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Romantic Thriller Sammelband: Fünfmal Schauder um Mitternacht - Fünf Romane

2018 600 Seiten

Leseprobe

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Alfred Bekker

Fünfmal Schauder um Mitternacht: Fünf Romane

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Eine junge Frau gerät in den Bann okkulter Mächte, als sie die Stellung als Verwalterin eines Landguts antritt – und der geheimnisvolle bleiche Lord wirft seinen dunklen Schatten auf sie...

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

Alfred Bekker schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um DAS REICH DER ELBEN, die DRACHENERDE-SAGA,die GORIAN-Trilogie und seine Romane um die HALBLINGE VON ATHRANOR machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Kommissar X und Ren Dhark. Außerdem schrieb er Kriminalromane, in denen oft skurrile Typen im Mittelpunkt stehen.

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Dieses Buch enthält:

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Patricia Vanhelsing – Engel des Bösen

Patricia Vanhelsing – Das Spukhaus

Die Gruft des bleichen Lords

Namenloser Abt

Librum Hexaviratum

––––––––

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COVER: FIRUZ ASKIN

***

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EIN CASSIOPEIAPRESS E-Book

© by Author; Cover: Firuz Askin

Alle Rechte vorbehalten

© 2015 dieser Ausgabe by AlfredBekker/Cassiopeiapress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

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Alfred Bekker

Patricia Vanhelsing - Engel des Bösen

Unheimlicher Roman

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Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

Ein Cassiopeiapress E-Book

© by Author

© 2013 der Digitalausgabe by AlfredBekker/Cassiopeiapress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

Ich hielt den Atem an und blickte hinunter zum Themseufer.

Wie angewurzelt stand ich im Schatten eines halbverfallenen Hauses und lauschte dem deutlich hörbaren Hufschlag.

Vier Reiter mit knochenbleichen Gesichtern preschten aus der Dunkelheit hervor. Ihre Augen waren leer und blind, die Haut wie vertrocknetes Pergament.

Aschfahl wirkten ihre Gesichter im Licht des Mondes.

Wie tot.

Aber um ihre dünnen, blutleeren Lippen spielte ein triumphierender Zug.

Die skelettartige Hand des ersten Reiters hielt einen Bogen. Pfeile sirrten durch die Luft. Todesschreie gellten in der Nacht und mischten sich mit dem triumphierenden Gelächter der Reiter zu einem schauerlichen Chor des Grauens.

Der zweite Reiter ließ ein gewaltiges, monströses Schwert über dem Kopf kreisen. Er hieb damit nach rechts und links in die Schwärze der Nacht hinein, während sein feuerrotes Pferd in der Dunkelheit zu leuchten begann.

Undeutlich erkannte ich fliehende Gestalten. Sie waren kaum mehr als schattenhafte Umrisse. Aber die Reiter waren unerbittlich. Pfeil auf Pfeil legte der erste Reiter in seinen Bogen und verschoss sie mit einer gespenstischen Treffsicherheit.

Und wann immer der zweite Reiter sein Schwert niedergehen ließ, erscholl ein grauenerregender Todesschrei.

Die Reiter näherten sich.

Sie hielten genau auf mich zu.

Ich wollte fliehen, aber meine Füße fühlten sich an, als ob sie im Asphalt der Straße verwurzelt wären. Einer der Flüchtenden taumelte mir entgegen. Sein Gesicht war von namenloser Furcht gezeichnet. Er schrie mir etwas Unverständliches entgegen, ehe ein Pfeil ihn in den Rücken traf und niedersinken ließ. Reglos blieb er am Boden liegen.

Die Schreie verebbten.

Die Reiter preschten heran und zügelten schließlich ihre Pferde, als sie bis auf einige Dutzend Schritte herangekommen waren.

Ich war ihnen ausgeliefert.

Eine Gefangene, durch geheimnisvolle Kräfte an den Boden gefesselt.

Kalter Angstschweiß stand mir auf der Stirn und meine Knie drohten weich zu werden.

Jetzt erst konnte ich im Schein des Mondes auch die letzten beiden Reiter genauer erkennen. Der eine trug eine Waage in der Hand, ließ sie hin und her schaukeln und kicherte dabei. Die toten, blicklosen Augen leuchteten gespenstisch. Sein Gewand erinnerte an ein stockiges Leichentuch. Der Mund war ein dünner Strich, und die Haut spannte sich so faltig und wächsern über die hervorstehenden Wangenknochen, dass man an eine entblößte Mumie erinnert war.

Der vierte Reiter trug nur zerrissene Fetzen am Leib. Sein Gesicht war zum Skelett abgemagert. Und die knochendürren Hände balancierten eine Schale, aus der blaustichige Flammen emporloderten.

Der Geruch von Moder und Verwesung schlug mir entgegen und betäubte meine Sinne.

Flieh!

Immer wieder schrie eine innere Stimme dieses Wort. Aber ich hatte keine Möglichkeit dazu. Mein Wille war gelähmt. Eine unheimliche Kraft fesselte mich an das kleine Stück Erde, auf dem ich stand.

Die Reiter bildeten einen Halbkreis um mich und verharrten einige Augenblicke.

Der Herz schlug mir bis zum Hals.

Kalter Angstschweiß stand mir auf der Stirn.

„Wer seid ihr?“, murmelte ich, kaum hörbar. Ein kalter Wind pfiff indessen durch die Straßen am Themseufer und wirbelte die Nebelschwaden durcheinander, die sich am Ufer gebildet hatten.

Ein dröhnendes Lachen antwortete mir.

Dann hörte ich eine Stimme.

Sie sprach leise und erinnerte mich an das Wispern einer Schlange.

„Wir sind die Boten des Untergangs, gekommen um das Verderben zu bringen...“

Meine Kehle war trocken. Ich konnte nichts sagen. Völlig starr stand ich da. Ich hatte jetzt nicht einmal mehr die Macht, meine Hände zu bewegen. Eine geheimnisvolle Kraft hielt mich in ihrem eisernen Griff, der wie ein stählernes Korsett war.

Ich versuchte, den Mund zu öffnen und etwas zu sagen.

Aber auch diese Muskeln gehorchten mir nicht mehr.

Der vierte Reiter, der in seinen knochendürren Händen die blauschimmernde Schale balancierte, brach jetzt aus der Phalanx dieser Schreckensgestalten heraus.

Er ließ sein Pferd, dessen Farbgebung ebenso bleich war wie die seines Totenschädel-Gesichtes, ein paar Meter auf mich zutraben, bevor es stoppte.

Wie eine Verkörperung des Todes!

Seine Augen waren vollkommen weiß. Das Mondlicht wurde von diesen blicklosen Augäpfeln reflektiert, so dass man den Eindruck hatte, dass kleine Lampen aus dem Knochenkopf herausleuchteten. Die Haut war im Bereich des Kopfes derart dünn und pergamentartig, dass die Knochen bereits hindurchschimmerten. Sie war noch fadenscheiniger, als seine ihm in Fetzen vom Leib hängende Kleidung.

Mein Gott, was geht hier vor!

Der Reiter stieg von seinem Klepper. Die Augen des Tiers waren ebenso blicklos und tot wie die seines Herren.

Er trat auf mich zu, hob etwas den Kopf und der Ausdruck in seinen Zügen wirkte fast wie die Karikatur eines Lächelns. Seine Lippen bewegten sich nicht. Und doch sprach er mit einer dunklen, sonoren Stimme, deren Klang dafür sorgte, dass sich mir die Nackenhaare aufstellten.

„Sieh her, Menschenkind“, sagte er.

Wie hypnotisiert starrte ich in sein grauenerregendes Antlitz, dass mir auf gleichermaßen unerklärliche und unangenehme Weise bekannt vorkam...

Wer um alles in der Welt ist er, Patricia?

Das Gelächter meines Gegenübers wirkte wie eine höhnische Antwort auf diese Frage, die durch meine Gedanken blitzte.

Ich schauderte.

„Es ist nicht wichtig, wer ich bin“, erklärte der Knochenmann dann, so als ob er meinen Gedanken gelesen hatte. „Wichtig ist nur, was ich dir bringe... Die Schale des Todes!“

Er hob die Schale an und balancierte sie in der Linken. Das bläuliche Feuer züngelte daraus empor.

Seine Augen begannen grell aufzuleuchten. Und das hatte nichts mehr mit den Reflektionen des Mondlichts zu tun, sondern mit der dämonischen Kraft, die ihm wohnte.

Der Knochenmann lachte heiser.

Er wandte sich von mir ab. Dabei glitt die Schale des Todes aus seiner Hand und fiel auf den Asphalt. Eine pechschwarze Flüssigkeit ergoss sich daraus und verteilte sich in rasender Geschwindigkeit über den Boden. Auf der Oberfläche dieser Flüssigkeit tanzte das blau schimmernde Feuer. Die Flammen fraßen sich an meine Füße heran.  Ein geradezu höllischer Schmerz durchfuhr meinen gesamten Körper. Alles krampfte sich in mir zusammen. Ich wollte schreien, aber ich brachte keinen Ton heraus.

In welche Hölle bist du geraten?, durchzuckte es mich, bevor eine erneute Welle aus rasendem Schmerz jeglichen Gedanken erstickte.

*

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PATTI, DU VERPLEMPERST deinen Sekt!“

Tom Hamiltons Stimme riss mich aus dem beinahe tranceartigen Zustand heraus, in dem ich mir für einige Augenblicke befunden hatte.

Es ist bereits das dritte Mal, dass du die Reiter gesehen hast, ging es mir durch den Kopf. Und allein die Erinnerung an die düsteren Bilder, die ich soeben vor meinem inneren Auge gesehen hatte, jagte mir kalte Schauder über den Rücken. Ein leichtes Schwindelgefühl erfasste mich.

Tom sah mich an. Er fasste mich am Arm.

„Du bist plötzlich so blass, Patti...“

Ich lehnte mich gegen ihn, reckte mich ein bisschen und flüsterte ihm ins Ohr.

„Ich hatte eine Vision, Tom.“

Tom Hamilton war einer der ganz wenigen Menschen, die von meiner leichten übersinnlichen Begabung wussten. Und das sollte möglichst auch so bleiben...

Im Augenblick waren wir allerdings umgeben von fast zwei Dutzend Gästen, die meine Großtante Elizabeth Vanhelsing - für mich Tante Lizzy - in ihre verwinkelte viktorianische Villa eingeladen hatte, um mit ihnen gemeinsam den Silvesterabend des Jahres 1999 zu verbringen. Und so war es nahezu unmöglich, jetzt ungestört mit Tom über die Sache zu reden.

Er sah mich fragend an.

Ich versuchte ein Lächeln und strich sanft über seinen Arm.

„Es ist vorbei“, sagte ich.

„Wirklich?“

„Ja...“

Schon zweimal hatte ich diese unheimlichen Reiter gesehen. Aber beide Mal waren es nur kurze, schlaglichtartige Erlebnisse gewesen, denen ich keinerlei besondere Bedeutung zugemessen hatte. Eine kurze Beunruhigung, ein mulmiges Gefühl in der Magengrube, das einige Augenblicke lang anhielt - das war alles gewesen.

Ich hatte weder mit Tom noch mit Tante Lizzy darüber gesprochen, einfach weil es mir nicht wichtig genug erschienen war.

Der Eindruck, den die letzte - dritte - Vision auf mich gemacht hatte, war deutlich nachhaltiger. Erst jetzt beruhigten sich meine überreizten Nerven langsam und der Puls hatte wieder ein normales Tempo.

Mein Blick glitt über die festlich gekleidete Gästeschar, die den Salon von Tante Lizzys Villa bevölkerte. Ein ausgelassenes Stimmengewirr herrschte hier. Tante Lizzy war in ihrem Element. Die alte Dame stand mitten unter den Gästen, zwischen einem Parapsychologen namens Gordon Sykes und dem Chemiker Hugh St. John, den Tante Lizzy um Hilfe gebeten hatte, als es darum ging, eine der Masken chemisch zu analysieren, mit denen die Mitglieder der Weltuntergangssekte ORDEN DER MASKE zu ihrem Herrn und Meister, einem geheimnisvollen Wesen namens Cayamu, Kontakt aufnehmen konnten. St. John war ein ehemaliger Kollege von Onkel Frederik, Tante Lizzys verschollenem Mann. Gordon Sykes hingegen war wesentlich jünger. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig. Sykes war ursprünglich Physiker gewesen, bevor er sich der Parapsychologie zugewandt hatte. Er behauptete, ein Gerät entwickelt zu haben, mit dessen Hilfe er übersinnliche Energien messen konnte. Meine Großtante, die ihr Leben ganz der Erforschung des Okkultismus widmete und das wahrscheinlich größte Privatarchiv Englands auf diesem Gebiet in ihrer Villa untergebracht hatte, war daran natürlich brennend interessiert.

Ich hatte dem Gespräch der drei einige Augenblicke lang zugehört, als mich ein grauhaariger, etwas schlaksig wirkender Mann ansprach. Er war sehr groß und der dunkle Smoking schien ihm nicht so recht zu passen.

Es handelte sich um Dr. Erich Jacobi, einen Spezialisten für alte Sprachen, der vor vielen Jahren Onkel Frederik auf eine archäologische Forschungsreise als Assistent begleitet hatte.

Der gebürtige Schweizer hatte inzwischen einen Lehrstuhl in Cambridge inne.

„Sagen Sie, wie wird denn die London Express News ins nächste Jahrtausend gehen?“, erkundigte sich Jacobi. Die Frage war durchaus berechtigt. Das Londoner Boulevard-Blatt, bei dem Tom und ich als Reporter angestellt waren, hatte seit dem Tod des Verlegers Arnold Reed einiges an Turbulenzen durchgemacht.

Und für eine Zeitung ist es allemal besser, Schlagzeilen zu DER HERR DER FLEDERMÄUSE

zu haben als selbst welche zu machen.

„Man hat so einiges gehört“, meinte Jacobi dann gedehnt. „Wahrscheinlich ist nur die Hälfte davon wahr, aber als regelmäßiger Leser Ihrer Reportagen frage ich mich doch, was nun wird...“

„Wir auch“, meinte Tom etwas düster. „Ein Verkauf an die Konkurrenz ist noch nicht ganz ausgeschlossen. Aber bis die zerstrittene Erbengemeinschaft sich mal geeinigt hat, geht alles seinen mehr oder minder gewohnten Gang.“

„Und das kann noch einige Zeit so weitergehen“, ergänzte ich.

„Sie beide haben doch immer sehr engagiert gegen diesen eigenartigen ORDEN DER MASKE recherchiert“, stellte Jacobi fest. „Ich habe Ihre Stories darüber gelesen... Der Tod von Arnold Reed soll mit den Machenschaften dieses ORDENS in Zusammenhang stehen...“

„Ja, das stimmt“, nickte ich. Die genauen Umstände waren der Öffentlichkeit nicht bekannt. Arnold Reed war Opfer der vampirähnlichen Tuha-na-Dhyss geworden, die von Mitgliedern des ORDENS beschworen worden waren.

„Mr. Reed stand dem ORDEN DER MASKE im Weg, nicht wahr?“, bohrte Jacobi weiter.

„Zumindest hat er mit seinem breiten Rücken unsere Recherchen immer abgedeckt, obwohl es Versuche gab, Druck auf die London Express News auszuüben“, erklärte Tom.

„Nach der Prophezeiung dieses ORDENS soll doch spätestens mit Beginn des Jahres 2000 das Ende der Welt kommen - oder irre ich mich da?“

„Nein, da irren Sie sich nicht“, sagte ich. „Sie wollen die Erde in Chaos stürzen und Cayamu, dieses geheimnisvolle Wesen, das auf dem fernen Planeten einer Doppelsonne residiert, wird seine getreuen Anhänger im Augenblick der Katastrophe entmaterialisieren und zu sich holen...“

„Es gibt Dutzende derartiger Prophezeiungen, Miss Vanhelsing. Verrückte, die irgendwelche willkürlichen Termine für den Weltuntergang festsetzen. Manche sind so schlau, einen kollektiven Selbstmord der Mitglieder anzusetzen, damit hinterher keiner der getäuschten Anhänger noch wütend darüber sein kann, dass die Prophezeiung nicht in Erfüllung gegangen ist...“

„Ich halte den Orden der Maske für eine ernste Gefahr“, erklärte ich. „Und die Ankündigungen dieser Gruppe nehme ich keineswegs auf die leichte Schulter...“

Jacobi wusste nicht genug über die Hintergründe. Anders war sein leicht spöttisches Gerede nicht zu erklären. Oft genug waren Tom und ich bereits den Machenschaften des ORDENS begegnet und hatten sie so gut es ging zu durchkreuzen versucht. Aber dabei hatten wir auch erfahren, wie ungeheuer mächtig dieser aus dem verborgenen heraus operierende Feind war.

Jacobi blickte auf die Uhr.

„Noch ein paar Minuten und das neue Jahrtausend bricht an, Miss Vanhelsing. Glauben Sie, dass der ORDEN DER MASKE etwas unternehmen wird, sobald die Uhr drei Nullen zeigt?“

„Ich weiß es nicht“, sagte ich.

Jetzt mischte sich Gordon Sykes, der Parapsychologe ein. Er kam mit dem Glas in der Hand auf uns zu, was bewirkte, dass sich ein halbes Dutzend Augenpaare in unsere Richtung drehten. Er schien unser Gespräch verfolgt zu haben. „Miss Vanhelsing, ich habe in den letzten Tagen mit Hilfe meiner Apparaturen eine erhöhte Intensität übersinnlicher Energien hier in London gemessen. Glauben Sie, dass das im Zusammenhang mit den Aktivitäten des ORDENS DER MASKE steht?“

„Das will ich nicht hoffen“, erwiderte ich.

Äußerlich blieb ich gelassen.

In Wahrheit war ich überzeugt davon, dass der ORDEN irgend etwas unternehmen würde... Vielleicht nicht gerade in der Silvesternacht, aber schon in allernächster Zeit.

„Wahrscheinlich werden wir uns in Kürze mit viel näherliegenderen Problemen herumzuschlagen haben“, gab Hugh St. John seiner Meinung Ausdruck.

Tante Lizzy hob die Augenbrauen. „Wollen Sie damit auf das berüchtigte Jahr 2000-Problem bei den Computern anspielen?“, hakte sie nach.

St. John zuckte die Achseln und nippte an seinem Glas. „Nun, es reicht doch schon, wenn ein geringer Prozentsatz der Rechner in Unternehmen und Verwaltungen nicht rechtzeitig umgestellt wurden, um ein gehöriges Chaos anzurichten. Geldautomaten spucken kein Bargeld mehr aus, elektronische Kassen in den Supermärkten funktionieren nicht mehr, vielleicht fallen in einigen Städten der Strom und die Heizung aus...“

„Nun, ein paar Minuten müssen wir wohl oder übel noch warten“, meinte Tante Lizzy. „Dann werden wir alle genau wissen, ob an den Unkenrufen, die in den letzten Tagen die Fernsehnachrichten beherrscht haben, etwas dran ist oder nicht.“

„Die computerbedingten Schwierigkeiten werden wohl erst nach und nach auftreten und nicht auf einen Schlag, wie einige Panikmacher in den Medien uns das weismachen wollen“, meinte St. John. „Die ganze apokalyptische Hysterie wird sich in Luft auflösen - genau wie bei der Sonnenfinsternis dieses Jahr. Was bedeutet die Zahl 2000 schon? Eine willkürlich festgelegte Marke. Und wahrscheinlich sogar ein großer Irrtum, denn es spricht vieles dafür, dass Jesus bereits im Jahr 5 vor Christus geboren wurde. Das bedeutet, die 2000 Jahre seit Christi Geburt sind schon lange vorbei...“

„Ich muss Ihnen vollkommen recht geben“, stimmte Tante Lizzy zu. „Und selbst wenn jener römische Mönch namens Dionysus Exiguus, der im Jahre 522 das vermutliche Geburtsjahr Christi errechnete, Recht hätte, hätten wir heute Abend keinen Jahrtausendwechsel, sondern erst im nächsten Jahr. Exiguus kannte nämlich die Null noch nicht und legte den Zeitpunkt von Christi Geburt als Jahr 1 fest, was bedeutet, dass das zweite Jahrtausend erst im Jahre 2001 beginnt...“

„...was wohl nur bedeuten kann, dass die allgemeine Hysterie sich noch ein ganzes Jahr halten wird, wenn sich das herumspricht“, war St. John überzeugt.

„Aber die Messungen, die ich gemacht habe, sind eine Realität“, gab Gordon Sykes zu bedenken. „Mag die Magie der Zahlen auch noch so willkürlich erscheinen...“

Ich hörte dem Disput nur mit einem Ohr zu.

Statt dessen dachte ich an die furchtbaren Bilder, die ich noch vor wenigen Augenblicken gesehen hatte. Ein Schauder überkam mich.

Diese Vision hat etwas zu bedeuten und du weißt es, ging es mir siedend heiß durch den Kopf. Aber was immer das auch für eine Bedrohung sein mochte, vor der diese Bilder mich warnen wollten - im Augenblick hätte ich nicht gewusst, was ich dagegen tun sollte. Da war nur dieses unangenehme Gefühl in der Magengegend und die tief empfundene Gewissheit, dass irgend etwas geschehen würde.

Ich fror innerlich, obwohl Tante Lizzy sehr wärmebedürftig war und stets dafür sorgte, dass ihre Villa gut geheizt wurde.

Die Stimmen der mich umgebenden Gäste traten in den Hintergrund. Undeutlich nahm ich noch wahr, wie sich jemand über die Vorhersagen des Nostradamus ausließ und darüber, dass dieser Seher sich offenbar doch geirrt hatte, als er für das Jahr 1999 einen großen Krieg vorhergesagt hatte, der im Osten Europas seinen Anfang nehmen würde. Der Kosovo-Konflikt konnte ja wohl kaum als großer Krieg durchgehen...

Mein Blick wanderte die langen Regalwände entlang, die in der gesamten Villa die Wände bedeckten. Ein staubiger Buchrücken reihte sich an den nächsten. Tante Lizzy war eine unermüdliche Sammlerin okkulter Schriften sowie jeglicher Literatur, die sich mit Grenzwissenschaften und außergewöhnlichen Phänomene beschäftigte. Ihr Pressearchiv war in diesem Bereich so umfangreich, dass ich es dem Archiv der London Express News meistens vorzog, wenn ich in diesem Themenbereich zu recherchieren hatte. Die langen Bücherreihen wurden immer wieder durch eigenartige Gegenstände unterbrochen, die zumeist irgendeine okkulte oder magische Bedeutung hatten. Götterstatuetten, Schnitzereien von Dämonengesichtern, Kristallkugeln, Schrumpfköpfe und ein bemalter Totenschädel gehörten zu diesen Dingen, die Tante Lizzy als ihre Sammlung bezeichnete. Hin und wieder fanden sich unter diesen Artefakten auch archäologische Fundstücke, die Onkel Frederik von seinen zahlreichen Reisen mitgebracht hatte. Sie ließen die gesamte Villa wie eine Art Museum aussehen. Der tägliche Kampf gegen die dünne Staubsicht, die sich auf ihnen absetzte, war von vorn herein verloren.

Lediglich meine eigenen Räumlichkeiten, die im ersten Stock der Vanhelsing Villa lagen, waren nicht von Tante Lizzys ausuferndem Okkult-Archiv belegt. Wenigstens beim Schlafen wollte ich sicher sein, nicht die ganze Zeit über von einer Dämonenfratze angestarrt zu werden - selbst wenn die nur aus Holz war.

Mein Blick wanderte die Wände entlang.

So als würde er von irgend etwas auf gewisse Weise angezogen.

Die innere Unruhe in mir wuchs.

Und dann bemerkte ich einen bereits etwas grünlich angelaufenen Messingteller. Er hing an einem Haken von einem Regal herab. Er war mir nie sonderlich aufgefallen, aber jetzt stach er mir aufgrund der Gravuren ins Auge.

Vier Gegenstände waren auf dem Teller abgebildet.

Bogen, Schwert, Waage und Schale...

Die Erkenntnis traf mich wie ein Keulenschlag.

Es handelte sich exakt um jene Kombination von Gegenständen, wie sie die grauenerregenden Reiter mit sich geführt hatten, denen ich in meiner Vision begegnet war.

Das kann kein Zufall sein, Patti!

„Lasst uns hinaus gehen! Sonst verpassen wir noch den Beginn des neuen Millenniums!“, hörte ich in diesem Moment Tante Lizzys Stimme.

Ein kühler Luftzug durchwehte einen Augenblick später den Salon. Jemand hatte die Tür geöffnet, die vom Salon aus direkt auf die Terrasse und in den Garten der Vanhelsing-Villa führte.

„Wir sollten das Licht ausmachen“, schlug Hugh St. John vor. „Dann sieht man das Feuerwerk besser.“

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AUF DAS NEUE JAHRTAUSEND, Patti“, flüsterte Tom mir ins Ohr.

Wir standen in dem leicht verwilderten Garten der alten Vanhelsing Villa.

Ich lehnte mich gegen ihn, während er seinen Arm um mich legte. Wir schauten zum sternklaren Nachthimmel empor.

Hier und und da wurde mit Sektgläsern angestoßen und ein Raunen ging durch die Gästegruppe, als endlich die ersten Feuerwerkskörper über London gezündet wurden. Kaskaden aus Licht sprühten in die Dunkelheit hinein und ließen die Sterne verblassen. Raketen heulten hoch empor und zerplatzten dann zu Myriaden von Funken.

Aber die flirrenden Lichtpunkte erloschen nicht.

Auf geheimnisvolle Weise sammelten sie sich und bildeten Linien...

Nein, das darf nicht wahr sein...

Ich ahnte, was geschehen würde - Augenblicke, bevor es dann Wirklichkeit wurde.

Die Reiter...

Ein Bild von geradezu gespenstischer Intensität entstand aus den flirrenden Lichtern am Himmel und ließ alle Betrachter den Atem anhalten.

Vier Reiter schälten sich aus dem gleißenden Licht heraus. Und jede Rakete, jeder Böller, der nun noch gezündet wurde und vor dem dunklen Hintergrund des Sternenhimmels seine Leuchtkaskaden verteilte, trug auf geheimnisvolle Weise zur Vervollständigung dieses überdimensionalen Gemäldes aus glühenden Teilchen bei.

Eine unheimliche Kraft ordnete diese flimmernden Lichtpunkte so, dass sie die Bilder der vier Reiter vervollständigten.

„Da hat sich aber jemand etwas einfallen lassen für den Beginn des Jahrtausends“, meinte anerkennend Professor St. John.

Doch die Bewunderung, die aus der Stimme des sonst so nüchternen Wissenschaftlers sprach, machte ungläubigem Staunen Platz.

„Tom, hier stimmt etwas nicht“, murmelte ich. Mit der Linken fasste ich mir an die Schläfe. Ich spürte eine starke Präsenz mentaler Energie, die ich mit Hilfe meiner leichten übersinnlichen Begabung wahrzunehmen vermochte. Das Pochen hinter meiner Schläfe war unangenehm und schmerzhaft. Ein starkes Schwindelgefühl erfasste mich.

Ich starrte wie alle anderen Angehörigen dieser etwa zwanzigköpfigen Silvestergesellschaft zum Himmel. Was geschieht dort?, fragte ich mich.

Das aus grellen Lichtpunkten bestehende Gemälde wurde immer vollständiger. Wie bei einem gigantischen Puzzle kamen immer neue Farbpunkte hinzu.

Vier Reiter waren es...

Ich hielt den Atem an.

Der erste dieser Reiter ritt auf einem Schimmel und hatte einen Bogen in der Hand. Das Pferd des zweiten war feuerrot. Er schwang ein gewaltiges Schwert über dem Kopf. Der dritte Reiter war von aufgedunsener Gestalt und ritt auf einem Rappen. In der linken hielt er eine Waage. Bei dem vierten Reiter handelte es sich um eine zum Skelett abgemagerte Gestalt. Die Augen waren hohl und blicklos, und in der unter dem zerrissenen Gewand hervorragenden Knochenhand balancierte er eine Schale, in der ein Feuer mit kalter, blaustichiger Flamme aufloderte.

„Da hat sich jemand einen schlechten Scherz zum Jahrtausend-Ende erlaubt“, meinte Tante Lizzy laut. Sie sah mich an, runzelte dabei die Stirn und fragte dann: „Was ist mit dir, Patti?“

„Ich weiß nicht...“

„Du bist so blass geworden...“

„Ich habe diese Reiter gesehen.

In diesem Moment begannen die bis dahin starren Reiterbilder am Himmel sich zu bewegen.

Eine unheimliche Art von Leben erfüllte sie.

