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Sammelband 13 erbarmungslose Western Februar 2018

von Alfred Bekker (Autor:in) W. W. Shols (Autor:in) Glenn Stirling (Autor:in) Horst Weymar Hübner (Autor:in) John F. Beck (Autor:in) Larry Lash (Autor:in)
2018 1500 Seiten

Leseprobe

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Sammelband 13 erbarmungslose Western

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Von Alfred Bekker, John F. Beck, Glenn Stirling, Larry Lash, Horst Weymar Hübner.

Der Umfang dieses Buches entspricht 1530 Seiten.

Top-Western von Erfolgsautoren des Genres. Männer im Kampf gegen Recht und Rache, packend in Szene gesetzt.

Dieses Buch enthält folgende Western-Romane:

W.W.Shols: Ein verdammter Feigling

Alfred Bekker: Ritt zum Galgen

John F. Beck: Der Galgenritt

Larry Lash: Trommelnde Hufe

Alfred Bekker: Die Geier vom Lincoln County

Horst Weymar Hübner: Waschbär-Charly

Glenn Stirling: Zwei gegen Texas

Horst Weymar Hübner: Captain Feigling

Glenn Stirling: Wo der Tod lauert

Glenn Stirling: Nachts reitet der Tod

Glenn Sterling: Feuermarke 2

Alfred Bekker: Gunfighter-Rache

Alfred Bekker: Der lange Schatten des Jake McCann

Titelbild: Firuz Askin

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Ein verdammter Feigling

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Roman aus dem amerikanischen Westen

von W. W. Shols

Der Umfang dieses Buchs entspricht 143 Taschenbuchseiten.

Die Bürger von Socorro nennen John Perry einen verdammten Feigling. Nur deswegen, weil er sich weigert, ihnen die Kastanien aus dem Feuer zu holen, das ihnen selber zu heiß ist. Ike Dillards Bande terrorisiert das Land, brennt Farmen nieder, verwüstet die Felder, raubt und mordet. Und weil Sheriff Coshman ganz genau weiß, dass er gegen die Dillard Bande niemals ein Aufgebot zusammenbekommen wird, soll John Perry den heißen Job übernehmen. Perry hat geschworen, nie wieder zur Waffe zu greifen. Niemals mehr will er einen Menschen töten ... doch es kommt die Stunde, da Perry seinen Schwur brechen muss — denn jetzt geht es um sein Leben!

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach einem Motiv von H.W.Dunton, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Damals ...

Sein Name wurde in einem Atemzug mit den berühmtesten Gesetzesvertretern genannt. Er hatte geschworen, die Pest des Banditentums mit Stumpf und Stiel auszurotten. Dann lernte er Muriel kennen. Sie war wie ein Engel, der ihm die Wahrheit über sein Leben brachte.

Zunächst war es eine traurige Wahrheit für John Perry. Denn bisher hatte er immer geglaubt, richtig gehandelt zu haben. Er glaubte, seine schnelle Hand sei dafür da, der Gerechtigkeit den Weg zu bahnen. Dass er Banditen erschießen musste, schien ihm unumgänglich und im Sinne des Gesetzes entschuldbar.

Muriel belehrte ihn eines Besseren. Er sah ein, dass es schlecht war, mit Pulver und Blei und mit dem verlorenen Blut des Nächsten Glück und Frieden für sein Land zu schaffen.

Muriel, schön und rein wie ein Engel, liebte den großen, starkknochigen Mann. Und mit ihrer Liebe schenkte sie ihm auch jene Wärme, die nur ein wahrer Christenmensch kennt. John Perry erlebte seine Bekehrung.

Das war vor fünf Jahren.

Heute ist John Perry ein Mann Anfang der Vierzig und hat manchmal das Gefühl, als ob sein Leben tatsächlich erst vor fünf Jahren begonnen habe. Damals — als er aufhörte, ein Gesetzesbeamter zu sein, und anfing, ein Ehemann und Farmer zu werden.

John Perrys Baumwolle steht gut, sein Mais gedeiht. Nie im Leben ist er glücklicher und zufriedener gewesen. Er hat den Colt mit der Bibel vertauscht, und nie wird er sein Versprechen, das er Muriel gab, brechen. Nie wird ihn das große Gebot der Bibel verlassen, das entscheidend für sein Leben wurde. Das Gebot, das befiehlt: Du sollst nicht morden!

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2

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Als John Perry die ersten glockenreinen Klänge des Triangels hört, zieht der Kummer wieder in sein Leben ein. Er runzelt die Stirn und stützt sich auf seine Hacke. Warum mag Muriel zu dieser Tageszeit wohl den Triangel schlagen?

Er schultert die Hacke wie ein Gewehr und geht den leichtansteigenden Hang hinauf, bis er das Haus sehen kann. Die harte Landarbeit hat seine breiten Schultern noch nicht rund gemacht. Er geht aufrecht mit erhobenem Kopf und dem unbewussten Stolz eines Soldaten.

John kann seine Frau sehen, die ihm von Hinterhof aus zuwinkt. Er lächelt und winkt mit der Hacke über seinem Kopf zurück.

Dann runzelt er leicht die Stirn, als er den glänzenden schwarzen Wagen neben dem Stall bemerkt. Sam Woods Kutsche. Was mag wohl einen Bankier bewegen, den ganzen Weg von Socorro bis hierher herauszufahren?

„Bruce“, ruft er dem älteren der beiden Flenning Boys zu, mit denen er auf dem Baumwollfeld hackte, „es sieht so aus, als ob du und Bud 'ne Weile allein arbeiten müsstet. Meine Frau wünscht, dass ich nach Hause komme.“

„Klar, Marshal“, ruft der Boy zurück. „Bud und ich schaffen's allein bis Sonnenuntergang.“

Viele Leute nennen ihn immer noch ,Marshal, obwohl er den Colt vor fünf Jahren in die Kiste legte.

Muriel ist ins Haus gegangen, um sich ihrem Gast zu widmen. Aber sie kommt wieder heraus, als sich John dem Stall nähert.

„John — Sam Wood ist da. Er will dich sprechen.“

„Ich erkannte schon den Wagen“, sagt John und küsst sie zart. Er staunt über die weiche Fülle ihres hellblonden Haars und ist immer wieder darüber verwundert, dass diese zierliche, mädchenhafte Frau die Mutter seiner Kinder sein soll. „Welcher Floh hat ihn denn gebissen, dass er den weiten Weg von Socorro hierher macht?“

„Das hat er nicht gesagt.“ Ihre Augen blicken besorgt zu ihm auf und spiegeln eine kleine Ängstlichkeit. „John, wir haben doch keine Schwierigkeiten bei der Bank, oder?“

„Nicht mehr als jeder andere Farmer. Wir schulden Sam Geld, aber er weiß, dass er es zur Erntezeit wieder zurückbekommen wird.“

Der drei Jahre alte Tim Perry packt die Beine seines Vaters in dem Augenblick, als John die Küche betritt. Von dem Tag an, als der Junge kriechen lernte, ist dies zu einem Brauch in Perrys Haus geworden: Tim klammert sich lachend an Daddys Bein, während John ihn auf seinem Rist in der Küche herumreiten lässt. Muriel freut sich gewöhnlich über das Spiel genauso wie die beiden. Doch heute ist es anders, denn Sam Wood wartet im Wohnzimmer und hört zu.

„John!“, sagt sie ungnädig. „Mister Wood wird denken, dass du leichtsinnig bist, wenn du so weitermachst!“

John grinst.

„Vielleicht bin ich ein wenig leichtsinnig.“ Aber er setzt den Jungen zu Boden, gibt ihm einen leichten Klaps auf die Kehrseite und schickt ihn weg. „Wie geht's dem Baby?“

„Es schläft“, erwidert Muriel spitz. „Obwohl es ein Wunder ist, wie es bei dem Lärm schlafen kann, den du mit Tim machst.“

„Schon gut, Darling, ich werde jetzt hineingehen und sehen, was Sam will. Und ich werde versuchen, dass ich ja nicht vergesse, respektvoll zu sein — für den Fall, dass wir vielleicht noch mal was von ihm borgen müssen.“

„Ja, das tust du am besten, John Perry!“ Aber sie lächelt, als ihr Mann die Küche verlässt.

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Sam Wood sitzt dick, atemlos und ungeduldig auf einem der Rosshaar-Stühle.

„Hallo, Sam! Welcher Wind treibt 'nen Bankier aus Socorro zum Lazy Creek?“

Mit großer Mühe steht Wood auf und schüttelt Johns kräftige Hand.

„Habe etwas Land hier draußen, das ich ansehen wollte“, sagt schnaufend der dicke Mann. „Dachte, ich könnte auch mal bei euch reinschauen.“ Er lässt sich schwerfällig auf den ächzenden Stuhl zurücksinken. „Hübsche Farm hast du hier. Hast du vor, das Land auf der anderen Seite des Creeks zu roden? Nach meinem Urteil müsste es guter Boden für den Maisanbau sein.“

„Schätze, ich werde das Stück im nächsten Jahr roden, wenn ich die Flenning Boys als Helfer haben kann. Vorausgesetzt, dass mein Bankkredit noch gut ist.“

„Ein Perry braucht sich um seinen Kredit in Socorro keine Sorgen zu machen“, sagt Wood gewichtig. „Und in nicht allzu ferner Zukunft werden deine eigenen Jungen groß genug sein, um dir zu helfen.“

„Darin hast du wohl recht“, sagt John lachend.

Der Bankier zieht eine Zigarre aus seiner Westentasche und sieht sich in dem kleinen Zimmer um.

„Mir scheint, du wirst ein größeres Haus brauchen, Perry, da deine Familie wächst.“

John spitzt die Lippen. „Möglich.“

Und jetzt ist Sam Wood bereit, die Katze aus dem Sack zu lassen. Er hält ein Streichholz an die Zigarre, lehnt sich zurück und starrt John aus seinen ausdruckslosen Augen an.

„John“, fragt er, „möchtest du gern tausend Dollar verdienen?“

„Well“, sagt Perry nachdenklich, „das hängt ganz davon ab, in welchen Sattel ich dafür steigen soll.“

„Aber du könntest die tausend doch brauchen, wie?“

„Gewiss.“

„Nun ja, John, so hoch ist die Belohnung für die Gefangennahme der Dillard Bande.“

In Johns Kopf schlägt eine Tür zu. Sam Wood hat seine lange Fahrt umsonst gemacht.

„Tut mir leid, Sam. Da kann ich dir nicht helfen.“

„Tot oder lebendig.“

John schüttelt den Kopf. Seine Augen strömen Kälte aus.

„Es ist fünf Jahre her, seit ich einen Revolver trug, Sam. All das liegt hinter mir. Selbst wenn ich dein Angebot annehmen wollte, könnte ich es nicht. Ich habe eine Familie, an die ich schließlich denken muss. Ich bin jetzt ein Farmer, Sam, und kein Gesetzesbeamter mehr. Wenn du willst, dass die Dillard Boys gefangen werden, warum gehst du nicht zu Will Cushman? Er ist der Sheriff des Landes.“

„Hör mal, John, ich hätte wirklich nicht geglaubt, dass du deswegen Groll hegst, weil ich Cushman unterstützte, als er vor fünf Jahren gegen dich für das Amt des Sheriffs kandidierte.“

„Ich legte den Stern aus freien Stücken nieder, Sam. Und ich hege keinen Groll. Ich habe nur darauf hingewiesen, dass Will der Sheriff ist und nicht ich.“

„Und ich brauche nicht weiter darauf hinzuweisen“, sagt der Bankier unverblümt, „dass die Dillards Will Cushman zum Narren gemacht haben. Er ist die Zielscheibe allen Spottes in den Hügeln. Man sagt, unser Sheriff könnte nicht mal mit beiden Händen seine eigene Nase finden. Und — zum Geier! — die Leute haben recht.“

John will wieder den Kopf schütteln. Aber Wood unterbricht ihn, ehe er sprechen kann.

„Cushman besitzt einfach nicht den Mut für das Unternehmen. Ich weiß“, sagt er und hält die Hand hoch, „ich hätte daran denken sollen, bevor ich ihn unterstützte, aber dafür ist es jetzt zu spät, John. Oklahoma ist ein neuer Staat, und er lernt gerade das Gehen. Drüben im Osten gibt's 'ne Menge Leute mit viel Kapital, denen es in den Fingern juckt, Millionen von Dollars in unserem Staat anzulegen. Aber sie wagen es nicht, solange Männer wie die Dillards die Sicherheit ihrer Geldanlagen bedrohen. Ich habe dazu noch 'ne vertrauliche Information erhalten, dass eine Eisenbahngesellschaft sich mit Plänen befasst, eine Linie nach Socorro zu bauen, aber die Erinnerung an die berüchtigten Brüder James und an die Doolins ist bei ihnen noch zu frisch. Jetzt sind es die Dillards, und man spricht davon, die Bahngesellschaft habe ihre Pläne geändert und die Linie würde anderswohin gelegt. Bei allen Höllenglocken, John, kannst du dir nicht vorstellen, was das bedeutet?“

„Ich sehe nicht ein, was das alles mit mir zu tun hat. Die Dillards gehen mich doch gar nichts an.“

Woods von Natur aus blühendes Gesicht wird rot.

„Sie werden dich was angehen“, sagt er zornig, „wenn sie die Eisenbahn weiterhin von Socorro fernhalten; ich bezweifle, dass es die Dillards jemals können.“

„Ich weiß zufällig, dass sie es können! Die Pläne der Bahn sind noch nicht entschieden. Man hat eine Nebenbahnroute nach Socorro vermessen, aber auch eine Route weiter westlich, die zur Santa Fe Bahn laufen könnte. Es ist 'ne kitzlige Sache, und die geringste Schwierigkeit könnte die Bahnleute von einem Plan abbringen und sie zu einem Entschluss für einen anderen bewegen.“

John sitzt still und sagt nichts.

„Bedenke“, fährt Wood fort, „wenn wir diese Bahn nicht bekommen, wird das östliche Oklahoma zwanzig Jahre hinter dem übrigen Staat zurückhängen. Umso wichtige Dinge geht es. Die Leute dieses County müssen die Entscheidung treffen, und wir haben nicht mehr viel Zeit. Kapital aus dem Osten, das hier hereinströmt, kann für die Siedler den Unterschied zwischen Wohlstand und Armut bedeuten — den Unterschied zwischen guten Straßen und ausgefahrenen Wagenwegen. Es wird Schulen, Kirchen und Industrien geben. Oklahoma erwacht ja erst zum Leben. Wir können nicht dulden, dass Banditen wie die Dillards es abwürgen, ehe es stark genug wird, um für sich selbst zu kämpfen!“

„Ich weiß“, sagt John ruhig. Wood lächelt. Er glaubt, dass er sein Ziel erreicht hat.

„Ich weiß“, wiederholt John. „Das ist der Grund, warum die Leute Will Cushman zum Sheriff gewählt haben.“

Das Lächeln des Bankiers schmilzt wie heißes Wachs dahin. Aber er ist ein gewievter Diplomat und beherrscht sich.

„Wir brauchen dich, John“, sagt er gepresst, „alle Leute des Countys brauchen dich.“

„Es tut mir leid, Sam.“

„Du meinst, du willst es nicht tun?“

„Ich meine, dass ich nicht kann. Ich habe dir gesagt, Sam, dass ich jetzt eine Familie habe und Farmer bin. Ich bin kein ungebundener Gesetzesbeamter mehr.“

Der Bankier gibt sich große Mühe, aber langsam verliert er die Beherrschung. Mühsam stemmt er sich vom Stuhl hoch.

„John Perry!“, keucht er. „Früher einmal haben die Leute den Namen in einem Atemzug mit Wyatt Earp und Bat Masterson genannt. Ich hab' nie geglaubt, dass ein Mann wie du je vor Banditen wie den Dillards kneifen würde.“

John fühlt, wie ihm das Blut aus dem Gesicht weicht. Zu seiner Zeit hassten ihn viele Männer, aber niemand deutete jemals auch nur an, dass es Perry an Mut fehle.

„Sam“, sagt er sanft, und seine grauen Augen beginnen zu glitzern. „Ich hab' auf dem Feld zu arbeiten. Wenn du mich entschuldigen willst ...“

Sam erkennt, dass er einen schweren Fehler gemacht hat. Bei anderer Gelegenheit und noch vor wenigen Jahren hätte so ein Schnitzer lebensgefährlich sein können. Er schluckt unbehaglich.

„Schätze, ich hab' unüberlegt gesprochen“, stößt er hervor.

„Wir wollen es vergessen“, sagt John fest. „Wenn du mich jetzt entschuldigst ...“

Als Wood schwerfällig zur Vordertür geht, fragt er: „John, willst du's dir überlegen?“

„Kein Gedanke, Sam!“

„Es sind tausend Dollar, John. Denk daran!“

„Wenn ich erschossen werde - wie lange könnten Muriel und die Kinder mit tausend Dollar leben?“

Der Bankier steht fast an der Tür. Er ist außer Atem und schwitzt.

„John“, sagt er, „ich bin in diesem Staat nicht ohne Einfluss. Wenn ich wollte, könnte ich es einem Mann ziemlich schwer machen.“

„Sam“, fragt John kalt, „willst du mir drohen?“

Eine eisige Kälte scheint Sam Wood zu schütteln.

„Ich möchte nur, dass du darüber nachdenkst“, sagt er schnell. Dann verlässt er eilig das Haus.

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Der Bankier ist schweißüberströmt, als er seinen Wagen erreicht. Er wischt sich gründlich das Gesicht mit einem roten Taschentuch ab, ehe er die Zügel aufnimmt und nach Socorro zurückfährt. Perry hat sich härter als erwartet gezeigt, aber er wird sich schon noch bereitfinden, und zwar bald. Alle Männer gehorchen ihm, wenn es sich Sam Wood in den Kopf gesetzt hat.

Langsam besänftigt ihn der Duft der üppigen, grünen Hügel, und Wood lässt seine schwere Gestalt behaglich in den Lederpolstersitz zurücksinken. Mit gelassenem Vergnügen spekuliert er mit den unerschlossenen Reichtümern des Landes. Hier ist der Boden dunkel und birst gleichsam vor Fruchtbarkeit. Weiter drüben in den Hügeln liegen riesige Reichtümer an Holz, das nur geschnitten zu werden braucht. Viel von diesem Land und Wald ist in Woods Besitz.

Er ist ein Mann, der mit der Zukunft Geschäfte macht. Und er ist einer der wenigen, der den großen Reichtum erahnen kann, der eines Tages aus jenen Hügeln herabströmen wird. Eines Tages wird das Land, das er um Pennies kaufte, um keinen Preis mehr zu haben sein. Das ist Sam Woods Vision.

Aber ehe die Vision Wirklichkeit werden kann, muss es die Transportmittel geben, die diesen großen Überfluss zum Markt schaffen. Das kann nur die Eisenbahn sein.

Aber nun sind die Dillards gekommen. Der bloße Gedanke an die Brüder Ike und Cal Dillard bewirkt bei Sam Wood einen Wutanfall. Die Kerle haben schweren Schaden angerichtet, als sie plündernd in Arkansas, Missouri und Oklahoma einfielen und Banken, Wagenzüge und kleine Händler ausraubten.

Nichts ist ihnen zu schwer oder zu leicht. Es scheint, als ob die Dillards und ihre Bande unwissender Hügeljungen aus reinem Vergnügen rauben und morden. Unter seiner dicken Speckschicht tobt Wood vor Wut, wenn er nur an die Möglichkeit denkt, dass seine Vision, sein Reich zerstört werden könnte, und nur wegen dieser kleinen Bande stumpfsinniger Halsabschneider, die sich in den Hügeln verbergen, wie Panther zuschlagen und dann wie flüchtiger Rauch verschwinden.

Aber Perry wird seine Meinung ändern, sagt sich Wood, als die Räder seines Wagens schnurren. Wenn er es nicht tut, werde ich ihm die Hölle so heiß machen, dass er binnen eines Jahres auf seiner Farm zusammenklappt!

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Im Farmhaus steht John an der Vordertür. Er sieht, wie der schwarze Wagen am Fuß des Hanges verschwindet. Zorn zeigt sich jetzt in jeder Linie seines kantigen Gesichtes. Muriel tritt zu ihm.

„Ist Mister Wood schon fort?“

„Ja“, sagt John, ohne sich umzuwenden.

„Was wollte er?“, fragt seine Frau besorgt.

„Er möchte, dass ich auf die Dillard-Bande Jagd mache.“ Dann wendet er sich um. Er sieht die Furcht in Muriels Augen aufglimmen und weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Schnell tritt er zu ihr und nimmt sie in die Arme.

„Ich habe nein gesagt. Ich erklärte ihm, das sei eine Aufgabe für den County Sheriff.“

„Oh, John“, sagt sie schwach, „du jagst mir einen Schrecken ein!“

Er lacht. Es ist ein freier, dröhnender Laut, der nicht vom Zorn eingedämmt ist. Plötzlich ist dann John wieder still und ernst. Sanft hebt er das Kinn seiner Frau und sieht sie an.

„Das Ganze war nur eine verrückte Idee von Sam. Ich habe ihm meine Meinung gesagt.“

„Wird Sam aber ein Nein als Antwort hinnehmen? John, du weißt, wie hart er sein kann, wenn er sich etwas in den Kopf setzt.“

„Sam muss die Antwort hinnehmen, die ich ihm gebe!“

Aber Muriel scheint nicht überzeugt zu sein. Und als John sie in den Armen hält, ahnt er ihre Gedanken.

„Denkst du noch daran, wie wir heirateten?“, fragt er. „Ich versprach dir, dass ich endgültig Schluss machen würde, ein Gesetzesbeamter zu sein. Du hast mir den Weg zur Wahrheit gezeigt, Muriel. Was in der Bibel steht, ist gut. Ich darf nicht morden, ich darf mich nicht zum Richter aufspielen. Und es ist Morden, wenn man andere Menschen erschießt, auch wenn diese schlecht sind. So steht es in dem Buch. — Gott wird für uns streiten, heißt es weiter. Doch die meisten Menschen in diesem Land glauben nicht daran. Lieber greifen sie zu ihren Waffen. Aber ich kann das nicht mehr. Ich glaube an das Wort. Ich meinte es damals ernst, und ich meine es noch heute so.“ Dieser Entschluss ist Johns innerste Überzeugung. Später jedoch, als er zu seinem Baumwollfeld zurückgeht, bohrt eine Warnung in ihm: Es wird nicht leicht werden. Er weiß, wieviel diese Angelegenheit für Sam Wood bedeutet. Der Bankier will, dass die Dillard-Bande aus den Hügeln verjagt wird. Er will den Bau der Eisenbahnlinie, und er wird vor nichts zurückschrecken, um dieses Vorhaben durchzusetzen.

Wird der Bankier seinen Kredit in Socorro sperren? Es ist immerhin eine Möglichkeit, mit der man rechnen muss.

Well, so denkt John schließlich, wenn Sam es auf diese Art haben will, wird es wohl so sein müssen. Ich werde mein Versprechen, das ich Muriel gab, nicht brechen.

Samstag.

John muss nach Socorro fahren, um Vorräte einzukaufen und den Pflug schleifen zu lassen. Als er eingeschirrt hat, fährt er den Wagen zur Hintertür und ruft: „Hast du sonst noch einen Wunsch, Liebes?“

Muriel kommt zum Wagen heraus. Und jetzt weiß John, dass sie sich über irgendetwas Sorgen macht.

„John“, murmelt sie vorsichtig, „wenn Sam Wood versucht, mit dir zu reden ...“

„Nur keine Sorge“, sagt er sanft. „Sam Wood kann mich zu nichts überreden.“

Mittag ist längst vorbei, als John sein Gespann in der Gasse hinter der Main Street anbindet.

Socorro ist so überfüllt wie jeden Samstag. Es ist der Tag, an dem die Farmer und ihre Familien aus den Hügeln kommen und für ein paar Stunden die Erregung des Stadtlebens genießen.

Ein paar Indianer bewegen sich ausdruckslos durch die Menge und zupfen hier und da an den farbigen Stoffballen in den Läden. Cowboys machen fröhlich lärmend ihre Runde durch die Saloons.

John hat bereits seinen Pflug zum Schmied gebracht. Nun schlendert er über den Sidewalk der Main Street, grüßt kopfnickend und spricht mit alten Freunden und Bekannten. Als er zu Al De Witts General Store kommt, geht er hinein und zeigt dem Keeper Muriels Liste.

„Möchtest du die Sachen für mich herrichten, Al? Ich werde in etwa einer Stunde wiederkommen und sie abholen.“

De Witt, ein gebrechlicher, aufgeregter Mann mit einem glänzenden Kahlkopf, lässt zwei Osage Squaws stehen und kommt am Tresen entlang zu John.

„Wie geht es, John?“, fragt der kleine Mann und blickt zur Tür.

John zieht die Augenbrauen ein wenig empor. De Witt sieht noch nervöser und flattriger aus als gewöhnlich, und nun nimmt er ein Taschentuch und wischt sich vorsichtig das Gesicht und den Nacken ab.

„Was ist los, Al?“

„Well ...“ Der Storekeeper schluckt. „Weißt du, John, es ist ...“ Schließlich nimmt er John die Liste ab und sieht sie durch. „John, es tut mir leid, aber ich fürchte, ich kann die Bestellung nicht ausführen.“

„Warum nicht?“

„Weißt du, John ...“ Wieder blickt er zur Tür. „Das heißt, ich glaube nicht, dass ich alle Waren da habe. Vielleicht könnte ein anderer Laden dir helfen.“

„Aber ich habe nur hier mein Konto, Al. Du weißt das“, sagt er mit einer Herzlichkeit, die er nicht empfindet. „Fang an und richte her, so viel du kannst! Muriel wird es verstehen.“

De Witt will John nicht anschauen. Er sieht weiterhin nervös zur Tür.

„Ich fürchte, ich kann es nicht.“ Er schüttelt den Kopf. „Ich kann es einfach nicht.“

Johns Neugier verwandelt sich langsam in Ärger.

„Du meinst, du willst nicht, Al. Was ist denn los? Ist mein Kredit jetzt nicht mehr gut?“

De Witt starrt auf seine Hände.

„Ich schätze, das ist es ungefähr, John.“

John fährt plötzlich hoch, als ob er geschlagen worden sei. Noch nie in seinem Leben ist er wegen eines Kredites abgewiesen worden. Noch nie hat er versäumt, seine Rechnungen jedes Vierteljahr zu begleichen. Dass De Witt jetzt seinen Kredit sperrt, trifft ihn wie eine persönliche Beleidigung. Voller Zorn dreht er sich auf dem Absatz herum. Er will zur Tür - und erst in dem Moment fällt ihm ein, dass dies Sam Woods Werk sein könnte. Er bleibt in der Nähe der Tür stehen und lächelt dünn. Es lohnt sich nie, Wood zu unterschätzen. Der Bankier hat seine Hand in allem stecken, und zweifellos ist De Witt selbst an ihn verschuldet. John geht langsam zum Tresen zurück und legt die Liste vor sich hin.

„Schätze, ich verstehe, Al. Richte die Sachen her, und ich werde bar bezahlen, wenn ich sie abhole.“

Der Storekeeper starrt ihn mit dankbarer Überraschung an.

„Klar, John, das ist großartig.“

Draußen bleibt John vor De Witts Laden stehen. Er bemüht sich, seinen Zorn in die Gewalt zu bekommen. Sam Wood hat also De Witt unter Druck gesetzt. Und De Witt ist angewiesen, den Druck an John weiterzugeben. Bleibe ruhig, sagt sich John, und denke die Sache durch. Geh jetzt nicht wie ein wilder Büffel los und tu etwas, was du später bereuen wirst!

John Perry kommt selten nach Socorro, ohne zum Jail House zu gehen und seinen alten Freund Arch Deland zu besuchen.

John steigt die Steinstufen zu dem aus roten Ziegeln errichteten Jail House hinauf. Dann geht er in den mit Sandsteinplatten belegten Keller hinunter, wo das Sheriffs Office liegt. Will Cushman ist allein im Zimmer.

„Howdy, Sheriff!“

„Hallo, Perry! Fein, dich zu sehen. Pflanz dich auf 'nen Stuhl!“

Er freut sich etwas zu sehr, mich zu sehen, denkt John ruhig. Cushman ist ein jung aussehender Mann mit glattem Gesicht, etwa Ende der Dreißig. Er ist kräftig gebaut, aber weich. Verdammt, wenn er nicht eher wie ein Spieler als ein Sheriff aussieht, denkt John, als er Wills fleckenloses weißes Hemd, seine perlgraue Krawatte, den blauen Serge-Anzug und die blankpolierten Schuhe betrachtet.

„Nein, danke, Will. Habe nur nach Arch Deland suchen wollen.“

„Oh“, sagt der Sheriff, als wäre er enttäuscht. „Ich weiß nicht genau, wo Arch ist. Du könntest ihn vielleicht drüben bei Sutherlands Futtermittel Store erwischen. Einige Farmwagen blockierten die Straße, und ich schickte ihn rüber.“

„Danke“, sagt John nickend. „Ich werde nachsehen.“

Er trifft Deland, als er eben aus dem Red Dot Saloon neben dem Futtermittel Store herauskommt.

Arch Deland ist alt, grauhaarig und verwittert — aber zäh wie geräuchertes Fleisch, gefährlich und erfahren. Er trägt verschossene Overalls, kniehohe Stiefel und ein geflicktes Hickory Hemd. Ein altmodischer Frontier Colt ohne jeden Glanz hängt in dem abgewetzten Holster an seinem rechten Oberschenkel. Jetzt kommt Arch auf John zu und streckt ihm die hagere Hand entgegen.

„By gosh“, grunzt er, „heute kommen alle Lehmbrecher in die Town.“

Sie schütteln einander die Arme wie Pumpenschwengel und wechseln beim Gruß die üblichen Worte. John erinnert sich an die Tage vor nicht zu langer Zeit, als er und Arch zusammen als US-Hilfsmarshals arbeiteten. Oklahoma war damals noch ein Indianer Territorium, und der Gedanke, es könne jemals ein Staat werden, wäre traumhaft erschienen.

Sie sprechen von Muriel und den Kindern. Und John denkt an einen bestimmten Tag in der Siouxreservation zurück. Er lag an jenem bitterkalten Wintertag im Schnee; der Schnee war rot von seinem Blut, sein Bein war von einer Schrotladung gelähmt. Und Arch Deland sagte: „Nur keine Sorge, Junge, ich werde dich schon nach Fort Smith zurückbringen.“ Und er tat es. Ein namenloser Bandit folgte ihnen — mit dem Gesicht nach unten über einem Packpferd.

Endlich kommt das Gespräch auf John selbst.

„Hast du mit Cushman gesprochen?“, fragt Arch.

„Nur um ihn zu fragen, wo ich dich finden könnte.“

„Hat er die Dillard-Bande nicht erwähnt?“

„Warum sollte er die Dillards mir gegenüber erwähnt haben?“

„War nur 'ne Vermutung. Coshman wird schwer unter Druck gesetzt, weil er die Dillards aus den Hügeln verjagen soll. Aber ich schätze, dass Will einfach nicht den Mut hat, der für einen solchen Job erforderlich ist.“

„Verdammt, ich sehe nicht ein, warum es eine besondere Art von Mut erfordern soll. Will braucht ja nicht selbst die Bande zu jagen. Er kann ihnen doch seine Gehilfen auf den Hals schicken.“

„Du warst wohl in letzter Zeit nicht in der Town?“, sagt Deland lachend. „Will versuchte es einmal, und die Dillards haben's ihm gegeben. Seine Gehilfen, die nicht angeschossen wurden, gaben alle auf. Cushman braucht den Namen Dillard bloß zu erwähnen, und alles verschwindet aus dem Office.“

„Du bist nicht gegangen“, stellt John fest.

Deland lacht wieder.

„Vielleicht würd' ich auch lange Beine machen, wenn Will mich in die Hügel schicken wollte, aber er wird es nicht tun. Er nimmt an, dass ich in meinem Alter nur noch dazu tauge, an Samstagen die Straßen von Wagen freizuhalten. Vielleicht hat er darin auch recht.“

„Ich sehe immer noch nicht ein, warum es so schwer sein sollte, 'ne Bande schießlustiger Hügelburschen auszuheben“, sagt John. „Warum stellt Will kein Bürgeraufgebot zusammen und schlägt los — mit hundert Mann, wenn es sein muss? Die Dillards können gegen eine solche Streitmacht nichts ausrichten.“

„Gute Idee - wird aber keinen Erfolg haben. Vor allem würde dabei erwartet, dass Will an der Spitze der Posse reitet, und das würde er nie tun. Aber selbst wenn es dazu käme, würden die Anstrengungen nichts nützen, weil die Dillards ihre Bande auf ganz Oklahoma und Arkansas verteilen würden. Die Brüder mögen vielleicht nicht lesen und schreiben können, aber sie sind in den Hügeln ganz gerissene Kämpfer.“ Er schüttelt den Kopf. „Ein Aufgebot hätte keine Chance.“

John stellt die Frage, obwohl er die Antwort bereits weiß.

„Wer hätte dann wohl eine Chance?“

„Ein oder zwei gute Männer“, sagt Deland sanft. „Todsichere Schützen, die sich in den Hügeln so gut auskennen wie die Dillards. Sie müssten in die Bande hineinreiten und die beiden Brüder ins Schlepptau nehmen. Dann würde die Horde auseinanderfallen. Übrigens - war Sam Wood bei dir draußen, um mit dir zu sprechen?“

„Wie kommst du auf die Frage?“

„Well, Sam besitzt 'ne Menge Wald oben in den Hügeln. Es wäre ihm verhasst, wenn etwas geschieht, was seine Chancen zerstört, 'ne Bahnlinie hierher zu bekommen.“

John schüttelt den Kopf.

„Wie könnten die Dillards ein so großes Unternehmen wie eine Bahnlinie aufhalten?“

„Indem sie den Landmessern einen solchen Schrecken einjagen, dass sie jeden Mut verlieren, und sie haben 's darin schon verdammt weit gebracht. Die Landmesser müssen Berichte nach New York zurückschicken, und auf Grund dieser Berichte entscheiden die großen Geldleute, wohin die Schienen gelegt werden.“

Langsam beginnen Zweifel in Johns Kopf zu wirken. Vielleicht blufft Sam Wood am Ende doch nicht. Es ist ein beunruhigender Gedanke. Aber selbst wenn das alles stimmt, hat es nichts mit seinem Versprechen an Muriel zu tun. Dessen ist er sicher. Deland sagt, als wenn er seine Gedanken gelesen hätte: „Sam kann's dir ziemlich schwer machen, John.“

Der nickt. „Er hat bereits damit angefangen.“

Der Deputy scheint nicht überrascht zu sein. Er lächelt ruhig in sich hinein und stößt dann John leicht gegen die Schulter.

„Mach dir deswegen keine Sorgen! Du hast 'ne Menge Freunde ihn Socorro. Du wirst es wegen Muriel ertragen müssen.“ Als ob ihn dieser kleine Beweis von Zuneigung verlegen gemacht hätte, dreht sich Deland herum und blickt zu den Wagen und Pferden auf der Straße.

„Es gibt 'ne Chance“, meint er, „dass Sam nicht der einzige ist, der Druck anwendet. Die Leute sind allmählich über die Dillards aufgebracht und verlangen, dass was unternommen wird.“

Er wirft einen schnellen Blick auf Johns Gesicht. „Lass dich nicht von ihnen umstimmen! Du musst an deine Frau denken.“ Mit einem abrupten Nicken geht der alte Deputy davon.

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Die Siedler im Hügelland von Oklahoma sind über die Entwicklung in ihrem Land verbittert. Sie haben das Land gegen die Indianer verteidigt, haben es gerodet, darauf gearbeitet und es als ihr Eigentum beansprucht. Der ganze Westen ist freies Land, so glaubten sie. Jeder nimmt sich davon, was ihm gefällt. So ist es immer gewesen.

Jahrelang ging es gut. Aufdringliche Indianer wurden mit Pulver und Blei verjagt. Das Indianerland schien endlich den Weißen zu gehören. Nun aber hat die Regierung diesen Ostteil Oklahomas in den Griff genommen, um es für den Fortschritt zu eröffnen. Und den Indianern sei Unrecht geschehen, als sie verjagt wurden, so behaupten die Obersten. Dieses Unrecht muss wiedergutgemacht werden. Ein Großteil des Landes wird den Indianern zurückgegeben. So geschah es.

Die Indianer meldeten sich und verlangten dies und jenes Landstück. Die Siedler weigerten sich, den bebauten Boden an die Roten abzugeben. Sie übertraten das Gesetz und mussten fliehen. Sie flohen in die unwegsamen Hügel des früheren Cherokee Gebietes. Hier wurden sie von den Dillard-Brüdern mit offenen Armen empfangen. Die Banditen hatten die Entwicklung im Lande aufmerksam verfolgt, und sie rieben sich die Hände, als die verzweifelten Siedler sich auf ihre Seite schlugen. Die Dillards spielten sich auf als Retter in der Not. Sie versprachen den Siedlern, einen Schlag auf den anderen zu landen, um die Entwicklung in Ost Oklahoma zu stoppen.

Die Siedler waren begeistert.

Alle Hügelbewohner möchten, dass die Entwicklung nicht weiter fortschreitet. Sie ahnen, dass die Geldleute aus dem Osten scharf auf ihr Hügelgebiet sind, denn dieses Land ist reich an Holz und gut für die Eisenbahn.

Ganz anders denken die Farmer im Flachland. Sie würden es begrüßen, wenn das holzreiche Hügelland erschlossen würde. Es würde ihren Markt vervielfachen. Aber die Hügelbewohner hängen an ihrem Land. Sie bilden zusammen eine verschworene Gemeinschaft. Es sollen nicht noch mehr Siedler ihr Land verlieren. Darum stehen sie auf der Seite der Dillards — alle.

Aber alle können nicht zu Dillards Schlupfwinkel ziehen. Wen das Gesetz noch nicht vertrieben hat, bleibt auf seinem Stück Land und wartet auf Dillards Zeichen zum Zuschlagen. Wenn der Bote der Banditen geritten kommt, werden sie zu den Waffen greifen. Die Leute vertrauen Dillard. Er hat ihnen versprochen, sie zu ihrem Recht zu verhelfen. In Wahrheit aber will der Bandit sie nur als Werkzeuge benutzen, um sich selbst mit Reichtum zu überhäufen ...

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Die hohen, bewaldeten Berge stehen schweigend und grün in dem frühen Morgenlicht. Von weitem ertönt Hufschlag, der in die Stille der Hügel einbricht. Dann taucht aus dem Süden ein Reiter auf, der ein kleines braunes Pferd mit breiter Brust über einen alten Indianerpfad jagt und in scharfem Tempo auf das Gebirge zustrebt. Der Reiter heißt Kay Cox und hat einen weiten Weg hinter sich. Er ist der Bote der Dillards, und er hat die Nachricht der Banditen überall im Hügelland verbreitet.

Kay ist ein schlaksiger, grobknochiger Junge, noch nicht ganz zwanzig. Er trägt die Kleidung des Hügellandes: große Overalls, ein Flanellhemd und schwere Schuhe mit dicken Sohlen. Ein alter 44er Colt hängt an seiner Hüfte. In einem selbst gemachten Scabbard an seinem linken Knie steckt eine Schrotflinte, Kaliber 12.

Nach Indianerart und ohne Rücksicht auf die Kraft seines Pferdes treibt Kay das schaumbedeckte Tier in vollem Galopp den steilen Weg hinauf. Plötzlich bellt aus der unermesslichen Leere der Hügel ein Gewehr. Eine Kugel fährt kreischend über Kays Kopf. Er zerrt scharf an den Zügeln und bringt den Braunen aufbäumend zum Halten. Rasch legt er eine Hand an den Mund und lässt das trauervolle, heulende Gebell eines Kojoten ertönen. Dann setzt er den taumelnden Braunen wieder in Bewegung und reitet vorsichtig weiter.

Hoch über Kay erscheint ein Mann auf einer Kalksteinleiste in der Nähe der Bergspitze. Er hält eine Winchester in der Armbeuge und lacht scheppernd, als der Reiter auf ihn zukommt.

„Zum Geier, Gabe!“, schreit Kay Cox. „Was hast du eigentlich vor? Willst du mich erschießen?“

Gabe Tanis, ein Mann Anfang der Vierzig mit flachem Gesicht und runden Schultern, zuckt bei dem Zorn des Jungen die Achseln.

„Du weißt, was Ike sagt. Niemand gelangt durch diesen Pass, wenn er nicht das Signal gibt.“

„Sei verdammt, Gabe, haben deine Augen nachgelassen? Konntest du nicht erkennen, dass ich es war?“

„Gewiss“, sagt Tanis sanft.

„Warum hast du dann versucht, mir mit dem Gewehr das Haar vom Kopf zu brennen? Bist du wild auf mich, oder was sonst?“

„Unsinn“, sagt Gabi gedehnt, „aber du weißt, wenn Ike oder Cal etwas sagen ...“

„Schon gut!“, stöhnt Kay. Wer mit den Dillards reitet, nimmt das Wort der Brüder als absolutes Gesetz hin. Und Kay sieht ein, dass er das Signal hätte geben sollen.

Gabe beißt ein Stück von einer Kautabakrolle und kaut nachdenklich.

„Bist du nach Talequah hinübergekommen?“

„Nicht ganz, aber ich war an höllisch vielen Orten. Ich nehme nicht an, dass die Dillards ihre Absicht geändert haben, die Frachtgesellschaft auszurauben, oder?“

„Wenn sie's taten, so haben sie nichts davon gesagt.“

„Na gut“, meint Kay. „Ich schätze, sie wissen, was sie tun. Das Frühjahr scheint wohl 'ne schlechte Zeit zu sein, um die Bande zusammenzubekommen. Das Johnsongras wird das Getreide überwuchern, ehe die Jungen wieder zu ihren Feldern zurückkehren.“

Gabe zuckt die Achseln. Es ist ihm ziemlich gleichgültig, ob das Johnsongras das Getreide überwuchert oder nicht. Er scheint einen Moment lang über etwas nachzudenken.

„Bist du daheim vorbeigekommen?“, fragt er schließlich. „Ich ritt gestern vorbei. Es ist alles in Ordnung. Deine Frau lag letzte Woche mit einer Halsentzündung, aber sie ist schon wieder auf.“

Gabes Augen glänzen.

„Sarah Sue ist zäh. Das war sie immer. Wieviel Jungen, denkst du, werden an dem Überfall auf die Frachtgesellschaft teilnehmen?“

„Eine Menge.“ Kay stellt fest, dass er wieder reitfertig ist. Ike und Cal Dillard werden auf seinen Bericht warten. Er nickt Gabe zu und versetzt seinem Braunen einen Stoß.

Als er losreitet, ruft er über die Schulter zurück: „Und versuch nicht, jemand zu töten, verstanden? Im Falle, dass jemand das Signal zu geben vergisst!“

Zwischen Gabes Stellung und der Ulster Höhle liegen zwei weitere Vorposten. Kay ist jetzt vorsichtiger und hält jedes Mal an, um das Signal zu geben. Er reitet jetzt in den wildesten Teil der Berge hinein, wo er nicht einmal mehr einem Indianerpfad folgen kann. Es ist das Land riesiger Fichten und Tannen, gefährlicher Kalksteinüberhänge und Felsgipfel und alter Wildwechsel, die in irrsinnigen Windungen durch die Wälder laufen und im Nirgendwo enden.

Endlich hat Kay das dritte und letzte Signal gegeben. Nun ist er fast in Sichtweite der Ulster Höhle. Sie besteht aus einem großen Raum, in dem mehr als ein Dutzend Wagen Platz hätten. Da die Höhle hinter Buschwerk und Krüppeltannen liegt, ist sie nur schwer zu erkennen.

Der letzte Posten, ein kleiner, dickbäuchiger Mann namens Dove Wakeley, winkt ihm zu.

„Guten Ritt gehabt, Kay?“

„Gut genug, schätze ich. Ich kam gestern bei dir daheim vorbei. Deinen Leuten geht es gut.“

Dove nickt und grinst, und Kay reitet weiter über den schmalen Bergpfad. Jetzt kann er die Höhle und in der Nähe des Eingangs den großen eisernen Waschkessel sehen, in dem Wildbretstew kocht, außerdem ein halbes Dutzend Pferde, die an dem Steilhang grasen. Vier Männer treten aus dem dunklen Innern der Höhle hervor. Sie tauschen Grüße mit Kay und lassen sich Neuigkeiten von ihren Familien berichten.

Die Männer in der Höhle sind Dillards reguläre Mitglieder. Die meisten von ihnen sind irgendwie mit dem Gesetz in Konflikt geraten — in der Hauptsache wegen Besitzstreitigkeiten mit den Indianern, und die Höhle ist für sie ein gutes Versteck. Viele dieser Männer, und man kann ihnen nicht erklären, dass ihnen das Land von Rechts wegen nie gehört hat. Sie wissen nur, dass man ihnen das Land gestohlen hat, das sie gerodet, auf dem sie gearbeitet und das sie folglich als ihr Eigentum angesehen haben.

Als Kay sich aus dem Sattel schwingt, kommen Ike Dillard und sein jüngerer Bruder Cal aus der Höhle.

„Wie war's unten im Süden?“, fragt Ike.

„Ganz gut“, sagt Kay. „Abel Westrum hat sich letzte Woche mit der Axt in den Fuß geschlagen und kann nicht reiten. Bus Finnley hat das ,Langsame Fieber'. Alle anderen werden morgen um diese Zeit hier sein.“

„Wes Longstreet kam gestern vom Norden her“, sagt Cal Dillard. Er sieht seinen Bruder an. „Am besten machen wir eine Liste all derer, mit denen wir rechnen können.“

Kay und die beiden Brüder kauern sich am Höhleneingang nieder. Ike nimmt ein Holzstück, glättet den Boden und kritzelt die Namen hinein, die Kay aufzählt.

Ike, der ältere der beiden Dillards, ist ein hochgewachsener, langgesichtiger Mann Ende der Dreißig. Noch nie hat Kay Cox ihn lächeln sehen. Er ist ohne jedes Gefühl, kalt und tödlich.

Cal Dillard ist einige Jahre jünger als sein Bruder. Wo Ike gefürchtet ist, ist Cal beliebt. Er ist ein kecker, gut aussehender Junge und jederzeit schnell zum Lachen und zum Kämpfen bereit. Er liebt Whisky, Tanzfeste und Mädchen, aber er befolgt die Befehle seines Bruders genauso bedingungslos wie jeder andere.

Einige Leute, so denkt Kay, würden das kaum verstehen. Dreißig bis fünfzig wilde, völlig unabhängige Männer unterwerfen sich den Befehlen eines Mannes, den sie nicht leiden können. Aber Außenstehende können nicht begreifen, was diese Männer Ike Dillard verdanken. Kay denkt an Dove Wakeley. Als Doves Frau an Scharlach erkrankte und vor dem sicheren Tod zu stehen schien, schaffte Ike Dillard einen Doc den ganzen Weg von Talequah heran. Ike setzte dem Doc seinen Revolver an den Kopf und sagte, er würde ihm das Gehirn durchs Dach blasen, wenn er die Frau sterben lasse. Doves Frau wurde wieder gesund. Und seitdem ist Wakeley einer der treuesten Mitglieder.

Kay selbst ist Ike zutiefst verpflichtet. Während der großen Trockenheit vor zwei Jahren brachte seine Farm einfach nicht genug ein, um die große Cox-Familie zu ernähren. Ike schaffte Mais und Mehl herbei, um ihnen über den Winter und den Vorfrühling hinwegzuhelfen. Als Kay später hörte, dass die Dillards mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, war er bei den Ersten, die ihnen zur Hilfe eilten.

Kay überlegt, dass Ike schwer zu beurteilen ist. Viele Familien in den Hügeln wären in den Tagen der großen Trockenheit ohne Nahrung gewesen, wenn die Dillards nicht die Frachtwagen überfallen hätten. Viele Frauen würden heute noch Kleider aus Säcken tragen, wenn Ike und Cal den Frachtleuten nicht die Stoffballen abgenommen hätten. Und ohne Dillards Geld hätten viele Farmer Haus und Hof verloren. Es scheint seltsam: Wie kann ein Mann in einem Tag so freigebig und hilfsbereit sein und am nächsten Tag rauben und morden?

Jetzt starrt Ike Dillard nachdenklich auf den Boden. Er studiert die Liste, die er in den Staub gekritzelt hat.

„Fünfzehn aus dem Süden“, brummt er. „Und mindestens zehn aus dem Norden. Damit hätten wir dreißig Mann für den Schlag gegen das Frachtdepot.“

„Beim Satan!“, stößt Cal Dillard aus. „Mit so vielen Männern könnten wir Socorro stürmen?“

Ike richtete die kalten, grauen Augen auf den Bruder.

„Socorro könnte leichter als das Frachtdepot zu knacken sein. Glaube nur nicht, dass sie das Depot nicht bewachen.“

Dann richtet Ike den ausdruckslosen Blick auf Kay.

„Du isst jetzt gründlich und ruhst dich aus! Morgen wirst du von beidem nicht viel kriegen.“

Die zwei Brüder beobachten, wie Kay den Braunen absattelt und das Tier auf die Weide führt. Dann stehen sie auf und gehen wie zufällig von der Höhe weg. Cal schüttelt grinsend den Kopf.

„Ich muss es dir lassen, Ike, die Doolins würden heute noch existieren, wenn sie 'ne Bande wie die unsere gehabt hätten.“

„Die Doolins waren blöde“, sagt Ike fest. „Sie versuchten, ihre Bande dadurch zusammenzuhalten, dass sie die Beute gleichmäßig verteilten. Diese Farmer hier würden damit nichts anfangen können. Sie würden nur noch mehr verlangen.“

„Also gibst du ihnen gar nichts!“, sagt Cal lachend.

„Klar gebe ich ihnen etwas“, sagt Ike beleidigt. „Einen Ballen Stoff, einige Töpfe und Pfannen, einen Pflug, vielleicht dann und wann 'ne Flasche Whisky. Was aber wichtiger ist, ich hole Ärzte, wenn ihre Frauen krank sind, und stehle Maultiere für ihre Farmen. Wegen dieser Dinge sind sie mir treu ergeben, und nicht des Geldes wegen.“

„Die Kunst ist, dafür zu sorgen, dass sie treu ergeben bleiben, Ike. Ich bin mit den Männern enger zusammen als du, und ich erfahre, was sie denken. Es gefällt ihnen nicht, wie du mit dem Revolver umgehst.“

Ikes langes Gesicht wird hart.

„Wer hat das gesagt?“

„Keine Ahnung. Vielleicht niemand, aber sie denken es.“

„Du wirst ein altes Weib, Cal. Überlass mir nur das Denken!“

Cal zuckt die Achseln.

„Sag aber nicht, dass ich dich nicht gewarnt habe.“ Er will zur Höhle zurück. Ike ruft ihm nach:

,,'Ne Sekunde, Cal. Wohin wolltest du gestern Abend?“

„Nirgendwohin, Ike. Ich war doch in der Höhle.“

„Lüge!“, sagte Ike kalt. „Ich sah dich aufstehen und hinausschleichen. Und ich hörte, wie sich der Hufschlag deines Pferdes nach Süden entfernte. Könnte es nicht sein, dass du wieder bei der kleinen Stringer warst?“

Cal ist von dem Zorn seines Bruders sichtlich erschüttert. Er will zurückweichen, als Ike auf ihn zukommt. Aber dann fährt Ikes Hand blitzschnell hoch und packt den Arm des jüngeren Bruders in einem eisenharten Griff.

„Ich habe dich gewarnt, du sollst das Mädchen in Ruhe lassen“, presst Ike zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Du weißt, wie sehr Mort Stringer auf seine Tochter aufpasst.“

Sie stehen eine Weile so. Cals Gesicht ist bleich, und das seines Bruders ist rot vor Zorn. Allmählich lockert Ike den Griff um den Arm seines Bruders.

„Cal“, sagt er gepresst, „ich hab' zu viele Pläne gemacht, als dass ich sie von jemand einfach über den Haufen stoßen lasse. Vielleicht können mich diese Hügelleute nicht leiden, aber sie respektieren mich, und so soll's bleiben. Vergnüg dich also mit anderen Girls, aber lass Mort Stringers Tochter in Ruhe, klar?“

Nachdem der jüngere Bruder sich hurtig zur Höhle zurückgezogen hat, kauert sich Ike Dillard stirnrunzelnd unter der Fichte nieder. Er springt nicht gern auf diese Weise mit Cal um, aber der junge Hitzkopf ist drauf und dran, alle seine Pläne zu ruinieren. Mort Stringer ist ein mächtiger Mann in diesen Hügeln - eine Art Prediger, der bei Hochzeiten und Beerdigungen auftritt. Ike hat sich dem Mann klugerweise ferngehalten und jede Anstrengung unternommen, ihn sich nicht zum Gegner zu machen. Er weiß zu gut, welche Macht diese Prediger über die Menschen haben.

Well, denkt er hoffnungsvoll, vielleicht habe ich etwas Vernunft in Cals Schädel hineingehämmert, ehe es zu spät ist.

Früh am nächsten Morgen.

Dillards Gefolgsleute versammeln sich bei der Ulster Höhle. Es sind viele grimmige Männer darunter, die von der schweren Arbeit gealtert sind und hilflos dem Anbruch eines neuen Zeitalters gegenüberstehen, das sie nicht verstehen können. Sie kommen schwer bewaffnet. Sie haben Schrotflinten, Gewehre und Revolver und hier und da auch noch eine Vorderlader Muskete. Und sie berichten wütend, dass Regierungsbeamte ihre geheimen Brennereien ausgehoben haben, oder von Gerichtsurteilen, die auf Klagen der Indianer gegen sie verhängt wurden. Es sind zornige Männer, die bei der Ulster Höhle eintreffen, und Ike Dillard freut sich darüber.

Cal Dillard geht die Reihen der Ankömmlinge ab. Dann kommt er grinsend zu seinem Bruder zurück.

„Sie sind wirklich fuchsteufelswild!“

„So will ich sie auch haben“, grunzt Ike. Dann verlässt er die Höhle und wendet sich an die Männer.

„Leute“, ruft er, „ich weiß, wie gemein ihr behandelt worden seid. Wir Hügelleute waren friedliebende Menschen, ehe die Fremden hierherkamen und anfingen, alles zu ruinieren. Jetzt werden die Indianer hochmütig und glauben, sie seien so viel wie Weiße. Wisst ihr, wer allein an all eurem Kummer schuld ist? Ich will's euch sagen: Es sind die Eindringlinge aus dem Osten, die behaupten, wir hätten kein Recht auf unser Land. Sie sagen, sie würden unser Land verkaufen und das Geld den Indianern geben, aber das ist nicht ihre wahre Absicht. In Wirklichkeit wollen diese Höllenhunde das Land den großen Geldleuten im Osten verschachern, damit man unseren ganzen Wald abholzen kann. Dann werden sie Straßen bauen — vielleicht sogar Eisenbahnen — hierher in die Hügel, so dass sie unser Holz besser fortschaffen können. Ich sage euch, Leute, die Regierung will uns die Haut abziehen, damit die reichen Kerle im Osten noch reicher werden, als sie es schon sind.“

Die Männer starren und nicken. Ike hat recht.

„Der gute Herrgott weiß, dass ich versucht habe, euch zu helfen“, fährt Ike fort. „Aber der Zeitpunkt ist gekommen, wo wir alle zusammenstehen und gemeinsam kämpfen müssen. Wenn jemand hier ist, der nicht mitkämpfen will, dann möchte ich es jetzt von ihm hören.“

Einen Moment lang herrscht Stille. Dann spricht Wes Longstreet, ein schlaksiger Hitzkopf aus Arkansas, für alle.

„Wir gehen mit dir, Ike. Wir wissen, dass du recht hast.“

„Well, ich wollte nur ganz sicher sein. Heute plane ich den größten Schlag, den wir je versucht haben. Ich habe alles bedacht. Es wird keinen Fehler geben. Wer von euch weiß, wo Fort Bellefront liegt?“

Bellefront ist der Ort, wohin die Eisenbahnfracht in schweren Studebaker Wagen geschafft wird. Von hier aus wird es dann in alle anderen Gebiete des Staates verteilt, die noch nicht durch die Eisenbahn versorgt werden. Alle Hügelleute wissen, wo Bellefront liegt und welche Bedeutung es hat. Jedermann hebt auf Ikes Frage die Hand.

„Gut“, fährt Ike fort. „Bellefront ist unser Ziel. Indem wir das Depot plündern, treffen wir die Leute aus dem Osten an ihrer empfindlichsten Stelle — an ihrem Geldbeutel. Es wird die größte Beute geben, die wir je gemacht haben. Uns werden Stoffballen, Lebensmittel und Farmgeräte in die Hände fallen sowie Whisky, Gewehre und Munition. Alles, was ihr und eure Familien braucht, gibt's im Depot. Es wartet nur darauf, dass wir es uns holen.“

Die Männer lachen.

„Aber ich will euch warnen“, ruft Ike. „Das Blei wird euch nur so um die Ohren sausen!“

Als niemand spricht, wendet sich Ike an seinen Bruder.

„Also gut, dann können wir aufbrechen.“

Kurz vor Mittag reiten Ike und Cal Dillard mit einunddreißig Gefolgsleuten von der Ulster Höhle nach Norden. Dreiunddreißig Männer im Ganzen, denkt Ike grimmig. Nach dem Überfall auf das Depot wird nichts als Asche zurückbleiben.

Plötzlich fliegt ein Ausdruck über sein steinernes Gesicht, den nur wenige Männer je gesehen haben. Ike lächelt. Er denkt überhaupt nicht an all die Waren und Güter im Depot, er denkt an den Tresor der Frachtgesellschaft. Er denkt an die vier Dynamitpakete, die er einzeln und sorgfältig in vier Decken eingewickelt hat. Das Bündel mit dem Sprengstoff ist hinter seinem Sattel geschnürt. Bei Sonnenaufgang werde ich ein reicher Mann sein, denkt Ike Dillard.

Die Dillard-Bande reitet fast die ganze Nacht durch das wilde, dicht bewaldete Hügelland. Und als die ersten grauen Vorboten der Dämmerung am Osthimmel erscheinen, reitet Cal von der Spitze nach hinten, um seinem Bruder zu melden.

„Sieht so aus, als ob wir da wären“, grinst er müde.

„Wie sieht es aus?“, fragt Ike.

„Ruhig wie auf 'nem Totenacker.“

Ike hält den Haupttrupp an und reitet mit Cal und Wes Longstreet nach vorn, um selbst zu erkunden. Cal hat recht. Das große Lagerhaus, das auf drei Seiten mit Laderampen versehen ist, zeigt keine Spur von Leben. Das Frachtbüro, ein breites Blockhaus, steht abseits vom Lagerhaus. Ike registriert alles und ist zufrieden.

Die Ställe liegen auf der anderen Seite des Frachtbüros. Im schwachen Licht kann Ike einige Pferde und die verschwommenen Umrisse von zwei alten Concord-Kutschen sehen. Mehrere große Studebaker Wagen stehen neben dem Hauptstall, aber damit können sie nichts anfangen. Nicht einmal ein Gespann von acht Pferden kann diese schweren Frachtwagen durch das unwegsame Hügelland ziehen, in das sie mit ihrer Beute zurückkehren müssen. Die meisten Pferde, so stellt Ike fest, sind in einem Stangencorral neben den Wagen untergebracht.

Ike kehrt zum Haupttrupp zurück und ruft die Männer zu sich.

„Sieht leichter aus, als ich dachte, Männer. Die Wachposten werden im Lagerhaus sein. Vielleicht schlafen sie, aber sie werden sehr bald aufwachen, wenn sie uns kommen hören. Aber ihr dürft zuerst gar nicht ans Lagerhaus denken, sondern ihr müsst die Pferde haben. Du“, er wendet sich an Kay Cox, „nimmst dir zehn Mann und holst die Gäule heraus. Wir übrigen werden die Finger solange vom Lagerhaus lassen, bis ihr fertig seid; es dürfte nicht lange dauern. Aber diese Pferde sind wichtig. Wir brauchen sie als Packtiere, wenn wir überhaupt etwas zur Höhle zurückschaffen wollen. Seid ihr bereit?“

Die Männer nicken stumm. Ike und Cal wenden ihre Pferde. Die Bande folgt ihnen.

Die Wachposten der Frachtgesellschaft begreifen erst, was geschieht, als es zu spät ist. Die Reiterbande jagt aus den dunklen Flügeln heraus. Die Männer schreien und brüllen wie Irrsinnige und schießen ihre Winchesters und Schrotflinten wild in die Richtung des Lagerhauses ab. Ike und Cal lenken ihr Feuer auf den großen Schuppen, während Kay Cox und seine Männer die starken Zugpferde einfangen und aus dem Corral treiben.

„Es ist soweit“, schreit Ike. „Los!“

Die Wachen weichen zurück, als die Bande das Lagerhaus stürmt. Cal will mit den anderen reiten, aber sein Bruder fasst ihn rau.

„Komm mit mir! Wir haben was Besseres zu tun!“

„Beim Satan, Ike, was hast du vor?“

„Maul halten! Folge mir!“

Ike weiß, dass die Männer eine Weile mit dem Lagerhaus beschäftigt sein werden. Das Schießen hat nachgelassen. Offenbar haben die Wachen erkannt, dass sie keine Chance haben, und ergreifen die Flucht. Ike rennt auf das Frachtbüro zu. Sein Bruder folgt ihm.

„Ike, zum Teufel, wohin willst du?“

Ike bleibt stumm. Er erreicht die Veranda und hält einen Moment an, um zu verschnaufen. Sehr vorsichtig legt er dann das Bündel Dynamit neben die Tür. In der Rechten hält er den Colt.

„Verdammt, Ike, ich verstehe nicht ...“

„Wirst schon dahintersteigen. Bleib hier an der Tür und pass auf meine Gesundheit auf! Lass niemand 'rankommen — nicht mal einen von der Bande! Wenn einer kommt - erschieß ihn!“

Cal reißt den Colt heraus. Er ist bereit, jeden Menschen zu töten, der sich dem Büro nähert. Ikes Wort ist Gesetz. Ike hat schon die Bürotür aufgebrochen und ist drinnen. Im grauen Licht der Dämmerung sieht er, dass der Raum viel kleiner ist, als er ursprünglich annahm. Dieser Umstand verblüfft ihn einen Moment. Fast zu spät erkennt er, dass nur der vordere Teil des Gebäudes als Frachtbüro dient, während im rückwärtigen Teil der Verwalter wohnt.

Rasch öffnet Ike eine zweite Tür. Sie führt in einen kleinen Saloon. In der gegenüberliegenden Wand ist eine weitere Tür, unter der ein dünner Streifen Licht hervor schimmert. Ike Dillard faucht wie eine Raubkatze und tritt die Tür auf.

Ein Mann in langer, roter Unterwäsche zieht eben die Hose an, als die Tür aufbricht. Eine Frau in weißem Nachthemd schreit. Der Mann springt nach seinem Revolver, der mit dem Patronengurt am Bettpfosten hängt. Ikes Colt spuckt eine fahle Feuerlanze, und der Mann fliegt gegen die Wand. Die Frau will wieder schreien, aber sie muss das tödliche Lächeln gesehen haben, das um Ike Dillards Mund spielt. Kein Laut kommt mehr über ihre Lippen.

Cal Dillard stürmt in das kleine Büro, als der zweite Schuss das Haus erschüttert.

„Ike, wo bist du?“

Er sieht die offene Tür und rennt mit schussbereitem Colt herein. Dann sieht er Ike aus dem anderen Raum kommen. Er sieht auch die weiße Gestalt einer Frau am Boden liegen — und den Mann, dessen Augen glasig zur Decke emporstarren.

„Ike, mein Gott!“

„Vergiss es!“, sagt sein Bruder barsch. Er läuft auf die Veranda hinaus. Cal folgt ihm.

„Ike, was hast du getan?“

„Ich sagte, du sollst es vergessen. Bewach die Tür! Ich bin in einer Minute fertig.“

Ohne Hast wickelt Ike das Dynamit aus. Cal steht zitternd draußen, als sein Bruder den Sprengstoff an den Angeln der Tresortür befestigt. Sie warten in einem Graben, während die Lunten brennen. Plötzlich glühen die Fenster des Blockhauses wie Feuer. Ein Stück Wand stürzt ein. Das Dach schwankt wie irrsinnig.

Das Krachen der Explosion dröhnt in Cals Ohren, als Ike wieder in das Blockhaus hineinläuft. Er denkt an die Frau. Das ist schlimmer, als er erwartet hat. Zwei Minuten verstreichen. Ike stolpert aus der Hütte. Er trägt eine aufgebrochene Stahlkassette unter dem Arm.

„Sieh dir das an, Cal! Jetzt sind wir reich!“

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John Perry spürt, wie sich die Muskeln in seinem Gesicht verhärten. Aus engen Augen blickt er die weißhaarige, schwarz gekleidete Gestalt des CountyRichters an. Der Mann ist zum Feld hinuntergekommen, wo John den Mais hackt. Die hellen, alten Augen des Richters funkeln lebendig.

„Sie haben noch nichts von Fort Bellefront gehört, wie? Die Dillard-Bande hat dort vorgestern nacht zugeschlagen. Das Lagerhaus ist völlig niedergebrannt. Die Kerle sind mit einem Vermögen an Waren und Gütern entkommen — ganz zu schweigen von siebentausend Dollar aus dem Tresor der Gesellschaft. — John, kennen Sie Frank Ransom, den Verwalter der Frachtgesellschaft?“

John schiebt die Brauen zusammen.

„Sicher, ich stieg gewöhnlich in Bellefront ab, als ich noch für die Regierung arbeitete.“

„Und Franks Frau?“

„Edith Ransom? Arch Deland behauptet immer, sie backe die besten Pfannkuchen im ganzen Territorium.“ Er lächelt bei der Erinnerung. Richter Lochland hält einen Moment inne. Dann sieht er John an.

„Sie sind beide tot“, sagt er unverblümt. „Ermordet. Die Dillards haben sie erschossen.“

Der Boden unter Johns Füßen scheint zu schwanken. Bis zu diesem Moment haben die Dillards für ihn keine Bedeutung gehabt. In diesem riesigen Land hat er bisher immer die Vorstellung gehabt, die Dillards seien irgendwo in weiter Feme. Richter Lochlands Worte haben das nun alles geändert.

„Tut mir leid um Frank und Edith. Sie waren prächtige Menschen.“

„Die Ransoms werden nicht die letzten sein“, sagt Lochland ruhig. „Die Dillards werden immer dreister. Sie beherrschen die Hügel. Sie vergiften die Gehirne der Unwissenden und machen aus armen Farmern Banditen und Mörder. Ganz offen verhöhnen sie das Gesetz und machen Witze über unsere lächerlichen Bemühungen, ihnen Einhalt zu gebieten.“

Jeder Muskel an John Perry ist plötzlich gestrafft.

„Ich habe alles gehört, Richter. Ich kenne Banditen wie die Dillards von früher. Aber warum kommen Sie zu mir?“

„Um Hilfe, John.“

„Ich kann nicht helfen!“ Zornig schüttelt John den Kopf. „Ich sagte es bereits zu Sam Wood, dass ich es nicht kann, und jetzt sage ich es Ihnen. Es ist nicht meine Aufgabe. Ich bin nur ein Farmer wie hundert andere in diesem Land!“

„Aber Sie sind der einzige, der Abhilfe schaffen kann, John. Ich weiß, es ist eine bittere Pille, und ich weiß, es ist schwer zu verstehen, warum gerade Sie aufgefordert werden, Ihr Leben für Hunderte von Menschen aufs Spiel zu setzen, die selbst nichts tun wollen. Aber so ist's wohl immer gewesen — einige wenige Männer mit Kraft und Wagemut waren bereit, im kritischen Moment in die Bresche zu springen, obwohl es nur selten ihre Aufgabe war ...“

„Tut mir leid, Richter, aber Sie vergeuden Ihre Zeit.“

Lochland seufzt und wendet sich ab. John sieht, wie der CountyRichter auf den Wagen zuschreitet. Er kann auf so einen Mann nicht zornig sein. Trotzdem verspürt er einen heftigen Zorn, als er die Hacke wieder aufnimmt. Wild hackt er auf das zähe Unkraut los, als hätte er einen Feind vor sich. Er kann die Worte des Richters nicht vergessen: „Einige wenige Männer mit Kraft und Wagemut — bereit, in die Bresche zu springen.“

Am nächsten Samstag.

