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So kaltblütig! 11 Top Krimis auf 2100 Seiten

von Alfred Bekker (Autor:in) Peter Schrenk (Autor:in) Karl Plepelits (Autor:in) Cedric Balmore (Autor:in) Horst Bieber (Autor:in) Manfred Weinland (Autor:in)
©2018 2100 Seiten

Zusammenfassung

So kaltblütig - 11 Top Krimis auf 2100 Seiten
von Alfred Bekker, Manfred Weinland Peter Schrenk, Cedric Balmore, Karl Plepelits & Horst Bieber,

Der Umfang dieses Buchs entspricht 2100 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Manfred Weinland: Mord mit kreativer Note

Alfred Bekker: Ein Killer in Ostfriesland

Horst Bieber: Wer erschießt schon eine Leiche?

Alfred Bekker: Ein Scharfschütze

Peter Schrenk: Fetter Sand

Peter Schrenk: Sangers Fluch

Peter Schrenk: Die Freifrau und der Bomber

Alfred Bekker: Künstlerpech für Mörder

Alfred Bekker: In der Hölle von Belfast

Cedric Balmore: Kommissar Morry – Ich werde schweigen

Karl Plepelits: Soll ich hier krepieren?

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Jack Raymond, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Leseprobe

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So kaltblütig - 11 Top Krimis auf 2100 Seiten

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von Alfred Bekker, Manfred Weinland Peter Schrenk, Cedric Balmore, Karl Plepelits & Horst Bieber,

Der Umfang dieses Buchs entspricht 2100 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Manfred Weinland: Mord mit kreativer Note

Alfred Bekker: Ein Killer in Ostfriesland

Horst Bieber: Wer erschießt schon eine Leiche?

Alfred Bekker: Ein Scharfschütze

Peter Schrenk: Fetter Sand

Peter Schrenk: Sangers Fluch

Peter Schrenk: Die Freifrau und der Bomber

Alfred Bekker: Künstlerpech für Mörder

Alfred Bekker: In der Hölle von Belfast

Cedric Balmore: Kommissar Morry – Ich werde schweigen

Karl Plepelits: Soll ich hier krepieren?

––––––––

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Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin,  Jack Raymond, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors/

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Mord mit kreativer Note

Krimi von Manfred Weinland

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

Ein Mann tötet den bekannten Lokalpolitiker Alex Torrens und wird wenig später aufgefunden – tot und nass. Als das mehrmals passiert, setzt sich das FBI auf die Spur der mysteriösen Killer, die man für eine Art Club hält. Alle Spuren führen zum Paten von Italian Harlem, doch niemand kann ihm etwas beweisen. Ein Mordanschlag auf die FBI Agents Trevellian und Tucker lässt die Suche noch intensiver werden. Doch ohne die Hilfe einer Zeugin gibt es keine Chance auf Erfolg.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Alex Torrens hatte Angst. Todesangst. Die Alpträume, die seit sechs Wochen sein Leben bestimmten, hatten den einstigen Kämpfer mürbe gemacht. Seit ein Stück heißes Blei, eingedrungen hinter dem rechten Ohr, seine glänzend gestartete Karriere in einen abrupten tiefen Fall verwandelt hatte, pochte von Tag zu Tag stärker ein Gefühl durch sein angeschlagenes Gehirn, das bleierne Furcht hieß.

Seltsamerweise sah ihn die Öffentlichkeit ganz anders. Dort war er der Märtyrer, der nicht aufgab in seinem Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

Der Mann, dessen Frau und Kind bei dem brutalen Attentat ausgelöscht worden waren, und der selbst dadurch nur noch verbissener in seiner selbst gestellten Aufgabe aufgegangen war.

Alex Torrens war allein in seinem kleinen Apartment in Manhattan Süd, und er spürte, saß sein Leben nach dem Attentat nur eine Galgenfrist gewesen war. In Wirklichkeit hatte nur jemand Atem geholt. Die Ruhe vor dem Sturm.

Alex Torrens wusste es, als er den warmen Luftzug spürte, der seinen Nacken streifte.

Er selbst hatte kurz zuvor alle Türen und Fenster verschlossen und sich an seinen Schreibtisch gesetzt, wo er Worte in das kleine, duldsame Ohr des Bandgeräts gesprochen hatte, die ihm selbst fremd und unfassbar vorgekommen waren.

Sein Herz krampfte sich zusammen, als hinter ihm ein hartes, metallisches Klicken ertönte und eine Flüsterstimme raunte: »Du hast noch zehn Sekunden für ein letztes Gebet, Torrens – nutze sie!«

Er vereiste förmlich. Seine Hände senkten sich kraftlos und schwer auf die Lehnen des Stuhles, und das Mikrofon entfiel ihm, während er, ohne sich dessen richtig bewusst zu werden, innerlich den gerade festgelegten Countdown abzuzählen begann.

... 9 ... 8 ... 7 ...

Nie zuvor hatte er die Dunkelheit um sich herum bedrückender empfunden. Er verfluchte seinen Mörder.

... 6 ... 5 ...

Alex Torrens drehte sich langsam mitsamt dem Rollstuhl herum. Eine sinnlose Bewegung. Denn die Schwärze, in der er, von der Tageszeit unabhängig, seit sechs Monaten dahinvegetierte, änderte sich dadurch keine Spur. Aber er wollte wenigstens das Gefühl haben, seinem unsichtbaren Feind Auge in Auge gegenüberzusitzen.

»Was zahlt man Ihnen dafür?«, krächzte er rau.

... 3 ... 2 ... 1 ...

Die Antwort war so leise wie eine Flüsterstimme des Killers. Ein kurzes, schmatzendes Geräusch, das Alex Torrens schon nicht mehr hörte, weil seine Welt gerade in einer Explosion verging.

Zero.

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2

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Die Lady neben mir schnarchte wie ein ganzer kanadischer Holzfällertrupp. Ich ließ das Telefon absichtlich lange klingeln, um sie vielleicht auf diese Weise aus ihrem gesundheitsgefährdenden Schlaf zu reißen.

Gesundheitsgefährdend für mich.

Denn ich hätte eine längere Tiefschlafphase und ein paar ungestörte Träume dringend nötig gehabt. Es war spät geworden diese Nacht. Ich hatte als einzigen Trost, dass es Milo wohl nicht viel besser erging. Der hatte sich um die andere Hälfte des attraktiven Zwillingsgespanns kümmern dürfen, das wir in Cookie’s Bar aufgelesen hatten.

Meine – ihr Name war Wendy, wenn mir die Erinnerung keinen Streich spielte – hatte überdies einen dem Wetter draußen angepassten, katastrophalen Schnupfen, so dass sie nur durch den Mund atmen konnte.

Wovon sie auch ausgiebig Gebrauch machte.

Nicht einmal das Telefonklingeln schaffte es, die Kettensäge zum Verstummen zu bringen.

Ich hob ab.

Die Zeiger des Weckers schienen auf 6 Uhr früh festgenagelt zu sein – an einem Tag, den Milo und ich leichtsinnigerweise bereits im Voraus als frei verbucht hatten.

Unser Chef, Jonathan D. McKee, hatte offenbar andere Pläne mit uns, wie ich jetzt durch Linda, unser Mädchen in der Telefonzentrale, erfuhr.

»Nimm’s leicht, Jesse«, wisperte sie mir zum Schluss mit ihrer erotischen Altstimme ins Ohr, »auch wenn du nicht allein aufgewacht bist.«

»Hast du plötzlich hellseherische Fähigkeiten entwickelt?«, fragte ich missmutig.

Alles, was ich mir von der Fortsetzung der Nacht noch versprochen hatte, war mit einem Schlag im Eimer.

»Nicht nötig. Habe nur gerade mit Milo telefoniert und mich über ein mysteriöses Störgeräusch in der Leitung gewundert. Bis er mich aufgeklärt hat, was und mit wem ihr zwei Hübschen es bis in die Puppen getrieben habt. Übrigens das gleiche Geräusch wie jetzt. Nur eine Spur eindrucksvoller. Seid ihr in die Holzbranche gewechselt?«

Ich legte den Hörer auf.

Was ich wissen musste, wusste ich. Die trügerische Ruhe der letzten Tage war vorbei. New York hatte sich als das zurückgemeldet, was es in Wirklichkeit ist: Ein Moloch.

Eine nicht selten tödliche Maschinerie, in der sich Jäger und Gejagte tummelten. Oben wurden Verbrechen reingeschmissen – unten kamen gelöste Fälle heraus.

Manchmal.

Manchmal kam auch nichts.

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3

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Der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet. Die Scheibenwischer meines roten Flitzers wurden kaum noch Herr der Lage. Draußen war es noch fast dunkel, und so lenkte ich den Sportwagen durch einen gespenstischen Glitzervorhang aus Regen und tausendfältigen Lichtreflexen.

Mein Freund und Kollege kauerte neben mir, nass bis auf die Knochen. Sein Regenschirm hatte, kurz bevor ich Milo an der üblichen Ecke aufgabeln konnte, den Geist aufgegeben. Fünf Sekunden Vollkörperkontakt mit der Flut hatten genügt, um ihn endgültig aus Orpheus’ Armen zu reißen und mit der härteren Seite der Wirklichkeit zu konfrontieren.

Seitdem war er sauer wie eine unreife Zitrusfrucht.

Aber im Moment schätzte ich sein verbissenes Schweigen sogar, weil ich selbst noch nicht ganz auf dem Damm war. Eine heiß-kalte Wechseldusche, sonst ein probates Hausmittelchen in solchen Fällen, hatte versagt. Und Wendy hatte den unerschütterlichen Schlaf einer Toten besessen. Sie war durch nichts und niemanden zu erwecken gewesen. Ich hatte ihr eine Nachricht hinterlassen.

Nach etwa halbstündiger Fahrt erreichten wir das Apartmenthaus am Courthouse Square.

Die Szenerie war bereits in Bewegung. Cops in dunklen Regencapes huschten wie aufgescheuchte Hühner zwischen blinkenden Einsatzwagen und dem Portal hin und her. Gaffer hatten sich eingefunden. Nicht einmal die sintflutartigen Regenfälle konnten sie von ihrem liebsten Freizeitspaß abhalten.

Wir rannten zum Eingang und schüttelten uns wie die Hunde, als wir trockenere Regionen erreichten.

Milos Mimik hatte sich verbessert.

Er grinste schon wieder.

Schadenfroh.

