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Arztroman Exklusiv Edition - Die schöne Kurpfuscherin

2018 120 Seiten

Leseprobe

Arztroman Exklusiv Edition - Die schöne Kurpfuscherin

Glenn Stirling

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Die schöne Kurpfuscherin

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Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

Dr. Ina Bender arbeitet als Ärztin im Hafenkrankenhaus in Hamburg. Als sie eines Tages nach Hause kommt, erzählt ihr ihre Tante von einer neuen Ärztin. Sie hat eine Praxis ganz in der Nähe und offensichtlich kann sie wahre Wunder vollbringen. Im Krankenhaus wird auch schon über die neue Ärztin gesprochen. Eine Patientin beschimpft Ina geradezu, weil sie ihr nicht wirklich helfen kann, und verlässt wütend die Klinik. Ina nimmt es gelassen, bis eine Patientin eingeliefert wird, die offensichtlich falsch behandelt wurde.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Einen wunderschönen guten Tag, Frau Beineke!“, rief eine Männerstimme.

Tante Hilde, unterwegs zum Einkaufen, fuhr überrascht herum und suchte nach dem, der sie gegrüßt hatte. Und dann sah sie ihn auf dem Fahrrad.

Es war der Schlachtermeister Tönning.

Sie grüßte zurück. Er winkte ihr noch zu und machte ein fröhliches Gesicht, wie sie es lange bei ihm nicht gesehen hatte. Dann war er mit seinem Rad um die Ecke.

Komisch, dachte Tante Hilde, mit dem Fahrrad habe ich ihn noch nie fahren sehen, und dann noch so aufgekratzt. Sie lächelte vor sich hin. Na, hoffentlich ist seine Frau auch so guter Laune. Die macht immer so ein miesepetriges Gesicht...

Ein paar Minuten später hatte Tante Hilde Gelegenheit, mit Schlachtermeister Tönnings Frau zu sprechen. Denn Tante Hilde brauchte noch Wurst für heute Abend. Und so stand sie wenig später im Fleischerladen der Tönnings.

Es war ziemlicher Betrieb. Frau Tönning und die Verkäuferin hatten alle Hände voll zu tun.

Für Tante Hilde Zeit genug, etwas zu tun, was sie sehr gerne tat: die Leute zu beobachten.

Die Mittfünfzigerin war für jede Unterbrechung der Langeweile dankbar, die sie empfand. Denn sie hatte nur für ihren Vater, einen Einundachtzigjährigen und ihre Nichte, die als Ärztin in der Klinik arbeitete, den Haushalt zu führen. Für sie nicht genug und vor allem zu wenig Unterhaltung.

So beobachtete sie zuerst Frau Tönning. Und ihr fiel sofort auf, dass Erika Tönning heute viel munterer und freundlicher wirkte als sonst. Sie war eine dunkelhaarige Frau Ende dreißig, eigentlich ganz der Typ, den man als lebenslustig bezeichnet. Aber in den letzten Monaten war sie Tante Hilde immer sehr verdrießlich vorgekommen und neigte auch dazu, patzig und unfreundlich zu sein. Ein paarmal hatte sich Tante Hilde schon überlegt, ob sie überhaupt noch bei den Tönnings kaufen sollte. Aber das Fleisch war erstklassig, und die Preise hielten sich im Rahmen.

Frau Tönning hatte eine laute, durchdringende Stimme, und ihr Organ übertönte das, was die Kunden sagten.

Es war kurz vor dem Schließen für die Mittagspause. Der Laden leerte sich, und Tante Hilde war schließlich die einzige Kundin vor der Theke.

„Ach, Frau Beineke“, rief Erika Tönning, was nehmen wir denn heute? Wir haben eine erstklassige Landblutwurst, wenn Sie die mal probieren wollen? Und die frische Sülze zum Beispiel... “

Die Verkäuferin blickte ungeduldig auf die Uhr. Eigentlich war es schon Zeit zum Schließen.

Frau Tönning bemerkte es und sagte zu der jungen Blondine: „Geh zu, Annette, mach den Laden dicht. Ich lasse Frau Beineke dann hinaus. Geh schon mal!“

Als die Verkäuferin gegangen war, sagte Frau Tönning:

„Sie isst neuerdings nicht mehr bei uns. Sie hat einen Freund, und dann treffen sie sich und essen gemeinsam in einer Kantine, da, wo er arbeitet.“ Hilde Beineke ging gar nicht darauf ein, sondern sagte lächelnd: „Sie wirken heute so fröhlich. Und vorhin bin ich Ihrem Mann begegnet, der kam mir auch so zufrieden vor. Und dazu noch auf einem Fahrrad, so habe ich ihn noch nie gesehen.“

Frau Tönning lachte, und dabei wirkte sie ausgesprochen hübsch. „Ach, wissen Sie, wir haben auch Grund dazu. Eigentlich verdanken wir dieses Glück dieser neuen Ärztin.“

„Neue Ärztin?“, fragte Tante Hilde verwundert.

„Na ja, wissen Sie denn nicht, hier in unserer Straße, vier Häuser weiter, da hat doch eine Frau Doktor Tamara Kuslowa ... ja, so heißt sie, ihre Praxis aufgemacht.“ Sie lachte. „Am Anfang konnte ich mir den Namen nicht merken. Eine wunderbare Ärztin!“

„Waren Sie denn krank?“, fragte Tante Hilde.

Frau Tönning schüttelte den Kopf, wurde ernst und sagte: „Nein, ich doch nicht!“ Mit gedämpfter Stimme fuhr sie fort: „Mein Karl. Wissen Sie, Ihnen kann ich es ja sagen, Sie sind kein junges Ding mehr. Er hatte so Schwierigkeiten . . . na ja, mit dem ehelichen Verkehr, verstehen Sie? Er ist ja zehn Jahre älter als ich.“

„Aber das ist doch kein Alter“, meinte Tante Hilde.

„Aber nein, und das ist es ja eben gewesen. Er war richtig verzweifelt, und am Anfang wollte ich ihm darüber hinweghelfen, aber ... na, jedenfalls war es dann ganz schlimm. Es hat uns beide verrückt gemacht. Und je mehr wir darüber sprachen und er daran dachte, um so schlimmer wurde es. Und dann habe ich gehört, dass diese neue Ärztin solche Fälle heilen kann.“

„Hätte das nicht auch ein anderer Arzt gekonnt?“, wollte Tante Hilde wissen. „Obgleich Impotenz ja ein Problem für sich ist.“

„Eben“,meinte die Fleischersfrau. „Das ist es ja. Er ist schon bei Ärzten gewesen, bei Urologen, bei Hautärzten, alle möglichen haben sich an ihm versucht, und es wurde immer schlimmer. Und dann habe ich gehört, dass diese Frau so tolle Erfolge hat. Übrigens auch bei Unterleibsgeschichten von uns Frauen. Die ist einfach toll, sage ich Ihnen!“

„Und dann?“, wollte Tante Hilde wissen.

