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Planet im Niemandsland

2018 160 Seiten

Leseprobe

Planet im Niemandsland

W. W. Shols

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Planet im Niemandsland

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Science Fiction Roman von W. W. Shols

Der Umfang dieses Buchs entspricht 180 Taschenbuchseiten.

Colonel Bernoulli erlebt eine Enttäuschung, als das Elektronengehirn seine Bewerbung für die Kooduztor-Front abweist. Sobald er aber erfährt, dass durchaus fragwürdige ,Helden' – wie sein Kamerad Hobbes – ohne Schwierigkeit ein Kommando an der Front der Rätsel erhalten, wittert er das große Geheimnis, das ihn nicht mehr loslässt. Mit nicht ganz einwandfreien Mitteln sichert er sich falsche Papiere und gelangt auf diese Weise auf den fernen umkämpften Planeten, der offiziell für ihn als verboten gilt.

Auf Kooduztor stehen sich gigantische Robotarmeen gegenüber, von denen eine im Aufträge der Menschen kämpft. Wenigstens sieht es für Bernoulli so aus.

Doch sehr bald erkennt er die Widersprüche, an denen die anderen Offiziere kritiklos vorbeigingen. Mit seinem Adjutanten Flamsteed wird er zum Einzelgänger und wagt es, den Krieg auf Kooduztor mit anderen Augen zu sehen. Mit Augen, die für den wirklichen Gegner Gefahr bedeuten, aber auch – Gefahr für ihn selbst.

Dies ist die ungekürzte Fassung der späteren Heftausgabe. Erstmals seit mehr als fünfzig Jahren wieder für den Leser zugänglich ist!

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Tatjana Shepeleva/123RF, Pxiabay und Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Nein, Madam, es gibt hier keine Riemen zum Anschnallen“, sagte die Stewardess höflich zu der recht korpulenten, Schmuck behangenen Dame und wandte sich dann einem weiter hinten sitzenden Herrn zu, der ein Kreditstück hochhielt und den Namen einer Zigarettenmarke nannte.

„Eine Zwanzigerpackung, mein Herr. Bitte sehr!“

„Es gibt keine Anschnallriemen?“, echote die Dickliche. Ihr Tonfall verriet, dass sie mit dieser Auskunft keinesfalls zufrieden war. Sie fand die Tatsache empörend. Auch der amüsierte Ausdruck der umsitzenden Fahrgäste machte sie nicht stutzig. „Es ist mir noch nie passiert, dass man mir den Anschnallriemen verweigert. Ich werde mich beschweren!“

„Sie fliegen zum ersten Male auf einem Raumschiff, Madam?“

Die Frage stellte ein neben ihr sitzender Colonel in der Uniform der Space-Truppe.

„Woher wissen Sie das, junger Mann?“

„Ihre Fragestellung verrät es, Madam. Ein Raumschiff ist kein Flugzeug. Es gibt hier tatsächlich keine Anschnallriemen. Sie brauchen ja auch keinen. Sagen Sie selbst, spüren Sie etwas?“

Der renitente weibliche Passagier machte sich noch breiter in seinem Sitz, als er ohnehin schon war, blickte mit einem prüfenden Augenaufschlag unter die weiße, kahle Decke über sich und lauschte sekundenlang in sich hinein. Schließlich fragte die Schmuck Behangene: „Was soll ich spüren?“

„Etwas, das den Gebrauch eines Anschnallriemens rechtfertigt.“

„Nein, natürlich nicht. Aber es wird noch kommen.“

„Sie meinen den Andruck? Nein, Madam. Der Andruck ist seit Jahren abgeschafft. Wenigstens für Sie als Tourist. Er ist nur noch für die Physiker interessant, die ihn besiegt haben. Dieses Schiff besitzt eine eigene Gravitationsanlage.“

„Eine was?“

„Eine Maschine, die bei überstarker Beschleunigung Ihr Gewicht vermindert, so dass es praktisch gar nicht mehr ...“

„Na, hören Sie, junger Mann! Unterlassen Sie gefälligst diese unverschämten Anspielungen! Ich

habe Sie nicht gefragt und wünsche, von Ihnen nicht mehr belästigt zu werden.“

Ostentativ sank die Korpulente weitere drei Zentimeter tiefer in ihren Sessel, starrte geradeaus und pflegte die Zornesröte in ihrem Gesicht. In der Nachbarschaft hub wieder das Kichern an, und es stimmten jetzt auch solche Passagiere ein, die bisher noch nicht gemerkt hatten, dass eine besonders dicke Dame unter ihnen weilte.

Der Colonel, dem keineswegs daran gelegen hatte, ein Dauergespräch mit einer seiner Mentalität kaum entsprechenden Person anzufangen, lehnte sich ebenfalls wieder bequem zurück und überließ seinen eigenwilligen Gesprächspartner dem Spott der anderen.

Die Stewardess, der der kleine Zwischenfall nicht entgangen war, hielt es für ihre Pflicht, ein paar erklärende Worte zu geben. Sie tat es mit unaufdringlichem Charme und ohne belehrend zu wirken.

„Unsere Silver-Star ist nicht nur schnell und sicher, Ladies and Gentlemen, sie ist auch eines der komfortabelsten Schiffe sämtlicher interplanetarischer Linien. Vielleicht haben Sie sich von den Versprechungen leiten lassen, die wir in unseren Prospekten machen. Doch jetzt können Sie sich selbst davon überzeugen, dass unsere Zusagen den Tatsachen entsprechen. Unser Gravitationsausgleich sorgt an Bord immer für die Schwerkraft, an die Sie auf der Erde gewöhnt waren. Auch bei plötzlichen Wendemanövern werden Sie keinerlei Unannehmlichkeiten spüren. Bitte, prüfen Sie es selbst. Sie haben in wenigen Augenblicken eine gute Gelegenheit dazu ... Beobachten Sie bitte die Bildschirme, die vor jedem einzelnen Sitz angebracht sind! Wir befinden uns im Augenblick in einer noch recht flachen Flugbahn über Alaska. Das Beobachtungsgerät zeigt die Mündung des Yukon ... In wenigen Minuten werden wir über dem Pol sein und unsere seit dem Start von Hawaii beibehaltene Richtung ändern. Wie schon gesagt, Sie werden nichts davon spüren ...“

Wie zu erwarten gewesen war, behielt die Stewardess recht.

Über dem magnetischen Pol richtete sich die Silver-Star plötzlich senkrecht auf und schoss mit einer Beschleunigung von 18 g durch den sogenannten „sauberen Keil‟ zwischen den beiden gefährlichen Strahlungsgürteln in den freien Weltraum hinaus.

Colonel Bernoulli erhob sich zur Verwunderung der Passagiere während dieses interessantesten Teils des Startmanövers von seinem Platz und verschwand in Richtung der Kabinen.

In der letzten Sitzreihe bemerkte er im Vorbeigehen noch eine zweite Uniform, die auch in den Dienstgradabzeichen der seinen glich. Kameradschaftlich grüßte er mit einem Tipp an den Mützenrand und ging dann durch die Tür.

Er hatte es nicht weit. Seine Kabine lag im 1. Klasse-Deck. Er freute sich auf die Koje. Nicht, weil er müde war, sondern weil er einfach nur schlafen wollte.

Als die Silver-Star Stunden später die Mondnähe passierte, war er der einzige an Bord, der sich um die recht interessanten Beobachtungsmöglichkeiten nicht kümmerte.

Bernoulli nahm das Frühstück im Speisesaal ein. Gedankenlos wählte er den letzten freien Tisch und übersah dabei, dass er bereits gedeckt war. Das verräterische Feixen einer sehr jungen Blondine bezog er keinesfalls auf sich. Erst als die Korpulente sich geräuschvoll näherte und an seinem Platz stehenblieb, war er gezwungen, sich um seine Umgebung zu kümmern. Der Zwischenfall vom anderen Tage kam ihm beim Anblick des aufdringlich übertriebenen Halsschmucks wieder in Erinnerung. Der empörte Blick der Dame ließ ihn Unannehmlichkeiten wittern, und er stand mit einer steifen Entschuldigung auf.

Im Mittelgang stehend, fühlte er sich so sehr fixiert, dass sein Gesichtsausdruck schon an Verlegenheit grenzte. Die einzige Rettung lag drei Tische weiter.

„Ist bei Ihnen noch ein Platz frei, Sir?“

„Aber gern!“, erklärte der andere Colonel und machte eine einladende Handbewegung.

Bernoulli setzte sich. Es verstrich eine ganze Minute, ehe er sich vorstellte. Der andere nannte sich Hobbes und bot ihm eine Zigarette an. Damit war das Eis gebrochen.

„Soldaten fühlen sich offenbar am wohlsten, wenn sie unter sich sind.“

Bernoulli zuckte mit der Schulter. „Sie mögen recht haben. Aber das ist ein Armutszeugnis. Die Uniform verursacht einen Komplex. Vor allem, wenn man jahrelang nichts anderes sieht als Uniformen.“

„Kurzer Heimaturlaub, was?“

„Ein halbes Jahr. Aber offenbar lange genug. Man amüsiert sich auch im Einsatz, wenn er nahe genug an der Etappe liegt.“

„Natürlich!“, nickte der andere.

Es war ein müdes und reizloses Gespräch zwischen zwei Fremden. Die gleiche Uniform und die gleichen Rangabzeichen erwiesen sich als keine sehr gute Brücke für einen Kontakt.

Während das Frühstück serviert wurde, sprachen beide kein Wort miteinander. Erst als Bernoulli sich später mit einer Zigarette revanchierte, ließ Colonel Hobbes eine beinahe philosophisch anmutende Bemerkung fallen.

„Wir scheinen wirklich müde zu sein. Wir alle, die in der Uniform stecken. Die Zivilisten hier ringsum benehmen sich zwar wie im tiefsten Frieden und machen Pauschal und Einzelreisen nach sämtlichen Planeten und Monden des Systems. Aber eines Tages wird es auch hier knallen. Und da wir müde sind, wird es kurz und schmerzlos sein.‟

Bernoulli schien die lange Rede zu überraschen. Sie schien ihn sogar zu stören, weil sie ihn zu sehr in Anspruch nahm. Oder war es ein Vorwurf, wenn Hobbes von der Müdigkeit sprach?