»Jetzt sind wir wieder Freunde«, erklärte er großzügig.

»Nass, aber Freunde – na, wenn das nichts ist!«, knurrte ich.

Wir bahnten uns einen Weg durch vorgelagerte Reporterbastionen. Unbekannte Gesichter zogen wie Streiflichter an uns vorbei. Freund Prewitt war nirgends auszumachen. Hätte mich nicht gewundert, wenn er längst jene Bilder im Kasten gehabt hätte, nach denen die Meute noch lechzte. Er war ein flinker Bursche – als Polizeireporter Extraklasse.

Der Aufzug war blockiert.

In Rekordzeit erreichten wir das fünfte Stockwerk über die Nottreppe. Hier hielt sich der Rummel in Grenzen. Die City Police hatte offenbar die komplette Etage abgeriegelt und kontrollierte sie weitgehend.

Der erste, der uns entdeckte, war Detective Lieutenant Harry Easton, von uns liebevoll ,Cleary‘ genannt. Er war der Leiter der Mordkommission Manhattan Süd, und seine Aufklärungsquote war ebenso phänomenal, wie in Kollegenkreisen gefürchtet.

Er winkte uns zu sich. Im Hintergrund bewegte sich die über zwei Meter große, kräftige Gestalt von Detective Sergeant Ed Schulz.

»Auf euch zwei habe ich schon sehnsüchtig gewartet«, empfing uns Cleary. »Der Fall fällt eindeutig in die Zuständigkeit des FBI.«

Das hatte uns schon Mr. McKee ausrichten lassen.

Und ein bisschen mehr.

»Wo liegt dieser Torrens?«

Er führte uns ins Apartment Nr. 5.1.

Dort lag es in einem Nebenzimmer: Das ärmste Schwein unter der Sonne.

Fast auf den Tag genau vor sechs Monaten war man schon mal drauf und dran gewesen, ihm das Lebenslicht auszublasen. Wie durch ein Wunder hatte er die Kugel überlebt. Sechs Wochen hatten sie im Krankenhaus an ihm herumgeschnipselt. In dieser Zeit war seine Familie beerdigt worden. Sie hatte weniger Glück gehabt als er. Aber was hieß schon Glück. Nach drei Operationen war er immer noch stockblind und an den Rollstuhl gefesselt gewesen.

Irgend jemandem hatte das offensichtlich noch nicht genügt.

Jetzt hing dieser Alex Torrens, den Witzbolde von der schreibenden Zunft vorschnell als das »Gewissen New Yorks« apostrophiert hatten, sehr stumm und sehr tot über der Lehne seines Rollstuhls vor einem mit technischen Spielereien vollgepackten Schreibtisch.

»So haben wir ihn gefunden«, erklärte Ed Schulz, der lautlos hinter uns getreten war. Er ließ die Worte wirken. »Nichts wurde verändert. Mal was ganz Neues. Das hatten wir noch nie.«

Milo schien ihn genauso wenig zu verstehen wie ich.

»Was meint er damit?«, wandte er sich an den Leiter der Mordkommission.

So neu war diese traurige Sache nun wirklich nicht für uns.

Doch Cleary hatte die besseren Argumente. Er zog eine Polaroidaufnahme aus der Tasche und reichte sie uns.

»Was ist das?«, fragte ich, während sich mir bereits der Magen leicht zusammenzog.

Neben mir stöhnte Milo.

Das Sofortbild zeigte den toten Alex Torrens aus fast dem gleichen Blickwinkel, wie wir ihm gerade gegenüberstanden. Mit einem Unterschied.

»Was ist das?«, wiederholte Milo meine Frage.

Detective Lieutenant Harry Easton tippte mit der Fingerspitze auf den deutlich sichtbaren Mann hinter Torrens.

»Der Killer«, sagte er rau und fuhr sich durch den blonden Bürstenschnitt. »Ein Bild des Killers – offenbar von ihm selbst für uns am Tatort hinterlassen.«

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Alex C. Torrens war ein Vollblut-Politiker gewesen. Anfang 40, verheiratet, wahrscheinlich glücklich, ein Kind – bis zu jenem schwarzen Tag vor rund sechs Monaten, als ihn die Kugel des bis heute nicht ermittelten Attentäters traf und seine Familie ausgelöscht wurde.

Seit damals waren wir dran an diesem Fall. Das heißt: Hauptsächlich hatten sich unsere Kollegen Jay Kronburg und Medina darin verbissen. Es gab viele Spuren, sogar einige direkte Tipps aus der Unterwelt und nicht zuletzt die Aussagen von Torrens selbst – zu Lebzeiten, versteht sich – , aber immer noch nichts, was man dem Staatsanwalt hätte präsentieren können.

Und nun war Alex C. Torrens, der mehr als einem Mafiosi auf den Schlips getreten war, so, wie ihn seine Feinde schon lange hatten sehen wollen: Tot!

Kein Wunder, dass uns Jonathan D. McKee, unser Chef in der FBI-Zentrale an der Federal Plaza, eine gehörige Standpauke hielt. Eine, die uns unter die Haut ging, ohne dass er auch nur die Stimme zu erheben brauchte. Er ist eine Autoritätsperson, die ohne Brecheisen-Methoden auskommt, um sich Respekt zu verschaffen. Der geborene Stratege. Um so schmerzlicher musste er eine Panne empfinden, wie sie in diesem Fall passiert war.

Am liebsten hätten wir uns in ein Mauseloch verkrochen: Milo, Jay, Orry, Clive Caravaggio, Jennifer Johnson und ich – alle, die irgendwann einmal mit dem Torrens-Fall in Berührung gekommen waren.

Mr. McKee schien es selbst am meisten zu bedauern, wie er uns auf Taschenformat zurechtstutzte. Seine Künstlerhände ruhten auf der Schreibtischplatte, während er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und uns, die wir Spalier vor ihm standen, der Reihe nach musterte.

»Und nun, meine Special Agents, möchte ich gerne hören, was Sie zu der Sache zu sagen haben. Mister Zeerokah?«

Amerikas bestangezogener indianischer G-man nestelte eher verlegen an seinem feinen Zwirn, ehe er kaum hörbar herausquetschte: »Torrens stand unter unserer Beobachtung. Schutzobservation ...«

»Schutzobservation? Was Sie nicht sagen!« Ein undefinierbarer Ausdruck huschte über Mr. McKees nun wieder vollkommen väterliches Gesicht. »Darf man erfahren, wie es trotzdem soweit kommen konnte?«

»Torrens war erst kürzlich in dieses Apartment eingezogen, weil er eine kleine Wohnung gesucht hatte, in der er sich trotz seiner Behinderungen einigermaßen ohne fremde Hilfe zurechtfinden konnte.«

»Vor einer Woche«, bestätigte unser Chef, der ohne Zweifel inzwischen alle verfügbaren Akten studiert hatte. »Sie sagen es. Wer war für die Überwachung abgestellt?«

»Das ... äh ... ist der Knackpunkt, Sir ...« Orry drehte und wand sich, so gut er eben konnte, aber es half alles nichts. Er musste es ausspucken. »Gestern ... niemand, Sir. Irgend etwas lief da wohl ziemlich schief. Ich ...«

»Wer hat die Observierungspläne erstellt?«

»Donnegan, Sir.«

Mr. McKees Gesicht überschattete sich. Alle Strenge entwich daraus.

Donnegan hatte Mist gebaut, soviel war klar.

Aber Donnegan war nicht mehr zu belangen.

Unser irischer Kollege war vor drei Tagen, kurz nach Fertigstellung des kompletten Wochenplanes, bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

Heute Nachmittag war seine Beerdigung.

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Der Regen hämmerte ein Stakkato auf unsere Regenschirme. Das Sprichwort, wonach man bei solchem Wetter keinen Hund vor die Tür jagt, mochte auf Vierbeiner vielleicht zutreffen. Wir waren freiwillig hinausgegangen, um Dick Donnegan die letzte Ehre zu erweisen.

Über dem offenen Grab war ein provisorisches Gerüst mit einer Plastikplane errichtet worden, die verhindern sollte, dass das Erdloch voll Wasser lief, noch ehe der schlichte Holzsarg darin versenkt war.

Es hatte nicht viel geholfen. In der Tiefe blubberte und platschte es, dass empfindsamere Seelen schon mal das Nervenflattern kriegen konnten.

Was man Toten nicht alles zumutete!

Donnegan war Junggeselle gewesen. Anfang Vierzig. Vor Jahren war er aus Irland eingewandert. Lebende Verwandtschaft war nicht aufzutreiben gewesen, und Freunde außerhalb des Kollegenkreises schien er nicht besessen zu haben. Er war ein verschlossener, introvertierter Typ gewesen. Aber einer, der dich nie hängen ließ, wenn du ihn brauchtest.

Deshalb waren Milo, ich und ein paar andere trotz dieses Mistwetters gekommen, um ihm das letzte Geleit zu geben.

Es war die seltsamste und schnellste Bestattung, der wir je beigewohnt hatten.

Der Pfarrer schien ein Verfechter unkonventioneller Ideen zu sein. Das Blatt, auf dem seine kurze Predigt niedergeschrieben stand, hatte er in wasserabweisende Folie eingeschweißt. Ebenso war er bei ein paar losen Bibelseiten verfahren, aus denen er zitierte.

Unkonventionell, aber wirkungsvoll.

Was er sagte, verstand kaum jemand. Aber darauf kam es gar nicht so sehr an. Wir kannten Dick Donnegan ohnehin am besten, und ich denke, jeder von uns, der dieses Unwetter über sich ergehen ließ, machte sich im Stillen seine eigene passende, kleine Predigt zurecht.

Nach höchstens zehn Minuten war der ganze Spuk vorüber.

Der Sarg verschwand wie bei einer Seebestattung in dunklen Fluten, und zwei triefende Totengräber schütteten schaufelweise Erdreich hinterdrein.

Milo und ich setzten uns noch auf einen Drink in Cookie’s Bar. Von den Zwillingen, die wir hier kennengelernt und im Morgengrauen etwas überstürzt alleingelassen hatten, hatten wir noch nicht wieder etwas gehört.

Daran sollte sich vorläufig auch noch nichts ändern.

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Ich habe mich oft gefragt, was diesen speziellen Durst nach einer Beerdigung hervorruft – ohne je dahinterzukommen.

