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Circle C-Ranch #26: Raubwölfe am Wege

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Raubwölfe am Wege

Klappentext:

Roman:

CIRCLE C – RANCH

 

Band 26

 

Raubwölfe am Wege

 

Ein Western von Bill Garrett

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Jimmy Copper, der jüngste Sohn des Circle C-Ranchers hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Er will mit einer Wagenkolonne nach Norden ziehen und die Fracht in einigen abgelegenen Goldgräbercamps verkaufen. Aber der Wagenrad-Rancher Morrison hat denselben Plan und möchte deshalb natürlich verhindern, dass die Coppers mit ihren Frachtwagen ans Ziel kommen. Deshalb heuert er einen Trupp von zwielichtigen Halunken an, die Jimmy Copper, seinem Vater Buster Tom und die Männer der Circle C-Ranch aufhalten sollen. Aber wenn Jimmy sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann kann ihn keiner stoppen – auch nicht die Revolvermänner Morrisons!

 

 

 

Roman:

Jimmy Copper, der jüngste Sohn des Circle C Ranchers, und Hep Waller, einer der Cowboys der Ranch, standen zu Pferde Bügel an Bügel auf dem windigen Höhenrücken und schauten angestrengt in das karge, von der Sonne verdorrte Land hinunter. Beide verfolgten sie mit den Blicken den dünnen Staubschleier, der sich eine Meile von ihnen entfernt mit dem Wind westwärts bewegte.

„Antilopen!“, sagte Jimmy nach einer Weile und nahm die Zügel wieder in die Faust. „Das sind bestimmt nur Antilopen.“

Hep Waller rümpfte die Nase. „In dieser Gegend, mein Junge, vermutet ein vernünftiger und gescheiter Mann hinter jeder Bewegung erst einmal Indianer, und zwar immer die blutrünstigste Bande, die es gerade gibt. Stellt sich dann heraus, dass es tatsächlich Antilopen sind, so ist die Überraschung wenigstens von einer angenehmen Art.“

„Hep, du bist ein alter verdammter Schwarzseher!“, meinte Jimmy gelassen.

Hep zog den Mund noch schiefer, als er ihm ohnehin schon gewachsen war.

„Ich will mich bei dieser verdammten Hitze nicht auch noch mit dir streiten müssen. Schließlich gehört der Plunder auf den beiden Planwagen nicht mir. Für mich steht nur meine Haut auf dem Spiel, und da kümmere ich mich schon. Es sind also Antilopen! Aber nun glaube mir wenigstens, dass sie zu schnell sind, um sich von uns melken zu lassen. Und irgend etwas in dieser Richtung müssen wir finden. Selbst wenn es nur Wasser ist. Nicht wahr?“

Jimmy wies nach Osten. „Sehen wir einmal in der Gegend nach, aus der die Antilopen-Indianer gekommen sind.“

Hep Waller blies die Backen auf. „Seit wann führst du dich als Politiker auf?“

Jimmy sah ihn verständnislos an. „Was soll denn das schon wieder heißen?"

„Antilopen-Indianer!“, grinste Hep. „Das ist doch so ein richtiger stinkfauler Kompromiss, wie ihn nur ein Politiker erfinden kann.“

„Ja, die Hitze, die kann einen alten Mann schon fertigmachen“, brummte Jimmy.

Hep musterte ihn gereizt. „Ist hier vielleicht Staubzucker gefällig, he?“ Er reckte sich und griff nach den Zügeln. „Du kennst mich doch! Ich bin immer dabei, wenn einer absolut mal gründlich eingepudert weden möchte. Ich bin da gewissermaßen kein kleinlicher Mann.“

„Ja, ich kenne deine verdammt großzügige Art. Aber ich habe keine Lust, mich zu prügeln. Jedenfalls nicht hier, wo es nicht einen Fetzen Schatten gibt.“

Hep hatte eine Erwiderung parat. Aber er konnte sie nicht mehr an den Mann bringen. Hinter ihnen fielen Schüsse. Sie fuhren beide im Sattel herum und reckten die Hälse.

„Verdammt! Da wird geschossen“, krächzte Jimmy.

Hep nickte. „Da sind wir uns einig.“

Sie lauschten gebannt. Dann krachte es wieder, und es hörte nicht mehr auf. Die beiden sahen sich an.

„Das ist bei unseren Wagen“, meinte Hep. „Ich schätze, Buster Tom wird von Antilopen berannt, die gefiedert sind und in uns ihre Beute gewittert haben.“

Jimmy blieb dem verknöcherten Cowboy die Antwort schuldig. Er zog seinen verrückt gefleckten Pinto um die Hand und trommelte wie wild mit den Hacken auf seine verstaubten Flanken ein.

Auch Heps Brauner kreiselte wie der Wind um die Hand. Dann jagten sie schon Bügel an Bügel zurück, flogen den Hang hinab und galoppierten wie von Furien getrieben jener Senke zu, in der die beiden Frachtwagen zu einer kurzen Mittagsrast angehalten hatten. Die Hufe ihrer Pferde rissen einen rötlich-gelben Staubschleier empor, der wie eine Fahne hinter ihnen in der Luft hing und mit ihnen zog, und weckten ein dumpfes trommelndes Geräusch aus dem von der Sonne hartgebackenen Boden.

Das Trommeln der Hufe verdrängte alle anderen Geräusche. Erst als sie die Anhöhe über der Senke erreichten, konnten sie feststellen, dass Buster Tom und die Männer an den Wagen noch kämpften. Doch nicht gegen Indianer, wie sie beide befürchtet hatten - sondern gegen Weiße! Es handelte sich um halbes Dutzend Reiter, die allem Anschein nach versucht hatten, Tom Copper - dem Boss der Circle C Ranch - und den vier Cowboys die mit Hausrat, Nahrungsmitteln, Kleidungsstücken und Waffen beladenen Frachtwagen abzunehmen.

Als Jimmy und Hep im gestreckten Galopp in die Senke hinabjagten, verließen die sechs Reiter im gleichen Tempo nur zur anderen Seite hin und ziemlich fluchtartig den Kessel. Im weiteren Abstand folgten ihnen zwei reiterlose Pferde, die nebeneinander und mit schwingenden Steigbügeln galoppierten.

Pulverschwaden wehten um die Wagen. Hep und Jimmy sprangen, die Gewehre in den Fäusten, aus den Sätteln und rannten zu Tom Copper und den Männern, die am letzten Wagen standen und den fliehenden Reitern nachblickten. Dabei entdeckten sie zwei Tote, die vor einer der Hickorys im sandigen Grund der Senke lagen, kaum hundert Yard von ihnen entfernt. Bevor Jimmy und Hep Fragen stellen konnten, setzte sich Tom Copper in Bewegung und lief zum Baum hinüber. Die Männer schlossen sich wortlos an. Die Angreifer waren inzwischen über die Anhöhe nach Osten verschwunden. Nur das Grollen der Pferdehufe hing noch in der Luft.