„Karl ging hin. Er wollte erst nicht. Es war wie ein letzter Versuch. Er ist dreimal dort gewesen. Was soll ich Ihnen sagen? Jetzt klappt es wieder. Seit über einer Woche. Sie haben keine Ahnung, wie glücklich wir sind. Diese Ärztin ...“

„Und was hat sie gemacht, was hat sie ihm verschrieben?“

„Sie hat ihm Frischzellen gespritzt. Und Hypnose. Sie hat ihn hypnotisiert, verstehen Sie? Er hat erst gedacht, das wäre so Zauberkram. Aber danach hat es ihm geholfen.“ Die Fleischersfrau seufzte. „Aber teuer ist es gewesen, sündhaft teuer. Nur ist eben so etwas Gutes nicht umsonst zu haben. Krankenscheine nimmt sie keine.“

„Ja, wenn es geholfen hat, dann ist ja alles gut“, meinte Tante Hilde und dachte: Wenn einer erst mal über dem Berg ist und die Angst vor dem Versagen nicht mehr hat, dann wird es wohl weiter klappen. Und sie fragte: „Ist die Behandlung denn abgeschlossen?“

Frau Tönning nickte. „Ja, ja. Die Frau Doktor sagte, wenn es wieder klappt, ist alles gut. Und am Anfang, da habe ich noch gedacht, wie es so eine hübsche Person überhaupt fertigbringt, mit einem Mann über so etwas zu reden. Aber Karl sagt, er hätte sich überhaupt nicht befangen gefühlt. Die hätte eine wunderbare Art, mit Patienten umzugehen. Also, wenn ich mal was habe, dann nur zu dieser Ärztin.“

Wenig später bezahlte Tante Hilde und ging. Sie machte extra einen Umweg, den sie sonst nicht benutzte. Aber sie wollte das Haus sehen, wo diese sagenhafte Ärztin praktizierte.

Und dann stand sie vor dem Gartentor. Am Zaun war ein großes weißes Schild, und auf dem stand:

Dr. Tamara Kuslowa Naturheilkunde, Psychosomatik, Frischzellentherapie.

Tante Hilde nahm den Anblick des Schildes auf, als müsse sie ihn sich ewig merken. Langsam ging sie hinkend weiter. Die aus ihrer Jugendzeit rührende Steifheit des einen Beines hinderte sie daran, sehr schnell zu gehen. Aber sie hatte ja Zeit. Wenn ihr Neffe Thomas noch zu Hause wohnte, hätte sie längst etwas zu essen machen müssen. Aber vor heute Abend würden weder ihr Vater noch ihre Nichte zurückkommen. Der Einundachtzigjährige machte meistens ausgedehnte Spaziergänge oder saß im Park mit anderen alten Männern auf der Bank, um sich zu unterhalten. Manchmal waren sie auch an der Elbe. Und wenn sie Hunger hatten, dann aßen sie ein paar Happen irgendwo unterwegs, und vor sechs Uhr kam Opa nie nach Hause.

Bei ihrer Nichte konnte es noch später werden. Aber in letzter Zeit hatte sie es meistens geschafft, kurz nach sechs aus dem Hafenkrankenhaus zurückzukommen. Aber manchmal wurde es zehn oder gar Mitternacht.

Das, was sie heute von Erika Tönning gehört hatte, wollte Tante Hilde natürlich unbedingt ihrer Nichte Dr. Ina Bender erzählen. Und so fieberte sie dem Augenblick entgegen, da Ina vom Dienst nach Hause zurückkehrte.

Zu Tante Hildes Überraschung kam Ina früher als gewöhnlich, nämlich schon kurz vor vier.

Es kostete Tante Hilde Überwindung, Ina nicht sofort auf dem Korridor mit ihrer Neuigkeit zu überfallen. Aber dann, als das Kaffeewasser auf dem Herd stand und Ina sich zu Tante Hilde in die Küche auf den Hocker gesetzt hatte, da musterte Tante Hilde ihre Nichte mit dem üblichen Blick der Besorgnis.

„Du hast dich wieder sehr angestrengt heute, nicht wahr?“, fragte sie.

Ina fuhr sich mit ihrer schlanken Hand übers dunkle Haar, rückte sich dann ihre Goldrandbrille zurecht und lächelte ungläubig „Wieso, sehe ich irgendwie blass aus?“

„Nein, nein, du siehst nicht blass aus. Hübsch bist du. Aber du hast ein bisschen Ringe unter den Augen, zu wenig Schlaf. Kind, ich habe dir das immer wieder gesagt, du musst mehr schlafen!“

„O Tantchen, halte mir das doch nicht immer vor. Ein Drittel seines Lebens schläft der Mensch, verschläft er das Leben. Aber du hast recht, die Nächte waren in letzter Zeit etwas kurz. Aber jetzt Schluss damit! Ich sehe dir an, dass dir irgendeine Neuigkeit auf der Zunge brennt.“ Sie lachte ihre Tante verschmitzt an. „Nun schieß schon los!“

Bis dahin hatte es Tante Hilde noch zurückhalten können, aber nun musste es heraus. „Kennst du eine Ärztin, die Doktor Tamara Kuslowa heißt?“

Ina schüttelte den Kopf. „Nein, nie gehört. Was ist mit ihr?“

Tante Hilde ließ ihre Nichte nicht warten. Jetzt kam der ganze Bericht, so wie ihn Tante Hilde von der Fleischersfrau erfahren hatte. Und Tante Hilde schloss mit den Worten:

„Wie kann das bloß möglich sein? Ich lese immer wieder, dass es überwiegend seelische Probleme sind. Wie kann man die mit Frischzellentherapie behandeln? Ich weiß ja, was das ist. Da werden doch Frischzellen irgendwie eingespritzt. Was ist das überhaupt genau, Frischzellen?“

„Das ist Gewebe“, erklärte Ina, „von ungeborenen oder sehr jungen Tieren, und zwar Gewebe aus Organen, besonders Drüsen oder eben aus dem Mutterkuchen. Die Zellen sind lebend. Die Tiere werden erst unmittelbar vorher getötet, und die Frischzellentherapie steht im Gegensatz zur Trockenzelltherapie, wo diese Zellen vorher gefriergetrocknet wurden. Der Erfolg beruht vermutlich auf der vermehrten Bildung von Antikörpern, die die Krankheitsabwehr des Körpers steigern. Die ganze Behandlung ist etwas umstritten, hat aber nachweislich Erfolge. dass sie aber Erfolge im Falle der Impotenz hat, ist für mich total neu und interessant zugleich. Du sagst, sie sei eine Ärztin? Hat sie ein besonderes Fachgebiet?“