„Wenn ein Krieg Generationen dauert, wird er uninteressant ...“

„Ja, eben! Und wenn er uninteressant wird, wird er auch langweilig. Nehmen Sie das nicht als persönlichen Vorwurf, Sir! Ob ich Sie anspreche oder einen anderen ... oder auch mich selbst, es bleibt sich gleich ...“

„Sieht man uns die Gleichgültigkeit an?“, fragte Bernoulli. „Mein Posten wird weniger Enthusiasmus als Routine und eine ganze Portion Sturheit verlangen.“

„Darf ich fragen, wo Sie eingesetzt sind?“

„Es ist kaum ein Geheimnis. Es ist ein neuer Job. Keine Ahnung, wie er sein wird. Aber ich erwarte nicht viel. Planet Fondis – Alpha Centauri. Anscheinend eine ruhige Sache. Standortkommandant. Etappe.“

„Schöner Job!“, nickte Hobbes versonnen. Er seufzte sogar ein wenig.

„Das klingt, als ob Sie mich beneiden.“

„Ich bin so frei. Mein Ziel liegt etwas weiter draußen. Schon einmal etwas von Kooduztor gehört?“

Hobbes spürte einen schnellen Seitenblick des anderen, so, als ob plötzlich ein brennendes Interesse in Bernoullis Augen aufleuchte. Doch die Antwort kam sachlich.

„Es ist noch nicht lange her, da hatte man mich für Kooduztor ausgesucht. Aber es klappte nicht ganz. Wer weiß, wofür es gut ist.“

Der Gong gab das Ende der Frühstückszeit bekannt.

„Wir müssen gehen“, sagte Hobbes. „Die nächste Partie ist gleich an der Reihe. – Doch wenn es Ihnen nichts ausmacht, lade ich Sie zu mir auf die Bude ein. Vielleicht spielen Sie Schach, falls Sie nichts Besseres zu tun haben ...“

„Ich hätte noch vier Tage Zeit zu grübeln oder zu schlafen. Bis Mars drückt mich keine Verantwortung. Und dann brauche ich nur aufzupassen, dass ich den richtigen Umsteiger erwische. Ich spiele Schach, aber nicht sehr gut. Und wenn Sie den Ehrgeiz haben, einen scharfen Gegner zu erhalten, dann rate ich Ihnen, sich nach einem anderen umzusehen.“

„Erstens fühle ich mich nicht stark genug für einen scharfen Gegner, und zweitens tragen Sie den einzigen Anzug, dessen Anblick ich für längere Zeit ertragen kann. Also, kommen Sie!“

Sie spielten beide gleich gut oder auch gleich schlecht. Die Partie blieb stundenlang ungefährlich, und keiner riskierte irgendeinen seiner Offiziere. Die Front der Bauern war ineinander verkrampft, und jedem Vorstoß der großen Figuren folgte ein Rückzug.

„Wie auf Kooduztor“, murmelte Bernoulli sinnend. „Ein ewiger Krieg auf der Mitte.“

„Kennen Sie die Verhältnisse dort?“ Hobbes konnte diesmal nicht verbergen, dass er Interesse hatte.

„Woher denn? Ich habe den dreckigen Klumpen nie gesehen. Und wenn alles gut geht, werde ich ihn auch nicht sehen. Allerdings sollten Sie sich damit trösten, dass die Stellungskriege auf anderen Planeten kaum reizvoller sein dürften. Sie werden nur das antreffen, was Sie als Soldat überall zu erwarten haben.“

„Nicht überall‟, widersprach Hobbes. „Sie haben doch das große Los gezogen mit Fondis.“

„Wegen der Etappe, meinen Sie?“

Hobbes nickte. „Natürlich.“

„Sagen Sie das nicht“, wehrte Bernoulli ab. „Man weiß nie, wie es genau kommt. Als ich noch Captain war, habe ich mich einmal freiwillig zu einem Stoßtrupp gemeldet. Das war irgendwo auf einen der Nachbarmonde im Aldebaran-System. Die alten Füchse, die sich das freiwillig Melden längst abgewöhnt hatten, nannten mich einen Idioten. Aber als ich vom Stoßtrupp zurückkehrte, waren sie mit dem ganzen Planeten ins All gesprengt.“

„Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber Kooduztor ist etwas anderes und nicht mit irgendeinem Stellungskrieg zu vergleichen. Kooduztor liegt wie ein tiefer Keil in den feindlichen Linien. Es ist der strategisch wuchtigste Punkt, den war zur Zeit halten.“

„Mag sein. Doch dann wissen Sie mehr als ich. Ich habe mir abgewöhnt, an Kooduztor zu denken, seit ich durchgefallen bin.“

„Sie hatten sich gemeldet?“

Bernoulli blieb die Antwort schuldig und machte stattdessen einen Zug auf dem Schachbrett. „Jetzt sind Sie wieder dran!“

Hobbes blieb hartnäckig.

„Sie hatten sich freiwillig für Kooduztor gemeldet, nicht wahr?“

„Sehe ich so aus?“

„Keiner sieht so aus. Aber Sie sagten, Sie wären durchgefallen. Ich kenne die Prüfungen.“

„Haben S i e sich freiwillig gemeldet?“

„Ich hätte mich gehütet. Man hat mich kommandiert.“

„Hm, wann war Ihre Prüfung?“

„Am dreiundzwanzigsten März.“

„Meine am zwölften. Das sieht gerade so aus, als seien Sie mein Nachfolger.“

„Ich vermute es“, sagte Hobbes abwesend und beinahe unfreundlich.

„Wenn ich also bestanden hätte, dann brauchten Sie jetzt nicht hinaus nach Kooduztor. Eigentlich müssten Sie nun eine Mordswut auf mich haben.“

„Aus ungerechter Verzweiflung, vielleicht. Aber was können Sie dafür, dass Ihr Test negativ verlief!“

„Eben! Was kann ich dafür? Sie haben die Prüfung bestanden und damit bewiesen, dass Sie in

jeder Hinsicht zuverlässig sind. Der Anblick des unmenschlichsten Monstrums wird Sie in Ihrem Reaktionsvermögen nicht beeinträchtigen. Sie haben sich in jeder nur denkbaren Situation vollkommen unter Kontrolle. Die bestandene Prüfung hat Ihnen bescheinigt, dass Sie abstrakt und logisch denken. Sie können mir also keinen Vorwurf machen.‟

Hobbes antwortete nicht und begnügte sich mit einem Zug auf dem Schachbrett. Bernoulli hatte den Eindruck, dass sein Gegner sich vollkommen auf das Spiel konzentrierte. Doch dieser Eindruck musste täuschen. Hobbes verlor, obwohl er das ablenkende Gespräch einschlafen ließ.

„Diese Prüfung haben Sie nicht bestanden“, erklärte Bernoulli endlich, nachdem ihm Hobbes’ Schweigen auf die Nerven ging. „Oder haben Sie absichtlich verloren?“

„Meinen Sie, ich hätte einen Grund, Ihrer Eitelkeit zu schmeicheln? Nein, Sir! Ich verlor, weil Sie zu gut spielten.“

„Danke!“

Bernoulli beugte leicht den Oberkörper und legte eine nicht zu überhörende Ironie in dieses eine Wort. Er wusste selbst am Besten, dass er nicht gut gespielt hatte. Er konnte es gar nicht, weil er höchstens fünfmal in seinem Leben ein Schachbrett gesehen hatte.

„Sie geben mir Revanche?“, fragte Hobbes.

„Natürlich. Aber muss es jetzt sein? Ich bin etwas müde, und schließlich bleiben uns noch vier Tage ...“

Hobbes schob das Brett beiseite. „Okay! Doch diesen Whisky trinken Sie noch mit mir! Der gibt Ihnen die nötige Bettschwere.“

Ohne auf die Antwort zu warten, schenkte er ein.

„Auf unsere Zukunft!“, sagte Bernoulli. „Sie haben das Spiel nicht absichtlich verloren, aber Sie hätten es doch absichtlich verlieren können, nicht wahr?“

„Natürlich! Sich dumm stellen, fällt immer leichter, als klüger zu erscheinen, als man wirklich ist.“

„Dann verstehe ich nicht, dass Sie die Eignungsprüfung bestanden haben. Wenn Sie nicht nach Kooduztor wollen, dann hätten Sie sich dumm stellen müssen.“

„Bei dem Psychotest? – Ich habe mich dumm gestellt. Es half nichts. Die Psychoanalyse geht unbeirrt auf die Fakten. Das unterscheidet sie wohl vom Schachspiel. Doch jetzt sagen Sie mir

einmal offen, weshalb Sie sich freiwillig gemeldet hatten!“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich das getan habe?“

„Ich halte Sie für den Typ, der so etwas tut. Außerdem erzählten Sie vorhin eine Episode aus Ihrem Leben, bei der Sie auch die Nase nach vorn gesteckt haben.“

„Well, ich gebe zu, dass ich neugierig bin. Es hat mich interessiert, weshalb der Stellungskrieg auf Kooduztor seit Jahrzehnten ohne nennenswerte Frontverschiebungen anhält.“

„Das ist alles?“

Bernoulli nickte.

„Es gibt ein Dutzend Planeten, auf denen die Fronten gleichermaßen erstarrt sind. Weshalb geben Sie Kooduztor den Vorzug?“

„Wegen seiner exponierten Lage. Kooduztor ist ein Keil in der feindlichen Linie. Es hätte uns längst gelingen müssen, durch Konzentration aller verfügbaren Kräfte, diesen Vorteil weiter auszubauen.“

„Umgekehrt erscheint es mir für den Gegner ratsam, diesen Keil durch Konzentration der Kräfte abzuschnüren und die Front zu begradigen. Ich denke mir also, dass beide Parteien gleichermaßen nach dieser Überlegung gehandelt haben. Dadurch wurde das Gleichgewicht wieder hergestellt, und der Stellungskrieg geht frisch und fröhlich weiter.‟

„Wenn Sie ihn für frisch und fröhlich halten, verstehe ich nicht, weshalb Sie sich so dagegen wehren.“

„Sie sind ein Pedant, nicht wahr, Colonel Bernoulli?“

„Ja, weshalb?“

„Weil Sie Redensarten auf der Goldwaage legen. Frisch und fröhlich – ist eine Redensart. Ich bin nicht Ihr Untergebener und nehme Ihren Vorwurf daher nicht zur Kenntnis.“

„Habe ich Sie gekränkt?“

„Nein, natürlich nicht. Ich leiste mir eine offene Kritik unter Kameraden. Und je länger wir uns in dieser Manier unterhalten, um so besser lerne ich Sie kennen.“

„Sie studieren mich?“ Bernoulli lachte gezwungen. „Noch eine Art Prüfung, was?“

„Ja“, nickte Hobbes ernst. „Ich möchte Sie prüfen. Ich möchte herausbekommen, weshalb Sie abgelehnt wurden. Vorläufig erscheint es mir noch paradox.“

„Weshalb?“

„Weil Sie ein guter Freiwilliger sind. Sie bringen den notwendigen Enthusiasmus für Kooduztor mit und fallen durch. Ich dagegen wehre mich mit meiner ganzen Psyche gegen dieses Kommando und werde angenommen. Das leuchtet mir nicht ein, verstehen Sie?“

„Wenn diese Dinge so einleuchtend wären, brauchten wir keine Robotpsychologen, die uns mit mathematischer Genauigkeit testen und beurteilen. Vier Tage sind zu wenig für Sie, Hobbes, um herauszufinden, was mit mir los ist, selbst wenn ich ununterbrochen bis zur Landung auf Mars mit Ihnen Schach spielte und Ihnen dabei meine Lebensbeichte gäbe. Ich weiß nicht, weshalb ich nicht bestanden habe. Und ich kenne mich seit achtunddreißig Jahren.“

„Kennen Sie sich wirklich?“

„Was soll diese Frage? Rhetorische Verlegenheit? Es ist nicht notwendig, Hobbes, dass Sie meine Mentalität sezieren, auch wenn ich als Mitbewerber für die Kooduztor-Front interessant für Sie geworden bin. Sagen Sie offen und ehrlich, was Sie wollen.“

„Ich habe es gesagt.“

„Komisch! Sind Sie wirklich so abstrakt veranlagt? Denken Sie nicht vielmehr an sich selbst als an mich?“

Hobbes stellte sein Glas so heftig auf den Tisch, dass es zerbrach. Da es leer war, gab es weiter keinen Schaden.