Es wurde still über London.

Kein Feuerwerkskörper wurde jetzt noch in die Luft gejagt. Millionen von teils verwunderten, teils ungläubigen Blicken gingen zu diesen Himmelserscheinungen empor. Die Umrisse der Reiter leuchteten jetzt grell auf, so dass es in den Augen schmerzte.

In wildem Galopp jagten die vier über den Nachthimmel.

Ein höhnisches Lachen dröhnte zu uns herab. Es klang in meinem Kopf in unerträglicher Lautstärke wider. Ich hielt mir die Ohren zu, aber das nützte nichts. Erstaunt stellte ich fest, dass nicht nur ich dieses schauerliche Lachen wahrnahm, sondern auch alle anderen Anwesenden.

Der Reiter mit dem Bogen legte den ersten Pfeil ein. Wie ein greller Blitz zuckte das Geschoss Sekundenbruchteile später über den Himmel und ging dann mit einem lauten Zischlaut irgendwo hinter dem Horizont nieder.

Der Schwertkrieger wirbelte drohend seine Waffe über dem Kopf.

Die vier Schreckensreiter preschten direkt über uns hinweg.

Und genau in diesem Moment erreichte das Pochen hinter meinen Schläfen eine geradezu unerträgliche Intensität. Das Lachen in meinem Kopf mischte sich mit etwas anderem. Ein gespenstischer Chor war nun zu hören. Ein Chor wehklagender Stimmen, als ob die verdammten Seelen aller Zeitalter und Kontinente zu einem gemeinsamen Schrei angesetzt hatten. Ein Gesang, der einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte.

Für einen Moment sah ich, wie Hugh St. John und Dr. Jacobi die Hände gegen die Ohren pressten. Ihre Gesichter wirkten verzerrt.

„Das ist ja kaum zu ertragen!“, rief jemand. Es war eine Frauenstimme, aber ich war mir nicht sicher, wem unter Tante Lizzys Gästen sie zuzuordnen war.

Gordon Sykes, der Parapsychologe lief schreiend zurück in den Salon. Auch er hielt sich die Ohren zu. Aber jedem, der noch einen halbwegs klaren Gedanken fassen konnte, musste klar sein, dass das gegen diesen Chor des Grauens nicht half...

Schwindel erfasste mich.

Alles begann sich vor meinen Augen zu drehen. Ich fühlte zwei starke Hände, die mich an den Oberarmen fassten und blickte in Tom Hamiltons entschlossen wirkende Augen. Vielleicht konnte er sich auf irgendeine Art und Weise besser gegen die Einflüsse abschirmen, denen wir alle im Augenblick ausgesetzt waren. Seit seiner Zeit bei den Mönchen von Pa Tam Ran beherrschte er besondere Konzentrationstechniken, mit denen er seinen Geist abschirmen konnte.

„Patti!“

„Tom...“

Über uns preschten die mysteriösen Himmelsreiter in einem Bogen über das Firmament.

Ihre Erscheinungen waren mit der Zeit immer realistischer geworden. Hatten sie zunächst noch recht groben und mit bunter Kreide gezeichneten Darstellungen geähnelt, so wirkten sie jetzt erschreckend plastisch. Sie glichen nun vollkommen jenen Gestalten, die ich in meiner Tagtraum-Vision gesehen hatte.

„Was geht hier vor sich?“, rief Tom.

Ich starrte währenddessen wie gebannt auf den vierten Reiter.

Jene dürre Knochengestalt mit dem zerfetzten Gewand, die auf einem totenbleichen Pferd ritt und in der Hand eine Schale balancierte.

Die Schale des Todes...

Die blauen Flammen züngelten aus ihr heraus.

Dann schleuderte der dürre Knochenmann sie von sich. Ich hielt den Atem an. „Nein“, flüsterte ich kaum hörbar, während in meinem Kopf der Chor der Verdammten einen immer schriller werdenden Gesang aufführte.

Die Schale des Todes wird über der Welt ausgeschüttet!

Ein Gedanke, der mich lähmte.

Die bläulich schimmernde Schale irrte wie ein aus der Bahn geratener Komet über den Nachthimmel. Eine schwarze, zähflüssig erscheinende Substanz floss aus ihr heraus und breitete sich wie ein schwarzer Teppich über immer weitere Teile des Himmels aus. Die Sterne verloschen einer nach dem anderen. Und selbst das Licht des Mondes vermochte nicht, durch diese Substanz hindurchzuscheinen.

Innerhalb eines einzigen Augenaufschlags breitete sich diese vollkommene Finsternis über den gesamten Himmel aus und senkte sich dann tiefer und tiefer.

Renn! Renn ins Haus!

Mein Körper gehorchte nicht mehr den Befehlen des Gehirns. Wie zur Statue erstarrt stand ich da, unfähig, mich zu bewegen, während sich in meinem Kopf alles in rasender Geschwindigkeit drehte. Ich sah ein verwirrendes Gemisch aus Bildern, Farben und dieser allumfassenden Finsternis, die sich immer mehr ausdehnte. Gleichzeitig fühlte ich eine unheimliche Kälte in mir aufsteigen. Sie erfasste meinen gesamten Körper, und ich fühlte mich wie gefroren.

Als ob ganz London sich in eine einzige große Leichengruft verwandelt hatte...

Ein Geruch von Verwesung und Moder stieg mir in die Nase.

Tom!

Ich konnte die Berührung seiner Hände nicht mehr spüren. Und ich sah ihn auch nicht mehr.

Die Kälte lähmte nicht nur meinen Körper, sondern auch jegliche Gedanken. Ich spürte, wie sich eine furchtbare Agonie in mir ausbreitete.

Ich schloss die Augen. Szenen aus meinem Leben zogen in rasender Folge vor meinem inneren Auge vorbei. Erinnerungen an meine Eltern, an den Tag als ich ihren viel zu frühen Tod bei einem Verkehrsunfall voraussah. Ich durchlebte noch einmal das Gefühl der Ohnmacht, das ich in jenem Moment empfunden hatte. Das Gefühl, ein Unheil klar und deutlich vor Augen zu sehen und nichts zu tun können, um es abzuwenden...

Dann sah ich, wie ich in Tante Lizzys Villa einzog.

Tante Lizzy, die mich wie eine Mutter behandelt hatte, all die langen Jahre...

Mein erster Tag bei der London Express News, das strenge Gesicht meines Chefredakteurs Michael T. Swann, der mich am Liebsten gar nicht genommen hätte. Nur Tante Lizzys Einfluss und der Tatsache, dass sie mit dem Verleger Arnold Reed befreundet gewesen war, hatte ich es zu verdanken gehabt, wenigstens eine Chance zu bekommen.

Ich erinnerte mich auch an den Augenblick, in dem ich Tom Hamilton zum ersten Mal begegnet war. An sein sympathisches Lächeln, an den Blick dieser geheimnisvollen meergrünen Augen, die mich immer an den Geruch von Salz und Seetang erinnerten. Ich hatte mich unsterblich in ihn verliebt, auch  wenn er mir zunächst eher zwielichtig erschienen war.

Ist das das Ende?, ging es mir durch den Kopf.

Das Ende der Welt, an das ich mich geweigert habe zu glauben?

Durch Tom wusste ich, dass es so etwas wie Wiedergeburt gab.

Seit seiner Zeit in Pa Tam Ran, einem kambodschanischen Kloster, war er in der Lage, sich an alle seine vorherigen Leben zu erinnern.

Finsternis umgab mich nun.

Ich sah nichts mehr und hatte das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen.

Dann war da nur noch Dunkelheit und Kälte.

*

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PATTI, WACH AUF!“

Es dauerte einige Augenblicke, bis ich begriff, dass es Toms Stimme war, die da zu mir gesprochen hatte. Ich schlug die Augen auf und stellte fest, dass ich auf dem Boden lag. Der Rasen im Garten der Vanhelsing-Villa war nicht unbedingt das, was man für gewöhnlich als englisch bezeichnete und dementsprechend weich.

„Tom...“ Ich blickte auf. Er half mir auf die Beine. Die Knie waren noch etwas weich. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie viel Zeit vergangen war und wie lange ich auf dem Rasen gelegen hatte. Jedenfalls war mein Kleid auf der einen Seite ziemlich feucht.

Ich blickte hinauf zum Himmel.

Erleichtert stellte ich fest, dass die Sterne dort wie gewohnt funkelten. Der Mond stand als bleiches Oval am Himmel und wirkte wie das Auge eines übergroßen Götzen, das kalt auf uns herabblickte. Ich atmete tief durch und dann schlang ich die Arme um Toms Hals.

„Tom, ich bin so froh...“

„Alles in Ordnung, Patti?“

„Ich denke schon.“

Auf dem Boden lagen noch einige weitere Personen aus Tante Lizzys Gäste-Schar, die langsam zu sich kamen, sich ungläubig die Köpfe hielten und verstört ihre Blicke kreisen ließen.

„Wo ist Tante Lizzy?“,  fragte ich.

„Dr. Jacobi und Professor St. John haben sie in den Salon getragen und auf den Diwan gelegt. Ich hoffe, sie kommt auch gleich zu sich...“

Tom strich mir eine verirrte Strähne aus dem Haar. Ich trug mein brünettes, etwa schulterlanges Haar an diesem Abend hochgesteckt, aber die Zeit, die ich auf dem Rasen gelegen hatte, hatte meiner Frisur alles andere als gutgetan. Ich blickte Tom fragend an. Das Mondlicht spiegelte sich in seinen Augen.

„Was ist passiert?“, murmelte ich. „Es wirkte so unwirklich wie ein Traum...“

„Wenn es ein Traum war, dann haben ihn alle hier geteilt“, erwiderte Tom.

„Diese Reiter... Tom, ich habe sie zuvor in einer Vision gesehen.“

„Weißt du irgend etwas darüber?“

„Nein...“

„Was immer das da oben auch war - ein gewöhnliches Feuerwerk haben wir nicht erlebt...“

Ein eiskalter Wind wehte um die Mauern der Vanhelsing-Villa herum. Ich zitterte am ganzen Körper. Tom führte mich auf die Terrassentür des Salons zu. Mir fiel auf, dass nirgends Licht brannte. Die Außenbeleuchtung war ausgefallen, aber auch im Inneren der Villa brannte kein Licht.

Wir betraten den Salon.

Professor St. John hatte eine Kerze entzündet, deren flackernder Schein diesen Raum notdürftig erhellte.

Tante Lizzy lag auf dem Diwan.

Ich ging auf sie zu und sah, dass meine Großtante sich etwas bewegte. Sie rieb sich die Stirn und richtete sich langsam auf. Ich setzte mich zu ihr auf den Diwan.

„Tante Lizzy...“, flüsterte ich.

Sie sah mich an.

Der Schein der Kerze tauchte ihr Gesicht in ein weiches Licht.

„Patti“, flüsterte sie. Sie atmete tief durch und versuchte dann zu lächeln. „Es geht mir gut, mein Kind. Ich hoffe, dasselbe kannst du auch von dir sagen...“

Jetzt meldete sich Professor St. John zu Wort.

„Haben Sie noch weitere Kerzen, Miss Vanhelsing?“, erkundigte er sich.

Tante Lizzy runzelte die Stirn.

„Kerzen?“, echote sie etwas verwirrt. „Wozu Kerzen? Machen Sie doch einfach das Licht an.“

„Tut mir leid, aber wir haben keinen Strom...“ Der Professor zuckte die Achseln. Die Tatsache, die er soeben ausgesprochen hatte, schien ihn in keiner Weise zu beunruhigen. „Wahrscheinlich wird es sich ein paar Stunden hinziehen, bis der Schaden behoben ist... Offenbar hat die Jahr 2000 Umstellung der Großrechner in den Elektrizitätswerken doch nicht so geklappt, wie man uns das hat weismachen wollen...“

„Und wenn dieser Stromausfall mit den Dingen zu tun hat, die am Himmel passiert sind?“, erwiderte ich.

Hugh St. John sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. Sein Blick drückte Skepsis aus. „Weiß Gott, ich habe keinerlei Erklärung für das, was wir gesehen haben. Aber ich wüsste nicht, weshalb diese Erscheinungen am Himmel etwas mit dem Elektrizitätsnetz zu tun haben sollten...“

Tom war unterdessen in die Bibliothek gegangen und kehrte jetzt zurück. „Wir haben auch kein Telefon“, erklärte er. „Und wie es scheint, ist selbst das Mobilfunknetz zusammengebrochen. Jedenfalls ist mein Handy tot. Vielleicht ist jemand anderes hier, der ebenfalls über eines verfügt, so dass wir das genauer überprüfen könnten...“

Die Bestätigung ließ nicht lange auf sich warten.

Mehrere der anwesenden Gäste überprüften ihre Handys und machten dieselbe Feststellung wie Tom.

Tante Lizzy erhob sich von ihrem Diwan. Sie suchte noch ein paar Kerzen aus einer Schublade heraus. „Sollte diese Phase der Dunkelheit länger anhalten, so habe ich im Keller noch ein paar sehr dekorative Öllampen, mit denen man die Villa ausreichend beleuchten kann“, erklärte sie.

Etwas Furchtbares ist geschehen, wurde mir in dieser Sekunde klar. Auch wenn es jetzt so schien, als wäre alles wieder wie vorher, so wusste ich doch, dass dieser Eindruck trog. Nichts wird je wieder so sein, wie es war, Patti...

Das grausige Gelächter der vier unheimlichen Himmelsreiter klang mir noch in den Ohren.

Ein furchtbarer Triumph lag darin, eine Siegesgewissheit, die mich schaudern ließ.

Ein dumpfes Grollen ließ plötzlich alle Anwesenden aufhorchen.

Die letzten Gäste stürzten jetzt durch die Terrassentür in den einigermaßen erhellten Salon herein.

„Es gibt ein Gewitter“, meinte jemand.

„Jetzt?“, fragte Tom. „Mitten im Winter?“

Wie, um diesen Einwand sofort zu widerlegen, zuckte der erste Blitz über den Himmel. Der Donner folgte sogleich. Der Wind wurde heftiger. Ich trat ans Fenster und konnte die dunklen Wolken sehen, die sich innerhalb kürzester Zeit gebildet haben mussten. Das Mondlicht schimmerte auf geradezu gespenstische Weise durch sie hindurch. Wie große, schwarze Ungetüme wirkten sie, formlose Schatten, die sich jederzeit in Ausgeburten der Hölle zu verwandeln drohten.

Tante Lizzy trat neben mich, während der Regen gegen die Scheiben klatschte.

„Da draußen ist etwas in schreckliche Unordnung geraten“, stellte sie fest.

Und ich fürchtete, dass sie mit dieser Feststellung sehr viel mehr recht hatte, als uns das allen in diesem Augenblick lieb war...

*

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INNERHALB DER NÄCHSTEN halben Stunde normalisierte sich das Leben in der Vanhelsing Villa etwas, soweit man unter diesen Umständen von einer Normalisierung überhaupt sprechen konnte.

Tom holte die Öllampen aus dem Keller und bald war es wenigstens im Salon und in der Bibliothek fast so hell, wie es das mit elektrischem Licht gewesen wäre.

Außerdem wurden sämtliche batteriebetriebenen Taschenlampen hervorgekramt, die in der Vanhelsing Villa aufzutreiben waren. Alec St. John - der Sohn des Professors, der durch einige Sachbücher zum Thema Okkultismus in Afrika hervorgetreten war - versuchte sich vergeblich an den Sicherungskästen, während ich mit Hilfe des batteriebetriebenen Kofferradios in der Küche feststellte, dass es keinerlei Rundfunk mehr gab.

„Offenbar gibt es niemanden mehr, der etwas sendet“, stellte ich tonlos fest, woraufhin im Salon zunächst einmal Schweigen herrschte.

Was mochte geschehen sein?

Die Frage wurde immer drängender.

„Beinahe fühlt man sich an die Szenerie in diesen Hollywood-Filmen erinnert, die zu schildern versuchen, was nach einem Atomkrieg passiert“, meinte Professor Hugh St. John. Er hatte versucht, seine Bemerkung witzig klingen zu lassen, aber es konnte niemand darüber lachen.

Irgend jemand machte den Vorschlag, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren, um zu sehen, ob dort alles in Ordnung war. Aber davon riet Tante Lizzy heftig ab.

„Keiner von uns“, so erklärte sie, „weiß, was wirklich geschehen ist. Vielleicht ist der Strom nur in diesem Viertel ausgefallen, vielleicht auch in ganz London. Niemand kann das im Moment sagen. Wenn man von der Tatsache ausgeht, das offenbar auch die Rundfunksender betroffen sind, würde ich letzteres für wahrscheinlicher halten. Das bedeutet, dass jetzt in der Stadt Chaos herrscht. Keine Verkehrsampel funktioniert noch, es gibt keine Beleuchtung mehr... Wer sich da auf den Weg macht, geht ein völlig unnötiges Risiko ein...“ Tante Lizzy versuchte, ein entspanntes Lächeln aufzusetzen und ihre Gäste etwas zu beruhigen. Schließlich war es das Wichtigste, dass jetzt niemand eine unüberlegte Kurzschlussreaktion zeigte und Hals über Kopf in die Ungewissheit dieser mysteriösen Finsternis aufbrach, die über London hereingebrochen war.

Aber ich kannte Tante Lizzy gut genug, um zu wissen, dass auch sie sich große Sorgen machte. Zwischen ihren Augen hatte sich auf ihrer Stirn eine tiefe Furche gebildet.

Gordon Sykes, der Parapsychologe, saß mit kreidebleichem Gesicht in einem der zierlichen Sessel und starrte ins Nichts.

Seine Frau Elaine war bei ihm und redete leise auf ihn ein, doch er schien sie gar nicht wahrzunehmen. Sykes' Augen waren weit aufgerissen. Er schüttelte stumm den Kopf.

„Wir haben notfalls für mehrere Tage ausreichend Verpflegung für alle“, erklärte Tante Lizzy indessen. „Also behalten Sie die Ruhe.“

In diesem Augenblick sprang Sykes auf.

„Was ist dort draußen Ihrer Meinung nach geschehen, Mrs. Vanhelsing“, begann er dann mit vibrierender Stimme. „Ich bin überzeugt davon, dass es irgendwie mit den Messergebnissen in Zusammenhang stehen muss, von denen ich Ihnen schon berichtete! Sie sind eine der anerkanntesten Expertinnen auf dem Gebiet des Okkultismus und der unerklärlichen Phänomene... Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie sich nicht Ihre Gedanken machen...“

Alle Augen waren nun auf Tante Lizzy gerichtet.

Aber ehe sie etwas sagen konnte, hatte sich Hugh St. John zu Wort gemeldet.

„Mrs. Vanhelsing kann nur spekulieren - so wie wir alle. Ich fürchte, wir müssen einfach abwarten, was geschieht...“

Draußen brauste ein regelrechter Sturm los. Fensterläden klapperten. Der Wind heulte wie verrückt um die Mauern der Vanhelsing-Villa. Bei einem Blick durch die hohen Fenster des Salons konnte man sehen, wie die Bäume und Sträucher des leicht verwilderten Gartens hin und her gebogen wurden. Äste knackten. Und wieder zuckten grelle Blitze über den Himmel.

Gewitter im Winter, dachte ich.

So etwas gab es hin und wieder bei extremen Wetterumstellungen.

Ich dachte an den wolkenlosen, sternenklaren Himmel, zu dem wir noch vor wenigen Momenten aufgeblickt hatten.

Jetzt meldete sich Tom zu Wort.

Er sprach mit ruhiger, überlegter Stimme.

„Was wir gesehen haben, waren die Apokalyptischen Reiter“, erklärte er. „Krieg, Hunger, Pest und Tod...“ Ich trat auf ihn zu. Sein Blick schien durch mich hindurchzuschauen. Er wirkte abwesend, als wäre er in lange zurückliegenden Erinnerungen versunken.

Erinnerungen aus einem anderen Leben...

„Das Auftauchen dieser Reiter wurde in der Offenbarung des Johannes angekündigt“, fuhr Tom dann fort. „Immer wieder sind sie auf Gemälden dargestellt worden, die den Weltuntergang veranschaulichten, wie ihn sich die Menschen vergangener Epochen vorstellten. Angefangen von römischen Wandfresken bis zu schauerlichen Darstellungen auf den spätmittelalterlichen Holzschnitten eines Albrecht Dürer.“

Dr. Jacobi nickte.

„Symbole des Untergangs und der Verdammnis“, murmelte er. „Fragt sich nur, wer sie an den Himmel gezaubert hat.“

„Und auf welche Weise“, warf Professor St. John ein.

Jetzt meldete sich Elaine Sykes zu Wort, die nervös mit den Knöpfen ihres kostbaren Cocktail-Kleides herumspielte. „Sie wollen uns allen Ernstes erzählen, dass das, was wir gesehen haben, die Apokalyptischen Reiter der Bibel waren, Mr. Hamilton?“

„Ich will Ihnen gar nichts erzählen“, erwiderte Tom gelassen. „Aber die Reiter, die wir gesehen haben, entsprachen in den Details genau der Beschreibung aus der Offenbarung.“ Tom wandte sich um und nahm jenen Messingteller vom Haken, der auch mir bereits aufgefallen war. Er hielt ihn so ins Licht einer der Kerzen, dass man deutlich das Schwert, den Bogen, die Waage und die Schale sehen konnte. „Die Reiter wurden in der Kunstgeschichte je nach Epoche immer wieder unterschiedlich dargestellt - aber vier Gegenstände führten sie stets bei sich. Das Schwert tötet blindwütig wie der Krieg, der Reiter mit dem Bogen wird oft mit einem Siegerkranz dargestellt, weil er sich seines - des Todes - Triumphs gewiss ist. Mit der Waage werden die Rationen der Hungernden abgewogen...“

„Und die Schale?“, fragte ich.

Tom sah in meine Richtung.

„Die Schale des Todes“, sagte er. „Später wurde sie mit der Pest in Verbindung gebracht...“

„Wer immer dieses Feuerwerk veranstaltet hat, er scheint es darauf abgesehen zu haben, ganz London zu erschrecken“, meinte St. John.

„Nein“, sagte Tom. „Da wollte uns niemand erschrecken....“

„Sie glauben doch nicht, dass wir wirklich diese Schreckensreiter gesehen haben! Das, was da in der Offenbarung steht ist doch sicher bildlich zu verstehen“, meinte St. John, so als müsste er sich selbst davon überzeugen. Er lockerte den Sitz seiner Krawatte, denn ihm war auf unerklärliche Weise heiß geworden.

„Ich weiß es nicht“, sagte Tom. „Ich weiß nur, dass die Menschen vergangener Epochen anders darüber gedacht haben, als wir es heute tun...“

*

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DIE LAGE IN DER VILLA beruhigte sich langsam. Draußen toste noch immer ein furchtbares Unwetter. Inzwischen hatte heftiges Schneegestöber eingesetzt. Und immer noch grollten dumpf die Donnerschläge.

Die Natur schien verrückt zu spielen.

Tante Lizzy besaß einen Weltempfänger mit Kurzwellen-Empfangsbereich. Tom versuchte damit, irgendeinen Radiosender hereinzubekommen, aber auch im Kurzwellenbereich war nichts zu empfangen.

Wir standen in der Bibliothek - Tante Lizzy, Tom und ich - während sich unsere Gäste nach wie vor überwiegend im Salon und den angrenzenden Räumen aufhielten. Einige hatten sich inzwischen über die Reste des Buffets hergemacht. Und obwohl es schon weit nach Mitternacht war, dachte keiner daran zu schlafen.

„Es ist seltsam“, stellte Tom schließlich fest, nachdem Tante Lizzy und ich einige Augenblicke lang gebannt dem Piepen und Rauschen gelauscht hatten, das der Weltempfänger bis dahin produziert hatte. „Ich kann das einfach nicht glauben...“

„Was?“, fragte ich.

Er sah mich an.

„Dass es auf der ganzen Welt keinen Radiosender mehr gibt...“

„Vielleicht verhindern die Wetterturbulenzen einen vernünftigen Empfang“, meinte Tante Lizzy.

Aber sie sagte das ohne jede Überzeugung. Sie schien selbst nicht an ihre Worte zu glauben.

„Was mag da draußen nur geschehen sein...“, murmelte Tom.

„Ich habe diese Reiter in einer Vision gesehen - und du kanntest sie aus einem früheren Leben, nicht wahr?“, sagte ich.

Er nickte.

„Nicht nur aus einem“, murmelte er. „Viele Jahrhunderte lang waren die Apokalyptischen Reiter jedem Kind ein Begriff, bevor die Offenbarung des Johannes mehr oder minder in Vergessenheit geriet. Heute wissen selbst viele Theologen mit diesem Buch nichts rechtes anzufangen...“

„So manche Okkultisten und selbsternannte Propheten dafür um so mehr“, ergänzte Tante Lizzy. „Ich bin im Laufe meiner Studien immer wieder auf die Apokalyptischen Reiter aus der Johannes-Offenbarung gestoßen. Viele Mystiker und Okkultisten haben sich darauf berufen und sogar Hermann von Schlichten nimmt in seinen ABSONDERLICHEN KULTEN darauf Bezug...“

„Aber bei diesen Reitern handelt es sich doch nicht um real existierende Wesen!“, rief ich aus.

„Warum nicht?“, fragte Tante Lizzy. „Wir wissen über die Offenbarung des Johannes, dass sie um das Jahr 97 herum geschrieben wurde, zur Zeit der Christenverfolgung unter Kaiser Domitian. Und es gilt als ziemlich sicher, dass der Verfasser nicht der Evangelist Johannes war.“

„Sondern?“

„Dazu gibt es viele Theorien. Eine - der unter anderem auch von Schlichten anhängt, besagt, dass in dieses Buch ältere Fragmente eingearbeitet wurden, die von einem griechischen Seher namens Theramenes stammten. Dieser Theramenes könnte identisch sein mit einem gewissen Theramenes aus Korinth, der im Jahre 109 nach Christus wegen schwarzmagischer Experimente der Stadt verwiesen wurde. Er soll unter anderem die vier Schrecklichen beschworen haben, aber das müsste ich alles nochmal genau nachlesen...“ Tante Lizzy legte eine Hand auf meinen Arm. „Wir haben alle diese Reiter gesehen“, sagte sie dann mit etwas ruhigerer Stimme. „Sie waren da, daran gibt es keinen Zweifel... Vielleicht war alles nur eine geschickte optische Täuschung. Eine Art Spiegelung oder Projektion. Es gibt niemanden, der das mehr hofft, als ich. Aber wir müssen auch mit der anderen Möglichkeit rechnen, Patti...“

Ich nickte.

Insgeheim wusste ich, dass Tante Lizzy Recht hatte, auch wenn ich mir nichts sehnlicher gewünscht hätte, dass es anders war. Die Tatsache, dass ich eine große Entladung übersinnlicher Energien gespürt hatte, sprach durchaus für Tante Lizzys These.

„Im Moment können wir kaum etwa anderes tun, als die Ruhe zu bewahren und in den Büchern dieser Bibliothek zu stöbern, Patti. Und genau das werde ich tun... Vielleicht finde ich irgendwo einen Hinweis...“

„Mrs. Vanhelsing“, fragte Tom, als die alte Dame sich bereits umgedreht hatte, ihre Lesebrille herauskramte und mit den Augen die langen Reihen staubiger Folianten absuchte.

Tante Lizzy sah Tom an.

„Ja?“

„Dieser Messingteller im Salon... Woher haben Sie den?“

„Ich habe ihn vor ein oder zwei Monaten auf einem Trödelmarkt in der Carlton Street erworben. Der Händler sagte mir, dass er antik wäre, aber inzwischen habe ich große Zweifel, ob ich da nicht einem Schwindler aufgesessen bin... Warum fragen Sie, Tom?“

Tom Hamilton zuckte mit den Schultern.

„Nur so“, meinte er. „Der Teller kam mir irgendwie bekannt vor. Allerdings weiß ich im Moment nicht so recht, woher eigentlich...“

„Erinnert er dich an ein früheres Leben?“, mischte ich mich ein.

„Möglich“, murmelte Tom. „Du weißt, dass ich nicht ständig alle meine Erinnerungen zur selben Zeit abrufen kann. Damit wäre das menschliche Gehirn völlig überfordert... Mal sehen, vielleicht kommt es ja noch.“

Tante Lizzy nickte und schob sich mit dem Zeigefinger die Brille etwas höher.

„Ich wäre euch sehr dankbar dafür, wenn ihr unseren Gästen sagen würdet, dass sie sich hier wie zu Hause fühlen sollen und gerne alles aufessen können, was im Kühlschrank ist.“

Tom nickte.