Die Bar wirkte regelrecht entvölkert, als wir eintraten. Nur am Tresen lümmelten die Überreste eines Kerls, der mir schon letzte Nacht an gleicher Stelle aufgefallen war. Mittlerweile musste der Alkohol mehr Aktien in seinem Körper besitzen als sein Blut. Aber er wirkte glücklich. Sein Mona-Lisa-Lächeln rundete die melancholische Stimmung, in der wir uns befanden, auf passende Weise ab.

Cookie bediente uns höchstpersönlich.

»Wie immer?«, fragte er.

Wir nickten. Er grinste und brachte uns wenig später das, was wir jetzt am nötigsten brauchten.

»Ich kann immer noch nicht fassen, dass einem alten Hasen wie Dick so ein dicker Fehler unterlaufen ist«, sprach Milo nach dem ersten, kräftigen Schluck Bier das aus, was mir längst auf der Seele brannte.

»Im Leben passieren die verrücktesten Dinge«, meinte ich. »Nimm diesen Killer zum Beispiel, der da draußen herumläuft, einen an den Rollstuhl gefesselten Blinden abknallt – und dann seinen eigenen Steckbrief zurücklässt, der ihn wie einen aufgeblasenen afrikanischen Großwildjäger vor erlegter Beute zeigt. Abartig!«

»Pervers!«, stimmte mir Milo kopfschüttelnd zu.

Wir versuchten, die Erinnerung daran wie einen schlechten Geschmack hinunterzuspülen.

Es klappte nicht.

»Was ist mit dem Foto passiert?«, erkundigte sich mein Freund.

»Ging ins Labor. Man arbeitet an einer Ausschnittvergrößerung, die uns den Killer näherbringen soll. Auf dem Polaroid war nicht genügend zu erkennen.«

»Hat man auf dem Bandgerät etwas gefunden, das auf dem Tisch stand? Lief es zufällig, als der Mörder zuschlug?« Ich schüttelte den Kopf. »Das wäre zu schön gewesen. Aber die Kassette fehlte. Torrens’ Mörder muss sie mitgenommen haben. Es ist ohnehin zweifelhaft, ob überhaupt eine Unterhaltung zwischen Opfer und Täter stattgefunden hat.«

»Du glaubst es nicht?«

Ich zuckte die Achseln. »Hier war ein Profi am Werk. Das Ganze war eine verspätete Hinrichtung.«

Ich merkte, dass Milo diese Version nicht so ohne weiteres schlucken wollte.

»Ein Profi hinterlässt doch keine Spur so breit wie der Hudson River!«, wandte er ein. »Dieses Foto ist doch Ausdruck reinster Paranoia. Mit etwas Glück finden wir den Typ in unserer Kartei. Er liefert sich damit selbst ans Messer!«

»So könnte man meinen. Ich bin sicher, so soll man auch meinen. Und gerade das ist es, was mich stutzig macht. Der Killer ist nicht dumm. Die Aktion war minutiös geplant. Das ist es, was ich nicht kapiere: Donnegan unterläuft einmal im Leben ein drastischer Fehler bei der wöchentlichen Einsatzplanung – und der Killer nutzt diese Chance sofort kaltschnäuzig, um sein Ding durchzuziehen. Etwas viel der Zufälle, meinst du nicht auch?«

»Was wäre die Alternative zu Zufällen?«, fragte Milo.

Ich schwieg.

Wir sahen uns an und wussten, dass wir beide an das Gleiche dachten.

Das Bier, das vor uns stand, schmeckte uns plötzlich nicht mehr.

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»Nikos Effinger«, erklärte Clive Caravaggio und heftete ein Hochglanzfoto an die Pinnwand des Besprechungsraumes. »Alter unbekannt. Verwitwet. Sechs Kinder. Der Pate von Italian Harlem. Grieche.«

»Grieche?«, echote eine Stimme aus dem Hintergrund.

Clive nickte. »Ein Eisenschädel. Muss schon so um ein halbes Dutzend schwerster Anschläge aus den Reihen konkurrierender Syndikate überstanden haben. Böse Zungen munkeln, an ihm sei nichts mehr echt bis auf das verbrecherische Hirn. Ein Cyborg, wenn man so will, zusammengesetzt aus künstlichen Transplantaten, und am Leben erhalten von den Wundermitteln modernster Biochemie. Wenn sie den mal beerdigen, liegt in dem Sarg kein Mensch, sondern eine Maschine.«

Clive fütterte uns mit weiteren Fakten, die wir größtenteils kannten. Nikos Effinger hieß in Wirklichkeit Nikos Kanelakis. Aber in der nicht immer rühmlichen amerikanischen Kriminalgeschichte hatte es einen Mann gegeben, den sich der Pate von Italian Harlem früh zum Vorbild erkoren hatte. Sein Name: Alfred Effinger, seines Zeichens Waffenschieber, Alkoholschmuggler und Massenmörder. Dieser Alfred Effinger starb Weihnachten 1938 im Kugelhagel eines blutigen Bandenkrieges. Das Zuchthaus hatte er zeitlebens nur von außen gesehen; ihm war nie auch nur das kleinste Verbrechen nachzuweisen gewesen.

»Seit wir im Fall Torrens ermitteln – also ein halbes Jahr«, schloss Clive, »haben wir diesen Nikos Effinger bereits im Visier. Einige Hinweise nennen ihn als Drahtzieher, der schon hinter dem ersten Anschlag auf Alex Torrens steckte, weil dieser ihn in aller Öffentlichkeit aufs Schärfste attackierte – mit Behauptungen, die Torrens bis heute nicht mit Fakten erhärtet hat, obwohl er sich bis zuletzt damit brüstete, über hieb- und stichfeste Beweise zu verfügen, dass Effinger bis zum Hals im illegalen Wettgeschäft und anderen einträglichen, gleichfalls verbotenen Spielchen steckt!«

»Vielleicht liegen die Beweise bei ihm zu Hause im Safe und warten nur darauf, herausgenommen zu werden«, warf Milo ein.

Clive blickte ihn an und erklärte trocken: »Er hat keinen Safe.«

»Schade. Die Idee war gut, finde ich.«

Clive fuhr fort: »Es gäbe zwei Wege, im Fall Torrens endlich, wenn auch zugegebenermaßen für Torrens selbst etwas spät, den entscheidenden Durchbruch zu schaffen. Erstens: Wir finden den Täter, der vor sechs Monaten seinen Job versiebte. Oder zweitens: Wir entdecken in Torrens’ Hinterlassenschaft die Beweise, mit denen wir Effinger an den Kragen können – und über ihn finden wir letztlich auch den Kerl, der das erste Blutbad vor einem halben Jahr veranstaltete.«

»Es gibt noch eine dritte Möglichkeit«, sagte ich.

Alle blickten mich an.

»Und die wäre?«

»Dass wir Torrens’ jetzigen Mörder ausfindig machen. Das Fahndungsfoto hat er uns immerhin frei Haus geliefert!«

Clive wühlte eine Weile in seinen Unterlagen und heftete schließlich eine mittels Computertechnik in beeindruckender Qualität hoch vergrößerte Schwarzweißaufnahme neben Effingers miese Visage.

Ein Raunen lief durch den Raum.

Der ältliche, zur Korpulenz neigende Spießer schien uns vom Foto herunter auszulachen. Sein Gesicht war käsig weiß, glattrasiert und von einem schwabbeligen Doppelkinn geprägt, das jede exakte Definition, wo der Hals aufhörte und der Kopf begann, verbot.

Der Typ wirkte wie der freundliche, dicke Onkel um die Ecke. Einer, von dem manches Kleinkind Bonbons angenommen hätte.

Eine widerliche Vorstellung.

»Du meinst also, der erfolgreiche Killer von Torrens ist nicht mit dem Täter vor sechs Monaten identisch?«, hakte Clive nach.

»Würdest du einem Versager die Chance geben, es nochmal zu vermasseln, wenn einiges auf dem Spiel steht?«, stellte ich die Gegenfrage.

»Wahrscheinlich nicht«, sagte er nach kurzem Zögern.

»Eben. Ist das Foto schon in der Fahndung?«

»Seit einer Stunde. Jeder von euch erhält einen Abzug.«

»Wie schön. Hoffentlich wird da mein Freund nicht eifersüchtig!«, ulkte Milo mit verstellter Stimme.

»Bestimmt nicht«, beruhigte ich ihn.

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Der seltsame Wagen stand seit einem halben Tag auf einem Privatparkplatz nahe dem East River in der Lower East Side.

Mrs. Elsa Pompadou war eine im Allgemeinen recht tolerante Lady von sechsundneunzig Jahren, die zwei Weltkriege, ihren Mann, drei Söhne, zwei Töchter und sieben Katzen überlebt hatte und das Leben, das Universum und den Rest seither von einer erhöhten Warte aus betrachtete.

Ein widerrechtlich auf ihrem Grundstück abgestelltes Fahrzeug brachte sie nicht gleich in Rage.

Dieses Gefährt jedoch – ein pechschwarzer Dodge Shadow, Baujahr ’80 – versetzte ihre kleinen grauen Zellen in Aufruhr.

Etwas, das spürte sie mit der ganzen Reife ihres biblischen Alters, stimmte damit nicht. Denn jemand hatte alle Scheiben mit giftgrüner, sicherlich nicht gerade umweltfreundlicher Farbe übersprüht, so dass nicht das kleinste Guckloch ins Innere übriggeblieben war.

Der Wagen kauerte da wie ein plötzlich verendetes, stählernes Monstrum.

Ein schöner Anblick war das nicht.

Außerdem fehlten die Nummernschilder.

Deshalb – wirklich nur deshalb – rief Mrs. Pompadou die Polizei.

Und die rief uns.

Und kurz darauf hatten wir Torrens’ Killer.

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Mein sechster Sinn meldete sich.

Leider zu vage, um ihn zu verstehen.

Wir standen vor dem gewaltsam geöffneten Dodge und starrten auf die darin befindliche Leiche.

Zum ersten Mal bekamen wir den Allerweltsmörder in natura zu Gesicht.

Der Killer war tot. Er hatte sein Opfer um höchstens ein paar Stunden überlebt.

Jemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten.

Dafür, dass er nicht in diesem Wagen getötet worden war, sprach die geringe Menge Blut, die wir fanden. Also war er bereits tot in den Dodge verfrachtet und hierher gefahren worden. Vor mindestens sechs Stunden – da war der Zeugin das hässliche Grün zum ersten Mal aufgefallen.