„Na ja“, meinte Tante Hilde einschränkend. „Von Ärztin steht nichts auf ihrem Schild. Es steht nur Doktor Tamara Kuslowa, Naturheilkunde, Psychosomatik, Frischzellentherapie. Ich kann mich ganz genau erinnern.“

„Erstaunlich. Aber warum nicht, wenn sie Erfolg hat“, meinte Ina. „Es ist bloß verblüffend zu hören, dass jemand Impotenz mit Frischzellentherapie bekämpft. Vielleicht eine umwälzende Entdeckung. Ich habe mich auf diesem Gebiet noch gar nicht umgesehen.“

„Da kannst du mal sehen, was es alles gibt. Aber die Tönnings sind glücklich“, sagte Tante Hilde. „Sehr glücklich. Sie ist achtunddreißig, so eine junge Frau in den allerschönsten Jahren, und der Mann kann sie gar nicht mehr glücklich machen. Aber jetzt, da kann er es wieder.“ Tante Hildes Gesicht hellte sich auf, als sei sie persönlich von alldem betroffen.

Ina musste lachen. „Tantchen, du weißt doch selbst als erfahrene Frau, dass die sexuellen Dinge oft von einer seelischen Blockade gehemmt werden. Bei uns Frauen genau wie bei den Männern. Das sind mitunter Kleinigkeiten, die das auslösen. Und die Männer leiden noch darunter, dass sie immer Angst vor einem erneuten Versagen haben, wenn sie einmal versagt hatten, wie sie das nennen. Und das ist eine seelische Frage. Wenn es gelingt, demjenigen einzureden, er sei von nun an imstande, etwas zu schaffen, was er vorher nicht zu schaffen glaubte, dann ist das mehr eine seelische Frage als eine organische. Vielleicht ist der Trick lediglich die Durchbrechung dieser Schranke, dieses Angstkomplexes, den der Mann hatte, er könne es nicht schaffen.“

„Glaubst du wirklich? Ach, und dann hat sie noch etwas erzählt, was ich dir zu sagen vergaß. Diese Ärztin hat Herrn Tönning hypnotisiert.“

„Na ja, das passt ja wieder. Das hängt auch mit dem Seelischen zusammen. Also so bahnbrechend ist das keinesfalls. Ich wundere mich nur, warum das vorher kein anderer geschafft hat. Das ist manchmal überraschend. Da gehen die Leute zu Ärzten, werden behandelt, und nichts hilft. Dann gehen sie zu einem Heilpraktiker, und der macht im Grunde gar nichts, als dass er ihnen den Glauben vermittelt, das, was er da täte, sei für sie hilfreich. Man nennt das bei uns Placebo. So entstehen viele der Heilerfolge von Heilpraktikern. Man kann sie nicht wegdiskutieren, sie sind da. Aber wie gesagt, es ist eine Art Durchbrechen der seelischen Blockade. Vielleicht ist es hier auch so. Aber, Tantchen, das Wasser kocht. Soll ich aufgießen?“

„Aber nein, ich habe gar nicht darauf geachtet, ich mach’s ja schon! Lass nur, Kind! Setz dich drüben hin, ich bring dir den Kaffee. Musst du heute noch einmal weg?“, rief sie Ina dann nach, als die schon ging, um sich im Esszimmer hinzusetzen.

„Nein, heute nicht. Ich habe noch einiges an Schriftkram zu erledigen. Es wäre schön, wenn mich keiner störte.“

„Und Bernd?“, wollte Tante Hilde wissen. „Geht ihr nicht zusammen aus?“

„Nein, er macht irgendein Seminar. Diese Woche hat er keine Zeit. Und am Wochenende hat er Bereitschaft“, rief Ina zurück.

Tante Hilde war nicht sehr traurig darüber. Inas Freund, Dr. Bernd Kluge, war nicht unbedingt ihr Fall und sie wohl auch nicht der seine.

An diesem Nachmittag wurde Ina nicht gestört. Bis zum Abendessen arbeitete sie oben in ihrem Zimmer, während Tante Hilde in der Küche Erdbeermarmelade machte. Das ganze Haus war von dem Duft erfüllt, drang sogar bis durch die Ritzen in Inas Zimmer, und es erinnerte die junge Ärztin an ihre Kindheit, wo sie und ihr Bruder oft, von diesem Duft magisch angezogen, beim Marmelademachen dabeigestanden hatten, um naschen zu können.

Später, nach dem Abendbrot, als Opa schon vor dem Fernseher saß, rief dann ein bekannter Arzt bei ihr an, der sie zum Problem eines Patienten etwas fragen wollte.

Ina entsann sich, dass dieser Kollege ganz in der Nähe jener Dr. Tamara Kuslowa seine Wohnung hatte.

Sie hätte nicht sagen können, wieso sie es tat, aber sie fragte ihn nach dieser Ärztin.

„Haben Sie Ärztin gesagt, Frau Bender?“, sagte der Kollege überrascht. „Ich würde diese Dame zu der Gruppe der Wunderheiler und Kurpfuscher verbannen.“

„Wie ich hörte, hat sie großen Erfolg“, erwiderte Ina.

„Teilweise, und teilweise gar nicht. Aber ich glaube, da können wir beruhigt abwarten. Solche Seifenblasen platzen meistens nach kurzer Zeit.“

„Was wollen Sie damit sagen?“, erkundigte sich Ina.

„Ich möchte mich nicht weiter dazu äußern. Verübeln Sie mir’s bitte nicht, Frau Bender. Aber es gibt Dinge, die sollte man nicht am Telefon besprechen. Vielleicht, wenn wir uns einmal wieder treffen. Ich habe in vierzehn Tagen im Hafenkrankenhaus zu tun. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit.“

Nach diesem Telefonat war Ina eine Weile nachdenklich. Wunderheiler und Kurpfuscher. Tante Hildes Bericht hatte sich ganz anders angehört.

Aber dann vergaß sie die Ärztin als auch das, was sie über sie gehört hatte und vertiefte sich wieder in ihre Arbeit, die sie heute Abend noch abschließen wollte.

Erst als sie zu Bett ging, musste sie noch einmal an Tante Hildes Bericht denken, lächelte dann aber und sagte sich, dass es für sie wohl völlig uninteressant war, noch einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden.

Aber wie es so geht, schon am nächsten Morgen hörte sie den Namen erneut. Und diesmal aus ganz anderem Munde.