„Sieht so aus, als würden wir alle noch etwas hierbleiben müssen...“

Tante Lizzy lächelte verschmitzt. „Ich hoffe nicht, dass Ihnen das unangenehm ist, Tom.“

Tom warf mir einen kurzen Blick zu und und schüttelte dann den Kopf.

„Nein, ganz und gar nicht, Mrs. Vanhelsing.“

*

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ICH HALF MEINER TANTE Lizzy noch eine Weile bei ihren mit fieberhafter Eile durchgeführten Nachforschungen. Tante Lizzy verhielt sich ganz so, als erwartete sie, dass das Geschehene, dessen Zeuge wir alle geworden waren, noch längst nicht der Endpunkt in einer äußerst mysteriösen Entwicklung war.

Vielleicht wusste sie sogar bereits mehr, als sie im Augenblick bereits auszusprechen wagte und wollte sich nur letzte Gewissheit verschaffen...

Schließlich war der Fußboden der gesamten Bibliothek mit aufgeschlagenen Lederfolianten bedeckt, in die Tante Lizzy jeweils Dutzende von Papierstreifen hineingelegt hatte. Sie dienten einerseits als Lesezeichen, andererseits als Raum für Notizen.

Tom sah indessen nach den Gästen.

Aber dort war es ziemlich ruhig. Zunächst hatte es einen heftigen Disput zwischen Professor St. John und Gordon Sykes, dem Parapsychologen gegeben. Es ging um die Interpretation dessen, was wir alle am Himmel gesehen hatten, bevor eine Art Bewusstlosigkeit uns alle erfasste. Sykes fand sich wenig später in der Bibliothek ein, um Tante Lizzy seine Hilfe anzubieten, während sich Professor St. John es sich auf dem Diwan bequem machte und kurze Zeit später eingeschlafen war.

Elaine Sykes war ebenfalls völlig übermüdet. Sie zog sich in eines der Gästezimmer zurück, die es in Tante Lizzys Villa gab.

Tom kehrte ebenfalls in die Bibliothek zurück. Er wirkte nachdenklich und etwas in sich gekehrt. Eine Weile blickte er durch das Fenster hinaus in die Dunkelheit. Graupelschauer gingen jetzt hernieder. Das Gewitter hatte aufgehört, aber der Wind war noch heftiger geworden. Mit ungebrochener Wut riss er an den Fensterläden.

„Die Messungen, die ich in den letzten Tagen durchführte, müssen in irgend einem Zusammenhang mit den heutigen Ereignissen stehen“, meinte Gordon Sykes indessen. „Leider habe ich meine Aufzeichnungen nicht hier, so dass man vielleicht genauere Rückschlüsse ziehen könnte... aber meiner Theorie nach sind übersinnliche Kräfte letztlich auch physikalisch nachweisbare Erscheinungen, deren Natur die heutige Wissenschaft nur noch nicht richtig verstanden hat. Was immer heute Abend auch geschehen sein mag, es hat sich lange angekündigt, auch wenn wohl keiner von uns die Zeichen zu deuten wusste...“

Er hat recht, dachte ich.

Wie waren sonst die kurzen, schlaglichtartigen Visionen zu erklären, die ich von den Schreckensreitern gehabt hatte?

„Was hat denn Ihrer Meinung nach zu dieser Bewusstlosigkeit geführt, die uns alle befallen hat?“, erkundigte sich Tante Lizzy.

Gordon Sykes zuckte die Achseln.

„Es gibt bestimmte mentale Energiewellen, die so etwas hervorrufen können... Meine persönliche Theorie ist, dass wir es mit einer Massenhalluzination zu tun gehabt haben.“

„Was immer es auch war, was das bewirkt hat“, murmelte Tom indessen, „es muss einen sehr weitreichenden Einfluss gehabt haben. Vielleicht sogar weltweit, sonst müssten wir irgend etwas an Radioprogrammen empfangen können...“

„Ich schlage vor, wir sollten uns jetzt alle erst einmal ein wenig hinlegen“, meinte Sykes. „Wahrscheinlich sehen wir morgen früh alles schon sehr viel klarer. Möglicherweise gibt es dann sogar wieder Strom.“

„Tun Sie das ruhig“, nickte Tante Lizzy. „Mir allerdings lässt die Sache keine Ruhe. Ich könnte jetzt ohnehin kein Auge zudrücken. Aber Sie können sich gerne in einem der Gästezimmer einquartieren...“

Ich bekam kaum mit, dass Sykes die Bibliothek verließ. Stattdessen war mein Blick wie hypnotisiert auf den etwas eigenartigen Schreibtisch gerichtet, den Tante Lizzy in einer Ecke dieses pittoresken Raums aufgestellt hatte. Es handelte sich um ein antikes Stück, in dessen beinahe unauffindbaren Geheimfach Tante Lizzy auf Notizen des berühmten Okkultisten Hermann von Schlichten gestoßen war, die dieser zu dem als verschollen geltenden zweiten Band seines Hauptwerkes ABSONDERLICHE KULTE angefertigt hatte. An den vier Ecken der Tischplatte befanden sich grimassenhaft geschnitzte Dämonenköpfe, die den Betrachter grimmig anstarrten.

In einer der Schubladen dieses Schreibtisches befand sich das zusammengeschmolzene Exemplar einer jener Metallmasken, die die Mitglieder des ORDENS DER MASKE benutzten, um mit ihren Herrn und Meister Cayamu in Verbindung zu treten und sich in furchterregende, fast unverwundbare Wesen zu verwandeln, die als Geister der Sonne bezeichnet wurden. Eine dieser Masken war uns in die Hände gefallen, als wir in der Gegend um Inverness die Hintergründe jener Vorgänge zu ermitteln versuchten, die zum Tod unseres Verlegers Arnold Reed geführt hatten. Allerdings war diese Maske in einem zusammengeschmolzenen Zustand gewesen - ein Klumpen metallisch wirkender Materie, die Professor Hugh St. John vergeblich zu analysieren versucht hatte.

Der messingfarbene Metallklumpen hatte sich im Laufe der Zeit verändert. Er hatte die Form eines Kopfes gebildet. Das dazugehörige Gesicht war mir nur allzu bekannt gewesen. Es gehörte dem ehemals für die Mafia tätigen Gesichtschirurgen Dr. Skull, von dem wir inzwischen wussten, dass er im ORDEN DER MASKE eine wichtige Position innehatte.

Außerdem hatte sich auf magische Weise ein Datum in das Metall hineingraviert.

1.1.2000!

Ich hatte mir den Metallklumpen seitdem nicht mehr angesehen und ihn in Tante Lizzys Schreibtischschublade liegengelassen. Allein die Erinnerung an das im höhnischen Triumph verzogene Gesicht Dr. Skulls jagte mir kalte Schauder über den Rücken.

Es war keine Frage, dass die Veränderung des Metalls eine Art Drohung gewesen war.

Mehr noch.

Die Gewissheit kommenden Unheils, die Ankündigung der Katastrophe...

Ich schluckte.

Wie mag sich die zerschmolzene Maske nun verändert haben?

Diese Frage beherrschte mich plötzlich.

Wir schrieben jetzt den 1. Januar des Jahres 2000 nach Christi Geburt. Jener Zeitpunkt des kommenden Schreckens war also gekommen...

Ich ging auf den Schreibtisch zu, berührte leicht die Schublade. Meine Finger ergriffen den Knauf, aber ich zögerte.

Ich wusste um die unheimliche Kraft, die dem Metall innewohnte und konzentrierte mich, um mich dagegen abschirmen zu können, sobald meine Hand das bronzefarbene Material berühren würde.

Tu es! Jetzt! Zögere nicht!

Ich schloss die Augen.

„Patti!“

Das war Tante Lizzys Stimme. Ich hörte sie wie aus weiter Entfernung.

„Patti, was tust du da?“

Ich zog die Schublade auf. Meine Hand griff nach dem eigenartigen metallartigen Material. Als ich es berührte fühlte ich den unheimlichen Strom übersinnlicher Kraft, der meinen ganzen Körper erfasste.

Meine Hand zuckte zurück.

Ich öffnete die Augen und war starr vor Schreck.

Noch immer hatte der Metallklumpen die Form von Dr. Skulls Kahlkopf angenommen. Sein Gesicht wurde durch ein zynisches, triumphierendes Lächeln geprägt.

Daran hatte sich nichts geändert.

Seine Züge waren noch immer genau so, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Aber die Datumsgravur war nicht mehr vorhanden.

Statt der Ziffern hoben sich jetzt kleine Totenköpfe reliefartig aus der bronzefarbenen Oberfläche. Ich zog die Hand zurück. Hinter meinen Schläfen pulsierte es schmerzhaft. Ich schloss wieder die Augen, aber trotzdem sah ich noch immer das Bronzegesicht vor mir. Mit einem Ruck schloss sich die Schublade. Ich brauchte einige Augenblicke, um zu begreifen, dass es Tante Lizzy gewesen war, die sie geschlossen hatte. Sie fasste mich bei den Schultern.

„Tu das nicht wieder“, sagte sie.

„Das Metall - es hat sich verändert! Es...“

„Ich habe es gesehen“, unterbrach mich Tante Lizzy.

„Hast du noch irgend einen Zweifel daran, dass der ORDEN DER MASKE seine Finger bei dem, was uns in dieser Nacht widerfahren ist, im Spiel hat?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Tante Lizzy ruhig und in gedämpftem Tonfall. „Warum hast du die Schublade geöffnet?“ In ihrer Stimme klang Besorgnis mit.

Ich schluckte.

Ein Kloß steckte mir plötzlich im Hals, und ich hatte Mühe, zu sprechen. „Ich musste es einfach tun“, erklärte ich dann. „Es war beinahe wie ein...“

„Zwang?“

„Das ist ein starkes Wort...“

„Aber es trifft das, was du empfunden hast, nicht wahr?“ Sie sah mir direkt in die Augen. Vor ihr kannst du nichts verbergen, Patti. Dazu kennt sie dich einfach zu gut...

„Ja“, flüsterte ich.

„Du musst versuchen, dich vor den Kräften abzuschirmen, die in diesem Ding wohnen“, forderte Tante Lizzy.

„Lass es uns wegbringen!“, stieß ich hervor.

„Und wohin?“ Tante Lizzy schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das wäre keine Lösung, Patti... Außerdem könnte dieses Ding tatsächlich eine Spur sein, die uns dem Geheimnis etwas näherbringt, mit dem wir im Moment konfrontiert sind.“

Tom trat wortlos hinzu. Er nahm mich kurz in den Arm. Dann ging er zum Schreibtisch, öffnete die Schublade erneut und starrte einige quälend lange Augenblicke wie gebannt auf den Metallklumpen, die zu einer Art Büste von Dr. Skull geworden war.

In Gedanken glaubte ich sein schauerliches Lachen zu hören.

Ein Laut, der eher einem Triumphgeheul glich...

Dann schloss Tom die Lade wieder. Sein Blick war starr, das Gesicht ernst.

„Dies hier kann eigentlich nur eins bedeuten“, stellte er dann düster fest.

„Was?“, fragte ich.

Er sah mich nicht an, als er sprach. Stattdessen blickte er an mir vorbei. Seine Augen konzentrierten sich auf einen imaginären Punkt an der Wand.

„Die Prophezeiungen des ORDENS DER MASKE gehen in Erfüllung...“, murmelte er düster.

Das Ende der Welt, die große Katastrophe...

Und am Ende würden nur Cayamus getreue Diener gerettet werden, während der Rest der Menschheit in Schrecken und Chaos versank.

*

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ALEC ST. JOHN, DER Sohn des Chemie-Professors, tauchte zwischenzeitlich in der Bibliothek auf. Aufgrund seiner Veröffentlichungen zum Okkultismus-Thema hatte Tante Lizzy eigentlich auf seine Hilfe gehofft, aber das Glas Gin in seiner Rechten schien ihm wichtiger zu sein. Sein Hauptproblem war wohl, dass er nicht schlafen konnte. Schließlich schlug er vor, doch mal in der Nachbarschaft vorbeizuschauen. Aber Tante Lizzy riet davon ab. Erstens war ein großer Teil der Leute aus den Nachbarvillen gar nicht da, weil sie es vorgezogen hatten, den Jahrtausendwechsel an einem Ort mit freundlicherem Wetter zu erleben. Schließlich hätte in London niemand, der bei Verstand war, eine Wette darauf abgeben wollen, ob man das Feuerwerk überhaupt zu Gesicht bekam oder ob es in der grauen Nebelglocke, die so häufig über der Stadt hing, verschluckt wurde. „Sie können das gerne bei Helligkeit nachholen“, meinte Tante Lizzy an den Buchautor gewandt.

Er knurrte etwas Unverständliches vor sich hin und wandte sich dann an Tom.

„Vielleicht ist das keine schlechte Idee, was Mrs. Vanhelsing da vorschlägt. Würden Sie mich begleiten, Mr. Hamilton?“

„Warum nicht?“, erwiderte Tom etwas abwesend. Er blickte aus dem Fenster. Nebel kam da draußen jetzt auf, kroch aus Richtung Themseufer bis hierher und quälte sich in dichten Schwaden durch die Straßen und in die Gärten der Villen.

Woran denkt er?, fragte ich mich.

*

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LONDON, ANNO 1350, dem Jahr der Verdammnis...

Dem Jahr des vierten Schreckensreiters, der die Schale des Todes ausgeschüttet hatte...

Die Geschöpfe der Hölle würden dem Knochenmann folgen, hieß es in der Überlieferung.

Nebel kroch von der Themse herauf durch enge, verschmutzte Straßen und Gassen mit glattem Kopfsteinpflaster.

Da waren Ratten, die durch das diffuse Licht der flackernden Straßenlaternen huschten. Sie waren so groß, dass sie kaum noch Respekt vor den streunenden Katzen hatten.

Die Rufe der Nachtwächter waren zu hören, dazu das Stöhnen der Sterbenden am Straßenrand, denen kein Mensch mehr helfen konnte.

Und Schreie.

Schreie unendlicher Trauer und Qual, die wie ein gespenstischer Chor des Grauens aus der unheimlichen Stadt herausdrangen.

John Blendworth, ein junger, dunkelhaariger Mann von vielleicht zwanzig Jahren stand da und schlang sich den zerrissenen Umhang enger um die Schultern. Es war bitterkalt. Eine feuchte Kühle, die alles durchdrang und einen bis in den letzten Winkel der Seele frösteln ließ...

John ging weiter, vorbei an einer üblen Schenke, aus der sonst stets zänkisches Stimmengewirr drang. Sie trug den unheilverheißenden Namen 'The Pale Knight' - 'Der bleiche Ritter'.

Heute aber war kein einziger Gast im 'Pale Knight', wie John bei einem Blick durch eines der butzenartigen, kleinen Fenster feststellte.

Edward, der Wirt, stand mit verschränkten Armen und grimmigen Gesicht im Türbogen.

„London ist eine Stadt der Verdammten“, sagte er düster. „Lebende Tote sind wir - der Verdammnis preisgegeben... Wir alle tragen die Kraft des Bösen in uns... Darum kommt das Grauen über uns...“

John antwortete nicht. Er sah den Wirt nur stumm an. Der Nebel kroch kniehoch in dicken Schwaden über das Kopfsteinpflaster. Er wirkte wie ein vielarmiges, formloses Ungeheuer, das die Stadt nach lebenden Seelen absuchte. An einer Hauswand lehnte sitzend ein Vermummter. Er rutschte zu Boden und blieb reglos liegen. Eine Ratte kam unter seinem Umhang hervor und lief über die Straße, um im Kellerloch eines der aus massivem grauen Stein errichteten Häusern zu verschwinden.

Der Wirt deutete zu dem leblosen Körper hinüber.

„Siehst du den da, John?“

„Ich sehe ihn.“

„Wir werden bald alle genauso tot sein, John... Der Pesthauch liegt über der Stadt. Riechst du ihn nicht, den Gestank der Fäulnis und Verwesung? Es gibt keine Hoffnung mehr...“

Das klackernde Geräusch von Pferdehufen auf Kopfsteinpflaster drang an ihre Ohren. Ein Wagen mit knarrenden Rädern tauchte aus dem grauen Nebel auf, gezogen von mageren Kleppern.

Oben auf dem Bock saßen zwei Gestalten in dunkler Kutte und mit schnabelförmiger Gesichtsmaske, die sie vor der Pest schützen sollten.

Auf dem Wagen lagen mindestens zwei Dutzend Leichen.

John sprang schnell zur Seite, um von dem Gespann nicht umgefahren zu werden. Die verzerrten Gesichter der Toten schienen ihn einige Momente lang anzustarren.

Edward hat Recht, dachte er.

Die letzten Tage hatten begonnen.

Der Beginn des Endes...

Die Zeit der schrecklichen Vier...

*

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IRGENDWANN GEGEN MORGEN überfiel mich ein bleiernes Gefühl der Müdigkeit. Tante Lizzy erging es ähnlich. Außer uns und Tom hatten sich inzwischen alle anderen zurückgezogen, um sich wenigstens für ein paar Stunden hinzulegen. Möglicherweise lag es aber auch daran, dass sie das Gefühl bekommen hatten, Tante Lizzy bei ihren mit geradezu fieberhafter Intensität durchgeführten Studien eher zu stören.

„Vielleicht sollten auch wir uns jetzt auch etwas hinlegen“, meinte Tante Lizzy schließlich gähnend. „Wer weiß, was uns in nächster Zeit noch alles abverlangt wird...“ Ihr Tonfall war düster und ihm fehlte der Optimismus, der sonst für die alte Dame immer so typisch gewesen war. Ich fragte, ob sie vielleicht mehr wusste, als sie zu zugeben bereit war. Schließlich verfügte sie über ein enormes okkultes Wissen. Und es war möglich, dass sie bereits aus dem, was bisher geschehen war, insgeheim mehr Rückschlüsse gezogen hatte, als sie zugab. Vielleicht, weil sie sich erst vergewissern und uns nicht unnötig in tiefe Verzweiflung stürzen wollte.

Tom wirkte sehr schweigsam und in sich gekehrt. Das war mir die ganze Nacht über schon aufgefallen. Immer wieder suchte ich den Blick seiner geheimnisvollen, meergrünen Augen. Aber manchmal schien er direkt durch mich hindurchzusehen, so als wäre ich gar nicht vorhanden gewesen...

Irgendetwas beschäftigte ihn.

Etwas, worüber er bislang mit mir noch nicht gesprochen hatte - und das über das hinausgehen musste, was uns allen an düsteren Gedanken im Kopf herumspukte. Ich fragte mich, ob ich ihn drängen sollte und entschied mich dagegen. Vertrau ihm, Patti... Oder hattest du je Grund es nicht  zu tun? Warte ab...

Tom und ich gingen hinauf in meine Räume, die im oberen Stock der Vanhelsing Villa zu finden waren. Hier war eine Art okkultfreie Zone, das bedeutete, das meine Zimmer die einzigen im ganzen Haus waren, die nicht zur Unterbringung von Tante Lizzys immenser Sammlung dienen mussten.

In Toms Armen schlief ich ein.

Der Schlag seines Herzens beruhigte mich immerhin so weit, dass ich dazu die nötige innerliche Ruhe fand. Ich spürte, wie seine Hand über mein Haar glitt. Das gab mir wenigstens die Illusion von Geborgenheit.

Ich versuchte nicht, an den nächsten Tag zu denken.

Nicht einmal an die nächsten Stunden.

Der Schlaf, in den ich fiel, war tief und traumlos. Als ich erwachte, spürte ich sofort, dass Tom nicht mehr bei mir war. Ich setzte mich im Bett auf und sah ihn am Fenster stehen. Er blickte hinaus in Tante Lizzys Garten. Und dabei hielt er etwas in der Hand.

Es handelte sich um den Messingteller aus dem Salon, in den jene Gegenstände eingraviert waren, die die Apokalyptischen Reiter bei sich führten.

Ein Bogen, ein Schwert, eine Waage und die Schale des Todes...

Tom hatte nicht bemerkt, dass ich inzwischen erwacht war.

Ich stand auf, trat zu ihm und gab ihm einen Kuss. „Guten Morgen, Tom - wenn man von einem guten Morgen denn unter diesen Umständen überhaupt sprechen kann...“

Er sah mich an.

Und schwieg.

Er war in einem Zustand, der einer Trance sehr nahekam. Vielleicht hatte er eine jener Konzentrationstechniken angewandt, die ihn Meister Heng Tem und die Mönche von Pa Tam Ran gelehrt hatten.

„Seit wann bist du wach?“, fragte ich.

Er lächelte matt. Und in diesem Moment wusste ich, dass er wieder anwesend war. „Schon eine ganze Weile...“, erklärte er. „Seit diese Reiter am Himmel erschienen sind, lässt mich ein Gedanke einfach nicht los...“

„Was für ein Gedanke?“

„Dass ich diese Reiter...kenne.“

„Aus einem früheren Leben?“

„Ja. Nicht in dem Sinn, dass mir ihre Darstellungen auf Reliefs und auf Gemälden bekannt sind, dass ich Mönche und Priester über sie habe reden hören... Das wäre ja auch nur natürlich, schließlich habe ich ja auch in Zeiten gelebt, als die Vorstellung von diesen Reitern der Apokalypse weit verbreitet war. Nein, ich meine etwas anderes...“

Ich berührte ihn am Oberarm.

„Versuch es mir zu erklären“, forderte ich.

„Ich bin mir selbst nicht sicher...“

„Hat es etwas mit diesem Teller zu tun?“

„Mit genau diesem bestimmt nicht. Das ist eine Nachbildung, vielleicht fünfzig Jahre alt. Aber er ist nach einem uralten Vorbild gefertigt, Patti...“ Er brach wieder ab und ich fragte mich, was ihn wohl daran hinderte, weiter zu sprechen. Warum musste er so nach Worten ringen? Das war eigentlich alles andere als typisch für ihn. Wir sahen uns einige Augenblicke lang an und ich versuchte verzweifelt in den meergrünen Augen zu lesen. „Ich glaube, dass ich diesen Schreckensreitern schon einmal begegnete... Sie sind reale Wesen, Patti...“

Wann bist du ihnen begegnet? Und wo?“

„Hier in London...es ist lange her, genau 650 Jahre. Ich trug den Namen John Blendworth und...“ Erneut brach er ab. Er schloss die Augen wie unter einer schrecklichen Qual. „Etwas blockiert meine Erinnerung, Patti. Ich habe keine Ahnung, was es ist, aber so sehr ich auch versuche, mich zu konzentrieren, so lösen sich die Bilder und Eindrücke immer wieder auf und sind dann vollkommen weg. So als hätte es sie nie gegeben.“ Er hielt den Messingteller empor. „Ich weiß, dass dieser Teller - oder ein ähnlich gefertigtes Stück etwas damit zu tun hat, aber...“

Er zuckte die Schultern.

„Könnte über John Blendworth irgend etwas überliefert sein?“

Tom schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er, „das glaube ich nicht... Dazu war er gewiss zu unbedeutend.“

Tom kniff erneut die Augen zu, wie unter großem Schmerz. Sein Gesicht verzog sich und ich spürte, wie er litt.

„Tom...“, flüsterte ich.

Aber er hörte mich nicht.

Vielleicht war er in diesem Augenblick John Blendworth...

*

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...IM PESTVERSEUCHTEN London des Jahres 1350.

Seit einem Jahr hatte die Seuche halb Europa verwüstet und beinahe ein Drittel der Bevölkerung vernichtet. Entlang der Handels- und Seewege war sie schließlich selbst in die entferntesten Winkel vorgedrungen.

John blickte auf das nebelverhangene Themseufer. Er zitterte vor Kälte und sah wie gebannt den mit Schnabelmasken und dunkler Kutte ausgestatteten Männern zu, die die Toten von ihrem Karren herunterzerrten und in den Fluss warfen. Es waren einfach zu viele, um sie vor die Stadt bringen und dort bestatten zu können. Der Fluss würde sie aus London heraustragen  - und mit ihnen die furchtbare Seuche, an der sie gestorben waren. Aber das wussten die Männer mit den Schnabelmasken nicht. Sie glaubten, die Krankheit würde durch üble Gerüche übertragen, gegen die die Masken sie schützen könnten.

Wann wird das Grauen endlich aufhören? dachte John Blendworth.

„Nie“, antwortete eine sonore Stimme, die John herumwirbeln ließ.

In einer Entfernung von nur wenigen Schritten sah er einen Reiter. Sein Gewand war zerfetzt. Der Körper bis zum Skelett abgemagert. Die Augen leuchteten auf unheimliche Weise.

In der Hand hielt der Knochenmann eine Schale, aus der bläulich schimmernde Flammen emporzüngelten.

John wich unwillkürlich ein paar Schritte zurück, stolperte und hielt sich dann an einer Hauswand fest.

Der Reiter lachte, ohne dabei den Mund zu bewegen.

John hatte ihn nicht kommen hören.

Die Hufe seines Pferdes hätten eigentlich auf dem glatten Pflaster ein gut hörbares Geräusch erzeugen müssen.

Aber der Knochenmann war wie aus dem Nichts aufgetaucht.

„Du weißt, wer ich bin“, sagte er dann leise, fast wispernd. „Jeder weiß das. Niemand kann mir entkommen...“

Wieder ertönte das furchtbare Lachen.

Er schlug die Hacken in die Weichen des fahlen Pferdes, das daraufhin einige Schritte nach vorn machte. John schlug der Puls bis zum Hals.

Er zitterte am ganzen Körper. Kalter Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. Am liebsten wäre er davongelaufen, aber er war unfähig, sich zu bewegen. Er fühlte sich wie zu Stein erstarrt.

Der Reiter beugte sich von seinem Pferd herab.

Er hielt John die Schale entgegen.

„Koste den Tod, mein Freund...“

In diesem Moment blitzte irgend etwas grell auf. John konnte nicht sehen, woher diese Lichterscheinung kam. Er wurde geblendet. Das fahle Pferd scheute und ließ ein markerschütterndes Wiehern hören. Das Tier stellte sich auf die Hinterbeine und war wie von Sinnen.

Der Reiter balancierte die Schale des Todes, drehte sich im Sattel halb herum und stieß einen Schrei des Erschreckens aus.

Das Pferd strauchelte.

Der Reiter klammerte sich am Hals des Tieres fest. Die Schale des Todes entfiel ihm, krachte auf das Pflaster und zersprang wie ein gewöhnlicher Tonkrug. Das bläulich schimmernde Feuer, das darin gebrannt hatte, verlosch.

Augenblicke nur dauerte es, bis die Gestalt des Knochenmannes transparent wurde. Die grauen Mauern schimmerten durch seinen ausgemergelten Körper hindurch. Das Leuchten seiner Augen war nicht mehr zu sehen. Sie wirkten jetzt wie tot.

„Niemand entkommt mir!“, kreischte der Reiter. „Niemand!“ Sein barbarisches Wutgeheul wurde immer leiser. Er verschwand vor Johns Augen.

Der junge Mann spürte, wie eine unheimlich Kraft ihn gegen die Wand drückte - für Sekunden sah er nichts als Licht, das so grell war, als ob man direkt in die Sonne blickte.

Dann war es vorbei.

John sah einen Mann in dunkler Kutte auf sich zukommen.

Zweifellos ein Mönch.

Sein Gesicht befand sich im dunklen Schatten der weiten Kapuze, die er tief ins Gesicht gezogen trug.

Der Kuttenträger hielt etwas rundes, leuchtendes in der Hand, das offenbar die Lichtquelle gewesen war. Ein Messingteller. Das Leuchten ließ nach und war nach einigen Sekunden nicht mehr zu sehen.

„Seid Ihr wohl auf?“, fragte der Mönch.

„Ja...“

„Das ist gut.“

Er wandte sich halb herum, so als wollte er gehen.

„Wartet!“, rief John.

Er machte ein paar schnelle Schritte auf die verhüllte Gestalt zu und fasste den Mönch dann bei den Schultern. Dieser blieb stehen.

„Wer seid Ihr?“, fragte John dann fast flüsternd. Er versuchte verzweifelt etwas von dem Gesicht des anderen zu sehen. Aber das war unmöglich.

„Ich bin Bruder Cordran...“

„Ich danke Euch für Eure Hilfe, Herr...“

Und während er das sagte, blickte John auf den Messingteller seines Gegenübers. Vier Symbole waren darauf zu sehen: Bogen, Schwert, Waage und die Schale des Todes...

*

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WER WAR DIESER MÖNCH?“, fragte ich.