Sie liefen erst zu dem einen Mann. Tom Copper drehte ihn auf den Rücken. Es handelte sich um einen alten Mann mit grauen Haaren.

Tom Copper schüttelte den Kopf und lief zum nächsten.

„Hat den schon einmal jemand gesehen?“, fragte er, als er ihn auf den Rücken rollte und ihm die Augen schloss.

Die Männer schüttelten die Köpfe. Bis auf Hep. Hep trat nach vorn und kniete neben dem Boss nieder.

„Da brate mir doch einer .. .“, brummte Hep und sah Tom Copper an. „Wissen Sie, wer das ist? Der Bursche gehörte zu Morrisons Leuten!“

Der Gesichtsausdruck des Ranchers verhärtete sich. „Was?“, fragte er lang. „Er war auf der Wagenrad-Ranch beschäftigt?“

Hep nickte. „Aber ja! Drei Geier auf einmal haue ich mir in die Pfanne, wenn das nicht stimmt, was ich sage. Sie sind etwa vor einer Woche in Tucson erschienen. Er und noch zwei von dieser Sorte. Sie haben eine Nacht im Hotel verbracht und sind dann zur Wagenrad geritten. Ich weiß das von Ihrem Ältesten, Mister Copper. Ich stand gerade mit ihm vor seinem Marshal Office, als die Burschen die Stadt verließen. Und Cliff sagte mir gleich, dass da Morrison wohl wieder etwas im Schilde führte, wenn er sich solche Galgenvögel ins Land holt. Nun wissen wir ja, wie recht der Marshal damit hatte.“

„Also nun mal langsam!“, grollte Tom Copper, der von allen eigentlich Buster Tom genannt wurde. Auch von seinen Leuten, sofern er nicht in der Nähe war. In Tucson sprachen die Männer nur von Buster Tom, wenn von dem Boss der Circle C-Ranch geredet wurde.

„Was heißt da langsam, Häuptling?“, warf Jimmy ein und blickte seinen Vater an. „Wir sind von Morrisons Leuten angegriffen worden. Oder stimmt das vielleicht nicht? Und wer uns auf dem Weg nach Norden angreift, was kann er von uns wollen? Die Wagen!“

Hep stand auf und schlug sich den Sand von den Knien. „Und mithin will Morrison die Wagen.“

„Stimmt!“, sagte Jimmy knapp.

Hep grinste ihm zu. „Eine Einigkeit ist das zwischen uns an diesem Morgen!“

„Ihr seid ja verrückt!“, schnaufte Buster Tom, gab Hep die Hand und ließ sich aufhelfen. „Ich habe keinen der Angreifer gekannt. Jedenfalls, soweit ich das festzustellen imstande gewesen bin. Und dieses eine bekannte Gesicht besagt verdammt wenig. Vielleicht irrst du dich auch, Hep. Es wäre ja immerhin möglich, nicht wahr?“, fügte er hinzu, als Heps Blick dunkel wurde.

Hep tippte sich an die Stirn. „Ein Gesicht, das ich einmal gesehen habe, ist für immer hier oben drin. Für immer! Das ist da oben bei mir wie eine Schublade. Und in diesem verdammten Kasten herrscht auch noch Ordnung!“

Buster Tom blickte angestrengt und nachdenklich zugleich nach Osten die Anhöhe hinauf, über die hinweg die Reiter verschwunden waren. „Na, ich weiß nicht!", murmelte er, und er sagte es mehr zu sich selbst als zu den anderen.

„Morrison ist ein hartnäckiger Bruder“, sagte Jimmy und ging zu seinem Vater. „Wenn es wirklich seine Leute gewesen sind, sehen wir sie wieder.“

Buster Tom winkte ab. „Kein Mensch auf dieser Welt weiß, dass wir mit Waren zu den Goldgräberlagern unterwegs sind. Bis auf uns natürlich.“

„Seit wann ist denn die Circle C-Ranch die Welt?“, grinste Hep. „Sie sind die ganzen letzten Wochen nicht von der Circle C heruntergekommen. In Tucson haben die Leute, die Straßenköter und auch die Sperlinge auf den Dächern kein anderes Gesprächsthema mehr gehabt. Sie hätten am Tag vor unserem Aufbruch mal in Rip O’Hagans Saloon gehen sollen. Ich habe es getan und habe mich dabei krumm gelacht. Die Wetten, dass Jimmy Copper seinen Anteil von der Circle C glatt aufs Spiel setzt und ihn Indianer, Strauchritter und vor allem der Winter da oben im Norden mächtig ärgern und glatt ums Erbe bringen werden, standen mit sieben zu eins zu Buch. Sieben zu eins, dass wir diese fröhliche Landpartie nicht schaffen, verstehen Sie!“

Buster Tom spie aus. „Das ist doch alles verrücktes Zeug.“

Hep zuckte die Schultern. „Möglich! Aber die Welt spricht davon. Mehr wollte ich ja damit gar nicht sagen.“

Jimmy stemmte die Fäuste in die Hüften. „Was, die wetten in Rips neuem Laden, ob wir die Goldgräberlager mit den Wagen erreichen oder nicht?“

„Sie haben gewettet!“, erwiderte Hep und zog einen Zettel aus der Tasche. „Jetzt geht nichts mehr.“

Er hielt Jimmy den Zettel hin, der gewissermaßen ein Wettschein war. Der Zettel war so zerknittert, dass ihn Jimmy eine Weile glattstreichen musste, um darauf überhaupt etwas entziffern zu können. Er schüttelte dabei den Kopf und sah Hep an.

„Wenn die Sachen in deiner Hirnschublade in der gleichen Verfassung sind, ist die Ordnung nahezu mustergültig.“

Hep grinste.

Die Männer umringten Jimmy und blickten ihm über die Schulter. Sten, der Koch, blickte sofort wieder auf, sah von Hep zu Buster Tom und schaute wieder auf Hep. Und dieser Blick bestand aus einer Mischung von Verachtung und Wut.

„Dieser Hundesohn, Boss, hat tatsächlich zweimal gewettet! Einmal dafür und einmal dagegen!“, schnaufte er gereizt. „Das ist doch nicht zu fassen!"

Heps Grinsen wurde so breit wie der Mississippi.

