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CALLAHAN #12: Jetzt wird abgerechnet, Osborne!

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Als ich den alten Ernie Ferguson fand, hielt ich ihn zunächst für tot. Aber er war nur schwer verletzt. Seinen Sohn hatte es dagegen schlimmer erwischt. Er war tot, ermordet von einer Bande gewissenloser Halunken, deren Anführer ein gewisser Osborne war. Ich erfuhr es von Ernie, nachdem ich mich mich um seine Wunden gekümmert und dafür gesorgt hatte, dass der Sensenmann ihn nicht holte. Als es Ernie besser ging, erfuhr ich die zweite Hiobsbotschaft: Ernie hatte noch eine Tochter namens Sharon, und die war von Osbornes Hundesöhnen entführt worden. Kein Wunder, dass der alte Ernie Gift und Galle spuckte und bereit war, Osborne in die Hölle zu schicken. Obwohl er das in seinem geschwächten Zustand niemals schaffen konnte. Was blieb mir also übrig, als ihm zu helfen, nach Sharon zu suchen und sie aus dem Banditencamp zu befreien? Allerdings wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie riskant dieser Job war, den ich mir da vorgenommen hatte ...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Jetzt wird abgerechnet, Osborne!

Klappentext:

Roman:

CALLAHAN

 

Band 12

 

Jetzt wird abgerechnet, Osborne!

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Maynard Dixon

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Als ich den alten Ernie Ferguson fand, hielt ich ihn zunächst für tot. Aber er war nur schwer verletzt. Seinen Sohn hatte es dagegen schlimmer erwischt. Er war tot, ermordet von einer Bande gewissenloser Halunken, deren Anführer ein gewisser Osborne war. Ich erfuhr es von Ernie, nachdem ich mich mich um seine Wunden gekümmert und dafür gesorgt hatte, dass der Sensenmann ihn nicht holte. Als es Ernie besser ging, erfuhr ich die zweite Hiobsbotschaft: Ernie hatte noch eine Tochter namens Sharon, und die war von Osbornes Hundesöhnen entführt worden. Kein Wunder, dass der alte Ernie Gift und Galle spuckte und bereit war, Osborne in die Hölle zu schicken. Obwohl er das in seinem geschwächten Zustand niemals schaffen konnte. Was blieb mir also übrig, als ihm zu helfen, nach Sharon zu suchen und sie aus dem Banditencamp zu befreien? Allerdings wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie riskant dieser Job war, den ich mir da vorgenommen hatte ...

 

 

 

 

Roman:

Ich wusste, dass irgend etwas nicht stimmte, als ich das Verhalten meines Pferdes bemerkte. Das Tier scheute immer wieder, warf aufgeregt den Kopf hin und her und schnaubte ganz aufgeregt. Als wenn es Gefahr witterte – die ich wiederum aber weder sehen noch hören konnte.

Trotzdem wurde ich jetzt umso wachsamer, denn mein Pferd weigerte sich vehement, dem kleinen Weg zu folgen, der zu beiden Seiten von dichtem Gestrüpp bewachsen war. Und je näher mein Pferd diesen Büschen kam, umso nervöser gebärdete es sich. Sekunden später bäumte es sich mit den Vorderläufen so plötzlich auf, dass ich beinahe aus dem Sattel gefallen wäre, weil ich damit natürlich nicht gerechnet hatte.

„Verdammt!“, brummte ich. „Was in Dreiteufelsnamen ist denn nur los mit dir?“

Ich strich mit der linken Hand behutsam über den Hals meines Pferdes. Aber diese ansonsten immer beruhigend wirkende Geste verfehlte diesmal ihr Ziel. Meinem Pferd war das völlig gleichgültig. Es schnaubte immer noch und machte Anstalten, mich ein zweites Mal abzuwerfen. Dazu kam es jedoch nicht mehr!

Plötzlich war der Puma da. Ich hörte das Fauchen, fuhr im Sattel hoch, sah das sprungbereite Ungeheuer und riss die Winchester aus dem Scabbard. Aber dieser braune Teufel war schneller als ich. Viel schneller. Ich hatte die Waffe noch nicht durchgeladen, als die Bestie gestreckt auf mich zuflog. Ich sah die Reißzähne, die gestreckten Pranken, die Krallen. Vielleicht hätte ich noch schießen können. Da drehte mein zu Tode erschrockenes Pferd durch.

Mein Pferd bäumte sich auf, wieherte schrill - und ich flog aus dem Sattel. Ich ging zu Boden. Wie ein mittelprächtiger Baumstamm schlug ich auf. Mein Schädel dröhnte. Mir wurde schwarz vor Augen.

Der Teufel soll diesen Puma holen! dachte ich. Mit einem wütenden Fluch kam ich wieder auf die Beine.

Dass sich die Winchester noch in meiner Rechten befand, verdankte ich sicherlich nicht meiner Geistesgegenwart, sondern einem Zufall.

Der Silberlöwe hatte mich verfehlt. Er schickte sich aber schon zum nächsten Sprung an.

Jetzt würde ich diesen Satan erledigen. Ich hebelte mit einer energischen Bewegung eine Patrone in den Lauf, drückte ab.

Aber die Raubkatze war blitzschnell ausgewichen. Sie schnellte sich vom Boden ab. Der Knall des Schusses brach sich in den Felsen.

Ich konnte nur noch ausweichen oder angreifen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, nahm ich die Winchester quer, sprang zwei Schritte nach vorn. So parierte ich den Angriff des Satansbratens.

Ich hatte den Puma unterschätzt. Der Schwung des braunen Räubers war wesentlich heftiger, als ich gedacht hatte. Und die Kraft, die in diesen gestreckten Pranken steckte, war ungeheuer.

Als wäre ich gegen einen Felsblock gerannt, prallte ich zurück. Unter meinen Füßen gab plötzlich der Boden nach. Ich trat ins Leere. Einige Steinbrocken brachen von der Kante los.

Wie kochendes Wasser schoss es mir unters Schädeldach.

Der Abgrund! Dieser verdammte Abgrund. Ich hatte ihn vergessen. Und nun musste mich unweigerlich die Hölle verschlingen!

Das panische Wiehern meines Pferdes ging mir durch Mark und Bein. Der braune Teufel hatte sich auf das treue Tier gestürzt, nachdem ich ihm als Beute entgangen war.

Wieder rollten einige Steine über die Felskante. Ich hörte sie dumpf aufschlagen. Weiter unten im tosend dahinschießenden Wildbach klatschte und gischtete es.