„Ich weiß es nicht“, erklärte Tom. „Ich kann mich an Nichts mehr erinnern... Es ist wie verhext... Nur dieser Teller, der steht mir noch genau vor Augen.“

„Am besten, wir fragen Tante Lizzy mal genauer, woher sie das Ding hat! Wenn es nur ein einfacher Teller gewesen wäre, hätte sie ihn kaum in den Salon gehängt...“

Unsere Blicke verschmolzen für einige Augenblicke miteinander. Ich hatte die Arme um Toms Schultern gelegt, während er meine Taille umfasste. Er küsste mich sanft auf die Lippen.

„Ich frage mich, ob wir uns schon einmal begegnet sind, als du noch John Blendworth warst“, murmelte ich dann.

Tom lächelte.

„Ich glaube nicht. Ich hätte das unmöglich vergessen können, Patti.“

Eine Viertelstunde später gingen wir hinunter ins Erdgeschoss und stellten fest, dass Tante Lizzy bereits wieder in der Bibliothek war. Sie hatte Tee gekocht und sich eine Tasse davon mit zu ihren Büchern genommen.

Die anderen befanden sich zum Großteil im Salon und verzehrten die Reste des Buffets vom vergangenen Abend.

„Ich denke, jetzt bei Tag kann man es wagen, sich auf den Heimweg zu machen“, meinte Gordon Sykes. „Also ich will jedenfalls sehen, was zu Hause los ist...“

„Meinst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?“, fragte Elaine Sykes mit zweifelndem Unterton.

„Was soll denn schon passieren?“

„Es könnten Plünderer und Kriminelle geben, die das allgemeine Chaos ausnutzen.“

„Du übertreibst, Elaine. Wie stellst du dir das denn vor? Sollen wir etwa noch tagelang Mrs. Vanhelsing zur Last fallen und ihre Vorräte verzehren?“ Sykes ballte die Hände zu Fäusten. In seinen Augen loderte ein unruhiges Feuer. „Ich muss zu meinen Apparaturen... Elaine, versteh doch, ich kann hier nicht tatenlos herumsitzen und in alten Zauberbüchern schmökern, während da draußen etwas vor sich geht, was ganz bestimmt mit den immensen übersinnlichen Energien zu tun hat, die ich in den vergangenen Tagen gemessen habe...“

Jetzt meldete sich Hugh St. John, der Chemiker, kauend zu Wort. Er blickte auf das Display seines Handys. „Immer noch vollkommen tot“, stellte er fest. „Einen solchen Totalausfall kann es doch eigentlich nicht geben. Irgend etwas müsste funktionieren...“

„Im Radio gibt es auch nichts weiter als Dauerrauschen“, meldete sich sein Sohn Alec zu Wort. „Und dasselbe gilt für den Fernseher, der im Gästezimmer steht. Als ob nach einer furchtbaren Katastrophe nichts übrig geblieben ist außer diese Villa...“

„Klingt das nicht etwas absurd?“, erwiderte Elaine ziemlich schnippisch.

„Durch die Forschungen Ihres Mannes sollten Sie wissen, dass auch Dinge, die auf den ersten Blick absurd erscheinen, der Realität entsprechen können.“

„Ich glaube, die Situation macht uns alle etwas gereizt“, mischte ich mich ein. „Möchte jemand von Ihnen etwas von Tante Lizzys einzigartigem Tee?“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

„Nein, vielen Dank“, meldete sich Elaine schließlich zu Wort.

Alec wandte sich an Tom. „Bevor irgend jemand einen verhängnisvollen Fehler begeht und sich auf den Heimweg macht, sollten wir beide uns vielleicht erstmal wie geplant in der Umgebung umsehen...“

Tom nickte.

„Vielleicht haben Sie recht...“

„Dann kommen Sie...“

*

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MACH DIR KEINE SORGEN, Patti“, flüsterte Tom mir ins Ohr und küsste mich dann.

„Tom, ich...“

Ich hatte ein mulmiges Gefühl dabei, ihn ziehen zu lassen.

„Das ist schon in Ordnung“, meinte er. „Pass auf deine Tante Lizzy auf...“

„Sei vorsichtig...“

„Natürlich...“

Er schlug den Kragen seines grauen Wollmantels hoch. Tante Lizzy reichte ihm eine Pistole. „Ich weiß, dass das nicht das neueste Modell  ist“, erklärte sie dazu. „Aber es ist die einzige Waffe, die ich im Haus habe. Ich hoffe, sie ist nicht inzwischen eingerostet... Frederik hat sie immer auf seine Forschungsreisen mitgenommen, wenn das Zielgebiet es erforderlich machte...“

Tom lud die Pistole durch.

Es war eine Walther.

Die dazugehörige Munition gab Tante Lizzy ihm in einer kleinen Schachtel, die Tom sogleich in der Manteltasche verschwinden ließ.

„Ich hoffe nicht, dass ich das alte Ding brauchen werde“, meinte Tom lächelnd.

Tante Lizzy zuckte die Schultern.

„Leider kann man das nicht völlig ausschließen. Wenn wirklich das Chaos in der Stadt herrscht, so wie wir annehmen, dann könnte es tatsächlich sein, dass marodierende Plündererbanden umherziehen...“

Wenig später stand ich an der Tür und sah Tom und Alec St. John nach. Nebelschwaden krochen über den Boden. Der Himmel war so dunstig, dass er einer grauen Wand glich. Der erste Tag des neuen Jahrtausends, dachte ich. Wie unter einem Leichentuch...

„Sieh nur“, flüsterte ich an Tante Lizzy gewandt, die neben mir stand. „Die Vegetation im Vorgarten...“

Büsche und Sträucher wirkten wie abgestorben. Das Gras hatte die saftig grüne Farbe verloren. Es sah aus wie nach einer langen Trockenheit - was angesichts der Wetterbedingungen, die in den letzten Wochen geherrscht hatten, völlig absurd war.

Die Laubbäume standen um diese Jahreszeit ohnehin wie kahle Skelette da - aber nun schien sich der letzte Rest von Leben auch aus den anderen Pflanzen zurückgezogen zu haben.

Etwas schier Unfassbares war geschehen...

Die Schale des Todes!

Vor meinem inneren Auge tauchte jener Moment auf, in dem der vierte Schreckensreiter diese Schale hoch über die Stadt ausgeschüttet hatte und alles in namenloser Schwärze versunken war...

Ich machte ein paar Schritte ins Freie. Mein Blick glitt suchend über den Boden. Ein schmaler Steinweg führte durch etwas ungepflegte Rasenflächen zur Einfahrt. Neben meinem kirschroten Mercedes 190 standen dort auch die Wagen einiger Gäste.

Mein Blick fiel auf eine tote Maus, die wie erstarrt dalag.

Man konnte den Eindruck gewinnen, dass sie der Tod ganz plötzlich, mitten in der Bewegung ereilt hatte. In der Nähe der hohen Hecke, die den Vorgarten zur Straße hin abgrenzte, lag etwas Dunkles auf dem grauen Rasen.

Der Körper einer toten Krähe. Der Schnabel war halb geöffnet, die Flügel noch gespannt. Ich ging über den farblosen Rasen. Unter meinem Gewicht brachen die Gräser, so als wären sie gefroren gewesen. Aber wir hatten keinen Frost gehabt. Ich drehte mich wieder herum und blickte zur verwinkelten Fassade der Vanhelsing Villa.

Im hohen Gras fielen mir ein paar Steine auf. Dahinter, zum Haus hin, hatte das Gras eine normale Farbe.

Ich trat auf diese Steine zu, die eine Art Grenze darstellten. Die Grenze einer Todeszone, die um uns herum existierte...

Was ist in jenem Augenblick wirklich geschehen, als die Reiter kamen?

Dieser Gedanke hämmerte mir geradezu durch den Kopf.

Eine Frage, die immer drängender nach einer Antwort verlangte.

Ich blickte auf die Steine herab und sah die Zeichen, die mit schwarzer Farbe darauf aufgemalt waren. Einige davon erkannt ich. Sie stammten aus den ZEICHEN DER GEHEIMEN MACHT, einem Buch des von Schlichten-Schülers Ferenz Borsody.

„Du weißt, dass ich vor einiger Zeit die Villa mit Hilfe Im Bann der dieser Zeichen vor übersinnlichen Angriffen zu schützen Eis-Dämonen versucht habe“, erklärte Tante Lizzy dazu.

Ich deutete auf den Boden.

„Diese Zeichen scheinen eine Art Abgrenzung darzustellen. Alles, was sich außerhalb davon befindet, ist tot...“ Ich sah Tante Lizzy an. „Welchen Bereich hast du auf diese Weise markiert?“

„Die Villa, die Terrasse und ein Teil des hinteren Gartens. Die Markierungen bilden einen Kreis - und da die Villa ja nicht kreisförmig ist, liegt auch ein Teil des Gartens darin! Es gibt außerdem noch Zeichen an ganz bestimmten Stellen des Mauerwerks...“

In diesem Moment überfiel mich eine Vision mit einer Wucht, wie ich es selten zuvor erlebt hatte. Die Bilder, die vor meinem inneren Auge erschienen waren von grauenhafter Intensität. Ich sah graue Straßen. Auf dem glatten Pflaster lagen Tote. Es mussten Hunderte sein. Tausende. Ich sah ihre erstarrten Gesichter, ihre überraschten Blicke im Angesicht eines plötzlichen Schreckens, der sie innerhalb eines Augenblicks dahingerafft haben musste. So schnell, dass sie kaum Zeit gehabt hatten, zu begreifen, was mit ihnen geschah.

Nur Sekunden dauerte dieser Tagtraum. Ich zitterte am ganzen Leib und spürte, wie mir der Puls bis zum Hals schlug.

Was du gesehen hast, ist nicht die Zukunft, Patti! Sondern die Gegenwart!

„Patricia!“, rief Tante Lizzy. Sie fasste mich bei den Schultern und rüttelte mich. „Mein Gott, Kind, du bist ja ganz blass geworden...“

Tränen rannen mir über das Gesicht.

Das alles ergibt einen Sinn! Auch wenn du die Konsequenzen kaum zu Ende zu denken wagst!

Der vierte Reiter hatte die Schale des Todes ausgeschüttet. Was immer auch darin gewesen war - es hatte offenbar alles getötet, was sich außerhalb des Zeichenkreises befunden hatte, den Tante Lizzy um die Vanhelsing Villa gezogen hatte.

Ein Schicksal, dem wir wohl nur deshalb entgangen waren, weil wir uns innerhalb dieses Kreises befunden hatten.

Aber es war fraglich, ob wir wirklich das gnädigere Schicksal hatten...

*

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TOM HAMILTON UND ALEC St. John gingen die Straße entlang. Der Nebel war so dicht, dass man nur wenige Meter weit sehen konnte.

Tom lud sicherheitshalber die Walther-Pistole. Man konnte schließlich nie wissen.

„Funktioniert alles einwandfrei“, stellte er fest, bevor er die Waffe wieder in der Manteltasche verschwinden ließ.

In der Nachbarvilla machte niemand auf. Wahrscheinlich waren die Bewohner nicht zu Hause und hatten den Jahreswechsel für eine Reise genutzt. Die beiden Männer gingen weiter. Auch die nächsten Häuser wirkten unbewohnt. Dann gelangten sie an ein Gebäude, das fast genauso pittoresk wirkte, wie die Vanhelsing Villa.

Graue Steinmauern ragten hoch empor. Es war nicht im verwinkelten viktorianischen Stil errichtet, sondern viel wuchtiger und vermutlich älter. Wie ein drohender Schatten tauchte es zwischen den Nebelschwaden auf. Ein gusseiserner Zaun umgab das Anwesen, das von einem akkurat angelegten Garten umgeben war.

Auf dem Rasen lagen einige reglose Gestalten in eigenartig verrenkter Stellung. Männer in Smokings, Frauen in Abendroben.

Einige von ihnen hielten noch langstielige Sektgläser in den Händen. Um sie herum lagen die Überreste von Feuerwerkskörpern auf dem eigenartig grauen Rasen.

„Mein Gott, was ist hier geschehen?“, stieß Alec St. John schier fassungslos aus. „Die sehen aus wie...“

„...tot“, vollendete Tom düster.

Er ging zum Tor.

Es stand einen Spalt weit offen. Mit einem quietschenden Geräusch stieß Tom es zur Seite.

Dann gingen die beiden Männer auf das graue Haus zu, das offenbar zu einem Ort des Schreckens geworden war.

Die Gesichter der Toten blickten sie mit erstarrten Augen an. „Sie sind ins Freie gegangen, um das Feuerwerk zu erleben“, stellte Tom fest.

„Aber dann muss der Tod sehr schnell über sie gekommen sein“, ergänzte Alec. „Wodurch auch immer er bewirkt worden mag...“

„Wir sollten uns hier einmal genauer umsehen“, fand Tom.

Sie gingen an den Toten vorbei auf das Haus zu. Buchstäblich alles Leben war der Vernichtung anheimgefallen. Eine tote Katze lag auf den steinernen Stufen des imposanten Portals, das eigentlich nicht zum Stil des Gebäudes passte. Wahrscheinlich war es in einer späteren Epoche hinzugebaut worden. Löwenköpfe befanden sich an den Enden der Handläufe. Auf den Stufen lag leblos ein Mann in den mittleren Jahren. Das Haar war graumeliert, die Augen weit aufgerissen.

Sie starrten ins Nichts.

Die zweiflügelige Tür stand offen. Ein Butler lag davor. Das Tablett mit den gefüllten Gläsern war ihm entfallen.

„Was glauben Sie, woran diese Menschen gestorben sind?“, fragte Alec St. John.

„Es sieht aus, als wäre es die pure Angst gewesen“, murmelte Tom düster.

Alec sah ihn etwas befremdet an. Dann meinte er: „Zumindest sind bei den Toten äußerlich keine Verletzungen festzustellen. Allerdings bin ich auch kein Gerichtsmediziner...“

Tom wirbelte plötzlich herum.

Er glaubte, etwas gehört zu haben. Ganz leise nur, aber doch deutlich genug, um ihn zutiefst zu beunruhigen.

Das Geräusch eines galoppierenden Pferdes...

Vor seinem inneren Auge tauchte schlaglichtartig die Erinnerung an jenen totenbleichen Knochenmann auf, dem ein gewisser John Blendworth vor genau 650 Jahren in den Gassen des alten London begegnet war...

„Was ist los?“, fragte Alec.

Tom Hamilton antwortete nicht sofort. Er lauschte angestrengt. Das Geräusch war nicht mehr zu hören. Vielleicht hatte er es sich auch nur eingebildet.

„Es war nichts“, behauptete er dann.

Die beiden Männer betraten das Innere des Hauses. Eine hohe, erhaben wirkende Eingangshalle erwartete sie. Das Licht brannte nicht. Genau wie in der Vanhelsing Villa war der Strom komplett ausgefallen.

Wieder stutzte Tom und lauschte angespannt.

Ein Pferd...

Das klackernde Geräusch der Hufe drang nur für Bruchteile von Sekunden in sein Bewusstsein.

Beschlagene Hufe auf Kopfsteinpflaster... Wie damals!

Vermischten sich jetzt Erinnerungen mit der Gegenwart? Ein unbestimmtes Gefühl der Bedrohung machte sich bei Tom breit. In seinem Kopf hallte das triumphierende Lachen des Knochenmanns wider.

Die Apokalyptischen Reiter sind real existierende, lebende Wesen... Verkörperungen des Bösen und des Todes. John Blendworth wusste das... Und Bruder Cordran...

Alec ging durch eine Seitentür und trat in einen langen Flur.

„Das Telefon geht hier auch nicht!“, hörte Tom ihn kurze Zeit später rufen.

Tom blieb in der Eingangshalle. Er schloss die Augen. Bruder Cordran... warum weigerte sich sein Bewusstsein, die Erinnerung an diesen Mönch freizugeben. Tom versuchte sich darauf zu konzentrieren. Sein Gesicht krampfte sich zusammen. „Bruder Cordran!“ Er sprach den Namen laut aus, murmelte ihn immer wieder vor sich hin, wie in einer Art Singang.

Er verstummte, als er das Pferdegetrappel erneut vernahm.

Es wurde lauter, schien näherzukommen.

„Mr. Hamilton!“, rief Alec St. John.

Tom nahm seine Stimme wie aus sehr weiter Entfernung wahr.

„Mr. Hamilton! Das müssen Sie sich unbedingt ansehen!“

Das Getrappel der Pferde hatte eine geradezu ohrenbetäubende Lautstärke erreicht. Toms Schädel dröhnte. Es war unerträglich. Er presste die Hände gegen die Ohren, obwohl er ahnte, dass das nicht helfen würde.

„Hamilton!“

Eine Sekunde später stieß Alec St. John einen furchtbaren Schrei aus, der schauerlich zwischen diesen uralten Mauern widerhallte.

Ein Todesschrei.

Tom riss die Walther-Pistole aus der Manteltasche heraus.

Dann stürzte er den Flur entlang.

„Alec!“, rief er. Das Pferdegetrappel war noch immer in gleicher Lautstärke zu hören. Tom musste dagegen anschreien.

Aber er erhielt keine Antwort.

Die Tür zum Salon öffnete er mit einem Fußtritt.

Mit der Waffe in beiden Händen ließ er den Blick durch den großzügig eingerichteten Raum kreisen. Großformatige Gemälde hingen an den Wänden. Zumeist düstere Landschaftsdarstellungen. Hin und wieder auch ein Schiff in tosender See.

Alec lag reglos hinter einem zierlichen Tischchen im Empire-Stil, das zu einem Diwan und einem kleinen Sessel gehörte. Auf dem Diwan saß ein Mann. Sein graues, eingefallenes Gesicht hatte etwas mumienhaftes. Er war sehr mager. Die Wangenknochen traten in einer Weise hervor, die Tom unwillkürlich an den Knochenmann erinnerte...  an den vierten Schreckensreiter!

Zweifellos war der Mann tot.

Auf dem Tischchen stand noch das Sektglas, aus dem er getrunken hatte, als die ewige Schwärze ihn umhüllte, die der vierte Reiter aus seiner Schale goss.

Das Pferdegetrappel wurde leiser, verebbte schließlich nach wenigen Augenblicken ganz.

Tom stürzte zu der hohen Fensterfront und blickte hinaus in den Garten.

Aber dort war niemand zu sehen, obwohl man hätte glauben können, dass der Reiter ganz in der Nähe sein musste...

Tom atmete tief durch, ging zu dem am Boden liegenden Alec St. John. Das Gesicht des Buchautors war zu einer Fratze des Grauens erstarrt.

Es konnte keinerlei Zweifel geben.

Alec St. John war tot.

*

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ICH ERSCHRAK, ALS TOM zurückkehrte und Alec St. John auf den Schultern trug. Tante Lizzy schloss die Tür hinter ihm. Ein kalter Hauch wehte herein.

„Kommen Sie, legen Sie ihn in eines der Gästebetten“, sagte Tante Lizzy an Tom gewandt. Er folgte ihr. Und ich ebenfalls. Wir gingen den Flur entlang, vorbei an der Bibliothek und am Salon. Schließlich erreichten wir eines der Gästezimmer, von denen es eine ganze Reihe in der Vanhelsing Villa gab. Auch hier waren die Wände mit dichtgedrängten Reihen von Buchrücken bedeckt. Es gab kaum eine Stelle, an der man einen freien Blick auf die Tapete hatte.

Tom legte Alec St. John auf das Bett.

Ausgestreckt lag er da, die Augen starr gegen die Decke gerichtet.

Das bleich gewordene Gesicht war zu einer Maske des Entsetzens geworden. Niemand brauchte danach zu fragen: Er war nicht mehr am Leben, das war offensichtlich.

„Was ist geschehen?“, fragte ich und berührte Tom leicht am Arm. Er sah mich an. Und auch in seinen Augen sah ich Spuren des Schreckens.

Ehe er antworten konnte, trat Hugh St. John ein. Er polterte in den Raum, gefolgt von Elaine und Gordon Sykes.

„Mein Sohn!“, rief der Chemiker voller Schmerz, als er Alec so fahl und starr auf dem Bett liegen sah. „Nein!“ Er schluckte, dann beugte sich über den Toten und rüttelte ihn an den Schultern. Tom hielt ihn zurück.

„Sie können ihm nicht mehr helfen, Mr. St. John.“

Hugh St. John sah Tom mit einem unbeherrschten Funkeln an. Dann fasste er ihn am Revers seines Mantels. „So sagen Sie schon, was mit ihm passiert ist.“

„Ich weiß es nicht.“

„Aber Sie waren doch bei ihm.“

Tom schwieg. Einige Augenblicke lang sagte niemand ein Wort. Eine Stecknadel hätte man in diesen Sekunden fallen hören können. Alle Blicke waren auf Tom gerichtet. „Wir sind von einer Zone des Todes umgeben, in der nichts überlebt zu haben scheint. Weder Tiere noch Pflanzen - und auch kein Mensch. In jenem Augenblick, als der vierte Schreckensreiter seine Schale über uns alle ergoss, muss der Tod über sie gekommen sein.“ Dann sah er mich an. „Wir fanden in einer der Nachbarvillen Dutzende von Toten, die mitten in einer Silvester- Party gestorben waren. Manche hatten die Sektgläser noch in den Händen. Und dann...“

Tom stockte.

Er schloss für einen Moment die Augen, so als wolle er sich vergegenwärtigen, was geschehen war.

„Was dann?“, hakte St. John nach. „So reden Sie doch, Mann!“

Der rundliche Chemiker war ziemlich außer sich. Sein Kopf schimmerte hochrot.

„Ich hörte das Geräusch eines galoppierenden Pferdes. Es wurde immer lauter. Sekunden später folgte Alecs Schrei aus einem Nachbarraum. Und dort fand ich ihn dann so, wie ich ihn hier her gebracht habe.“

„Was war mit den Hufgeräuschen?“, fragte Tante Lizzy.

„Sie verklangen nach und nach. Ich eilte zum Fenster, weil ich glaubte, in der Nähe des Hauses müsste ein Reiter sein... Aber da war niemand.“

Ich nahm Toms Hand. Sie war eiskalt.

Ich spürte, wie tief das Geschehene ihn berührt hatte. Für gewöhnlich war er ein Mann, der nicht so leicht aus der Fassung zu bringen war. Und wenn selbst er die tiefe Gelassenheit aufgab, die ihn sonst gekennzeichnet hatte, dann machte mir das mehr Angst alles andere...

„Ist ein Arzt unter den anderen Gästen?“, rief Hugh St. John.

Natürlich würde für seinen Sohn jede Hilfe zu spät kommen.

Aber vielleicht konnte ein Arzt die Ursache für den Tod des jungen Mannes herausfinden.

„Dr. Graham“, erklärte Tante Lizzy. Sie war seit langem bei ihm wegen ihrer Herzbeschwerden in Behandlung. Über die Jahre hinweg war er zu einem guten Bekannten geworden, mit dem sie auch sonst hin und wieder gerne ihre Meinung austauschte. So war auch er an diesem Abend eingeladen gewesen. Inzwischen hatte Dr. Graham sich zur Ruhe gesetzt und Tante Lizzy war seine einzige Patientin.

„Dr. Graham ist noch nicht aufgestanden“, meldete sich Elaine Sykes zu Wort. „Jedenfalls habe ich ihn heute noch nicht gesehen...“

„Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich weiß, wer das ist“, knurrte Gordon Sykes vor sich hin. Süffisant fügte er noch hinzu: „Und ob du das weißt, Darling, darf wohl mehr als angezweifelt werden.“

„Ich habe mich gestern Abend sehr angeregt mit ihm unterhalten, Gordon.“

„Ach, ja?“

„Würden Sie so freundlich sein, ihn hier her zu holen?“, fragte ich an Elaine gewandt, womit ich die Sticheleien zwischen den Sykes' unterbrach. Elaine nickte. „Sicher.“

„Danke.“

Gordon tat indessen auf Tom zu.

„Glauben Sie wirklich, dass da draußen alles tot ist?“

„Ich weiß es nicht. Aber für einen gewissen Umkreis gilt das mit Sicherheit...“

„Mrs. Vanhelsing hat die Theorie aufgestellt, dass eine Art übersinnliches Kraftfeld uns geschützt hat... Es soll durch ein paar Zeichen errichtet worden sein, die Mrs. Vanhelsing auf Steine gemalt hat...“

Tom lächelte dünn. „Es gibt mehr Dinge auf der Welt, als Sie und ich zu begreifen in der Lage sind...“

„Mag sein, aber...“

„Ist es nicht eine Tatsache, dass wir leben, Mr. Sykes?“

Der Parapsychologe antwortete nicht. Er hob lediglich die Augenbrauen und erwiderte Toms kühlen Blick.

Einige Augenblicke später kam der Arzt.

Dr. Graham begutachtete den Toten kurz. Er runzelte die Stirn. Sein Haar war schon beinahe weiß. Aber die Augen wirkten jung und lebendig.

„Um eine Todesursache feststellen zu können, muss ich ihn mir genauer ansehen“, meinte er. Er atmete tief durch, stellte die Tasche auf die Bettkante und zog sich die Jacke aus. Dann begann er, sich die Ärmel hochzukrempeln.

„Eine Leichenschau ist nicht jedermanns Sache. Ich möchte Sie alle bitten, mich mit dem Toten allein zu lassen... In etwa einer halben Stunde werde ich Ihnen vielleicht Genaueres sagen können...“

*

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ICH BRAUCHE EINEN Gehilfen“, sagte Bruder Cordran. Der Schein der Fackeln tanzte an den Wänden des dunklen Gewölbes. „Ich weiß, dass du lesen und schreiben kannst - was in unserer gottverdammten Stadt schon selten genug ist... Deine Eltern waren vermögend, die Pest hat sie dahingerafft. Und mit ihnen ihr Vermögen...“

John Blendworth sah den Mönch fassungslos an. Der Mann, der sich Bruder Cordran nannte, wärmte die klammen Hände über einem lodernden Feuer. Der Brandgeruch überdeckte nur notdürftig den Geruch von Moder und Fäulnis, der hier unten vorherrschte.

„Woher wisst Ihr das alles, Bruder Cordran?“, stieß John geradezu fassungslos hervor. Sein Gegenüber schien ihm direkt bis in den tiefsten Grund der Seele blicken zu können. Wie hatte er diese Dinge über ihn wissen können, da sie sich doch niemals zuvor begegnet waren?

John starrte sein Gegenüber unverwandt an.

Der Schein des Feuers vermochte nicht die Finsternis zu durchdringen, die unter der Kapuze seiner Kutte herrschte. Nur ab und zu war für wenige Sekunden die Spitze des Kinns im weichen Licht der Flammen zu sehen.

Bruder Cordran hob den Kopf.

„Ich weiß es einfach“, sagte er.

„Das ist unmöglich. Es sei denn...“

„Was?“

John schüttelte den Kopf und wich zurück. „Es sei denn, Ihr seid ein Hexer...“

Bruder Cordran machte eine ruckartige Bewegung.

John machte einen Schritt zur Seite, nahm eine Fackel von der Wand und hielt sie dem Mönch entgegen. Er hatte furchtbare Angst. Wenn dieser Mann wirklich ein Hexer war, dann hatte er dessen Kräften wahrscheinlich ohnehin nichts entgegenzusetzen...

Bruder Cordran umrundete die Feuerstelle. Er wirkte vollkommen ruhig.

Er hob die Hand, streckte sie in Johns Richtung aus.

John sah schaudernd auf den Totenkopf-Ring, der an einem der dürren Finger steckte.

„Es ist die Macht des Geistes, die mir all das über dich sagt“, erklärte er dann.

John lachte heiser.

„Ist das nicht nur ein anderes Wort für Schwarze Magie?“

„Vertrau mir, John...“

„Warum sollte ich das?“

„Ich habe dir das Leben gerettet. Vergiss das nicht.“

Er machte einen weiteren Schritt auf John zu.

„Nicht weiter!“, rief dieser. „Oder du wirst die reinigende Kraft des Feuers zu spüren bekommen!“

Bruder Cordran blieb stehen, wirkte nun fast regungslos.

„Die Angst hat dich verblendet, John Blendworth“, erklärte er dann gelassen. „So wie die meisten Bewohner Londons... Eine Krankheit, deren Ursache niemand kennt, und die die Menschen massenhaft dahinrafft, raubt ihnen den Verstand und treibt sie in die Arme hysterischer Hexenjäger und eifernder Prediger. Aber wenn du deinen klaren Verstand gebrauchst, wirst du feststellen, dass ich die Wahrheit spreche...“

„Du willst mich verhexen.“

„Hast du den Reiter des Schreckens gesehen? Den bleichen Knochenmann auf seinem fahlen Pferd? Er war keine Einbildung, nicht die Einflüsterung eines Hexers... Er war wirklich da und er bedroht die Existenz von uns allen... Er und die drei anderen Reiter der Apokalypse.“

John senkte die Fackel. Die tiefem, sonore Stimme seines Gegenübers hatte eine eigentümliche Überzeugungskraft. Ein Zauber ging von ihr aus, dem man sich schwer entziehen konnte. Ihr Klang gab einem das Gefühl, dass dieser geheimnisvolle Mann recht hatte.