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Schwester Annette, eine adrette Blondine, die sonst die Arzthelferin von Oberarzt Dr. Kiesewetter war, tat heute Dienst in der ambulanten Sprechstunde bei Dr. Ina Bender. Und sie war es auch, die die Karte der nächsten Patientin vorlegte.

Ina blickte auf das ihr vorliegende Blatt und las den Namen Franziska Weller, zweiunddreißig Jahre alt, verheiratet. Die von Dr. Kiesewetter eingetragene Diagnose lautete: Magenbeschwerden, Sodbrennen, mysteriöse Durchfälle im Wechsel mit Verstopfungen.

Wie Ina Bender weiterlas, waren viele Untersuchungen mit Verdacht auf Darmkrebs durchgeführt worden, doch hatten sie den Verdacht nicht bestätigt. Die Blutsenkung wie auch das Blutbild waren ebenso normal wie die Urinuntersuchungen. Es gab keinen tatsächlichen Befund. Mit Bleistift hatte Dr. Kiesewetter noch hingeschrieben: Funktionelles Syndrom?

Wie Ina sehen konnte, war die Patientin schon mehr als einen Monat in Behandlung und hatte sich in der ersten Zeit umfangreichen Untersuchungen unterziehen müssen. Nichts hatte irgendeinen Hinweis auf die Ursachen ihrer Beschwerden erbracht.

Ina Bender hatte gerade fertig gelesen, da betrat die Patientin das Sprechzimmer.

Sie schien überrascht, jemand anderen als Oberarzt Dr. Kiesewetter vorzufinden, stockte und sah sich suchend um.

„Sie sind schon richtig“, sagte Ina. „Ich habe heute die Sprechstunde vom Herrn Oberarzt übernommen. Sie sind Frau Weller, nicht wahr?“

Die Frau nickte. Sie war nicht gerade eine Schönheit, wirkte aber sympathisch. Zögernd kam sie näher, blieb dann vor dem Tisch stehen, und Ina reichte ihr die Hand.

Nun schon etwas zutraulicher, setzte sich Frau Weller und sah Ina erwartungsvoll an.

„Erzählen Sie mir nur in wenigen Worten, welche Beschwerden Sie in letzter Zeit hatten.“

Leicht entrüstet erwiderte Frau Weller: „Ja, sagen Sie mal, das steht doch sicher alles in dem Krankenblatt. Herr Doktor Kiesewetter hat mich laufend untersucht, auf den Kopf gestellt, alles mögliche mit mir gemacht. Mehrmals bin ich geröntgt worden. Und jetzt fragen Sie... “

Geduldig entgegnete Ina: „Ich will nur wissen, was in letzter Zeit gewesen ist.“ Sie blickte auf die Karte. „Sie sind jetzt eine Woche nicht mehr dagewesen. Die ganzen Untersuchungen waren ziemlich am Anfang. Was war nun in dieser Woche?“

„dasselbe wie immer“, erwiderte Franziska Weller empört. „Auch diese Beruhigungstabletten, die mir Herr Doktor Kiesewetter gab, waren für die Katz. Das half immer nur ein paar Stunden, und nachher war es um so schlimmer. Dieser ganze chemische Kram, das kann doch für einen Menschen nicht gut sein.“

„Und was glauben Sie, was Ihnen guttut? Vielleicht eine Wärmflasche auf den Bauch?“

„Ein bisschen schon. Aber soll ich Ihnen etwas sagen, Frau Doktor? Sie wissen alle nicht richtig, was mir fehlt. Der Herr Doktor Kiesewetter hat zwar behauptet, er würde mir helfen und er könnte mir helfen, und es würde bald alles viel besser werden, aber ich denke mir, Sie wissen gar nicht richtig, was bei mir dahintersteckt. Wenigstens ein Gutes haben diese ganzen Untersuchungen gehabt. Ich kann nur hoffen, dass es stimmt, was Herr Doktor Kiesewetter sagte, dass ich keinen Krebs habe. Dabei habe ich neulich gelesen, dass gerade meine Durchfälle, die immer wieder mit Verstopfung wechseln, ein typisches Zeichen für Krebs sind.

Ina nickte. „Es ist ein Hinweis, dass es Krebs sein könnte, ich betone könnte, Frau Weller. Aber es gibt eben auch noch andere Ursachen. Eine Erkrankung der Bauchspeicheldrüse zum Beispiel, der Leber. Aber auch Stress, Angst, Nervosität können die Ursache sein. Auch Ihre Magenbeschwerden deuten darauf hin. Gibt es etwas, vor dem Sie sich fürchten?“

Statt auf diese Frage zu antworten, sprang Franziska Weller plötzlich auf, ihr Gesicht wurde dunkelrot. Sie starrte wütend auf Ina herab, und fauchte dann:

„Ja, glauben Sie denn, ich erzähle Ihnen alles, was mich privat angeht? Wollen Sie vielleicht meine intimsten Dinge wissen, wann ich mit wem und wo schlafe? Ist es das vielleicht? Ich bin eine anständige Frau!“

Ina versuchte, sie zu beschwichtigen. Vergeblich. Und ihr kam es so vor, als sei Franziska Weller überhaupt nur hergekommen, um ihre Wut und ihre Enttäuschung über die Ärzte und das Krankenhaus loszuwerden. Sie ließ Ina gar nicht zu Wort kommen, überhäufte sie mit Vorwürfen und sagte zum Schluss: „Ich werde nicht mehr herkommen. Ich weiß jetzt, wo ich hingehe. Eine Freundin hat es mir schon lange geraten. Ich werde zu dieser neuen Ärztin gehen, die schon so vielen geholfen hat, wo alle anderen nicht mehr weiter wussten. Sie wird mir helfen. Hier höre ich mir immer nur dieselben Sprüche an. Ich bin es jetzt satt, ich gehe zu Frau Doktor Kuslowa! Guten Tag!“

Inas Versuch, das Gespräch fortzusetzen, erschien ihr so sinnlos, dass sie einfach schwieg und nur zusammenzuckte, als Frau Weller die Tür zuknallte.

Unmittelbar danach stürzte Schwester Annette herein, das Gesicht gerötet, die Augen vor Schreck weit aufgerissen und fragte: „Ist alles in Ordnung, Frau Doktor? Das ist ja eine Verrückte! Dabei ist die sonst immer so friedlich gewesen. Richtig nett war sie. Aber heute... “

„Legen Sie die Karte wieder in den Kasten. Entweder kommt sie bald wieder, oder wir sehen sie nie mehr. Regen Sie sich nicht auf, Schwester Annette. Schicken Sie mir den nächsten herein.“ Schwester Annette nickte, sagte dann aber noch: „Die hat sich vielleicht aufgeführt! Ein Saustall wäre das, hat sie gesagt, bevor sie verschwand.“

„Schicken Sie mir den nächsten, und beruhigen Sie sich. Das Leben geht weiter, auch ohne Frau Weller.“

Der Rest des Vormittags verlief normal. Zwar war sie von den meisten der nachfolgenden Patienten etwas verwundert angesehen worden, aber keiner hatte das Gespräch während der Untersuchung oder Behandlung auf den Vorfall mit Frau Weller gebracht.