Ich hatte plötzlich kein Gefühl mehr im Körper. Mein Schädel schien zu zerplatzen.

Wie lange konnte der verfluchte Sturz in die Hölle noch dauern? Ich glaubte, ich müsste schon eine Ewigkeit in der gähnenden Leere rasend schnell dem Grund der Schlucht entgegenstürzen. Mehrmals überschlug ich mich. Meine Muskeln waren gespannt. Mein Mageninhalt wollte hochkommen. Mir war speiübel.

Und gleich darauf empfand ich den Todessturz fast als angenehm. Das mächtige Rauschen des Baches, der über die Stromschnellen und die scharfkantigen Felsen hinweghüpfte, klang angenehm in meinen Ohren. Fast wie das Säuseln des Windes in den Baumwipfeln.

So unglaublich das klingen mag: ich war mit einem mal ruhig und still. Nicht einmal mehr verkrampft. Dieses friedliche Rauschen erinnerte mich an die Wälder von Kentucky. An die Quelle mitten im Wald, nahe bei meiner ehemaligen Farm. Oft hatte ich dort mit geschlossenen Augen gelegen und geträumt. Vom großen Glück, das ich gepachtet zu haben glaubte. Well. Dann war’s in die Hosen gegangen.

Und mein Traum hörte auch jetzt jäh auf.

Nur Sekunden hatte der Sturz gedauert. Sekunden, die mich dem Teufel näherbrachten.

Plötzlich spürte ich einen betäubenden Schlag, der meinen ganzen Körper in Stücke reißen musste. Ich war überzeugt, dass mein Ende gekommen war. Und es war nicht einmal so schrecklich, wie ich gedacht hatte.

Aber es war nicht der Satan, der mich in Empfang nahm. Ich tauchte in den strudelnden Gebirgsbach; hinein ins eiskalte Wasser. Es schlug so plötzlich über mir zusammen, dass ich nicht in der Lage war, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.

Als ich nach Luft schnappte, drang mir das Wasser in die Nase, es quoll in meinen Mund. Ich würgte, bekam Erstickungsanfälle, schlug wie verrückt um mich.

Die Orientierung hatte ich längst verloren. Ich hatte nicht den Schimmer einer Ahnung, wo ich mich befand. Nur Wasser war da. Und das konnte ich nicht übersehen. Ich musste mich mehrmals um die eigene Achse gedreht haben, mehrere Saltos schlug ich. Plötzlich befand ich mich auf dem Grund des Baches.

Ich prallte trotz der enormen Tiefe, in die ich gerissen worden war, sehr heftig auf. Das kam nun zu meinen übrigen Beschwernissen hinzu. Vor meinen Augen stand eine rote, undurchsichtige Masse. Ich spürte eine seltsame Schwäche durch meine Glieder rinnen. Dann erfasste mich die Strömung.

Ohne mich dagegen sträuben zu können und ohne mitzuhelfen, wurde ich wie ein Korken nach oben katapultiert. Ich schoss plötzlich an die Oberfläche, tauchte kurz mit dem Kopf aus dem schäumenden Wasser. Verzweifelt versuchte ich Luft zu holen. Ich hustete erbärmlich, übergab mich fast. Aber wenigstens bekam ich eine winzige Menge Luft in die Lungen. Dann wurde ich mit der tosenden, brüllenden Wassermenge zwischen enge Felswände gerissen. Ich streckte Arme und Beine aus, um mich notfalls vor einem zu heftigen Aufprall schützen zu können.

Mein Verstand fing wieder zu arbeiten an. Wurde verdammt auch Zeit. Denn ich hätte die nächste Minute nicht überlebt, wenn ich mich so hätte weitertreiben lassen wie bisher.

Nur ein Gedanke hämmerte in meinen Schädel: Hinaus! Du brauchst Luft! Du musst wieder atmen!

Ich zuckte zusammen, als mir die Notwendigkeit dieses Tuns so deutlich klar wurde. Und dann ruderte ich mit letzter Kraft. Ich stieß mich nach oben, gelangte an die Wasseroberfläche, schnappte nach Luft.

Und jetzt gelang es mir auch, den Kopf länger über Wasser zu halten. Ich nahm sogar die Felswände wahr. Sie verengten sich unmittelbar vor mir und die Strömung, die ohnehin schon unerhört mächtig war, wurde noch rasanter. Sie wirbelte mich herum. Ich musste teuflisch auf der Hut sein, dass ich nicht gegen den Stein getrieben wurde. Die Gefahr, dass ich mit aller Wucht dagegenprallte, war mir sehr wohl bewusst. Mein Schädel wäre sicher zerschmettert worden.

Obwohl meine Kräfte allmählich zurückkehrten, blieb ich ein Spielball der Wassermassen, der Strömung. Ich wurde mitgerissen, konnte lediglich geringfügig meinen Kurs ändern und das Schlimmste verhüten.

Wie lange sich diese Reise durch den Grund der Hölle fortsetzte, ist unmöglich genau zu sagen. Mir kam es wie zehn Ewigkeiten vor. Und ich war fast so gut wie tot, als ich kapierte, dass es noch schrecklicher kommen sollte.

Vor mir verschwand der reißende Fluss auf einmal im Nichts. Was das bedeutet, braucht nicht erklärt zu werden. Stromschnellen lagen unmittelbar vor mir. Und ich würde über die Klippen gerissen und da unten mit letzter Sicherheit zerschmettert werden.

Ich hatte in meinem Leben schon allerlei dreckige und hinterhältige Spiele überstanden. Mir war noch nichts zu verrückt gewesen. Aber mir lief es jetzt eiskalt über den Rücken.

In der Mitte des sich verbreiternden Flussbettes entdeckte ich einen Felsblock. Den musste ich erreichen.

Ich stieß mich mit aller verbliebenen Energie in diese Richtung. Ich ruderte mit den Armen um mein Leben. Die nasse Kleidung zog mich hinunter. Meine Lungen brannten. Ich konnte nicht viel sehen, denn meine Augen schienen von Feuer versengt worden zu sein.

Mit den Fingerspitzen berührte ich den Felsbrocken. Er war verdammt glitschig. Ich konnte mich nicht festhalten. Der Ruck, als mich die Strömung antrieb, kam zu plötzlich, zu heftig, als dass ich diesen winzigen Augenblick ausnützen konnte.

