und dabei gibt es manchen im County, der ihm auch noch den letzten Schlag an den Hals wünscht.

„Benny schickt mich nicht, Boss. Das ist ein großer Irrtum. Benny wird in den Sattel steigen, sobald die zehn Minuten herum sind. Ich habe mir nur sein Wort geben lassen, dass er wartet, bis ich zurück bin.“

„Dann geh schon, Joe! Sag ihm, es bleibt, wie ich es gesagt habe ...“

„Holly war voll wie tausend Mann, Boss! Holly hat sich unmöglich benommen. Benny musste eingreifen. Sie sollten ihm dankbar ...“

„Man kann sich mit einem Patterson schlagen, Joe Burdy, aber man schlägt ihn nicht! Hast du das noch immer nicht begriffen?“

„Es gibt also keine Chance mehr?“

„Das ist mein letztes Wort.“

„Egal, was aus den Herden wird ...“

„Lass die Herden aus dem Spiel“, grollt Henry Patterson wie ein nahendes Gewitter.

Joe sieht, dass dieser Kopf stärker ist als seiner. Außerdem, weshalb soll er sich mehr über die Herden aufregen als der, dem sie gehören? Schließlich ist es nicht sein Geld, wenn wieder mal zweitausend Hufe zum Teufel gehen.

„Lass die Herden aus dem Spiel, Joe Burdy ...“

Trotzdem, Joe begreift es noch nicht. Joe hängt an der Ranch, als ob sie sein Eigentum wäre. Oder fast so.

Joe sieht sich hilflos im Kreis um. Bei Gloria bleibt sein Blick hängen, und er merkt, dass sie ihn schon eine Weile anstarrt.

Noch drei Minuten, denkt er. Höchstens drei, oder vielleicht auch nur zwei.

Benny Yates wird keine Sekunde warten. Für Benny ist die Angelegenheit erledigt.

Joe tritt ans Fenster und sieht, wie Benny seinen Gaul aus dem Stall führt. Der Sattel liegt schon oben.

Die Sache ist abgemacht. Benny sieht nicht einmal mehr herüber.

„Yeah, Boss“, stöhnt Joe Burdy, „Sie haben gewonnen. Er geht in den Sattel. Die zehn Minuten scheinen herum zu sein. — Ich geh noch mal zu ihm.“

„Sie bleiben, Burdy!“, kommandiert da Holly.

Das kommt nicht nur für Joe überraschend.

Wie Holly bis jetzt am Tisch gesessen hat, war mit ihm heute nicht mehr zu rechnen. Jetzt hält er den Colt in der Hand.

„Sie bleiben, Burdy! Und wenn Sie den Wunsch haben, dass Yates die Ranch nicht verlässt, dann verlassen Sie sich nur auf mich.“

Damit geht er zur Tür.

„Holly!“, ruft Henry Patterson. „Du bleibst hier! Du hast heute genug Unheil angerichtet!“

„Und du hast Yates von der Ranch gejagt, weil er mich beleidigt hat. So war es doch, Dad, oder?“

„Ich habe ihn entlassen, und für dich ist er bereits verschwunden, Holly. Es gibt keinen Benny Yates mehr, und danach wird sich jeder richten, der den Namen Patterson trägt.“

„Du vergisst, dass man Beleidigungen nicht aus der Welt schafft, indem man sie vergisst.“

„Holly!“, schreit der Rancher. Doch der Junge ist schon draußen. „By Gosh, Joe. Lauf ihm nach! Es gibt ein Unglück ...“

Draußen ist Hufschlag, aber Benny muss schon um die Hausecke herum sein.

Joe sieht nur noch den Jungen. Wie er rennt und mit dem Revolver in der Luft herumstößt.

Dann fallen zwei Schüsse ...

„Holly!“, schreit Joe. „Verdammter Bengel!“ Er jagt die Verandatreppe hinunter zum Tor. Holly rennt wie ein Verdurstender. Wie ein Betrunkener, dessen Körper bis über die Ohren in Brandy steckt ...

Er schießt die ganze Trommel leer, ehe Joe bei ihm ist. Und nicht viel weiter steht Benny Yates, der aus dem Sattel gegangen ist.

Joe packt Holly im Genick. Der reißt sich wieder los und schlägt um sich.

By Gosh, jetzt geht es wieder los. Genau wie vor ein paar Stunden im Saloon. Und jetzt muss Joe Burdy sehen, wie er mit ihm fertigwird.

Ihm zuckt es genauso in den Fingern wie Benny. Er braucht nur zuzuschlagen. Dann haben sie den Namen Patterson ein zweites Mal beleidigt, und Joe Burdy kann auch gleich sein Pferd für einen langen Trail satteln.

So rechnet Joe. Und so rechnet Benny, aber soweit will er es nicht kommen lassen.

Er macht es dem Jungen ganz deutlich, indem er dicht an ihn herantritt und ihm die Mündung seines Colts zeigt.

„An diesem Eisen kommst du nicht vorbei, Holly! Wenn du demnächst meinen Rücken treffen willst, such dir einen Tag aus, an dem du weniger Brandy im Leib hast. Aber dann wirst du einen weiten Weg haben. Verlass dich nicht darauf, dass unsere Trails sich eines Tages noch mal kreuzen werden.“

„Verlass dich auch nicht auf das Gegenteil“, warnt ihn Joe Burdy. „Benny Yates hat den ganzen Kopf voller Augen. Der kann auch nach hinten sehen, und dich riecht er zweihundert Yards gegen den Wind ... Wo kann ich dich finden, Benny?“

„In der Stadt, wenn du dich beeilst.“

„Du bist also einverstanden, wenn ich mitreite?“

„Einverstanden oder nicht. Ich weiß ja, dass du auf meiner Fährte bleiben wirst.“

Benny Yates grinst breit, als hätte er überhaupt keine Sorgen. Und auch Joe Burdy grinst.

Es macht den Jungen krank, als er sieht, dass diese beiden Burschen sich verstehen, als ob sie schon ein Leben lang zusammen geritten wären.

Er spuckt vor ihnen aus ...

„Verschwindet schon, ihr elenden Stinktiere! Ihr räudigen Coyoten! — Einen Patterson beleidigen, zu mehr reicht es nicht bei euch, ihr Habenichtse! Pack deinen dreckigen Kram, Burdy! Du hast ja nicht mehr, als in eine Satteltasche hineingeht. Du kannst ...“

Sie erfahren nicht mehr, was Holly Patterson sonst noch an Gemeinheiten für sie auf Lager hat.

Joe Burdy schlägt zu, dass der Junge wie ein gefällter Baum in den Sand fällt.

Dann steigt er über ihn hinweg.

„Warte am besten hier, Benny. Bei mir dauert es keine zehn Minuten ...“

Joe geht auf den Hof zurück und schnurgerade bis zum Bunkhaus.

Der junge Patterson hat schon die Wahrheit gesagt. Seine ganzen Habseligkeiten haben in einer gerollten Decke Platz. Bis auf das Pferd, den Sattel und die Winchesterbüchse. Aber das Pferd kann ja allein laufen.

Er steigt auf. Er sieht am Haupthaus vorbei und reitet. Benny steht noch immer bei Holly Patterson und lässt ihn keine Sekunde aus den Augen.

„Wir könnten ihn gehen lassen, Joe.“

„Yeah, du kannst gehen, Patterson jr. Deinem Vater bestell bitte, dass ich gekündigt habe, damit er aus Versehen nicht auf mich wartet!“

Holly hat einen leeren Kopf und einen leeren Revolver. Wenn das anders wäre, könnte der Tanz noch eine Weile weitergehen. So schweigt er.

Ohne die beiden noch mal anzusehen, marschiert er los. Der Kopf hängt ihm auf der Brust.

Er möchte sich noch einmal umdrehen. Er möchte den beiden Kerlen noch einmal sagen, was er von ihnen hält, und dass sie sich vorsehen sollen, wenn sie ihm noch einmal über den Weg laufen.

Es bleibt dabei, dass er es möchte —

Als er um die Hausecke verschwindet, wendet Benny sein Pferd.

„Komm, Joe! Wir haben hier nichts mehr zu suchen ...“

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Die Sonne steht tief im Westen, als sie in der Stadt ankommen. Die Gebäude auf der linken Seite der Mainstreet werfen scharfe Schatten auf die Häuser an der anderen Seite. Darüber steht ein glutroter Schein und spiegelt sich blendend in den Fenstern von Boone’s Hotel, das ein oberes Stockwerk besitzt.

Der Saloon ist gut besetzt. Die Nachricht war schneller als die beiden Reiter. Man hat sie von Weitem gesehen.

„Hey, Boones! Sie reiten auf den Hof“, sagt Toby Lewis laut. „Sie haben’s nicht so eilig, wegzukommen.“

„Weshalb sollten sie es eilig haben? Die haben sich bei mir immer ganz wohl gefühlt.“

Lewis stößt seinen Nachbarn an.

„Als ob das nicht schon was wäre, dass sie überhaupt noch leben. Der alte Patterson ist doch schon 'ne ganze Weile nicht mehr richtig im Kopf. Ich wette, der hat seine besten Männer einfach vor die Tür gesetzt.“

„Warum sollte er das?“

„Weil er nicht mehr richtig im Kopf ist. Und weil er mehr auf seinen Jungen hört, als gut ist. Keine Sorge, den alten Patterson kenne ich zu gut. Mit dem geht’s seit einem Jahr bergab, und er gibt sich immer noch mehr Mühe, bis er sein letztes Hemd verloren hat.“

„Ich kannte mal einen, der hörte die Prärieflöhe husten“, sagt einer neben Toby Lewis, den er heute Abend zum ersten Mal sieht.

„Ich höre sogar das Gras wachsen, Fremder“, meint Toby grinsend. „Wenn Sie erst mal so lange in der Stadt sind wie ich, dann werden Sie mir recht geben.“

„Ich fürchte, ich werde es nicht so lange aushalten.“

„Hey, Sam!“, ruft Lewis hinter dem Wirt her, der gerade durch die hintere Tür verschwinden will. „Ich brauche einen Drink!“

„Sekunde! Ich gehe nur kurz in den Stall. Da scheint's was zu tun zu geben.“

„Wenn du mich verdursten lässt, werden mich drei meiner Söhne rächen!“

„Yeah“, knurrt Sam Boones und verschwindet. Der Fremde nimmt sein volles Glas und gießt Toby die Hälfte davon ein. „Ich krieg’s nachher wieder, wie?“

„Dreifach, Partner! Sie scheinen ganz brauchbar zu sein. Sollten bei Patterson anfangen. Der zahlt gut — solange er kann.“

„Wenn er noch kann!“

„Was wissen Sie davon?“

Der Fremde zuckt nur mit der Achsel und starrt in sein Glas. Toby Lewis bohrt weiter.

„Patterson steht das Wasser bis zum Hals. Der hat zwei Herden treiben lassen, und keine ist angekommen. Er hat sich in der Stadt schon die Stiefel abgelaufen, um noch einen Kredit zu kriegen. Glauben Sie, er bekäme noch einen?“

„Und deshalb soll ich bei ihm anfangen?“

„Er hat noch dreitausend Stück Vieh. Zweitausend muss er durchbringen bis zu den Märkten. Dann hat er noch ’ne kleine Chance.“

„Und dafür sucht er Dumme, wie? Hat dich wohl angestellt, solche Partner zu finden, oder?“

„Mich? — Da liegen Sie aber schief, Gent. Ich hab’s nur gesagt, weil wir glauben, dass Yates und Burdy die längste Zeit für ihn geritten sind.“

„Auch die sind schon schlecht für ihn geritten. Oder waren sie nicht dabei, als die anderen Herden zum Teufel gingen?“

„So war’s wohl.“

„Yeah, dann wäre der Fall für mich erledigt. So long, Partner!“

Der Fremde rutscht plötzlich vom Stuhl. Er legt zwei Silberdollars auf die Theke. „Ich hatte 'ne ziemliche Zeche heute. Zahl das für mich, Junge!“

Drei Sekunden später ist er draußen. Lewis spielt nachdenklich mit dem Geld.

„Wer war das?“, fragt im nächsten Augenblick Benny Yates neben ihm. Er scheint wie ein Geist hereingekommen zu sein.

„Hallo, Yates!“, sagt Lewis verwirrt. „Sie können einen aber erschrecken.“

„Wer war das?“, fragt Benny noch einmal. „Mir kam’s so vor, als hätte ich diese Figur schon mal irgendwo gesehen.“

„Schon möglich, Mr. Yates. Aber ich habe ihn gerade erst kennengelernt.“

„Hat er Sie nach irgendwas ausgefragt?“

„Ausgefragt? Mich? — Im Gegenteil, er wusste das meiste schon vorher. Will nicht mal für Patterson reiten. Wäre zu gefährlich, meint er.“

„Ich wette, den kenne ich ...“

„Das wär ’ne Erklärung dafür, dass er sich aus dem Staub gemacht hat, als Sie ’reinkamen. Er ist noch nicht im Sattel. Sie können ja mal vor die Tür gehen und nachsehen.“

„Und ein Stück Blei riskieren“, sagt Joe Burdy hinter ihnen.

Lewis dreht den Kopf herum, als hätte er ein Schraubengewinde im Hals. „So schlimm war der Bursche? Hätte ich nicht für möglich gehalten. Mir hat er die Zeche bezahlt.“

„Aber Sie haben nicht nachgeprüft, ob das Geld ehrlich verdient war, Lewis ... Na ja, Sam wird es gleich sein. Wenn er dreckige Dollars kassiert, putzt er sie wieder blank, in seiner Kasse hat’s noch immer gestimmt. Hey, Boones! — Ich dachte, wir trinken einen Whisky zusammen.“

„Also zwei?“

„No, drei! Benny Yates ist mein Partner.“

„Und ich?“, fragt Toby Lewis lauernd.

„Sie können sich an Lingo halten. Der scheint’s ja heute gut mit Ihnen zu meinen.“

Lewis rollt mit den Augen und versteht nicht sofort.

„Sagen Sie bloß, Sie sprechen von dem Fremden, der gerade hier war?“

„Er begreift heute ziemlich schnell, Benny. Was meinst du?“

Yates grinst über die Schulter zurück, weil er sich gerade auf den Barhocker vor dem Tresen schiebt. Die Antwort scheint Joe Burdy zu genügen, und Toby Lewis macht sie nur noch neugieriger.

„Einen Moment, Gents! Ihr flüstert euch da was zu, das ich nicht verstehe. Und Sie haben gesagt, dass der Kerl Lingo heißt, Joe.“

„Genau!“

„Aber doch nicht Geo Lingo ...“

„Warum nicht?“

Der Saloon ist gut besucht. Im Umkreis der Theke ist es plötzlich still geworden, als der Name Geo Lingo fällt.

Das bedeutet, dass mindestens ein Dutzend Männer ihr Gespräch eingestellt haben und den dreien zuhören.

Auch Sam Boones ist ein paar Zoll größer geworden, weil er seinen Hals reckt.

„Wenn das Geo Lingo war, fresse ich das Zaumzeug meines Fuchswallachs“, behauptet Toby Lewis. Aber wie er es sagt, klingt es nicht überzeugend. „Hey, Gents, war es Lingo? Ihr habt ihn gesehen. Ihr alle habt ihn gesehen!“

Er dreht sich einmal im Kreis herum. Seine Worte klingen wie eine Herausforderung. Etwas gequält, etwas leise — und doch wütend.

Eine Antwort bekommt er nicht.

Wer weiß schon, wie Geo Lingo aussieht? Wer möchte es schon wissen?

Einer aus dem Hintergrund meldet sich.

„Frag doch Joe! Der hat es behauptet. Dann wird er ihn auch kennen.“

„Regt euch nur auf, Gents“, sagt Joe Burdy gelassen. „Lingo kennt man wie den Wind und das Felsengebirge. Ihr könnt ihm ja nachreiten, wenn ihr es genau wissen wollt. Fragt ihn.“

Einen scheint es nicht mehr zu interessieren. Er schiebt sein leeres Glas über den Tisch und verlangt von Boones, dass er nachschenkt. Die anderen ziehen sofort nach.

Keiner hat Lust, dem Fremden nachzureiten und die Frage zu stellen. Ob Lingo oder nicht, das ist plötzlich ohne Bedeutung. Lieber nicht fragen. Denn wenn es wirklich Lingo ist, wird er die Antwort auf seine Art geben.

Und sie schmeckt keinem von den Townern.

Sie schmeckt so wenig wie eine Kugel zwischen den Rippen ...

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Für Garden City ist ein neuer Tag angebrochen. Die meisten haben vergessen, dass man gestern aufgeregt über Geo Lingo gesprochen hat. Bewusst haben sie ihn nicht gesehen, und dann, als er weg war, hat Benny Yates behauptet, es könnte Lingo gewesen sein.

Er könnte es gewesen sein — oder auch nicht.

Besser, er war’s nicht!

Im Saloon bei Boones stehen die Stühle auf dem Tisch. Mit den Beinen nach oben. Nur in einer Ecke nicht. Da hat Millis schon gewischt, und die beiden Hotelgäste sitzen bei ihrem Frühstück.

Boones bringt gerade zum zweiten Mal Kaffee. Joe Burdy kommt mit einer nicht aus.

„Danke, Sam“, sagt Joe. „Hast du alles zusammengerechnet?“

„Genau. Nur der Strich fehlt noch drunter. Ich hab’ nichts dagegen, wenn ihr noch ’ne Weile bleibt.“

„Aber wir“, sagt Benny Yates einsilbig.

„Gerade von dir hätte man es am wenigsten erwartet, Benny.“

„Wie meinst du das?“ Die Frage klingt nicht mehr so freundlich wie das bisherige Gespräch.

„Yeah, du wirst es selbst am besten wissen. Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“

„Ist auch besser so ...“

Benny kaut das Weizenbrot, als wäre es zäh wie Leder. Vielleicht macht er aber auch nur so ein Gesicht, weil ihm manches andere nicht schmeckt.

Sam Boones hat eine Nase dafür. Er macht sich auch nichts aus Bennys Wut.

„Vor zehn Minuten ist Gloria Patterson in die Stadt gekommen“, sagt er und tut so, als ob es die reinste Nebensache wäre.

Benny zuckt mit den Augenbrauen, hat sich aber sofort wieder in der Gewalt.

Joe schielt ihn von der Seite an. Auch das will er nicht sehen.

Benny kaut sein Weizenbrot.

„Die Pferde sind fertig“, erklärt Joe nach einer Pause. „Wir könnten reiten.“

„Du weißt, dass wir noch einkaufen müssen. Ich möchte nicht mit leeren Satteltaschen durch die Wüste reiten.“

„Natürlich, deshalb haben wir ja auch noch mal hier übernachtet. Du weißt doch, wohin du willst, Benny — oder?“

„Ich weiß es ziemlich genau, mein Junge. Wenn du mir nicht traust, kannst du aussteigen. Ich zwinge keinen.“

„Sag nur immer, du brauchst mich nicht, du alter Angeber! Je öfter du es sagst, umso weniger glaube ich daran. Es wäre dir verdammt gegen den Strich gegangen, wenn ich Pattersons Angebot angenommen hätte. Ich sollte Vormann werden ...“

„Meinetwegen kannst du hier Sheriff oder Bürgermeister werden. Du bildest dir ’ne Menge ein, Joe.“

„Den Appetit kannst du mir nicht verderben, wenn du das denkst. — Sam, wann kommt endlich der nächste Kaffee? Willst du mich noch am letzten Tage in Garden City verdursten lassen?“

„Ihr habt zwei Kannen gehabt, und jetzt wird langsam das Wasser knapp. Pass auf ihn auf, Benny, wenn ihr draußen allein seid. Burdy säuft dir jede Quelle in der Wüste leer, ehe du überhaupt was vom Wasser gesehen hast!“ —

Benny Yates steht plötzlich auf.

„Ich geh noch zum Drugstore, Sam. Gib ihm noch ’ne Kanne Kaffee, damit ich ’ne Weile Ruhe vor ihm habe.“

Die beiden grinsen und gehen auf seinen Vorschlag ein.

Benny tritt in die Sonne und blinzelt. Sie steht noch nicht sehr hoch.

Er geht die Mainstreet hinunter bis zu Galogues Laden. Am Hitchtrail steht Glorias Pferd. Sie ist allein gekommen. Ohne Wagen, ohne Begleitung.

Er muss sie sprechen ...

No, er wird sie nicht sprechen!

Jetzt geht es wieder los. Diese verteufelten Gedanken, die ihn in der Nacht nicht haben schlafen lassen.

Warum hat sie draußen auf der Ranch gestern nicht den Versuch gemacht, ihn zurückzuhalten?

Warum hat sie ihrem Vater nicht erklärt, dass er eine wahnsinnige Entscheidung getroffen hat? Dass er seinen Besitz mit seinem eingebildeten Stolz verspielt — und das Glück seiner einzigen Tochter dazu?

Waren sie sich nicht fast einig gewesen?

Sie haben es gespürt. Sie haben es beide gewusst, obwohl noch keiner von ihnen das entscheidende Wort gesprochen hat.

Jetzt ist Gloria in der Stadt. Sie hat gewusst, dass er die Nacht noch in Garden City geblieben ist. Sie hat es gewusst — und ist gekommen ...

Er bindet sein Pferd neben ihrem an. Er hat die Türklinke in der Hand ...

No, er kann nicht mehr zurück. Aber er kann an ihr vorbeisehen. Er kann wie ein Blinder dastehen. Und obendrein taub sein.

Gloria ist eine Patterson!

Dann ist er im Laden. Mr. Galogue und Gloria sind allein.

Er stellt sich stumm daneben, nachdem er einen knappen Gruß gesprochen hat.

Das Mädchen ist herumgefahren und starrt ihn an. Benny blickt interessiert auf einen offenen Hafersack. Der steht in einer ganz anderen Richtung.

Er hört Glorias heftigen Atem, wie sie nur einen kurzen Laut hervorbringt und den Mund wieder schließt. Wie sie langsam die Luft durch die Nase stößt.

No, sie ist nicht ohnmächtig. Er kennt sie. Sie ist höchstens wütend. Oder sogar etwas traurig.

Traurig ist er auch. Bloß hilft das jetzt nicht weiter.

Auch Mr. Galogue stört. Der Storekeeper fühlt sich nicht ganz wohl. Er weiß wie jeder andere in der  Town, dass Gloria und Benny zusammen gegangen sind. Er weiß, dass der alte Patterson seinen Vormann entlassen hat.

Jeder weiß es!

„Das macht genau sieben Dollar, Miss Patterson“, brummelt er.

Gloria legt ihm das Geld hin, ohne den Blick von Benny zu lassen. Das Geld stimmt trotzdem.

„Wenn Sie so freundlich wären, Mr. Galogue, die Sachen nach draußen zu bringen! Vielleicht beladen Sie auch gleich mein Pferd. Aber bepacken Sie es auf beiden Seiten gleichmäßig.“

„Miss Patterson ...“

„Sie versäumen nichts, Mr. Galogue. Dieser Gentleman hier wird warten, bis Sie zurück sind. Ich glaube nicht, dass er etwas dagegen hat, wenn wir ihn ein wenig warten lassen.“

Der Keeper hebt die beiden Bündel hoch und stolpert hinaus. Benny scheint die Hafersäcke zu zählen und danach die Beile und Messer an der Wand.

Die Tür schlägt zu ...

„Ich möchte dich sprechen, Benny“, sagt Gloria schnell. Sie versäumt keine Sekunde.

„Du tust es schon“, erwidert Benny knapp.

„Bist du zu feige, mich dabei anzusehen?“

Das hilft. Bennys Kopf ist sofort herum. Ihre Blicke begegnen sich, und beide können nichts damit anfangen.

Benny weiß nur, dass Gloria in Not ist. Ihre Augen sind groß und leer. Sie ist ein verängstigtes Fohlen, ein hilfloses Wesen.

By Gosh!

Gloria Patterson war noch nie hilflos.

Er möchte auf sie zuspringen und sie in die Anne nehmen. Er tut es nicht.

„Vielleicht bin ich feige, Gloria. Aber es reicht immer noch, dich anzusehen.“

„Wo können wir uns treffen, Benny? Galogue kommt gleich zurück.“

„Er kann ruhig hören, was wir reden ...“

„Das kann er nicht!“, erklärt sie laut, und es klingt wie ein Befehl.

Sie hat genau recht, denkt Benny. Sie redet, wie ich es will. Aber ich tu’s nicht.

Sie ist eine Patterson!

„Wir haben uns nichts mehr zu sagen, Gloria. Das weißt du so gut wie ich. Wenn wir den Versuch machen, wird alles nur noch schlimmer.“

„No, Benny, wir haben uns nichts mehr zu sagen. Ich bin nicht hergekommen, weil ich das annahm. Glaub’ das nur nicht! Ich habe eine Nacht drüber geschlafen, ich weiß — wenn etwas vorbei ist, ist es vorbei.“

„Dann hättest du dir deine sieben Dollar bei Galogue sparen können. Oder hat dein Vater dich vielleicht geschickt? Hat er sich die Sache anders überlegt?“

„Daddy überlegt erst immer, wenn es zu spät ist. Ich muss dir erst sagen, wer Daddy ist.“

„Dann verstehe ich überhaupt nichts mehr.“

„By Gosh, Benny — Wir haben uns nichts mehr zu sagen, well ... Aber ich habe noch eine Bitte an dich. Ich will was von dir, und ich gebe dir nichts dafür ...“

Mr. Galogue ist ein langer Kerl. Und so lang wie er ist, so tölpelhaft ist er auch. Er drückt die Tür auf.

„Der Gaul steht bereit, Miss Patterson.“

Er hat sich zwischen die beiden gestellt, dass sie sich nicht mehr sehen können.

Ich will was von dir ... und ich gebe dir nichts dafür ...

Der Gedanke schießt durch Bennys Kopf, als hätte er eine Unverschämtheit gehört. Wenn man’s geschäftlich betrachtet, ist es eine Unverschämtheit.

Gloria war immer so.

Aber niemals unverschämt!

By Gosh, sie war immer nur geradeaus. So, wie Benny Yates sich immer einen Partner gewünscht hat. Einen Partner fürs Leben ...

Partner hat er eigentlich immer gehabt. So wie jetzt Joe Burdy zum Beispiel ...

Ich will was von dir, aber du bekommst nichts dafür!

... du bekommst nichts dafür!

„Sie haben schon bezahlt, Miss Gloria“, sagt Benny Yates mit einer Verbeugung, die nichts mit Ehrfurcht zu tun hat. „Sie erlauben, dass ich mit Mr. Galogue zum Geschäftlichen komme?“

„Ich will Sie nicht länger aufhalten, Mr. Yates. Aber vergessen Sie nicht, dass die neun Tannen noch immer stehen.“

„Ich werd’s mir merken.“

Die Tür schlägt zu.

... und ich gebe dir nichts dafür!

Benny Yates kauft etwas ein. Ungefähr das, was er sich vorgenommen hat. Ob es genau stimmt, kann er nicht sagen. Vielleicht hat er etwas vergessen. Vielleicht hat er zu viel gekauft.

Er zahlt und ist draußen. Sein Gaul steht allein an der Haltestange. Vor fünf Minuten stand hier noch Gloria Pattersons Pferd.

Er geht zum Saloon hinüber.

Ein Hitchtrail gleicht dem anderen. Benny schlingt die Leine um den Pfahl und geht zu Joe hinein, der immer noch Kaffee trinkt.

„Jetzt ist Schluss, alter Gauner! Ich möchte nicht, dass du später alle fünf Minuten aus dem Sattel musst. Wir reiten!“

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Sie reiten nach Norden.

Im Norden stehen die neun Tannen. Als Benny nach links abbiegt, hat Joe etwas dagegen.

„Das ist aber ein schlechter Weg, Junge“, sagt er. „Da geht’s zu den neun Tannen. Und dahinter liegt die Wüste.“

„Und dahinter das Indianerland. — Du kannst hier auf mich warten. Ich komme wieder vorbei.“

Joe Burdy pfeift frech durch die Zähne.

„Ich hör dich schleichen, Rothaut. Verschwinde schon, Junge! Aber komm jetzt nicht auf die Idee, dass wir zu Patterson zurückreiten. Dann würden sich unsere Wege trennen.“

„Wir werden sehen, wer sich trennt. Bis gleich, alter Junge!“

Benny Yates hat nur diesen einen Satz im Kopf: und ich gebe dir nichts dafür!

Er reitet los.

Es wird ein schlechtes Geschäft werden.

... ich gebe dir nichts dafür.

Das ist ein verrückter Tag. Am Postweg wartet Joe Burdy, sein Partner. Der Mann, der plötzlich nicht mehr zurück will.

Hinter dem nächsten Hügel liegen die neun Tannen ...

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Gloria ist schon da. Ihr Pferd rupft die letzten Reste von Gras. Es ist nur eine kleine grüne Insel im gelben Sand. Die Wüste hat ihre Arme schon nach den neun Tannen ausgestreckt.

Es wären sonst mehr.

Er geht aus dem Sattel und zögert eine Weile neben dem Tier, das den Kopf sofort nach unten streckt.

Gloria hat sich an einen der starken Baumstämme gelehnt. Es ist drei Tage her, dass sie genauso dastand. Heute bleibt sie dort — wie versteinert.

Er würde sie in die Arme nehmen ... wenn sie jetzt käme wie früher.

Aber sie kommt nicht. Sie ist nur da, und sie sagt etwas, das gestern noch etwas gegolten hätte.

„Ich liebe dich, Benny. Und ich weiß genau, du liebst mich auch ...“

Danach bricht sie ab und sieht ihn an, als ob sie in seinen Augen die Bestätigung sucht.

„Weiter!“, sagt er rau. „Ich glaube, du wolltest was anderes mit mir besprechen. Du rechnest mit einer großzügigen Hilfe, nehme ich an. Und ich bekomme nichts dafür, weil wir uns ja lieben.“

„Du weißt es ja schon. Ich wette, du weißt auch, wie ich’s im Einzelnen meine.“

„Da gibt es viele Tricks. Wie soll ich wissen, an welchen du jetzt denkst?“

„Tricks? — Für dich nicht. Für die anderen könnten es Tricks sein. Hilf uns, Benny!“

Die letzten drei Worte klingen plötzlich ganz anders. Hilflos. So verzweifelt, dass jedes Männerherz weich werden muss.

Benny sieht an ihr vorbei, als wäre er taub.

„Aber mir wirst du helfen, Benny! Tu es für mich. Vor zwei Tagen hätte alles anders ausgesehen ...“

„Daran ist dein Vater schuld.“

„Und du selbst!“

„Und dein Bruder Holly!“

„Ich kann sie nicht ändern. Ich schäme mich für Holly, doch das bessert nichts. Gestern noch hättest du dein Leben für die Ranch gegeben.“

„Mehr für dich, Glory!“

„Dann tu’s auch für mich. Es kann sein, dass wir uns nie im Leben wiedersehen, Benny. Ich werde dich nie vergessen, Benny ... Benny!“

Jetzt steht sie dicht vor ihm und schüttelt ihn an den Armen. Er bewegt sich kaum dabei.

Nach einer langen Pause sagt er: „Was soll ich tun, Glory?“

„Komm mit zu Mr. Holden! Sag ihm, dass der nächste Trail ein Erfolg wird. Sprich nicht von Einzelheiten. Du brauchst ihm nur Andeutungen zu machen. Sag ihm, dass die Herde durchkommt. Dass eine Mannschaft sie begleiten wird, an der sich sämtliche Desperados im Westen die Zähne ausbeißen werden. Wir bringen dreitausend Rinder auf den Weg. Dreitausend, Benny!“

„Das wäre alles, was ihr habt!“

„So ist Daddy. Er setzt alles auf eine Karte. Du würdest es nicht anders machen. Wenn die Herde durchkommt, sind wir gerettet. Wir hätten die letzten Verluste wieder wettgemacht.“

„Und wenn sie nicht durchkommt, seid ihr die erbärmlichsten Bettler von hier bis zum Mississippi.“

„Deswegen brauchen wir das Geld von der Bank. Dad bringt eine gute Mannschaft auf die Beine. Aber er hat nicht mal das Handgeld für sie. Sie reiten nicht los ohne Handgeld.“

„Ich wäre geritten. Und auch Joe ...“

„Ist das deine Antwort?“

„Hast du’s dir anders ausgerechnet?“

Sie senkt den Kopf und geht ein paar Schritte zurück. Aber nicht zum Pferd. Dann macht sie noch einen Versuch.

„Wenn du mit Ben Holden sprichst, hätten wir noch eine Chance. Fünftausend Dollar wenigstens. Die würden genügen.“

„Ich bin entlassen, Glory.“

„Von Daddy! Aber nicht von mir. Das ist doch ein Unterschied.“

„Das ist kein Unterschied, Kind. Die Ranch und das Geld, dein Vater und die Kanaille von deinem Bruder, die sind eine Sache für sich. Wir zwei sind die andere Sache.“

„Benny! — Wir haben noch nicht davon gesprochen. Aber ich weiß, du hättest mich geheiratet. Eines Tages ...“

„Dich, vielleicht. Aber wenn du denkst, dass es wegen der Ranch war ... No, Glory, das sind zwei ganz verschiedene Dinge.“

„Du liebst mich, Benny. Ist das nichts mehr wert?“

„So viel, dass das Geld aus dem Spiel bleiben muss. Ich reite.“

„Du könntest in der Stadt bleiben.“

„In der Stadt? Ich — in der Stadt? Weißt du, was du da sagst?“

Ihr Gesicht ist wieder starr und finster geworden. Langsam kommt wieder der Zorn der Pattersons über sie.

Auch Gloria ist eine Patterson!

„Well, Benny Yates, wenn du mich liebst, dann musst du mir helfen. Du kannst gar nicht anders.“

„Glory! — Du wirst sehen, was ich kann.“

Er dreht sich halb weg und sieht nach seinem Pferd.

„Ich hasse dich, Yates!“, stößt sie plötzlich wild hervor. Ihr Kinn zittert, ihre Zähne schlagen schnell aufeinander. „Jetzt zeigst du dein wahres Gesicht, Yates! Geh weg, Yates! Verschwinde aus meinen Augen! Ich will dich nie wieder sehen!“

Sie verstummt, als er es wahr macht und in den Sattel geht.

„Trotzdem, viel Glück, Glory“, murmelt er und reitet an. Fünf Schritte macht der Gaul, dann ist Gloria Patterson heran.

„Benny! By Gosh, hör nicht hin, was ich rede! Benny ... Es ist nicht wahr, was ich gesagt habe. Wenn du reitest, gibt es keinen Ausweg mehr!“

Hör nicht hin, hämmert es in Bennys Gehirn. Er denkt, seine Schläfen müssten platzen, so heiß und eng ist es unter den Tannen geworden.

Er dreht sich nicht mehr um. Sein Pferd fällt sofort in einen gestreckten Galopp.

Hör nicht hin, Yates!, hämmern seine Gedanken.

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Als sie in Blackwood einreiten, ist ein ganz neuer Tag. Ein Tag, der mit den anderen nichts mehr zu tun hat. Nicht mit gestern, nicht mit vorgestern, nichts mit allem, was in Garden City geschehen ist.

Nichts mit Gloria Patterson.

By Gosh, mit allem nichts, rein gar nichts. Nur mit Joe Burdy. Der ist mitgeritten. Joe Burdy ist Wahrheit, der ist neben ihm. Auch wenn er kaum noch ein Wort redet.

In Blackwood werden sie ein Hotel nehmen. Mehr steht nicht fest. Sie haben noch nicht, drüber gesprochen, was jetzt werden soll. Joe hat ein paarmal gefragt, was unter den neun Tannen passiert ist. Benny hat keine Antwort drauf gegeben, und seitdem fragt Joe nicht mehr.

Im Nordwesten liegt die Wüste. Das ist die einzige Richtung, die nicht in Frage kommt.

Was kommt sonst in Frage?

Jeder für sich denkt an die Rinder. An die dreitausend Stück, die Henry Patterson nach Salina treiben will. An das Geld, das ihm fehlt. An den naseweisen Lümmel Holly Patterson.

Und das soll ein Tag werden, der mit der Vergangenheit nichts zu tun haben soll!

Ben Holden, der Bankier, wird ihnen kein Geld geben. No. Und ohne Geld geht die Herde nicht auf den Trail.

Benny Yates ist nicht einmal froh drüber. Nicht froh und nicht verärgert. Und doch regt ihn der Gedanke auf.

„Bristol Hotel“, liest Joe Burdy laut und langsam, als ob er das Wort buchstabieren müsste. Er hat nie gern gelesen.

Benny geht aus dem Sattel und führt das Pferd ums Haus. Damit ist die Entscheidung gefallen, dass sie hierbleiben werden.

Im Hof steht ein Halbblut. Ein Boy von vierzehn Jahren. Er nimmt ihnen die Zügel aus den Händen.

„Das ist meine Sache, Gentlemen! Ich sorge für die Pferde wie Sie selbst. Gehen Sie ins Haus. Mr. Forbes wird Ihnen Ihre Zimmer zeigen.“

Benny kramt ein paar Cents zusammen und gibt sie ihm. Bei Mr. Forbes werden sie bedient wie in einer Großstadt. Das Bristol hat einen hochtrabenden Namen. Es ist auch gut. Sie brauchen nicht im Hof unter die Pumpe zu gehen. Ein Stubenmädchen bringt ihnen das Waschwasser aufs Zimmer.

„Wie in Kansas City“, sagt Joe. Benny findet, dass das ein Lichtblick ist. Hauptsache, er redet überhaupt wieder.

Als sie sich frisch gemacht haben, ist es Zeit zum Lunch. Das feine Wort steht über der Speisekarte, und Benny meint, dann müsse es ja seine Richtigkeit haben.

Sie wohnen im Bristol und essen zum Lunch. Es ist ein leichtes Essen, das nur halb satt macht.

Joe Burdy genießt die Umgebung mit den roten Plüschteppichen wie eine Märchenwelt. Es macht ihm nichts aus, dass er selbst nicht hineinpasst. Er rechnet nur etwas mit seinem Geld.

„Länger als drei Tage halten wir es hier nicht aus, Benny“, stellt er flüsternd fest, als der Wirt für eine Weile nicht im Zimmer ist. „Hast du dir die Preise angesehen?“

„Die Preise und meinen Geldbeutel. Ich schätze, morgen sind wir woanders.“

Joe Burdy atmet erleichtert auf.

Als sie draußen auf der Straße sind, reden sie wieder lauter.