In der Mittagspause ging Ina zusammen mit Schwester Heidemarie und einem Stationspfleger in die Kantine zum Essen. Da sagte Schwester Heidemarie, als sie schon fertig waren, zu Inas Überraschung so beiläufig:

„Manche Leute haben wirklich einen Vogel. Die mit den Nierensteinen von 214 hat mich heute gefragt, ob man nicht eine Ärztin von draußen rufen lassen könnte.“

Der Pfleger, ein Mann Mitte Dreißig mit dunklen Haaren, schaute die Stationsschwester interessiert an. „Wie von draußen? Einen frei praktizierenden Arzt?“

Schwester Heidemarie nickte. Die beliebte Stationsschwester lachte dann, dass die zwei Zahnreihen wie Perlen blitzten. „Ja doch, eine Ärztin, eine Frau Doktor Kuslowa. Das muss ein wahres Wundertier sein.“ Sie blickte auf Ina. „Haben Sie schon von der gehört?“

Ina konnte ihr Erstaunen nicht verbergen. Das war nun schon das dritte Mal, dass sie diesen Namen hörte. Und alles so kurz hintereinander. Merkwürdig. Sie nickte und sagte:

„Es ist wirklich überraschend. Ich habe heute schon zum zweiten Mal von ihr gehört, und gestern auch.“

„Die mit den Nierensteinen“, fuhr Schwester Heidemarie fort und rückte sich ihr Häubchen gerade, „die hat mir Wunderdinge erzählt. Wirkliche Wunderdinge. Da sind Leute, die woanders aufgegeben worden sind, hingekommen, nach einmaliger Behandlung ging es denen besser. Das sind doch reine Märchen. So etwas gibt es doch gar nicht.“

„Und was macht die da mit den Patienten?“, wollte der Pfleger wissen. Schwester Heidemarie wandte sich ihm zu. „Die arbeitet mit Hypnose und Frischzellen und allen solchen Sachen. Das weiß doch ein Kind, dass das bloß dummes Zeug ist.“

„Das stimmt nicht ganz“, widersprach Ina. „Dummes Zeug ist das keinesfalls. Nur kann man nicht alle möglichen Leiden damit behandeln. Nierensteine sind damit ganz sicher nicht zu beseitigen. Haben Sie das der Patientin nicht gesagt?“

Schwester Heidemarie lachte abfällig. „Soll ich einer Verrückten etwas erklären, was die mir sowieso nicht glaubt? Die wollte doch, als ich ihr sagte, dass es nicht geht, einen anderen Arzt hereinzuholen, entlassen werden. Mit der müssten Sie mal reden, Frau Doktor, die spinnt wirklich.“

„Na gut, ich werde mit ihr sprechen. Haben Sie denn früher schon einmal von dieser Frau Doktor Kuslowa gehört?“

„Ja“, erwiderte Schwester Heidemarie und nickte, „habe ich. Erst vor ein paar Tagen hat mir jemand erzählt, dass seine Frau da in Behandlung gewesen ist mit ganz tollen Regelbeschwerden. Und nach zwei Behandlungen war das weg. Da hat sie auch Hypnose gemacht. Und von einem anderen Fall weiß ich, dass sie einem Mann, einem jungen Mann wohl bemerkt, der irgendwie Potenzschwierigkeiten hatte, helfen konnte. Jetzt soll aus dem der wildeste und verrückteste Stier geworden sein, den es in ganz Hamburg gibt. Ich halte das für ein Märchen.“

„Vielleicht übertrieben, aber nicht unbedingt unwahr. Ich habe gestern eine ähnliche Geschichte gehört. Aber ob die natürlich in allen Dingen stimmt, ist ja die Frage. Immerhin ist es merkwürdig, dass man in kurzer Zeit soviel von dieser Kollegin hört. Mir ist aber auch schon Negatives zu Ohren gekommen, und ich weiß nicht, ob das aus dem Neid geboren ist, oder ob es andere Gründe dafür gibt. Vielleicht sogar welche, die die andere Seite der Medaille aufzeigen. Demzufolge soll sie gar nicht so tüchtig sein. Aber ich kann es tatsächlich nicht beurteilen, weder das eine, noch das andere. Es ist bloß amüsant, dass man in kurzer Zeit mehrmals diesen Namen hört.“

Ina sollte ihn an diesem Tage noch einmal hören, und nicht etwa von der Frau mit den Nierensteinen, mit der sie später sprach und die sie zu überzeugen versuchte. Es war vielmehr ein älterer Mann, der an Herzschwäche litt und Ina fragte, ob sie ihn nicht entlassen könne.

„Aber dazu geht es Ihnen noch nicht gut genug“, erwiderte Ina dem Fünfundsiebzigjährigen.

„Ich kann ja herumlaufen. Ich laufe hier ja auch herum.“

„Aber hier haben wir Sie unter Kontrolle. Und wenn wieder ein Schwächeanfall auftritt, können wir Sie behandeln. Sie wissen ja, dass wir überlegen, ob wir Ihnen nicht einen Herzschrittmacher einpflanzen lassen. Am Ende wird es wohl darauf hinauslaufen. Aber das wollen wir erst mal ganz genau überprüfen.“

„Ich wüsste etwas Besseres, Frau Doktor. Ich gebe ja zu, Sie bemühen sich ehrlich, gerade Sie, Frau Doktor. Und auch Ihre Kollegen, alle hier. Doch manchmal gehört eben zu einer wirklichen Behandlung ein bisschen mehr. Und wenn man in meiner Lage ist und nie weiß, ob man den nächsten Tag überlebt, dann greift man nach einem Strohhalm. Ich habe da von einer Ärztin gehört, die einmalige Erfolge erzielt. Von einer Frau Doktor Kuslowa.“ Schon wieder!, dachte Ina.

Aber sie .zeigte nicht, was in ihr vorging. Es gelang ihr, den alten Mann zu überzeugen, dass es besser für ihn war, noch hier in der Klinik zu bleiben.

Wer, dachte sie, als sie dann den Gang entlang schritt und sich der Tag dem Dienstschluss zuneigte, ist diese Frau Doktor Kuslowa? Allmählich interessiert es mich, sie kennenzulernen oder Näheres über ihre Methoden zu erfahren. Aber wie soll ich da dahinterkommen? Es sei denn, ich mache mich selbst zur Patientin. Aber dazu müsste ich mal einen Vormittag Zeit haben.