Als John Perry nach Socorro kommt, spürt er die eisige Ablehnung der Bürger. Selbst viele seiner alten Freunde wenden den Blick, als sie ihm auf dem Sidewalk begegnen.

Johns Seele ist plötzlich leer. Er glaubt den Grund zu diesem Verhalten erraten zu können, aber er will sichergehen. Er sucht die Stores und die Straßen ab, bis er Arch Deland findet. Der alte Deputy lächelt ohne Humor, als John ihm die Frage stellt.

„Sicher kann ich dir sagen, was nicht stimmt. Das County will, dass den Dillards das Handwerk gelegt wird, und Sam Wood hat die Leute überzeugt, dass du der einzige Mann für diese Aufgabe bist.“ Er schüttelt den Kopf. „Die Menschen sind komische Tiere. Allmählich glauben sie, du seist für den Tod der Ransoms verantwortlich, weil du nicht losgeritten bist, als Sam Wood es dir sagte.“

„Sie geben mir die Schuld?“

„Ich sagte dir ja, dass die Menschen komische Tiere sind. Sam Wood hat sie dazu gebracht, so zu denken. Sie sind überzeugt, dass nur wegen deiner Sturheit die Dillard-Boys noch frei herumlaufen.“

„Sturheit! Wer von ihnen hat jemals versucht, einen Mann wie Ike Dillard zu fangen? Wer von ihnen hat jemals einen Mörder verfolgt?“

„Ich weiß es“, sagt der Deputy beschwichtigend. „Aber sie wissen es nicht.“

„Wenn sie glauben, dass es so leicht ist, warum verfolgen sie selbst nicht die Bande?“

„Sie nehmen wohl an, dies sei Aufgabe für 'nen Spezialisten. Und du bist der einzige, den wir haben.“

„Hirnverbrannte Narren!“, presst John heraus.

Deland fasst ihn am Ärmel.

„Lass dich nicht verwirren, John!“, sagt er ernst. „Du hast hier keine Pflicht zu erfüllen. Im ganzen County gibt es keinen Mann, der so viel für die Allgemeinheit geleistet hat wie du. Diese Leute ...“ Kalt und verächtlich streift er die Gesichter der Passanten. „Sie wollen immer, dass ein anderer die schmutzige Arbeit für sie tut. Well, ich schätze, du hast genug für sie getan, und ich auch.“

John schweigt.

„Da ist noch was zu bedenken“, fährt Arch Deland nach einer Pause fort. „Der Mann, der in die Hügel reitet, kann mit großer Wahrscheinlichkeit damit rechnen, nicht lebend wieder 'rauszukommen. Lass dir das auch durch den Kopf gehen, John, ehe du ernsthaft daran denkst! Ein Nachruf im ,Socorro Reflex' und ein großes Begräbnis wären ein armseliger Trost für Muriel und die Kinder.“

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Kay Cox sitzt noch immer ein Würgen in der Kehle, wenn er an den Raubzug denkt. O ja, sie haben bei dem Überfall auf Bellefront eine Menge Beute gemacht, und er hat seinen Anteil von Gabe Tanis zu seinen Angehörigen bringen lassen. Aber Kay kann nicht darüber hinwegkommen, dass der Preis viel zu hoch gewesen ist.

Der Überfall liegt über eine Woche zurück. Die meisten Männer haben sich wieder über das ganze Hügelland verstreut. Die Felsgipfel, die die Ulster Höhle überragen, sind düster und stumm. Kay wäre gern mit den anderen zurückgeritten. Um diese Jahreszeit braucht ihn sein Vater zur Feldarbeit. Doch hier steckt er in der Wildnis fest, weil Ike Dillard es so will.

Manchmal hat er es gründlich satt, sich von Ike herumkommandieren zu lassen. Aber er glaubt, dass ihm diese Bedenken erst nach dem Überfall auf Bellefront gekommen sind. Es ist das erste Mal, dass ein Bandenmitglied auf einem der Streifzüge getötet wurde. Für Kay waren diese Überfälle bis jetzt mehr oder weniger eine Art von bösen Streichen. Aber nun sind sie das nicht mehr — nicht mehr, seit er sah, wie eine Schrotladung Dove Wakeleys Kopf traf.

Es ist schon in Ordnung, wenn man den Reichen etwas wegnimmt und den Armen schenkt, aber auch da gibt es Grenzen.

Jetzt sitzt Kay auf einem Felsen in der Nähe der ersten Vorpostenstellung. Er stützt sich auf seine Schrotflinte und fragt sich, was Doves Frau nun anfangen wird, nachdem ihr Mann tot ist. Wie lange wird die Beute aus Bellefront reichen?

Bald hat Kay das Sitzen satt. So steht er auf, um die Beine zu strecken, und geht im Kreis herum. Nach einer Weile bleibt er stehen und schaut über das dunkle Meer von Fichten hinweg. Er sieht zur Sonne empor und schätzt, dass er noch vier Stunden Wache hat, ehe ihn Wes Longstreet ablösen wird. Schließlich stapft er zur anderen Seite des Kammes hinüber. Von hier aus kann er in der Ferne einen dünnen Faden Holzrauch erkennen, der aus Mort Stringers Kamin aufsteigt. ,Prediger' Stringer nennen ihn einige. Man sagt, Mort sei einmal der Leiter einer Baptistenmission bei den Cherokee Indianern gewesen. Dann habe er das Predigen bei den Indianern aufgegeben, weil er der Meinung war, die Weißen hätten es nötiger. Stringer ist hierher in die Hütte gezogen, wo die Hügel am wildesten sind, die Wälder am dunkelsten und am grausamsten — und hat begonnen, die Hügelleute zu betreuen. Er und seine Tochter.

Leah heißt das Mädchen. Kay hat sie nie gesehen. Er weiß nur, dass Cal Dillard in letzter Zeit hinter dem Girl her ist, obwohl Ike es ihm verboten hat.

Nach einiger Zeit wendet Kay sich um und geht stampfend zu seinem Platz zurück. Er lehnt sich an einen Felsblock und macht sich darauf gefasst, die letzten Stunden auf Wes Longstreet zu warten. Eine Stunde verstreicht. Plötzlich sieht Kay den grauen Hengst, der sich einen Weg durch das Geröll am Fuße des langen Hanges bahnt. Sofort ist er wachsam und gespannt. Schussbereit liegt die Schrotflinte in seinen Händen. Dann denkt er: Warum, zum Satan, habe ich keine Winchester mitgenommen? Eine Schrotflinte taugt nichts auf diese Entfernung.

Aber dann legt der Reiter die Hände an den Mund, und das trauervolle Heulen eines Coyoten tönt durch die stille Luft herauf. Kay erwidert den Ruf und denkt, das ist Cal Dillard. Was will der denn so weit von der Höhle weg?

Er beobachtet gelangweilt, wie der große Graue sich am Fuß des Hanges entlang entfernt und unter den Bäumen verschwindet. Kay zuckt die Achseln. Cal Dillard kann wohl tun, was er will — solange Ike nichts dagegen hat. Kay setzt sich wieder auf den Felsblock und wartet.

Wieder verstreicht eine Stunde.

Plötzlich dringt der gedämpfte Knall eines Gewehrschusses durch die nachmittägliche Stille. Sofort ist Kay wieder auf den Beinen und läuft in die Richtung des Schusses. Dann denkt er, der Schuss war zu weit entfernt. Ohne ein Pferd kann ich nichts ausrichten. Er macht kehrt und läuft zu seinem kleinen Braunen zurück, der das Gras zwischen den Felsblöcken abweidet.

Er muss einen gewundenen Weg an der Westseite des Hügels hinunterreiten, denn es wäre Selbstmord, den Steilhang hinunterzujagen. Der Schuss bedeutet vielleicht gar nichts, sagt er sich. Vielleicht jagt Cal irgendwo Wild. Kay flucht, als der kleine Braune auf dem steinigen Weg stolpert.

Als er unten ankommt, zügelt er stirnrunzelnd den Braunen. Hier ungefähr, überlegt er, hat er Cal gesehen. Kay ruft das Erkennungszeichen, aber die Hügel schweigen. Kay lenkt den Braunen mit den Knien nach Süden auf ein dichtes Waldstück zu. Noch einmal ruft er. Wieder keine Antwort. Ob ein Aufgebot in die Hügel eingedrungen und Cal ihm in die Hände gelaufen ist? Aber Kay verwirft den Gedanken sofort wieder. Kein Aufgebot käme an den äußeren Vorposten vorbei, ohne dass Lärm geschlagen worden wäre.

Einen Augenblick denkt Kay darüber nach. Vielleicht hat Cal einen Unfall gehabt. Dieser Gedanke beunruhigt Kay mehr als die Möglichkeit, dass ein Aufgebot anrückt. Ike kann höllisch unangenehm werden, wenn seinem Bruder irgendetwas zustößt.

Nach einer weiteren Orientierungspause lenkt Kay den Braunen in den Wald hinein und reitet einen weiten Bogen um den Hügel herum. Dabei peilt er die Richtung an, aus der er den Schuss hörte. Er will eben wieder rufen, als er das Klappern beschlagener Hufe auf den Steinen hinter sich hört. Kay erkennt zwischen den Bäumen Ike Dillards gefleckte Stute, die mit lauten Krachen durch den Wald jagt. Das Gesicht des Bandenführers ist vor Wut verzerrt und rot.

Instinktiv hält Kay sich zurück. Er ist froh, dass Ike ihn nicht gesehen hat. Wenn der ältere Dillard so ein Gesicht macht, ist mit ihm nicht zu spaßen.

Kay beruhigt sein Pferd. Er kann Ikes Pinto immer noch schnauben hören. Hier stimmt etwas nicht, denkt er. Woher kam Ike überhaupt? Er muss zur Zeit des Schusses oben auf dem Zügel gewesen sein. Und sicher hat er keinen Moment gezögert, um hier herunterzureiten. Ike scheint auch sein Ziel genau zu kennen. Kay denkt darüber nach und schüttelt den Kopf. Wenn es eine persönliche Sache ist, will er nichts damit zu tun haben. Wenn es jedoch die Bande angeht ...

Kay gibt sich einen Ruck. Er lenkt den Braunen nach links und folgt Ikes Fährte. Schon nach einigen Minuten erkennt er, dass diese Fährte ihn geradewegs zu Mort Stringers Hütte führt.

Beim Satan, denkt er, wenn Ike und Cal Streit mit Stringer haben, geht mich das nichts an.

Aber er kehrt nicht um. Je mehr er über die Sache nachdenkt, umso weniger gefällt sie ihm. Denn wenn sie sich Mort Stringer zum Feind machen, so ist das das Schlimmste, was geschehen kann. Der alte Mann kann in den Hügeln bis hinauf zu den Verdigris die ganze Bevölkerung aufwiegeln, wenn er es will.

Vorsichtig lenkt Kay seinen Braunen weiter. Fast unmittelbar darauf hält er an. Er hört Prediger Stringers schrille und erregte Stimme durch den Wald tönen. Kay bindet den Braunen an einen jungen Stamm und horcht. Er ist noch zu weit entfernt, um sagen zu können, worüber Stringer so aufgebracht ist. Aber das ist sicher — er predigt jemandem das reine Höllenfeuer.

Well, wo ich so weit gekommen bin, überlegt Kay. Er zieht die Schrotflinte aus dem Scabbard und geht zu Fuß weiter — wachsam wie eine Hündin und still wie ein Indianer.

Er gelangt zu einer kleinen Bodenwelle am Rande der Stringer Lichtung. Als er dann hinter einem Busch auf dem Bauch liegt, kann er vier Personen sehen — Mort und das Mädchen, Ike und Cal. Cal liegt auf dem Rücken. Sein hübsches Gesicht ist vom Schmerz verzerrt. Ike schneidet die Hose seines Bruders mit einem Taschenmesser auf.

„Dieser alte Bastard!“, ruft Cal wimmernd. „Er hat mich niedergeschossen! Hörst du, Ike? Er hat mich niedergeschossen!“

„Halt's Maul!“, sagt Ike mit kalter Stimme. „Du hast Glück, dass ich nicht beendet habe, was er angefangen hat.“

Heftig reißt Ike Cals Hosenbein auf, zerschneidet es mit seinem Messer und macht aus der einen Hälfte des rauen Stoffes eine Kompresse und aus der anderen einen Verband. Er arbeitet zornig und stumm, als er das Bein seines Bruders bandagiert. Morl Stringers Geschrei überhört er völlig. Das Mädchen, das ein Stück hinter seinem Vater auf Händen und Knien liegt, gibt keinen Laut von sich. Kay nimmt an, dass sie zu Boden geschlagen wurde — wahrscheinlich von Mort selbst, denn sie schüttelt benommen den Kopf und macht keinen Versuch, aufzustehen.

„Wer durch das Schwert lebt, soll durch das Schwert umkommen!“, predigt Mort Stringer theatralisch. „Ike Dillard, du vergeudest deine Zeit, denn der Lohn der Sünde ist der Tod! So sprach der Herr, und du kannst den Willen des Herrn nicht verdrehen! Der Schatten des Todesengels wird über euch beide fallen!“

Ike schaut in kalter Wut auf, sagt jedoch nichts.

Kay Cox ist in seinem Versteck im Unterholz entsetzt, als er den Schwall fast irrer Flüche hört, die Mort Stringer hervorstößt. Vielleicht hat Mort zu lange in den Bergen allein gelebt. Vielleicht hat ihn der Schock über den Verlust seiner Frau so verändert. Kay weiß es nicht, aber er sieht, dass Prediger Stringer nicht mehr der gleiche Mann ist, den Kay von früher her kennt. Dieser Mann ist nicht mehr richtig im Kopf. Seine Augen sind glasig und leer, seine Stimme klingt zu schrill.

In seiner krallenartigen Hand hält er ein langläufiges Gewehr, aber seine Augen verraten, dass er sich dessen gar nicht bewusst ist.

„Das Gericht des Herrn soll über euch kommen!“, schreit Mort und schwingt plötzlich das Gewehr über den Kopf.

Ike verbindet weiter das Bein seines Bruders und blickt nicht auf.

„Der Wille des Herrn geschehe!“, schreit Mort. „An die, der du Sünde und Verderbnis über mein eigenes Fleisch und Blut gebracht hast!“ Er starrt auf das Gewehr und dann auf Cal Dillard, aber die Gedankenverbindung scheint ihm nicht bewusst zu werden.

„Oh, glaubt nur nicht, dass ich nicht wüsste, was in diesen Hügeln vorgeht!“, schreit er. „Glaubt nicht, dass ich euer teuflisches Treiben nicht bemerkt hätte. Ich kenne deine Sünden, Ike Dillard, aber der Tag von Armageddon ist gekommen!“

Bei diesen Worten dreht sich Ike Dillard auf einem Knie herum, zieht seinen Revolver und schießt Mort Stringer in die Brust. Der Prediger flattert wie eine Marionette an ihren Schnüren und fällt dann geräuschlos wie ein Blatt im Oktober zu Boden. Es geschieht so rasch, dass Kay einen Augenblick wie betäubt ist. Cal Dillard hat sich beim Krachen des ersten Schusses stöhnend auf dem Ellbogen aufgerichtet.

„Der alte Bastard!“, ruft er verbittert. „Er hat es verdient!“

Ike bläst nachdenklich den Rauch aus dem Revolverlauf und sagt nichts. Das Mädchen starrt mit vor Entsetzen geweiteten Augen auf die verzerrte Gestalt des Vaters.

„Schaff mich hier weg!“, sagt Cal schnarrend. „Ich hab genug davon. Und ich hab genug von ihr.“

Ike sieht den Toten nicht einmal an, sondern beobachtet kalt das Mädchen. Cal bemerkt den berechnenden Blick in den geschlitzten Augen des Bruders und fragt unruhig: „Ike, woran denkst du?“

„Das geht dich nichts an!“

„Hör zu, Ike! Du hattest recht. Ich hätte sie in Ruhe lassen sollen. Aber verdammt — sie schien willig genug. Alles wäre in Ordnung gewesen, wenn der Alte nicht ...“

„Halt's Maul!“, sagt Ike barsch und beobachtet weiter das Mädchen. Cal schluckt schwer. Jetzt ist sein eigenes Entsetzen fast so groß wie das des Mädchens.

„Ike, um Gottes willen!“

Das Mädchen schnellt wie ein aufgescheuchtes Reh hoch. Ike grinst ruhig, als Leah zu den schützenden Bäumen flieht.

Oben auf dem Hügel lockert Kay den harten Griff um seine Schrotflinte. Er stößt einen langen Seufzer der Erleichterung aus. Ike wird sie laufen lassen, denkt er. Nicht einmal er würde ein Mädchen kaltblütig niederschießen.

Und dann, noch ehe der Gedanke ganz zu Ende ist, schießt Ike Dillard einmal von der Hüfte. Das Mädchen taumelt, als ob es über einen Stein gestolpert sei. Dann fällt es mit dem Gesicht nach unten auf das weiche Bett von Fichtennadeln.

Cal Dillard schlägt die Hände vor das Gesicht.

„Ike, du hättest sie nicht töten müssen!“, schluchzt er heiser.

„Darin hast du unrecht“, entgegnet sein Bruder sanft und lädt den Revolver nach. „Ich hab' dir gesagt, du solltest sie in Ruhe lassen, aber du wolltest ja nicht hören.“

„Aber du brauchtest sie nicht zu töten!“

„Hör mit deinem Gewimmer auf!“

Kay hat das Gefühl, dass es ihm übel werden müsse. Er liegt mit dem Gesicht nach unten im Gras. Einen Moment lang hat er Ike Dillard im Visier und den Finger am Abzug. Dann denkt er hoffnungslos: Was soll's? Sein Tod macht Mort und das Mädchen nicht wieder lebendig. Meine Angehörigen würden nur mit der Bande aneinandergeraten.

Jetzt spricht Ike wieder ganz ruhig: „Es gab keinen anderen Ausweg. Du und die Kleine habt euch von dem alten Narren ertappen lassen. Er hätte alle Bewohner des Hügellandes gegen uns gehetzt, wenn ich ihn hätte laufen lassen.“

„Aber das Girl! Musstest du Leah denn auch erschießen?“

„Was hätte sie wohl unternommen, wenn ich's nicht getan hätte?“, fragt Ike kalt. „Sie hätte überall herumerzählt, dass ich den Prediger erschossen habe. Was wäre daraus geworden? Wie viele Männer würden mir folgen, wenn sie von dieser Sache wüssten?“

Cal stöhnt und scheint sich mehr für seinen eigenen Zustand zu interessieren als für Ikes Worte. Aber Ike spricht geduldig weiter, als ob er einem Kind etwas ganz genau erklären wolle.

„Hör mal zu, Cal. Es ist doch nicht meine Schuld, dass du nicht auf mich hören wolltest. Ich konnte nicht anders handeln. Es steht viel zu viel auf dem Spiel, und das will ich mir von einem verrückten alten Prediger oder von einem schlampigen Mädchen nicht ruinieren lassen. Wir sind reich, Cal, und wir werden noch viel reicher werden. Ich fange ja erst an, die Bande in Schwung zu bringen.“

Plötzlich lacht er, und das ist der entsetzlichste Laut, den Kay Cox je in seinem Leben gehört hat.

„Diese dummen Farmer werden alles tun, was ich sage, Cal. Sie werden uns zu Reichtum verhelfen und dabei glücklich sein. Jetzt steh auf! Wir müssen zur Höhle zurück.“

Kay liegt wie ein lauernder Wolf im Gebüsch, als Ike seinem Bruder Cal auf die Beine hilft und ihn über die Lichtung zu den Pferden führt. Cal stöhnt und wimmert. Dicke Schmerzcnstränen fließen über sein glattes Gesicht, als Ike ihn in den Sattel hebt.

„Wir werden langsam reiten. Es ist nicht weit bis zur Höhle.“

„Dieser alte Bastard! Ich glaube, die Kugel hat den Knochen zerschlagen.“

„Es ist nur 'ne Fleischwunde!“ Ike besteigt seinen kleinen, zottigen Pinto. „Noch etwas“, fährt er fort. „Die Jungs in der Höhle werden wissen wollen, was vorgefallen ist. Sag du ihnen, dass es ein Unfall war.“

Cal hält sich am Sattelhorn fest und sieht zornig zu dem toten Prediger zurück.

„Du wirst wegen der Toten was unternehmen müssen.“

„Dafür werde ich sorgen, wenn ich dich in der Höhle habe.“

Hinter seiner dürftigen Deckung aus Unkraut und Buschwerk liegt Kay so still wie der tote Prediger auf der Lichtung. Die Worte des Bandenführers lassen ihm keine Ruhe: Diese dummen Farmer! Was hat Ike nur damit gemeint? Und was hat er damit sagen wollen, sie würden ihnen zu Reichtum verhelfen? Sie teilen doch und teilen gleichmäßig, oder? Wie können dann Ike und Cal reicher werden als ein anderer?

Das Mädchen liegt auf der Seite und hat das Gesicht in den weichen, sauberen Nadelteppich gepresst.

Kay spürt wieder, dass ihm der Schweiß ausbricht. Seine Gedanken an Ike Dillard sind bitter und zornig. Er senkt den Kopf und betrachtet die nackten Füße des Mädchens. Verzweiflung packt ihn. Er hat das Gefühl, dass etwas unternommen werden sollte, aber er weiß nicht, was. Sein hartes, junges Gesicht bleibt düster und befremdet. Und schließlich stößt er barsch und kaum lauter als ein Flüstern heraus: „Hol's der Teufel!“ Dann wendet er sich um und will gehen.

Das Mädchen stöhnt.

Kay Cox fährt herum. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er auf das Mädchen. Sie bewegt den Arm und versucht, ein Bein anzuziehen. Dann schlägt sie langsam die Augen auf und sieht Kay an.

„Hilf mir!“, sagt sie. Ihre Stimme ist so schwach, dass sie kaum zu hören ist. Sie versucht, sich auf den Ellbogen zu stützen, aber sie fällt hustend zurück.

Kay kniet neben dem Mädchen nieder und legt es so bequem wie möglich hin. Mit sanfter Hand betastet er das blutige Kleid unter ihrer linken Brust. Sie fängt leise an zu wimmern. Mit einem Taschenmesser schneidet er das Kleid auf. Das Kugelloch, das er findet, ist sauber, obwohl es stark blutet. Er muss zunächst die Wunde verbinden. Kurz entschlossen schnallt er seinen Ledergürtel ab und schiebt ihn dem Mädchen zwischen die zusammengebissenen Zähne.

„Beißen Sie darauf! Ich glaube, ich kann die Kugel ohne große Mühe herausholen.“

Als er die Messerspitze an die Wunde setzt, wird das Mädchen ohnmächtig. Kay arbeitet schnell. Er findet die Kugel und zieht sie heraus. Blut fließt aus der Wunde, und Kay fragt sich, wie er es stillen kann. Er reißt den Ärmel von seinem Hemd, faltet ihn zusammen und legt ihn über die Wunde. Dann nimmt er seinen Gürtel aus dem Mund des Mädchens und schnallt die Kompresse fest. Dann kauert er sich auf die weichen Fichtennadeln, beobachtet das stille Gesicht des Mädchens und wischt seine blutigen Hände an der Hose ab. Je länger er sie betrachtet, umso weniger kann er es Cal Dillard verübeln, dass er sich an sie herangemacht hat. Sie ist zierlich, geschmeidig und doch kräftig. Je länger Kay sie ansieht, desto besser gefällt sie ihm.

Er sieht nach der Sonne und schätzt die Zeit. Eigentlich müsste er jetzt oben auf dem Ausguck sein. Wenn nun einer von der Bande vorbeikommt und den Posten verlassen vorfindet?

Das Mädchen wimmert und bewegt sich, schlägt jedoch die Augen nicht auf. Kay wird unruhig und zornig. Höllenfeuer, denkt er, wenn ich nur den Ausguck nicht verlassen hätte! Wenn Ike zurückkommt und mich hier findet, wird der Teufel los sein. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Das Girl wird sicher sterben, wenn ich weggehe und sie hier liegenlasse — falls Ike nicht vorher zurückkommt und sie tötet.

Je länger Kay wartet und je länger er das Mädchen ansieht, desto sicherer ist er, dass er versuchen wird, sie zu retten. Seltsamerweise gerät er über die Entscheidung in Zorn, als er sie trifft. Ich muss total verrückt geworden sein, denkt er wild.

Und während er noch überlegt, hackt er mit seinem Taschenmesser auf zwei dünne Baumstämme ein. Die Arbeit geht mit dem Messer zu langsam. Deshalb läuft er in Morts Hütte, um eine Axt zu holen, und nimmt auch eine Decke mit. Dann kehrt er an den Rand der Lichtung zurück und beginnt wie ein Wahnsinniger zu arbeiten.

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10

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Es ist unmittelbar nach dem Essen. John Perry bessert im Stall Geschirre aus, als er die beiden Flenning Jungen über die Felder auf das Haus zulaufen sieht. Bruce, der ältere, hält eine langläufige Vogelflinte quer vor der Brust. Die beiden scheinen es eilig zu haben. John tritt hinaus und winkt ihnen zu. Die Jungen laufen jetzt zum Stall, statt zum Haus.

„Warum so eilig?“, fragt John, als sie an der Stalltür stehenbleiben und wie Pferde schnaufen.

„Wir — wir waren auf der Jagd, Marshal ...“

„Auf Eichhörnchen“, fällt Bud ein. „Oben im Wald. Dort sahen wir sie.“

„Die Frau scheint tot zu sein“, keucht der andere.

„Moment mal“, sagt John ruhig. „Ihr wart also oben in den Hügeln auf der Jagd und habt jemand gesehen. Bruce, sprich du jetzt weiter!“

„Well, Marshal. Wir waren oben beim Indian Rock, als wir sie sahen. Ein Mann ritt auf einem Pferd. Er hatte zwei lange Stangen an den Sattel gebunden und zog sie hinter dem Pferd über den Boden her.“

„Das war's wohl. Jedenfalls war 'ne Decke zwischen die Stangen gespannt und die Frau darauf festgebunden.“

„Sie — sie war tot“, fällt Bud ein.

Bruce nickt heftig.

„Sie sah jedenfalls so aus. Natürlich haben wir sie nicht so genau erkennen können. Wir waren oben auf den Felsen und schauten hinunter, als sie vorbeizogen.“

John runzelt die Stirn.

„Hat euch der Mann gesehen?“

„Schätze nicht, Marshal. Wir riefen ihn an, aber er schien im Sattel zu schlafen. Bis wir heruntergeklettert waren, hatte er schon das Tal erreicht.“

„In welche Richtung ritt er?“

„Anscheinend nach Socorro.“ Dann überlegt der Junge und sagt: „Der Mann hat einen Revolver und eine Schrotflinte. Glauben Sie, dass es einer der Hügelbanditen ist, Marshal?“

„Das ist nicht sehr wahrscheinlich“, erwidert John lächelnd. „Aber wenn die Frau so krank ist, wie ihr sagt, sollte ich ihn vielleicht abfangen und sehen, ob ich helfen kann.“

Nach einem halbstündigen Ritt entdeckt John den staubigen, von Dorngebüsch zerzausten kleinen Braunen durch die Bäume. Niemand sitzt im Sattel. Als John näher kommt, sieht er den Mann, der neben dem Stangen Travois kniet. Der ist ja noch ein Junge, denkt er. Und das Mädchen — sie kann nicht älter sein als siebzehn!

Aber als der Mann aufschaut, sieht John das harte, junge Gesicht und die gefährlichen Augen. Da weiß er, dass es kein Junge mehr ist. Rasch packt der Mann seine Schrotflinte und richtet sie auf John.

„Stopp, Mister!“

„Ich komme, um zu helfen.“

„Sind Sie 'n Doc?“

„Nein, und auf den ersten Blick möchte ich sagen, dass das Girl kaum 'ne Chance hat, am Leben zu bleiben, wenn Sie sie nicht gleich zu 'nem Doc bringen.“

„Das ist meine Sorge!“, gibt der junge Mann barsch zurück.

„Meinetwegen, wenn Sie wollen, dass sie stirbt. Es ist aber 'ne Schande, wo Sie sie schon so weit gebracht haben.“

Der junge Mann kraust die Stirn. Sein Blick geht über die Wälder und Hügel. Er scheint zornig und ängstlich zugleich zu sein. Wenn er das Mädchen betrachtet, steht Furcht in seinen Augen. Endlich senkt er die Schrotflinte.

„Glauben Sie, dass Sie ihr helfen können?“

„Ich kann nichts sagen, bevor ich nicht weiß, was ihr fehlt.“

„Sie ist angeschossen worden.“

„Verstehe. Wie schlimm ist es?“

„Die Kugel bekam ich heraus. Aber das Mädchen hat viel Blut verloren und einen schweren Schock erlitten. Gibt es zwischen hier und Socorro 'nen Doc?“

„Nein.“

Das harte Gesicht wird schärfer.

„Hab keine große Lust, nach Socorro zu reiten“, sagt er, als ob er laut nachdachte. „Es sei denn, ich muss.“

„Dann schlage ich vor, dass Sie umkehren und das Mädchen in mein Haus bringen. Meine Frau und ich werden für sie tun, was wir können, und dann werde ich 'nen Doc holen.“

Nach einem Moment ernster Überlegung steckt der junge Mann seine Schrotflinte in den Scabbard und besteigt den Braunen.

„Zuerst wollen wir mal nachsehen, ob ein Doc hier noch helfen kann.“ Dann nickt er John zu, und sie reiten davon. Gemeinsam tragen sie das Mädchen ins Haus. Muriel hat das Bett im Kinderzimmer hergerichtet. Sie legen die Verletzte so sanft wie möglich nieder.

Plötzlich schlägt sie die Augen auf und starrt John an.

„Cal...“, sagt sie, und ihr Mund zuckt mehrmals, ehe der Laut herauskommt. „Cal — lass nicht zu, dass er mich tötet!“ Dann wird sie wieder ohnmächtig.

Nachdenklich nimmt John den Gürtel und die blutige Bandage ab.

„Muriel, hol alle Decken, die wir haben, und deck' sie zu! Sie wird bald einen Schüttelfrost bekommen.“ Er blickt auf und sieht den jungen Mann an. „Wie heißen Sie?“

Der zögert einen Moment, dann sagt er: „Kay Cox.“

„Wann wurde das Mädchen angeschossen, Kay?“

„Ich schätze, gestern um diese Zeit.“

John wischt sich mit dem Ärmel die Stirn ab. Mit Gewalt hält er seine Neugier zurück.

„Ich verstehe. Die Wunde sieht nicht allzu ernst aus, aber sie hat viel Blut verloren. Es wäre besser, wenn ein Doc käme.“

Kay überlegt und sagt nichts.

„In welcher Verfassung ist Ihr Pferd?“, fragt John.

„Es ist ein Indianerpferd. Es läuft, bis es tot umfällt. Und bis dahin wird es noch 'ne Weile dauern.“ Als John sich herumdreht und das Zimmer verlassen will, sagt Kay mit scharfer Stimme: „Moment, Mister! Wollen Sie mein Pferd nehmen, um 'nen Doc zu holen?“

„Ich besitze selbst nur Ackergäule.“ Dann sagt John betont beiläufig: „Natürlich könnten Sie genauso gut wie ich nach Socorro reiten.“

„Nein!“ Zorn und Verwirrung zeigen sich auf dem Gesicht des Jungen. „Ich finde, Sie kennen den Weg besser als ich. Sind Sie sicher, dass sie 'nen Doc braucht?“

„Wenn Sie wollen, dass sie am Leben bleibt.“

Kay flucht leise. Dann blickt er Muriel an und murmelt: „Verzeihung, Ma'am, aber ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß es einfach nicht!“

Die zwei Flenning-Boys, die vor Neugier zappeln, sind durch die Hintertür eingetreten und schauen jetzt herein.

„Marshal“, platzt Bruce heraus. „Mein Vater hat ein Reitpferd, das Sie nehmen können.“

Kay Cox fährt herum, als ob er geschlagen worden sei, und starrt die zwei Jungen an. John entgeht diese tierschnelle Reaktion nicht, aber er sagt nur: „Danke, Bruce, aber ich glaube, ich kann Mr. Cox' Pferd nehmen. Ihr Jungens geht jetzt lieber.“

Kay fährt wieder zu John herum. Seine Augen sind gefährlich schmal.

„Dieser Junge nannte Sie Marshal?“

„Ich arbeitete für die Regierung“, sagt John gleichmütig. „Das ist jetzt fünf Jahre her.“ Dann geht er hinaus. Als er den Sattelgurt des Braunen festzieht, tritt Kay zu ihm.

„Noch etwas, Marshal — kommen Sie nur mit dem Doc zurück!“

John sieht ihn an. „Schon gut.“

„Und sagen Sie niemandem ein Sterbenswörtchen!“

John nickt.

„Falls Sie sich entschließen sollten, den Sheriff mitzunehmen, dann denken Sie lieber vorher an Ihre Frau und Ihre Kinder.“

John spürt die Hitze des Zornes wie eine heiße Welle in seiner Kehle emporsteigen. Er packt Kay Cox an seinem schmutzigen Hemd und stößt ihn mit aller Wucht gegen die Hauswand, ehe der junge Bandit nach dem Revolver greifen kann.

„Hör mal zu!“, sagt John in einem heiseren, wilden Flüsterton. „Wenn du auch nur daran denkst, meiner Frau oder meinen Kindern ein Haar zu krümmen, hetze ich dich bis zum letzten Erdenwinkel. Und glaubst du denn im Ernst, ich brauche den Sheriff, um mit einem kläffenden jungen Köter wie dir fertig zu werden?“ Mit einer wütenden Drehung lässt John den Burschen los. Kay stolpert zwei Schritte und fällt dann erstaunt auf die Knie.

„Drohe mir nie wieder!“, sagt John mit gepreßter Stimme. „Ich habe nicht gefragt, woher du kamst, weil ich mich nicht darum schere. Ich habe dich nicht gefragt, ob du ein Mitglied der Dillard-Bande bist. Ich habe dich und das Mädchen in mein Haus aufgenommen und hole jetzt den Doc, weil das meine Pflicht als Christenmensch ist. Kapierst du das?“

Kay reibt sich mit dem Handrücken über den Mund und nickt. Es würde leicht sein, den Revolver zu ziehen und den Mann auf der Stelle zu erschießen, aber der Gedanke kommt ihm gar nicht.

„Also gut“, sagt John rau. „Steh auf! Meine Frau wird dir etwas zu essen machen, während ich fort bin.“

Verblüfft sieht Kay Cox zu, wie John nach Westen davonreitet. Er schüttelt den Kopf. Ein plötzlicher Respekt vor diesem ruhigen, kraftvollen Mann erfüllt ihn.

Kurz nach Mitternacht kehrt John mit Doc Linnwood aus Socorro zurück. Muriel schläft auf der Couch im Wohnzimmer. John lächelt, als er sich neben sie setzt und eine Haarlocke aus ihrer Stirn streicht.

„John?“

„Ja?“

„Dieser junge Mann“, sagt sie noch halb im Schlaf. „Er war anständig — fast nett. Er legte sogar sein Schießeisen weg.“

„Das ist gut!“ John lächelt. „Warum gehst du nicht ins Bett? Du kannst jetzt nichts tun; Doc Linnwood kümmert sich um das Mädchen.“

Er bleibt auf der Couch sitzen und raucht eine Pfeife. Endlich kommt der Doc heraus und wischt sich die Hände an einem von Muriels besten Leinenhandtüchern ab. Er ist ein junger, kräftiger Mann, sehr breit in den Schultern und schmal in den Hüften. Ohne John anzusehen, geht der Doc direkt in die Küche und schenkt sich etwas schwarzen Kaffee aus dem eisernen Topf ein. Dann kehrt er ins Wohnzimmer zurück und lässt sich in einen großen Polstersessel fallen.

„Wie kam sie zu der Wunde?“, fragt er unverblümt.

John zuckt die Achseln und lächelt.

„Es war wohl ein Unfall, schätze ich.“

„Ich schätze auch“, sagt Linnwood trocken. „Jedenfalls muss ich, wenn ich wieder in der Stadt bin, dem Sheriff Bericht erstatten, aber ich schätze, das hat Zeit.“

„Wie geht es ihr?“

„Das werden wir morgen genauer wissen. Wenn sie die nächsten zwölf Stunden übersteht, wird sie wieder gesund werden. Aber nun gehen Sie lieber schlafen; ich werde das auch tun.“

John holt das Bettzeug aus dem anderen Zimmer und macht auf der Couch einen Schlafplatz für den Doc zurecht.

„Wer ist der junge Mann?“, fragt Linnwood und zieht seine Schuhe aus.“

„Ein Junge aus den Hügeln namens Kay Cox.“

„Der Mann des Mädels?“

„Ich weiß nicht. Ich glaube nicht.“

Stirnrunzelnd knöpft der junge Doc Kragen und Manschetten auf und legt sich auf die Couch. Er schläft sofort. John schaut noch einmal ins Krankenzimmer, ehe er zu Bett geht. Das Mädchen liegt bleich und regungslos unter dem Berg von Decken. Der Junge sitzt zusammengekauert auf einem unbequemen Stuhl am Kopfende des Bettes. Seine Augen sind geschlossen, sein Gesicht ist von Müdigkeit gezeichnet.

Neugier regt sich in John. Das Mädchen hat den Namen Cal erwähnt. Hat sie den jüngeren Dillard damit gemeint? Ist sie ein Mitglied der Bande? Oder ist es der Junge?

John schüttelt den Kopf. Was spielt es für eine Rolle, wer sie sind? Die Dillards gehen ihn nichts an. Das hat er Sam Wood, Richter Lochland und dem ganzen County klargemacht. Er will jetzt nachträglich nicht doch noch in die Sache hineingezogen werden.

John Perry schläft jedoch in dieser Nacht nicht gut. Jedes Mal wacht er auf, wenn der Doc aufsteht und in das Krankenzimmer geht. Einmal hört er Kay Cox und Doc Linnwood leise miteinander reden. Er ist nervös und unruhig. Dabei stört er seine Frau im Schlaf, weil er sich ständig hin und her wälzt.

„John, ist etwas los?“, fragt sie.

„Nein, es ist alles in Ordnung.“

„Das ist nicht wahr.“ Als sie sich zu ihm umwendet, ist sie völlig wach. „Es ist wegen des Mädchens, nicht? Eine schreckliche Sache. Was für ein Mensch muss das gewesen sein, der auf ein junges Mädchen schießt?“

John überlegt einen Augenblick.

„Der gleiche Mensch, der Edith Ransom erschoss“, sagt er fest.

Am nächsten Morgen.

John arbeitet unten am Creek, als Doc Linnwood auf dem Rückweg nach Socorro vorbeireitet.

„Ihre Patientin wird gesund werden“, sagt er. „Diese Mädchen aus den Hügeln sind zäh wie Stiefelleder.“

„Das ist gut. Vielen Dank, dass Sie herauskamen, Doc.“

Dann muss John wieder an die Äußerung des Girls denken, und er verdrängt ganz bewusst jegliche Neugier aus seinen Gedanken. Es muss mindestens ein Dutzend Männer namens Cal in den Bergen geben, sagt er sich, und Worte, die im Fieber gesprochen werden, besagen gar nichts.

Zur Essenszeit geht er zum Farmerhaus hinauf. Lächelnd betritt er die Küche.

„Ich hörte, dass es unserer Patientin besser geht.“

Muriel lächelt — allerdings mit wenig Humor.“

„Das ist Ansichtssache.“

Gemeinsam gehen sie ins Krankenzimmer, wo das Mädchen sie mit heißen, zornigen Augen anstarrt.

„Nun“, sagt John herzlich, „der Doc meinte, Sie würden bald gesund werden.“

„Da siehst du's selbst“, sagt Muriel und sieht ihren Mann an. „Sie heißt Leah Stringer, aber von ihr weiß ich das nicht. Der Junge verriet es mir, ehe er fortritt.“

„Er ... ritt fort?“

„Er brach heute Morgen gleich nach dem Doc auf.“

John holt tief Luft und lässt sie langsam wieder entweichen. Es sieht Kay Cox ähnlich, dass er ihnen die Verantwortung und die Sorge für das feindselige Mädchen überlässt. Muriel geht wieder in die Küche, um den Kindern das Essen zu geben. Aber John reibt sich nachdenklich das Gesicht und rührt sich nicht von der Stelle. Stringer - der Name ist ihm nicht unbekannt.“

Leah bleibt acht Tage bei ihnen. Am Morgen des neunten Tages, als Muriel die Tür öffnet, um ihr das Frühstück zu bringen, ist das Mädchen fort.

Zwei Tage später erhält John Besuch von Arch Deland, dem alten Deputy. Sie sitzen allein im Wohnzimmer und rauchen ihre Pfeifen.

„Eine Routinefrage wegen einer Schussverletzung, John. Ist deine Patientin noch da?“

John schüttelt den Kopf. Dann erzählt er dem Deputy alles über das Mädchen und den Jungen, der sich Kay Cox nannte.

„Um die Wahrheit zu sagen“, schließt er. „Ich war froh, als wir an dem Morgen aufwachten und feststellten, dass Leah Stringer uns verlassen hatte. Es war verdammt nicht leicht, mit ihr auszukommen.“

„Und was ist mit dem Cox-Jungen? Hast du ihn nicht mehr gesehen?“

John schüttelt den Kopf.

„Und ich erwarte es auch nicht.“

„War der Bursche ein Mitglied der Dillard-Bande?“

„Keine Ahnung. Wieso fragst du?“

„Ich denke an den Bericht, den Doc Linnwood im Sheriff Office abgegeben hat. Er meint, der Junge habe verdächtig ausgesehen, und das Girl hätte einige seltsame Dinge ausgeplaudert, während es im Delirium lag. Er empfahl, beide zur Vernehmung festzunehmen.“

John ist verblüfft und leicht wütend.

„Davon hat Linnwood kein Wort zu mir gesagt!“ Dann spürt er wieder den kalten Finger des Unbehagens im Genick. Hat Linnwood etwa angenommen, dass er absichtlich Mitglieder der Dillard-Bande deckt? Ist das der Grund, weshalb der Doc seinen Bericht an den Sheriff geheimgehalten hat?

Jetzt kann er sich auch die Besorgnis in Arch Delands Augen erklären.

„Well, du hast mit der Vernehmung zu lange gewartet, denn beide sind weg. Warum hat Will Cushman nicht früher etwas in dieser Sache unternommen?“

Der Deputy lächelt.

„Der Bericht des Docs lag auf dem Schreibtisch des Sheriffs, aber Will war bis heute Morgen in Talequah.“

„Du bist Wills Pech. Jetzt kann ich ihm nicht mehr helfen.“

„Ich weiß“, sagt Arch schwerfällig. „Aber ich wünschte, du könntest es.“ Eine Frage lässt ihm keine Ruhe, und er sucht nach Worten. Schließlich fragt er: „John, hast du die Absicht, am nächsten Samstag in die Stadt zu fahren?“

„Ja. Das Stringer Girl hielt uns letzte Woche fest, aber wir werden an diesem Samstag zum Einkaufen fahren müssen.“

Deland schüttelt den Kopf.

„Tu's lieber nicht, John“, sagt er ernst. „Nimm auf keinen Fall Muriel und die Kinder mit. Du glaubst nicht, welche Aufregung in der Stadt herrscht.

John kann förmlich spüren, wie ihm der Zorn die Kehle zuschnürt.

„Was wird geredet?“, fragt er ruhig.

„Es ist, wie man's auch betrachtet, 'ne hässliche Sache. Sam Wood hat mit der Hetzerei angefangen, schätze ich, aber er allein hätte es nicht geschafft. Die Leute wollten einfach an das glauben, was er sagte. Sie brauchen jemanden, den sie verachten können, und sie haben dich zum Sündenbock gemacht. Jetzt haben sie jemand, dem sie ihre eigene Feigheit in die Schuhe schieben können.“

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Von seinem Beobachtungsposten in den Cockson Bergen schaut Kay Cox auf eine kleine Lichtung hinab, auf der früher die Farm seiner Eltern gestanden hat. Vor wenigen Tagen noch hat dort Getreide am Hang gestanden, eine feste Hütte, Schuppen und ein Corral.

Nur noch Asche liegt an der Stelle, wo Hütte und Schuppen gestanden haben, und einige halbverkohlte Balken. Das Getreide ist von den Hufen vieler Pferde in den Boden gestampft worden. Der Kadaver der Milchkuh liegt neben einem der niedergebrannten Schuppen.

Seit Tagen ist Kay wie ein gereiztes wildes Tier durch die Hügel geritten und hat Ike Dillard gesucht, aber Ike und die Bande sind verschwunden. Sie haben die Ulster Höhle geräumt, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Und nun ist Kay halbtot vor Erschöpfung und hilflos zu dieser Stelle zurückgekehrt, von der aus man auf die Lichtung hinabsehen kann. Blutrot geht die Sonne hinter den Wäldern im Westen Unter. Es ist erst elf Tage her, seit Kay das Mädchen bei dem ehemaligen Marshal und seiner Frau zurückgelassen hat, aber es scheinen ihm eher elf Jahre zu sein. Er fühlt sich wie ein alter Mann. Seine Knochen schmerzen, seine Kleidung ist zerrissen und schmutzig, und sein Verstand ist vor Müdigkeit wie betäubt. Die Cox-Leute sind harte Männer mit einem starken Willen, aber Kay ist drauf und dran, zuzugeben, dass er nicht die Kraft besitzt, Ike Dillard allein zu bekämpfen.

Trotzdem treibt ihn sein Zorn unaufhörlich weiter. So viel er bis jetzt gesehen hat, mag seine ganze Familie tot sein; seine Mutter und sein Vater, seine verheiratete Schwester, sein Schwager, seine zwei kleinen Brüder und das Baby seiner Schwester. Bis auf die Geier zeigt sich dort unten keine Spur von Leben.

Kay reibt sich das Gesicht und flucht leise. Er hat es nicht gewagt, zur Lichtung hinunterzureiten, weil nicht weit entfernt die Familie Tanis auf der anderen Seite des Hügels wohnt, und weil Gabe Tanis ein Mitglied der Bande ist. Eine lebensnahe Freundschaft mit den Tanis hat jetzt keine Bedeutung mehr, denn man kann nicht wissen, was für Lügen Ike unter den Hügelleuten verbreitet hat. Und doch, so sagt sich Kay, kann er nicht einfach hier auf der Höhe sitzenbleiben und nichts unternehmen. Verdammtes Mädel!, denkt er, aber er weiß, dass er es nicht hasst. Wenn er noch einmal in dieselbe Lage käme, würde er ihr wieder helfen.

Er kann auch Männer wie Gabe Tanis nicht hassen, denn sie alle haben ihre persönlichen Gründe. Sie glauben fest daran, dass die Dillards ihnen helfen werden. Kay selbst hat das auch geglaubt, aber wenn sie dasselbe erlebt hätten wie er, und wenn sie gehört hätten, was er gehört hat ...

Müde steht er auf, als die Dunkelheit die Berge einhüllt. Es hat keinen Sinn, darüber nachzudenken, sagt er sich. Sie würden mir doch nicht glauben.

Aber jetzt — ob nun Tanis-Leute in der Nähe sind oder nicht, muss er zur Lichtung hinunter und selbst nachsehen, was geschehen ist. Vielleicht, so denkt er, finde ich da unten irgendeinen Hinweis, wohin Ike die Bande geführt hat.

Kay führt den zottigen kleinen Braunen den felsigen Hang hinunter. Die Geier hören ihn durch den Wald kommen und schlagen gereizt mit den schweren Flügeln. Er geht über die Felder; er sucht unter der Asche des Hauses und der Schuppen. Aber er findet nichts außer der toten Kuh. Selbst das Maultier ist fort. Einen Moment lang fühlt er sich erleichtert und atmet freier. Auf jeden Fall leben seine Angehörigen noch. Aber wo sind sie?

Plötzlich verlässt ihn alle Vorsicht. Er wendet sich scharf zum Rand der Lichtung, wo der Braune wartet. Kay nimmt seine Schrotflinte, sieht nach, ob sie geladen ist. Dann steigt er in den Sattel und schlägt den steinigen, ausgefahrenen Weg zur Tanis-Farm ein. Bald kann er den Holzrauch aus dem Kamin der Tanis riechen. Und dann sieht er den Schein der Petroleumlampe. Kay reitet hinter die Hütte und ruft laut: „Gabe, bist du da?“

Fast sofort wird die Hintertür aufgestoßen. Gabes Frau steht im Eingang und hält ein Gewehr in den Händen.

„Wer ist da?“

„Kay Cox. Ich möchte mit Gabe sprechen, Sarah Sue.“

„Kay Cox!“ Diese zwei Worte sagen Kay alles, was er von der Meinung der Hügelleute über seine Person wissen will.

„Gabe Tanis ist nicht da“, sagt sie barsch. „Und das ist dein Glück!“

„Ich will wissen, was mit meinen Leuten passiert ist.“

„Es gibt keine Cox-Leute mehr in diesen Hügeln“, sagt sie mit hasserfüllter Stimme. „Wir sind anständige, gottesfürchtige Menschen hier oben, und bei uns ist kein Platz für einen Predigermörder oder seine Familie!“

„Predigermörder?“

„Ich schätze, du weißt, wovon ich spreche, Kay Cox. Ike Dillard erzählte uns, wie du den alten Stringer niedergeknallt und dann Cal ins Bein geschossen hast, als er versuchte, dich daran zu hindern. Und das alles wegen dieser Schlampe!“

Der Zorn setzt ihm so sehr zu, bis er sich schlaff und elend fühlt. Und er kann nur sagen: „Ist das der Grund, dass ihr unsere Farm niedergebrannt habt?“

Sie sagt nichts, sondern grinst nur in selbstgefälligem Hass.

„Wo ist meine Familie? Wohin habt ihr sie gejagt — du und alle die anderen anständigen, gottesfürchtigen Leute hier?“

„Du könntest sie mal in Arkansas suchen“, sagt sie kalt. „Ich glaube nicht, dass du sie in Oklahoma findest.“

Ein übermächtiges Gefühl der Hilflosigkeit stumpft Kays Zorn ab. Er weiß, dass es zwecklos ist, mit Sarah Sue Tanis oder ihrem Mann zu sprechen, weil Ike Dillard ihnen über die Dürre hinweggeholfen, den Doc geholt und ihnen die Köpfe mit Lügen gefüllt hat. Sie glauben Dillard jetzt alles bedingungslos.

Kay wendet den Braunen und reitet in den dunklen Wald zurück. In dieser Nacht lagert er unter einem Felsüberhang nicht weit von der Ulster Höhle entfernt. Wie ein Wolf kriecht er in den Schutz des Felsens und horcht auf die Geräusche der Nacht. Endlich beginnt er klar zu sehen, was Ike und Cal Dillard den Hügelbewohnern antun. Wenn die Dillards in einem Punkt lügen, ist zu erwarten, dass sie immer lügen.

Kay Cox schläft in dieser Nacht sehr unruhig. Am nächsten Morgen erwacht er mit steifen Gliedern. Nach einem kurzen Frühstück, das aus geröstetem Mais besteht, bindet er den Braunen los und sattelt. Er ist sich nicht klar, wohin er jetzt reiten soll.

Der Knall eines fernen Gewehrschusses durchbricht die Stille des Morgens. Kay richtet sich im Sattel auf und lauscht. Hat man ihn entdeckt? Schießen sie etwa auf ihn?

Das ist unwahrscheinlich, wenn er die Entfernung bedenkt, die ihn von dem Schützen trennt. Nach einer Weile wendet Kay den Braunen und reitet vorsichtig in die allgemeine Richtung, aus der der Schuss kam, und nach wenigen Minuten hört er einen zweiten. Dieses Mal kann er die Richtung genau bestimmen. Der Schuss ist im Norden in einer dicht bewaldeten Schlucht gefallen, die Kay kennt. Vorsichtig steigt Kay am Fuße des Hanges aus dem Sattel und beobachtet die umliegenden Wälder. Er stellt fest, dass er sich in der Nähe des ehemaligen zweiten Vorpostens der Bande befindet. Kay denkt darüber nach. Kann es bedeuten, dass sich die Bande wieder in die Höhle zurückgezogen hat?

Jetzt hört er auch Hufschlag und rollende Steine. Kay führt seinen Braunen in den Wald hinein und bindet ihn dort an. Er nimmt die Schrotflinte, geht die Anhöhe hinauf, legt sich auf den Bauch und späht in die Schlucht hinunter. Er kann nichts sehen, aber er hört das Pferd, das durch den Wald bricht. Plötzlich ertönt das Kläffen eines Coyoten. Kay presst sich an den Boden, als das Bellen zwischen den Hügeln widerhallt. Einen Moment herrscht völlige Stille. Dann ruft eine Stimme: „Ich sehe dich, verdammt. Hat keinen Zweck, dich zu verstecken!“

Kay kann niemanden sehen. Trotzdem weiß er, dass es die Stimme von Wes Longstreet ist. Kay späht angestrengt auf das grüne Laubdach der Schlucht hinunter und versucht herauszubekommen, wen Wes verfolgt. Er kann nichts sehen, und der Wald bleibt still. Dann hört Kay ein zweites Pferd, und eine andere Stimme ruft: „Hast du sie entdeckt, Wes?“

Kay hört seinen Atem durch die Zähne pfeifen. Diese Stimme gehört Cal Dillard! Wes antwortet etwas, was Kay nicht verstehen kann. Dann tritt wieder Stille ein. Offenbar haben sich die beiden Männer getroffen und überlegen nun, was sie weiter tun sollen.

Wen suchen sie? Soweit Kay weiß, ist die Bande nur hinter ihm er. Oder hat ein anderes Mitglied durchschaut, wie die Dillards ihre Bande für ihre eigenen Ziele einsetzen, und hat sich von ihr getrennt? Doch Kay bezweifelt das. Er weiß, wie stur die Hügeljungen sein können. Noch sind sie von der Idee besessen, dass Ike und Cal ihre Freunde sind. Es wird mehr als bloße Vermutungen erfordern, sie von ihrer Überzeugung loszureißen.

Er kann die zwei Männer hören, wie sie sich durch das Gebüsch in der Schlucht vorarbeiten.

„Schon etwas gesehen?“, schreit Cal.

„Noch nicht!“, ruft Wes.

„Verdammt!“, flucht Cal. „Ike ist zu allem fähig, wenn er erfährt, dass sie uns entwischt ist!“

Sie? Zum ersten Male ist es Kay aufgefallen, dass die beiden von der gesuchten Person als einer Frau sprechen. Scharf denkt er darüber nach. Seine Nerven dehnen sich zum Zerreißen. Eine unbestimmte Sorge verzerrt die Linien seines harten, jungen Gesichtes. Auf dem Bauch kriecht er weiter.  Schließlich ruft Wes Longstreet entmutigt: „Zum Geier! In den Büschen finden wir sie nie!“

„Wir müssen sie finden!“, schreit Cal wütend.

„Ich begreife das nicht. Was will Ike eigentlich von der kleinen Stringer?“

„Verdammt, das geht dich nichts an!“, ruft Cal barsch.

Die zwei nehmen ihre Suche wieder auf. Fluchend und mit lautem Krachen brechen sie durch das dichte Unterholz. Eiseskälte durchzieht Kay. Er versucht sich einzureden, es könne nicht Leah Stringer sein, nach der sie suchen. Leah liegt im Haus des Marshals, wo er sie zurückgelassen hat. Sie muss dort sein!

Aber die ganze Zeit weiß er, dass sie nicht mehr dort ist. Sie steckt unten in der Schlucht und versteckt sich im Unterholz. Wie sie dorthin gekommen ist, weiß Kay nicht.

Verdammt!, denkt er zornig. Ich werde wegen dieser dummen Gans nicht noch mehr riskieren. Wenn sie nicht vorsichtiger ist, soll sie zusehen, wie sie zurechtkommt!

Und noch während er dies denkt, kriecht er weiter in die Schlucht hinab und zieht die Schrotflinte neben sich her. Unten in der kleinen Schlucht rollt er sich lautlos in einen tiefen Graben und bleibt einen Augenblick lauschend liegen. Der Graben, durch den noch vor kurzer Zeit die Fluten des Frühlingsregens zum Canadian River abgeflossen sind, steckt noch voll weichen Schlamm. Kay braucht eine Zeitlang, um den zähen Dreck von seiner Schrotflinte und dem Revolver zu wischen. Er kriecht weiter, diesmal nach Norden, im sumpfigen Graben entlang. Jetzt kann er die beiden Männer deutlich hören, ihre Flüche und ihr Trampeln im Gestrüpp des Unterholzes. Plötzlich bleibt er liegen und presst die Schrotflinte fest in seinen kräftigen Fäusten.

„Warte mal!“, ruft Wes Longstreet.

Alles bleibt still. Selbst die großen Fichten scheinen einen Augenblick zu zögern und zu lauschen.

„Da ist sie!“, schreit Wes Longstreet.

Kay schnellt plötzlich hoch und arbeitet sich mit Händen und Füßen aus dem Graben heraus. Der trockene Knall eines Schusses zerreißt die Stille. Dann brechen Wes und Cal durch die Büsche und rennen auf eine Stelle zu. Kay erblickt Leah Stringers verwaschenes, kurzes Kleid zwischen den Bäumen. Er ruft ihr zu, aber sie hört die Warnung nicht. Fluchend springt Kay in den Graben zurück und rennt, um sie abzufangen. Noch einmal sieht er das fliehende Mädchen und ruft ihr zu. Jetzt sieht sie ihn. Sie bleibt stehen.

„Hier herunter!“, schreit Kay. „Los, in den Graben!“

Sie steht wie ein Reh auf dem Sprung.

„Ich bin es!“, schreit Kay wieder. „Runter in den Graben!“

Sie muss auf einen tierischen Instinkt hin gehandelt haben, denn ihre Augen zeigen kein Erkennen. Sie wirbelt herum, wendet sich dem Graben zu und fällt keuchend mit dem Gesicht nach unten in den Schlamm. Kay nimmt ihren Arm und hilft ihr auf die Füße. Aber sie springt fauchend gegen ihn an und fletscht die Zähne wie ein gestellter Wolf.

Höllenfeuer!, denkt Kay wütend, als sie sich an ihn krallt. Er hört, wie Wes und Cal auf sie zujagen. Sie sind nur noch wenige Yards von dem Graben entfernt. Und jetzt tut Kay etwas, was noch kein Cox jemals zuvor getan hat — er schlägt eine Frau.

Mit überlegter, beherrschter Gewalt hält er das Mädchen mit der linken Hand fest, lehnt die Schrotflinte an die Grabenwand und schlägt schnell zu. Dann lässt er sie in den Schlamm fallen.

Er ist jetzt die Ruhe selbst, hebt die Schrotflinte auf und wischt die Metallteile an der Hose ab. Dann brechen Cal und Wes aus den Büschen. Cal läuft voraus; er hinkt noch stark mit dem verwundeten Bein. Kay warnt sie nicht, denn er weiß, dass jetzt keine Zeit zum Reden ist. Mechanisch hebt er die Schrotflinte und feuert auf Cal Dillard.

Kay sieht, wie Cal plötzlich stehenbleibt, als ob er gegen eine Steinmauer gelaufen sei. Er breitet die Arme aus, als ihn die Schrotladung trifft. Wes Longstreet ist ein Hitzkopf, aber er ist kein Narr. Mit dem Instinkt eines wilden Hundes springt er zur Seite, wirft sich in ein dichtes Gebüsch und kriecht zu den Bäumen zurück. Nach einer Weile schreit er: „Sei verdammt, Kay Cox, du hast Cal erschossen!“

Kay lädt die Schrotflinte nach und wartet ab, ob Wes angreifen wird.

„Ike wird dich dafür erledigen!“, schreit Wes wütend.

„Ich schätze“, sagt Kay sanft, „dass ich jetzt nicht schlimmer dran bin als vorher.“

Dreimal feuert Wes seinen Revolver ab. Kay zieht den Kopf ein und lässt die Kugeln über den Graben hinwegpfeifen. Dann hebt er vorsichtig die Schrotflinte und feuert in das Gebüsch. Wes flucht und tritt hastig den Rückzug tiefer in den Wald hinein an.

Einen Moment lang steht Kay da und überlegt. Er muss mit dem Mädchen hier heraus, aber sie besitzen nur ein Pferd. Dann beschäftigen sich Kays Gedanken mit einem anderen Problem. Da ihnen nur ein Pferd zur Verfügung steht, wäre es besser, wenn Wes überhaupt keines hätte. Ohne sich um das Mädchen zu kümmern, rennt er in dem Graben weiter und hält alle paar Schritte an, um zu lauschen. Bald hört er die Pferde. Es besteht nur geringe Aussicht, zu ihnen zu kommen, weil Kay eine Lichtung überqueren musste. Und damit würde er Wes ein deutliches Ziel für sein Gewehr geben. Aber er kann noch etwas anderes tun.

Kay zieht seinen Revolver und schießt auf die Pferde. Die Tiere stehen da und zittern, als die Kugeln an ihnen vorbeipfeifen. Dann hebt Kay die Schrotflinte und schießt. Die Pferde jagen davon, als die Schrotkugeln durch die Büsche prasseln. Kay lächelt. Das wird Wes Longstreet eine Weile ablenken. Dann kehrt Kay zu dem Mädchen zurück und sieht, dass sie sich von dem Schlag erholt hat. Erst denkt er, sie wird vor ihm fliehen. Als er nahe genug herangekommen ist, hält er sie fest. Sie will auf ihn einschlagen, aber Kay packt sie an den Schultern und schüttelt sie wütend.

„Ma'am“, sagt er gepresst, „wenn Sie fest entschlossen sind, sich töten zu lassen, soll's mir recht sein. Werden Sie jetzt mit mir gehen, oder wollen Sie lieber hier warten, bis Wes Longstreet kommt und Sie erschießt?“

Sie lässt den Kopf hängen und lehnt sich an die Grabenwand. Große Tränen quellen aus ihren Augen und ziehen helle Streifen über ihre schmutzigen Wangen. Kay fühlt sich unbehaglich.

„Es ist wohl wegen Cal Dillard“, sagt er unbeholfen. „Sie hassen mich, weil ich ihn töten musste, obwohl er Sie umzubringen versuchte.“

Sie gibt keinen Laut von sich.

„Nun gut“, sagt er, so zart er nur kann, , ich glaube, wir können hier verschwinden.“ Er legt den Arm um sie und führt sie wie ein kleines Kind den Graben hinab.

In der Nacht lagern sie einen vollen Tagesritt weiter westlich in einem Wildpflaumendickicht. Sie befinden sich jetzt in den Vorhügeln, einen halben Tagesritt von Socorro entfernt.

Kay hat in einem trockenen Bachbett eine kleine Lichtung ins Gebüsch geschlagen und den müden Braunen im Dickicht angebunden. Es hat keinen Zweck, Feuer zu machen, denn sie haben nichts zu kochen. Als die Sonne untergeht und die Nacht hereinbricht, öffnet Kay das Säckchen mit dem gerösteten Mais. Stumm essen sie die Körner. Leah hat kein Wort gesagt, seit er sie vor zwölf Stunden aus dem Graben herausführte. Alles, was mit ihr geschieht, scheint ihr gleichgültig zu sein.

Sie ist zwölf Stunden lang hinter Kays Sattel geritten. Ihre Wunde hatte sich wieder geöffnet und zu bluten begonnen, aber Leah beklagte sich nicht. Sie kümmerte sich nicht einmal darum, bis Kay anhielt und sie frisch verband. Zwölf Stunden lang hat er ihre Nähe gefühlt. Er hat ihre Arme um seine Hüften gespürt und sich gefragt, was er ihr sagen würde, wenn das Schweigen einmal endete.

Jetzt liegt das Mädchen ruhig auf dem Boden des offenen Bachbettes, und Kay sitzt nervös mit dem Rücken an der roten Lehmwand.

„Leah“, sagt er schließlich.

„Ja?“

„Wir sind ziemlich weit aus den Hügeln heraus. Ich schätze, dass es eine Weile dauern wird, ehe Ike uns findet. Gibt es einen Ort, wohin du gern möchtest, wenn wir morgen früh wieder aufbrechen?“

„Nein.“

In seiner unbeholfenen Art kann Kay die Bitterkeit nur erraten, an der sie fast erstickt.

„Leah?“

Sie sagt nichts.

„Leah, meine Ma pflegte immer zu sagen, dass der Hass ein Gift ist, das man ausspucken muss. Sonst bringt es einen um. Ich glaube nicht, dass der Hass tatsächlich jemanden körperlich töten würde, aber ich habe erlebt, wie er ziemlich seltsame Sachen anrichtet.“ Er denkt an die verbrannten Felder und Gebäude seines Elternhauses und an seine Familie, die vertrieben wurde. „Wenn du dich aussprechen möchtest, Leah — ich glaube, ich kann ziemlich gut zuhören.“

Lange Zeit gibt Leah keinen Laut von sich. Dann dreht sie sich herum. Das bleiche Oval ihres Gesichtes sieht zum dunklen Himmel empor. Ihre Stimme klingt tonlos.

„Er war der einzige, den ich je liebte. Der einzige, den ich je lieben konnte. Mein Vater wurde jedes Mal beinahe verrückt, wenn er merkte, dass ein junger Mann mich nur ansah. Er sagte, ich stehe mit dem Teufel im Bunde, und vielleicht hatte er recht. Er sagte, ich sei zur Sünde geboren, und vielleicht hatte er auch darin recht. Wenn ich mich freuen wollte, behauptete er, der Teufel versuche mich. Wir zogen daher von der Indianermission in die Hügel, weil er behauptete, dass es dort keine Versuchung gäbe.“ Sie sieht Kay zum ersten Mal an. „Ich wollte sterben.“

„Meine ganze Welt, mein ganzes Leben“, fährt sie fort, „war auf dieser Lichtung eingesperrt — von Bäumen und Hügeln wie von Mauern umgeben. Als Ma starb, hatte ich nur noch Pa, und ich glaube, er starb auch ein wenig. Und dann kam Cal. Eines Tages ritt er groß und hübsch aus den Wäldern hervor. Als er mir zulächelte, war es mir egal, ob es Sünde war oder nicht. Und ich glaube, es war Sünde.“

Kay schluckt und starrt in die Dunkelheit.

„Er sagte, er würde mich heiraten. Er versprach, er würde mich nach Arkansas bringen, und wir würden in einer Stadt leben, wo es viele Leute gäbe. Aber er tat es nicht. Er sagte, wir müssten noch warten. Und eines Tages überraschte uns Pa und schoss Cal nieder.“

Ihre Erzählung klingt völlig unpersönlich, als ob sie aus einem Buch vorlese. Dann scheint sie über etwas nachzudenken.

„Hast du gewusst, dass Ike Dillard meinen Vater getötet hat?“

Kay nickt.

„Darum wollte Ike auch deinen Tod. Er wollte nicht, dass du es weitersagst.“

„Aber was war mit Cal?“, fragt sie, immer noch zutiefst erschüttert. „Auch er versuchte mich zu töten. Ich kam in die Hügel zurück, um ihn zu suchen. Aber als ich ihn fand, wollte er mich töten.“

„Cal tat immer, was ihm sein Bruder befahl.“

„Aber jetzt nicht mehr.“

„Nein.“’

„Du hast ihn getötet?“

„Ja.“

Leah wendet stumm das Gesicht ab. Kay kann sie in der Dunkelheit kaum sehen, aber irgendwie weiß er, dass sie wieder weint. Er hofft, dass ihre Tränen einen Teil ihrer Bitterkeit wegschwemmen werden.

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12

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An diesem Samstag kehrt John Perry frühzeitig aus Socorro zurück. Noch vor Sonnenuntergang sieht Muriel, wie er das Gespann die Steigung zur Farm herauftreibt. Er lenkt das Gespann gleich zum Stall, schirrt ab und kommt dann ins Haus. Unter dem Arm trägt er eine kleine Schachtel mit Lebensmitteln.

„Muriel, ich brauche einen Topf voll Lauge, Seife und eine Schüssel heißes Wasser.“

„Aber wozu denn, John?“

Er wendet sich um und geht mit steifen Beinen ins Schlafzimmer, wo er seine Arbeitskleidung anzieht. Muriel hat alles für ihn bereitgestellt, als er wieder in die Küche kommt. Er nimmt die Töpfe und geht ohne ein weiteres Wort in den Stall.