Mrs. Pompadou wartete in der Nähe. Sie unterhielt sich mit den beiden Streifencops, die den Wagen schließlich geknackt und uns informiert hatten.

Sie wirkte nicht im geringsten schockiert. Eher interessiert.

Ein bisschen kam sie mir vor wie eine verstaubte Wissenschaftlerin, die ein kompliziertes Experiment überwachte, bei dessen Rollenverteilung wir nicht sehr gut abgeschnitten hatten.

Ich muss gestehen, ich kam mir etwas sonderbar vor.

Milo ging es nicht besser.

Das Sonderbarste aber war der tote Killer selbst.

Er war klitschnass.

Dennoch konnte er nicht allzu lange im Wasser zugebracht haben. Leichen dieser Art sehen anders aus. Nämlich noch sehr viel unappetitlicher.

»Verstehst du das? Kommt das vom Regen? War das Wagendach undicht?« Milo trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. »Warum, zum Teufel, kann ich mich eigentlich nicht freuen, dass wir ihn haben?«

Ich lächelte grimmig. »Weil er uns so nichts nützt. Wir hätten ihn lebend gebraucht. Immerhin wollen wir nicht nur ihn, sondern auch seinen Auftraggeber. Also Effinger, falls der die Finger im Spiel hat. Und wir wollen wissen, wer den heißen Tipp verriet, dass Alex Torrens gestern ohne Schatten war.«

Ich dachte an Dick Donnegan. Den Mann, den wir heute beerdigt hatten.

Auch wenn wir es immer noch nicht wahrhaben wollten: Die Möglichkeit, dass er selbst die undichte Stelle gewesen war, ließ sich nicht mehr einfach übergehen.

Milo nickte.

Er fischte eine Brieftasche aus der Jacke des Toten. Total durchweicht, aber die Papiere waren noch leidlich lesbar.

»John Mensini ... Freier Handelsvertreter ...«

»Lass überprüfen, ob der Ausweis echt ist oder zur Tarnexistenz eines Profis gehört«, sagte ich.

In diesem Moment erschien Doc Howard auf der Bildfläche.

Wir hatten ihn gerufen.

Er sah etwas mitgenommen aus, als er aus dem Polizeiwagen stieg. Für ihn waren die letzten Tage weniger geruhsam als für uns verlaufen, wie er uns bereits am Telefon erklärt hatte. Bei ihm stapelten sich nach eigenen Angaben die Leichen auf den Seziertischen bereits bis unter die Decke, und er schien richtig froh zu sein, mal wieder an die Luft zu kommen.

»Tag, Jungs!«, begrüßte er uns, klappte sein Köfferchen auf und machte sich an dem Toten zu schaffen. »Hat sich aber ’ne böse Erkältung zugezogen, der Ärmste. Kein Wunder, wenn man in solch nassen Klamotten ’rumläuft.«

»Können Sie den genauen Zeitpunkt des Todes benennen?«, fragte ich.

Er lachte. »Ein bisschen Zeit müsst ihr mir schon geben!«

Er hatte recht, natürlich. Milo warf mir auch schon komische Blicke zu. Ganz zu schweigen von Mrs. Pompadou. Aber in mir rumorte etwas, das sich nicht in Worte fassen ließ.

Unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Der Doc ließ sich Zeit. Schließlich meinte er: »Zwölf Stunden ... Minimum. Eher mehr. Genaues lässt sich erst nach der Obduktion sagen.«

Ich rechnete die Angaben überschlägig durch und kam zu dem Schluss, dass sie sich in etwa mit dem deckten, was wir über Alex Torrens Todeszeitpunkt wussten. Seinen Killer musste es folglich nur wenig später selbst erwischt haben. Und das konnte wiederum eigentlich nur bedeuten, dass sein Auftraggeber ihn aufs übelste gelinkt hatte.

»Lass uns einen Besuch abstatten«, sagte ich zu Milo.

Seine Augen funkelten. »Nikos Effinger?«, fragte er.

»Nikos Effinger!«, nickte ich.

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Das vermeintlich schäbigste Haus am Platze war Effingers Residenz. Hier hielt der Pate von Italian Harlem Hof.

Das gewaltige, alleinstehende Gebäude aus roten Backsteinen erschlug einen fast, wenn man davor stand und hochschaute. Hinter den Fenstern war nichts zu erkennen. Die Scheiben waren ausnahmslos mit Spezialfolie beklebt, die zwar den Blick von drinnen nach draußen gestattete, nicht aber umgekehrt.

Clever.

Aber so etwas erwartete man auch von einem Mann, der schon zu Lebzeiten eine Legende war.

»Big Daddy lebt immer noch so bescheiden, wie ich es in Erinnerung habe«, meinte Milo ironisch.

Er wusste, wovon er sprach. Wir hatten Effinger vor längerer Zeit schon einmal besucht – und uns waren fast die Augen herausgefallen, als wir den Prunk gesehen hatten, der sich hinter dieser Armenhausfassade verbarg.

Effinger gab sich in der Öffentlichkeit gern als ein Mann des Volkes. Dem kleinen Mann auf der Straße hätte aber gewiss der Erlös des popeligsten Originalgemäldes auf Effingers Klo genügt, um für den Rest seines Lebens ausgesorgt zu haben.

Nikos Effinger dachte in anderen Maßstäben.

Wie lange noch?

Sein wahres Alter schien niemand zu kennen. Doch es gab Schätzungen, von denen keine unter 60 und die gewagtesten um die 80, 85 Jahre lagen.

Ich persönlich tippte auf tot. Der Kerl bestäubte sich mit einem widerlich süßen Parfüm, das den Verdacht auf fortgeschrittene Verwesung nicht ganz abwegig erscheinen ließ, auch wenn sich Effinger selbst scheinbar noch den Lebenden zurechnete.

Wir klopften gegen das riesige Holztor, in das zusätzlich eine kleinere Durchgangstür eingelassen war. Eine Klingel gab es nicht, nur rohe Gewalt, aber wir konnten darauf wetten, dass man uns nicht nur hörte, sondern auch sah. Im Zeitalter der Videotechnik war das das kleinste Problem.

Den Beweis dafür erhielten wir, als sich eine Luke öffnete und ein drogenzerfressener Totenschädel sichtbar wurde.

Aber egal, wie der Knabe aussah – er hatte Manieren.

»Sie wünschen, Mr. Trevellian, Mr. Tucker?«

In diesem Augenblick ertönte ein anderes, auch nicht gerade wohltönendes Organ aus einem unsichtbaren Lautsprecher.

»Lass sie herein, Costas! Ich erwarte die Herren G-men im Blauen Salon!«

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Costas verabschiedete sich stumm, nachdem er uns in einen Raum gebracht hatte, bei dem es sich nur um den bezeichneten ›Blauen Salon‹ handeln konnte.

Blau war die vorherrschende Farbe.

Das kälteste Blau, das ich je gesehen hatte. Es war von ähnlicher Qualität, wie es Industriefotografen manchmal benutzen, um einen sogenannten High-Tech-Touch bei Betrachtern ihrer Bilder rüberzubringen.

Auch Milo lief es kalt den Rücken hinunter.

»Stimmungsvoll«, lästerte er und widmete sich mit Hingabe dem Inhalt eines Plexiglaskastens, der auf einer Vorrichtung auf und nieder wippte und in dessen Innern eine intensiv blaue Woge unbekannter Zusammensetzung abwechselnd nach links oder rechts rollte.

Ein faszinierender Anblick, zumal die sirupzähe Flüssigkeit aus dem Podest heraus noch hart angestrahlt wurde.

»Das gefällt dir wohl?«, fragte ich Milo.

Er nickte begeistert, breitete die Arme aus, um den gesamten Raum einzubeziehen, und meinte: »Genau mein Geschmack. Ich überlege, ob ich meine kleine Wohnung nicht von Grund auf in diesem Stil renoviere.«

Ich wollte gerade auf das Geflachse eingehen, als sich die zweiflügelige Tür, durch die wir hereinkomplimentiert worden waren, mit Schwung und nicht gerade geräuschlos auftat.

Mir blieben die Worte im Halse stecken.

Nikos Effinger hatte sich seit unserem letzten Besuch sehr krass und gewiss nicht zu seinem Vorteil verändert!

Er stakste herein wie eine Marionette, deren Führungsfäden sich verheddert hatten. Jede Bewegung wirkte zufällig, schlecht kontrolliert und fahrig.

Effinger war ein Riese von knapp zwei Metern, was alles noch ungelenker wirken ließ. Schlank wie eine Tanne ragte er empor, und erst sein Gesicht machte deutlich, dass er einer dreitausend-jährigen, vertrockneten Mumie ähnlicher war als einem lebendigen Menschen. Sein quietschender Atem hörte sich an wie ein löchriger Blasebalg. Beim letzten Mal hatte er eisgraues, streng nach hinten gekämmtes Haar besessen; nun schimmerte es wie hauchdünn aufgespulter blauer Draht.

Aber das Wahnsinnige von allem war seine Haut.

»Blau!«, flüsterte mir Milo zu und stieß mir den Ellbogen in die Seite. »Großer Himmel, er ist blau!«

Ich sah es selbst – und glaubte dennoch zuerst an eine durch die Beleuchtung hervorgerufene Halluzination.

»Michael Jackson ist ein Waisenknabe gegen den!«, zischte ich genauso leise zurück.

»Ah, die Herren G-men!«, hallte es uns metallisch entgegen. Effinger war drei Schritte vor uns zum Stehen gekommen und hielt uns etwas entgegen, was wie eine Robothand aus dem »Krieg der Sterne« aussah.

Wir übersahen die Höflichkeitsfloskel, die bei Effinger so falsch wie der Name in seinem Pass war.

Beeindrucken konnten wir ihn durch unsere Verweigerung nicht.

»Was führt Sie zu mir?«

Er kommunizierte über eine Art Kehlkopfmikrofon, das uns bei jedem anderen Mitleid abgenötigt hätte. Aber der Pate von Italian Harlem brauchte unser Mitgefühl nicht. Mittlerweile gab es über ihn einen etwa zehn Zentimeter dicken Aktenordner, in dem sich alles sammelte, was man ihm über die Jahre hinweg zur Last gelegt hatte – ohne ihm je auch nur das Geringste beweisen zu können. Wenn auch nur ein Prozent von allem stimmte, dann war er kein Mensch, sondern vielleicht tatsächlich ein solcher Alien, wie seine außerirdische Hautfärbung vorgaukeln wollte.