Der entscheidende Moment, in dem einem klar wird, dass nun auch der letzte Strohhalm, sich zu retten, nicht mehr greifbar ist, birgt teuflisches Erschrecken in sich. Ich war sekundenlang wie gelähmt. Ich gab einfach den Kampf auf. Alles in mir sträubte sich dagegen, weiter gegen diese tosende Wucht anzugehen. Ich würde in die Stromschnellen geraten und musste mich im Wasserfall zu Tode stürzen.

Warum hatte ich verzweifelt gegen das Ertrinken gekämpft? Das war doch nur ein lächerliches Beginnen gewesen, wenn ich nun erst recht den sicheren Tod vor mir hatte.

Das Dröhnen schwoll zum ohrenbetäubenden Donnern. Über den Stromschnellen hing feiner Wasserstaub, in dem sich das Sonnenlicht brach. Ein Regenbogen als letzter Abschiedsgruß von dieser lausigen Welt. Auch ein Abschied, den nicht jedermann hat. Teufel noch mal!

Meinem Gefühl nach betrug die Tiefe mindestens zehn Mannslängen. Und diese Strecke würde ich nun hinunterstürzen. Mein Leben hing an einer einzigen Hoffnung. Das Wasser da unten würde vielleicht an die zehn Fuß tief sein. Dann konnte ich es schaffen. Nur dann. War es nicht so tief, sollte ich die letzten Sekunden auf dieser Welt im Flug erleben. Und dann war es vorbei. Leb wohl, Kentucky!

Mit dem Bauch scheuerte ich über die Felskante. Ich wurde hinausgerissen, schwebte kurz über dem Abgrund. Dann begann der Fall. Unerhört schnell. Aber nicht so weit, wie ich schon befürchtet hatte. Zehn Yards etwa, dann tauchte ich erneut ins eiskalte Wasser. Es war tief. Und am Grund befand sich nackter Fels.

Instinktiv hatte ich mich zusammengerollt. Und nun stieß ich mich ab, schoss erneut an die Oberfläche, kam genau unter die herunterstürzenden Wassermassen, erhielt einen teuflischen Schlag auf den Schädel, wurde noch einmal hinuntergetaucht Dann spie mich der Fluss aus.

Mit einigen Schwimmstößen erreichte ich restlos ausgelaugt das bewachsene Ufer. Zwischen zwei niedrigen üppigen Hecken wurde ich angeschwemmt wie Treibholz. Ich klammerte mich an den ins Wasser hängenden Zweigen fest, kam mit den Knien auf Grund und zog mich hinaus. Aber nur so weit, dass mein Oberkörper im Trockenen war. Die Beine hingen noch im Wasser. Ich war zu erschöpft, um sie nachzuziehen.

Ich spuckte eine Menge Wasser aus. Mein Leib schmerzte. Ich hatte das scheußliche Gefühl, aus einer einzigen Wunde zu bestehen.

Minuten vergingen, in denen ich nicht fähig war, auch nur den Kopf zu heben. Ich war geschafft wie selten zuvor.

 

*

 

Zwei Stunden verbrachte ich im bleiernen Schlaf. Als ich aufwachte, fand ich mich zunächst nicht zurecht. Ringsum sah ich saftiges grünes Laub. Ich hörte das Tosen des herabstürzenden Wassers. Und da erst kam mir die Erinnerung. Sie brach über mich herein, so dass mir im nachhinein noch ein Schauer über den Rücken lief.

Ich richtete mich auf und brachte nun auch meine Beine ans trockene Ufer. Noch waren meine Knie weich und nachgiebig. Ich war nicht sicher, ob sie mich länger als eine Viertelstunde tragen würden.

Meine Waffen fielen mir ein. Ich hatte die Winchester beim Angriff des Pumas fallen lassen. Sie war entweder mit in den Wildbach gestürzt, oder sie lag noch oben auf dem schmalen Pfad, den ich mit dem Pferd geritten war.

Das Pferd! Armes Luder, dachte ich. Der Puma hatte nicht viel gehabt, nachdem auch das Tier abgestürzt war.

Ich blickte zu dem Wasserfall hin. Ein Steigbügelriemen schwamm auf der Wasseroberfläche. Ein Beweis für die Richtigkeit meiner Annahme.

Einen wütenden Fluch konnte ich mir nicht verkneifen. Dann kaute ich auf meiner Unterlippe und überlegte, was ich nun beginnen sollte. In meinem Holster steckte zwar noch der Peacemaker, aber diese Waffe war so ziemlich alles, was mir geblieben war.

Ich kramte in meinem Gedächtnis. Nach allem, was ich noch in Erinnerung hatte, hieß die nächste Ansiedlung Ten Rocks. Das Nest war schätzungsweise an die zehn Meilen entfernt. Und es lag an diesem lausigen Fluss. Wenn ich einen Weg fand, die Felsen zu umgehen und dann immer flussaufwärts marschierte, musste ich diese Strecke in einigen Stunden schaffen. Bis Sonnenuntergang war die kleine Stadt mühelos zu erreichen.

Ich suchte in meinen Taschen nach dem Tabaksbeutel. Ich fand ihn. Aber besser wäre es gewesen, ich hätte das Bedürfnis zu rauchen vorher schon unterdrückt. Denn der Tabak war feucht und ausgelaugt. Nur braune Soße, die noch dazu ekelhaft stank, rann aus dem Beutel. Ich schleuderte ihn ins Wasser. Mein schönster Fluch begleitete ihn.

Verdrossen stapfte ich los.

Ich brachte, wütend vor mich hinstampfend, zwei Meilen hinter mich. Meine Füße schmerzten. Ich wettete mit mir selbst, dass ich längst riesige Blasen an den Fußsohlen hatte. Die Beine waren geschwollen. Am liebsten hätte ich die Stiefel ausgezogen. Und sicher wäre ich eine Stunde lang viel leichter und rascher vorangekommen. Aber spätestens dann wären meine Füße von dem scharfen Gestein auf dem schmalen Pfad zerschnitten und aufgerissen gewesen.

Mir blieb keine Wahl. Ich ging weiter. Mit zäher Beharrlichkeit, voller Wut und mit entschlossener Ausdauer, die meinen Grimm bei jedem Schritt steigerte.

Die erste Höhe hatte ich überwunden. Der Schweiß lief mir in Strömen über den Rücken. Er brannte gemein in den Augen.

Vor mir lag ein schmales Tal, das von zahlreichen Büschen geradezu überwuchert war. Der Pfad führte mitten durch dieses Dickicht hindurch.