„Okay, Bernoulli! Reden wir offen miteinander! Halten wir uns an das, was wir bisher voneinander erfahren haben! Sie wollten nach Kooduztor. Wollen Sie immer noch?“

„Komische Frage! Es ist müßig, darüber zu diskutieren. Mein Marschbefehl lautet auf Fondis. Was nützt es, wenn wir mit Wenn und Aber untersuchen, wie unser Schicksal unter anderen Voraussetzungen theoretisch verlaufen wäre?“

„Ich will durchaus nicht theoretisieren“, sagte Hobbes mit einem fanatischen Blitzen in den Augen. „Ich möchte nur wissen, ob Sie auch heute noch freiwillig nach Kooduztor gingen, wenn Sie könnten. Sagen Sie Ja oder Nein! Je knapper Sie sich ausdrücken, um so klarer liegt der Fall.“

„Natürlich würde ich hingehen“, sagte Bernoulli arglos.

Hobbes sah in diesem Augenblick wie ein glücklicher Mensch aus.

„Ich danke Ihnen! Ihre Zusage wird alles leichter machen.“

„Jetzt reden Sie in Rätseln.“

„Moment, bitte! Lassen Sie es sich erklären! Ich kenne auf Mars jemanden, der uns helfen wird, unsere Rollen zu tauschen.“

Bernoullis Lachen verriet, dass er noch immer nicht an die Ernsthaftigkeit dieses Vorschlags glaubte. „Sie wollen die Unterwelt konsultieren und falsche Papiere beschaffen?“

„Genau das“, nickte Hobbes.

„Hm, das Angebot ist durchaus verführerisch. Aber wie verträgt sich das mit unserem Offiziersdienstgrad? Außerdem gehört zu unseren Papieren ein Psychogramm. Das lässt sich in der Unterwelt kaum frisieren.“

„Lassen Sie die Unterwelt aus dem Spiel! Mein Mann ist durchaus zuverlässig und seriös. Sie sind also bereit?“

Um Bernoullis Mund zuckte es, als wüsste er nicht, ob er einen ernsten Ausdruck annehmen oder sich zu einem nachsichtigen Schmunzeln verziehen sollte.

„Ich sagte schon, dass ich neugierig bin. Der Fahrplan lässt mir zwei Tage Zeit auf Mars, ehe ich eine interstellare Verbindung nach Fondis habe. Ich kann mir Ihren Mann ja einmal ansehen. Natürlich ganz unverbindlich ...“

„Ganz unverbindlich“, nickte Hobbes. „Sie brauchen die Katze nicht im Sack zu kaufen.“

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Nach vier Tagen setzte die Silver-Star zur Landung an.

Die Touristen stürzten sich voller Lebenserwartung in das neue Milieu und nahmen sich zwei Stunden oder mehr Zeit, eine fremde Welt zu bewundern. Für die beiden Offiziere jedoch war Mars so interessant wie ein frischer Grabhügel für den Totengräber. Sie gaben ihr Gepäck zur Aufbewahrung auf, bestiegen ein Fußgänger Rollband der höchsten Geschwindigkeitsstufe und fuhren damit in einen Stadtteil, in dem noch Häuser aus der ersten Pionierzeit anzutreffen waren.

Erst in dieser Umgebung verriet Bernoullis Blick einiges Interesse.

„Ich habe mir eingebildet, Mars in- und auswendig zu kennen. Aber diese Spelunken sind mir fremd.“

„Mit Vorurteilen sind Sie schnell bei der Hand“, stellte Hobbes fest. „Vielleicht ist das der Grund, weshalb Sie die Prüfung nicht bestanden haben.“

Bernoulli hatte den Eindruck, dass der andere ihn zum Widerspruch reizen wollte. Doch er war gescheit genug, nicht auf diese Herausforderung einzugehen. „Nun, wenn es ein Vorurteil sein sollte, will ich zufrieden sein. Schließlich könnte es peinlich sein, in einer verrufenen Gegend mit unseren Dienstgrababzeichen angetroffen zu werden.“

Hobbes machte vor einem Restaurant halt. Sie gingen hinein und bestellten etwas zu essen. Bernoulli musste sich für einige Minuten mit der Zeitung beschäftigen, während Hobbes zum Telefon ging. Er kam zurück, nachdem der Kellner gerade serviert hatte.

„Es klappt“, sagte er kurz und widmete sich dann einer einheimischen Fleischspeise, die mit zwei Gabeln gegessen werden musste.

Eine halbe Stunde danach traten sie wieder auf die Straße und winkten ein Taxi heran, da es in diesem Stadtteil keine Transportbänder gab. Zu Bernoullis Verwunderung gab Hobbes ein Ziel in der durchaus gesellschaftswürdigen City an, und sie stiegen auf einem Platz aus, der von Banken und Bürohäusern umrahmt war.

„Ich habe hier noch eine Viertelstunde zu tun, Bernoulli“, erklärte Hobbes. „Würden Sie solange in diesem Hotel warten?“

Bernoulli stellte fest, dass sie genau vor dem „Escorial‟ standen. Er nickte. „Okay! Die Zeit drängt nicht. Erledigen Sie getrost Ihre Angelegenheiten. Ich werde auf Sie warten.“

„Gut, ich komme dann ins Restaurant.“ Bernoulli betrat das Hotel. Der Gastraum war nur schwach besetzt, so dass es ihm keine Schwierigkeiten machte, einen Tisch am Fenster zu erhalten, von wo aus der große Platz zu übersehen war. Zwischen den vielen Uniformen glaubte er den davoneilenden Hobbes zu erkennen, der kurz darauf im Haupteingang der Bank of Telluria verschwand.

„Sie wünschen, mein Herr?“

Die Frage stellte ein Bedienungsroboter. Führende Häuser wie das Escorial waren es ihrem Ruf schuldig, Roboter einzustellen. Sie sind einem menschlichen Kellner in jeder Hinsicht überlegen.

Colonel Bernoulli bestellte unverdünnten Whisky und widmete sich dann wieder der Szenerie auf der Straße. Dabei kehrte sein Blick immer wieder zum Eingang der Bank of Telluria zurück, obgleich von Hobbes natürlich nichts mehr zu sehen war. Als der Kellner den Whisky brachte, prüfte sich Bernoulli, ob er misstrauisch geworden war.

Misstrauisch gegen Hobbes? Weil er ihn hier im Hotel abgesetzt hatte? Weil er allein für eine

Weile verschwand, um eine Privatangelegenheit in Ordnung zu bringen? Weil er auf der Bank of Telluria offenbar ein Konto unterhielt?

Natürlich war das Unsinn! Schließlich stand jedem ein Privatleben zu.

Bernoulli appellierte an seinen Verstand und versuchte an etwas anderes zu denken. Doch als Hobbes zurückkehrte, und sich zu ihm an den Tisch setzte, wusste Bernoulli, dass er den fremden Colonel plötzlich mit anderen Augen ansah. Hobbes nahm eine Zigarette. Und seine Hand zitterte dabei. Bernoulli beugte sich zu ihm hinüber, um ihm Feuer zu reichen. Und er fixierte ihn auffällig aus der Nähe, dass Hobbes es sofort spürte. Die Reaktion war eine noch größere Unsicherheit.

„Danke, Sir! Gibt es hier keinen Whisky?“

„Sie müssen ihn bestellen.“

Im selben Augenblick stand der Robotkellner am Tisch und brachte bereits den Whisky. Hobbes kippte ihn hinunter und bezahlte. Er sah aus wie einer, der frische Luft braucht.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Bernoulli so arglos wie möglich.

„Wir gehen drei Blocks weiter. Es lohnt sich nicht, ein Band zu nehmen. Kommen Sie!“

„Besuchen wir Ihren ... Mann?“

Hobbes nickte. „Ja! Wir werden schon erwartet. Ich habe uns ja bereits telefonisch angemeldet, wie Sie wissen. Der Mann heißt Forbes, Dr. Forbes. Er hat eine gutgehende Praxis.“

„Er ist Arzt.“

„Ja, Arzt.“

„Ich hätte eher vermutet, dass er Drucker ist.“

„Sie denken an Falschmünzerei?“

„Natürlich!“

Hobbes sagte nichts darauf. Er hatte etwas gerötete Augen. Das Thema war ihm offenbar peinlich.

Dr. Forbes besaß tatsächlich eine Praxis. Doch es war außer ihm kein Mensch darin zu sehen. Bernoulli, der sich ungeniert in allen Räumen umsah, die sie passierten, erntete ein offenes Lächeln des Arztes.