Die Mainstreet von Blackwood ist nicht vornehmer als die in Garden City oder in Dodge City. Hier stört es nicht, wenn man in einem bunten Flanellhemd herumläuft.

Das Sheriffsoffice ist aus Holz gebaut. Vor Jahren muss es einmal grün gestrichen gewesen sein, wie einige Rückstände von Ölfarben verraten. Benny Yates sieht nicht so genau hin. Er hat das Plakat erkannt, auf dem ein männlicher Kopf zu sehen ist. Er geht hin und liest. Im Gegensatz zu Joe liest er gern.

Wanted!

Der Kopf unter den fetten Buchstaben regt ihn viel mehr auf. Und der Name darunter beweist ihm, das er recht hat. Er hat dieses Gesicht nicht vergessen.

Cut Faraday!

„Yeah“, stöhnt Joe Burdy nach einer Weile. „Du starrst auf das Blatt, als wäre es ein Liebesbrief von Gloria. Denkst wohl an die 300 Dollar, hm?“

Benny zuckt mit den Achseln. „Genau! — Dreihundert Dollar. Die könnten uns weiterhelfen. Wir brauchen nur diesen Mörder erwischen. Tot oder lebendig.“

„Wir sind ihm nicht begegnet. Also wird er schon tot sein.“

„Mörder gehen in die Wüste, wenn ihnen der Boden zu heiß wird“, sagt Benny heiser.

Joe merkt nicht, dass das etwas zu bedeuten hat. Er hat nur die unangenehme Vorstellung von weißem, heißem Sand. Von Wassernot und ausgetrockneten Kehlen.

„Sag bloß, du willst ihn aufspüren. Ich kenne da bessere Arbeit. Ehrlichere Arbeit.“

„Weil du dich drücken willst.“

„Sag das noch mal!“

„Spiel dich nicht auf, Joe. Du denkst, du kannst hier irgendwo als Kuhtreiber anfangen. Well, manchmal denke ich das auch. Du verstehst ja was davon. Aber dreihundert Dollar kriegst du so schnell nicht zusammen.“

„Du glaubst doch nicht, dieser Cut Faraday ist wirklich in der Wüste? Er kann genauso gut in Dodge City sein. Oder in Cimarron, in Lakin oder Sublette. Dieser Steckbrief hängt im ganzen County, mein Junge. Und jeder vierte Cowboy kann lesen.“

„Wenn er hier ist, hat er schon die Jäger auf den Fersen, und die 300 Dollar sind praktisch schon verteilt. Nur, wenn du ein ganz schneller Junge bist, hast du eine Chance.“

„Das war ’ne lange Rede, Benny. Aber sie geht — ehrlich gesagt — über meinen Verstand. Kannst du das nicht ein bisschen klarer ausdrücken?“

Bis jetzt hat Benny Yates immer nur auf das Bild gestarrt, auch während er sprach. Nun dreht er sich um und sieht Joe voll an.

„Ich möchte diesen Cut Faraday erwischen, Joe. Ich möchte ihn vor mir haben ... Lebendig! Bevor irgendein anderer an ihn herankommt.“

„Das möchte ich auch. Ich weiß dreihundert Dollar zu schätzen. Aber du hast nichts als diesen Steckbrief.“

„Du nicht und ich nicht. Aber die anderen. Finde einen Mann, der etwas über Cut Faraday weiß. Horch ihn aus!“

„Das ist leicht gesagt.“

„Der Tag ist noch lang, Joe. Wir haben nichts anderes zu tun, als durch die Saloons zu gehen.“

„Wir sollen uns trennen?“

„Blackwood ist ein heidnisches Pflaster. Hier gibt es mehr Saloons als anständige Leute. Wir werden schneller fertig, wenn wir uns trennen.“

„Du bist also auf die dreihundert scharf, wie? — Und du weißt genau, dass es eine aussichtslose Sache ist.“

„Im Gegenteil! — Wo der Sheriff einen Steckbrief aufhängt, hat er Hoffnung. Ich wette, es gibt zehn Leute in Blackwood, die genau wissen, wo sie diesen Kerl zu suchen haben.“

„Und wenn es nur einer weiß?“

„Dann werden wir diesen einen finden!“

„Hm, Benny, du scheinst tatsächlich knapp bei Kasse zu sein. Wir haben nichts Besseres zu tun. Gib mir zehn Dollar, und ich grase sämtliche Saloons in der Stadt ab.“

„Abgemacht! Hier hast du zwanzig.“

„Du scheinst Spaß an dieser Jagd zu finden. Hoffentlich ist sie ihr Geld wert.“

„Sie ist so viel wert wie eine Freundschaft.“

„Yeah“, sagt Joe Burdy trocken und überlegt, was Benny damit gemeint haben kann.

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Anfangs hat es wie ein verrücktes Spiel ausgesehen. Benny Yates hat sich da in eine Sache hineingesteigert, die nicht so viel wert ist wie der Schwanz von einem wildernden Maverick. Aber dann hat er sich gesagt, dass er diesen Trail in Blackwood gehen wird. Er hat nichts Besseres zu tun.

Er muss weg von diesem Gedanken an Gloria Patterson!

Und am Sheriffsoffice von Blackwood hängt Cut Faradays Steckbrief! —

Der Mann kommt um die Ecke. Keiner hat es vorausgeahnt. Sie stoßen sich nicht einmal an. Sie stehen nur für den Bruchteil einer Sekunde voreinander.

Und dann schlägt Lingo zu.

Benny nimmt die geballte Faust am Kinn. Als er kurz nach Mittag den Sternhimmel über sich leuchten sieht, weiß er, dass er nicht mehr länger träumen darf.

Er schmeckt den Sand der Straße. Der Schlag hat ihn voll getroffen. Er ist nicht darauf vorbereitet gewesen. Aber als er am Boden liegt und sich sagt, das ist Geo Lingo, da weiß er, wie es weitergehen muss.

Auch Lingo hat sich ausgerechnet, wie es weitergehen muss. Kurz muss es sein, und es darf nicht so sehr auffallen. Ehe sich zu viele Zuschauer versammeln ...

Yates liegt vor seinen Füßen. Der ist schon halb fertig. Er braucht nur noch einmal kräftig zuzutreten.

Hier kommt es nicht auf einen ehrlichen Kampf an. Benny Yates ist einer von denen, die längst ins Jenseits gehören, weil sie zu viel wissen. Für Yates ist ein Tritt mit dem Stiefel gerade gut genug.

Er wird ihn zertreten wie eine Schnecke ...

So rechnet Lingo.

Wie Benny Yates gerechnet hat, wird ihm später klar.

Als das rechte Bein nach hinten ausholt, rollt Yates einmal herum und drückt seine Schulter gegen Lingos linken Stiefel. Der Anprall ist so stark, dass der Gauner wie auf rollenden Baumstämmen steht.

Hinter dem Tritt steckt nicht mehr die Kraft, die ihm zugedacht gewesen ist. Bennys Hände schnellen vor und schnappen das Bein wie eine stählerne Klammer, reißen es zur Seite, dass sich Lingo wie ein Kreisel dreht. Dann fällt er um. Im Sturz reißt er das Gesicht zur Seite, um den Staub der Straße nicht in die Augen zu kriegen. Das kostet Zeit und Kraft.

Benny ist längst auf den Knien und lässt sich nach vorn fallen. Er bekommt Lingos Hals zu fassen, hebt ihn hoch und drückt ihn wieder nach unten.

Lingo hat beide Hände frei. Er will Bennys angezogenes Bein schnappen. Aber die Arme sind um drei Zoll zu kurz. Er versucht es mit einem Faustschlag in den Magen, als sein Schädel zum dritten Mal Bekanntschaft mit dem Erdboden macht.

Yates scheint ihm das letzte bisschen Verstand aus dem Gehirn schlagen zu wollen.

Er wird ihn umbringen, wenn er sich nicht bald aus der Umklammerung lösen kann.

Endlich fällt Lingo ein, dass er einen Revolver besitzt. Doch seine Schusshand findet nur noch ein leeres Holster. Benny Yates ist schneller gewesen. Er hat das Eisen schon in der Hand und drückt es Lingo seitlich in die Rippen.

„Jetzt stehst du auf, du Dreckskerl, und tust genau das, was ich sage!“

Der Bandit gehorcht. Sein Gesicht ist finster wie ein Bärenmagen.

„Und jetzt auf die Mainstreet zu. Zwanzig Schritte! Los, beeil dich, Gauner!“

Der eigene Revolver zeigt ihm den Weg. Er geht los. „Jetzt fang!“

Gute Nerven hat er, und auch einen gescheiten Kopf. Er kommt herum und schnappt zu. Benny hat den Colt geworfen, aber auch gleich seinen eigenen zur Hand.

„Steck ihn weg, Lingo!“, sagt er grinsend. „Für heute ist nichts mehr. Und verlass dich darauf: Ein zweites Mal überrumpelst du mich nicht! Ich weiß, wer du bist und was ich von dir zu halten habe.“

Lingo schiebt auf die andere Straßenseite ab.

Benny sieht die Fußstapfen, die seine Stiefel hinterlassen. Er hat viel zu große Füße, denkt er. Ganz große, freche Füße. Er kennt diese Fährte eines Teufels. Er sieht sie heute nicht zum ersten Mal.

Geo Lingo ist drüben in den Saloon gegangen. Wenn ich ihm nachsteige, könnte es eine Überraschung geben, denkt er. Aber er hat für heute die Nase voll davon. Auch im Bristol gibt es was zu trinken. Im Bristol verkehren keine Leute wie Lingo.

Was im Saloon gegenüber los ist, erfährt er eine halbe Stunde später. Durch die Pendeltür tritt Joe herein und steuert auf Bennys Tisch zu. Er ruft zur Theke hinüber, dass er einen starken Kaffee braucht. Der Keeper sagt, er würde sich beeilen. Joe setzt sich.

„Du hast dich mit Lingo geschlagen, Benny.“

„Er hat angefangen und den Kürzeren gezogen. Vielleicht überlegt er sich's das nächste Mal.“

„Er wird dich umbringen, Benny!“

„Ich weiß. Und er weiß, dass ich ihn beim letzten Überfall erkannt habe. Er gehört zu den Leuten, die Pattersons Herde auf dem Gewissen haben. Solange ich da bin, wird Lingo keine ruhige Minute haben.“

„Bring ihm bei, dass du nicht mehr für Patterson reitest.“

„Du meinst, dann lassen wir uns gegenseitig in Ruhe? Ich denke, du kennst mich.“

„Yeah, ich weiß, dass es inzwischen deine Privatsache ist. Lingo ist für Loke Allison geritten, und mit seiner Bande hat er dir die Herde angenommen ...“

„Und mich für ein Vierteljahr zum Krüppel geschossen. Irgendwann werde ich Lingo erwischen. Und Allison dazu.“

„Du brauchst nur zu warten, bis Patterson seinen letzten Trieb nach Salina macht. Dann werden die zwei garantiert wieder dabei sein, und du kannst sie auf frischer Tat erwischen. Nur dumm, dass wir uns um Pattersons Rinder nicht mehr kümmern können.“

„Das wäre dasselbe. Aber du kannst es bequemer haben — und schneller.“

Bennys Kopf ruckt hoch. Sein Blick ist mehr als eine Frage.

„Rede schon, Joe!“

„Lingo sitzt drüben im Smarty Saloon.“

„Er ging hinein, nachdem ich mit ihm fertig war. Natürlich hat er drei Whisky gebraucht, um die Prügel zu vergessen.“

„Er sitzt nicht allein. Sein Boss ist bei ihm.“

„Allison?“

Joe nickt.

„Das glaubst du selber nicht. Und du hättest dabei gesessen, ohne dass sie sich mit dir anlegten?“

„Ich war auf dem letzten Trail nicht mit. Vielleicht haben sie gar nichts gegen mich.“

„Wir gehören zusammen. Und das wissen sie.“

„Dann hätten sie sich aber vorsichtiger unterhalten sollten. Oder sie wollen uns auf den Leim kriegen, he Falle, wie?“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du jetzt sprichst.“

„Von Cut Faraday. Sie scheinen zu wissen, wo er sich aufhält, und sie wollen ihn mit ’ner Kugel fürs Jenseits spicken.“

„Genau wie wir. Das ist eine gefährliche Konkurrenz.“

Benny Yates dehnt jedes Wort und scheint dabei intensiv nachzudenken. Dann fragt er: „Wen hast du sonst noch erkannt? War Pat Mosley dabei? Oder Paul Hiller?“

„Keiner sonst. Vielleicht sind sie gar nicht mehr zusammen. Sie haben gutes Geld gemacht in den letzten Monaten.“

„Wer gut im Geschäft ist, hört nicht freiwillig auf, wenn es am besten läuft. Haben sie gesagt, wo Faraday steckt?“

„Kein Wort. Wir müssen ihnen auf der Fährte bleiben. — Du machst doch noch mit, Benny, oder?“

„Weshalb sollte ich nicht mehr?“

„Der Brocken könnte zu groß für uns sein, nachdem sich die beiden Gauner darum kümmern. Die beiden sind vielleicht die ganze Bande.“

„Halt die Augen offen ... und die Ohren. Für den Fall, dass sie nachts reiten, werden wir abwechselnd schlafen.“

Der Keeper hat die Kaffeekanne gebracht. Joe schenkt ein.

„Du auch noch, Benny?“

„Jetzt nicht. Ich sehe mal nach den Pferden.“

Benny geht auf den Hof. Im Stall findet er den Halbblut-Jungen. Der ist ihm noch wichtiger als die Pferde.

„Hör mal zu, Rijos. Du weißt doch gut Bescheid hier. Ich meine, auch über die Leute, die hier so kommen und gehen.“

Rijos sieht ihn an, als ob er plötzlich nur Spanisch versteht. Benny opfert einen ganzen Silberdollar.

„Das ist der Vorschuss für hundert Antworten, Junge. Ich weiß, dass du Ohren wie eine Nachteule hast. Seit wann ist Loke Allison in Blackwood?“

Rijos schnappt nach der Münze und lässt sie wie ein Taschenspieler verschwinden.

„Allison hat seinen Gaul drüben bei Gerner stehen. Seit heute früh.“

„Wohnt er im Hotel?“

„Ich glaube nicht. Er wird diese Nacht wohl noch weiterreiten.“

„Mit wem?“

„Mit Mosley und Lingo natürlich.“

„Und sonst mit niemand?“

„Wenn er noch mehr von seiner Bande dabei hat ... Aber ich habe nur die beiden gesehen. Ich glaube auch, der Sheriff hat was dagegen, wenn sie länger bleiben.“

„Der Sheriff sollte sich um Faraday kümmern. Allison kann er nichts anhängen. Aber jeder weiß, dass Faraday nicht weit sein kann. Ein Steckbrief am Jail ist ein bisschen wenig, denke ich. Du weißt doch, wer Faraday ist, oder?“

„Einer, dem ich nicht begegnen möchte. Sie wissen mehr über ihn als ich, Mister, wie?“

„Ich suche ihn.“

„Den suchen viele.“

„Ich habe dir einen Silberdollar gegeben, Rijos. Dafür könntest du dich noch ein bisschen erinnern.“

„Wenn Faraday hier wäre, wäre er ein Idiot. Ich wette, der ist längst in Colorado.“

„Das ist ein bisschen weit für mich“, sagt Benny lächelnd und geht zurück ins Hotel. Joe trinkt seine zweite Tasse Kaffee.

„Wie geht’s den Pferden?“

„Ich soll dir Grüße bestellen, und Kaffeetrinken wäre fast so gefährlich wie Brandy. Außerdem sollten wir unsere Rechnung bezahlen. Es könnte sein, dass wir plötzlich reiten müssen.“

„Ich habe nichts dagegen. Du hast das Geld.“

Das Fenster zur Straße steht weit offen. Der Mond scheint herein. Er steht genau über dem Giebel vom Smarty Saloon.

Benny sitzt neben der zurückgezogenen Gardine. Hinter ihm ist Joe Burdys Schnarchen. Im Smarty Saloon ist es ruhig, als hätte man heute nur taubstumme Gäste geladen.

Hin und wieder kommt ein Gast. Manchmal geht auch einer.

Loke Allison geht kurz vor zwölf. Benny muss dreimal hinsehen, ehe er sicher ist. Allison dreht sich gelangweilt um einen der Holzpfosten, auf denen das vorgebaute obere Stockwerk ruht. Er wartet auf etwas und steckt sich eine Zigarette an. Im Schein des Streichholzes sieht Benny klar sein Gesicht.

Von Norden kommen zwei Reiter mit einem ledigen Pferd ...

Benny tritt zurück und schüttelt Joe wach.

„Es ist soweit, Alter. Komm hoch und mach draußen die Pferde nicht scheu!“

Joe Burdy schielt auf die Straße und schluckt den Fluch hinunter. Er geht zur Wasserschüssel und nimmt eine Handvoll ins Gesicht.

„Yeah, es kann losgehen, Junge.“

Die Pferde stehen bereit. Die Rechnung ist bezahlt. Als sie die Sättel auflegen, schält sich ein flinker Schatten aus dem Stroh.

„Hey, Gents! Soll es schon losgehen?“

„Schrei nicht so, Rijos!“

„Habe ich geschrien? Entschuldigung, Mister! Die meisten Gäste reiten bei Tage weg.“

„Wir reiten bei Nacht. Und wehe, du redest darüber!“

„Ich habe einen Silberdollar mit ins Grab genommen, Mister. Wenn Sie mal wieder vorbeikommen und einen übrig haben ...“

„Wenn ich zurückkomme, kriegst du zwei. Und wenn du mir einen Killer auf den Hals schickst, breche ich dir das Genick! Mach’s gut, Rijos!“

„Ich habe einen Nacken aus Leder, Mister“, meint Rijos grinsend und winkt, als wäre er ihr Freund.

Vielleicht ist er’s auch. Bloß kann Benny jetzt nicht darüber nachdenken. Er muss raus aus der Gasse. Er hört den Hufschlag der drei Pferde, die sich schnell entfernen. Auf der Mainstreet sieht er sie.

Drei Reiter, die nach Norden gehen. In die Wüste.

Wenn das kein Trick ist!

„Vielleicht wollen sie nach Dighton“, sagt Joe Burdy.

„Warum nicht gleich nach Leoti, he?“

„Stell dir vor, du bist ein Mörder, und man jagt dich. Was gibt es da Besseres als die Wüste?“

Benny Yates sagt etwas Unverständliches. Dann drückt er seinem Pferd die Sporen in die Flanken.

Am Rande von Blackwood stehen noch ein paar Bäume. Die letzten im County in dieser Richtung. Das zerklüftete Land dahinter ist blass und schwarz. Je nachdem, wie der Mond drauf scheint.

Die Nacht ist hell, sie sehen die drei Reiter bis zum Horizont.

„Wir können langsamer reiten. Stell dir vor, einer von denen kommt auf die Idee, sich umzudrehen.“

„Dann wird er sich verschlucken und daran ersticken!“

Vor ihnen reiten die Teufel!

Zwischen Felsen und verkrüppelten Mesquitebüschen hat die Teufelsfährte ein vorläufiges Ende gefunden. Die Banditen haben ein Feuer gemacht.

Quer durch die Mesa zieht sich ein Felsrücken. Benny und Joe sind aus dem Sattel. Die Pferde sind versorgt, sie brauchen nur Ruhe.

„Eine knappe Meile“, sagt Joe. „Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie es ist, wenn man sich an einen Verbrecher heranschleicht und ihm eine Kugel in den Rücken gibt?“

„Kann sein, dass ich früher mal solche Ideen gehabt habe. Da war ich noch ziemlich jung.“

„Und seitdem quält dich so was nicht mehr, wie?“

„Schieß einem in den Rücken, Joe. Du wirst dein ganzes Leben lang nicht mehr damit fertig.“

„Ich rede von Desperados, Junge. Von Leuten, die einwandfrei den Tod verdient haben.“

„Bist du der Friedensrichter oder gar der Henker?“

„Ich bin Joe Burdy ...“

„Joe Burdy, der jemand in den Rücken schießen will. Hör auf, Junge! Mit dem Gedanken werden nicht mal Desperados fertig. Sonst wäre der ganze Westen mit Toten übersät.“

„Tote Desperados kann es nicht genug geben, Partner.“

„Schon möglich. Aber jetzt zur Sache! Die da drüben werden ein paar Stunden schlafen. Vorher und nachher werden sie reden. Das möchte ich hören.“

„Du kannst es dir aussuchen. Wenn du mich schickst ...“

„Ich werde gehen. Du bleibst bei den Pferden, Joe!“

„Dann ist ja alles klar.“

Der Rest der Nacht vergeht wie ein Augenblick. Jeder hat sich noch einmal eine Stunde hingelegt.

Als sie den Sonnenaufgang in den Knochen spüren, marschiert Benny los. Er geht im Schatten des Felsenrückens. Der Himmel im Osten ist schon rot gefärbt. Hinter den Hügeln liegt noch das Dunkel der Nacht.

Er geht eine knappe Meile. Im Camp bei den drei Banditen herrscht noch völlige Ruhe.

Benny Yates nimmt sich Zeit. In der Nähe des Lagers sondiert er jeden Fußbreit Boden, ehe er den Stiefel aufsetzt.

Die Pferde der Desperados stehen wie ein Stern. Sie haben die Köpfe zusammengesteckt und dösen. Sie stehen, als wüssten sie, dass es jeden Augenblick weitergehen kann. Von Benny nehmen sie keine Notiz.

Die drei Banditen liegen in einer Mulde. Benny bezieht zwanzig Fuß über ihnen Posten. Hier wird ihn keiner entdecken. Und wenn es das Pech schon will, so hat er den Rückweg frei. Hier oben ist er auch einer dreifachen Übermacht gewachsen.

Er wartet ...

Die Sonne wird gelblich, aber noch immer ist sie mehr rot. Man kann sehen, wie sie sich über den Horizont schiebt. Man muss nur geduldig hinsehen.

Dann ist unten ein Geräusch. Sofort vergisst Benny die Sonne. Er schiebt den Kopf vorsichtig über den Rand des Felsens.

Ein Mann unten tastet mit der Hand über den Boden, bis er seinen Stetson gefunden hat. Er schläft noch halb.

Als der Hut auf dem Kopf sitzt, entschließt er sich, einen Versuch zu machen, aufzustehen. Er knurrt wütend, weil es ihm Mühe macht. Das Knurren weckt die anderen, die beide einen leichten Schlaf haben, weil sie sich einen tiefen in diesem Land nicht erlauben können.

Der erste Bursche ist schwarz. Von oben bis unten. Der Stetson ist schwarz, sein Hemd ist schwarz, die Hose und auch die Stiefel. Es ist Loke Allison ... Der schwarze Loke!

Drüben, der Rappe unter den drei Pferden gehört ihm. Vielleicht ist seine Seele auch noch schwarz.

Bestimmt ist sie das!

Benny kennt ihn. Benny hat auf sechs Fuß Distanz mit ihm gestanden, als die letzte Herde zum Teufel ging. Den Augenblick vergisst er nie. Aber bevor er oder Allison schießen konnte, ist Geo Lingo dazwischen gekommen. Lingo hat ihn für ein halbes Jahr aufs Bett gestreckt.

Dieser Teufel ...

Er kann die Herde nicht vergessen.

Auch, wenn er keinen Dollar bei der Sache verloren hat. Eine Zeit lang hat es ausgesehen, dass sein guter Name dabei zum Teufel gegangen ist. Die Herde ging drauf, obgleich Benny Yates dabei war. Das wollte schon was heißen — damals.

Vor einem knappen Jahr ...

Bestimmt hat der alte Patterson so gerechnet. Wegen der Ohrfeige für seinen Jungen hätte er sich gewiss nicht so angestellt.

Oder ist es ihm so ernst mit der Ehre seines Namens?

„Gib Ruhe, du alter Nachtalp!“, knurrt Pat Mosley unten in der Mulde.

„Ich werde dir Ruhe geben, Schlafmütze! Mit dem Stiefel in den Hintern! Drei Stunden hast du gepennt, das reicht für den halben Winter. Es geht weiter, kapiert?“

Der schwarze Loke steht bei ihm, und das genügt, dass er das Meckern einstellt.

Hinter Mosley kichert einer schadenfroh. Geo ist längst aus der Decke heraus. Mit dein ersten Geräusch des Tages ist er hellwach. Lingo gehört zu denen, die nie eine Sekunde zu lange schlafen. Lingo ist ein reißender Wolf.

Bestimmt hat er ganz tief geschlafen. Traumlos und fest. Die Zeit war kurz, aber er hat Kraft gesammelt. Und sein erster Gedanke hat Cut Faraday gegolten. Dafür legt Benny seine Hand und noch eine Kleinigkeit mehr ins Feuer.

Weil Lingo ihn hochnehmen will, spielt auch Pat Mosley nicht länger die Schlafmütze. Mit diesem Rivalen wird er schon noch fertig werden. Er oder Lingo, das ist immer die Frage gewesen, wenn es darum ging, mal den Boss zu vertreten, wenn er nicht da war.

Mosley steht auf und schüttelt sofort seine Decke. Er will schneller sein als Lingo. Wenigstens mit der Wolldecke, wenn es auch mit dem Colt noch etwas hapert.

Sie sind Rivalen, die beiden. Sie sind wie Silberfüchse, die sich gegenseitig belauern. Und die sich beißen, wenn es darauf ankommt.

Lingo hat schon den Colt in der Hand. Das ist so eine Eigenart von ihm. Wenn er wach wird, greift er nach seinem Eisen. Wo andere erst einmal austreten müssen oder sich rasieren, da untersucht er sein Schießeisen, ob es im Laufe der Nacht vielleicht eingerostet ist. Oder ob sich so eine verdammte Fichtennadel in den Mechanismus gesetzt hat.

Geo Lingo weiß, dass der Revolver seine beste Lebensversicherung ist. Auch wenn er dreckig lacht und einen Witz reißt, so sind seine Gedanken zuerst beim Revolver.

Mosley lässt ihn spielen. Die reinen Kindereien sind das. Lingo nimmt sich wichtig, und wie er es immer wieder zu zeigen versucht, ist es schon lächerlich.

Mosley ist ein Mann, dem der Bart wächst. Er tut, als ob er Lingos hämische Bemerkung nicht gehört hat. Er holt ein Päckchen aus der Satteltasche und hantiert an seinem Wasserschlauch.

Der Knoten ist noch nicht ganz los, als der Boss dazwischenfährt.

„Hey, Pat! Ich mache dich darauf aufmerksam: Du spuckst jeden Tropfen wieder aus, den du hier verplemperst! Und wenn du auch nur ein Stück Rasierseife sehen lässt, werde ich es durchlöchern!“

Mosley reißt das Handtuch von der Schulter und wirbelt es durch die Luft.

„Du hast also was dagegen, dass ich mich rasiere, Boss?“

„’ne ganze Menge.“

„Dann sollst du recht behalten. Wir werden uns nicht waschen, solange diese Steckbrief-Visage noch frei herumläuft.“

„Manchmal bist du ein richtiger Schnelldenker, Pat. Wir reiten nämlich in die Wüste, mein Junge. Wir holen uns die dreihundert Dollar für Cut Faraday.“

„’ne kleine Nebenbeschäftigung. Was ist das schon? — Willst du mir das Rechnen beibringen, Loke?“

„Ich bringe dir bei, dass ein Tropfen Wasser manchmal mehr wert sein kann als ein Silberdollar. Faraday ist seine dreihundert wert. Wir sind drei Mann. Du kannst dir ausrechnen, was für jeden dabei herausspringt.“

„Genau hundert, wenn du ehrlich unter uns teilst und nicht die ganze Crew in die Sache hineinziehst. Oder rechnest du dir die Hälfte des Anteils aus, weil du der Boss bist?“ Die Frage ist so gescheit, dass nicht mal der schwarze Loke sofort eine Antwort weiß. Er geht zu seinem Rappen und legt ihm den Sattel auf.

Dann kommt er zurück.

„Ich schlage vor, wir reden nicht mehr so viel. Ihr wisst, dass Faraday in der Black Mesa steckt. Tot ist er nicht weniger wert, als wenn ihr ihn lebendig heranschafft.“

„Ich kenne die Rechnung, Boss“, erklärt Pat Mosley. „Aber du hast sie von Irving. Und der redet viel, wenn der Tag lang ist.“

„Er kann reden, was er will. Wir reiten zum Tigerloch. Wenn Patterson noch einen neuen Trieb wagt, wird er mindestens noch zwei Wochen brauchen. In der Zwischenzeit verdienen wir jeden Dollar, der sich hier im County abgrasen lässt — Steck endlich den Rasierpinsel weg, Pat!“

Pat Mosley verzichtet an diesem Morgen auf Wasser und Seife. Hundert Dollar sind mehr wert als ein Morgenbad. Hundert Dollar können manchen vor dem Verhungern retten.

Und diese drei stellen höhere Ansprüche ans Leben. Lingo findet, dass es sich bei einem Hunderter gerade noch lohnt, einen Finger zu rühren.

„Yeah, auf wen wartet ihr noch? — Sieben Meilen durch die Wüste sind kein Vergnügen. Ich möchte nicht gerade unterwegs sein, wenn die Sonne am höchsten steht.“

„Das kannst du haben“, sagt Allison. „Steigt schon auf!“

Sie gehen in die Sättel. Pat Mosley gibt seinem Gaul sofort die Sporen und jagt den flachen Hang hinunter. Lingo lässt sich noch etwas Zeit.

„Noch eins, Boss“, sagt er. „Bevor wir ihn finden, sollte alles klar zwischen uns sein.“

„Wenn ich wüsste, wovon du redest ...“

„Hundert Dollar sind ein Taschengeld“, sagt Lingo. „Dazu muss ich’s mir noch aus der Wüste holen. Ich werde nicht viele Umstände mit ihm machen, Boss. Tot oder lebendig, das macht für die Belohnung keinen Unterschied.“

„Reg dich nicht schon vorher auf, Geo. Seit dem letzten Trail bist du reichlich nervös geworden, und jetzt die Sache mit Yates ...“

„Wie meinst du das?“, fragt Lingo lauernd.

„Du hast in letzter Zeit manchmal keine gute Figur gemacht. So meine ich das. Ich bin der Boss und sag’s dir vor den Kopf, wenn ich es für richtig halte.“

„Und ich werde Faraday aus den Stiefeln holen, ohne lange zu fragen. Das sage ich dir auch vor den Kopf.“

„Ich habe nichts dagegen. Ich möchte nur, dass du auch beim ersten Mal gleich richtig triffst.“

Geo Lingo grinst hämisch. „Zwei Kugeln wären schon die reinste Vergeudung, wie? Da hast du vollkommen recht. Kannst dich auf mich verlassen, Boss.“

Dann reiten sie. Benny zieht den Kopf aus der Lücke im Felsen und geht zurück.

Fast eine Meile hat er vor sich.

Eine Meile und kein Pferd.

Er beginnt zu laufen. Es regt ihn auf, dass er so viel Zeit verliert.

Es geht um mehr als um dreihundert Dollar.

Es geht um Cut Faraday!“

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Joe sieht ihn schon von Weitem rennen. Er denkt, es kann nicht schaden, schon mal die Pferde zu satteln. Viel Zeit scheinen sie nicht mehr zu haben.

Aber er wird sich auch nicht nervös machen lassen.

„Was ist los, Benny? Sind sie hinter dir her?“

„Sie reiten weiter nach Norden, und sie haben es verdammt eilig. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Wenn wir uns rechts auf dem Plateau halten, können wir ziemlich dicht herangehen, ohne dass sie uns entdecken.“

„Weshalb sollen wir dicht herangehen? Meinst du, ich gehe wegen Faraday ein Risiko ein?“

„Dann reitest du am besten zurück nach Blackwood. Kannst ja warten, bis ich mit der Sache fertig bin.“

„Hey, Partner! Jetzt wirst du aber komisch. Die drei wissen doch bestimmt, wo Faraday steckt.“

„Im Tigerloch!“

„Also ist es gar nicht zu verfehlen. Vernünftiger wäre es allerdings, wir legten uns an einer passenden Stelle auf die Lauer und warten, bis die Kerle zurückkommen.“

„Denkst du, Junge! Bei deiner Rechnung stimmt was nicht.“

„Traust mir wohl nicht zu, dass ich denen ihre Beute abjage, wie?“

„Cut Faraday ist keine Beute. Weder für Allison noch für dich! Du scheinst mich tatsächlich für einen Kopfgeldjäger zu halten, oder?“

„By Gosh! Du kannst wirklich seltsam reden, Benny. Ist dir vielleicht nicht gut? Weshalb, zum Teufel, bist du hierhergeritten?“

„Ich will es dir ganz genau sagen: Den Mann auf dem Steckbrief würde ich in hundert Jahren noch erkennen, und wenn er ein Dutzend falsche Namen annimmt.“

„Du kennst ihn?“, fragt Joe erstaunt.

Benny nickt. „Ja, ich kenne ihn, Joe. Und ich sage dir, dass ihm kein Haar gekrümmt werden darf! Verstehst du?“

„No, Benny. Gar nichts verstehe ich. Du bist doch nicht plötzlich sentimental geworden, oder? — Was für ’ne Rolle spielt Cut Faraday in deinem Leben?“

„Ich verdanke es ihm, sonst nichts.“

„Du verdankst es deinen Eltern, meinst du wohl?“

„Das hätte nur für zweiundzwanzig Jahre gelangt. Mit zweiundzwanzig wäre ich am Ende gewesen ohne Cut Faraday. So, jetzt weißt du es. Steig auf!“

Joe Burdy zögert noch, kratzt sich den Schädel.

„Er wird wegen Mordes gesucht, Benny! Das ist dir doch klar?“

„Cut Faraday ist ein anständiger Bursche. Wenn er mit dem Gesetz Verdruss hat, steckt was anderes dahinter. Ich werde ihn fragen.“

„Wenn er noch reden kann! Ich komme natürlich mit.“

Benny jagt seinen Gaul durch die Schlucht zum Plateau hinauf.

Zum Tigerloch!

Benny ist erst einmal im Leben dort gewesen. Es ist kein Ort, an den man freiwillig geht. Wer sich im Tigerloch verkriecht, dem muss es schon dreckig gehen. Der steht schon mit einem Stiefel auf dem Booth Hill.

Knappe sieben Meilen sind es durch die schwarze Mesa. Die drei Desperados reiten am Horizont. Unscheinbar wie Fliegen sehen sie aus.

Joes Pferd ist jetzt dichtauf. Sie galoppieren nebeneinander.

„Wenn wir den Vorsprung aufholen sollen, können wir unsere Tiere gleich im Tigerloch begraben“, stöhnt Joe. „Weißt du auch, in was du dich da einlässt?“

Benny gibt keine Antwort. Je aussichtsloser ihm der Ritt erscheint, umso wütender treibt er sein Pferd an.

Cut Faraday hat noch eine Chance!

Er muss misstrauisch sein. Er darf nicht auf diese Burschen hereinfallen. Wenn er die richtige Stelle im Tigerloch besetzt hält, kann er sich stundenlang gegen eine Übermacht verteidigen.

Faraday ist kein Greenhorn, no!

Benny lächelt in sich hinein bei diesem Gedanken. Das ist noch so etwas wie eine Hoffnung.

Cut Faraday darf nicht sterben ...

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Er sieht sie kommen.

Drei Reiter, die genau auf ihn zuhalten. Wer in der Black Mesa reitet, muss schon am Tigerloch vorbei. Einen anderen Weg gibt es nicht.

Und die da reiten nicht durch die Mesa, weil sie einen verlorenen Dollar suchen. Die suchen mindestens dreihundert.

By Gosh!

Dreihundert Dollar. Lumpige dreihundert! So billig kann ein Menschenleben werden, wenn es in die Mühle des Gesetzes gerät.

Cut Faraday lächelt gefährlich. Er schätzt die Entfernung zu den drei Reitern und geht ruhig zu seinem Pferd zurück, als ob es keine Eile hätte.

„Come on, Fellow!Ich werde dir einen neuen Platz zeigen ...“

Er führt ihn an der Leine hundert Yards weiter in den flachen Canyon hinein. Hinter einer Felsnase ist ein breiter Riss im Gestein. Er drückt den Gaul mit der Hinterhand hinein und hobbelt die Vorderbeine an. Er gibt ihm noch einen leichten Klaps auf die Blesse. „Ein bisschen eng hier, fellow. Aber es dauert auch keine Ewigkeit.“

Die Winchester hat Faraday aus dem Scabbard genommen und prüft, ob sie geladen ist. Dann geht er zurück und klettert in die fast senkrecht aufragende Felswand.

In halber Höhe hängt das Gestein stark über, und von unten her ragen drei Felssäulen hoch und bilden in der Mitte eine Mulde.

Von der Seite her kommt Faraday heran. Er muss sich nur kräftig abstoßen.

Es dauert ganz drei Minuten, bis er sich konzentriert hat. Die Hände und Füße haben nur wenig Halt an der Steilen Wand.

Dann springt er ...

Nicht weit genug!

Die drei Felssäulen schießen auf ihn zu, aber gleichzeitig wachsen sie vor ihm in den Himmel. Er reißt die Arme hoch, erwischt noch die Kante. Sein Körper prallt auf, und von hinten trifft ihn der Lauf seiner Büchse, die er am Riemen auf den Rücken gehängt hat.

Der Schlag raubt ihm fast die Besinnung. Doch die Finger sind starr wie eiserne Haken.

Zoll um Zoll zieht Faraday sich hoch. Dann reißt er das Knie seitwärts auf die Kante und drückt ab.

Halb ohnmächtig, lässt er sich in die Mulde fallen, in der sich Sand und etwas dürres Gras angesammelt haben. Er liegt weich wie in einem Bett. Und auch so eng.

Der Herzschlag beruhigt sich etwas. Faraday sieht sich um und stöhnt.

Von unten kann ihn keiner erreichen. Er liegt gut zwölf Fuß hoch. Über ihm hängt die vorragende Wand. Wer ihn von oben fertigmachen will, muss erst zehn Tonnen Gestein wegsprengen.

Faraday nimmt die Winchester vom Rücken und sucht eine Auflage. Über das Visier hinweg sieht er drei Reiter.

Zuerst nur die drei, deren Kleidung schon gut zu erkennen ist. Dahinter zwei weitere. Eine ganze Posse aus Blackwood — oder von noch weiter her.

Vielleicht ist nicht mal ein Sheriff dabei. Cut Faraday kennt seinen Preis. Den, für den er sich selber verkauft — und den andere für ihn bieten.