Ich stolperte den abfallenden Weg hinunter. Loses Geröll erschwerte es mir, auf den Beinen zu bleiben. Ich hatte immer wieder zu kämpfen, dass ich nicht stolperte.

Heilfroh, dass ich endlich den Grund des Tals erreicht hatte, legte ich eine kleine Pause ein. Ich ließ mich auf die Erde nieder und wischte mir den Schweiß von der Stirn.

Jetzt hätte ich leidenschaftlich gern eine Zigarette geraucht. Aber ich verdrängte den Gedanken daran, um mich nicht wieder aufzuregen.

Seufzend erhob ich mich, stapfte weiter.

Und plötzlich blieb ich stehen. So plötzlich und abrupt, als wäre ich gegen eine unsichtbare Wand geprallt.

Ein Dutzend Schritte voraus lag genau auf dem Pfad ein lebloser Mann. Er war hingestreckt wie ein Toter. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen. Aber seinen Rücken sah ich - und die mächtige blutige Wunde an der linken Hüfte.

Mein erster Gedanke galt dem braunen Puma. Diesem verdammten Teufel, der mir die Hölle heiß gemacht hatte. Die Wunde des Mannes auf dem Pfad sah mir verflucht nach einem Prankenhieb dieses Satans aus.

Ich hastete auf den Mann zu, Dann warf ich mich auf die Knie. Die Wunde hatte heftig geblutet. Unter dem Ohnmächtigen war der Boden rot gefärbt. Der Mann lag schon seit mindestens einer Stunde an dieser Stelle. Denn längst war das Blut geronnen. Und die Wunde war schon etwas verklebt. Es war eine Schussverletzung.

Behutsam legte ich meinen Kopf auf den Rücken des Mannes, presste mein Ohr dagegen, um zu hören, ob sein Herz noch schlug.

Ich atmete auf. Ganz deutlich war der Herzschlag zu vernehmen. Flach ging sein Atem. Aber immerhin war das mächtig beruhigend.

Langsam richtete ich mich wieder auf. Der Mann lebte. Die Blutung seiner Wunde hatte aufgehört. Deshalb konnte ich mich erst einmal umsehen. Das war im Augenblick das Wichtigste.

Ich entdeckte eine Schleifspur. Sie stammte offensichtlich von dem Schwerverletzten, der sich bis zu der Stelle geschleppt haben musste, wo ich ihn gefunden hatte.

Ich folgte der Spur. Sie führte mich etwa vierzig Fuß weit ins Dickicht hinein. Der Mann hatte eine Unmenge Blut verloren. Ich wunderte mich, wie er die Kraft gehabt hatte, sich so weit kriechend weiterzuschleppen.

Dann fand ich eine Lichtung. Zahlreiche Hufsiegel waren im Boden zu erkennen. Ich sah einige Patronenhülsen. Munition, wie sie für Winchestergewehre verwendet wurde.

Hier hatte eine Auseinandersetzung stattgefunden. Ich sog witternd die Luft ein.

Alles war still. Nicht das leiseste ungewohnte Geräusch. Misstrauisch sah ich mich um.

Dann umrundete ich mit kleinen Schritten die Lichtung. Ich wurde von meinen eigenen Sorgen abgelenkt. Die Tatsache, dass man dem armen Hund, der drüben auf dem Pfad lag, verdammt übel mitgespielt hatte, weckte mein Interesse und meinen Zorn. Aus den Spuren konnte ich erkennen, dass der Mann von einer Übermacht angefallen worden war.

Entschlossen folgte ich den Spuren, die von den Pferden der unbekannten Burschen stammten. Sie führten ein Stück zwischen den Büschen dahin, dann waren die Reiter zum Pfad hin abgebogen und in Richtung Ten Rocks geritten.

Da es keinen Sinn hatte, noch weiterzusuchen, machte ich wieder kehrt und ging zurück zu der Lichtung.

Noch einmal umrundete ich den Kampfplatz. Da erst entdeckte ich eine zweite Spur. Sie stammte von Männerstiefeln. Deshalb fiel sie nicht so sehr auf wie die anderen Fährten.

Meine Neugier war nun endgültig geweckt. Ich folgte dieser zweiten Fährte. Auf gewundenen, engen Schleifen stapfte ich zwischen Gestrüpp und umgestürzten, faulenden Bäumen dahin, folgte dann dem serpentinenartig, einen Hang hinaufführenden Pfad, der ziemlich ausgetreten war. Ich war ungemein gespannt, was mich dort erwarten würde. Noch konnte ich nicht viel erkennen, denn das dichte Laub ließ keinen Überblick zu.

Der Hang lag hinter mir. Ich keuchte leise. Eine weitere Lichtung, etwas größer als die eben, lag auf einmal vor mir - und eine Blockhütte.

Ich blieb stehen, schnupperte und roch Rauch. Aus dem Kamin kräuselte sich eine ganz dünne Rauchfahne. Ein Hinweis, dass die Hütte bewohnt war.

Ich trat auf die Lichtung. Mochte der Teufel wissen, wer sich da drinnen aufhielt und was er von mir Schlechtes erwartete. Um auf Nummer Sicher zu gehen, blieb ich nach wenigen Schritten wieder stehen, hielt die Hände trichterförmig vor den Mund und rief: „Hallo Haus!“

Wenn sich jemand in der Hütte aufhielt, konnte er mich entweder nicht hören oder er wollte mir keine Antwort geben. Das erste hielt ich für möglich, das zweite für unwahrscheinlich.

Langsam ging ich näher an die Hütte heran. Meine Nerven vibrierten. In meinen Knochen steckte noch die Aufregung der letzten Stunden, und die Strapazen hatten meine Nerven auch nicht eben mit Balsam umspült.

Aufmerksam beobachtete ich die Fenster. Es war ja nicht auszuschließen, dass einer in der Hütte seinen Schießprügel herausschob und mir ein Bleiküsschen als Willkommensgruß verpassen wollte. Wer ist auf einen solchen Empfang schon besonders scharf?

Aber ich kam ungehindert vorwärts. Und als ich nur noch einige Schritte bis zu der überdachten Veranda hatte, war ich ziemlich sicher, dass die Hütte dem Verletzten im Tal gehörte.

An der nur angelehnten Tür blieb ich wieder stehen und rief abermals. Als auch jetzt keine Antwort kam, schob ich die Tür auf. Langsam tastete ich mich vor und trat in die Hütte.