Der Entschluss wurde von ihr rasch wieder verworfen, wenn sie nur an ihren Dienstplan und das dachte, was sie ohnehin zu tun hatte. Und kurz darauf hatte sie den Namen Kuslowa ebenso vergessen, wie das Ansinnen des alten Mannes. Denn es wurde ein Notfall eingeliefert, der ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchte.

Als sie am Abend nach Hause kam, hatte Tante Hilde Omeletts mit Heidelbeeren gemacht, Inas Lieblingsgericht. Und außerdem war Olga Timm, Tante Hildes Freundin, aus dem Alten Land gekommen und hatte so viel zu erzählen, dass Ina an alles mögliche, nur nicht an Dr. Tamara Kuslowa dachte...

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Yvonne Busch lernte Franziska Weller beim Friseur kennen. Das war jetzt schon Monate her. Danach hatten sie sich öfter getroffen, zu einem Kaufhausbummel oder ganz einfach zum Kaffeetrinken auf einer Terrasse, und manchmal auch zu einem gemeinsamen Kinobesuch. Von Franziska Weller hatte die schlanke, große Yvonne Busch auch die Adresse von Dr. Tamara Kuslowa. Diese Adresse hatte Franziska Yvonne angelegentlich eines Gesprächs gegeben, als ihr Yvonne erzählte, sie habe mitunter Asthmaanfälle, und dies erst seit kürzerer Zeit.

Danach war es allerdings eine ganze Weile zu keinem neuen Asthmaanfall gekommen, und Yvonne hatte die Adresse schlicht vergessen.

Eines Morgens, als sie wieder bei Modeaufnahmen als Modell posieren musste, hatte sie wieder einen Asthmaanfall bekommen und erinnerte sich sehr rasch an die Adresse.

Sie war schon einmal bei einem Arzt gewesen, und er hatte ihr ein Cortisonpräparat aufgeschrieben, das sie nehmen sollte, wenn es zu einem neuen Anfall käme. Sie schluckte also zwei der Tabletten, und nach einer Weile ging es ihr wirklich besser. Aber sie erinnerte sich auch sehr gut an die Worte des Arztes, dass sie mit diesem Leiden leben müsse. Es sei im Grunde nicht heilbar. Allerdings machte er ihr auch Hoffnung, dass es sich ganz spontan wieder geben könne. Das Rauchen sei möglicherweise mitverantwortlich.

Sie stellte das Rauchen ein, und dies nun schon seit Monaten.

Sie bekam dann mehrere Anfälle hintereinander. Einmal im Bett, nachts, und sie glaubte, ersticken zu müssen. Die Wirkung der Tabletten war auch nicht mehr so wie am Anfang. Sie erhöhte die Dosis, und erst sehr allmählich ging es ihr besser.

Schon zwei Tage später kamen die Anfälle erneut, und wiederum im Bett. Sie konnte nicht liegen, sie musste sitzen, tat kaum ein Auge zu und war übernächtigt, als sie am nächsten Morgen ihre Aufgabe als Fotomodell erfüllen musste.

Der Fotograf war recht unzufrieden mit ihr. Mehr Puder und Schminke waren nötig, um die Spuren dieser Nacht zu verwischen. Fotograf und Helfer machten noch ihre Späße, weil sie glaubten, es sei bei Yvonne eine andere Art von Schlaflosigkeit gewesen.

Kein Wunder, sie war das, was man eine schöne Frau nennt. Groß und schlank, langbeinig, hübsches schmales Gesicht mit schön geschwungenen vollen Lippen, zarten Augenbrauen und langem, bis tiefer als die Schulter reichendem brünettem Haar. Ihre dunklen Augen und die fein geformte Nase waren ebenso wie die vollendeten Formen des Körpers eine Augenweide für jeden, der Yvonne betrachtete.

Während dieser Aufnahmen bekam Yvonne dann wieder einen Asthmaanfall,und den Fotografen und Beleuchtern verging das Lachen. Die Aufnahmen mussten lange unterbrochen werden, bis die Tabletten halfen und es Yvonne besserging.

Der Aufnahmeleiter stellte eine kaltschnäuzige Frage: „Hast du das öfters, Yvonne? Das ist aber schlecht für dich. Solche Unterbrechungen können wir uns nicht leisten. Dafür bist du einfach zu teuer und all das hier auch.“

Das war der Augenblick, wo Yvonne noch einmal einen Versuch machte, sich ärztlich behandeln zu lassen. Noch ging sie nicht zu dieser Dr. Tamara Kuslowa, sondern zu einem Allergologen, denn ihr war gesagt worden, dass dieses Asthma eine Allergie sei.

Nachdem sie Stunden im Wartezimmer verbracht hatte, kam sie endlich dran, aber der überlastete Arzt nahm sich nicht allzu viel Zeit für sie. Er fragte beinahe im Telegrammstil innerhalb von drei Minuten die Vorgeschichte ab, dann untersuchte er sie, stellte sie sogar noch vor den Röntgenschirm, und nach insgesamt fünfundzwanzig Minuten war sie wieder draußen.

Am nächsten Tag sollte sie wiederkommen, und erneut hatte man ihr Cortisonpräparate verschrieben.

Am nächsten Tag wiederholte sich das Warten, obgleich sie angemeldet war. Nach fast drei Stunden kam sie endlich dran, die Untersuchung beim Arzt währte knapp drei Minuten. Dann war sie wieder unterwegs mit einem neuen Rezept.

Noch am selben Tag bekam sie zwei Anfälle. Das Präparat, das ihr der Arzt verschrieben hatte, schien sie nicht zu vertragen. Ihr flimmerte es vor den Augen und sie hatte Magenschmerzen, musste sogar brechen.

In dieser Lage traf sie zufällig wieder Franziska Weller.

„Wie siehst du denn aus?“, fragte Franziska. „Mein Gott, gegen dich bin ich ja direkt ein junges Mädchen mit meinen zweiunddreißig, und du bist erst vierundzwanzig. “

Yvonne klagte Franziska ihr Leid.