Buster Tom lächelte, zog den Hut in die Stirn, trat zu Jimmy und ließ sich den Wettschein geben.

„Tatsächlich!“, sagte er nach einem kurzen Blick und gab Hep den Schein zurück. Er hielt ihn nur mit den Fingerspitzen, da der zerknüllte Fetzen auch noch vor Schmutz starrte.

Hep packte ihn mit der Faust, drückte ihn zusammen und schob ihn in die Tasche. „Ein richtiger Geschäftsmann, Freunde“, sagte er mit einem Brustton an Überzeugung und Selbstvertrauen, „reitet immer in zwei Sätteln.“

Jimmy nickte trocken. „Und fällt dann schön auf die Schnauze, wenn die Pferde auseinanderlaufen.“

„Einen Dollar, dass wir es schaffen“, sagte Sten wütend. „Aber zehn Dollar, dass uns irgendwo auf dem Weg nach Nevada die Schweine beißen! Begreift ihr das? Mister Copper, er hat zehn Dollar gegen uns alle gesetzt! Gegen sich selbst, dieser Hundesohn! Damit ist ja wohl klar, was er von dieser Reise hält.“

Sten kochte. Aber auch die anderen, einschließlich Jimmy, gerieten in Wut.

„Regt euch nicht auf!“, versuchte Buster Tom die Wogen zu glätten. „Er ist mit einem Bein im Risiko und mit dem anderen im sicheren Gewinn. So hast du es dir gedacht, nicht wahr?“

„Fragt sich nur mit welchem Bein!“, schnaufte Sten und ballte die Hände zu harten Fäusten. Er war so in Fahrt, dass Hep unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

„Aber mit den zehn Dollar habe ich doch die Stimmung nur angeheizt“, beteuerte Hep und hob abwehrend die Arme. „Der eine Dollar, den ich für uns gesetzt habe, bringt mir siebzigfachen Gewinn. Das habe ich mir ganz genau ausgerechnet.“

„Du musst besoffen gewesen sein!“, knurrte Sten. „Und seit wann kann ein Besoffener noch rechnen? Das musst du mir erklären. Jetzt!“

Er ließ sich aus dem Stand heraus vorwärtsfallen, um Hep am Kragen zu packen. Die anderen traten ebenfalls auf Hep zu. Und Hep wäre es vermutlich schlecht ergangen. Doch Buster Toms scharfe Stimme rettete ihn.

„Jimmy!“, rief Buster Tom. „Nimm dein Pferd und sieh nach, wo die Burschen geblieben sind! Ihr anderen bewegt euch! Wir ziehen weiter!“

Die Männer verharrten. Hep atmete erleichtert auf und zupfte an seinem schweißnassen Hemd, das ihm förmlich am Körper klebte.

„Willst du die Toten hier liegenlassen?“, fragte Jimmy seinen Vater.

„Um die werden sich ihre Freunde kümmern“, versetzte Buster Tom grollend. „Bewegt euch schon! Wir müssen weiter. Und lasst diese blödsinnige Streiterei wegen so einer idiotischen Wette, Sten!“

„Wir wetten auch noch miteinander, wir zwei!“, raunte Sten wütend über die Schulter, warf Hep noch einen zornigen Blick zu und lief mit den anderen zu den Wagen.

„Lass dich nicht auf einen Kampf ein, Jimmy“, sagte Buster Tom, während sie beide zu Jimmys Pinto liefen. „Ich will nur wissen, ob es wirklich stimmt, dass dir Morrison was am Zeug flicken will.“

„Du solltest jetzt zurückreiten, Vater!“, meinte Jimmy. „Wie es abgemacht war. Auf der Ranch warten sie auf dich. Zudem sind wir aus Cochises Gebiet heraus. Für die Roten hier oben im Norden sind deine Worte ohnehin kein Friedensöl. Und mit Morrison werden wird schon fertig.“

Buster Tom hielt seinem Jungen das Pferd. „Wenn es sich um Morrison handelt, hänge ich noch zwei Tage dran und begleite euch bis zum Tonto hinauf. Mal sehen, vielleicht verbinde ich die Sache mit einem Besuch in Prescott. Ein Rancher sollte seinen Viehaufkäufer auch mal zu Hause besuchen. Es könnte sich ja auf den Preis auswirken, nicht wahr?“

„Meinetwegen!“, versetzte Jimmy und schwang sich. in den Sattel. „Ich bin spätestens nach Sonnenuntergang im Camp!“

„All right! Wir ziehen in der alten Richtung weiter“, sagte Buster Tom. „Aber gib auf dich acht, Junge!“

Jimmy ritt an. Buster Tom verabschiedete den Reiter, indem er dem Pinto einen festen Schlag auf die Kruppe versetzte.

Jimmy drehte sich noch einmal im Sattel, stob dann im Galopp nach Osten aus der Senke und war schon im nächsten Moment verschwunden.

Buster Tom stapfte durch den Sand zu den Wagen, die Sten, Pedro - der Mexikaner -, Ol und Kane bereits bestiegen hatten. Hep wartete am ersten Wagen, sein Pferd und das des Ranchers an den Zügeln.

„Hep!“, rief der Rancher mit Stentorstimme. „Habt ihr wenigstens eine Wasserstelle gesichtet oder nicht?“

Hep spuckte in den Sand. „Indianer haben wir gesichtet.“

„Na, wenn das keine Nachricht für uns ist“, meinte Mexico spöttisch, holte die Peitsche aus und ließ das Leder an eines der leeren Wasserfässer schlagen, die links und rechts an dem schweren Murphy hingen.

Buster Tom sah Hep überrascht an und schob sich den Hut aus der Stirn. „Indianer? Aber davon hat mir doch Jimmy gar nichts gesagt.“

„Das ist leicht zu erklären!“, brummte Hep verdrossen. „Jimmy hat die Roten ja auch für Antilopen gehalten."

„Na, wenn sich der Junge mit diesem Geschäft nur nicht verrechnet hat“, sagte Buster Tom und schwang sich aufs Pferd. „Weiter!“, rief er laut und ritt zur Seite. „Mexico! Ol! Macht die Pferde munter! Raus aus diesem verdammten Loch hier!“

Die schweren Planwagen, die bis unter die Planen mit Waren aller Art beladen waren und von jeweils sechs Pferden gezogen wurden, setzten sich holpernd und ratternd in Bewegung.

Hep trieb seinen Wallach an Buster Toms Seite.

„Wir sind ja nicht sehr weit gekommen, Boss“, meinte er, „da uns die Schüsse zurückriefen. Aber ich glaube, wenn wir uns etwas östlich halten, müssten wir eigentlich Wasser finden.“

Buster Tom nickte. Dann jagte er Seite an Seite mit Hep an den Wagen vorbei aus dem engen staubigen Kessel.