Das erste, was mir auffiel, war ein wildes Durcheinander. Und dann entdeckte ich einige Frauenkleider.

Mit einem verflucht miesen Gefühl im Magen ging ich weiter auf die Feuerstelle zu, in der sich noch Glut befand. Ein Wasserkessel summte leise.

Ich drehte mich um. Links vom Eingang befand sich ein Tisch. Einige Stühle, eine Bank und ich sah einen Mann dort sitzen. Vornüber gebeugt, den Kopf auf den Tisch gelegt.

Mein Herz schlug schneller. Mit wenigen Schritten war ich bei ihm.

Ein sanfter Stoß gegen die Schulter sollte den noch jungen Mann aufwecken. Ich hielt den Atem an. Und dann fluchte ich wie ein Kutscher bei einem Sandsturm.

Der leichte Stoß, den ich dem unbeweglich am Tisch sitzenden Mann verpasst hatte, war zu heftig gewesen. Für einen Toten wenigstens. Denn der Mann kippte von der Bank, rollte unter den Tisch und schlug auf den Boden.

Ich bückte mich und zog ihn hervor. Jetzt erst sah ich die Einschussstelle in der Schläfe des jungen Mannes. Und die versengten Haare. Der arme Teufel war aus nächster Nähe umgebracht worden. Hingerichtet könnte man fast sagen.

Die Frauenkleider fielen mir wieder ein. Wenn sich in der Hütte Kleider befanden, sollte sich hier auch eine Frau aufgehalten haben. Darum musste diese Frau auch jetzt noch irgendwo sein.

Ich verließ die Hütte und schlug einen großen Bogen. Mehrmals rief ich ins Dickicht hinein, um die verborgene Lady auf mich aufmerksam zu machen. Aber ohne Erfolg.

Verdrossen machte ich mich wieder auf den Rückweg. Ich war bei den Serpentinen angelangt, als mir einfiel, dass ich Wasser mitnehmen sollte. Also ging ich wieder zurück zur Hütte, nahm einen Eimer an mich und fand schließlich auch die Wasserpumpe hinter dem Haus.

Als der Eimer gefüllt war, machte ich mich erneut auf den Weg. Einen Teil des Wassers hatte ich verschüttet, bis ich den Pfad erreichte. Der Verletzte lag noch genauso auf der Erde, wie ich ihn gefunden hatte.

Ich stellte den Eimer ab, dann löste ich mein Halstuch, tauchte es ein und legte das feuchte Tuch auf die Stirn des Verletzten, den ich vorher behutsam auf den Rücken gedreht hatte.

Mit dem Halstuch des Mannes säuberte ich die Wunde und legte einen notdürftigen Verband an. Viel konnte ich ja nicht tun für ihn. Wichtig war vor allem, dass die Wunde nicht erneut zu bluten anfing und dass er einmal zu sich kam. Wenn er mir einiges erzählte, konnte ich mein weiteres Handeln darauf abstellen.

Es dauerte einige Zeit, bis der Verletzte die Augen aufschlug. Sein Blick war noch trübe. Er blinzelte mich an.

„Hallo, Mister. Wird Zeit, dass du wieder in die Wirklichkeit zurückkehrst“, brummte ich freundlich. Der arme Teufel tat mir leid. Ich konnte mir vorstellen, wie ihm jetzt zumute sein musste.

Die Stimme des Fremden war noch kraftlos und leise, als er krächzend fragte: „Wo ... bin ich? Wer sind ... Sie?“

„Kannst mich ruhig duzen, Amigo“, meinte ich seelenruhig. Vielleicht stärkte das sein Vertrauen. Ich hoffte ohnehin, dass er mich nicht für einen der mir unbekannten Burschen halten würde, die ihn so übel zugerichtet hatten.

„Du?“, fragte er heiser. „Wer... bist... du?“

„Jed Callahan nennen sie mich. Ich bin vor ’ner Stunde oder so was hergekommen. Hab’ mein Pferd verloren. Da hast du hier gelegen. Dachte schon, du willst hier verwesen. Aber das ist noch ’n bisschen früh, wie?“

Ich wusste nicht, ob er meinen zugegeben rauen Humor in die richtige Kehle bekommen würde. Das hoffte ich aber. Schließlich muss sich beim Grinsen keiner überanstrengen.

„Und... und die Männer?“, fragte er. Zum ersten mal kam ein kräftiger Ton in seine Stimme. In diesem Fall war es die Angst, die herauszuhören war. Verdammte Angst vor den lausigen Hunden, die ihn fertig gemacht hatten.

„Was für Männer waren das?“, fragte ich zurück und gab ihm zu trinken.

Seine Augen bekamen einen furchtsamen Schimmer.

„Sieben oder acht Teufel... haben ... wollten unsere Vorräte und Pferde haben. Und als... mein Sohn... als wir uns geweigert haben, sind ... die haben geschossen und gar nicht... gefragt. Ich glaube, sie haben... haben Bob erwischt. Callahan! Du musst sofort nach Sharon ... wo ist sie?“

Er brachte mich in Verlegenheit. Ich hatte keine Ahnung, wer sich wo befand. Noch wusste ich ja nicht viel mehr, als dass der alte Mann und seine beiden Kinder überfallen worden waren. Das war mir auch vorher schon ziemlich klar gewesen. Sollte ich ihm sagen, dass sein Sohn tot in der Blockhütte lag und ich von seiner Tochter keine Spur gefunden hatte?

Es war vielleicht noch etwas zu früh, wenn ich ihm das in diesem schlechten Zustand beibrachte. Deshalb suchte ich nach einer ausweichenden Antwort. Schlechte Nachrichten erfährt man auch dann noch früh genug, wenn’s schon verdammt spät ist.

„Weiß ich nicht, Amigo. Hab’ niemand gesehen. Sie haben sich vermutlich versteckt.“

Ein erleichtertes Seufzen kam von seinen Lippen. Ich sah, wie seine Züge sich entspannten. Das gab meinem Eindruck recht.

Ich legte dem Verletzten noch einige feuchte Umschläge auf. Und als ich das Gefühl hatte, er wäre wieder ein wenig erholt, fragte ich: „Wenn ich dich jetzt hochhebe und stütze, wirst du dann bis zu deiner Hütte gehen können?“

„Ich hoffe, dass es ... geht“, erwiderte er.

Ich richtete mich auf und hob den alten Mann hoch. Er war leicht. Sein Körper bestand aus Haut und Knochen. Das wenige Fleisch, das an diesen Knochen war, wog nicht schwer.