„Ich habe meine Angestellten weggeschickt, Colonel. Das tue ich immer, bei delikaten Angelegenheiten. Ihr Kamerad hat mich bereits unterrichtet. – Hier entlang, bitte! Sie gestatten, dass ich vorausgehe.“

In einem anspruchsvoll dekorierten Salon wurden den Besuchern tiefe Polstersessel angeboten. „Ich freue mich, Hobbes, Sie nach so langer Zeit einmal wiederzusehen. Es muss beinahe zwei Jahre her sein, dass Sie auf Mars waren. Oder – was schlimmer wäre – Sie waren hier und haben mich nicht besucht.“

„Ich war nicht hier, Doktor. Ich hätte kaum versäumt, bei Ihnen hereinzuschauen. Genau wie heute ...“

„Heute ist es kein Höflichkeitsbesuch, wie Sie sagten.“

„Nein ...“, zögerte Hobbes. „Wir brauchen neue Papiere, um es kurz und klar zu sagen. Und zwar innerhalb von vierundzwanzig Stunden.“

„Sie beide?“

„Jawohl, Doc! Es brauchen keine neuen Namen zu sein. Colonel Bernoulli und ich müssen nur die Rollen miteinander tauschen.“

„Müssen? Wenn Sie den dienstlichen Befehl dazu haben, würde ich mich an Ihren Stab wenden.“

„Es ist eine inoffizielle Abmachung, Doktor. Der Tausch unserer Identität geht außer uns dreien niemanden etwas an.“

„Die unbedingte Diskretion ist im Preis einbegriffen“, sagte Forbes.

„Ich weiß. Wenn Sie nicht vertrauenswürdig wären, würde ich nicht zu Ihnen kommen. Der Sache steht nichts im Wege. Wir haben das Geld bei uns. Barzahlung, wie vereinbart ...“

Forbes zögerte mit der Antwort. „Soviel Geld haben Sie bei sich?“

„Ich denke, es reicht. Eventuell müssen wir wegen des Preises handeln. Lassen Sie uns zunächst darüber reden, was zu machen ist.“

„Sie wollen Ihre Identität tauschen. Ein Auswechseln Ihrer Passbilder dürfte da kaum genügen.“

„Ich weiß. Wir brauchen auch unsere Fingerabdrücke und die Übertragung besonderer Kennzeichen. Sie sind Arzt und werden keine Schwierigkeiten haben, Colonel Bernoulli eine Narbe am rechten Knie beizubringen, wie ich sie trage.“

„Eine Operation mit schnellem Heilprozess. Die Konsultation lohnt sich. Sie sind ein guter Kunde und Patient, Colonel Hobbes.“

„Fünftausend Kredite extra dafür, Doktor. Ich habe sie in der Tasche, wenn ich das noch einmal betonen darf.“

„Zehntausend extra, Colonel. Wir haben nicht mehr die Tarife wie vor zwei Jahren.“

Hobbes war um eine Nuance blasser geworden. „Zehntausend?“, wiederholte er gedehnt und verlor zusehends an Optimismus. „Das kann nicht Ihr Ernst sein, Doktor!“

„Ich bitte Sie, Colonel! Der Krieg dauert lange. Sie wissen so gut wie ich, wie unsere Währung

dem inflationistischen Schwund unterliegt. Denken Sie an Ihr Gehalt! Hat sich das nicht auch innerhalb von zwei Jahren verdoppelt?“

„Eben nicht! Und mir ist auch keine offizielle Abwertung des Kredits bekannt. Jedenfalls nicht innerhalb der letzten sechs Jahre. Ich zahle mit gutem tellurischem Geld, Doktor. Ich zahle in bar. Ist das nichts?“

Forbes zog seinen Kopf bedauernd zwischen die Schultern zurück.

„Ich kann mir denken, dass der Staat seine wichtigsten Diener betrügt. Schließlich hat er Sie in der Hand. Aber unser Geschäft, meine Herren, ist ein Bestandteil der freien Wirtschaft. Angebot und Nachfrage regeln die Preise auf dem Markt.“

„Auf dem Schwarzmarkt!“, fühlte sich Bernoulli veranlasst, endlich in das Gespräch einzugreifen. Er trat damit ins Fettnäpfchen. Forbes verlor zum ersten Mal seinen verbindlichen Gesichtsausdruck.

„Ich darf Sie darauf aufmerksam machen, Colonel Bernoulli, dass Sie mit Ihren Wünschen zu mir kamen. Nicht umgekehrt!“

Bernoulli war durchaus nicht der Mann, der sich vor einer derartigen Zurechtweisung duckte. Doch ein Blick auf seinen Partner Hobbes verriet ihm, dass er jetzt nicht ohne Diplomatie auskam.

Hobbes hatte deutliche Schweißspuren auf der Stirn und sah ihn mit den flehenden Augen eines hilflosen Tieres an.

„Lassen Sie mich verhandeln, Bernoulli! Der Doktor und ich kennen uns seit Jahren. Und wir haben uns noch immer geeinigt. – Ich denke, Doc, wir sprechen später über den Preis, sobald unsere Wünsche genau fixiert sind.“

„Der Vorschlag ist gut“, nickte der Arzt. „Es hat keinen Sinn, dass ich meine Kalkulation anstelle, bevor wir uns überhaupt über die Gesamtheit Ihrer Wünsche klar geworden sind. Sie deuteten am Telefon etwas von einem Psychotest an, Colonel Hobbes. Gilt es den bei unserem Geschäft zu berücksichtigen?“

Hobbes sah unsicher zu Bernoulli hinüber. Das war wie eine Aufforderung zur Hilfe. Bernoulli nickte.

„Natürlich gilt es den Psychotest zu berücksichtigen, Doktor. Hobbes und ich wollen die Rollen tauschen, weil zufällig immer der andere gerade den Marschbefehl für den Kriegsschauplatz hat, nach dem wir uns sehnen.“

„Sie sehnen sich also nach Kriegsschauplätzen?“ Forbes Einwurf klang zynisch.

Bernoulli konterte mit entsprechender Sachlichkeit.

„Auf diese Frage bekommen Sie keine Antwort, weil sie nicht zu unserem Geschäft gehört. – Also, hören Sie weiter zu, denn schließlich sind wir jetzt Ihre Kunden, die Ihnen ihre Aufträge unterbreiten. – Unseren Kommandos liegen Psychotests zugrunde. Es ist durchaus möglich, dass wir bei unserer Truppe noch einmal überprüft werden. Zu diesem Zweck müssten Sie unsere Mental-Schlüssel ändern. Können Sie das?“

„Ich kann schon, Colonel Bernoulli. Ich mache Sie nur pflichtgemäß darauf aufmerksam, dass Sie nach einer solchen Behandlung nicht unbedingt mit Ihrem früheren Ich aufwachen. Der Mental-Schlüssel kann nur wirksam bleiben, wenn er Sie auch zu den erforderlichen Mental-Reaktionen veranlasst. Sonst kommen Sie an der Psychodiagnostik nicht vorbei.“

„Okay! Wie lange dauert das? Und wie ist Ihr Preis? Ich denke, das wird meinem Kameraden Hobbes jetzt interessieren.“

„Dreißigtausend“, sagte Forbes. Die Forderung ließ Hobbes vom Sessel schnellen.

„Soviel Geld besitze ich nicht! Das ist Wucher! Ich bitte Sie, Doktor, das kann nicht Ihr Ernst sein ...“

Forbes zuckte mit der Schulter. „Ein neuer Ausweis, meine Herren, ist ein kleiner Fisch. Den

gibt es für ein Taschengeld. Aber die Änderung von zwei Mental-Schlüsseln ist ein biologisches Phänomen, das nicht mehr als tausend Ärzte im ganzen Sonnensystem verstehen und beherrschen. Das Honorar liegt dabei etwa doppelt so hoch wie bei Herzerneuerungen ...“

Während Forbes sprach, war Bernoulli veranlasst, Hobbes zu beobachten. Er sah wieder das auffällige Zittern des ganzen Körpers. Hobbes konnte nicht verbergen, dass er Angst hatte.

„Dreißigtausend“, flüsterte der Colonel, der sich nach einer sicheren Etappenstellung auf dem Planeten Fondis sehnte. Er sagte es leise und schüchtern, und trotzdem mit dem Entsetzen des Nichtbegreifens.

„Sie verfügen offenbar nicht über die Summe“, erkundigte sich Bernoulli vermittelnd.

„Nein“, sagte Hobbes. „Ich habe vorhin mein halbes Konto abgehoben. Fünftausend. Ich kann noch einmal hingehen und den Rest holen.“

„Dann fehlen noch immer zwanzigtausend“, stellte Bernoulli fest.

„Wie steht es mit Ihren eigenen Finanzen, Bernoulli?“, fragte Dr. Forbes ungeniert.

„Danke, gut! Ich hatte eigentlich aber kaum gedacht, dass ich mich bei diesem Handel mit eigenen Mitteln engagiere. Hobbes hatte den Wunsch, einigermaßen im tellurischen Zirkel zu bleiben.“

„Dann verzichten wir doch einfach auf die Psychobehandlung“, schlug Hobbes vor. „Ich komme auf Fondis mit meinem eigenen Charakter aus.“

„Ich aber auf Kooduztor nicht mit meinem. Nein, Hobbes, machen Sie jetzt keine Einschränkungen! Wenn wir die Rollen tauschen, dann muss das ohne den geringsten Fehler geschehen oder gar nicht. Ich möchte bei meiner Truppe nicht gleich am ersten Tage als unzuverlässig abgeschoben oder gar vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Wir werden die dreißigtausend Kredite zahlen ...“

„Aber ich habe sie nicht! Zehntausend sind die Ersparnisse der letzten Kriegsjahre. Ich bin ein armer Mann, wenn ich die auf den Tisch gelegt habe. Und für den Rest fehlt mir jeglicher Kredit.“

„Sie haben ihn von mir.“

Hobbes starrte ungläubig und hoffend zugleich zu Bernoulli hinüber.

„Wollen Sie das für mich tun?“

„Ich tue es auch für mich. – Also, Doktor! Wir sind uns einig, nicht wahr? Sie bereiten inzwischen die Operationen vor, da wir nicht länger als zwei Tage Zeit haben. Wir verschwinden inzwischen für eine gute Stunde und beschaffen das notwendige Honorar. Ich denke, ein Bargeschäft wird Ihnen am liebsten sein.“

„Sie sind ein gescheiter Mann“, lobte Forbes zufrieden. „Ich erwarte Sie in einer Stunde.“

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3

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Bernoulli und Hobbes verließen das Haus und nahmen ein Expressband. Vor einem Hotel sprangen sie ab, obwohl es Hobbes zu früh erschien.

„Wir hätten bis an die nächste Ecke fahren sollen.“

Bernoulli winkte energisch ab. „Wir gehen hier hinein und bestellen uns etwas zu trinken. Auf diese Weise werden wir die Stunde sehr nutzbringend vertreiben.“

Hobbes wollte widersprechen, doch der andere lief ihm davon und betrat des Restaurant. Hobbes hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen.

Es war wieder das Escorial, es war derselbe Tisch und derselbe Robotkellner. Und auch dieselbe Sorte Whisky.