Wo zwei der Felsen zusammenstoßen, bilden sie ein Dreieck auf der Spitze. Darin liegt der Lauf der Winchester. Über das Visier hinweg erkennt er den vorderen Reiter.

Der schwarze Loke!

Loke Allison, also. Kein Sheriff, sondern ein Kopfgeldjäger. Einer, der die Leute auch in den Rücken schießt. Wer auf dem Steckbrief steht, hat kein Recht auf eine Kugel von vorn.

Ich werde ihm zeigen, wo sein Trail zu Ende ist, denkt Faraday.

Die drei Reiter halten an. Zweihundert Yards vor dem Tigerloch.

„Siehst du was?“, fragt Lingo.

„Er hat sich versteckt“, sagt Allison. „Kein Wunder. Würdest du auch machen.“

„Ich würde jeden abknallen, der mir zu nahe käme.“

„Wenn Faraday auch so denkt, lohnt es sich kaum.“

„Und vorher hast du wohl nicht an diese Möglichkeit gedacht, wie?“

„Genau wie du. Aber du konntest ja zurückbleiben, wenn die Nerven mit dir durchgehen. Jetzt sind wir hier.“

„Yeah, jetzt sind wir hier, Boss. Ich werde allein durch den Canyon reiten, damit du weißt, wie sehr du mich noch brauchst. Wenn ich’s dann mit den Nerven kriege, ist es allein meine Sache.“

„Der liegt irgendwo und wartet nur darauf, dass er dich aus den Stiefeln schießt“, sagt Pat Mosley.

„Mir zittern die Knie, Junge. Du kannst ja die Augen zumachen, bevor du ohnmächtig wirst. An eurer Stelle würde ich mehr Abstand halten, sonst legt er euch auch gleich mit einer Kugel um. Was dagegen, wenn ich jetzt reite, Boss?“

Lingo hat sich nach Allison umgesehen. Jetzt erkennt er die Reiter. Allison sieht seine Augen, die plötzlich doppelt so groß wie sonst sind. Er merkt, dass was faul ist — und wendet den Kopf.

„By Gosh, das ist ja die reinste Wallfahrt! Weiß vielleicht Hiller, wo wir sind, hey? Hat einer von euch gequatscht?“

„Das ist nicht Hiller und auch sonst keiner von uns. Soll ja noch andere Leute geben, die Steckbriefe lesen können.“

„Wenn ihr nichts dagegen habt, beeile ich mich jetzt“, knurrt Lingo. „Ich will’s hinter mir haben, wenn die Konkurrenz auftaucht.“

„Und möglichst noch ein paar Kugeln im Lauf“, sagt Loke Allison finster.

Lingo reitet an. Im Schritttempo nähert er sich dem Eingang zum Canyon. Beide Hände hält er am Zügel. Es ist so gut wie sicher, dass er beobachtet wird. Das Tigerloch wird zur Falle, wenn er zu früh zur Waffe greift.

Der Canyon ist wie ein Trichter. An der engsten Stelle wird die Gefahr am größten sein, überlegt Lingo. lind vorher?

Er ist noch hundert Schritt von der kritischen Stelle entfernt, als die grollende Stimme von oben kommt.

„Nimm sie hoch, Mister! Und sag deinem Gaul, dass er umkehren soll!“

Lingos Kopf fährt herum. Er sieht die drei Felssäulen und den Lauf einer Büchse. Seine Hände lassen die Zügel los und kommen langsam nach oben. Dabei macht sich ein Grinsen auf seinem Gesicht breit, als hätte man ihm ein teures Geschenk gemacht.

„Na also, Faraday, da sind Sie ja.“

„Wer ich bin, sollte Ihnen im Augenblick egal sein, Mister! Hauptsache, Sie wissen, dass ich den Finger am Abzug habe. Drehen Sie um, Mann! Verschwinden Sie dahin, wo Sie hergekommen sind!“

„Tut mir leid, Faraday. Mein Boss hat mich nun mal hergeschickt. Der steht leider auf dem Standpunkt, dass ich nur seine Befehle auszuführen habe.“

Cut Faraday drückt ab. Donnernd jagt das vielfache Echo des Schusses durch das enge Tal. Lingos Stetson liegt am Boden. Lingo selbst sitzt noch aufrecht im Sattel.

„Das war meine einzige Warnung, Mister!“, ruft Faraday mit ruhiger und fester Stimme.

„Blödsinn, Mann! Ich habe mit Ihnen zu reden. Glauben Sie, wir reiten sieben Meilen von Blackwood her durch die Wüste, um uns von einem einzelnen Mann zurückschicken zu lassen?“

„Mit mir gibt es nichts zu bereden. Also, das ist mein letztes Wort!“

„By Gosh, Faraday, Sie haben einen Dickschädel. Dabei gibt’s nicht die kleinste Chance für Sie, wenn Sie nicht mitmachen.“

„Die nächste Kugel trifft Ihr Pferd!“, droht Faraday.

„Der Boss hätte vielleicht selbst kommen sollen. Der schwarze Loke ist Ihnen doch ein Begriff, wie? — Das Angebot sollten Sie sich mal überlegen, Faraday. Entweder wir hungern Sie hier aus, schicken Ihnen den Sheriff auf den Hals ... oder Sie machen bei uns mit. Loke Allison hat immer noch einen Platz in der Mannschaft für einen Burschen wie Sie.“

„Schert euch zum Teufel, Mister! Verschwindet nach Blackwood, oder ich knalle euch fünf einzeln ab!“

Faraday jagt die zweite Kugel aus dem Lauf. Sie zischt haarscharf über die Mähne des Pferdes, dass es sich wild aufbäumt und zur Seite ausbricht.

Lingo muss nach den Zügeln fassen, um im Sattel zu bleiben. Der Gaul dreht sich auf der Hinterhand zweimal im Kreis herum. Dann stößt er den Kopf nach unten und prescht nach vorn weg. Lingo ist nach vorn gekippt und muss sich langsam vom Hals hochstemmen. Als er wieder richtigen Halt im Sattel hat, ist er schon wieder bei Loke Allison und Pat Mosley.

Allisons Blick ist alles andere als ein Kompliment für ihn.

„Das war vielleicht ’ne Kostprobe, Junge. Mit deiner Überredungskunst lockst du nicht mal einen Köter zum Knochen.“

„Mach’s doch besser, Boss! Der Kerl sitzt in einer uneinnehmbaren Festung. Von unten kommen wir nie an ihn heran.“

„Von oben noch viel weniger. Du siehst ja, wie der Felsen überhängt.“

„Ich habe ihm gedroht, dass wir ihn aushungern. Vielleicht glaubt er’s, wenn du es ihm selbst sagst. Ich habe so getan, als wären wir scharf auf seine Mitarbeit.“

„Was du gesagt hast, konnte man hier ganz gut verstehen. Er denkt auch, die zwei da hinten gehörten zu uns. Wir werden sie uns erst mal vornehmen, denke ich. Faraday läuft uns nicht weg. Der sitzt in der Falle.“

„Die haben noch gut zwei Meilen zu machen“, sagt Pat Mosley. „Nimm nur mal an, sie hätten was gegen uns.“

„Wenn das ein Vorschlag sein soll, musst du dich schon deutlicher ausdrücken“, erwidert der Boss mürrisch.

„Wir müssen mit Faraday fertig sein, bevor die zwei Kerle hier auftauchen.“

Allison schielt unter dem Rand des Stetsons weg nach Süden. „Dazu hast du keine zehn Minuten mehr Zeit, Pat. Ist dir das klar?“

„Ich werde ja auch nicht mit ihm reden wie Geo ...“

„Im Augenblick redest du viel zu viel.“

„Jetzt nicht mehr, Boss. Du sagst, wir kämen von oben nicht ran, weil der Felsen überhängt. Wir machen es mit dem Lasso. Einer von euch hält mich. Ich lasse mich runter und pendele mich an den Burschen heran.“

„Wenn du lebensmüde bist, bitte!“, sagt Lingo krächzend.

„Der Boss gibt mir Feuerschutz von der anderen Seite. Die Felsen drüben sind viel niedriger. aber hoch genug, dass man Faraday unter Kontrolle halten kann. — Wollt ihr, oder wollt ihr nicht?“

Allison und Lingo wechseln einen Blick.

„Für dich ist es das größere Risiko. Warum nicht? Was meinst du, Boss?“

„Beeilt euch! Du gehst auf den Westhang, Geo! Sieh zu, dass du schnell ’ne gute Position erreichst. Wir haben keine Sekunde mehr zu verlieren.“

Cut Faraday beobachtet, wie sie auseinandergehen und schnell auf beiden Seiten in Deckung sind. Nach einem Rückzug sieht das nicht aus. Es sieht auch nicht danach aus, als ob sie mit den zwei anderen da hinten was zu tun hätten.

Er lädt die Winchester nach. Die Kerle haben was vor. Er presst sich instinktiv tiefer in die Mulde, die ihm plötzlich viel zu flach erscheint. Er sieht nach der anderen Seite des Canyon hinüber ...

Wenn da einer hinaufklettert, hat er ihn unter Kontrolle. Es wird nur darauf ankommen, wer zuerst zum Schuss kommt...

Und wer sich zuerst sehen lässt!

Die Sonne ist schnell höher gestiegen. Es wird langsam warm zwischen den Felsen, die in der Nacht nie genug Kälte ansammeln können. Das Land ist trocken und heiß. Und die Nächte sind zu kurz ...

Faraday hört die Geräusche im Felsen. Loke und der andere sind jetzt schon über ihm. Wie sie sich das vorstellen? Wie wollen sie an dem Überhang vorbei? Kapieren sie nicht, dass diese Festung uneinnehmbar ist?

Faraday ist nicht mehr so sicher.

Er kennt Loke Allison. Nicht so gut wie einen Freund, aber er ist ihm früher schon einmal begegnet. Und außerdem weiß man im County, dass er ein ganz gerissener Bursche ist. Loke Allison hat im Leben immer nur Erfolg gehabt. Es gibt kaum einen Tag, an dem er nicht gegen das Gesetz geritten ist, und er war jedes Mal stärker.

Mit dem Gesetz hat ihn doch keiner kriegen können. So gescheit ist er!

Die Luft ist trocken und stickig. Wie ein sich duckender Hase liegt Faraday in der Mulde und starrt auf die gegenüberliegende Seite, die im hellen Sonnenlicht liegt.

Die Geräusche über ihm bleiben. Sie sind die einzigen vernehmbaren Laute. Stiefel scharren an der Felswand.

Wenn sie ein Lasso nehmen ... By Gosh!

Rechts neben dem Überhang setzt sich die senkrechte Wand fort. Aber sie hat Nischen und Einbuchtungen. Drei Schritt entfernt verläuft so ein Knick. Fast bis unten auf die Erde. Dahinter findet ein ausgewachsener Mann Deckung — und ist keine sechs Fuß von ihm entfernt.

Ein Stück tiefer das Loch. Und in dem Loch plötzlich das Seil!

Faraday weiß jetzt, wie sie es machen. Gleich werden ein Paar Stiefel auftauchen. Dann muss er schießen. Dann muss er den Kopf und die Hand hochheben, wenn er treffen will. Selbst wenn er den Colt nimmt.

Die Mulde ist viel zu flach!

Die Reiter im Süden sind keine halbe Meile mehr entfernt. Sie reiten Galopp. Vielleicht ein Sheriff, der mit Allison nicht viel im Sinn hat. Nur ist so ein Sheriff heute keine Hilfe für ihn.

Er ist dreihundert Dollar wert.

Ich werd’s euch zeigen!, denkt Faraday verzweifelt. Dann sieht er die Stiefel.

Seine Hand kommt hoch, sein Kopf schiebt sich ein paar Zoll über die Mulde. Ehe er abdrücken kann, fällt von drüben der Schuss. Die Kugel klatscht auf den Stein. Der Stein ist spröde. Die Kugel singt als Querschläger irgendwohin. Der mürbe Kalkstein spritzt in tausend kleinen Splittern nach allen Seiten weg, sticht wie Nadeln in Faradays Haut.

Plötzlich brennt sein rechtes Auge. Er kneift es zu. Der Schmerz bleibt.

Er rollt flach auf den Rücken, sucht nach einem Tuch in der Tasche. Sie hätten ihm Pfeffer ins Auge streuen können, das würde nicht stärker schmerzen.

Er möchte aufheulen! Er ist blind!

Er hat noch nie geheult. Nicht so laut, dass die ganze Wüste zusammenläuft. Aber das Heulen, das er unterdrücken muss, ist in ihm. Es dröhnt in den Ohren, und sein Kopf und sein Gehirn haben für nichts anderes mehr Platz.

Doch dann ist wieder das Kratzen da, als wenn einer mit dem Stiefel gegen den Stein tritt. Und es ist näher als bisher. Nicht mehr hoch über ihm ...

Er reißt das Auge auf. Das linke, das nichts abbekommen hat. Er sieht den Schatten auf sich zupendeln und wieder weggleiten.

Er hört, wie einer flucht. Und gleich darauf: „Es ist zu kurz, Boss! Damn..., lass ein paar Zoll nach, oder er schießt mich hier am Strick zusammen wie ein ...“

Den Rest hört Faraday nicht mehr. Ein Schuss donnert durch das Tigerloch und hört sich an wie eine ganze Salve.

Und gleich darauf eine Stimme. By Gosh, es ist Benny Yates’ Stimme ...!

„Die nächste Kugel sitzt im Ziel, Loke Allison. Also ’rauf mit dem Mann und weg mit dem Seil! Und keine Tricks!“

Von der flachen Seite des Canyons fällt der nächste Schuss. Zu hastig. Deshalb geht er daneben.

Aber Faraday hat die Bewegung gesehen. Mit dem linken Auge. Er weiß nicht mehr, was er noch mit dem einen Auge machen soll, das noch intakt ist.

Drüben sitzt einer von den drei Gaunern. Ein anderer pendelt am Lasso vor seiner Nase. Nur wenn er hochkommt, wird es ihn selbst erwischen ...

„Daneben, Lingo!“, schreit Yates triumphierend und lacht seltsam. Faraday sieht nichts, aber er kann sich denken, dass Yates in Deckung ist.

Denn er schreit schon wieder los.

„Zieh den Strick an, Loke Allison! Ich hab’ ich dich auf dem Korn.“

„Einen Dreck hast du, Yates ...“

„Dein Fell wird es früh genug merken. Oder vielleicht nehmen wir erst Pat Mosley. Der pendelt vor mir herum wie 'ne Uhr, die dauernd nachgeht ... Hey, Mosley! Willst du gleich von hier in die Hölle stürzen?“

Faraday hört zwei Schüsse. Sie fallen kurz hintereinander. Aber sie kommen aus verschiedenen Richtungen.

Er peilt mit dem linken Auge über den Rand der Mulde.

Drüben ist eine Bewegung.

Die Winchester ist zu lang in diesem engen Loch. Sein Revolver ist draußen, er drückt ab.

Lingo brüllt wie ein Stier.

Unten im Tal lacht einer. Die Stimme kennt er nicht. Über ihm flucht einer. Das ist der schwarze Loke.

Der Mann am Strick brüllt: „Lass nach, Boss! Ich bin hier die reinste Zielscheibe. Lass nach! Ich erwische ihn nicht!“

Er hängt auch schon viel zu tief. Aber noch immer zwölf Fuß über dem Boden.

„Idiot!“, schreit Allison. „Schieß doch endlich, Pat! Du musst ihn doch sehen ...“

Allison denkt gar nicht daran, nachzulassen. Er will den Mann auf dem Steckbrief.

Er will die dreihundert Dollar!

Zum Reden ist es sowieso zu spät. Sobald einer geschossen hat, zählt die Zunge nicht mehr. Jetzt kommt es nur darauf an, wer das schnellere Auge und die sicherere Hand hat.

Lingo hat aufgeschrien. Er ist nicht zu sehen. Er kann tot sein.

Der schwarze Loke hat das Ende des Lassos mit Mühe um einen gewachsenen Stein gedreht. Der wird Mosley halten, und er hat die Hände frei.

Er rollt sich auf die Schulter und auf den Bauch, hebt den Kopf über die Felskante:

Er sieht kein Ziel. Nur irgendwo ein Mündungsfeuer. Drei, vier, fünf Schüsse fallen hintereinander.

Mosley schreit, als wäre der Jüngste Tag für den Sünder angebrochen. Er hat es in den Händen gespürt. Die Salve galt dem Strick, lind sie hat getroffen. Wenigstens eine der Kugeln ... Er hört es am Reißen. Wie es im Seil knistert ...

Der nächste Schuss ist ein Treffer auf Mosleys Nerven. Er lässt los und stürzt in die Tiefe. So tief kann es nicht sein, dass er sich das Genick dabei bricht.

Nur zwölf Fuß ...

Immer noch besser, als oben in der Luft zu hängen wie eine Zielscheibe.

Er kommt gut unten an. Es ist nur, als ob sein Rücken mit zehn Zentnern Hafer passiert würde. Der Schmerz jagt bis in beide Fußspitzen.

„Jetzt nimmst du die Hände hinter den Kopf, Junge, und lässt dich nach ein paar Kleinigkeiten untersuchen!“, sagt eine Stimme neben ihm, die vor Freundlichkeit überschäumt.

Joe Burdy ist ganz in seinem Element. „Sorry, Junge, wir kennen uns noch nicht. Das werden wir später nachholen. Zuerst mal dein Messer und den Derringer? — By Gosh, nein. Du bist ein Anfänger. Du hast nur einen Colt gehabt, und der hat sich zwischen Himmel und Erde selbständig gemacht. Jetzt die Hände hinter den Kopf und auf stehen! Yeah, Kleiner, wenn du Rheuma im Kreuz hast, musst du bald zum Arzt. Mit so was reitet man aber nicht zum Tigerloch ... Hey, Benny, ich schicke dir einen! Barfuß und ohne Schießeisen. Nimm ihn freundlich auf! Los, Partner, geh schon, mach dich aus dem Staub! Sonst erwischt dich doch noch ’ne verirrte Kugel. Die Luft ist heute ziemlich bleihaltig.“

Er stupste Mosley ins Kreuz, und der hat begriffen. Er marschiert durch den Canyon nach Süden. Alle haben die ellenlange Rede von Joe gehört. Keiner wird schießen.

Er marschiert ...

An einem Dutzend Ecken liegen die Schützen. Mosley hat kein gutes Gefühl im Magen. Keiner sieht den anderen. Wenn heute einer stirbt, muss es ihm egal sein, aus welcher Richtung die Kugel kam. Und wenn sie ein Freund abgegeben hat, es hilft ihm nichts mehr.

Mosley geht durch die engste Stelle. Er kommt durch. Der letzte Schuss klingt noch in seinen Ohren, aber es fällt kein neuer mehr.

Als er bei Benny Yates ankommt, muss er mit Verwunderung feststellen, dass der schon einen Gefangenen hat.

Geo Lingo sitzt neben ihm und starrt zu Boden. Lingo ist vollkommen gesund. Er ist nur nicht in der Stimmung, noch mit jemand zu reden. Er hat eine kleine Bilanz gemacht, die ihm absolut nicht schmeckt. Benny Yates hat ihn zweimal in vierundzwanzig Stunden fertiggemacht. Das genügt!

Der Boss ist isoliert.

Er merkt es, als Benny ihm seine zwei Gefangenen zeigt und ihm die Schlussrede hält.

„Du kannst natürlich verrückt spielen, Loke. Du bist ja der Boss von einer ziemlich starken Crew. Aber heute ist sie nicht stark genug. Die dreihundert Dollar gibst du für dieses Mal dazu, klar? — Du bist ja nicht pleite und wirst schon noch durchkommen. Ich lass mit mir reden, wenn du willst.“

Der schwarze Loke ist ein Boss, der seine Buchführung immer im Kopf hat. Er weiß, wenn er am kürzeren Ende sitzt.

„In Ordnung, Yates. Was schlägst du vor?“ Er fragt, obwohl er es sich denken kann.

Benny sagt es ihm trotzdem noch einmal. Er ist heute in Geberlaune, denn die Begegnung mit Cut Faraday drängt zum ersten Mal die Gedanken an die Patterson-Ranch, an die Rinder und an Gloria zurück.

Der schwarze Loke hat ihm den letzten Trail vermasselt. Heute muss Loke nachgeben. Ob er will oder nicht.

„Yeah, schick Geo und Pat mit den Pferden herauf! Wir reiten nach Blackwood zurück. Bis dahin gilt die Abmachung. Bei unserer nächsten Begegnung sieh dich vor, Yates!“

„Damit du deinen Willen hast, Loke Allison, ich werd’s tun ... Und nun verschwindet, Gents, ehe ich mir’s anders überlege!“

„Wie wär’s mit unseren Waffen, Yates? Willst dich doch wohl nicht auf solch eine unsaubere Art bereichern?“

„Wir sind knapp an Munition“, erwidert Benny lächelnd und macht die Colts leer, ehe er sie zurückgibt.

Lingo und Mosley verziehen keine Miene mehr. Sie nehmen ihre Pferde und reiten den Hang hinauf. Beim nächsten Mal wird es heißer werden, denkt Benny.

Lingo kann ihm sowieso schon eine Menge nicht vergessen. Und jetzt kommt der schwarze Loke noch hinzu.

Er reitet ein Stück den Hang hinauf, um zu beobachten, was Allison tut.

Der nimmt sein Pferd in Empfang und steigt auf. Lingo scheint ihm eine Menge erzählen zu wollen, aber der Boss ist wie taub. Er reitet nach Süden. Die anderen folgen ihm.

Benny reitet zurück.

„Ich brauche dich jetzt, Joe“, sagt er und zeigt mit dem Kopf zu der Felsmulde hinauf. „Wir machen es mit dem Lasso, denke ich.“

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Cut Faraday hat sich das Lasso um den Leib gebunden und schwebt daran herunter. Oben zieht Joe das Seil ein und rollt es auf.

Cut kneift das rechte Auge zu. Benny hält ihm die Hand hin, und er schlägt ein.

„Ist was mit dem Auge?“

„Es ist Dreck reingespritzt, Sand oder ein kleiner Felssplitter. Mir ist’s, als ob ich blind wäre. Brennt wie Feuer, das verteufelte Zeug.“

„Zeig mal her!“

Benny verarztet ihn und hat nach zwei Minuten tatsächlich einen Steinsplitter auf dem Zipfel seines Taschentuchs. So groß wie ein Stecknadelkopf.

Das Auge ist stark gerötet, aber Faraday behauptet, dass es ihm schon besser geht.

„Ich danke dir, Benny!“, sagt er.

„Nicht der Rede wert“, murmelt Benny.

„Ich meine nicht nur den Splitter im Auge“

„Trotzdem! — Ich weiß. Aber du bist noch längst nicht in Sicherheit.“

Inzwischen ist Joe den Hang heruntergestiegen und kommt heran. Die letzten Worte hat er wohl schon verstanden.

„Sag bloß, Benny, den willst du in Sicherheit bringen. Du wirst allmählich nachsichtiger als ein Seelsorger.“

„Das ist Joe Burdy“, stellt Benny vor. „Und das ist Cut Faraday. Gebt euch die Hand!“

Joe denkt gar nicht daran. „Danke! Dass dieser Mann Faraday heißt, kann man sich denken. Es gibt ja genug Steckbriefe von ihm.“

„Er ist mein Freund, Joe. Gib ihm die Hand!“

Joe macht ein Gesicht, als hätte er sich auf die Zunge gebissen. Seine Hand kommt hoch, als ob sie drei Zentner wiegt. Der Händedruck ist pflaumenweich.

„Er mag mich nicht“, sagt Faraday trocken.

„Sie haben es erfasst, Faraday! — Und du, Benny, bist mir jetzt wohl eine Erklärung schuldig. Nicht nur wegen der hundertfünfzig Dollar, um die du mich bringst.“

„Alles der Reihe nach! Zuerst stelle ich die Fragen. Du hast einen Mann in der Postkutsche ermordet. Haben die paar Jahre genügt, einen Desperado aus dir zu machen?“

„Ich bin drei Meilen hinter der Postkutsche gewesen, als der Überfall geschah. Ob du’s mir glaubst oder nicht.“

„Und dann?“

„Ich kam bei der Schießerei gar nicht auf die Idee, mich zu beeilen. Unterwegs fand ich dann noch einen Geldsack, den die Banditen offenbar verloren hatten. Und dann hatte ich das Pech, dass der Sheriff von Protection und sein Deputy in der Nähe waren. Ich war der Einzige, den sie aufgabeln konnten.“

„Und der Sack war ihr einziger Beweis?“

„Nicht ganz. Zwei Frauen und ein Mann haben noch in der überfallenen Kutsche gesessen. Und der Kerl auf dem Bock natürlich. Die Frau und der Kutscher haben behauptet, mich wiederzuerkennen.“

„Sie haben dich zum Strick verurteilt, und du bist ihnen entkommen, oder?“

„Genau! Kurz hinter Goldwater. Wie es so geht, wenn der Begleiter mit einem ins Reden kommt. Plötzlich hatte er seinen eigenen Colt unter der Nase und war so freundlich, mir die Fesseln durchzuschneiden. Als ich ihn dann so verpackt hatte, wie sie es vorher mit mir gemacht hatten, brauchte ich mich nur noch mit dem Mann auf dem Kutschbock zu unterhalten. Ich hab’s kurz gemacht und bin dann schnell nach Norden abgebogen ... Einer muss mich erkannt und verraten haben, dass ich’s bis hierher geschafft habe.“

„Bist du es gewesen, Cut?“, fragt Benny leise und mit ernster Miene. Faraday sieht ihn sekundenlang mit brennenden Augen an. Dann ist das Feuer wieder weggewischt, und er spricht ohne Erregung.

„No, Benny! Es war, wie ich es dir gesagt habe.“

„Es gibt keinen Zeugen, der dich entlasten könnte?“

„Den hätte ich längst angegeben, verlass dich darauf ... Ich muss verschwinden, Benny. Ich hab’ keine andere Chance. Wirst du mir helfen?“

„Ich kann dich nicht in der Satteltasche verstecken. Und im Norden liegt die Wüste. Du musst umkehren, Cut.“

„Für den Ratschlag hättest du mir lieber ’ne Kugel geben sollen. Keine zehn Pferde kriegen mich noch mal nach Süden.“

„Ich dachte mehr an den Südwesten.“

„Das ist nicht besser.“

„Das ist viel besser. Auf halbem Wege nach Lakin liegt die Patterson-Ranch. Ich gebe dir einen Brief mit für Gloria Patterson. Zuerst wirst du zu ihr gehen und ihr den Brief geben. Dann sprichst du mit dem Alten. Er braucht Leute wie dich.“

„Mörder?“

„Natürlich nicht. Er war mal einer von den ganz Großen im County. Heute weiß jeder, dass das nicht mehr stimmt. Ich werde dir eine Story erzählen. Sie ist nicht sehr lang. Und dann weißt du Bescheid. Patterson steht das Wasser bis zum Hals ...“

Benny erzählt die Geschichte, Faraday unterbricht ihn mit keinem Wort. Zum Schluss sagt er: „Nichts für mich, Benny! Ausgerechnet nach Salina soll ich eine Herde bringen?“

„In Garden City weiß schon keiner von deinem Fall, und bei der Herde bist du gut untergebracht. Ihr treibt genau über Leoti nach Oakley hoch und von da erst auf Salina zu, bis zum Beginn der Bahnlinie. Da oben sucht dich kein Mensch.“

„Ich habe eher an Colorado gedacht.“

„Das denken die meisten. Und deshalb werden sie dich zur Grenze hin suchen. Ich wollte dir einen guten Rat geben, Cut. Überleg dir's!“

„Und ihr zwei?“

„Wir gehen nach Dighton, Richtung Wal nur Creek. Wir machen eine Spur, dass jeden Allison heute noch auf uns hetzt, garantiert den falschen Weg einschlägt. Wenn du hinter dem Tigerloch die Ebene nimmst, hinterlässt dein Gaul eine Fährte wie eine Fliege auf der Ofenplatte.“

„Auf einer heißen, wie?“

„Es ist eine Richtung, in der dich keiner vermutet. Wir geben dir Wasser mit. Heute Nacht bist du durch.“

„Mit deinem Brief. Hast du was zu schreiben da?“

Benny geht zur Satteltasche und holt Papier und einen kurzen, stumpfen Bleistift heraus.

„Er wollte in Garden City mal zur Zeitung“, sagt Joe Burdy albern, und dann schweigt er auch schon wieder.

Benny setzt sich auf einen Stein und schreibt auf dem Oberschenkel.

„Liebe Glory! Ich hoffe, es geht Euch gut. Besonders Dir! Diesen Brief bringt Dir ein Freund. Du kannst Dich auf ihn verlassen, ganz gleich, was die Leute vielleicht über ihn sagen werden. Er ist gut für den Viehtrieb, und wenn Ihr die Mannschaft zusammen habt, sollte er der Boss sein. Du weißt, dass ich Dir nicht helfen kann — wenn nicht so. Faraday hat mir das Leben gerettet. Benny.“

Er liest noch einmal, was er geschrieben hat. Wie einen Liebesbrief liest er ihn. Ist ja auch einer, denkt er. Dann faltet er das Blatt zusammen.

„Wir sollten es kurz machen, Cut. Wir haben alle einen langen Weg vor uns.“

Faraday nimmt das Blatt und steckt es ein.“

„War sehr kurz diesmal, Benny.“

„Das nächste Mal dauert es länger. Viel Glück, Junge!“

Faraday druckst noch herum. „Du meintest vorhin, ich könnte vielleicht einen Wasserschlauch ...“

„Natürlich, den habe ich nicht vergessen. Komm her!“

Sie tauschen noch einen Händedruck. Dann ist Cut Faraday im Sattel und reitet.

Benny sieht ihm noch lange nach.

„Er hat dir das Leben gerettet?“, fragt Joe schließlich. „Das hätte ich eigentlich längst wissen sollen, meinst du nicht?“

„Ich erzähl’s dir unterwegs“, sagt Benny und geht zu seinem Pferd.

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Gloria Patterson hört den gurrenden Laut über sich und nimmt den Kopf hoch. Im nächsten Augenblick ist die Büchse aus dem Scabbard und auf das Sumpfhuhn gerichtet. Doch bevor sie den Finger krümmen kann, fällt schon der Schuss.

Das Huhn sieht aus, als ob es eine unsichtbare Hand in der Luft geschüttelt hätte. Dann wird sein Flug torkelnd, es stürzt herab.

Bevor es den Erdboden erreicht, ist Glory mit ihrem Pferd schon unterwegs. Sie findet den Vogel schnell neben einem Gebüsch und sieht sich fragend um.

Der rätselhafte Schütze ist schon da. Grinsend kommt er näher und winkt ihr aus dem Sattel zu.

„Tag, Madam. Entschuldigen Sie, dass ich schneller war.“

„Schneller? — Der Vogel kam zuerst bei Ihnen vorbei. Ob Sie wirklich schneller waren, ist wohl eine andere Sache.“

„By Gosh, ich nehme die Behauptung zurück.“ Er lacht wie ein Junge, der keine Sorgen kennt. „Das Huhn gehört natürlich Ihnen.“

„Wie nett von Ihnen, mir das auf meinem eigenen Grund und Boden zuzugestehen“, erklärt sie. Sie scheint keine Lust zu haben, dem Fremden freundlich entgegenzukommen.

„Dann sind Sie also Henry Pattersons Tochter, oder irre ich mich?“

„Ich heiße Gloria Patterson, Mister. Wenn Sie mit dem Namen nichts anzufangen wissen, dann nehmen Sie erst mal Unterricht in der nächsten Schule.

„Nicht mehr nötig. Ich bin über Sie ziemlich gut aufgeklärt. Ich heiße übrigens Faraday, Cut Faraday. Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, dann lesen Sie diesen Brief!“

Er hält ihr den Zettel hin. Sie liest. Schon beim ersten Wort wechselt sie die Farbe im Gesicht, hat sich aber schnell wieder in der Gewalt.

Ihr Blick ist nicht mehr so abweisend.

„Bennys Freund sind Sie ... Wann haben Sie ihn gesehen? Wie geht es ihm?“

„Es geht ihm gut. Er ist nach Dighton geritten. Vor drei Tagen war das ...“

Sie mustert ihn aufmerksam. Er unter bricht sich. Nach einer Pause sagt sie:

„War er allein?“

„Er hatte einen Burschen bei sich, den er Joe nannte. Der mochte mich nicht leiden. Aber das beruht auf Gegenseitigkeit.“

Glory Patterson lächelt schwach. Dann hat sie für einen Moment einen fast verträumten Blick. Sekunden später sieht sie Faraday so streng an wie am Anfang.

„Wenn Benny Sie schickt, müsste ich Ihnen vertrauen können. Bloß, wie haben Sie sich das gedacht? — Sie kennen ja den Brief.“

„Den Brief und die ganze übrige Story. Ich weiß, was für ein Pech Ihr Vater hatte. Und auch, wie er sich Benny gegenüber benommen hat. Scheint zu denen zu gehören, die sich nicht helfen lassen wollen.“

„So einfach ist das nicht.“

„Ihr Bruder ist auch ein Taugenichts.“

„Reden Sie noch mal so ein Wort, dann ...“

„Ich hab’s von Benny. Es ist nicht meine Meinung.“

„Dann behalten Sie Ihr Urteil auch gefälligst für sich! — Sie suchen Arbeit — so ist es doch, oder?“

Faraday zögert und sucht nach dem passenden Wort. Dann sagt er schleppend: „Ich dachte, ich sehe mir die Sache selbst erst mal an. Ihr Vater scheint ja weit davon entfernt zu sein, eine Mannschaft zusammenzutreiben.“

„Vierzehn unserer eigenen Weidereiter werden mitmachen ...“

„Vierzehn? — Hat er überhaupt so viele?“

„Er hat noch fünf mehr. Aber die brauchen wir hier. Und für den Trail fehlen immer noch zehn. Kennen Sie keine Männer, auf die man sich verlassen kann?“

„No, Miss Patterson, tut mir leid. Die Leute, die ich kenne, wohnen in Texas. Ich bin allein unterwegs.“

„Sie haben Benny das Leben gerettet. Wie war das?“

„Nicht der Rede wert. — Sie haben jetzt doch ganz andere Sorgen, oder? Benny sagte, dieser schwarze Allison habe seine letzte Herde völlig auseinandergenommen.“

„Er hat sie gestohlen und für sich versilbert! Das ist ein Unterschied.“

„Benny ist mit Allison zusammengetroffen“, sagt Faraday gedehnt. „War noch einer dabei, der sich Lingo nannte?“

Glory wird ganz blass im Gesicht und sieht ihn mit stechenden Augen an.

„Sie haben sich gesehen? Und?“

„Sonst weiter nichts. Beide sind sich ziemlich aus dem Weg gegangen. Nur mit Lingo ist Benny vor vier Tagen in Blackwood zusammengeraten. Benny hat ihn hart ’ran genommen. Mehr ist da nicht zu sagen. Nur frage ich mich, seit ich das alles von Benny weiß, warum nimmt er sich diesen schwarzen Loke nicht vor?“

„Weil es wohl keinen Sinn hat. Soll er zum Sheriff gehen und sagen, hier, das ist der Mann, der meine Herde gestohlen hat? Und selbst wenn er’s beweisen könnte, das Vieh ist weg, und das Geld dafür hat er entweder unter die Leute gebracht oder versteckt.“

„Er wird auch die nächste Herde angreifen“, meint Benny. „Sind Sie sich da so sicher?“

„Ziemlich sicher. Pat Mosley ist im County, und man hat auch Paul Hiller gesehen. Die ganze Bande hat sich verstreut, aber nicht so weit, dass sie auf ein Wort ihres Boss’ nicht schnell wieder zusammen wäre. Allison weiß, dass wir treiben müssen, wenn wir überhaupt noch eine Chance haben wollen ...“

„Und dafür braucht Ihr Vater fünfundzwanzig Mann?“

„Wenn er eine Schwadron Dragoner bekäme, wäre alles klar. Aber Sie wissen ja, dass der Gouverneur Militär nur zur Verfügung stellt, wenn die öffentliche Sicherheit gefährdet ist.“

„Und wenn es sich um Indianer handelt! — Was meinen Sie, hat es Zweck, dass ich mit dem alten Patterson rede? Den Brief sollte ich nur Ihnen zeigen.“

„Das ist auch gut so. Wenn Daddy hört, dass Benny Sie geschickt hat, wird er sofort misstrauisch. Kommen Sie!“

Sie steigen in den Sattel und reiten.

Hinter dem Busch liegt ein kleiner, hochstämmiger Föhrenwald. Als sie den Rand er reichen, liegt die Ranch vor ihnen. Faraday zählt fünf Häuser und meint, das wäre ein Besitz, nach dem sich mancher die Finger lecken würde. „ ...und so was soll zum Teufel gehen?“

Gloria Patterson gibt keine Antwort. Sie hat Holly am Tor gesehen, der jetzt stehen bleibt und sich umsieht, als er die beiden Reiter erkennt. „Das ist mein Bruder“, sagt sie.

„Der Knabe, wegen dem Benny den Krach hatte, wie?“

Dann sind sie schon heran.

„Hallo, Schwester! Eine neue Errungenschaft aus der Männerwelt?“

Holly Patterson grinst ziemlich unverschämt.

„Das ist Mr. Faraday, Holly. Wir haben uns auf der Jagd getroffen. — Mein Bruder Holly, Mr. Faraday.“

„Hallo! Sie sehen sich nicht sehr ähnlich.“

„Ist auch nicht nötig“, feixt Holly. „Haben Sie vielleicht auf unserem Grund und Boden gejagt, Mr. Faraday?“

„Ich glaube, es war außerhalb“, erwidert der Fremde vorsichtig.

Gloria nickt dazu.

„Ja, es war genau an der Grenze. Du brauchst dich gar nicht aufzuregen, Bruder. — Ist Daddy im Haus?“

„Er war vorhin in der Schmiede.“

„Yeah, kommen Sie, Mr. Faraday!“

Sie reiten auf den Hof und lassen ihre Pferde am Stalleingang stehen.

„Da drüben ist Daddy“, sagt Gloria, als sie aus dem Sattel sind. „Ich werde Sie bekannt machen.“

Gloria winkt dem alten Henry und zeigt eine Fröhlichkeit, die zu ihrem anderen Gesicht der letzten Wochen nicht so recht passt.

„Hallo, Daddy! Das ist Mr. Faraday. Wir haben uns zufällig auf der Jagd getroffen, als wir gerade beide auf dieselbe Schnepfe geschossen haben.“

„Hoffentlich ist sie auch tot“, sagte Henry Patterson und mustert den Fremden auffällig, als ob es um den Kauf eines Stieres geht.