Ich ließ meine Absicht fallen, ihn nur zu stützen und entschloss mich, ihn bis zu seiner Hütte zu tragen. Er nahm das hin. Nicht eine Bemerkung kam über seine Lippen.

Während ich keuchend die Serpentinen nahm, überlegte ich, wie ich es anstellen sollte, den Alten auf das vorzubereiten, was ihn in der Hütte erwarten würde.

Der Gedanke, ihn einfach mit der rauen Wirklichkeit zu konfrontieren, war unerträglich. Das würde dem alten Mann glatt die Füße vom Boden reißen. Und dies musste ich ihm ersparen.

 

*

 

Als ich die Lichtung vor der Hütte erreichte, ließ ich den Mann auf die Erde nieder.

„Warte hier!“, sagte ich rau. „Ich will nur schnell in der Hütte nachsehen. Wenn alles klar ist, komme ich und bringe dich hinein.“

Er merkte dank seines schlechten Zustandes nicht, dass ich ihm etwas vormachte. Ich war erleichtert und beeilte mich, in der Hütte für Ordnung zu sorgen.

Zunächst hievte ich den Toten durch ein Fenster ins Freie. Ich kletterte hinterher und zerrte den ermordeten Sohn des Verletzten hinter einen Busch. Dann räumte ich das schrecklichste Durcheinander auf und stapfte schließlich hinüber zu dem auf der Erde liegenden Mann, der mittlerweile zwischen Ohnmacht und Bewusstsein schwebte.

Sein Körper hatte nur noch wenig Blut. Das machte sich bemerkbar. Der alte Mann brauchte mindestens einige Wochen, um sich halbwegs zu erholen.

Ich hob den Mann hoch.

„In der Hütte ist alles klar. Ich bringe dich jetzt ins Bett. Dann braue ich dir eine kräftige Fleischbrühe. Du hast sicher einige Vorräte hier.“

Als er nickte, trug ich ihn ins Haus. Die Hütte hatte noch einen zweiten Raum, den ich vorher nicht beachtet hatte. Dort befand sich ein Strohlager. Darauf ließ ich den Verletzten nieder. Ich suchte eine Decke und warf sie über ihn. Dann gab ich ihm noch etwas Wasser und forderte ihn auf zu schlafen, bis ich zurückkommen würde.

Der abgemagerte Bursche war kaum noch in der Lage zu nicken. Er schloss die Augen und ich ging aus dem Raum.

Das heiße Wasser über der Feuerstelle reichte aus für eine würzige Kraftbrühe, die ich rasch zubereitet hatte. Zu meiner Überraschung fand ich sogar einige Hühnereier, die ich der Brühe beimengte. Dann füllte ich einen Teil in eine große Tasse ab und brachte sie dem alten Mann. Ich half ihm hoch und hielt ihm den Becher an die Lippen.

In kleinen Schlucken nahm der Verletzte die Brühe zu sich. Das tat ihm gut. Ich sah ein seliges Lächeln, das jedoch ebenso schnell verschwand, wie es gekommen war.

Ein voller Magen wirkt Wunder. Er macht schläfrig und zufrieden.

Der Verletzte ließ sich zurückfallen. Ich fing ihn auf und dämpfte den Aufprall. Kaum hatte der Mann mit dem Kopf das Strohlager berührt, war er schon eingeschlafen.

Ich verließ den Raum und trat vor die Hütte. Langsam ging ich zu dem Busch, hinter dem ich die Leiche des jungen Mannes verborgen hatte. Ich brachte sie noch ein Stück weiter weg von der Hütte, suchte einen schönen Platz aus, holte dann einen Spaten und begann, eine Grube auszuheben.

Ich hielt es für besser, wenn der alte Mann seinen toten Jungen nicht mehr zu Gesicht bekam. Er sollte ihn so in Erinnerung behalten, wie er ihn zu Lebzeiten gesehen hatte. Das war besser. Und vielleicht kam er dann leichter über den Tod des jungen Mannes hinweg.

„Sehr fromm kann ich es dir nicht machen, Amigo“, murmelte ich, als ich den Toten in die Grube hob. „Aber davon hättest du auch nicht mehr viel. So long, Hombre! Dein Vater wird sich um den Rest kümmern.“

War er wirklich sein Vater? Ich nahm es einfach an. Ebenso glaubte ich, die Frau, deren Kleider hier gelegen hatten, müsste seine Tochter sein. Es waren ganz einfach nicht die Kleider einer älteren Frau. Hatte man diese Frau entführt? Sonst müsste ich sie ja gefunden haben. Aber wohin hatte man sie verschleppt?

Als ich daran dachte, stieg mir die Galle hoch. Ein Mann kann hart sein. Aber ich habe verdammt was dagegen, wenn sich einer an wehrlosen Frauen vergreift. Das verstand ich als Herausforderung. Ungeachtet der Tatsache, dass ich die Tochter des alten Mannes nicht einmal kannte.

Das aber tat auch nicht viel zur Sache. Fest stand, dass die Burschen hier ein Menschenleben ausgelöscht, einen alten Mann niedergeschossen und ein Mädchen entführt hatten. Das reichte aus, diesen Hundesöhnen die Haut in Streifen vom Leib zu ziehen.

Ich merkte, wie meine Wut sich stetig steigerte, während ich die Grube zuschüttete.

Als ich fertig war, ging ich zum Haus zurück. Ich sah nach dem Verletzten, der friedlich und tief schlief. Beruhigt verließ ich abermals den Raum und suchte hinter der Hütte nach einigen Brettern.

Als Künstler hatte ich mich noch nie bezeichnet. Aber dennoch gelang mir das Holzkreuz recht gut, das ich zusammennagelte und mit einem Messer ein wenig verzierte. Ich kerbte mit der Messerspitze den Namen des Jungen ein und das Todesdatum. Dann pflanzte ich das Kreuz über den Grabeshügel.

 

*

 

Tage vergingen, in denen ich dem alten Mann allmählich die ganze Wahrheit beibringen konnte. So schonungsvoll wie möglich. Natürlich half das auch nicht über die schreckliche Wirklichkeit hinweg. Aber in kleinen Portionen verdaut man so was leichter.

Die Genesung, die ich mit einer ganzen Anzahl alter und uralter Hausmittel und Indianerrezepte vorantrieb, machte wider Erwarten rasche Fortschritte. Ernie Ferguson, so hieß der alte Mann, genas trotz seiner schweren Hüftverletzung recht rasch. Nach einer Woche humpelte er an einer von mir angefertigten Krücke hinaus und besuchte zum ersten mal das Grab seines Sohnes.