Eine Versuchung Satans, durchzuckte es John. Er will mich täuschen...

„Ich dachte immer, die Reiter der Apokalypse erscheinen erst in den letzten Tagen?“

„Es ist in Wahrheit umgekehrt“, erklärte Bruder Cordran. „Wenn sie erscheinen, dann bricht das Ende der Welt an. Und sie sind längst unter uns. Aber es gibt einen Weg...“

„Einen Weg?“, echote John Blendworth misstrauisch. Aber der Mönch hatte sein Interesse geweckt.

„Ich weiß, dass kein Mensch - und wenn er über noch so gewaltige Kräfte verfügen würde - die Reiter der Apokalypse besiegen könnte. Und daher bin ich auch nicht so vermessen oder so dumm, es zu versuchen.“

„Was habt Ihr dann vor?“, Johns Stimme klang flüsternd. Das Knistern des Feuers verschluckte seine Worte beinahe.

„Ich will sie bannen“, erklärte er. „Für lange Zeit einschließen in einer kühlen Gruft. Es ist nur ein Aufschub für die elende Menschheit - mehr nicht. Aber ich glaube, dass es zu schaffen ist.“

„Mit den Mitteln der Magie!“, rief John.

„Mit den Mitteln eines geheimen Wissens, das lange Zeit verloren war“, korrigierte John. „Du hast einen der Reiter von Angesicht zu Angesicht gesehen! Da sie meine Feinde sind, können nur entweder sie oder ich Diener Satans sein! Was glaubst du - wer von uns auf der Seite des Bösen steht. Ich vielleicht? Ein Mann, der versucht Menschenleben zu retten und die Diener des Grauens zu bekämpfen, obwohl ihn das nicht nur das Leben, sondern auch die Seele zu kosten vermag?“,

„Ihr habt den Reiter besiegt“, stellte John fest. „Was wollt Ihr mehr, Bruder Cordran.“

„Ich habe ihn nicht besiegt - nur vertrieben, indem ich seine Kräfte gegen ihn selbst richtete. Wenn wir ihm das nächste Mal begegnen, wird er dadurch nicht mehr zu überraschen sein...“

Er ging weiter auf John Blendworth zu. Er scheint zu wissen, was geschieht, ging es John schaudernd durch den Kopf. Er ist sich absolut sicher, dass ich ihm helfe - so als wäre das alles längst Vergangenheit!

Jetzt stand der Mönch vor ihm.

Die gähnende Finsternis unter seiner Kapuze war unergründlich. Er streckte die Hand aus und nahm John die Fackel aus der Hand. Dieser ließ das ohne Widerstand geschehen.

„Was ich tun will, kann ich nicht allein vollbringen. Es ist vielleicht die letzte Chance, das Grauen zu besiegen... Die Reiter sind leibhaftig hier... hier in London... alle vier...“ Sein verhüllter Kopf machte eine ruckartige Bewegung. „Eine solche Gelegenheit kommt nicht wieder... Und du weißt es.“

John schluckte.

Die knochige Hand mit dem Totenkopfring hob sich und ehe John sich versah, spürte er einen sanften Druck an seiner Schläfe.

„Wirst du mir helfen?“ Die Stimme des Mönches hallte in Johns Kopf wider, so als würde sie aus seinem Innern kommen.

„Ja“, murmelte John.

Der Mönch legte jetzt auch die andere Hand auf seinen Kopf.

Ein eigenartiges Kribbeln durchraste John.

Eine Kraft, die ihn frösteln ließ und seinen Willen lähmte.

„An das, was von jetzt an geschieht, wirst du dich nie mehr erinnern, John Blendworth... Nie mehr... Nie mehr...Nie mehr...“

*

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Nie mehr..., so sagte Bruder Cordran damals“, erklärte Tom, während wir in der Bibliothek darauf warteten, dass Dr. Graham seine Untersuchung abgeschlossen hatte. Er hatte in der Zwischenzeit noch nicht einmal den Mantel ausgezogen - und ich dachte ernsthaft daran, mich wärmer anzuziehen, denn es war eiskalt in der Villa geworden.

„Aber jetzt erinnern Sie sich wieder an alles“, stellte Tante Lizzy fest.

„Nicht an alles“, korrigierte Tom. „Es gibt immer noch Bereiche, in die ich trotz aller Anstrengungen nicht vorzudringen vermag. Sie müssen sich das so ähnlich wie einen hypnotischen Block vorstellen.“

„Normalerweise kann man den nicht selbst lösen“, gab Tante Lizzy zu bedenken.

Tom nickte.

„Ich weiß. Ohne die Konzentrationstechniken, die mich die Mönche von Pa Tam Ran lehrten, wäre das auch nicht möglich.“

„Hat dieser Bruder Cordran es geschafft, die Schreckensreiter zu bannen?“, fragte Tante Lizzy.

„So muss es gewesen sein“, nickte Tom. „Und dann hat sie vermutlich jemand aus ihrem langen Schlaf geweckt. Jemand, der damit ein ganz bestimmtes Ziel verfolgte.“

Ich sah ihn an.

„Du sprichst vom ORDEN DER MASKE?“

„Ja, Patti.“ Er wandte sich erneut an Tante Lizzy. „Wissen Sie mehr über den Messingteller im Salon?“

„Der Trödelhändler, von dem ich den Teller erwarb, erzählte mir, dass er angeblich einer ominösen Vereinigung gehörte, die sich Bruderschaft der Apokalypse nannte und okkulte Experimente durchführte. Ich muss gestehen, dass ich ihm kaum Bedeutung zugemessen habe. Er hängt einfach im Salon, weil ich ihn schön finde. Ein Objekt ernsthafter Studien war er für mich nie...“

„Mit der Hilfe eines solchen Tellers wehrte Bruder Cordran den vierten Reiter ab“, murmelte Tom. „Es muss irgendwelche Quellen darüber geben...“

„Bei Hermann von Schlichten wird ein Bruder C. erwähnt“, meinte Tante Lizzy. „Der soll angeblich im vierzehnten Jahrhundert in London gelebt haben und ein übersinnlich sehr begabter Hexer gewesen sein... Aber das sind alles nur sehr vage Hinweise, deren Gehalt wohl ziemlich dürftig ist.“

Ein Schrei hallte in diesem Augenblick durch die Vanhelsing Villa.

„Das war Dr. Graham!“, stieß Tante Lizzy etwas verstört hervor.

Wir stürzten aus der Bibliothek heraus, liefen den Flur entlang und blieben dann wie angewurzelt stehen. Auch aus den anderen Räumen waren die Gäste in den Flur gekommen. Holz splitterte. Eine Tür zerbarst, und eine wankende Gestalt kam uns entgegen.

Es war Alec St. John.

Sein Gesicht war noch immer totenblass.

Aber in den Augen leuchtete es. Sie waren erfüllt von einem grellen Licht, das es beinahe unmöglich machte, den dahertaumelnden Leichnam direkt anzusehen. Die Züge waren zur Grimasse verzerrt. Ein knurrender, beinahe tierischer Laut drang über seine Lippen. Er streckte die zitternden Hände aus, mit denen er die Tür zerschlagen hatte. Im Hintergrund war zu sehen, dass Dr. Graham reglos am Boden lag.

Das Leuchten in den Augen des von unheimlichen Leben erfüllten Toten begann zu pulsieren. Er stürzte sich auf Elaine Sykes, die fassungslos und wie zur Salzsäule erstarrt dagestanden hatte. Schreiend wich Elaine ein paar Schritte zurück.

Tom Hamilton riss die Pistole aus seiner Manteltasche.

Der untote Alec St. Hugh zeigte sich davon nicht im mindesten beeindruckt.

„Lassen Sie das, Mr. Hamilton!“, rief Hugh St. John. „Er ist mein Sohn!“

„Das ist nicht mehr Ihr Sohn“, sagte Tom und feuerte.

Zweimal kurz hintereinander drückte er ab.

Die Kugeln trafen Alecs Brustkorb, ließen den Untoten ein wenig nach hinten schwanken und beinahe das Gleichgewicht verlieren.

Das war allerdings auch schon alles.

Der Untote blickte an sich herab, berührte mit zitternder Hand die Hemdbrust, betrachtete das Blut, das ihm zwischen den Fingern hindurchrann und stieß einen schauderhaften Schrei aus.

Aber es war kein Schmerzensschrei, sondern ein Wutgeheul.

Er griff im nächsten Moment an. Mit einer Schnelligkeit, die ich ihm zuvor nicht zugetraut hatte, stürzte er sich auf Tom. Die anderen Gäste, die ihm im Weg standen, stoben schreiend auseinander. Panik erfüllte sie im Angesicht des Untoten.

Tom schoss erneut.

Die Wucht der Kugel stoppte das grauenerregende Wesen, das einst Alec St. John gewesen war. Er taumelte zurück gegen die Wand und rutschte zu Boden. Mitten auf seiner Stirn befand sich ein Einschussloch. Aber seine Augen leuchteten noch immer dämonisch. Er richtete sich auf, wirkte etwas steif dabei, aber niemand konnte daran zweifeln, dass diese Kreatur wieder auf die Beine kommen würde.

Elaine und Gordon Sykes wichen zurück in den Salon. Hugh St. John stierte fassungslos auf seinen Sohn und war dabei nahezu totenbleich geworden. Tante Lizzy stand wie angewurzelt da.

Tom gab mir die Pistole in die Hand.

„Schieß, wenn er näherkommt“, sagte er. „Das wird ihn zumindest für einige Augenblicke in Schach halten....“

Tom rannte durch die Tür zum Salon.

Der Untote stand inzwischen wieder auf seinen Beinen.

Auf seinem Gesicht stand ein triumphierendes Grinsen - oder zumindest die entstellte Karikatur davon. Ich spürte einen Druck hinter den Schläfen. Die Anwesenheit einer übersinnlichen Kraft. Das Leuchten seiner Augen wurde so grell, dass ich geradezu geblendet wurde.

Gleichzeitig drang ein Geräusch an meine Ohren.

Der Hufschlag eines Pferdes, so als würde es über Kopfsteinpflaster laufen...

Ein eisiger Schrecken packte mich.

Von überall her schien dieses Geräusch zu kommen. Es hatte keine Richtung, sondern umgab mich von allen Seiten. Es hallte dröhnend in meinem Kopf wider, so dass ich glaubte, er müsste zerspringen. Es war unerträglich.

„Nein!“, schrie ich, während die Gestalt auf mich zuwankte.

Wer ist es, der diesem Leichnam jene unheimliche Kraft verleiht, gegen die es kein Mittel gibt..., zuckte es mir durch den Kopf. Ich kniff die Augen zusammen und feuerte.

Ich schoss so lange bis es nur noch 'klick' machte.

Das Magazin der Walther war leer. Ich wich zurück, hob den Arm schützend vor das Gesicht, während ich rückwärts vor der Kreatur zu fliehen versuchte.

„Patti!“, rief Tante Lizzy.

Ich konnte nichts sehen. Meine Sehnerven mussten völlig überreizt sein. Da war nur gleißende Helligkeit, die eine Welle des Schmerzes verursachte. Längst hatte ich die Augen geschlossen, aber das nützte nichts. Die Helligkeit kam aus meinem Inneren. Sie überflutete mein Bewusstsein, verbrannte es geradezu.

Ich spürte etwas nach meinem Hals fassen.

Eine Hand.

*

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EIN AUGENBLICK KANN eine Ewigkeit bedeuten, dachte ich. Aber auch eine Hölle...

Das eigenartige Feuer, das in den Augen dieses Untoten brannte, hatte mich berührt und daraufhin hatte ich jegliche Orientierung in der Zeit verloren. Ich wusste nicht, wie viel davon vergangen war, seit jener verhängnisvollen Sekunde, als ich den letzten Schuss auf die Kreatur abgefeuert hatte. Vielleicht war die Zeit stehengeblieben, vielleicht so unendlich schnell vergangen, das die Jahrhunderte an mir vorbeistrichen, ohne dass ich es auch nur bemerkt hätte.

Ich fiel, spürte dann irgendwann den harten Boden unter mir und war auf unerklärliche Weise erleichtert.

Das allumfassende Licht verschwand. Es machte der Dunkelheit platz.

Ich öffnete die Augen.

Das erste was ich sah, war Tom.

Er stand breitbeinig im Eingang zum Salon und hielt den Messingteller in beiden Händen, auf dem die Zeichen der Apokalyptischen Reiter zu sehen waren. Der Teller glänzte eigenartig, schien fast zu glühen.

Ich ahnte, was geschehen war.

Toms Gesicht war starr.

Er stand da wie in Trance.

Er hatte mit Hilfe des Tellers offenbar die übersinnlichen Kräfte, über die der Untote verfügte, gespiegelt - so wie jener Bruder Cordran vor 650 Jahren, von dem er uns berichtet hatte.

Tom ließ den Teller fallen. Er kam scheppernd zu Boden.

Dunkle Abdrücke zeigten sich dort, wo der Tellerrand seine Hände berührt hatte.

Tante Lizzy beugte sich zu mir herab. „Alles in Ordnung, Kind?“

„Ich weiß nicht...“

Ich wandte den Kopf.

Erst jetzt nahm ich die Kleidungsstücke wahr, die direkt neben mir auf dem Boden lagen. Sie waren blutverschmiert. Ein dunkler Anzug, ein Hemd...

Ich brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, dass es sich um Alec St. Johns Sachen handelte.

Von seinem Körper war nichts als feiner, grauer Staub geblieben.

Ich stand auf und ging auf Tom zu.

Er  nahm mich in die Arme. Und einige Augenblicke lang schwiegen wir. Er strich mir zärtlich über das Haar und langsam löste sich der tranceartige Zustand auf, in den er sich versetzt hatte. „Ich weiß jetzt, was Bruder Cordran getan hat... Es sind nebelhafte Bilder, Patti! Erinnerungsfetzen, aber langsam entsteht aus diesen Einzelteilen ein Bild...“ Er deutete auf Alec St. Johns Sachen. „Die Kraft von einem der Reiter war in diesem Toten.“

„Ich habe das Pferdegetrappel gehört.“

„Du auch?“

„Es war ohrenbetäubend.“

Jetzt mischte sich Tante Lizzy ein. „Ich habe es auch gehört“, erklärte sie.

„Wir alle“, ergänzte Hugh St. John. Und auch Elaine und Gordon Sykes sowie Dr. Erich Jacobi, der Spezialist für alte Sprachen, nickten einhellig.

„Ich frage mich, wie es möglich war, dass die Kräfte des Reiters bis in die Mauern dieses Hauses hinein wirken konnten?“, fragte ich.

Ein müdes Lächeln ging über Toms Gesicht.

„Vermutlich bin ich daran Schuld. Dadurch, dass ich Alec hier her, ins Innere dieses Kreises aus magischen Zeichen, brachte, ermöglichte ich dieser Macht vielleicht, hier einzudringen.“

Tante Lizzy ging in Richtung des Gästezimmers. In der Tür war ein Loch, das so groß war, dass man bequem hindurchsteigen konnte. Tante Lizzy öffnete die Tür und trat ein. Ich folgte ihr und sah einen Augenblick später, wie meine Großtante sich über den Körper des Arztes beugte. Dr. Grahams Gesicht war weiß. Tränen rannen Tante Lizzy über die Wangen. Ich kniete mich zu ihr, um sie zu trösten.

*

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DER TOTE WURDE WENIG später in ein kleines Gartenhaus gebracht, dass sich außerhalb des Zeichenkreises befand, mit dem Tante Lizzy uns hatte schützen können. Schließlich sollte mit Dr. Graham auf keinen Fall dasselbe geschehen wie mit Alec St. John. Und in Anbetracht der Umstände war das nicht auszuschließen.

Anschließend nahm Tom mich zur Seite. Er führte mich in die Bibliothek, in der sich im Augenblick niemand befand.

„Patti“, sagte er. „Noch ist vieles an meinen Erinnerungen verschwommen, aber ich weiß jetzt, dass Bruder Cordran damals an insgesamt vier Stellen in London Urnen mit Asche vergraben hat.“

„Die vier Reiter!“, stieß ich hervor.

„Ja. Er verbrannte sie mit ihrer eigenen Höllenkraft, die er mit Hilfe bestimmter Rituale gegen sie wandte. So ähnlich wie das, was er mit dem Teller tat - aber das vermochte sie nur abzuwehren. Die Stellen, an denen die Urnen vergraben waren, hatten eine bestimmte Anordnung. Sie bildeten ein gleichschenkliges Dreieck. Die Urne des vierten Reiters bildete den Mittelpunkt.“

„Er scheint eine zentrale Bedeutung zu haben.“

„Die hatte er bereits in der Offenbarung, Patti! Es heißt, dass ihm die Geschöpfe der Hölle nachfolgen...“

„Das ist schrecklich...“

„Das finde ich auch“, drang in diesem Moment die Stimme von Gordon Sykes zu uns. Mit einem Knarren öffnete er die halboffene Tür zur Bibliothek vollends. Ich hatte keine Ahnung, wie lange er unser Gespräch schon mitangehört hatte.

Sein Lächeln war verkrampft.

„Es war nicht meine Absicht zu lauschen“, erklärte er. „Und eigentlich suchte ich hier auch nicht Sie, sondern die Herrin des Hauses, Mrs. Vanhelsing.“

„Was wollen Sie?“, fragte ich - etwas schroffer, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte.

„Nun, ich weiß nicht genau, wovon Sie eigentlich reden und wer beispielsweise dieser Bruder Cordran ist...“, begann der Parapsychologe gedehnt. „Und eigentlich bin ich auch ein vollkommen nüchtern denkender Wissenschaftler. Schon, um mit meinem Wissensgebiet überhaupt ein wenig ernst genommen zu werden! Aber seit ich diese Reiter über uns kommen sah, bin ich bereit, an allen möglichen Hokuspokus zu glauben...“

„Sie sind ein Zyniker“, erklärte Tom kühl.

„Möglich. Aber das soll Sie nicht kümmern. Sie erwähnten etwas von gewissen Urnen, die in einer ganz bestimmten Anordnung auf dem Gebiet der Stadt London verteilt wurden...“

„Ja“, nickte Tom.

„Ein gleichschenkliges Dreieck mit einem Punkt in der Mitte. Sieht für mich wie ein Symbol aus... Egal! Ich habe verschiedentlich meine Messergebnisse erwähnt. Die ungewöhnlich heftigen Entladungen übersinnlicher Energien.“

„Glauben Sie, dass es da einen Zusammenhang gibt?“, hakte ich nach.

„Mit Hilfe meiner Apparaturen bin ich in der Lage, solche Energien ungefähr zu orten. Zumindest in einem Umkreis der etwas größer als Greater London ist. Wenn man die Punkte miteinander verbinden würde, dann ergäbe sich eine ähnliche Figur...“

„Wissen Sie auswendig, wo sich diese Punkte befinden?“, fragte ich.

Gordon Sykes lächelte dünn. „Auswendig nicht, aber ich habe sie in einen Stadtplan eingetragen. Eigentlich hatte ich vor, mich mit Mrs. Vanhelsing darüber auszutauschen und sie nach ihrer Meinung zu fragen.“ Er langte in die Seitentasche seines Jacketts und holte einen etwas ungeschickt zusammengefalteten Stadtplan hervor. Den breitete er auf einem der kleinen runden Tische aus. Fünf Punkte waren mit rotem Filzstift markiert worden. Und sie waren genau so angeordnet, wie Tom es von den Urnen gesagt hatte.

„Ich denke, dass wird deine Großtante brennend interessieren“, murmelte Tom.

*

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DREI BURGEN HATTE WILHELM der Eroberer im elften Jahrhundert in London errichten lassen, nachdem seine normannischen Ritter die Angelsachsen in der Schlacht von Hastings besiegt und England erobert hatten.

Zwei dieser drei Burgen waren im Verlauf der Jahrhunderte spurlos verschwunden.

Niemand wusste heute, wo man nach ihren Überresten hätte graben sollen.

Nur die dritte dieser Burgen hatte all die Jahrhunderte schadlos überstanden.

Der berühmte Tower of London.

Dreizehn Türme reckten sich am inneren Mauerring in den Himmel, dazu kamen weitere sechs Türme, die zum äußeren Befestigungsring gehörten. Nebel hatte sich über das erhabene graue Gemäuer gesenkt. Die in der Nähe des Towers gelegenen Hochhäuser überragten die höchsten Türme und standen nun als drohende dunkle Schatten da.

In unmittelbarer Nähe der Burgmauern befand sich die Themse. Und etwas flussabwärts erhoben sich die mächtigen Zwillingstürme der Tower Bridge als dunkle Schatten aus dem Nebel heraus.

Eine Passagierfähre trieb führerlos den Strom hinab. Sie trug den Namen MAYFLOWER GARDEN.

Im trüben Licht dieses düsteren Tages konnte man dennoch auch vom Ufer aus sehen, dass es sich um ein grausiges Totenschiff handelte. Erstarrte, fahle Gesichter drückten sich gegen die Scheiben.

Der Tod war wie der Blitz in diese Feiergesellschaft gefahren, während sie auf das neue Jahrtausend angestoßen hatte, dessen Anbruch die Passagiere auf einer Fahrt themseabwärts erleben wollten. Der Fluss schlängelte sich in Mäandern durch die Stadt, bevor er dann der Küste zustrebte. Wahrscheinlich hatte sich die Fähre in den Flussbiegungen oder an einer der zahlreichen Brücken zeitweise verkeilt, bevor die Kraft der Strömung sie dann schließlich doch mit sich riss.

Das Totenschiff trieb ohne klare Richtung dahin, ein Spielball des Flusses. Es kam auf die befestigte Uferböschung zu und krengte geräuschvoll dagegen. Ein furchtbarer, schreiender Laut entstand, als das Metall sich mit dem Stein der Uferbefestigung rieb.

Ein Geräusch, dass wie ein letzter, verzweifelter Klagechor der Toten klang.

Der Aufprall der MAYFLOWER GARDEN setzte einige von ihnen in Bewegung, rüttelte sie, stieß sie von den Fenstern oder bewegte hier und da einen Arm.

Ein gespenstischer Anblick.

Endlich, als das Totenschiff durch die Strömung wieder vom Ufer fortgerissen und anschließend wie in einem Strudel einmal um sich selbst gedreht wurde, verstummte das ohrenzerfetzende Geräusch.

Die Fähre trieb unter der Tower Bridge her, krengte dabei geräuschvoll gegen einen der Pfeiler und fand dann schließlich doch noch ihren Weg flussabwärts.

An Stelle der nervenzerfetzenden Geräusche, die der Schiffskörper verursachte, sobald er irgendwo aufprallte oder entlangschabte, war jetzt ein anderes Geräusch zu hören.

Das Galoppieren von Pferden.

Es wurde lauter und lauter, hallte zwischen den grauen Mauern des Tower of London wider und schwoll einer Intensität an, als ob eine ganze Kompanie von Kavalleristen die Uferstraße entlangpreschte.

Aber noch war nirgends etwas zu sehen.

Nicht eine einzige lebende Seele.

Neben grauen Burgmauern lagen vereinzelt einige tote Passanten, über die sich die ewige Nacht so schnell gesenkt haben musste, dass sie nicht einmal Zeit gehabt hatten, Entsetzen zu empfinden. Ihre bleichen Gesichter waren eher fragend als von Grauen zerfurcht.

In einiger Entfernung erschien nun eine transparente Reitergestalt, wie aus dem Nichts. Der Nebel waberte durch sie hindurch. Der Hintergrund schimmerte zunächst hervor, dann gewann der Reiter an Substanz. Er trug einen Bogen in der Hand und auf dem Kopf den Kranz des Siegers. Mit ungeheurem Tempo preschte er die Uferstraße entlang und zügelte dann im Schatten eines knorrigen Baumes, in den wohl einst der Blitz gefahren war, sein Pferd.

Ihm entgegen kam der zweite Reiter.

Sein Schwert trug er an der Seite.

Es gab niemanden mehr zu erschlagen.

Fast niemanden...

Der Reiter mit der schaukelnden Waage in der Hand ritt als transparente Gestalt direkt aus dem grauen Gemäuer heraus, das den Tower of London umgab. Sein Pferd wieherte schrill, als er sich zunächst als blasses Bild auf dem Stein abzeichnete, bevor er materialisierte.

Die drei Apokalyptischen Reiter sahen sich an, ließen dann die Blicke kreisen.

„Wo ist unser Gefährte?“, fragte der Bogenschütze.

„Es gab noch etwas für ihn zu tun“, dröhnte die Stimme des Schwertkämpfers. „Eine letzte kleine Insel des Lebens, geschützt durch eine Art Bann. Wir werden ihn bald wiedersehen...“

„...und die Geschöpfe der Hölle werden ihm folgen, so wie es geschrieben steht“, ergänzte der Reiter mit der Waage. Seine Augen leuchteten dämonisch auf und ein dröhnendes Lachen folgte.

Er riss klappernd die Waage empor und rief dann: „Es gibt keine Rationen mehr, die ich für die Hungernden abwiegen könnte. Es gibt vor allem keine Hungernden mehr. Jetzt gilt es, das Gewicht von Seelen abzuschätzen...“ Der Mann mit der Waage kicherte, während das Licht in seinen Augenhöhlen grell aufblitzte.

Von der Themse her ertönte jetzt erneut das Geräusch eines galoppierenden Pferdes.

Die transparente Erscheinung des vierten Apokalyptischen Reiters schälte sich in all seinen schaurigen Details aus dem Nebel heraus.

Der magere Knochenmann, der in der Linken die Schale des Todes balancierte, gewann immer weiter an Substanz. Die Hufen seines fahlen Kleppers fanden auf der Wasseroberfläche Halt wie auf festem Grund.

Er ritt unter der Tower Bridge her.

Schließlich erreichte der Knochenmann seine Gefährten.

Er zügelte grob sein Pferd.

Dessen Wiehern glich dem heiseren Röcheln eines Schwindsüchtigen.

„Nun, hast du Erfolg gehabt, Bruder?“, erkundigte sich der Schwertkämpfer.

Der zum Skelett abgemagerte Knochenmann schüttelte den Kopf. Seine Haut wirkte so pergamentartig, dass man an eine halbverweste Mumie erinnert war. Das bläuliche Feuer in der Schale des Todes glomm nur schwach.

„Nein“, sagte er.

„Dann existiert diese Insel des Lebens noch immer?“

„Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie von selbst vergehen wird. Sie kann nicht existieren, wenn erst die Geschöpfe der Hölle die Erde beherrschen... ihr Sterben wird sich nur verlängern...“

„Konntest du denn nichts tun?“, fragte der Bogenschütze etwas ungehalten.

„Selbst uns sind gewisse Grenzen gesetzt, Bruder. Vergiss das nicht. Wir selbst sind erst vor kurzem dem Staub des Vergessens entstiegen... Unsere Kräfte werden noch wachsen, die ihren dagegen schwinden.“

„Unser Meister wird damit nicht einverstanden sein...“

„Er wird verstehen...“

„Wir sind auf seine Kraft angewiesen, wenn wir nicht zurück in den Staub sinken wollen.“

„Ist ER nicht in gleicher Weise auf uns angewiesen? Wer könnte eine tote Welt für IHN regieren? ER wird zufrieden sein... Trotz allem.“

Der Bogenschütze lachte dröhnend. „Bist du dir sicher, Bruder? Wie du schon sagtest, wir sind dem Staub des Vergessens gerade entrissen worden... Ich habe nicht die Absicht, so bald wieder dorthin zurückzusinken.“

„Das wird auch nicht geschehen“, versicherte der Knochenmann.

Und dabei drehte sich sein an einen Totenschädel erinnernder Kopf zur Seite in Richtung der gewaltigen Mauern des Towers.

Jemand hatte eine Öffnung mitten in einen gewaltigen Steinquader hineingehauen, der vollkommen in das Mauerwerk integriert war. Der Steinquader war offenbar zumindest teilweise hohl.

„Nie wieder in dieses Grab!“, dröhnte der Knochenmann mit grimmig verzogenem Gesicht. „Nie wieder Staub sein!“

Unmittelbar vor dieser Öffnung im Mauerwerk lag ein zerschlagenes Tongefäß auf dem Boden. Die Überreste einer Urne.

In einem Halbkreis um diese Urne herum lagen messingfarbene Metallmasken und weiße Gewänder auf dem Boden, von deren Trägern es nirgends eine Spur gab.