„Hallo, Mr. Patterson!“, sagt Cut bescheiden.

„Er sucht Arbeit, Daddy. Und zwar eine, die wir zu vergeben haben.“

„Kann er das nicht selbst sagen? — Nun, wie ist es, Mr. Faraday?“

„Ihre Tochter hat recht. Ich suche tatsächlich Arbeit. Ich kann mit Rindern umgehen.“

„Scheint so. Sie sprechen wie ein Texaner. Aber bei mir müssen Sie umsonst arbeiten. Das ist wohl nichts für Sie, wie?“

„Ha, umsonst? Das ist ein bisschen wenig. Da schieße ich lieber Schnepfen und verkaufe die Federn an blinde Indianer. Dabei kommt immer noch etwas mehr heraus.“

Gloria lacht über den Scherz. Ihr Vater ist nicht so freigebig mit einem Lob. Er kann es auch schlecht, weil er mehr weiß. Und er hält auch nicht lange hinter dem Berg damit.

„Nun, Faraday, Sie sind nicht auf den Kopf gefallen. Aber ich kann es mir nicht leisten, jemand in meiner Mannschaft reiten zu lassen, dessen Name jeden dritten Steckbrief ziert.“

Die Worte kommen wie ein Gewitter aus heiterem Himmel. Glory wird blass bis unter die Haarwurzeln. In Faradays Augen zuckt es sekundenlang gefährlich. Doch er rührt sich nicht von der Stelle. Er lässt sogar seine Hände da, wo er sie hat.

„Seltsam, Patterson, dass Sie in Ihrer Lage noch auf so was Rücksicht nehmen. Wäre es nicht besser, Sie kümmern sich nur darum, wie Sie Ihren Besitz retten?“

„Verdammt, schweigen Sie, Mann! Mit Ihrer Unverschämtheit richten Sie erst recht nichts bei mir aus.“

„Ich wollte nichts ausrichten, Patterson. Ich dachte nur, ich könnte mit Ihnen sachlich über ein Geschäft reden. Was wissen Sie hier im County schon über meinen Steckbrief? Das kann doch nur eine Story sein.“

Patterson beißt die Zähne zusammen. Aus dem Hintergrund stelzt Holly heran, weil er neugierig ist, was die drei zu reden haben. Gloria hat den Kopf zur Seite gedreht und starrt auf den Fremden, als könne sie damit herausfinden, ob die Anklage des Vaters auch stimmt.

Der Alte sagt: „Sie sind ein verurteilter Mörder, Faraday! So genau weiß ich Bescheid. Auch, wenn sich die Sache noch nicht bis hier herumgesprochen hat. Dafür komme ich umso mehr herum. — Mir ist der Weg zum nächsten Sheriff zu weit. Deshalb rate ich Ihnen, verschwinden Sie jetzt, ehe ich mir nicht doch noch die Mühe mache ...“

„Schon gut, Patterson! Sie brauchen sich die Mühe tatsächlich nicht zu machen. Ich sehe schon, dass mit Ihrem Geist kein Geschäft zu machen ist. Sie reiten sich selbst immer mehr in den Dreck, bis Sie endgültig pleite sind. Nehmen Sie nur immer schön Rücksicht auf Anstand und Gesetz! Dann sind Sie zum Jahresende der Bettler, als den Loke Allison Sie sehen will.“

Henry Patterson reißt die Augenbrauen hoch.

„Was wissen Sie von Allison, hey?“

Er hat schon nichts mehr sagen wollen, zu diesem Desperado. Aber der Name Allison bringt die härtesten Rancherköpfe durcheinander.

„Im ganzen County singt man das Lied vom schwarzen Loke, Patterson. Dass er vor Ihrer Nase herumtanzt, als wäre er der reine Ehrenmann. Jeder weiß, wem Sie Ihre Pleite zu verdanken haben, und jeder weiß, dass es ihm nicht nachzuweisen ist.“

„Sie wissen sehr gut Bescheid für einen, der frisch aus Texas kommt, Faraday.“

„Vergessen Sie nicht, dass ich hier schon eine Postkutsche überfallen habe und ... und dass ich wegen Mordes verurteilt bin. Sie brauchen dabei nicht zu berücksichtigen, dass sich die Zeugen und das Gericht geirrt haben. Das werden Sie mir noch viel weniger glauben. Mir ist auch gleichgültig, was Sie über meine Person denken, Patterson. Ich hab’ nur eine lohnende Arbeit gesucht. Und ich dachte, Sie nehmen jeden, der Ihnen wirklich aus dem Dreck heraushelfen kann.“

„Ich sitze nicht im Dreck. By Gosh, ich vergesse mich, Faraday! Gehen Sie oder ...“

„Halt, Daddy!“, sagt da Holly spitz und krächzend. „Wegen so einem Kerl wirst du dich doch nicht aufregen. Bestimmt hat er alles nur so auf der Durchreise gehört. Bestimmt hat er Loke Allison nie im Leben gesehen. Dir geht die Sache natürlich an die Nieren und ans Bankkonto, aber einer, der wie Faraday daherkommt, weiß, dass auch Benny Yates der Blamierte gewesen ist. Einer, der bis gestern einen Namen hatte, und von dem heute kein Hund mehr einen Knochen nimmt.“

„Irrtum, Junior!“, entgegnet Faraday schleppend. „Wegen Yates bin ich ja hier. Unter anderem wenigstens. Mit Yates habe ich noch  eine private Rechnung zu begleichen. Und seitdem ich weiß, dass er sich in Dighton mit Loke Allison getroffen hat, denke ich mir, ich wäre ein guter Mann für die Treibermannschaft von Henry Patterson.“

„Boy, du lügst wie gedruckt!“

Der alte Patterson ringt um seine Beherrschung. Die paar Sätze, die Cut Faraday ins Gespräch geworfen hat, machen ihn innerlich wild. Wenn das alles stimmt, dann ist dieser Faraday tatsächlich der richtige Mann für ihn. Aber trau einer dem anderen! Trau einer einem, dessen Kopf schon auf dem Steckbrief steht.

Wenn man sie fragt, unschuldig sind sie alle ...

„... du lügst wie gedruckt, Faraday!“

„Ich sage die Wahrheit. Nur genügt es nicht, dass ihr mir sagt, ihr hättet kein Geld in der Kasse, Patterson. — Well, Benny Yates ist zum schwarzen Loke gegangen. Kann mir denken, dass er wütend auf euch ist und dass er beim dritten Trail auf der anderen Seite stehen wird. Auf der Seite, die immer gewinnt, wie Yates vielleicht meint. Ich würde gern auf der Seite stehen, die Yates eins auswischt. Aus privaten Gründen, wie gesagt.“

„Reden Sie immer so viel, Mr. Faraday?“, fragt da Holly Patterson zynisch. „Leute mit einer schnellen Zunge haben eine lahme Hand am Revolver, wie man sagt.“

„Was du Greenhorn daherredest... Ihr Pattersons habt kein Geld. Das ist es! Und ohne Lohn ...“

„Habt ihr gehört?“, schreit Holly wütend. „Greenhorn hat er gesagt!“

Dabei springt er wie ein Wiesel auf der Stelle herum und zerrt mit Mühe den Revolver aus dem Holster. Schließlich landet er wieder breitbeinig auf dem Boden und bringt den Colt in Stellung.

Das alles hat so lange gedauert, dass Faraday sich fast schämt, so etwas mitzumachen. Er hat die Waffe draußen, ehe Holly richtig hinsieht. Und als er das schwarze Loch im Eisen des anderen erkennt, werden seine Knie weich. Sein Colt rutscht ins Lederzeug zurück.

„Spaß verstehen Sie wohl überhaupt nicht, Faraday, wie?“, flötet er dann und gibt sich Mühe, dass seine Stimme nicht zittert.

„Spaß bei armen Leuten!“

Faraday schüttelt sich plötzlich vor Lachen. Nicht wie einer, der auf dem Steckbrief steht. Mehr wie einer, der sich stark genug fühlt, die ganze Sippe der Pattersons auf den Arm zu nehmen.

Er denkt für eine Sekunde an Gloria, die in den letzten Minuten stumm dabeistand und wahrscheinlich keinen Anfang und kein Ende mehr findet. In ihren Augen sieht alles anders aus. Umgekehrt ... Oder sie irrt sich. Oder sie ist einem Falschspieler in die Finger geraten.

Bennys Brief hat diesem Desperado Tür und Tor geöffnet. Es war Bennys Handschrift! Daran gibt es keinen Zweifel.

Und Benny sollte zu Loke Allison gehen?

Niemals! —

Die Männer sehen es anders.

Faraday hat von armen Leuten gesprochen. Und damit hat er zweifellos die Pattersons gemeint.

„Ich habe gesagt, Sie sollen verschwinden, Faraday“, wütet Henry Patterson. Mit Mühe unterdrückt er seine Erregung.

„Noch eine Sekunde, Daddy“, sagt da Holly, das Greenhorn. „Wenn er mit Yates eine Rechnung offen hat, wäre er eigentlich unser Mann. Aber wenn er auch seinen Lohn haben will, sollte man morgen mit ihm weiterreden.“

„Du bist nicht gescheit, Junge“, sagt der alte Patterson. Er spricht sanft wie ein Schullehrer mit seinem dümmsten Schüler. Das liegt wohl daran, dass Holly bis heute der einzige Sohn in der Familie geblieben ist — und dass er es wohl auch bleiben wird. An Holly ist Henry Pattersons Strenge immer vorbeigegangen.

„Ich bin so gescheit, Daddy, wie du es immer von mir wünschst. Vielleicht denkst du über den Steckbrief anders als ich.“

„Der Steckbrief interessiert jetzt nicht!“

„Dann ist ja alles in Ordnung. Ich habe Geld aufgetrieben, Daddy. Du kannst der Mannschaft einen Vorschuss geben.“

„Dummes Zeug!“, schimpft Henry Patterson. Aber in seiner Ablehnung liegt auch schon wieder die Neugier, was sein Sprössling inzwischen ausgeheckt hat. „Woher willst du plötzlich Geld haben?“

„Unter vier Augen würde ich’s dir sagen. Da ein Fremder dabei ist, soll dir genügen, dass ich Kredit habe. Kredit und Freunde, Dad. Es gibt immer noch Leute, die es mit den Pattersons nicht verderben wollen.“

Der alte Patterson scheint mit seinem Sohn noch nie im Leben über solche ernsthaften Probleme gesprochen zu haben. Er braucht eine Weile, um zu überlegen. Dann sagt er:

„Well, wir sprechen später darüber, Holly. Was schlägst du jetzt vor?“

„Wir packen Mr. Faraday für eine Nacht in die Scheune. So lange werden wir auch dem Sheriff nichts sagen. Morgen Mittag bringe ich das Geld, und wir zahlen diesen Mann aus. Dann werden wir sehen, ob er mitmacht.“

„Er wird natürlich sofort zugreifen.“

„Stell ihm eine Bedingung, Daddy! Wenn er ja sagt, werden wir nicht sofort auf ihn hereinfallen. Dieser Junge wird immer mit dem Kopf nicken, solange wir ihm die Dollars hinhalten. Er ist auf uns angewiesen. Wir könnten zum Sheriff gehen. So ist es doch, Mr. Faraday, oder?“

Cut zeigt ihm das zurückhaltende Grinsen, mit dem er bis heute gut durch alle Staaten gekommen ist.

„Wenn Sie den Sheriff holen, werde ich’s früh genug merken. Und wenn Sie Geld bringen, bin ich Ihr Mann.“

„Gerissen ist er. Daddy. Du merkst es, wie?“

„Du wolltest ihm eine Bedingung stellen, Junge. Dabei hast du doch eine Idee, oder?“

„Die Mannschaft ist noch nicht vollständig. Er soll wenigstens zwei Leute heranschaffen. Und wenn er sie bringt, werden wir sie auf Herz und Nieren prüfen. Er hat eine halbe Woche Zeit, Daddy. Das ist mein Vorschlag.“

Für die nächsten Minuten haben sie ein Pokerspiel. Der Bengel hat seinen Vorschlag gemacht. Und der ist nicht von schlechten Eltern. Man kann darüber denken, wie man will.

„Well“, sagt Henry Patterson schließlich. „Zeig ihm seinen Platz in der Scheune, Holly! Wir sprechen uns morgen wieder, Faraday, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Ich bin einverstanden, Boss.“

Er sagt tatsächlich: Boss.

Gloria findet, dass das ein Gewinn für die Pattersons ist. Sie sieht es ja anders. Sie weiß, dass Faraday einen Brief von Benny bei sich gehabt hat, und sie hat ihn gelesen.

Sie weiß mehr als Daddy und der Bruder.

Inzwischen ist es dunkel geworden.

In den Häusern brennt Licht. Trüb flackernde Kerosinlampen stehen an den Fenstern über den Tischen.

Gloria Patterson liest in der Bibel. Sie liest und ertappt sich, dass ihre Gedanken woanders sind. Sie betet, bittet um Vergebung. Sie fragt den Vater, an den sie glaubt.

Sie sagt ihm, dass ihr Herz bei Benny ist.

Bei Benny Yates!

Daddy hat ein verbranntes Hirn, Herr. Er meint, es gibt nur einen geraden Weg. Gibt es wirklich nur einen, Herr?

Er hat den Brief geschrieben ...

Er hat einen Mann geschickt, der sich Cut Faraday nennt. Er gibt es zu, obwohl sein Steckbrief draußen hängt ...

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Hey, Boy! Du schläfst noch nicht, wie?“

„Ich habe auf dich gewartet. Immerhin hast du heute ein paar Sprüche gemacht, die mich neugierig werden ließen. — Der Alte nimmt dich nicht für voll, wie?“

„Er weiß es selbst noch nicht. Bis jetzt hat er wenigstens so getan.“

„Well, ihr seid die Pattersons. Bildet euch alle viel ein auf euren Namen. Auch du, Greenhorn, gehörst zu diesem Haufen ...“

„Du nimmst den Mund sehr voll, Faraday. Hast du schon mal überlegt, was ein gejagter Mörder gegen einen Großrancher ausrichten kann?“

„Ich habe länger überlegt, als du denkst. Ihr braucht einen guten Mann.“

„Nicht nur einen. Mindestens noch ein Dutzend dazu. Und zwei davon wirst du besorgen ...“

„Irgendwie bist du schon ein ganz gerissener Kerl“, erwidert Faraday lächelnd.

Holly Patterson grinst. „Also kein Greenhorn mehr? Hoffentlich überlegst du es dir nicht alle fünf Minuten anders, wenn wir erst auf dem Trieb sind. — Hast du noch Hunger?“

„Danke! — Ich bin jetzt nur müde und werde schlafen, bis mich die Sonne kitzelt.“

„Irrtum, Faraday! Du bist nicht müde. Du musst noch für ein paar Stunden an die frische Luft.“

„Jetzt wirst du aber komisch, Partner. Wenn der Spaß aufhört, sagst du Bescheid, klar?“

„Dann sag ich’s jetzt. Es geht um dreitausend Dollar!“

„Auf meinem Steckbrief steht nur was von dreihundert“, meint Cut lauernd.

„Deshalb lohnt es sich auch nicht, dich beim Sheriff zu verraten. Dreitausend oder mehr. Es dreht sich um das Geld, das ich meinem Alten versprochen habe.“

„Und ich soll’s für dich holen, wie? Nachts auch noch.“

„Am Tage kannst du dich in Garden City kaum noch blicken lassen, Faraday. Ich habe schon die richtige Zeit ausgesucht. Steh auf und sattle dein Pferd!“

„By Gosh, Holly! Findest du nicht, dass du in diesem Falle schon etwas deutlicher mit mir sprechen musst?“

„Ich habe versprochen, Geld zu besorgen. Ich weiß auch, wo es liegt. Nur ... meine Arme sind ein Stück zu kurz, weißt du. Du kommst besser dran.“

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14

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Die Nacht ist schwarz wie ein Ofenloch, und von Garden City weiß Cut Faraday nicht mehr, als dass es in Kansas liegt und dass es dort ein Bankhaus gibt, in dem die Schlösser zum Geldschrank verbogen sind.

Vor sich hört er Holly Pattersons Keuchen und die Tritte seiner Stiefel.

Es geht einen steinigen Hang hinauf. Fast bei jedem Schritt löst sich Geröll und macht einen Lärm wie eine wild gewordene Rinderherde bei einer Stampede.

In der Town schreit einer wie am Spieß. Keine vierhundert Yards entfernt.

Faraday rennt gegen etwas Weiches. Es ist Hollys Rücken.

„Damn... Beweg dich, Greenhorn! Noch einmal lasse ich mich nicht von dir reinlegen.“

„Ich habe dich nicht reingelegt.“

„Später, mein Junge! Hau schon ab! Der Berg muss ja wohl bald zu Ende sein.“

Er gibt Holly einen Stoß in den Rücken, dass der bald auf die Nase fällt. Stöhnend rafft er sich auf und zerrt den schweren Sack mit.

Faraday bleibt dicht hinter ihm.

Der Schreihals in der Stadt ist nicht mehr allein. Eine keifende Frauenstimme geht dazwischen und verlangt Ruhe.

Dann hören sie den Sheriff.

Holly flucht seinen Namen.

„Wenn der alte Tucker uns erwischt, bringt Dad mich um, sage ich dir. Dann können wir beide unser Testament machen.“

„Ich hab’s schon gemacht. Und jetzt bring dich endlich in Bewegung!“

Cut Faraday ist jetzt neben ihm und packt ihn am Arm. „Los, Junge! Du weißt, wo es langgeht. Wenn ich meinen Gaul rieche, brauche ich deine Hilfe nicht mehr.“

Holly durchzuckt es wie ein Donnerschlag. Aber er sagt nichts mehr. Gleich sind sie oben. Und dann noch ein Stück nach rechts über die Mulde.

Der Lärm in der Stadt ist plötzlich wie abgeschnitten. Als ob sie sich wieder schlafen gelegt hätten.

Aber Holly weiß, dass diese Leute nicht mehr schlafen können. Nicht, nachdem sie die Überraschung in der Holden-Bank gesehen haben. Bestimmt haben sie auch schon den Bankier gefunden.

Holly Patterson hat noch nie so ein elendes Gefühl im Magen gehabt, ihm haben auch noch nie so die Knie gezittert.

Faraday stößt ihn vorwärts.

„By Gosh, du schläfst noch ein, Bengel!“

„Dieser Sack! Dieser verfluchte Sack! Weshalb mussten wir Hartgeld nehmen?“

„Es war deine Idee. Aber gib schon her!“

Faraday reißt ihm den Sack aus der Hand. Hollys Hände schnellen vor, als wollte er ihn zurückreißen.

„Mein Geld, Cut! Wenn du dich aus dem Staub machst ...“

„Wer redet denn davon, Esel?“

Dann sind sie bei den Pferden. Faraday schleudert den Sack über den Sattel und steigt auf.

„Du hast gesagt, du brauchst mich nicht mehr, Faraday. Mach jetzt keine krummen Sachen!“

„Wenn du mir drohst, muss ich lachen, Holly. Wir bleiben zusammen, weil wir keine andere Chance haben. Wir haben eine Meile bis zu deinem Versteck. Ich rede nicht eher mit dir, als bis wir da sind.“

Die Pferde greifen weit aus. Die Ebene ist flach wie eine Tischplatte. Faraday reitet blind in die Nacht. Sein Gaul bleibt dem anderen auf den Fersen.

Der Wald wächst plötzlich vor ihnen auf, als wäre er schwärzer als die Nacht. Eine dunkle, kühle Masse.

Irgendwo hält Holly Patterson an.

„Hier muss es sein, Faraday. Steig ab! Wir müssen die Pferde am Zügel führen.“

Faraday gehorcht. Das Unterholz wird dichter. Zweige schlagen ihnen ins Gesicht.

Wenn der Junge sich hier zurechtfindet, dann hat er einen guten Instinkt, denkt er.

Hundert Schritte! Holly bleibt stehen. Er sucht noch und wendet sich nach links. Sie stehen in nassem, hohem Gras.

Yeah, weiter links wird es trocken. Faraday spürt den Teppich von Tannennadeln unter seinen Stiefeln. Der Boden ist weich.

Unter einer uralten Fichte sagt Holly: „Hier ist es. Hier werden wir zwei Stunden warten. Das Geld verstecken wir am besten oben im Baum.“

„So war es ausgemacht“, meint Faraday. Er ist wieder ganz ruhig und nicht so aufgeregt wie vorher, als sie den Hang hinaufrannten. Er scheint es auch nicht mehr krummzunehmen, dass die Sache fast wegen Hollys Unvorsichtigkeit schiefgegangen wäre.

„Bist du eigentlich auf dem Viehtrieb schon mal dabei gewesen, Holly?“

„Bis jetzt hat Dad immer was dagegen gehabt. Aber diesmal lasse ich nicht locker. Ich habe ihn auch schon herum. Er weiß ja, dass wir jeden Mann brauchen.“

„Alt genug bist du, wie?“, fragt Cut grinsend.

„Siebzehn“, brummt Holly. Es wirkt verschämt.

„So hatte ich geschätzt. Du musst bloß sehen, dass dir nicht bei jedem kleinen Geräusch die Nerven durchgehen. Der alte Holden hätte bis jetzt noch nichts von dem Einbruch gemerkt. Wenn du’s auf dem Trail genauso machst, holt dich der erste beste Killer. Kinder schreien, aber keine Erwachsenen.“

„Ich schwöre dir, es wird nicht wieder vorkommen, Faraday.“

„Ich heiße Cut.“

„Nun, wie du willst. Ich weiß genau, wie unmöglich ich mich benommen habe. Wenn du mir nicht den Colt aus der Hand geschlagen hättest, hätte ich Holden vielleicht schon auf dem Gewissen.“

„Und so bin ich’s gewesen“, erwidert Faraday. „Das passt dir besser, wie?“

„Du hast ihn doch nicht getötet?“

„Ich glaube nicht. Aber so genau weiß man nie, wie ein Schlag angekommen ist. Es war dunkel.“

„Wenigstens hat er das Maul gehalten“, überlegt Holly laut. Damit will er sich trösten und ablenken. Als keiner was sagt und nur die Stille der Nacht um sie ist, spürt Faraday, dass der Junge zittert.

„Immerhin hat's Lärm gegeben“, fährt Cut nach einer Weile fort. „Hoffentlich haben sie keine Hunde.“

„Sie haben welche. Galogue zum Beispiel, der Keeper vom Drugstore. Und Toby Lewis, glaube ich. Aber die nehmen keine Fährte auf, will ich wetten. Sheriff Tucker hat bloß einen ziemlich schnellen Gaul.“

„Und wie ist Tucker selbst? Macht er’s wie die Indianer, die nur bei Tag auf den Kriegspfad gehen?“

„Kann ich nicht sagen. Wenn er eine heiße Spur hat, ist ihm alles zuzutrauen.“

Sie schweigen wieder und lauschen in die Nacht.

Es ist totenstill.

Kein Windhauch regt sich.

Wenn die Verfolger die richtige Richtung genommen hätten, müsste man sie hören.

So vergehen die vereinbarten zwei Stunden.

Es ist weit nach Mitternacht.

Faraday sagt plötzlich; „Hol den Sack, Holly! Wir werden jetzt das Geld zählen.“

„Hier ist er. Aber willst du bei der Dunkelheit ...?“

„Was war vereinbart, Junge?“, fragt Cut hart zurück.

„Ich habe nicht an die Dunkelheit gedacht. Und du auch nicht, Oldster.“

„Nicht so vorlaut!“

Faraday kramt ein Talglicht aus der Tasche und zündet ein Streichholz an. Sekundenlang flackert die Flamme und lässt gespenstische Figuren über den dunklen Hintergrund tanzen. Dann beruhigt sie sich. Das Licht ist hell genug.

Faraday zerschneidet den Riemen des Sacks und macht die Öffnung breit. Das Hartgeld ist ziemlich durcheinandergeraten auf der Flucht. Sieht aus, als ob es noch stundenlang Arbeit gäbe. Aber es geht doch schneller, als Holly befürchtet hat.

Der Nadelteppich des Waldbodens ist platt wie ein Zahltisch. Nach Wert und Größe sortiert und zählt Cut Faraday. Was er aufgestapelt hat, geht an Holly weiter, der noch einmal zählt.

„Yeah“, sagt er schließlich. „Fertig!“

„Was hast du?“

„Achthundertdreißig Dollar.“

„Willst mich wohl um zwanzig bemogeln, wie?“

„Blödsinn!“, schnauft Holly gereizt. Die Arbeit hat ihn die Gefahr, die ihnen durch die Verfolger drohen könnte, vergessen lassen. Geld ist eine Sache für sich. „Manchmal glaube ich, du willst dich unbedingt mit mir anlegen, Cut. Du bist der Oldtimer, und ich hör auf dich, wenn du was besser weißt.“

„Meistens weiß ich’s besser.“

„Schon gut! Aber vergiss nicht, dass ich der Sohn vom Boss bin. Du tauchst in unserer Mannschaft unter. Wenn du es bis Salina hinauf geschafft hast, kann dich auch dein Steckbrief hier nicht mehr kratzen. Wir müssen zusammenhalten. Du hast es selbst gesagt.“

„By Gosh! Und du hast es begriffen, Junge. Weißt du auch noch, wie ich zu meinem Anteil an diesem Geld komme?“

„Es ist ja nicht mal gestohlen. Es ist verliehen und ausgetauscht. Du kriegst dein Geld zurück, wenn du mir eine Karte schreibst. Eine Karte mit deinem Konto in Salina. Oder deine Adresse.“

„In Ordnung. Und was geschieht, wenn es dir einfallen sollte, das Geld für dich zu behalten?“

„Es kommt ein zweiter Brief an meinen Alten. Da steht dann die ganze Wahrheit drin.“

Das Kerzenlicht flackert etwas. Der Docht ist fast heruntergebrannt. Faradays Grinsen sieht nicht gut aus.

„Oder ich komme selbst, Holly. Vergiss das nicht! So ein Ehrenwort verpflichtet fürs ganze Leben. Ich kann dich fünf Jahre in Ruhe lassen, aber eines Tages stehe ich bei dir vor der Tür.“

„Nun, du brauchst dich nicht als mein Gewissen aufzuspielen, Cut. In diesem Sack sind achthundertdreißig Dollar. Meinetwegen auch zwanzig mehr ...“

„Sag achthundertfünfzig, Holly!“

„Gut, achthundertfünfzig. Bevor ich die auf dem Baum verstecke, ist das Papiergeld dran. Zeig’s her!“

Faraday knöpfte sein Flanellhemd auf und holt ein Bündel Banknoten heraus und zählt. Holly zählt mit.

„Zweitausendvierhundert.“

Diesmal sind sie sich einig. Gerade die richtige Menge, die sie brauchen.

„Sie werden sagen, ein Idiot ist eingebrochen“, meint Holly. „Eine Handvoll hat er mitgenommen, wo er zehntausend hätte haben können.“

„Mehr können wir nicht verkraften, Junge, ohne unser Gesicht zu verlieren. Hier ist mein eigenes Geld.“

Aus der Tasche zählt Faraday noch mal achthundert in Papiergeld hin. Fünfzig davon nimmt er schnell zurück. Schließlich braucht er was für unterwegs. „Jetzt bist du dran!“

Auch Holly beteiligt sich mit siebenhundertfünfzig. Und mit einer sauren Miene. Es geht ihm nicht leicht ab. An dem Geld hat er jahrelang gespart.

Faraday scheint seine Gedanken zu erraten.

„Es war deine Idee, Holly. Und außerdem tust du es für eure Ranch. Du opferst in Wirklichkeit keinen Dollar. Du rettest nur dein Erbe damit, wenn die Herde durchkommt.“

„Was heißt das, wenn? — Sie wird durchkommen, verstanden? Und du wirst mit dafür verantwortlich sein!“

„Ich tu, was ich kann. Jetzt nimm dein Bündel! Damit hast du genau 3950 Dollar in der Tasche.“

Holly steckt es ein und geht zu seinem Pferd. Sie reiten aus dem Wald heraus und schlagen einen leichten Bogen nach Süden. Zwei Stunden vor der Frühdämmerung geht die Mondsichel auf und sieht dann und wann durch die Wolkendecke.

Wir kommen zu spät!, geht es Holly durch den Kopf. Auf der Ranch stehen sie noch vor den Hühnern auf.

Er treibt sein Pferd zu einem gestreckten Galopp an, drückt ihm die Stiefelabsätze in die Flanken, dass es wie ein Hurricane losbraust.

Faraday bleibt ihm auf den Fersen ...

Dreitausendneunhundertundfünfzig Dollar!

Wenn er den alten Ben Holden umgebracht hat, ist es aus.

Dreitausendneunhundertundfünfzig Dollar! By Gosh, das habe ich nicht nur für mich getan. Das ist für Dad und auch für Glory.

Und ich werd’s zurückzahlen. Jeden Cent. Ich hab’s nur geliehen ...

Dann liegt die Ranch vor ihnen.

Sie haben den Pferden Säcke um die Hufe gewickelt und lassen sie eine Strecke am Zügel gehen, damit sie sich nach dem Galopp beruhigen. Ein schnaubendes Pferd auf dem Hof wird alles verraten.

Sie kommen durch. Bis in den Stall. An der Raufe machen sich die Tiere übers Heu her.

„Leg dich auf deinen Platz, Cut“, sagt Holly. „Es scheint alles gut gegangen zu sein. Hauptsache, ich komme jetzt auch noch unbemerkt ins Haus.“

„Wenn du den letzten Rest nicht schaffst, wirst du immer ein Greenhorn bleiben“, meint Faraday warnend. „Nimm dich zusammen, Boy!“

Holly stampft davon.

Cut lauscht in die Nacht. Die dumpfen Schritte werden leiser. Dann hört er ein Geräusch, als ob eine Tür geht. Man muss schon genau hinhören. Und wenn man schläft ...

No, das hat niemand gehört.

Es ist totenstill und dunkel auf der Patterson-Ranch. Cut Faraday dreht sich auf die Seite und schläft ein. —

Die Pattersons treffen sich am großen hölzernen Tisch zum Frühstück. Dazu Hank Dennis, der jetzt der neue Vormann ist, seit Benny und Joe die Ranch verlassen haben.

Holly ist bemüht, sein Gähnen zu unterdrücken und den frischen, ausgeruhten Mann zu spielen. Dabei schielt er Dad und Glory verstohlen von der Seite an. Wenn sie in der Nacht etwas bemerkt haben ... no, das haben sie nicht. Glory ist so freundlich zu ihm wie immer — und Dad hat die Sorgenfalten im Gesicht, mit denen er seit Jahr und Tag aufsteht.

Überhaupt, Henry Patterson sieht morgens nur das Frühstück. Man spricht ihn am besten auch erst an, wenn er den ersten Bissen herunter hat.

Glory hat Brot, Butter, Marmelade und Schinken auf den Tisch gestellt. Dazu für jeden zwei Eier und ein Glas frische Milch.

Als Henry Patterson zu kauen beginnt, sagt Gloria: „Keiner von euch denkt an unseren Gast. Soll er vielleicht mit den Pferden frühstücken, weil er bei ihnen im Stall geschlafen hat?“

Holly springt auf. Fast so, als ob sie ihn erschreckt hat. „Ganz richtig“, sagt Gloria. „Du hast wenigstens noch ein schlechtes Gewissen.“

„Ich hole ihn, wenn er wach ist.“

„Er hat sich schon vor zehn Minuten draußen unter der Pumpe gewaschen. Er ist bestimmt wach. — Ich hoffe, du hast nichts dagegen, Dad?“

„Es ist ja noch Platz. Also hol ihn schon!“ Holly geht und kommt zwei Minuten später mit Cut Faraday zurück. Der grüßt freundlich, und Holly stellt fest, dass er wirklich so frisch ist, als hätte er zehn Stunden durchgeschlafen.

Faraday ist auch nicht zimperlich. Er greift sofort zu, als wäre er zu Hause.

„Auch ein Glas Milch, Mr. Faraday?“, fragt Gloria. Cut nickt.

„Milch ist wunderbar. Besonders, wenn man lange unter Männern gewesen ist, die als einzige Flüssigkeit nur Brandy kannten.“

Bis auf Henry lachen die anderen. Der Rancher sagt kauend zu Cut: „Sie haben unseren Vormann noch nicht kennengelernt. Das ist Hank Dennis. Mit dem müssen Sie zurechtkommen auf dem Trail. Hey, Hank, gib ihm schon die Hand!“

Das ist ein Befehl. Und beide stehen auf, um sich die Hände zu schütteln.

„Mr. Faraday ist ein guter Mann, Hank. Er wird uns noch zwei Leute von seinem Kaliber besorgen, und dann sind wir wieder ein paar Sorgen los. Ihr werdet miteinander auskommen. Ist das klar?“

„Da werden wir uns wohl ganz nach Ihnen richten, Boss. Aber mir wäre es lieb, Sie sagten klar, wer der Trailboss ist.“

„Ich wäre da nicht so voreilig“, meint Faraday und legt Dennis freundschaftlich die Hand auf den Arm. „Möglich, dass ich überhaupt nicht reite. Ich musste nämlich eine Bedingung stellen.“

„Das Geld wird heute noch besorgt!“, sagt Holly laut und fast wütend.

„Aber du hast es noch nicht, Junior, wie?“

„Ich sage, bis heute Mittag. Das ist ein Wort, und danach könnt ihr euch richten.“

„Well, nehmen wir an, das geht klar. Dann sollte Mr. Dennis wissen, wer ich bin. Nachdem er inzwischen meinen Namen kennt, wird er über kurz oder lang doch herauskriegen, wie die Steckbriefe weiter im Osten aus sehen.“

„Wenn ich Sie einstelle, sind Sie mein Mann, Faraday!“, erklärt Patterson mürrisch. „Ich dulde keinen Widerspruch!“

Hank Dennis hat von dem Steckbrief noch nichts gehört, wie man sieht. „Ich denke, wenn er was erzählen will, soll er’s tun, Boss.“

„Eben“, meint Faraday. „Und viel ist da ja auch nicht zu sagen. Ich hatte irgendwo einen Sack Geld gefunden, der aus einer Postkutsche gefallen war. Damit haben sie mich erwischt. Und weil diese Postkutsche kurz vorher von Unbekannten überfallen worden war, hat man mich gleich zum Mörder gestempelt ...“

„Zum Mörder?“

„Yeah, so ist es. Bei der Sache wurde nämlich jemand erschossen, wissen Sie. Und seitdem habe ich zugesehen, dass ich mich von drüben etwas absetze. Fürchte nur, man weiß auch bald in Garden City davon. Und deshalb würde ich gern mit Ihnen nach Salina gehen. Eine Hand wäscht die andere. Sie verstehen?“

„Ich verstehe, dass Sie es nicht gewesen sind.“

„Er war es auch nicht“, behauptet Gloria streng.

„Na na, Kind“, mischt sich Henry Patterson ein. „Was willst du schon damit beweisen?“

„Dass ich auch ein bisschen Menschenkenntnis habe. Jawohl, Dad!“

In Wahrheit denkt sie nur an den Brief, den Benny Yates ihr geschickt hat. Und der ist so gut wie ein Beweis. Er hat Benny das Leben gerettet!

„No, ich war es nicht“, sagt Faraday schließlich. „Aber da die Steckbriefe nun einmal hängen, würde ich für den Trail lieber einen anderen Namen annehmen. Sagen Sie in Zukunft einfach Brand zu mir, Ernie Brand. Wie denken Sie darüber, Miss Patterson?“

„Er hat keine Ähnlichkeit mit dem richtigen Namen. Also ist er gut. Aber Ihr Gesicht ...“

„Ich würde etwas dran tun. Wenn mir jemand von Ihnen ein Rasiermesser und Seife leihen könnte.“

„Ich hätte sogar noch einen Pinsel, Mr. Brand“, sagt Holly und bringt an diesem Morgen zum ersten Mal ein zuversichtliches Grinsen zustande. „Wir können gleich mit der Gesichtsreparatur anfangen.“

„Vielen Dank! Das mache ich allein. Du hattest ja noch einen wichtigen Weg zu machen.“

Nach dem Frühstück geht Holly in den Stall und holt sein Pferd. Henry Patterson winkt ihm. Er hat noch eine Frage. Die Frage, auf die Holly mit Bangen gewartet hat. „Wohin reitest du, Junge?“

„Nach Süden, Daddy!“

„Und wen triffst du da?“

„Den Mann, der mir das Geld leiht.“

„Wie heißt er?“

„Seine Bedingung ist, dass ich ihn nicht nenne. Außerdem muss ich allein kommen.“

„Yeah, er stellt dir Bedingungen. Und ich soll mich damit abfinden?“

„Nicht du, Daddy, ich muss es. Du vergibst dir nichts dabei. Es geht um die Ranch, Dad!“ Wie oft haben sie diesen Satz schon gehört. Der eine wirft ihn dem anderen vor. Es geht um die Ranch. Und die Bank in Garden City gibt keinen Cent Kredit.

„Well, Holly“, sagt der Alte, „deinetwegen habe ich Yates weggeschickt. Weil jeder Patterson seine Ehre hat, auch wenn er erst siebzehn ist. Reite los! Ich schicke dir keinen nach. Wann bist du zurück?“

„Spätestens heute Mittag, vielleicht früher. Du kannst dich diesmal auf mich verlassen.“

Holly reitet los, und Henry Patterson geht ins Haus zurück. Am Tisch sitzt nur noch Hank Dennis.

„Wo sind die beiden?“, fragt der Rancher.

Der Vormann zeigt mit dem Kopf auf die Wand, hinter der die Schlafräume liegen.

„Er rasiert sich.“

„Kann er das nicht allein?“

„Ich habe ihn nicht gefragt, Boss.“

„Was meinst du? Glory macht ihm schöne Augen, was?“

„An Ihrer Stelle hätte ich nichts dagegen, Boss. Umso schneller wird sie Yates vergessen.“

„Yates! Diesen Namen sollte hier keiner mehr aussprechen!“, stößt der Rancher wütend hervor.