Ich gab Milo ein Zeichen, mir das Gespräch zu überlassen, und sagte: »Torrens ist tot. Ich dachte, es würde Sie interessieren. Falls Sie es nicht längst wissen.«

Effinger mimte den Betroffenen.

»Wie sollte ich?«

Er quetschte sich eine Krokodilsträne aus dem Auge, das beim letzten Mal noch dunkelbraun gewesen war. Die jetzige Farbe war – wie auch anders – blau.

»Aber seit wann betätigt sich das FBI als Überbringer guter Nachrichten?«

»Seit wir auf dem besten Weg sind, Ihnen das dreckige Handwerk zu legen, Effinger! Ein für allemal. Und glauben Sie mir: Im Knast werden Sie Schwierigkeiten haben, Ihre morbiden Schönheitsoperationen durchzusetzen!«, sagte ich kalt.

»Wovon reden Sie?«, fragte er unbeeindruckt. Er öffnete eine Glasvitrine und nahm eine Flasche und eine Schale mit Konfekt heraus. »Möchten Sie auch einen Drink? Blue Cyrtaki. Eigens nach meinen Wünschen gekeltert.«

»Ersticken Sie daran!«, empfahl ihm Milo, der sich nicht länger zurückhalten mochte. »Seit wann vergreifen Sie sich an Behinderten, Effinger? Hat es Ihnen nicht genügt, Torrens’ Familie auszulöschen? Waren Sie es Ihrem Stolz schuldig, das Begonnene zu Ende zu führen, ganz gleich, wie mies es sein würde? War es so, Sie Scheißkerl?«

»Aber Mister Tucker ...« Nikos Effinger nippte an seinem Drink, schob sich gleichzeitig eine der Pralinenkugeln in den Mund, und spielte den Beleidigten. »Wovon reden Sie überhaupt? Natürlich kenne ich Alex Torrens. Was ist ihm zugestoßen? Was auch immer es ist, ich bedauere es, glauben Sie mir. Ich mag Gegner mit Format. Torrens hat mich in dieser Hinsicht nie enttäuscht.«

»Ob Sie das auch noch sagen, wenn wir Ihnen Torrens’ Vermächtnis vor den Latz knallen?«, sagte ich wie beiläufig.

Effingers Lippen klebten einen Sekundenbruchteil wie festgefroren am Rand des Glases. Er trat einen Schritt auf mich zu und taxierte mich mit Röntgenblick.

»Ich verstehe immer noch nicht.«

Ich zuckte die Achseln und gab Milo ein Zeichen. »Denken Sie darüber nach«, empfahl ich. »Sie sind ein kluger Mann. Ich bin sicher, Sie werden dahinterkommen.«

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Als sich die Tür hinter den beiden G-men geschlossen hatte, huschte ein falsches Lächeln über Effingers Gesicht. Er ließ eine weitere Praline im Mund verschwinden und trat dann mit schwankenden Bewegungen zu der Glasvitrine, auf der das Telefon stand. Die Nummer, die er wählte, kannte er auswendig.

Sein Gedächtnis war phänomenal. Und gefährlich außerdem. Denn gepaart mit einer seiner ausgeprägtesten Charaktereigenschaften, nämlich der, sehr nachtragend zu sein, hatte es sich schon häufig als tödliches Grab für Leute herausgestellt, die sich seinem Wort nicht beugen wollten.

Das Rufsignal läutete dreimal klar durch, ehe Effinger den Hörer wieder auflegte und wartete.

Sekunden später schrillte sein Telefon.

Er hob ab und sprach in kehligem Ton mit dem Unbekannten am anderen Ende der Leitung.

Seine Befehle waren unmissverständlich und wurden sorgfältig notiert.

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»Und nun?«, fragte Milo, als wir Effingers Festung verlassen hatten und uns im Auto durch den zähen Nachmittagsverkehr quälten.

»Wir haben den Köder ausgelegt«, sagte ich. »Wir werden sehen, ob er ihn schluckt. Eigentlich glaube ich es nicht. Effinger steht nicht umsonst an der Spitze des Syndikats, das Italian Harlem kontrolliert. Er ist schlau wie ein Fuchs und kalt wie ein Fisch.«

»Heb’ ihn nur nicht zu hoch in den Gangster-Himmel.«

Ich lachte. »Keine Bange. Jeder macht Fehler. Effinger braucht vielleicht etwas länger. Aber ich schwöre dir, wir kriegen ihn!«

»Dein Wort in Gottes Ohr.«

Wir fuhren zum FBI-Gebäude, stellten den Sportwagen in der Tiefgarage ab und sausten mit dem Lift in den 26. Stock des Hochhauses.

Als wir im Büro ankamen, empfing uns Clive mit der Nachricht, dass wir uns sofort beim Chef sehen lassen sollten. Er zwinkerte uns dabei zu, was soviel heißen mochte wie: Zieht euch warm an, Jungs.

Wir taten unser Bestes.

Mandy sah bezaubernd aus wie immer, als sie uns bei Mr. McKee meldete.

»Kaffee?«, rief sie uns nach, noch ehe wir im Allerheiligsten verschwanden.

»Immer!«, antworteten wir unisono. Mandys Kaffee ist ein Gedicht. Und wahrscheinlich das einzig wirksame Aufputschmittel bei diesem Mistwetter überhaupt.

Mr. McKee winkte uns herbei und bot uns Platz an. Er wirkte etwas müde, aber souverän wie immer.

Und er war nicht allein.

Doc Howard war bei ihm.

»Hallo Jesse, Milo ...« Jonathan D. McKee strich sich mit den feingliedrigen Künstlerhänden durch das graue Haar. »Der Doc hat ein paar Fragen an Sie. Und ich auch.«

Unsere Aufmerksamkeit konzentrierte sich sofort auf Howard.

»Nur zu«, erklärte Milo lässig. »Wollen Sie unser Gesundheitsattest? Zugegeben, der letzte Check liegt Monate zurück. Aber ich fühle mich fit wie ein Turnschuh.«

»Niemand zweifelt daran«, sagte der Doc sanft. »Aber die Fragen, die ich stellen muss – eigentlich ist es nur eine -, betrifft nicht Sie, sondern den Toten, den ich heute untersucht habe.«

»Mensini?«, erkundigte ich mich. »Den Killer?«

»Den Toten im Dodge ... ja. Vielleicht erinnern Sie sich. Er war klitschnass ...«

»Die Regenfälle der letzten Tage«, sagte Milo.

Aber Howard schüttelte entschieden den Kopf. »Etwas stimmt mit diesem Toten nicht – und das liegt gewiss nicht am Regen!«

»Ich verstehe nicht«, wandte ich ein.

»Ich auch nicht«, knurrte Howard. »Ich auch nicht! Verdammt, ich wollte Sie fragen, ob Ihnen nicht auch etwas spanisch vorgekommen ist an der ganzen Sache.«

Ich überlegte kurz, ob es Sinn machte, von den Warnsignalen meines Instinktes zu sprechen, der beim Anblick des Toten deutlich angeschlagen hatte. Doch ich entschied mich dagegen.

»Nichts Greifbares«, hielt ich mich bedeckt. »Worauf wollen Sie hinaus? Was passt Ihnen an der Leiche nicht?«

Howard wiegte bedächtig den Kopf. »Wenn ich das so genau wüsste. Ich habe diesen Mensini obduziert und nichts Überraschendes dabei gefunden. Das einzige, was mir schwerfällt, ist, den genauen Todeszeitpunkt festzulegen.«

»Jeder hat so seine Sorgen«, spöttelte Milo. »Wenn Sie sonst keine Probleme haben ... Und deshalb sind Sie persönlich gekommen?«

Doc Howard zuckte die Achseln. Er schien nicht sehr glücklich darüber zu sein, dass ihm ein Toter Probleme bereitete, die er noch nicht einmal exakt definieren konnte.

Nach ein paar belanglosen Wortwechseln verabschiedete er sich mit dem Versprechen, Mr. McKee über neue Erkenntnisse sofort zu unterrichten.

Mandy brachte den Kaffee. Ihre Erscheinung hellte den Raum für kurze Zeit auf. Draußen waren wieder schwere Wolken aufgezogen, die bald ihre Wassermassen auf die City abregnen würden.

Wir erzählten von unserer Stippvisite bei Effinger, über die unser Chef noch gar nicht Bescheid wusste.

Sorgenfalten gruben sich in seine Stirn, als ich den Bericht abschloss.

»War es klug, dem Paten gleich aufs Fell zu rücken?«, fragte er.

»Wir wollten Bewegung in dieses miese Spiel bringen«, erklärte ich fest. »Mit Höflichkeit und Abwarten allein kommen wir nicht weiter.«

»Da mögen Sie recht haben. Aber das mit Torrens’ Vermächtnis klingt für mich wie ein phantastisches Märchen. Die Realität macht selten solche Geschenke.«

Milo und ich nickten.

Mehr gab es dazu nicht zu sagen. Es blieb abzuwarten, wie Effinger diesen Punkt einschätzte.

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Meg Cyrian hielt kurz in der Bewegung inne. Durch das Rauschen des heißen Duschstrahles drangen alle Geräusche von außen wie durch einen dicken nassen Schwamm zu ihr vor.

»Stormy!«, rief sie und drehte mechanisch den Wasserhahn zu. Der Strahl versiegte. Durch den Dunst, der sich wie Nebelschwaden über das winzige Badezimmer gelegt hatte, lauschte sie auf eine Antwort.

Aber es blieb still.

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nicht durch ein Geräusch aufmerksam geworden war, sondern durch die völlige Abwesenheit solcher.

Es war totenstill in der Wohnung. Nur die Tropfen, die über Megs Körper liefen und sporadisch gegen den Boden der Duschwanne trommelten, waren zu hören.

»Stormy?« Megs Stimme zitterte leicht.

Verdammt – spielte er ein Spiel mit ihr?

Sie langte nach dem riesigen Badetuch, das sie bereitgelegt hatte, und schlang es um ihren dampfenden Körper.

Plötzlich fror sie. Von irgendwoher drang ein kalter Luftzug.

Mit steifen Bewegungen kletterte Meg aus der Duschkabine. Irgendwo in ihrem Hirn hatte sich ein schwer zu beschreibendes Gespinst aus Besorgnis ausgebreitet.