 

*

 

Jimmy folgte den Spuren der sechs Reiter. Die Männer hatten sich nach Osten davongemacht, in schnurgerader Richtung - über Meilen hinweg. Jimmy wollte seinen Pinto nicht zu hart treiben, da er an den Rückweg denken musste. Doch schon nach einer halben Stunde stellte er fest, dass ihr Vorsprung mächtig wuchs. Hinzu kam noch, dass es für ihn nicht den geringsten Anhaltspunkt gab, wohin sie sich gewandt haben mochten. Sie ritten zwar direkt auf die Poststraße zu, die Prescott mit Phoenix verband. Jimmy konnte sich aber nicht vorstellen, dass die Straße ihr Ziel sein sollte.

Auf einmal waren ihre Spuren weg. Da es keinen Sandsturm gegeben hatte, die Gegend auch nicht ausgesprochen felsig war, wusste Jimmy sofort, dass die sechs Männer die Spur verwischt haben mussten.

Er ritt noch ein Stück, hielt an und sah sich gespannt um, denn jetzt wurde die Sache für ihn interessant. Es war hügeliges Land, von Buschstreifen und Baumgruppen durchzogen. Jimmy nahm deshalb das Gewehr in die Faust und lud die Waffe durch, um auf alle Fälle kampfbereit zu sein.

Dabei entdeckte er die Fährte wieder. Sie war nur ein Stück gründlich verwischt worden. Ein Mann hatte seine Decke abgeworfen, sie am Sattel befestigt und hinterhergezogen. Dabei hatte seine Aufmerksamkeit bald nachgelassen.

Jimmy ritt langsam weiter, bis er feststellte, dass die Reiter nach Süden hin eingeschwenkt waren. In einem weiten Bogen.

Jimmy Copper kannte diese Gegend nicht. Sie waren seit Tagen unterwegs und hatten sich mittlerweile an die dreihundert Meilen von der Circle C-Ranch entfernt, in deren Umgebung er jeden Weg und jeden Steg kannte.

Doch in dieser Gegend war er ein Fremder.

Nach fünf Meilen hatte der Reiter seine Decke wieder aufs Pferd genommen. Es war inzwischen Mittag, als Jimmy diese Stelle erreichte. Der Vorsprung der sechs Männer war inzwischen auf eine volle Reitstunde angewachsen. Da er noch keinen Rastplatz von ihnen gefunden hatte, sie ihre Pferde aber unvermindert scharf getrieben hatten, glaubte er, dass sie ihrem Ziel nahe gekommen sein mussten.

Plötzlich sah er Rauch über den Höhenrücken. Es war Rauch aus mehreren Schornsteinen. Da es nahezu windstill war, stiegen die Rauchsäulen wie perlgraue Wollfäden kerzengerade in den wolkenlosen und stahlblauen Sommerhimmel hinein.

Jimmy verschärfte das Tempo, galoppierte ein Stück, bis er die Anhöhe im Süden erreichte, und hielt dann auf dem Kamm im Schutz von einigen Pechtannen und Silberpappeln an.

Knappe zwei Meilen von ihm entfernt lag eine kleine Ortschaft in einem weiten grünen Tal. Sie bestand aus einer einzigen Straße mit zwei Dutzend Häusern, die sich an das Tal förmlich hineinzuducken schienen. Die Straße begann am Rand der Ortschaft, führte aus ihr in östlicher Richtung hinaus und mündete vermutlich in einer Entfernung von zehn Meilen in die Poststraße ein, die Prescott und Phoenix miteinander verband, wie Jimmy schätzte.

Jimmy blickte lange auf das kleine Nest hinab, dessen Namen er nicht kannte und von dessen Existenz er nie etwas gehört hatte. Die Häuser lagen im Sonnenlicht. Ihre Dächer blinkten schwarz zu ihm herauf. Einige Fuhrwerke standen am Straßenrand. Jimmy erkannte auch Passanten. Reiter oder abgestellte Pferde sah er nicht.

Er brachte den Pinto in Gang, ritt die Anhöhe hinab und folgte dann einem Trampelpfad, der von dieser Seite direkt in das Nest hineinführte.

Hunde schlugen an, und eine Hühnerschar brachte sich gackernd vor dem Pinto in Sicherheit, als Jimmy die ersten Häuser erreichte. Das dritte Haus auf der rechten Straßenseite befand sich ein Stück zurückgesetzt. Es war eine Schmiede. Halb verrottete Wagen standen auf dem Platz. Unter einem Vordach warteten zwei angeleinte Pferde, die wohl beschlagen werden sollten. Die Schmiedeesse befand sich unter einem Lattendach in der äußersten Ecke des Hofes. Und dort sah Jimmy einen Mann hantieren. Er trieb den Pinto darauf zu, hielt dann dort im Schatten ah und stieg aus dem Sattel.

Der Schmied war ein großer bulliger Mann. Er trug eine schwere Lederschürze und ein blau-weiß gestreiftes Hemd, dessen Ärmel er hoch aufgekrempelt hatte. Er war damit beschäftigt, ein Hufeisen zu schmieden. Von Jimmy nahm er nicht die geringste Notiz.

Als sich Jimmy an einen der Stützpfosten lehnte und sich eine Zigarette zu wickeln begann, nahm er mit der Zange ein schmales Stück rot glühendes Eisen aus der Glut, schwang es auf den Amboss hinüber, gab sich mit dem Hammer kurz den Takt und schlug dann auf das glühende Eisenstück ein, das unter seinen geschickten Schlägen rasch die Form eines Hufeisens annahm.

Die Zigarette zwischen den Lippen, sah Jimmy zu, wie er die Stollen anstauchte. Das ging schnell und geschickt vonstatten. Er schob das Eisen, das allmählich zu erkalten begonnen hatte, in die Glut zurück, um es warm zu machen, damit er die Nagellöcher hineintreiben konnte. Dabei sah er Jimmy an.

Jimmy trat an die Esse, griff nach einem Stück glühender Holzkohle, zündete die Zigarette an, ließ das glühende Kohlestück von der rechten Hand über die Linke hinweg auf das Feuer zurückfallen und nahm einen ersten langen Zug.

„Wo befinde ich mich hier?“, fragte er mit vom Rauch dunkler Stimme.

Der Schmied trat an den Blasebalg, rechte die Faust und zog das lange Holz in rhythmischen Bewegungen auf und nieder. Das leise Pfeifen des Balges war Augenblicke lang das einzige Geräusch. Der Schmied blickte gelassen auf den Haufen rot glühender Kohlestücke, über den der Luftzug des Balges blaue Flammenzungen trieb.