Nach dem ersten Schluck, den Hobbes kaum genoss, aber um so gieriger hinunter zwang, sagte er: „Ich werde nicht klug aus Ihnen, Bernoulli. Wollen Sie vielleicht aussteigen?“

„Nicht in der Form, wie Sie denken. Kooduztor reizt mich nach wie vor, wenn auch nicht so intensiv, wie Sie sich nach Fondis oder einer ähnlichen Position sehnen. Haben Sie sich von Forbes bisher immer so übers Ohr hauen lassen, wenn Sie Geschäfte mit ihm machten?“

„Sie kennen offenbar nicht die Preise auf dem Schwarzmarkt, Bernoulli. Sonst würden Sie nicht so reden. Mir war von vornherein klar, dass die Sache ein Vermögen kosten würde. Aber für mich ist es so, als ob ich mein Leben damit bezahle. Der Preis fürs Leben kann eben manchmal sehr hoch sein.“

„Unsinn, Hobbes! Lassen Sie diese Propaganda, mit der Sie sich nur selbst überreden wollen. Sie hatten niemals mit einem so hohen Preis gerechnet, wie die fünftausend Kredite in Ihrer Tasche verraten.“

Hobbes’ Haltung verriet Ungeduld und Widerspruchsgeist.

„Hatten Sie lediglich Durst auf einen Whisky, oder wollen Sie eine endlose Debatte, bei der doch nichts herauskommt? Sie sollten die Situation klar erkennen, Bernoulli! Forbes stellt seine Forderungen. Und uns bleibt nichts anderes übrig, als darauf einzugehen. Er hat das Monopol. Es gibt keine Konkurrenz, die es billiger macht. – Kommen Sie! Trinken Sie aus und lassen Sie uns das Geld holen.‟

„Ihre zehntausend Kredite?“

„Und Ihre zwanzigtausend!“

„Ich habe kein Geld verfügbar. Die zwanzigtausend schlagen Sie sich am Besten aus dem Kopf.“

Wieder machte Hobbes ein Gesicht wie der Delinquent unter dem Galgen.

„Also doch! Sie machen nicht mehr mit. Natürlich, ich hätte mir denken können, dass die Sache sehr schnell im Sande verläuft.“

„Zum Teufel, Hobbes! Hören Sie endlich auf, tragische Arien zu singen! Ich denke nicht daran, diesem Forbes die Ersparnisse meiner letzten zehn Dienstjahre in den Hals zu werfen. Am wenigsten für eine Leistung, die ihn nicht einmal einen Tag Arbeit kostet.“

„Wenn Sie glauben, mit ihm einen besseren Preis aushandeln zu können, warum haben Sie es nicht gemacht?“, fragte Hobbes immer noch misstrauisch.

„Weil ich Zeit zum Überlegen brauche. Und diese Zeit haben wir jetzt. Sogar mit einem Whisky.“

Hobbes lehnte sich zurück und suchte sich zu entspannen. „Meinen Sie, dass etwas dabei herauskommt? Wenn Sie einen Lichtblick haben, lassen Sie es mich wissen!“

„Der Zynismus steht Ihnen nicht, Hobbes!“

„So, meinen Sie?“

„Er steht Ihnen nicht, weil Ihre Hand zittert, wenn Sie das Glas heben, weil Sie aus lauter Verzweiflung jeden Wucherpreis zu zahlen bereit sind – und weil Sie einfach Angst haben.“

„Wen fürchte ich? Wenn ich das noch fragen darf?“

„Sie fürchten Kooduztor.“

„Ich bin so frei, es zuzugeben. Doch das sollte keine Neuigkeit für Sie sein. Wenn ich Kooduztor als ein Sanatorium empfände, würde ich nicht darauf bestehen, mit Ihnen ins Tauschgeschäft zu kommen.“

„Okay! Das nehme ich Ihnen nicht übel. Aber Sie fürchten sich auch vor Forbes. Oder wenigstens davor, dass er Ihnen einen Strich durch die Rechnung machen könnte.“

„Es greift eins ins andere. Wir haben in diesem Geschäft keine günstige Position Forbes gegenüber.“

„Wir? – Lassen Sie mich bei dieser Verallgemeinerung aus dem Spiel, Hobbes! Ich denke nicht daran, meine Position als ungünstig anzusehen. Haben Sie schon einmal versucht, Forbes die Zähne zu zeigen? Was meinen Sie, wie weit er mit seiner Unverschämtheit gehen wird, wenn Sie ihm Contra geben?“

„Ich möchte es nicht auf einen Versuch ankommen lassen. Beim Weltraum, sehen Sie doch ein, Bernoulli, dass wir gegen ihn nichts machen können! Entweder wir nehmen seine Bedingungen an, oder er rührt nicht den kleinen Finger für uns.“

„Sie meinen also, er lässt sich ein Riesengeschäft ohne Verhandlungsbereitschaft aus der Nase gehen?“

„Jawohl, das meine ich. Sein Kundenkreis ist groß genug, um nicht auf uns angewiesen zu sein. – Lassen Sie mich wenigstens die fünftausend restlichen Kredite holen! Die Chancen stehen dann ohnehin noch ungünstig für uns. Aber mit den fünftausend aus unserem ersten Gebot jagt er uns bedenkenlos aus dem Haus ... Vielleicht könnten Sie ja auch auf die Änderung Ihres Mental-Schlüssels verzichten.“

Bernoulli sah sein Gegenüber prüfend an. „Der Vorschlag ist zwar nicht sehr kameradschaftlich von Ihnen. Doch ich habe mich zu Ihrer Beruhigung bereits selbst zu diesem Verzicht entschlossen. Mir ist nämlich nicht wohl bei dem Gedanken, mit Ihrer seelischen Verfassung auf Kooduztor aufzutauchen. Das wäre vielleicht gerade das, was einige Herren, die ausgerechnet Sie für dieses Kommando ausgesucht haben, wünschen.“

Hobbes’ unruhiger Blick nahm noch an Verwirrung zu. „Ich verstehe Sie nicht, Bernoulli. Haben Sie vielleicht etwas gegen den Psychotest ein zuwenden?“

„Je länger ich darüber nachdenke, um so mehr. Würden Sie einmal fünf Minuten ehrlich sein, Hobbes? Als Ausgleich für den Dienst, den ich Ihnen erweisen werde, wenn ich nach Kooduztor gehe.“

„Haben Sie den Eindruck, dass ich Sie bisher belogen habe?“

„Das war keine Antwort auf meine Frage. Würden Sie ehrlich sein?“

Hobbes nickte.

„Okay“, fuhr Bernoulli fort. „Dann geben Sie zu, dass Sie ein Feigling sind!“

Die Aufforderung wirkte wie ein Schock. Hobbes senkte den Blick auf die Tischplatte und suchte nervös nach seinem Glas, das jedoch leer war. Seine Antwort kam zögernd und beschämt. „Ich habe bei Mizar mitgemacht. Sie wissen, dass wir dort fünf Jahre einen ähnlichen Stellungskrieg führen mussten wie auf Kooduztor ...“

„Das ganze System Mizar ist in Energie verwandelt worden, ich weiß. Die Verluste auf beiden Seiten müssen mindestens sieben Millionen Menschen und Gegner betragen haben. Wenn Sie da noch herausgekommen sind, haben Sie gewiss Ihren zweiten Geburtstag gefeiert.“

„Der Zufall hat mir geholfen. Wir waren mit einem Patrouillenkreuzer so weit draußen im Raum, dass wir noch einmal knapp davongekommen sind. Doch nach meiner Rückkehr war ich ein anderer Mensch. Glauben Sie mir, Bernoulli, es hat Zeiten gegeben, da hatte ich die Nase immer vorn. Seit Mizar war es plötzlich vorbei. Der Krieg hat mich fertiggemacht. Mehr kann ich zu meiner Rechtfertigung nicht sagen. Seit Mizar bin ich ein Feigling. Allerdings rede ich nicht gern darüber, wenn es sich vermeiden lässt.“

„Heute ließ es sich nicht vermeiden. Denn ich möchte, dass Sie sich einmal den Kopf darüber zerbrechen, weshalb man ausgerechnet Sie für Kooduztor ausgesucht hat.“

„Wollen Sie etwa das Ergebnis meines Psychotests bezweifeln?“

„Solange ich über einen Rest gesunden Menschenverstand verfüge, muss ich das wohl.“

„Unsinn, Bernoulli. Das Ergebnis mag unserer Alltagspsychologie widersprechen. Doch ein Elektronengehirn lässt sich nicht bestechen. Wenn Sie irgendwo einen Fehler suchen, dann bitte nicht dort, wo er am allerwenigsten zu finden sein wird.“

„Freilich, ein Robotgehirn ist fehlerfrei. Daran habe ich nicht im Geringsten gezweifelt. Nur sollten Sie nicht vergessen, dass das Ergebnis einer Antwort von der Fragestellung abhängig ist.“

„Sie behaupten also, die Fragestellung sei falsch gewesen. Damit unterschieben Sie den verantwortlichen Stellen auf Terra Sabotage oder fehlerhafte Arbeit.“

„So weit ist es noch nicht. Mit einem dumpfen Gefühl allein kann man noch keinen Verdacht aussprechen. Doch mein Misstrauen ist wach, und ich bin heute mehr denn je daran interessiert, nach Kooduztor zu kommen. Und mein Misstrauen muss dabei sein, wenn alles einen Sinn behalten soll. Ich werde also jede Psychokorrektur, die uns Dr. Forbes eventuell noch zu Wucherpreisen verkaufen will, ablehnen. Habe ich mich jetzt deutlich genug ausgedrückt?“

Hobbes sah seinen Kameraden an wie ein Kind den Weihnachtsbaum.

„Ich glaube Ihnen, Bernoulli. Sie müssen selbst wissen, wie Sie auf Kooduztor zurechtkommen wollen. Und wenn Sie mir die zweite Fünftausender-Rate ersparen, gehört die Hälfte davon Ihnen.“

„Lassen Sie Ihr Geld stecken! Die Sache wird Sie ohnehin noch genügend Geld kosten. Kommen Sie jetzt!“

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4

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Es war noch keine ganze Stunde vergangen, als Dr. Forbes sie ein zweites Mal empfing.

„Kommen Sie herein, meine Herren! Die Operation ist vorbereitet. Haben Sie Ihre Angelegenheit auf der Bank regeln können?“

Bernoulli durchschritt die Zimmerflucht und gab keine Antwort, solange er nicht saß. Dann erklärte er: „Hobbes und ich hatten inzwischen noch eine Unterredung, Doktor. Sie sprachen vorhin von der Notwendigkeit einer genauen Formulierung unserer Wünsche. Ich gebe zu, dass wir es unterlassen hatten, uns rechtzeitig alle Details zu überlegen. Das haben wir jetzt nachgeholt.“

„Bitte“, sagte Forbes mit einer Armbewegung, die Bernoulli zum Weitersprechen aufforderte.