Der beschlagene Badezimmerspiegel gab ihr Bild nur unvollkommen wieder. Flüchtig dachte Meg an Stormys Worte, dass sie der heißeste Feger sei, der dieses Apartment je betreten hatte. Komplimente dieser Art kamen bei ihr an.

Doch die Erinnerung daran war nur ein kurzes gedankliches Intermezzo.

Sie erreichte die Tür, die einen Spalt offenstand, und schlüpfte lautlos hinaus.

Der Flur lag im matten Streulicht aus Bad und Schlafzimmer.

Meg unterdrückte das Verlangen, ein weiteres Mal nach Stormy zu rufen. Ihr Hals war pulvertrocken. Ein leichtes Erstickungsgefühl schlich sich zaghaft hinter ihren Kehlkopf und setzte sich fest.

Meg hinterließ eine deutliche Spur auf den Holzdielen, als sie zum Schlafzimmer wechselte, aus dem weiterhin kein einziges Geräusch drang.

Streiflichter der Angst blitzten auf dem kurzen Weg durch Megs Bewusstsein. War Demis hinter ihr sorgsam gehütetes Geheimnis gekommen? Hatte etwa der Alte Lunte gerochen?

Das, gestand sie sich ein, wäre gleichbedeutend mit ihrem Todesurteil gewesen.

Aber vielleicht war Stormy – entgegen seiner Gewohnheit – auch nur eingenickt.

Endlich erreichte sie die offene Tür, hinter der das breite französische Bett stand, in dem sie sich vor Minuten noch stürmisch geliebt hatten.

Die Erinnerung daran schuf neue Beklemmung bei Meg. Der Kontrast zwischen dem besten Sex seit Jahren und der jetzt herrschenden Grabesstille hätte nicht schrecklicher sein können.

Etwas stimmte ganz einfach nicht!

Solange sie Stormy kannte – intim kannte – war es noch niemals so still in der Wohnung dieses zärtlichen Energiebündels gewesen!

Ihr Gesicht tauchte in das helle Lichtviereck.

Das Bett drängte ins Blickfeld.

Stormy lehnte mit dem Rücken gegen die Zimmerwand. Er hatte die Beine angewinkelt und starrte verklärt zur Decke. Sein rechter Arm ruhte auf den Knien; in seiner Hand rauchte ein Joint.

Obwohl nur wenige Schritte auseinander, trennten sie in diesem Moment wahrscheinlich Lichtjahre.

Dennoch war Meg erleichtert.

»Stormy!«, rief sie, schleuderte achtlos das Badetuch von sich, hüpfte zu ihm ins Bett und schmiegte sich verlangend an ihn. »Lass mich auch mal.«

Sie nahm den Joint aus seinen Fingern und sog wie eine Erstickende daran.

Schon nach ein paar Zügen fiel auch die letzte Anspannung von ihr ab. Vor ihren Augen begannen bunte Muster und feurige Spiralen zu tanzen.

Sehr schnell erwachte neue Lust auf Sex in ihr. Damit hatte sie noch nie Probleme gehabt. Sie legte den Joint in den Ascher auf dem Nachttisch, zog kichernd die dünne Decke von Stormys drahtigem Körper – und blinzelte enttäuscht zu ihm hoch.

»Pech«, grinste er entrückt.

»Abwarten«, erwiderte sie und tauchte mit dem Kopf zu ihm hinunter.

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Wilson Hector Luxor stand in fein ziselierten Steinbuchstaben auf der Außenfront des schlichten Häuschens in der MacDougal Alley im äußersten Norden von Greenwich Village.

Mr. Luxor wohnte originell – in einem ehemaligen Stall nämlich, von denen sich hier und in der parallel verlaufenden Washington Mews einer an den anderen reihte, hin und wieder von ein paar ehemaligen Küchengebäuden durchsetzt.

Künstler aller Art, darunter auch bekannte Schriftsteller, hatten sich in den ehemaligen Stallungen nahe dem Washington Square eingenistet. Und ein Künstler ganz eigener Art war auch Mr. Luxor, wie wir inzwischen herausgefunden hatten: Ein Paragraphen-Virtuose.

Luxor war seit dem ersten Attentat Alex Torrens’ persönlicher Anwalt gewesen. Wenn überhaupt, dann musste er über den Verbleib eines eventuellen Vermächtnisses Bescheid wissen.

Soweit unsere Überlegungen.

Es war kurz nach 20 Uhr, als wir an dem Häuschen, in dem Luxor auch seine Kanzlei unterhielt, klingelten. Hinter den Fenstern brannte Licht. Er war also aller Wahrscheinlichkeit nach da.

»Auf den Kauz bin ich gespannt«, brummte Milo, der bereits auf der Fahrt hierher zu verstehen gegeben hatte, dass er an einem baldigen Feierabend nicht ganz uninteressiert gewesen wäre. Im Hinterkopf spukte ihm wohl das Bild seines Zwillings herum, dessen Verständnisses er nicht auf ewig sicher sein konnte. Mir ging es ähnlich. Innerlich hatte ich die attraktive junge Lady der letzten Nacht jedoch schon abgeschrieben. Keine Frau lässt sich gerne aufs Abstellgleis stellen. Und frei verfügbare Zeit ist nun mal ein äußerst kostbares Gut in unserem Job. Oft genügt ein Anruf, um alle Pläne zunichte zu machen. Damit hatten Milo und ich notgedrungen zu leben gelernt. Nur manchmal, wie jetzt, brach ein Hauch von Unzufriedenheit an die Oberfläche.

»Ich auch«, gab ich zu.

Im nächsten Moment öffnete sich die Tür, und eine Stimme aus dem Nichts fragte: »Sie wünschen?«

»Zu Mister Luxor«, sagte ich.

»Treten Sie bitte ein.«

Wir waren kaum über der Schwelle, als sich die Tür auch schon wie von Geisterhand hinter uns schloss. Gleichzeitig schob sich ein seltsames, chromblitzendes Gebilde aus dem Hintergrund auf uns zu.

Der Anblick des lautlos herangleitenden Ungetüms veranlasste Milo zu der bissigen Bemerkung: »Wer ist dieser Luxor wirklich? Ein Außerirdischer?«

Luxors Butler jedenfalls war von der gewerkschaftslosen Art, allzeit verfügbar und offenkundig sogar stromnetzunabhängig: Ein irrlichternder, kindergroßer, quietsche-munterer Roboter, der Wilson Hector Luxor sicherlich einige hundert Bastelstunden abverlangt hatte, denn von der Stange gab es solche elektronischen Heinzelmännchen meines Wissens nach nicht.

Das Ding hatte die Form eines Zuckerhutes und besaß vier raffiniert gegliederte nicht ganz ungefährlich wirkende Arme mit fast menschlich ausgebildeten Greifwerkzeugen. An der Spitze des Kegels war ein Infrarotauge zu erkennen, das in Dutzende Facetten aufgeteilt war und damit wahrscheinlich einen Rundumblick gestattete. Die Stimme kam von irgendwoher aus dem Innern.

»Folgen Sie mir bitte.«

Der Roboter rollte durch einen Korridor, der wie das Deck eines futuristischen Raumschiffes aussah, und führte uns in den Raum, der die Kommando-Zentrale darzustellen schien.

Hier trafen wir auf den geistigen Urheber all dieser Verrücktheiten.

Ein Drehsessel schwang herum, und in der ersten Sekunde glaubte ich, ein Kind darin zu entdecken. Doch das »Kind« entpuppte sich als erwachsener Mann. Wilson Hector Luxor war ein – Zwerg!

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Nikos Effinger schmetterte sich eine Ladung Koks gegen die löchrigen Nasenschleimhäute und lehnte sich auf der Couch zurück.

Vom medizinischen Standpunkt aus gesehen, spielte er Russisches Roulette. Jede Prise konnte die letzte sein. Sein Organismus war so vollgepumpt mit Medikamenten, die sich ungern mit Kokain vermischt sahen, dass schon häufig die absonderlichsten Reaktionen vorgekommen waren. Ein irgendwann einmal tödlicher Allergieschock ließ sich nicht ausschließen.

Aber der Pate von Italian Harlem hing längst nicht mehr an seinem Leben. Er spielte bewusst damit. Täglich. Und nur er selbst wusste, wie überdrüssig er seiner selbst geworden war.

Gerade das machte ihn für andere gefährlich. Auch für seine eigenen Leute. So mancher wartete sehnsüchtig auf den Tag, da sich Effingers Körper für den Raubbau rächen würde, den er mit ihm betrieb.

Niemand sagte es offen, aber für viele war er eine Art letzter Dinosaurier, der den Wandel der Zeiten verschlafen hatte, weil er sich kaum noch aus seinem festungsgleichen Schneckenhaus herauswagte.

Effinger lachte heiser.

Er drückte eine Taste in der Armlehne.

Kurz darauf öffnete sich die Tür. Ein einfältig dreinblickender, hypernervöser Muskelprotz, in einem wie ein Anachronismus anmutenden Nadelstreifenanzug und italienischem Schuhwerk, trat ein und katzbuckelte vor Nikos Effinger.

Er wusste, auf welche Meldung der Pate wartete.

»Es ist alles in die Wege geleitet«, beeilte er sich, der entsprechenden Frage zuvorzukommen.

Effinger starrte ihn nachdenklich an.

»Gut«, sagte er schließlich. »Und jetzt geh in das Lokal, das ich dir genannt habe, und lass die Leute deine Anwesenheit spüren. Die nächsten zwei Tage werden wir keinerlei Kontakt zueinander pflegen. Ist das klar?«

Der Enddreißiger mit dem klassisch griechischen Profil nickte heftig, ging vor Effinger auf die Knie und küsste den protzigen Siegelring, den der Pate ihm entgegenhielt.

Als es Effinger zu lange dauerte, scheuchte er ihn davon.

Nichts ist mehr wie früher, dachte er resigniert. Selbst das Gefühl beim Anblick schleimiger Unterwürfigkeit, an dem er sich früher geweidet hatte, war ein anderes geworden.

Früher hatte er diese Zeichen seiner Macht genossen.

Heute dominierte Ekel.

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»Musst du wirklich schon gehen?«, grinste Stormy und versuchte, sie erneut an sich heranzuziehen, als sie aus dem Bett flüchten wollte. Aber es gelang ihr, ihn abzuschütteln.