„Sie sind hier in einer Gegend, in der Fremde nicht gern gesehen sind“, sagte er dann.

Jimmy lächelte hölzern. „Wenn Fremde nicht gern gesehen sind, fallen sie auch auf.“

„Natürlich!“, erwiderte der Schmied und fuhr sich mit der Rechten über das massige verschwitzte Gesicht, ohne die gleichmäßige Tätigkeit zu unterbrechen, die den Haufen rot glimmender Kohlen allmählich weiß aufglühen ließ.

„Ich habe den Anschluss zu sechs Männern verloren, die vor einer Stunde hier durchgeritten sein müssen“, sagte Jimmy.

Der Schmied ließ den Schwengel los, dass der Blasebalg mit einem letzten trägen Seufzer zum Stillstand kam, griff nach der Zange, schwang das Hufeisen aus dem Feuer und trieb mit gekonnten und schnellen Schlägen die Nagellöcher hinein. Er war ein Mann, der sein Handwerk verstand. Dann warf er Dorn und Hammer zur Seite, ergriff das fertige Hufeisen mit der langen Führzange und tauchte es in den Härtebottich in eine trübe, ölige Brühe. Dampf zischte auf. Durch diesen Schwaden hindurch musterte er Jimmy, als sei er eben erst angekommen.

„Die Männer sind mit den Wagen weitergezogen“, sagte er.

Jimmy nahm einen Zug, ließ die Zigarette fallen und zertrat sie mit dem Absatz. „Was für Wagen?“

„Ich beschlage Pferde und repariere Wagen“, antwortete der Schmied. „Damit hat es sich für mich.“

Jimmy griff in die Tasche und holte einen Zehndollarschein heraus.

Der Schmied nahm den schweren Vorschlaghammer in die Faust, schwang ihn hoch und ließ ihn auf den Amboss fallen. „Wirble Staub auf, Junge! Hinter dir, meine ich!“

Jimmy ließ die Hand sinken. „Sie sollten die Hufe meines Pintos nachsehen“, sagte er.

„Die Eisen sind in Ordnung. Das habe ich schon gehört, als du hier hereingeritten gekommen bist.“

„Sie könnten ja trotzdem ...“

„Muss ich noch mehr sagen?“, brummte der Schmied, maß Jimmy mit einem finsteren Blick und umschloss den Hammerstiel so fest, dass ihm die Knöchel weiß unter der Haut hervortraten. Jimmy hob abwehrend die Linke und steckte das Geld wieder in die Tasche. „Es ist schon gut. Regen Sie sich nicht auf!“

„Was Ihr Pferd benötigt, junger Mann, sind keine neuen Hufeisen, sondern ganz einfach Flügel, würde ich sagen.“

Jimmy trat an sein Pferd. „Das meinen Sie nicht im Ernst.“

„Doch!“, zischte der Schmied. „Und wenn du durchaus möchtest, mein Junge, kann ich dir und deinem Pferd auch ein paar Flügel verpassen. Recht schnell sogar. Es tut nur etwas weh.“

Der Schmied wollte noch mehr sagen. Aber da war Jimmy schon herum und bei ihm. Er trat ihm den Hammer aus der Faust, packte ihn mit der Linken am Kragen und hielt ihm mit der anderen den Colt vor das Gesicht. Dabei rammte er ihn gegen den Schmiedeofen und bog ihn hintenüber, dass der Schmied entsetzt aufschrie, weil er befürchtete, Jimmy würde ihn in diesen Haufen aus mörderischer Hitze und weißer Glut hineinsetzen, denn Jimmy hob ihn ein ganzes Stück an, dass er die Hitze des Feuers am Hintern spürte.

„Hören Sie mal zu!“, zischte ihm Jimmy ins Gesicht. „Sie dürfen nicht glauben, es mit einer grünen Blattlaus zu tun zu haben. Wenn Sie nicht im Handumdrehen vernünftige Töne anschlagen, schmoren Sie gleich im eigenen Fett, dass sich jeder Kannibale das Wasser vom Maul streicht, würde er Sie nur in dem Feuer sitzen sehen. Und ich bin einer, der immer meint, was er sagt."

„Sie!“, keuchte der Schmied. „Sie sind ja verrückt.“

Jimmy ließ ihn auf die Füße zurück und versetzte ihm einen Stoß, dass er über den Härtebottich hinweg fiel und mit dem Kopf gegen einen der Stützbalken rannte.

„An Ihrer Stelle wäre ich jetzt bereit, auf höfliche Fragen höfliche Antworten zu geben“, sagte Jimmy. Er kochte längst vor Zorn. Er vertrug so ziemlich alles. Nur für einen grünen Anfänger mochte er nicht gehalten werden. Schon gar nicht in einer fremden Ortschaft. Er hielt den Colt so, dass die Mündung der Waffe genau auf den Kopf des Schmiedes zeigte.

„Ich kann Ihnen nichts sagen“, krächzte der Schmied, griff nach einem Lappen und wischte sich das massige, schweißnasse Gesicht ab. „Im Grunde genommen weiß ich eigentlich gar nicht, wovon Sie reden.“

„Ich rede von den sechs Männern, die vor mir hier angekommen sind und die mit den Wagen weiterzogen, wie Sie selbst sagten. Mit was für Wagen? Das, zum Teufel, möchte ich jetzt ganz genau wissen.“

Der Schmied rieb sich den faltigen Hals, musterte Jimmy lauernd und blickte dann auf den schweren Vorschlaghammer, der ihm aus der Hand geglitten war und direkt neben dem Amboss auf dem hartgetretenen Boden unter dem Lattendach lag.

„Bis Sie den Hammer in der Faust haben, sind Sie gleich dreimal tot“, sagte Jimmy.

Der Schmied starrte ihm in die Augen. „Sie scheinen gar nicht zu wissen, in welcher Gegend Sie sich befinden. Dies hier ist Sally Hills. Und wir haben noch immer mit jedem kurzen Prozess gemacht...“

„Ihr Gerede geht mir auf die Nerven!“, unterbrach ihn Jimmy. Er wog den Colt in der Faust und starrte dem Schmied in die Augen. „Geben Sie mir schon Auskunft!“

Der Blick des Schmiedes zuckte an Jimmy vorbei. „Ich werde dir Auskunft geben!“, brummte er grollend und stürzte vorwärts.