„Nun ja, nach all dem, was ich von meinem Kommando auf Kooduztor erwarte, ist es keineswegs ratsam, dass ich mich einer Mental-Korrektur unterziehe. Ich möchte unbedingt als der reisen, der ich wirklich bin. Die Operation erübrigt sich also, und wir brauchen praktisch nur ein paar gute neue Pässe mit dem erforderlichen Marschbefehl. Sie können auch unsere rechtmäßigen Namen verwenden, da ich auch in dieser Hinsicht keinen Tausch der Identität vornehmen möchte. Die neuen Papiere schreiben Sie bitte auf das Oberkommando des Sirius-Sektors aus. Auf diese Weise haben sowohl Colonel Hobbes als auch ich immer die Möglichkeit, gewisse Unklarheiten durch Änderungen unserer Befehle während der Reise zu erklären.“

„Well“, nickte Dr. Forbes. „Sie müssen wissen, was Sie benötigen. Ich mache Sie allerdings darauf aufmerksam, dass ich inzwischen wesentliche Vorbereitungen für die Operation getroffen habe. Dadurch sind mir bereits gewisse Unkosten entstanden, die ...“

„Reden wir nicht noch einmal über den Tarif“, unterbrach Bernoulli mit einem verbindlichen Lächeln, das mit seiner Stimmung nicht im Geringsten zu vereinbaren war. „Wir wissen seit heute Nachmittag, dass Sie Spitzenpreise haben und werden uns auf jeden Fall einigen.“

„Okay! Die Ausweise kosten zusammen fünftausend Kredite. Für die Unkosten der Operation mache ich Ihnen einen Sonderpreis. Alles in allem zehntausend. Wäre Ihnen das angenehm?“

„Selbstverständlich!“, antwortete Bernoulli sofort, um Hobbes daran zu hindern, etwas Falsches zu sagen. „Zehntausend in bar. Wie lange werden wir warten müssen?“

„Kommen Sie morgen früh wieder.“

„Nein, das ist leider nicht möglich. Sie werden verstehen, Doktor, dass wir noch einiges zu erledigen haben, wo praktisch für jeden von uns ein neues Leben beginnt. Wir werden hier warten, bis Sie fertig sind.“

„Es wird mindestens zwei Stunden dauern, meine Herren. Die Reaktion meiner Präparate lässt keine schnellere Arbeit zu.“

„Zwei Stunden werden wir überstehen, Doktor. Sie haben genügend Lektüre hier zur Hand. Lassen Sie sich nicht stören.“

Forbes stand widerstrebend auf. „Nun gut, ein schnelles Bargeschäft. Wie ist es mit einer Anzahlung, Colonel Hobbes?“

„Legen Sie fünftausend auf den Tisch!“, sagte Bernoulli.

Forbes zählte die Scheine und ließ sie in der Tasche verschwinden.

„Die zweite Hälfte bei Lieferung der Papiere“, sagte Bernoulli kameradschaftlich vertraut, und Forbes zog sich in sein Labor zurück.

Sobald die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, beugte sich Hobbes erregt vor. „Was erzählen Sie ihm von den zweiten Fünftausend? Ich habe doch das Geld nicht! Sie selbst haben vorhin gesagt ...‟

„Reden Sie jetzt keinen Unsinn“, winkte Bernoulli ab. „Die zweiten Fünftausend habe ich in der Tasche. Es ist mein gutes Recht, dass ich mich zur Hälfte an der Sache beteilige.“

„Ich begreife Sie nicht mehr“, stöhnte Hobbes erneut. „Im Escorial waren Sie der Meinung, dass wir ... “

„Hören Sie auf!“, polterte Bernoulli befehlend. „Im Escorial habe ich erklärt, dass Sie ein Feigling sind, und wir haben ausgemacht, dass ich die weiteren Verhandlungen mit Dr. Forbes führen werde. Wie günstig sich diese Methode auch auf Ihre Brieftasche auswirkt, haben Sie ja wohl inzwischen erkannt. Wenn es nach Ihnen und Forbes gegangen wäre, hätten Sie dreißigtausend Kredite blechen müssen. Jetzt kommen wir mit zehntausend davon, von denen ich noch die Hälfte übernehme. Verlangen Sie noch mehr Vorteile für sich?“

„Nein, natürlich nicht“, stotterte Hobbes kleinlaut. „Aber ich habe ja wohl noch das Recht, als Ihr Partner ...“

„Ach! Halten Sie den Mund! Ich will kein Wort mehr davon hören! Wir warten hier noch zwei Stunden und werden so frei sein, den Restinhalt dieser Whiskyflasche zu untersuchen. Dann nehmen wir unsere neuen Papiere und sind geschiedene Leute.“

Bernoulli brachte durch seine unverständlichen Grobheiten seinen zimperlichen Partner tatsächlich zum Schweigen. Hobbes begnügte sich schließlich mit dem Whisky und wagte auch Bernoulli nicht mehr zu stören, der sich ein Buch aus dem Regal genommen hatte und scheinbar intensiv darin las.

Wie Bernoulli geahnt hatte, dauerte Forbes’ Arbeit nicht einmal eine Stunde. „Es ging doch schneller, als ich dachte, meine Herren. Hier, bitte! Was halten Sie davon?“

Bernoulli nahm das für ihn bestimmte Papier kritisch auf und hielt es gegen das Licht. „Es sieht gut aus, Doktor. Nur würde ich auch gern eine chemische Probe damit machen.“

„Verstehen Sie etwas davon?“

„Einiges! Ich war zwei Jahre lang Leiter einer Grenzkontrolle im Plejaden-Sektor. Da lernt man die hauptsächlichsten Tricks kennen. Erst wenn ein Ausweis jeder Analyse standhält, ist er in Ordnung, wie Sie zugeben müssen.“

„Natürlich! Aber Sie werden mir als Arzt sicherlich zutrauen, dass ich die notwendigen Fertigkeiten für solche Zwecke besitze. Oder fragen Sie Colonel Hobbes, auf dessen Empfehlung Sie zu mir kamen!“

„Wir wollen korrekt bleiben, Doktor“, erklärte Bernoulli freundlich. „Es handelt sich keineswegs um Misstrauen. Doch unser Geschäft verlangt, dass ich mich überzeuge. Bitte, haben Sie die Freundlichkeit, uns Ihr Labor zu zeigen. Meine Probe dauert nicht länger als fünf Minuten ...“

„Es tut mir leid, Colonel. Mein Labor ist prinzipiell tabu für meine Geschäftsfreunde, und ich möchte auch Ihnen zu Liebe keine Ausnahme machen. Sie wissen, wer einmal ein Prinzip vernachlässigt, der hat es verloren. Sie haben mehrere Gelegenheiten in der Stadt, die Probe durchzuführen. Sollte sich an den Ausweisen der geringste Fehler feststellen lassen, so dürfen Sie immer bei mir reklamieren.“

„Ich sagte bereits, Doktor, dass unsere Zeit auf Mars sehr bemessen ist. Wir müssen bereits morgen weiterreisen. Die einzige Möglichkeit, die Güte dieser Papiere zu prüfen ist mir also hier in Ihrem Hause gegeben, und ich muss Sie im Interesse unserer guten Beziehungen bitten, mich die Probe durchführen zu lassen.“

„Es tut mir leid, Colonel! Sie sind mir noch fünftausend Kredite schuldig. Darüber hinaus haben wir nichts mehr miteinander zu tun.“

„Die fünftausend Kredite rechnen Sie für die Vorbereitungen der Operation. Auch das möchte ich nachprüfen, ehe ich zahle, Doktor.“

„Colonel Bernoulli!“, donnerte Forbes ungehalten und verzichtete urplötzlich auf seine bisher gespielte Höflichkeit. „Sie scheinen sich über die Situation nicht ganz im Klaren zu sein! Schlagen Sie sich jeden Erpressungsversuch aus dem Kopf! Und zahlen Sie! Wenn Sie nur im Geringsten gegen meine Interessen verstoßen, ist innerhalb von vierundzwanzig Stunden eine Ihnen übergeordnete Militärdienststelle über die Vorgänge in diesem Hause orientiert.“

„Seltsam“, murmelte Bernoulli unbeeindruckt. „Sie scheinen Ihr eigenes schlechtes Gewissen dem Staate gegenüber vollkommen zu vergessen.“

„Sie sind Soldat und haben entschieden mehr zu fürchten als ich. Ich als Privatmann finde weit eher einen Ausweg. Ich besitze sogar ein Alibi für diese Stunde und gute Rechtsanwälte obendrein.“

„Haben Sie das gehört, Hobbes? Er hat gute Rechtsanwälte. Es sollte mich nicht wundern, wenn seine Beziehungen bis zur Regierung reichen.“

„Hören Sie auf, Bernoulli!“, ächzte Hobbes, der sich im Augenblick von den drei Männern am unwohlsten fühlte. „Mit solchen Auseinandersetzungen ist keinem von uns gedient. Und ich glaube auch nicht, dass Dr. Forbes Wert darauf legt, unsere Geschäfte an die große Glocke zu hängen.“

„Da haben Sie ausnahmsweise recht“, bestätigte Forbes und hielt plötzlich eine Pistole in der Hand. „Legen Sie das Geld auf den Tisch, Bernoulli, und verschwinden Sie. Ich gebe Ihnen die Zusicherung, dass niemand etwas erfahren wird, wenn Sie sich nach meinen Wünschen richten.“

„Wie kommen Sie auf mich? Das Geld hat Hobbes.“

„Sie haben selbst gesagt, dass Sie die restlichen fünftausend zahlen würden.“

„Wann habe ich das gesagt? Doch niemals in Ihrer Anwesenheit.“

„Werden Sie nicht pedantisch. Es genügt, dass Sie es gesagt haben.“

Bei Hobbes ging ein schwaches Blinklicht auf. „Er hat uns belauscht, Bernoulli. Wir sprachen darüber, als wir allein waren.“

„Gut, dass Sie das endlich begreifen“, nickte Bernoulli und zog sein Scheckbuch. Dann drehte er dem Arzt den Rücken zu und schickte sich zu schreiben an.