»Sei vernünftig«, sagte Meg streng. »Unterschätze meinen Mann nicht. Er ist zwar im Bett eine Niete, aber wenn er je dahinterkommt, was wir zwei Hübschen hier in deinem Apartment so treiben ...«

»Wird er nicht!«, beruhigte Stormy sie. »Wer würde schon auf den Verdacht kommen, dass eine Frau wie du sich mit mir einlässt?«

»Du bist ein Idiot!« Sie huschte zu ihm zurück und küsste ihn. »Aber ein lieber.«

»Und du ein Hasenfuß«, revanchierte er sich. »Dein Demis ist doch zu blöd, um sich selbständig die Schuhe zu schnüren. Wahrscheinlich hat er dich nur deshalb geheiratet«, fügte er gehässig hinzu. »Damit er jemanden hat, der diese anspruchsvolle Arbeit für ihn verrichtet!«

»Er trägt keine Schuhe mit Schnürsenkel«, klärte Meg ihn auf, während sie sich in ihre Kleider quälte.

»Aha!«, kommentierte Stormy auf eine Art, als wäre genau dies der schlagende Beweis für seine These.

Meg warf ihm ihre Handtasche an den Kopf.

Stormys Hand spielte Abfangjäger und entschärfte das Geschoss. Danach verfolgte er interessiert die aufreizende Weise, mit der Meg sich wieder in eine anständige – und angezogene – Ehefrau verwandelte.

»Du bist ein Luder«, stellte er überzeugt fest.

»Danke für das Kompliment!«

Sie eroberte sich ihre Handtasche im Handstreich zurück und floh zur Tür.

»Ich muss jetzt wirklich gehen.«

»Wann sehen wir uns wieder?«

»Keine Ahnung. Erst mal checken, wie schief der Haussegen hängt. Ich melde mich!«

Meg warf ihm eine Kusshand zu und gestaltete ihren Abgang so, dass Stormy bereits die Sekunden bis zu ihrer Wiederkehr zählte.

Hüften schwingend stöckelte sie zur Haustür. Ihr üppiger Busen pendelte freischwingend unter der hauchdünnen Satinbluse.

Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, ahnte keiner von beiden, dass sie sich nie wiedersehen würden. Jedenfalls nicht in diesem Leben.

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Der elektronische Butler servierte uns einen Kaffee, der so stark war, dass der Versuch, mit dem Löffel darin zu rühren, aussichtslos war. Man konnte ihn bestenfalls umgraben.

Milo verzog das Gesicht, nippte aber tapfer daran. Mit dem Resultat, dass er die Tasse frustriert an den Roboter zurückgab.

»Danke, mir ist heute nicht danach.«

»Schade«, sagte Luxor und schlürfte mit hörbarem Genuss an seiner Tasse, die der gleichen Quelle entstammte. Ich selbst hatte glücklicherweise darauf verwiesen, dass ich nicht sonderlich durstig war.

Wir hatten den Anwalt über den Grund unseres Erscheinens informiert, und Luxors Reaktion hatte kaum einen Zweifel daran gelassen, dass er ehrlich betroffen über das Schicksal seines Klienten war. Er hatte sofort seine Kooperationsbereitschaft erklärt.

Von einem »Vermächtnis« wusste er allerdings auch nichts.

»Er hat Ihnen nichts zur Aufbewahrung gegeben?«, hakte ich zum dritten Mal nach, weil Luxor immer wieder abschweifte und sein Bedauern über den Tod von Torrens zum Ausdruck brachte.

»Nichts«, bestätigte er. Er hatte eine hohe Pieps-Stimme, und längere Sätze hörten sich bei ihm an wie Kirchengesang.

Wir hatten uns inzwischen an das futuristische Outfit nicht nur der Wohnung, sondern auch ihres Besitzers gewöhnt. Wilson Hector Luxor kauerte vor uns in einem speziell seiner geringen Körpergröße angepassten Sessel und wirkte wie ein Wesen von einem anderen Stern. Das Auffälligste an seinem Gesicht war das Fehlen jeglichen Haarwuchses. Selbst die Augenbrauen waren gezupft. Stattdessen trug er einen Diamanten am rechten Nasenflügel, über dessen Befestigung ich mir, wie ich zu meiner Schande gestehen musste, während des gesamten Gespräches die meisten Gedanken machte. Luxor trug einen lindgrünen Overall und – warum auch immer – selbst in seiner eigenen Wohnung Handschuhe. Vielleicht hatte er Angst vor ansteckenden Krankheiten.

Mord, dachte ich unwillkürlich, war zwar keine Krankheit. Aber die Erfahrung hatte gezeigt, dass er mitunter auch ansteckend sein konnte.

Luxor war das, was man allgemein eine Type nannte. Ein Techno-Freak.

Aber ein sympathischer. Sein ganzes Benehmen verdeutlichte, dass er irgendwo immer Kind geblieben war. In dieser Umgebung hatte er sich so eingerichtet, wie es seinem innersten Bedürfnis entsprang. Der Roboter, den er fast liebevoll Jupiter getauft hatte, und der eine für Maschinen etwas absonderliche Eigeninitiative an den Tag legte, unterstrich den Hang des Zwerges zum Spontanen und Phantastischen. Jupiter war, wie Luxor uns ganz zu Anfang des Gespräches erklärt hatte, mit einem Zufallsgenerator gekoppelt, der das eigentliche Arbeitsprogramm ständig umkrempelte, durcheinanderwürfelte, so dass man nie im Vorhinein genau wusste, was er als nächstes tun würde. Natürlich reagierte er auf eindeutige akustische Befehle.

Luxor hatte ihn von Torrens geschenkt bekommen, wie wir zu unserer Verblüffung erfuhren. Der tote Politiker war ebenfalls ein eingefleischter Sciencefiction-Fan gewesen.

Damit hatte er mit Luxor auf einer Wellenlänge gefunkt.

Zumindest solange sein Familienglück noch existierte. Ich bezweifelte, dass er nach dem ersten Attentat noch Sinn für diese Spielereien besessen hatte. Vielleicht hatte er den Roboter, der vorher in seinem Besitz gewesen war, deshalb an Luxor weitergereicht.

Es war müßig, darüber nachzudenken.

»Dann war unser Besuch also umsonst«, meinte Milo zerknirscht. Er machte Anstalten, sich zu erheben.

Ich schmunzelte, wohl wissend, warum er es so eilig hatte.

»Tja«, wandte ich mich an den Anwalt. »Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Sie verstehen sicher. Wir müssen dann gehen. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, können Sie uns ja anrufen.«

Luxor wirkte etwas verdutzt. »Wie? Äh ... ja, natürlich.«

Milo würdigte mich keines Blickes mehr.

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Gerade als ich Milo an der üblichen Ecke aussteigen lassen wollte, fing es wieder an, wie aus Kübeln zu regnen.

Er zögerte.

»Mist! So oft wie heute habe ich seit Jahren nicht mehr geduscht.«

»Komm doch auf einen Sprung mit zu mir«, schlug ich lächelnd vor. »Wenn der Regen aufgehört hat, fahre ich dich nach Hause. Ist ja nicht weit.«

»Sieht nicht so aus, als würde sich das Wetter bald bessern«, druckste er herum.

»Und wenn schon. Du kennst doch meine Couch.«

Milo, rieb sich den Nacken. »Leider. Morgen früh kann ich mir wieder jede Gräte einzeln richten lassen.«

Aber der Klang seiner Stimme drückte bereits die wachsende Bereitschaft aus, dieses Risiko einzugehen.

»Okay!«, nickte er schließlich. »Trinken wir noch einen. Ich hoffe, du hast genug Bier daheim.«

»Immer«, grinste ich. »Der Kühlschrank gehört dir. Ich werde mich bei Gelegenheit revanchieren.«

»Keine Drohungen.«

Ich trat aufs Gas und reihte mich wieder in den Verkehr ein. Die Wischerblätter schaufelten Unmengen von Wasser nach beiden Seiten weg.

Fünf Minuten später fuhr ich in die Tiefgarage des modernen Apartmenthauses am Hudson. Es war, als würden wir in den Bauch eines schlafenden Wales hinabtauchen. Sofort blieben die Regenmengen aus, und das Gummi der Wischer kratzte stumpf über die Scheibe.

Ich stellte den Sportwagen auf den reservierten Platz, und wir fuhren mit dem Lift in die achte Etage.

Milo taute langsam wieder auf. Weibliche Gesellschaft für den Abend schien er endgültig abgehakt zu haben.

Kein Mensch begegnete uns, als wir aus dem Aufzug traten. Ich kramte die Wohnungsschlüssel aus der Tasche und schloss die Tür auf.

Ich hörte, wie der Riegel zurückschnappte.

Aber ehe ich die Tür richtig öffnen konnte, klang von hinten eine tiefe, vibrierende Stimme auf, die Milo und mich veranlasste, uns herumzudrehen. »Trevellian? Tucker?«

Die Zwillinge, die in unser Blickfeld rutschten, hatten keinerlei Ähnlichkeit mit jenen, die wir am Morgen hier und in Milos Wohnung zurückgelassen hatten.

Auch das Geschlecht stimmte nicht.

Vor uns standen zwei Mannsbilder mit der Physiognomie eines Cro Magnon und Fäusten wie Dampframmen.

Alles in allem sah es nach einer dicken Portion Ärger aus!

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Jonathan D. McKee erhob sich von seinem Stuhl und trat an das Fenster, gegen das von draußen Regenböen peitschten. Das Häusermeer, das sich bis zum Horizont erstreckte, wirkte wie durch eine Weichzeichner-Linse betrachtet. Eine merkwürdige Unschärfe lag über allem. Man hatte den Eindruck, in ein gigantisches Aquarium zu starren, in dem die schreienden Lichtreklamen wie auseinanderlaufende Farbkleckse aussahen.

Eine Weile ließ der Leiter der New Yorker FBI-Zentrale das groteske Bild auf sich wirken.

Er fühlte sich müde und seltsam isoliert von dem pulsierenden Leben der Millionenstadt. Nicht einmal Mandys Kaffee, der in einer Thermoskanne auf dem Schreibtisch stand, und von dem er innerhalb der letzten Stunde schon drei Tassen zu sich genommen hatte, konnte dieses Gefühl verwischen.

Eine Nacht durchzuarbeiten machte ihm nichts aus. Das praktizierte er oft genug. Der Grund seiner Müdigkeit war ein anderer.

Dick Donnegan.

Einer seiner Leute.

Er war noch nicht ganz unter der Erde, da kam sein Name schon ins Gerede.