Ein kaum zu beherrschender Zorn droht ihn zu ersticken, als er die Arbeit in Angriff nimmt. Ein Wort ist in drei Fuß hohen, grellgelben Buchstaben über die ganze Länge des Wagenkastens gemalt. John bemüht sich krampfhaft, das Wort nicht zu sehen, als er den Topf voll Lauge in die Schüssel mit heißem Wasser gießt, die Seife in das Laugenwasser schabt und das Ganze mit einem Besenstiel umrührt, bis der Schaum überschwappt. Dann stellt er die schäumende Schüssel in den Wagenkasten und beginnt, den ersten Buchstaben mit der Bürste abzuscheuern. Er schuftet wie ein Berserker, als ob es eine Angelegenheit von Leben und Tod sei. Unter Johns wildem Schrubben beginnt der Buchstabe F allmählich zu verschwinden. Als das F ganz ausgelöscht ist, nimmt John den Buchstaben E in Angriff, dann das I — und so schrubbt er die ganze Länge des Wagenbrettes ab. Buchstabe um Buchstabe verschwindet, bis das Wort FEIGLING völlig von den alten Brettern entfernt ist.

Schließlich ist John fertig. Keuchend steht er vor dem Wagen. Der Schweiß läuft ihm von der Stirn. Das Wort ist nicht mehr zu sehen, aber es bringt ihn beinahe um den Verstand, wenn er nur daran denkt. Während er einkaufen war, hat es jemand auf den Wagen gemalt. Der Maler hat nicht den Mut besessen, ihm das Wort ins Gesicht zu sagen.

Am Abend sitzt John neben dem flackernden Licht einer Petroleumlampe und starrt, ohne etwas zu sehen, auf die Zeitung. In einem anderen Teil des Wohnzimmers näht Muriel im Schein einer zweiten Lampe. John kämpft immer noch seinen stummen inneren Kampf.

Endlich — nach einer langen, wortlosen Stunde — legt John die Zeitung weg. Jetzt scheint er seine Frau zum ersten Mal zu bemerken.

„Ich schätze, das Leben mit mir war nicht leicht“, sagt er ernst. „Es tut mir leid.“

Muriel schaut von ihrer Arbeit auf. Aber sie kann nichts darauf erwidern.

„Ich hab ein wenig nachgedacht“, fährt John ruhig fort. „Ich habe versucht, einige unangenehme Dinge von dir fernzuhalten, und das ist nicht richtig.“

Muriel zwingt sich zu einem Lächeln.

„Du brauchst nicht darüber zu sprechen, wenn du es nicht möchtest.“

„Aber ich möchte es. Du hast ein Recht darauf, zu wissen, was die Leute von uns denken.“ Er schüttelt den Kopf. „Ich fürchte, dass wir nicht sehr gut abschneiden. Die Leute fangen an, mich zu hassen, Muriel. Während ich heute in der Main Street meine Einkäufe machte, hat mir einer was auf den Wagenkasten geschmiert. Das Wort hieß ,Feigling', und die Buchstaben waren drei Fuß hoch und bedeckten die ganze Länge des Wagens. Der Schmierer hatte gelbe Farbe benutzt.“

Muriel kann vor Bestürzung nicht sprechen.

„So ist es also“, sagt John gepresst. „Sie haben sich in eine wilde Wut hineingesteigert — wie Leute, die zu einer Lynchjustiz oder einer Hexenverbrennung gehen. Um ihre eigene Feigheit zu vertuschen, brauchten sie einen Sündenbock — und der bin ich.“

„John, ist es wirklich so schlimm, wie du sagst?“

„Bestimmt. Ich las es auf den Gesichtern der Menschen, die jahrelang meine Freunde waren. Sie sind es nicht wert, dass man sich für sie einsetzt!“, ruft er zornig. „Sie sind es gar nicht, die darunter leiden, dass eine Bande wie die Dillards raubt und plündert. Oh ja — sie jammern, wenn mal eine Frachtladung zu spät ankommt, aber die Hauptlast tragen Leute wie die Ransoms — und die Hügelleute auch. Ich habe sie kennengelernt; sie sind nicht schlimmer als andere Leute. Dieser Junge, der das verwundete Mädchen hierherbrachte — vielleicht war er ein Mitglied der Bande, aber er war nicht von Grund auf schlecht.“ Ruhelos steht er auf und schreitet im kleinen Wohnzimmer auf und ab. Er geht zur Tür und starrt in die Nacht hinaus.

„Ich weiß nicht“, sagt er schließlich. „Vielleicht haben sie alle recht — Sam Wood, Richter Lochland und der Mann, der ,Feigling' an meinen Wagenkasten schmierte. Wenn die Eisenbahn eine Strecke hierher baut, wird es mehr Arbeitsmöglichkeiten geben. Das Land würde besser besiedelt werden, und vielleicht bliebe dann kein Platz mehr für Räuber wie die Dillards. Vielleicht hat Sam Wood in allem recht. Vielleicht hatte auch Richter Lochland recht, als er sagte, die Dillards vergifteten die Hügelleute mit Gewalttat und Hass.“ Er wendet sich von der Tür ab und runzelt die Stirn. „Muriel, Richter Lochland sagte, es sei eine geschichtliche Tatsache, dass die Zivilisation immer weitere Fortschritte machte — trotz Furcht und Zaghaftigkeit, weil sich in Krisenzeiten stets ein starker Mann fand, der in die Bresche sprang. Glaubst du auch daran?“

„Ich weiß es nicht, John.“

„Vielleicht hat er recht“, fährt John ruhig fort, „wenn ich mir auch nicht erklären kann, warum er das gerade mir sagte.“

Muriel Perry blickt ihren Mann an und versucht, ihn mit den weisen Augen Richter Lochlands zu sehen. Sie erkennt, dass Richter Lochland mit seiner tiefen Einsicht das Äußere ihres Mannes durchdrungen und einen Wesenszug in ihm entdeckt hat, den sie selbst bisher noch nicht erkannte. Vielleicht ist es kein Heldentum im klassischen Sinne. Aber es ist eine Kraft, die sie nicht geahnt, und eine moralische Stärke, die sie nie in ihm wirksam erlebt hat. Dies ist ein schlichter Mann, aber ein Mann, der höher aufragt als alle anderen, die sie gekannt hat. Darum liebt sie ihn — und deshalb hat sie Angst um ihn.

Als John sie nun anschaut — verstört über seine eigenen Gedanken — richtet Muriel sich auf ihrem Stuhl sehr gerade auf — und näht weiter. Einen Moment lang hat sie das Tor zur inneren Wirklichkeit geöffnet. Sie hat ihren Mann so gesehen, wie ihn andere gesehen haben. Und nun weiß sie, dass ein fünf Jahre währender Traum beinahe vorüber ist.

Mehr sprechen sie an diesem Abend nicht. Aber John liest noch stundenlang in der Bibel. Am nächsten Morgen steht John vor Sonnenaufgang auf, um zu melken. Als er mit den schweren Eimern in die Küche kommt, fragt er: „Glaubst du, dass deine Vorräte für diese Woche reichen?“

Und nun weiß Muriel, dass er seine Entscheidung getroffen hat. Sie sieht ihn an, aber die Stimme versagt ihr. Sie kann nur nicken.

Als sie später ins Wohnzimmer kommt, sieht sie, dass John die blaue Weste und Hose seines Sonntagsanzuges angezogen hat. Jetzt nimmt er aus einer Kiste, die er hereingeholt hat, einen Patronengurt und ein Holster heraus. Er schnallt den Gurt um die Hüften und wickelt dann aus mehreren öligen Lappen einen Colt mit Griffschalen aus Walnussholz.

Es scheint ihm peinlich zu sein, als er seine Frau an der Tür stehen sieht. Doch sein Blick ist hart, als er sagt: „Ich habe geschworen, nicht mehr zu morden, wenn es auch im Namen des Gesetzes geschah. Ich habe das Wort der Bibel gut gefunden, und so denke ich heute noch. Aber in der Bibel steht auch, dass Gott seinem Volk in besonderen Fällen gebot, Krieg zu führen. Das war jedoch kein sinnloses Massenmorden, sondern die Ausführung einer göttlichen Strafe durch seine menschlichen Werkzeuge. Yeah, Muriel, so steht es in der Bibel. Zufällig bin ich auf die Worte gestoßen. Und als ich heute Morgen die Bibel wahllos aufschlug, fiel mein Blick wieder auf diese Stelle. Ich halte es für einen Wink des Allmächtigen. — Das ist es, Muriel: In diesem Land muss wohl bisweilen getötet werden, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Aber wenn man sich dabei das Gebot „Du sollst nicht morden“ ständig vor Augen hält, bleibt man vor jener Rücksichtslosigkeit bewahrt, die das Bekämpfen des Banditentums zum reinen Morden macht. Dann weiß man, dass man auch dem schlechten Leben mit Ehrfurcht begegnen und versuchen muss, es möglichst zu erhalten. Das ist meine Erkenntnis, Muriel — ich kann nicht anders. Aber wenn du es versuchst, wirst du keine große Mühe haben, mir mein Vorhaben auszureden.“

„Ich werde es nicht versuchen, John.“

Er nickt ernst.

„Ich bin für eine bestimmte Arbeit geschult worden — von dem Augenblick an, als ich groß genug war, um ein Gewehr zu halten. Im ganzen County bin ich der einzige, der vielleicht eine Chance hat, in die Berge einzudringen und die Dillard-Bande zu zerschlagen, ehe noch weitere Menschen wie Frank und Edith Ransom ermordet werden.“

„Du brauchst nichts zu erklären, John.“

„Ich habe gestern Abend noch lange darüber nachgedacht. Ich habe nach Ausreden gesucht — weil ich selbst Angst hatte. Der Mann, der das Wort auf den Wagen malte, hatte nicht ganz unrecht, denn wenn ich zu den Hügeln hinüberschaue, dann habe ich Angst. Ich denke dabei an dich, an Tim und an das Baby, und ich sage mir, dass ich nicht das Recht habe, dieses Risiko einzugehen.“ Er hält inne und fragt: „Muriel, habe ich dieses Recht?“

Darauf gibt es keine Antwort. Es gibt kein Regelbuch, das bestimmt, wieviel ein Mann sich selbst und wieviel er anderen schuldig ist. Muriel legt die Arme um ihn und hält ihn ganz fest.

„Wenn ich dich jetzt zurückhalten würde“, murmelt sie, „dann wärst du nicht mehr der gleiche Mann, den ich geheiratet habe — und ich glaube, das würde mich mehr entsetzen als alles andere.“

Es ist beinahe Sonntagmittag, als John Perry den Wagen durch Socorros leere Main Street lenkt und vor dem Gerichtsgebäude anhält. Richter Lochland wird wahrscheinlich in der Kirche sein. Aber irgendjemand müsste sich im Sheriff Office aufhalten.

Arch Deland hält am Schreibtisch des Sheriffs ein Nickerchen, als John hereinkommt. Der alte Deputy schlägt die Augen auf und beginnt zu lächeln. Doch der Ausdruck verschwindet sofort wieder, als er den Revolver an Johns Hüfte sieht.

„Hallo, John! Wozu das Eisen?“

„Ist der Sheriff da?“

„Will Coshman? Er muss jeden Moment aus der Kirche kommen.“

„Würdest du ihn bitte holen? Ich bin bereit, vereidigt zu werden, wenn er mich noch als Deputy haben will.“

Arch Deland lässt die Beine vor Verblüffung vom Schreibtisch fallen.

„John, das ist aber ein ziemlich erbärmlicher Scherz, wie?“

„Kein Scherz, Arch. Wenn sie noch wollen, dass ich die Dillards jage, bin ich bereit, es zu versuchen.“

Er weiß genau, wie Archs nächste Frage lauten wird. Deshalb kommt er ihm zuvor: „Muriel und ich haben alles besprochen.“

Der Deputy sagt lange nichts. Schließlich zuckt er mit ausdruckslosem Gesicht die Achseln.

„Ich weiß nicht, was in dich gefahren ist, aber du solltest dir vorher lieber was ansehen, ehe du in die Hügel reitest.“

Er nimmt einen Schlüsselbund von der Wand und steht auf.

„John, ich möchte, dass du mit unserem Gast sprichst.“

John runzelt die Stirn, als er Deland aus dem Office und den Gang entlang zu den Zellen des CountyJails folgt.

„Da ist er“, sagt der Deputy und zeigt auf eine der vergitterten Zellen. John stößt einen leisen Ruf der Überraschung aus, als er das buschige, ungekämmte Haar, das harte junge Gesicht und die zornsprühenden Augen sieht.

„Erkennst du ihn?“, fragt Deland.

„Klar. Es ist Kay Cox.“

„Ist das der Mann, der mit dem verwundeten Mädchen zu deiner Farm kam?“

John nickte.

„Das dachte ich mir. Wir haben sie beide erwischt. Das Girl ist oben im Gerichtssaal eingesperrt.“

Diese Wendung hat John nicht erwartet. Er geht zur Zellentür, und der Junge setzt sich aufrecht hin und starrt ihn an.

„Hallo“, sagt John ruhig. „Weshalb haben sie dich eingelocht, Sohn?“

Der Junge sagt keinen Ton, aber Deland erklärt: „Will hält ihn unter dem Verdacht fest, dass er ein Mitglied der Dillard-Bande ist. Außerdem hat er heute Morgen versucht, 'nen Store am Wegekreuz oben am Willow Creek zu berauben. Aber wir fassten ihn, und das Mädchen versuchte, auf 'nem Buschpferd zu entkommen.“

John blickt den schmutzigen und zerlumpten jungen Mann fest an. Der macht ein Gesicht, als ob er die ganze Welt hasse.

„Lass mich allein mit ihm reden, Arch!“

„Gern. Wir haben ihm die Zunge nicht lockern können.“ Der Deputy sperrt die Zellentür auf und hinter John wieder zu. „Soll ich wirklich nicht hierbleiben?“

„Bestimmt nicht.“  John steht in der Mitte der kleinen Zelle und blickt Kay Cox immer noch ins Gesicht. „Es war verdammt dumm, was ihr getan habt — du und Leah“, meint er sanft.

Schwerfällig steht der Junge von der Pritsche auf. Er packt die eisernen Gitterstäbe, als wolle er sie mit den bloßen Händen herausreißen.

„Schätze, es war nicht die erste Dummheit, die ich beging!“

„Hast du Kummer, Kay? Ich meine nicht diesen Fall, weswegen du eingelocht bist.“ Er sieht sich in der Zelle um. „Hast du die Hügelleute aus irgendeinem Grund gegen dich aufgebracht?“

Kay wirft ihm einen brennenden Blick zu. Aber er bleibt stumm.

„Hast du dich mit den Dillards überworfen?“

„Ich kenne überhaupt keine Dillards!“

„Sohn, du bist mal zu mir gekommen, und ich half dir nach Kräften. Es könnte sein, dass ich dir auch jetzt wieder helfen kann. Sage mir, in welcher Klemme du steckst!“

„Werde schon allein damit fertig!“

„Und was ist mit dem Mädchen? Kann auch sie allein mit allem fertig werden?“ John erkennt, dass er die schwache Stelle in Kay Cox' Abwehr getroffen hat. „Kay, warum wolltest du den Store am Willow Creek ausrauben?“

„Wir ... hatten nichts mehr zu essen.“

„So ist das!“, sagt John ruhig. „Aber du hast doch Freunde in den Hügeln, Kay, oder? Du hast eine Familie dort oben, bei der du dir Lebensmittel holen konntest?“

„Klar habe ich Freunde — nur warten sie im Moment darauf, mich aus den Stiefeln zu holen, sobald sie mich vor die Rohre bekommen.“ Dann merkt er, dass er zu viel gesagt hat. Sein Streit mit der Bande ist eine persönliche Sache; er will keinen Außenseiter hineinziehen. Er wendet sich ab und beißt die Zähne zusammen.

„Ich schätze, du könntest mir helfen, Junge“, sagt John ruhig. „Die Leute hier wollen, dass ich die Bande zerschlage. Ich habe mich entschlossen, es zu versuchen.“

„Wenn Sie sich umbringen lassen wollen, ist das Ihre Sache“, sagt Kay barsch.

„Dann willst du mir nicht helfen?“

„Nein!“

„Du möchtest lieber im Gefängnis verfaulen.“

„Ja!“

„Und was soll mit dem Mädchen geschehen? Liegt dir gar nichts an ihr?“

Kay Cox sagt nichts. Aber er starrt John an. Nachdenklich nimmt John die Pfeife aus der Westentasche und stopft sie.

„Weißt du, was ich glaube, Kay? Ich glaube, du hast Streit mit der Bande — wahrscheinlich wegen des Mädchens. Du musst allerdings schon viel von Leah Stringer halten, dass es so weit gekommen ist. Wer hat sie angeschossen? Einer der Dillards?“

Kay wahrt sein hartnäckiges Schweigen.

„Glaubst du, dass man sie in Ruhe lassen wird, nachdem du sie aus den Bergen gebracht hast, Kay? Du solltest wissen, dass Ike Dillard nicht so leicht aufgibt. Es mag eine gewisse Zeit dauern, vielleicht einen Monat oder ein Jahr. Aber wenn die Dillards etwas gegen das Girl haben, werden sie es aufspüren.“ Er hält inne und fährt dann fort: „Solange die Dillards frei herumlaufen. Und du kannst ihr hier im Jail kaum helfen.“

Das ist die brutale Wahrheit, und sie ist Kays tiefste Sorge. John ahnt das. Zum ersten Mal in seinem jungen Leben wird Kay von einer völligen Hilflosigkeit überwältigt. Jetzt versucht er sich einzureden, dass ihm nichts an Leah liege. Aber es klingt nicht überzeugend. Er richtet den harten Blick auf John und sagt endlich: „Könnte ich mit ihr reden?“

„Ich denke, das lässt sich einrichten.“

„Was würde mit ihr geschehen, wenn ich mit Ihnen auf Ike Dillard Jagd mache?“

„Du brauchst nicht mit mir zu reiten. Ich will nur wissen, wo sie stecken. Ich werde das Girl auf meine Farm schicken. Dort soll sie meiner Frau helfen, bis du sie abholen kannst.“

„Wie viele Deputies wollen Sie mitnehmen?“

„Keinen. Ich glaube, vor einer großen Gruppe von Männern würde die Bande sich nur zerstreuen, und die Dillards würden entkommen.“

Kay Cox lächelt schwach.

„Es gibt nur noch einen Dillard. Cal ist tot.“ Er sagt nicht, wie der junge Bandit gestorben ist, und taktvollerweise stellt John auch keine Fragen. „Vielleicht haben Sie recht“, fährt er fort. „Aber ein Mann allein hätte keine Chance, lebend wieder aus den Hügeln rauszukommen.“

„Wenn er Ikes Versteck wüsste, vielleicht doch.“

„Ich kenne es selber nicht“, sagt Kay. „Sie hielten sich früher in der Ulster Höhle auf, aber sie verschwanden, als ich mit Leah ausrückte. Ich werde mit Ihnen reiten.“

Das ist mehr, als John erwartet hat. Seine alte Vorsicht warnt ihn.

„Willst du mir sagen, warum du so plötzlich deine Meinung geändert hast?“

„Ich — ich weiß es nicht genau. Sie erboten sich, Leah zu helfen. Sie taten es schon einmal, Sie werden es also wieder tun. Und Sie sind kein Angeber, der nur auf die Belohnungen aus ist.“

John lächelt.

„Das mag genügen.“ Er rüttelt an der Zellentür. „Arch, kannst du den Jungen mit der kleinen Stringer sprechen lassen?“

„Das wäre gegen Wills Befehl.“

„Ich werde die Verantwortung dem Sheriff gegenüber übernehmen.“

Arch zuckt die Achseln.

„Meinetwegen, aber einer von uns wird bei ihnen bleiben müssen.“

„Das werde ich machen“, sagt John. Er wartet, bis Deland die Zellentür aufgesperrt hat. Dann nimmt er den Schlüssel zum Gerichtssaal und nickt Kay zu. Der Junge tritt vorsichtig aus der Zelle heraus. Misstrauisch huscht sein Blick von einem Gesicht zum anderen.

„Es ist keine Falle“, sagt John. „Ich bringe dich nur zu Leah hinauf. Das wolltest du doch, oder?“

„Ja.“

John lächelt über Arch Delands zweifelndes Stirnrunzeln.

„Sollte Will kommen, während wir oben sind, dann bitte ihn, zu warten.“

Sie gehen die Treppe zum Erdgeschoss und dann eine weitere Treppe zum Gerichtssaal hinauf.

„Ich werde bei dir bleiben, bis ich deine Freilassung beim Sheriff erreicht habe“, verspricht John.

Sie durchschreiten den Gerichtssaal bis zu einer Tür hinter dem Richterpult. John sperrt auf, und sie treten ein. Leah sitzt am entfernten Ende des Geschworenentisches. Sie hat das Gesicht auf die Arme gelegt, als ob sie schlafe. Mit einem leisen Schrei der Überraschung fährt sie auf.

„Schon gut, Leah“, sagt Kay. „Der Marshal wird uns helfen.“

John hat nicht erwartet, dass dieser hartgesottene junge Mann so sanft sein kann. Das Mädchen steht auf. Ihre Augen weiten sich. Kay nimmt ihre Hände.

„Alles wird gut werden“, sagt er leise. „Der Marshal wird dich auf seine Farm zu seiner Frau schicken.“ Er spricht lange mit ihr. Schließlich sieht ihn das Mädchen an. Es ist fast so, als ob sie ihn nie zuvor gesehen habe.

„Ich bin froh, dass du mit mir reden durftest“, sagt sie.

„Danke dem Marshal dafür!“

„Bringt er dich ins Jail zurück?“

„Nein. Ich werde mit ihm in die Hügel reiten.“

„Ike wird dich töten!“ Angst spricht aus ihrer Stimme.

„Glaub nur das nicht! Ich werde zurückkommen, ehe du mich erwartest. Leah — wirst du auf mich warten?“

Das Mädchen sieht ihn lange mit einem überraschten Ausdruck an. Dann legt sie plötzlich die Arme um Kays Nacken. John hört nicht, was sie sonst noch sagen. Er geht hinaus und wartet draußen auf den Jungen. Als Kay herauskommt, sagt er: „Ich glaube, es wird alles gut werden.“

„Dessen bin ich sicher“, erwidert John nachdenklich. Dann gehen sie wieder die Treppen zum Untergeschoss hinunter.

Arch Deland hat den Jungen in die Zelle zurückgebracht, als Will Coshman auf dem Heimweg von der Kirche ins Office kommt.

„Ah!“, sagt der Sheriff verblüfft, als er John sieht. „Was führt dich nach Socorro, Perry?“

„Du sollst mich als Deputy vereidigen, falls du mich noch für den Job haben willst.“

Coshmans Augen glänzen. „Well! Die Leute im County werden dir ewig dankbar dafür sein, John!“

„Allerdings unter einer Bedingung“, fährt John fort. „Es handelt sich um den Jungen, den du eingesperrt hast — ich möchte, dass er mit mir vereidigt wird.“

„Unmöglich, John! Der Junge ist ein Bandit!“

„Und ein Mitglied der Dillard-Bande“, beendet John den Satz. „Deshalb will ich ihn bei mir haben. Und das Girl oben — ich möchte, dass es freigelassen und zu meiner Farm geschickt wird. Es soll dort bleiben, bis ich zurückkomme.“

Will Coshman will protestieren, aber sein gesunder Menschenverstand behält die Oberhand. Es ist in den letzten Wochen nicht gerade erfreulich gewesen, Sheriff im County zu sein, nachdem man ernsthafte Schritte von ihm verlangt und seine Rivalen seinen Skalp fordern. Um die Bande zu zerschlagen, ist er bereit, beinahe alles zu tun — außer selbst in die Hügel zu reiten. Unbehaglich zieht er sein Taschentuch hervor und wischt sich das Gesicht.

„Well, John. Wie du willst. Wann wollt ihr eingeschworen werden?“

„Jetzt gleich.“

Es ist um die Mitte des Nachmittags, als sie aus Socorro reiten — John Perry, dessen Erfolge als Marshal weit zurückliegen, und Kay Cox, dessen Zorn ihn vor der Zeit zum Mann heranreifen ließ.

Sie haben die Pferde und ihre Ausrüstung von der CountyVerwaltung bekommen. John hat einen starken, aber zottigen Rotbraunen und der Junge einen Grauschimmel. Ein Arbeitspferd dient als Tragtier und ist mit Proviant, Kochutensilien, Decken und Munition beladen.

Arch Deland hat zusammen mit ihnen am CountyCorral gesattelt. Er sagt: „Wenn du nichts dagegen hast, John, werde ich ein Stück mit euch reiten.“

John betrachtet den alten Freund grimmig und amüsiert zugleich. Er bemerkt sofort den Karabiner im Scabbard des alten Deputy und die Satteltaschen, die zum Platzen vollgestopft sind — mit Bekleidung und Patronenschachteln.

„Ein Stück? Wie weit, glaubst du, ist das“, fragt John und lächelt schwach.

„Vielleicht, bis ich müde werde. Ich glaube nicht, dass Will mich sehr vermisst.“

Am Abend lagern sie in einer Senke zwischen zwei Hügeln. Sie braten Speck und wärmen Büchsenbohnen in Fett. Dann essen sie gemeinsam aus der eisernen Pfanne. Als die Dunkelheit hereinbricht, meint Kay Cox: „Wir löschen das Feuer lieber aus.“

Arch und John sehen einander an. Und der alte Deputy brummt: „Wir sind noch in den alten Vorhügeln, Sohn, und haben noch 'nen ganzen Tagesritt bis zu den Bergen vor uns.“

Der Junge antwortet nicht, sondern scharrt mit den Händen Erde zusammen und löscht das Feuer. Als das Feuer aus ist, sprechen sie nicht mehr viel. Vorher hat Kay ihnen einiges erzählt, was geschehen ist. Er berichtete von der Farm seiner Eltern und von dem alten Mort Stringer. Das Mädchen erwähnte er mit keinem Wort. Sie sprechen auch nicht mehr von Ike Dillard und der Bande. Aber alle schauen von Zeit zu Zeit zu den dunklen Bergen hinüber. Sie wissen, wie schnell sich Neuigkeiten in diesem Lande herumsprechen. Bald wird Ike Dillard genau informiert sein — über die drei Männer, die von Socorro aufgebrochen sind, um den Kopf der Schlange zu zertreten.

Am nächsten Nachmittag.

Nach einer beschwerlichen Kletterei erreichen sie einen Höhenkamm, der als ,Schweinerücken' bekannt ist. Kay Cox hat sie um die einsamen Farmen im Hügelland herumgeführt — durch dichte Wälder, über Felsenpfade, die kaum zu sehen waren. John und Deland sind in diesem Land nicht fremd. Als US-Marshals sind sie oft durch diese Hochwildnis geritten. Trotzdem kennen sie das Land nicht so gut wie Kay Cox. John ist froh, dass der Junge mitgekommen ist.

Jetzt machen die drei auf einer kleinen Lichtung auf dem Berg Rast, um die Pferde verschnaufen zu lassen. Kay steigt ab und geht steifbeinig zum Rand der Lichtung, von wo aus er ins Tal hinabblicken kann. Arch bringt das Lasttier auf die Wiese. John steigt ab und löst den Gurt seines Pferdes. Die beiden Männer blicken einander an und spähen dann zu dem Jungen hinüber.

„Was ist los?“, ruft John.

„Vielleicht interessiert euch das.“

Als John und Arch den Jungen erreichen, sehen sie unten eine kleine Lichtung mit den verkohlten Trümmern einer Hütte und einiger Nebenbauten.

„Was ist das?“, fragt Deland.

„Früher war das die Farm meiner Eltern.“

John und Arch sehen einander kurz an und runzeln die Stirn.

„Schätze, wir verschwinden lieber wieder im Wald“, meint John. „Wenn Ike Dillard so gerissen ist, wie es heißt, wird er vermuten, dass du an diesen Ort zurückkommst, und er wird ihn beobachten lassen.“

„Ich war schon mal hier“, erklärt Kay. „Aber es geschah nichts. Die Tanis-Farm liegt im Nachbartal, doch man kann uns hier nicht sehen.“

„Gehört Tanis mit zur Bande?“

Kay nickt. Plötzlich rennt Arch Deland zu den Pferden zurück.

„Was ist los?“, fragt der Junge verstört.

Ehe John antworten kann, hören sie rechts im dichten Unterholz Geräusche. Sofort springt John hinter einen Felsen und schreit dem alten Deputy zu: „Bring die Pferde in den Wald zurück!“

Ehe noch die Worte heraus sind, kracht ein Gewehrschuss. Eines der Pferde bäumt sich auf und wiehert. John flucht leise. Er weiß, dass der Junge sie blindlings in eine Falle geführt hat.

„Arch!“, schreit er wieder. Dann kracht das Gewehr zum zweiten Male. Eine Kugel pfeift an Johns Kopf vorbei.

Arch Deland wirft sich zu Boden und rollt in den Busch. John sieht, wie er aufspringt und zu den Pferden eilt. Doch das üble Gefühl in seinem Magen sagt ihm, dass die Pferde fort sind. Er kann hören, wie sie in wildem Entsetzen durch den Wald davonjagen. John wirft sich zu Boden und kriecht weiter. Kay Cox ist zum Rand der Lichtung gelaufen und liegt dort in Deckung.

Und dann ist es in den Hügeln wieder still — bis auf den Widerhall der Gewehrschüsse, der sich noch in den Schluchten und Tälern bricht. John hat seinen Colt herausgerissen, aber es gibt kein Ziel. Er hört die Pferde den steilen, felsigen Hang hinter ihnen hinunterjagen, aber es ist jetzt nicht an der Zeit, sich darum zu sorgen. Geduckt läuft John zum Wald, und von hier aus sieht er Pulverrauch in der stillen Luft hängen.

Wieder kracht ein Gewehr, dieses Mal viel näher. Arch Deland hat den Rauch ebenfalls gesehen und schießt bereits mit seinem Karabiner. Dreimal feuert er, und die Geschosse pfeifen in das Krüppeleichendickicht. Dann ist wieder alles still.

In der Zwischenzeit hat John den Waldrand erreicht. Er kann sehen, wie der Deputy den Karabiner über die Kruppe seines toten Pferdes legt. Lange, gespannte Minuten verstreichen. Die Stille hält an. Der einzige Laut ist der Hufschlag eines Pferdes weit unten im Tal. John springt hoch und rennt zum Kamm hinüber. Kay Cox kommt heran, und schließlich auch Arch Deland. Hilflos sehen die drei zu, wie der Reiter unten im Wald verschwindet. John starrt den Jungen an.

„Kanntest du ihn?“

„Yeah — es war Gabe Tanis.“

„Dein Nachbar?“'

„Er war es!“

Arch Deland seufzt müde. Dann sieht er zur Lichtung zurück,, wo sein totes Pferd liegt, und lächelt bitter. „Das wird ein langer Marsch werden.“

Nachdenklich lädt John aus dem Patronengurt nach.

„Vielleicht leiht uns Ike Dillard ein paar Pferde“, meint er trocken.

Kay Cox sieht die beiden Männer scharf an.

„Vielleicht hat er nichts dagegen. Gabe hinterlässt 'ne ziemlich breite Spur durch den Wald, und meiner Meinung nach wird sie uns zum Hauptquartier der Bande führen.“

John hat das auch schon überlegt. Er hat sich gefragt, wie lange es wohl dauern wird, bis Ike genug Leute heranführt, um sie auszulöschen. Ein nervöser Schauer läuft wie ein kalter Finger seinen Rücken entlang. Er hat keine Angst, aber er weiß, dass ihnen eine Übermacht gegenübersteht.

In wenigen Tagen wird das Unkraut meine Felder überwuchern, denkt er, und ich bin hier zu Fuß auf einem verdammten Bergrücken, während ich daheim sein sollte! Eine starke Sehnsucht nach Muriel und den Kindern erfasst ihn.

„Schätze, es steht bei dir, John“, brummt Arch plötzlich. „Was machen wir jetzt?“

„Zuerst sehen wir nach, war wir noch an Ausrüstung haben.“

Sie gehen zu dem toten Pferd zurück und zählen die Patronen, die Deland mitgebracht hat. Es sind zwei Schachteln 45er, die für Johns und Delands Revolver passen, und eine Schachtel 30er für Archs Karabiner. Aber keine Munition für Kays Schrotflinte und für seinen alten 44er Colt.

„Well“, brummt Arch, „es gibt 'ne Chance tausend zu eins, dass wir unsere Pferde auftreiben.“

Aber dies ist kein Tag für Wunder. Mühsam klettern sie den Steilhang hinunter. Am Fuß finden sie ihr Packpferd, das sich bei einem Sturz das Genick gebrochen hat. Die in Panik geratenen Reitpferde rennen wahrscheinlich immer in alle Himmelsrichtungen. Doch die Männer haben keine Zeit, sie zu suchen.

„Immerhin“, meint Deland, „haben wir jetzt 'ne ganze Menge Munition.“

Gemeinsam reißen sie das umfangreiche Gepäck auf und verteilen ihre Vorräte am Boden. John prüft die Sachen schnell, aber sorgfältig. Er sortiert aus, was sie am nötigsten brauchen, und wirft alles Übrige weg. Zum Schluss hat er einen Haufen Munition, Decken, Trockenfleisch und Zwieback zurechtgelegt. Die Speckseite, die Lebensmittelbüchsen, das Mehl und die Kochgeräte müssen sie zurücklassen.

Sie richten drei gewichtsmäßig gleiche Stapel her. Dann reißen sie die Zeltbahn in drei Stücke und fertigen Rucksäcke daraus. Arch Deland knurrt, als er die Arme durch die Schlaufen aus Stricken steckt und das Bündel auf den Rücken schwingt. John sieht den alten Deputy scharf an.

„Wenn's zu schwer ist, Arch, teilen wir lieber noch mal.“

Aber Deland grinst nur.

„Hab zu meiner Zeit viel mehr geschleppt.“

Zum letzten Mal suchen sie den Boden ab, um sicher zu sein, dass sie nichts vergessen haben. Dann nickt John, und die drei marschieren unter der Last ihres Gepäcks ächzend den Felshang hinauf. Mörderisch brennt die Junisonne während ihrer langen Kletterei. Der alte Deland schnauft bereits schwer. John gefällt die hochrote Farbe von Delands Gesicht nicht, als der alte Deputy hinter ihnen her den unwegsamen Hang hinaufstolpert.

Endlich erreichen sie einen Punkt, von dem aus sie in das Tal im Osten hineinsehen und die Stellen erkennen können, wo Gabe Tanis in den Wald geritten ist.

Wenn sie einmal den Wald erreicht haben, sind sie geschützt. Aber hier oben auf dem Hügelhang bieten sie glänzende Ziele für weitreichende Gewehre. John hört Arch Delands keuchenden Atem und macht sich Sorgen. Endlich hebt er die Hand.

„Wir werden hier 'ne Minute rasten.“

Kay runzelt die Stirn. „Schätze, das ist nicht sehr klug.“

John wirft ihm einen scharfen Blick zu, und der Junge begreift. Es ist gar nicht so seltsam, denn Kay hat eine Zuneigung zu dem alten Mann gefasst, der behauptet, wie John Perry ehemaliger US-Marshal zu sein. Er lässt sein Gepäck fallen und hilft Deland.

„Wie fühlst du dich, Oldman?“, fragt er.

„Prächtig“, keucht der Deputy. „Bin nur was außer Atem.“

John setzt sich mit dem Rücken gegen einen riesigen, tischförmigen Felsblock und macht sich Vorwürfe, dass er Arch überhaupt mitgenommen hat. Der Deputy lacht krächzend. Er weiß, was John denkt.

„Nach 'ner Weile geht's schon wieder, John. Werde versuchen, euch kein Klotz am Bein mehr zu sein.“

John spürt, wie sein Gesicht heiß wird. Er weiß nicht, was er sagen soll. Er nickt.

„Schon gut, Arch.“

Er blickt über die weiten, dunklen Wälder hinüber zu den felsübersäten Bergen, und wieder fühlt er das nervöse Kribbeln, das über seinen Rücken läuft. Einige Minuten lang ruhen sie sich noch aus. Dann schultern sie wieder ihr Gepäck.

Sie haben die Hälfte der Strecke zum Wald zurückgelegt. Da wird John plötzlich hellwach durch das Geheul eines Kojoten auf einem fernen Hügel. John wirft Deland einen unruhigen Blick zu, und der Deputy versteht. In dieser Gegend ist es ungewöhnlich, einen Kojoten zu hören. Wölfe ja, aber die Kojoten ziehen im Allgemeinen die Ebenen vor.

Dann bemerkt John, dass Kays junges Gesicht noch härter als sonst aussieht.

„Das ist einer von Ikes Außenposten!“, zischt er.

„Kennst du die Gegend, Kay?“

„Man nennt sie die Mörderkette. Bin aber nie dort gewesen. Da oben gibt's nur kahle Felsen und vielleicht ein paar Krüppeleichen und Tannen.“

„Und Höhlen?“

Kay sucht die Kette mit einem Blick ab.

„In diesen Bergen gibt's 'ne Menge Höhlen und Felsentunnels, und ich denke, dass es in der Mörderkette auch einige gibt.“

„Könnte das Kojotengebell von Gabe Tanis stammen, der sich einem von Ikes Posten zu erkennen gibt?“, fragt Arch Deland.

Kay nickt.

„Möchte fast darauf wetten. Es wird nicht lange dauern, bis Ike Dillard uns die anderen auf den Hals schickt.“

Wieder beginnen sie einen gefährlichen Abstieg. Diesmal trägt Kay Delands Karabiner. John sieht, dass sie den Wald mehrere hundert Yards unterhalb des Wildwechsels erreichen werden, den Gabe Tanis benutzt hat, und er atmet ein wenig auf.

Als sie dann im Fichtenwald sind, fühlen sich die drei wesentlich wohler. Sie finden eine grüne, moosige Lichtung tiefer im Wald. Von hier aus können sie den Felshang überblicken, den sie heruntergekommen sind, und den Pfad, dem Gabe Tanis gefolgt ist. Sie legen ihr Gepäck ab und werfen sich erschöpft in den Schatten. Sie warten und beobachten den Pfad. Nach einer Weile hören sie das Geklapper eisenbeschlagener Hufe auf Stein. Bald darauf bricht eine Reitergruppe an der Stelle ins Freie, wo Gabe Tanis im Wald verschwand.

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Die Reiter sehen nicht wie große Kämpfer aus. Die meisten von ihnen sind Jungen etwa in Kays Alter. Einige Oldtimer sind darunter, die fast so alt wie Arch Deland sind und bitterböse Gesichter haben. Sie alle sind schmutzig und zerlumpt und sehen nicht gerade wie eine Armee aus — trotz der großen Zahl von Schrotflinten, Gewehren und Revolvern.

Es gefällt John nicht, was er in den Gesichtern dieser Reiter sieht: Zorn, Hoffnungslosigkeit und ein Verlangen nach Gewalttätigkeit. Vielleicht sind diese Männer die letzten Individualisten, die aber jetzt einsehen, dass sie als Siedler zu schwach gegen die Mächtigen im Lande sind. Vielleicht wissen sie, dass sie nicht siegen können, und das erklärt die Aussichtslosigkeit ihres Zorns. Aber das Vergebliche ihres Tuns wird sie nicht vom Kampf abhalten. Kay Cox stößt unvermittelt einen knurrenden Laut aus.

„Da ist er!“

„Ike Dillard?“

„Ja, der mit Gabe spricht.“

Arch Deland hat nur beobachtet und nichts gesagt. Jetzt wendet er sich an John.

„Er hat fast 'ne ganze Armee bei sich. Achtzehn Mann nach meiner Zählung.“

„Ike muss Alarm gegeben haben“, sagt Kay gepresst. „Normalerweise hat er nicht mehr als sechs oder acht Männer ständig im Versteck.“ Er wischt sich mit der Hand über den Mund. „Ich glaube, sie wussten über unser Kommen Bescheid, noch bevor Gabe unsere Pferde davonjagte.“

Jetzt zeigt Tanis auf den Hang, den sie vorhin herunterkamen, und Ike Dillard treibt seinen Pinto an die Spitze der Kolonne. Arch Deland kneift die Augen zusammen und visiert sein Ziel an.

„Die Entfernung ist zu groß“, knurrt er. „Wenn mein Gewehr 'nen längeren Lauf hätte, ginge es.“

„Es ist ganz gut so“, brummt John. „Sie würden uns rein zahlenmäßig überrennen.“

Bald darauf sind die Reiter hinter dem Berg verschwunden, und John weiß, dass sie bald Arch Delands totes Reitpferd und das Tragtier finden werden und sich dann erklären können, was geschehen ist. Mühsam steht er auf und nimmt sein Gepäck.

„Wir verschwinden lieber im Wald. Ich bezweifle, ob sie zuerst in dieser Richtung suchen werden.“

Sie gehen nach Osten. Ihr Weg führt steil bergauf. Hier wird der Wald lichter, und riesige Felsblöcke ragen aus dem Boden. Vor sich können sie in der Ferne die düstere mit Gestrüpp bewachsene Mörderkette sehen und das zerklüftete Land, das zwischen ihnen und dem Gebirgszug liegt. Sie setzen ihren Marsch fast zwei Stunden fort, ehe sie Dillards Reiter zurückkommen hören.

Sie gehen hinter den Felsblöcken in Deckung und zählen die Reiter, die weit im Süden vorbeireiten.

„Zehn“, krächzt Arch Deland. John nickt.

„Mit Ike Dillard. Das bedeutet, dass noch acht von ihnen irgendwo anders nach uns suchen.“ Er blickt zur Sonne — die Dämmerung ist nahe.

Sie schleppen sich ein kurzes Stück weiter, bis sie zu einer Höhle in der Bergwand kommen. Die Stelle ist mit Fichten und Tannen bewachsen. Die drei Männer schieben sich durch das Dickicht und bleiben einen Augenblick stehen. Verblüfft blicken sie in die dunkle Höhle, die endlos in den Felsen hineinzuführen scheint.

„Wir werden hier bis zur Dunkelheit warten“, bestimmt John.

Die drei Männer werfen sich in der Nähe des Höhleneinganges zu Boden.

Kay Cox steht als Erster wieder auf. Er geht einige Schritte und starrt düster zur Bergkette hoch.

„Es wird nicht leicht sein, dort hinaufzukommen.“

„Wir werden einen Weg finden müssen“, sagt John. „Ike wird sich nicht weit von seinem Hauptquartier entfernen.“

Arch Deland atmet wieder gleichmäßiger, aber er macht keinen Versuch, aufzustehen.

„Angenommen, Dillard hat sein Versteck wirklich dort oben“, knurrt er, „und angenommen, wir kommen irgendwie hinauf, ohne erschossen zu werden — angenommen, uns gelingt das alles, und wir bekommen Ike Dillard zu fassen. Wie kommen wir dann wieder zurück? Hast du daran schon gedacht, John?“

„Ich habe daran gedacht.“

„Du hast dir alles zurechtgelegt, nur eines nicht: dass wir Narren auch selbst getötet werden könnten?“

„Nein.“

„Ich auch nicht. Aber das ist ein interessantes Problem.“

John grinst schwach und zeigt offen seine Erleichterung. Arch mag körperlich vielleicht nicht mehr auf der Höhe sein, aber sein Mut hat nicht gelitten.

Kay murmelt: „Schätze, ich werde mich ein wenig umsehen.“

John und Deland sehen einander an, als der Junge seine Schrotflinte nimmt und wie eine Axt schwingt, um sich einen Pfad durchs Dickicht zu schlagen. Sie beobachten, wie er schnell von einem Felsen zum anderen klettert, bis er verschwunden ist.

Kay Cox liegt ruhig wie eine Eidechse in der Sonne, als die drei Reiter in einer Entfernung von hundert Yards vorbeikommen. Vorn reitet Wes Longstreet. Die anderen sind Pat Fulsom und Homer Clinkscale, zwei Jungen aus den Verdigris. Kay lässt sie nicht aus den Augen. Aber sie schauen nicht in seine Richtung. Sie reiten zur Ulster Höhle und glauben wohl, dass er den Marshal und den alten Deputy dorthin geführt habe.

Kay versucht sich zu orientieren. Im Osten, wohin die drei Reiter ziehen, besitzt ein Hügelfarmer namens Manley Cooper eine Hütte und ein Stück Land. Aber soviel Kay weiß, hat Cooper nie etwas mit der Bande zu tun gehabt. Cooper ist holländischer Abstammung und hat nicht viele Bekannte. Das ist auch der Grund, warum er so weit von allen anderen entfernt lebt.

Kay ist überrascht, als er feststellt, dass die drei Banditen geradewegs auf Coopers Land zureiten. Schließlich verschwinden die drei Reiter. Kay zuckt die Achseln. Schließlich geht ihn das nichts an. Er konzentriert sich auf andere Dinge.

Aus einiger Entfernung würde man ihn von der großen Sandsteinplatte nicht unterscheiden können, auf der er liegt, und seine Gedanken scheinen fast ebenso unbeweglich wie sein Körper. Kay denkt an Leah Stringer, und er weiß, dass er ein Ziel hat, für das es zu kämpfen sich lohnt.

Er bleibt liegen, bis die Schatten länger werden. Rasch nimmt er die Schrotflinte, lässt sich wie eine Katze von der Steinplatte herunterfallen und läuft nach Osten. Er ist so sehr mit der Beobachtung der Bergkette beschäftigt, dass er einen Augenblick die Cooper Farm vergisst.

Erst als er die Lichtung fast erreicht hat, beginnt er zu ahnen, dass dort irgendetwas nicht stimmt. Er prüft sofort seine eigene Situation. Die Stille ist hier ungewöhnlich und in irgendeiner Weise störend. Die Dunkelheit bricht jetzt schnell herein, und Kay weiß, dass er zur Höhle zurückkehren sollte. Aber diese totenähnliche Stille stört ihn. Plötzlich ändert er die Richtung und beginnt zu der Stelle emporzuklettern, von der aus er auf die Cooper-Lichtung hinuntersehen kann.

Als er oben ist, weiß er, was ihn gestört hat, und er sieht den Grund für die beängstigende Stille. Manley Coopers Hütte und Nebenbauten sind bis zum Erdboden niedergebrannt. Sein kleines Tabakfeld und die Kartoffeln sind zertrampelt.

Well, denkt Kay trocken, es sieht so aus, als ob noch jemand außer mir Ike Dillard in die Quere geraten ist. Er empfindet nichts beim Anblick der Trümmer, denn die Coopers hatten sich abgesondert, und Kay hat sie nicht näher gekannt. Aber diese Gewalttat zwingt ihn erneut nachzudenken. Zuerst waren es die Cox-Leute und jetzt die Coopers. Vielleicht beginnen doch allmählich einige Leute zu zweifeln, dass Ike Dillard ihr Retter und Erlöser ist.

Die Dunkelheit ist hereingebrochen, als Kay endlich zur Höhle zurückkehrt. Arch Deland ist allein.

„Wo ist der Marshal?“, fragt Kay.

„Er ging hinaus, um sich zu orientieren — wie du. Hast du was gefunden?“

Dann hören sie eine Bewegung im Gebüsch unterhalb der Höhle. Kay und Deland fahren herum.

„John?“, ruft der Deputy leise.

„Ja.“ Nach einem Moment schiebt John das Dickicht beiseite und wischt sich das Gesicht mit dem Ärmel ab. „Schätze, wir müssen auf dem Kamm Stellung beziehen. Ich glaube, ich habe den Weg gefunden, auf dem die Bande hinaufreitet, aber unsere Aussichten sind verteufelt gering. Es müssen drei Wachposten oben sein, und der Weg zur Höhe hinauf ist nur sehr schmal.“ Er setzt sich am Höhleneingang nieder und sieht Kay an. „Hast du was feststellen können?“

„Ich war ein Stück im Osten. Mit Pferden kämen wir dort nie hinauf, aber zu Fuß könnten wir's schaffen.“

„Gut!“ John öffnet den Proviantsack und nimmt einen Streifen Trockenfleisch heraus. „Je näher wir an das Versteck herankommen, desto besser für uns. Ich glaube nicht, dass Ike uns in seinem eigenen Hinterhof sucht.“

„Was aber nicht besagt, dass er nicht über uns stolpern kann“, entgegnet Arch Deland sanft.

„Das Risiko müssen wir auf uns nehmen. Wir werden rasten und es dann auf Kays Weg versuchen.“

„Bei Nacht wird's nicht leicht sein“, wendet Kay ein.

„Bei Tage könnte es weitaus schwieriger werden.“

Eine Weile sprechen sie nicht. Sie kauen das zähe Trockenfleisch, während sie ruhen. Schließlich sagt Kay: „Ich habe was Seltsames festgestellt. Ein alter Farmer lebte dort drüben im Osten. Der Mann heißt Cooper. Ich kam dort vorbei und sah, dass die Farm niedergebrannt war.“

John hebt interessiert den Kopf.

„Du willst sagen, dass die Dillards ihn niedergebrannt haben?“

„Es sah so aus. Wie die Farm meiner Eltern — bis zum Boden niedergebrannt.“

Arch Deland lächelt ohne Humor.

„Ike muss sich also mit brutaler Gewalt Gehorsam verschaffen.“ Er sieht John fest an. „Eines führt zum anderen, wenn man einmal damit anfängt. Das könnte der Anfang vom Ende für Ike Dillard sein.“

„Yeah“, brummt John. Aber sie wissen alle drei, dass das Ende noch lange ausbleiben kann. Vielleicht wird Dillard einmal zu weit gehen — vielleicht wird er die falsche Farm ausbrennen oder den falschen Mann töten. Dann werden sich alle Hügelleute gegen ihn wenden. Aber das kann Monate dauern, und in der Zwischenzeit kann Ike plündern und morden, wie es ihm gefällt.

„Nun also“, sagt John schließlich und steht auf.

„Es sollte nicht zu schwierig sein“, meint Arch. „Es wird immer dunkler.“

Die drei Männer schultern wieder ihr Gepäck, nehmen ihre Waffen, und John sagt: „Du führst uns, Kay.“

Sie gehen in einer Reihe hintereinander und nehmen den felsigen Hang in Angriff. Es dauert nicht lange, da ringen John und Deland nach Luft. Die krallenartigen Zweige der Blackjacks zerren an ihnen. Häufig stolpern sie über Steine oder Wurzeln und stürzen. Und jedes Mal steht Arch Deland etwas langsamer auf.

„Wir rasten lieber 'ne Minute“, keucht John endlich. Die drei werfen sich zu Boden und sprechen mehrere Minuten lang kein Wort. Dann schimmert der Mond durch den Wolkenvorhang. In der Ferne sehen sie die Umrisse der Mörderkette aufragen.

,,'Ne endlose Strecke ohne Pferd“, sagt Arch mit grimmigem Humor.

„Ein Pferd würde es jedenfalls nie schaffen“, knurrt John. „Well, wir müssen weiter, wenn wir vor Sonnenaufgang dort sein wollen.“

Sie brechen wieder auf. Kay zeigt die Richtung zur Cooper-Farm. Aber John knurrt nur, und Arch ist zu erschöpft, um zu sprechen.

John hört als Erster den Hufschlag. Die drei Männer bleiben stehen und verharren wie Statuen auf dem dunklen Hang.

Dann tritt der Mond plötzlich hinter den Wolken hervor. Die drei Reiter — nur noch zwanzig Yards entfernt — zügeln scharf ihre Pferde. Einer flucht, und ein Revolverschuss kracht.

Dann birst die Nacht im Donner mehrerer Schüsse. Die Pferde bäumen sich auf und tänzeln erregt über den felsigen Boden.

Jemand ruft eine Warnung, aber John erkennt seine eigene Stimme nicht mehr. Er lässt sich auf ein Knie fallen und schießt zweimal mit dem Revolver. Fast im gleichen Moment brüllt Kays Schrotflinte auf. Sie hören ein kreischendes Geschrei, und dann rast ein wildgewordenes Pferd den Hang hinunter. Ununterbrochen feuernd, springen zwei Reiter aus den Sätteln und laufen zu den schützenden Büschen und Felsbrocken.

So plötzlich wie er erschien, verschwindet der Mond wieder. Die Dunkelheit hüllt sie ein wie eine Decke, und eine Weile ist alles still. John tastet nach allen Seiten und kriecht durch das Gebüsch, bis er gegen einen Stein stößt. Er lehnt sich kurz gegen den Felsblock und versucht nachzudenken. Dann hört er Kay Cox, nur wenige Fuß entfernt, wild vor sich hin fluchen.

„Wo ist Deland?“, ruft Jo! n ruhig.

Kay hört zu fluchen auf.

„Ich dachte, er wäre bei dir.“

Eine kalte Hand berührt John Perrys Herz.

„Arch!“, ruft er leise.

Keine Antwort. Er ruft wieder, und dieses Mal zuckt ein Feuerstrahl durch die Nacht. Aber der alte Deputy gibt keinen Laut von sich. Gelassen zielt Kay Cox mit der Schrotflinte auf das Mündungsfeuer und drückt ab. Danach ist alles wieder still. John berührt den Arm des Jungen.

„Horch genau auf jedes Geräusch! Versuch, sie an der Stelle festzunageln, damit sie uns nicht in ein Kreuzfeuer bekommen!“

„Wo willst du hin?“, fragt Kay.

„Arch suchen.“ Er kriecht von dem Felsen weg und ertastet sich mit den Händen den Rückweg. Dann berührt seine Hand einen harten Gegenstand aus Leder, und er weiß, dass es Archs Stiefel ist.

„Arch — bist du verwundet?“ Er kriecht näher heran und spürt dann das klebrige, warme Blut unterhalb der Gürtelschnalle. Als er das Ohr an Delands Brust presst, hört er den schwachen Herzschlag.

„John?“ Die Stimme klingt schwach, als käme sie aus weiter Ferne.

„Ja, Arch, ich bin es — John.“

„Ist alles vorbei?“

„Noch lange nicht!“ Er zwingt sich zu einem Lachen. „Du warst geboren, um im Bett zu sterben!“

„Ich meine den Kampf. Ist er schon vorbei?“

„Noch nicht. Aber ich schätze, wir haben einen von ihnen erwischt. Es müssen drei von Dillards Bande sein. Wir sind genau in sie hineingerannt.“

Der Deputy versucht zu lachen, beginnt aber zu husten.

„Schätze, du hast noch 'ne Menge zu tun. Lass dich durch mich nicht aufhalten!“

„Ich werde dich ein Stück den Hang hinaufschaffen“, sagt John ruhig. „Hinter einen Felsbrocken.“

Aber ein dünner Schmerzenslaut dringt aus Delands Mund, als John versucht, ihn aufzuheben. Sehr sanft legt John den Verwundeten wieder zurück.

„Vielleicht bleibst du doch besser hier liegen. Wir werden die Sache in wenigen Minuten erledigt haben. Dann werden wir uns um dich kümmern.“

„Schon gut“, flüstert Arch. „Macht euch um mich keine Gedanken!“

„Nur mit der Ruhe, Arch“, sagt John gepresst. „Ich will mich bemühen, es kurz zu machen.“ Dann nimmt er den Karabiner des Deputy und kriecht zu der Stelle zurück, wo Kay wartet.

„Wie geht es ihm?“, fragt Kay.

„Er hat 'ne Kugel in den Bauch bekommen. Ich konnte nicht feststellen, wie schwer er verwundet ist.“

Kay flucht weiter.

„Verdammt, ich hätte daran denken sollen. Ich sah sie, als ich das Gelände erkundete, aber ich vergaß, es dir zu sagen.“

„Sind es Dillards Leute? Hast du sie erkannt?“

„Klar. Es sind Wes Longstreet und zwei Jungs aus den Verdrigis. Wes ist einer von Ikes besten Leuten.“

„Wo stecken sie jetzt?“

„Soweit ich sagen kann, haben sie sich nicht bewegt. Das letzte Mündungsfeuer blitzte etwa dreißig Yards vor uns auf.“ Er spricht etwas hastig, aber nicht nervös. „Ich kann nicht behaupten, dass mir das gefällt. Ikes Wachposten müssen die Schießerei gehört haben. Bald werden sie kommen und nachsehen, was hier los ist.“

„Sie können uns im Dunkeln nicht finden.“

„Man braucht nicht gut sehen zu können, wenn in der Nacht Schüsse fallen.“

„Nun gut“, sagt John grimmig. „Wir müssen die Sache zu Ende bringen.“ Er prüft den Karabiner und lädt den Revolver nach. „Bleib hier! Ich werde bald zurück sein.“

Kay will protestieren, aber John ist bereits um den Felsen geschlüpft und im Gebüsch verschwunden.

Schüsse zerreißen die Stille der Nacht. Kay feuert seine Schrotflinte auf die Mündungsblitze ab. Dann zieht er seinen alten Revolver und schießt mit ihm weiter. Plötzlich ist alles still.

Kay fühlt sich schwach. Kalter Schweiß bedeckt sein Gesicht. Er späht in die Dunkelheit, bis seine Augen schmerzen, aber der Marshal ist nirgendwo zu sehen. Was, zum Teufel, hat er vor?, fragt Kay sich wütend. Will der Narr sich umbringen lassen?

Die Sekunden vertröpfeln unendlich langsam. Kay fröstelt, als er Colt und Schrotflinte nachlädt. Da hört er ein leises Wispern in der Dunkelheit. Dann eine sanfte, fast lautlose Bewegung von Steinen und Büschen. Kays Erleichterung ist groß. John schleicht irgendwo da draußen herum.

Weitere Sekunden verstreichen. Sie sitzen hier fest, und Dillards Leute werden sie nicht weglassen. Sie können nur warten, bis der Haupttrupp der Bande sie findet, und das wird das Ende bedeuten.

Mehrere Yards von Kay entfernt liegt John völlig ruhig — er atmet kaum in dem dunklen Dickicht von Blackjacks. In kurzer Entfernung vor ihm lauern Dillards Männer, aber John kann sie nicht sehen. Undeutlich erkennt er die Umrisse zahlreicher Felsblöcke. Aber er kann nicht feststellen, hinter welchem Felsen die Revolvermänner warten.

Er streckt die rechte Hand aus und findet einen faustgroßen Stein. Hoffentlich ist Kay auf Draht, denkt er, und schießt mich nicht in den Rücken.

Dann wirft er den Stein nach rechts hinüber, und plötzlich wird die Dunkelheit von Schüssen zerrissen. John lächelt bitter. Er hat die beiden Schützen hinter einem Felsvorsprung entdeckt. Dann bellt Kays Schrotflinte auf, und die Revolverschüsse des Jungen folgen. John springt hoch und stürmt auf den Felsvorsprung zu.

Um alles noch schlimmer zu machen, wählt der Mond ausgerechnet diesen kritischen Augenblick, um zu erscheinen, und John erlebt das kurze Entsetzen eines Mannes, der nackt durch einen Alptraum wandelt. Aber vielleicht rettet ihn gerade der Mond. Kay Cox schießt nicht, und John stürmt durch das Gebüsch mit dem Lärm einer durchgehenden Weidekuh.

Der plötzliche Lärm und sein unvermitteltes Auftauchen im weißen Mondlicht müssen die beiden Revolvermänner im ersten Moment überrascht haben, und John benötigt nur diesen einen Moment. Wie ein Schemen taucht das jugendliche Gesicht eines der Banditen vor ihm auf. Er ist nur ein Junge, denkt John, aber er hat keine Zeit, darüber lange nachzudenken. Restlos überrascht fletscht der junge Mann die Zähne und reißt den schweren Karabiner herum. Aber er vollendet die Drehung nicht. John drückt ab, und das Gesicht verschwindet.

Ein zweiter Mann taucht hinter dem Felsvorsprung auf. Auch sein Gesicht ist jung und zornig. Sein Haar hat die Farbe gehämmerten Kupfers. John weiß, dass dies Wes Longstreet sein muss. Brüllend schießt der junge Hitzkopf einmal mit dem Colt, und die schwere Kugel klatscht gegen den Felsen. Mit der Überlegenheit des erfahrenen Kämpfers hat John dem Banditen den ersten hemmungslosen Schuss gelassen. Dann aber feuert er von der Hüfte aus, und er weiß, dass das kurze Gefecht vorbei ist.

Wie es manchmal selbst älteren und erfahreneren Männern als John Perry geht, wird ihm übel. Der Schweiß bricht ihm aus. John lehnt sich gegen den kalten Felsen und fragt sich erschöpft, wie lange es her sein mag, seit er zum letzten Mal gezwungen war, einen Menschen zu erschießen. Ein normaler Mann wird sich nie daran gewöhnen.

„Marshal!“, ruft Kay mit schriller und erregter Stimme.

„Ja“, antwortet John müde.

„Bist du verletzt?“

Kay bricht lärmend durch das Unterholz. Er starrt John an, als habe er ihn nie gesehen. Darm sieht er eine der zwei hingestreckten Gestalten.

„Wes Longstreet“, flüstert er. „Er war mit dem Revolver sehr schnell.“

„Aber nervös“, sagt John fest.

Sie lassen die beiden Toten liegen. Den dritten finden sie mehrere Yards unterhalb der Stelle. Er hat die Ladung Rehposten aus Kays Schrotflinte abbekommen.

„Das ist Homer Clinkscale“, erklärt Kay. Dann gehen sie zu Arch Deland zurück.

Der Alte liegt noch genauso, wie John ihn hinlegte. Starr blicken seine Augen zu den dunklen Wolken empor.

„Ist es vorbei?“, fragt er schwach.

„Ja“, antwortet John.

Deland lächelt. „Du hast es nicht verlernt, John.“

Perry und der Junge knien neben dem Deputy nieder. Der Tod sieht ihnen aus Delands alten Augen entgegen. John sagt: „Kay, öffne das Gepäck und mache eine Bahre aus der Zeltbahn! Ich gehe einige Stangen holen.“

Ein wütender Ausdruck erscheint auf dem Gesicht des Deputy.

„Sei kein Narr, John!“ Seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. „Mit mir geht's zu Ende, und du weißt das auch. Macht, dass ihr fortkommt! Dillard wird euch in wenigen Minuten die Bande auf den Hals hetzen.“

„Es fallen keine Schüsse mehr, nach denen er sich richten kann. Im Dunkeln kann er uns nicht finden.“

„Er wird euch finden“, keucht Arch.

John will nicht daran denken. Für den Augenblick verdrängt er den Banditen aus seinen Gedanken und kümmert sich nur um den langjährigen Freund.

„Kay“, sagt er schließlich. „Hast du keine Freunde, denen du trauen kannst?“

John kann die Bitterkeit im Lächeln des Jungen förmlich spüren.

„Ich glaube, Gabe Tanis war wohl mein bester Freund.“

„Was ist mit Manley Cooper, dessen Farm niedergebrannt wurde? Er wird doch die Dillards nicht gerade lieben. Glaubst du, dass er uns helfen würde?“

„Vielleicht, wenn wir ihn finden können, aber wahrscheinlich ist er mit seiner Familie nach Arkansas unterwegs.“ Dann runzelt der Junge die Stirn. „Ich erinnere mich, dass der alte Cooper südlich von hier 'nen Bruder hatte.“

„Glaubst du, dass er uns aufnehmen wird, bis es Arch besser geht?“

„Das hängt davon ab, wie er zu Ike Dillard steht. Ein Versuch würde jedoch nicht schaden. Wir müssen ohnehin in die Richtung, es sei denn, du willst über die Mörderkette klettern.“

Es hat den Anschein, als ob sich eine Betäubung über Johns Gehirn gelegt habe. Sein Interesse an Ike Dillard ist verschwunden. Er erinnert sich auch nicht mehr an die Beweggründe, die ihn zu dieser Jagd auf einen Mörder in die Hügel trieben.

Er leiht sich Kays Messer und findet zwei junge Tannenschößlinge, die lang genug und ziemlich gerade sind und als Tragestangen dienen können.

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Die Nacht scheint endlos. Minuten werden zu Stunden und Stunden zu Jahren, während sich John Perry und Kay Cox in der Dunkelheit den Hang hinunterschleppen. John scheint es, als ob seine Arme langsam vom Gewicht der Bahre aus den Gelenken gerissen würden. Aber die beiden Männer wagen nicht anzuhalten, obwohl ihre Muskeln schmerzen und ihre Lungen wie Feuer brennen. Bei jedem Schritt erwartet John, Dillards Reiter heranjagen zu hören. Aber die Nacht bleibt still. In scheinbar regelmäßigen Abständen rennt John, der vorausgeht, gegen Felsblöcke. Er stolpert im Dickicht über Steine, und einmal fällt er der Länge nach in eine Bodenspalte. Dabei rollt Arch Deland von der Bahre herunter. Irgendwann während dieser endlosen Nacht ist der Deputy bewusstlos geworden.

Zum Schluss scheint es, als ob sie sich irgendwo in Raum und Zeit verirrt hätten. Die menschliche Vernunft hat ihren Einfluss verloren. Nur der Instinkt ist ihnen geblieben — der Instinkt der Gehetzten. Wo bleibt nur Ike Dillard mit seiner Bande? Bestimmt hat jemand die Schüsse gehört. Aber die Bande kommt nicht.

Schließlich beginnt es hinter den Hügeln im Osten hell zu werden, und sie legen eine längere Pause ein. Sie lassen sich auf den kühlen Boden unter einer Fichte fallen und pumpen gierig die Luft in die Lungen. Schließlich stemmt John sich auf die Knie. Er bemerkt erst jetzt, dass seine Handflächen blutig und so gebogen sind, als ob er die Stangen der Bahre immer noch umklammerte. Delands altes Gesicht ist völlig erschlafft. Seine Stirn ist heiß, die Lippen sind aufgesprungen und trocken. Der Deputy regt sich nicht, als John sich an ihn wendet.

„Wie geht's ihm?“, fragt Kay.

„Er hat Fieber, aber sein Herz scheint stark zu sein.“

Kay blickt seine blutigen Hände an. Dann setzt er sich auf und beobachtet den hellen Streifen am Horizont.

„Wir sind von der Richtung abgekommen, John. Wir müssen uns weiter nach Westen halten.“

Aber das ist es nicht, was ihn stört. Unruhig steht er auf und schlurft zu einer kleinen Anhöhe, wo er zu den dunkelgrünen Bergen hinüberblickt, die langsam aus der Dunkelheit herauszuwachsen scheinen.

„Ich wollte, ich wüsste, was Dillard vorhat.“ Er beschreibt mit dem Arm einen weiten Bogen von Osten nach Westen. „Sie stecken irgendwo da draußen.“

„Aber du siehst doch gar nichts, oder?“

„Ich brauche nichts zu sehen.“ Dann fügt er hinzu: „Meine Mutter stammt von Indianern ab.“ Als ob er damit seine Ahnungen erklären könnte. John kann ihm nicht widersprechen, denn er hat seit Stunden das gleiche Gefühl.

Schließlich nehmen sie die Bahre wieder auf und setzen ihren Marsch nach Süden fort. Johns einziger Gedanke gilt Arch Deland. Erst wenn er den verwundeten Deputy in Sicherheit gebracht hat, kann er wieder an Ike Dillard denken.

Gegen Mittag sind beide Männer restlos erschöpft.

„Wir werden es nie schaffen“, keucht Kay.

„Wie weit ist es noch?“

,,'ne Meile. Vielleicht auch zwei. Ich glaube aber nicht, dass ich die Bahre wieder heben kann.“

„Wir werden es schaffen!“ sagt John rau.

Sie liegen auf der Erde und hören dem Plätschern des Wassers zu. Schließlich schleppen sie sich ans Ufer des Baches und trinken von dem kalten Wasser. John füllt seinen Hut und trägt ihn zur Bahre zurück. Er zwängt einige Tropfen zwischen die spröden Lippen des Deputy und wäscht ihm das fiebrige Gesicht.

Kay beobachtet ihn leidenschaftslos. Er hat Arch Deland gut leiden können, aber der alte Mann ist so gut wie tot. Es scheint eine geradezu nutzlose Zeit und Kraftvergeudung zu sein, sich für einen Toten aufzuopfern. Aber John verschließt die Augen und die Sinne vor den Tatsachen, die Kay Cox sieht und erkennt. Delands Gesichtshaut ist bereits gelb und trocken wie Pergament. Die Augen sind glasig, sein Atem geht flach, und das Herz flattert.

John will diese Dinge nicht wahrhaben. Arch, so sagt er sich, ist dem Tod tausendmal entkommen und wird ihm auch jetzt wieder ein Schnippchen schlagen. John greift nach den Stangen der Bahre.