Forbes trat sogleich dicht an ihn heran und drückte ihm die Mündung der Waffe spürbar in die Nachbarschaft der Wirbelsäule. „Keine Schecks, Colonel! Wir hatten Barzahlung ausgemacht.“

Bernoulli hatte inzwischen automatisch die Hände gehoben. Man tut das unwillkürlich, wenn man einen Lauf im Rücken spürt. Doch Bernoulli tat noch einiges mehr. Er kannte nicht unbedingt alle Tricks, wie sie unter Revolverhelden üblich sind, aber an die primitivsten erinnerte er sich. Er drehte sich sitzend herum, so dass er vor dem stehenden Arzt immer noch hilflos wirkte. Und diese Hilflosigkeit unterstrich er noch durch unsichere Worte.

„Ich habe das Geld nicht bei mir, Doktor! Das Beste, was Sie sich wünschen können, ist ein Scheck auf die Tellurische Bank. Mein Konto ist in Ordnung. Sie können ja telefonisch anfragen. Ich gebe Ihnen den Code. Damit kann nichts ... Nicht schießen, Hobbes!“

Die letzten drei Worte waren der Trick.

Hobbes war es nicht im Traum eingefallen, nach seiner Pistole zu greifen, obgleich er jetzt querab zu Forbes saß.

Hobbes dachte nicht einmal daran, dass er bewaffnet war. Aber um so weit zu denken, brauchte der Arzt eine gute halbe Sekunde. Seine Nerven reagierten schneller als sein Gehirn, und deshalb schwenkte er unmittelbar nach Bernoullis Warnung herum, um Hobbes außer Gefecht zu setzen. Bernoulli brauchte nur noch scharf unter den Unterarm des Arztes zu schlagen. Die Waffe fiel zu Boden. Der zweite Schlag traf Forbes unter das Kinn und nahm ihm den letzten Rest von Überlegenheit.

„Zurück an die Wand!“, zischte Bernoulli, der jetzt die eigene Pistole mit dem Zeigefinger kontrollierte. „Hobbes, untersuchen Sie ihn, ob er noch einige gefährliche Gegenstände bei sich trägt!“

Forbes trug keine.

„Sie werden begreifen, Doktor, dass uns Ihr Geschäftsgebaren immer weniger gefallen hat. Nach dieser Enttäuschung bin ich nicht einmal gewillt, an Ihre Verschwiegenheit zu glauben. Welche Garantien können Sie uns also geben? Und wie stellen Sie sich zu dem Honorar von fünftausend Krediten, das Sie uns zusätzlich abknöpfen wollten, ohne dass für uns eine entsprechende Leistung dabei herauskommt?“

„Die Forderung besteht zu recht“, erklärte der Arzt. „Ich habe eine Stunde lang Präparate zubereitet, deren Ingredienzien nach Milligramm gerechnet ein kleines Vermögen kosten. Die Mixturen kann ich heute noch wegwerfen, da sie nur kurze Zeit haltbar sind.“

„Well, wir haben es zur Kenntnis genommen. Sie behaupten also, während unserer Abwesenheit die Operation vorbereitet zu haben. Was haben Sie sonst noch getan? Überlegen Sie genau, bevor Sie antworten!“

„Nichts, worüber ich Ihnen Rechenschaft schuldig wäre!“

„Ich verlange Rechenschaft über alles, Doktor. Und außerdem Garantien. Ich hoffe, Sie sind klug genug, Ihre Lage richtig zu beurteilen.“

„Das lassen Sie meine Sorge sein! Ich habe nichts zu erklären.“

„Sie haben Musik gehört, wenn ich mich nicht irre.“

So unverständlich diese Bemerkung für Hobbes war, Forbes verstand die Anspielung auf das Tondrahtgerät und verriet es durch einen spontanen Blick in die Ecke, wo es stand.

„Halten Sie ihn in Schach“, befahl Bernoulli seinem Kameraden, ging rückwärts auf das Gerät zu und drückte den Schalter für den Rücklauf.

„Sie haben Musik gehört, nicht wahr, Doktor? Oder gibt es eine andere Erklärung dafür, dass die Drahtspule jetzt hundertfünfzig Nummern weiter steht als bei unserem ersten Besuch?“

„Ich verbiete Ihnen, Colonel, irgend etwas in diesem Zimmer anzurühren, das Ihnen nicht gehört!“

Bernoulli verzichtete auf die Fortführung der Unterhaltung und widmete sich ganz dem Gerät. Eine weitere Schaltung brachte die Tonwiedergabe. „... erschienen bei mir um achtzehn Uhr dreißig mit der Bitte um den Austausch ihrer Identitäten. Die Fälschung bezieht sich sowohl auf die Ausweispapiere als auch auf den Mental-Schlüssel. Weitere Verhandlungen finden noch heute ...“

Hier verstummte das Gerät.

Dr. Forbes hatte einen Augenblick ausgenutzt, in dem Hobbes seine Aufmerksamkeit allzu sehr den Worten aus der Tonkonserve widmete. Er stürzte nach vorn, schleuderte mit einer Armbewegung den Kasten vom Tisch und warf sich im nächsten Ansturm auf Bernoulli. Der Colonel stürzte, hielt aber die Pistole fest in der Hand.

Mit der Linken allein konnte er sich nur schlecht dem Griff um seinen Hals entziehen, doch die Waffe war ebenso wichtig wie die eigene Verteidigung. Die rechte Hand war frei, weil Forbes alles daran setzte, ihn zu erwürgen. Sie fand ihr Ziel in dem Moment, als Bernoulli dem Erstickungstode nahe war.

Forbes Körper fiel zurück mit einem großen schwarzen Loch in der Hüfte. Dann erst wagte sich Hobbes einzumischen. Er überschlug sich plötzlich vor Eifer und half dem immer noch nach Luft ringenden Bernoulli auf die Beine.

„Setzen Sie sich. Kommen Sie, Bernoulli! Setzen Sie sich!‟

Hobbes vermied es, nach Forbes zu sehen. Der im Bruchteil von Sekunden sichtbar gewesene Energiestrahl hatte ihm genug verraten. Erst als Bernoulli sich nach Minuten wieder erholt hatte, wagte Hobbes, eine Frage zu stellen.

„Fühlen Sie sich stark genug, allein zu gehen?“

„Sie meinen, wir müssten hier verschwinden ... Natürlich! Ich komme mit. Es liegt mir fern, diesen Zwischenfall anzuzeigen. Wir selbst dürften dabei nicht gut abschneiden ...“

Bernoulli ordnete seine Kleidung und nahm die Spule aus dem Tondrahtgerät an sich. Dann

verwischte er die Fingerabdrücke an allen Gegenständen, die sie angefasst hatten.

„Wissen Sie, ob Forbes Familie hat?“

„Ich glaube nicht.“

„Okay! Helfen Sie mir, ihn ins Labor zu schaffen, damit man ihn nicht sofort findet.“

Hobbes gehorchte und drängte dann, das Haus zu verlassen. Doch Bernoulli schien es plötzlich nicht mehr eilig zu haben.

„Moment! Wir müssten schon großes Pech haben, wenn in der nächsten halben Stunde jemand käme. Forbes hatte eine Verabredung mit Ihnen, die ihm ein Vermögen einbringen sollte. Es ist anzunehmen, dass er alle anderen Rendezvous für heute Nachmittag abgesagt hat.“

„Freilich ist das anzunehmen. Aber was wollen Sie noch hier? Ich sehe keinen Grund, länger zu bleiben, als unbedingt nötig ist.“

„Ich riskiere die halbe Stunde für unsere endgültige Sicherheit. Dieses Labor reizt mich, darin zu arbeiten und den Körper eines Toten verschwinden zu lassen.“

„Dann stimmt es also, was Sie vorhin über Ihre Kenntnisse in der Chemie sagten?“

„Ausnahmsweise“, erklärte Bernoulli und machte sich an die Arbeit.

Als die beiden Colonels in der Abenddämmerung das mehrstöckige Haus verließen, gab es keinen Dr. Forbes mehr. Nicht einmal einen toten.

Sie trafen sich noch einmal im Escorial zu einem letzten Whisky. Bernoulli lehnte jeden Dank ab. Er nahm auch nicht die tausend Kredite, die ihm Hobbes zum Abschied anbot.

„Lassen Sie das Geld stecken. Auch wenn Sie für die neuen Papiere nichts als ein paar Stunden Angst bezahlt haben, sollten Sie nicht leichtsinnig werden. Wenn Sie eines Tages pensioniert werden, brauchen Sie jeden Pfennig.“

„Sie glauben, ich werde es bis zur Pension durchhalten?“

Bernoulli zuckte die Achseln. „Fondis ist ein ruhiges Plätzchen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie dort die Stellung halten können.“

„Auch ich wünsche Ihnen Glück, Bernoulli! Sie wissen, wie man eine Sache anpackt. Ich möchte, dass wir uns eines Tages gesund wiedersehen!“

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Bernoulli reiste mit einem Zivilschiff nach Alpha Centauri weiter und hatte dort nach kurzem Aufenthalt eine weitere Verbindung nach Merak. In Merak nahm ihn ein Kreuzer an Bord, der direkt nach Kooduztor ging. Der Kommandant, Captain Gray, machte seinem Namen Ehre. Er trug eine graue Uniform, graue Haare und hatte ein ebenso graues Gesicht. Nur in seinen Augen funkelte Lebenswille.

„Sie haben Glück, Sir! Die Besatzung kann Ihnen nicht allzu viel Gesellschaft leisten. Meine Leute sind noch und noch dezimiert, und wir haben kaum noch eine Freiwache, um ein Auge zu tun zu können. Aber Captain Flamsteed wird Ihnen sicherlich die Zeit vertreiben. Er kam gestern an Bord und hat schon geschimpft, dass er der einzige Passagier ist.“

„Okay“, nickte Bernoulli. „Ich werde mich um ihn kümmern.“

Der Kreuzer startete kurz nachdem Bernoulli an Bord gekommen war und setzte wenige Stunden später zum Raumsprung an.

„Wir haben acht Reisetage“, erklärte Flamsteed in der Offiziersmesse, die den beiden Passagieren die längste Zeit allein gehörte. „Spielen Sie vielleicht Schach, Colonel?“

Bernoulli wehrte entsetzt ab. „Wenn Sie von Schach reden, werde ich abergläubisch, Captain. Ich habe mir geschworen, nie wieder eine Figur in die Hand zu nehmen. Aber wir können miteinander plaudern. Für die ersten zwei Tage dürfte das reichen. Wenn wir dann alle Geheimnisse ausgeplaudert haben, werden wir uns für den Rest der Reise schlafen legen.“

Flamsteed erzählte das Übliche von den Kriegsschauplätzen, die er bereits kennengelernt hatte. Dann kam er auf seinen Test zu sprechen, was Bernoulli schon mehr interessierte. Freilich war sein Fall nicht so aufregend wie der des Colonel Hobbes. Immerhin gab Flamsteed jedoch zu, dass er sich keineswegs nach diesem neuen Kommando gesehnt habe.