Jimmy sprang zurück und wollte ihm eine Kugel vor die Füße jagen. Doch dazu kam er nicht mehr. Er erhielt einen fürchterlichen Schlag von hinten auf den rechten Arm, dass ihm der Colt aus der Hand flog. Jimmy ging in die Knie und fuhr herum. Dabei presste er die Linke auf den rechten Arm, weil er glaubte, er wäre ihm von dem Hieb gebrochen worden.

Hinter ihm stand ein untersetzter Oldtimer, eine Greenerflinte verkehrt herum in den Fäusten. Damit holte er schon zum nächsten Schlag aus. Mochte der Teufel wissen, wo er hergekommen war. Jimmy hatte nicht das geringste Geräusch vernommen.

Jimmy wollte sich ducken, um diesem zweiten Hieb zu entgehen. Da warf ihn der Schmied mit einem wuchtigen Tritt in den Rücken zu Boden und ließ sich auf ihn fallen.

Jimmy war von dem Schmerz im Arm noch wie betäubt. Er versuchte, den schweren Mann von sich zu wälzen. Das gelang ihm jedoch nicht, da er den rechten Arm nicht bewegen konnte und der Schmerz darin wütete und brannte, dass ihm schlecht wurde.

Der Schmied deckte ihn mit Hieben förmlich zu. Jimmy spürte, wie ihm der Kopf von den Faustschlägen hin und hergerissen wurde.

Als sich Jimmy, halb ohnmächtig, nicht mehr wehrte, sprang der Schmied auf, bückte sich nach Jimmys Revolver und legte die Waffe auf ihn an.

„Dieser Halunke hat sich nach Allisons Leuten erkundigt, Will!“, schnaufte der Schmied. Er stand breitbeinig vor Jimmy, japste und keuchte, rang nach Atem und schwitzte, dass ihm der Schweiß wie Bachwasser von den fleischigen Wangen lief. „Er wollte wissen, wo Allisons Wagen sind. Ich danke dir, Will! Ich hätte wirklich nicht gewusst, wie ich ihn mir vom Hals schaffe, nachdem er den Revolver gezogen hatte.“

„Das wird Mr. Allison aber gar nicht gefallen!“, meinte der Oldtimer, während er nahe an Jimmy trat und ihm die Mündungen der Flinte auf die Brust stieß. „Wer bist du?“

„Ja!“, fauchte der Schmied. „Wer sind Sie eigentlich, he? Das möchte ich jetzt wissen. Und wieso haben Sie nach Allison gefragt?“

Jimmy richtete sich auf den linken Ellenbogen und versuchte, den rechten Arm zu bewegen, der ihm, zu seiner Verwunderung, gehorchte, wenn auch unter geradezu wahnsinnigen Schmerzen.

„Dann haben wir uns falsch verstanden“, krächzte Jimmy. „Ich wollte nicht nach einem Mister Allison fragen. Ich wollte mich vielmehr nach Morrison erkundigen. Ich sollte von ihm hier einen Job bekommen.“

Der Schmied und der Oldtimer sahen sich überrascht an. Der Oldtimer nahm sofort die Flinte von Jimmys Brust.

„Sie sind vielleicht ein Idiot!“, schnaufte der Schmied und warf Jimmy den Revolver in den Schoß. „Warum, zum Henker, haben Sie denn Ihr Maul nicht sofort richtig aufgemacht, statt hier wie ein Polizistenhund angeschnürt zu kommen? Es wäre doch beinahe ziemlich böse für Sie ausgegangen.“

Jimmy grinste. „Ich habe eben einen Kopf aus Holz und bin manchmal richtig darauf versessen, ihn mir einzurennen.“

„Das ist Ihnen ja geglückt!“, polterte der Schmied.

Der Oldtimer kicherte. „Da wird Allison seine helle Freude an dir haben.“

Jimmy musterte den alten Mann blinzelnd. „Ich bin nicht an Allison interessiert“, sagte er. „Ich wollte mit Morrison ins Geschäft kommen.“

„Strauchritter!“, grinste der Oldtimer. „Allison leitet jetzt für Morrison die Geschäfte. Mr. Morrison ist schon heute Morgen nach Tucson zurückgeritten. Aber Allison wird sicherlich Bescheid wissen und dir Arbeit geben, vor allem, wenn du mit Waffen gut umgehen kannst.“

Jimmy stand auf und halfterte den Revolver. „Und wo finde ich diesen Allison?“

„Er hat Sally Hills vor einer guten Stunde verlassen“, antwortete der Oldtimer. „Aber mit den schwerbeladenen Planwagen wird er noch nicht weit gekommen sein. Beeile dich trotzdem, Junge! Allison benötigt jede Hand, die bereit ist, ihm unter die Arme zu greifen. Mr. Morrison hat gut eingekauft. Die Männer sind erstklassig, ebenso die Pferde und die Waren, die er drüben in Nevada in den Goldgräberlagern verkaufen möchte. Nur die sechs Wagen taugen nicht viel. Zwei sind hier noch zu Bruch gegangen.“

„So geht das eben aus, wenn einer am verkehrten Ende mit dem Sparen beginnt!“

Jimmy brummte, ging zu seinem Pferd und zog sich in den Sattel, eine ziehende Wut auf Morrison im Leib, der von seiner Idee erfahren haben musste und das Geschäft nun selbst machen wollte.

„Wer sind Sie und wie heißen Sie?“, wollte der Schmied noch wissen, als Jimmy den Pinto drehte.

„Mein Name ist Copper! Jimmy Copper! Sollte Morrison noch einmal hier in Sally Hills auftauchen, grüßen Sie ihn von mir. Richten Sie ihm aus, dass ich direkt von Ihnen weg zu Allison geritten wäre, um dort kräftig zu arbeiten.“

Die beiden nickten. „Das wird Morrison schon recht sein“, meinte der Oldtimer.

„Ich denke auch!“, versetzte Jimmy knirschend, hob die Hand zum Gruß und ritt an. Er trieb den Pinto auf die Straße, ritt durch die Ortschaft und folgte dann den Wagenspuren, die er gleich hinter dem letzten Haus entdeckte. Die Wagen hatten sich nordwärts gewandt und eine breite Fährte von Hufspuren und tiefen ausgefahrenen Wagenradfurchen hinterlassen.

Jimmy folgte den Spuren volle drei Meilen. Dann entdeckte er die Staubwolke, die über der Wagenkolonne hing. Er verließ deren Fährte und schickte sich an, die Wagen nach Osten hin zu überrunden. Dabei sank die Sonne, und dann brach auch die Dämmerung über das nun wieder karge Land herein.

Jimmy suchte sich einen Lagerplatz und stieg ab, versorgte den Pinto und rollte sich dann in die Decke. Als der Morgen graute, saß er schon wieder im Sattel.