„Dann wird es höchste Zeit“, erwiderte Franziska, „dass du zu Doktor Kuslowa gehst. Ich war jetzt zweimal dort. Mir geht es jetzt schon besser. Ich habe gar keinen Durchfall mehr und auch keine Verstopfung. Im Hafenkrankenhaus haben die mich bloß dauernd untersucht und beobachtet und mir gesagt, sie könnten nichts finden. Es wäre alles in Ordnung. Aber die Beschwerden hatte ich weiter. Jetzt sind die so gut wie weg. Ich sage dir, Yvonne, geh dahin! Die erlöst dich von deinem Asthma.“

„Aber wie macht sie das? Mir haben jetzt zwei Ärzte gesagt, dass es nicht so einfach ist und im Grunde nicht heilbar. Es sei eben mehr oder weniger eine Folge von Reizstoffen. Sie wüssten bloß noch nicht welche.“

„Alles Quatsch! Die wissen doch nichts!“, behauptete Franziska Weller. „Geh zu Frau Doktor Kuslowa, die hilft dir. Du bist den ganzen Kram ganz schnell los. Ich sage es dir ja, bei mir wussten sie auch nicht, wo meine Beschwerden herrühren. Am Anfang, da dachten sie sogar, es sei Krebs. Aber es ist kein Krebs. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie ich gezittert habe, dass es womöglich doch Krebs sein könnte. Und jetzt ist alles vorbei.“

„Und wie hat sie dich behandelt?“, wollte Yvonne wissen.

„Es fängt erst einmal damit an, dass sie viel Zeit für dich hat. Deswegen ist da so ein Andrang. Sie nimmt nur ganz wenige Patienten an. Das erste Mal redet sie fast eine Stunde mit dir. Und dann macht sie eigentlich gar nicht viel. Sie hat mich etwas untersucht, dann hat sie mir eine Spritze direkt über dem Nabel gegeben. Es ist natürlich sündhaft teuer. Aber es hilft eben. Was nützt mir der Krankenschein, wenn ich meine Beschwerden nicht loswerde?,,

„Und was hast du bis jetzt bezahlt?“, erkundigte sich Yvonne und schüttelte ihr Haar in den Nacken.

„Einen ganz schönen Batzen, über vierhundert. Und es wird auch noch etwas kosten. Also ich rechne insgesamt mit tausend Mark.“

„Um Gottes willen, soviel?“

„Nun rechne doch mal, keine Beschwerden mehr. Ich sage doch, was nützt mir der Krankenschein, wenn ich mein Leiden nicht loswerde? Dann zahle ich eben etwas.“

„Und wofür dann noch den Krankenschein?“, wollte Yvonne wissen.

„Du musst sie anrufen“, sagte Franziska. „Wenn du bald drankommen willst, ruf sie am besten gleich an. Es sind wahnsinnig viele Patienten, die von ihr behandelt werden wollen.“

Yvonne rief an, und weil sie sagte, dass es sehr dringend sei und sie schwere Asthmaanfälle habe, bekam sie bereits einen Termin am Ende der kommenden Woche. Freitag um zehn sollte sie da sein. Sie hatte mit einem Mann gesprochen, dessen sympathische Stimme ihr noch im Ohr klang.

Noch eine ganze Woche bis zu diesem Termin.

Sie bekam noch drei Anfälle zwischendurch, half sich mit den Tabletten, aber jedes mal wurden die Nebenwirkungen stärker, die Magenschmerzen und das Augenflimmern. Manchmal war sie überhaupt nicht imstande, sich vom Stuhl zu erheben, weil ihr schwindlig wurde.

Aber die Tabletten waren im Augenblick das einzige, das ihr half.

Am Donnerstag traf sie dann noch einmal durch Zufall Franziska. Der schien es blendend zu gehen.

„Überhaupt keine Beschwerden mehr!“, verkündete sie Yvonne schon von weitem, schüttelte ihr dann überschwänglich die Hand und sagte noch einmal: „Mir geht es gut. Mein Gott, was für eine Ärztin! Und weißt du was, hübsch ist die! Ein Bild von einer Frau. Anders hübsch als du, sie ist ja älter als du. Aber Rasse, sage ich dir. Ich glaube, nach der sind alle Männer der Welt verrückt. Sie hat so einen komischen Akzent, ich glaube, sie ist Russin. Dem Namen nach muss sie es wohl sein. Sie sieht auch so aus. Sie hat etwas breite Backenknochen. Und Personal hat die, sage ich dir, alles erstklassig! Nicht solche Trampel, wie bei manchen Ärzten die Sprechstundenhilfen oder einige von den Schwestern in den Krankenhäusern. Und auch nicht solche Rabauken wie viele Pfleger. Sie hat auch Männer, weißt du? Und wenn du reinkommst, beim Empfang, ist auch ein Mann. Alle sind wahnsinnig nett und höflich und freundlich vor allem. Weißt du, wenn man so angeschossen ist und sich ohnehin nicht wohlfühlt, dann fehlt einem noch so ein blöder Typ, der einen von oben runter anquatscht. Aber dort erlebst du das nicht. Die sind einfach alle Spitze. Und sie selbst, sie ist... ich nenne sie eine Königin. Sie ist wie eine Königin. Und das Schönste ist, ich bin früher auf hübsche Frauen immer ein wenig eifersüchtig gewesen, bei ihr überhaupt nicht.“

„Du scheinst sie richtig anzubeten!“, meinte Yvonne.

„Nenne es, wie du willst. Ich finde sie einfach hinreißend und toll. Wann musst du zu ihr?“

„Morgen früh.“

„Ich drücke dir die Daumen. Ach wo, das brauche ich gar nicht. Sie ist einfach besser als alle anderen. Sie heilt dich, ich weiß es. Sie hilft dir!“

Yvonne war nicht so überzeugt, dass es bei ihr auch so einfach sein würde. Aber sie hoffte es insgeheim und hatte zum ersten Male eine ruhige Nacht.

Am Freitagmorgen stand sie später auf als sonst, duschte und machte sich dann rechtzeitig auf den Weg. Es war ein sommerlich warmer Tag, nach langer Zeit einmal kein Regen, und so trug sie nur eine weiße Bluse und hellblaue, sportliche Hosen.

Sonst hatte sie sich nicht mehr getraut, wegen der hochwirksamen Cortisonpräparate und der Beruhigungsmittel, die sie bekam, Auto zu fahren. Das hatte auch immer in den Beipackzetteln gestanden, dass sie darauf achten musste. Aber seit vorgestern hatte sie nichts mehr nehmen müssen, und so fuhr sie mit dem Wagen zu jener Adresse, die ihr Franziska gegeben hatte. Sie fand aber zunächst keinen Parkplatz, musste noch einmal ums Viereck fahren, bis sie den Wagen irgendwo abstellen konnte und den letzten Rest zu Fuß ging.

Das Haus war im Grunde eine Villa, lag ein wenig zurück, hinter einem Vorgarten, in dem Rhododendron und Gartenazaleen blühten. Ein Stück neben dem Haus wusch ein Chauffeur einen silbernen Rolls Royce. dass es ein Rolls Royce war, wusste Yvonne noch von Dieter. Das Auto mit der Lady auf dem Kühler, und ihr war in etwa bekannt, was so ein Schmuckstück kostete.