„Sie können Gloria nicht vorschreiben, was sie fühlt. Und wenn er unschuldig ist ...“

„Was wissen wir schon? — Ich habe mir diesen Faraday angesehen. So einen Kerl brauche ich. Er wird der Boss sein, wenn er mitmacht. Du verstehst das, Hank?“

„Er heißt jetzt Brand. Well, dann heißt unser Trailboss eben Brand. Sind sind der Rancher.“

„By Gosh, der bin ich. Und wenn die Herde diesmal durchkommt, wirst du’s nicht zu bereuen haben, Hank.“

„Ich glaub’s Ihnen, Boss. Und Sie können sich auf mich verlassen. Mein Colt ist immer noch in Ordnung, auch wenn ich nur der Zweite bin.“

Dann sagt er, dass er am Vorwerk II was zu tun habe. Am Vorwerk II haben die meisten Weidereiter ihr Camp aufgeschlagen und die Herde zusammengetrieben, die nach dem Osten trailen soll.

„In Ordnung, Hank! Sag den Leuten, dass es bald Ernst werden kann. In drei Tagen wissen wir mehr.“

Yeah, in drei Tagen fällt die Entscheidung.

Hank Dennis geht zum Stall hinüber und holt sein Pferd.

Im Haus ist es eine Weile still.

Aber plötzlich ist Glorias helles Lachen da. Ich werde nicht hineingehen, denkt Henry Patterson. Er braucht es auch nicht, denn im nächsten Moment fliegt die Tür auf, und zwei lachende Menschen kommen herein.

Gloria und ...

„Hey, Faraday! Sagen Sie, dass Sie es sind! Das kann doch nicht wahr sein.“

„Es ist wahr, Boss!“

Ein junger Bengel, denkt Patterson. Nicht viel älter als Holly. Und der soll der Boss sein?

Kritisch fasst er ihn ins Auge. Irgendetwas in dem Milchgesicht strahlt Härte und Entschlossenheit aus.

„Wie alt sind Sie eigentlich, Faraday?“

„Ich heiße Brand, Sir!“, sagt der andere mit einer Verbeugung, die spaßig sein soll. „Alter: fünfundzwanzig Jahre. War ich männlicher mit Bart?“

„Sie sind jetzt Ernie Brand, well. Das ist die Hauptsache. Sie werden sich durchsetzen. Wie lange wird das blonde Haar halten?“

„Miss Gloria sagt, ich müsste die Flasche immer bei mir haben. Und auch anständiges Rasierzeug.“

„Was für eine Flasche?“

Der schwarzbärtige Bursche ist glatt rasiert und blond geworden. Das ist das Wunder.

„Als er den Bart abgenommen hat“, sagt Gloria, „waren wir nicht zufrieden mit der Verwandlung, Daddy. Dann fragte er, womit ich unsere Wäsche bleiche. Und ich sagte, indem ich sie auf die Wiese lege. Das andere machen die Sonne und das Sprengwasser. Manchmal auch der Mond. Er meinte, wir hätten doch bestimmt auch irgend so ein Pulver dafür. Waschblau zum Beispiel.“

Plötzlich lacht Henry Patterson. Er hat lange nicht gelacht. Deshalb fällt es Gloria besonders auf.

„Wie lange soll das denn halten?“

„Wir werden es ausprobieren“, erklärt Faraday. „Zur Vorsicht habe ich ja die Flasche mitgenommen. Wenn das Haar nach ein paar Tagen dunkel nachwächst, ist sowieso eine neue Kur fällig. — Ich kann so reiten, Miss Patterson, was meinen Sie?“

„Sie wird keiner wiedererkennen.“

„Yeah, dann wäre es wohl so weit. Ich werde Ihnen die zwei Männer besorgen, die ich versprochen habe. Ich komme bald wieder.“

Faraday geht zum Stall hinüber und sattelt sein Pferd. Als er es herausführt und aufsteigt, steht Gloria am Fenster und winkt. Er winkt zurück.

Und dann sieht er zwei Reiter von Osten kommen. Er bringt seinen Gaul bis zum Haupthaus.

„Sehen Sie mal hinten 'raus, Miss Glory! Da kommen zwei Gents geritten, die ich nicht kenne. Das ist eine Gelegenheit, gleich mal meine Maske auszuprobieren.“

Gloria rennt durchs Haus und kommt zurück.

„Das ist Sheriff Tucker. Sie müssen weg, Cut!“

„Erstens heiße ich nicht Cut, und zweitens bin ich blond. Mich interessiert, was die wollen. Und die paar Minuten habe ich noch Zeit.“

Als die beiden auf den Hof reiten, ist auch der Rancher draußen.

„Merkwürdig, Tucker und sein Deputy Haskins. Die sieht man nicht alle Tage.“

„Verbrecher sucht man auf Ihrer Ranch ja auch nicht alle Tage“, meint Cut.

„Was soll das heißen?“, fragt Gloria erstaunt.

„Es gibt einen gewissen Mr. Faraday“, erwidert Cut. „Mit einem schwarzen Bart ...“

Weil alle drei lachen, spielt der Sheriff nach seinem knappen Gruß gleich darauf an.

„Howdy, Patterson! Man scheint bei Ihnen am frühen Mögen schon sehr lustig zu sein. Gibt’s einen Grund dafür?“

„Ich lache nie ohne Grund, Sheriff. Ich hab's nämlich nötig. Und wenn man das nicht gleich in der Frühe erledigt, könnte es sein, dass man später nicht mehr dazu kommt. Ärger gibt es trotzdem noch genug. — Was führt Sie zu mir?“

„Der Ärger! Das hat schon kurz vor Mitternacht angefangen. Deshalb hatte ich noch keine Gelegenheit zu lachen.“

„Sagen Sie bloß, Sie wollen Ihren Verdruss bei mir loswerden?“

„No, Patterson. Ich komme nur so daher, um Sie zu fragen, ob Sie verdächtige Leute hier gesehen haben. Oder auch nur Fremde, die nicht hierhergehören.“

„Da ist schon einer“, sagt der Deputy dazwischen und sieht ungeniert auf Faraday.

„Irrtum, Gents!“, erklärt der Rancher. „Das ist Mr. Brand, mein neuer Trailboss. Der ist nicht mehr fremd hier.“

„Nanu, Sie haben einen Nachfolger für Yates? Das freut mich, Mr. Patterson. Und seit wann ist er hier, Ihr Mr. Brand?“

„Seit gestern, Sheriff.“

„Immer hier auf der Ranch?“

„Ich denke, ich kann für mich allein reden, Boss. — Wenn das Heu im Pferdestall zur Ranch gehört, dann war ich immer hier, Sheriff. Haben Sie einen besonderen Grund zu der Frage?“

„Wir suchen einen Einbrecher. Man hat diese Nacht die Bank von Mr. Holden überfallen. Den alten Mann haben sie dabei ziemlich zugerichtet. Der Doc meint, bei der Gehirnerschütterung werden wir ihn für die nächsten Tage nicht vernehmen können.“

„Die Bank überfallen?“, fragt der Rancher und zieht jedes Wort in die Länge. „Dann ist wohl eine Menge Geld verschwunden, wie?“

„Ein paar tausend Dollar. Gott sei Dank längst nicht alles.“

„Schade“, sagt Patterson sarkastisch. „Mir hätte es nichts ausgemacht. Ich habe nämlich keinen Cent mehr bei Holden liegen.“

„Nach Scherzen ist mir nicht zumute, Patterson. Ich brauche Ihre Hilfe. Die Bande kann noch nicht weit sein.“

„Hier war sie nicht, Sheriff“, erklärt der Rancher. „Mehr kann ich nicht sagen.“

Faraday, der sich in seiner Maske ziemlich sicher fühlt, fragt: „Sie sagten, Sie suchen einen Einbrecher. Und dann sprechen Sie von einer Bande. Wie viele waren es denn genau?“

„Das wissen nur die Einbrecher selbst. An einen einzelnen glaube ich nicht. — Toby Lewis hat zwar was von der Sache gehört, aber als er uns alarmierte, waren die Kerle längst über alle Berge. Und Sie wissen, wie dunkel die Nächte in diesen Tagen sind.“

„Eben! Es ist bald Neumond“, sagt Faraday. „Wenn wir hier verdächtige Leute in der Gegend sehen, werden wir uns um sie kümmern, Sheriff.“

Das heißt so viel wie: Du kannst jetzt verschwinden. Wilson Tucker macht kein freundliches Gesicht dazu. Pattersons Besitz reicht über ein weites Gebiet westlich von Garden City. Es wäre gar nicht so abwegig, wenn die Bande sich hier versteckt hielte. Aber er hat so gut wie keine Beweise. Und auch keine Spürhunde, die ihm etwas über Faradays Mittäterschaft verraten könnten.

Wie zur Entschuldigung zuckt Tucker mit den Achseln.

„Ich tue nur meine Pflicht, Gents. Haskins und ich können uns jetzt die Hufe abreiten und jedem Rancher dasselbe erzählen.“

„Ich kann Ihnen nur Glück dazu wünschen, Sheriff“, sagt Henry Patterson. Sein Lachen dazu klingt boshaft.

Sonst ist er gar nicht so, denkt Gloria. Aber er hat wohl das Geld im Sinn, das Holden ihm nicht vorschießen wollte. Es ist eine Menge Schadenfreude dabei.

Als der Sheriff seinen Gaul herumreißt, ruft ihm Faraday noch eine Frage nach.

„Wir werden natürlich für Sie die Augen offenhalten, Mr. Tucker. Wie viel war es denn, was die Bande geraubt hat?“

„Wenn es Sie interessiert, genau 3250 Dollar. Davon achthundertfünfzig in Hartgeld. Das muss sich in einem gestempelten Sack befinden.“

„Danke, Sheriff! Das hilft schon,wenn man sich an einer Verbrecherjagd beteiligen soll.“

Tucker und Haskins geben ihren Gäulen die Sporen und reiten weiter nach Westen. Sie haben nicht viel Zeit.

Das schadenfrohe Lächeln auf Henry Pattersons Gesicht ist wie weggewischt, als die beiden Reiter hinter dem Gattertor sind.

„Kommt ins Haus — beide!“, befiehlt er.

Faraday und Gloria gehorchen.

„Setzt euch!“, redet der Alte weiter. Als das geschehen ist: „Ein Patterson trauert keinem Cent nach, den man der Bank von Ben Holden stiehlt. Aber ich breche jedem aus unserer Mannschaft das Genick, wenn er bei so einem dreckigen Spiel seine Finger dazwischen hat.“

„Sie meinen, Boss, der Sheriff hätte auf Sie einen besonderen Verdacht, weil Sie in letzter Zeit nicht gut mit Holden auskommen?“

„Schweigen Sie, Faraday!“, donnert der Rancher. „Ich bin der Boss hier. Und nicht ich bin gefragt, sondern Sie — Sie und Gloria!“

„Sie sollten lieber Brand zu mir sagen“, erwidert der neue Trailboss sanft und doch mit einer Gefährlichkeit in der Stimme, die jeden vor diesem jungen Mann warnen muss.

Aber der Rancher ist nicht in der Stimmung, sich übers Maul fahren zu lassen. „Ich frage euch: Wer weiß was von der Sache?“

Cut und Gloria schweigen. Keiner hat einen Grund, ihm etwas dazu zu sagen. Der eine weiß nichts, der andere will nichts wissen.

Als das Schweigen zu lange dauert, sagt der Alte: „Well, wir reden darüber, wenn Holly zurück ist!“

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Zwei Stunden später kann Henry Patterson seine Drohung wahr machen.

Er liegt selbst auf der Lauer. Er hat sich seinen Schecken aus dem Stall geholt und reitet wie ein Gehetzter um den Block der fünf Häuser herum. Er findet eine Menge zu beanstanden. Dinge, die er bis heute nicht so genau beachtet hat.

Am Corralzaun für die Jungpferde ist der Draht auf fünfzig Yards durchgerostet und aus den Krampen gefallen; am Westausgang ist ein Sperrbalken völlig morsch und faul; hinter der Scheune fehlen drei Bretter in der Wand; die Wasserpumpe am Nordweg ist eingerostet. Er hat sie probiert. Sie quietscht und pumpt bei dreißig Hieben immer noch Luft.

Früher war sie mal grün gestrichen.

Diese Bande ist zu faul, den Pinsel zu schwingen!

By Gosh!

Er redet sich selbst in Zorn. Nach der dritten Runde kommt Holly angeritten. Er sieht ihn und reitet ihm entgegen.

„Hallo, Daddy!“

Der Junge hat eine wirklich gute Laune mitgebracht. Er hat sein Versprechen wahr gemacht. Das sieht man ihm an.

„Hallo, Holly!“, brummt der Rancher.

Der Junior spürt die versteckte Drohung in der Stimme. Jetzt werden wieder die Fragen losgehen.

Egal, er sieht im Rücken des Vaters einen Mann näher kommen, auf den er sich verlassen kann.

„Ich habe das Geld, Dad!“

„Von wem?“, fragt Patterson grimmig zurück.

„Von dem, dessen Namen ich nicht nennen darf.“

„Wessen Wort gilt hier mehr? Das deines geheimnisvollen Unbekannten oder mein eigenes?“, grollt Patterson.

„Das hat nichts miteinander zu tun, Dad.“

Holly presst es heraus. Er zittert am ganzen Leib, seine Stimme zittert. Aber aus ihm spricht eine Entschlossenheit, dass Henry Patterson plötzlich seine Grenzen sieht. Er will es nur nicht zugeben.

Er ist der Boss, und mit seinem Dickschädel hat er schon manche Entscheidung getroffen, die einem Geschäftsmann die Haare zu Berge stehen lässt.

„Gut, mein Sohn! Ich werde dir sagen, was inzwischen geschehen ist.“

Was inzwischen geschehen ist, kann Holly sich in seiner Fantasie ausmalen. Schlimmer als die Wirklichkeit. Was er in der letzten Nacht getan hat, verfolgt ihn auf Schritt und Tritt.

In seiner Verzweiflung sieht er nur Cut Faraday, der plötzlich blond geworden ist. Der keinen Bart mehr hat. Aber er erkennt ihn Spätestens dann, als er die Stimme hört.

„Geschehen ist doch eigentlich gar nichts, Boss. Wenn ich so einen Jungen hätte, ich würde ihn nicht mit solch einem Bluff überfallen. Holly muss ja denken, die Welt wäre inzwischen eingestürzt.“

„Sie schweigen jetzt, Faraday!“, entgegnet der Alte mit donnernder Stimme.

„Brand müssen Sie sagen, Boss! Wie sollen Ihre Leute mich richtig anreden, wenn Sie immer wieder denselben Fehler machen?“

„By Gosh, Brand, schweigen Sie! Ich hätte nicht übel Lust, Sie heute noch dem Sheriff zu übergeben ...“

„Ich weiß, Boss. Wenn Sie wütend sind, dann werden Sie launisch. Und in der Stimmung bringen Sie Ihren restlichen Besitz unter den Hammer. Sie haben die Patterson Ranch aufgebaut. Ganz allein. Sie werden sie auch allein verspielen, wenn Sie so weitermachen.“

Henry Patterson sitzt aufrecht im Sattel und dreht sich um. Sein Gesicht ist rot wie die untergehende Sonne. Er will wieder lospoltern. Im letzten Augenblick besinnt er sich.

„By Gosh, ihr grünen Jungen! Mit euch wird man noch sachlich reden können ... lenkt nicht vom Thema ab!“

„Das Thema bestimmen Sie“, sagt Faraday scheinheilig. „Ich weiß nicht, worum es geht.“

„Wenn Sie nichts wissen, brauchen Sie sich auch nicht einzumischen. Ich frage dich, Holly: Was hast du mitgebracht?“

„Viertausend Dollar, Daddy.“

„Viertausend ... was?“

Die Zahl verschlägt dem Alten den Atem. Er bewegt seine Hände, als müsse er an seinen zehn Fingern abzählen, wie sich alles miteinander verträgt. Faraday steht hinter seinem Rücken und zieht eine Fratze zu Holly.

Der soll sich bloß nicht bluffen lassen.

„Viertausend“, sagt auch Faraday. Und im Stillen denkt er: Die fehlenden fünfzig hat er dazugemogelt. Eine runde Summe sieht in diesem Falle besser aus. „Viertausend, Boss, die Sie eines Tages zurückzahlen müssen! Was Sie sonst noch denken, dürfte wohl nicht zutreffen.“

„Wie wollen Sie wissen, was ich denke, Brand?“, fragt der Alte mit zusammengekniffenen Lidern.

„Es liegt auf der Hand. Sheriff Tucker war da und hat was von einem Banküberfall erzählt. Ihr Sohn bringt am gleichen Tag einen Berg Geld nach Hause und verrät nicht, woher er es hat.“

Der Rancher sieht wieder Holly an.

„Zeig mir das Geld, Junge! Ich will es sehen. Dann reden wir weiter.“

Holly zieht ein Bündel Banknoten aus der Tasche und gibt es ihm.

Henry Patterson zählt.

„Genau viertausend. Yeah, es kann das geraubte Geld nicht sein. Das waren nur etwas mehr als dreitausend ...“

„Und die Hälfte davon noch Hartgeld“, betont Faraday. „Ich würde sagen, nehmen Sie’s Boss! Dadurch ist meine Mitarbeit gesichert.“

Henry Patterson lässt das Bündel ein paarmal durch die Hand schnippen. Wahrscheinlich hat er jetzt die verrücktesten Gedanken. Nach einer Weile lässt er die Banknoten in der Lederweste verschwinden.

„Sie haben noch einen Weg vor sich, Brand. Kommt jetzt, Jungens!“

Er reißt sein Pferd herum und reitet zur Ranch.

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In Blackwood hat Cut Faraday lange vor seinem Steckbrief gestanden. Dann ist er grinsend weggegangen.

No, Gents, so kriegt ihr mich nicht, so nicht! Da müsst ihr schon warten, bis meine Haare wieder schwarz werden.

In den Saloons hat Faraday nach Loke Allison gesucht, ihn aber nicht gefunden. Auch Lingo nicht.

Und auch Benny Yates nicht.

Aber alle diese Leute können sich nur auf der Trailstrecke aufhalten. Alle warten sie, ob Henry Patterson seine Pläne wahr macht. Und er wird sie wahr machen. Er kann gar nicht anders. Fragt sich nur, ob er eine brauchbare Mannschaft zustande bekommt.

Faraday reitet noch am selben Tage nach Black Point. Das ist ein Weg von über zwei Stunden.

In Black Point entdeckt er Lingo, der mit unbekannten Townern trinkt, schon im zweiten Saloon. Er wartet draußen.

Gegenüber dem Boardinghouse steht neben der Haltestange eine aufgebockte Kutsche, deren Räder wohl beim Stellmacher sind. Faraday setzt sich auf die Deichsel und dreht sich eine Zigarette.

Es ist kurz vor Sonnenuntergang. Er muss noch mehr Zigaretten rauchen. Vielleicht reicht nicht mal der Tabak, wenn Lingo sich stark fühlt und eine lange Nacht macht.

Doch plötzlich kommt er. Ein Kerl, der ziemlich viel von sich hält. Vor der Schwingtür bleibt er einen Augenblick stehen und reckt sich. Dann schlägt er an die beiden tief hängenden Revolver und geht die drei Holzstufen hinunter zu seinem Pferd.

Faraday starrt vor sich in den Sand. Er hat einen vertrockneten Grashalm im Mund, den er an der Deichsel gefunden hat. Die letzte Zigarette hat wohl nicht mehr geschmeckt.

Lingo reitet nach Norden aus der Stadt. Er ist schon ums letzte Haus herum, als Faraday von der Deichsel rutscht, langsam zu seinem Pferd geht und in den Sattel steigt.

Die Sonne sinkt hinter den Horizont. Die Dämmerung legt sich über das Land.

Geo Lingo reitet allein. Manchmal verschwindet er aus dem Blickfeld, wenn die Straße einen Bogen macht. Auch der Baumbestand wird dichter.

Faraday gibt seinem Tier die Sporen, um den Abstand zu verringern. Dann sieht er wieder kurz vor sich den Reiter, der etwas später vom Weg abbiegt. Er merkt sich die Stelle und findet zertretenes Gras. Hundert Yards weiter wird das Unterholz so dicht, dass die Sicht versperrt ist.

Faraday hält sein Pferd an und lauscht. Vor ihm sind Geräusche, aber kein Hufschlag mehr. Er gleitet aus dem Sattel und bindet das Tier an einen Ast.

Stimmen ...

Da sind sie!

Mitten im Wald eine Felsenschlucht. Ein kleines Räubernest, das Schutz nach drei Seiten bietet. Wachen sind nicht ausgestellt.

Sie bemerken Faraday erst, als er schon an den Pferden vorbei ist. Das liegt wohl daran, dass Lingo gerade etwas zu erzählen hat.

Einer springt auf.

„Setz dich wieder, Herb!“, sagt Allison mit rauer Stimme. Faraday sieht, dass er den Colt in der Hand hat und mit dem Lauf genau auf seinen Kopf zeigt. Kein Wunder, dass er sitzen bleibt.

Faraday geht näher heran und legt den Finger an den Stetson.

„Hallo, Gents! Ich hätte gern den Boss gesprochen.“

Scharf mustert er Allison, Lingo und Mosley. Die drei, die ihn schon mal gesehen haben. Die auch seine Stimme kennen müssen, wenn sie ein Ohr dafür besitzen.

Sie verziehen keine Miene.

„Der Boss bin ich!“, erklärt Allison.

Faraday grinst.

„Natürlich! Der schwarze Loke. Meine Rede war nicht als Frage gedacht. Schließlich kennen wir uns, Mr. Faraday. Nehmen Sie Platz!“

So viel taugt also die Maske, denkt Cut. Die Stimme wird mich immer verraten. Trotzdem spielt er den schlechten Bluff weiter.

Einer der Männer rückt schnell ein Stück von Allison weg, damit der Besucher Platz hat. Faraday setzt sich.

„Ich heiße Brand, Ernie Brand. Nicht Faraday, Mr. Allison!“

„Es interessiert mich nicht, wie Sie sich nennen. Hauptsache, Sie sind unser Freund aus der schwarzen Mesa.“

„Das Wort Freund stimmt auf jeden Fall.“

Lingo steht noch und mischt sich ein.

„By Gosh, ein Irrer! Seht ihn euch an, Partner! Seht ihn euch schnell noch einmal an, bevor er einen weniger schönen Anblick bietet. Dieser Verrückte bringt uns dreihundert Dollar!“

„Steck das Eisen ein, Geo!“, sagt Allison gutmütig. „Erst wollen wir mit ihm reden. Er wird schon ’ne Story mitgebracht haben, wenn er so lustig hier aufkreuzt.“

„Well, erst mit ihm reden. Aber dann überlässt du ihn mir. Das war so abgemacht.“

„Willst du dich mit mir streiten, Geo, oder wollen wir uns endlich um unseren Gast kümmern, he?“

Lingo macht ein Gesicht wie vor zwanzig Jahren, als ihm seine Mutter noch den Rosinenpudding vor der Nase wegnehmen musste, weil er damals schon gern genascht hat. Aber er gehorcht. Der schwarze Loke lässt manchmal gut mit sich reden. Trotzdem bleibt er der Boss. Das weiß Lingo.

Er setzt sich gegenüber hin und belauert Faraday wie ein Hund.

„Du hast dich herausgemacht“, meint Allison kollegial. „Blond und glatt rasiert. Da sieht man mal wieder, was Steckbriefe wirklich taugen ... Aber deine Stimme, Boy. Wir kennen sie.“

„Trotzdem wär’s mir recht, ihr sagtet Ernie zu mir — Ernie Brand. Ich habe einiges verändert, nicht nur das Gesicht und die Haare.“

„Und das alles nur, um zu den Leuten zu kommen, die dich vor drei Tagen aus den Stiefeln schießen wollten“, entgegnet Loke Allison grinsend.

„Meinst du, wir haben unsere Meinung so schnell geändert?“

„Noch nicht. Oder vielleicht schon in diesem Augenblick. Lasst mich reden, dann sehen wir weiter.“

Lingo bringt es einfach nicht fertig, länger als zwei Minuten den Mund zu halten. Er poltert schön wieder dazwischen.

„Er bringt dreihundert Dollar, Boss. Mehr ist er nicht wert. Und er wird auch nicht teurer.“

„Ich bin schon teuer“, erwidert Faraday gelassen.

Seine überlegene Art bringt Lingo nur noch mehr auf die Palme. Im Sitzen nimmt er die Hand an den Kolben und fletscht die Zähne. Wegen des Zähnefletschens ist er zu langsam. Ehe er daran denken kann, das Eisen aus dem Holster zu ziehen, hat Faraday seinen Colt schon in der Faust liegen.

„Du solltest eine Stunde am Tage weniger schlafen, Lingo, und zwei Stunden weniger saufen! Und in der Zeit, die du damit gewinnst, mit dem Revolver üben. Vielleicht wird dann noch ein brauchbarer Mann aus dir.“

Es gibt ein paar in der Mannschaft, denen Lingos Sonderstellung nicht passt. Die hat Faraday sofort auf seiner Seite. Auch wenn sie zunächst nur bösartig grinsen.

Dann geht Allison dazwischen.

„Einmal habe ich Lingo Bescheid gesagt, Brand. Jetzt bist du dran. Du wolltest den Boss sprechen — und der bin ich!“

„Kein Zweifel. Nur liegt es an Lingo, wenn wir nicht weiterkommen. Wie dumm er ist, seht ihr schon daran, dass ich durch seine Spur auf euch gestoßen bin.“

„Ich habe noch immer die Absicht, dich umzulegen, Brand“, fährt Allison gefährlich leise fort. „Spiel dich also hier nicht auf!“

Faraday dreht sich eine Zigarette. Dabei spricht er schon.

„Ihr wart zu dritt, als ihr mit mir dreihundert Dollar machen wolltet. Das waren hundert Dollar für jeden. Jetzt seid ihr ein Dutzend. Und jeder von euch kann dreihundert durch zwölf teilen, wenn er’s schriftlich macht. Das ist mein erster Grund, weshalb mein Leben bei euch sicher ist.“

„Der taugt nicht viel. Bring uns lieber den zweiten.“

„Yeah, achttausend Longhorn- und Hereforders-Hufe. Falls die Rinderpreise inzwischen nicht stark gefallen sind, kommt ihr damit besser weg. Selbst wenn ihr mich beteiligt.“

„Du meinst, Patterson wird den Trail machen?“, fragt Allison, hellhörig geworden.

„Das weißt du so gut wie ich. Er muss es! Es ist seine letzte Chance, oder in vier Monaten sitzt der Konkursverwalter auf seiner Ranch.“

„Wem erzählst du das?“, brummt Allison.

„Dem schwarzen Loke, der auf jede Information scharf ist!“

„Lieber Mr. Brand, die Herde holen wir uns so oder so. Warum dich beteiligen? Du kannst doch auch rechnen, wenn du’s schriftlich machst.“

„Ihr werdet die Herde ohne mich nicht kassieren, Loke. Das ist der wunde Punkt, wo sich der Waschbär in den Schwanz beißt und Halleluja singt!“

„Er blufft wie Miss Betty die Schulkinder“, schimpft Lingo. „Pass auf, Faraday!“

„Brand, bitte! Ich bin empfindlich, wenn ich dauernd mit einem gesuchten Mörder verwechselt werde. — Pattersons Mannschaft besteht aus dreißig Mann. Und es werden noch ein paar hinzukommen.“

„Dreißig?“, stößt Allison hervor. Das ist das erste Mal, dass er nicht mehr so gefasst aussieht.

„Dreißig und mehr.“ sagt Cut mit fester Stimme.

„Lächerlich! Wer reitet schon für ihn? Joe Burdy nicht und schon gar nicht Benny Yates. Die fehlen schon mal, und die waren das letzte Mal dabei. Trotzdem haben wir ihnen die Herde abgenommen.“

„Das würde ich nicht so laut sagen, Loke. Nicht, solange wir uns nicht einig sind. Ich könnte als Zeuge gegen Sie auftreten, und dann hat Patterson den Mann, den er braucht, um gegen euch vorgehen zu können.“

„Dieser Zwerg macht uns ganz schön fertig“, stöhnt Lingo wieder. Seine Hand klebt am Revolverkolben, als wäre der magnetisch.

„Wie lange soll ich mir dieses Gewinsel noch anhören?“

„Mach lieber das Feuer an, Geo! Es wird schon dunkel. By Gosh, beeil dich!“

„Wo Geld ist, wird geritten“, sagt Faraday. „Patterson hat viertausend Dollar erhalten, um das Handgeld auszuzahlen. Damit holt er sich noch zehn weitere Leute. Die Burschen sind nicht schlecht, wie ich gesehen habe.“

„Was hast du gesehen, Brand?“, fragt Allison lauernd.

„Ich war auf der Ranch, Allison. Ich habe sie gesehen. Genügt das nicht?“

„Und auch die viertausend Dollar hast du gesehen?“

„Ich habe sie mit abgezählt!“

„Solche Märchen erzählt nicht mal 'ne alte Indianerwitwe, Mann!“

„Das ist noch nicht alles, Loke. Man nennt dich den Schwarzen. Aber wenn du meinen Vorschlag in den Wind bläst, wirst du vor Ärger noch viel schwärzer werden. Ich bin der Trailboss bei Patterson!“

Das hat gewirkt! Ein Raunen und Stöhnen geht durch die Reihe der zwölf Desperados. Ein paar kriegen nicht mal den Mund wieder zu. Und Faraday setzt sofort wieder nach.

„Das ist noch nicht alles, Gents. Ich habe mit Yates gesprochen, wie ihr wisst. Der hält sich noch immer für Pattersons wichtigsten Mann.“

„Der Alte hat ihn gefeuert.“

„Schon richtig. Aber Yates ist einer, der sich nicht feuern lässt. Er ist zwar weggeritten, aber nicht weit genug.“

„Yates ist doch dein Freund, oder?“

„Er glaubt, er ist mir was schuldig. Ich habe ihm mal das Leben gerettet. Das ist fünf Jahre her. Am Tigerloch hat er sich revanchiert. Wir sind quitt! Bloß, er weiß es nicht. Für ihn bin ich der Freund. Er hat mir einen Brief, an Gloria Patterson mitgegeben. Das Kind ist mir fast um den Hals gefallen, und am nächsten Tag wusste sie schon nicht mehr, ob sie nun Yates oder mich liebt.“

„Was hast du vor, Brand?“, kommt Allisons Frage. Der Boss hat plötzlich ein völlig verändertes Gesicht. Eine Maske. Die Maske eines lauernden Raubtieres.

So ist der schwarze Loke gefährlich.

Faraday scheint es nicht zu beeindrucken: Er hat schon wieder eine Zigarette gedreht. Mit einer Hand macht er das. Und das Feuer holt er sich von Lingo, der gerade das Reisig am Holzstoß entzündet.

„Genauso kann ich zurückfragen: Was habt ihr vor? — Jeder von euch das Gleiche, Gents. Jeder von euch will sich 'ne Scheibe von dem Kuchen abschneiden, den der alte Patterson gebacken hat. Henry Patterson ist ein guter Bäcker, das wisst ihr. Wenn er nicht auch so ein rechthaberischer Hitzkopf wäre, hätte er uns längst alle in der Tasche. Aber jetzt geht es ihm dreckig. Er muss handeln.“

„Du hast ein Auge auf Gloria geworfen, Ernie. Das heißt, du möchtest bei den Pattersons einsteigen. Das ist ein doppeltes Spiel, Mann“, wendet Allison misstrauisch ein.

„Ich spiele den Liebhaber, aber ich bin es nicht. Und wenn ich es wäre, wäre ich damit auch Benny Yates’ Rivale. Yates sieht nur noch eine Chance darin, dass er heimlich dem Trail folgt. Dass er im richtigen Moment eingreift und vielleicht die Herde rettet. Wenn das wahr wird, Gents, wird ihn Henry Patterson mit offenen Armen aufnehmen. Als Schwiegersohn und neuen Boss der Patterson-Ranch. Begreift ihr jetzt endlich, dass ich nicht anders kann, als gegen den Rancher zu kämpfen?“

Loke Allison wartet mit der Antwort. Die anderen wissen noch viel weniger eine. Was dieser blond gewordene Faraday da vorgetragen hat, ist eine Aufgabe für Advokaten. Das ist ein reiner Seiltanz fürs Gehirn. Nur das eine wissen die Boys: Dieser Junge ist gefährlich, solange er lebt. Entweder legt man ihn um, oder man sieht zu, dass man ihn auf seine Seite bekommt.

Als Faraday den dritten Zigarettenstummel ins Feuer wirft, sagt der Boss:

„Interessant, was du uns da erzählt hast, Brand. Aber hast du das Risiko eingehen müssen, uns hier aufzusuchen? Du weißt, dass wir hier keine Sonntagsschule haben.“

„Wer zweimal eine Großherde in Kansas hochgehen lässt, Loke, der hat Gehirn, habe ich mir gesagt. Und wer sich glatt rasiert und blond vor seinen eigenen Steckbrief stellt, der hat auch Gehirn, habe ich mir gesagt.

Es gibt zwei Männer in Kansas, auf die das zutrifft. Das sind wir beide!“

„Yeah, Brand, lass mich weiterreden! Du wirst der Trailboss und gleichzeitig unser Partner. Du führst die Herde so, dass wir trotz der starken Begleitmannschaft eine Chance haben ...“

„... nicht nur eine Chance. Eine Garantie, Mr. Allison!“, unterbricht ihn Brand.

„Na gut. Und wenn alles vorbei ist, teilen wir.“

„Genau! — Ich zehntausend, der Rest für eure Mannschaft. Ihr seht, dass ich bescheiden bin.“

„Sehr bescheiden — verdächtig bescheiden!“

„Ich will unerkannt nach Salina. Das ist mein anderer Preis. Ich kann nicht ewig blond bleiben. Ich muss raus aus Kansas. Das ist die vorletzte Bedingung.“

„Yeah, und die letzte?“

„Ich muss morgen zurück sein. Auf der Patterson-Ranch. Ich muss zwei zuverlässige Männer mitbringen. Das ist ein Teil von Pattersons Bedingungen, wenn ich der Trailboss werden will.“

„Und die zwei sollen wir dir geben, wie?“

„Du begreifst ziemlich schnell, Boss. Zwei aus deiner Mannschaft. Männer, die weder der alte Patterson noch Benny Yates kennt. Und die nach etwas aussehen.“

„Ist das alles, Brand?“

„Sagt Ernie zu mir und gebt mir die beiden Männer, dann ist alles klar.“

Geo Lingo weiß, dass er bei diesem Stand der Dinge keine Chance mehr hat, Faraday in dieser Nacht aus den Stiefeln zu schießen. Faraday kann jetzt gar nicht mehr falsch spielen. Er nimmt sich die zwei Wächter mit. Freiwillig! Zwei Wächter, die jede Stunde auf ihn aufpassen werden.

Diese Steckbrief-Visage ist schon ein gerissener Kopf.

Loke Allison hat längst seine Entscheidung getroffen. Trotzdem fragt er seinen Nebenmann:

„Was meinst du, Paul? Hat dich unser neuer Partner überzeugt?“

Paul Hiller gehört zu denen in der Mannschaft, die nicht viel reden, auf die man sich aber umso mehr verlassen kann.

„Er kann nicht mehr zurück, Boss, wenn wir ihm die zwei Männer mitgeben. Die sind eine richtige Leibwache für ihn. Und wenn die Herde da ist, wohin wir sie haben wollen, brauchst du ihm nur deine Befehle zu geben. Die dreißig Weidereiter müssen schlafen, wenn wir kommen. Er ist mit zehntausend zufrieden. Das andere geht ihn nichts mehr an.“

„Hm, und was meinst du, Geo?“

Geo Lingo hat inzwischen ein Gespräch mit seinem Busenfreund Mosley gehabt. Die beiden sind sich einig.

„Gib ihm zwei Männer, Boss, und lass ihn laufen. Wenn er trotzdem Tricks im Kopf hat, werden wir es früh genug merken. Für ihn habe ich immer eine Kugel im Lauf.“ Damit ist die Sache entschieden.

Der schwarze Loke hat zwei Männer in der Crew, die erst seit ein paar Wochen bei ihnen sind. Die kennt nicht mal Benny Yates. Allison ruft sie her.

Der Kleine mit den Blumenkohlohren heißt Jim Derrick. Der dürre Pfahl neben ihm nennt sich David Mallory. Beide behaupten, dass sie mit dem Revolver, mit dem Lasso und mit Pferden umgehen können. Zur Not auch mit Rindern.

„Gut“, sagt Ernie Brand. „Rollt eure Decken in den Sattel! Spätestens morgen muss ich zurück sein — mit euch!“

Lingo schiebt ein paar große Holzscheite nach, damit die Glut in der Mitte des Feuers neue Nahrung erhält. Jetzt, wo alles entschieden ist, denkt er nicht mehr an den Colt. Er wird nur aufpassen.

Im Grunde hat er nur eine Rechnung mit Benny Yates offen. Wenn Faraday die Freundschaft zu Yates gekündigt hat, kann man ihn laufen lassen. Wenn alles ein Bluff ist, wird es immer noch eine Kugel geben, die dazwischenfährt ...

Derrick und Mallory sitzen schon im Sattel.

„So long, Gents!“, sagt Cut Faraday. Er geht zu Fuß. Sein Pferd wird irgendwo im Wald stehen.

Das Lagerfeuer ist nur noch eine schwache, rote Glut. Es wirft einen matten Schein auf Faradays Rücken.

Bis er im Wald verschwindet ...

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Verdammt“, sagt Joe Burdy. „Jetzt habe ich die Nase voll!“ Er schiebt die Karten, die Mike Henders ihm hinlegen will, wieder zurück. „Ich habe heute zweihundert Dollar verloren. Mehr kann ich mir nicht leisten.“

„Zweihundert hast du gar nicht gehabt“, sagt Benny Yates.

„Nicht, als ich anfing. Richtig. Junge, aber eine Stunde später hatte ich vierhundert.“

„Der Kerl hat Nerven“, meint Mike Henders. „Hört auf, wenn es ans Hemd geht. Wie steht’s mit Ihnen, Yates?“

Benny sitzt so, dass er immer den Eingang im Auge hat. Das ist so seine Art, mit der er immer gut durchgekommen ist. Seit zehn Minuten macht ihm das Pokern sowieso keinen Spaß mehr. Er hat in den letzten Tagen an vielem den Spaß verloren. Aber seit zehn Minuten ist Lew Harris im Saloon. Das könnte ihn auf andere Gedanken bringen.