Jimmy vollendete nochi vor Sonnenaufgang den Bogen um die Kolonne und suchte dann den Mann, der vorausritt, um für die Wagen den Weg zu erkunden.

Der Reiter hatte das Camp von Morrisons Wagenkolonne bereits in den letzten Nachtstunden verlassen, so dass er sich schon weit vor Jimmy befand, als er dessen Fährte entdeckte. Jimmy kannte die Gewohnheiten solcher Männer. Deshalb versuchte er gar nicht erst ihn einzuholen. Er folgte ihm nur ein Stück, um selbst von der Wagenkolonne nicht überrascht zu werden. Dann saß er ab, um auf seine Rückkehr zu warten.

Die Gegend war unübersichtlich. Dorngestrüpp, Krüppelkiefern und mannshohe, braungraue Klippen, die überall aus dem sandigen Boden ragten, versperrten die Sicht. Doch Jimmy hatte am Fuß eines Höhenrückens angehalten, über den hinweg er den Reiter dann auch nach einer guten Stunde zurückgeritten kommen sah.

 

*

 

Von der Wagenkolonne war noch nichts zu sehen.

Jimmy hatte den Pinto gut versteckt. Als er den Reiter den Hang heruntergeritten kommen sah, zog er das Gewehr aus dem Scabbard und ging ihm ein Stück entgegen, bis er sicher war, dass der Mann direkt auf ihn zukam. Er duckte sich hinter einen Felsquader und wartete.

Der Reiter hatte die Route vermutlich abgeritten, die von den Planwagen an diesem Tag bewältigt werden sollte. Er ritt im Schritt, um das nassgeschwitzte und vollkommen verstaubte Pferd zu schonen. Als er heran war, blickte Jimmy noch einmal spähend in die Runde. Dann trat er aus der Deckung hervor.

Der Reiter hielt sofort an. Es handelte sich um einen jungen Mann in Jimmys Alter, Zuerst wollte er die Arme heben, da Jimmy das Gewehr auf ihn gerichtet hielt. Doch dann überlegte er es sich anders, neigte sich vor, stützte die Hände auf das Sattelhorn und zog die Schultern hoch. Dabei grinste er hämisch und ziemlich niederträchtig.

„Nun, Nachbar?“

„Ich bin nicht Ihr Nachbar, Mister, sondern ihr Feind!“, versetzte Jimmy Copper und nannte seinen Namen, damit der andere ins Bild kam.

Der Reiter stieß auch prompt einen Pfiff aus und hob langsam die Ai’me. „Ich will's Ihnen gleich sagen, Copper. Ich bin Cole Bannister, und ich habe mich breitschlagen lassen, bei diesem irrsinnigen Unternehmen als Scout mitzureiten. Ja, Morrisons Mann möchte mit den Waren vor euch in den Goldgräbercamps sein, um euch kaputtzumachen. Morrison hat es sich so gedacht, dass die Circle C-Leute ihr Geld nicht hereinbekommen und damit praktisch auch die Ranch erledigt ist. Aber mich geht das nichts an. Ich habe damit nichts zu tun. Ich bin nicht als Schießer oder Pferdetreiber angestellt, sondern als Scout. Und als Scout kann ich auch Ihnen nur sagen, dass es Irrsinn ist, das Geschäft zu versuchen. Der Winter, Herr Nachbar, kommt dieses Jahr früher als in allen anderen Jahren. Drüben in Neu Mexico sind die Wapitis schon seit Wochen auf der Wanderung, und jeder Kuhtreiber da drüben weiß, was das heißt. In Nevada werdet ihr mit den Wagen nicht mehr vorwärtskommen. Wegen dem Schnee! Aber der große Katzenjammer wird schon früher kommen, Copper. Der Übergang am Grand Wash Canyon ist geschlossen. Dort kommt keiner durch den Colorado. Deshalb ist das alles witzlos, was hier die Coppers gegen Morrison und Morrison gegen die Coppers versuchen.“

„Wir Coppers versuchen gegen Morrison gar nichts“, versetzte Jimmy.

Cole Bannister zuckte die Schultern und wies kurz nach Norden. „Dort oben ist das ohne Belang, wer was gegen wen hat. Dort oben an dem Felsdurchbruch, der weit und breit die einzige Passage durch die Felsen bietet, sitzen Herren, die Federn auf dem Schopf statt Hüte tragen. Und die haben den Laden, der sich Arizona nennt, dichtgemacht. Jedenfalls in dieser Ecke. Kann ich jetzt weiterreiten? Ich möchte diese freundliche Kunde auch unserem Boss überbringen.“

„Allison?“

Bannister nickte. „Sie sind gut informiert, Copper! Soll ich Allison etwas bestellen?“

Jimmy spie aus. „Ja!“, versetzte er gereizt. „Er soll uns in Ruhe lassen. Wenn er uns noch einmal Leute auf den Hals schickt, komme ich ihn in seinem Camp besuchen. Und das geht dann schlecht für ihn aus. Sagen Sie ihm das. Machen Sie ihm auch klar, dass ich in Sally Hills erfahren habe, dass er für Morrison fährt. Wir werden Morrison nach unserer Rückkehr in Tucson an die Wäsche gehen! Wie schlimm und wie hart, das hat allein Allison in der Hand.“

„Jetzt wird Allison ganz andere Sorgen haben!“, behauptete Bannister.

Jimmy machte schmale Augen und ließ die Winchester sinken. „He, ist das wirklich wahr? Reimen Sie sich da nicht etwas zusammen?“

„Eher verliert ein Biber freiwillig den Schwanz!“

„Woher haben Sie Ihre Weisheiten?“, wollte Jimmy wissen.

„Ich bin vor zwei Stunden auf einen Fallensteller gestoßen, der aus Nevada gekommen ist“, grinste Bannister. „Er war angeblich der letzte, der den Übergang benutzt hat. Danach sieht er auch aus. Reiten Sie nur zu ihm! Folgen Sie einfach meiner Fährte. Er wird sicherlich noch an dem Wasserloch lagern. Bitten Sie ihn, den Hut abzunehmen. Er wird Ihnen sein von Indianermessern zerhacktes Haar, die in Mitleidenschaft gezogene Kopfhaut und die Würgemale am Hals gern zeigen.“

Jimmy holte die Luft und warf einen Blick die Anhöhe empor.

„Darf ich jetzt reiten?“, fragte Bannister.