Als Ernie zurückkam, war er aufgelöst. Nicht nur die Trauer und die Wut fraßen in seiner Seele. Er war von diesem Augenblick an mit auffallender Hast und Hektik erfüllt. Alles, war er tat, musste schnell verrichtet sein. Er konnte nicht mehr tatenlos herumsitzen. Ich wartete bereits auf den Moment, wo er mich drängen würde, endlich aufzubrechen und die Verfolgung der Kerle aufzunehmen, die inzwischen sicher längst über alle Berge waren.

Aber noch war die Vernunft stärker als der blinde Hass. Dieses Gewicht jedoch verlagerte sich von Tag zu Tag auf Kosten der Vernunft. Ich betrachtete das mit Sorge. Denn meiner Meinung nach musste Ernie mindestens noch eine Woche zugeben, wenn er die Strapazen eines langen Rittes durchhalten wollte.

Wie nicht anders erwartet, kam bald der Tag, als Ernie zum ersten mal mit mir darüber redete.

„Ich kann nicht mehr lange bleiben, Callahan“, sagte er heiser. „Diese dreckigen Lumpen haben Sharon bei sich. Das Mädchen kann es nicht lange aushalten, mitten im dreckigsten Sumpf des Verbrechens gefangen zu sein. Wenn ich daran denke, was diese Bastarde mit ihr gemacht haben, könnte ich schon verrückt werden. Ich sag’ dir, Callahan, ich werde diesen Lumpenhunden die Hölle heiß machen. Ich lege sie um. Einen nach dem anderen. Ihre Gesichter habe ich mir eingeprägt. Ich werde sie mein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen.“

Ich nickte schweigend. Nach einer Weile meinte ich: „Du solltest aber an deine Verletzung denken, Ernie! Damit ist nicht zu spaßen. Wenn du nicht vorsichtig bist, bricht die Wunde wieder auf. Und dann kannst du deine Tochter vergessen!“

Ernie nickte grimmig. „Verletzung hin, Verletzung her“, knurrte er sauer. „Wenn ich darauf Rücksicht nehme, werde ich meine Tochter erst in einem halben Jahr aus den Händen dieser Dreckskerle befreien können. Callahan, ich habe keine Ahnung, ob du dir vorstellen kannst, wie es in einem Mann aussieht, der seinen Sohn verloren hat und dessen Tochter von dreckigen Schurken entführt worden ist. Aber glaube mir, ich hab’ in meinem ganzen Leben keinen schwärzeren Tag gehabt. Nicht einmal, als meine Frau gestorben ist. Obwohl ich sie sehr gern gehabt habe. Yea. Ich hab’ Nelly wirklich geliebt.“

Ernie sah mich mit großen, traurigen Augen an. Ich musste ihm glauben. Er hatte das nicht anders ausgesprochen als jede andere Bemerkung auch. Und es klang verdammt ehrlich.

„Ich glaube, ich weiß ungefähr, wie es in dir aussieht, Ernie“, sagte ich ruhig. „Mir hat man das Leben auch nicht leicht gemacht. Sie haben mich höllisch in die Pfanne gehauen. Mein bester Freund und meine Frau. Und einer von diesen reichen Stinkern, die glauben, man kann für Geld alles kaufen, was es auf dieser verdammten Welt gibt.“

Ernie stand auf. Er konnte sich ohne Krücke schon wieder leidlich vorwärtsbewegen.

„Wenn ich mich recht erinnere, bist du an dem Tag, als du mich gefunden hast, zufällig hergekommen. Ohne Pferd. Und ich glaub’, du hast ziemlich übel ausgesehen. Ich weiß es nicht mehr genau. Aber ich hab’ noch so ein Bild vor mir, das ich die ganze Zeit über für einen schlechten Traum gehalten habe.“

Ich nickte.

„Yeah. Ich war auf der anderen Seite des Flusses. Wollte nach Ten Rocks. Ein Puma hat mich angegriffen. Mein Gaul ist durchgegangen, und ich habe ein bisschen Vogel gespielt. Und dann einen Fisch. Irgendwie bin ich den Wasserfall heruntergestürzt, wo ich schließlich ans Ufer getragen wurde. Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen. Aber der Teufel liebt seine Freunde. Deshalb habe ich dich auch gefunden.“

Ernie lächelte mich an. Er war ein netter Bursche. Ein aufrichtiger Mann, der nichts mehr hasste als Lügen und Unrecht. Ein Mann, den man sich als Freund wünscht.

„Callahan, ich weiß nicht, vielleicht erwartest du, dass ich mich bei dir bedanke. Ich hab’s nicht getan. Du musst mir das nicht übelnehmen. Aber ich bin kein Mann, der große Worte reden kann. Bin ein einfacher Fallensteller, der sich durchs Leben schlägt. Ich mag die Menschen nicht so besonders. Deshalb hab’ ich mich auch mit meinen Kindern hierher zurückgezogen.“

Ich erhob mich.

„Kannst dir die Worte sparen, Ernie. Ich bin nicht scharf auf deinen Dank. Ich weiß, was du meinst. Das reicht mir.“

Der alte Mann lächelte wieder. Irgendwie kam er mir geheimnisvoll vor. Er war bestimmt kein überwältigender und unheimlich beeindruckender Typ. Aber er strahlte etwas aus, das ich noch nicht beschreiben konnte. Und genau dieses unbeschreibliche Etwas machte mir diesen Burschen ungeheuer sympathisch.

„Ich muss aufbrechen, Callahan. Allein kann ich wohl nicht. Aber wenn ich einen Begleiter hätte, der auf meiner Seite steht, könnte ich es schaffen.“

Ich grinste. Ernie sprach von sich aus genau das an, was ich ihm ansonsten vorgeschlagen hätte. Und ich war froh, dass es so war.

„Mit mir kannst du rechnen, Ernie. Keine Frage. Ich reite mit dir. Irgendwie geht mich die Geschichte ja auch eine Menge an. Aber wir haben keine Pferde.“

Bekümmert nickte der alte Mann. Er vollführte eine wütende Geste.