„Er spricht nicht mehr mit uns“, erklärt Mike Henders. „Kommt mir manchmal vor wie’n feiner Pinkel, dein Partner.“

Joe legt ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. „Das bildest du dir ein, Mike. Benny hat so seine Sorgen. Er redet nicht viel in letzter Zeit. Das ist so einer von der Sorte, die alles in sich hineinfrisst.“

„Armer Kerl! — Liebeskummer, wie?“

„Sag das nicht so laut, dass er’s hört!“

„Er hat es nicht gehört. Sieh ihn dir an! Der Bursche tut gerade so, als ob er schläft. Er spielt wohl nicht mehr, oder?“ Mike Henders redet etwas abgehackt. Seit den letzten vier Whiskys ist das noch schlimmer geworden. Er stemmt sich an der Tischplatte hoch und geht ein paar Plätze weiter. „Hey, Gents! Ein Spielchen gefällig ...?“

„Lew Harris ist da“, sagt Benny, als sie allein am Tisch sind.

„Ich weiß. Aber was haben wir mit dem zu tun?“, fragt Joe leise zurück.

„Wir kennen uns. Und er kommt aus Garden City. Wenn man nur mal wieder Heimatklänge hört ...“

„Garden City ist also deine Heimat, wie? Habe ich gar nicht gewusst.“

„Hätte es aber werden können, Joe. Du weißt es. Viel hat nicht daran gefehlt.“

„Ich kann ja mal rübergehen ...“

Lew Henders sitzt an der Bar. Als er den Arm auf der Schulter spürt, hat er gerade ein Glas in der Hand.

„Hallo, Mister! Das ist doch nicht Ihr Ernst ... By Gosh, Joe ... Joe Burdy! Das ist aber ein Zufall.“

„Kann man wohl sagen! — Ich habe gedacht, du sitzt hier ziemlich eng am Tresen, und bei uns am Tisch ist noch so viel Platz, dass du auf zwei Stühlen sitzen kannst. Nimm dein Glas und komm!“

Lew Harris begrüßt Benny wie einen alten Freund. Dabei haben sie in den letzten Monaten keine zehn Worte miteinander gewechselt. Aber in der Fremde hat das alles ein anderes Gesicht.

„Pflanz dich schon auf deine Lederhose!“, kommandiert Joe. „Und dann erzählst du uns, wie du ausgerechnet nah Dighton kommst.“

„Das ist kurz gesagt. Ich mach ’nen Besuch bei meiner Schwester in Hastings, oben in Nebraska, wisst ihr. Sie hat mir einen lieben Brief geschrieben, und es scheint so, dass es drüben in der Zivilisation einen Job für mich gibt.“

„Trink aus! Ich bestell dir noch einen“, sagt Joe.

„Das ist aber nett von dir. Hab’ übrigens gedacht, ihr wäret schon ein paar Meilen weiter. Wie der alte Patterson euch behandelt hat, by Gosh ...“

„Wir haben Zeit, Junge. Bis zum Winter sind wir wieder in festen Händen. Was gibt’s Neues in Garden City?“

„Was soll’s in dem Drecknest schon geben? Ein paar Anfänger haben die Bank überfallen, und Sheriff Tucker hat endlich mal wieder so viel Arbeit, dass er nicht einschläft.“

„Anfänger?“, wiederholt Benny lauernd.

„Yeah, im Geldschrank lagen über vierzigtausend Dollar. Und drei haben die Greenhorns nur mitgenommen ...“ Zwischendurch kichert Harris. „Spaßig an der Sache ist, dass der Deputy auf der Idee herumreitet, der alte Patterson wäre es gewesen, weil ihm die Bank keinen Kredit hat geben wollen. Aber das sagt er natürlich nicht laut.“

„Unsinn!“, erklärt Benny Yates. „Der Rancher wird sich nie auf die Weise gesundstoßen. So gut kenne ich ihn noch. Lieber verzichtet er auf den nächsten Trieb, der seine letzte Hoffnung wäre.“

Harris erkennt nicht, dass das eine Frage war, die Benny Yates seit Tagen bewegt.

„No, Benny! Verzichten wird er trotzdem nicht. Er hat’s wahr gemacht. Die Herde ist schon unterwegs.“

Am liebsten würde Benny aufspringen und jedes weitere Wort aus Harris herauspauken. Er bleibt jedoch ruhig und trinkt dem Mann aus Garden City freundlich zu.

„Ich hab’s ja immer gesagt. Patterson reitet mit offenen Augen in sein Unglück. Er versucht es mit Gewalt. Dabei hat er keine Gewalt. Er hat einen Haufen Land und ein bisschen Vieh. Und was er gar nicht hat, das ist eine Mannschaft. Keine Herde werden sie ihm so schnell abnehmen wie diese. Und dann ist er am Ende.“

„Du hast einen ziemlichen Zorn auf ihn, wie, Benny?“

„Ich, weshalb?“

„Weil du ihn schon am Ende siehst.“

„Ist er’s vielleicht nicht? Hat er den Kredit bekommen? Hat er eine Mannschaft?“

„Und wenn dir der nächste Brandy nicht mehr schmeckt, Benny: Er hat eine Mannschaft! Er hat ihr das Handgeld gegeben, und sie sind auf den langen Trail gegangen. Mit vierzig Mann, Junge!“

Benny scheint einen Lachanfall zu kriegen.

„Mit vierzig? Du gefällst mir, Lew. Wenn du jetzt noch sagst, er macht persönlich den Trailboss ...“

„Der Trailboss heißt Ernie Brand. Ein völlig neuer Mann, den keiner kennt. Er hat ihn aus der Weide gezaubert. Und die Mannschaft schwört auf ihn. Nicht nur die Männer ...“

Bennys Stirn legt sich in Falten.

„Was heißt das?“, fragt er überrascht.

„Entschuldige, Benny! Ich hätte das nicht sagen sollen.“

„Was hättest du nicht sagen sollen? Nicht nur die Männer?“

„Unsere Towner haben immer gesagt, du hättest ein Auge auf Gloria Patterson gehabt ...“

„Die Towner spinnen ganz schön! Wäre ich wohl so abgezogen, wenn zwischen mir und der Patterson-Tochter was gewesen wäre? Dann hätte es bestimmt eine andere Lösung gegeben.“

„Nun, dann habe ich ja nichts falsch gemacht. Dieser Brand ist schon ein halber Kronprinz auf der Ranch. Alles schwört auf ihn. Ich sage euch, gegen die Mannschaft wird es der schwarze Loke schwer haben.“

„Meinst du wirklich, dass dieser Allison dahintersteckt?“

„Du selbst hast es immer behauptet ...“

Viel kommt bei der Sache nicht mehr heraus. Benny Yates hat plötzlich das Gefühl, dass er frische Luft braucht. Er spendiert Lew Harris noch einen doppelten Whisky und schleppt Joe auf die Straße.

Sie gehen schweigend über die Mainstreet.

„Wir sollten uns einige Stunden Schlaf gönnen“, meint Joe.

Benny steht nicht der Sinn danach.

„By Gosh, Joe. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Du hast bis jetzt mitgemacht. Du hast gesagt, wir bleiben auf dieser teuflischen Fährte ...“

„In Ordnung, Junge, das habe ich gesagt, und dabei bleibt es! Wir werden Loke Allison nicht aus den Augen lassen, wenn es so weit ist.“

„Es ist so weit! Merkst du das nicht?“

„Ich verstehe nicht, dass dich das mitnimmt. Die Herde braucht bestimmt zwei Monate. Wir sind viel beweglicher. Wir werden Allison schon finden.“

„Die Herde müssen wir finden! Sie ist schon unterwegs!“, erwidert Benny. Eine Unruhe hat ihn erfasst.

„Klar, sie ist unterwegs. Finden wir die Herde — oder finden wir Allison! Das ist dasselbe. Irgendwo führen die Spuren zusammen.“

„Wenn es dann nicht zu spät ist. Du weißt, ich hatte Faraday eingespannt. Faraday hatte den richtigen Tipp von mir. Zuerst nach Norden über Dighton, dann erst nach Osten ... über den Walnut Creek. Aber der Trailboss heißt Brand. Was ist aus Faraday geworden?“

Die beiden Männer sehen sich an. Dann meint Joe:

„Dumme Frage! Du hast Faraday hingeschickt. Mit einem Liebesbrief für Gloria. Harris sagt, die beiden hätten was miteinander. Das scheint nur so, mein Junge. Die spielen allen was vor. Faraday ist Ernie Brand. Kann ja gar nicht anders sein.“

„Wie du das sagst, könnte es mir fast einleuchten. By Gosh, Joe ... Wenn Faraday Ernie Brand ist, ist alles klar. Wenn er es aber nicht ist, sitzen wir hier in Dighton auf der falschen Station.“

„Du regst dich jetzt auf, weil du vergessen hast, Harris zu fragen, wie Ernie Brand aussieht.“

„Ich werde es nachholen, Joe!“, sagt Benny Yates grollend, als ob er die Kraft von tausend Gewittern in sich hätte.

Sie sind am anderen Ende der Stadt und kehren um. Ihre Pferde stehen am Saloon, wo sie wohnen. Vielleicht wohnt auch Lew Harris dort.

Er wohnt aber im Crown Hotel gegenüber, und deshalb muss er die Straße überqueren. Er kommt ihnen in der Schwingtür entgegen und hat in der kurzen Zeit ganz schön geladen.

„Hallo, Lew! Da bist du ja wieder. Verträgst einen ziemlichen Stiefel, wie?“

„Hell and Devil! Ihr zwei steht ja auch noch gerade, und dabei war’s doch ein ziemlich feuchter Abend. Vergess ich euch nie, Freunde, was wir für einen Spaß zusammen gehabt haben.“

Joe fasst ihn unter den Arm.

„Glaubst du, wir vergessen das, Junge? Kannst deiner Schwester in Hastings ’ne Menge über uns erzählen. Aber jetzt sagst du uns noch, wie dieser sonderbare Ernie Brand aussieht!“

„Uhhhhch ...?“

„Ernie Brand — zum Teufel! Du hast uns den ganzen Abend lang von diesem Geisterreiter erzählt. Benny glaubt, dass er ein alter Freund von ihm ist. Sag uns mal, wie dieser Junge aussieht!“

„Wenn ihr ihn kennt, warum soll ich’s euch sagen?“, gibt Harris rülpsend zurück.

„Rede schon, Lew! Du bist ja sonst nicht so. Ernie Brand heißt mancher. Aber wenn es der mit dem schwarzen Bart ist...“

Lew Harris fängt zu kichern an und wird plötzlich schlapp auf den Beinen. Joe muss ihn am Arm hochhalten.

„Willst du uns auslachen, alter Gauner?“

„No, friends! Aber der schwarze Bart, der stimmt nicht. Ernie ist ein glatter, frischer Junge, und er ist blond ...“

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Am 3. Oktober hat die Herde die Höhe von Dighton erreicht. Südwestlich der Stadt lässt Ernie Brand das Camp aufschlagen und die Rinder zusammentreiben.

Sie haben schwere Strapazen hinter sich. Am Rande des dürren Landes sind sie nach Norden gezogen, wie Benny Yates es empfohlen hat. Ab morgen wird es nach Osten gehen. Sie werden an den Walnut Creek kommen und einen saftigen Trail haben. Das Vieh wird sich wohl fühlen und gesund sein.

Hin paar Männer werden sich wundern. Noch mehr, sie werden diesen Tag verfluchen ...

An demselben 3. Oktober reiten zwei Männer in Dodge City ein. Hinter ihren staubigen Gesichtern lauern ein paar Augen, die nie im Leben gelacht zu haben scheinen. Zwei Männer, die bestimmt nicht zu einem Spaß in der Kuhtreiberstadt aufgelegt sind.

In Dodge City ist man an solche Gesichter gewöhnt. Man stört sich nicht daran. Man stört sich nur daran, wenn einer die Colts so auffällig trägt wie diese beiden. Man verfolgt sie aufmerksam, welches Ziel sie haben.

„Die sind neu hier, Gents. Die reiten geradewegs zum Marshal-Office.“

„Das wäre ihnen auch zu empfehlen.“

Die ersten Warnschilder stehen schon weit vor der Town. Eins steht an der Grenze, und das gleiche dann noch mal vor dem Office.

„Das Tragen von Waffen ist in Dodge City verboten!“

Benny und Joe binden ihre Pferde an und gehen auf die Tür zu, in der jetzt ein drahtiger Kerl auftaucht, der bis an die sechs Fuß misst. Schlank und dunkelhaarig steht er vor ihnen. Auf seinem Kopf ein schwarzer Stetson. Die Daumen in den Gürtel gesteckt. An den Hüften hängen die Revolver.

Benny geht auf ihn zu. „Tag, Mister! Wyatt Earp, wenn ich richtig rate?“

Der Marshal mustert ihn kurz von oben bis unten. „Der bin ich. Bringen Sie was für meine Waffensammlung?“

„Wir haben die Plakate gelesen und dachten, wir richten uns am besten danach, solange wir in Dodge City sind. Vorausgesetzt, wir können unsere Kanonen wieder abholen, wenn wir die Stadt satthaben.“

„So war es gedacht, Gents. Ich gebe Ihnen eine Quittung mit Modellangabe und Fabrikationsnummer. Kommen Sie herein!“

Wyatt Earp setzt sich hinter seinen Schreibtisch und blättert eine Liste auf. Benny stellt sich vor und nennt auch Joes Personalien. Wyatt Earp schreibt langsam, in gestochener Schrift.

„Sie haben keine Herde. Welche Geschäfte haben Sie in Dodge City?“, fragt der Marshal.

„Wir suchen eine Treibherde, die nach Osten unterwegs ist. Ungefähr achttausend Hufe. Der Boss heißt Brand, Ernie Brand. Ein großer Blonder.“

„Ist nicht hier gewesen. Das kann ich Ihnen schon mit Sicherheit sagen ...“, erklärt Earp.

Bennys Blick wandert über die Wand. Dort hängt ein Kalender.

3. Oktober!

„Die Boys müssten eigentlich schon seit einer knappen Woche durch sein, Marshal. Denken Sie mal nach! Zweitausend Rinder sind keine Herde, die sich im Gras verläuft.“

„Ich denke nicht nach, Yates. Ich weiß es. Brand war nicht in Dodge City.“

„Yeah, Benny“, sagt Joe Burdy langsam, als ob er über jedes Wort nachdenkt. „Dann wird er wohl auch nicht mehr kommen. Irgendwo hast du falsch gerechnet, denke ich.“

Benny fährt mit der Hand hinter seinem Kragen lang, als wollte er Schweiß wegwischen.

„Sagen Sie, Marshal, hätten Sie was dagegen, wenn wir unsere Revolver zurücknehmen?“

„In Dodge City trägt nur einer Waffen!“

„Ich weiß. Aber vergessen Sie die nicht, die wieder wegreiten!“, entgegnet Benny grimmig.

„Sie haben es sich anders überlegt, hm?“

„Sie haben hier eine schöne Stadt, gebe ich zu. Aber wir sind hier wohl auf der falschen Fährte. Wir reiten sofort nach Westen.“

Wyatt Earp macht einen Strich durch die beiden Namen und gibt die Waffen zurück.

„Ich wünsche Ihnen viel Glück, Gentlemen!“

„Das können wir brauchen, Marshal. So long!“

Sie gehen auf die Mainstreet hinaus. Benny blinzelt in die Sonne. Mittag ist schon vorüber. Sie reiten aus der Stadt.

Benny Yates hat sich verrechnet. Irgendetwas hat er übersehen ...

Bestimmt ist die Herde nach Norden gezogen. Aber warum?

„Warum führt Ernie Brand die Herde nach Norden?“

„Weil du nicht der einzige schlaue Fuchs auf der Weide bist, Benny!“, sagt Joe brummend.

„Unsinn! Ein Trailman nimmt nicht freiwillig eine Strecke, die fünfzig Meilen Umweg bedeutet. Er nimmt sie auch nicht, um Loke Allison eine Nase zu drehen. Nur Cut Faraday hätte einen Grund gehabt, die Strecke über Cimarron und Dodge City zu meiden. Weil dort die schärfsten Banditenjäger die Geschicke der Städte lenken. Du hast heute den berühmten Wyatt Earp gesehen.“

„Ein Mann, dem ich nicht bei Tag und nicht bei Nacht begegnen möchte, wenn ich ein schlechtes Gewissen hätte. Du meinst also, Faraday ist doch bei Patterson eingestiegen? Vielleicht ist er Brands Vormann.“

„Vielleicht ist er auch Ernie Brand persönlich“, sagt Benny Yates und zuckt mit der Schulter. „Ein Bart lässt sich schnell abrasieren.“

Joe mustert ihn von der Seite, als zweifelte er am Verstand des Partners.

„Hast du vergessen, was Lew Harris gesagt hat? Ernie Brand ist blond, mein Junge!“

„In der Nacht sind alle Katzen grau. Das weiß ich. Ob Ernie Brand blond ist, davon möchte ich mich erst selbst überzeugen.“

Benny hat seinem Braunen die Sporen gegeben. Sofort hat der Gaul ein paar Längen Vorsprung, und Joe hat Mühe, dass er nachkommt.

Auf Wyatt Earps Kalender hat der 3. Oktober gestanden.

Die Herde hat bestimmt längst Dighton erreicht. Und dann wird sie zum Walnut Creek abbiegen. Und dort wird der schwarze Loke zuschlagen. Das weiß Benny.

Benny Yates weiß es so sicher, als hätte er mit dem Bandenboss den Plan selbst ausgearbeitet. Es gibt keinen günstigeren Ort, als dort oben zuzuschlagen.

Und wenn Henry Patterson vierzig Reiter aufgeboten hat, wird Allison immer noch ein Trick einfallen.

Loke Allison nimmt es nur mit einer Übermacht auf, wenn er trotzdem der Stärkere ist. Und wie stark Allison ist, weiß keiner.

Benny Yates weiß nur eins: Es sind hundertfünfzig Meilen bis Dighton.

„Du wirst vier Tage nur reiten, Joe. Uns und den Gäulen werden die Zungen aus den Hälsen hängen.“

Joe sagt nichts mehr dazu. Was er denkt, ist Benny gleichgültig.

Hundertfünfzig Meilen bis zum Walnut Creek!

Wenn sie dort sind, wird Joe ihn verfluchen.

Trotzdem!

7. Oktober.

Zehn Meilen östlich von Dighton sind sie auf die Fährte gestoßen. Sie ist so breit, dass der Mississippi ein paarmal hineinpasste. Tausende Rinder haben ihre Spur hinterlassen. Dazu vierzig Reiter und der Teufel.

Benny und Joe haben abgesattelt.

„Wir schaffen es heute nicht mehr, Junge. Wir nicht und die Pferde nicht.“

„Schon gut, Benny. Du warst für’s Tempo.“

„Ich bin immer noch dafür. Nur haben wir nichts davon, wenn uns die Gäule auf den nächsten zwei Meilen unter dem Sattel zusammenbrechen. Zu Fuß haben wir die letzte Chance verloren. — Kommst du mit Holz sammeln?“

Sie werden ein kleines Feuer machen. Sie müssen endlich wieder warm essen. Die Fährte ist keine zwölf Stunden alt, und ein Reiter ist fünfmal so schnell wie eine Herde auf langem Trail.

Nach zehn Minuten sind sie wieder bei den Pferden. Sie schichten das Holz auf. Benny schiebt trockenes darunter. Zum Anzünden.

„Stopp!“, sagt Joe Burdy in diesem Augenblick.

„Was hast du?“

„Warte einen Moment! Und sieh dir erst das an!“ Joe zeigt nach Westen, am Rande des Busches entlang.

„Reiter“, murmelt Benny. „Ein ganzer Haufen.“

„Ein Dutzend“, sagt Joe. „Oder auch zwei.“

Deutlich kann man es in diesem Dämmerlicht tatsächlich nicht erkennen.

„Sie kommen genau auf uns zu!“

„Nimm dein Pferd, Benny! Sie werden nichts merken, wenn wir uns weiter ins Holz zurückziehen.“

Die Tiere gehen am Zügel mit und bleiben auf Kommando stehen. Dann sind die Reiter auf der Höhe ihres Camps. Sie merken nichts. Benny zählt sie einzeln. Wie sie zwischen den Bäumen auftauchen und verschwinden. Eine lang gezogene Posse.

Das ist Loke Allison. Mit zweiundzwanzig Mann. Auch Joe hat mitgezählt.

„Zweiundzwanzig, Benny. Was wollen die gegen vierzig ausrichten?“

„Die Trailboys sind nie zusammen, Joe. Vergiss das nicht. Die reiten vorn und hinten, an den Seiten und in der Mitte. Sie haben ein paar Wagen zu begleiten. Wenn Loke drei Gruppen einzeln angreift ...“

„Mal nicht den Teufel an die Wand.“

„Der schwarze Loke ist der Teufel!“

„Auch er wird ein Camp machen. Vielleicht gleich neben uns. Die Nacht ist da.“

„Natürlich. Irgendwo werden sie halten. Außerdem, wenn Cut Faraday vierzig Mann hat, ist mir sowieso nicht bange.“

Sie gehen zu ihrem Holzstoß zurück und warten noch eine halbe Stunde. Die Banditen verschwinden langsam nach Osten. Vielleicht machen sie noch zwei Meilen.

Benny hält die Flamme an das trockene Gras. Sie frisst sich gierig weiter und züngelt nach dem Reisig. Joe hängt einen Topf Wasser auf.

„Morgen fällt die Entscheidung, Joe. Wir sollten Faraday warnen“, meint Benny.

„Ernie Brand sollten wir warnen“, verbessert der Partner grinsend. „Wenn es nicht dasselbe ist. Bei Tag werden wir es feststellen, wie?“

„Wir dürfen nicht zu lange schlafen.“

„No, das werden wir nicht. Aber mach dir jetzt bloß keinen Kummer! Der schwarze Loke weiß ja nicht, was ihm blüht.“

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Das Muhen, Blöken und Brüllen erfüllt die Prärie. Es ist auf allen Seiten. Die Menschen stecken mittendrin. Rinder sind keine wilden Tiere. Sie scheuen das Lagerfeuer nicht.

Sie haben sich hingelegt und käuen wieder, was sie auf der letzten saftigen Strecke an Futter gefunden haben. Nach und nach wird das Geräusch der Herde leiser. Die Tiere sind satt und ruhig.

Die Männer haben drei Camps aufgeschlagen. Im letzten — am Schluss — hat einer der Trailboys ein Banjo im Gepäck und spielt etwas darauf. Die zwölf Männer in der Crew drängen sich ums Feuer und singen mit.

Hinten, am letzten Wagen, wohin das Lagerfeuer kein Licht mehr wirft, stehen zwei Männer.

„Die Boys haben die richtige Stimmung, Boss!“, sagt der eine. „Sie fühlen sich sicher. Was dagegen, wenn ich jetzt reite?“

„Im Gegenteil. Es ist höchste Zeit, dass wir Verbindung aufnehmen. Loke wird schon warten. Es darf nichts schiefgehen, Jim. Ich brauche die Gewissheit, dass er das Sprengpulver bei sich hat.“

„In Ordnung, Ernie. Das wird alles klargehen. Sage Dave Bescheid, dass er die Stunde vor Sonnenaufgang nicht verschlafen soll. Ich bin pünktlich zurück.“

„Gut, verschwinde jetzt, bevor die Jungen mit ihrem Lied zu Ende sind und hier wieder herumlaufen!“

Ernie Brand stakst zum Feuer. Er hört, wie Jim Derrick in den Sattel steigt und in der Nacht verschwindet ...

Holly Patterson hält den Atem an. Das Herz schlägt ihm bis zum Hals, und sein Kopf scheint plötzlich viel zu klein zu ein, um das alles zu fassen, was jetzt darin vorgeht.

Der Zufall oder das schlechte Gewissen, eins von beiden hat ihn hierhergeführt. Er wollte allein sein und nachdenken. Nicht über die Herde. Mehr über sich selbst.

Über den Bankraub in Garden City, über die Tatsache, dass Benny Yates und Joe Burdy diesmal nicht dabei sind.

Heute sieht das alles anders aus. Heute würde ein guter Mann doppelt und zehnfach zählen. Und seit einer Minute weiß er es genau.

Sie haben auf den Falschen gesetzt. Er, Gloria und Daddy.

Jetzt wird das Unglück über sie hereinbrechen!

Zitternd kommt er aus seinem Versteck, sieht Jim Derrick in den Sattel steigen und in der Nacht verschwinden.

Er dreht sich um. Die Boys hocken am Feuer und singen zu Leslies Banjo. Ernie Brand tritt von hinten zu ihnen.

By Gosh! Was heißt hier Ernie Brand?

Das ist Cut Faraday, der Mann auf dem Steckbrief!

Für eine Weile sieht Holly Kreise vor den Augen tanzen. Dann hat er sich wieder gefangen.

Er muss etwas tun!

Er muss es Hank Dennis sagen!

Hank sitzt am Feuer und singt mit. Hinter Holly ist der Hufschlag von Derricks Pferd längst verstummt. Hank kann er jetzt nicht unauffällig sprechen. Aber diesen Jim Derrick, den kann er sich vornehmen.

Holly kriecht weiter in die Dunkelheit. Er greift seinen Sattel und geht zu den Pferden. Ein Fieber hat ihn plötzlich überfallen. Er muss diesen Jim erwischen. Muss ihn fassen, bevor er die Bande des schwarzen Loke erreicht. Oder er muss mit hinreiten, bis ins Camp der Desperados und Allison einfach aus den Stiefeln schießen.

Er ist nicht größenwahnsinnig. No, das ist er nicht.

Wenn er hingeht und ohne Warnung schießt, muss es klappen. Ganz gleich, was später mit ihm geschieht. Wenn Allison tot ist, sieht alles ganz anders ...

Seine Gedanken hämmern und quälen sich weiter. Hundert Pläne tauchen in seinem Kopf auf. Er verwirft sie alle und sucht hundert neue.

Er merkt nicht, wie er dabei in den Sattel gegangen ist, wie sein Gaul ihn nach Osten trägt. Er reitet wie im Fieber. Er hat nur noch eine Chance.

Er und die Pattersons ...

Dann hört er den Schrei!

Die Warnung ...

Dann den Schuss ... und dann nichts mehr.

Er hat es nicht bei Bewusstsein miterlebt. Er ist wie im Traum geritten, und dann hat ihn Jim Derrick erkannt, als er schon ganz dicht heran war.

Jim Derrick macht sich nicht mal die Mühe, aus dem Sattel zu steigen. Holly ist zu Boden gegangen wie ein Wild mit Blattschuss. Sein Gaul jagt erschreckt davon und wiehert wild in die stumme Nacht.

„Yeah“, murmelt Jim Derrick. „So geht’s allen, die für den verrückten Patterson reiten. Uns hier nachzuspionieren! Das würde euch so passen. Uns noch in letzter Minute ins Handwerk zu pfuschen. No, auf diesem Trail macht der schwarze Loke sein Geschäft. Er und wir, und sonst keiner.“

Jim Derrick schlägt wütend die Stiefelabsätze in die Flanken seines Pferdes.

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Joe Burdy schreckt hoch.

„Was ist los, zum Teufel?“

„Steh auf, Junge! Ich hab’s mir anders überlegt.“

„Überleg dir, was du willst! Ich schlafe.“

„Du stehst auf, und sonst nichts!“

„By Gosh, hast du Alpträume, Benny?“

„Ich habe überhaupt nicht geschlafen. Wir machen was falsch, Joe. Sieh dich um!“

Benny zeigt nach Osten. „Die Bande ist gar nicht so weit geritten. Erkennst du das Feuer?“

„Das beste Zeichen dafür, dass wir noch Zeit haben“, folgert Joe Burdy.

„Das glaube ich nicht, Joe. Morgen werden sie losschlagen. Und du kannst nicht behaupten, dass wir sie in der Zange haben. Wir zwei zählen überhaupt nicht, wenn wir Faraday vorher nicht gewarnt haben. Es geht um Menschenleben, Joe!“

„Yeah, du zweifelst nicht, dass wir die Bande schaffen werden. Aber du meinst, es werden ein paar Männer unnütz sterben, wenn wir nichts tun, wie?“

„Dein Gehirn arbeitet wieder normal, wie ich sehe. Also, komm hoch, Freund. Wir können das Camp der Banditen mühelos umgehen und morgen bei der Herde sein. Vielleicht schon vor Sonnenaufgang.“

„Die werden Augen machen, by Gosh! Hoffentlich glauben sie uns. In Pattersons Mannschaft reiten genug Burschen, für die das Wort des Ranchers so gut wie eine Offenbarung ist. Wenn einer plötzlich behauptet, wir wären vielleicht Allisons Agenten, was dann?“

„Ernie Brand ist der Boss, oder er reitet wenigstens mit. Cut wird unser Zeuge sein.“

Joe findet, es hat alles Hand und Fuß, was Benny sagt. Er steht auf. Sie machen ihre Gäule fertig und reiten kurz darauf los.

Das Camp der Desperados umgehen sie in ausreichendem Abstand. Als es hinter ihnen liegt, atmet Joe Burdy auf.

„Das erste Gefecht ist bereits gewonnen.“

Er ist plötzlich sehr optimistisch und tatendurstig. Wenn der Morgen heraufdämmert, wird er bei den alten Freunden aus Pattersons Weidemannschaft sein. Die können einfach nicht vergessen haben, was früher einmal war.

„Das erste Gefecht?“

Dann fällt der Schuss!

Benny Yates und Joe Burdy werden im Rücken plötzlich gerade. Auch die Pferde haben im Schritt die Köpfe einmal ein Stück höher genommen.

„Schräg links vor uns“, sagt Benny und verhält noch. Sie warten. Nachts jagt niemand. Es sei denn, Menschen. Und wo Menschen aufeinander schießen, bleibt es meistens nicht bei einer Kugel.

Nur bei einem Mord!

Dort ist der Reiter!

Joe will sein Pferd herumreißen und ihm folgen. „Vorsicht!“, ruft Benny. „Da rechts kommt noch einer!“

Es ist ein lediger Gaul.

„Den Mann hat’s erwischt, Benny!“

„Wir werden sehen. Kümmere du dich um das Pferd! Vielleicht brauchen wir es noch. All devils, beeil dich, Junge!“

Benny reitet auf die dunkle Wand zu, die die Nacht vor ihm ausbreitet. Aber es ist keine Wand, an der man sich den Schädel einrennt. Man kann sogar deutlich Licht und Schatten unterscheiden. Der Himmel ist sternklar.

Nach fünfhundert Yards gestrecktem Galopp nimmt Benny Yates den Zügel kurz und hält sein Pferd an. Er sichert in die Runde. Schwarze Hügel liegen überall im Umkreis. Grasbüschel und Bodenwellen. So können sich tausend Tote tarnen. Und Tote reden nicht mehr.

Dann sieht er die Bewegung und trabt hin. Dieser Schatten ist ein Mann. Er bewegt den Arm, versucht, sich auf den Ellbogen zu heben. Benny gleitet wie eine Schlange aus dem Sattel und beugt sich über den Verwundeten. Die Stimme bleibt ihm in der Gurgel stecken.

„By Gosh“, sagt Holly Patterson, als wäre er schon im Himmel und als sähe er die Geister von Vergessenen. „Benny Yates ...“

Benny hat den Arm unter seiner Schulter.

„Junge, was ist das für ein Wiedersehen?“

„Fassen Sie mich nicht an, Yates! Sie machen sich ja doch nur die Finger schmutzig.“

„Wenn du nicht glaubst, deine Schulter könnte schmutzig werden, nimm’s nicht so tragisch. Für einen Toten siehst du noch ziemlich lebendig aus. Wo hat er dich erwischt?“

Holly dreht den Kopf zur Seite. Links ist Blut hinter der Schläfe. Kurz über dem Ohr hat die Kugel einen Scheitel gezogen.

Das war dicht am Sarg vorbei! So hauchdünn, dass gerade noch der Faden einer Spinne dazwischen passt.

Holly muss einige Zeit besinnungslos gewesen sein. Sonst fehlt ihm nichts, als ein paar Patronenhülsen voll Blut.

Benny trägt Verbandszeug bei sich. Er wickelt eine lange Binde um den Kopf des Jungen.

Der sitzt jetzt aufrecht. Wie ein Wunder hat er jede von Bennys Bewegungen verfolgt. Jetzt starrt er ihn an ... Auch wie ein Wunder.

„Mich würde brennend interessieren, was du im Augenblick denkst, Holly. Aber ich glaube, wir haben Wichtigeres zu erledigen. Wer war es?“

„Jim Derrick.“

„Kenne ich nicht“, murmelt Benny.

„Er gehört zu Allisons Bande.“

„Habt ihr denn schon Kontakt mit ihr gehabt? Das kann doch nicht sein.“

„Derrick reitet in unserer Mannschaft. Ernie Brand hat ihn eingeschmuggelt, ihn und Dave Mallory. Ich bin erst heute Abend dahintergekommen. Es war ein Zufall, dass ich sie belauschen konnte.“

„Wen?“, fragt Benny aufhorchend.

„Brand und Derrick. Sie stecken mit Allison unter einer Decke, und sie haben etwas von Sprengpulver gesagt. Derrick reitet diese Nacht zum Camp der Desperados.“

„Und du bist ihm natürlich gleich gefolgt?“

„An Dennis kam ich nicht heran. Der saß zwischen den anderen am Lagerfeuer ...“

„Du hättest mit Faraday sprechen sollen. Cut Faraday ist doch bei euch, oder? — Hey, Holly! Ich habe Cut Faraday zu euch geschickt!“

Das blasse Sternenlicht macht sowieso die Gesichter weiß.

Benny sieht nicht, wie es dem Jungen bei seinen letzten Worten das Blut aus dem Kopf zieht und wie er blass wird.

Er will aufstehen.

„Streng dich nicht an, Junge.“

„Ich muss hoch, Yates! Los, hilf mir!“

Benny tut es sofort. Als der Boy auf den wackligen Beinen steht, reißt er den Colt heraus und stemmt ihn hoch.

Yates steht aber zu nahe. Er braucht nur die Hand herunterzuschlagen und das Gelenk zu schnappen. Der Revolver fällt in den Sand.

„Bist du des Teufels, Holly? Was bedeutet das alles? Macht dich etwa der Name Faraday so verrückt?“

Holly Patterson zittert am ganzen Leibe. Nicht vor Schwäche. Die ist schon wieder verflogen. Alles an ihm ist angestaute Wut. Zwei glühende Augen blitzen Benny an.

„Sie haben Faraday geschickt, Yates? Sagen Sie das noch einmal!“, stößt er zischend hervor.

„Ja, ich habe ihn geschickt. Aber er sollte es nicht verraten. Es würde nicht gut sein, wenn du oder dein Vater noch mal meinen Namen hören. Nur Gloria weiß Bescheid.“

„Glory ...? Das ist nicht möglich! Dieser Verbrecher. Dieser ...“

„Dieser Mann auf dem Steckbrief. Ich weiß. Aber hör lieber zu, Holly!“

Benny erzählt in knappen Worten, was sich am Tigerloch abgespielt hat. Und was vorher war. Dass Faraday ihm das Leben gerettet hat.

Als Benny zu Ende ist und Holly nichts sagt, fasst er ihn bei der Schulter.

„Hallo, Boy! Du bist nicht eingeschlafen, oder?“

„Yeah, Yates, er hat Ihnen das Leben gerettet — und Sie ihm. Sie sind beide quitt!“

„Wenn du das so gegeneinander aufrechnest.“

„Sie müssen das auch tun. Sie sind quitt. Faraday und Brand sind ein und dieselbe Person.“

Benny nimmt es mit Haltung hin.

Wenn ihm diese Nachricht an die Nerven geht, so zeigt er es doch nicht.

Faraday, ein Verräter!

Ist es die Wahrheit, die auf den Steckbriefen steht?

Warum nicht? Warum sollte sie es nicht sein? Benny Yates ist einmal im Leben sentimental gewesen. Das hätte manchem teuer zu stehen kommen können.

Holly fährt herum, als er hinter sich Hufschlag hört.

„Das ist nur Joe Burdy. Reg dich nicht auf, Junge!“

Joe bringt Hollys Pferd mit und tut gar nicht erstaunt. Er hat den verlorenen Reiter schon an seinem Sattel erkannt. Dass der Patterson-Junge ihn schon fast wie einen Freund empfängt, macht ihn selig. Weniger selig ist ihm zumute, als er die Story von Cut Faraday hört.

„Dieser Teufel!“, stöhnt er.

„Ein Teufel gesellt sich zum anderen. Es ist ’ne Teufelsfährte, auf der wir reiten. Boys. Aber mich kann keiner davon abhalten, dass ich diesen Trail bis zum bitteren Ende reite. — Ich glaube, du kannst dich im Sattel halten, Holly, oder?“

„Ich kann, natürlich kann ich.“

„Well, eine Stunde hast du noch Zeit, Holly. Geht hinüber zum Waldrand und macht ein Camp im Unterholz. Ich habe noch was zu tun.“

„Sei vorsichtig. Benny! Bleib’ lieber hier und warte mit uns. Jim Derrick muss ja noch mal vorbeikommen. Wir schaffen ihn leicht.“

Benny Yates will nichts davon hören.

„Es genügt mir nicht, Joe, dass ich Jim Derrick fange. Wir brauchen eine größere Beute, wenn es was nützen soll.“

Da ist nichts zu machen.

Benny Yates hat entschieden.

Er hat die Fährte des Teufels aufgenommen ...

Im Morgengrauen zieht die Herde weiter — Richtung Walnut Creek.

Die Trailboys sind in den Sätteln, scheuchen die verschlafenen Rinder hoch und lassen ihre anfeuernden Rufe hören.

„Jippiiiih — ay — yeiiiiiih!“

Achttausend Hufe stampfen die Prärie. Der erste Staub geht hoch und sammelt sich zu der trüben Wolke, die über jedem Rindertrail schwebt.

Die Räder von vier Planwagen mahlen im Sand. Das Banjo ist verpackt. Die Feuer sind erloschen.

„In zwölf Stunden sind wir am Walnut Creek. In zwölf Stunden haben wir wieder frisches, fettes Gras! — Hussiiih, Boys!“

Die Wolke steht hoch über dem Land.

Drei Männer reiten hinter dem Horizont im Süden. Sie sehen die Wolke.

„Wir sind bald auf gleicher Höhe mit ihnen“, sagt Joe Burdy. „Wir haben sie bald hinter uns.“

„Die Herde zu fassen, ist kein Kunststück, Junge“, erklärte Benny Yates weniger zufrieden. „Die Männer, mit denen wir es aufgenommen haben, sind beritten fast so schnell wie wir.“

„Sie haben nur ein paar Pulversäcke zu schleppen. Wir schaffen es, Benny!“

„Sag’s auch Holly, damit er es glaubt!“

Holly Patterson hat noch nicht viel geredet, seit sie wieder im Sattel sind. Sein Gesicht ist verschlossen.