„Seltsam“, behauptete Bernoulli aufs Geratewohl. „Sie sehen aus wie der Typ, der sich nach vorn drängt und bei jeder unpassenden Gelegenheit freiwillig meldet.“

Flamsteed lachte schallend. „Entschuldigen Sie, dass ich widerspreche, Colonel! Der Typ bin ich ganz und gar nicht. Wie kommen Sie darauf?“

„Sie sind überdurchschnittlich mit Orden dekoriert. Davon versprach ich mir einiges.“

„Wie kommt man an Orden? Durch die gleichen Beziehungen, die einem zum materiellen Wohlstand verhelfen. Mein Vater ist General, mein Onkel Brigadegeneral im Galaktischen Stab und mein anderer Onkel Drei-Sterne-Admiral bei der Raummarine. Jeder Vorgesetzte, der einen

kleinen, jungen Flamsteed dekoriert und schnell befördert, glaubt, dass er damit seiner eigenen Laufbahn einen guten Dienst erweist. Das ist das ganze Geheimnis meines Erfolges.“

Bernoulli lächelte nachsichtig. „Ich glaube Ihnen jedes Wort. Denn wenn ich Ihre augenscheinliche Jugend mit einkalkuliere, dürften Sie höchstens Leutnant sein.“

„Ich werde in vier Wochen einundzwanzig.“

„Wie ich geschätzt habe. Und wie steht es mit Ihrem Mut? Sind Sie tapfer? Sind Sie ein Feigling? Oder ein normaler Durchschnittsoffizier?“

„Kann man eine solche Frage objektiv beantworten?“

„Wenn man objektiv ist – schon. Als Sie von Ihren Orden sprachen, schienen Sie ehrlich zu sein.“

„Dann müssten Sie die Antwort schon wissen, Colonel. Jemand, der sich die Auszeichnungen auf der Schreibstube besorgt, geht offensichtlichen Gefahren gern aus dem Wege. Ich bin so frei zuzugeben, dass ich jedes Risiko zu vermeiden suche. Na ja, und auf Kooduztor müsste sich das einrichten lassen, wenngleich man an der Front niemals ganz sicher ist.“

„Kennen Sie Kooduztor?“

„Nein, wie kommen Sie darauf?“

„Weil Sie annehmen, dass man es sich dort auch gemütlich machen kann.“

Flamsteed zögerte mit der Antwort und sah den Colonel prüfend an.

„Kennen Sie Kooduztor?“

„Ich war noch nicht dort. Was ich darüber weiß, ist allgemein durch die Tagesberichte bekannt. Und das genügt, um feststellen zu können, dass Kooduztor ein heißes Pflaster ist. Meinen Sie nicht auch?“

„Selbstverständlich, Sir! Die Materialschlacht im Stellungskrieg zehrt an der Substanz. Und das einzelne Schicksal ist dort ebenso schwerwiegend wie auf jedem anderen Kriegsschauplatz.“

„Sie weichen mir immer noch aus, Captain. Sie wollten mir erklären, weshalb unser neues Kommando auch seine guten Seiten hat.“

„Sie wissen es nicht?“

„Nicht im Geringsten. Also, packen Sie aus, wenn Sie besser orientiert sind als ich!“

Der Captain nahm Zigaretten aus der Tasche und reichte sie Bernoulli hinüber. „Man hat mir etwas im Vertrauen gesagt. Es ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, wissen Sie. Aber zu Ihnen kann ich darüber sprechen. In zehn Tagen ist es sowieso kein Geheimnis mehr für uns ...“

„Das klingt sehr mysteriös.“

„Ich weiß es aus meiner Sippschaft. Daher dürfte sogar etwas Wahres daran sein. – Also, mein Onkel erklärte mir, ich würde auf Kooduztor sehr einsam sein. Es gäbe nicht mehr als hundert Offiziere dort – und Soldaten überhaupt keine.“

„Interessant!“, sagte Bernoulli verblüfft. „Ich habe mir immer ein Kommando gewünscht, bei dem ich nicht die Verantwortung für mehrere tausend Leute trage. Schlagen sich auf Kooduztor vielleicht nur die Generalstäbler? Ich entsinne mich aus dem Geschichtsunterricht, dass es solche Methoden schon einmal auf Terra gegeben haben soll, als sich die Menschen noch untereinander bekriegten.“

„Im Gegenteil, Sir! Die Offiziere gehen der Gefahr so weit wie möglich aus dem Wege. Nur aus diesem Grunde sehe ich meinem Kommando auf Kooduztor einigermaßen optimistisch entgegen. Der Krieg selbst ist weitgehend automatisiert.“

„Ach so, ferngelenkte Panzer und Flugzeuge, stelle ich mir vor. Ich kann mir aber nicht denken, dass damit allein ein Krieg zu führen ist. Wie steht es mit den Raumflotten, die doch bestimmt von beiden Seiten eingesetzt werden?“

„Es gibt Energieschirme, wie Sie wissen.“

„Aber nicht für ganze Planeten.“

„Da wir nur hundert Offiziere sind – oder wahrscheinlich noch weniger, reicht es aus, wenn ein paar Quadratkilometer mit Energie abgeschirmt sind.“

„Demnach sitzen wir mit dem ganzen Generalstab gedrängt auf einer Stelle und beherrschen unsere Planetenhälfte durch ferngelenkte Waffen. Ich kann mir als alter Raumhase ein solches Ausmaß von Automation zwar nicht vorstellen aber eine andere Deutung lässt Ihre Information wohl kaum zu.“

„Es gibt noch eine Deutung, Colonel. Auf Kooduztor sollen richtige Schützengräben existieren, und der Krieg wird Mann gegen Mann ausgetragen.“

„Sie widersprechen sich, Captain. Woher nehmen Sie die Soldaten?“

„Es sollen Roboter sein.“

„Roboter?“ Bernoulli dehnte seine Frage so sehr, dass er damit deutliche Zweifel aussprach. „Dann müssten es hunderttausend Stück sein. Oder eine Million – oder zwei. Sie hätten zum Kabarett gehen, Captain, wenn Sie Ihr Publikum derart zum Besten halten können.“

„Ich gebe meine Informationen weiter, Colonel. Sonst nichts. Ich verbürge mich auch nicht für die Richtigkeit. Aber ich hoffe sehnlichst, dass diese phantastische Auskunft stimmt. Was können wir uns mehr wünschen, als wenn Maschinen für uns die Kastanien aus dem Feuer holen? Ich halte einen solchen Krieg für ideal. Er schont den Menschen und vermindert sein Risiko. Wenn es anders sein sollte, würde ich den Tag verfluchen, an dem ich gehorsam zum Psychotest ging.“

„Abgesehen davon, dass der Krieg niemals ideal sein dürfte, Captain, halte ich eine Front, die lediglich aus Robotern besteht, für ein schweres Handicap. So überlegen eine elektrische Maschine uns sein mag, sie bedingt in einer solchen Anzahl eine Wartung, die niemals von hundert Offizieren durchgeführt werden kann. Das Problem des Nachschubs erscheint mir bei derartigen Maßstäben noch weniger lösbar zu sein. – Also, wenn Sie mein Urteil hören wollen, dann sind Sie auf einen groben Spaß hereingefallen.“

„Mein Onkel macht keine Späße mit mir, Sir!“, erklärte Flamsteed, der sich plötzlich nicht sehr wohl in seiner Haut fühlte.

„Sie meinen, ein Flamsteed schickt keinen Flamsteed in den sicheren Tod. Hatten Sie erwartet, an irgendeiner Front Garantien für Ihre Sicherheit zu bekommen?“

„Keine Garantien, Colonel“, sagte der Captain und konnte seine Erregung nur schlecht verbergen. „Ich bin kein Feigling, wenn Sie darauf hinaus wollen. Aber ich bin vorsichtig. Mit Tapferkeit aus Leichtsinn kann ich unserer Sache nur schlecht dienen. Meine Ausbildung hat mehr als fünfzigtausend Kredite gekostet. Dadurch ist mein Leben teuer geworden – auch für den Staat. Ich muss es also sorgsam behandeln – auch im Interesse des Staates.“

„Sie brauchen sich nicht zu ereifern“, erklärte Bernoulli lächelnd. „Ich habe diese Maxime selbst drei Jahre lang auf der Akademie gelehrt und weiß sie zu schätzen ... Letztendliches ist es müßig, dass wir uns um Dinge streiten, die wir beide nicht genau kennen, um sie beurteilen zu können. Lassen Sie uns also acht Tage warten. In einer Woche wissen wir mehr. Wenn Ihnen dann immer noch an einem Disput über den Wert oder Unwert vom Einsatz der Roboter liegt stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.“

Die beiden Offiziere mieden für den Rest der Reise das angeschnittene Thema. Bernoulli ließ sich sogar dazu überreden, wieder Schach zu spielen. Denn er fand selbst keine bessere Methode, um die Langeweile, die Neugier und die Unruhe zu vertreiben.

Am siebenten Tage ertönte im Lautsprecher die Meldung von der Kommandobrücke, dass der

Kreuzer in den Normalraum zurückfiel. Bernoulli schaltete sofort seinen Bildschirm ein und bat Flamsteed, zu ihm zu kommen.

„Wir werden jetzt bald etwas von unserer neuen Heimat sehen können. Ich denke, das wird Sie interessieren.“

Sie erkannten ein System mit acht Planeten. Doch beachtlicher waren die leuchtenden Punkte, die sich zu schnell bewegten, als dass es natürliche Himmelskörper sein konnten.

„Eine Flotte“, stellte Flamsteed lakonisch fest. Zu lakonisch, als dass es ein Feigling gesagt haben könnte.

„Wenn wir Glück haben, sind es unsere Leute“, erklärte Bernoulli. „Es ist zum Wimmern mit diesen Spielzeugbildschirmen in den Kabinen! Man kann überhaupt keine vernünftige Zielansprache damit machen.“

„Schließlich sind die Dinger in erster Linie für die Unterhaltung der Fahrgäste gedacht. Auf der Kommandobrücke dürften sie bessere Apparate zur Verfügung haben.“

Bernoulli gab ein unzufriedenes Knurren von sich und wählte am Telefon. „Hallo, Captain! Hier ist Colonel Bernoulli. Können Sie mir sagen, was das da draußen für Leuchtkäfer sind?“

Details

Seiten
160
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917314
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412632
Schlagworte
planet niemandsland

Autor

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Titel: Planet im Niemandsland