„Sie, denen wir unser Leben verdanken, sind verschwunden“, sagte der Reiter mit der Waage.

„Auch sie waren nur Schachfiguren - so wie wir. Marionetten in SEINEN Händen.“

*

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WIR BEFANDEN UNS IN der Bibliothek. Tante Lizzy hatte einige Bände mit rekonstruierten Stadtplänen des mittelalterlichen Londons hervorgeholt, darunter auch den kostbaren Folianten des im vierzehnten Jahrhundert lebenden Mönchs und Kartographen Michaelus Munsonius, der im Auftrag des okkultistisch interessierten Kaufmanns Davide de Murphy eine umfangreiche Sammlung von Stadtplänen angelegt hatte. Auf diesen Plänen waren auch sogenannte Orte verborgener Kräfte verzeichnet, Plätze, um die sich alte Legenden rankten oder von denen magische Wirkungen überliefert waren.

Natürlich besaß Tante Lizzy kein Original der Munsonius-Pläne. Die Karten waren im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder kopiert worden. Tante Lizzys Ausgabe stammte aus dem Jahr 1823. Darüber, wie originalgetreu diese Stadtpläne im Verlauf unzähliger Kopierungen geblieben waren, konnte man natürlich nur spekulieren.

Immerhin fanden sich aber auch hier jene vier Punkte in ihrer charakteristischen Anordnung, von denen auch Gordon Sykes gesprochen hatte. Erich Jacobi, der Altsprachler war bei der Übersetzung der lateinischen Erläuterungen zu den Karten behilflich. Es dauerte nicht allzu lang, bis die Punkte ziemlich eindeutig bestimmt waren. Die Eckpunkte des gleichschenkligen Dreiecks wurden durch Friedhöfe gebildet, während der Punkt in der Mitte ein äußerst prominentes Gebäude der Londoner Skyline war.

Der Tower.

„Ich muss diese Punkte einzeln aufsuchen“, erklärte Tom.

„Und was haben Sie dort vor, Mr. Hamilton?“, erkundigte sich Gordon Sykes mit schneidendem Unterton.

Tom blieb gelassen. „Das weiß ich vielleicht, wenn ich dort bin. Aber ich weiß, dass diese Orte der Schlüssel zu dem sind, was geschehen ist.“

„Ich werde dich begleiten“, versprach ich.

Er sah mich an und auf seinem Gesicht zeigte sich tiefe Sorge. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, Patti. Draußen regiert der Tod. Wer weiß, was dort geschieht. Vielleicht werden auch wir zu bleichen Mumien, wenn wir die Schutzzone um die Villa für längere Zeit verlassen. Auf jeden

Fall werden wir den Kräften hilflos ausgeliefert sein, die Alec St. John zum Leben erweckten.“

„Nicht schutzlos. Wir können den Messingteller mitnehmen. Du weißt, wie man ihn anwendet...“

Tom hob die Hände.

Die dunklen Male waren noch immer zu sehen.

„Ich hoffe, dass ich das nicht noch einmal tun muss“, sagte er düster.

„Tom, du weißt, dass ich übersinnliche Energien spüren kann. Ich werde dich begleiten und mich davon auch nicht abbringen lassen.“

„Ich halte Ihren Plan für absurd, Mr. Hamilton“, erklärte Gordon Sykes. „Was wollen Sie denn da draußen? Diese Apokalyptischen Reiter besiegen? Vermutlich gibt es in ganz London - und darüber hinaus - keine lebende Seele mehr. Wen wollen Sie retten? Früher oder später werden auch wir dahingerafft werden...“

„Sie denken zu negativ, Mr. Sykes“, erklärte Tom ruhig. Dann wandte er sich an Tante Lizzy. „Ich bin überzeugt davon, dass Cordran Vorsorge für den Fall getroffen hat, dass die Schreckensreiter zu neuem Leben erwachen. Er wollte gewiss nicht, dass sein Wissen in falsche Hände gerät. Aber auf der anderen Seite muss er es für den Fall der Fälle bewahrt haben. Und zwar so, dass es gefunden werden kann.“ Und in gedämpftem Tonfall fügte er dann noch hinzu: „...dass ich es finden kann. Es muss Spuren geben, die zu diesem Wissen hinführen. Ich habe sie nur noch nicht entdeckt...“

Tante Lizzy hob die Augenbrauen. „Vielleicht sollte ich euch beide begleiten, schließlich...“

„Nein“, unterbrach Tom. „Versuchen Sie in der Zeit unserer Abwesenheit noch so viel wie Sie können über einen Mönch namens Cordran herauszufinden. Vielleicht gibt es da doch irgend etwas, was uns weiterbringen könnte. Eventuell reicht schon ein kleiner Hinweis, ein unscheinbares Detail, um die Blockade meiner Erinnerung zu brechen. Wenn Sie erlauben, werde ich den Messingteller mitnehmen. Ich habe das Gefühl, dass ich ihn noch brauchen werde...“

„Natürlich.“

„Die Pistole lasse ich Ihnen hier, Mrs. Vanhelsing. Sie haben ja gesehen, dass Sie auf diese Untoten eine zumindest vorübergehende stoppende Wirkung hat. Denn vielleicht gelingt es ja doch irgend einer dieser Kreaturen, in die Villa einzudringen...“

*

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TOM UND ICH GINGEN ins Freie. Ich hatte den Kragen meiner Jacke hochgeschlagen und fröstelte ein wenig. Die Temperatur schien ständig zu fallen. Schon als wir Toms Volvo erreichten, hatte ich das Gefühl, völlig durchgefroren zu sein.

Wir stiegen ein.

Der Wagen sprang an.

„Was tun wir eigentlich?“, fragte ich, während wir durch die toten Straßen fuhren. „Wir versuchen die Welt zu retten, nachdem sie schon untergegangen ist...“

„Wir müssen alles versuchen“, meinte Tom.

„Natürlich. Und trotzdem. Es kommt einem alles so vergebens vor, im Angesicht dieser Katastrophe...“

Ich blickte aus dem Fenster, während Tom den Wagen durch das Labyrinth lenkte, das diese Stadt darstellte. Ein totes Labyrinth. Überall sahen wir die Spuren der Vernichtung. Passanten lagen tot auf dem Bürgersteig. Zumeist feiernde Silvester-Partygänger, die der Tod auf dem Höhepunkt ihres Festes überrascht hatte.

Hin und wieder standen Wagen mitten auf der Straße. Viele waren es nicht, zum Zeitpunkt des Feuerwerks war kaum jemand unterwegs gewesen. Tote, fahle Gesichter drückten sich gegen Scheiben und bildeten einen Anblick gefrorenen Schreckens.

Eine gespenstische Stille lag über der ganzen Stadt, die sonst vor Aktivität pulsierte.

Jetzt war dieses schlagende Herz des ganzen Landes auf grausame Weise stillgelegt.

Auf den Knien hatte ich einen Stadtplan.

Unser erstes Ziel war ein Friedhof an der Templeton Road.

Wir kamen recht schnell voran - schneller, als es normalerweise zu dieser Zeit in der Londoner City möglich gewesen wäre.

Die Templeton Road war eine schmale Gasse, die in einem Halbrund auf eine Ausbuchtung der Themse zulief. Eigentlich herrschte hier Einbahn-Verkehr, aber unter den gegebenen Umständen spielte das keine Rolle. Tom nahm einfach den kürzesten Weg. Es gab schließlich niemanden außer uns, der die Verkehrsschilder missachten konnte...

Je weiter wir uns unserem Ziel näherten desto flauer wurde das Gefühl in meiner Magengegend. Ich bin hier schon gewesen, ging es mir durch den Kopf. Eigentlich wäre das nicht verwunderlich gewesen. London war zwar einerseits eine wahre Riesenstadt, aber als Reporterin der News kam man ganz schön in der City herum. Warum sollte ich also nicht schon hier gewesen sein?

Ich atmete tief durch.

„Es ist nicht wichtig, wer ich bin! Wichtig ist nur, was ich dir bringe... Die Schale des Todes!“, erinnerte ich mich schaudernd an die Worte des vierten Reiters, als er mir in meiner Vision begegnete. Nur Augenblicke bevor das Feuerwerk des Grauens am Londoner Himmel erschien...

Tom stoppte den Wagen vor dem gusseisernen Zaun, der den Friedhof umgab. Es war ein uralter Friedhof, auf dem schon längst keine Toten mehr begraben wurden. Aber einige Mausoleen und Grabstätten standen unter Denkmalschutz. Kelly J. Maddox, einer unserer Kollegen von der London Express News hatte mal eine ziemlich ausführliche Story darüber gebracht. Ein Versicherungskonzern hatte nämlich vorgehabt das Grundstück zu kaufen und einen Wolkenkratzer darauf zu errichten. Dazu war es nicht gekommen. Stattdessen hatte es einen ziemlich großen Skandal gegeben, als herauskam, dass Stellen in der Stadtverwaltung sich hatten bestechen lassen.

„Hast du den Messingteller dabei?“, fragte ich.

Tom nickte.

„Ja.“ Er hielt ihn in die Höhe. „Worin seine Wirkungsweise beruht, ist mir immer noch ein Rätsel. Schließlich handelt es sich mit Sicherheit nicht um den Teller, den Bruder Cordran damals benutzte. Dazu ist dieser hier in einem zu guten Zustand.“

„Diese Bruderschaft der Apokalypse, der der Teller ursprünglich gehörte, scheint wirklich über geheimes Wissen verfügt zu haben.“

Tom zuckte die Achseln.

„Ich möchte wissen, ob es diesen Leuten in der Stunde der Katastrophe genützt hat...“

Wir gingen auf das Tor zu, durch das man auf den ziemlich verwilderten Friedhof gelangen konnte. Die Grabsteine, die ich durch das Gitter sehen konnte, mussten schon sehr alt sein. Bei manchen von ihnen war die Gravur schon so gut wie verschwunden. Wind und Wetter hatten sie langsam eingeebnet und die Toten, die unter ihnen zur Ruhe gebettet waren, dem endgültigen Vergessen anheim gegeben.

Moos überzog den grauen Mauersockel, in den die Gitterstäbe eingelassen waren.

Tom stieß das Tor an. Es öffnete sich mit einem Quietschen. Das Schloss war längst durchgerostet.

Ich drehte mich um. Ein innerer Impuls zwang mich förmlich dazu. Ich hatte auf einmal ein Gefühl, als ob wir beobachtet wurden...

Ich blickte die schmale Gasse entlang. Nur undeutlich konnte man das Flussufer sehen.

Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Dies ist der Ort, an dem du dich in deiner Vision befunden hast, ging es mir schaudernd durch den Kopf. Dort, an der Ecke hast du gestanden, unfähig, dich zu bewegen, wie festgewurzelt am Asphalt...

Für einen kurzen Moment tauchte wieder jenes Bild des Schreckens in mir auf, als ich den Reitern der Apokalypse begegnet war.

Dies ist ein Ort, an dem wir uns keine Minute länger als unbedingt notwendig aufhalten sollten!

Tom sah mich an.

Ich folgte ihm. Er nahm kurz meine Hand und drückte sie. Sie war überraschend warm und erinnerte mich daran, dass wir beide die einzigen lebenden Wesen im weiten Umkreis waren. Sonst herrschte nur Tod und Verwesung um uns herum. Modergeruch stieg mir aus dem feuchten, langen Gras zu unseren Füßen entgegen. Es war so grau wie jenes in Tante Lizzys Vogarten. Eine schwarze Katze lag ausgestreckt neben einem Grabstein, die Beinpaare wie im Sprung auseinandergebreitet.

Ich spürte ein leichtes Pulsieren hinter meinen Schläfen.

Kein Zweifel, dies ist ein Ort, an dem übersinnliche Energien aktiv sind, dachte ich. Vermutlich trafen sich hier auch kosmische Kraftlinien. Ein Mann wie Bruder Cordran hatte diesen Ort sicher mit Bedacht gewählt, um die Asche eines Apokalyptischen Reiters aufzubewahren...

„Wonach suchen wir?“, fragte ich Tom, während ich den Blick über die verwitterten Grabsteine, die kleinen, moosbewachsenen Mausoleen und Familiengruften schweifen ließ.

„Ich werde es wissen, sobald ich es gefunden habe“, war Toms unbestimmte Antwort.

Er machte einen etwas ratlosen Eindruck, während sein Blick suchend umherschweifte.

Dann fixierte er einen dunkelgrauen Steinquader, der genau im Zentrum des Friedhofs lag.

Ich brauchte einen Augenblick, um es auch zu bemerken.

Auf der uns zugewandten Seite des Quaders war ein Relief.

Es glich bis ins Detail jenem des Tellers...

„Das ist es“, meinte Tom. Mit schnellen Schritten eilte er auf den Quader zu. Ich folgte ihm. Der Steinquader war vielleicht so etwas wie ein gewaltiger Grabstein. An der uns zugewandten Seite war zwei Meter tief gegraben worden und so konnte man sehen, dass dieser Steinblock noch weiter in die Erde hineinragte.

In einer Tiefe von etwa anderthalb Metern war ein Loch in den Stein gehauen worden.

„Vielleicht hat sich dort die Urne befunden“, meinte ich.

„Das hat sie“, nickte Tom. „Und ähnliche Kammern im Stein gibt es an den anderen auf dem Stadtplan markierten Stellen. Ich erinnere mich jetzt...“

„Die anderen Orte sind Friedhöfe. Aber der Tower of London...“

„Möglicherweise hat dort, wo sich heute die äußeren Festungsringe des Towers befinden einst ein Friedhof gestanden. Und falls sich dort ein Stein wieder befunden hat - ohne Namen und ganz gewiss nicht das Relikt einer christlichen Beerdigung - dann ist er vielleicht verbaut worden.“

Hinter dem Quader war eine mit Steinplatten gepflasterte Fläche, dahinter ein kleines Mausoleum, an dessen verwitterten Pforten halbzerfallene Engelsgestalten aus Stein Wache hielten. Das Moos hatte sich bereits in die zahllosen Ritzen und Risse hineingesetzt. Und Unkraut war zwischen den Steinplatten hindurchgewachsen. Jetzt war es wie alle Vegetation hier, grau und wie verdorrt.

In der Mitte dieses Platzes lag ein in Stücke geschlagenes Gefäß aus Ton.

Die Urne...

In einem Halbkreis lagen mehr als dreißig messingfarbene  Masken auf dem Boden. Konturlose Masken aus einem unbekannten Metall, wie sie der ORDEN DER MASKE benutzte. Unter jeder dieser Masken lag ein weißes Gewand...

Ketasarem macanuet Cayamu...

Der dumpfe Beschwörungssingsang der Mitglieder des ORDENs klang in meinem Inneren wider.

Ich erinnerte mich an düsteren Rituale, deren Zeuge Tom und ich mehrfach geworden waren. Für Sekundenbruchteile sah ich in der Erinnerung, wie sich die konturlosen Masken mit einem Zischen an die Gesichter schmiegten und ihre Konturen vollkommen nachbildeten...

Hier also hatte sie stattgefunden, die Beschwörung der Apokalyptischen Reiter.

Wir gingen in diesen Halbkreis der Masken.

„Es sieht so aus, als wären sie entmaterialisiert“, stellte Tom fest.

Ich nickte.

„Genau, wie sie es in ihren Prophezeiungen behauptet haben. Sie haben sich vermutlich an Orten wie diesem in der Nacht des Jahrtausendwechsels versammelt. Im Augenblick der großen Katastrophe hat Cayamu sie dann zu sich geholt, auf seine Welt der Doppelsonne...“

„Und warum haben sie ihre Masken hier zurückgelassen?“

„Sie brauchen sie nicht mehr, Tom“, murmelte ich fast tonlos. „Sie wissen, dass sich eine Zone des Todes über diese Welt ausgebreitet hat...“

Tom deutete auf das Mausoleum.

„Siehst du die Gravur dort, Patti?“

Jetzt fiel sie mir auch auf.

Zwei Kreise, die sich überschnitten, umgeben von Linien, die strahlenförmig von den beiden Kreisen ausgingen...

Das Symbol der Doppelsonne.

Das Zeichen Cayamus...

„Dieses Mausoleum muss eine Art Tempel des ORDENS DER MASKE gewesen sein“, stellte ich fest.

„Es sind immer wieder dieselben Orte, die solchen Zwecken dienen. Ein Tempel wird auf den Ruinen des anderen errichtet... Das ist fast wie ein Naturgesetz.“

„Tom, was können wir jetzt tun! Du musst dich erinnern. Versuche es! Versuche, John Blendworth zu werden... Auf irgendeine Weise hat Bruder Cordran es geschafft, die Reiter zu bannen.“

Tom schwieg. Er wandte sich dem Steinquader zu. Dieser wirkte wie ein Altar. Oder wie ein Sarkophag. Seine Hand strich über die glatte Oberfläche. Die Jahrhunderte hatten an dem Stein genagt, aber er wirkte immer noch wie ein unzerstörbarer Monolith. Kein Moos hatte sich in seine Ritzen und Unebenheiten hinzusetzen vermocht.

„Dieser Stein war Teil eines Hauses“, murmelte Tom dann. „Einer Kapelle... Jedenfalls in jener Zeit, als ich John Blendworth war...“

Seine Hand berührte den kalten Stein.

Er legte den Messingteller auf ihm ab.

„Ihr solltet euch mit der Tatsache eures Untergangs abfinden“, sagte in diesem Moment eine kalte, zynische Stimme. Ein heiseres Lachen folgte.

Wir wirbelten herum.

Zwischen den Säulen des kleinen Mausoleums, die dem Stil des antiken Griechenlands nachempfunden waren, stand eine durchscheinende Gestalt. Sie wirkte wie eine schwache Projektion. Aber Tom und ich erkannten sie sofort.

„Dr. Skull!“, stieß ich hervor.

Der Kopf war kahl, der Mund ein dünner Strich.

Er musterte uns triumphierend.

Oft schon waren wir diesem ehemaligen Gesichtschirurgen, der sein immenses okkultes Wissen zur Ausübung von Verbrechen benutzte, auf der Spur gewesen. Und immer wieder war er im letzten Moment seinem Schicksal entgangen.

„Durch eine Laune des Zufalls habt ihr die Apokalypse überlebt“, sagte er gedehnt. „Ich weiß nicht, ob das ein Glück für euch gewesen ist.. Ihr verlängert nur eure Qual...“

Die geisterhafte Gestalt trat auf uns zu.

Dr. Skull sah mich an. „Es ist schade um Sie, Patricia. Oft genug ist Ihnen angeboten worden, dem ORDEN DER MASKE beizutreten. Wir haben sogar versucht, Sie zu ihrem Glück zu zwingen. Aber Sie haben sich der Kraft der Maske erfolgreich widersetzt. Klug war das gewiss nicht. Denn alle diejenigen, die die Maske trugen, sind jetzt gerettet. Ein neues Leben erwartet uns - auf Cayamus Welt... Und auch ich bin längst dort. Ihr seht nur eine Astralprojektion von mir, die über den Abgrund zwischen den Welten hier her gesandt wurde, um unsere Diener zu beaufsichtigen.“

„Eure Diener?“, fragte ich. „Sie sprechen von den Reitern der Apokalypse...“

„So ist es. Die Kraft Cayamus hat sie zu neuem Leben erweckt, sie dem Staub des Vergessens entrissen...Sie sind unbesiegbar und das wisst ihr...“

„Einer hat es einst geschafft“, erwiderte Tom.

Dr. Skull wandte den Kopf. „Ihr sprecht von Bruder Cordran, nicht wahr, Mr. Hamilton? Er war gewiss ein Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten. Hermann von Schlichtens zweiter Band der ABSONDERLICHEN KULTE widmet ihm ein ganzes Kapitel... Aber von diesem Mönch existieren nicht einmal mehr die Gebeine. Er längst zu Erde zerfallen...“ Er wandte den Kopf, hob den Arm und deutete auf den Messingteller, den Tom auf den Steinquader gelegt hatte. Ein kaltes Lächeln zeigte sich um seine Lippen. „Seien Sie vorsichtig mit dem Ding. Sie können damit die Reiter nicht besiegen. Nicht endgültig... Aber Sie können selbst dabei verbrennen, wenn Sie unbedacht sind...“

Tom hob unwillkürlich die Hände.

Die Male zeichneten sich deutlich ab.

Dr. Skull lachte schallend. Er wandte sich an mich und streckte die Hand aus. Ich zuckte zusammen, als er mich berührte...

Seine Hand fuhr durch meinen Körper hindurch.

„Leben Sie wohl. Und sterben Sie bald, damit Sie sich in den langen Zug der Höllengeschöpfe einreihen können, die dem vierten Reiter folgen.“

Die Gestalt Dr. Skulls wurde immer durchsichtiger, verblasste zunehmend und löste sich nach wenigen Sekunden ganz auf. Sein heiseres Lachen hallte noch schauerlich nach.

In diesem Moment ertönte das Geräusch von Pferdehufen.

Ganz leise und sehr fern...

*

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ICH FASSTE TOM AM ARM. „Wir müssen hier weg... Die Reiter kommen!“

Tom blickte nachdenklich auf den Halbkreis der Masken, dann auf die zerbrochene Urne. Er beugte sich nieder, hob eine Scherbe davon auf, so als würde ihn das seinen blockierten Erinnerungen näherbringen. Er umfasste sie.

„Komm!“, rief ich.

Das Geräusch der galoppierenden Pferde wurde lauter. Hinter meinen Schläfen pulsierte es. Ich spürte die Berührung einer mentalen Kraft. Wir erreichten das Tor.  Unser Wagen stand nur ein paar Schritte entfernt.

Das Geräusch von splitterndem Holz und klirrenden Glasscheiben drang durch das Getrappel der Pferde hindurch. Wankende, totenbleiche Gestalten kamen aus den Häusern. Ihre Augen waren blicklos und von grellem, dämonischen Leuchten erfüllt. Drohende, knurrende Laute kamen über ihre Lippen. Männer und Frauen mit fahlen Gesichtern, aus denen der Tod jegliche Farbe getilgt hatte. In mehreren Reihen kamen sie die Gasse herauf.

Auch von der anderen Seite näherten sich Untote mit schleppendem Schritt, während die Hufgeräusche ohrenbetäubend wurden.

Wir wichen wieder durch das Tor zurück auf den Friedhof.

Mit dem Wagen wären wir durch ihre Reihen nicht hindurchgekommen.

Und angesichts der gewaltigen Kräfte, über die diese Untoten verfügten, war es alles andere als ratsam, so etwas zu versuchen.

Ihre bleichen Gesichter tauchten bereits hinter den gusseisernen Gitterstäben auf. Ihre Hände rüttelte daran. Einige der Stäbe brachen aus ihrer Versenkung. Der erste Untote trat das Tor mit einer so großen Wucht zur Seite, dass die rostigen Scharniere brachen. Mir war schwindelig. Ich spürte die Berührung immenser mentaler Energien und versuchte verzweifelt, mich dagegen abzuschirmen.

Auch von der gegenüberliegenden Seite her waren nun Geräusche zu hören. Es raschelte zwischen den verwilderten Büschen. Männer und Frauen schlugen sich den Weg durch die dichte Vegetation frei, die auf dem hinteren Teil des Friedhofs nur so wucherte. Gitterstäbe barsten. Bleiche Gestalten mit leuchtenden Augen überstiegen Zäune und Mauern.

Ihre toten Körper wankten auf uns zu.

Das Licht in ihren Augen wurde greller und begann zu pulsieren.

Tom nahm den Messingteller in beide Hände.

Er hob ihn hoch, streckte die Arme aus, so dass er ihn wie einen Schutzschild den Untoten entgegenhielt.

Tom schloss die Augen.

Seine Lippen murmelten etwas vor sich hin. Silben, Worte, Laute, von denen nichts zu verstehen war. Der Teller begann zu schimmern. Er wirkte wie glühend. Toms Gesicht war wie unter Schmerzen verzerrt.

Schaudernd dachte ich an die Worte von Dr. Skull...

Das Licht des Tellers wurde so grell wie jenes, das in den Augen der Untoten leuchtete. Und es pulsierte im selben Rhythmus.

Dann schoss ein breiter Lichtkegel aus dem Teller heraus. Dumpfe Knurrlaute stießen die Untoten aus. Überall dort, wo der Lichtkegel sie erfasste, zerfielen sie augenblicklich zu Staub. Ihre Kleider fielen in sich zusammen. Der Staub rieselte aus Ärmeln und Kragen heraus. Ein grauenvoller Anblick.

Tom ließ den Lichtkegel umherschwenken und innerhalb von Augenblicken kam das Heer der Schreckgestalten, das uns eingekreist hatte zum Stillstand.

Sie konnten nicht ein zweites Mal sterben.

Sie waren längst tot.

Aber die dämonische Kraft, die ihre Körper wie willenlose Marionetten bewegte, wich aus ihnen, sobald das Licht sie traf.

Der Teller reflektierte diese Kraft nur und richtete sie gegen seinen Ursprung. Der Angriff der Untoten verebbte.

„Tom!“, schrie ich, als ich mich umdrehte und sah, dass von hinten bereits einige der Kreaturen, zu denen die Toten durch die Kraft der Schreckensreiter geworden waren, das kleine Mausoleum und den gepflasterten Platz erreicht hatten. Sie taumelten über die im Halbkreis daliegenden Ordensmasken hinweg. Tom drehte sich herum. Es war ihm anzusehen, dass er in geradezu unvorstellbarer Weise angespannt war. Sein Gesicht war zur Grimasse geworden, die Augen geschlossen. Offenbar war er einer Art Trance, einem Zustand allerhöchster Konzentration, wie ihn die Mönche von Pa Tam Ran zu erreicht hatten.

Oder vielleicht auch ein gewisser Bruder Cordran vor 650 Jahren...

Dann war es vorbei.

Die letzten Angreifer waren zu Staub geworden. Nur die Kleider waren von ihnen geblieben. Schaudernd blickte ich auf die verbogenen und zerbrochenen gusseisernen Gitterstäbe, die einem eine Ahnung jener gewaltigen Kräfte geben konnten, die diesen untoten Kreaturen zur Verfügung standen.

Tom schleuderte den Teller von sich.

Er leuchtete nicht mehr so grell, sondern wirkte jetzt wie rotglühend.

Dieses Glühen pulsierte in einem Rhythmus, der erst sehr schnell war, sich dann aber auf etwa die Frequenz des menschlichen Herzschlages verlangsamte.

„Tom!“, rief ich.

Er sank auf die Knie. Die Augen waren noch geschlossen. Ich stürzte auf ihn zu und erschrak, als ich die Hände sah. Die Innenflächen waren pechschwarz. Ein scharfer Brandgeruch stieg mir in die Nase.

Tom sank zu Boden.

Ich fasste ihn bei den Schultern und beugte mich über ihn.

„Tom!“

Ich schüttelte ihn.

Er öffnete die Augen und ein eisiger Schauder durchfuhr mich.

Seine Augen waren blicklos. Es gab keine Pupillen und nichts Weißes mehr. Nur noch Schwärze.

Und in der Ferne war noch immer das Geräusch galoppierender Pferde zu hören...

*

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TRÄNEN RANNEN MIR ÜBERS Gesicht. „Tom“, schluchzte ich. Es durfte einfach nicht wahr sein.

Ich strich ihm über das Gesicht.

Er war so schrecklich kalt...

Die Farbe war aus seiner Haut gewichen. Sie wirkte jetzt beinahe ebenso pergamentartig wie die der Untoten.

Seine Lippen bewegten sich.

Er flüsterte etwas.

Zunächst war es nicht mehr als ein Hauch.

Ich konnte nichts verstehen. Dann formten seine Lippen meinen Namen. „Patti“, flüsterte er. „Du musst etwas... tun... ich... werde nicht mehr....dazu kommen...“

„Nein, Tom! Du darfst nicht sterben!“

„Patti...“

Ich beugte mich tiefer über ihn, um ihn besser verstehen zu können. Eine Mischung aus Trauer und Wut herrschte in mir. Ich liebte diesen Mann über alles... Und nun sollten sich unsere Wege trennen?

„Unsere Seelen werden sich wieder begegnen“, flüsterte er.

„Tom!“

„Ich weiß jetzt, was Bruder Cordran damals tat... Er dachte nicht nur an seine Zeit, sondern auch an die Zukunft! An die Zeit, in der er selbst nicht mehr sein würde... Hör zu!“ Er stockte. Sein Atem war flach. Ein röchelnder Laut kam über seine Lippen. „Ich habe nicht mehr viel Kraft...“, ächzte er. Er drehte etwas den Kopf. Seine von purer Finsternis erfüllten Augen blickten mich an. „Nimm den Teller. Es wird brennen...furchtbar brennen... Du musst deinen Geist abschirmen so gut es geht...und dann...“

„Was dann, Tom?“

„Du musst den Teller auf das Zeichen im Stein pressen...“

„Was geschieht dann?“

„Ich...“

„Tom!“

Ein Ruck ging durch seinen Körper. Dann erstarrten seine Züge. Er atmete nicht mehr. Ich fühlte vergeblich nach dem Schlag seines Herzens.