„Bist du bereit, Sohn?“

Kay schüttelt den Kopf — nicht, weil er sich weigert, sondern um sein Befremden über die unvernünftige, sture Einstellung des Marshals zu zeigen. Und doch ist es gerade diese Eigenschaft des Mannes, die Kay davon überzeugt, dass doch noch eine geringe Chance besteht, lebend aus dieser Situation herauszukommen. Er hat die Hoffnung aufgegeben, Ike Dillard zu stellen. Er will jetzt nur noch entkommen. Und er weiß, dass er sich auf John Perrys Kraft verlassen muss. Langsam bückt er sich, nimmt die blutverschmierten Bahrenstangen in seine wunden Hände und hebt an.

Es ist am späten Nachmittag, als sie endlich die Hütte sehen. Sie stellen die Bahre ab, und Kay sagt: „Vielleicht gehe ich lieber voraus und sehe nach, wie die Dinge stehen.“

John nickt. Dann setzt er sich neben die Bahre und verscheucht Fliegen und Insekten von Delands maskenstarrem Gesicht. Er beobachtet, wie Kay unsicher den grünen Hang hinuntergeht. Die Hütte steht in einer Mulde zwischen zwei Hügeln. Hinter der Hütte liegen ein Nebenbau, ein Geräteschuppen und vielleicht fünf Acres bestelltes Land. Aber John bemerkt, dass die junge Saat vom Unkraut überwuchert und der Schuppen leer ist. Nirgendwo ist eine Spur von Vieh zu entdecken. Der einzige Hinweis auf Leben ist ein dünner Faden Rauch, der aus dem Lehmkamin emporsteigt.

Kay geht hinter die Hütte, und es verstreichen mehrere Minuten. Dann tauchen zwei Männer im Hof auf und kommen den Hang herauf. Ein Mann ist dick und schwer. Seine von der Arbeit gebeugten Schultern schieben sich beim Gehen kraftvoll nach vorn. Der andere ist gelenkig und schlank. Beide Männer tragen langläufige Schrotflinten. Sie kommen direkt auf die Bahre zu. In ihren Augen stehen Vorsicht und Misstrauen, als sie zuerst John und dann den bewusstlosen Deputy betrachten. Der jüngere Mann stellt den Kolben seiner Schrotflinte auf den Boden und schüttelt den Kopf.

„Er scheint hinüber zu sein.“

„Der junge Cox behauptet, Sie wären ein Marshal aus Socorro.“

„Nur ein Deputy“, sagt John schwerfällig. „Mein Freund hier ist verwundet worden. Könnten wir ihn für 'ne Weile in Ihr Haus bringen?“

„Ist Ike Dillards Bande hinter Ihnen her?“

„Yeah — schätze so.“

„Dann können wir Ihnen nicht helfen“, sagt der Mann kurz. „Niemand kann das.“ Er sieht müde aus. Tiefe Furchen der Erschöpfung haben sich um seine Augen und um seinen Mund eingegraben. „Man kann nichts gegen Ike Dillard ausrichten. Ich weiß das.“

„Ich werde es jedenfalls versuchen“, sagt John hart und steht auf. „Wenn der Zeitpunkt gekommen ist.“

Überraschenderweise lacht der Mann.

„Es sieht so aus, als ob Sie bis jetzt keinen großen Erfolg dabei gehabt hätten.“ Plötzlich hört er auf zu lachen. Wütender Grimm erfasst ihn. „Mein Name ist Harve Cooper, und das hier ist mein Sohn Morris. Wir haben für Fremde nicht viel übrig, Marshal — aber auf der anderen Seite sind wir nicht gerade Freunde Dillards. Ich will damit sagen, Sie können unsere Hütte benutzen, wenn Sie wollen. Ich und mein Junge werden ohnehin nicht mehr länger hier wohnen.“

„Wollten Sie damit sagen, dass Ike Sie vertreibt?“

„Mister“, brummt Morris Cooper, „wenn Ike Dillard etwas befiehlt, dann gehorcht man.“

„Wir haben genug geredet“, sagt Harve Cooper zu seinem Sohn. „Hilf mir die Bahre tragen.“

Die zwei Coopers legen ihre Schrotflinten auf die Bahre, heben sie auf und schreiten langsam auf das Haus zu. John hilft ihnen nicht. Er hat das Gefühl, dass der letzte Rest seiner Kraft ihn verlassen hat. Er folgt ihnen und taumelt dabei wie ein Betrunkener.

Als sie den Hof erreichen, sieht John, dass man aus der Hütte alles herausgeholt hat, was nicht fest eingebaut ist. Die beiden Coopers tragen Deland in die Hütte und stellen ihn vor dem Kamin ab, wo Kay Cox wartet.

„Ich schätze, alles andere liegt bei Ihnen, Marshal“, sagt Harve Cooper. Dann geht er mit seinem Sohn hinaus.

„Er sieht nicht viel besser aus“, murmelt Kay und kniet neben der Bahre nieder.

„Wenn wir nur ein Pferd hätten. Vielleicht könnte ich dann Doc Linnwood aus Socorro holen.“

„Wenn wir ein Pferd hätten, und wenn Ike Dillard dich durchlassen würde und wenn Deland nicht ohnehin vor Sonnenuntergang sterben würde — dann hätten wir vielleicht 'ne Chance“, knurrt Kay, der den nackten Tatsachen ins Auge sieht.

„Woher willst du so genau wissen, dass er stirbt?“, fragt John zornig.

„Ich kenne diesen Ausdruck. Wir können ihm nicht mehr helfen.“

Dann kommt Harve Cooper herein. Er trägt ein Stück Wildbret und einen eisernen Topf, der zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist.

„Ich habe das Fleisch hinten im Wald trocknen lassen, aber ich denke, ich brauche es jetzt nicht mehr.“

„Danke“, sagt John, „eine kräftige Fleischbrühe wird Arch guttun.“

Cooper hängt den Topf an den Haken im Kamin. Er sieht Deland kurz an und zuckt die Achseln. Dann geht er wieder hinaus.

„Ich habe nachgedacht“, sagt Kay ruhig. „Ich habe mit Morris Cooper gesprochen, und er hat mir erzählt, wie es hier steht. Erinnerst du dich an Manley Coopers Farm, die niedergebrannt worden ist? Well, Ike hatte Manley Cooper bei der Bande haben wollen, weil er so nahe beim Versteck lebte, aber Manley wollte nicht.“

„Hat Ike ihn getötet?“, fragt John ausdruckslos.

„Ich glaube nicht. Die Familie zog aus, ehe die Farm niedergebrannt wurde. Aber es ist so, wie ich befürchtet habe. Harve und Morris haben Angst, Ike Dillard könnte aus dem gleichen Grund auch gegen sie vorgehen.“

„Ja. Sie haben Angst vor Dillard, deshalb fliehen sie.“

„Natürlich fliehen sie!“ Kays Augen blitzen zornig auf. „Meine Familie floh auch, weil sie vernünftig genug war und erkannte, dass man gegen 'ne Bande wie die von Ike machtlos ist. Wenn ich 'nen Funken Verstand gehabt hätte, wäre ich nicht hierhergekommen.“

„Wohin wärst du denn gegangen?“, fragt John ruhig.

„Irgendwohin. Man muss nicht unbedingt in den Hügeln leben.“

„Und was ist mit Leah Stringer? Sie könnte gegen ihn aussagen, wenn Ike je vor Gericht gestellt würde. Glaubst du, Ike Dillard wird das je vergessen?“

„Mir ist es gleich, ob er es vergisst oder nicht! Leah und ich können dorthin ziehen, wo er uns nicht findet.“

John sieht ihn an.

„Yeah“, sagt er ruhig, „ich denke, das ist möglich.“

„Jetzt was anderes“, fährt Kay fort, und sein Zorn verebbt. „Harve ließ seinen Bruder gestern einen Teil seiner Habe und die Frauen hinunter ins Vorgebirge bringen. Er soll mit dem Wagen heute zurückkommen und den Rest holen — die Möbel und den Kram, der draußen steht. Ike hat nichts gegen Harve und Morris und wird sie wahrscheinlich ziehen lassen. Was hindert uns daran, uns in dem Wagen zu verstecken und mit ihnen zu fahren?“

John ballt die Hände. „Die Fahrt wäre Archs Tod.“

„Er wird ohnehin sterben, Marshal. Ich sage dir, dies ist unsere einzige Chance, lebend aus den Bergen herauszukommen.“

John geht zur Tür und blickt zu den grünen Hügeln hinauf.

„Nun gut“, sagt er, „fahr mit den Coopers!“

Kay schluckt. „Und du?“

„Ich werde später kommen. Ich bin dir deshalb nicht böse. Fahr nur mit den Coopers!“ Dann geht er hinaus.

Kay Cox fühlt, wie ihn langsam und heiß die Scham ergreift. Er hasst alles, was er nicht begreifen kann, und er kann diesen John Perry einfach nicht verstehen. Und der alte Deputy liegt im Sterben! Warum? Aus welchem Grund?

Langsam überwältigt das Bewusstsein der Scham seinen Hass. Er denkt an Leah. Was könnte er ihr sagen, wenn er zurückkäme? Wie wird es sein, wenn er für den Rest seines Lebens immer damit rechnen müsste, dass Ike Dillard auftaucht?

Mehrere Minuten müssen verstrichen sein, ehe er sich eines starken Unbehagens bewusst wird. Er empfindet eine unnatürliche Stille in der Hütte, so dass er eine Gänsehaut bekommt. Ein leises, kaum wahrnehmbares Geräusch, das vor wenigen Sekunden noch zu hören war, ist jetzt verstummt. Und es dauert eine Weile, ehe Kay begreift, dass der alte Deputy aufgehört hat zu atmen. Kay steht sehr still. Er hat das erwartet. Aber man muss dem Tod erst von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, ehe man es wirklich glauben kann.

Good bye, alter Mann, denkt er und fühlt sich ein wenig älter und härter als noch vor einem Augenblick. Kay tritt an die Tür.

„Marshal“, sagt er ruhig. John wendet sich um. An seinem Ausdruck erkennt Kay, dass John vom Tode seines alten Freundes weiß.

Kay weicht zur Seite, als John in die Hütte tritt. Sehr sanft deckt John das schlaffe graue Gesicht des alten Mannes mit einem Stück Zeltbahn zu, das als Bahre gedient hat. Dann steht er eine ganze Weile unbeweglich da und sagt nichts.

Kay bewegt sich ratlos.

„Kann ich was tun, Marshal?“

„Ja. Sieh zu, ob dir die Coopers eine Schaufel und eine Hacke leihen.“

Während John und Kay das Grab zuschaufeln, sehen sie, wie ein von Maultieren gezogener Farmwagen heranrumpelt.

Als John mit der Schaufel den Grabhügel formt, laden die Coopers ihre Habe auf den Wagen.

Kay sieht nachdenklich zu den Hügeln und dann zum Wagen hinüber. Aber die Aussicht auf Flucht hat für ihn allen Reiz verloren. Er kann sich den Grund nicht erklären, außer, dass er sich irgendwie John Perry verpflichtet fühlt. Und er weiß, dass nun die Zeit der Bewährung gekommen ist.

Als John dasteht und auf Arch Delands Grab herabblickt, liegt eine tödliche Entschlossenheit in seinem Blick. Unwillkürlich weicht Kay einen Schritt zurück. Endlich wendet John sich vom Grab ab und sagt ruhig: „Wenn du mit den Coopers weg willst, wird es jetzt Zeit.“

„Ich schätze, ich habe meinen Entschluss geändert, Marshal.“

„Warum?“

„Ich — ich weiß nicht genau. Du und deine Frau, ihr ward anständig zu mir und Leah. Ich finde, es wäre nicht richtig, wenn ich dich im Stich ließe.“

„Das ist kein überzeugender Grund, sein Leben zu riskieren“, sagt John hart. „Ist das der einzige Grund, den du hast?“

„Ike Dillard will mich töten. Er wird es tun, wenn ich ihm nicht zuvorkomme.“

John erwidert kalt: „Das ist ein noch erbärmlicherer Grund als der erste. Ich glaube, du fährst lieber mit den Coopers zurück.“

Mit steifen Beinen dreht John sich um und will zur Hütte zurückgehen, während Kay einen Moment wie betäubt über die plötzliche Wendung der Dinge dasteht. Er hat erwartet, dass John ihn bitten würde, nicht wegzufahren. Aber jetzt ist alles ganz anders gekommen. Jetzt bettelt er um die Erlaubnis, bleiben zu dürfen.

„Marshal!“

John bleibt stehen und sieht zurück. „Ja?“

„Mein gesunder Menschenverstand sagt mir auch jetzt noch, dass es Wahnsinn ist, aber ich möchte dir helfen, wenn ich kann. Gefällt dir dieser Grund besser?“

„Ja“, sagt John, und die harten Linien um seinen Mund scheinen etwas weicher zu werden. „Arch Deland ist ohne Grund gestorben, jedenfalls war sein Beweggrund nicht überzeugend. Ich will nicht, dass noch größeres Unglück geschieht, wenn ich es verhindern kann.“ Er lächelt matt. „Du kannst den Wagen noch einholen.“

John will zur Hütte weitergehen. Wieder ruft Kay. Er geht zu ihm und blickt in die Augen des entschlossenen Mannes.

„Marshal, ich bin kein großer Redner, aber vor nicht langer Zeit wurde meine Familie aus den Hügeln gejagt, ohne dass sie dazu Anlass gegeben hätte. Heute sind es die Coopers, und morgen kann es wieder jemand sein. Die Wut packt mich, wenn ich nur daran denke. Das ist ein himmelschreiendes Unrecht, und trotzdem hasse ich die Männer nicht, die unsere Farm niederbrannten. Vielleicht hat Gabe Tanis mit eigener Hand das Feuer gelegt. Aber er war ein guter Kerl bis vor wenigen Monaten. Es ist nicht möglich, dass sich ein guter Mensch über Nacht so sehr ändert.“

Kay schüttelt den Kopf, als ob er über seine eigenen Gedanken überrascht wäre.

„Ich weiß nicht, aber die meisten Bandenmitglieder waren hart schuftende Farmer, ehe Ike sie aufhetzte. Ike sagte uns, dass alle Außenseiter uns ruinieren wollten, und ich schätze, die meisten von uns haben ihm geglaubt. Aber du und deine Frau, ihr seid ja auch Außenseiter und wollt uns nicht ruinieren. Ike muss also gelogen haben, und nicht nur in diesem Punkt. Ich weiß nicht“, sagt er noch einmal. „Es sieht so aus, als ob ein fauler Apfel den ganzen Korb ansteckt. Früher oder später werden Eisenbahnleute oder sonst jemand die Armee hierherholen, und die Soldaten werden die guten Farmer nicht von den schlechten unterscheiden können, und sie werden uns ausrotten wie die Indianer. Jeden von uns — bis auf Ike. Ike wird reichlich Zeit haben, zu entkommen.“

Kay merkt plötzlich, dass dies wahrscheinlich die längste Rede ist, die er je in seinem Leben hielt. Es ist nicht die Zahl der Wörter, die ihn in Erstaunen versetzt, sondern die Gedanken, denen er mit Worten Ausdruck verliehen hat. Und dann sind noch andere Gedanken in seinem Kopf: Er denkt an Leah und an die eigene Farm, die er haben will. Aber das behält er für sich. Er schließt ziemlich lahm: „Well, Marshal, ich schätze, das ist alles, was ich zu sagen habe.“

Und John sieht ihn auf eine seltsame Art an, wie ihn noch kein Mann zuvor ansah. Dann sagt er: „Schon gut, Kay. Wir brechen so schnell wie möglich auf.“

John betritt die leere Hütte, in der das Wildbret noch über dem Feuer kocht. Mit fachmännischen Bewegungen überprüft er Archs Karabiner und seinen eigenen Colt. Die beiden Männer lassen das Gepäck stehen, aber sie füllen ihre Taschen mit Trockenfleisch und Munition.

„Es steht bei dir, Marshal. Gehen wir zur Mörderkette zurück?“

„Ich glaube nicht, dass es nötig sein wird“, sagt John und blickt durch die offene Tür. „Ike hat seine Leute da oben postiert.“ Er nickt zu einem felsigen Berg hinüber, der etwa eine Meile entfernt im Norden liegt.

„Was?“ Kay stampft zur Tür und starrt mehrere Sekunden angestrengt hinüber, ehe er die Staubfahnen sieht. „Wie lange hast du das schon gewusst?“

„Beinahe von dem Augenblick an, als wir die Hütte erreichten. Ich bezweifle, dass Ike sich überhaupt die Mühe machte, uns zu verfolgen. Er wusste, dass wir einen Verwundeten bei uns hatten und ihn hierherbringen würden.“

„Warum haben sie nicht schon lange angegriffen?“

„Sie wollten wohl abwarten, bis die Coopers weg waren. Ike hat uns nun dort, wo er uns haben will. Von oben herab kann er jede unserer Bewegungen beobachten, und ich schätze, dass einige seiner Leute den Ausweg des Tals bewachen. Tut es dir leid, dass du nicht mit den Coopers gefahren bist?“

„Mir tut gar nichts leid!“, braust Kay auf. „Aber ich hätte gern 'ne Chance zum Zurückschlagen. Hast du die Absicht, dich in dieser Hütte zu verschanzen?“

John schüttelt den Kopf.

„Das wäre vermutlich genau das, was Ike von uns erwartet. Er könnte sich dann Zeit lassen und uns aushungern.“ Er zeigt nach Westen, wo schroffe Sandsteinklippen die Hügel überragen. „Ich glaube, wir können es schaffen. Dillard werden die Pferde in den Klippen nicht viel nützen.“

Ike Dillard grinst zynisch, als er den Wagen der  Coopers wegfahren sieht. Es passt ihm nicht, dass die Coopers ungestraft davonkommen, denn er hält dies für einen gefährlichen Präzedenzfall. Zuerst waren es die Cox-Leute, jetzt sind es die Coopers, und vielleicht wird es sich morgen eine andere Familie in den Kopf setzen, seiner Herrschaft zu trotzen. Das kann gefährlich werden.

Er kann die Nervosität der Bande spüren. Dies ist kein Spiel mehr, in dem man nur zuzuschlagen und wegzulaufen braucht — es ist todernst geworden. Die Männer denken an Wes Longstreet, der ein hervorragender Schütze und beispielhaft tapfer war. Aber Wes und zwei andere sind in der Nacht gefallen, und darüber machen sie sich Sorgen. Ike hebt die Hand.

„Gabe!“, sagt Ike scharf, und Gabe Tanis reitet zu der Stelle, wo der Bandenführer auf seinem Pinto sitzt. Nach dem Tod von Ikes Bruder und Wes Longstreet ist Gabe zum Stellvertreter aufgerückt.

„Da fahren die Coopers“, knurrt Ike. „Sie wissen nicht, wie glücklich sie sein können, dass sie noch am Leben sind.“

Gabe blickt dem Wagen nach und sieht dann Ike an.

„Du kannst die Jungs nicht weitertreiben. Es gefällt ihnen nicht, die eigenen Leute abzuknallen.“

„Schon gut“, sagt Ike grollend. „Die Coopers sollen fahren.“ Er richtet seine kalten Augen auf Gabe. „Aber Kay Cox nicht.“

„Ich schätze, Kay gehört nicht mehr zu uns“, sagt Gabe steif. „Ein Mann, der einen Prediger tötet und dann Deputies aus Socorro hinter uns herjagt - ich finde, so einer gehört nicht mehr zu uns.“ Er hält inne und wischt sich die tabakfleckigen Mundwinkel ab. „Es scheint, sie sind mit dem Begraben fertig.“

„Damit wären sie nur noch zu zweit. Sind die Jungs bereit?“

Gabe nickt.

„Du und Jed Hefflin — ihr nehmt die Hälfte der Männer“, befiehlt Ike. „Ihr schlagt einen Bogen und nähert euch durch die Schlucht von Osten her der Hütte. Ich werde von Westen kommen und ihnen den Fluchtweg abschneiden.“

Gabe nickt und will sein Pferd wenden,

„Noch etwas“, sagt Ike. „Sag den Jungs, dass sie keine Angst zu haben brauchen. Es sind nur zwei, und wir haben sie in der Zange. Wir werden uns Zeit lassen. Ich will nicht, dass noch jemand verletzt wird.“

Während Gabe die Bande zusammenruft, beobachtet Ike das kleine Tal. Es hat nur zwei Ausgänge. Sie können die Hütte in Brand stecken und Kay und den Marshal herausjagen.

Gabe Tanis hat die Bande in zwei Gruppen zu je sieben Mann eingeteilt. Die eine reitet mit Gabe und Jed Hefflin den Hang hinab und schlägt einen weiten Bogen nach Osten. Die andere Gruppe bleibt bei Ike.

„Wir reiten nach Westen“, sagt Ike zu ihnen, „Die Coopers sind inzwischen abgezogen. Gibt es noch Fragen?“

Es gibt keine Fragen mehr.

„Schön“, sagt Ike kalt. „Da unten steckt ein Marshal aus Socorro, aber er wird nicht viel ausrichten können. Wenn wir den aufs Gesicht legen, wird er wahrscheinlich der letzte Gesetzesbeamte sein, den wir hier oben zu sehen bekommen.“ Dann fügt er hinzu: „Bei Kay Cox liegen die Dinge anders. Er hat einen Prediger ermordet, vergesst das nicht, und er hat meinen Bruder erschossen und sich gegen seine eigenen Leute gewandt. Ich will ihn eigenhändig töten!“

Die Männer bewegen sich unruhig, aber sie sagen nichts. Ike wendet seinen Pinto, und die anderen reiten hinter ihm her.

Plötzlich richtet Ike sich kerzengerade im Sattel auf. Unten im Tal sieht er die winzigen Gestalten Perrys und Kay Cox' über die Lichtung nach Westen laufen. Der Bandenboss kneift die Augen zusammen. Er kann einfach nicht glauben, dass die beiden Männer die Hütte verlassen wollen. Sein Plan beruht auf der Annahme, dass sie sich in der Hütte verschanzen werden.

Jetzt ist der Plan hinfällig. Er lässt seine Männer halten und treibt seinen kräftigen Pinto eine Anhöhe hinauf — und dann beginnt er zu verstehen.

Stumm mustert er das nahezu unpassierbare Felsengewirr, und seine Hochachtung vor dem Marshal aus Socorro wächst. Ike stellt sich in die Steigbügel und ruft einem seiner Männer zu: „Reite nach Osten und versuche, Gabe Tanis einzuholen! Er soll seine Männer dorthin führen!“ Er zeigt auf die Sandsteinfelsen im Westen. „Ihr anderen folgt mir!“

Sie treiben die Pferde den steilen Hang hinunter und bahnen sich krachend einen Weg durchs Gebüsch. Um Perry und Cox den Fluchtweg zu den Sandsteinklippen zu verlegen, müssen sie um den Berg herumreiten, und als sie die Stelle erreichen, ist es bereits zu spät.

Kay Cox und der Marshal klettern schon über die ersten Klippen und können zu Pferd nicht mehr verfolgt werden. Ike wirft sich aus dem Sattel und läuft zu Fuß weiter. Er sieht einen Augenblick den breiten Rücken des Marshals, als dieser sich auf den nächsten Felsblock hinaufzieht. Aber als Ike hinkniet, um zu schießen, ist Perry schon verschwunden.

Die Aussicht auf einen zähen Kampf schreckt Ike nicht. Aber er weiß, dass seine Männer alles andere als das wollen. Er jagt einen Schuss aus seiner Winchester und hört, wie der Querschläger kreischend davonsaust.

Der Bandit wischt sich über das Gesicht und flucht. Sie werden hinter ihnen her klettern müssen — es gibt keine andere Möglichkeit. Wade Jeffers, ein Junge in Kays Alter, ruft: „Hast du sie gesehen, Ike?“

„Sie wollen auf die Klippe hinauf. Vier Männer reiten auf die andere Seite und verhindern, dass sie dort herunterkommen.“ Dann fällt ihm etwas ein, und er eilt selbst zu seinen Männern.

„Wartet! Wir teilen die Bande in drei Gruppen und greifen die Klippe von drei Seiten an. Sie sind dort oben nur zu zweit und können nicht nach drei Richtungen gleichzeitig schießen.“

Jeffers runzelt die Stirn.

„Wir sollen hinter ihnen her klettern?“

„Wie willst du sie sonst herunterholen?“

„Eine gefährliche Sache. Wir werden ihnen genau vor die Rohre laufen.“

Ike Dillards Stimme klingt eisig: „Als du zur Bande kamst, habe ich dir nie versprochen, dass es ein Kinderspiel sein würde. Die zwei auf der Klippe müssen getötet werden, andernfalls sind wir erledigt. Wenn nun“, er sieht dabei Wade Jeffers fest an, „jemand was dagegen hat, wie ich die Bande führe, dann soll er jetzt seine Meinung sagen.“

Jeffers schluckt. „Das habe ich nicht gemeint, Ike.“

„Dein Glück. Jetzt nimm vier Mann und lauf auf die andere Seite der Klippe! Ich werde Verstärkung schicken, wenn Gabe hier eintrifft.“

Die Männer scharren mit den Füßen. Wenn sie zwischen der Klippe und Ikes Wut wählen müssen, nehmen sie lieber die Klippe. Als Jeffers sich abwendet, um die Befehle seines Bosses auszuführen, schnarrt Ike: „Drei schnelle Gewehrschüsse sind das Signal zum Angriff. Und wir ruhen nicht eher, als bis wir oben sind. Verstanden?“

Sie haben verstanden.

Nachdem Wade Jeffers seine Männer weggeführt hat, besteigt Ike den Pinto und reitet hundert Yards zurück, bis er den felsigen Hang von oben bis unten sehen kann. Es wachsen dort kaum Bäume, bis auf ein paar Latschen und Blackjacks am Fuß der Klippe. Der Marshal und Kay Cox sind nicht zu sehen. Ike vermutet, dass sie bereits den Kamm erreicht haben. Nun ja, denkt er mit grimmiger Befriedigung, weiter werden sie nicht kommen.

Er schaut sich um und sieht, dass Gabe Tanis mit der anderen Hälfte der Bande über den Ostrand des Tales geritten kommt. Ike treibt seinen Pinto an und reitet erst nach Süden, dann ein Stück nach Norden. Er sucht die leichtesten und am besten geschützten Aufstiegsmöglichkeiten.

Schließlich hat er seiner Meinung nach die drei besten Wege gefunden und wartet, bis Gabes Truppe das Tal durchquert hat. Jetzt hört er Hufschlag hinter sich und wendet den Pinto. Dann sieht er Gabe Tanis und den Rest der Bande.

„Wir hörten Schüsse“, sagt Gabe und wischt sich das schweißnasse Gesicht ab. Ike grinst.

„Du wirst noch mehr hören. Kay und der Marshal sind aus der Hütte geflohen und dort hochgeklettert.“ Er zeigt auf die Klippe. Gabe zieht die Brauen hoch, dann spuckt er einen Strahl Tabaksaft aus.

„Es wird ein Weg durch die Hölle sein, wenn wir ihnen folgen!“

„Du hast doch nicht etwa Angst, oder, Gabe? Fünfzehn gegen zwei — reicht dir das noch nicht?“

Gabe betrachtet die Klippe eine Weile.

„Schon gut, Ike. Wie du meinst.“

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Die erste Kugel von oben klatscht vor Ike Dillard gegen den Sandstein und schleudert kleine Steinsplitter in sein Gesicht. Hastig wirft er sich hinter einen Felsen und bleibt keuchend liegen. Gabe Tanis lässt sich neben ihn fallen.

„Ich habe dir gesagt, dass es nicht leicht sein wird.“

„Halt's Maul!“, faucht Ike. Er hat die Bande in drei Gruppen aufgeteilt, und zwei davon befinden sich auf der anderen Seite der Klippe außer Sicht. Ike kriecht zum Rand des Felsens, hebt die Winchester und gibt drei schnelle Schüsse ab — das Zeichen zum Angriff. Vielleicht wird es wirklich nicht leicht sein, denkt er, aber sie werden gehorchen. Sie wissen, dass ich den ersten töte, der abhauen will.

Drei weitete Banditen liegen in der Nähe am Fuß der Klippe. Jetzt stehen sie auf. Ike horcht auf das sporadische Feuer auf der anderen Seite der Klippe und lächelt. Cox und der Marshal werden große Mühe haben, sich nach drei Seiten hin zu verteidigen. Von rechts dringt plötzlich Gefechtslärm herüber.

„Sie müssen Jeffers' Gruppe entdeckt haben“, zischt Ike. „Folgt mir!“

Sie beginnen den Aufstieg, aber sofort werden sie von oben unter Beschuss genommen.

„Was habe ich dir gesagt?“, schreit Ike Gabe Tanis zu. „Die werden verrückt, wenn sie versuchen, nach drei Seiten gleichzeitig zu schießen.“

Ike duckt sich hinter den Felsen, dann schnellt er vor. Er klammert sich an Wurzeln und Steinen und klettert hinauf. Die anderen folgen ihm und rennen auf die zweite Steilwand zu, die etwa vierzig Yards entfernt liegt. Ganz gelingt Ikes Plan nicht. Verheerendes Karabinerfeuer erfasst die Gruppe, bevor sie den Fuß der zweiten Klippe erreichen kann. Rehposten aus Kays Schrotflinte prasseln durch die Blackjackzweige. Eine Kugel zupft an Ike Dillards Ärmel. Jemand schreit auf, aber Ike schaut nicht zurück, bis er den Fuß der Klippe erreicht hat. Gabe Tanis fällt keuchend neben Ike hin und flucht.

„Zum Geier, ich sagte dir ja ...“

„Ich hab's gehört und will es nicht noch einmal hören!“

Ike steht geduckt wie ein Tier vor ihm und hält seine Winchester wie eine Keule. Gabe reißt den Arm hoch, als wolle er den Schlag abwehren.

Vielleicht wäre der Schlag gekommen. Vielleicht hätte Ike ihn in seiner Wut getötet, wenn nicht der zweite Schmerzensschrei ihn abgelenkt hätte. Ike richtet sich plötzlich auf und fragt: „Wer war das?“

„Ich weiß nicht“, sagt Gabe nervös.

Ike wirft ihm einen vernichtenden Blick zu und kriecht ein Stück zurück. Er flucht, als er sieht, welche Verluste ihn diese letzten vierzig Yards gekostet haben. Herb Fowler, ein Oldtimer, der so zäh wie Leder ist, kauert in dem Blackjackdickicht, etwa zwanzig Yards entfernt, und greift sich mit beiden Händen an die Brust. Während Ike noch beobachtet, bricht der alte Mann zusammen und rollt langsam den Hang hinunter, bis er schließlich mit ausgestreckten Armen auf dem Rücken liegenbleibt.

Fünf Mann haben den Angriff begonnen, und nur er und Gabe haben die zweite Klippe erreicht. Ike blickt am Fuß der Klippe entlang. Aber die zwei anderen Männer sind nicht zu sehen.

„Wo sind Ross Kaie und Sam Rüssel?“, fragt Ike und schluckt würgend. Dann springt er, ohne Gabe Tanis' Antwort abzuwarten, auf und rennt den Hang hinunter. Er stürzt, überschlägt sich und umklammert seine Winchester, als ein Schuss aus der Schrotflinte den Boden vor seinen Füßen umpflügt. Er merkt nicht, dass er getroffen ist, bis er zu rollen aufhört. Dann sieht er den hellen Fleck, der wenige Zoll über dem rechten Knie auf seiner Hose erscheint. Ike kriecht in ein Dickicht. Rasch reißt er den Hemdsärmel mit den Zähnen von der Schulter und verbindet seinen Schenkel.

„Ross!“, brüllt er. „Sam! Wo seid ihr?“

Keine Antwort. Der Karabiner oben an der Klippe beginnt zu feuern. Wütend pfeifen die Kugeln durch das Gebüsch. Verdammt, warum greift die Gruppe auf der anderen Seite der Klippe nicht an? Er wird sie umbringen — mit den bloßen Händen, jeden einzelnen von ihnen, wenn sie ihn jetzt im Stich lassen!

Mit einer übermächtigen Willenskraft zwingt Ike Dillard sich zur Ruhe und zum Nachdenken. Wenn Ross und Sam tot sind — aber daran will er erst denken, wenn er sie gefunden hat.

Er darf sein Glück nicht noch mehr herausfordern. Er muss aus dem Dickicht heraus. Er schätzt die Entfernung bis zu dem Felsblock und betet, dass seine Leute auf der anderen Seite bald zum Angriff antreten. Dann fliegt ein Grinsen der Befriedigung über sein hartes Gesicht. Drüben auf der rechten Seite krachen Gewehrschüsse.

Ike wartet, bis er sicher ist, dass Kay und der Marshal die Stellung gewechselt haben, um dem neuen Angriff zu begegnen. Dann steht er auf und hinkt zu dem Felsen. Er ist wieder an der Stelle, wo der Angriff begonnen hat. Aber hinter dem Felsblock trifft er seine vermissten Männer.

Ross Kaie ist noch keine zwanzig Jahre alt — ein harter, blonder Junge, der nach dem Überfall auf Bellefront zur Bande gestoßen ist. Zuerst denkt Ike, sie seien beide tot. Sie kauern hinter dem Felsen und haben die Arme um den Kopf gelegt.

Einen Moment lang tut Ike nichts. Ein roter Nebel der Wut verschleiert seinen Blick. Er tritt auf Rüssel zu und versetzt ihm wütend einen Tritt. Der Farmer kippt zur Seite und keucht nach Atem.

„Steh auf!“, sagt Ike barsch. Er humpelt zu Ross Kaie hinüber und schlägt mit dem Kolben der Winchester zu.

„Aufstehen hab ich gesagt!“, befiehlt er schnarrend.

Doch der Farmer ist vor Furcht wie gelähmt.

„Ich kann nicht! Ich kann einfach nicht! Herb Fowler stand neben mir, als es ihn erwischte. Wir werden alle umkommen!“

Ohne ein weiteres Wort richtet Ike die Winchester auf den Kopf des Farmers und drückt ab. Rüssel ist sofort tot. Dann wendet er sich an Ross Kaie.

„Und du? Willst du hier bei Sam bleiben?“

Der Junge schluckt. Seine Augen quellen fast aus den Höhlen.

„Ike, um Gottes willen!“

„Kommst du mit?“

„Ja! Ja, ich tu alles, was du sagst.“

„Dann steh auf und benimmt dich wie ein Mann!“

Die Taubheit in Ikes Bein lässt nach, und der Schmerz macht ihn noch wütender. Er packt den Jungen, reißt ihn hoch und gibt ihm einen Stoß.

„Hinauf! Dort hinauf, wo Gabe Tanis liegt! Ich komme gleich hinter dir!“

Der Junge klettert blindlings den steinigen Hang zum Fuß der zweiten Klippe hinauf, wo Gabe Tanis wartet.

„Wo ist Sam Rüssel?“

„Tot“, sagt Ike kalt. „Hart Fowler auch.“

„Ich glaube, den Marshal hat's erwischt“, sagt Gabe. „Hab seinen Karabiner nicht mehr gehört.“

„Ich schätze, es wird Zeit, dass wir den Gipfel stürmen. Ich muss mit Kay Cox abrechnen.“ Ike sieht sich um und bemerkt, dass die Sonne bereits hinter den Bergen im Westen untergeht. „Wir werden vor Sonnenuntergang fertig sein müssen. Er darf in der Dunkelheit nicht entkommen.“

Auf der anderen Seite der Klippe krachen drei Revolverschüsse. Dann folgt ein Schuss aus der Schrotflinte. Ike nickt Ross Kaie zu.

„Du zuerst.“

Das Gesicht des Jungen ist bleich. Sein Mund zuckt. Aber er zögert nicht. Er beginnt zu klettern, bis plötzlich der Karabiner von oben kracht. Ross Kaie kommt ins Rutschen, löst eine kleine Steinlawine aus und bleibt, aus der linken Schulter blutend, am Fuß der Klippe liegen.

„Du hast doch gesagt, der Marshal sei tot!“, schnarrt Ike. Gabe Tanis zuckt die Achseln und wischt sich über den Mund.

„Ich sagte, es könne den Marshal erwischt haben. Auch ein Verwundeter kann noch mit dem Karabiner umgehen.“

Wieder ziehen sie sich in ihre Deckung zurück. Ross Kaie beginnt zu wimmern, als er das Blut sieht, das an seinem Arm herunterläuft.

„Halt's Maul!“, faucht Ike. „Oder willst du vielleicht, dass ich dir den Mund für immer verschließe?“

Der Junge knirscht mit den Zähnen und verstummt plötzlich. Gabe Tanis sieht Ike nachdenklich an. Dann kniet er nieder und legt einen Notverband um Kaies Schulter.

„Vielleicht“, meint Gabe Tanis, „wäre es besser, wenn wir warteten, bis es dunkel ist.“

Ike schaut zur Sonne hinüber und schätzt, dass die Dunkelheit erst in einer Stunde eintreten wird. Die beiden Männer dort oben kämpfen, um Zeit zu gewinnen. Sie warten auf die Dunkelheit und hoffen, im Schutz der Nacht davon kriechen zu können.

Es gibt eine Menge Dinge zu überlegen, ehe sie erneut angreifen. Vielleicht ist der Marshal schwer verletzt, denkt Ike, vielleicht wird er sterben. Der Gedanke ist verlockend, zu schön, um wahr zu sein. Ike hat eine neue Idee. Plötzlich kriecht er ein Stück zur Seite und schreit: „Sie da oben, Marshal aus Socorro! Können Sie mich hören?“

Gabe Tanis verschlägt es vor Überraschung die Sprache. Doch schließlich meldet sich eine Stimme.

„Ich höre Sie, Dillard.“

„Wir wissen, dass Sie angekratzt sind, Marshal. Ich weiß nicht, wie schlimm, aber Ihre Stimme ist schon recht leise. Ich schätze, Sie brauchen 'nen Doc.“

Von oben erfolgt keine Antwort.

„Ich hab 'nen Vorschlag für Sie, Marshal!“, ruft Ike wieder. „Wollen Sie ihn hören?“

Nach einer kurzen Pause kommt die Antwort.

„Ich ... höre!“

„Hier ist mein Vorschlag, Marshal. Sie können herunterkommen, wenn Sie Lust haben. Ich werde meinen Männern den Befehl geben, nicht zu schießen.“

„Vielen Dank, aber ich glaube, hier oben bin ich besser aufgehoben.“

„Mit 'nem Loch im Fell? Sie brauchen 'nen Doc, Marshal. Kommen Sie runter, und zwei meiner Jungens werden mit Ihnen nach Socorro reiten. Niemand außer uns wird je davon erfahren.“

Wieder tritt eine lange Pause ein. Die Berge scheinen zu lauschen.

„Ich fürchte, ich kann Ihrem Versprechen nicht trauen, Dillard. Ich würde in eine Falle gehen, und Sie wissen das.“

„Ich habe nichts gegen Sie, Marshal. Sie sind nur ein Mann, der glaubt, seine Pflicht tun zu müssen. Aber Sie haben keine Chance, meine Bande zu zerschlagen. Warum wollen Sie also den Helden spielen und sich für nichts und wieder nichts umbringen lassen?“

„Ganz recht, Dillard, ich versuche, meine Pflicht zu tun.“

„Verstehen Sie mich richtig, Marshal. Sie selbst interessieren mich nicht. Ich möchte nur 'ne alte Rechnung mit Kay Cox begleichen. Wenn Sie sich mir noch länger in den Weg stellen, haben Sie sich die Schuld an den Folgen selbst zuzuschreiben.“

„Richtig, Ike, nur mir selbst.“

Ike verlagert wieder sein Gewicht und lehnt sich gegen den Stein. Der Schmerz in seinem Schenkel breitet sich langsam bis zur Hüfte aus. Er muss es noch einmal versuchen, und wenn das nichts nützt — nun, die Sonne sinkt tiefer. Dann ruft er wieder: „Denken Sie an Ihre Frau und Ihre Kinder, Marshal. Sie haben doch eine Familie, wie? Denken Sie daran, Marshal, nur fünf Minuten lang. Und wenn Sie dann noch darauf bestehen, sich töten zu lassen ...“ Er macht eine bedeutungsvolle Pause.

Gabe Tanis fragt: „Woher weißt du, dass er Familie hat?“

„Er hat es nicht geleugnet, oder? Er hat 'ne Familie, und das wird ihn nachdenklich stimmen.“

„Aber wird er herunterkommen?“

Ike setzt sich und streckt das verwundete Bein aus.

„Ich weiß nicht“, sagt er nachdenklich. „Wenn er klug ist; wird er herunterkommen.“

„Und wenn er's nicht tut?“

Ike grinst und klopft auf seine Winchester.

Die Minuten verstreichen. Vom Kamm ist kein Laut zu hören, und Ike Dillards Hoffnung scheint zu wachsen. Mehrere Minuten sitzen sie schweigend da, und noch immer ist kein Geräusch von oben zu hören. Unter Schmerzen richtet Ike sich auf. Er weiß, dass sie nicht länger warten können.

„Marshal!“, ruft er. „Ihre Zeit ist um. Entweder Sie kommen jetzt runter, oder Sie bleiben für immer oben!“

Alle scheinen den Atem anzuhalten, als sie auf John Perrys Antwort warten. Dann, als die Antwort kommt, ist es nicht die Stimme John Perrys, sondern die von Kay Cox.

„Der Marshal bleibt, Ike!“ '

Der Bandenboss runzelt die Stirn.

„Er soll selbst reden!“

„Ich spreche für ihn!“, ruft Kay. „Und ich sage, er bleibt.“

Ikes Stirnrunzeln verschwindet plötzlich, und er grinst.

„Gabe, konntest du Kays Position ausmachen?“

„Ich kann's nicht genau sagen, aber die Stimme scheint von rechts oben zu kommen.“

„Das dachte ich auch. Er ist nur noch allein da oben, Gabe. Der Marshal ist tot oder zu schwach, um selbst zu sprechen.“

An diese Möglichkeit hat auch Tanis gedacht, aber er ist ein vorsichtiger, misstrauischer Mann.

„Vielleicht hast du recht. Vielleicht stellt er sich aber auch nur tot.“

Ike Dillard lacht. „Er stellt sich nicht tot, Gabe. Er ist tot!“ Er prüft seine Winchester und gibt drei rasche Schüsse ab.

Die Zuversicht ihres Bosses scheint auf die anderen überzugreifen. Sie haben den Wortwechsel gehört und ihre eigenen Schlüsse daraus gezogen. Der Marshal ist tot. Auf das Signal hin springen sie auf und greifen an. Ike Dillard vergisst den Schmerz in seinem Bein. Trunken vor Siegesfreude klettert er den Hang hinauf, klammert sich an Wurzeln und Steine und lässt den Kamm nicht aus den Augen. Er lacht wild, als Kays Revolver zu krachen beginnt. Ike Dillard weiß, dass dies eine Verzweiflungstat ist.

Ike ist der Erste, der oben auf der Klippe ankommt. Und so soll es auch sein. Auf Händen und Knien kommt er über den Rand. Er sieht Kay Cox am anderen Ende der Klippe. Kay kniet, wendet Ike den Rücken zu und schießt mit dem Revolver auf die Angreifer, die von Westen heraufklettern. Ike bewegt sich vorsichtig. Er kostet jede Einzelheit des Augenblicks aus. Er hebt das Gewehr, grinst breit und richtet den Lauf auf den breiten Rücken des Jungen. Er hat nur Augen für Kay Cox, den Mörder seines Bruders. Und er sieht den Marshal erst, als dieser spricht.

„Ike!“

Und dann ist es zu spät.

Der Bandenführer wirbelt herum und erkennt, dass er sich geirrt und Gabe Tanis recht gehabt hat.

In diesem Sekundenbruchteil begreift Ike Dillard die Situation, wie sie wirklich ist: Er ist allein, und niemand kann ihm helfen, In diesem winzigen Bruchteil seines Lebens sieht er den Marshal stehen, das Gesicht bleich und gespannt, an einen Felsblock gelehnt. Er sieht, dass John Perrys Hemd an der Seite blutverschmiert ist, und er sieht den blauen Stahl des Colts, den der Marshal aus dem Holster gezogen hat und mit der Mündung nach unten an der Seite herabhängen lässt. In diesem Sekundenbruchteil sieht Ike alle diese Dinge — und noch viel mehr.

John sagt ruhig: „Lass dein Gewehr fallen, Ike!“

Die Position des Banditen ist ungünstig. Er steht auf seinem gesunden Bein, und der Lauf der Winchester zeigt zu Boden. Um den Marshal zu töten, muss er das Gewicht rasch auf das verletzte Bein verlagern, gleichzeitig das Gewehr heben und aus der Hüfte schießen.

Ich kann es, denkt er. Ich kann die Winchester schneller herumreißen, als er den Revolver heben kann. Aber er zögert. Die tödliche Entschlossenheit im Gesicht des Marshals gefällt ihm nicht.

John Perry sagt: „Lass dein Gewehr fallen, Ike! Ich werde mich nicht von dir erschießen lassen wie Mort Stringer oder die anderen.“

Ike wirft einen schnellen Blick zum Felsrand und sieht, dass Gabe Tanis hinter Perry auf den Kamm klettert. Erleichterung erfasst ihn, und er hätte am liebsten aufgelacht. Gabe wird den Marshal töten. Alles läuft wie am Schnürchen.

Aber Gabe trifft keine Anstalten zu schießen. Er steht da und scheint nachzudenken. Und in diesem Moment erkennt Ike, dass er keine Hilfe von Tanis erwarten darf. Tanis hat gehört, was der Marshal über Mort Stringer gesagt hat.

In einem plötzlichen Wutanfall fährt Ike herum und wirft sein ganzes Gewicht auf das verwundete Bein. In seinem Unterbewusstsein kann er hören, wie seine Männer die Klippe stürmen. Aber keiner kann ihm jetzt helfen. Während der Drehung spürt er, wie sein verwundetes Bein einknickt. Sein Schuss geht fehl.

Nichts ändert sich in John Perrys Augen, als er abdrückt.

Ein Mantel von Taubheit deckt Ike zu, als ihn der Anprall der schweren Kugel zu Boden schmettert. Alle Gedanken, aller Hass, aller Zorn verlassen ihn. Er stürzt in den schwarzen Abgrund des Vergessens.

Gabe Tanis steht wie eine hagere und eckige Statue. Er weiß, dass der Banditenführer tot ist. Was der Marshal über Mort Stringer gesagt hat, klingt noch in seinen Ohren nach. Er hat das Gefühl, als ob ihm der Boden unter den Füßen weggerissen worden sei.

„Lass dein Gewehr fallen, Gabe!“, sagt John fast sanft.

Gabe lässt das Gewehr nicht fallen. Aber er wendet sich um und ruft mit heiserer Stimme: „Hört auf, Jungs! Ike ist tot!“

Kay Cox kommt auf den Marshal zugelaufen, aber John winkt ihn zurück. Ratlose Stille senkt sich herab. Der ,König' ist tot.

„Ich werde dich mit nach Socorro nehmen müssen, Gabe“, murmelt John.

Tanis schüttelt mürrisch den Kopf.

„Ich habe niemand getötet.“

„Verdammt, Gabe!“, schreit Kay. „Du hast alles darangesetzt, den Marshal und mich unters Gras zu legen!“

Fast achtlos legt Tanis das Gewehr in die Armbeuge.

„Vielleicht.“ Er zuckt die Achseln. „Ike wollte es so, und vielleicht haben wir zu unüberlegt seine Befehle befolgt.“ Er dreht den Kopf und spuckt in den Wind. „Jungs“, sagt er laut, „ich schätze, es wäre das Beste, wenn ihr alle nach Hause reitet.“

Kays Augen blitzten zornig auf.

„Marshal, du wirst sie doch nicht laufen lassen, oder?“

John lächelte. Tanis muss gewusst haben, dass er nicht in der Lage ist, sie alle festzunehmen.

Gabe Tanis wischt sich nachdenklich über den Mund, als er sich zum Gehen wendet.

„Kay“, sagt er, und seine Worte scheinen ihm schwerzufallen. „Ich habe schon immer ein schlechtes Gewissen gehabt, seit wir deine Familie davonjagten.“

Kay starrt ihn mit bitteren Augen an. Schließlich wendet Gabe sich um, ruft den Männern zu und klettert langsam zum Fuß der Klippe hinunter.

So endet das also, denkt John. Sein Kopf ist erstaunlich leicht. Seine Seite brennt, als wäre er mit einem Brenneisen in Berührung gekommen.

„Marshal“, sagt Kay heiser. „Wie geht es dir?“

„Es ist nur 'ne Fleischwunde.“ Im Licht der untergehenden Sonne betrachtet er die Gegend ringsum. „Ich glaube, die Tage der Gesetzlosigkeit sind ab heute vorbei. In diesen Hügeln wird es keine Banditen mehr wie die von Ike Dillard geben.“

Er weiß nicht, wieso er diese Gewissheit hat, aber er fühlt es in seinem Innern. Vielleicht hat er diese Gewissheit in Gabe Tanis' Augen gesehen ...

Kay ist zum Rand der Klippe gegangen und starrt in die Dunkelheit hinunter.

„Marshal, komm mal her!“

„Was ’st los, Kay?“

„Pferde, Marshal! Zwei Pferde!“

John geht zu der Stelle, wo Kay steht. Am Fuß der Klippe sieht er die zwei Pferde. Sie sind angehobbelt und grasen.

„Es ist ein Trick, Marshal!“

„Nein, das glaube ich nicht.“

„Du kennst die Burschen nicht so gut wie ich!“, sagt.Kay zornig. „Sie lassen die Pferde dort unten stehen, um uns von der Klippe herunterzulocken. Unten lauern sie und warten nur auf uns. Das wette ich!“

John zwingt sich, an diese Möglichkeit zu denken, aber er will nicht daran glauben. Mühsam geht er zu dem Felsblock zurück und hebt Arch Delands Karabiner auf. Ich will es nicht glauben!, denkt er. Ich will lieber glauben, dass Gabe Tanis die Pferde für uns zurückgelassen hat.

„Wo willst du hin, Marshal?“, ruft Kay überrascht.

„Hinunter und mir die Pferde ansehen!“

„Aber ich sage dir — es ist ein Trick!“

„Wir werden es bald wissen.“

Vorsichtig und auf seine Verletzung Rücksicht nehmend, klettert er hinunter. Kay ruft wieder, dann beginnt er zu fluchen und klettert schließlich ebenfalls hinunter.

„Marshal, das ist die verrückteste Idee, die ich je erlebt habe!“

Vielleicht ist sie das wirklich, denkt John. Aber einmal kommt die Zeit, wo ein Mann an den guten Willen anderer glauben muss, sonst wird die Welt unerträglich werden. Er weiß, dass er die Aufgabe erfüllt hat, die er in Angriff nahm. Und er weiß jetzt auch, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, festzustellen, ob es sich lohnt, an das Gute im Menschen zu glauben. Er will wissen, ob Arch Deland sein Leben für nichts und wieder nichts geopfert hat.

Nachdem er schließlich den Fuß der Klippe erreicht hat, geht John direkt auf die Pferde zu, und es passiert nichts.

„Well, ich will verdammt sein!“, stößt Kay verwundert aus.

Sie legen den weiten Weg nach Socorro in beinahe völligem Schweigen zurück.

Trotz seiner Schwäche und des tobenden Schmerzes in der Seite reitet John aufrecht und fühlt sich beinahe wieder jung. Er reitet nach Hause. Seine Gedanken sind bei seiner Frau und den Kindern und den Feldern, die gejätet werden müssen. Bei dem Schuppen, der ein neues Dach braucht, und dem Zaun, der dringend repariert werden muss.

Kays Gedanken sind komplizierter. Ihm fällt es immer noch schwer zu glauben, dass Gabe Tanis ihnen keine Falle stellte. Da Ike nun tot ist, wird es in den Hügeln wieder friedlich zugehen. Vielleicht wird seine Familie zurückkommen und von vorn anfangen.

Aber die alten Zeiten werden nicht wiederkommen. Die Zeiten werden sich ändern. Vielleicht wird die Eisenbahn gebaut werden, und vielleicht wird ein Teil der Wälder abgeholzt. Dann wird die Kluft zwischen den Flügeln und dem Flachland nicht mehr so groß sein wie zuvor — und das wird wohl einen Wandel zum Guten bedeuten.

Vielleicht, so überlegt Kay, haben die Cox-Leute und die Tanis' und alle die anderen zu lange abgesondert gelebt. Und vielleicht schadet es uns nicht, wenn wir dann und wann einmal mit Leuten wie dem Marshal zusammentreffen.

Es ist eigenartig, wie seine kurze Freundschaft mit dem Marshal seine Ansichten über viele Dinge geändert hat. Er spürt, dass er dadurch reifer geworden ist, indem er John Perry begleitet und ihn beobachtet hat. Er kann sich diese Wandlung nicht erklären, aber er weiß, dass sie stattgefunden hat.

Kay denkt über alle diese Dinge nach, als sie den weiten Weg nach Socorro zurückreiten. Doch seine Gedanken gelten vor allem Leah Stringer. Er hat sich alles zurechtgelegt, was er ihr sagen will, wenn er sie sieht. Er wird ihr von der Hütte erzählen, die er bauen will. Und dann wird er sie bitten, seine Frau zu werden.

Kay denkt mit Freude daran, aber manchmal bekommt er Angst. Er befürchtet, Leah könne ihn vielleicht nicht haben oder sich mehr wünschen wollen, als nur eine Hütte aus Baumstämmen und Lehm tief im Wald.

John scheint seine Gedanken zu ahnen. Er lächelt ihn von der Seite an, aber sein Blick ist fest, als er sagt: „Mach dir keine Sorgen, Sohn! Ich glaube, sie wartet auf dich.“

ENDE

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RITT ZUM GALGEN

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Western-Roman von Alfred Bekker

––––––––

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EINE HANDVOLL GUNSLINGER überfällt eine Bank in einer kleinen Rinderstadt - und damit beginnt ein Trail der Gewalt.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Hände hoch! Keiner bewegt sich!“

Die drei Männer waren mit Halstüchern maskiert. Einer von ihnen hielt eine Winchester im Anschlag, die beiden anderen fuchtelten mit ihren Revolvern herum.

Die Männer hatten sich einen günstigen Zeitpunkt für ihr Vorhaben gewählt: Morgens früh, kurz nach Öffnung der Bank. Dann konnte man davon ausgehen, dass nur wenige Kunden am Schalter anstanden.

Jetzt standen dort – ziemlich verängstigt – zwei Frauen und ein Mann – und der war noch nicht einmal bewaffnet.

Dem schon etwas älteren Kassierer wurde eine Tasche hingehalten.

„Alles Bargeld einpacken!“, kam der kurze, schroffe Befehl. „Beeil dich!“ Der Kassierer war so nervös, dass ihm die Tasche erst einmal auf den Boden fiel. Einer der Bankräuber spannte den Hahn seines Revolvers und dieses Geräusch veranlasste den Kassierer zu größerer Vorsicht.

Sorgfältig packte er die Scheine in die Tasche.

„Schneller!“

„Da kommt jemand!“

„Das hat uns noch gefehlt!“

Die Tür ging auf. Ein Mann trat ein, aber noch ehe dieser die Situation richtig erfasste, hatte er den Kolben der Winchester auf den Hinterkopf bekommen und sackte betäubt zu Boden.

„Mann, wir müssen weg!“

„Los, Alter! Beeil dich mit dem Scheine einpacken!“

„Lass gut sein. Da ist genug drin!“

Dem Kassierer wurde die Tasche mit dem Geld aus den Händen gerissen.

Dann stürmten die drei Maskierten – noch immer mit schussbereiten Waffen – zur Tür hinaus.

Aber da war niemand, um sich ihnen in den Weg zu stellen. Sie schwangen sich auf ihre Pferde, die sie vor der Bank angebunden hatten, und preschten davon.

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Als die drei Reiter einige Meilen scharf geritten waren, verlangsamten sie das Tempo. Die Halstücher hatten sie längst fallen gelassen.

„Besonders viel war’s diesmal nicht“, meinte einer von ihnen. Er hieß Sam Field, hatte pechschwarze Haare, einen schmalen Oberlippenbart und einen so dunklen Teint, dass man ihn fast für ein Halbblut halten konnte.

„Dafür ist es leicht verdientes Geld!“, meinte George Malcolm, ein hochgewachsener, fast schlaksiger Mann, dessen Haare bereits etwas angegraut waren und dessen hageres Gesicht ein kühnes Profil zeichnete.

„Glaubt mir, ich habe schon für viel weniger sehr viel schwerer arbeiten müssen!“ Malcolm lachte heiser. „Wir brauchten da nur hinein zu spazieren und das Geld abzuholen. Keiner, der sich in den Weg gestellt hat, weit und breit nicht einmal die Ahnung eines Colts, der auf dich angelegt wird!“ Er spuckte aus. „Das sind doch Arbeitsbedingungen, wie man sie sich nur erträumen kann.“ Er blickte nun zu dem dritten Reiter. „Was meinst du, Luke? Haben wir einen Grund, uns zu beklagen?“ Luke Harris hatte den schwarzen, breitkrempigen Hut tief ins Gesicht gezogen, seine Züge waren finster.

„Wenn ihr mich fragt, dann solltet ihr nicht soviel quatschen! Man hat bestimmt inzwischen schon einen Suchtrupp zusammengestellt, der die Verfolgung aufgenommen hat.“ Er spuckte aus. „Vielleicht solltet ihr daran mal ein paar Gedanken verschwenden ...“

„Du bist humorlos, Luke!“, brummte Sam Field.

„Ich möchte etwas von meiner Beute haben!“, entgegnete Harris. „Nichts weiter.“

„Niemand kennt uns“, meinte Field. „Wir können in der nächsten Stadt in den Saloon gehen und unsere Beute vertrinken, ohne behelligt zu werden!“ Er lachte. „Und in der Zwischenzeit durchstreift der Suchtrupp die Gegend.

Ist das nicht eine seltsame Vorstellung?“

„Ich kenne den Sheriff“, sagte Harris. „Matthews soll früher mal ein tüchtiger Mann gewesen sein, aber er ist in die Jahre gekommen. Jetzt macht er nur noch Dienst nach Vorschrift.“ Er schüttelte entschieden den Kopf. „Ein besonderes Risiko wird der Mann nicht eingehen ...“

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Als die drei Reiter nach Three Little Rocks kamen, war die Sonne bereits dabei, als blutrote Scheibe hinter dem Horizont zu versinken. Von ihren Verfolgern hatten die drei nichts zu sehen bekommen.

Jetzt waren sie so gut wie sicher. Three Little Rocks war zwar nicht gerade eine Großstadt, aber doch groß genug, um dort untertauchen zu können.

„Es gibt fünf Hotels in Three Little Rocks!“, meinte Sam Field.

„Ich kenne sie alle – aber nur von außen, denn ich hatte nie genug Geld um in einem von ihnen zu übernachten.“

„Schätze, das hat sich jetzt geändert!“, setzte George Malcolm hinzu und Field nickte.

„Wo mieten wir uns ein, George? Bei McDermot? Oder bei Wilder & Griffith?“

„Jeder von uns wird sich unabhängig in einem Hotel einmieten!“, mischte Harris sich ein. „Nicht mehr lange, und Sheriff Matthews wird mit seinen Männern in Three Little Rocks auftauchen und überall nach drei Männern fragen. In den nächsten Tagen werden wir uns aus dem Weg gehen, soweit das möglich ist. Es ist besser, wenn man uns nicht zusammen sieht ...“

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Seit zwanzig Jahren war John Matthews der Sheriff von Rawlins. Man hatte ihm den Job damals angetragen, weil er schnell genug mit dem Colt gewesen war, um ein paar schießwütige Revolverhelden aus der Stadt zu jagen.

Das war Matthews’ erste und bisher einzige Heldentat gewesen. Rawlins war eine sehr kleine und ziemlich arme Gemeinde, die sich einen Deputy nicht leisten konnte. Aber Matthews hatte keine Probleme damit gehabt, den Job allein zu verrichten. In der Gefängniszelle, die sich in einem Gebäude mit seinem Büro und der Sheriffwohnung befand, fanden hauptsächlich betrunkene Cowboys eine Möglichkeit, ihren Rausch auszuschlafen.

Seit damals, als Matthews zum Sheriff gemacht worden war, hatte es in Rawlins kaum ein Ereignis gegeben, das der Erwähnung wert gewesen wäre – bis zum heutigen Tag, an dem man die Bank um einen guten Teil ihres Bargeldes erleichtert hatte!

Ein paar Hühnerdiebe, Streitigkeiten zwischen Ranchern um einen Wasserlauf, Cowboys, die ihren Lohn im örtlichen Saloon vertranken und anschließend über die Stränge schlugen – das waren die Dinge, mit denen sich Matthews in den letzten Jahren vornehmlich beschäftigt hatte.

Eigentlich hatte er den Job nur ein paar Jahre machen wollen, um sich dann etwas anderes zu suchen. Er hatte keinesfalls vorgehabt, in einer Stadt wie Rawlins alt zu werden. Schließlich gab es anderswo mehr zu sehen, Aufregendes zu erleben ...

Aber es war anders gekommen.

Matthews hatte unterdessen einen Bauchansatz bekommen, und seine Haare waren mehr und mehr ergraut.

Ich werde alt!, durchfuhr es ihn – nicht zum erstenmal! – während er an der Spitze des Suchtrupps daherritt, die Augen angestrengt auf den sandigen Boden gerichtet, um dort nach Hufspuren zu suchen. Mit der Linken hielt er die Zügel seines Rappen und als er mit der Rechten den Colt berührte, den er im Holster trug, überlegte er: Ich bin ziemlich aus der Übung mit dem Ding!

Sicher, er war vermutlich immer noch schneller als die meisten Cowboys der Umgegend. Aber würde es noch ausreichen, um es mit den flüchtigen Bankräubern aufzunehmen?

Ich weiß nichts über sie!, durchzuckte es ihn. Vielleicht sind es nur dahergelaufene Strauchdiebe aus der Umgegend, die sich einmal an einem ehrgeizigeren Ziel versucht haben; ehemalige Cowboys vielleicht, die ihren Job verloren haben.

Dann war er ihnen überlegen, auch wenn seine letzte und einzige Bewährungsprobe schon zwanzig Jahre zurücklag.

Aber was, wenn es sich um Profis handelte? Leute, deren Geschäft es war zu schießen ...

John Matthews hatte dieses Gefühl jahrzehntelang nicht gekannt, aber jetzt kroch es ihm kalt den Rücken hinauf: die Angst!

Ich darf nicht an mir selbst zweifeln!, versuchte er sich einzureden.

Er wusste, dass die Erwartungen hoch waren, die die Bürger von Rawlins an ihn stellten. Sie warteten von ihm, dass er mit den Bankräubern kurzen Prozess machte, so wie er es damals mit den Revolverhelden gemacht hatte...

Aber er wusste nicht, ob er immer noch der Matthews von damals war.

„Sieht so aus, als wären sie in Richtung Three Little Rocks geritten!“, brummte Matthews, nachdem sein geübtes Auge die Spuren studiert hatte.

„Glaubst du, die reiten einfach so in die Stadt hinein, gehen in einen Saloon, mieten sich ein Hotelzimmer ...?“

Das war O’Conner, dem der Drugstore von Rawlins gehörte und der mit Rechnungen und Bilanzen sicherlich um einiges besser umgehen konnte als mit der hoffnungslos veralteten Büchse, die in seinem Sattelholster steckte.

„Warum sollten sie nicht?“, fragte Matthews. „Sie waren maskiert, niemand hat sie erkannt, die Zeugenaussagen zu ihrer Kleidung sind so unpräzise, dass sie fast auf jeden passen!“

Der Sheriff schüttelte den Kopf. „Tja, wenn die Kerle morgen bei dir in den Drugstore kämen, um sich Proviant für eine längere Reise zu besorgen – es würde dir nichts Ungewöhnliches auffallen!“

„Wir müssen sie kriegen!“, meinte O’Conner kämpferisch.

Der Tatendrang bei dem sonst eher stillen und zurückhaltenden Kaufmann wunderte Matthews nicht. Schließlich gehörte ein guter Teil der Bankeinlagen ihm.

Nicht mehr lange und die Sonne wird untergehen!, überlegte der Sheriff dann. Und wenn die Nacht erst angebrochen war, würden die Männer kaum noch die Hand vor Augen sehen können ...

Plötzlich empfand Matthews die Anwesenheit des Suchtrupps als äußerst unangenehm. Er konnte nicht sagen, weshalb eigentlich; ob O’Conners Ungeduld dieses Gefühl in ihm ausgelöst hatte oder ob es an etwas anderem lag ...

Der Gedanke an ein Versagen, an eine Niederlage gegen die Bankräuber, von denen sich die Spur möglicherweise irgendwo verlieren würde, hatte ihn bereits den ganzen Weg über geplagt.

Aber wenn diese Männer, die ihn jetzt begleiteten, wenn sie ihm auch kaum eine wirkliche Hilfe sein konnten, die ihm all die Jahre über vertraut hatten, Zeugen seiner Niederlage würden ...

Es schauderte Matthews bei diesem Gedanken, und er beschloss, die Männer nach Hause zu schicken.

Die Dämmerung hatte sich wie grauer Spinnweben über das Land gelegt, während die gerade hinter dem Horizont verschwundene Sonne ihre letzten Strahlen aussandte.

Zwei Stunden war es her, seit Matthews die Männer fortgeschickt hatte, und nun lag Three Little Rocks vor ihm.

Er wusste, dass die Bankräuber hier waren. Er hatte die Hufspuren ihrer Pferde bis hierher verfolgt. Nun allerdings vermischten sie sich mit denen von unzähligen Reitern, Fuhrwerken und auch Fußgängern ...

Wahrscheinlich werde ich unverrichteter Dinge zurück nach Rawlins reiten müssen!, erkannte John Matthews realistisch die Möglichkeiten, die er in dieser Sache hatte. Aber alles in ihm sträubte sich gegen diesen Gedanken.

In Three Little Rocks führte ihn sein Weg zunächst zu Buddy Silverman’s Saloon, denn dort vermutete er um diese Zeit seinen Freund Ed Norman, den hiesigen Sheriff.

Als Matthews sein Pferd angebunden und die Schwingtüren passiert hatte, musste er jedoch feststellen, dass Sheriff Norman noch nicht dort war. Dafür saß an der Theke – mit hochrotem Kopf und schon ziemlich betrunken – ein anderer Bekannter. Matthews ließ sich einen Whisky geben und gesellte sich zu dem Zecher.

„Hallo, Sam“, sagte er, während er das Glas hob und ihm zuprostete.

Sam Field rülpste ungeniert. Als er sich dann nach Matthews umsah, wankte er zunächst etwas nach hinten, und dann traten ihm die Augen aus den Höhlen und quollen hervor, als wollten sie in kürzester Zeit die Größe von Billardkugeln erreichen.

„Sie, Sheriff?“ Sam Field rülpste nochmals. „Was machen Sie denn hier?

Sie sind doch Sheriff in Rawlins, wenn ich mich nicht irre ...“ Dann kicherte er.

„Sie irren sich nicht, Sam ...“

Der Alkohol ist immer Fields Problem gewesen, überlegte Matthews. Daran schien sich nichts geändert zu haben.

Field hatte früher einen Job auf der Saunders-Ranch, ganz in der Nähe von Rawlins, gehabt. Niemand anderes als der gutmütige Jake Saunders hätte einem notorischen Säufer wie Sam Field einen Job gegeben. Seine Gutmütigkeit brachte Saunders ein paar Jahre später in Geldschwierigkeiten, und leider waren die Menschen, mit denen er zu tun hatte, weit weniger großzügig als er es ihnen gegenüber gewesen wäre. Saunders machte Pleite, seine Ranch wurde versteigert, und natürlich hatten die neuen Besitzer kaum ein Interesse daran, einen Mann wie Sam Field für sich arbeiten zu lassen, der manchmal morgens schon so betrunken war, dass er unmöglich auf einem Pferd sitzen konnte ...

Danach hatte Matthews Field aus den Augen verloren. Es musste ihm verhältnismäßig gut gehen, dachte Matthews, als er die Flasche näher betrachtete, die vor Field auf der Theke stand. Champagner aus Frankreich...  Diese Flasche hatte einen langen Weg hinter sich, bis sie in den Regalen von Buddy Silverman’s Saloon gelandet war. Und ihr Preis musste auf diesem Weg zu einer stolzen Summe angewachsen sein!

„Sie können sich so etwas leisten, Sam?“

„Klar, kann ich. Warum auch nicht?“ Er zog eine Grimasse, suchte an seinem Glas zu nippen und goss sich statt dessen den Inhalt übers Hemd.