Donnerwetter!, dachte sie. Da ist Geld.

Nachdem sie geläutet hatte, kam durch eine Sprechmuschel die Frage, wer sie sei. Sie nannte ihren Namen, es summte, und sie konnte die Tür öffnen.

Drinnen war alles in weiß gehalten. Unauffällige Eleganz im Vorraum. Wie in einem der ersten Juwelierläden der Stadt, saß an einem kleinen Barocktisch, der auch ganz in weiß und verziert war, ein Mann Ende zwanzig. Aber nicht in einem weißen Kittel, sondern in sportlicher Giencheckjacke und dunklen Hosen. Er lächelte sie gewinnend an, als habe er auf niemand anderen, als gerade auf sie gewartet.

Er gefiel ihr auf Anhieb, und sie bemerkte durchaus seine bewundernden Blicke. Seit einem knappen Jahr hatte ihr das nichts bedeutet. Aber jetzt tat es ihr irgendwie wohl, ohne dass sie hätte sagen können, warum.

Der junge Mann erhob sich hinter seinem Tisch, begrüßte sie mit Handschlag und sagte: „Vielleicht gehen Sie da drüben in diesen Raum. Es sind noch ein paar Patienten vor Ihnen. Wenn Sie sich gedulden wollen. Es ist Lektüre genug da. Die Kopfhörer für die Musik hängen an der Wand, falls Sie nicht Bescheid wissen sollten, denn Sie waren ja noch nicht bei uns.“

Sie hatte mit einem knallvollen Wartezimmer gerechnet, aber es saßen nur drei ältere Leute da. Die lasen, schauten kurz auf, und als sie gegrüßt hatte, wurde ihr Gruß erwidert.

Sie nahm sich etwas zu lesen, versuchte es dann aber einmal mit der Musik, klemmte sich den Kopfhörer über und hörte einschmeichelnde Melodien.

Auf einem Schild an der Wand, das wie ein Bild gerahmt war, stand der Hinweis darauf, dass sie mit einem kleinen Handgriff an dem Schalter unterhalb des Kopfhöreranschlusses das Programm verändern könnte. Sie tat es und probierte alle vier möglichen Programme durch. Von Pop bis konzertanter Musik war alles da.

Die Musik im Ohr und eine Zeitschrift in den Händen verging ihr die Zeit viel schneller als gedacht.

Eine Frau Mitte dreißig mit sympathischem Gesicht und einem Lächeln um die Lippen kam herein, sah sich suchend um und blickte dann auf Yvonne.

Yvonne dachte erst, es sei eine andere Patientin, denn sie trug eine rote Bluse und einen schwarzen Faltenrock. „Frau Busch?“

Yvonne nickte.

„Würden Sie mir bitte folgen?“ Yvonne stand auf, und als sie draußen war und sich die Tür des Wartezimmers geschlossen hatte, reichte ihr die andere die Hand. „Mein Name ist Annemarie Hopf. Ich bin eine Mitarbeiterin von Frau Doktor. Sie sind jetzt dran. Ich führe Sie in den Besprechungsraum.“ Der Besprechungsraum erwies sich als ein Zimmer, das an einen französischen Salon erinnerte. Gediegene Rokokomöbel, seidene Tapeten, die dazu passten, Bilder an den Wänden, die vom gleichen Stil waren.

„Da nebenan“, sagte Frau Hopf, „können Sie sich umziehen, falls Frau Doktor das für nötig hält. Da ist auch die Toilette, wenn Sie die einmal benötigen. Und jetzt nehmen Sie am besten da drüben an dem Tisch Platz, wo die beiden Stühle stehen.“

Auf dem Tisch stand eine Schachtel, daneben ein Aschenbecher. Als Yvonne da saß und wartete, konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie hier untersucht werden sollte. Auf der anderen Seite des Zimmers befand sich zwar eine Liege, die mehr an ein Kanapee erinnerte.

Mehr spielerisch als bewusst öffnete sie die kleine Schatulle und sah, dass sie voller Zigaretten war.

Nein, dachte sie, ich rauche nicht. Hoffentlich tut die Frau Doktor das auch nicht. Sie ließ den Deckel wieder nach unten klappen.

Und dann machte sie die Bekanntschaft von Dr. Tamara Kuslowa.

Eine Königin, hatte Franziska gesagt. Yvonne fand das nicht übertrieben.

Sie kam durch eine Seitentür. Groß, schlank im dunkelblauen Kleid. Das brünette Haar am Hinterkopf geknotet, was ihr eine gewisse Strenge verlieh. Nur eine helle Strähne über der Stirn lockerte das etwas auf. Und Yvonne fand Franziskas Behauptung, Frau Dr. Kuslowa sei eine Königin, voll bestätigt. Ihrer Schätzung nach war sie etwa Ende dreißig, vielleicht auch jünger. Ihr Gesicht hatte einen leicht exotischen Anklang. Die Augen waren ein wenig schmaler als bei den meisten Westeuropäerinnen und ihre Backenknochen etwas breiter.

Über dem Kleid trug sie einen Kittel, aber er war vorn nicht geschlossen, sondern weit geöffnet, als sei er nichts als eine notwendige Beigabe, doch im Grunde ohne Bedeutung.

„Hallo! Wen haben wir denn da?“, wurde Yvonne begrüßt und hörte schon an diesen wenigen Worten den aparten Akzent dieser Frau heraus.

„Bleiben Sie bloß sitzen, um Himmels willen!“, sagte Dr. Kuslowa und setzte sich Yvonne gegenüber. Sie schlug die Beine übereinander, und Yvonne stellte ohne Neid fest, dass es sehr schöne Beine waren. Sie musste dabei an Dieter denken, der einmal gesagt hatte, dass Männer eine Frau von unten nach oben betrachten. Die Beine von dieser Frau hätten ihm bestimmt gut gefallen.

Der Gedanke an Dieter war schmerzvoll, und auf einmal glaubte sie, wieder einen Anfall zu bekommen. Aber es verging rasch, denn Dr. Kuslowa legte ihre Hand auf Yvonnes Handgelenk, sah sie dabei an und fragte lächelnd: „Wollen wir jetzt einmal ganz offen über alles reden? Sie haben doch sicher Beschwerden, deshalb sind Sie hier. Erzählen Sie mir alles. Erzählen Sie einfach so, wie es Ihnen gerade in den Kopf kommt. Die Fragen kann ich später stellen.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917376
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412718
Schlagworte
arztroman exklusiv edition kurpfuscherin

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Titel: Arztroman Exklusiv Edition - Die schöne Kurpfuscherin