Wie konsterniert kniete ich da, in diesem aschgrauen Gras und beugte mich über den leblosen Körper.

Tom Hamilton war tot.

Mein Verstand weigerte sich, diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen. Nein! Ich blickte durch einen Schleier der Tränen.

Welchen Sinn gab es jetzt noch?

Ich fühlte mich innerlich leer. Agonie erfasste mich.

Ich war wie gelähmt.

Dann sah ich die Reiter die schmale Gasse von der Themse heraufpreschen. Ich blickte auf, schluckte und der Puls schlug mir bis zum Hals. Mit dämonisch leuchtenden Augen ritten die Reiter der Apokalypse auf das Tor des Friedhofs zu.

Tu, was Tom dir gesagt hat, Patti! Um seinetwillen! Auch wenn es dir keinen Sinn mehr zu haben scheint, dich gegen den Untergang zu stemmen... Tu es für ihn...

Ich blickte zu dem noch immer rotglühenden Teller.

Das Glühen pulsierte jetzt sehr viel langsamer. Ich fröstelte bei dem Gedanken, ihn zu berühren. Aber ich hatte keine andere Wahl. Wenn ich überhaupt noch irgend etwas tun wollte, dann musste das schnell geschehen.

Ich erhob mich. Meine Knie waren weich, und ich zitterte am ganzen Körper. Angst und Verzweiflung schnürten mir förmlich die Kehle zu. Ich war kaum in der Lage zu atmen.

Als ich den Teller erreichte, beugte ich mich nieder.

Meine Finger berührten ihn. Ich schrie auf, als der schier unerträgliche Schmerz meine Arme hinaufraste und eine Sekunde später meinen gesamten Körper erfüllte.

Schirme dich ab!

Ich war kaum in der Lage, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.

Die Reiter bildeten indessen eine Art Phalanx.

Sie blickten mit ihren leuchtenden Augen zu mir herüber.

Der Bogenschütze legte einen Pfeil ein. Mit einem sirrenden Geräusch durchschnitt er die Luft und prallte gegen den Messingteller. Die Wucht war enorm. Und die Welle des Schmerzes, die mich erfasste steigerte sich ins Unerträgliche. Ich taumelte zurück, während ein Lichtstrahl aus dem Teller herausfuhr, den Pfeil zu Asche zerfallen ließ und Sekundenbruchteile später den Schützen traf.

Ein grauenerregender Schrei drang aus seinem Mund.

Ich taumelte indessen rückwärts in Richtung des Steinquaders. Mir war schwindelig. Hinter meinen Schläfen spürte ich in einer unangenehmen Intensität jenes charakteristische Pulsieren, dass mir die Anwesenheit gewaltiger übersinnlicher Kräfte verriet.

Alles drehte sich vor meinen Augen. Ich rutschte und konnte mich nicht halten und strauchelte zu Boden.

Der Teller fiel dabei zu Boden.

Ich sah jenes Relief im Stein vor mir, das dem Teller in frappierender Weise glich.

Die Zeichen der Apokalypse...

Bogen, Schwert, Waage und die Schale des Todes...

Ich blickte zurück in Richtung der Reiter. Der Bogenschütze war zwischenzeitlich etwas transparenter geworden. Er hatte an Substanz verloren, was vermutlich mit dem Lichtstrahl zusammenhing, der ihn mit voller Wucht getroffen hatte. Für einen Moment sah ich noch, wie das Schwert seines Gefährten durch ihn hindurchschimmerte. Aber das war innerhalb von Augenblicken vorbei. Seine Erscheinung stabilisierte sich wieder.

Die Schreckensreiter passierten das Tor zum Friedhof.

Die Hufe ihrer Pferde stampften über das aschgraue Gras.

Es klang wie ein dumpfes Donnergrollen.

Triumph zeigte sich in den bleichen Gesichtern.

Der zum Skelett abgemagerte Knochenmann schwenkte die Schale des Todes mit geradezu provozierender Leichtigkeit. Die Geschöpfe der Hölle werden ihm folgen, schoss es mir durch den Kopf. Wer anders könnten diese Geschöpfe der Hölle sein, als die unzähligen Toten, die die Straßen dieser Stadt zeichnen und die durch die Kraft dieser Ungeheuer als untote Marionetten verwendet werden...

Ich sah meine Handflächen an.

Nur ganz kurz wagte ich diesen Blick.

Die Male waren unübersehbar.

Ich presste die Lippen aufeinander, während ich Feuchtigkeit in meinen Augen spürte. Tränen der Wut über das, was geschehen war.

Dann nahm ich erneut den Messingteller in beide Hände.

Der Schmerz war furchtbarer, als alles, was ich je erlebt hatte.

Kein Fegefeuer der Hölle hätte grausamer sein können.

Mir war jetzt klar, was Tom durchlitten hatte, als er mir das Leben rettete...

Für ihn, durchzuckte es mich. Ich klammerte mich an diesen Gedanken, konzentrierte mich vollends darauf, um diese unbarmherzige Schmerzwelle in meinem Bewusstsein zurückzudrängen. Ich durfte nicht daran denken, dass meine Augen in wenigen Augenblicken vielleicht auch nur wie finstere Höhlen aussahen und ich den letzten Atem über die Lippen hauchen würde...

Nein, ich versuchte nur an das zu denken, was Tom mir gesagt hatte. Alles andere war unwichtig.

Ich presste den Teller genau dort gegen den Stein, wo sich das Relief befand. Ein Zischlaut entstand. Teller und Relief passten exakt aufeinander.

Wie ein Schlüssel, dachte ich unwillkürlich.

Das Material des Tellers verband sich vollkommen mit dem Stein. Eine Art mentaler Kraftstoß traf mich und warf mich zu Boden. Ich rutschte in das Loch hinein, das vermutlich von den Anhängern des ORDENS DER MASKE gegraben worden war. Meine Hände suchten Halt in dem feuchten Boden. Aber das war vergebens.

Ich rutschte die zwei Meter in die Tiefe.

Oben ertönte ein explosionsartiges Geräusch. Ich blickte auf und sah, dass dort, wo sich das Zeichen im Stein befunden hatte, etwas aus dem Inneren des Steins herausgesprengt war. Steinbrocken waren wie Geschosse durch die Umgebung gefetzt. Ein Loch entstand, das jenem sehr ähnlich war, für das die Ordensleute so tief gegraben hatten.

Etwas rollte heraus.

Eine Urne.

Eine Art bläuliches, geruchloses Gas entwich aus einer kleinen Öffnung an der Oberseite.

Aus dem Gas formte sich innerhalb eines Augenblicks die durchscheinende, bläulich schimmernde Gestalt eines Mönchs mit schwerer, dunkler Kutte. Die Kapuze war tief ins Gesicht gezogen, das völlig im Schatten lag.

Der Geist von Bruder Cordran, durchzuckte es mich.

Auch er hielt einen messingfarbenen Teller in der Hand.

Dann schritt er in Richtung der Schreckensreiter.

Ich kam indessen schwindelnd auf die Beine. Ich kletterte die Böschung empor, krallte mich an dem aschgrau gewordenen Unkraut fest und zog mich so gut es ging, hinauf. Ich wollte sehen, was geschah. Und wenn es das Letzte war, was ich zu Gesicht bekäme! Mein Kopf ragte gerade über den Rand der Grube, als ein Strahl aus grellem Licht dem Messingteller des Geistermönchs entfuhr. Er hüllte die Schreckensreiter ein, ließ sie wie fluoreszierende Statuen erscheinen, die dann langsam zerfielen. Ihre barbarischen Schreie gellten über die Stadt. Lichtstrahlen fuhren nun aus ihren Dämonenaugen heraus.

Ich wurde geradezu geblendet.

Innerhalb des nächsten Augenaufschlags konnte ich nichts mehr sehen. Eine mörderische Welle mentaler Energie brandete auf mein Bewusstsein. Ich hatte das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen. Ein bunter Reigen von Farben und Formen flimmerte vor meinen Augen. Ich glaubte, sie geschlossen zu haben. Aber das machte keinen Unterschied. Alles drehte sich. Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten und gleichzeitig glaubte ich, mein gesamtes Leben innerhalb eines einzigen Augenblicks vor mir zu sehen.

Tom, dachte ich für einen flüchtigen, nicht einmal eine volle Sekunde währenden Augenblick.

Kälte erfasste mich, während es immer dunkler um mich herum wurde.

Da war eine Art Sog, der mich unaufhaltsam mit sich zog. Ich konnte ihm nichts entgegensetzen. Eine Art dunkler Tunnel eröffnete sich, in den ich hineinstürzte. Ein Strudel geheimer Kräfte riss mich einfach mit sich, so wie es mit einem Stück Treibholz in einem großen Strom geschah.

Dann senkte sich gnädige Bewusstlosigkeit über mich.

*

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ALS ICH ERWACHTE, STIEG mir kalter Modergeruch entgegen. Es war feucht.

„Heh!“, rief eine unfreundliche, raue Stimme. Ich nahm sie zunächst wie aus weiter Ferne wahr. Dann öffnete ich die Augen. Grelles Licht umgab mich, und ich brauchte einige Momente, bis ich etwas sehen konnte. Die Sonne schien. Es war kalt. Ein Polizist in der typischen englischen Bobby-Uniform blickte oben vom Rand der Grube herab. Er streckte mir die Hand entgegen. „Kommen Sie da heraus“, sagte er ziemlich barsch. „Ich helfe Ihnen.“

Ich nahm das Angebot gerne an. Einen Augenblick später war ich oben angelangt. Ich blickte erst auf die Brandmale in meinen Handflächen, dann an meinen restlichen Körper herab. Ich war ziemlich verdreckt, meine Kleidung mehr oder weniger ruiniert.

Das Gras, durchfuhr es mich. Raureif hatte sich darauf abgesetzt. Aber es war grün.

„Was haben Sie hier gemacht, Miss...“

„Vanhelsing“, murmelte ich wie mechanisch.

Ich sah zu Tom hinüber. Er bewegte sich vorsichtig und versuchte, auf die Beine zu kommen. Er sah mich an. Seine Augen waren so meergrün, wie ich sie kannte. Die Finsternis, die sie zuvor völlig ausgefüllt hatte, war verschwunden. Nur seine Handflächen sahen noch schlimm aus.

„Patti!“, stieß er hervor.

„Ah, die Herrschaften kennen sich. Vielleicht erklären Sie mir mal, was hier passiert ist“, forderte der Polizist.

„Wenn ich das wüsste“, murmelte ich etwas benommen. Ich lief auf Tom zu. Er nahm mich in die Arme. Ich spürte den Schlag seines Herzens und fragte mich gleichzeitig, ob ich das alles, was ich um mich herum sah überhaupt glauben sollte. „Oh, Tom, ich dachte schon, du wärst...“

Ich berührte zärtlich sein Gesicht, so als müsste ich mich davon überzeugen, dass er wirklich vorhanden war. Mein Gott, er lebt!

„Was ist geschehen?“, fragte er.

„Wenn ich das wüsste, Tom.“

„Hast du...“

„Ich habe getan, was du gesagt hattest.“

Jetzt mischte sich der Polizist ein. „Vielleicht geben Sie mir mal Auskunft darüber, wer Sie sind und was Sie hier machen.“

„Patricia Vanhelsing, London Express News“, murmelte ich mechanisch. „Und dies ist mein Kollege Tom Hamilton.“

Und während ich das sagte, ließ ich den Blick schweifen.

Auf der mit Steinen gepflasterten Fläche hinter dem Steinquader waren die Ordensmasken verschwunden. Dasselbe galt für die weißen Gewänder und Symbol der Doppelsonne, das sich auf dem Rundbogen des Mausoleums befunden hatte.

Auch der Steinquader hatte sich verändert.

Er war völlig unversehrt. Ein massiver Block aus Stein.

Ist das, was wir erlebt haben, wirklich geschehen?, ging es mir durch den Kopf. Ich war völlig desorientiert. Wo waren wir? War dies das Jenseits? Eine letzte, irreale Widerspiegelung des Gehirns? Oder war das, was hinter uns lag nichts als ein wirrer Alptraum. Ich mochte weder an die eine noch an die andere Möglichkeit so recht glauben.

„Gehen Sie bitte nicht weg, sonst muss ich Sie festnehmen“, erklärte der Bobby. „Ich werde per Funk meine Kollegen rufen und dann erklären Sie mir bitte, was mit Ihren Zwillingsgeschwistern passiert ist...“

„Was?“, fragte ich fassungslos.

Der Polizist nahm sein Funkgerät und sprach mit seinem Revier. Er sprach von zwei Toten und forderte die Spurensicherung sowie Scotland Yard an. „Ich schätze, es geht hier um  Grabschändung oder so etwas. Im Vorfeld der Jahrtausendwende spielen diese ganzen Okkultisten und Grufties doch verrückt...“ Dann unterbrach er die Verbindung.

Im Vorfeld der Jahrtausendwende..., echote es in mir wider.

„Sir, welches Datum haben wir heute?“, fragte ich.

Der Officer sah mich verwundert an. „Vielleicht hätte ich eben auch gleich noch einen Psychologen anfordern sollen.“

„Ich meine es ernst.“

„Heute ist Silvester 1999, und ich habe genau noch drei Stunden Dienst! Wahrscheinlich wollen Sie mir jetzt erzählen, dass Sie auch von den Toten nichts wissen.“

„Das ist richtig.“

„Aber Sie waren doch hier. Spielen Sie jetzt nicht die Ahnungslose...“

„Was meinten Sie mit Zwillingsgeschwistern?“

Er bewegte ruckartig den Kopf zur Seite.

„Kommen Sie mit“, forderte er.

Wir umrundeten gemeinsam den Steinquader und gingen dann auf das Mausoleum zu. „Gehen Sie hinein“, forderte er. „Na, los, machen Sie schon.“

Tom und ich traten durch den von Säulen umrahmten Eingang. Es roch nach Moder und Tod. Es ging ein paar Stufen hinab, dann betraten wir eine Art Gruft. Licht fiel nur durch einige kleinere, glaslose Fenster.

In der Mitte des Raumes befanden sich insgesamt drei Steinsarkophage. Die Schrift auf den Deckplatten war schon längst nicht mehr zu lesen.

Ich stockte.

Das Blut drohte mir in den Adern zu gefrieren.

Auf dem Boden lagen zwei Tote.

Es handelte sich um einen Mann und eine Frau. Und sie hatten die Gesichter von Tom und mir.

„Sie sind erschossen worden“, erklärte der Polizist.

„Wir wissen nichts darüber“, sagte ich.

„Das werden Sie meinen Kollegen genauer erzählen können...“

Dann herrschte Schweigen.

Wir sahen gebannt auf die Toten, die unsere Gesichter trugen. Sie wurden langsam transparent. Der graue Boden schimmerte durch ihre - unsere? - Körper hindurch.

Der Officer war völlig fassungslos. Er ging auf die Toten zu, vergaß jegliche Sicherheitsbestimmung bei der Festnahme von Verdächtigen und starrte nur völlig entgeistert auf die Leichen. Dann bückte er sich. Seine Hand fasste durch die Körper hindurch. Es dauerte nur noch Augenblicke, bis nichts mehr von ihnen zu sehen war.

Als er uns dann ansah, war sein Gesicht kalkweiß.

*

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EIN ANWALT DER LONDON Express News sorgte dafür, dass wir bereits gegen Mittag auf freiem Fuß waren. In was für eine seltsame Welt waren wir hineingeraten? Wir waren wie konsterniert. Der Jahrtausendwechsel, wie wir ihn erlebt hatten, hatte hier nie stattgefunden.

War ich wahnsinnig?

Litt ich unter Realitätsverfall?

Wenn es ein Alptraum gewesen war, so hatten Tom und ich den selben Traum gehabt.

Weder Tom noch ich konnten viel zum Verhör beitragen. Die meiste Zeit redete der Anwalt. So erfuhr ich, dass Michael T. Swann, unser Chefredakteur, uns an diesem Morgen zum Friedhof an der Templeton Road beordert hatte, weil ein  anonymer Informant behauptete, dort würden Vorbereitungen für schwarze Messe in der Silvesternacht stattfinden, in deren Verlauf Leichen exhumiert und zu schrecklichen Ritualen missbraucht werden sollten.

Ich dachte an die Toten.

Vielleicht haben sie - wir! - jemanden überrascht - und mussten dann zum Schweigen gebracht werden.

Ein Polizeiarzt diagnostizierte schwere Verbrennungen an unseren Händen. Aber diese bildeten sich in atemberaubendem Tempo zurück. Sie verschwanden wie alles andere, was an jene grauenhafte Welt erinnerte, aus der wir gekommen waren.

Auf der Fahrt in die Lupus Street, wo das Verlagsgebäude der London Express News lag, waren Tom und ich zum ersten Mal allein und konnten frei sprechen.

„Was glaubst du, was passiert ist, Tom? Eine Urne kam aus dem Stein heraus und dann erschien eine geisterhafte Gestalt...“

„Der Geist von Bruder Cordran.“

„Das denke ich auch.“

„Er gab John Blendworth damals den Auftrag, seine Asche auf die vier Gräber der Reiter zu verteilen. Zuvor bedachte er sie mit magischen Beschwörungen...“

„Und wo sind wir jetzt? Die Welt, die hinter uns liegt, ist es nicht...“

Er lenkte den Volvo durch die überfüllten Straßen Londons, die so lebendig waren, wie ich sie immer gekannt hatte. Welch ein Kontrast zu jenen Bildern des Grauens, die hinter uns lagen. Keine ausgestorbenen Straßenschluchten mehr, in denen die Passanten wie vom Schlag getroffen auf dem Bürgersteig lagen. Und doch war ich überzeugt davon, dass das, was wir erlebt hatten, genauso real gewesen war, wie das, was wir nun vor uns sahen.

„Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte, aber vielleicht sind wir durch die übersinnlichen Entladungen in eine Parallelwelt gelangt. Eine Dimension, die der unseren vollkommen gleicht. Bis auf kleine Details.“

„Zum Beispiel den Verlauf der Zeit.“

„Ja.“

„Und die Toten?“

„Das waren wir, Patti. In dieser Welt sind wir gestorben. Vielleicht hat es unsere Seelen deshalb hier her gezogen...“

„Wir nehmen ihren Platz ein?“

„Man könnte es vielleicht so ausdrücken.“

Ich nahm das Handy aus dem Handschuhfach des Volvo. Das Display zeigte an, das alles perfekt funktionierte. Mit zitternden Fingern tippte ich die Nummer von Tante Lizzy ein.

Ich hätte weinen können, als ich ihre Stimme am anderen Ende hörte.

„Ich habe mich etwas hingelegt“, meinte sie. „Aber es ist ganz gut, dass du mich geweckt hast. Eigentlich ist es gar nicht meine Art, mich mitten am Tag hinzulegen. Du weißt, dass ich normalerweise immer sehr wenig Schlaf brauche, aber ich war plötzlich so unwahrscheinlich müde...“

Es kam vor, dass Tante Lizzy ohne Punkt und Komma vor sich hinredete. Ich unterbrach sie einfach.

„Geht es dir gut?“, fragte ich.

„Natürlich geht es mir gut. Wieso denn auch nicht? Sagt dir übrigens der Name Alec St. John etwas? Das ist der Sohn des Chemikers, den ich dir schonmal vorgestellt habe. Alec hat ein paar sehr interessante Sachbücher verfasst und...“

„Lebt Alec?“, fragte ich.

„Natürlich lebt er. Jedenfalls war er noch lebendig, als er mir zusagte, heute Abend mit seinem Vater zu unserer Silvester-Feier zu kommen.“ Ich hörte durch den Apparat, wie Tante Lizzy seufzte. „Aber da wir schon dabei sind... Ich hatte einen sehr seltsamen Traum, Patti. Er war so real, dass ich gerade, als das Telefon klingelte erst geglaubt habe, dass wäre alles wirklich passiert.“

„Ging es darin zufällig um das Ende der Welt? Um ein Feuerwerk in der Silvesternacht und die vier Apokalyptischen Reiter?“

Auf der anderen Seite herrschte einige Augenblicke Schweigen.

„Woher weißt du das?“, fragte Tante Lizzy. „Eine jener Ahnungen, für die deine Gabe verantwortlich ist?“

„Vielleicht haben wir dasselbe erlebt“, sagte ich tonlos.

*

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SIE SEHEN ETWAS DERANGIERT aus, Patricia“, sagte Michael T. Swann, als wir in seinem Büro waren. „Was haben Sie auf diesem Friedhof eigentlich gemacht, wenn Sie dort niemanden getroffen haben?“

„Dieser Informant wollte uns offensichtlich auf den Arm nehmen“, meinte Tom. „Jedenfalls haben wir dort niemanden gesehen. Allerdings ist neben einem Grabstein eine Art Grube ausgehoben worden. Ob das allerdings Grabschänder waren, weiß ich nicht.“

„Tja, und in diese Grube bin ich leider hineingefallen, Mr. Swann. Deshalb sehe ich im Moment auch nicht gerade wie aus dem Ei gepellt aus.“

„Und was ist mit diesem Polizisten, der behauptete, zwei Tote gesehen zu haben, die Ihnen beiden bis auf das Haar glichen?“

„Der ist jetzt wegen psychischer Erschöpfung für eine Weile krankgeschrieben“, berichtete Tom.

Michael T. Swann krempelte sich die Ärmel seines Hemdes zu den Ellbogen und lockerte die Krawatte. Sein Gesicht verriet Zweifel. Er war ein geborener Journalist, der es förmlich riechen konnte, wenn an einer Story irgendein Haken war. Und an dem, was wir ihm erzählt hatten, war mehr als nur ein Haken.

Er seufzte.

„Wie auch immer, machen Sie Schluss für heute.“ Er lächelte. „Für dieses Jahrtausend. Unser Computerprogramm hier in der Redaktion hat sich mal wieder verabschiedet. Ich wage gar nicht daran zu denken, welches Vergnügen uns diese EDV nach dem Jahrtausendwechsel machen wird, wenn sie vorher schon dauernd abstürzt. Einen angenehmen Jahreswechsel wünsche ich Ihnen beiden.“

„Danke, gleichfalls“, erwiderte ich.

Als wir die Tür erreichten, blieb ich noch kurz stehen.

„Sagen Sie, haben Sie in letzter Zeit schlecht geträumt, Mr. Swann?“

Er sah etwas irritiert von seinem Schreibtisch auf. Dann grinste er. „Ich dachte, es hätte sich schon herumgesprochen, dass ich die Nächte durcharbeite. Wann hätte ich da Zeit für Träume? Warum fragen Sie?“

„Nur so, Mr. Swann.“

Es ist unsere Welt, dachte ich, während Tom und ich einen Augenblick später das Großraumbüro der News-Redaktion durchquerten. Jedes Detail stimmt... Ich ließ den Blick schweifen . Wir erreichten meinen Schreibtisch. Tom reichte mir eine Tasse des Redaktionskaffees. Er war so dünn wie vermutlich in allen anderen Welten auch.

„Was ist mit jener Welt geschehen, die wir verlassen haben, Tom?“, fragte ich.

„Ich weiß es nicht. Aber deine Großtante wird sicher eine Antwort darauf finden. Zumindest eine Theorie...“

„Die Unterschiede scheinen minimal zu sein.“

„Das will ich hoffen.“

Auf dem Schreibtisch lag die neueste Ausgabe der News. Ich kannte den Aufmacher. Es war exakt dieselbe Titelseite, die ich in jener anderen - vermutlich untergegangenen - Welt ebenfalls am 31. Dezember 1999 gesehen hatte. Ich schlug die erste Seite um.

Dann stockte ich, als ich in der Rubrik STORIES ÜBER PROMINENTE einen kleinen Artikel samt Bild entdeckte. Auf dem Foto lächelte mich niemand anderes als der kahlköpfige Dr. Skull an. Sein Grinsen entblößte zwei Reihen makelloser Jackettkronen. Triumph leuchtete in seinen Augen.

Seinen rechten Arm hatte er um die schmalen Schultern eines bildhübschen Starletts gelegt, das mit gekonntem Augenaufschlag in die Kamera schmachtete.

Die Schlagzeile darunter:

BUSEN-WUNDER HEIRATET SCHÖNHEITS-CHIRURGEN

Erotik-Star Brandy Corman (27) heiratete in Las Vegas zum vierten Mal. Glücklicher Bräutigam ist der unter Prominenten seit Jahren äußerst gefragte Schönheits- und Gesichtschirurg Dr. Anthony Skull (52). Brandy zur News: „Nachdem er mir die Ohrläppchen so toll verkleinert hat, wusste ich, dass ich Anthony vertrauen kann...“ Skull, der in den letzten Jahren halb Hollywood unter dem Messer gehabt haben soll und damit Millionen verdiente, wird die Nachsorge für diese Operation sicher privat abrechnen. Gerüchte, nach denen Skull Okkultist sei und Operationstermine mit einem Knochenorakel bestimme, wurde indessen von seinem Büro in London auf das Schärfste zurückgewiesen.

Offenbar hatte Dr. Skull in dieser Welt eine ganz andere Karriere gemacht...

*

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GLEICH IST ES SO WEIT“, sage ich sehr viel später. „Ein paar Sekunden noch, dann beginnt das neue Jahrtausend...“

Tom und ich sahen uns an.

Unsere Blicke verschmolzen miteinander.

Er hatte den Arm um mich gelegt und ich genoss es, seine Nähe zu spüren.

„Was auch immer jetzt gleich geschehen wird, Patti, ich liebe dich.“

„Und ich liebe dich, Tom.“

Den ganzen Abend über hatte eine eigenartige Atmosphäre auf der Silvesterfeier geherrscht. Einige der Gäste hatten etwas von eigenartigen Träumen berichtet. Träume, die in Wahrheit wohl keine Träume waren, sondern Bilder aus einer anderen, untergegangenen Welt. Jedenfalls hatte sich die für eine Silvesterfeier eigentlich selbstverständliche Ausgelassenheit und Leichtigkeit einfach nicht einstellen wollen. Tante Lizzy argwöhnte schon, dass das möglicherweise am Buffet lag, aber sie wusste insgeheim wohl selbst, dass das nichts damit zu tun hatte.

In diesem Moment knallte es draußen zum ersten Mal. Die Tür zur Terrasse wurde geöffnet. Ein kühler Luftzug wehte herein.

„Macht das Licht aus!“, rief jemand. Ich glaube, es war Dr. Erich Jacobi. „Dann kann man das Feuerwerk besser sehen.“

„Wollt ihr nicht auch hinausgehen?“, fragte Tante Lizzy.

Ich sah Tom kurz an, und wir schüttelten beide den Kopf. „Nein“, sagte ich. Um ein Haar hätte ich hinzugefügt: Wir haben unser Jahrtausendfeuerwerk bereits hinter uns...

Tante Lizzy sah uns einen Moment lang nachdenklich an, dann lächelte sie nachsichtig. „Wie ihr wollt. Nächstes Jahr gibt es ja wieder einen Jahrtausendwechsel. Den mathematisch Korrekten nämlich.“

Während draußen die Feuerwerkskörper den Himmel in ein Farbenmeer verwandelten, hielten Tom und ich uns eng umschlungen in den Armen. Jemand schaltete das Licht ab. Unsere Lippen trafen sich zu einem leidenschaftlichen Kuss.

„Auf das neue Jahrtausend“, flüsterte Tom dann. „Was auch immer es uns bringen mag...“

ENDE 

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Alfred Bekker

Patricia Vanhelsing – Das Spukhaus

Unheimlicher Roman

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Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

Ein Cassiopeiapress E-Book

© by Author

© 2013 der Digitalausgabe by AlfredBekker/Cassiopeiapress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

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WIR WAREN ZU DRITT und befanden uns auf der Flucht.

Es war kalt und dunkel. Der Geruch von feuchtem Moder stieg einem penetrant in die Nase und das Gefühl der Furcht kroch mir den Rücken hinauf und ließ mich frösteln. Meine Hände tasteten über die kalten, etwas feuchten Wände dieses Tunnels, der geradewegs in die Unendlichkeit zu führen schien.

Ins Nichts.

Ich spürte, wie mir das Herz bis zum Hals schlug. Das unangenehme Gefühl, gefangen zu sein, mischte sich mit der Ahnung, an einer Grenze zu stehen.