„Haben Sie Arbeit?“

Auf einmal war Field ganz ruhig, seine Glupschaugen bildeten sich zurück, und er schien für einen Moment fast nüchtern zu sein.

Natürlich hatte er keine Arbeit, Matthews brauchte Fields Antwort gar nicht abzuwarten.

„Aber Sie haben genug Geld, um sich einen solchen Tropfen leisten zu können!“

Da war ein Unterton in Matthews’ Stimme gewesen, der Sam Field mit einem Mal vorsichtiger werden ließ. Er hob die Augenbrauen, verzog die Gesichtsmuskeln und rieb sich an den Schläfen.

„Warum wollen Sie das wissen, Sheriff?“

Anstatt ihm eine Antwort zu geben, packte Matthews ihn mit der Rechten am Kragen, während er mit der Linken einen Packen von Geldscheinen aus Fields zerschlissener Jacke holte.

Matthews knallte das Geld vor Field auf den Schanktisch. Es wurde von einem Papierstreifen der Bank von Rawlins zusammengehalten.

„Sehen Sie sich das an, Sam!“, schrie Matthews, während die anderen Gespräche im Schankraum mehr und mehr verstummten, verhieß Matthews’ aufgebrachter Ton doch möglicherweise ein interessantes Schauspiel, das niemand versäumen wollte!

„Das ist mein Geld!“, sagte Field schwach.

„Ach, ja? Wirklich Ihr Geld, Sam?“ Matthews packte ihn erneut beim Kragen. „Sehen Sie sich den Packen genau an! Diese Scheine kommen von der Bank in Rawlins!“

„Na und? Ich habe sie dort abgehoben!“

„Ich wette mit Ihnen um tausend Dollar, Sam, dass Sie in Rawlins nie ein Bankkonto besessen haben!“

„Ich ...“

„Es ist doch mehr als merkwürdig: In Rawlins wird die Bank ausgeraubt und wenig später taucht Geld, das eindeutig von dort stammt, bei einem Herumtreiber auf!“

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Wenig später war Sheriff Norman im Saloon aufgetaucht. Field wurde festgenommen und würde die Nacht im Stadtgefängnis von Three Little Rocks verbringen.

„Willst du ihn morgen schon nach Rawlins überführen, John?“, fragte Ed Norman, nachdem er die Zelle sorgfältig abgeschlossen hatte. Field schimpfte ungehalten vor sich hin. Nicht mehr lange, und er würde friedlich seinen Rausch ausschlafen.

„Es waren drei Männer, die unsere Bank überfallen haben“, erklärte Matthews. „Wenn Field einer der beiden ist, dann fehlen mir noch zwei.“

„Und du vermutest, dass sie sich ebenfalls hier in Three Little Rocks aufhalten?“

„Ja.“

Norman zuckte mit den Achseln.

„Die Männer waren maskiert. Dass du Field geschnappt hast, war ein reiner Glückstreffer ...“ Er legte Matthews eine Hand auf die Schulter. „Deine Chancen stehen nicht gut, John.“

„Ich weiß. Aber wenn ich mich davon hätte abschrecken lassen, wäre ich längst umgekehrt und zu Haus, so wie die anderen Männer des Suchtrupps.

Ich hätte Field nicht bekommen.“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Es ist einfach nicht mein Stil, schon im Voraus aufzugeben.“

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George Malcolm hatte sich bei Wilder & Griffith eingemietet. Von seinem Zimmer aus hatte man einen guten Blick auf die Hauptstraße von Three Little Rocks, und Malcolm hatte sich einen Stuhl ans Fenster gestellt, sich eine teure Zigarre angezündet und beobachtet, was auf der Straße vor sich ging.

So früh am Morgen war dort allerdings noch kaum etwas los. Malcolm nahm einen tiefen Zug an seiner Zigarre und blies anschließend genüsslich den Rauch in die Luft. Es war ein gutes Gefühl, die Taschen voller Geld zu haben.

Plötzlich klopfte es.

Malcolms Rechte ging automatisch zum Revolver.

„Ich bin’s: Luke Harris!“

„Komm rein, Luke!“

Die Tür ging auf, und Harris trat herein. Er schien aufgeregt.

„Was gibt’s?“

„Ich war gestern Abend in Buddy Silverman’s Saloon!“

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Jetzt ist Mittag“, sagte Malcolm, während sie das Gefängnis auf der anderen Straßenseite beobachteten. „Alle, bis auf einen Deputy, sind zum Essen gegangen! Auf einen günstigeren Zeitpunkt können wir nicht hoffen!“ Harris lockerte den Revolver in seinem Holster.

Sie nahmen die Pferde bei den Zügeln, überquerten die staubige Straße und machten sie dann vor dem Gefängnis fest.

Es waren drei Pferde.

„Los! Bringen wir die Sache hinter uns!“, zischte Malcolm.

Dabei zogen sie sich die Halstücher über Mund und Nase, rissen die Tür auf und stürzten mit gezogenen Waffen ins Sheriffbüro.

Der wachhabende Deputy las gerade Zeitung. Es dauerte kaum den Bruchteil einer Sekunde, und er hatte die Situation erfasst.

Seine Hand glitt zum Revolverholster, und er schaffte es sogar noch, die Waffe herauszureißen und auf die Eindringlinge zu richten.

Doch dann donnerten zwei Schüsse aus kurzer Entfernung. Der Deputy sackte blutüberströmt in sich zusammen.

„Schnell!“, sagte Harris. „Die Schlüssel!“

Malcolm ging zum Fenster und beobachtete die Straße.

Nicht mehr lange, und sie würde sich mit Menschen füllen, die den Schuss gehört hatten.

Indessen hatte Harris den Schlüssel vom Haken genommen und war zu den Gefängniszellen gegangen. Sam Field war inzwischen einigermaßen nüchtern. Er hielt sich den Kopf und riss ungläubig die Augen auf, als Harris die Zellentür öffnete.

„Hey ...?“

„Los, mach jetzt! Wir haben nicht viel Zeit! Deinen Kater musst du woanders auskurieren!“

Als Field wenig später den toten Deputy sah, wurde er bleich.

„Das war Mord!“, rief er. „Dafür wird man uns aufhängen!“

„Quatsch nicht!“, schimpfte Harris.

„Aber ...“

„Wir hatten keine andere Wahl, Sam!“

Harris ging zu dem Toten hin und schnallte ihm mit einiger Mühe den Revolvergurt ab. Dann nahm er ihm den Colt aus den um den Griff verkrallten Fingern und steckte ihn in das zugehörige Holster.

„Hier, Sam! Nimm das! Du wirst es noch brauchen!“

„Los, raus jetzt!“, rief Malcolm, der noch immer am Fenster stand.

Mit gezogenen Revolvern stürmten sie ins Freie, zu den Pferden. Ein paar Leute hatten sich angesammelt und starrten ungläubig auf das, was vor ihren Augen geschah.

„Weg da!“, schrie Harris und gab einen Warnschuss ab, woraufhin die – größtenteils unbewaffneten – Bürger etwas zurückwichen. Die drei Männer schwangen sich auf ihre Pferde (wobei Field zunächst einige Schwierigkeiten hatte, überhaupt in den Sattel zu kommen), gaben ihnen die Sporen und preschten davon.

Harris gab noch einige ungezielte Warnschüsse ab.

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Matthews und Norman hatten die Schüsse gehört und waren ins Freie gestürmt.

Sie sahen, dass vor dem Gefängnis ein Menschenauflauf entstand. Drei Männer – zwei von ihnen maskiert, bei dem dritten handelte es sich um Sam Field – ritten davon.

Matthews überlegte nicht lange, sondern nahm sich ein in der Nähe angebundenes Pferd und machte sich an die Verfolgung. Zunächst holte er etwas auf, und als er glaubte, nahe genug an den Flüchtenden heran zu sein, zog er den Revolver und feuerte ein paar Schüsse ab.

Die Flüchtenden schossen zurück, aber keine der abgefeuerten Kugeln traf ihr Ziel.

Erneut wurde hin und her geschossen, mehr auf gut Glück denn gezielt.

Ein Schrei drang dann an Matthews’ Ohren, und er dachte: Einen hat’s erwischt!

Er konnte nicht erkennen, wer von den Flüchtenden getroffen worden war, denn alle drei hingen sie tief vorgebeugt in ihren Sätteln, um möglichst wenig Zielfläche abzugeben.

Auf dem Boden sah Matthews Blut.

Er schoss (ohne allerdings ein zweites Mal zu treffen) einen Revolver leer, steckte ihn dann ins Holster zurück und versuchte verzweifelt, sein Pferd noch mehr anzutreiben.

Doch zusehends wurde der Abstand zwischen ihm und den Flüchtenden größer. Das Pferd, das er sich genommen hatte, war offensichtlich alles andere als ein ausgesprochenes Rennpferd. Mehr und mehr wurde Matthews deutlich, dass das Tier die Grenzen seiner Möglichkeiten erreicht hatte. Die Flüchtenden wurden immer kleiner und kleiner, verschwanden schließlich hinter einem Hügel, um dann noch einmal kurz aufzutauchen, bevor der Horizont sie verschluckte.

„Sie haben Deputy Jenkins erschossen!“, eröffnete Ed Norman Matthews, als dieser wenig später nach Three Little Rocks zurückkehrte. „Sie haben ihn einfach über den Haufen geschossen!“

„Sie werden nicht weit kommen!“, meinte Matthews. „Ich habe einen von ihnen erwischt.“

Er stieg aus dem Sattel und zog seinen Revolver aus dem Holster, um ihn nachzuladen. „Wenn ich ein besseres Pferd gehabt hätte, dann hätte ich sie gekriegt!“ Matthews ballte innerlich die Faust. Er war so nahe dran gewesen, er hatte sie fast in seiner Hand gehabt ...

„Sie haben einen Vorsprung, John. Aber keinen, den man nicht einholen könnte!“ Norman wandte sich an die umstehenden Bürger.

„Wir stellen einen Suchtrupp zusammen! Jeder, der sich daran beteiligen will, bekommt einen Blechstern und wird als Deputy vereidigt!“

„Kein Suchtrupp!“, erwiderte Matthews. „Es reicht völlig, wenn wir beide uns auf den Weg machen!“ Matthews dachte an seine eigenen Leute aus Rawlins, die er nach Hause geschickt hatte. „Wir verlieren zuviel Zeit ...“, meinte er schwach.

„Hier bin ich der Sheriff, John!“, gab Ed Norman unmissverständlich zurück. „Und ich sage, dass ein Suchtrupp gebildet wird!“

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Die Hügel wurden zunehmend flacher. Die Flüchtenden durchquerten ein kleines Waldgebiet und gelangten dann auf flaches Grasland.

„Wie geht es, Luke?“, fragte George Malcolm besorgt. Er sah das blutverschmierte Hemd, das Luke Harris auf dem Leib trug, und wusste, dass seine Frage eigentlich überflüssig war. Harris hatte eine Kugel in den Rücken bekommen, und es stand außer Frage, dass er so schnell wie möglich ärztliche Betreuung brauchte.

„Es tut verdammt weh ...!“, hauchte Harris schwach. Er hing vornüber gebeugt auf seinem Pferd und keuchte.

„Was machen wir jetzt, George?“, rief Sam Field. Die letzten Reste seines Vollrausches vom vergangenen Tag waren verflogen und hatten nackter Furcht Platz gemacht. „Sag doch, was wir tun sollen! Man wird uns längst auf den Fersen sein!“

„Halt’s Maul!“

„George, ich weiß nicht, ob du dir darüber klar bist ...!“

„Halt’s Maul!“, schimpfte Malcolm noch einmal. „Wenn du dir gestern über einige Dinge besser im Klaren gewesen wärst, wenn du dich etwas besser unter Kontrolle gehabt, oder wenigstens nur in deinem Hotelzimmer für dich getrunken hättest, dann wäre das alles nicht passiert!“ Das war natürlich richtig, und Field wusste das ebenso gut wie Malcolm. Es blieb Field nichts anderes übrig, als seinen Ärger, seine Verzweiflung – und vor allem seine Angst – herunterzuschlucken.

„Wir dürfen jetzt auf keinen Fall den Kopf verlieren!“, mahnte Malcolm.

„Das wäre das Schlimmste, was wir tun könnten!“

„Dann sag doch verdammt noch mal, was wir tun sollen!“ Field fuhr sich mit der flachen Hand über das Gesicht. Alles war wie ein schlechter Traum.

Aber aus diesem Traum konnte es kein Erwachen geben. Es war alles Wirklichkeit ... Gestern noch hatte er sich wie ein König gefühlt, mit seinen Taschen voller Geld, heute schon fühlte er sich erbärmlicher denn je. Wie oft hatte er im Straßengraben gelegen, betrunken und nicht mehr fähig, sich auf den Beinen zu halten. Er hatte die üblen Späße ertragen müssen, die die Kinder mit ihm trieben, wenn er so hilflos dalag und vor sich hinlallte. Aber all das erschien ihm im Rückblick als Zuckerschlecken, wenn er an sein gegenwärtiges Befinden dachte.

Malcolm musterte Field kühl. Ihm war klar, was mit dem Gefährten los war.

„Nun mach mal halblang, Sam!“, sagte er ihm, wobei er sich den Hut in den Nacken schob. „Schließlich hat es Luke erwischt und nicht dich!“ Sam Field beruhigte sich ein wenig. Dann sagte er: „Wir schaffen es mit Luke nicht!“

„Du meinst, wir sollten ihn zurücklassen?“, fragte Malcolm, wobei er die Stirn runzelte. Er tat dies auf eine Art und Weise, die bewirkte, dass Field kaum zu nicken wagte.

„Ihr dürft mich nicht hierlassen!“, rief Harris, dessen Augen sich vor Schreck und Schmerz geweitet hatten. „Ihr dürft es nicht! Die hängen mich auf!“

Malcolm sagte nichts, und es schien Field, als würde er jetzt seinen Vorschlag ernsthaft in Erwägung ziehen.

„Ihr könnt das nicht tun!“, wimmerte Harris. „George!“ Doch Malcolms Gesichtsausdruck blieb regungslos. Er wandte sich an Field. „Ich habe dich auch nicht im Stich gelassen, Sam! Das alles ist doch nur passiert, weil wir dich befreit haben! Du kannst doch nicht ...“

„Du kennst dich hier in der Gegend besser aus als ich, Sam“, wandte George Malcolm sich an Field. „Gibt es hier in der Nähe eine Ranch, ein Haus, irgendetwas, wo man Luke erst einmal unterbringen könnte?“

„Ja, die Farm der McCoys. Das ist nicht weit!“

„Wie viele Menschen leben dort?“

„McCoy, seine Frau und ein Baby.“

Malcolm nickte. „Damit dürften wir fertigwerden können!“

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Mrs Liz McCoy schaute nach der Uhr.

Nicht mehr lange, und ihr Mann Jason würde aus der Stadt zurück sein.

Jason McCoy war am Morgen mit dem Wagen nach Three Little Rocks aufgebrochen, um Gemüse zu verkaufen, das sie auf ihrer kleinen Farm gezogen hatten.

Am frühen Abend würde er mit dem, was er in der Stadt eingekauft hatte, zurückkommen.

Mrs McCoy fand, dass es an der Zeit war, das Stew auf den gusseisernen Herd zu setzen. Es dauerte nicht lange, und in der engen Wohnstube verbreitete sich ein angenehmer Geruch.

Während Mrs McCoy in dem großen Topf das Stew umrührte, damit es nicht anbrannte, glitt ihr Blick zu der Wiege, die am Fenster stand.

Dort lag ihre kleine Tochter Liz, nach ihrer Mutter benannt. Die kleine Liz schlief friedlich, und ihre Mutter lächelte still vor sich hin.

Sie und Jason hatten ein gutes Leben, fand sie. Es war ein einfaches, aber ein gutes Leben. Die Farm ernährte sie und würde auch noch ein weiteres Kind ernähren können.

Sicher, sie hatten viel Arbeit, und Hilfskräfte konnten sie sich nicht leisten.

Aber sie hatten es geschafft, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Sie hatten nicht viel Land, aber auf dem, was sie besaßen, waren sie ihre eigenen Herren.

Pferdegetrappel riss Mrs McCoy aus ihren Gedanken.

Aber es waren Reiter und nicht ihr Mann Jason mit dem Wagen – das hörte sie sofort.

Besuch?, fragte sie sich. Wer mochte das sein?

Ihr erster Impuls wäre gewesen, zum Fenster zu laufen und nachzuschauen, aber dann wäre ihr das Stew angebrannt und so blieb sie vorerst am Herd.

Sie hörte Stimmen von Männern. Aber sie kannte keine dieser Stimmen, und so ließ sie das Stew schließlich doch im Stich, um die Winchester aus der Ecke zu holen.

Die Waffe war nicht geladen, also ging sie zum Schrank, um Patronen zu holen.

Sie hörte schwere Schritte.

Die Stimmen waren jetzt direkt vor der Tür.

Mit zitternden Händen fingerte sie die Patronen Stück für Stück in die Winchester. Als die Tür aufging und sie in die Mündung eines Revolvers blickte, war sie noch immer nicht damit fertig.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

„Fallenlassen!“

Ein kurzer, knapper Befehl, der keinen Zweifel daran ließ, dass der, der ihn ausgesprochen hatte, es sehr ernst meinte.

Mrs McCoy ließ die Winchester zu Boden fallen, eine Patrone, die sie noch in der Hand gehalten hatte, fiel mit hinunter.

„Was wollen Sie?“

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Gibt es hier noch einen anderen Raum?“, fragte Malcolm die völlig verängstigte Frau, nachdem er die Winchester vom Boden aufgehoben und an sich genommen hatte.

Die Frau sagte nichts, die Worte blieben ihr buchstäblich im Hals stecken.

Malcolm ging zur Tür, die ins Nebenzimmer führte.

Als er sie öffnete, sah er das Ehebett der McCoys und nickte.

Jetzt kam Sam Field mit dem verletzten Harris durch die Haustür. Mrs

McCoy nahm vor Entsetzen die Hand vor den geöffneten Mund, als sie das Blut sah.

„Du kannst ihn hierher bringen, Sam!“, sagte Malcolm. „Hier ist ein Bett.“ Harris stöhnte erbärmlich.

Er musste große Schmerzen haben.

Als Field ihn bis zum Bett gebracht hatte, fiel er wie ein Stein in die Kissen.

Field zog ihm daraufhin die Stiefel aus und packte auch seine Beine auf das Bett.

„Für’s erste braucht er wohl etwas Ruhe“, meinte Malcolm. Aber vielleicht hatte Harris schon bald sehr viel mehr Ruhe, als ihm lieb sein konnte. Es sah nicht gut für ihn aus.

Field kam zurück in die Wohnstube, wischte sich den Schweiß von der Stirn und seufzte. Malcolm schloss die Tür zum Nebenzimmer. Dann warf er einen Blick auf die Wiege. Das Baby war erwacht und schaute mit großen blauen Augen in die Welt, von der es noch so gut wie nichts wusste.

Malcolms Gesicht entspannte sich etwas, als das Baby ihn interessiert musterte.

„Wie heißt es?“, fragte er, ohne den Blick von der Wiege zu nehmen.

„Liz!“, beeilte sich die Frau zu antworten.

Für einen kurzen Augenblick schien es fast, als würde die Ahnung eines Lächelns Malcolms Mund umspielen. Dann blickte er aus dem Fenster.

Währenddessen flegelte sich Sam Field in einen Stuhl und fragte: „Haben Sie so etwas wie Whisky im Haus?“

„Geben Sie ihm nichts, Ma'am!“, sagte Malcolm unmissverständlich, noch bevor die Frau irgendeine Antwort geben konnte. „Er ist ein notorischer Trinker, und wir sind in einer Lage, in der sich keiner von uns eine benebelte Birne leisten kann.“ Er bedachte die Frau mit einem kühlen Blick, der nichts anderes als eine unterschwellige Drohung war. „Ich mache Sie dafür verantwortlich, dass ...“

„Machen Sie sich keine Sorgen!“, sagte die Frau. „Wir haben nichts im Haus.“

Malcolm nickte und meinte dann grinsend, an Field gewandt: „Mann, was haben wir da für ein Glück gehabt, was?“

Field verzog das Gesicht.

Er fand die Angelegenheit nicht so witzig.

Malcolm trat nun vom Fenster weg, hob die Patrone auf, die die Frau zusammen mit dem Gewehr zu Boden hatte fallenlassen und lud sie in die Winchester. Dann warf er die Waffe in Fields Richtung, der sie mit einiger Mühe auffing.

„Pass auf die Frau auf, Sam! Ich werde die Pferde in die Scheune bringen!“ Er wandte sich nochmal an die Frau. „Wo ist Ihr Mann?“

„In der Stadt!“

„Wann kommt er zurück?“

„Ich weiß nicht ...“

„Sie wissen es! Sagen Sie es mir!“

Ein verbrannter Geruch hatte sich indessen in der Wohnstube verbreitet.

Malcolms Blick fiel auf das angebrannte Stew auf dem Herd. „Sie haben Essen gemacht. Er wird also jeden Augenblick eintreffen!“, schloss er. Dann deutete er auf den Kochtopf. „Machen Sie das besser runter, Ma'am. Es riecht erbärmlich!“

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Ich habe Sie schon einmal gesehen!“, sagte die Frau zu Field, als Malcolm gegangen war.

„Ach ja?“ Field schien ziemlich desinteressiert.

„Ja. Ihren Namen weiß ich nicht, aber ich bin mir sicher, dass ich Sie schon einmal gesehen habe! Sie lagen am Straßenrand und waren völlig besoffen.“ Field zuckte mit den Schultern.

„Ich schätze, ńe Menge Leute haben mich schon so gesehen.“ Die Frau schickte sich nun an, das Stew vom Herd zu nehmen. Es war nicht mehr zu retten, das stand fest.

„Vor wem sind Sie auf der Flucht?“, fragte sie.

„Auf der Flucht?“

„Tun Sie nicht so, das sieht man auf den ersten Blick! Ist der Sheriff hinter Ihnen her?“

„Quatschen Sie nicht so viel, Ma'am.“

Das Baby fing an zu schreien.

Es hatte Hunger.

„Kümmern Sie sich um Ihr Kind und halten Sie verdammt noch mal den Mund!“, setzte Field noch hinzu.

Die Frau nahm das Kind an sich. Field starrte währenddessen auf den Bretterboden, und sie studierte seine Gesichtszüge. Und dann war ein guter Teil ihrer Angst erst einmal wie weggeblasen, denn sie sah, dass ihr Gegenüber sich in seiner Haut mindestens ebenso unwohl fühlte wie sie selbst. Eine halbe Stunde verging, ohne dass sich etwas Besonderes ereignete. Malcolm hatte die Pferde in der Scheune untergebracht, und die Frau hatte das Baby gestillt und gewickelt.

Anschließend hatte Malcolm sie angewiesen, dem verletzten Harris einen Verband zu machen.

„Er braucht einen Arzt“, sagte die Frau. „Wir können hier nicht viel machen.“

„Das weiß ich auch!“, erwiderte Malcolm kühl.

Wenig später – die Frau hatte inzwischen erneut Stew auf den Herd gesetzt

– waren die Geräusche eines Pferdewagens zu hören.

„Gehen Sie ans Fenster, Ma'am!“, befahl Malcolm, während er den Revolver zog und den Hahn spannte. „Ist das Ihr Mann?“ Die Frau schaute aus dem Fenster.

Natürlich war es Jason, wer sollte es um diese Zeit sonst sein? Sie schluckte.

„Tun Sie ihm nichts!“, sagte sie.

„Wenn er nicht versucht, uns etwas zu tun, tun wir ihm auch nichts! Ist er bewaffnet?“

Sie nickte.

„Er hat ein Gewehr bei sich.“

Sie wandte sich zu Malcolm um und fuhr fort: „Er ist es nicht gewohnt mit der Waffe umzugehen. Wir sind Farmer, keine Banditen ...“ Es war ihr so über die Lippen gerutscht, aber jetzt konnte sie die Worte nicht mehr zurückholen. Malcolm sah sie durchdringend an, und sie erschrak.

„Ist schon gut“, brummte er. Draußen stieg zur selben Zeit Jason McCoy vom Wagen. Sein Gewehr hatte er auf dem Bock gelassen. Woher sollte er auch ahnen, dass er es vielleicht brauchen könnte, wenn er die häusliche Türschwelle überschritt ...

Malcolm trat jetzt dicht neben die Frau.

„Gehen Sie hinaus und sagen Sie Ihrem Mann, was hier los ist.“ Er deutete zur Wiege, in der die kleine Liz inzwischen wieder friedlich schlief.

„Bedenken Sie, dass wir das Kind haben, Ma'am. Irgendwelche Tricks würde ich Ihnen also wirklich nicht empfehlen!“ Die Frau nickte schluckend.

Dann ging sie wortlos zur Tür und lief Jason McCoy entgegen.

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Ed Norman vereidigte die Freiwilligen, die sich zum Suchtrupp gemeldet hatten, im Schnellverfahren zu Deputies und heftete jedem von ihnen einen Blechstern an die Brust. In Matthews’ Augen wurde durch diese Prozedur nur wertvolle Zeit verloren, aber Ed Norman war ein Mann, der stolz darauf war, für sich in Anspruch nehmen zu können, sich stets an die Buchstaben der Gesetze gehalten zu haben. Nachdem die Männer sich bewaffnet und mit Munition versehen hatten, brachen sie auf.

„Wie schwer, glaubst du, hast du einen von ihnen erwischt, John?“, fragte Norman, während sie der Spur der Banditen folgten.

„Keine Ahnung!“, brummte Matthews unwirsch und vielleicht sogar etwas unfreundlicher, als er es beabsichtigt hatte.

„Ich habe geschossen, sie haben geschossen, und dann hat einer von ihnen geschrien.“

Matthews dachte über die Aufgabe nach, die vor ihnen lag.

Bei einem der Gangster – Sam Field – wussten sie inzwischen, um wen es sich handelte. Das war ein unschätzbarer Vorteil. Aber Fields Komplizen waren sehr wahrscheinlich von anderem Format.

Schließlich hatten sie ihren Gefährten aus dem Gefängnis befreit und waren kaltblütig genug gewesen, Deputy Jenkins einfach abzuknallen.

Jenkins war ein schneller und guter Schütze gewesen, das wusste Matthews.

Aber es hatte ihm nichts genützt. Über die zunehmend flacher werdenden Hügel verfolgten sie die Spuren bis zu einem kleinen Waldgebiet.

Anschließend gelangten sie auf flaches Grasland, aber sie hatten Pech: Irgendeiner der Rancher aus der Umgebung hatte seine Rinder hierher getrieben, so dass man aus der Unmenge an Hufspuren, sowohl von Rindern wie auch von den Pferden der Cowboys, die der flüchtigen Gangster unmöglich herauslesen konnte.

„Keine Spuren?“, ereiferte sich Brooks, einer der vereidigten Bürger aus Three Little Rocks. Sein eigentlicher Beruf war der eines Kirchendieners, und die Winchester, die er bei sich hatte, stammte aus den Beständen von Sheriff Norman. „Verdammt noch mal, Matthews, ich dachte, Sie sind in der Gegend bekannt für Ihre Fähigkeiten, was das Spurenlesen angeht! Und Sie finden nichts?“

„So ist es!“

Sie zügelten die Pferde, Matthews stieg aus dem Sattel und fühlte mit der Hand über den Boden. „Es ist aussichtslos“, sagte er. „Genauso gut könnten Sie versuchen, auf einem Feld eine Spur zu finden, das gerade umgepflügt wurde.“

„Und nun sollen diese Banditen so davonkommen?“, rief Brooks erbost.

„Die haben den Deputy erschossen! Ich habe Jenkins gut gekannt, wir haben oft zusammen bei Buddy Silverman Karten gespielt!“ Er schüttelte den Kopf. „Das sollen sie nicht ungestraft getan haben!“

„Wir müssen überlegen“, sagte Matthews, mehr zu sich selbst als zu den anderen. Und so nahm er kaum wahr, wie Brooks sich erneut ereiferte: „Pah! Überlegen wir, bis sie über alle Berge sind!“

„Wir müssen versuchen, uns in die Lage dieser Männer hineinzuversetzen“, meinte Matthews, ohne auf die Aufgeregtheit des Kirchendieners einzugehen. Er wandte sich an Norman. „Was würdest du tun, Ed? Stell dir vor, du wärst auf der Flucht und hättest einen Verletzten bei dir.“

„Das hinge davon ab, wie schwer verletzt.“

Matthews nickte.

„Unser Mann hat einiges an Blut verloren. Wir haben die Spuren unterwegs gefunden. Es kann also keine Kleinigkeit sein, die er abgekriegt hat.“

„Ich würde mich schleunigst nach einem Unterschlupf umsehen!“, meinte Ed Norman. „Ein Haus, eine Farm, irgendetwas, wo man einen Verletzten erst einmal versorgen könnte ...“

„Ja“, sagte Matthews. „Sie sind bis hierher geritten, das steht fest. Den Wald haben sie noch durchquert. Wo gibt es hier in der Nähe eine Möglichkeit unterzutauchen?“

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Jason McCoy musterte die Eindringlinge abschätzig, aber letztlich doch mit erstaunlicher Ruhe, als er zusammen mit seiner Frau die Wohnstube betreten hatte.

„Man kann sich seine Gesellschaft nicht immer selbst aussuchen“, sagte George Malcolm dazu. „Das gilt sowohl für Sie und Ihre Familie, wie auch für uns. Machen wir also das Beste draus.“ Seine Augen zogen sich etwas zusammen. „Sie verstehen doch, was ich meine, oder?“

„Ich denke schon“, sagte der Farmer. McCoy machte einen matten, niedergeschlagenen Eindruck.

Malcolm wandte sich an Field. „Du holst das Gewehr vom Wagen und bringst es her!“ Und wieder an McCoy: „Sie werden anschließend Ihre Einkäufe ins Haus bringen und sich um die Pferde kümmern. Ich denke, ich muss nicht noch besonders darauf hinweisen, dass Ihre Frau und Ihr Baby sich hier bei uns im Haus befinden.“

Als Field hinausging, um McCoys Gewehr vom Wagen zu holen, drang ein Stöhnen aus dem Nebenzimmer.

Harris war offensichtlich erwacht.

„Na, los! Schauen Sie nach, was mit ihm ist!“, wies Malcolm die Frau an.

Sie gehorchte stumm.

Field kam indessen mit dem Gewehr, und Mr McCoy ging hinaus, um den Wagen zu entladen.

„Behalt ihn im Auge!“, raunte Malcolm Field zu und folgte dann der Frau ins Nebenzimmer. Sie war gerade damit beschäftigt, Harris etwas Wasser einzuflößen.

„Er hat Fieber. Wenn Sie wollen, dass Ihr Freund eine Chance hat, dann sorgen Sie dafür, dass er einen Arzt bekommt.“ Malcolm wusste, dass die Frau recht hatte.

„Wer ist der nächste Arzt hier in der Gegend?“, fragte er.

„Dr. Andrews. Er wohnt in Three Little Rocks.“ Malcolm war der Frau bisher kühl und überlegen erschienen. Er hatte stets den Anschein erweckt, als sei er Herr der Lage. Aber jetzt, mit seinem nach innen gekehrten Blick, glaubte sie Anzeichen von Unsicherheit zu erkennen.

Er zermarterte sich das Gehirn, überlegte sie. Aber er hatte offenbar keine Lösung parat.

Wenn sie noch lange damit warten, einen Arzt zu holen, dann löst sich das Problem dieser Männer von selbst!, kam es ihr in den Sinn. Der Verletzte war jetzt schon mehr tot als lebendig.

Vielleicht ziehen sie davon, wenn er stirbt!, dachte sie und erschrak dann vor der Unbarmherzigkeit ihrer eigenen Gedanken. Wenn sie ehrlich war, dann wünschte ein Teil von ihr diesem Mann, der dort hilflos und schweißgebadet auf ihrem Bett lag, den Tod.

Mochte das Verderben diesen Mann treffen und dafür an ihrer Familie vorübergehen!

„Lassen Sie Ihren Komplizen zurück!“, sagte die Frau plötzlich, und dabei war sie von der Festigkeit ihrer Stimme überrascht.

Malcolm blickte auf und kniff die Augen zusammen.

„Sie wollen uns loswerden, Ma'am?“

„Wundert Sie das?“

Malcolm lachte freudlos.

„Nein, natürlich nicht.“

Sie trat nahe an Malcolm heran und sprach jetzt merklich leiser. „Sie sollten sich die Sache wirklich überlegen, Mister! Sie wissen so gut wie ich, dass so gut wie keine Aussicht besteht, diesen Mann in nächster Zeit so fit zu bekommen, dass er mit Ihnen flüchten kann.“

„Abwarten“, brummte Malcolm.

„Lassen Sie ihn hier! Wenn Sie warten, bis er stirbt, nützen Sie damit weder ihm noch sich selbst. Sie verschenken nur wertvolle Zeit.“

„Wir werden sehen.“

Mrs McCoy zuckte mit den Schultern.

„Jeder gräbt sich selbst sein Grab, Mister! Denken Sie darüber nach!“

„Sie auch!“, gab Malcolm eisig zurück. Die Frau zuckte zusammen, raffte dann ihr Kleid zusammen und ging wieder in die Wohnstube. Malcolm warf noch einen Blick auf den erbarmungswürdigen Harris und folgte ihr dann.

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Sie sind die Leute, die gestern Morgen die Bank von Rawlins ausgeraubt haben, nicht wahr?“, meinte Jason McCoy kauend.

Seine Frau hatte ihm und den ungebetenen Gästen jedem einen Teller mit Stew aufgefüllt. Sie selbst aß auch, aber sie merkte bald, dass sie kaum Appetit hatte. Lustlos stocherte sie im Essen herum, während ihr Mann fortfuhr: „Sie haben in Three Little Rocks den Deputy umgebracht, stimmt’s?“ Es war im Grund keine Frage, es war eine Feststellung, die Jason McCoy getroffen hatte. „Die Leute haben in der Stadt von nichts anderem geredet!“

„Es kann Ihnen egal sein, wer wir sind!“, gab Sam Field zornig zurück. „Es kann ihnen egal sein, haben Sie gehört, Mister?“ Obwohl er gar nichts getrunken hatte, war Fields Gesicht in diesem Augenblick puterrot angelaufen und seine Augen quollen hervor.

„Beherrsch dich, Sam!“, befahl Malcolm – ziemlich leise und sehr ruhig.

„Dieser Gentleman hier heißt Sam, ja?“, überlegte McCoy laut. Er musterte Field eingehend.

„Er ist ein Säufer“, meinte seine Frau. „Dir kommt das Gesicht wahrscheinlich auch bekannt vor. Vermutlich hast du ihn ebenfalls an irgendeinem Straßenrand liegen sehen ...“

„Ein Säufer, der Sam heißt ...“, murmelte Jason McCoy, und plötzlich blitzte es in seinen Augen. „Sie heißen Sam Field und haben früher einmal für Jake Saunders gearbeitet, nicht wahr?“

Field sagte nichts. Statt dessen warf er den Löffel wütend in das Stew in seinem Teller, so dass es spritzte.

„Ich erinnere mich jetzt an Sie“, fuhr McCoy fort. „Ich habe nämlich ebenfalls für Saunders gearbeitet, bevor ich mich selbstständig gemacht habe!“

Field war wie ein Kessel, auf dem heißes Wasser aufgesetzt worden war und den man anschließend sich selbst überließ. Es war nur eine Frage der Zeit, wann er überkochen würde. Und dieser kritische Moment war jetzt gekommen. Mit der Linken fegte er den Teller mit Stew vom Tisch, so dass er zu Boden polterte und sein Inhalt sich über die Bretter verteilte. Dann stand er auf, langte über den Tisch und packte Jason McCoy am Kragen.

„Ein Wort noch ...“, presste er heraus. Seine Stimme war dünn und zitterte, und sei Griff war nicht besonders fest, das bemerkte McCoy sofort.

„Da kommen Reiter!“, durchschnitt plötzlich Malcolms Stimme die gefährlich aufgeladene Luft in der engen Wohnstube. Plötzlich waren alle still, und Field ließ von McCoy ab. Statt dessen glitt seine Hand zum Revolver, den er etwas in seinem Holster lockerte.

Vielleicht wurde es jetzt ernst.

Tödlich ernst.

Alle im Raum hörten das Geräusch. Malcolm stand am Fenster, er hielt den Revolver in der Hand. Es war nichts zu sehen, die Reiter kamen wohl von der anderen Seite auf die Farm der McCoys zu, von der Seite vielleicht, an der der Herd stand. Aber dort war kein Fenster.

„Ins Nebenzimmer!“, befahl Malcolm der Frau und spannte den Hahn seiner Waffe. Mrs McCoy schluckte. „Nehmen Sie das Baby an sich, Ma'am!

Schnell!“

Sie nahm das Baby aus der Wiege, Malcolm gab Field ein Zeichen, und dann gingen sie in Richtung Nebenzimmer.

„Was haben Sie vor?“, fragte McCoy, dessen Züge jetzt sichtlich angespannt waren.

„Es hängt jetzt alles von Ihnen ab, Mister!“, erklärte George Malcolm so sachlich, wie das in einer Situation wie dieser möglich war. „Wenn gleich jemand an Ihre Tür klopft, dann machen Sie auf. Aber wer immer es auch sei: Wimmeln Sie ihn ab!“ Er deutete auf die Frau mit dem Kind. „Das Wohl Ihrer Familie hängt davon ab. Wir haben uns verstanden, ja?“

„Ja.“

„Kein falsches Wort, wenn Ihnen was an Ihrer Frau und an dem Baby liegt!“

„Ich habe verstanden!“

„Gut!“

Alle bis auf Jason McCoy verschwanden daraufhin im Nebenzimmer.

Malcolm schloss von innen die Tür, blieb aber dicht dahinter stehen, um besser mithören zu können, was in der Wohnstube gesprochen werden würde.

„Zieh deine Waffe und halte sie schussbereit!“, sagte er an Fields Adresse.

„Möglicherweise geht gleich alles sehr schnell!“ Es klopfte.

„Wer ist dort?“, fragte Jason McCoy. Seine Stimme klang einigermaßen sicher und überzeugend.

„Sheriff Norman!“, kam es von der anderen Seite der Haustür.

„Dann ist alles in Ordnung! Warten Sie, Sheriff, ich mache Ihnen die Tür auf!“

McCoy öffnete und Ed Norman trat ein. Die beiden Männer begrüßten sich mit einem herzlichen Händedruck.

„Alles in Ordnung bei Ihnen, McCoy?“

Der Farmer nickte schwach. „Klar doch, Sheriff. Alles in Ordnung!“

„Wo ist Ihre Frau?“

„Drüben, im Nebenzimmer.“ McCoy schluckte. „Mit dem Baby, verstehen Sie? Sie hat ńe Menge zu tun mit der kleinen Liz, sag ich Ihnen.“ Norman runzelte die Stirn. Kaum merklich zwar, aber doch deutlich genug, um McCoy zu beunruhigen. Der Sheriff durfte auf keinen Fall Verdacht schöpfen!

Ruhig!, dachte McCoy verzweifelt. Nur ruhig bleiben!

Um die Furcht etwas einzudämmen, fuhr er dann – scheinbar gut gelaunt und zufrieden – fort: „Wollen Sie nicht hereinkommen, Sheriff? Meine Frau hat Stew gemacht ...“

Und dann sah McCoy die Teller! Keiner – auch keiner von den Banditen – hatte daran gedacht, die Teller wegzuräumen!

Es sind zuviele Teller!, durchzuckte es McCoy.

Schweiß trat ihm urplötzlich auf die Stirn, und er wischte ihn hastig mit dem Ärmel seines Hemdes weg.

Aber der Sheriff achtete nicht auf das Stew und nicht auf die Teller. Er hatte ganz andere Sorgen.

„Hören Sie, McCoy ...“, setzte er an. Da fing im Nebenzimmer das Baby an zu schreien. Ed Norman lächelte matt. „Ja, so ein Baby macht bestimmt ńe Menge Arbeit – und Krach!“, sagte er dann, obwohl er etwas ganz anderes hatte loswerden wollen. „Es freut mich, dass bei Ihnen alles offensichtlich in bester Ordnung ist, denn ehrlich gesagt: Wir hatten uns schon Ihretwegen Sorgen gemacht.“

„Unseretwegen?“

„Ja. Ich bin mit einem Suchtrupp hier. Wir suchen die drei Männer, die heute Mittag den Deputy umgelegt haben.“

„Ich war heute in der Stadt“, warf McCoy ein. „Man redet dort von nichts anderem!“

„Sie können nicht weit sein“, fuhr Norman fort. „Einer von ihnen ist schwer verletzt. Sie werden sich also einen Unterschlupf suchen müssen.“ Er wandte sich zum Gehen. „Halten Sie also die Augen offen, McCoy!“

„Mach ich.“

„Und passen Sie auf sich und Ihre Familie auf!“ Norman verließ das Haus wieder.

„Bei den McCoys ist alles in Ordnung!“, rief er den Männern des Suchtrupps zu. „Lasst uns jetzt zu den Simpsons reiten!“ Jason McCoy schloss die Tür und hörte, wie der Suchtrupp davonritt.

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Das erste, was Jason McCoy empfand, war Erleichterung.

Dann sah er die beiden Winchester-Gewehre, jenes, das er auf dem Wagen gehabt hatte und jenes, das üblicherweise zu Hause in der Ecke neben dem Schrank stand und das seine Frau nicht mehr schnell genug hatte laden können, um sich gegen die Eindringlinge zur Wehr zu setzen.

Die beiden Waffen standen neben dem Stuhl, auf dem Sam Field gesessen hatte, angelehnt an der Wand.

In der Eile hatten die Banditen sie einfach dort stehenlassen!

Ein Schritt, dachte McCoy, und ich habe eins von den Dingern in den Händen.

McCoy zögerte. Er dachte an seine Frau, an sein Baby.

Dann trat Malcolm mit gezogenem Revolver aus dem Nebenzimmer.

„Sie haben Ihre Sache gut gemacht!“, meinte er.

McCoy schlug das Herz bis zum Hals. Jetzt traten auch seine Frau mit dem Baby und Sam Field wieder in die Wohnstube. Die kleine Liz wurde wieder in die Wiege gelegt. Malcolm steckte den Revolver ins Holster.

„Ich denke, Sie haben den Sheriff überzeugt!“, meinte er mit entspanntem Gesicht. Dann ging er an McCoy vorbei zu den Gewehren und nahm sie an sich. Eine Winchester warf er Field zu und wechselte anschließend mit Jason McCoy einen vielsagenden Blick.

„Ihre Frau sagt, der nächste Arzt hieße Andrews.“

„Ja, das stimmt. Er wohnt in Three Little Rocks.“

„Nehmen Sie eines Ihrer Pferde und holen Sie ihn!“

„Was ... was soll ich ihm denn sagen?“

„Erzählen Sie irgendetwas. Ihnen fällt schon was ein!“

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Die Dämmerung war über das Land hereingebrochen, als Jason McCoy eins von seinen Pferden sattelte. Malcolm stand dabei, eine Winchester lässig auf die Hüfte gestützt.

„Sehen Sie zu, dass Sie schnell zurück sind“, brummte er.

„Wie alt ist dieser Dr. Andrews?“

„Um die fünfzig“, gab McCoy zur Antwort.

„Ein guter Reiter?“

„Gut genug. In seinem Beruf muss er sicher öfter mal schnell irgendwo sein.“

„Kann er was?“

„Selbst wenn er nichts könnte: Sie hätten keine andere Wahl, denn seit der alte Boxner verstorben ist, ist Andrews der einzige Arzt in Three Little Rocks ...“

McCoy stieg in den Sattel. „Ist sonst noch was?“

„Nein. Machen Sie Ihre Sache gut.“

„Ich liebe meine Familie.“

„Wenn ich das nicht wüsste, würde ich Sie nicht losschicken.“ McCoy gab dem Pferd die Sporen und preschte davon.

Gegen Abend, wenn die Sonne im Begriff war, hinter dem Horizont zu verschwinden, konnte es empfindlich kalt werden, und McCoy hatte vergessen, sich eine Jacke überzuziehen. Aber er spürte die Kälte nicht.

seine Gedanken waren bei seiner Frau und der kleinen Liz. Nur für sie ritt er jetzt durch die Dämmerung nach Three Little Rocks, um einem Verbrecher einen Arzt zu holen, dem – wenn die Justiz seiner habhaft würde – der Galgen sicher war.

McCoy hatte Deputy Jenkins gekannt. Zu behaupten, dass sie enge Freunde gewesen waren, wäre übertrieben gewesen, aber sie hatten sich ganz gut verstanden, ab und zu in Buddy Silvermans Saloon einen Drink zusammen genommen und eine Partie Billard gespielt.

Und doch: Obwohl ihre Beziehung nur verhältnismäßig flüchtig gewesen war, empfand McCoy es als ausgesprochen unangenehm, Jenkins’ Mördern helfen zu müssen.

Aber er hatte keine andere Wahl, das wusste er. Innerlich ballte er die Faust, aber er war besonnen genug, um einzusehen, dass er nichts tun konnte, als alles zu tun, was die Banditen verlangten ...

Ruhig Blut!, sagte er sich, als er die Gefühle in sich aufwallen spürte. Es würde vielleicht eine Gelegenheit kommen, diese Männer kaltzustellen oder zumindest loszuwerden. Aber er musste geduldig abwarten können, und das war schwer. Er durfte seinen Gefühlen auf keinen Fall nachgeben, wenn er nicht wollte, dass die ganze Angelegenheit in einer unbeschreiblichen Tragödie endete.

McCoy trieb das Pferd noch mehr an, obwohl er im Grunde wusste, dass es alles gab, was es zu geben hatte.

Wie oft war er diesen Weg geritten! Er kannte ihn – ebenso wie sein Pferd – fast blind.

Warum haben diese Leute sich meine Farm ausgesucht?, dachte McCoy verzweifelt. Warum nicht eine andere?

Er versuchte, diese Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen. Sie führten zu nichts, das wusste er.

Indessen erreichte er in scharfem Galopp das kleine Waldstück. Die Dämmerung war inzwischen weiter fortgeschritten und legte den Wald in ein gespenstisches, geradezu unheimliches Licht.

Das Pferd scheute etwas, doch McCoy trieb es unbarmherzig vorwärts.

Unter diesem Dach aus Laub und Ästen war es ziemlich dunkel, McCoy konnte kaum noch etwas erkennen, und dem Pferd schien es ähnlich zu gehen.

Ein dünner Ast peitschte ihm schmerzhaft durch das Gesicht. Er fluchte, aber es gab keine andere Möglichkeit, das wusste er. Den Wald zu umreiten bedeutete einen Umweg. Er musste also hindurch.

Ein weiterer Ast, den er in der Finsternis nicht schnell genug kommen sah, fegte ihm den Hut vom Kopf, aber er achtete nicht darauf.

Endlich kam das Ende des Wäldchens, und McCoy atmete auf. Es war jetzt wieder mehr zu sehen. Hinter den Hügeln lag Three Little Rocks.

Unbarmherzig trieb er das Pferd die Hügel hinauf. Dem Tier stand unterdessen bereits Schaum vor dem Maul. McCoy achtete nicht darauf. Es gab jetzt nur eine Sache, auf die es ankam, sonst nichts.

In der Ferne waren jetzt Lichter zu erkennen, die Lichter der näherrückenden Stadt. Bald darauf tauchten auch die schattenhaften Umrisse von Häusern auf. Inzwischen war die Sonne endgültig hinter dem Horizont verschwunden und hatte dem Mond Platz gemacht, der jetzt das Land in sein fahles Licht tauchte.

Es war Vollmond und darüber hinaus eine sternklare Nacht.

Das war gut so, fand McCoy. Es würde ihm den Rückweg mit Dr. Andrews erheblich erleichtern.

Als er Three Little Rocks erreichte, zügelte er sein Pferd. Sein wahnwitziges Tempo konnte er in den engen Straßen der Stadt keineswegs beibehalten, denn es bestand immer die Gefahr, dass er plötzlich auf ein unbeleuchtetes Gespann traf, das unverhofft aus einer Seitengasse kam. Um diese Zeit war auf den Straßen von Three Little Rocks noch eine ganze Menge los ...

Hoffentlich ist der Doktor zu Hause!, überlegte McCoy. Es war unzweifelhaft besser, wenn er ihn allein sprechen konnte als beispielsweise im Saloon, wo die halbe Stadt zuhören konnte und vielleicht Verdacht schöpfte.

Ich muss perfekt sein!, wusste er. Ein Versagen konnte er sich nicht leisten, es ging um zu viel.

McCoy lenkte sein Pferd in eine namenlose Nebenstraße, an der das Haus des Doktors lag.

Als er vor Andrews’ Haus aus dem Sattel stieg, dachte er an jenen Abend, als er das letzte Mal hier gewesen war, auch völlig außer Atem, auch ohne Jacke und innerlich sehr aufgewühlt.

An jenem Tag hatte er Dr. Andrews aufgesucht, weil bei seiner Frau die Wehen eingesetzt hatten.

Im Haus des Doktors brannte Licht.

Es ist also jemand zu Hause, schloss McCoy.

Er klopfte.

„Doc! Machen Sie auf, Doc!“

Zunächst rührte sich nichts und so klopfte McCoy noch einmal.

„Aufmachen, Doc!“

Jetzt hörte er Schritte, die Tür ging auf und Mrs Andrews stand ihm gegenüber.

„Guten Tag, Mr McCoy.“

„Ma'am, ist Ihr Mann zu Hause?“

„Nein, er ...“

„Wo ist er? Schnell! Es geht vielleicht um Leben und Tod!“ Und bei sich dachte McCoy: Das ist noch nicht einmal gelogen!

„Er ist auf ein Bier zu Buddy Silverman!“

Verdammt!, dachte McCoy. Wortlos wandte er sich um und schwang sich wieder auf sein Pferd. „Ich danke Ihnen!“, rief er noch und hetzte davon.

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Als Jason McCoy die Schwingtüren von Buddy Silverman’s Saloon passiert hatte, sah er den Doktor mit einem Glas Bier an der Theke sitzen und sich mit einigen Männern aus der Stadt unterhalten.

McCoy ging geradewegs auf Dr. Andrews zu, packte ihn bei der Schulter und sagte: „Doc, ich muss Sie dringend sprechen!“ Dr. Andrews erschrak, als er sich zu McCoy umdrehte.

„Mann, was ist mit Ihnen los, Sie sind ja ganz bleich!“

„Kommen Sie mit, Doc!“

„Was ist passiert, McCoy?“

Der Farmer überlegte. Was sollte er dem Doktor sagen, um ihn dazu zu bewegen, mit ihm zu reiten? Er spürte die neugierigen Blicke der anderen Männer auf sich gerichtet.

Auf einmal war sein Kopf wie leergeblasen, kein geordneter Gedanke wollte sich dort bilden.

„Nun sagen Sie schon, McCoy! Was ist los mit Ihnen?“

„Mit mir?“ McCoy atmete schwer und schüttelte den Kopf. „Mit mir ist nichts los. Aber mit meiner Frau. Sie ist gestürzt! Sie müssen mit mir rauskommen!“

Dr. Andrews runzelte die Stirn.

„Schnell, Doc! Wir müssen sofort aufbrechen, oder es kann zu spät sein!“

„Sie ist gestürzt, sagen Sie?“

„Ja, kommen Sie!“

„Hat sie sich etwas gebrochen?“

„Ich fürchte, ja, aber ich weiß es nicht!“

„Soll vielleicht jemand von uns mitkommen?“, fragte Randolphs, einer der Männer, die mit Dr. Andrews an der Theke standen. „Zum Tragen vielleicht. Es ist nicht so einfach, eine Verletzte zu ...“

„Nein, danke. Ich schaffe das mit dem Doktor schon!“

„Ich mach das gerne, McCoy“, sagte Randolphs. „Es ist selbstverständlich, dass ...“

Oh, mein Gott!, dachte McCoy. Das hat mir gerade noch gefehlt!

„Ich brauche Ihre Hilfe nicht, Randolphs!“, brummte er dann, viel schroffer, als angemessen gewesen wäre.

Randolphs zuckte mit den Schultern.

„War nur ein Angebot.“

„Okay, okay!“, gab McCoy zurück. Und dann, an Dr. Andrews gewandt: „Kommen Sie jetzt endlich, Doc, oder es ist zu spät!“

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Ich hoffe, Ihr Mann versucht keine Tricks“, meinte George Malcolm, während er am Fenster stand und hinaus in die Dunkelheit starrte.

„Das wird er nicht“, erwiderte die Frau voller Überzeugung.

„Das hoffe ich für Sie, Ma'am!“

Sam Field hatte sich unterdessen eine Decke genommen und sich auf dem Fußboden etwas schlafen gelegt.

Die Frau wusste, dass ihr Mann eigentlich schon längst zurück sein musste.

Und Malcolm war das ebenfalls klar.

„Es kann alles Mögliche passiert sein“, meinte die Frau zu Malcolm, der zunehmend – ganz gegen seine eigentliche Art – unruhiger wurde.

„Vielleicht war Dr. Andrews nicht zu Hause und Jason musste ihm irgendwohin nachreiten ...“

„Sollte sich herausstellen, dass er irgendwem auch nur ein Sterbenswörtchen davon gesagt hat, was hier los ist, dann ...“ Malcolm nahm den Hut vom Kopf und fuhr sich durch die Haare.

Kühlen Kopf bewahren!, beschwor er sich selbst. Er hatte es anderen so oft gepredigt, aber jetzt musste er um seinen eigenen Verstand fürchten.

„Unser aller Nerven sind bis zum Zerreißen gespannt“, murmelte er schließlich, wobei er sich den Hut wieder aufsetzte.

Die Frau nickte.

„Sie haben recht.“

Malcolm atmete ganz tief durch und ging ein paar Schritte hin und her.

„Haben Sie über das nachgedacht, was ich Ihnen gesagt habe?“, fragte die Frau dann nach einer Weile.

„Sie meinen, dass wir ihn zurücklassen sollten ...“

„Ja.“

„Ich habe darüber nachgedacht.“

„Und?“

„Warten wir zunächst ab, was der Doktor sagt.“

„Ist es nicht genug, dass einer stirbt? Ihrem Freund können Sie nicht mehr helfen, aber sich selbst können Sie noch vor dem Galgen retten. Oder sind Sie scharf darauf, zu baumeln? Man könnte fast auf die Idee kommen, wenn ...“

„Schweigen Sie!“, donnerte Malcolm. „Ich möchte nichts mehr davon hören! Ihre Vorschläge können Sie sich sparen!“ Das Baby wachte auf, und auch Field drehte sich unruhig herum.

Sie ist geschickt, dachte Malcolm. Sie weiß genau, an welcher Stelle sie bei einem Menschen ansetzen muss, damit er schließlich das tut, was sie will!

Die Frau nahm das Baby auf den Arm und wiegte es etwas hin und her, damit es sich wieder beruhigte.

Zäh ist sie auch!, kam es Malcolm in den Sinn. Sie versucht es immer wieder; sie gibt nicht auf!

Dann waren Reiter zu hören!

„Ich hoffe, das ist Ihr Mann mit dem Doktor und nicht irgendjemand, den er uns auf den Hals gehetzt hat!“

„Er wird es sein!“, sagte die Frau, und dabei legte sie die kleine Liz wieder in die Wiege.

Malcolm lud die Winchester durch.

Stimmen waren zu hören. Eine davon gehörte zweifellos McCoy.

Und Schritte.

Die Tür ging auf, und McCoy trat zusammen mit Dr. Andrews in die Wohnstube.

„Mrs McCoy!“, rief Andrews aus, als er die Frau des Farmers wohlauf neben der Wiege ihres Kindes stehen sah. „Ihr Mann hat mir gesagt, Sie wären gestürzt!“

Malcolm richtete den Lauf der Winchester auf den Doktor und trat etwas näher an ihn heran.

„Was ist hier los? McCoy, was wird hier gespielt?“

„Stellen Sie keine Fragen!“, wies Malcolm ihn an. „Kommen Sie mit, Sie haben einen Patienten.“

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Ein Schuss donnerte und dann gleich noch einer, aber niemand wurde getroffen.

„Hey, Simpson! Sind Sie verrückt? Ich bin es, der Sheriff!“, rief Ed Norman.

„Der Sheriff?“

„Ja! Hören Sie auf, herumzuballern!“

Die Männer zügelten ihre Pferde, einige zogen ihre Waffen.

Dann ging eine Tür auf, und der alte Simpson trat, mit einem doppelläufigen Gewehr in den Händen, nach draußen. Als er Ed Norman erblickte, entspannten sich seine Gesichtszüge.

„Sie sind es ja tatsächlich, Sheriff!“ Simpson senkte die Büchse.

„Entschuldigen Sie, aber um diese Zeit treibt sich ńe Menge Gesindel in der Gegend herum, da muss man auf der Hut sein!“ Ed Norman winkte ab.

„Schon gut, ist ja nichts passiert!“

„Täte mir sehr leid, Sheriff! Sie sind mit einem Suchtrupp unterwegs?“ Er spuckte aus und wischte sich anschließend mit dem Ärmel den weiß-grauen Bart ab. „Wem sind Sie denn auf den Fersen?“

„Wir suchen drei Männer, die heute Mittag Deputy Jenkins umgebracht haben. Einer von ihnen hat eine Schusswunde!“

„Tut mir leid! Hier ist niemand vorbeigekommen!“ Simpson hob die Doppelläufige. „Würde ihm auch schlecht bekommen, denke ich!“

„Seltsam!“, überlegte John Matthews laut. „Sie scheinen wie vom Erdboden verschluckt!“

„Nimm’s nicht so tragisch, John“, meinte Ed Norman. „Deine Vermutung, dass die Banditen irgendwo versucht haben unterzukriechen, war offensichtlich falsch.“

„Nein, das glaube ich nicht“, erwiderte Matthews schnell. Es durfte einfach nicht sein! er war so nahe an ihnen dran gewesen, und jetzt sollte die hereinbrechende Nacht sie verschluckt haben? Alles in Matthews sträubte sich gegen diesen Gedanken.

„John! Wir haben in der näheren Umgebung sämtliche Orte abgegrast, an denen sie sich versteckt halten könnten! Wir waren auf der Douglas-Farm, bei den McCoys und jetzt bei den Simpsons. Vielleicht hast du doch nicht so gut getroffen, wie du insgeheim glaubst! Vielleicht sind sie einfach weitergeritten!“

„Waren Sie auch in McIntyres altem Haus, das jetzt leer steht?“ Simpson spuckte erneut aus, das war eine schlechte Angewohnheit von ihm. „Wenn Sie mich fragen, dann ist das ein idealer Platz, wenn man sich vor irgendjemandem verstecken will!“

„Wir waren dort!“, berichtete Norman. „Nichts! Nur auf der Harper-Ranch waren wir noch nicht.“

„Harper beschäftigt ein gutes Dutzend Cowboys, die er in seinen Baracken beherbergt!“, warf Simpson ein. „Wenn ich auf der Flucht wäre, würde ich mich nicht gerade dorthin wenden!“

Norman nickte.

„Das haben wir uns auch gedacht.“

„Wir sollten trotzdem noch hinreiten“, meinte John Matthews.

„Glaubst du, drei Männer – einer davon verletzt – könnten es mit Harpers Cowboys aufnehmen?“ Norman schüttelte energisch den Kopf.

„Ein Teil der Cowboys wird die Saloons von Three Little Rocks bevölkern“, wandte Matthews ein. „Wir sollten sichergehen.“

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Malcolm hatte Field geweckt und angewiesen, auf die McCoys aufzupassen.

Dann war er mit dem Doktor ins Nebenzimmer gegangen.

„Ihre Aufgabe ist es, diesen Mann soweit zusammenzuflicken, dass er mit uns fliehen kann!“

Dr. Andrews sagte nichts dazu, sondern untersuchte Harris, dem der Schweiß auf der Stirn stand. Er hatte wahrscheinlich hohes Fieber und war zu matt, um wirklich wahrnehmen zu können, was um ihn herum geschah.

Malcolm lief unruhig hin und her und hantierte nervös mit der Winchester herum.

„Bitte!“, sagte Dr. Andrews. „Ich kann bei dieser Unruhe nicht arbeiten!“ Malcolm wusste, dass der Doktor recht hatte. Ungeduldig sah er Andrews bei seinen Prozeduren zu.

„Ich kann ihm nicht helfen!“, erklärte Andrews. „Sie haben mich zu spät kommen lassen. Dieser Mann stirbt!“

Malcolms Züge versteinerten. Er fuhr sich mit der Linken über das Gesicht und schob sich den Hut in den Nacken, während er die Rechte am Abzug der Winchester ließ.

„Rufen Sie den Pfarrer, wenn Sie noch etwas für Ihren Freund tun wollen.

Ich kann hier nichts mehr machen!“

Malcolm lief rot an, er kniff seine Augen zusammen und murmelte:

„Operieren Sie ihn!“

Malcolm hatte sehr leise gesprochen, aber in seiner Stimme lag ein deutlich drohender Unterton. „Haben Sie gehört?“, fauchte er. „Sie sollen ihm die Kugel rausholen!“

„Mister ...“

Malcolm trat auf Dr. Andrews zu und hielt ihm den Lauf der Winchester direkt unter die Nase. „Haben Sie mich verstanden, Dr. Andrews?“ Andrews nickte. Sein Gesicht war kalkweiß geworden.

„Operieren Sie, Doc!“

Andrews zuckte mit den Schultern.

Die Winchester vor seiner Nase war ein stärkeres Argument als eine ärztliche Diagnose.

„Wie ... wie Sie meinen ...“, stammelte er.

Malcolm grinste freudlos und nahm die Winchester weg, woraufhin der Doktor hörbar aufatmete.

„Sie sind kein besonders mutiger Mann, Doc!“, stellte Malcolm fest.

„Das ist richtig“, antwortete Andrews. „Es liegt bei Ihnen, ob Sie diesen Mann einigermaßen friedlich sterben lassen wollen – oder unter den Qualen einer Operation, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist!“ Malcolm packte Andrews beim Kragen und drückte ihn gegen die Wand.

Seine Augen funkelten gefährlich, jeder Nerv und jede Sehne seines Körpers stand unter Spannung.

„Wenn dieser Mann Ihnen unter dem Messer wegstirbt, Doc, dann war das Ihre letzte Operation! Dann sterben Sie mit ihm!“ Andrews zitterte.

„Wir haben uns verstanden, Doc?“

Der Doktor nickte schwach.

Malcolm ließ ihn los und ging zur Tür. Kurz bevor er hinausging, wandte er sich noch einmal um. „Fangen Sie an!“

Dann öffnete er die Tür zur Wohnstube. „Sam, komm her und pass auf, dass der Doc keine Dummheiten macht!“

Field kam herbei.

„Was hat er gesagt?“

„Er hat versucht zu bluffen. Aber das habe ich ihm ausgetrieben. Er wird ihn operieren!“

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Längst schon stand der Mond am sternklaren Himmel, als de Suchtrupp erfolglos nach Three Little Rocks zurückkehrte.

Auch auf der Harper-Ranch waren die drei Flüchtigen nicht aufgetaucht, obgleich die Gelegenheit günstig gewesen wäre, denn tatsächlich war der Großteil der Cowboys in die Stadt geritten, um die Saloons leerzutrinken.

„Es will mir nicht in den Kopf!“, murmelte John Matthews nicht zum ersten Mal. Der Suchtrupp löste sich auf, die Männer gaben Ed Norman ihre Blechsterne zurück und gingen müde nach Hause.

„John, wir haben getan, was wir konnten“, meinte Norman, aber Matthews wollte davon nichts hören.

„Sie sind hier irgendwo in der Nähe“, sagte er. „Ich weiß es, ich ...“

„Du steigerst dich da in etwas hinein!“

„Ed, glaubst du etwa, dass diese Leute sich in Luft aufgelöst haben?“

„Nein, natürlich nicht.“

Matthews winkte ab. Sie hatten sie nicht gekriegt, das war eine Tatsache, und er tat wahrscheinlich besser daran, sie anzuerkennen.

„Kommst du noch mit auf einen Drink zu Buddy Silverman?“ Norman schüttelte den Kopf.

„Es war heute ein anstrengender Tag. Ich werde zu Bett gehen – und würde dir dasselbe empfehlen ...“

„Gute Nacht, Ed.“

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John Matthews konnte ein Gähnen nicht unterdrücken, als er durch die Schwingtüren von Buddy Silverman’s Saloon ging. Er nahm den Hut ab und brachte ihn mit einem gut gezielten Wurf an den Garderobenständer.

Er lächelte kurz.

Wenigstens etwas, das ihm heute gelungen war!

Er ging zur Theke und ließ sich einen Whisky einschenken.

Wenn er genau überlegte, dann war er ziemlich müde. Aber da war etwas, das ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Verzweifelt zermarterte er sich das Hirn.

Alles haben wir abgesucht!, schoss es ihm durch den Kopf. Aber wir müssen etwas übersehen haben!

Er trank das Glas in einem Zug aus und stellte es hart auf den Schanktisch.

„Noch einen Drink, Mister?“, fragte der Barkeeper. In der Rechten hielt er eine Whiskyflasche.

„Nein, danke“, antwortete Matthews. „Ich glaube, ich habe genug.“ Der Barkeeper zuckte mit den Schultern und stellte die Flasche beiseite.

Matthews hörte den anderen Männern an der Theke eine Weile bei ihren Gesprächen zu. Dann horchte er plötzlich auf.

„Hey, Randolphs, kommt der Doc heute Abend gar nicht?“

„Doc Andrews? Der war schon hier, aber der junge McCoy hat ihn weggeholt.“

„Was ist denn passiert?“

„McCoy hat gesagt, seine Frau sei gestürzt und der Doc solle mit ihm reiten.

Es ging um Leben und Tod!“ Randolphs leerte sein Glas und wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab. „Seltsam ...“, murmelte er. „Ich habe ihm angeboten mitzukommen und zu helfen, aber er hat abgelehnt ... Na ja, muss er selber wissen, der gute McCoy. Ziemlich aufgeregt war er, so richtig aus der Fassung. So kennt man ihn sonst gar nicht!“ Ein Arzt!, durchzuckte es Matthews’ Hirn. Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen!

Die Banditen hatten einen Verletzten, also brauchten sie natürlich einen Arzt!

Wir sind draußen bei den McCoys gewesen!, rief Matthews sich in Erinnerung. Und McCoy selbst hatte bestätigt, dass alles in Ordnung sei!

Aber vielleicht war im Nebenraum die Mündung eines Colts auf seine Frau und sein Baby gerichtet gewesen, vielleicht war McCoy dazu gezwungen worden, eine Komödie vorzuspielen ...

Der Verdacht war da und er ließ Matthews nicht mehr los.

Er bezahlte seinen Drink, nahm den Hut vom Haken und verließ den Saloon.

Die Kühle, die draußen herrschte, blies die Müdigkeit hinweg, die Matthews eben noch beherrscht hatte. Er schwang sich auf sein Pferd und lenkte dessen Schritt zunächst zum Haus des Doktors. Vielleicht würde sich seine Vermutung als Irrtum herausstellen. Vielleicht war Dr. Andrews von den McCoys bereits zurückgekehrt, hatte McCoys Frau, die möglicherweise wirklich gestürzt war, versorgt und saß nun mit seiner Frau zusammen im Wohnzimmer, zurückgelehnt in die weichen Ohrensessel, die dort ihren Platz hatten.

Matthews klopfte an der Tür.

„Andrews! Machen Sie auf! Hier ist Matthews, der Sheriff von Rawlins!“ Es rührte sich nichts. „Andrews!“ Schritte waren hinter der Haustür zu hören. Es wurde geöffnet, und vor dem Sheriff stand Mrs Andrews.

„Ist Ihr Mann zu Hause?“

„Nein. Sie sind schon der zweite, der heute Abend nach ihm fragte.“ Matthews zog die Brauen hoch.

„Der zweite?“

„Ja. Der junge McCoy war hier. Ich weiß nicht, was er von meinem Mann wollte. Ich habe McCoy in den Saloon geschickt, denn Henry wollte dort auf ein Bier hin.“

Matthews nickte. „Dort ist er gewesen. Dann ist er mit McCoy zu dessen Farm geritten.“

„Um diese Zeit? Ist etwas passiert?“

„Ich ... ich weiß es nicht, Ma'am. Hätten Sie was dagegen, wenn ich hereinkomme und hier auf ihren Mann warte?“

Mrs Andrews schien etwas verwirrt.