Joe versucht es zum zehnten Mal mit einem freundlichen Grinsen.

„Du hast gesagt, du hättest keine Schmerzen mehr. Wir haben dir den dritten Verband gemacht. Angst hast du auch nicht. Weshalb redest du nicht?“

Holly sieht plötzlich auf. In seinem Gesicht wechselt ein paarmal hintereinander die Farbe. Aber er sieht nicht zu Joe hin. Er meint Benny Yates.

„Ich schäme mich, Mr. Yates. Ich weiß nicht, wie ich alles wiedergutmachen soll.“

„Es gibt nichts wiedergutzumachen! Man kann sich streiten und dann wieder vertragen. Es ist lange her, dass wir zwei uns gestritten haben.“

„So einfach ist das nicht“, erwidert Holly ernst.

„Natürlich nicht! Noch haben wir es mit Cut Faraday und Loke Allison zu tun. Noch ist die Herde in größter Gefahr. Aber wir kennen den Plan des Gegners.“

„Ich habe Ihnen noch nicht alles gesagt, Yates. Sie haben bestimmt von dem Bankraub in Garden City gelesen ...“

Benny nickt.

„Die Sache habe ich zusammen mit Faraday gedreht.“

Joe Burdy schüttelt sich plötzlich vor Lachen.

„Ich habe ja gesagt, ein Greenhorn muss dabei gewesen sein. Erst einbrechen und dann nur ein Taschengeld mitnehmen. Das glauben wir dir aufs Wort, Boy. Jetzt weiß ich auch, wie der Boss den Trailjungens das Handgeld hat geben können. Ich habe ja immer gesagt, unser Boss hat meistens doch einen, der ihm zum Schluss aus der Patsche hilft.“

„Unser Boss, sagst du? Du meinst doch meinen Vater, Joe, oder?“

„Nun ja, ich denke, wir gehören wieder zur Mannschaft. Es hat sich ja verschiedenes geändert seit damals.“

Die Stimmung bei den dreien ist erheblich besser geworden. Holly ist aufgetaut. Seine Wunde macht ihm kaum Schwierigkeiten.

Am Mittag machen sie eine kurze Rast. Dann geht es sofort weiter. Sie müssen als Erste am Ziel sein und ein Versteck gefunden haben, bevor der schwarze Loke auftaucht.

Eine Stunde später sind sie da.

Sie reiten auf den Grat hinauf und sehen ins Tal hinab. Vor ihnen liegt die Schlucht, über die Loke Allison so ausführlich gesprochen hat, als Benny Yates sie in der letzten Nacht in ihrem Camp belauschte.

„Das also ist die Falle.“

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Drei Creeks plätschern vom Hochplateau herunter und bilden zwei Meilen weiter gemeinsam den Walnut Creek.

Das kleine Wasser hat sich ein tiefes Bett gegraben, das am Rande des Hochplateaus wie ein unüberwindlicher Canyon klafft. Im Berg ist ein Loch, ein riesiger Kessel mit Steilwänden. Nur nach Süden hin offen. Und zur Ebene hindurch wie eine natürliche Brücke mit ihr verbunden.

Joe starrt lange hin. Dann sagt er:

„Das muss ja den anständigsten Mann verführen, ein krummes Ding zu drehen. Hier stehlen sogar wir drei allein tausend Rinder.“

„Langsam!“, meint Benny grinsend. „Du brauchst schon Helfer auf der anderen Seite. Freiwillig geht keiner in diese Falle hinein.“

„Aber ahnungslos! Nimm an, du sitzt mit Rindern und dreißig Trailboys da unten fest. Und dann geht hinter dir die Brücke hoch und stürzt in das tiefe Creekbett ...“

„Ich hab’s mir schon ausgemalt, Joe. Aber jetzt schlage ich vor, wir ziehen unsere Köpfe etwas zurück.“

Von Westen kommt Allisons Truppe heran. Es dauert eine halbe Stunde, bis sie an der Brücke über dem Canyon sind.

Sie stellen keine Wachen auf und bleiben alle unten in der Ebene.

„Sie fühlen sich unbeobachtet“, murmelt Joe.

„Freu dich darüber“, sagt Benny und beobachtet ungestört weiter.

Die Allison-Bande hat alle Hände voll zu tun. Fünf Säcke Sprengstoff werden abgeladen. Der schwarze Loke und Geo Lingo prüfen das Gestein der Brücke und suchen die Stellen aus, in denen das Pulver untergebracht werden soll.

Die Kerle arbeiten noch, als die Wolke, die die Herde ankündigt, längst am Horizont steht. Allerdings werden sie nun doch langsam unruhig. Lingos Flüche hört man bis zum Plateau hinauf.

„Jetzt sind sie fertig“, keucht Joe. „Zwei Burschen bleiben zurück.“

„Jemand muss ja auch die Brücke sprengen, wenn es so weit ist. Aber den Spaß verderben wir ihnen! Du kannst langsam mit dem Abstieg beginnen, Joe. Holly wird allein auf uns warten.“

Holly nickt nur, und Benny und Joe lassen sich am Lasso den Hang herab in den Talkessel. Die Stelle ist von der Brücke nicht einzusehen.

Unerkannt erreichen sie die Talsohle. Mit gezogenen Revolvern arbeiten sie sich im Schutz der Wand im Halbkreis zum Ausgang nach der Brücke vor. Dann hören sie die Kerle reden. Und dann sehen sie einen Kopf.

Joe sieht zu Benny hinüber, wartet, bis der das Zeichen mit der Schusshand gibt. In drei, vier Sätzen sind sie da.

„Nehmt sie hoch, Gents! Hoch, bis zur Sonne!“

Allein der Schreck macht sie fassungslos. Dem einen hängt das Kinn nach unten. Der andere hat verwirrt die Augen geschlossen, als wollte er prüfen, ob das ein Traum ist. Er glaubt tatsächlich zu träumen, denn er glaubt nicht an die grauen, kalten Eisen vor sich.

Er springt zur Seite, dreht sich, um einen schützenden Wandvorsprung zu erreichen — und verfehlt den festen Boden.

Der Rand der Brücke ist morsch. Der Kerl rutscht ab, reißt noch die Hände hoch und schreit erbärmlich. Das Letzte, was man von ihm sieht, sind die Hände. Das Letzte, was man von ihm hört, ist ein dumpfes Geräusch.

„Kannst es besser haben, Junge“, sagt Joe ruhig. „Lass dich fesseln und dir einen Knebel geben. Dann erlebst du wenigstens noch deine Gerichtsverhandlung!“

Der Mann gehorcht. Kreidebleich kommt er vor und lässt sich binden. Joe schleppt ihn weit nach hinten in die Schlucht, stellt ihn drei Fuß hoch auf einen Felsvorsprung, damit er nicht von den Rindern zerdrückt wird, die sein Boss hier vorbeischicken will.

Joe empfiehlt sich mit einem guten Rat, der hier auf jeden Fall zu spät kommt. Macht nichts, denkt Joe, wir haben jetzt andere Sorgen.

Benny hat die Zündschnüre zu den Sprengladungen beseitigt. Das Pulver kann bleiben, wo es ist. Es wird nicht mehr gefährlich werden ...

Gefährlich wird es woanders!

Sie reißen die Köpfe hoch. Die ersten Schüsse sind gefallen.

„So früh? Die sind doch noch eine ganze Meile weg mit der Spitze.“

„Wir werden es sehen. Schnell zum Seil zurück, sonst knallen sie uns noch in der Wand ab!“

In fünf Minuten sind sie oben bei Holly. Der hat die Pferde bereit. Sie werfen noch einen Blick hinunter in die Ebene.

Die Longhorns und Hereforders sind in Bewegung gekommen. Mitten in der Herde steckt ein Keil von Osten. Man will sie auseinanderbringen. An drei Seiten wird geschossen. Auf das Vieh und auf die Reiter.

Die Männer an der Spitze wollen umkehren und den Partnern zu Hilfe kommen. Doch die Spitze mit hundert Rindern ist am wildesten. So unerklärlich das ist, so wenig denken die Boys darüber nach. Sie sehen nur den Beginn der Stampede. Sie hören Brands Befehle.

„Los, Dennis! Ich kenne eine Schlucht hier, die ist wie eine Festung für uns. Diese Dummköpfe! Sich ausgerechnet dieses Terrain auszusuchen. Vorwärts! Kümmert euch nicht um die Rinder! Die knallen uns sonst die wertvollsten Tiere ab ...“

Drüben am Südflügel gebärdet sich Jim Derrick wie verrückt.

„Befehl vom Boss! Alle Männer links sammeln! Wir kennen ein Versteck, ein Loch, aus dem wir sie kriegen werden. Lasst die Bande vorbei!“

„Seid ihr wahnsinnig?“, schreit Kimbal White. „Wie können wir die Herde im Stich lassen? Wir sind vierzig Mann. Wir ...“

„Die anderen sind doppelt so stark. Hast du keine Ohren am Kopf? Und unsere halbe Mannschaft ist schon in Sicherheit. Willst du hier allein vor die Hunde gehen? In einer halben Stunde brechen wir aus und jagen die Desperados, wohin sie gehören. Los, Jungs, reitet!“

Einer von den alten Patterson-Leuten stöhnt, dass er die Welt nicht mehr versteht. Hinter ihnen sind wieder Reiter. Keiner kann bei dem Staub sagen, wohin sie gehören.

Dicht neben dem Patterson-Mann wird ein Revolverhammer gespannt. Schüsse kommen von rechts. Kim White drückt ab. Der Mann stürzt aus dem Sattel. Vier andere Boys sehen es. Aber sie sehen nur, wie ihr Partner fällt. Nicht die andere Gemeinheit.

„Begreift ihr jetzt endlich, dass ihr keine Chance mehr habt, wenn ihr nicht tut, was der Boss verlangt?“

White jagt los. Die anderen instinktiv hinterher. Vor ihnen biegen die ersten zehn Leute über die Brücke in die rettende Schlucht ein.

Keiner sieht, wie White ausschert. Wie er dicht am Rand des Canyons entlangreitet und nicht mit über die Brücke geht, die auch Brand und Dennis schon mit Geschick verpasst haben. Dreißig Patterson-Männer sind jetzt über die Brücke.

„Slow könnte endlich sprengen!“

„Es wird keine Minute mehr dauern“, sagt Faraday grinsend. Für ihn ist der Kampf schon gewonnen. Aber in diesem Wahn lebt er nur noch einige Sekunden.

Er nimmt sich zu lange Zeit, die drei Reiter zu mustern, die aus dem Staub heranjagen.

„Weiter! Ins Loch!“, schreit Kim White und zeigt nach hinten. Er hat bis jetzt zwei Dutzend Dumme gefunden. Er rechnet nur noch mit Dummen.

Doch der erste reißt plötzlich den Gaul herum und steht zwei Sekunden später vor ihnen. Er hat das Eisen heraus wie die beiden anderen.

„Benny! — Benny Yates!“

Cut Faraday jagt der Schreck durch die Hölle. Doch schon zaubert er ein freundliches Lächeln auf sein Gesicht. „By Gosh, Benny, dass du da bist! Jetzt kann nichts mehr schiefgehen.“

„Hoffen wir’s, Cut Faraday. Nimm jetzt die Hände hoch! Ihr auch!“

Die Schüsse krachen gleichzeitig. Und dann gleich noch einmal.

Faraday sackt im Sattel zusammen. White ist zur Seite gekippt und hält seine Hüfte. Er hält sich nicht mehr lange. Sein Pferd springt weg und lässt einen Toten zurück.

Jim Derrick hat es überlebt.

„Los, vorwärts! Und in die Schlucht hinein!“

Derrick sitzt wie angenagelt. „Geht nicht, Yates. Bloß das nicht. Jede Sekunde fliegt die Überbrückung in die Luft.“

„Irrtum, Derrick! Die Zündkabel zu deinem Sündenregister habe ich in der Tasche. Die Bombe wird erst vor dem Friedensrichter losgehen. Marsch, jetzt!“

Derrick ist ein gebrochener Mann. Er wird mit seinen Bewachern wie ein Indianer mit zwei Köpfen begrüßt.

Hank Dennis, der gar nichts mehr versteht, erkennt Holly neben Yates und Burdy. Er macht den Mund auf.

„Jetzt nicht fragen, Hank!“, ruft der junge Patterson. „Benny Yates ist da, und er ist unser neue Trailboss. Alles hört auf sein Kommando!“

„By Gosh, du musst uns erklären ...“

„Ernie Brand ist tot. Er war ein Verräter! Er wollte diese schmale Brücke in die Luft sprengen und die ganze Mannschaft so von der Herde trennen. Er steckte mit Loke Allison unter einer Decke. Begreift ihr jetzt endlich?“

Endlich?

So schnell soll einer begreifen?

Aber dort sitzt Benny Yates im Sattel, und neben ihm Joe Burdy. Und neben dem wieder Holly Patterson, der Junior. By Gosh, die drei scheinen sich plötzlich zu vertragen.

Yes, endlich begreifen sie, die Boys von der Patterson-Mannschaft. Sie kommen heran auf ihren Pferden.

„Holt mir den schwarzen Loke!“, befiehlt Yates. „Er steckt irgendwo in dieser verteufelten Staubwolke. Stellt euch dumm. Sagt, mit der Sprengung wäre etwas schiefgegangen. Ernie Brand wollte ihn sprechen. Allison soll hierherkommen, wenn er noch was retten will.“

Die Männer reiten. Langsam folgen Benny, Joe und Holly. Vor ihnen schiebt sich die wilde Herde vorbei nach Osten. Zwischendurch ein Reiter.

Verloren, wenn er hier nicht herauskommt.

Dann haben sie Allison gefunden, der die Welt nicht mehr begreift.

„Hey, Mr. Dennis! Ich lege Sie um! Das ist Verrat!“

„Verrat? Vielleicht von Ihnen. Der Boss hat mich längst eingeweiht, was hier gespielt wird. Sie haben die Sprengladung angebracht, und sie ist noch immer nicht hochgegangen ... Wir halten den Rest unserer Männer in der Schlucht gefangen, aber es ist jetzt Ihre verdammte Pflicht, dass Sie zu Mr. Brand kommen.“

Der schwarze Loke ist immer ein Fuchs gewesen. Er hat eine Menge Fallen im Leben aufgestellt. Heute geht er selber hinein.

Als er das Gesicht von Cut Faraday erwartet, trägt es die Züge von Benny Yates.

„Hallo, schwarzer Loke! Ihr seid umzingelt. Werft die Gewehre und Revolver weg! Macht es schnell, sonst habt ihr so viele Kugeln im Rücken, dass ihr sie bis zum jüngsten Tag zählen müsst.“

„Schnell, hat er gesagt!“, faucht Joe Burdy wie ein Puma, und er jagt einen Schuss vor Allison in den Himmel.

Die Arme kommen hoch.

Die Trailboys sammeln die Waffen von sieben Desperados ein. Das ist die halbe Mannschaft, wenn man die Toten und den Gefangenen in der Schlucht mitrechnet.

„Benny Yates“, kommt es gepresst zwischen Allisons Lippen durch. Er versteht die Welt nicht mehr, die Welt, die immer ihm gehört hat.

Die Desperados sind längst gefesselt, als der letzte Schuss fällt und die Trailmänner noch fünf Gefangene bringen. Der Rest braucht keinen Friedensrichter.

Benny sitzt wieder im Sattel.

„Und jetzt treibt das Vieh zusammen, Männer! Bis es dunkel wird, wollen wir ein festes Camp haben!“

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22

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Der Trail ist bis nach Salina gegangen. Mit etwas Verzögerung, weil dreizehn Banditen erst noch dem Friedensrichter in Dighton vorgeführt werden mussten.

Als die Herde in Salina ankommt, weiß man in Garden City und Blackwood längst, was sich am Walnut Creek ereignet hat. Man weiß auch, dass Benny Yates das Geld für die Rinder in der Tasche hat, und es gibt keinen schwarzen Loke mehr, der es ihm abnimmt.

Als die Männer zur Ranch zurückkehren, sind außer Sheriff Tucker und seinem Deputy mindestens noch ein Dutzend Towner aus Garden City zum Empfang da.

Gloria Patterson hat sieben große Plattenkuchen gebacken, und der alte Henry hat für bunte Girlanden gesorgt.

Als Benny Yates den Namen Glory ausspricht, als sie sich gegenüberstehen, wissen alle, dass sie auf einer Verlobungsfeier sind. Da ist rein gar nichts mehr zu machen. Und obwohl alles schon in den Zeitungen gestanden hat, müssen Benny, Joe und Holly noch einmal alles von vorn erzählen.

„By Gosh“, stöhnt Wilson Tucker. „Gegen so viele Tricks auf einmal musste Allison ja einfach kapitulieren. Holly und Yates haben sich nur zum Schein verzankt, und Sie, Patterson, haben diese beiden Cowboys einfach vom Hof gejagt, ohne mir zu sagen, dass das reines Theater ist. Und jetzt soll sogar noch der alte Ben Holden die Gelder für seine Bank wiederkriegen?“

„Warum nicht? Cut Faraday hat mir im Sterben gesagt, wo er es versteckt hat. Benny und ich werden es Ihnen morgen bringen“, sagt Holly. „Allerdings werden wir die dreihundert Dollar Kopfgeld vorher abziehen. Sie haben uns in Dighton einen Schein mitgegeben, laut dem der Sheriff in unserer Heimatstadt alles veranlassen soll.“

„Gemacht, Junge!“

Als die ganze Gesellschaft sich am Abend wieder verzogen hat, nimmt Henry Patterson seinen Sohn, seine Tochter und seinen neuen, alten Vormann und Schwiegersohn beiseite.

„Hört mal, Kinder, was ihr da vorhin für eine Story erzählt habt, das stimmt doch hinten und vorne nicht. Ihr habt euch doch ehrlich verkracht gehabt. Und wir auch, Benny!“

„Sieh mal in deine Kasse, Dad“, sagt Holly mit einem Grinsen. „Und dann sieh deine Tochter und Benny an. Dann weißt du, dass alles stimmt bis ans ...

ENDE

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Ein Stern für Texas

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Western von Pete Hackett

Der Roman handelt von der Pionierzeit des amerikanischen Westens, dem eine archaische Kraft innewohnt - eisenhart und bleihaltig. Harte Männer im Kampf um Recht und Rache...

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1

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Die Sonne brannte vom Firmament und verwandelte die Main Street von Imperial in eine Gluthölle. Im knöcheltiefen Staub glitzerten winzige, silberne Kristalle. Dud McPherson, der Sheriff der kleinen Stadt einige Meilen südlich des Pecos River, trat mit dem Gewehr in den Fäusten auf den Vorbau seines Office. Er hielt die Winchester schräg vor seiner Brust. Seine Hände hatten sich regelrecht daran festgesaugt. Der hagere, falkenäugige Mann schaute sich um. Jeder Zug in seinem zerklüfteten Gesicht verriet Anspannung.

Jeden Moment mussten Jesse Elliott und seine beiden Kumpane auf der Straße erscheinen. Und dann würden die Waffen das letzte Wort sprechen...

Die Main Street war wie leergefegt. Manchmal wirbelte der heiße Südwind den Staub auf und trieb ihn in Spiralen vor sich her. Die Menschen von Imperial hatten sich in ihre Behausungen zurückgezogen. Jeder kannte die Gefahr, die sich wie eine drohende Gewitterwolke über der Town zusammengebraut hatte. Keiner wagte es, ihr entgegenzutreten. Die Stadt hielt den Atem an.

Dud McPherson sprang vom Vorbau. Seine Linke löste sich vom Schaft des Gewehres. Er rückte sich den Stetson tiefer in Stirn. Mit helläugiger Reglosigkeit stand er am Rand des Schattens, den das Office warf.

Und dann kamen die drei Banditen. Sie bogen um die Ecke beim Barber Shop. Sie schritten nebeneinander. Die Distanz zwischen ihnen betrug jeweils eine Armlänge. Es waren heruntergekommene, verwegene Gestalten mit tagealten Bartstoppeln in den hohlwangigen, kantigen Gesichtern, in denen ein unstetes, lasterhaftes Leben unübersehbare Spuren hinterlassen hatte. Die Schöße ihrer langen Staubmäntel schlugen gegen ihre Beine. Die Holster mit den Colt lagen frei. Bei jedem ihrer Schritte berührten ihre Handballen die abstehenden Knäufe. Die Sternradsporen der drei Kerle klirrten melodisch.

Dud McPherson rührte sich nicht. In seinen Zügen zuckte kein Muskel. Er verspürte tiefe Bitternis, aber er zeigte es nicht. Dazu gesellte sich ein tiefempfundenes Gefühl der Verlorenheit. Die Stadt hatte ihn schmählich im Stich gelassen. Sein Deputy ritt seit drei Tagen auf der Spur einiger Pferdediebe. So schwer wie in dieser Minute war Dud McPherson das Abzeichen mit dem Lone Star an seiner linken Brustseite noch nie vorgekommen. Es schien tonnenschwer zu wiegen.

Er stand den dreien mutterseelenallein gegenüber.

Sie waren voll Hass. Sie waren gekommen, um Dud McPherson eine blutige Rechnung zu präsentieren.

Wie auf ein geheimes Kommando hielten sie an. Ihre Hände hingen neben den abgegriffenen Knäufen der schweren, langläufigen Colts. Die Finger waren gekrümmt wie die Klauen eines Greifs. Die Kälte des Todes umgab sie...

McPhersons Herz schlug dumpf in der Brust. Der 52-jährige gab sich einen Ruck. Mit kurzen, abgezirkelten Schritten bewegte er sich zur Mitte der Fahrbahn. Staub knirschte unter seinen Sohlen. Der Sheriff spürte Beklemmung. Es war, als berührte eine eisige Hand seinen Nacken.

Dann standen sie sich gegenüber.

Zehn Schritte trennten sie. Eine absolut tödliche Distanz...

Die Gestalten der drei Banditen warfen kurze Schatten. Die Sonne stand halbrechts hinter ihnen. McPhersons Augen befanden sich im Schatten der Hutkrempe. Auf dem unteren Teil seines Gesichts lag das gleißende Sonnenlicht.

Als Jesse Elliott sprach, hatte seine Stimme den Klang zerspringenden Eises. Er rief: "Da sind wir, McPherson. Du weißt, weshalb wir nach Imperial gekommen sind."

Der Sheriff nickte. Seine Lippen waren zu einem dünnen, blutleeren Strich zusammengepresst. Jetzt sprangen sie auseinander. "Yeah, Elliott. Aber damit machst du deinen Bruder auch nicht wieder lebendig."

"Ihr habt ihn aufgehängt wie ein Stück Vieh!", rasselte Elliotts Organ. "Hast du wirklich gedacht, ich lasse seinen Tod ungesühnt?"

"Dein Bruder wurde gehängt, weil er zwei Männer ermordet hat. Eine vereidigte Jury hat ihn schuldig gesprochen, der Richter hat ihn zum Tode verurteilt. Ich habe das Urteil vollzogen. Das ist Gesetz, Elliott. Für Mord hängt man eben in unserem Land."

"Du hast Matt eingefangen, McPherson!", knirschte Jesse Elliott. "Du hast ihn angeklagt, und du hast die Klappe geöffnet, durch er mit dem Strick um den Hals fiel. Du bist so gut wie tot, McPherson."

"Was reden wir lange", knurrte John Evans, ein indianerhafter Bursche mit tiefliegenden, stechenden Augen und einem brutalen Zug um den schmallippigen Mund. "Pusten wir diesen alten Narren aus den Stiefeln. Kein Hahn wird nach ihm krähen."

Er dehnte die Worte in einer Art, die in ihrer Unmissverständlichkeit erschreckend war.

"Yeah", grollte Lewis Jacksons heiseres Organ. "Fangen wir endlich an. Ich will in den Saloon zurück, ehe mein Whisky warm wird."

"Sicher", nickte Jesse Elliott. "Wir sind nicht nach Imperial gekommen, um große Reden zu führen."

Dud McPherson trat in Aktion. Er wollte ihnen zuvor kommen und schwang das Gewehr hoch. Eine Patrone war im Lauf. Er zog den Kolben an seine Hüfte...

Es war wie ein Signal. Und es war der Auftakt zu einer tödlichen Tragödie. Die Hände der Banditen stießen zu den Colts. Die Eisen flirrten aus den Holstern. Ziehen, spannen und schießen waren bei jedem von ihnen ein einziger, glatter Bewegungsablauf. McPhersons Winchester peitschte. Die Sechsschüsser dröhnten. Die Mündungsfeuer verschmolzen mit dem grellen Sonnenlicht. Die Detonationen stauten sich zwischen den Häusern und stießen schließlich dumpf grollend hinaus in die Wildnis.

Dud McPherson lag bäuchlings im Staub. Eines der Geschosse hatte ihn in den Oberschenkel getroffen und ihm das Bein vom Boden weggerissen. Seine Kugel hatte John Evans gefällt. Elliott und Jackson spritzten auseinander. Schießend rannte Elliott auf die linke Straßenseite, Jackson näherte sich mit langen Sätzen der rechten. McPherson rollte durch den Staub. Die Banditenkugeln pflügten den Boden, wo der eben noch gelegen hatte. Wieder war die Stadt voll vom belfernden Krachen der Waffen.

Elliott warf sich hinter einen Tränketrog. Jackson hechtete unter einen Vorbau, schleuderte sich herum und suchte über Kimme und Korn seines Sechsschüssers den Sheriff.

McPherson hatte sich aufgerafft. Der Schmerz von seinem durchschossenen Oberschenkel flutete hinauf bis unter seine Schädeldecke und trieb ihm die Tränen in die Augen. Zwischen seinen Zähnen knirschte Staub. Blut pulsierte aus der Wunde. Mit zusammengepressten Kiefern humpelte McPherson los. Er gab sich selbst Feuerschutz. Mit rasender Geschwindigkeit repetierte und feuerte er. So zwang er die beiden Banditen, die Köpfe einzuziehen. Seine Projektile hämmerten fingerdicke Löcher in die Wand es Tränketrogs, hinter dem Jesse Elliott Schutz gesucht hatte. Das Wasser suchte sich einen Weg, sprudelte in den Staub und verwandelte ihn in Schlamm.

McPherson erreichte den Vorbau des Office. Rückwärtsgehend schleppte er sich die Stufen hinauf. Schuss um Schuss fuhr aus der Mündung der Winchester. Dann war die letzte Kugel aus dem Lauf. Es machte 'Klick', als der Schlagbolzen in die leere Kammer stieß. McPherson ließ das Gewehr fallen und riss den Colt heraus. Mit dem Daumen zog er den Hahn zurück. Schmerz verzerrte sein Gesicht. Schweiß perlte auf seiner Stirn, rann über seine Wangen und brannte in seinen Augen.

Jetzt wagten sich die beiden Banditen aus ihren Deckungen. Ihre Schüsse prallten heran. Geduckt rannten sie im Zickzack näher. In ihren zusammengekniffenen Augen glühte der Wille zum Töten. Sie kannten keine Gnade und kein Erbarmen.

McPherson kniete auf dem Vorbau ab. Sein Bein wollte ihn kaum noch tragen. Die Hose klebte an der Haut. Der Schmerz lähmte seinen Verstand. Sein Zahnschmelz knirschte. Er hob die Faust mit dem Colt. Sein Finger krümmte sich um den Abzug. Das Eisen bäumte sich auf. Die Trommel drehte sich klickend um eine Kammer weiter, als er erneut spannte...

Der Sheriff spürte einen furchtbaren Schlag gegen seine Schulter. Die Wucht des Treffers warf ihn halb herum. Ein Aufschrei stieg aus seiner Kehle. Er hatte Mühe, das Gleichgewicht zu bewahren. Heiß strich ein Stück Blei an seiner Wange vorbei. Die Schatten der jähen Benommenheit, die sich wie ein Schleier vor seine Augen senkten, rissen, als die Todesangst kam und zugleich der Selbsterhaltungstrieb durchbrach. Wenige Schritte vor sich sah er Jesse Elliott. Er schlug den Colt auf den Outlaw an...

Die Waffe des Banditen brüllte auf. Einen Herzschlag später donnerte Lewis Jacksons Eisen. Der Tod griff mit knöcherner Klaue nach Dud McPherson. Er kam nicht mehr zum Schuss. Er wurde herumgerissen und geschüttelt, und schließlich kippte er sterbend auf die Seite. Seinen Sechsschüsser begrub er unter sich.

Aus den Mündungen der Banditencolts kräuselten feine Rauchfäden. Die Detonationen zerflatterten über den Dächern, die Echos verebbten mit geisterhaftem Geflüster. Bleierne Stille senkte sich in die Stadt, eine Stille, die fast noch schrecklicher und unerträglicher anmutete als das mörderische Hämmern der Waffen vorher.

Ohne jede Gemütsregung näherte sich Jesse Elliott der reglosen Gestalt auf dem Vorbau. Ohne Eile stieg er die Vorbaustufen hinauf. Währenddessen sicherte Lewis Jackson auf der Straße um sich. Aber niemand ließ sich sehen. Die Angst hatte die Town fest im Griff.

Groß und hager stand Jesse Elliott vor dem Sheriff. Mitleidlos starrte er auf die stille Gestalt hinunter. Unter dem Körper rann Blut hervor und sickerte in eine Ritze zwischen zwei Bohlen. Mit dem Stiefel drehte Elliott den Sheriff auf den Rücken. Die blaugrauen Augen starrten mit leerem Ausdruck zum Himmel. McPhersons Hemdbrust war dunkel von seinem Blut.

Jesse Elliott bückte sich und riss dem Toten den Stern von der Weste. Sekundenlang starrte er mit verächtlichem Ausdruck auf das Symbol des Gesetzes in seiner flachen Hand. Dann schleuderte er es in die Fahrbahn. Das Abzeichen versank im Staub. Elliott machte abrupt kehrt.

Lewis Jackson war zu John Evans hingegangen und beugte sich jetzt über ihn. Elliott sprang auf die Straße. Während er in Evans Richtung stiefelte, klappte er die Revolvertrommel heraus. Er schüttelte die verschossenen Patronen aus den Kammern und ersetzte sie mit scharfen aus seinem Gurt. Die Trommel rastete wieder ein, der Bandit stieß den Colt ins Holster.

"John hat der Bastard noch erwischt", stieß Jackson gehässig hervor. "Er war besser, als wir annahmen."

"Aber nicht gut genug", versetzte Elliott kalt. "Für Jack können wir nichts mehr tun. Verschwinden wir aus dem Nest. Reiten wir zum Canadian hinauf."

Auch Jackson lud seinen Revolver nach. Die beiden Banditen stapften zum Mietstall. Eine Viertelstunde später verließen sie Imperial. Die Nasen ihrer Pferde wiesen nach Norden...

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2

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Bill Waco, der Deputy Sheriff von Imperial, hatte die beiden Halunken, die ein halbes Dutzend Pferde aus einem Corral der Double-B Ranch gestohlen hatten, wenige Meilen nördlich von Fort Stockton, gestellt.

Es war früher Morgen. Im Osten hing die Sonne wie eine Scheibe aus flüssigem Gold über dem welligen Horizont. Der Morgendunst war Vorbote der kommenden Hitze. Auf den Gräsern lag noch der Tau.

Die beiden Sattelstrolche waren gerade dabei gewesen, ihr Nachtlager abzubrechen. Jetzt hatten sich auf einer Anhöhe verschanzt. Der Abhang schwang sich steil nach oben. Sporadisch wuchteten Felsklötze aus dem Boden. Mesquitesträucher, dorniges Gestrüpp und hartes, trockenes Gras bildeten die Vegetation. Hier und dort waren kleine Inseln purpurn blühenden Salbeis zu sehen. Der Blütenduft hing in der Luft. Bienen summten...

"Gebt auf, Leute!", forderte Bill. Er lag hinter einem hüfthohen Findling und äugte den Abhang hinauf. Seine Rechte umschloss den Kolbenhals der Winchester, Modell 73. In Bills Holster am rechten Oberschenkel steckte ein 45er Colt-Revolver. Der Kolben aus Walnussholz war hell und glatt.

Nach einer kurzen Pause, in der keine Resonanz auf seine Aufforderung erfolgte, erklang wieder seine staubheisere Stimme: "Ihr entkommt mir nicht. Also streckt die Waffen und tretet mit erhobenen Händen aus euren Deckungen. Es ist nicht nötig, dass wegen einer Handvoll Pferde Blut vergossen wird."

Die Antwort war ein Schuss. Die Kugel schrammte über den Felsen, hinter dem Bill sich verschanzt hatte, und zog einen hellen Streifen. Ein durchdringendes Quarren erfüllte die Luft. Bill zog den Kopf ein. Über dem Felsen oben auf dem Hügel schwebte eine Pulverdampfwolke.

"Hol uns, wenn du lebensmüde bist, Deputy" erschallte es rau und wild. "Wenn du allerdings Blutvergießen vermeiden willst, dann solltest du umkehren."

Bills Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. Hart traten die Backenknochen daraus hervor. "Wie ihr wollt", knurrte er tief in der Kehle. Er nahm seinen Stetson ab, legte ihn auf den Boden und spähte am Felsen vorbei hangaufwärts. Die nächste Deckung, die einigermaßen Sicherheit bot, war etwa acht Schritte entfernt.

Bill spannte seine Muskeln. Er federte aus der kauernden Stellung hoch, schießend rannte er geduckt zu dem Felsklotz. Querschläger jaulten ohrenbetäubend, das Peitschen der Schüsse rollte den Hang hinauf und stieß darüber hinweg.

Als die beiden Banditen das Feuer erwiderten, war Bill schon in Deckung. Sein Atem ging etwas schneller, der Herzschlag hatte sich beschleunigt. Das Blei der Pferdediebe pfiff über ihn hinweg. Bill wischte sich den Schweiß aus den Augenhöhlen.

Das Gewehrfeuer brach schlagartig ab. Wahrscheinlich wurde den beiden Banditen bewusst, dass sie nur ihr Blei vergeudeten. Die letzten Echos der Schüsse versanken in der Lautlosigkeit. Bill spähte nach oben. Atmung und Herzschlag hatten sich bei ihm wieder reguliert.

Der Schatten eines der Kerle fiel hinter einem Felsen hervor. Plötzlich kam die Gestalt zum Vorschein. Sie hetzte ein Stück den Hang hinunter und verschwand in Deckung. Im nächsten Moment begann das Gewehr des Strolches zu hämmern.

Auf der Hügelkuppe huschte der andere Bandit aus der Deckung. Mit langen Sprüngen kam auch er ein Stück nach unten, um sofort hinter der nächstbesten Deckung abzutauchen.

Aaah, durchzuckte es Bill, sie wollen den Spieß umdrehen und dich in die Zange nehmen. Na schön, Amigos, das erspart mir den Weg da hinauf. Sein Kinn wurde eckig. Er jagte blindlings einen Schuss aus dem Lauf und kroch auf die andere Seite des Felsens.

Die Banditen deckten die Stelle mit ihrem Blei ein, von der aus er eben den Schuss abgegeben hatte. Und dann wuchs einer der Kerle hinter seiner Deckung hervor, stieß sich ab und sprang wieder ein Stück die Hügelflanke nach unten.

Bill feuerte. Der Bursche brüllte seinen Schreck hinaus. Sein Gewehr flog in hohem Bogen davon. Einen Lidschlag lang hing er quer in der Luft, dann krachte er der Länge nach auf den Boden. Er rollte noch ein Stück hangabwärts, dann blieb er an einem Strauch hängen. Sein Stöhnen ertönte in das Verraunen der Detonation hinein. Er griff zum Colt.

Bills nächste Kugel warf ihm eine Handvoll Erdreich ins Gesicht. Er erstarrte in der Bewegung. Die Knöchel seiner Hand, die den Revolvergriff umklammerte, traten weiß unter der Haut hervor.

"Lass ihn lieber stecken, Hombre!", brüllte Bill. "Die nächste..."

Das Gewehr des anderen Banditen schleuderte sein rhythmisches Krachen den Hang hinunter. Steinsplitter sirrten wie Geschosse durch die Luft. Der Verwundete begann zu kriechen. Auf allen vieren strebte er einem der Felsblöcke zu.

Bills Kugel stoppte ihn. Sie schlug dicht vor ihm ein. Schmerz und Angst entlockten ihm ein ersterbendes Röcheln. Aus unterlaufenen Augen starrte er auf den Felsen, hinter dem er den Deputy wusste. Er wagte nicht mal mehr mit der Wimper zu zucken. Die Furcht vor der nächsten Kugel würgte seinen Widerstandwillen regelrecht ab. Hals und Mundhöhle des Banditen waren jäh ausgetrocknet.

"Ich - ich gebe auf!" Seine Stimme war verzerrt von den Qualen, die ihm die Wunde bereitete, die Bills Kugel an seiner Hüfte gerissen hatte.

Das Gewehr seines Komplizen schwieg.

"Dann zieh vorsichtig die Kanone aus dem Holster und wirf sie fort!", rief Bill klirrend. "Und dir dort oben empfehle ich das gleiche. Es lohnt sich nicht, wegen einiger Pferde zu sterben."

Der Verwundete zog den Colt heraus und schleuderte ihn hangabwärts. Stahl klirrte gegen Gestein. Der Bursche presste die Hand auf die Wunde. "Er hat recht, Dale!", rasselte die Stimme des Mannes. "Wir..."

"Ich pfeif drauf!", brüllte der andere überschnappend. "Ich blase diesem aufgeblasenen Sternschlepper das Hirn aus dem Schädel. Und hinterher werde ich auf seinen Stern spucken."

Er spurtete nach rechts davon, schlug Haken wie ein Hase, wandte sich jäh hangabwärts und kam auf eine Höhe mit Bill. Dessen Kugeln begleiteten seinen Sturmlauf, aber der Kerl bewegte sich mit einer Behändigkeit ohnegleichen, so dass die Geschosse Bills nur Staubfontänen in die Höhe wirbelten. Dann peitschte wieder die Winchester des Pferdediebes. Bill warf sich zur Seite. Im letzten Moment. Denn der Mister hatte ihn von dem Platz aus, an dem er sich jetzt befand, gut im Visier, während er selbst sicher gedeckt hinter dem Felsen kauerte.

Bill rollte den Hang hinunter. Er stieß sich die Schulter an einem spitzen Stein. Etwas bohrte sich hart in seinen Rücken. Dann kam er hoch. Sein Schuss krachte. Er drückte sich ab, flog hinter einen Strauch und presste seinen Körper flach auf den Boden.