„Die haben diese Hundesöhne auch mitgenommen. Der Teufel soll sie fressen. Die einzige Möglichkeit ist es, dass du bis Ten Rocks marschierst. Dort bekommst du zwei Tiere. Wenn du zurückkommst, reiten wir sofort los. Ich gebe dir Geld mit. Dann kannst du für dich auch noch Waffen und einen Sattel kaufen. Aber sei auf der Hut! Ich kenne den Waffenschmied. Er ist ein gerissener Lump, der garantiert versucht, dich übers Ohr zu hauen. Du musst auf jeden Fall mit der Waffe schießen, die er dir verkaufen will.“

Ich winkte ab.

„Keine Sorge, Ernie! Wenn’s um Waffen, um Pferde und um Frauen geht, legt mich niemand mehr herein. Ich habe schon mehr Erfahrungen gemacht, als ich wollte. Und daraus lernt man eine Menge, Amigo.“

„Auch mit Frauen?“, fragte Ernie neugierig und leckte sich aufgeregt über die Lippen.

„Yea. Auch mit Frauen“, bestätigte ich.

„Und?“, fragte er. „Wie sind deine Erfahrungen ausgefallen?“

Ich grinste.

„Weißt du was, Ernie? Es gibt genauso wie bei den Männern solche und andere. Einige sind treu wie Gold und andere sind wie Himbeeren.“

Verblüfft schnappte Ernie nach Luft.

„Wie Himbeeren? Das verstehe ich nicht. Wieso sind manche wie Himbeeren?“

„Weil sie schon Maden haben, bevor sie reif sind.“

Ernie nickte verständnisvoll. Dann beschloss er das Thema mit einem Mitleid erregenden Seufzen und richtete sich wieder auf. Er ging in den Schlafraum und kam wenig später mit einem Lederbeutel zurück, in dem Münzen klimperten.

„Den haben diese Lumpenhunde zum Glück nicht gefunden!“, rief er und öffnete den Beutel.

Der alte Gauner hatte sich einen schönen Batzen Geld zusammengespart. Mein Gesichtsausdruck war in dem Moment, als ich dies bemerkte, nicht sehr geistreich. Das schloss ich aus dem listigen Grinsen von Ernie, mit dem er mich bedachte.

„Da hast du ’ne Kleinigkeit, Callahan“, sagte er gelassen und reichte mir eine Handvoll Goldmünzen. Ich nahm sie und ließ sie in meinen Taschen verschwinden.

„Was würdest du tun, wenn ich mit dem Geld verdufte, Ernie?“

Einen Atemzug lang fiel sein Kinn nach unten, doch dann schmunzelte der alte Mann wieder.

„Nichts. Ich würde zwar ordentlich fluchen. Doch ich würde dir das Geld gönnen. Aber ich weiß genau, dass du so was niemals tun würdest. Du bist nicht der Kerl, der einen anderen so übers Ohr haut. Wenn du das tust, dann nicht bei armen Hunden, sondern bei Kerlen, die vor Geld stinken. Das weiß ich ganz genau. Ich habe einen Blick für Menschen.“

Ernie war sich seiner Sache sehr sicher. Aber er hatte mich zweifellos richtig eingeschätzt. Ich hätte es wirklich nicht übers Herz gebracht, ihn um seinen mühsam angesparten bescheidenen Reichtum zu bringen. Wer das tut, kann sich nicht mehr im Spiegel anschauen.

„Well, Ernie. Ich gehe jetzt. Schätze, dass ich noch im Lauf der Nacht in Ten Rocks ankomme. Bis zum Morgengrauen bin ich wohl wieder zurück, falls ich meine Geschäfte noch erledigen kann.“

Ernie hob die Hand.

„Ich werde warten. Bis du kommst, habe ich alles zum Aufbruch vorbereitet.“

 

*

 

Es war schon ziemlich dunkel, als ich in Ten Rocks ankam. Die Stadt - so wurde sie bezeichnet - war nichts weiter als eine in einem Talkessel weit auseinandergezogene Ansiedlung. An die dreißig Häuser, vorwiegend Blockhäuser, waren es wohl. Ich hatte einige Mühe, mich auf Anhieb zurechtzufinden. Denn die Straßen waren kaum beleuchtet. Die Lampen vor dem einzigen Saloon waren die Lichtquellen, die mir das Suchen wirklich erleichterten.

Am Hitchrack vor dem Saloon standen einige Pferde. Zwei Männer traten heraus, als ich eben an der Tür vorüberging. Ich schob den Hut zurück. Sie blieben stehen, als sie mich erblickten.

„Ich suche den Leihstall, Gents“, sagte ich freundlich. „Ihr könnt mir dabei sicher helfen.“

Sie musterten mich eine Weile.

„So, könnten wir das?“, fragte der Größere der beiden. Er hatte für Fremde wohl selten mehr übrig als Verachtung. Und ich war sicher, dass mich in seinen Augen schon die Tatsache verdächtig machte, kein Pferd bei mir zu haben.

Der Begleiter des Sprechers räusperte sich. Er hatte eine unangenehm schrill klingende Stimme, als er meinte: „Sie haben keinen Gaul, Mister, wie? Woher kommen Sie denn?“

Ich deutete in eine unbestimmte Richtung.

„Von da drüben. Ich brauche ein Pferd. Mein Tier ist in den Bergen abgestürzt.“

Sie grinsten skeptisch. Ihren Gesichtem konnte ich ansehen, dass sie mir kein einziges Wort glaubten.

„Abgestürzt?“, fragte der Große. „Armes Tier, was? Oder ist es vielleicht an einer Kugel eingegangen?“

Ich wurde allmählich ärgerlich. Sie verdächtigten mich. Verdammte schwachsinnige Bande! Wahrscheinlich hielten sie mich für einen Tagedieb, der sich herumdrückt und die Gegend unsicher macht. Das ging mir gegen den Strich.

„Sie haben eine prächtige Fantasie, Mister. Wenn’s eine Kugel gewesen wäre, würde ich schätzungsweise auch einen Kratzer abbekommen haben. Sie sehen aber, dass ich noch heil bin.“

„Hm“, tat der mit der schrillen Stimme. „Das sehen wir. Aber ob wir glauben, was Sie gesagt haben, Fremder, das ist eine andere Sache.“

„Schön“, brummte ich. „Sie wollen also nicht verraten, wo ich den Leihstall finden kann. Well, heißen Dank, Amigos! Dann suche ich eben weiter. So groß ist die Stadt nicht, dass der Mietstall nicht aufzufinden wäre.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738917406
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Februar)
Schlagworte
callahan jetzt osborne

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Titel: CALLAHAN #12: Jetzt wird abgerechnet, Osborne!