„Nein, ich ...“ Sie stockte. „Kommen Sie herein, Sheriff.“

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Harris’ entsetzliche Schreie ließen allen das Blut in den Adern gefrieren, und wenig später vermischten sich die Schreie des Verletzten mit denen der kleinen Liz, die aus dem Schlaf geweckt wurde und nicht verstehen konnte, was los war. Die Frau nahm sie auf den Arm und versuchte verzweifelt, das Baby und sich selbst zu beruhigen.

„O Gott, hoffentlich ist das bald zu Ende!“, schluchzte sie. Malcolm hielt währenddessen die Hände um den Griff der Winchester verkrampft.

Wieder ein Schrei, und wieder, und wieder ...

Jedesmal zuckte Malcolm zusammen. Er musste unwillkürlich an die Worte des Doktors denn. Vielleicht hatte er doch nicht geblufft, vielleicht hatte er die Wahrheit gesagt!

Er schlug sich mit der flachen Hand an den Kopf. Die Schreie drangen wie ein scharfes Messer durch seine Seele. Er fühlte sich furchtbar.

Und dann war es mit einem Mal vorbei.

Kein Schrei mehr, nicht ein Laut, der noch aus dem Nebenzimmer drang.

Malcolm versteinerte. Ein schrecklicher Verdacht stieg in ihm auf. Er hielt die Winchester schussbereit.

„Nein!“, schrie er, stürmte ins Nebenzimmer und richtete das Gewehr auf den Doc

„Sie haben ihn umgebracht!“

„Nein!“, sagte Andrews matt. „Ich habe ihm Morphium gegeben.“ Malcolm keuchte und wischte sich über die Stirn. Die Grenze zum Irrsinn, dachte er, ist fließend. Und wer kann sich schon absolut sicher sein, auf der richtigen Seite dieser Grenze zu stehen?

Malcolms Blick fiel auf Harris’ Wunde, die der Doc freigelegt hatte. Er hatte schon eine ganze Menge Blut in seinem Leben gesehen, aber bei diesem Anblick zuckte er dennoch zusammen.

Field hielt sich die Hand vor den Mund, drückte sich an Malcolm vorbei durch die Tür und presste hervor: „Lös du mich mal ab, George! Ich halte das hier nicht mehr aus!“

Dann übergab er sich auf den Bretterboden.

Unterdessen hatten sich die McCoys mit der kleinen Liz mehr und mehr in Richtung Haustür gestohlen. Field bemerkte das, als er sich wieder aufgerappelt hatte.

„Schön stehenbleiben ...“, murmelte er mit der Winchester im Anschlag.

„Weg da von der Tür!“

Die McCoys gehorchten. Die Frau hielt das Baby fest an ihre Brust gepresst.

„Sie wollten uns doch nicht etwa schon verlassen?“

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George Malcolm hatte auf einem Stuhl neben dem Bett Platz genommen und beobachtete jede Bewegung des Arztes.

Ich müsste etwas schlafen, überlegte er. Aber selbst wenn eine Gelegenheit dazu bestanden hätte, wäre es ihm wohl kaum gelungen, ein Auge zuzudrücken.

Die Worte der Frau kamen Malcolm wieder in den Sinn. Vielleicht war es tatsächlich das Beste, Harris zurückzulassen. Wenn sie jetzt aufbrachen, dann hatten sie eine gute Chance ...

Zu was für einem Hund bin ich herabgesunken, dass ich anfange, so etwas zu denken!, durchfuhr es Malcolm.

Aber diese Gedanken waren da. Sie folgten einer Logik, die jenseits all dessen lag, was Menschen für gut oder böse, für anständig oder verwerflich hielten, einer Logik, die älter war als die zehn Gebote und dennoch nichts von ihrer zwingenden Kraft eingebüßt hatte: Seine Gedanken folgten der Logik des Überlebens und ließen sich nicht einfach so davonscheuchen.

Wir könnten weit weg sein, wenn Harris nicht wäre!, überlegte Malcolm.

Und wenn Field nicht so ein hemmungsloser Säufer wäre, kam es ihm danach in den Sinn, würden wir jetzt feiern und uns unserer Beute freuen, bis sie verbraucht wäre und wir uns nach etwas anderem umsehen müssten ...

Wenn, wenn ...

Aber das führte alles nicht weiter, man musste die Situation nehmen, wie sie nun einmal war. Das Vergangene ließ sich nicht mehr ändern, gemachte Fehler sich nicht mehr nachträglich geradebiegen.

Dann riss ein Geräusch Malcolm aus seinen Gedanken.

Ein Reiter!

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Darf ich Ihnen nicht doch etwas anbieten, Mr Matthews?“, fragte Mrs

Andrews, wobei sie unruhig die Hände rang.

Aber Matthews schüttelte geistesabwesend den Kopf.

„Nein danke, Ma'am!“

Er hatte der Frau des Doktors von seinem Verdacht erzählt, und nun saßen sie schon eine ganze Weile im Wohnzimmer der Andrews und warteten.

Aber der Doc kam nicht zurück.

Das musste nicht gleich bedeuten, dass Matthews’ Verdacht richtig war, aber andererseits gab es so auch keine Möglichkeit, ihn ein für allemal zu widerlegen.

„Ich bin jetzt doch ziemlich beunruhigt!“, gab Mrs Andrews zu. Sie seufzte schwer, und trotz der späten Stunde nahm sie eine Tasse Tee.

„Diese Männer werden Ihrem Mann nichts tun“, versuchte Matthews die Frau des Doktors zu beruhigen. „Sie brauchen ihn, wenn sie ihren verletzten Komplizen nicht sich selbst überlassen wollen.“ Sie nickte schwach.

„Ich hoffe, Sie haben recht.“

Eine gute halbe Stunde wartete Matthews noch, aber Dr. Andrews war noch immer nicht aufgetaucht. Er erhob sich und nahm seinen Hut.

„Was haben Sie vor, Mr Matthews?“

„Ich werde noch einmal zu den McCoys hinausreiten, um festzustellen, was dort wirklich los ist.“

„Soll ich Sheriff Norman benachrichtigen?“

Matthews schüttelte den Kopf.

„Nein, jetzt noch nicht. Wenn ich in drei Stunden nicht zurück bin und Ihr Mann bis dahin immer noch nicht aufgetaucht ist, dann wecken Sie ihn bitte!“

„In Ordnung.“

„Auf Wiedersehen, Ma'am!“

„Passen Sie auf sich auf, Mr Matthews!“

Matthews versuchte, entspannt zu wirken und zu lächeln, aber das misslang ihm. Er wandte sich ohne noch ein Wort zu sagen zur Tür, ging hinaus und bestieg sein Pferd. Als er davonritt, sah Mrs Andrews ihm noch einige Augenblicke lang nach.

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Als Matthews die Farm der McCoys erreichte, schien zunächst alles in Ordnung zu sein. Er machte sein Pferd fest und lockerte den Revolver im Halfter. Dann ging er zum Pferdestall und öffnete das Tor ein wenig. Im Licht des Mondes sah Matthews fünf Pferde!

Seine Hand glitt zum Revolver und zog ihn aus dem Halfter. Sein schrecklicher Verdacht schien sich zu bestätigen.

Im Wohnhaus der McCoys brannte noch Licht. Matthews schlich sich im Schutz der Dunkelheit heran, schlich unter dem Fenster der Wohnstube her, um auf die andere Seite des kleinen Hauses zu gelangen.

Dann hörte er, wie die Haustür geöffnet wurde. Matthews war gerade hinter der Hausecke verschwunden. Er presste sich an die massive Holzwand, den Revolver schussbereit.

Er hörte Schritte. Zunächst lief jemand ein paar Meter und blieb dann stehen. Vorsichtig spähte Matthews um die Ecke und sah McCoy, der sich nach allen Seiten umsah.

Man wird mich kommen gehört haben!, überlegte Matthews.

McCoy wirkte unsicher und ängstlich, nicht wie jemand, der seinen Besitz kontrollierte. Mehrere Male wandte er sich zur Haustür um, geradeso, als würde dort jemand hinter ihm stehen.

Er ist unbewaffnet!, kam es Matthews in den Sinn. Wenn ich um diese Zeit einen Reiter hören würde, der auf meiner Farm auftaucht, würde ich ein Gewehr mitnehmen! Zumindest, wenn man so einsam wohnt wie die McCoys!

Jason McCoy wandte sich erneut zur Haustür um und zuckte mit den Schultern. Es schien Matthews so, als wartete McCoy auf ein Signal von drinnen.

Als dieses (so vermutete Matthews) endlich kam, drehte er sich nochmals nach allen Seiten um.

Da erblickte er das Tor zum Pferdestall, das Matthews halb geöffnet gelassen hatte. McCoy schüttelte den Kopf, ging zum Stall und schloss das Tor wieder. Er schien nicht recht zu wissen, was er davon halten sollte.

Als er zum Haus zurückging, zuckte er mit den Schultern und sagte: „Da ist niemand, Sie müssen sich verhört haben!“

John Matthews schlich auf die andere Seite des Hauses. Dort gab es nur ein kleines Fenster, etwa in Augenhöhe angebracht.

Matthews blickte hindurch und sah Dr. Andrews, der sich über das Bett beugte. Aber dort lag nicht etwa McCoys Frau, sondern ein Mann, dessen Rücken einen üblen Anblick bot.

Der verletzte Gangster!, schoss es Matthews durch den Kopf. Sein Verdacht hatte sich endgültig bestätigt, die Banditen waren hier, auf dieser einsamen Farm, untergekrochen und hatten die Bewohner als Geiseln genommen!

Was war jetzt zu tun?

Nach Three Little Rocks zurückreiten und Ed Norman benachrichtigen?

Matthews verwarf diese Möglichkeit rasch wieder. Bis Ed den Suchtrupp wieder zusammengetrommelt hatte und sie den Weg zur McCoy-Farm hinter sich gebracht hatten, würde eine kleine Ewigkeit vergehen.

Und wer garantierte, dass die Banditen dann noch hier waren? Vielleicht waren sie jetzt gewarnt, vielleicht hatten sie Matthews’ Pferd gehört und waren jetzt gewarnt ...

Schließlich hatten sie den Farmer nach draußen geschickt, um sich nach einem eventuellen Besucher umzuschauen, das war eindeutig.

Wer weiß?, überlegte Matthews. Vielleicht wird ihnen ihr verletzter Komplize sehr schnell gleichgültig, wenn sie sich entdeckt glauben und damit rechnen müssen, dass in absehbarer Zeit ein Suchtrupp das Haus umstellen wird, und machen sich einfach davon ...

Es sind zwei Männer, dachte Matthews. Den Dritten konnte man nicht rechnen, der lag kampfunfähig unter dem Messer von Dr. Andrews. Zwei!

Und einer davon hieß Sam Field und war ein Trinker, der seinen Revolver nie ruhig genug würde halten können, um ein wirklich guter Schütze zu werden. Mit dem konnte man fertigwerden.

Blieb noch einer, dessen Möglichkeiten Matthews nicht einzuschätzen wusste.

Ich werde es allein versuchen!, entschied Matthews. Mit zwei Männern müsste ich es aufnehmen können!

Plötzlich hörte er in seinem Rücken ein Geräusch.

„Hände hoch!“

Matthews warf sich zu Boden und feuerte blind in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war.

Er sah das Mündungsfeuer eines Gewehrs und dann einen Schatten, der hinter der Hausecke verschwand.

Matthews rollte sich zur Seite und kroch hinter einen Stapel Brennholz, der ihm notdürftig Deckung bot. Hastig lud er den Revolver nach. Nichts rührte sich, aber er wusste, dass diese Ruhe trügerisch war. Irgendwo in dieser Dunkelheit lauerte ein Gegner auf ihn, der mit ihm kurzen Prozess machen würde.

Dann donnerte ein Geschosshagel heran, der Matthews sich dichter hinter den Holzstoß kauern ließ. Die Kugeln sirrten dicht über ihn hinweg oder schlugen vor und neben ihm in den staubigen Boden ein.

Matthews versuchte, zurückzuschießen. Er ballerte einfach in die Finsternis hinein, in die Richtung, aus der die Schüsse kamen. Bei einem der zaghaften Blicke, die er riskierte, sah er zwei Mündungsfeuer aus unterschiedlichen Richtungen in der Nacht aufblitzen.

Dann folgte eine kurze Feuerpause. Sie müssen nachladen, erkannte Matthews.

Er konnte es kaum wagen, sich auch nur ein wenig zu bewegen. Wenn man es recht bedachte, dann war er in keiner guten Lage ...

Matthews versuchte über den Holzstoß hinüberzuspähen, um vielleicht herausfinden zu können, wo genau sich seine Gegner befanden. Ein Schuss donnerte und zerfetzte eines der Holzstücke, so dass er den Kopf sogleich wieder einzog.

„Sie haben keine Chance!“, rief jemand, und Matthews musste ihm insgeheim recht geben. „Werfen Sie Ihre Waffe herüber und kommen Sie mit erhobenen Händen hervor, wenn Sie nicht wollen, dass wir aus Ihnen ein Sieb machen!“

Das war deutlich genug.

„Okay!“, rief Matthews also. „Ich gebe auf!“

Er warf seinen Revolver über den Holzstoß in die Richtung, aus der auf ihn geschossen worden war.

„Jetzt Sie, Mister!“

Vorsichtig stand Matthews auf und hob die Hände. Zwei Männer traten jetzt aus der Dunkelheit.

„Sieh an, Sheriff“, sagte Sam Field. „So kann sich das Blatt wenden. Ist noch gar nicht so lange her, da war ich in Ihrer Gewalt. Jetzt sind Sie in unserer!“

„Sind Sie allein?“, fragte der andere Mann. Er war grauhaarig, ziemlich groß und schlaksig. Matthews hatte ihn noch nie gesehen.“

„Ja, ich bin allein.“

„Kommen Sie mit in die gute Stube!“, fuhr der Mann dann fort. „Es wird zwar langsam ein bisschen eng in der Hütte, aber für Sie werden wir noch ein Plätzchen finden!“

„Davon bin ich überzeugt!“

Field hob Matthews’ Revolver vom Boden auf und steckte ihn hinter seinen Gürtel. Dann führten sie den Sheriff zur Haustür. Matthews spürte den Druck eines Revolverlaufs im rücken. Das war kein gutes Gefühl.

Field öffnete die Tür, und sie traten in die verhältnismäßig helle Wohnstube der McCoys. Den Farmer und seine Frau hatten die Gangster jeweils an ein Tischbein gefesselt, die kleine Liz lag in ihrer Wiege und schrie. Jetzt, da die Schießerei aufgehört hatte, begann sie sich langsam zu beruhigen.

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Sie bekommen Gesellschaft!“, sagte George Malcolm an die McCoys gerichtet, als er den Sheriff hereinführte. Und an Matthews: „Wir haben noch ein paar Tischbeine frei, wie Ihnen nicht entgangen sein dürfte!“ Dann fiel sein Blick auf den Sheriffstern an Matthews’ Brust. „Sie müssen Matthews sein, der Sheriff von Rawlins!“

„Ja, der bin ich.“

Dann veränderte sich sein Gesicht mit einem Mal. Malcolm versteinerte förmlich und sagte dann in eisigem Tonfall: „Sie haben unserem Freund eine Kugel in den Rücken gejagt!“

Matthews sagte nichts, er sah nur das gefährliche Blitzen in den Augen seines Gegenübers. Malcom trat dicht an den Sheriff heran und sah auf ihn herab.

„Begreifen Sie es als Gunst, die ich Ihnen erweise, dass ich Sie jetzt am Leben lasse und nicht einfach über den Haufen schieße!“ Er zog die Augen zusammen. „Ich habe keinen Grund, Sie am Leben zu lassen, denn man kann nur einmal gehenkt werden, ganz gleich wie viele Menschen man dafür umgebracht hat. Und an Geiseln herrscht bei uns derzeit auch nicht gerade Mangel, wie Sie vielleicht bemerkt haben! Denken Sie daran, wenn Sie irgendwelche Dummheiten vorhaben sollten! Denken Sie daran, dass ich Sie nicht brauche und bei der geringsten Kleinigkeit erschießen werde!“ Matthews wurde daraufhin – wie die McCoys – an ein Tischbein gefesselt.

Er überlegte.

Bis Mrs Andrews Ed Norman alarmieren würde, würde noch eine ganze Weile vergehen ...

„Na, kein gutes Gefühl, Sheriff, oder?“, meinte Field mit gehässigem Tonfall. Er genoss den Triumph über Matthews offensichtlich und wollte ihn nun voll auskosten. „Sie sind auch nicht mehr der, der Sie einmal waren, Matthews! Sie sind alt und fett geworden! Sie hätten bei Ihren Hühnerdieben und betrunkenen Cowboys bleiben sollen! Das sind Aufgaben, denen Sie gewachsen sind!“ Er spuckte vor ihm aus, und seine Züge waren voller Verachtung.

Matthews schwieg. Immer wieder sagte er sich, dass er sich von Fields Auswürfen nicht verletzt zu fühlen brauchte. Aber Fields Worte hatten genau getroffen. Matthews war verletzt und gedemütigt, er konnte nichts gegen dieses Gefühl tun.

Dann kam ihm etwas in den Sinn, was es ihm erleichterte, sein Gleichgewicht und seinen kühlen Kopf zu behalten.

Es muss schrecklich für ihn gewesen sein, als ich so plötzlich in Buddy Silverman’s Saloon auftauchte und seinen Traum zunichte machte!, überlegte er. Ein Wesen aus der Gosse, das nichts als Schmutz kannte und plötzlich die Taschen voller Geld hatte, und dann, mit einem Mal, war alles vorbei, der Traum verwandelte sich in einen Alptraum, der noch nicht zu Ende war und durchaus das Zeug hatte, sich noch zu einer Tragödie auszuwachsen ...

Er muss mich hassen, wurde es Matthews klar. Ich muss ihm als der Zerstörer seines Glücks erscheinen.

Aus dem Nebenzimmer war Harris’ Stöhnen erstmals seit langem wieder zu hören. Malcolm hatte die Tür geöffnet, um gleichzeitig den Doc und die anderen Gefangenen im Auge behalten zu können.

„Was ist los, Doc? Wollen Sie ihn umbringen?“

„Das Morphium hört auf zu wirken“, erklärte Dr. Andrews.

„Dann geben Sie ihm neues!“

„Ich habe ihm alles gegeben, was ich bei mir hatte!“

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Field war von Malcolm angewiesen worden, Matthews’ Pferd zu den anderen in den Stall zu bringen. Als das geschehen war, kam der Doc aus dem Nebenzimmer. Er wischte die blutverschmierten Hände an einem Küchenhandtuch ab.

„Was ist los, Doc?“, wollte Malcolm wissen.

„Die Kugel ist raus“, antwortete Andrews knapp. Er hatte Ringe unter den Augen.

„Wann kann er reiten?“

„Reiten?“ Andrews schüttelte verständnislos den Kopf. „Es grenzt an ein Wunder, dass er bis jetzt noch nicht tot ist, und Sie wollen ihn auf ein Pferd setzen ...“

„Wann?“, beharrte Malcolm, jetzt mit einem gefährlichen, drohenden Unterton in der Stimme.

„Gehen Sie rüber und schauen Sie ihn sich an, dann können Sie sich die Frage selbst beantworten!“

„Sam, binde den Doc zu den anderen an ein Tischbein!“ Wir sind überreizt!, dachte Malcolm. Wir alle sind völlig überreizt!

Während Field sich um den Doktor kümmerte, ging Malcolm hinüber ins Nebenzimmer. Luke Harris lag mit Schweißperlen auf der Stirn auf dem Bett ausgestreckt, und Malcolm spürte, dass nicht mehr viel Leben in dem Gefährten war. Sein Atem ging sehr flach und war manchmal gar nicht mehr zu hören ...

Es half alles nichts, sie mussten jetzt bald aufbrechen. Ganz gleich, ob mit Harris oder ohne ihn oder mit seiner Leiche. Sie hatten keine andere Wahl mehr.

Länger durften sie nicht warten, egal um welchen Preis.

Sie hatten ohnehin nichts zu verlieren – und Harris sowieso am wenigsten.

Bis zum Morgengrauen müssen wir weg sein!, erkannte Malcolm. Und wenn du dann noch lebst, dann nehmen wir dich mit!

„Sam!“, rief Malcolm dann. „Geh in den Stall und sattele die Pferde!“

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Field ging in die Nacht hinaus. Er sah die Sterne funkeln und fühlte, wie der kühle Wind durch seine Kleider ging. Er lenkte seine Schritte zum Stall hin, aber dann erstarrte er.

Hufgeräusche!

Irgendwo, etwas weiter draußen in der Finsternis, bewegte sich etwas, Stimmen drangen an sein Ohr.

Vom Fenster der Wohnstube her drang Licht bis zu ihm. Er war also für diese nächtlichen Verhältnisse eine ideale Zielscheibe!

Es ging alles sehr schnell.

Noch ehe Field die Situation richtig erfasst hatte, donnerten ein paar Schüsse, die rings um ihn herum in den Boden einschlugen.

Field warf sich zu Boden und rollte sich ab, wobei er mit der Winchester ungezielt in die Dunkelheit feuerte.

„Licht aus!“, schrie er verzweifelt.

Es wurde dunkel, und damit hatte er eine Chance. Einer Schildkröte ähnlich

– nur viel schneller – robbte er zurück zur Haustür, die Malcolm ihm öffnete.

„Hast du etwas abgekriegt, Sam?“, fragte dieser, als Field die Wohnstube erreicht hatte und sich keuchend erhob.

„Nein, ich habe Glück gehabt!“

Jetzt schoss niemand mehr. Malcolm schloss die Tür und stellte sich neben das Fenster. Vorsichtig blickte er hinaus. Ein paar sich bewegende Schatten waren dort auszumachen, nicht mehr.

„Wir sitzen in der Falle, George!“, rief Field, der sich unterdessen von dem kürzlichen Vorfall genug erholt hatte, um der Panik, die in ihm herrschte, Ausdruck zu verleihen.

„Halt’s Maul!“, war Malcolms lakonische Antwort. Ihn interessierten im Moment vor allem die Schatten dort draußen. Manchmal konnte man ein paar Wortfetzen hören.

„Wir kommen hier nicht mehr raus, George! Es ist alles aus!“

„Hier spricht Ed Norman, der Sheriff von Three Little Rocks!“, rief draußen jemand. „Können Sie mich hören?“

Malcolm öffnete das Fenster, um Norman besser verstehen zu können, aber er vermied es tunlichst, sich länger als den Bruchteil eines Augenblicks im Sichtfeld seiner Gegner aufzuhalten.

„Ich höre Sie gut, Sheriff!“, rief er zurück.

„Kommen Sie mit erhobenen Händen und unbewaffnet heraus! Die Farm ist umstellt! Sie haben keine Chance zu entkommen!“

„Das ist richtig“, gab Malcolm zu. „Aber bedenken Sie, dass Sie ebenfalls keine Möglichkeit haben, uns hier herauszuholen, wenn Sie das Leben der McCoys nicht gefährden wollen!“ Er wartete einen Moment, um die Wirkung seiner Worte abzuwarten. Es kam keine hörbare Reaktion, und so setzte er hinzu: „Direkt unter dem geöffneten Fenster steht die Wiege mit dem Baby!“

Es folgte noch immer keine Antwort. Malcolms Züge entspannten sich ein wenig. Auf der anderen Seite schien man im Moment mindestens ebenso ratlos zu sein, wie sie es waren. „Meinetwegen schießen Sie ruhig noch ein bisschen, Norman. Sollte eine verirrte Kugel dann die kleine Liz getroffen haben, können Sie sicher sein, dass dies Ihre letzte Amtsperiode als Sheriff war, denn wer wird einen Mann wählen, der das Leben eines kleinen Kindes rücksichtslos aufs Spiel setzt?“

„Wohin soll das führen?“, fragte Norman. Malcolm glaubte, einen Schuss Verzweiflung aus der Stimme des Sheriffs heraushören zu können. Und das gab ihm wieder einen gehörigen Teil Mut und Sicherheit zurück. Auch auf der anderen Seite wird nur mit Wasser gekocht!, dachte er.

„Was wollen Sie?“, rief Norman dann mit erhobener Stimme. „Wollen Sie ein Blutbad? Haben Sie nicht schon genug angerichtet? Reicht es Ihnen noch nicht?“

„Wenn wir uns ergeben, wird man uns hängen, nicht wahr, Sheriff?“ Von drüben kam keine Antwort. Sie erübrigte sich ohnehin.

„Sagen Sie mir, was wir zu verlieren haben“, fuhr Malcolm fort. „Sie schweigen, Sheriff. Dann will ich für Sie antworten: Für uns ist es egal, ob wir nur für den toten Deputy oder noch ein paar weitere Leichen an den Galgen kommen. Man hat nur ein Leben und kann es daher auch nur einmal verlieren!“

Malcolm atmete tief durch, er war jetzt sehr ruhig, sehr beherrscht. Er begann langsam wieder Herr der Situation zu werden, und das gab ihm Auftrieb.

Sheriff Norman antwortete nicht, aber es hatte auch niemand mehr geschossen. Das war ein ermutigendes Zeichen.

Schließlich rief Norman: „Sie müssen verrückt sein – wer immer Sie auch sind!“

„Das kann Ihnen egal sein“, erwiderte Malcolm ruhig. „Ich möchte nur, dass Sie verstehen, dass wir es ernst meinen. Wenn Sie etwas unternehmen, dann spielt sich hier drinnen eine Tragödie ab, das kann ich Ihnen versprechen.“

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In der nächsten Viertelstunde geschah nichts Besonderes. Beide Seiten belauerten sich, ohne sich hervorzuwagen. Malcolm schloss das Fenster, damit man draußen die Gespräche nicht hören konnte, die sie miteinander führten.

Dann fing das Baby an zu schreien.

Malcolm ging zur Wiege und schaukelte sie ungeschickt hin und her, aber es hörte nicht mehr auf. Also wurde die Frau losgebunden, damit sie sich um die kleine Liz kümmern konnte.

„Was hast du für eine Idee, George?“, fragte Field mit einer für ihn ungewöhnlichen Ruhe. „Ich meine: Wie soll es jetzt mit uns weitergehen?“

„Das weiß ich noch nicht“, war die wenig ermutigende Antwort.

„Was ich sagen will, George, ist folgendes.“ Field sprach sehr vorsichtig, so als würde er jedes Wort genau abwägen – ganz gegen seine sonstige Gewohnheit. Malcolm zog die Brauen in die Höhe. Er hatte ein ungutes Gefühl in der Magengegend, als Field nach einigem Zögern schließlich weitersprach: „Ich habe den Deputy nicht erschossen, George.“ Aha!, durchzuckte es Malcolm. Jetzt ist es also endlich heraus! „George, vielleicht ist es für mich besser, wenn ich mich ergebe ...“ Malcolms Augen zogen sich ein wenig zusammen, seine Mundwinkel waren verkniffen.

„So, meinst du, Sam?“, meinte er eisig. Field schluckte, sein Kopf lief rot an.

„Ich verstehe dich, George! Du hast keine andere Wahl mehr, das ist klar ...

Aber ich ...“ Field schluckte nochmals. „Ich habe niemanden erschossen, also wird man mich auch nicht aufhängen können, nicht wahr?“

„Ich hoffe, du hast recht, Sam.“

„George! Es ist doch nur so ein Gedanke!“

„Du kannst gehen, Sam. Ich werde dich nicht aufhalten. Dort ist die Tür!

Geh hinaus und warte ab, was die draußen mit dir tun werden! Du hast dein bisheriges Leben im Dreck zugebracht. Wenn du jetzt hinausgehst, wirst du im günstigsten Fall dein Leben in einem weiteren Dreckloch zubringen.

Wenn dir das gefällt, Sam, wenn dir das genug ist, dann geh hinaus! Es würde zu dir passen.“

Field schwieg und sah zu Boden.

Er wird nicht gehen!, wurde es Malcolm in diesem Moment klar. Er wird nicht gehen, weil er weiß, was es bedeutet, im Dreck zu leben. Aber das, was vielleicht noch auf uns zukommt, kann er sich schwer vorstellen ...

Vom Nebenzimmer her war ein Stöhnen zu hören, schwach nur, sehr schwach ... Die Frau, die gerade das Baby versorgt und wieder in die Wiege gebettet hatte, wurde von Malcolm angewiesen, nach dem Verletzten zu sehen. Sie war kaum hineingegangen, da kam sie bereits wieder zurück.

„Was ist?“, bellte Malcolm unwirsch.

„Er ist tot“, antwortete sie.

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Die Frau konnte Malcolms Gesicht in der Dunkelheit nicht sehen, sie bemerkte nur, dass er sich mit der Hand über die Augen fuhr. Er sagte nichts. Dann ging er selbst ins Nebenzimmer, um sich zu überzeugen. Durch das kleine Fenster fiel Mondlicht auf Harris’ Gesicht und ließ es gespenstisch erscheinen. Malcolm fühlte nach dem Atem, nach dem Puls.

Aber da war nichts mehr. Harris war eingeschlafen – für immer. Matthews’

Kugel hatte ihn dahingerafft.

Für ihn ist es vorbei, dachte Malcolm.

Wer konnte schon im Voraus wissen, ob Harris am Ende nicht doch das beste Los von ihnen gezogen hatte?

Unsere Unternehmung schien anfangs unter einem so günstigen Stern zu stehen!, erinnerte er sich bitter. Es war so leicht gewesen, in die Bank von Rawlins zu gehen und das Geld mitzunehmen...

Er atmete tief durch.

Nach vorne blicken!, versuchte er sich verzweifelt einzureden.

Dann ging er zurück in die Wohnstube und öffnete das Fenster.

„Sheriff Norman! Hören Sie mich?“

Zunächst blieb alles ruhig.

„Norman! Ich will mit Ihnen reden!“

„Worüber? Haben Sie es sich überlegt und geben nun doch auf?“, kam es zurück.

„Ganz im Gegenteil. Wir haben vor abzureisen!“ Auf der anderen Seite folgte zunächst eine Pause. Dann rief Norman:

„Reden Sie keinen Unsinn!“

„Ich rede keinen Unsinn! Fünf Menschen befinden sich in unserer Gewalt, darunter ein Baby! Denken Sie daran!“ Malcolm atmete aus, dann fuhr er nach kurzer Pause fort: „Sie werden einen von uns zum Stall gehen lassen, um Pferde zu satteln und zum Haus zu bringen! Die Frau und das Baby werden mit uns reiten, und wenn Sie ihr Leben nichts aufs Spiel setzen wollen, dann lassen Sie uns durch! Wenn Sie uns folgen wollen, dann kann ich Sie selbstverständlich nicht daran hindern. Aber bitte in respektvollem Abstand, wenn Sie dem Leben der Geiseln einen Wert beimessen!“

„Mister! Das ist doch sinnlos! Damit kommen Sie nie durch!“

„Lassen Sie das unsere Sorge sein“, erwiderte Malcolm kühl.

„Es kommt nicht in Frage, dass ...“

„Spielen Sie sich nicht so auf, Norman! Sie wissen so gut wie ich, dass Sie keine andere Wahl haben, als zu akzeptieren, was ich Ihnen gesagt habe.

Den Geiseln geht es bisher gut. Ich denke, Sie wollen nicht, dass sich das ändert!“

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Field wurde hinausgeschickt, um die Pferde zu satteln, während Malcolm lauernd am Fenster stand, die Winchester in der Hand.

„Nehmen Sie mich als Geisel!“, meldete sich Jason McCoy. „Nehmen Sie mich statt meiner Familie.“

„Nein“, sagte Malcolm, ohne in die Richtung des Farmers zu sehen.

„Ich bin ein guter Reiter! Sie würden schneller vorankommen!“

„Die Sache ist entschieden, Mr McCoy, und Sie werden sich damit abfinden müssen.“

„Dann lassen Sie wenigstens das Baby aus dem Spiel!“

„Halten Sie den Mund!“

Es dauerte nicht lange, und Field kam mit drei gesattelten Pferden zurück.

Norman und seine Leute ließen ihn gewähren.

„Packen Sie alles ein, was Sie für das Kind brauchen!“, befahl Malcolm der Frau. Sie packte eine kleine Tasche.

Dann kramte sie ein Tuch aus der Kommode und nahm das Baby aus der Wiege. Das Tuch schlang sie um den Oberkörper, um damit das Kind vor der Brust zu tragen.

„Sind Sie fertig?“, fragte Malcolm mürrisch.

Sie nickte.

„Ja.“

Malcolm gab das Zeichen zum Aufbruch. Die Frau griff noch nach einem Umhang, der an einem Haken an der Wand hing und den sie um sich und die kleine Liz schlang.

„Sie gehen zuerst!“, wies Malcolm die Frau an. Sie traten hinaus in die Nacht, zuerst die Frau, dann Malcolm, der ihr den Winchesterlauf in den Rücken drückte, und zum Schluss Field.

Drüben, wo die Männer des Sheriffs lauerten, rührte sich nichts.

Sie werden es nicht wagen, etwas zu unternehmen!, versuchte Malcolm sich einzureden. Im anderen Fall hatten sie ausgespielt, das war klar.

„Steigen Sie aufs Pferd, Ma'am. Aber schön langsam!“ Die Frau quälte sich mit dem Baby in den Sattel. Sie hatte einige Mühe damit, aber weder Field noch Malcolm machten irgendwelche Anstalten, ihr zu helfen. Als sie es endlich geschafft hatte, keuchte sie und sagte: „Ich habe es Ihnen gesagt, Mister! Ich habe gesagt, dass es das Beste für alle wäre, wenn Sie möglichst bald verschwinden und Ihren Komplizen zurücklassen würden.“

„Halten Sie den Mund!“, erwiderte Malcolm rau.

„Ihr Warten hat ihn nicht am Leben erhalten können. Es war sinnlos, aber das habe ich Ihnen ja prophezeit.“

„Sie sollen den Mund halten!“

Malcolm sagte das so, dass die Frau jetzt das Gefühl hatte, dass es besser war, sich danach zu richten.

Sie hat etwas von einer Termite, dachte Malcolm bei sich. Sie frisst und sägt unaufhörlich an einem, weil sie sicher ist, dass man irgendwann zusammenbrechen wird.

Die beiden Männer bestiegen jetzt ebenfalls ihre Pferde.

Mrs McCoys Zügel hatte Malcolm an seinen Sattelknauf gebunden und hielt nach wie vor seine Waffe auf sie gerichtet.

Sie würden ständig auf einer Höhe reiten, zumindest bis sie die Reihen dese Suchtrupps passiert hatten. Malcolm konnte jederzeit abdrücken und seine Drohung wahrmachen.

Wenn er näher darüber nachdachte, dann wusste er nicht mit letzter Sicherheit, ob er es tun würde. Aber es musste zumindest so aussehen, als wäre er zu allem entschlossen.

Jetzt keine Zweifel!, versuchte er sich selbst einzureden. Solche Gedanken waren jetzt Gift, es galt jetzt, auf andere Dinge zu achten.

Field ritt gut einen Meter hinter Malcolm und der Frau.

An das, was sein Komplize im Ernstfall möglicherweise tun oder nicht tun würde, wagte Malcolm gar nicht zu denken. Auf Field konnte man sich nicht verlassen, das stand für ihn fest.

Und plötzlich wurde er durch seinen Komplizen im Rücken mehr beunruhigt als durch seine Gegner, die da irgendwo vor ihm in der Finsternis auf ihn lauerten.

Was, wenn Field sich auf einmal doch noch entschloss, zur anderen Seite überzulaufen? Was, wenn ihm einfiel, vielleicht bei der Justiz Punkte sammeln zu können, wenn er sich nicht nur ergab, sondern dem ganzen Spuk ein Ende bereitete, indem er ihm, Malcolm, eine Kugel in den Rücken jagte?

Langsam setzten die Pferde einen Huf vor den anderen, die Zeit schien so schrecklich gedehnt.

Eine Gestalt tauchte aus der Dunkelheit auf. Es war Ed Norman.

„Ich werde Sie ziehenlassen“, sagte er mit einer Spur von Resignation in der Stimme. „Wo und wann werden Sie die Frau und das Baby freilassen?“

„Das werden wir sehen“, gab Malcolm zur Antwort.

Malcolm zügelte kurz sein Pferd und das der Frau.

Er wechselte mit Norman einen undefinierbaren Blick.

„Ich werde dafür sorgen, dass Sie nicht davonkommen, Mister!“, sagte der Sheriff dann, nach ein paar Augenblicken des Schweigens. „Man wird Sie überall jagen, an jedem Sheriffbüro wird man einen Steckbrief von Ihnen angenagelt finden ...“

Ed Norman holte zwar noch einmal Luft, aber es kam nichts mehr über seine Lippen.

„Tun Sie, was Ihre Pflicht ist, Sheriff!“, erwiderte Malcolm leise. „Und ich werde tun, was mich vor dem Galgen bewahrt!“

„Davor werden Sie sich nicht retten können! Eines Tages wird man Sie kriegen. Früher – oder später.“

Malcolm ritt mit der Frau an Norman vorbei, ohne noch etwas zusagen, und Field folgte ihnen in geringem Abstand.

Es dauerte nicht lange, und die Dunkelheit hatte die drei Pferde samt ihren Reitern verschluckt.

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Matthews rieb sich die Hände, als ihm die Fesseln abgenommen wurden.

„Wir müssen ihnen nach!“, hörte er Jason McCoy rufen. Nachdem man den Farmer ebenfalls losgebunden hatte, verlangte er lauthals nach einem Gewehr, und wenn Ed Norman ihn nicht daran gehindert hätte, wäre er wahrscheinlich auf den Rücken des nächstbesten Pferdes gesprungen und hätte versucht, die Männer einzuholen, die seine Familie entführt hatten.

„Ich verstehe Sie“, sagte Ed Norman. „Aber wir müssen jetzt unseren Verstand gebrauchen. Wir werden ihnen folgen, aber mit einem gewissen Abstand. Sie wollen doch auch, dass Ihre Frau und das Baby wohlbehalten zu Ihnen zurückkehren!“

McCoy seufzte.

Natürlich wollte er das. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und raufte sich die Haare. Die Anspannung der letzten Stunden war von seinem Gesicht deutlich abzulesen. Und es war noch nicht vorbei ...

„Drüben, im Schlafzimmer, liegt der dritte der Gangster“, meldete sich Dr.

Andrews zu Wort. „Ich habe ihm die Kugel aus dem Rücken geholt, aber er hat es nicht überlebt.“ Er schüttelte den Kopf. „Es bestand von Anfang an keine Chance, aber das wollte man mir nicht glauben!“

„Ein Gewehr!“, rief McCoy erneut. „Ich brauche ein Gewehr! Unsere Winchester haben die Entführer!“

„Nehmen Sie die Waffen des Toten“, schlug Sheriff Norman vor. „Ihm werden sie nichts mehr nützen können, schätze ich. Aber wenn Sie mit uns reiten wollen, dann müssen Sie Disziplin üben! Auch wenn Sie am liebsten losballern würden, Sie dürfen dem nicht nachgeben!“

„Okay, Sheriff.“

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Der Morgen graute bereits, die Sonne sandte die ersten Strahlen des Tages über den Horizont, und sie ritten noch immer.

Zwischendurch hatten sie Pausen einlegen müssen, damit die Frau das Baby versorgen konnte. Aber diese Verzögerungen nahm Malcolm gern in Kauf, standen dem – was die Auswahl der Geiseln betraf – doch unbestreitbare Vorteile gegenüber.

Die Frau würde nichts unternehmen, was das Leben der kleinen Liz gefährdete, das wusste Malcolm. Fluchtversuche und ähnliches verboten sich für sie daher von selbst.

„Man wird uns folgen“, sagte die Frau plötzlich in die morgendliche Stille hinein. „Haben Sie das in Ihre Rechnung mit einbezogen?“

„Das habe ich“, erklärte Malcolm ruhig. Er hatte sein Gleichgewicht zum Großteil wiedererlangt.

Auf dem ersten Teil ihres Rittes hatte er noch die Winchester (die ja noch aus dem Besitz der McCoys stammte) stets auf seine Geisel gerichtet gehabt, aber inzwischen hielt er das nicht mehr für notwendig und hatte das Gewehr fortgeworfen, nachdem er ihm die Munition entnommen hatte. Er brauchte es nicht mehr, und seine eigene Winchester steckte in seinem Sattelhalfter.

„Was haben Sie für einen Plan?“, fragte die Frau nach einer längeren Pause.

Sie ritten in Richtung der Berge, das hatte sie inzwischen bemerkt. Das Land stieg an, sie quälten sich immer steilere Hänge hinauf. Aus den Tälern stieg Nebel auf, der zusammen mit der aufgehenden Sonne zu erstaunlichen Lichteffekten führte.

Malcolm hielt es nicht für notwendig, der Frau auf ihre Frage zu antworten, und schwieg daher hartnäckig. Doch anstatt sich geschlagen zu geben, wandte sie sich an Field.

„Wie ich Ihren Freund kenne, Mr Field, hat er auch mit Ihnen noch nicht über seine weiteren Pläne gesprochen. Ich habe doch recht, nicht wahr?“ Field verzog das Gesicht. Er hatte Ringe unter den Augen und schien ziemlich erschöpft. Und bestimmt war er durstig, schließlich hatte er einen ganzen Tag lang keinen einzigen Tropfen Whisky bekommen. Die Frau wartete seine Antwort gar nicht erst ab, sondern fuhr fort: „Ihr Freund liebt die einsamen Entschlüsse, nicht wahr?“

„Er ist ein verdammt gerissener Kerl“, brummte Field. „Er weiß schon, was er tut.“

„Ach, Sie haben es gut, Mr Field! Sie brauchen Ihr schwaches Köpfchen nicht anzustrengen. Sie haben jemanden, der für Sie denkt!“ Der Pfeil, den die Frau abgeschossen hatte, hatte genau ins Schwarze getroffen. Fields Gesicht lief rot an, seine Augen traten hervor und er machte für einige Momente den Eindruck eines Dampfkessels, der jeden Moment auseinanderbersten konnte.

Field blies sich auf, geradeso, als wollte er eine Tirade unflätiger Beschimpfungen ausstoßen, aber es kam nichts als Luft über seine Lippen.

Er atmete heftig aus, und diesen günstigen Moment nutzte die Frau, um fortzufahren.

„Wenn Ihr Freund glaubte, dass Sie auch nur ein Gramm Gehirn besäßen, das man verwerten könnte – glauben Sie nicht, Mr Field, dass er Sie dann um Rat fragen, sich mit Ihnen darüber austauschen würde, was werden soll?“

Sie sah plötzlich etwas Blinkendes vor ihrem Gesicht und erschrak. Dann ertönt ein Geräusch, wie der Hahn eines Revolvers es verursacht, wenn man ihn spannt.

Malcolm hatte ihre beiden Pferde gezügelt und blickte die Frau durchdringend an. Sie wusste sofort, dass sie die Grenzen dessen erreicht hatte, was sie sich erlauben konnte.

„Ma'am, Ihre Predigten brauchen wir nicht! haben Sie mich verstanden!“

„Ja, Sir!“

„Für unsere Zwecke würde es völlig reichen, das Baby mitzunehmen. Ich muss Ihnen nicht noch einmal erklären, dass es mir nichts ausmachen würde, Sie über den Haufen zu schießen.“ Malcolm nahm den Revolver weg und steckte ihn wieder ein. „Sie machen das sehr geschickt, Ma'am. Sie versuchen, einen Keil zwischen Sam und mich zu treiben. Am liebsten wäre Ihnen wahrscheinlich, wenn wir zwei uns gegenseitig umbrächten, dann wäre die Sache für Sie ausgestanden, nicht wahr? Leider können wir Ihnen diesen Gefallen nicht tun.“

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Als die Sonne höher stieg, gewannen ihre Strahlen an Kraft und verdrängten die Morgenkühle und den Nebel. Ein schöner, angenehm warmer Tag würde vor ihnen liegen.

Field ging es zu langsam. Seine Ungeduld wuchs von Stunde zu Stunde.

Endlich wagte er es, sich Malcolm gegenüber Luft zu machen.

„Wenn es in diesem Schneckentempo weitergeht, werden wir den Sheriff und seine Leute nie abschütteln können!“

„Abwarten“, meinte Malcolm desinteressiert.

„George, lassen wir die Frau und das Kind einfach zurück, sie halten uns nur auf!“

Die Frau horchte auf. Sie witterte eine neue Chance, bald heil aus der ganzen Geschichte herauszukommen.

Aber sie hütete sich, etwas zu sagen.

Malcolm schüttelte unterdessen den Kopf.

„Die beiden sind unsere – Lebensversicherungen. Noch ist es nicht an der Zeit, sie gehen zu lassen.“

„Wann ist es soweit, verdammt noch mal?“

„Das werde ich entscheiden, wenn es soweit ist.“ Field pustete und machte eine wegwerfende Handbewegung.

Die Frau hat gesät!, wurde es Malcolm klar. Sie braucht nichts weiter zu tun als warten. Warten, bis ihre Saat aufgeht ...

Nachdem ihre Pferde eine halbe Stunde lang einen mit Gras bewachsenen Hang hinaufgeächzt waren, erreichten sie die Kuppe eines Hügels, der fast schon die Ausmaße eines kleinen Berges hatte, und blickten für einige Momente zurück. Man hatte eine gute Sicht von hier aus. Grasbewachsene Hügel mit wenig Baumbewuchs, so weit das Auge reichte.

In der Ferne war eine Gruppe von sich langsam bewegenden Punkten zu erkennen.

Sowohl die beiden Männer als auch die Frau wussten, was das bedeutete.

Malcolm nahm für einen Moment den Hut ab und fächelte sich damit Luft zu. Inzwischen war es ziemlich heiß geworden ...

„Da sind sie ...“, flüsterte Field. „Sie sind uns auf den Fersen, George!“ Malcolm zuckte mit den Schultern.

„Solange sie in so respektvollem Abstand bleiben, soll mich das nicht stören.“

„Sie werden weiter aufholen!“, gab Field zu bedenken.

„Ja, aber sie werden uns in Ruhe lassen, weil wir die Frau und das Baby bei uns haben. Sie können nichts tun!“

Die Punkte in der Ferne, die unzweifelhaft ihre Verfolger waren, verschwanden schließlich im nächsten Tal.

Aber das machte sie für Field nicht weniger bedrohlich. Im Gegenteil! Es war schlimmer, sie nicht zu sehen, nicht zu wissen, wo sie waren, wie weit sie schon aufgeholt hatten ...

Field musste an das denken, was die Frau getan hatte. Obwohl er ihn aus dem Gefängnis gerettet hatte, obwohl er einen Ausweg aus der scheinbar aussichtslosen Lage gefunden hatte, in der sie auf der McCoy-Farm gewesen waren, empfand er zunehmenden Widerwillen gegen Malcolms selbstherrliche Art.

Und dann schoss es ihm durch den Kopf: Ich habe nicht auf den Deputy geschossen! Ich hatte überhaupt keine Gelegenheit dazu, denn ich saß ja noch in der Zelle!

Malcolm hatte nichts mehr zu verlieren, ihn würde unweigerlich der Galgen erwarten, aber für Field stellte sich die Situation anders dar ...

Vielleicht schaffte Malcolm es ja. Vielleicht gelang es ihm, sich und ihn zu retten und ihre Verfolger irgendwie auszutricksen.

Das war die eine Möglichkeit – und zwar die bessere, wie Field fand. Die andere war, den Helden zu spielen, wenn die Aussicht auf eine erfolgreiche Flucht aussichtslos würde. Field brauchte nur seinen Revolver zu ziehen und Malcolm so lange festzuhalten, bis die Meute sie erreicht hatte.

Für den Befreier einer Mutter mit ihrem Kind würden die Geschworenen ein mildes Urteil finden.

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Das Baby schrie.

Das Geschrei hallte über die Täler. Vielleicht bis zu den Verfolgern, wer konnte das schon genau sagen ...

„Ruhig, Lizzie! Ruhig!“

Die Mutter wiegte die kleine Liz hin und her. Sie war frisch gewickelt und hatte zu trinken bekommen, aber sie schrie trotz alledem.

„Was fehlt der Kleinen?“, fragte Malcolm mit gerunzelter Stirn. „Hat sie nicht alles bekommen, was sie braucht?“

„Hat sie“, bestätigte die Frau. „Aber so ein Dauerritt ist eben nichts für ein Kleinkind!“

Dagegen ließ sich nichts sagen.

Das Baby schrie weiter.

Field blickte sich ziemlich oft um.

Jeden Moment, so wollte es ihm scheinen, würden Sheriff Norman und seine Männer hinter ihnen auftauchen. Alles in allem bin ich jetzt in einer schlimmeren Situation als im Gefängnis von Three Little Rocks!, überlegte er sich.

Bankraub!, so durchschoss es seinen Kopf. Das wäre das einzige gewesen, was man mir vor Gericht hätte vorwerfen können!

Aber inzwischen war Geiselnahme hinzugekommen. Field glaubte, vom Regen in die Traufe gekommen zu sein.

Einige Zeit später machten sie eine kurze Rast an einem Bach. Sie gaben den Pferden die Gelegenheit zu trinken und füllten ihre Feldflaschen mit dem glasklaren Nass, das hier aus der Erde sprudelte.

Das Kind schrie unterdessen nicht mehr. Vielleicht hatte es sich beruhigt, vielleicht war es aber auch einfach zu erschöpft ...

Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit sonderte Malcolm sich von den anderen etwas ab und ging zu den Pferden.

Er schien nachdenklich und besorgt.

Er weiß nicht mehr weiter!, durchfuhr es Field mit einem Mal, als er den Gefährten in die Ferne blicken sah – dorthin, woher die Verfolger zu erwarten waren.

Es hilft nichts!, wurde es Field klar. Ich muss jetzt anfangen, mir meine eigenen Gedanken zu machen!

Er sah zu der Frau hin, ihre Blicke kreuzten sich, und er wusste auf einmal, dass sie seine Gedanken kannte.

„Ich würde vielleicht zu Ihren Gunsten aussagen“, sagte sie sehr leise.

Malcolm sollte es möglichst nicht mithören.

„Was?“

Fields Frage war überflüssig, er selbst wusste das am besten, denn er hatte natürlich sofort verstanden, was die Frau meinte.

„Bei Gericht. Sie verstehen doch ...“

Field schluckte, er blickte zu Malcolm hinüber, der noch in Gedanken vertieft schien.

„Ma'am“, brachte er unsicher hervor.

„Lassen Sie mich und die kleine Liz frei!“

In diesem Moment kam Malcolm zurück. seine Züge verrieten Misstrauen.

„Hat sie versucht, dich zu bequatschen, Sam?“

Field sagte nichts, und Malcolm schien auch gar nicht auf eine Antwort seines Komplizen zu warten. Er wandte sich statt dessen gleich an die Frau.

„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie das sein lassen sollen, Ma'am!“

„Ich ...“

„Ich dachte, Sie hätten mich verstanden!“

Da lag nicht nur bloße Drohung in der Stimme, das spürte die Frau sofort.

Da schwang ein Gutteil Verzweiflung mit.

Field war weit weniger feinfühlig, aber auch ihm entging der Unterschied nicht.

„George ...“, presste er hervor. Man hörte, dass ihm nicht wohl bei dem sein würde, was er jetzt zu tun beabsichtigte.

Malcolm wandte sich nicht zu Field um, sondern fixierte mit seinem Blick noch immer die Frau.

„Wir reiten jetzt weiter, Sam“, murmelte er. „Die Pause ist beendet!“

„George, bitte mach mir keine Schwierigkeiten und leg deinen Revolver ab!“

Malcolm hörte das Klicken. Field hatte den Hahn seines Colts gespannt.

„Nicht bewegen, George. So schnell bist auch du nicht!“ Malcolm hatte sich noch immer nicht umgedreht. Für einen Moment hing alles in der Schwebe, war nichts entschieden. Jeder Muskel, jede Sehne an Malcolms Körper war angespannt. Field wusste, dass er dem anderen in jeder Beziehung unterlegen war. Sein einziger Vorteil war, dass er seine Waffe bereits in der Hand hielt, dass sein Hahn bereits gespannt und sein Finger schon am Abzug war.

„Mach keinen Unfug, Sam!“

„Ich mache keinen Unfug, George, und ich hoffe, dass du auch keinen machst! Alles ist wohlüberlegt!“

„Sam ...“

„Die Waffe weg! Und zwar ganz langsam!“

„Sam! Die Frau hat dich bequatscht! Ist es so?“

„Waffe weg, habe ich gesagt!“

Field war selber überrascht vom Klang seiner Stimme, von der Überzeugung und Festigkeit, mit der er diese Worte ausgesprochen hatte.

Auch Malcolm schien jetzt langsam klar zu werden, dass er es ernst meinte.

Verdammt ernst.

„Okay, okay, ich werfe den Revolver ins Gras!“ Langsam, so wie Field es gesagt hatte, holte er die Waffe aus dem Halfter und ließ sie fallen. „Zufrieden, Sam?“

„Geh einen Schritt zurück!“

Malcolm gehorchte.

„Noch einen!“

„Was soll das?“

Field trat nun vor und bückte sich nach Malcolms Revolver.

„Sam, hältst du das etwa für besonders klug? Willst du uns mit aller Gewalt an den Galgen bringen?“

„Dich, George. Nur dich werde ich an den Galgen bringen. Mir droht er ohnehin ja nicht.“

„Sam ...“

„Es geht nicht anders, das siehst du doch ein, nicht wahr?“

„Wir hätten eine gute Chance gehabt, der Meute zu entwischen!“

„Nein, George, keine gute Chance, sondern eine miserable. Eine hundsmiserable – und du weißt es so gut wie ich. Jemand wie du, der nichts mehr zu verlieren hat, muss eine solche Chance vielleicht akzeptieren. Aber ich nicht.“

„Ich hätte dich heute Nacht auf der Farm, als du diese Anwandlungen zum ersten Mal bekommen hast, gleich über den Haufen schießen sollen!“

„Dazu ist es nun zu spät.“

„Wenn Sie wollen, dann hole ich das Lasso von Ihrem Pferd“, meldete sich die Frau zu Wort. „Ich denke, wir werden Ihren Freund fesseln müssen!“ Malcolm musterte sie.

„Ach, sieh an!“ Er spuckte verächtlich in ihre Richtung.

„Wie sollen wir das machen?“, fragte Field. „Ich kann ihn nicht gleichzeitig fesseln und mit der Waffe in Schach halten! Und wenn Sie ihn fesselten, Ma ám, das wäre zu gefährlich. Nein, ich denke, es ist das Beste, wenn wir einfach abwarten, bis der Sheriff und seine Meute kommen!“

„Ich werde ihn in Schach halten“, sagte die Frau bestimmt. „Und Sie können ihn dann fesseln. Ich werde mir eine Winchester nehmen.“

„Sie?“

„Keine Sorge, ich kann damit einigermaßen umgehen!“

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In Malcolms Kopf herrschte ein heilloses Chaos, und das war eine ziemlich neue Erfahrung für ihn. Alles schien sich zu drehen, er war kaum imstande, einen vernünftigen Gedanken zu fassen.

Seine Chancen waren ohnehin schlecht genug gewesen. Was Field dazu gesagt hatte, traf völlig zu, und in diesem Augenblick erkannte er das auch an.

Und jetzt, so schien es, zerrann der letzte Rest dessen, was er noch an Möglichkeiten gehabt hatte ...

Verzweiflung drohte sich in ihm auszubreiten.

Es ging jetzt um Alles oder Nichts, um Leben oder Tod ...

Um seinen Tod!

Malcolm sah, wie die Frau das Baby an einer geschützten Stelle in ihr Tragetuch einwickelte und ins Gras legte. Dann ging sie zu den Pferden und nahm sich Fields Winchester aus dem Sattelhalfter und das Lasso vom Knauf.

Ich muss etwas unternehmen, bevor die beiden mich zu einem wohlverschnürten Paket für den Sheriff verarbeitet haben!, wurde ihm klar.

Er musste abwarten. Vielleicht würde sich ja noch eine Gelegenheit ergeben, um das Blatt zu wenden.

Die Frau kam zurück, warf Field das Lasso zu und vergewisserte sich dann, dass die Winchester auch geladen war.

„Es kann losgehen“, sagte sie zu Field. „Schnüren Sie ihn gut ein!“ Sie hatte jetzt eindeutig das Kommando übernommen, aber Field schien das nicht zu stören.

Er braucht jemanden, dessen Anweisungen er folgen, dessen Gedanken er ausführen kann, überlegte Malcolm. Pech für mich, dass sie anscheinend ein besseres Angebot für ihn hat, als ich es ihm bieten kann!

Die Frau hielt die Winchester drohend auf Malcolm gerichtet. Field ging mit dem Lasso einen Bogen und näherte sich ihm dann von hinten. Den Revolver hatte er zurück ins Halfter gesteckt, denn er würde beide Hände brauchen, um seinen Gefährten zu fesseln.

Was wird geschehen, wenn ich mich wehre?, fragte Malcolm sich.

Würde die Frau schießen, wenn er Field angriff (mit dem er fertigwerden konnte, wie er annahm)?

Sie wird zunächst an ihr Kind denken!, wurde es Malcolm klar. Sie würde versuchen, sich und das Baby in Sicherheit zu bringen!

Vielleicht irrte Malcolm sich und schätzte die Frau falsch ein. Aber das Risiko musste er auf sich nehmen.

Field trat von hinten an ihn heran.

„Die Hände auf den Rücken!“

Malcolm verpasste ihm im Drehen einen unverhofften Faustschlag, der seinem Gegner das Blut aus der Nase trieb. Einen weiteren Schlag schmetterte Malcolm auf Fields Unterkiefer, während er ihm fast gleichzeitig ein Bein stellte und ihn zum Stolpern brachte.

Field war in erbärmlicher körperlicher Verfassung. Er keuchte und versuchte, seinen Revolver zu ziehen.

Malcolm trat ihm auf die Hand. Es knackte, Field schrie und ließ die Waffe los.

Malcolm hob sie auf, ohne den Fuß von Fields Hand zu nehmen, und richtete sie auf ihren Besitzer.

Und dann dachte er: Sie hat nicht geschossen!

Seine Augen suchten sie für den Bruchteil eines Augenblicks, dann nahm er das Pferdegetrappel wahr und sah, wie sie mit ihrem Baby den Hang hinunterritt, den sie sich vor kurzem noch hinaufgequält hatten.

Malcolm verzog das Gesicht.

Er hatte recht behalten.

Er war noch am Leben.

„George, geh von meiner Hand runter!“

Malcolm spannte den Hahn des Revolvers. Seine Züge versteinerten.

„Nein, George!“, wimmerte Field.

„Ich glaube, wir haben uns nichts mehr zu sagen, Sam“, sagte Malcolm kalt.

Dann drückte er ab.

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Jason McCoy wirkte angespannt, seine Mundwinkel waren verkniffen.

„Lassen Sie den Kopf nicht hängen, McCoy!“, meinte John Matthews, der neben ihm ritt. „Glauben Sie mir, es wird alles wieder gut werden.“ McCoy zuckte mit den Schultern.

„Sie haben gut reden, Matthews“, erwiderte der Farmer bitter. „Ihre Familie befindet sich nicht in den Händen skrupelloser Verbrecher.“ Natürlich hatte McCoy recht, das musste Matthews zugestehen.

„Wir werden alles tun, um eine Tragödie zu verhindern“, erklärte er schwach, obgleich er wusste, dass man im Augenblick kaum etwas tun konnte.

„Hat sich einer der Gentlemen schon überlegt, wie die Sache zu Ende gebracht werden kann?“, fragte Brooks, der Kirchendiener aus Three Little Rocks, mit provokantem Unterton. „Oder wollen wir diese Gangster für die nächsten hundert Meilen eskortieren?“ Er spuckte aus. „Es kotzt mich an, im Spaziertempo hinter diesen Männern herzuziehen, ohne dass wir Anstrengungen unternehmen, sie endlich zur Strecke zu bringen!“ Niemand sagte etwas dazu.

Die Antworten konnte sich jeder selbst geben, auch Brooks, wenn er genau nachdachte.

„Hey, seht mal! Da hinten!“, rief Ed Norman plötzlich aus, wobei er mit der Linken zum Horizont deutete.

Ein kleiner, sich bewegender schwarzer Punkt tauchte auf und wurde von Augenblick zu Augenblick größer.

„Ein Reiter!“, sagte jemand, aber das war keine große Erkenntnis. Der Punkt näherte sich immer mehr dem Suchtrupp, wurde größer und größer, bis Einzelheiten erkennbar wurden.

Es war eine Frau, ihre Haare flogen im Wind. Vor der Brust trug sie ein Kind im Tragetuch.

„Na, sehen Sie!“, sagte Matthews zu McCoy. „Ich habe keine Ahnung, was vorgefallen ist, aber das da vorne ist ohne Zweifel Ihre Frau!“ Irgendwo hinter dem Horizont war ein Schuss zu hören.

Die Frau wandte sich kurz im Sattel um, ohne dass dieser Blick irgendwelchen Aufschluss gab. Es dauerte noch einige Minuten, dann hatte sie die Reitergruppe erreicht. Sie atmete heftig und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Unter den Augen hatte sie Ringe, aber ihre Züge waren verhältnismäßig entspannt.

Sie schien völlig erschöpft.

Kein Wunder, dachte Matthews. Sie hat ńe Menge mitgemacht!

McCoy nahm seine Frau und sein Kind in Empfang.

„Alles in Ordnung, Liz?“

Sie nickte stumm.

„Was hatte der Schuss gerade zu bedeuten?“, fragte Ed Norman. Die Banditen konnten nicht weit entfernt sein, und nun hatten sie endlich freie Hand, um sie zu verfolgen und zu stellen!

„Ich weiß es nicht“, sagte die Frau.

„Ich habe es nicht sehen können. Zwischen den beiden Männern ist es zu einem Kampf gekommen, aber ich habe keine Ahnung, wie er ausgegangen ist.“

Norman wandte sich an Jason McCoy.

„Bleiben Sie jetzt besser bei Ihrer Frau und reiten Sie nach Hause! Wir werden unterdessen die Verfolgung aufnehmen!“

Und damit gab er seinem Pferd die Sporen. Die anderen folgten ihm.

Es gab jetzt nichts mehr, das sie zur Untätigkeit verdammte!

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Sam Fields vor Angst geweitete, tote Augen sahen zu Malcolm hinauf, dessen Todesschuss Fields Blick gewissermaßen konserviert hatte.

Er war ein Unglücksrabe, dachte Malcolm.

Field hatte niemandem Glück gebracht, Harris nicht, ihm – Malcolm – nicht und am wenigsten sich selbst.

Wir hätten ihn bei der Sache in Rawlins nicht mitmachen lassen dürfen!, überlegte Malcolm, obwohl er wusste, dass es sinnlos war, jetzt noch darüber nachzugrübeln.

Was Menschen anging, so hatte Malcolm sich mit seinem Urteil selten geirrt.

Field war ein solch seltener Irrtum gewesen.

Ein Irrtum, der ihn vielleicht noch das Leben kosten würde!

Malcolm steckte den Revolver in sein Halfter. Jetzt ging es um Leben und Tod. Er konnte nur noch davonrennen und hoffen, dass er schneller war als seine Verfolger.

Keine günstige Ausgangslage, wenn er es recht bedachte. Aber an den unangenehmen Zustand, keine andere Wahl mehr zu haben, gewöhnte er sich langsam ...

Er ging zu seinem Pferd und stieg in den Sattel. Dann nahm er kurz die Winchester aus dem Sattelholster, um zu kontrollieren, ob sie auch geladen war. Nachdem er das Gewehr wieder eingesteckt hatte, lud er den Revolver nach und gab dem Pferd dann die Sporen. Er musste damit rechnen, dass es zum Äußersten kommen würde: zu einer Schießerei, einem Kampf auf Leben und Tod.

Und darauf musste er vorbereitet sein, so gut es ging. Er würde sich nicht ergeben, das stand für ihn fest. Er würde die letzte Chance nutzen, die sich ihm bot, und wäre sie auch noch gering.

Wenn er sterben würde, dann durch eine Bleikugel, nicht durch den Galgen.

Brutal trieb er das Pferd voran. Er war durchaus kein Tierquäler, er hatte Pferde schon seit seiner Jugend geliebt. Aber er konnte jetzt keinerlei Rücksichten mehr nehmen. Auf nichts und niemanden.

Immer wieder blickte er sich um, denn er rechnete damit, dass jeden Augenblick eine Gruppe schwarzer Punkte am Horizont auftauchen konnte.

Aber noch war von seinen Verfolgern nichts zu sehen.

Eine kalte Hand schien sich auf seine Schulter zu legen. Ihn fröstelte. Er hatte das noch nie empfunden, aber jetzt war sie da: die Todesangst.

Solange die Frau und das Baby seine Gefangenen gewesen waren, hatte er sich sicher gefühlt. Den Verfolgern waren die Hände gebunden gewesen, Malcolm hatte am längeren Hebelarm gesessen – oder sich zumindest so gefühlt.

Aber die Situation hatte sich grundlegend verändert, das Blatt sich zu seinen Ungunsten gewendet.

Er hatte jetzt nichts mehr auf seiner Seite, außer seinem Pferd, seinem Revolver und seiner Winchester.

Sonst nichts.

Kein gutes Gefühl.

In der Ferne tauchten sie jetzt auf, jene Punkte, vor denen er sich fürchtete und deren Herannahen für ihn den Tod bedeuten konnte. Verzweifelt trieb er sein Pferd weiter an.

Nur weiter, nur weiter ...

Malcolm beobachtete, wie ein paar von den kleinen Punkten, die ihn verfolgten, sich von der Gesamtgruppe absetzten. Ihre Pferde waren nicht alle gleich erschöpft. Einige von ihnen schienen das Tempo nicht mehr mithalten zu können.

Zweifellos konnten die Verfolger Malcolm sehen.

Sie sind jetzt wie Wölfe, die Blut geleckt haben!, dachte er. Er sah, wie die Punkte zu Reitern wurden. Noch waren sie außer Schussweite, aber das konnte sich bald geändert haben.

Er musste die Ausläufer des nahen Gebirges erreichen, dann hatte er vielleicht noch eine Chance. Aber bis dahin hatte er noch ein paar freie Hänge vor sich, die er lebend hinter sich bringen musste.

Er fühlte sich wie ein gejagter Hase auf freiem Feld.

Die Verfolger kamen heran, Malcolm hörte bereits das Getrappel ihrer Pferde. Die ersten Schüsse donnerten, doch konnten sie ihm noch nichts anhaben. Noch war die Distanz zu groß.

Malcolm beugte sich im Sattel tief hinunter, um ein möglichst kleines Ziel abzugeben, und malträtierte die Flanken seines Pferdes mit den Sporen, bis sie blutig waren.

Es ging jetzt um alles, das wusste er.

Die Verfolger würden kaum zögern, ihn einfach vom Pferd zu schießen, sobald sie die Gelegenheit dazu hatten.

Malcolm fühlte die prall gefüllten Innentaschen seiner Lederweste, in denen sein Anteil von der Beute in Rawlins steckte.

Wenn ich jetzt ins Gras beiße, habe ich nicht viel davon gehabt, dachte er.

Es gab eine Menge Probleme, die sich mit Geld lösen ließen, aber diejenigen, die er im Moment hatte, gehörten nicht dazu.

Einige der Reiter waren jetzt nahe genug heran, um gezielte Schüsse abgeben zu können. Sie pfiffen über Malcolm hinweg oder neben ihm her, und er presste sich so tief es ging an den Hals seines Pferdes. Es hatte im Moment wenig Sinn, zurückzuschießen, denn seine Chance, einen von den Verfolgern zu treffen, war noch geringer als deren Möglichkeit, ihn mit einem Schuss bei scharfem Galopp zur Strecke zu bringen. Es würde ihn nur wertvolle Patronen kosten, und er wusste nicht, wann er sie noch brauchen würde – und wann seine Feinde ihm die nächste Gelegenheit zum Nachladen lassen würden.

Vor ihm – viel zu weit in der Ferne, so empfand er – tauchten die ersten Felsen auf. Die Vegetation wurde zunehmend spärlicher, aber die zerklüftete Felsenlandschaft, die sich nun mehr und mehr zu offenbaren begann, würde ihm bessere Deckungsmöglichkeiten geben.

Bis er dort war, hieß es überlegen. Die Felsen schienen nur im Schneckentempo näherzurücken. Die Verfolger schossen aus allen Rohren auf ihn, ohne zu treffen.