Oben sah er den verwundeten Banditen schlangengleich zu seinem Colt kriechen. Bill zielte kurz und drückte ab. Das Stück Blei knallte in das Bein des Banditen. Und jetzt gab er endgültig auf. Wimmernd blieb er liegen.

Sein Komplize jagte seine Kugeln blindlings in den Busch, hinter dem Bill lag. Zweige und Blätter regneten auf ihn herunter. Glühendheiß fuhr es ihm über das Schulterblatt.

Hier kannst du nicht bleiben!, hämmerte es hinter seiner Stirn. Gehetzt schaute er sich um. Fünf Schritte weiter wuchtete ein von der Erosion glattgeschliffener Felsbuckel aus dem Boden. Bill setzte alles auf eine Karte. Er zog die Beine an, schnellte hoch, und setzte alle Kraft ein, die in seinen Beinen steckte.

Oben trat der Bandit hinter seiner Deckung hervor. Sein kaltes Auge starrte über die Zieleinrichtung der Winchester auf Bills Rücken. In dem Moment, als er abdrückte und die Mündungsflamme aus dem Lauf stieß, schleuderte Bill sich herum. Er strauchelte, machte einen Sprung und landete gleichzeitig mit beiden Beinen. Das Gewehr ruckte in die Höhe. Feuer, Rauch und Blei stießen aus der Mündung. Der Bandit zuckte zusammen, seine Augen weiteten sich. Er wankte. Die Mündung seines Gewehres wies auf den Boden. Plötzlich entglitt die Waffe seinen kraftlos werdenden Händen. Sie klatschte auf den Boden. Der Bursche brach auf die Knie nieder, im nächsten Moment fiel er auf's Gesicht. Ein Schauder durchlief seine Gestalt, dann erschlaffte sie.

Abwartend verharrte Bill auf der Stelle. Er hatte nach seinem Schuss sofort eine Patrone in den Lauf geriegelt. Hart lag sein Finger um den Abzug.

Doch der Pferdedieb rührte sich nicht mehr.

Die gebotene Vorsicht nicht außer acht lassend stieg Bill den Hügel empor. Seine Sinne arbeiteten mit doppelter Schärfe. Diese Kerle waren nur aus Niedertracht, Verschlagenheit und tödlicher Gehässigkeit zusammengesetzt. Der kleinste Fehler konnte der letzte sein.

Bill näherte sich dem Verwundeten. Er holte sich dessen Waffen und schleuderte sie weit den Abhang hinunter. Das Gewehr prallte gegen einen Felsen und zerbrach. Zwischen den Zähnen stieß Bill hervor: "Das habt ihr verdammten Narren euch selbst zuzuschreiben."

Er erntete dafür einen gehässigen Blick. Dann keuchte der Bandit: "Willst du mich nicht verbinden bevor ich verblute?"

"Alles der Reihe nach", versetzte Bill ungerührt. "Um dein verkorkstes Leben scheinst du dir ja mächtige Sorgen zu machen. Mit dem Leben anderer gehst du leichtfertiger um."

Er stapfte zu dem anderen, der auf dem Gesicht lag und dessen Finger sich mit dem letzten Aufbäumen gegen den Tod im hartgebackenen Untergrund verkrallt hatten.

Unter die Banditenkarriere dieses Burschen hatte Bill einen blutigen Schlussstrich gezogen. Bill drehte ihn auf den Rücken. Noch im Tod verzerrte der Hass die Gesichtszüge des Mannes.

Bill kehrte zu dem anderen zurück. "Wie heißt du?"

"Dave Baxter. Zur Hölle mit dir, Deputy, ich gehe hier vor die Hunde, wenn du..."

Bill schnitt ihm das Wort ab: "Nimm dein Halstuch, Bandit. Wo habt ihr die Pferde?"

"Hinter dem Hügel", presste Baxter hervor.

"Well. Hast du Verbandszeug in deiner Satteltasche?"

Baxter nickte. Er knüpfte mit zitternden Fingern seine Bandana auf und zerriss sie. Einen der Streifen wickelte er sich um die Beinwunde. Den anderen presste er auf seine Hüfte.

Bill steckte zwei Finger in den Mund. Ein schriller Pfiff ertönte. Sekundenlang passierte gar nichts. Dann erklang ein Wiehern, und in das Gewieher hinein mischte sich pochender Hufschlag. Unten kam um eine Gruppe von Felsen ein Rappwallach. Das Tier stampfte den Abhang hinauf. Bei Bill blieb es stehen und spielte mit den Ohren. Bill stieß die Winchester in den Scabbard. Dann nahm er Handschellen aus seiner Satteltasche.

"Ich muss dich anketten, Baxter. Einer wie du kommt nämlich sehr leicht auf verrückte Ideen."

"Wie soll ich meine Wunde..." wollte der Bandit aufbegehren, doch Bill winkte schroff ab. Dann schnappte eine der Spangen um Baxters Handgelenk zu. Die andere Stahlklammer schloss Bill um den dicken Ast eines Strauches.

Bill holte seinen Stetson und drückte ihn sich auf die blonden Haare. Dann ritt er hinter den Hügel. Da standen die beiden Vierbeiner der Banditen unter den Sätteln, bei ihnen das kleine Rudel der gestohlenen Pferde. Die Banditen hatten einen provisorischen Seilcorral errichtet. Die Tiere äugten dem Reiter entgegen und peitschten mit den Schweifen nach den blutsaugenden Quälgeistern an ihren Seiten.

Bill riss den Seilcorral ein. Die Lassos benutzte er als Longen, an denen er die beiden Banditengäule führte. Das Rudel sattelloser Pferde trieb er vor sich her. Der pochende Hufschlag erfüllte die Morgenluft.

Bei Dave Baxter glitt Bill von seinem Pferd. Er ging zu einem der Banditengäule, wühlte in den Satteltaschen und fand Verbandszeug. Er warf es Baxter zu. "Ich bringe dich und deinen toten Kumpan nach Fort Stockton, Baxter. Dort wird sich ein Doc um deine Wunden kümmern. Ausheilen werden sie allerdings im Gefängnis, schätze ich."

Zwischen den engen Lidschlitzen des Banditen spiegelten sich Hass und Feindschaft...

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Baxter war auf Nummer sicher. Bill brachte die Pferde zu ihrem Besitzer auf die Double-B Ranch zurück. Brad Bradford, der Ranchboss, legte Bill die Hand auf die Schulter und schaute ihn ernst an. Mit schleppendem Tonfall gab er zu verstehen: "Jesse Elliott und zwei seiner Banditen haben Imerpial einen blutigen Besuch abgestattet, Bill."

Bill spürte, wie ihm ein eisiger Schauer über den Rücken rann. Eine unsichtbare Hand begann ihn zu würgen. Düstere Ahnungen befielen ihn. "Sprich weiter, Brad", entrang es sich ihm mit belegter Stimme.

"Sie kamen vor drei Tagen und schickten einen Halbwüchsigen zu Dud. Sie ließen ihm bestellen, dass er Punkt sechs Uhr nachmittags auf die Straße kommen solle, sonst würden sie ihn aus dem Office holen."

"Und Dud ging hinaus?", stieß Bill entsetzt hervor. "Gütiger Gott."

Bradford nickte schwer. "Sie drohten ihm, in der Stadt das Oberste zuunterst zu kehren, wenn er zur angegebenen Zeit nicht erscheint. Bill, verdammt, ja, er ist hinausgegangen." Die Stimme des Ranchers sank herab. "Einen von ihnen hat er mitgenommen auf die lange Reise. Aber gegen Elliott und Jackson hatte er keine Chance."

"Er ist tot." Es war keine Frage, es war eine Feststellung. Die drei Worte tropften wie Bleiklumpen von Bills zuckenden Lippen.

Der Druck der Hand auf seiner Schulter verstärkte sich. "Yeah, Bill. Wie ich schon sagte: Sie ließen ihm nicht den Hauch einer Chance."

"Diese Bastarde. Sind sie noch in Imperial?"

"Nein. Sie sind sofort weitergeritten."

"Wohin?"

Bradford zuckte mit den Achseln.

Eine jähe, tödliche Leidenschaft stellte sich bei Bill ein. Der Hass auf die Mörder seines väterlichen Freundes schwoll an wie ein reißender Fluss. Seine Gedanken wirbelten und drifteten auseinander. Dud ist tot!, sickerte es durch sein Gehirn. Sie haben den Mann, der dich damals aufgenommen und großgezogen hat, niedergeknallt wie einen tollwütigen Hund. Sie haben ihn kaltblütig ermordet...

Es nagte und fraß in ihm und ließ ihn nicht mehr los, vergiftete seinen Verstand und ließ keinen anderen Gedanken mehr zu, als den nach gnadenloser Vergeltung.

Er schaute Bradford an wie ein Erwachender. "Ich reite nach Imperial, Brad", murmelte er. "Und dann..."

Mit einem Satz war im Sattel des Rappwallachs. Der Tier tänzelte auf der Stelle. "Lauf, Blacky", zischte Bill und ruckte im Sattel. Das edle Tier streckte sich. Seine Muskeln und Sehnen begannen zu arbeiten.

Eine Stunde später ritt Bill zwischen die ersten Häuser der Stadt. Es war um die Mittagszeit. Die Sonne stand hoch im Zenit, hatte sich in einen glühenden Ball verwandelt und sog Mensch und Tier regelrecht das Mark aus den Knochen.

Passanten blieben auf den Sidesteps stehen, als sie den verstaubten Mann mitten auf der Fahrbahn reiten sahen. Betretenheit schlich sich in die Gesichter. Viele der männlichen Einwohner der Town bekamen es plötzlich sehr eilig, von der Straße zu verduften. Beim Saloon hielt Bill an. Er saß ab. Staub rieselte von seinen Schultern und von seiner Hutkrempe. Er führte Blacky zum Tränketrog und ließ die Zügel einfach fallen. Das Tier senkte seine Nase in das brakige Wasser.

Sattelsteif ging Bill in den Inn. Seine Absätze tackten rhythmisch. Eine Schicht aus Staub und Schweiß hatte sich in seinem Gesicht gebildet. Seine Lider waren gerötet. Er sah aus wie ein Mann, den nach vielen Tagen die Hölle ausgespuckt hatte.

An einem der Tische beim großen Frontfenster saßen vier Männer. Bürger von Imperial. Der Salooner stand hinter dem Tresen und starrte Bill an wie eine Erscheinung. An einem Tisch am Ende der Theke saßen zwei Girls, die an den Wochenenden die Gäste bedienten, wenn die Cowboys von den umliegenden Ranches in die Stadt strömten, um sich nach einer Woche knochenbrechender Sattelarbeit auszutoben und der Lasterhaftigkeit zu frönen.

Morna, so hieß das eine der beiden hübschen Mädchen, erhob sich, als Bill einen Schritt vor der Tür abrupt stehen blieb. Hinter ihm schlugen knarrend die Batwings aus.

Bills staubheisere und dennoch klirrende Stimme erklang: "Luke, wo war diese elende Stadt, als Dud auf die Straße ging? Warum hat ihm kein einziger Mann beigestanden?"

Luke, der Salooner, zog den Kopf zwischen die Schultern. Die vier Kerle beim Frontfenster vermieden es, Bill anzusehen. Sie schienen auf ihren Stühlen regelrecht zu schrumpfen.

Morna trat vor Bill hin und legte ihm beide Hände gegen die Brust. Er roch den Duft ihrer dunklen Haare und sah ihren beschwörenden Blick, der sich an seinem Gesicht verkrallt hatte.

"Du solltest der Stadt keinen Vorwurf machen, Bill", kam es leise über ihre sinnlichen Lippen. "Den Männern fehlte ganz einfach der Mut, sich an Duds Seite zu stellen und gegen die drei skrupellosen Strolche zu kämpfen."

"Als Dud den Mörder Matt Elliott gefesselt in die Stadt brachte, waren sie mutig genug, nach einem Strick für den Banditen zu brüllen. Diese Feiglinge." Die Schicht aus Schweiß und Staub in Bills Gesicht zerbrach. In seinen blauen Augen flirrte es kalt. Er ließ seiner tiefen Verachtung freien Lauf. "Diese Stadt ist eine Rattenburg", presste er hervor. "So ist es. Sie wird von Ratten und feigen Coyoten bevölkert."

Er schwang herum. Mornas Hände sanken nach unten. "Bill, bitte..." flehte sie, aber Bill stieß schon mit den Handballen die Türflügel auf und verließ den Schankraum.

Er führte Blacky zum Mietstall. Den Jungen, der hier Dienst versah, fragte er: "Hatten Jesse Elliott und seine Schnellschießer ihre Pferde bei dir untergestellt?"

Der Halbwüchsige nickte.

"Hast du eine Ahnung, wohin sie sich gewandt haben?"

"Sie sprachen vom Canadian", erwiderte der Boy.

"All right, Junge", murmelte Bill. "Reib Blacky trocken und gib ihm Futter. Ich hole ihn morgen früh ab."

Er verließ den Mietstall und ging zum Undertaker. Er erfuhr, dass Dud schon beerdigt worden war. Wegen der Hitze, erklärte ihm der Totengräber. Bill stapfte zum Boothill, der etwas außerhalb der Stadt angelegt worden war. Lange stand er vor dem flachen Grabhügel. Und während er seinen Stetson in den Händen drehte und von einer ganzen Gefühlswelt durchströmt wurde, leistete er einen Schwur - den Schwur, nicht zu ruhen, bis Dud McPhersons Mörder zur Rechenschaft gezogen waren.

Schließlich verließ er das Grab. Er kehrte in die Stadt zurück und begab sich ins Office. Die Strapazen der vergangenen Tage steckten ihm in den Knochen. Er legte sich auf eine der Pritschen im Zellentrakt. Schlaf jedoch fand er zunächst nicht. Viel zu sehr war er aufgepeitscht. Eine eisige Hand aus der Vergangenheit griff nach ihm. Vor seinem geistigen Augen erschienen farbige Bilder.

Da war die kleine Ranch am Tule Creek. Er war 12 Jahre alt, seine Schwester Lucy 15. Er sah seine Mutter und seinen Vater. Es gab zwei alte Cowboys. Das Leben verlief ruhig und friedlich.

Bis zu jener Nacht, in der sich alles schlagartig veränderte. Bill erinnerte sich an das Peitschen der Gewehre und das Dröhnen der Revolver. Reiter donnerten in wilder Karriere um die Ranch. Mündungslichter zerschnitten die Finsternis. Pulverdampf und aufgewirbelter Staub vermischten sich und hüllten die Gebäude ein wie dichter Nebel. Lucy wurde in den Ranchhof gezerrt. Einer der Nachtreiter hievte sie vor sich auf's Pferd. Flammen schlugen aus dem Haus. Bald brannte die Ranch wie ein riesiger Scheiterhaufen. Geisterhafte Lichtreflexe spülten über die regungslosen Mienen der Kerle hinweg. Das eine oder andere der Gesichter würde Bill sein Leben lang nicht vergessen. Unauslöschlich hatten sie sich in seinem Bewusstsein eingebrannt.

Er war aus dem Fenster geflohen und ins Ufergebüsch des Flusses geflüchtet.

Die Gebäude brachen zusammen. Funken stoben, Asche wirbelte. Das höllische Rudel ritt in die Nacht hinein. Lucy nahmen die Mörder mit. Bill hatte nie wieder etwas von ihr gehört. Ihr Schicksal lag im Dunkeln.

Bills Eltern waren tot. Brutal erschossen. Ebenso die beiden Cowboys. Bill wagte sich aus seinem Versteck. Er war alt genug, um zu begreifen, dass er hier nicht bleiben konnte. Er machte sich auf den Weg nach Silverton. Niemand wollte ihn. Er war dazu verdammt, sich als Bettler durch's Leben zu schlagen. Dann traf er auf Dud McPherson. Dud nahm ihn auf und brachte ihm alles bei, was ein Mann brauchte, um nicht zu scheitern.

Dud hatte Nachforschungen betrieben. Oben, im Panhandle, stieß er auf riesige Ranches, die einem Zusammenschluss angehörten, der sich 'Panhandle Cattle Company' nannte. Eisenharte, unduldsame und kompromisslose Männer führten diese Ranches, hartbeinige, schnellschießende Mannschaften standen ihnen zur Verfügung. Wer ihnen im Wege war, wurde gnadenlos zermalmt. Es ging um Weideland und Wasserrechte. Die Alteingesessenen bekämpften die Neusiedler und Smallrancher. Das Gesetz stand auf schwachen Beinen...

Wer den Mord an Bills Eltern veranlasste, kam nie an Licht. Und Bill musste in den all den Jahren damit leben, dass die Mörder seiner Eltern und Kidnapper seiner Schwester frei herumliefen.

Jetzt, 17 Jahre nach der blutigen Nacht am Tule Creek, war Dud ebenfalls kaltblütig und brutal ermordet worden.

Irgendwann übermannte Bill der Schlaf. Schreckliche Träume quälten ihn und rissen ihn immer wieder in die Höhe.

In der Nacht stand er wie gerädert auf. Nichts mehr hielt ihn an diesem Ort. Nicht einmal Morna, mit der er ein recht inniges Verhältnis hatte. Alle hatten sie zugesehen, als Dud zusammengeknallt wurde. In Bill war etwas zerbrochen. Es gelang ihm nicht, für irgendeinen Menschen in Imperial ein anderes Gefühl als Verachtung aufzubringen.

Im Office war es finster. Bill machte kein Licht. Er löste den Stern von seiner Weste und legte ihn auf den Schreibtisch. Dann verließ er das Office. Fahles Mondlicht lag mit silbrigem Hauch auf den Dächern und der Fahrbahn. Bill marschierte entschlossen zum Mietstall. Eine Laterne spendete vages Licht. Blacky ruckte in die Höhe und schnaubte. Der Mann legte ihm den Sattel auf, zäumte ihn und führte ihn in den Wagen- und Abstellhof. Das Sattelleder knarrte, als er aufsaß.

Bill ritt auf die Main Street und wandte sich nach Norden. In seinem Holster steckte der 45er, im Scabbard die Winchester. Was Bill jedoch im Herzen trug, aber war gefährlicher und tödlicher als jede Waffe der Welt...

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Es war früher Morgen. Die ersten Strahlen der Sonne griffen nach der Horseshoe-Ranch am Palo Duro Creek. Die Luft war kühl und frisch. Über dem Creek wallten die Morgennebel.

Jane Carson trat aus dem Haupthaus. Jane war 26 Jahre alt. Lange, dunkle Haare fielen in weichen Locken über ihre Schultern und auf ihren Rücken. Sie rahmten ein schmales, sonnengebräuntes Gesicht ein, das von einem Paar dunkler Augen beherrscht wurde. Die junge Frau war mittelgroß und sehr schlank. Bekleidet war sie mit Jeans, einem karierten Hemd und einer braunen Lederweste. Ihre Füße steckten in Reitstiefeln, auf ihrem Kopf saß ein flachkroniger Stetson. Jane trug eine Tasche aus Leder mit sich.

Nach dem mysteriösen Tod ihres Vaters vor einem Jahr hatte Jane die Ranch übernommen. Sie beschäftigte ein halbes Dutzend Cowboys. Ihr Vater hatte sich auf die Pferdezucht verlegt. Der Betrieb verfügte aber auch über einige kleinere Herden Longhorns.

Bei der Remise war Legh Caldwell, einer der Cowboys und Broncobuster, damit beschäftigt, ein Pferd vor einen Buggy zu spannen. Er winkte Jane zu. Jane wartete beim Brunnen in der Hofmitte. Der kühle Morgenwind strich über ihr ebenmäßiges Gesicht. Rundum zwitscherten die Vögel. Einige Hühner pickten im Staub. In der Koppel hinter dem Pferdestall tummelten sich etwa 50 Pferde. Sie waren für den Verkauf an die Armee bestimmt.

Legh Caldwell führte das Pferd in den Hof. Die Räder des Buggy quietschten leicht in den Naben. Das schwarze Verdeck war zurückgeschlagen. Der Cowboy vollführte eine einladende Handbewegung und grinste. Jane setzte ich in das Fahrzeug. Legh schwang sich neben sie auf den Sitz, angelte sich die langen Zügel, die er um den Bremshebel gewickelt hatte, und ließ sie auf den Rücken des Pferdes klatschen.

Aus der Tür des Bunkhouse traten zwei Weidereiter und winkten ihnen hinterher. Der Buggy holperte über den ausgefahrenen, von Radspuren zerfurchten Weg, der dem Creek folgte. Am späten Nachmittag erreichten Jane und der Cowboy Amarillo. Die Stadt war der wirtschaftliche Knotenpunkt, das Herz des Panhandle, und zählte etwa 500 Seelen. Der Handel blühte. Fortschritt und Aufschwung waren nicht aufzuhalten. Eine Eisenbahnverbindung hierher gab es allerdings noch nicht. Sie sollte erst im Jahre 1887 Amarillo mit dem Osten verbinden.

Jane und der Cowboy gingen zunächst, nachdem sie das Gespann in einem Mietstall abgegeben hatten, in ein Restaurant, um zu essen und zu trinken. Als der Cowboy sich eine Zigarette gerollt und angezündet hatte, sagte Jane: "Legh, du wartest hier auf mich. Ich gehe zur Bank, um mit Brown einige Dinge abzuklären."

Der Cowboy grinste schief. "Sei mir nicht böse, Jane, aber das hier ist nicht das, wo ich mir die Zeit vertreiben möchte." Er machte eine Handbewegung in die Runde. "Ich warte lieber im Cattleman Saloon auf dich. In Ordnung?"

Jane lächelte. "Von mir aus. Ich komme also in den Cattleman Saloon, wenn ich meine Angelegenheiten bei Brown geregelt habe."

Sie verließen das Restaurant. Draußen trennten sich ihre Wege. Um sie herum pulsierte reges Leben. Jane begab sich zur Bank. Einer der Clerks fragte sie nach ihren Wünschen. Sie verlangte Patrick Brown zu sprechen, den Bankier.

Zehn Minuten später saß sie dem Mister gegenüber. Brown war ein dickleibiger Bursche mit Glatze. In seinem feisten Gesicht klebte ein süffisantes Grinsen. Seine aufgeworfenen Lippen sprangen auseinander. "Sie sind gerade noch rechtzeitig gekommen, Miss Carson. Wenn die fälligen Zinsen für die Hypothek nicht bis Mitternacht eingezahlt worden wären, dann... Nun, Sie wissen sicher, was dann gewesen wäre."

Jane nickte ohne die Spur von Freundlichkeit. Sie griff in ihre Tasche und legte ein Bündel Geldscheine auf den Tisch. "2000 Dollar", gab sie kühl zu verstehen. "Die Zinsen für ein Jahr. Außerdem würde ich mit Ihnen gerne einmal über den Zinssatz sprechen, Brown. Zehn Prozent sind zu hoch. Das ist Wucher. Wie soll ich die Hypothek je ablösen können, wenn mein Erspartes für die Zinsen draufgeht?"

Brown starrte sie durchdringend an. "Die Hypothek ist in einem Jahr fällig, Miss. Ihr Vater hat die Bedingungen akzeptiert und den Vertrag unterschrieben. 20.000 Dollar, zehn Jahre Laufzeit, zehn Prozent Zinsen. Es tut mir leid."

"Was ist, wenn ich in einem Jahr nicht zahlen kann?"

Pat Brown hob die Hände, es sollte so etwas wie eine bedauernde Geste darstellen, ließ sie wieder auf seinen Schreibtisch sinken und erwiderte schmal: "Dann wird die Hoseshoe Ranch wohl unter den Hammer kommen, Miss."

"Und welcher von den Weidepiraten der Panhandle Cattle Company steht Ihnen schon auf den Haken, damit Sie ihm den Schuldschein verkaufen?"

Brown zeigte ein mattes Grinsen. "Was interessiert es Sie dann noch, was aus Ihrer Ranch wird, Miss? Sie werden das Land verlassen und irgendwo neu beginnen. Warum haben Sie nicht schon längst aufgegeben? Sie fretten sich mit ihren sechs Cowboys dahin, leben sozusagen von der Hand in den Mund und..."

Jane schnitt ihm schroff das Wort ab. "Nur wegen Ihrer horrenten Zinsforderungen, Brown. Wenn der Hypothekenvertrag im nächsten Jahr ausläuft - was steht entgegen, dass wir ihn verlängern?"

"Nun, die Bank will ihr Geld sehen."

"Das Geschäft der Bank ist der Geldverleih. Bei Ihren Wucherzinsen floriert dieses Geschäft doch. Nein, Brown, dahinter stecken andere Interessen. Wenn Sie mir die Hypothek nicht verlängern, dann nur, weil jemand scharf auf mein Weideland ist. Im Verein mit Ihnen soll der Horseshoe Ranch der Todesstoß versetzt werden."

Pat Brown saß plötzlich aufrecht. Die Glätte in seinem Gesicht zerbrach. Seine blassblauen Augen versprühten zornige Blitze. Er schnappte aufgebracht: "Was sind das für Unterstellungen, Miss? Welcher finsteren Machenschaften verdächtigen Sie mich? Dafür sollte ich Sie aus der Bank werfen lassen."

"Quittieren Sie mir die Einzahlung, dann gehe ich von selbst", fauchte Jane. Dieser feiste Mister, der sich auf die Seite der Starken und Mächtigen hier im Panhandle geschlagen hatte, verursachte in ihr Übelkeit. Seiner Sorte konnte ihr nicht das Geringste abgewinnen.

Browns Züge glätteten sich wieder. Seine Brauen blieben düster zusammengeschoben. Er griff nach dem Bündel Banknoten und zählte es. Dann nickte er zufrieden und quittierte den Empfang des Geldes. Er reichte Jane das Stück Papier. Sie warf einen Blick darauf. Es hatte seine Ordnung. Sie schob die Quittung in eine Brieftasche und legte diese in ihre Tasche.

Jane verließ die Bank grußlos. Die Sonne stand schon über den Zacken und Graten der Berge im Westen. Die Frau orientierte sich. Dann machte sie sich auf, um Legh Caldwell aus dem Cattleman Saloon zu holen. Sie mussten sich ein Zimmer für die Nacht suchen.

Als sie sich dem Saloon auf etwa 20 Schritte genähert hatte, donnerte im Schankraum ein Schuss. Die Detonation trieb ins Freie. Dann kehrte Stille ein. In jäher Sorge begann Jane zu laufen. Sie spürte das Unheil fast körperlich. Ein beklemmendes Gefühl, von dem sie selbst nicht wusste, woher es rührte, das sie auch nicht zu analysieren vermochte, bemächtigte sich ihrer.

Sie stieß die Türflügel auseinander und staute den Atem...

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Legh Caldwell hatte sich im Cattleman Saloon an die Theke gestellt. Im Schankraum herrschte wenig Betrieb. Das würde sich erst ändern, wenn sich die Nacht über Amarillo senkte und die große Stadt begann, zu sündigem Leben zu erwachen.

Der Cowboys bestellte sich ein Bier. Es war kühl und löschte seinen Durst. Er schaute sich um. Der Inn war ziemlich luxuriös eingerichtet. Die Rückwände der Borde mit den Gläsern und Flaschen bildeten Spiegel, die vom Boden bis zur Decke reichten. Im Mittelgang hingen von der Decke Lüster mit geschliffenen Tropfen, die in allen Regenbogenfarben leuchteten. Über den Tischen waren Lampen angebracht. An den Wänden hingen Bilder mit Frauen und Landschaften. Die Theke war aus Mahagoni, die Platte aus poliertem Kupfer, Hand- und Fußlauf aus Messing.

Ja, das war ein nobler Laden.

Auf dem Vorbau dröhnten Schritte. Am großen Frontfenster schritten drei Kerle vorbei. Im nächsten Moment flogen die Türpendel auseinander und sie kamen herein. Sie waren gekleidet wie Weidereiter. Die Colts jedoch hingen tief an ihren Oberschenkeln.

Diese Kerle verströmten Härte und Unerbittlichkeit.

Sie bauten sich am Schanktisch auf und schrien nach Whisky. Der Keeper beeilte sich, ihrem Wunsch nachzukommen. Sie prosteten sich zu und tranken.

Legh Caldwell beobachtete sie, schätzte sie ein und kam zu dem Ergebnis, dass es sich um drei Revolvercowboys von einer der großen Ranches im Panhandle handelte.

Sie bemerkten seinen taxierenden Blick. "Heh, Mister, warum starrst du uns so an?", fragte einer der Kerle, ein breitschultriger, finstergesichtiger Typ.

Legh drehte sein Bierglas in der Hand. Mit der Linken winkte er ab. "Es ist nichts. Ich hab euch wohl vollkommen gedankenlos gemustert."

"O nein, Amigo. Du hast uns ziemlich bewusst angestarrt. Wo kommst du her? Ich hab dich noch nie hier gesehen." Zwingend starrte er Legh Caldwell an.

"Vom Palo Duro Creek", murmelte Legh. "Ich arbeite dort seit kurzer Zeit auf der Hoseshoe Ranch. Ich bin mit der Besitzerin nach Amarillo gekommen, weil..."

Legh brach ab. Es ging diese Kerle nichts an.

"Weil was?", herrschte ihn der andere an und wechselte viel sagende Blicke mit seinen Gefährten.

"Tut nichts zur Sache", knurrte Legh. Ihm war etwas mulmig zumute. Und er nahm sich vor, sein Bier nicht auszutrinken, sondern zu bezahlen und zu verduften. Einen Streit wollte er sich nicht an den Hals laden. Er stellte das Glas ab, griff in die Tasche und warf ein Fünfcent-Stück auf den Tresen. Legh wandte sich ab, um zu gehen.

"Von der Hoseshoe Ranch also", hielt ihn die höhnische Stimme des anderen auf. "Dann sind wir ja sozusagen Nachbarn. Wir reiten für die Hackknife Ranch am Canadian. Mein Name ist Phil Garrett. Die beiden hier sind neu. Sie heißen Elliott und Jackson. Weißt du, dass die Horseshoe die Hackknife Rinder vom Palo Duro Creek abhält?"

Legh Caldwell zuckte mit den Achseln. "Das ist nicht mein Problem, Garrett. Ich reite für die Horseshoe Pferde ein und kümmere mich hin und wieder zusammen mit den anderen um die Rinder. Ansonsten..."

"Die Lady, der die Ranch gehört, hat der Hackknife den Zugang zum Fluss verwehrt. Das finden wir gar nicht lustig, Amigo. Kürzlich haben einige von euch fast eine Stampede verursacht, als sie Hackknife-Rinder mit Schüssen von der Hoseshoe-Weide jagten."

"Davon weiß ich nichts", knurrte Legh Caldwell. "Ich gehe jetzt, Garrett. Von dir habe ich übrigens schon gehört. Du bist nach Jim Wallace und Mel Stratton der dritte Mann auf der Hackknife Ranch."

Garrett grinste scharf. "Dann weißt du sicherlich auch, dass ich es nicht hinnehme, dass ein paar Pinscher von einer lächerlichen Pferderanch es wagen, der Hackknife die Stirn zu bieten. Gib acht, Caldwell. Ich werde dich nun stellvertretend für alle Sattelquetscher der Horseshoe auf deine richtige Größe zurechtstutzen. Ihr werdet es euch künftig überlegen, auf unsere Longhorns zu schießen und sie fast in Stampede zu treiben."

Jesse Elliott und Lewis Jackson grinsten verschlagen und niederträchtig. Seit 24 Stunden standen ihre Namen auf der Lohnliste der Hackknife Ranch. Phil Garrett, den eine alte Freundschaft zu den Sheriffmördern verband, hatte die beiden ins Land geholt.

Die Hackknife suchte gewissenlose Kerle. Im westlichen Oldham County hatte die Regierung vor längerer Zeit das Land zu beiden Seiten des Canadian River für die Besiedlung freigegeben. Heimstätter waren im Lauf der Zeit eingetroffen und hatten ihre Parzellen abgesteckt. Sie hatten begonnen, Zäune zu ziehen...

"Ich werde mich nicht mit dir schlagen, Garrett", wehrte Caldwell ab. "Außerdem sollte die Hackknife dafür sorgen, dass ihre Rinder nicht auf fremde Weidegründe laufen."

Caldwell setzte sich in Bewegung. Die wenigen Gäste im Saloon waren auf den Wortwechsel beim Tresen aufmerksam geworden. Sie beobachteten die vier Männer.

Mit zwei Schritten hatte Garrett den Cowboy eingeholt. Seine Hand legte sich auf Caldwells Schulter und riss den Weidereiter herum. Und dann klatschte seine flache Rechte auf die Wange Legh Caldwells. Rot zeichneten sich die fünf Finger Garretts auf der Haut des Cowboys ab.

Caldwells Verstand holte die Reflexbewegung seiner Rechten zum Revolver ein. Seine Fingerkuppen hatten schon den Knauf berührt. Jetzt zuckten sie zurück, als wäre dieser glühendheiß.

"Warum machst du nicht weiter?", peitschte Garretts Organ. Seine Hand hing dicht neben dem Sechsschüsser. Herausfordernd starrte er Caldwell an. Ein Blick in sein Gesicht ließ all die Brutalität und Skrupellosigkeit erkennen, die in ihm steckten.

Jesse Elliott und Lewis Jackson lachten. "Wenn er jetzt den Schwanz einzieht, dann nimmt zwischen hier und Mexiko kein Straßenköter mehr ein Stück Brot von ihm ", rief Jackson wild.

Seine letztes Wort versank in der Lautlosigkeit, die eingetreten war. Die Atmosphäre im Schankraum war unvermittelt unheilvoll und drohend.

"Ich gehe jetzt", quoll es aus dem Mund Caldwells. "Ich lasse mich von dir nicht provozieren, Garrett."

Phil Garretts Hand zuckte hoch. Bretterhart landete der Handrücken auf Caldwells Mund. Die Unterlippe platzte auf. Blut sickerte über das Kinn des Cowboys.

"Feiger Hund!", zischte Garrett.

"Lass dir von ihm die Stiefel küssen, Phil", stichelte Jesse Elliott, der Sheriffmörder.

"Das kommt zum Schluss, wenn er auf allen vieren am Boden liegt", knurrte Garrett. Und mit seinem letzten Wort zuckte seine Rechte erneut in die Höhe. Und wieder klatschte sie schmerzhaft in Legh Caldwells Gesicht. Sein Kopf flog auf auf die Schulter. Die Wucht des Schlages ließ ihn taumeln. Ein gurgelnder Ton kämpfte sich in seiner Brust hoch und erstickte in der Kehle. Es hörte sich an wie ein trockenes Schluchzen.

Caldwell wich zurück. In seinen Augen flackerte die Angst. Sie kam kalt und stürmisch wie ein Blizzard und schnürte ihm die Kehle zu.

Garrett folgte ihm gleitend wie eine große Raubkatze. Ein kaltes Grinsen bog seine Mundwinkel nach unten. Es konnte nicht über die erwartungsvolle, drohende Spannung hinwegtäuschen, die den Saloon erfüllte. Heimtücke und Bosheit lagen in diesem Grinsen, aber da war noch mehr -  da war der Wille, zu zerschlagen, zu zertrümmern, zu vernichten, und da war die tödliche Gier...

Caldwell achtete nicht darauf, in welche Richtung er taumelte. Die Angst vor Garrett hatte ihn derart im Klammergriff, dass sie keinen anderen Gedanken zuließ. Plötzlich ging es nicht mehr weiter. Der Cowboy stieß mit dem Rücken gegen die Theke.

Garrett schlug noch einmal zu. Caldwells Oberkörper kippte halb über den Tresen. Ein Glas stürzte um und zerbrach klirrend. Bier verteilte sich auf der Kupferplatte und tropfte auf die Dielen. Ein zerrinnendes Röcheln wand sich aus Caldwells Kehle. Und dann brannte bei ihm eine Sicherung durch. Angst und Wut über die Demütigung beraubten ihn seiner Sinne. Er richtete sich auf, ein gehetzter Ton kam über seine Lippen, er knickte in der Mitte nach vorn, seine Hand zuckte zum Colt.

Legh Caldwell brachte das Eisen halb aus dem Holster, als es bei Garrett schon aufglühte. Eine ellenlange Mündungsflamme stieß aus der Coltmündung. Pulverdampf schwebte vor Garretts Gesicht. Der Donnerknall rüttelte an den Wänden und drohte den Saloon aus seinen Fugen zu sprengen.

Caldwell wurde herumgeschleudert. Sein Oberkörper kippte über den Schanktisch. Seine Knie knickten ein. Mit einem ersterbenden Stöhnen rutschte er am polierten Mahagoniholz des Tresens auf die Dielen. Sekundenlang verkrampften sich seine Finger um den Handlauf. Dann verließ den Cowboy die Kraft. Er krachte auf den Boden. Seine Gestalt streckte sich. Ein letztes, unkontrolliertes Zucken seiner Beine, dann rollte der Kopf auf die Seite. Die Anspannung in Caldwells Zügen löste sich.

"Jeder hat es gesehen", rief Garrett klirrend. "Er hat zuerst nach dem Sechsschüsser gegriffen." Der Schießer ließ den Colt einmal um seinen Finger rotieren, dann versenkte er ihn im Holster.

Da flog die Pendeltür auf.

Jane Carson stand im Saloon. Sie sah Legh vor dem Tresen am Boden liegen. Der ätzende Geruch von verbranntem Pulver trieb ihr entgegen. "O mein Gott..." Jane brachte nur noch ein ersterbendes Flüstern zustande. Sie begriff, was sich hier zugetragen hatte. Erschütterung und Fassungslosigkeit überwältigten sie. Ein eiserner Ring schien sich um ihre Brust gelegt zu haben und sie zusammenzuschnüren. Ihr Atem ging stoßweise.

Die schöne Frau überwand sich. Auf tauben Beinen stolperte sie vorwärts. Eine ganze Gefühlswelt in den Besichtszügen brach sie bei Legh auf die Knie. Sie blickte in seine gebrochenen Augen und sah sein Blut, das zwischen den Fußbodendielen versickerte.

"Wer...? Warum...?", brach es aus ihr heraus. Ihre Stimmbänder versagten. Heiß stieg es in ihr auf. Ihr Herz hämmerte wie wild gegen die Rippen.

Sie hob das Gesicht. Nacheinander musterte sie die versteinerten Mienen der drei Kerle. An Phil Garretss Gesicht blieb ihr flackernder Blick hängen. "Weshalb, Garrett? Was hat er euch getan?"

Details

Seiten
600
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917499
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412897
Schlagworte
sammelband wildwest-romane stern texas western

Autoren

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Titel: Sammelband 5 Wildwest-Romane: Ein Stern für Texas und andere Western