Jimmy trat zur Seite. „Verschwinden Sie! Vergessen Sie aber nicht, was Sie Allison zu bestellen haben. Ich schätze, dass beste ist, Sie werfen den Krempel als Scout hin, wenn Allison absolut gegen uns weitermachen will.“

„Genau das habe ich im Sinn, Mister Copper.“ Bannister grinste und nahm die Zügel in die Faust. „Aber nicht, weil ich dafür bin, dass Allison die Feindseligkeiten gegen euch Coppers einstellt, sondern einfach deshalb, weil mir mein Schädel noch zu schade ist, um ihn mir von einem Ute spalten zu lassen.“

Jimmy nickte. „Meinetwegen soll das Ihr Grund sein. Hauptsache, Sie steigen aus dem Geschäft, das gegen uns gerichtet ist. Claro?“

„Adios!“, sagte Bannister und ritt an.

Jimmy sah ihm nach, bis er in dem unübersichtlichen Land verschwunden war und nur noch die Staubfahne in der Luft von seiner Existenz etwas verriet. Dann lief er zu seinem Pinto, warf sich in den Sattel und galoppierte genau auf Bannisters Fährte die Anhöhe empor. Als er sich dort oben umsah, konnte er Bannister unten im Buschland entdecken. Bannister hatte angehalten und winkte zu ihm herauf.

Jimmy gab dem Pinto die Sporen und jagte weiter.

Genau nach zwei Stunden stieß er auf eine Wasserstelle, an der ein Mann lagerte. Er führte zwei Maultiere mit, die im Schatten einer Felsschroffe nahe der Wasserstelle standen. Er selbst hockte gerade auf den Knien vor dem Wasserloch und kühlte sich den von frischen Narben gezeichneten Schädel. Er sah aus, als habe er eine Glatze oder schütteres Haar. Doch als Jimmy bei ihm hielt und auf ihn hinab blickte, erkannte Jimmy, dass ihm das Haar mit einem scharfen Messer abgetrennt worden war, so dick im Büschel, wie es eine Männerfaust hatte umfassen können. Vorn an der Stirn und über den Ohren standen die Haare keck emporgerichtet und glänzten feucht.

Jimmy grüßte. Der Mann sah kurz zu ihm auf, nickte und beugte sich wieder über das Wasser. Die Tätigkeit, Wasser mit der Hand zu schöpfen und es über den gemarterten Schädel laufen zu lassen, hatte er nicht eine Sekunde unterbrochen und fuhr gelassen damit fort.

„Wie mir scheint, Freund, sind Sie unter ein Indianermesser geraten“, sagte Jimmy, stieg ab und ließ den Pinto saufen.

„Viel schlimmer, junger Mann“, erwiderte der Fallensteller und richtete sich auf. „Es war ein Offiziersdegen der glorreichen US-Grenzkavallerie, dem ich untergekommen bin. Aber der Ute, der dieses Mordinstrument erbeutete, konnte noch nicht so richtig damit umgehen. Es wäre sonst schlimmer für mich ausgegangen.“

Jimmy lächelte, drehte sich eine Zigarette, während der Fallensteller mit einem alten Lappen vorsichtig und behutsam das Wasser von seinem Schädel und dem Rest seiner Haarpracht tupfte. Dann bot er dem Mann seinen Tabaksbeutel an.

Der Fallensteller griff zu. „Die Zeiten sind verdammt unruhig. Jedenfalls da oben im Norden. Sie wollen doch nicht im Norden aus Arizona hinaus?“

„Doch! Genau das habe ich im Sinn!“, versetzte Jimmy und riss ein Streichholz an.

„Warum reiten Sie nicht westwärts und versuchen es über Kalifornien? Das ist ein bequemer Weg. Damit meine ich, dass man auf dieser Route eher am Leben bleiben kann. Die Utes haben sämtliche Übergänge über den Colorado besetzt und bringen jeden um, der nach Arizona hinein oder aus diesem staubigen Terrain hinaus will. Mit mir haben sie so verfahren wollen, diese Hundesöhne.“

Jimmy grinste. „Sie kommen aus Nevada?“

„Ja!“, erwiderte der Fallensteller. „Ich bin vor drei Wochen durch den Grand Wash. Trotzdem das hier!“ Er wies auf seinen narbigen Schädel. „Inzwischen wimmelt es dort von Indianern. Wie ich hörte, haben die Roten den Sonora-Übergang drüben im Osten gleichfalls dichtgemacht. Bestimmt verfolgen die Burschen damit irgend eine hinterhältige Absicht. Vermutlich wollen sie die Siedlungen und Goldgräbercamps im Süden Nevadas von der Außenwelt abschneiden.“ Er zuckte die Schultern und betupfte wieder die Narben auf seinem Schädel. „Ein gescheiter Mann macht sich in solchen Zeiten nach Süden hin aus dem Staub.“

Jimmy hatte genug erfahren. Es gab keinen Grund, an den Worten des Fallenstellers zu zweifeln. Er füllte die Wasserflasche auf und verabschiedete sich danach von dem freundlichen Mann.

 

*

 

Es ging bereits wieder auf den Abend zu, als er die Männer der Circle C-Ranch erreichte. Sie hatten bereits für die Nacht angehalten und lagerten in einer windgeschützten Mulde.

„Du bist genau volle vierundzwanzig Stunden über die vereinbarte Zeit weggeblieben“, empfing ihn sein Vater, als er ans Feuer trat und den Sattel absetzte. „Bestimmt hast du eine Menge Neuigkeiten für uns.“

„Ja!“, brummte Jimmy und nahm zwischen Hep und Sten Platz. „Und wenn ich gleich loslege, werden euch die Haare mächtig zu Berge stehen.“

Die Blicke der Männer hingen voller Spannung an ihm.

„Bist du auf Indianer gestoßen?“, wollte Mexico wissen.

Jimmy griff nach einem Becher und ließ sich von Sten Kaffee geben. Nachdem er getrunken hatte und Sten ihm Brot und Fleisch reichte, begann er zu berichten.

„Zunächst habe ich Sally Hills kennengelernt“, sagte er und biss in das Brot und in das Fleisch hinein. „Ein Nest, von dessen Existenz ich bislang keine Ahnung hatte. Und dort bin ich auch prompt auf die Spuren unseres alten Freundes Morrison gestoßen. Ein gewisser Allison ist für ihn mit sechs Wagen und etwa zwanzig Männern in dem gleichen Geschäft unterwegs wie wir.“

„Dieser Bastard!“, schimpfte Ol.

„Das ist doch nicht zu glauben!“, brummte Buster Tom und schaute seinen Jungen brütend an. „Hast du die Kolonne gesehen?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917390
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412771
Schlagworte
circle c-ranch raubwölfe wege

Autor

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Titel: Circle C-Ranch #26: Raubwölfe am Wege