Eine Bleikugel, nur ein paar Millimeter groß, konnte alles beenden. Sie konnte ihn vom Pferd reißen oder das Pferd treffen.

In beiden Fällen wäre ich ein toter Mann!, wurde es Malcolm klar. Dem Pferd stand Schaum vor dem Maul, sein Fell war schweißdurchtränkt. Kein Zweifel, es gab alles, was es zu geben hatte. Malcolm konnte nur hoffen, dass das reichte.

Der Kugelhagel nahm zu, die Verfolger holten stetig auf.

Nein!, schrie es in Malcolm. Das durfte nicht das Ende sein!

Er hatte die Felsen noch nicht ganz erreicht, da spürte er plötzlich, dass etwas nicht in Ordnung war, dass etwas Furchtbares geschehen war. Das Pferd begann sehr schnell in seinem Tempo nachzulassen.

Es dauerte einen Augenblick, bis Malcolm die Situation erfasst hatte, dann handelte er, so rasch es ging. Er griff zum Sattelhalfter und riss die geladene Winchester heraus.

Das Pferd war im Bleihagel getroffen worden.

Es strauchelte, stürzte und ließ ein verzweifeltes Wiehern hören. Malcolm rollte sich ab, benutzte das verletzte Tier kurzfristig als Deckung und feuerte mit der Winchester auf die herannahenden Reiter.

Der erste von ihnen stürzte getroffen vom Pferd und schrie, während sich sein Pferd aufbäumte.

Malcolm konnte sich nicht einmal die Zeit nehmen, seinem verletzten Gaul den Gnadenschuss zu geben; er sprang auf und hetzte in Richtung der Felsen. Eine Kugel riss ihm den Hut vom Kopf, er hörte das Getrappel der Pferde und die Stimmen seiner Verfolger hinter sich. Dann hatte er die Felsen erreicht und Deckung gefunden. Er feuerte in Richtung der Reiter, ohne zu treffen. Sie zügelten ihre Pferde, rissen die Waffen aus den Halftern und sprangen aus den Sätteln. Das Gras war alles andere als eine gute Deckung, aber immer noch besser als nichts.

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Es wurde hin und her geschossen. Dann kamen keine Schüsse mehr aus den Felsen.

„Er wird versuchen, sich dort oben irgendwo zu verstecken!“, meinte Matthews.

„Wir müssen ihm nach!“, sagte Brooks, während er – ohne jegliche Vorsicht! – aufstand. Er hielt sein Gewehr fest umklammert, der Gesichtsausdruck des Kirchendieners war grimmig geworden.

„Ich lege ihn um, wenn ich ihn vor die Flinte kriege, das schwöre ich euch!“

„Passen Sie auf, Brooks, vielleicht sitzt er noch irgendwo da oben!“, versuchte Matthews ihn zu warnen. Er schüttelte verzweifelt den Kopf. „Sie stehen da wie eine Schießbudenfigur!“

Aber der Bandit war offensichtlich schon weitergehetzt, denn anders war es nicht zu erklären, dass er die gute Gelegenheit ausließ, die Zahl seiner Feinde ein weiteres Mal zu dezimieren. Langsam erhoben sich auch die anderen.

„Ich bringe ihn um“, murmelte Brooks erneut vor sich hin. „Verdammt, so wahr ich hier stehe, ich bringe ihn um!“

„Wir sind keine Killer, Brooks!“, erwiderte Ed Norman kühl. „Wir vertreten das Gesetz – und nichts anderes.“

„Ist er etwa unschuldig?“

Brooks fuchtelte mit den Armen in der Luft und deutete dann auf den toten Luther Robinson.

„Man wird ihm den Prozess machen“, entgegnete Ed Norman. „Aber dazu müssen wir ihn erst einmal haben. Also, ihm nach!“

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Malcolm sah, wie seine Verfolger sich die steinigen Hänge hinaufquälten.

Er konnte von einem Felsvorsprung aus auf sie hinabblicken.

Er lud seine Winchester nach und legte an. Aber dann senkte er den Gewehrlauf wieder. Vielleicht war es besser, sich nicht frühzeitig zu verraten.

Malcolm zählte acht Männer.

Acht gegen einen.

Er würde all sein Geschick und seine Intelligenz brauchen, um diese ungleiche Schlacht für sich entscheiden zu können – oder sie zumindest zu überleben.

Die Verfolgergruppe verteilte sich nun. Sie waren vorsichtig. Ängstlich blickten sie sich immer wieder nach allen Seiten um.

Mit allen acht Männern auf einmal konnte Malcolm unmöglich fertigwerden, das wusste er. Aber vielleicht konnte er sie einzeln besiegen ...

Malcolm sah hinauf.

Etwas weiter oben war ein Felsplateau. Wenn es ihm gelingen würde, dort hinauf zu gelangen ...

Von unten hörte er die Stimmen der Meute.

Die Männer des Sheriffs waren jetzt schon ziemlich nahe herangekommen.

Allein oder zu zweit schlichen sie in den Felsen herum, um ihn aufzuspüren und zu stellen.

Mit Schrecken stellte Malcolm fest, dass er einige von ihnen aus den Augen verloren hatte.

Ihm wurde klar, dass sein Aufenthaltsort nicht mehr lange sicher sein würde.

Malcolm blickte nochmals zu dem Felsplateau hinauf, allerdings nur für einen kurzen Augenblick.

Keine Deckung!, dachte er. Aber wenn ich hier verharre, werden sie mich bald eingekreist haben!

Dann hörte er Schritte und leises Ächzen. Malcolm schnellte hinter seiner Deckung hervor, legte die Winchester an, zielte und schoss. Jemand schrie; ein Mann stürzte getroffen den steinigen Hang hinunter.

Noch sieben!, dachte Malcolm.

Sieben gegen einen.

Malcolm war sofort wieder in Deckung gegangen, doch man war jetzt auf ihn aufmerksam geworden.

Ein Kugelhagel prasselte in seine Richtung.

Er konnte nichts tun, als sich so weit wie möglich niederzukauern.

„Da oben ist er!“, rief jemand.

Und jemand anderes: „Geben Sie auf! Sie haben keine Chance!“ Malcolm antwortete nicht.

Es gab nichts zu sagen, fand er.

Er würde nicht aufgeben. Niemals. Er würde sich nicht zum Galgen führen lassen, das stand für ihn so fest wie das Amen in der Kirche.

Unten sagte jemand: „Cromer hat’s erwischt! Der Mann ist ein guter Schütze!“

Ja, dachte Malcolm bei sich. Das werden einige von euch noch zu spüren bekommen!

Malcolm wagte einen Blick nach unten, sah irgendwo eine Gestalt den Hang heraufklettern und schoss. Aber sogleich folgte die bleierne Antwort von der anderen Seite, und er musste seinen Kopf einziehen.

„Früher oder später holen wir Sie doch!“, rief jemand von unten. „Es ist nur eine Frage der Zeit! Seien Sie vernünftig!“

Malcolm schob erneut Patronen in seine Winchester.

Euer Gerede ist sinnlos!, dachte er. Lasst mich laufen oder knallt mich ab!

Aber dazwischen gibt es nichts!

Dann herrschte eine Weile verdächtige Ruhe. Die Männer des Suchtrupps schienen eingesehen zu haben, dass sie Malcolm von ihren gegenwärtigen Positionen aus nur schwer treffen konnten.

Malcolm verharrte in seiner Deckung, ohne sich zu rühren. Er wusste, dass die anderen nur darauf warteten, dass er eine Dummheit beging.

Sie waren da, auch wenn ihre Waffen für einige Augenblicke schwiegen.

Dann hörte er ein Geräusch, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Malcolm hörte das Klicken, das entsteht, wenn der Hahn eines Revolvers gespannt wird.

Es war direkt hinter ihm!

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Das Klettern in den Felsen war sehr anstrengend gewesen. Matthews war völlig außer Atem. Er spürte jetzt die Jahre, die vergangen waren. Es war nicht mehr wie früher, das stand fest. Aber er war immer noch gut genug!

Seine Züge entspannten sich, als er Malcolm vor dem Lauf seines schussbereiten Revolvers hatte.

„Drehen Sie sich nicht um, Mister!“, murmelte er, als er sah, wie Malcolms Muskeln sich spannten wie die einer Raubkatze, die zum Sprung auf ihr Opfer ansetzte. „Bleiben Sie, wie Sie sind, drehen Sie sich nicht um, sonst bin ich gezwungen, Sie zu töten!“

Malcolm rührte sich nicht, blieb aber angespannt. Matthews wusste, dass er höllisch aufpassen musste.

„Ich habe ihn!“, rief er seinen Mitstreitern zu. Und an Malcolm gewandt, der noch immer am Boden kauerte: „Lassen Sie das Gewehr los und legen Sie sich platt auf den Boden!“

Malcolm gehorchte.

Matthews trat an ihn heran, um das Gewehr an sich zu nehmen und seinem Gegner den Revolver aus dem Halfter zu ziehen.

Der Sheriff von Rawlins beugte sich nieder und hatte die Linke schon fast am Lauf von Malcolms Winchester, da traf ihn unvermittelt ein Stiefel im Gesicht.

Ein zweiter fuhr ihm in die Magengrube. Matthews stöhnte. Für den Bruchteil eines Augenblicks konnte er nichts sehen.

Er betätigte den Abzug seines Revolvers, aber die Schüsse, die er auslöste, waren ziemlich ungezielt. Unterdessen war Malcolms Rechter zum Halfter an seiner Hüfte gefahren, hatte den Colt herausgerissen und schoss zurück.

Matthews warf sich zu Boden und rollte sich ab.

Ihrer beider Leben hingen an seidenen Fäden, die über Rasierklingen gespannt waren.

Malcolm zögerte für den Bruchteil einer Sekunde und überlegte.

Er blickte den Hang hinab, sah hier und da bewaffnete Männer aus ihren Deckungen heraustreten und stürzte sich dann von dem Felsvorsprung hinab.

Das war nicht viel mehr als ein guter Meter, aber es reichte, um sich den Knöchel zu verstauchen. Malcolm kam schlecht auf. Es gelang ihm nicht, sich richtig abzufedern. Malcolm stolperte und rutschte den Hang ein Stück hinunter, wobei er sich ständig wandte und mit dem Revolver wild herumfeuerte.

Die Männer des Suchtrupps duckten sich augenblicklich, während Matthews hinter Malcolm hersprang.

Malcolm richtete den Revolver auf Matthews und drückte ab.

Doch es klickte nur.

In Malcolms Zügen zeigte sich nacktes Entsetzen.

Er sah sich um und blickte in mehr als ein halbes Dutzend Mündungen von Gewehren und Revolvern.

Es schien, als hätte er ausgespielt.

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Man hatte Malcolm gefesselt auf sein Pferd gesetzt.

Der Galgen war jetzt unvermeidlich geworden.

Wie viel Zeit würde ihm noch bleiben?

Es konnte zwei, maximal auch drei Wochen dauern, bis der Bezirksrichter in seinem Terminkalender einen weißen Fleck hatte und nach Three Little Rocks kommen konnte, um ihn abzuurteilen.

John Matthews ritt neben den Gefangenen.

Er fühlte Genugtuung, die Banditen bis auf den letzten Mann gestellt zu haben.

Er konnte es noch, war immer noch gut genug, um mit solchen Leuten fertig zu werden.

Aber es war kein reiner Triumph, den er empfand.

Zwei Männer des Suchtrupps – Luther Robinson und Bert Cromer – waren tot.

Das warf ein Schatten auf den Erfolg.

„Wie ist Ihr Name?“, fragte Matthews an den Gefangenen gewandt.

„Malcolm. George Malcolm.“

„Sie sind nicht von hier, nicht wahr?“

„Nein.“

Aber Malcolm schien keinerlei weitere Neigung zu haben, etwas über seine Herkunft zu sagen. Er schwieg.

„Ich bin dafür, ihn gleich am nächsten Baum aufzuhängen!“, rief Brooks, der mit der linken Hand jenes Pferd führte, das die beiden Toten trug.

„Polizistenmord ist ein schweres Verbrechen“, setzte der Kirchendiener noch hinzu. „Und er ist schuldig. Daran gibt es keinen Zweifel! Wozu also noch so lange warten, bis der Richter sein Urteil gefällt hat?“ Von den anderen Männern war überwiegend zustimmendes Gemurmel zu hören.

„Ja! Machen wir kurzen Prozess! Hängen wir ihn auf!“, rief jemand anderes.

„Sie sind doch Kirchendiener, Brooks“, erwiderte Matthews sarkastisch.

„Wie steht es denn bei Ihnen mit der Barmherzigkeit?“ Brooks lachte freudlos.

„Dafür bin ich nicht zuständig“, sagte er. „Das ist Sache des Reverends. Ich spiele nur die Orgel und läute die Glocken.“

„Brooks!“, mischte Ed Norman sich jetzt ein. „Ich habe gedacht, die Sache mit dem Hängen hätten wir ein für allemal vorhin geklärt! Oder war ich nicht deutlich genug?“

Der Blick des Kirchendieners wurde finster.

„Doch, Sir, das waren Sie.“

Er nickte widerwillig. „Ich muss an Jenkins denken“, erklärte er. „Und an Cromer und Robinson.“

Äußerlich schien es, als würde es Malcolm kaltlassen, was um ihn herum geschah.

Schließlich konnte es ihm ja eigentlich auch gleichgültig sein, an welchen Baum man ihn hängen würde.

Aber wenn er näher darüber nachdachte, musste er sich eingestehen, dass er sehr viel mehr an der ihm noch bleibenden Zeit hing.

Solange er noch lebte, solange er noch atmete, war noch nicht alles zu Ende.

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Als sie einige Stunden später Three Little Rocks erreichten, entstand sofort ein Menschenauflauf.

Die Bürger der Stadt begannen zu jubeln, als sie hörten, wie die Entführung beendet worden und der einzig überlebende Täter gefasst worden war.

Dann sahen sie, dass zwei aus ihren Reihen – Cromer und Robinson – dafür ihr Leben hatten lassen müssen.

Die anfängliche Freude schlug daraufhin in Wut um.

„Hängt den Mann auf!“

„Warum habt ihr ihn nicht gleich über den Haufen geschossen?“

„An den Galgen mit ihm!“

Malcolm saß fast apathisch im Sattel und sah in die hasserfüllten Gesichter der Bürger von Three Little Rocks.

Aus diesen Gesichtern traten die Augen unnatürlich hervor, die Münder waren weit aufgerissen oder grimmig zusammengepresst. Es waren Fratzen geworden.

Einige der Männer versuchten, zu dem Gefangenen zu gelangen und ihn vom Pferd zu reißen.

Brooks und die anderen Mitglieder des heimgekehrten Suchtrupps ließen dies tatenlos geschehen, denn es war durchaus in ihrem Sinn, was dort geschah.

Dann feuerte Ed Norman einen Warnschuss in die Luft ab.

Jene, die eben noch so lauthals nach der Lynchjustiz gerufen hatten, wichen jetzt schweigend zurück, aber ihre Gesichter waren noch immer von Grimm gezeichnet.

Sie wollten, dass Malcolm schon im nächsten Moment am Galgen baumelte.

Sie wollten, dass er für das bezahlte, was einigen aus ihren Reihen widerfahren war.

„Hört mir zu, Leute!“, rief Ed Norman. „Ich bin euer Sheriff und damit verantwortlich für die Durchführung von Recht und Gesetz in Three Little Rocks! Ihr selbst, die Bürger, habt mich dazu gewählt!“

„Entspricht es vielleicht nicht Recht und Gesetz, wenn dieser Mann aufgehängt wird?“, rief jemand aus der Menge.

„Jawohl!“, rief eine andere Stimme. „Hängt ihn!“

„Wir werden warten müssen, bis der Richter kommt“, erklärte Norman. „Bis dahin ist er mein Gefangener, und ich werde nicht dulden, dass ihn jemand anrührt.“

Die Menge antwortete ihrem Sheriff mit Schweigen.

Es war ein eisiges Schweigen.

Aber für den Moment machte es den Eindruck, als habe Norman gewonnen.

Seltsam!, kam es Malcolm in den Sinn. Eben noch haben sie mich gejagt wie ein Tier, jetzt beschützen sie mich – nur, um mich später dem Henker auszuliefern.

Darin schien keinerlei Vernunft zu liegen, fand Malcolm.

Keine Logik.

Aber im Augenblick kümmerte ihn das wenig.

Er klammerte sich an das bisschen Leben, das er noch hatte. Jede Minute davon erschien ihm mit einemmal wertvoller als die gesamte Beute, die er mit Field und Harris in Rawlins gemacht hatte.

An der Theke von Buddy Silverman’s Saloon standen ein paar Männer.

Aber die Stimmung war nicht so wie sonst.

Draußen begann es bereits dunkel zu werden, und Brooks hatte unterdessen schon öfter ins Whiskyglas geschaut, als gut für ihn war.

„Es ärgert mich, dass dieser Halunke noch lebt!“, brummte er, wobei er dem Barkeeper bedeutete ihm nachzuschenken. „Der sitzt jetzt in seiner Zelle, lebt, atmet, bekommt zu essen – aber Deputy Jenkins ist tot.“

„Robinson und Cromer werden auch nicht mehr hier bei uns an der Theke stehen!“, warf jemand anderes ein.

Er hieß Parsons und war der Besitzer des hiesigen Mietstalls. Er war ein vierschrötiger Mann mit roten Haaren und angriffslustigen Augen.

Er trug eine lange Schaffellweste, die ihm bis über die Hüften reichte.

Das Revolverhalfter trug er darüber gegurtet.

„Bei Gott, ich verstehe den Sheriff nicht!“, sagte er. „Ed Norman hat jahrelang mit Jenkins zusammengearbeitet, und dann kommt einer daher, bläst ihn einfach um, und es scheint ihn kaum zu kümmern.“ Parsons schüttelte noch einmal den Kopf, bevor er das dicke Bierglas zum Munde führte.

Die anderen Männer, die mit ihm an der Theke standen, nickten zustimmend.

„Bis der Richter kommt, kann es noch Wochen dauern!“, meinte Brooks.

„Ihr wisst doch noch, wie es war, als so ein Herumtreiber – ich haben seinen Namen vergessen – Shellys Hühnerfarm angezündet hat.“

„Richtig!“, ergänzte Parsons. „Damals hat es drei Wochen gedauert, bis der Richter endlich kam, um den Mann abzuurteilen. Die Verhandlung hat hier stattgefunden. Hier, bei Buddy Silverman.“

Randolphs, der ebenfalls bei ihnen an der Theke stand, runzelte die Stirn.

„Hieß dieser Herumtreiber nicht Eliott?“

„Richtig!“, meinte Parsons. „Eliott hieß er.“

„Wenn ich mich recht entsinne“, fuhr Randolphs fort, „bekam er nachher mildernde Umstände zugesprochen, weil er besoffen gewesen war.“ Brooks, der Kirchendiener, schlug mit der flachen Hand auf den Schanktisch.

„Seht ihr, Leute!“, rief er ironisch. „Das ist Gerechtigkeit! Henderson war ruiniert, aber dieser Herumtreiber bekam mildernde Umstände!“ Bevor er fortfahren konnte, musste er aufstoßen. Der Whisky begann, seinen Tribut zu fordern.

„Die Welt ist schlecht“, meinte Parsons. „Daran können wir auch nicht viel ändern.“

Brooks’ Gesicht wurde finster.

„Doch“, murmelte er. „Das können wir!“

„Hey, was meinst du damit, Kirchendiener?“, fragte Randolphs.

„Es gibt keine andere Möglichkeit!“, erklärte Brooks. „Wir müssen zur Selbsthilfe greifen ...“

„Das heißt ...“, setzte Randolphs an. Aber er sprach es nicht aus.

„Richtig!“, meinte Brooks. „Wenn der Sheriff ihn nicht hängen will, dann müssen wir es eben selbst tun!“

„Jawohl!“, rief jemand anderes.

Und eine andere Stimme meinte: „Wir haben zwar nicht gerade viele Bäume in Three Little Rocks, aber einen werden wir schon finden, der für diesen Mann passt!“

„Hey, Leute, da kommt der Doc! Wollen wir mal hören, was er dazu sagt!“, schlug Parsons vor.

Dr. Andrews hatte die Schwingtüren passiert und stellte sich zu den anderen Männern an die Theke.

Er hatte sofort gespürt, dass dies kein Abend wie jeder andere war.

„Doc, Sie waren in der Gewalt dieser Banditen“, begann Brooks.

Dr. Andrews nickte und ließ sich vom Barkeeper einschenken.

„Ja, das ist richtig“, bestätigte er. „Eine Kugel hatte einen von ihnen erwischt, ich sollte ihn retten. Aber es gab keine Rettung mehr.“ Brooks musste erneut aufstoßen.

Seine Augen waren glasig geworden.

„Doc, was halten Sie davon, dass der Sheriff den Kerl, den wir geschnappt haben, noch wochenlang in seinem Gefängnis durchfüttern will, anstatt ihn gleich am nächsten Baum aufzuhängen, was der Gerechtigkeit entsprechen würde?“

Der Doc zuckte mit den Schultern.

„Ed Norman hat keine andere Wahl“, antwortete er schließlich. „Ed Norman hält sich nur an die Gesetze.“ Dr. Andrews führte seinen Drink zum Mund, und als er ihn wieder abgesetzt hatte, fügte er noch hinzu: „Ich meine, es ist doch das Mindeste, dass wenigstens der Sheriff sich an die Gesetze hält.

Meint ihr nicht auch?“

„Möchten Sie noch was, Doc?“, fragte der Barkeeper, als er das leere Glas des Doktors sah. Dieser verneinte mit einer knappen Handbewegung.

Dann wandte er sich zum Gehen.

„Hey, Doc, wollen Sie nicht noch ein bisschen bleiben?“, rief ihm Parsons hinterher.

Dr. Andrews blieb kurz stehen und schüttelte den Kopf.

„Vielleicht ein anderes Mal“, murmelte er.

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Ich denke, ich werde heute Abend noch zurück nach Rawlins reiten“, erklärte John Matthews, während er zusammen mit Ed Norman bei einer heißen Tasse Kaffee im Sheriffbüro von Three Little Rocks saß. „Was macht unser Freund Malcolm?“

„Er verhält sich ruhig“, erwiderte Norman nachdenklich. Dann setzte er hinzu: „Ich werde einen neuen Deputy benennen müssen.“ Matthews nickte.

„Hast du schon eine Idee, wer dafür in Frage käme, Ed?“ Norman zuckte mit den Schultern.

„Für Jenkins gibt es keinen gleichwertigen Ersatz“, murmelte er. „Jedenfalls fällt mir im Moment niemand ein.“

Dann klopfte es.

Die Tür ging auf, und Dr. Andrews trat ein.

„Entschuldigen Sie, dass ich noch störe, Gentlemen ...“

„Sie stören nicht, Dr. Andrews“, entgegnete Norman. „Haben Sie sich inzwischen von letzter Nacht etwas erholt?“

Der Doc winkte ab.

„Halb so wild“, meinte er. „Sheriff, ich bin hier, um Sie zu warnen!“ Norman runzelte die Stirn.

„Warnen? Wovor?“

„Brooks und ein paar andere verbreiten eine üble Stimmung im Saloon. Sie hetzen die Leute auf.“

„Ach, machen Sie sich keine Sorgen, Doc! Brooks ist ein Hitzkopf, das gebe ich zu – aber er ist auch ein Maulheld, der zwar große Sprüche klopfen kann, ihnen aber nur selten auch Taten folgen lässt!“

„Sie wollen den Gefangenen lynchen, Sheriff. Vielleicht bleibt es nur bei dem Gerede von ein paar Männern, die etwas mehr Whisky zu sich genommen haben als gut für sie ist, vielleicht aber auch nicht ... Ich dachte mir, ich sage Ihnen lieber Bescheid.“

„Ich danke Ihnen, Doc. Das war sehr freundlich von Ihnen.“ Dr. Andrews nickte.

„Nichts für ungut. Ich werde dann wieder gehen.“

„Wiedersehen, Doc!“

„Ich würde das an deiner Stelle nicht auf die leichte Schulter nehmen, Ed“, meinte John Matthews, als Dr. Andrews gegangen war.

Aber der Sheriff von Three Little Rocks winkte ab.

„Ach, dieser Brooks redet viel, wenn der Tag lang ist!“

„Ed, du hast keinen Deputy mehr, du bist völlig auf dich selbst gestellt!“

„Das macht mir nichts aus, John.“

„Soll ich nicht vielleicht besser die Nacht über hierbleiben?“ Ed Norman überlegte einen Moment, zog die Augenbrauen hoch und schüttelte dann energisch den Kopf.

„Nein, John, das ist sehr nett von dir, aber ich denke, dass das nicht nötig sein wird.“

„Es würde mir wirklich nicht das Mindeste ausmachen.“

„Ich weiß, John. Aber ich denke, ich komme schon zurecht. Es wird selten so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“

„Ich hoffe, du behältst recht.“

Matthews trank seinen Kaffee aus. Es wurde für ihn langsam Zeit, sich auf den Weg zu machen.

Von draußen waren Stimmen zu hören.

Ed Norman trat ans Fenster und blickte hinaus.

„Was gibt es?“, erkundigte sich Matthews.

„Es ist dieser Hundesohn Brooks mit einer Gruppe von Männern. Einige scheinen etwas alkoholisiert zu sein.“

„Der Doc hat dich gewarnt, Ed.“

„Ich werde hinausgehen und fragen, was sie wollen!“ Matthews lachte zynisch. „Dreimal darfst du raten, Ed!“ Er nahm zwei der Winchester aus dem Gewehrständer und warf Norman eine davon zu. „Hier!“, meinte er. „Nimm das!“ Norman zuckte mit den Schultern.

Dann öffnete er die Tür, und sie traten beide nach draußen.

Ein gutes Dutzend Männer aus der Stadt – allen voran Brooks, der Kirchendiener – empfing sie mit einem aggressiven Stimmengewirr.

Norman hob die Hand, um sich Gehör zu verschaffen.

„Was liegt an, Leute? Was regte euch so auf?“

Das Stimmengewirr verebbte langsam, die Männer wurden still.

„Sag du es, Brooks!“, rief jemand.

„Ja, Brooks soll für uns sprechen!“

Norman musterte die Gruppe eingehend. Ihre Gesichter waren hasserfüllt, manche von ihnen hielten Whiskyflaschen in den Händen, und alle waren sie bewaffnet. Er trat etwas vor und wandte sich an Brooks, dessen Kopf hochrot angelaufen war.

„Also, Brooks, was gibt es?“

„Der Gefangene soll gehängt werden!“, presste der Kirchendiener hervor.

„Wir alle“, – er deutete auf die anderen Männer, die mit ihm gekommen waren –, „sind dafür, dass mit dem Kerl kurzer Prozess gemacht wird!“

„Jawohl!“, rief ein bärtiger Mann, dessen Hutkrempe ziemlich zerfranst war. „Hängt ihn auf! Er hat es weiß Gott nicht anders verdient!“ Norman kannte den Mann, es war Aaron Jenkins, der Bruder des erschossenen Deputy.

„Aaron“, sagte der Sheriff. „Aaron, glaub mir, ich verstehe dich!“

„Wirklich?“, fragte Aaron Jenkins mit sarkastischem Unterton.

„Aber ja, Aaron!“, rief Norman beschwörend. „Dein Bruder und ich, wir standen uns sehr nahe. Er war ein Mitarbeiter, auf den man sich absolut verlassen konnte. Wir haben eine Menge zusammen erlebt – das schweißt zusammen. Ich verstehe dich also sehr gut in deinem Zorn auf diesen Mann!“

„Dann häng ihn auf!“, schrie Aaron Jenkins bitter.

Und andere fielen begeistert in den Chor ein: „Hängt ihn auf! Hängt ihn auf!“

„Ruhe, Leute!“, rief Norman.

Die Männer schwiegen und sahen erwartungsvoll auf ihren Sheriff. „Ich muss mich an die Gesetze halten“, sagte dieser. „Genau, wie man es von euch auch erwartet.“

„Pah!“, machte Brooks.

Aber Norman ließ sich davon nicht beeindrucken.

Er fuhr ruhig fort: „Ihr alle seid ehrbare Bürger. Jeder von euch.“

„Aufhören mit dem Gerede, Norman!“, rief Brooks.

Und auch Parsons meldete sich.

„Jawohl, hören Sie auf zu reden, Sheriff! Handeln wir endlich!“ Die Männer traten ein paar Schritte nach vorn.

Die Gewehre wurden fester gehalten, die Hände waren in der Nähe der Colts.

„Wir werden ihn uns jetzt holen“, sagte Brooks. „Und ich denke, es ist besser, wenn Sie nichts dagegen unternehmen, Sheriff Norman!“ Norman feuerte mit der Winchester einen Warnschuss in den Staub, der die Mänr in ihrem Vormarsch stoppen ließ.

„Keinen Schritt weiter!“, sagte er unmissverständlich.

„Norman!“, erwiderte Brooks. „Zwingen Sie uns nicht dazu, Ihnen etwas anzutun. Sie haben gegen uns keine Chance!“

„Das ist richtig!“, erwiderte der Sheriff. „Aber denjenigen, der sich als nächster in meine Richtung bewegt, blase ich um! Ihr wisst also, welches Risiko ihr eingeht!“

Die Männer wechselten unsichere Blicke.

Der Mut, den sie wenige Augenblicke zuvor noch so sehr zur Schau gestellt hatten, schien sie auf einmal verlassen zu haben.

Brooks ballte die Fäuste.

Aber er war ohnmächtig.

„Geht nach Hause, Männer!“, sagte Ed Norman.

Er versuchte, einen versöhnlichen Ton in seine Stimme zu legen.

Die Antwort war ein unentschlossenes Murren.

Einige der Männer wandten sich zum Gehen.

Norman atmete auf.

Bevor Aaron Jenkins, der Bruder des toten Deputy, sich abwandte, machte er eine Geste, die Verachtung signalisieren sollte, und spuckte aus.

„Ich glaube nicht, dass Sie mich wirklich verstehen – Sheriff!“, setzte er schließlich noch hinzu.

Es dauerte nicht lange, und nur Brooks stand noch mit finsteren Zügen da, das Gesicht vom Whisky hochgerötet, und stieß einen Schwall von Verwünschungen und unflätigen Beschimpfungen an Normans Adresse aus.

„Schon gut“, meinte Norman dazu, ohne sich auch nur im geringsten davon provozieren zu lassen. „Es waren wohl doch ein paar Gläser zuviel! Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie Ihren Rausch aus, Brooks! Glauben Sie mir, morgen sieht die Welt schon ganz anders aus!“ Als schließlich auch Brooks davontrottete, wobei er die Körperhaltung eines Hundes hatte, dem eine Tracht Prügel verpasst worden war, meinte Matthews an Norman gewandt: „Ich glaube nicht, dass die Sache damit ausgestanden ist.“

„Nein?“

„Nein.“

„Ich glaube schon“, meinte Norman. „Weißt du, John, ich kenne jeden einzelnen von ihnen. Sie sind allesamt brave, biedere Bürger.“ Matthews nickte.

„Jeder einzelne von ihnen vielleicht. Aber in der Gruppe sind sie zu Dingen fähig, die sie einzeln nie tun würden. Ich kann dich nur nochmals warnen, Ed.“

Ed Norman zuckte mit den Schultern.

Sie gingen zurück ins Sheriff-Büro.

„Was willst du machen, Ed, wenn die Meute zurückkommt? Willst du die ganze Nacht hier Wache halten?“

„Was schlägst du vor, John?“ Dann grinste Norman plötzlich. „Vielleicht wäre es doch kein so schlechter Gedanke, wenn du die Nacht hierbleiben würdest.“

Matthews nickte.

„Ja, das stimmt. Aber ich wüsste noch etwas Besseres.“ Norman zog die Brauen in die Höhe.

„Wovon sprichst du?“

„Wenn ich heute Abend nach Rawlins zurückreite, werde ich den Gefangenen mitnehmen“, erklärte Matthews seinen Plan. „In der Dunkelheit wird es kaum Aufsehen erregen.“

Ed Norman legte nachdenklich die Stirn in Falten.

„Dieser Mann ist ein Profi“, meinte er. „Und er hat nichts mehr zu verlieren.“

Aber Matthews winkte ab.

„Ich werde schon mit ihm fertig. Keine Sorge, Ed!“

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Malcolm schreckte aus dem Halbschlaf auf, als Matthews den Schlüssel im Zellenschloss herumdrehte und die Tür öffnete.

Matthews warf dem Gefangenen eine alte Jacke und einen Hut hin.

„Hier“, sagte er. „Ziehen Sie das an!“

„Was soll das?“, fragte Malcolm.

„Wir machen eine kleine Reise“, erklärte Matthews. „Und wenn Sie am Leben bleiben wollen, dann sollten Sie das überziehen. Sie fallen sonst zu sehr auf.“ Matthews grinste. „Es wird Ihnen sicher nicht entgangen sein, dass in dieser Stadt ein paar Leute nicht gut auf Sie zu sprechen sind!“ Malcolm nickte.

„Wohin reiten wir?“

„Nach Rawlins. Ich denke, das ist auch in Ihrem Interesse, Malcolm.“ Der Gefangene lachte heiser.

„Was würde Sie daran stören, wenn diese lynchwütigen braven Bürger mich am nächsten Baum aufhängen würden?“

„Es kann Ihnen genügen, dass ich was dagegen habe“, entgegnete Matthews kühl. „Beeilen Sie sich jetzt. Wir haben nicht viel Zeit.“ Ed Norman kam jetzt mit Handschellen hinzu.

„Binde ihm die Hände vorn zusammen, Ed. Nicht nach hinten, das wäre zu auffällig.“

Als Norman mit ihm fertig war, trat Matthews dicht an den Gefangenen heran.

„Ich warne Sie eindringlich, Malcolm. Ich bin ziemlich schnell mit dem Revolver. Bei der geringsten verdächtigen Bewegung sind Sie ein toter Mann. Haben wir uns verstanden?“

Malcolm nickte.

„Absolut, Sir.“

Sie führten den Gefangenen vom Zellentrakt durch das Sheriffbüro nach draußen.

Zwei gesattelte Pferde waren dort an einem Pflock angebunden.

Die einsetzende Nacht hatte den Himmel graublau gefärbt.

In den benachbarten Häusern hatte man bereits Licht gemacht.

„Ziehen Sie sich den Hut ins Gesicht, Malcolm!“, befahl Matthews. „Und schlagen Sie den Kragen der Jacke hoch!“

Der Gefangene gehorchte, so gut das mit gefesselten Händen möglich war.

Dann bestiegen sie die Pferde.

„Mach’s gut, Ed. Ich hoffe, du bekommst heute Abend keinen Besuch mehr.“

Norman lachte.

„Bis zum nächsten Mal, John!“

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Nachdem Matthews mit dem Gefangenen davongeritten war, saß Norman noch eine Weile im Büro.

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und legte die Füße auf den Schreibtisch.

Dann nickte er etwas ein.

Es war ein anstrengender Tag gewesen.

Als er schließlich durch lautes Stimmengewirr wieder geweckt wurde, hätte er unmöglich sagen können, wie viel Zeit vergangen war.

Jemand klopfte aufgeregt an der Tür.

„Norman! Aufmachen!“, rief eine Stimme.

Es war Brooks.

Norman nahm augenblicklich die Füße vom Tisch und fuhr mit der Hand zum Revolver, aber da war die Tür bereits aufgegangen und der Sheriff sah einige Gewehrläufe auf sich gerichtet.

„Schön sitzenbleiben!“, sagte Aaron Jenkins. „Wir wollen nichts von Ihnen, Sheriff. Wir wollen nur den Kerl, der meinen Bruder umgebracht hat. Mehr nicht. Er soll seine gerechte Strafe bekommen!“ Norman antwortete nicht.

Langsam nahm er die Hand wieder von der Hüfte.

Er warf einen verstohlenen Blick zur Wanduhr neben dem Gewehrständer und hoffte, dass Matthews mit dem Gefangenen in der Zwischenzeit ein gutes Stück des Weges nach Rawlins hinter sich gebracht hatte.

„Er hängt am Haken – dort drüben!“, gab Norman bereitwillig Auskunft.

Brooks nahm hastig den Schlüssel vom Haken und stürmte nach nebenan, zur Gefängniszelle.

„Er ist weg!“, schrie er wenig später. „Das Schwein ist weg!“ Er kam mit geweiteten Augen und verzerrtem Gesicht zurück und schrie es Norman noch einmal ins Gesicht. „Er ist weg! Verstehen Sie mich, Sheriff?“

Norman nickte kühl.

„Was Sie nicht sagen, Brooks.“

Der Kirchendiener packte den Sheriff beim Kragen.

Er holte Luft, um etwas zu sagen, aber es kam nichts über seine Lippen. Er war zu sehr erregt.

Statt dessen sagte Norman etwas.

„Lassen Sie mich besser los, Brooks!“

Er wechselte mit dem Kirchendiener einen vielsagenden Blick.

„Ich werde Ihnen das nicht zweimal sagen!“

Brooks blickte auf seine kräftigen Hände, die sich in Normans Hemdkragen verkrallt hatten. Es dauerte noch einen kurzen Augenblick, dann ließ er los.

„Sagen Sie mir verdammt noch mal, wo der Kerl ist!“, fand der Kirchendiener schließlich seine Worte wieder. „Wo haben Sie ihn versteckt?“

„Versteckt?“ Norman grinste. „Dreimal dürfen Sie raten!“ Brooks ballte die Fäuste.

Aaron Jenkins packte ihn noch rechtzeitig am Arm.

„Ruhig, Brooks. Das bringt doch nicht!“

„Aber ...!“

„Köpfchen gebrauchen!“, empfahl Jenkins. „Überlegt doch mal, Leute.

Matthews ist nicht mehr da. Er wird den Gefangenen mitgenommen haben.“

„... um ihn klammheimlich im Gefängnis von Rawlins einzubuchten!“, vollendete Parsons. „Ist es das, was du meinst, Aaron?“ Aaron Jenkins nickte.

„Genau das!“ Er blickte zu Norman. „So ist es doch, nicht wahr, Sheriff?“ Norman sagte nichts, sein Gesicht war wie versteinert.

„Los, Leute!“, rief Brooks. „Vielleicht holen wir ihn noch ein!“

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Was empfinden Sie dabei?“, fragte Malcolm seinen Bewacher. „Was empfinden Sie dabei, einen Mann vor seinen Mördern zu retten, von dem Sie wissen, dass seine Tage ohnehin gezählt sind?“

„Ich weiß es nicht!“, erwiderte Matthews.

Und das war die reine Wahrheit.

Dieser Weg von Three Little Rocks nach Rawlins ist vielleicht meine letzte Chance!, dachte Malcolm.

Vielleicht ergab sich eine Gelegenheit zu fliehen.

„Warum tun Sie das?“, fragte er dann an den Sheriff gewandt. „Weshalb treiben Sie soviel Aufwand mit mir?“

Matthews antwortete nicht, sondern fuhr im Sattel herum.

Die Hand griff nach dem Revolver.

Von hinten drang Pferdegetrappel an ihre Ohren.

Und Stimmen.

„Das werden die braven Bürger von Three Little Rocks sein“, meinte Malcolm. „Nicht wahr?“

Matthews nickte.

„Das steht zu befürchten.“

„Sehen Sie die Baumgruppe da vorne?“

„Sie ist nicht zu übersehen.“

„Dort werden wir uns verbergen. Kommen Sie, Malcolm.“ Als sie nach wenigen Augenblicken die Baumgruppe erreichten, zügelte Matthews sein Pferd und stieg aus dem Sattel. Dann forderte er den Gefangenen auf, es ihm gleich zu tun.

„Denken Sie immer daran, Malcolm. Ich bin Ihre Lebensversicherung! –

Einstweilen jedenfalls.“

Malcolm lachte freudlos.

„Ja“, erwiderte er. „Und später mein Totengräber!“ Sie banden die Pferde an einem Ast an und verbargen sich im Unterholz.

Die Verfolger waren jetzt herangekommen.

Matthews konnte ihre Gesichter nicht sehen, aber er hörte Brooks’

großspuriges Gerede.

„Wenn wir Glück haben, reiten sie einfach vorbei ...“, murmelte der Sheriff

– mehr zu sich selbst als zu seinem Gefangenen.

Matthews starrte wie gebannt in die Dunkelheit – in jene Richtung, aus der die Reiter herankamen.

Diesen Augenblick, in dem Matthews seine Aufmerksamkeit voll auf die herannahenden Reiter konzentriert hatte, nutzte Malcolm.

Er nahm seine beiden, mit Handschellen aneinander geketteten Hände zu einer Kugel zusammen, holte kurz aus und traf den Sheriff mit einem kräftigen Schlag am Hinterkopf.

Matthews sackte benommen in sich zusammen, so dass Malcolm ihm den Revolver abnehmen konnte.

In diesem Moment waren die Reiter heran.

„Hey! Da vorne bewegt sich doch etwas!“, rief jemand.

Malcolm zögerte keine Sekunde. Er feuerte den Revolver des Sheriffs ab.

Jemand schrie und stürzte vom Pferd.

Malcolm hetzte zu der Stelle, an der die Pferde standen. Er keuchte.

Seine Verfolger schossen wild herum, die meisten Schüsse gingen weit daneben.

Hoffnung kam in Malcolm auf.

Er konnte es schaffen ...

Die Pferde!

Ich werde das vom Sheriff nehmen!, überlegte er. Bei Matthews’ Pferd steckte eine Winchester im Sattelhalfter, und die würde er im weiteren Verlauf seiner Flucht sicher noch gut gebrauchen können.

Malcolm gab noch einige Schüsse auf seine Verfolger ab, bis der Revolver leergeschossen war. Dann warf er ihn weg und stieg in den Sattel.

Unterdessen hatte Matthews sich von dem Schlag seines Gefangenen wieder etwas erholt. Er rappelte sich auf, blickte sich kurz um und sah Malcolm sein Pferd besteigen.

Ohne auf die Schüsse zu achten, die hin und wieder abgegeben wurden, rannte er los.

„Vorsicht!“, rief jemand. „Ich glaube, da läuft Matthews!“ Malcolm wollte dem Pferd gerade die Sporen geben, da hatte Matthews ihn erreicht, sprang ihn an, so dass er schwer zu Boden stürzte.

Sein Kopf kam hart auf einer knorrigen Baumwurzel auf.

Aus einer klaffenden Wunde floss Blut.

Malcolm rührte sich nicht mehr.

Seine vor Schreck geweiteten Augen waren erstarrt.

„Dort liegt er!“, sagte Matthews, nachdem er dem Toten die Augen geschlossen hatte. Dann blickte er in die Gesichter der braven Bürger von Three Little Rocks, in die Augen von Aaron Jenkins, Parsons, Brooks und den anderen, die mitgekommen waren, um das durchzusetzen, was sie für Gerechtigkeit hielten.

„Ich hoffe, ihr seid jetzt zufrieden, Leute“, murmelte er tonlos.

ENDE

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Der Galgenritt

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Ein Western von John F. Beck

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von P.R.Goodwin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappe

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Jesse White sitzt hinter Gittern. Er soll einen Spieler namens Hopkins erschossen haben. Dafür hat man ihn zum Tod durch den Strick verurteilt. In drei Tagen soll er hingerichtet werden. Obwohl er unschuldig ist. Aber niemand glaubt ihm. Nur Texas Ranger Tom Cadburn ahnt, wer wirklich hinter diesem Mord steckt. Zusammen mit Old Joe und dem Schwarztimer Sam sucht er eindeutige Beweise – und als er sie endlich gefunden hat, ist es fast zu spät. Denn der Zeitpunkt der Hinrichtung rückt erbarmungslos näher – und Tom und Old Joe stecken mittlerweile selbst in der Klemme ...

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Roman

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Laternenschein fiel in die Zelle. Der Schlüsselbund am Gürtel des Sheriffs rasselte. „Stehen sie auf, White!“

Der Gefangene schwang die Füße von der an der Lehmziegelmauer befestigten Pritsche. Er war ein kräftiger Mann mit knochigem Körperbau. Dunkelblonde Strähnen hingen ihm in die Stirn. In den tiefliegenden Augen glomm ein düsteres Feuer.

„Zum Teufel, was gibt’s? Wissen Sie eigentlich, wie spät ...“

Sein Blick erfasste die dunkel gekleidete Gestalt neben dem Sheriff von Dryhill. Kühle Augen musterten ihn. Die Glut einer kurzstieligen Pfeife beleuchtete ein scharfliniges Gesicht. Jesse White erhob sich. „Wer ist das? Was will der Bursche von mir?“

Der Dunkelgekleidete nahm die Pfeife aus dem Mund.

„Ich kam vorhin mit der Kutsche, die nach Amarillo weiterfährt. Ich bin der Henker. Ich wollte Sie sehen, White, bevor ich mich im Hotel einquartiere. In vier Tagen ist es schließlich soweit.“

Die Stimme klang freundlich. Die kühlen Augen taxierten Jesse Whites Größe, Gewicht und die Art, wie er sich bewegte. White starrte ihn an. Einige Sekunden wirkte die Szene versteinert. Auf der Stirn des bulligen Sternträgers glänzten Schweißtropfen. Dann war White mit einem Satz am Zellengitter, packte die Eisenstäbe und rüttelte daran.

„Raus!“, brüllte er. „Scheren Sie sich zum Teufel, Mann! Mir wird schon schlecht, wenn ich Sie bloß anschaue! Raus, verdammt noch mal, raus, raus!“

Er warf sich wie ein eingesperrtes wildes Tier gegen die Gitterstäbe, zerrte und rüttelte an ihnen, dass seine Halsmuskeln vor Anstrengung hervortraten. Die Männer bewegten sich keinen Zoll. Der Dunkelgekleidete paffte gelassen.

„Reißen Sie sich zusammen, White!“, befahl der Sheriff, die Hand am Colt.

„Ich bin unschuldig!“, tobte der Gefangene. „Ich habe Hopkins nicht getötet!“

„Du lieber Himmel, fangen Sie nicht wieder damit an! Ihre Schuld ist einwandfrei bewiesen!“

„Alles Lüge! Ich bin Hopkins nur nachgeritten, weil ich die fünfhundert Bucks wiederhaben wollte, die ich beim Pokern an ihn verlor. Der verdammte Kartenhai hatte mich reingelegt. Ich bin erst hinterher draufgekommen, dass er mein jeweiliges Blatt im Spiegel sehen konnte, der über Wilsons Bar hängt. Als ich Hopkins fand, war er bereits tot!“

„Worauf Sie, als Sie gemerkt haben, dass wir Ihnen folgten, prompt die Flucht ergriffen“, knurrte der Gesetzeshüter. „Wenn Cadburn, der Ranger, Sie nicht geschnappt hätte, säßen Sie jetzt bei guten Freunden in Mexiko statt in der Todeszelle.“

„Ich hab’ keine Freunde in Mexiko. Ich wollte Hopkins’ wirklichen Mörder erwischen. Seine Spur war noch ganz frisch. Aber für Sie und Cadburn war die Sache ja klar, obwohl Hopkins mit ’ner Winchester erschossen wurde, ich aber nur ’nen Revolver besaß.“

„Mann, White, das haben Sie alles schon dem Richter und der Jury erzählt“, seufzte der Sheriff. „Niemand außer Ihnen hatte ’nen Grund, den Kartenhai ins Jenseits zu befördern. Und wir haben ja auch die Mordwaffe, die Winchester, gefunden. Kingman hat beobachtet, dass Sie das Gewehr mitnahmen, als Sie die Stadt verließen, um Dave Hopkins das verspielte Geld abzuknöpfen. Das hat Bill Kingman vor Gericht beschworen.“

„Kingman lügt!“

„Warum sollte er?“, meldete sich die Stimme eines weiteren Besuchers vom Eingang zum Zellentrakt.

Whites Kopf ruckte. Seine Augen weiteten sich zuerst, dann vereiste seine Miene. Der Pfeife rauchende Henker beobachtete ihn interessiert. Nur Whites um die Gitterstäbe gekrampfte Fäuste verrieten noch den inneren Aufruhr.

„Weil du ihn dafür bezahlt hast, Roy!“, stieß er hervor.

Roy Lansford blieb auf der Schwelle stehen. In dem eleganten weißen Anzug sah der schlanke, dunkelhaarige Mann wie ein Plantagenbesitzer aus Südamerika aus. Sein weißer Stetson hatte gewiss den Monatslohn eines gewöhnlichen Weidereiters gekostet. Und der Ring an seiner nervigen Rechten war ein Vermögen wert. Das glattrasierte Gesicht wirkte bekümmert. Die Augen zeigten jedoch keinen Anteil daran. Im Schein der Laterne, die der Sheriff hielt, glänzten sie wie Basaltsplitter.

„Du bist verrückt, Jesse, wenn du dir einbildest, ich wollte dich aus dem Weg räumen! Noch dazu auf diese teuflische Weise! Jedermann weiß, dass das Frachtunternehmen, das wir in den vergangenen fünf Jahren gemeinsam aufgebaut haben, genug abwirft, um sogar noch ’nen dritten Teilhaber ins Geschäft zu nehmen.“

„Nicht genug für dich, Roy! Ich bin verdammt spät, zu spät, dahintergekommen, dass du zu denen gehörst, die nie genug kriegen.“

„Ich wollte dich eigentlich fragen, Jesse, ob ich noch irgendwas für dich erledigen kann.“

„Kannst du!“, knirschte White. „Schaff zum Beispiel Scott McBride her, der am Tag, nachdem Cadburn mich ins Jail gesteckt hat, seinen Job als Revolvermann der Lansford-White Company an den Nagel hängte und aus Dryhill verschwand.“

„Was willst du damit sagen?“

„Dass möglicherweise die Spur, die ich bei Hopkins fand, von McBride stammt.“ Der Gefangene presste sein Gesicht ans Zellengitter. „Hast du keine Angst, Roy, dass er und Bill Kingman dich erpressen könnten?“

„Du bist ja wirklich völlig durchgedreht, Jesse!“ Lansford sah den Sheriff an. „Ich wusste nicht, dass Sie so spät noch Besuch haben, Larkin. Ich wollte nicht stören. Ich hatte gehofft, dass Jesse inzwischen vernünftig geworden ist. Wenn er irgendwas braucht, wenn ich irgendwas für ihn tun kann; dann geben Sie mir trotz allem Bescheid. Ich wünschte...“

Er brach achselzuckend ab und verabschiedete sich mit einem „Gute Nacht, Gentlemen!“

„Lump! Mörder!“, schrie.White ihm nach. Dann: „Sheriff, wenn Sie nur ’nen Funken Verstand unter Ihrem Skalp hätten, wüssten Sie, dass da der Mann geht, der in Wahrheit Hopkins auf dem Gewissen hat! Sie und Cadburn; ihr werdet euch noch verfluchen, wenn sich rausstellt, dass ihr ’nen Unschuldigen an den Galgen gebracht habt! Der Teufel soll euch holen!“

Mit stampfenden Schritten kehrte er zur Pritsche zurück, legte sich, die Hände unterm Kopf, auf sie und starrte zur Decke empor. „Passen Sie gut auf ihn auf, Sheriff“, mahnte der Henker, die Pfeife im Mund. „Der Bursche ist gefährlich. Ich möchte, dass Sie ihn am Morgen des Vierzehnten in Ketten vorführen. Das war’s für heute. Gehen wir.“

*

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DAS ENDE DER FÄHRTE“, murmelte Tom Cadburn.

Sein Blick wanderte von dem toten Pferd zu den Felsen am Hang, zwischen denen Scott McBrides Fußabdrücke verschwanden. Da und dort glänzten eingetrocknete Blutflecken. Fliegen krabbelten auf dem Fell des Braunen. Er wies keine Verletzung auf. Aber die Nüstern waren schaumverklebt, die Augen hervorgequollen. McBride hatte den Wallach zu Tode geritten. Das Tier trug noch den Sattel. Die Winchester war unter den schweren Körper geklemmt.

Tom presste die Lippen zusammen. Auch wenn der ehemalige Revolverschwinger der Lansford-White Company gemerkt hatte, dass er und Old Joe sich auf seine Fährte geheftet hatten, konnte das nicht der Anlass für eine solche Panikreaktion sein. Es war heiß und still. Keine Wolke trübte das stahlblaue Firmament. Die Luft über den Talrändern flimmerte.

Old Joe wischte sich mit einem großkarierten Tuch den Schweiß von der Stirn. Sein Reittier, von manchen Zeitgenossen als das „hässlichste Reittier der Welt“ bezeichnet, döste mit gesenktem Kopf. Toms Blauschimmelhengst bewies weniger starke Nerven. Schnaubend protestierte er gegen ein längeres Verweilen neben McBrides totem Pferd. Der Fünfte im Bunde, Sam, glänzte durch Abwesenheit. Die Hitze und die anstrengenden Meilen, die bereits hinter ihnen lagen, hatten den Halbwolf nicht davon abgehalten, der frischen Spur eines Antilopenrudels nachzusetzen. Tom brauchte sich deshalb keine Gedanken zu machen. Sam war Selbstversorger und ein leidenschaftlicher Jäger obendrein. Irgendwann würde er ganz selbstverständlich wieder zu ihnen stoßen.

Im Moment konzentrierte sich der blonde Texas Ranger auf die halb verfallene Adobehütte am Rand des Talkessels. Außer der Hütte gab es noch ein paar morsche Korralpfosten, einen eingestürzten Ziehbrunnen und die mit Fettholzstauden überwucherten Trümmer eines Schuppens. Es war kein Platz zum Siedeln. Der Gluthauch des nahen Llano Estacado lastete auf den zerklüfteten Höhen ringsum. Vielleicht hatten Mustangfänger oder Gesetzlose eine Zeitlang hier gehaust.

„Was meinst du, Amigo?“, wandte sich Tom an seinen dachsbärtigen Gefährten.

Old Joe kniff die Augen zusammen. „Ich glaub nicht, dass McBride es bis zur Hütte geschafft hat. Wahrscheinlich wartet er da vorn zwischen den Felsen mit der Kanone auf uns.“

„Dann würden wir kaum mehr so ruhig im Sattel sitzen. Sehen wir nach. Bleib hinter mir und pass gut auf.“

„Kann mich nicht erinnern, dass ich jemals was anderes getan hab, als auf dich aufzupassen.“ Der Alte zog die Winchester aus dem Scabbard. Das Schnappen des Repetierbügels veranlasste Clara, das Maultier, den Kopf zu drehen und scheinbar hämisch grinsend die gelben Zähne zu blecken.

Tom ritt mit der Hand am Colt auf die Felstrümmer zu. Seine Haltung war angespannt. Der Hengst bewegte sich federnd. Mann und Pferd waren eine zur blitzschnellen Aktion bereite Einheit. Dann nahm der Schatten der Felsblöcke sie auf. Er brachte keine Kühlung. Tom blickte zurück. Old Joe folgte ihm mit schussbereitem Gewehr im Abstand von zwanzig Yard.

Es gab Leute, die den Alten mit dem komischen Hut, dessen Krempe vorn hochgebogen war, und den klobigen Kavalleriestiefeln für eine Witzfigur hielten. Aber nur so lange, wie sie es nicht mit seinen fixen Fäusten oder gar der gewaltigen Hawkenbüchse vom Kaliber .56, die er außer der Winchester besaß, zu tun bekamen. Tom konnte sich keinen besseren „Aufpasser“ wünschen.

Ein Scharren und Stöhnen drang nun zu ihm. Tom hielt. Sofort setzte auch das Schaufeln von Thunders Hufen aus. Das Stöhnen wiederholte sich. Es konnte ein Trick sein. Aber das Blut an den Felsen sprach dagegen. Tom stieg ab und führte Thunder am Zügel. MacBride wartete, wie Old Joe prophezeit hatte, tatsächlich mit einem Revolver.

Nur hatte er nicht mehr die Kraft, die auf dem Oberschenkel liegende Waffe zu heben, als der Ranger vor ihm auftauchte. McBride sah aus, als hätte er die Hölle durchquert. Er saß an einem Felsen. Hemd und Jacke waren blutbesudelt. Die Linien in seinem Gesicht wirkten wie Messernarben, die blutunterlaufenen Augen, blicklos. Ein Keuchen hob und senkte seine Brust. Er verkrampfte sich, als er Toms Schritte vernahm.

„Bist du ... es, Bill?“

Wahrscheinlich sah er Tom nur als Schatten. Seine Rechte umkrampfte den langläufigen 45er.

„Ich bin Cadburn, der Ranger. Kein Grund zur Aufregung, McBride.“

Tom kniete nieder und knöpfte McBrides mit Blut vollgesogenes Hemd auf. McBride hatte das zusammengeknäulte Halstuch auf das Einschussloch gedrückt. Tom erschrak, als er es wegnahm. Es war ein Wunder, dass der Bevolvermann noch lebte. McBrides Lippen bewegten sich. Seine Stimme war ein heiseres Flüstern.

„Schätze, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt, Cadburn. Stimmt's?“

„Ich will dir nichts vormachen, McBride. Du weißt selber, wie schlimm es dich erwischt hat. Wer war’s?“

„Kenn die Hundesöhne nicht... weiß nur, dass sie verhindern sollen...“ Der Schwerverletzte tastete nach Toms Arm. „Weshalb bist du... mir gefolgt, Ranger?“

„Ich wollte wissen, weshalb du so plötzlich aus Dryhill abgehauen bist, nachdem ich White dem Sheriff übergab.“

„War ein Fehler...“ McBride keuchte wieder. In seinem Gesicht zuckte es vor Schmerz und Anstrengung. „Aber ich wollte, verdammt noch mal, nicht auch noch... dabei sein, wenn sie... White zum Galgen führen...“

Der Urteilsspruch des Richters klang dem Texas Ranger wieder in den Ohren. Gleichzeitig dachte er an das fassungslose Entsetzen auf Jesse Whites Gesicht. Er spürte einen Druck im Magen.

„Warum?“, stieß er hervor, obwohl er die Antwort bereits kannte.

„White ist unschuldig!“, hörte er Scott McBrides kratzende Stimme wie von weit her. „Ich war es, der dem Spieler... ’ne Kugel in den Rücken schoss... für . lumpige tausend Bucks.“

Der Druck in Toms Magen nahm zu.

„Lass mich laufen, Ranger, gib mir eine Chance!“, hatte White ihn beschworen, als er ihn an dem Wasserloch am Ostrand des Llano Estacado überrumpelte. „Ich hab Hopkins nicht erschossen. Ich wollte nur das Geld, das er mir abgeluchst hat.“

Tom erinnerte sich an jede Einzelheit: das gehetzte Flackern in Whites Augen, die Schweißtropfen auf seiner Stirn, die Stille ringsum, das Klicken der zuschnappenden Handschellen. Er starrte McBride an, dessen Blick sich erneut trübte. Der Schatten des Todes lag auf McBrides Gesicht. Tom fasste seine Schultern.

„Tausend Bucks von wem?“

McBride röchelte. Sein Kopf fiel nach vorn. Einen Moment dachte Tom, er hätte zu atmen aufgehört. Dann spürte er seinen schwachen Puls. McBride hatte nur die Besinnung verloren.

„Teufel! Jetzt möchte ich nicht in deiner Haut stecken!“, räusperte sich Old Joe hinter ihm. Der Alte hockte noch auf dem Maultier. Seihe knorrigen Fäuste umschlossen die Winchester wie Schraubstöcke. Der weiße Bart war sichtbar gesträubt.

Tom musste erst einmal schlucken, damit er den Kloß in der Kehle loswurde.

„Wieso?“, schnappte er. „Ich hab dem Sheriff von Dryhill lediglich Amtshilfe geleistet, als er mich darum bat. Alles andere war Sache der Geschworenen und des Richters:“

„Nun friss mich nicht gleich auf! Ich wollte dir keinen Vorwurf machen, sondern ...“

„Sondern was?“

„Immerhin bleiben dir von morgen früh an noch drei Tage, Whites Hinrichtung zu verhindern und...“

Das Funkeln in Toms Augen ließ Old Joe verstummen. Der Ranger erhob sich mit geballten Fäusten. „Drei Tage! Großartig! Gut, dass du mich drauf aufmerksam machst!“ Wütend spuckte Tom aus. „Weißt du auch, wie weit wir von Dryhill weg sind, du Rechenkünstler?“

„Du hast Thunder! Du brauchst auf mich und Clara keine Rücksicht zu nehmen! Mann, nun bohr mir mit deinem Blick kein Loch in mein empfindliches Fell! Du schaffst es!“

„Wenn nichts dazwischenkommt.“

„Hm.“ Old Joe kratzte sich am Hals. „Du denkst an die Burschen, die McBride angeschossen haben, was?“

„Er hätte sein Pferd nicht zu Tode gehetzt, wenn er nicht jeden Augenblick mit ihrem Auftauchen rechnen würde. Vielleicht beobachten sie uns schon.“

„Worauf warten wir dann noch?“ Old Joe hielt seinem Freund Thunders Zügel hin. „Sam findet uns auch, wenn wir nach Alaska verschwinden.“

Tom blickte auf den Bewusstlosen. „Wir können ihn nicht mitnehmen. Es wäre sein Tod.“ Er bemerkte den säuerlichen Gesichtsausdruck des Alten und erklärte entschlossen: „Ich bleib bei ihm, auch auf die Gefahr hin, dass er nicht mehr aufwacht. Ich bring ihn in die Hütte. Verlier du keine Zeit! Ich werd’ die Schufte, wenn’s sein muss, ablenken! Reite nach Jackmantown...“

„Ich denke, wir müssen nach Westen, durch die Double Fork Mountains. Das ist der kürzeste Weg nach Dryhill. Jackmantown liegt zwar näher, aber im Norden, jenseits der Kiowa Breaks...“

„Mir ist eingefallen, dass es dort ’ne Telegrafenstation mit einer Leitung nach New Mexico gibt. Die nächste Verbindungsstelle im Westen müsste Dryhill sein.“

„Wenn das so ist, bin ich bereits unterwegs!“ Zungeschnalzend wendete Old Joe das Maultier. Ausnahmsweise verzichtete die Langohr-Lady auf die sonst häufig übliche Prozedur, zuerst einen Leckerbissen oder Fausthieb zu kassieren, bevor sie gnädigerweise dem Willen des Reiters nachgab.

„Kommst du nach, Tom?“, fragte Old Joe über die Schulter.

„Nein. Es könnte ja sein, dass die Telegrafenverbindung nicht mehr existiert. Ich reite von hier direkt nach Dryhill.“

Misstrauisch spähte der dachsbärtige Alte zu den zerklüfteten Hängen. „Wenn nichts dazwischenkommt, was?“

„Stimmt!“

*

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VOM NÖRDLICHEN TALRAND blickte Old Joe zurück. Der Schatten von der Witterung zernagter Felsen lag auf ihm. Stille herrschte. Der Dachsbart murmelte eine Verwünschung, als er sah, wie nahe die Gegner bereits waren, ohne dass Tom sie bemerkte. Einer kauerte nur knapp zwanzig Yard schräg über dem Texas Ranger am Hang. Ein anderer ging dort in Stellung, wo McBrides Spur zwischen den Felstrümmern verschwand. Dann stach ein metallisches Blinken rechts von der Hütte dem Alten in die Augen. Am Talrand gegenüber bewegte sich ein Schatten hinter einem Kreosotbusch.

Möglicherweise waren es noch mehr. Was im Moment jedoch am meisten zählte, war, dass sie offenbar darauf warteten, bis Tom den Verwundeten zur Hütte brachte. Der halb verfallene Adobebau bot sich als einziger Unterschlupf an. Die Fläche davor war deckungslos, von ein paar kümmerlichen Fettholzstauden abgesehen.

„Hoffentlich hat sich keiner von den Bastarden inzwischen dort eingenistet“, brabbelte Old Joe, während er die Winchester mit der schwerkalibrigen und weittragenden Hawkenbüchse austauschte.

Clara verharrte wie ein Maultierdenkmal. Von Sam, dem Schwarztimber, der Tom hätte warnen können, gab es noch immer kein Lebenszeichen. Old Joes Finger hantierten wie von selber mit Pulverhorn, Kugelbeutel und Ladestock. McBrides Jäger hatten sich völlig auf Tom und den Bewusstlosen konzentriert.

Toms alter Kampfgefährte wusste genau, welche Chance er vergab, wenn er sie auf sich aufmerksam machte. Er brauchte nur um die hinter ihm aufragende Klippe zu reiten, damit er nicht nur seinen Hals, sondern auch den von Jesse White rettete. Bis die Halunken seine Spur entdeckten, besaß er einen Vorsprung, den er und Clara sich nicht mehr so leicht abtrotzen ließen. Nur: der Preis dafür war vielleicht Tom Cadburns Leben. Old Joe war eher bereit, es mit einer feindlichen Armee aufzunehmen, als Tom im Stich zu lassen.

Tom kühlte inzwischen McBrides Gesicht mit der angefeuchteten Bandana, dem Halstuch. Dann befestigte er die Wasserflasche wieder am Sattel und bückte sich, um McBride aufzuheben. Der Blauschimmel stampfte und warf den Kopf hin und her. Wahrscheinlich witterte er den Kerl, der am Hang über Tom hockte und jetzt probeweise das Gewehr an die Schulter hob. Tom schrieb sein Verhalten jedoch dem Blutgeruch zu, der von McBride ausging.

„Es gibt Fehler, die man nur einmal begeht, weil man keine Gelegenheit mehr bekommt, sie gutzumachen“, brummte Old Joe.

„Amen!“, erklang es neben ihm. Ein Revolverhahn knackte dazu. Es war wie der Abschluss von Old Joes eigener Grabrede.

Old Joe saß reglos im Sattel, die Hawken halb erhoben, den starren Blick auf den Hang gerichtet, wo der Ranger sich nun mit McBride hochstemmte. Thunders Zügel waren um Toms linkes Handgelenk gewickelt. Wenn Tom so aus dem Schatten kam, bot er den im Hinterhalt lauernden Schurken leichtes Spiel.

Vorsichtig wandte Old Joe den Kopf. Das höhnische Grinsen machte den Revolverbesitzer nicht sympathischer. Er stand an der Klippe, nur zwei Schritte von dem Alten entfernt. Das breitflächige Gesicht war unrasiert. Schwarze Zotteln hingen unter dem von einer Kugel durchlöcherten Stetson hervor. McBrides Kugel?

„Wenn du jetzt auch nur hustest, alter Mann, fällst du auf den Bauch und stehst nicht mehr auf!“ drohte der Grinser und wackelte mit dem Revolverlauf. 1

Old Joe hatte den Eindruck, dass sich der Schweiß auf seinem Gesicht in Eiswasser verwandelte. Aber er ließ sich nichts anmerken. „Was es nicht alles gibt!“, krächzte er. „Und was passiert, wenn ich mir die Nase putze?“

Er zog das großkarierte Tuch heraus und wedelte damit vor seinem Bartgestrüpp. Er benutzte die Linke. Der Grinser war so verblüfft, dass er es nicht bemerkte.

„Hör mit dem Quatseh auf, Alter! Du hast sie ja nicht alle!“, schimpfte er.

Scheinbar erschrocken ließ Old Joe das Tuch los. Es flatterte wie ein überdimensionaler Schmetterling auf den Revolver des Banditen. Der Kerl fluchte, brachte die Waffe mit einem wütenden Schlenker frei und wurde im selben Augenblick vom Lauf der Hawken an der Schläfe getroffen. Nun war es nicht Old Joe, sondern der Grinsemann selbst, der unsanft auf den Bauch fiel.

„Wohl bekomm’s!“, brummte Old Joe. Dann nahm er sich keine Zeit mehr, genau zu zielen, hielt einfach das langläufige Monstrum von Donnerbüchse in Richtung des Kerls zwischen den Felsen über Tom und drückte ab.

Es krachte, als hätte er eine Kanone abgefeuert. Clara trompetete dazu. Drüben stand eine Wolke aus Staub und Steinsplittern über dem Hang. Der Typ mit dem Gewehr war verschwunden. Sein Hut lag neben dem Felsblock, hinter dem er sich erschrocken in Deckung geworfen hatte. Bevor die anderen sich von ihrer Überraschung erholten, stieß der Alte die Hawken ins Futteral, packte die Winchester und jagte eine weitere Kugel hinterher.

Gleichzeitig wuchtete Tom den Bewusstlosen auf das Pferd. Der Versuch, die Hütte zu Fuß zu erreichen, wäre Selbstmord gewesen. Während Old Joes dritter Bleigruß den Mann rechts von dem Gebäude in Deckung trieb, schwang Tom sich hinter McBride auf den Blauschimmel. Mit den Zügeln in der linken und dem Colt in der rechten Faust preschte er los. Sand und Steine spritzten.