Eine Grenze in ein mysteriöses Schattenreich...

Namenloses Grauen lag hinter uns, aber das was vor uns lag war sicher nicht beruhigender...

Schauder hatte mich erfasst.

"Ich frage mich, was am Ende dieses Tunnels liegt", hörte ich Jim Field sagen, den blondhaarigen und etwas unkonventionellen Fotografen, mit dem zusammen ich meine Reportagen für die London Express News machte.

"Ich habe keine Ahnung", flüsterte ich.

Jim hatte eine kleine Taschenlampe dabei, die unsere einzige Lichtquelle war.

Der Schein der Lampe fiel kurz auf das Gesicht der dritten Person, die mit Jim und mir hier unten in diesem düsteren, verliesartigen Tunnel war. Es war eine Frau mit bleichem Gesicht und rotgeränderten Augen. Ich kannte sie nicht und im nächsten Moment war sie auch wieder nichts weiter als ein schattenhafter Umriss. Aus ihren Augen hatte die nackte Furcht geleuchtet.

"Hey, was ist das?", hörte ich Jim. "Das gibt's doch nicht..."

"Was ist los?"

Plötzlich war es völlig dunkel. Das Licht war weg, und ich fühlte mich wie eine Blinde.

"Jim!"

Keine Antwort.

Nichts als Dunkelheit lag vor mir und ein kalter Hauch wehte zu mir herüber. Ich fühlte kalten Schweiß auf der Stirn und im nächsten Moment hörte ich den gellenden, furchtbaren Schrei einer Frauenstimme, der mir durch Mark und Bein ging.

Ich schloss die Augen, obwohl das in diesem Augenblick keinen Unterschied machte.

*

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"NEIN!"

Ich fühlte den Griff kräftiger Hände um die Schultern, die mich festhielten und schüttelten.

Dann drang erneut ein furchtbarer Schrei an meine Ohren und ich brauchte einige Sekunden, um zu registrieren, dass ich selbst es war, die da schrie.

Ich öffnete die Augen und versuchte mich dem Griff dieser unsichtbaren Hände zu entwinden.

Vergeblich.

Dann sah ich, wie sich vor mir, aus dem Halbdunkel eine Gestalt herausschälte. Es war eine Frau in einem weißen Nachthemd. Ich schluckte, rang nach Atem und wurde dann langsam etwas ruhiger.

"Patricia", sagte die Gestalt. "Patricia!"

Der Klang dieser Stimme war mir vertraut und beruhigte mich tatsächlich ein wenig.

Jemand schüttelte mich.

Es war niemand anderes, als meine Großtante Elizabeth Vanhelsing, die mich wie ihre Tochter aufgezogen hatte und in deren Haus ich nach wie vor wohnte. Meine liebe Tante Elizabeth... Ich war zu Hause und in Sicherheit.

"Du hast geträumt, mein Kind. Du hast nur geträumt", hörte ich sie sagen und langsam begriff ich, dass sie recht hatte.

Ich saß aufrecht in meinem Bett, während von draußen das Mondlicht hereinfiel und alles in ein fahles, gespenstisches Licht tauchte.

Die angsteinflößenden Traumbilder standen mir noch immer lebhaft vor Augen. Ein leichtes Zittern durchfuhr meinen ganzen Körper.

"Es ist vorbei", hörte ich Tante Elizabeth mit beschwörender Stimme sagen. "Hörst du mich, Patti! Es ist vorbei!"

"Ich weiß", flüsterte ich.

Tante Elizabeth musterte mich. In ihren Augen spiegelte sich der Mond.

"Es war einer jener Träume, nicht wahr, Patricia?"

Es war keine wirkliche Frage, was da über Tante Elizabeths Lippen kam, sondern bereits eine halbe Feststellung. Seit ich als Kind den Brand eines Hauses im Traum vorausgesehen hatte, war sie davon überzeugt, dass ich eine leichte seherische Begabung besäße. Und tatsächlich bin ich inzwischen geneigt, nicht mehr ganz auszuschließen, dass sie recht hat.

"Ich weiß nicht", sagte ich."Vielleicht war es einfach nur ein Alptraum."

"Dann hätte er dich kaum derart mitgenommen."

Ich atmete tief durch und erhob mich. Zunächst ging ich dann zum Fenster, blickte kurz in den Garten von Tante Elizabeths Villa und wandte mich dann ein paar Schritte seitwärts, um den Lichtschalter zu betätigen.

Ich kniff die Augen zusammen, als das Licht anging mir grell in die Augen schien. Es schmerzte ein wenig, aber es gut so, denn nun hatte ich das Gefühl, endgültig der furchtbaren Schattenwelt meines Alptraums entronnen zu sein.

"Habe ich sehr laut geschrien?", fragte ich.

Tante Elizabeth nickte.

"Ja."

"Tut mir leid, aber es war alles so..." Ich zögerte und suchte nach dem richtigen Wort. "...so real!", vollendete ich schließlich. "Ich hatte das Gefühl, dass es wirklich geschah!"

Tante Elizabeth hatte sich jetzt ebenfalls erhoben. Sie sah mich mit ihrem freundlichen, milde lächelnden Gesicht an und fragte: "Willst du mir erzählen, was in deinem Traum geschehen ist?"

"Du denkst, dass es eine Bedeutung hat, nicht wahr?"

"Ja, Patti."

"Es war wenig konkret. Wir waren in einem sehr dunklen, unendlich langen Tunnel..."

"Wer noch, außer dir?"

"Jim und eine Frau, die ich nicht kannte. Aber es ist seltsam."

Tante Elizabeths Augenbrauen gingen hoch und sie sah mich fragend an. "Was war seltsam?", wollte sie wissen. Anscheinend wollte sie um jeden Preis verhindern, dass eine Einzelheit dieses Traums verloren ging und in Vergessenheit geriet, bevor ich sie ihr erzählt hatte.

Ich atmete tief durch. "Sie kam mir irgendwie bekannt vor und doch wusste ich nicht, wer sie war. Es war eine junge Frau, aber sie sah nicht sehr gut aus. Sie wirkte unendlich müde und krank und hatte rotgeränderte Augen. Und sie schien große Angst zu haben..."

"Was passierte?"

"Das Licht ging aus. Und dann hast du mich geweckt."

"Hm", machte Tante Elizabeth. Ich ließ mich derweil in einen Sessel fallen. Langsam wurde ich wieder ich selbst. Die Gegenstände meines Zimmers, Tante Elizabeth... Alles war vertraut. Und ich dachte daran, dass ich am nächsten Morgen pünktlich in der Redaktion der London Express News sein musste, wo ich mir als junge Reporterin die ersten Meriten verdient hatte, so dass mein Chefredakteur mir inzwischen auch schon das eine oder andere zutraute.

Ich gähnte.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, bislang noch überhaupt nicht geschlafen zu haben. Und wenn ich daran dachte, bereits in zwei Stunden wieder aufstehen zu müssen, lief es mir heiß und kalt den Rücken hinunter. Noch furchtbarer war allerdings die Vorstellung, von Michael T. Swann, meinem etwas grantigen, aber ansonsten eher väterlich-fürsorglichen Chefredakteur eine Standpauke zu bekommen, wenn ich zu spät kommen würde...

"Ich sollte mich jetzt wieder hinlegen", meinte ich schließlich.

Tante Elizabeth wirkte äußerst nachdenklich. Ihr Gesicht war sehr ernst.

"Patti...", begann sie und wenn sie das in diesem Tonfall sagte, dann wusste ich, dass sie mir etwas unangenehmes sagen wollte, aber nicht so recht wusste, wie sie das anfangen sollte.

"Mach dir keine Gedanken, Tante Elizabeth. Es war nur ein Traum. Ganz bestimmt."

Tante Elizabeth wirkte in sich gekehrt. "Ein dunkler Tunnel, das Licht geht aus... Und ein bleiches Frauengesicht mit rotgeränderten Augen..."

Sie sah mich an und in ihren Zügen stand echte Besorgnis.

Auf einmal steckte mir ein dicker Kloß im Hals. Tante Elizabeth brauchte mir nicht zu sagen, was sie dachte, ich wusste es auch so. Die Symbolik des Traums lag auf der Hand. Es war gut möglich, dass es sich um eine Todesahnung handelte...

*

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AM NÄCHSTEN MORGEN fühlte ich mich unausgeschlafen und zerschlagen. Tante Elizabeth hatte mir einen starken schwarzen Kaffee gemacht, der mich halbwegs wieder auf die Beine brachte.

"Manchmal verwünsche ich die Gabe, mit der du geboren bist, mein Kind", sagte sie dann plötzlich in die Stille hinein.

"Tante Elizabeth! Keiner von uns weiß, ob dieser Traum wirklich etwas zu bedeuten hat - oder ob es sich um einen ganz gewöhnlichen Alptraum handelt, der jeden von Zeit zu Zeit mal heimsucht. Du glaubst, dass dieser Traum meinen Tod ankündigt, nicht wahr?"

Tante Elizabeth atmete tief durch. Sie sah mich dabei nicht an und nickte dann.

"Ja", flüsterte sie. "Aber ich wollte dir das nicht sagen, um, um dich nicht unnötig zu belasten..."

Tante Elizabeth war eine Expertin auf dem Gebiet des Übersinnlichen und der Grenzphänomene.

Ihre Villa war angefüllt mit rätselhaften Artefakten und archäologischen Fundstücken aus aller Welt, von denen die meisten ihr seit vielen Jahren verschollener Mann Frederik zusammengetragen hatte, der ein berühmter Archäologe gewesen war. Darüber hinaus hatte meine Großtante ein schier gigantisches Privatarchiv auf diesem Gebiet in all den Jahren zusammengetragen, das seltene Ausgaben längst vergessener Schriften ebenso enthielt wie Artikel aus der Presse.

Ich sah auf die Uhr an meinem Handgelenk. Ich war spät dran. Ich trank den Kaffee aus und erhob mich. Aber bevor ich mich zur Redaktion aufmachte, nahm ich noch Tante Elizabeths Hände.

"Mach dir keine Sorgen", sagte ich und versuchte dabei soviel Überzeugungskraft wie möglich in meine Worte zu legen.

"Das sagt sich so leicht, mein Kind...", entgegnete Tante Elizabeth sorgenvoll.

Ich versuchte ein Lächeln.

"Unabhängig davon, was dieser Traum nun bedeuten mag, ich werde mein Leben so weiterleben wie bisher. Ich habe keine Lust dazustehen wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange."

Ich wollte los, aber Tante Elizabeth hielt mich fest. Sie sah mir in die Augen und ich hatte in diesem Moment das Gefühl, vor dem Blick dieser Augen nichts verbergen zu können.

"Sei ehrlich zu mir", flüsterte Tante Elizabeth.

"Das bin ich. Und das weißt du!"

"Du hast diesen Traum heute nicht zum ersten Mal gehabt, nicht wahr?"

Ich schluckte.

"Nein", kam es halblaut und mit belegter Stimme über meine Lippen. Dieser düstere Todestraum verfolgte mich schon eine ganze Weile wie ein finsterer Begleiter meiner Nächte.

"Manchmal fürchte ich mich schon davor, einzuschlafen..."

"Ich weiß", nickte Tante Elizabeth verständnisvoll.

"Aber zwischenzeitlich glaubte ich schon, es sei vorbei... Offensichtlich habe ich mich getäuscht."

Wenig später saß ich in meinem roten, etwas altertümlichen, aber dafür stilvollen Mercedes, den Tante Elizabeth mir geschenkt hatte und quälte mich durch die Rush Hour Londons.

Ich war spät dran und deswegen besonders ungeduldig.

Als ich die langen Korridore des großen Verlagsgebäudes durchschritt, in dem die London Express News ihre Redaktionsräume hatte, war ich entfernt an die Szenerie meines Traums erinnert...

Ich fühlte, wie sich mir eine Gänsehaut über die Oberarme legte, obwohl hier gut geheizt wurde.

Im Großraum-Büro der Redaktion angelangt kam ich gar nicht erst bis zu meinem Schreibtisch, sondern wurde schon gut ein Dutzend Meter vorher abgefangen.

"Patti!"

Es war Jim, der Fotograf mit dem ich bei den meisten meiner Stories zusammengearbeitet hatte. Wir waren gleichaltrig, aber auf Grund seiner unbekümmerten, etwas flappsigen Art hatte ich nicht selten das Gefühl, mit einem jüngeren Mann zusammen zu sein.

Er trug eine geflickte Jeans und ein recht abgewetztes Jackett, dessen Revers durch das Tragen von Kameras ziemlich verhunzt war.

"Guten Morgen, Jim! Was gibt es?", begrüßte ich ihn und musste mir Mühe geben, ein Gähnen zu unterdrücken. Ich konnte nur hoffen, dass ich die Augenringe einigermaßen weggeschminkt hatte.

"Wir sollen zum Chef kommen."

"Zu Swann? Aber zu spät bin ich nicht."

"Er brodelt trotzdem vor Ungeduld, Patti. Also beeilen wir uns besser!"

Das war ein Argument, das mir sofort einleuchtete.

Als wir das Büro Michael T. Swanns betraten, war dieser gerade am Telefonieren. Mit nervösen Handzeichen begrüßte er uns und wies uns an, uns zu setzen.

Einen Augenblick später hatte er dann den Hörer auf die Gabel geknallt. In seinen Augen blitzte es, als er ein launiges "Guten Morgen", zwischen den Lippen hindurchquetschte.

"Haben Sie beide heute schon Nachrichten gehört? Oder vielleicht die Blätter der Konkurrenz gelesen?", knurrte er dann.

Jim und ich wechselten einen kurzen Blick.

Wir brauchten kein Wort zu wechseln, denn inzwischen kannten wir uns gut genug, um zu wissen, was der andere in dieser Sekunde dachte.

Wenn Michael T. Swann die heutige Ausgaben der Konkurrenz erwähnte, dann konnte das nichts Gutes bedeuten. Es konnte eigentlich nur heißen, dass man anderswo schneller an einer sensationellen Story drangewesen war als bei uns. Ich hatte mal erlebt, wie einer der älteren und erfahreneren Redakteure zu Swann gemeint hatte, dass man so etwas sportlich sehen müsse. Mal seien die einen vorne, mal die anderen. Swann hatte daraufhin einen mittleren Wutanfall bekommen, der selbst für seine Verhältnisse recht heftig gewesen war und für den er sich später sogar in aller Öffentlichkeit entschuldigt hatte.

Ich schielte auf die Konkurrenz-Blätter, die bei ihm auf dem Schreibtisch herumlagen und versuchte, die Schlagzeilen auf dem Kopf zu lesen. VERSCHWAND TV-TEAM IM

DIMENSIONSTUNNEL?, konnte ich da unter anderem lesen. Swann sah meinen Blick, der am Bild eines bärtigen, langhaarigen Mannes hängenblieb und drehte mir das Blatt herum.

"Das ist James Craig - oder besser: das war er. Ist Ihnen der Name ein Begriff, Miss Vanhelsing?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Nein", musste ich zugeben.

"James Craig war Parapsychologe und Anführer einer obskuren Hippie-Sekte, die sich KINDER VON PTAMBU nannte und sich in Small Junction, New Nexico in einem alten Haus niederließ.

Craig glaubte, dass man mit Drogen das Bewusstsein erweitern könne, aber für die meisten, die das praktizierten, endete es wohl darin, dass sie den Verstand verloren und völlig auf den Hund kamen. Die Opfer - von Mitgliedern zu sprechen ist schon fast vermessen - waren schließlich nicht nur seelisch von ihrem Sektenchef abhängig, sondern auch körperlich, weil sie nur durch ihn an ihre Drogenration kommen konnten."

"Es ist immer dasselbe", meinte Jim. "Eigentlich sollte man denken, dass es genug abschreckende Beispiele gibt, als das noch irgend jemand auf so etwas hereinfallen würde..."

Swann zuckte die Achseln und fuhr dann fort: "Außerdem war die Sekte dafür bekannt, obskure Psi-Experimente anzustellen. Craig befasste sich auch noch mit schwarzer Magie und ließ fast kein Gebiet des Ungewöhnlichen und Unerklärlichen aus. Er behauptete, seine Befehle direkt von Ptambu,einem Wesen aus einer anderen Dimension zu empfangen und dessen Werkzeug zu sein... Naja, Patti, dieses okkulte Zeug ist ja mehr Ihr Fachgebiet. Da können Sie meinetwegen nach Herzenslust recherchieren. Der springende Punkt ist ein anderer."

"Welcher?", fragte Jim, eine Spur vorwitziger, als Michael Swann das leiden konnte. Er bekam dafür einen tadelnden Blick, aber nicht mehr.

Die Sache, um die es ging, schien schließlich zu eilen und Swann war Profi. Alles, was der Sache, an der er gerade arbeitete, im Weg stand oder sie verlangsamte, räumte er kurzerhand aus dem Weg. Mitunter auch seinen eigenen Ärger, wenn es nicht anders ging.

"Vor zwanzig Jahren verschwand Craig mit einem Teil seiner Sektenjünger spurlos", erklärte Swann. "Der Rest der KINDER VON PTAMBU verließ das ursprüngliche Domizil der Sekte und gründete in der Nähe ein neues Zentrum. Das alte Gebäude sei nun ein Ort, an dem die Verschwunden (nun als Auserwählte bezeichnet) als Geistwesen lebten. Und seitdem soll es dort spuken. Über die Jahre hinweg hat es dort immer mal wieder rätselhafte Vorfälle gegeben... Aber der Merkwürdigste ereignete sich gestern."

Swann machte ein bedeutungsvolles Gesicht und wandte den Blick kurz zwischen mir und Jim hin und her. Unsere erwartungsvolle Aufmerksamkeit schien er geradezu ein bisschen zu genießen.

"Das verschwundene TV-Team", schloss ich.

Swann nickte.

"So ist es. Das Kamerateam eines regionalen Senders hat im Umkreis der Sekte recherchiert und sich natürlich auch dieses mysteriösen Spukhauses angenommen. Mike Hogan, der Chef des Teams, plante eine längere Dokumentation, aber hielt es wohl für einen gelungenen Gag, zwischendurch mit einer Live-Schaltung an den Sender zu gehen. Das ganze war in eine Unterhaltungssendung eingeflochten und solle eigentlich nur eine Art Gag sein... Ich will Ihnen mal die Bilder zeigen, die es heute im Frühstücksfernsehen darüber zu sehen gab!"

Swann deutete mit dem ausgestreckten Arm auf einen Videorecorder, den er in einer Ecke seines etwas chaotisch wirkenden Büros aufgestellt hatte. Er kramte etwas umständlich die Fernbedienung unter einem Manuskriptstapel hervor, der dabei fast zu Boden rutschte und schaltete den Rekorder ein.

Mike Hogan meldete sich aus dem Keller des mysteriösen Spukhauses. Es war nicht viel zu sehen, weil die Beleuchtung schlecht war.

"Keine Ahnung, was hier ist", meinte der Reporter mit einem Grinsen. "Aber wir lassen uns einfach mal überraschen! Viel sehen können wir hier nicht. Es ist eine Art Tunnel oder Gang... Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Haus einen derart weitläufigen Keller hat! Aber da sieht man mal wieder, wie sehr man sich täuschen kann..."

Wenig später fiel dann die Kamera aus. Weder Hogan, noch sein Kameramann, die sich weiterhin über Mikrofone bei ihrem Sender meldeten, hatten dafür eine Erklärung.

Auch die Tonverbindung schien nach und nach schlechter zu werden. Rauschen mischte sich in die Stimme des Reporters, dessen Witze schon nicht mehr ganz so unbefangen klangen.

"Man sollte den Hersteller dieser Kamera verklagen", meinte er. Und wenig später: "Dieser Gang scheint überhaupt kein Ende zu haben..."

"Meine Uhr geht nicht mehr", meinte der Kameramann, der nun keine Aufgabe mehr hatte, außer seine Kamera zu tragen, mit der offensichtlich etwas nicht stimmte.

"Was hast du denn für eine Uhr, Jack?"

"Eine billige Digitaluhr aus dem Kaufhaus - aber dass sie so schnell ihren Geist aufgibt hätte ich nicht gedacht, Mike!"

"Scheint, als wäre hier ein starker Sender oder ein Magnetfeld. Schau mal, unser Recorder spielt verrückt..."

"Aber Hochspannungsleitungen oder so etwas gibt's doch hier draußen gar nicht..."

Dann brach zum ersten Mal der Kontakt ab. Ab und zu waren noch Bruchstücke einzelner Wörter zu hören, aber mehr nicht.

Für wenige Sekunden wurde der Empfang dann noch einmal besser und in diesen Augenblicken hatte Hogan gerade noch Gelegenheit, zu sagen, dass er nicht wisse, wo sie sich befänden.

Furcht klang jetzt aus der Stimme des Fernsehreporters.

Dann brach der Kontakt endgültig ab.

Swann schaltete den Recorder aus. "Diese Bilder sind von gestern Abend. Das Haus ist von der Polizei durchsucht worden, aber von dem Kamerateam hat sich keinerlei Spur gefunden."

"Wenn ich recht verstehe, sollen wir so schnell wie möglich über den großen Teich jetten und der Sache auf den Grund gehen", meinte Jim.

Swann nickte.

"Ja, kann man so sagen. Aber es geht in diesem Fall weniger um Schnelligkeit. Was die News angeht, da sind wir diesmal nicht schnell genug gewesen, aber ich möchte, dass man die Hintergründe der Angelegenheit in der News lesen wird." Swann wandte sich an Patricia. "Ich denke, Sie verstehen, was ich meine. Dieses Gebiet liegt Ihnen ja..."

Aber mein Blick war von etwas ganz anderem wie gefangen.

Fast wie in Trance nahm ich die Zeitung von Swanns Schreibtisch herunter und sah mir das Bild von James Craig noch einmal an.

Die Augen lagen tief und entfalteten selbst auf dieser unscharfen Schwarzweiß-Fotografie immer noch etwas, das man nur als eine Art inneres Leuchten bezeichnen konnte. Guru, Magier, Parapsychologe und Befehlsempfänger eines Wesens, das in einer fremden Dimension beheimatet war. Vielleicht war James Craig ein Verrückter gewesen, aber seine Persönlichkeit musste auch eine schillernde Seite gehabt haben, sonst hätte er unter seinen Anhängern nicht dieses Maß an Faszination erzeugen können.

Aber der Grund, weshalb ich mir dieses Bild noch einmal ansah - ansehen musste! - war ein anderer.

Im Hintergrund waren einige der Anhänger des selbsternannten Magiers zu sehen. Die Gesichter hatten eine künstlich wirkende Seeligkeit an sich und schienen seltsam entrückt. Sie waren weiß gekleidet und langhaarig. Entfernt erinnerten sie an Engel.

Eines der Gesichter erkannte ich und die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag vor den Kopf.

Ich schluckte und hatte das Gefühl, als ob sich eine kalte, glitschige Hand auf meinen Rücken legte.

"Nein", flüsterte ich, während namenlose Todesangst meine Seele in ihren eisigen Griff zu nehmen begann.

"Was ist los mit Ihnen, Patricia?", drang Swanns Stimme durch diesen Nebel aus Furcht und Entsetzen in mein Bewusstsein und riss mich für den Moment aus dieser düsteren Stimmung wieder heraus.

"Es ist nichts", sagte ich.

Aber das war eine Lüge.

Die Frau, deren Gesicht ich unter den Anhängern des Magiers gesehen hatte, war niemand anderes, als jene Frau, der ich in meinem Alptraum begegnet war...

Sie schien mir zwar auf dem Bild viel jünger zu sein, aber ich war mir absolut sicher.

Es war das erste Mal, dass dieser Traum, der vielleicht eine Todesahnung war, eine Entsprechung in der Wirklichkeit fand.

Und das machte mir Angst...

*

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JIM BUCHTE FÜR UNS einen Flug für den nächsten Morgen.

Vorher war auf die Schnelle nichts zu bekommen. Außerdem ging es uns ja nicht um schnell verderbliche-Nachrichten-Ware, sondern darum, möglichst viel von den Hintergründen zu erhellen.

Und dazu war eine eingehende Recherche unerlässlich. So verbrachte ich den Großteil des Tages unten, in den sogenannten Katakomben - dem Archiv der London Express News und versuchte alles zu sammeln, was es über James Craig und seine merkwürdige Sekte gab.

Ich fand sogar ein Interview mit ihm, das er einer amerikanischen Tageszeitung gegeben hatte.

Craig erläuterte darin seine seltsamen Vorstellungen. Immer wieder kam er auf den Punkt zu sprechen, der ihm der wichtigste zu sein schien.

Er behauptete, nicht im eigenen Auftrag zu handeln, sondern seine Befehle auf telepathischem Weg direkt von jenem Wesen aus einer anderen Dimension zu empfangen, das er mit dem kaum aussprechbaren Namen Ptambu bezeichnete.

Auf kritische Fragen des Interviewers ging Craig kaum ein oder versuchte sie mit einigen seiner wohlformulierten Glaubenssätze hinwegzuwischen. So etwa, wenn er zu Vorwürfen befragt wurde, die von Gehirnwäsche und anderen fragwürdigen Praktiken sprachen.

Ich fand dann auch einige Zeitungsartikel, die sich mit einer Mordserie befassten, die sich in der Gegend um Small Junction ereignete, kurz nachdem die Sekte sich dort niedergelassen hatte. Den Opfern waren seltsame, fremdartige Schriftzeichen auf die Stirn gemalt worden - Symbole, die auch bei den KINDERN VON PTAMBU als magische Zeichen in Gebrauch waren.

Natürlich kam der Verdacht auf, dass irgendein Zusammenhang mit Craigs Sekte bestand und schließlich verhaftete man einen offenbar Geisteskranken als Täter.

Der Mann hieß Mark Donovan und war ein ehemaliges Mitglied der Sekte, was einem nur zu denken geben konnte.

Gleichgültig, ob es nun die Gehirnwäsche der Sekte oder ein Drogenexperiment gewesen war, das Donovan den Verstand gekostet hatte: Der Fall belegte eindrucksvoll, wie gefährlich sowohl das eine als auch das andere sein konnte.

Donovan selbst jedenfalls behauptete, ebenso wie Craig seine Befehle direkt von Ptambu zu bekommen.

Ptambu...

Ein dumpfer, düsterer Klang, der irgend eine Saite in mir zum Klingen brachte, von der ich bisher noch nichts geahnt hatte..

Hatte ich den Namen möglicherweise doch schon einmal gehört? Möglich war es. Vielleicht war Craig mal in den Nachrichten erwähnt worden oder in einer Illustrierten. Von den Tickermeldungen in der Redaktion mal ganz abgesehen! Wer konnte bei der täglichen Nachrichtenflut, die auf einen einströmt schon so etwas ausschließen?

Als ich nach Hause zu Tante Elizabeth kam, fühlte ich mich müde und abgeschlagen.

Die Sache mit der Frau, die ich auf dem Bild mit Craig wiederzuerkennen geglaubt hatte, saß mir noch in den Knochen und sorgte dafür, dass ich weiche Knie hatte. Die Zeitung hatte ich mir mitgenommen und trug sie zusammengefaltet in meiner Handtasche.

Bislang hatte ich nicht gewagt, mir das Bild noch einmal anzuschauen. Der Schock saß einfach noch zu tief.

"Ich fliege morgen mit der ersten Maschine in die Vereinigten Staaten", sagte ich meiner Großtante und sie war nicht sonderlich begeistert.

"Muss das sein?"

"Es ist mein Beruf, Tante Elizabeth!"

"Ja, sicher..."

"Und du weißt, wie froh ich bin diesen Job überhaupt bekommen zu haben und wie schwer es war, diesen Swann von dem zu überzeugen, was ich kann!"

Ich erläuterte ihr kurz, worum es ging und fragte sie dann: "Sagt dir, als Okkultismus-Experte vielleicht der Name Ptambu etwas?"

Tante Elizabeth schüttelte den Kopf. "Aber von James Craig habe ich schon gehört. Und auch von diesem Haus in Small Junction, in dem seine Sekte ehedem residierte und in dem es nun seit zwanzig Jahren spuken soll. Aber irgendwie kommt mir der Name doch bekannt vor... Ich werde mal nachsehen. Vielleicht ist unter den Unterlagen von Frederik etwas... Ich werde uns eine Tasse Kaffee machen. Und dann fangen wir an zu suchen, einverstanden?"

Details

Seiten
600
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917369
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
romantic thriller sammelband fünfmal schauder mitternacht fünf romane

Autor

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Titel: Romantic Thriller Sammelband: Fünfmal Schauder um Mitternacht - Fünf Romane