Da begannen die Gewehre der Banditen ein hämmerndes Stakkato. Old Joe schien es, als hätte sich eine ganze Killerkompanie an den Hängen ringsum festgenistet. Blei pfiff auch zu ihm herauf. Schattengestalten huschten durch die wogenden Pulverdampfschwaden. Das Maultier prustete. Seine Ohren zuckten.

„Nur keine Hektik, Muchacha!“, brummte der Dachsbart, schoss, repetierte, schoss und repetierte abermals.

Drunten sauste Tom. wie auf einem gigantischen Geschoss zwischen den Felsen hervor. Sein Peacemaker blitzte. Der Hundertfünfzig Yard- Galopp über die Talsohle konnte für McBride das Ende bedeuten. Aber dem Ranger blieb keine Wahl. Die Gewehrschützen verfehlten ihn. Sie hätten ebenso versuchen können, einen Schatten zu durchlöchern. Das Ganze dauerte nur Sekunden.

Ohrenbetäubendes Krachen füllte das einsame Tal. Old Joes Atem stockte. Er kannte zwar Tom Cadburns Reitkünste, aber jetzt sah es aus, als würde der blonde, hochgewachsene Reiter gleich an der Adobehütte zerschellen. Im letzten Moment bog Tom ab, und nach nochmals einer Sekunde stand der prachtvolle Hengst, als wäre er nicht eben im Höllentempo schräg durchs Tal gerast.

Das Blitzen und Krachen setzte aus, als hätten auch McBrides Jäger damit gerechnet, dass die einsturzende Mauer das Pferd samt seiner doppelten Last unter sich begrub. Hastig schob Old Joe Patronen in den Füllschlitz der Winchester.

„Hank, Bob, schnappt euch den Alten!“, gellte es von gegenüber. „Legt ihn um!“

„Kratzt euch lieber erst mal die Eierschalen von den Ohren!“, wetterte Tom Cadburns dachsbärtiger „Schutzengel“ und verhalf einem staubbedeckten Stetson, der am Hang unter ihm auftauchte, zu einer fünf Yard weiten Luftreise.

Inzwischen hob Tom den wie tot über dem Sattel liegenden Revolvermann herab. „Lauf, Thunder! Hau ab!“, schrie er.

Die Gewehre schmetterten wieder. Eine Kugel streifte klirrend einen Steigbügel. Tom blieb keine Zeit, sich um das Pferd zu kümmern. Wiehernd warf Thunder sich auf der Hinterhand herum und stob davon. Die schief in dien Angeln hängende Hüttentür klemmte. Der Ranger zwängte sich mit seiner Last schweißgebadet hinein: Holzsplitter und Mauerbrocken umwirbelten ihn.

Droben am Talrand ließ Old Joe die heißgeschossene Winchester sinken.

„Mann, das war knapp!“ Clara prustete zustimmend. Dann äugte sie misstrauisch in die Tiefe, wo Steine rollten und Stiefelabsätze sich in den Sand bohrten. Ein Gewehrlauf tauchte neben einem Quader auf. Old Joe duckte sich, als die Kugel über ihm gegen die Klippe hieb;

„Reite!“, erreichte ihn Toms Ruf durch den Nachhall der Detonation. „Denk an unsere Abmachung!“

Old Joe machte ein Gesicht, als hätte er Essig geschluckt. Wenn er sich nicht verzählt hatte, waren es, den Grinser eingerechnet, sieben Schießer, die jetzt nicht nur McBride, sondern auch Tom und ihm an den Kragen wollten. Wieder hörte er das Klirren von Steinen. Ein Mann fluchte. Dann löschte das Krachen mehrerer Gewehre alle anderen Geräusche aus.

Winchester und Remingtonkugeln klatschten gegen die Adobewände, bohrten sich ins Türholz und pfiffen durch die schmalen Fensterluken. Toms Colt antwortete. Old Joe war schon drauf und dran, die Langohr-Lady ins Tal zurückzulenken. Da drang in einer Feuerpause wieder Toms Stimme zu ihm.

„Denk an Jesse White!“

Der Alte schluckte. Beinahe wünschte er sich, dass Clara endlich mit ihren Starallüren anfing. Aber das Maultier blieb lammfromm, als er an den Zügeln ruckte und die Fersen gegen die struppigen Flanken stieß. Old Joe verabschiedete sich mit einer Kugel.

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KURZ VOR SONNENUNTERGANG entdeckte der Alte den Verfolger. Es war ein einzelner Reiter, der sich scheinbar im Zeitlupentempo auf seiner Fährte voranbewegte. Aber der Eindruck täuschte. Noch während Old Joe ein Stück Kautabak abbiss und dann das ausziehbare Fernrohr aus der Satteltasche angelte, wuchs der anfangs nur stecknadelkopfgroße Punkt auf der Ebene zu Daumenhöhe. Die Metallbeschläge am Sattel und Zaumzeug funkelten.

Old Joe hielt am Rand der Kiowa Breaks, einem zerklüfteten Hügelgebiet. Die tiefstehende Sonne übergoss die Wildnis wie mit flüssigem Gold. Old Joe hob das Spektiv ans linke Auge. Der Reiter schien plötzlich greifbar nahe. Aber es dauerte noch eine Weile, bis der alte Präriejäger und ehemalige Mountain Man das unrasierte Gesicht unter der Stetsonkrempe erkannte.

„Freund Grinsemann...“ Der zottelhaarige Bandit hatte den Hieb mit der Hawken offenbar ohne nennenswerte Nachwirkung verdaut. Old Joe wusste nicht recht, ob er über die Tatsache, dass der Kerl allein war, grinsen oder fluchen sollte.

Sah er schon so alt aus, dass die Hundesöhne glaubten, einer von ihnen genügte, um mit ihm fertig zu werden? Er hatte gehofft, wenigstens zwei oder drei auf seine Spur zu locken. Blieben sechs Gegner für Tom!

„Ein bisschen viel“, fand Old Joe, während er den Reiter beobachtete. „Zu viel!“, setzte er grimmig hinzu und spuckte einen Strahl Tabaksaft ins dürre Gras.

Der Reiter war noch so weit entfernt, dass Old Joe keinen Hufschlag hörte. Trotzdem verzichtete er jetzt auf das Spektiv und tastete nach der Hawken. Wenn Old Joe auch wirklich nicht mehr der Jüngste war, auf seine scharfen Augen und ruhigen Hände konnte er sich verlassen wie vor dreißig Jahren. „Komm nur, Freundchen!“, kicherte er.

Aber den Gefallen tat ihm der Halunke nicht. Als die Entfernung noch etwas mehr als eine Meile betrug, zügelte er den Rotbraunen, schob den Stetson zurück und brannte sich eine Zigarette an. Old Joe wartete fünf Minuten. Doch der Grinser machte keine Anstalten, weiterzureiten. Er kannte die Gefährlichkeit und Reichweite von Old Joes Waffe. Außerdem beging er nicht nochmals den Fehler, den dachsbärtigen Alten für leicht verkalkt zu halten.

„Dann später!“, murrte Old Joe achselzuckend. „Wirst dich noch wundern, Freundchen, wenn ich in meine Trickkiste greife.“

Er „kitzelte“ die Langohr-Lady mit den Stiefelabsätzen. Doch nun, da er gern auf ihre Mätzchen verzichten wollte, rührte sie sich nicht vom Fleck. Der Grinser grinste, als er den Alten wie einen Hampelmann auf dem Maultier zappeln und strampeln sah, blieb aber, wo er war.

Da begann Old Joe wütend in seinen Taschen zu wühlen. Schließlich fingerte er die Schwanzrassel einer vor etlichen Tagen erlegten Klapperschlange aus dem Durcheinander von Lederschnüren, Hufnägeln, Kautabakstangen und Winchestermunition. Er brauchte sie nur ein bisschen zu schlenkern, und schon zischte Clara wie eine Rakete ab. Sie blieb erst wieder stehen, als sich fahle Dunkelheit auf die Hügel senkte. In einer von Felsen und Gestrüpp umschlossenen Mulde fand Old Joe den geeigneten Lagerplatz.

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SEIT ZWEI STUNDEN WAR kein Schuss mehr gefallen. Ein silbriger Schimmer hinter den Felsen am Talrand kündigte den Mondaufgang an. Der Himmel war ein funkelndes Sternenmeer. Kühle Nachtlüft sickerte in die Hütte. Durch die Risse und Löcher im Erdschollendach tröpfelte fahle Heilligkeit Ein wackliger Tisch, ein paar Kisten, die als Stühle dienten, ein wurmstichiges Regal und ein verrußter Ofen bildeten das gesamte Mobiliar. Leere Flaschen und verrostete Blechbüchsen lagen in einer Ecke. Die Strohmatratze an der fensterlosen Rückwand vermoderte. Alles war von einer fingerdicken Staubschicht bedeckt. Wahrscheinlich hatte seit Jahren kein Mensch mehr das Gebäude betreten.

Tom kauerte mit dem Sechsschüsser neben McBride. Der Puls des Verwundeten war kaum zu spüren. Tom hatte die Ärmel von McBrides Hemd getrennt und ihn notdürftig damit verbunden. Er wusste selber, dass es nicht viel mehr als eine Geste war. McBride war ein Mörder. Vielleicht war es wirklich närrisch, dass er ihn nicht einfach seinem Schicksal überließ.

Tom horchte. Irgendwo knackte es. Ein aus seiner Lage gestoßener Stein klirrte. Nachttiere konnten die Geräusche verursachen. Aber Tom Cadburn wusste es besser. McBrides Jäger waren da. Ihr Auftrag hieß: Scott McBride am Reden zu hindern.

Toms Linke berührte die Schulter des Verwundeten, als dieser sich stöhnend bewegte. „McBride...“

Aber der ehemalige Revolvermann der Lansford-White Company antwortete nicht Wolfsgeheul schallte durchs Tal. Toms Herz schlug unwillkürlich schneller. Sam! Er war zurückgekehrt und sandte ihm ein Signal. Der schwarze Halbwolf war zu klug, sich auf der deckungslosen Fläche vor der Hütte den Kugeln der Banditen auszusetzen. Tom fühlte sich auf einmal nicht mehr gar so einsam und verloren. Seine Gegner schöpften keinen Verdacht.

Die Stille vertiefte sich noch, als Sam schwieg. Nur McBrides flacher, unregelmäßiger Atem füllte die Hütte. Tom dachte wieder an den Mann, der für den Mord büßen sollte, den McBride verübt hatte. Die Dunkelheit umschloss ihn wie eine kalte Faust.

„Ich hab nur meine Pflicht erfüllt“, sagte sich Tom. Aber gleichzeitig wusste er, dass er sein Leben lang keine Ruhe mehr finden würde, wenn es ihm und Old Joe nicht gelang, White vor dem Galgen zu bewahren. In den Dachlücken blinkten Sterne. McBride stöhnte wieder. „Wo bin ich?“, verstand Toni.

Er beugte sich über ihn. „Bleib ruhig liegen, McBride.“

„Bist du es, Cadburn?“

„Ja, McBride. Beweg dich nicht. Die Wunde fängt sonst wieder zu bluten an.“

„Mit mir ist es sowieso aus“, keuchte McBride. „Gib mir Wasser, nur einen Schluck. Ich hab schrecklichen Durst.“

„Tut mir leid. Die Flasche hängt am Sattel meines Pferdes. Ich kann nicht hinaus. Die Kerle, die dich angeschossen haben, liegen draußen auf der Lauer.“

„Lansfords Killer...“'

Tom spürte einen Stich. „Dann war also Roy Lansford der Mann, der dir die tausend Dollar für den Mord an Dave Hopkins gab?“

„Lansford wartete seit langem auf die Gelegenheit, seinen Teilhaber zu beseitigen“, erwiderte McBride mit schwacher Stimme. „Er hätte Jesse White ermorden lassen können, aber das Risiko war ihm zu groß. Er hatte Angst, dass der Verdacht auf ihn fallen würde. Lansfords Stunde kam, als sein Partner die fünfhundert Bucks an den durchreisenden Kartenhai verlor. Er selber stachelte White an, den Verlust nicht auf sich sitzen zu lassen. Ich muss verrückt gewesen sein, dass ich mich für seinen Plan einspannen ließ.“

„Und Kingman? Er hat vor Gericht beschworen, dass White eine Winchester mitnahm, als er Hopkins folgte.“

„Lansford hat Bill Kingman in der Hand. Droben in Kansas gibt es ’nen Steckbrief von Bill. Außerdem hofft Bill, dass er es unter Lansford zum zweitmächtigsten Mann von Dryhill bringt Dafür ist er schon zu ’nem Meineid bereit.“

Die Gedanken des Rangers jagten sich. Schon während der Gerichtsverhandlung waren ihm Lansford und Kingman nicht ganz geheuer erschienen, obwohl die Indizien und Aussagen eindeutig gegen White entschieden. McBrides Verschwinden hatte dann den Ausschlag gegeben.

Old Joe war sofort einverstanden gewesen, als Tom sich entschloss, McBrides Spur zu folgen. Lansford wusste nichts davon, bis jetzt wenigstens. Wahrscheinlich hatte er befürchtet, dass McBride ihm irgendwann Schwierigkeiten bereiten würde und ihm deshalb eine Meute auswärts angeheuerter Killer nachgeschickt.

Drei Tage bis zu Whites Hinrichtung! Der Gedanke trieb Tom den kalten Schweiß auf die Stirn. „Kennt sonst noch einer von Lansfords Revolvermännern die Wahrheit, McBride?“

Tom erhielt keine Antwort. Als er sich hinab beugte, stellte er fest, dass Scott McBride nicht mehr atmete. Der Wolfsruf ertönte wieder. Die .Nähe des Todes war dem Ranger vertraut. Aber nun überlief ihn ein Frösteln.

Dann drang ein Knirschen herein. Die Fettholzstauden hinter der Hütte raschelten. Dabei rührte sich kein Luftzug. Sie kamen. Sie wollten es zu Ende bringen, bevor der Mond aufging und das Tal mit silbernem Licht ausfüllte. Tom erhob sich und zog den Colt.

*

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DER ANFÜHRER DER MEUTE war ein grobschlächtiger Typ mit einer schwarzen Lederklappe über dem rechten Auge. Ein spitzkroniger Sombrero hing auf seinem Rücken. Die Rechte umschloss einen langläufigen 45er. Er erreichte die halbverfallene Hütte als erster, presste sich an die Wand neben der Tür und lauschte. Ein Scharren, dann war alles wieder still.

Bei den Schuppentrümmern tauchte ein zweiter Bandit auf, und von der Rückseite des Adobebaus signalisierte ein Zischen, dass mindestens noch ein Bandenmitglied bereit war, die Hölle über den Texas Ranger hereinbrechen zu lassen. Der Einäugige grinste verbissen, schob sich näher zur Tür und schnellte mit einem Satz hinein.

Die schwache Helligkeit genügte, dass er sofort die in der Ecke kauernde Gestalt sah. Ein Gewehr zielte aufs Türviereck. Schon rüttelte das Dröhnen des 45ers an den Lehmziegelmauern. Ein Poltern folgte. Die Gestalt kippte um. Der Einäugige bewegte sich sofort nach rechts und drückte nochmals ab. Kein Mündungsblitz antwortete. Pulverrauch quoll aus den Fenstern.

„Ich hab ihn!“

Ein Hasten umd Trampeln näherte sich. Der Mond lugte über die Felsen. Die Banditengewehre funkelten. Gleich darauf drängten die Kerle sich durch die Tür.

„Blieb bei seinem Gaul!“, rief der Anführer. Dann stapfte er zu dem von beiden Kugeln Getroffenen und riss ein Streichholz an.

„Verdammt!“, entfuhr es einem der Kumpane. Es war McBride, der vor den staubbedeckten Stiefeln des Einäugigen lag. Das auf die Tür gerichtete Gewehr entpuppte sich als Latte, die auf einer neben McBride geschobenen Kiste lag.

Die Hütte bestand aus einem einzigen Raum, in dem sich außer den Banditen niemand aufhielt. Der Anführer fluchte. Die Streichholzflamme berührte seine Fingerkuppen.

„Zum Teufel, das ist...“

Erdklumpen fielen auf den Hüttenboden. Draußen schnellte eine geschmeidige Gestalt vom Dach. Sie kam federnd auf und schoss sofort, als die Halunken erschrocken herumwirbelten. „Deckung!“, brüllte der Einäugige, während die anderen sowieso schon an die Wände sprangen oder sich niederwarfen.

Der Tisch kippte um. Die staubbedeckte Platte zeigte die Abdrücke von Tom Cadburns Sohlen. Tom, der unbemerkt von den anschleichenden Gegnern aufs Dach geklettert war, rannte geduckt auf den Felshang zu. Seine aufs Geradewohl hingeschmetterten Schüsse zwangen die Banditen in Deckung. Die Tür wackelte. Wutgeschrei gellte.

„Hölle und Verdammnis, knallt ihn ab!“

Aber das war leichter gesägt als getan. Toms Füße schienen den Boden nicht zu berühren. Als die ersten Mündungsblitze aus den Fenstern stießen, schlug er einen Haken, jagte die letzte Kugel aus dem Peacemaker zurück und verschwand mit einem Panthersatz zwischen den Felsen. Das wütende Schießen brach ab.

„Pass auf, Ben! Fang ihn ab!“, schrie Einauge.

Tom lud den Sechsschüsser und wartete darauf, dass die Kerle ihm nachkamen. Aber sie wagten sich nicht heraus. Geduckt schlich der Ranger den Hang hinauf. Ein Wiehern wies ihm die Richtung. Thunder...

Tom pfiff leise. Das Wiehern wiederholte sich. Hufe stampften. Offenbar haitte jener Ben den Blauschimmelhengst festgebunden und lauerte darauf, dass Tom ihm vor die Knarre lief.

Tom verharrte. Drüben bei der Hütte rührte sich nichts. Dann meldete sich ganz in der Nähe noch ein Pferd. Sein Wiehern klang angsterfüllt. Plötzlich tauchte ein großer, schwarzer Schatten neben dem Ranger auf. Sein Anprall stieß Tom fast um.

Er krallte eine Hand in Sams dichtes Nackenfell. Eine raue Zunge wischte über sein schweiß- und staubverklebtes Gesicht. Dann rieb der Schwarztimber seinen massigen Kopf an Toms Beinen, sprang hechelnd wieder an ihm hoch und umkreiste ihn. Die buschige Rute schwang wie ein Uhrpendel.

„Bring mich zu Thunder, alter Junge!", raunte Tom. Sam stupste ihn mit der Schnauze an und ließ sich, obwohl nun wieder eine heisere Stimme nach dem Pferdewächter rief, erst von Tom am Hals kraulen, ehe er vorauslief.

Der Bandit, der Thunder bewacht hatte, war keine Gefahr mehr. Er lag mit durchgebissener Kehle fünf Schritte neben dem an einen Dornbusch geleinten Hengst. Gewiss hatte er den unverzeihlichen Fehler begangen, auf Sam zu schießen, als dieser ihn ansprang. Tom fühlte kein Bedauern. Es blieb ihm dazu auch gar keine Zeit.

„Was ist los, Ben? Melde dich!“, schallte es von der Hütte.

Thunder schnaubte erleichtert, als Tom ihn losband. Der Gedanke an Jesse White, Roy Lansford und Bill Kingman trieb den Ranger in den Sattel. Dann fiel ihm das zweite Pferd ein, das er gehört hatte. Es stand nur wenige Yard entfernt unter einem Felsüberhang. Die Witterung des Halbwolfs erschreckte es.

Ein Schuss krachte von dort, wo die Hütte sich befand. „Der Ranger hat Ben erwischt!“, gellte es. „Er haut ab!“

Tom wollte an dem Felsen vorbei. Da entdeckte er den Käfig am Sattel des nervösen Braunen. Er ritt näher. „Nur ruhig! Dir geschieht nichts!“, beschwichtigte er den Wallach. „Bleib weg, Sam! Lauf voraus!“

Es war ein viereckiger Vogelkäfig aus Holzstäben. Die Türklappe war offen. Tom zog eine im Mondlicht metallisch glänzende Taubenfeder heraus. Seine Miene spannte sich. Er hörte die Hufe und erneuten Schüsse von der anderen Talseite nicht mehr. Eine Strecke, für die er etwa drei Tage benötigte, lag zwischen ihm und Dryhill. Eine Brieftaube bewältigte sie vielleicht in zwanzig Stunden.

„Das heißt: Schon morgen weiß Lansford Bescheid.“ Toni tätschelte dem Blauschimmelhengst den Hals. „Machen wir uns auf einiges gefasst, Amigo.“

*

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OLD JOES LAGERFEUER war herabgebrannt. Nur mehr ein paar Glutbrocken leuchteten vor den Büschen, zwischen denen der Alte das Maultier angepflockt hatte. Ein Nachtvogel strich mit lautlosem Flügelschlag über das einsame Camp. In der Ferne klagte ein Kojotenchor. Die mit Gras und Zweigen ausgestopfte Deckenrolle sah täuschend echt, aus, noch dazu mit auf dem Sattel drapierten Hut. Aber nicht echt genug, um Old Joes Verfolger zu täuschen.

Der Zottelhaarige hatte sich bis auf zwei Dutzend Schritte herangepirscht. Sein Pferd stand in einer hundert Yard entfernten Hügelkerbe. Die Stiefel hingen am Sattel. Statt dessen trug der Bandit weichsohlige Mokassins. Er kauerte hinter einem Felsklotz. Ein hämisches Grinsen spannte seine Wulstlippen. Die Mündung der schussbereiten Winchester wanderte von der vermeintlichen Gestalt des Schläfers zum gegenüberliegenden Hang. Die Zweige eines Cottonwood-Strauchs bewegten sich vor dem Sternenhimmel. Kein Lufthauch regte sich jedoch. Der Grinser zielte.

„Wenn du mich reinlegen willst, Dachsbart, musst du dir was Schlaueres einfallen lassen als den Schlafenden Mann-Trick!“

Der Zeigefinger des Halunken krümmte sich halb, aber keine neuerliche Bewegung bot ihm ein Ziel. Die einzige Antwort war Claras Prusten. Die Langohr-Lady fühlte sich in ihrer verdienten Nachtruhe gestört. Der Grinser verbiss sich einen Fluch und wechselte rasch die Stellung, damit er nicht seinerseits den Adressat für einen Bleigruss abgab.

Nichts geschah. Der Mond stand noch unter der Kimm. Die Glut des Lagerfeuers erlosch. Nur auf den Felsen und Büschen am Muldenrand lag ein milchiger Schimmer. Vorsichtig umrundete Old Joes Verfolger den Lagerplatz. Immer wieder horchte er. Aber nur das Maultier rumorte zwischen den Cottonwoods.

„Warte nur, Dachsbart, ich kriege dich!“, murmelte der Bandit. Die letzten zehn Schritte zu den Büschen kroch er auf dem Bauch. Drohend blies Clara ihm ihren Atem entgegen, rührte sich aber sonst nicht. Kannte sie die Gefahr, die von dem Gewehr des Mannes ausging?

Lautlos richtete er sich neben dem Maultier auf. Drüben schwankten die Zweige desselben Strauchs abermals. Entschlossen hob der Grinser die Winchester.

„Fang an, Dachsbart! Ich nehme sonst dein Maultier mit! Dann brauche ich morgen nur zu warten, bis du aus den Stiefeln kippst!“

Wenn jetzt nur ein Blatt knisterte, würde der Bandit schießen. Die milchige Helligkeit auf dem Muldenrand verstärkte sich. Das Gewehr bewegte sich keinen Zoll. „Was hältst du davon, Alter, he?“

„Gar nichts!“, erklang es rieben dem Grinser. Clara bleckte feindselig die Zähne. Im ersten Schreck dachte der Schurke, sie hätte die Worte hervorgestoßen. Da berührte ihn die Mündung von Old Joes Gewehr. Der Alte kauerte noch unter seiner stelzbeinigen Gefährtin. Die Falten in seinern Gesicht  tanzten.

Den Grinser traf fast der Schlag, als der Busch, auf den noch immer seine Winchester wies, wie von einer Sturmbö geschüttelt wurde. Er brachte nur ein Lallen heraus.

„Ich bin nicht mit den bösen Geistern im Bunde“, kicherte Old Joe. „Es ist nur der gute alte Lasso Zieh-Trick, von dem du aber anscheinend noch nichts gehört hast. Wirf die Knarre weg, Freundchen, dann erklär ich ihn dir.“

*

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ES WAREN FÜNF MANN. Seit Tagesanbruch folgten sie Tom Cadburns Spur, immer in Sichtweite, Seite an Seite, damit keiner den von den Hufen aufgewirbelten Staub zu schlucken brauchte. Der Tag war so heiß und windstill wie die vorangegangenen. Über den Kämmen im Süden hing ein durchsichtiger Wolkenschleier. Die Sundown Plains, eine riesige, nur mit Fettholzstauden und Chollakakteen gesprenkelte Ebene, erstreckte sich um den Ranger. Manchmal hatte er den Eindruck, dass er und seine Verfolger sich nicht vom Fleck bewegten. Die Hügel, aus denen sie kamen, und die Double Fork Mountains vor ihnen schienen immerzu gleich weit entfernt.

Toms Ziel war Dryhill. Es lag im Westen, knapp zwanzig Meilen von der Grenze zwischen Texas und New Mexico entfernt. Die Ausläufer des Llano Estacado prägten die Wildnis. Sie reichten bis zum Canadian River hinauf. Das Land war so unberührt wie in den Jahren, als hier nur die Comanchen, Kiowas und Lipan-Apachen ihre Fehden ausgetragen und den Büffel gejagt hatten. Dann und wann wurden sie auch jetzt noch aktiv. Vor allem, wenn es darum ging, dem Vordringen der Rancher und Siedler einen Riegel vorzuschieben. Aber die Sundown Plains waren kein Gebiet für Ackerbau und Viehzucht. Tom hoffte deshalb, dass die Telegrafenleitung, die nördlich davon entlang der Kiowa Breaks verlief, von ihren gelegentlichen Anschlägen verschont blieb.

Während Thunder gleichmäßig die Hufe warf und Sam federnd nebenher trottete, galten Toms Gedanken abwechselnd dem Mann in der Todeszelle von Dryhill und Old Joe. Die Sonne stieg. Die Silhouette der Double Fork Mountains verschwamm im bleifarbenem Hitzedunst. Tom schätzte, dass Joe Jackmantown gegen Mittag des nächsten Tages erreichte. Aber die Ungewissheit blieb. Hier draußen, wo sich Kojote und Bussard „Gute Nacht“ sagten, gab es Dutzende von Möglichkeiten, die einen Reiter dran hindern konnten, sein Ziel zu erreichen, vom Schlangenbiss bis zum Fehltritt des Reittiers in einen Präriehundbau. Erst in Dryhill würde er erfahren, ob seine Rechnung äufgegangen war.

Trotzdem schonte Tom den Hengst. Es genügte vorerst, dass er die Verfolger auf gleichem Abstand hielt. Als die Sonne im Zenit brannte und die Ebene wie in weißem Feuer glühte, hielt er, saß ab und tränkte und fütterte das Pferd. Auch der Schwarztimber bekam eine Wasserration. Er schlabberte gierig.

Toms Verfolger hatten es nicht eilig.

Sie gönnten sich und ihren Gäulen ebenfalls eine Rast. Die Entfernung betrug ungefähr eine Meile. Kein Laut drang zu dem Ranger. Auch Tom genehmigte sich einen ausgiebigen Schluck aus der Canteen-Flasche. Dann kauerte er sich in den Schatten, den Thunder auf die hartgebackene, mit dürren Grasbüscheln bedeckte Erde warf, und widmete sich einem Maisfladen und einem Streifen Dörrfleisch.

Sam streckte sich neben ihm aus, gähnte, blinzelte und bettete den Kopf auf die Vorderpfoten. Drüben ließen sich die Banditen zwischen ihren Pferden nieder. Es gab sonst keinen Schatten. Ein metallisches Blinken warnte Tom.

Er sprang auf und fand gerade noch Zeit, den Proviant wieder in den Satteltaschen zu verstauen. Die Banditen zerrten ihre Pferde zur Seite. Tom erkannte zwar keine Einzelheiten, aber die Gestalt hinter dem auf einer Eisengabel ruhenden Gewehr war eindeutig.

„Fort!“, schrie Tom dem Schwarztimber zu. Ein dumpfes Donnern hallte über die Ebene. Nur eine Armlänge neben Tom spritzte eine Sandfontäne empor.

Kein gewöhnliches Gewehr trug so weit. Der Kerl da drüben besaß als besonderen Trumpf eins von den veralteten, aber bis zu eineinhalb Meilen weit schießenden sogenannten „Büffelgewehren“. Entweder eine Sharps oder eine Hawken. Selten war Tom geschwinder in den Sattel gekommen. Sam kläffte wütend.

Die Banditen schwangen sich gleichfalls auf. die Pferde, ausgenommen der Mann mit der Donnerbüchse. Er lud hastig.

„Du hast deine Chance gehabt, Bursche!“, knirschte Tom.

Ein Schenkeldruck, ein Zügelklatschen, und Thunder preschte davon, als hätte er keine zehn Minuten, sondern eine volle Stunde geruht. Wie ein schwarzer Blitz sauste Sam nebenher. Nach zwanzig Galoppsprüngen lenkte Tom den Blauschimmel nach links. Weit hinter ihm auf der Ebene knallte es.

Tom hörte das Pfeifen der Kugel. Der Schütze war gefährlich. Gewiss hatte Lansford sich die Jagd auf McBride eine ansehnliche Stange Geld kosten lassen. Tom stellte sich halb in den Bügeln auf und beugte sich nach vorn. Thunder wurde noch schneller. Sam kam kaum noch mit. Die Zunge hing ihm heraus.

Ein dritter Schuss fiel nicht. Tom war bereits außer Schussweite. Als er das Tempo verlangsamte, fackelte Sam nicht lange. Nach dem mörderischen Spurt in der Mittagsglut stand ihm seiner Meinung nach zu, dass er sich wie Tom eine Weile auf Thunders Rücken schaukeln ließ. Mit einem gekonnten Satz landete er vor Tom auf dem Hengst. Der Ranger hielt ihn fest.

„Mach mir nichts vor“, grinste Tom. „Zehn Minuten, dann läufst du wieder. Es kommt sonst noch soweit, dass ich dich auf die Kaninchenjagd tragen muss.“

Thunder schnaubte zustimmend, Sam blinzelte unschuldig. Nach zehn Minuten hatte er von der Schaukelei sowieso genug. Tom sah sich nach den Verfolgern um. Nachdem er gewarnt war, versuchten sie verbissen,abermals in Schussposition zu kommen. Immer wieder spornten sie mitleidlos ihre Tiere an, hüteten sich aber, deren Kräfte vollends zu verausgaben.

Die Jagd zog sich den ganzen Tag lang hin. Die Sundown Plains blieben unverändert: Sand, Hartgrasbüschel, Fettholzstauden und Chollakakteeh. Keine Bodenwelle, keine Felsgruppe, die Deckung boten. Bei Einbruch der Dunkelheit kam es Tom Cadburn vor, als hätte er seit Sonnenaufgang höchstens lumpige zehn Meilen geschafft.

Die Double Fork Mountains, hinter denen Dryhill lag, wirkten nur wenig näher. Immerhin fielen die Verfolger jetzt zurück. Aber auch Thunder zeigte erste Anzeichen von Müdigkeit, und Sam trottete nicht mehr neben, sondern einige Dutzend Yard hinter ihm, allerdings mehr missmutig als erschöpft.

Tom legte trotzdem noch drei, vier  Meilen zu. Der Mond lugte wie ein riesiger orangefarbener Ballon über den Horizont, als er schließlich mitten auf der Ebene absattelte. Er versorgte Pferd und Wolf und rollte seine Decke aus. Stille umgab ihn. Seine Glieder waren bleischwer. Appetitlos begnügte er sich mit einem halben Becher vom Inhalt der Sattelflasche. Mit dem Rest musste er bis Hendersons Rancho auskommen.

Nur mehr zwei Tage bis zu Whites' Hinrichtung! Mit diesem Gedanken legte er sich schlafen. Er konnte sich darauf verlassen, dass Sam ihn wecken würde, wenn es etwas Verdächtiges gab. Trotz der Strapazen dauerte es noch eine Weile, bis Tom die Lider zufielen. Whites verzweifeltes „Ich bin unschuldig! Lass mich laufen, Ranger!“, verfolgte ihn im Traum.

Sams leises Winseln weckte ihn. Toms erste Reaktion war der Griff zur Winchester, die neben ihm lag. Aber anscheinend drohte keine unmittelbare Gefahr. Thunder verhielt sich ruhig. Der Halbwolf setzte sich auf die Hinterkeulen, streckte die Schnauze in den milchigen Dunst, der die Ebene einhüllte, und witterte argwöhnisch. Seine Lauscher bewegten sich.

Tom setzte sich auf. Ein schaler Geschmack füllte seinen Mund, und hinter seiner Stirn dröhnte noch Jesse Whites „Gib mir eine Chance, Ranger!“ Dann hörte er ein schwaches, weit entferntes Geräusch. Hufschlag? Der Schwarztimber kam zu ihm und stupfte ihn an. Seine Rute schlug.

Das Geräusch kam von Süden, mindestens eine Meile weg von Toms Spur. Bevor er sich richtig darauf konzentrieren konnte, war nichts mehr zu hören. Ein Kojote heulte. „Still!“ raunte Tom, als Sam zu einer Antwort ansetzte.

Der Vierbeiner trollte sich beleidigt. Tom wartete noch einige Minuten. Als nichts geschah und auch Sam kein Signal mehr gab, legte er sich wieder hin. Er schlief durch bis Tagesanbruch. Im ersten Morgengrauen saß er wieder im Sattel.

*

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JACKMANTOWN LAG AUF dem Präriestreifen am Nordrand der Kiowa Breaks. Nach Dryhill brauchte ein Reiter von hier aus drei Tage. Ein unaufhaltsamer Verfall kennzeichnete das Dutzend aus Kistenbrettern und luftgetrockneten Lehmziegeln errichtete Gebäude. Früher war die Stadt Versorgungsstation für das Heer der Büffeljäger gewesen. Jetzt erhielt nur die wenig benutzte Postkutschenroute durch die Ausläufer des Llano Estacado sie am Leben. Die einzige Wasserstelle in zwanzig Meilen Umkreis lockte auch dann und wann einen einsamen Reiter oder einen von der Auswandererpiste nach New Mexico abgekommenen Siedlertreck an.

Längst war die Farbe von den Fassaden abgeblättert. Einige Hütten standen leer. Die Zäune verfielen, und zwischen den Radfurchen der zwanzig Yard breiten Main Street wuchsen Grasbüschel. Trotzdem atmete Old Joe erleichtert durch. Von einer Anhöhe am Rand der Breaks blickte er auf das Kaff. Sein Blick folgte der Reihe von Telegrafenmasten bis zum Horizont. Ein Grinsen dehnte sein bartumrahmtes Faltengesicht. „Schätze, Amigo, das war’s!“

Sein Begleiter, der Grinser, antwortete mit einer gemurmelten Verwünschung. Lederarmbänder „schmückten“ die Handgelenke des zottelhaarigen Banditen. Die Zügel seines Braunen waren an Old Joes Sattel festgebunden. Der dachsbärtige Alte belohnte sich selber mit einem pflaumengroßen Brocken Kautabak, ehe Clara in der sengenden Mittagshitze auf die Häuser zutrieb.

Die Stadt hielt Siesta. Ein verschlafenes Gesicht zeigte sich hinter einer staubblinden Fensterscheibe und verschwand wieder. Ein struppiger Köter lief einige Häuser weit neben dem Maultierreiter her, dann verlor er das Interesse und verzog sich wieder im Schatten. Das Telegraph Office lag am entgegengesetzten Ende der Main Street. Ein schmächtiger, geiernasiger Typ döste hinter dem Morseapparat. Der Alte weckte ihn. Er hatte seinen guten Tag.

„Tut mir leid, dass ich Sie stören muss, Mister, aber.es ist verdammt dringend. Geben Sie das nach Dryhill durch.“

Der Schmächtige glotzte erst ihn, dann den Grinser an, ehe er den Blick auf den Zettel senkte, den der Dachsbart ihm hinschob. Mühsam entzifferte er Old Joes Hieroglyphen. „An Sheriff Larkin - Hinrichtung von Jesse White unbedingt aufschieben  Beweise für Whites Unschuld folgen - Lansford und Kingman verhaften - Erwarte Bestätigung - Tom Cadburn.“

Der Telegrafist rückte den grünen Augenschirm zurecht. „Sind Sie Mr. Cadburn, Sir?“

„Ich bin sein Freund“, erwiderte Old Joe genüsslich kauend. „Es hat alles seine Richtigkeit. Fangen Sie ah, junger Mann.“

Der „junge Mann“ hätte dem Alter nach Old Joes Bruder sein können. Er schniefte, ließ probeweise die Fingergelenke knacken und hielt es dann nach einem Blick auf die Hawkenbüchse für ratsam, der Aufforderung nachzukommen. Andächtig lauschte Old Joe dem metallischen Klopfen der Morsetaste, Er war sonst kein Freund moderner Errungenschaften, aber jetzt strahlte er so selbstzufrieden, als hätte er selber den Telegraf erfunden.

„Kommen Sie in ’ner halben Stunde wieder, dann hab ich die Antwort“, versuchte der Schmächtige ihn zu verabschieden.

Old Joe grinste wie ein Nussknacker. „Auf ’ne halbe Stunde kommt es mir nicht an.“ Er setzte sich, streckte das steife Bein aus und bedeutete dem Gefangenen, sich in die Ecke zu hocken. Nach ungefähr fünf Minuten begann der Telegrafenmann unruhig auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen.

„Was, zum Teufel, gibt es?“, erkundigte sich Old Joe unheilvoll.

Der Schmächtige schniefte wieder. „Irgendwas scheint mit der Leitung nicht zu stimmen.“

Old Joe setzte sich, die Hawken zwischen den Knien, kerzengerade auf. „Erzählen Sie mir keinen Blödsinn, Mann! Versuchen Sie es noch einmal!“

Achselzuckend hämmerte der Telegrafist wieder auf die Taste. Old Joe beobachtete ihn scharf. Der Metallkasten, die Knöpfe und Drähte kamen ihm plötzlich nicht mehr geheuer vor. Aber zumindest die Schweißperlen auf der Stirn des Schmächtigen waren echt. Nach wiederum einigen Minuten schüttelte der Mann hilflos den Kopf.

„Tut mir leid, Mister, aber die Leitung ist tot. Irgendwas...“ Er brach ab und lauschte.

Old Joe hörte das merkwürdige ferne Pfeifen ebenfalls. Mit einem Satz, ohne dass das steife Bein ihn behinderte, war, er am Fenster. Der Blick reichte bis zum Horizont Der Himmel im Südwesten hatte sich seit Old Joes Ankunft mit düsterem Grau bedeckt, das sich von Sekunde zu Sekunde noch mehr verfinsterte. Die noch von der Sonne beschienene Prärie leuchtete in giftigem Schwefelgelb. Das Pfeifen schwoll an.

Rufe schallten durch die Stadt, Türen klappten, Fenster schlugen. Clara, die am Zügelholm vor dem Telegraph Office wartete, trompetete wie ein Armeehornist. Old Joes Augen weiteten sich plötzlich. Ein trichterförmiger, bis zum Himmel reichender „Schlauch“ raste über die Ebene heran.

„He, was...“ brach der Schmächtige noch heraus.

Old Joe stürzte zur Tür. „Ein Tornado! Raus hier!“

Claras neuerliches Trompeten war ein Hilfeschrei. Der Braune des Banditen wieherte schrill. Als der Alte die Tür aufriss, sprang ihn der Gefesselte an. Old Joe fluchte, verlor das Gleichgewicht und knallte auf die Dielen. Die Hawken rutschte weg. Der Grinser erwischte Old Joe an der Kehle. Die Lederriemen ließen seinen Händen gerade den nötigen Spielraum.

Er knurrte nur, als der Alte ihm die Faust an den Kopf schmetterte. Währenddessen wurde aus dem Pfeifton ein Brausen wie von zehn Lokomotiven. Jackmantown war in hellem Aufruhr. Keiner wusste, wohin. Nur Sekunden blieben.

Old Joe wurde der Atem knapp. Verzweifelt stieß er mit den gespreizten Fingern der Rechten gegen die Augenpartie des Gegners. Das wirkte. Schreiend fuhr der Kerl zurück. Da bäumte Old Joe sich auf und langte mit der Faust nach. Der Bandit überkugelte sich daraufhin fast. Dann blieb dem Alten gerade noch Zeit, sich neben der Schalterbarriere an die Wand zu drücken.

Jackmantown versank in einer gigantischen Sandwoge, die der von Südwesten, wo Dryhill lag, heranfegende Wirbelsturm auf die Stadt warf. Die nächsten Minuten wurden zum Albtraum. Es. begann damit, dass die Telegrafenstation wie unter dem Schlag einer Riesenfaust erzitterte. Die Fenster platzten. Plötzlich war es stockdunkel.

Ein ohrenbetäubendes, nervenzerfetzendes Brüllen löschte alles aus. Die Telegrafenmasten entlang der Postkutschen-Straße knickten wie Streichhölzer. Die Drähte rissen. Der Schuppen hinter dem Wells Fargo-Gebäude stürzte zusammen. Dann waren die Schmiede und eine der leerstehenden Hütten dran.

Old Joe kam sich vor wie im Kielraum eines vom Orkan gebeutelten, absaufenden Schiffes. Die Wände wackelten, Regale kippten, dann sauste das Dach davon. Old Joe krümmte sich und schützte mit den Armen den weißmähnigen Kopf. Wagenladungen von Sand, die der Sturm aus dem Wüstengebiet an der New Mexico-Grenze brachte, ergossen sich in das Telegraph Office.

Die Vorderwand gab nach. Krachend begrub sie den Grinser unter sich. Ein Stützpfosten verklemmte sich knapp über Old Joes Kopf. Vielleicht hätte er sonst auch ihn erwischt. Er konnte nur beten, dass seine Langohr-Lady dieses schauerliche Inferno lebend überstand.

Das Ganze dauerte zwar nur Minuten. Aber Old Joe hatte den Eindruck, dass eine halbe Ewigkeit verstrich, bis das Heulen und Toben nachließ.

Langsam wurde es wieder hell. Das Office war ein Trümmerhaufen. Die Wände, die noch standen, knirschten verdächtig. Sand rieselte. Das Orgeln des Sturms verklang in den Kiowa Breaks. Keine Stimme meldete sich. Wie ein Bleipanzer legte sich das Schweigen um die Brust des Alten. Benommen wischte er sich den Schweiß und Sand aus den Augenwinkeln. Die Stiefel des Grinsers ragten unter den Balken und Brettern hervor. Von dem Telegrafenmann fehlte jede Spur. Das Morsegerät war unter einem Sandhaufen begraben.

Spuckend und würgend kämpfte Old Joe sich hoch. Alles umsonst! Nur ein Mann konnte dem unschuldig zum Tode Verurteilten jetzt noch helfen: sein Freund Tom.

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EINIGE STUNDEN, BEVOR der Wirbelsturm seine Todesspur durch die glühenden Ausläufer des Llano zog, bimmelte auf dem Frachthof der Lansford-White Company eine Glocke. „Kingman zum Boss!“, hieß es.

Der Anführer von Lansfords Schutztruppe kam gerade vom Barbier. Der Hof war mit klobigen Frachtwagen, stampfenden Gäulen und schwitzenden und fluchenden Männern vollgepfropft. Bill Kingman brauchte trotzdem nur knapp eine Minute, bis er die Treppe im Innern des Gebäudes hinaufstürmte und Lansfords Office betrat.

Die tote Brieftaube lag noch mitten auf dem Teppich. Lansford, der gerade das Fenster schloss, hatte ihr den Kragen umgedreht. Ein paar Flaumfedern hingen am Ärmel seiner weißen Anzugjacke.

„Mach die Tür zu!“, schnappte er, bevor er sich wieder auf den ledergepolsterten Stuhl hinter dem Mahagoni-Schreibtisch setzte.

„Was gibt’s?“

Kingman war ein hagerer Mann mit verkniffenem Gesicht. Er trug Reitertracht. Die Colthalfter war am rechten Oberschenkel festgebunden. Mehrere Kerben „zierten“ den Kolben der Waffe. Lansford fing sich wieder. Seine Miene wurde ausdruckslos. Schweigend legte er einen Zettel auf den Schreibtisch, lehnte sich zurück und polierte den Ring an der Rechten am Jackenärmel.

Kingman las. Die Nachricht, die die Taube gebracht hatte, bestand aus zwei abgehackten, von ungelenker Hand hingekritzelten Sätzen: „McBride gestellt. Ranger bei ihm.“

Kingmans verkniffenes Gesicht spannte sich noch mehr. „Verdammt!“

„Nun wissen wir, weshalb Cadburn die Stadt so eilig verließ.“ Lansfords Stimme war so kalt wie der Glanz seiner dunklen Augen. Er zündete ein Streichholz an und verbrannte den Zettel.

Bill Kingman hob die Schultern. „Baxter und seine Leute werden auch ihn erledigen.“

„Vielleicht“, dehnte der Frachtunternehmer. „Vielleicht ist Cadburn auch ’ne Nummer zu groß für sie.“

„Dann sind wir dran!“

„Nicht, wenn wir verhindern, dass Cadburn und sein Freund, der Oldtimer, je wieder in Dryhill aufkreuzen.“

„Es ist eine Sache, Boss, deinem Partner ’nen Mord in die Stiefel zu jubeln, ’ne ganz andere jedoch, einen Texas Ranger ins Jenseits zu befördern. Diese Burschen lassen garantiert die Hölle los, wenn einer von ihnen...“

Roy Lansfords Handbewegung unter brach ihn. „Wir haben keine Wahl, Bill. Übermorgen früh baumelt Jesse. Dann steckst du genauso tief drin wie ich. Wenn die Sache auffliegt, stehe ich garantiert nicht allein unterm Galgen.“

„Mist! Ich war gleich, dafür, McBride direkt auf White und nicht auf. den Kartenhai zu hetzen! McBride danach verschwinden zu lassen, wäre ein Kinderspiel gewesen! Kein Hahn hätte nach ihm gekräht! Der verdammte Ranger wäre gar nicht erst ...“

„Hinterher weiß man immer alles besser, Bill. Wenn du jetzt auch wie McBride die Nerven verlierst...“

Lansford sprach nicht weiter, aber sein Blick ließ den hargesottenen Revolvermann unwillkürlich frösteln. Lansford lächelte.

„Es steht für uns beide ’ne Menge auf dem Spiel, Bill. Deshalb wirst du jetzt deinen Gaul satteln, dir die drei zuverlässigsten Männer aussuchen und Cadburn abfangen. Ich selber kann die Stadt nicht verlassen. Der Sternträger würde sonst Verdacht schöpfen. Vielleicht hat Baxter dir tatsächlich schon die Arbeit abgenommen. Aber ich will kein Risiko.“

„Ich hätte die Finger davon lassen sollen“, murrte Kingman. „Dieser lächerliche Meineid war nicht mehr nötig, um White in die Todeszelle zu bringen.“

„Er war nötig, weil ich dich in meine Pläne eingeweiht hatte.“ Lansfords Lächeln wirkte noch eine Spur kälter. „Ich würde auf verlorenem Posten stehen, wenn du jetzt einfach abhauen oder mich gar verpfeifen könntest. Nein, Bill, wir ziehen an einem Seil, und am Ende von diesem Seil hängen Macht und Reichtum für uns beide!“

„Oder wir selber!“ knurrte Kingman, als er das Office verließ.

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ZWEI MEILEN VOR DEN Ausläufern der Double Fork Mountains stieß Tom Cadburn auf die Trittsiegel von vier Pferden. Er stieg ab und untersuchte sie. Schnüffelnd strich Sam um ihn herum. Die Fährte war nur wenige Stunden alt. Die Ränder der Hufabdrücke waren noch nicht abgebröckelt. Tom befühlte sie vorsichtig.

Die unterschiedliche Tiefe verriet ihm, dass nur zwei Pferde eine Last, das hieß: einen Reiter, getragen hatten. Sofort dachte Tom an den Hufschlag in der vergangenen Nacht. Die Lösung war plötzlich so einfach wie zwei und zwei vier ergab. Seine Verfolger hatten

lediglich die halbe Nacht lang gerastet.

Drei waren mit nur einem Gaul zurückgeblieben. Diese Burschen konnte er vergessen. Aber die beiden anderen hatten sich die Pferde ihrer Kameraden geschnappt und ihn, die Tiere wechselnd, damit sie durchhielten, im weiten Bogen überholt. Jetzt lauerten sie irgendwo vor ihm am Fuß der Berge. Einer von den gerissenen Halunken war garantiert der Besitzer des weittragenden Büffelgewehrs.

„Nein“, berichtigte Tom sich selber. „Nicht irgendwo, sondern auf dem einzigen Weg zu Hendersons Rancho.“

Der Schwarztimber fiepte, als hätte er Tom verstanden und wüsste ebenfalls, dass es außer auf Hendersons Rancho weit und breit kein Wasser gab. Die Canteen-Flasche an Thunders Sattel war beinahe leer. Der Inhalt reichte gerade noch, um dem Blauschimmelhengst einmal die Nüstern auszuwaschen, Sams Zunge zu befeuchten und mit dem allerletzten halben Schluck den Staub durch die eigene Kehle zu spülen. Dabei glühte die Sonne noch mitleidloser als an den Tagen zuvor. So kam es Tom wenigstens

vor.

Er zog Thunder etliche Yards am Zügel mit. Die Fährte zielte auf die zerklüfteten Flanken der Double Fork Mountains. Sie endete so abrupt, als wären den Pferden der Banditen plötzlich Flügel gewachsen. Toms Blick tastete zu dem Einschnitt, aus dem er und Old Joe vor einigen Tagen in umgekehrter Richtung gekommen waren.

„Hendersons Rancho“, wiederholte er leise, saß auf und zog die Winchester aus dem Scabbard. Es ging nicht nur um Wasser. Wenn er den Wettlauf um Jesse Whites Leben gewinnen wollte, dann blieb ihm kein anderer Weg.

Es sei denn, Old Joe hockte bereits im Telegraph Office von Jackmantown und ließ sich von dem Beamten zum zehnten Mal Sheriff Larkins Bestätigung vorlesen, dass White auf freiem Fuß war. Tom blickte nach Norden, wo die Kuppen der Kiowa Breaks wie Inseln in einem Meer aus flüssigem Blei aufragten. Der Himmel darüber war dunkel. Es sah aus, als würde sich ein Wolkengebirge auftürmen, das nach oben und seitwärts rotbraun zerfaserte. Ein dünner Pfeifton drang über die Ebene.

Thunder schnaubte, Sam winselte aufgeregt und lief ein Stück voraus. Toms Augen verengten sich. Für ein paar Sekunden vergaß er die Banditen. Das waren keine Wolken, sondern eine himmelhohe Wand aus Sand, losgerissenen Sträuchern und zerfetzten Kakteen, die über die Kiowa Breaks heranraste. Gleich darauf entdeckte Tom den kreisenden Trichter der Windhose mit dem langen, rhythmisch pendelnden „Schlauch“ darunter.

„Lauf!“, schrie er und hämmerte Thunder die Fersen gegen die Flanken. Der Hengst streckte sich. Seine Hufe wirbelten.

Toms Ziel war eine den Bergen vorgelagerte felsbedeckte Anhöhe, nicht weit von dem Einschnitt, durch den der Trail zu Hendersons Rancho verlief. Wenn der Sturm ihn auf offener Fläche erwischte, dann „Gute Nacht, Ranger!“ Sam flog wie ein Schatten über die mit dürren Grasbüscheln bestandene Ebene.

Zwischen den Felsen blitzte es. Tom spürte einen Schlag am rechten Steigbügel. Eine weiße Pulverrauchwolke schwebte über der Anhöhe. Das Heulen des mit ungeheurer Geschwindigkeit nahenden Sandsturms verschluckte den Knall.

„Dreckskerle!“, schrie Tom.

Sein erster Impuls war, nach rechts abzuschwenken. Dann begriff er, dass er die weiter entfernten Kämme nicht mehr erreichen würde. Im vollen Galopp hob er die Winchester und schoss. Der Halbwolf kläffte, als wieder ein Feuerstrahl aus dem Schatten stach. Es war ein Mehrladegewehr. Der Kerl mit der Sharps oder Hawken konnte so schnell nicht Pulver und Blei nachgefüllt haben.

Tom biss die Zähne zusammen. Die Zügel ums linke Handgelenk geschlungen, schoss und repetierte er so rasch, dass die Detonationen zu einem anhaltenden Dröhnen verschmolzen. Ein genaues Zielen war natürlich nicht drin. Der Ranger hielt einfach drauf. Es kam auf jede Sekunde an. Alles, was er sich leistete, war, dass er die letzten vierhundert Yard im Zickzack ritt.

Thunder war ein Kampfpferd, das auf jeden Schenkeldruck reagierte und sich von den surrenden „Bleihummeln“ nicht beirren ließ. Das Büffelgewehr flammte wieder. Dann senkte sich Dunkelheit aufs Land. Ein Donnern, als würden die Berge einstürzen und die Ebene aufbrechen, holte den Reiter ein.

Er brachte gerade noch die Füße aus den Bügeln und hielt krampfhaft die Winchester fest. Thunder war groß und kräftig, aber der Anprall des Sturms warf ihn wie eine altersschwache Ziege um. Sein Wiehern versank in einem Gedröhn, das nach Weltuntergang klang. Tom landete auf der Erde. Seine Rippen schmerzten. Aber das war nichts gegen die Sandmassen, die auf ihn niederstürzten und ihn zu ersticken drohten. Dabei brauste der eigentliche Sturmtrichter mehrere Meilen entfernt vorbei. Sein Sog verwandelte Toms Umgebung in einen brodelnden Hexenkessel.

Keuchend wälzte sich Tom auf die Seite, versuchte sich aufzurichten. Aber der Sturm presste ihn nieder. Sandwogen peitschten ihn. Wie von weit her kam ein Fetzen von Thunders schrillem Wiehern. Der Hengst kämpfte sich hoch, ein schwankender Schatten in der sanddurchtobten Dunkelheit. Kein Lebenszeichen von Sam.

Tom kroch auf allen Vieren in die Richtung, in der er die Felshöhe vermutete. Verbissen hielt er Gewehr und Zügel. Sein Stetson war fort. Er nahm sich keine Zeit, das Halstuch vors Gesicht zu binden. Sand drang in die Nase, den Mund, die Ohren. Die Luft wurde ihm knapp. Sein Gesicht schmerzte wie von Nadeln zerstochen. Sandwehen türmten sich vor ihm. Auf seinem Rücken schienen Dämonen zu reiten. Ein Heulen erfüllte die Luft.

Dann stieß Tom gegen etwas Hartes. Seine tastende Hand berührte rauen Fels. Er kroch weiter. Thunder stampfte mit. Die Wucht des Sturms ließ plötzlich nach. Tom presste sich in eine Nische zwischen den übermannshohen Felsen. Feurige Punkte tanzten vor seinen Augen. Sein Kopf dröhnte wie eine Apachentrommel.

Er wusste nicht, wie lange es dauerte, wahrscheinlich nur Minuten, bis das schreckliche Toben verebbte. Schließlich war nur mehr ein Pfeifen zu vernehmen, das rasch leiser wurde. Die Finsternis lichtete sich. Sandbäche rieselten. Die Sonne tauchte als weiß-gelber Fleck über den Sundown Plains auf.

Tom hustete, spuckte, würgte. Er hockte bis zu den Oberschenkeln im Sand. Sand klebte in seinen Haaren, verkrustete das Gesicht und biss in allen Poren. Die Winchester sah aus wie paniert. Der Colt fehlte. Tom hatte ihn beim Sturz verloren. Er wollte sich aufrichten, fühlte sich aber so kraftlos, als hätte die Hölle ihn schon gehabt und wieder ausgespuckt. Thunders Schnauben warnte ihn zu spät. Er brachte noch den Finger an den Abzug, aber das Knacken .eines Gewehrschlosses bannte ihn.

Die Waffe zielte auf seinen Kopf. Es war eine Hawken, das exakte Duplikat von Old Joes Donnerbüchse. Das grobschlächtige Gesicht mit der schwarzen Augenklappe verzog sich zu einem Grinsen. „Du kannst es ja mal versuchen, Ranger. Ich glaub kaum, dass deine Knarre noch funktioniert.“

Tom verzichtete. Er lehnte die Winchester neben sich und stemmte sich hoch. Er schaffte es nur halb. Der massige Kerl vor ihm bewegte sich plötzlich. Der Lauf der Hawken traf Tom zwischen Hals und Schulter und schleuderte ihn zu Boden. Nach allem, was hinter ihm lag, war es nicht verwunderlich, dass er die Besinnung verlor.

*

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KOPFSCHMERZEN UND ÜBELKEIT begleiteten sein Erwachen. Er fühlte sich wie gerädert. Ein glühender Stahlreif schien seine Schläfen zusammenzupressen. Es dauerte eine Weile, bis er die Fesseln an seinen Handgelenken spürte. Da erinnerte er sich an alles. Es war ein Schock, der seine Benommenheit schlagartig vertrieb.

Er hörte Stimmen, Geräusche, rührte sich aber nicht. „Keine Spur von dem verdammten Wolf!“, verstand er.

„Kümmere dich um die Pferde!“, knurrte eine zweite Stimme. Sie gehörte dem Hawkenbesitzer. „So ’nen Gaul wie den Blauschimmel erwischt man nicht alle Tage. Der ist mindestens fünfhundert wert.“

Tom lag auf der Seite. Die Banditen befanden sich hinter ihm. Vorsichtig öffnete er die Augen. Grelle Helligkeit blendete ihn. Aber er gewöhnte sich an sie und erkannte die Umrisse von Felsen und Sträuchern. Sanddünen, aus denen Grasbüschel ragten, reihten sich dahinter. Die Luft flimmerte wie eh und je. Die Länge des Schattens verriet Tom, dass nicht viel mehr als eine halbe Stunde verstrichen war, seit der Wirbelsturm aus den Kiowa Breaks gefegt war. Von dort, wo Jackmantown lag!, durchfuhr es ihn.

Die Vision geknickter Telegrafenmasten und zerrissener Drähte stand vor seinen Augen. Die Bahn eines Tornados war in diesem unwirtlichen Teil von Texas zwar völlig unberechenbar. Es wäre jedoch glatter Selbstbetrug gewesen, sich jetzt noch drauf zu verlassen, dass Old Joe seine Meldung per Telegraf durchgebracht hatte. Tom wurde es wieder schlecht.

Er schloss die Augen und versuchte möglichst tief und gleichmäßig zu atmen. Das half. Die Gewissheit, dass Jesse White am übernächsten Morgen die Stufen zum Galgen hinaufsteigen würde, wenn nicht noch ein Wunder geschah, blieb jedoch und verursachte nach wie vor einen bleiernen Druck in seinem Magen.

Zu den Wundern rechnete Tom allerdings auch seine innige Freundschaft zu einem schwarzen, zotteligen Vierbeiner namens Sam. Als er die Lider nach einiger Zeit wieder öffnete, blickte er in ein grünlich schillerndes Augenpaar. Sein Atem stockte einen Moment. Es war tatsächlich der Schwarztimber, der nur fünf Schritte vor ihm reglos unter einem Kreosotbusch lag.

Tom war es, als blinzelte er ihm zu. Wenn Sam die Augen zumachte, blieb nur ein klumpiger Schatten, über den ein unvorbereiteter Blick achtlos wegglitt. Obwohl jede Faser in ihm danach fieberte, Toms Bewachern an die. Kehle zu springen, verriet er sich mit keinem Laut und keiner Bewegung.

Die Pferde bemerkten ihn nicht. Der Sand, der noch ihre Nüstern verklebte, beeinträchtigte ihre Witterung.

„Sei sparsam mit dem Wasser, Sloan!“, mahnte der Einäugige. „Wir müssen bis Hendersons Rancho damit auskommen.“

Sam drückte sich noch fester an den Boden. Toms Gedanken jagten sich. Eine Handbewegung von ihm, und der schwarze Halbwolf würde wie eine Ramme aus der Deckung heraus auf die Halunken zusausen. Bei nur einem Gegner hätte Tom es riskiert. Aber er musste auch an White denken. White könnte bereits in Mexiko sein, wenn Tom nicht eingegriffen hätte. White ging vor. Er kam noch vor der eigenen Sicherheit, und das „Wunder“, das ihn retten konnte, hieß Sam.

Tom war heilfroh, dass McBrides Mörder ihm die Hände vorn zusammengebunden hatten. Sie waren beschäftigt und hielten ihn für bewusstlos. Behutsam fingerte er Notizblock und Schreibstift aus der Hemdbrusttasche. Sam beobachtete ihn wachsam.

Die Felsen schnitten in Toms Gelenke. Trotzdem gelang es ihm, ein paar Zeilen auf ein Blatt zu kritzeln und es herauszutrennen. Schwieriger war es, an das röhrchenartige Lederfutteral in der Hosentasche heranzukommen. Tom krümmte sich stöhnend:

„He, Baxter, er kommt zu sich!“

„Wird auch Zeit! Wenn wir in ’ner halben Stunde nicht aufbrechen, erreichen wir heute nicht mehr Hendersons Tal.“

Tom war auf das Malmen von Tritten gefasst, aber die Schurken kümmerten sich nicht weiter um ihn. Die Pferde stampften. Wasser lief in einen Ledereimer. Sam stellte die Lauscher auf, als Tom den Zettel zusammenrollte und in die Lederhülse schob. Eine Schlinge hing daran. Sie passte genau um Sams Hals, konnte sich aber nicht zusammenziehen.

Es war nicht das erste Mal, dass der Schwarztimber eine Botschaft übermittelte, meist zwischen Tom und Old Joe. Wie konnte Tom ihn dazu bringen, dass er zu Henderson lief? Denn Toms Nachricht lautete: „Henderson, verständigen Sie den Sheriff von Dryhill so schnell wie möglich davon, dass White nicht sterben darf! Es war McBride, der den Mord . in Lansfords Auftrag beging! - Tom Cadburn.“

Der Ranger hörte, wie Baxters Kumpan die Pferde tränkte. Baxter schüttelte Decken und Kleidungsstücke. Alles war voller Sand. Da hielt Tom dem Halbwolf das Futteral hin. Sam wusste Bescheid. Er hasste es zwar, mit einem „Halsband“ samt Anhängsel herumzulaufen, doch seine Freundschaft zu Tom und das Gefühl, dass er gebraucht wurde, überwogen.

Ein paar lautlose Sätze brachten ihn zu dem Gefangenen. Die Banditenpferde wieherten erschreckt. Der Ledereimer landete im Sand. „Achtung, der Wolf!“ schrie Baxters Kumpan:

Blitzschnell stemmte Tom sich auf die Knie und streifte Sam die Schnur mit dem Futteral über den Kopf.

„Lauf!“

Sam fegte davon. Schüsse knallten. Dann fiel Baxters Schatten auf den Texas Ranger. Ein Tritt warf Tom vornüber. Sam drehte sich zwischen den Kreosotsträuchern und fletschte die Zähne. Wieder blitzten die Revolver. Zerfetzte Blätter wirbelten.

„Lauf!“, wiederholte Tom. Da verschwand Sam mit einem gewaltigen Satz hinter den Felsbrocken. Tom steckte einen erneuten Tritt ein.

„Hinterher, Sloan!“, brüllte Baxter.

Die Pferde waren noch immer außer Rand und Band. Es dauerte mehrere Sekunden, bis der gedrungene, stoppelbärtige Bandit in den Sattel kam. Hufschlag stob um die felsbedeckte Anhöhe. Doch Tom wusste genau, dass der Kerl keine Chance besaß, Sam in dem Schluchten- und Felsenlabyrinth der Double Fork Mountains einzuholen.

Sam kannte die Richtung, in der Tom unterwegs gewesen war. außerdem wusste er, dass es galt, das Lederfutteral abzuliefern. Vielleicht wollte er damit bis nach Dryhill. Trotzdem würde er unweigerlich bei Henderson auftauchen. Auch ein Überlebenskünstler wie Sam kam ohne Wasser nicht aus. Ed Henderson kannte ihn, und Tom hoffte, dass Sam den Ranchero den Inhalt des Futterals begutachten ließ. Es war alles, was er für White tun konnte.

„Na warte, Ranger, das bezahlst du!“, knirschte der Einäugige.

Es dauerte keine halbe Stunde, bis sein Kumpan zurückkehrte. „Mach mir bloß keine Vorwürfe!“, kam er Baxter zuvor. „Du hättest genauso verlangen können, dass ich ’ne Stecknadel in einem Heuhaufen finde. Zur Hölle mit dem Wolf!“ Er richtete vom Pferd aus das Gewehr auf den Gefangenen. „Und zur Hölle mit diesem Dreckskerl!“

„Lass den Blödsinn!“, fuhr Baxter ihn an. „Lansford soll entscheiden, was mit ihm geschieht. Außerdem haben wir mit ihm ein wirksames Mittel, Lansford ’nen zusätzlichen Tausender abzuknöpfen. Der Galgen wäre Lansford sicher, wenn wir den Ranger laufen ließen!“ Er stieß Tom mit der Hawken an. „Wie heißt du?“

„Cadburn“, erwiderte Tom. „Merk dir den Namen.“

„Ich werd’ ihn auf dein Grabkreuz schreiben“, grinste der Einäugige. Seine Stiefelspitze traf Toms Rippen. „Steh auf! Wir reiten zu Hendersons Rancho!“

*

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EINE GEWITTERFRONT über den Quellflüssen des Brazos hatte den Sturmtrichter zwar nach Südwesten, also fast in die Richtung, aus der er kam, zurückgelenkt, seine mörderische Wucht jedoch nicht beeinträchtigt. Die Spur der Verwüstung war unübersehbar. Nach wenigen Meilen versperrte ein gewaltiger Felsrutsch Toms Bewachern den Weg. Entwurzelte Sträucher und zersplitterte Kiefernstämme ragten aus den Geröllmassen. Fluchend hielten die Banditen.

„Vielleicht sollten wir zuerst mal auf Scobey, Rask und Fuller warten“, erinnerte Sloan an die mit nur einem Pferd zurückgebliebenen Kumpane. Der Einäugige bedachte ihn mit einem schiefen Blick und spuckte aus. Ein weiterer Kommentar war überflüssig.

Dann musterte Baxter die mit Gestrüpp und haushohen Felsklötzen bedeckten Bergflanken, Tom hatte den schmalen Wildpfad, der sich rechts von ihnen emporschlängelte, bereits entdeckt. Baxter deutete mit dem Gewehr.

„Da hinauf!“

Er ritt voraus. Die Leine, mit der Toms Hengst an seinem Sattel festgebunden war, straffte sich und zog ihn mit. Da Thunder keinen anderen Reiter auf seinem Rücken duldete, hatten die Banditen ihn dem Gefangenen überlassen. Der stoppelbärtige Sloan folgte mit den beiden am Lasso trottenden Ersatzpferden.

Wahrscheinlich hatten Wildschafe den Pfad getrampelt. Er bot einem Pferd gerade genug Platz. Die Reiter mussten mit Luchsaugen aufpassen, dass die Tiere nicht daneben traten. Je höher sie kamen, umso holpriger wurde der Weg. In den Hang gekrallte Sträucher streiften sie. Dann wieder schrammten die Steigbügel über Fels.

Tom hockte zusammengesunken im Sattel. Schweißverklebte Strähnen hingen über seine Augen. Keine Einzelheit entging ihm. Er war längst nicht so erschöpft, wie er sich gab. Baxter schaute sich immer wieder mal um. Er fluchte, als er den Ranger wie betrunken auf dem Pferd schwanken sah.

„Reiß dich zusammen, verdammt! Willst du dir das Genick brechen?“

Details

Seiten
1500
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917444
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
sammelband western februar

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

    1243 Titel veröffentlicht

  • W. W. Shols (Autor:in)

  • Glenn Stirling (Autor:in)

  • Horst Weymar Hübner (Autor:in)

  • John F. Beck (Autor:in)

  • Larry Lash (Autor:in)

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Titel: Sammelband 13 erbarmungslose Western Februar 2018