Jonathan D. McKee hob die Hände und massierte sich die Schläfen. In Situationen wie diesen fühlte er sich für Augenblicke wie der einsamste Mann der ganzen Stadt. Aber das war natürlich Unsinn. Die Schicksale, die sich hinter den tausendfältigen Fassaden abspielten, waren Legion – und sein Problem wäre anderen vielleicht geradezu lächerlich vorgekommen.

Dieser Gedanke half ihm.

Er wandte sich vom Fenster ab und setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches. Mit spitzen Fingern – so wie man etwas sehr Unangenehmes anfasst – nahm er nochmals den dünnen Schnellhefter zur Hand, in dem sich Donnegans Personalakte befand.

Als ob er mit dem Torrens-Fall nicht schon genug Ärger am Hals gehabt hätte ...

Bei Tag stand das Telefon nicht still. Alex C. Torrens hatte einflussreiche Freunde, die ihn monatelang an der ausgestreckten Hand hatten verhungern lassen; jetzt, nach seinem Tod, aber scharenweise vor Mikrofone, Blitzlichter und surrende Kameras traten, um Polizei und FBI eklatantes Versagen vorzuwerfen.

Leider nicht einmal zu Unrecht, wie Jonathan D. McKee einräumen musste.

Verdammt!

Er hatte immer große Stücke auf Dick Donnegan gehalten.

Er war ein unauffälliger, aber gewissenhafter Arbeiter gewesen. Was er anpackte, hatte Hand und Fuß gehabt. Ein Laden wie das FBI konnte nicht nur Draufgänger gebrauchen, die notfalls dem Teufel selbst in die Suppe spuckten.

Und nun häuften sich die Indizien, dass sich hinter dem meist zurückhaltenden Lächeln dieses Mannes einer der übelsten Fälle von Korruption versteckt haben sollte.

Jonathan D. McKee konnte und wollte daran nicht so einfach glauben.

Obwohl Donnegan, wie sich jetzt herausstellte, hoch verschuldet war. Und obwohl er seiner Bank Stunden vor dem tödlichen Unfall die Einzahlung einer größeren Summe zur Tilgung seines Darlehens angekündigt hatte.

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»Trevellian und Tucker?«, grollte es uns erneut entgegen.

Ich nickte. »Das sind unsere Namen. Und mit wem haben wir die Ehre?«

Ich dehnte die Frage wie einen Kaugummi und ließ die beiden Gorillas keine Sekunde aus den Augen.

Wie recht ich damit hatte, zeigte die Reaktion des Wortführers.

»Ob es eine Ehre für euch ist, wird sich frühestens hinterher herausstellen!«, kündigte er mit glühendem Blick an. »Das mit unseren Schwestern hättet ihr nicht tun dürfen!«

»Schwestern?«, echote Milo, während es bei mir allmählich dämmerte.

»Wendy!«, stieß ich hervor.

»Und Lisa«, nickte das Ebenbild des Gorillas.

Mir wurde es flau.

Aber uns blieb keine Zeit, die Dinge klarzustellen. Wahrscheinlich hielten uns die beiden Naturburschen für die Verführer ihrer kleinen Schwestern. Dass die Sache in Wirklichkeit genau andersherum abgelaufen war – für solche Argumente schienen sie im Moment nicht unbedingt empfänglich.

Eine Faust schoss auf mich zu.

Das machte mich echt ärgerlich.

Diese Art von Kommunikation liebte ich nicht – auch wenn ich genau wusste, was ich darauf zu antworten hatte.

Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Milo einer synchronen Attacke ausgesetzt war. Dann musste ich auch schon unter der Faust hinwegtauchen.

Das Fleischpaket, das jede Familienähnlichkeit mit dem süßen Girl der vergangenen Nacht vermissen ließ, taumelte hinter seiner Faust her und stürzte mir in voller Pracht entgegen. Nur ein halber Hechtsprung zur Seite rettete mich vor der Verwandlung in ein Musterexemplar von Flunder.

Platt schien dagegen das Herzchen, das es, seinem eigenen Bekunden zufolge, auf mich abgesehen hatte, weil ich die Jungfräulichkeit seines Schwesterchens angekratzt haben sollte.

Darüber hätte ich zu anderen Zeiten möglicherweise lachen können – zumal es mit eben dieser Unberührtheit, ach so weit, nicht her war, wie ich aus sicherer Quelle wusste.

Im Moment nervte die Hartnäckigkeit des Prügelknaben jedoch ziemlich.

Als er zur nächsten Attacke ansetzte, beschloss ich, dem stillosen Geplänkel ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Meine Karatemöglichkeiten waren tabu, solange kein Gegner diese mörderische Kampfart ins Spiel brachte. Aber ich hatte noch andere, nicht minder wirkungsvolle Kniffe drauf.

Diesmal wartete ich wirklich bis zur allerletzten Sekunde auf den Heranstürmenden, der jedem Stierkämpfer Freude bereitet hätte.

Und nur die Tatsache, dass er eine so reizvolle Schwester besaß, rettete ihn vor einem fürchterlichen Leberhaken, den anzubringen bei dem konzeptlosen Angriff kein Problem gewesen wäre.

Stattdessen wandte ich einen Judogriff an, der ihn nach bester Rock’n-’Roll-Manier über meine Schulter flanken und gegen die rückwärtige Wand des Korridors donnern ließ.

Das Gebäude bebte.

Stärke 5 auf der nach oben offenen Richterskala.

Ich richtete mich zu voller Größe auf und strich meinen Anzug glatt.

Mein Blick suchte und fand meinen Partner.

Milo bot keinen sehr schönen Anblick.

Und trotzdem reizte mich die Szene irgendwo zum Lachen. Sorry, aber es sah zum Schreien aus.

Milo lag rücklings auf dem Boden, und über ihm kauerte – einer fetten Kröte gleich – das Ebenbild des Typs, den ich gerade als Abbruchbirne zweckentfremdet hatte.

Das Gewicht musste auf Dauer tödlich sein.

Milos Gesicht war schon puterrot.

Ich zog den .38er und stellte mich breitbeinig vor den Kerl, der allein schon Grund genug gewesen wäre, die ersten zarten Bande, die ich zu Wendy geknüpft hatte, abrupt abreißen zu lassen. Solche Verwandtschaft sollte man sich freiwillig wohl nicht antun.

»Genug jetzt!«, rief ich laut. »Angriff auf Staatsbeamte.« Ich zückte meine ID-Card und hielt sie ihm samt Mündung vor die Nase. »Das reicht. Sie sind verhaftet. Aufstehen! Sofort!«

Aber der Junge war nicht nur von der schweren, sondern offenbar auch von der schwerhörigen Art.

Der kurzläufige Smith & Wesson 38 Special beeindruckte ihn nicht die Spur. Wie ein Felsklotz hockte er auf Milos Brustkorb, begrub dessen Arme unter sich und verhinderte jeden Befreiungsversuch meines Freundes durch stupides Platzieren seiner mindestens zwei Zentner Lebendgewicht.

Allmählich wurde die Lage kritisch.

Entweder sah ich mich langsam nach einem neuen Partner um – oder ich legte ganz schnell meine guten Manieren beiseite.

Nach kurzem Nachdenken entschied ich mich für letzteres.

Den Revolver in meiner Faust drehte ich blitzschnell um hundertachtzig Grad, bis der Lauf auf mich zeigte.

Dann holte ich kurz aus und ließ den Griff trocken auf den Hinterkopf des Buddhas krachen, dem ich damit zum ersten Mal eine winzige Reaktion abnötigte.

Er seufzte leise, sah mich voller Staunen an, um im nächsten Moment die Augen zu verdrehen, bis ich nur noch das auch nicht mehr lupenreine Weiß zu sehen bekam.

Dann kippte er zeitlupenhaft seitlich weg und schaffte es immerhin noch, den Boden unter meinen Füßen leicht vibrieren zu lassen.

Ein schwächeres Nachbeben im Vergleich zu seinem Bruder, wenn man so wollte.

Ich half Milo auf die Beine.

Er japste nach Luft und wollte gerade etwas sagen, als uns beide das nächste Beben von den Füßen riss.

Die Druckwelle einer Explosion fegte uns durch die Luft.

Das Letzte, was ich wahrnahm, war ein gewaltiger Feuerstoß, mit der mir die Tür meines Apartments entgegengeflogen kam.

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»Treffer!«, proklamierte Nikos Effinger mit Genugtuung, als er die Morgenzeitung durchblätterte und auf eine zweispaltige Meldung mit folgender Überschrift stieß:

»FBI-AGENTEN FIELEN BOMBENANSCHLÄGEN ZUM OPFER. – WOHNUNGEN WURDEN ZU TODESFALLEN.«

Der weitere Bericht ließ keinen Zweifel, um wen es sich bei den »bedauernswerten« G-men handelte.

»Schick zwei Kränze«, ordnete der Pate von Italian Harlem gönnerhaft an. »Vom Feinsten.«

Demis nickte. Er erhob sich und ging zur Tür. Auf halbem Weg blieb er stehen und sagte: »Sonst steht nichts in der Zeitung?«

Effinger hatte seinen sozialen Tag. Er lachte glucksend wie über einen ordinären Witz.

»Keine Sorge«, beruhigte er seinen Neffen. »Wenn du alles erledigt hast, gehst du nach Hause und kümmerst dich um deine Frau. Sie braucht dich jetzt ganz besonders. Sie hat einen herben Verlust zu beklagen – nur weiß sie das wahrscheinlich noch gar nicht.«

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Die »Doppelbeerdigung« fand zwei Tage später unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Der Pfarrer war der gleiche wie bei Donnegans Bestattung.

Das war meine Idee gewesen.

Er hatte mich beeindruckt.

Vor allem durch die Kürze seiner Predigt.

Etwas eigentümlich war mir schon zumute, als ich die Prozedur, bei der »Jeremias Trevellian« und »Milo Tucker« zur letzten Ruhe gebettet wurden, aus sicherer Entfernung durch einen Feldstecher verfolgte.

Aber Milos pietätlose Bemerkungen brachten mich rasch auf den Boden der Tatsachen zurück.

»Ein paar Tränen mehr hätte ich mir schon gewünscht, wenn ich mir eines schönen Tages die Radieschen von unten betrachten gehe. Ich wusste schon immer, dass G-men die schlechtesten Schauspieler überhaupt sind.«

»Immerhin hat er an uns gedacht«, sagte ich.

»Wer?«

»Effinger.«

»Du meinst die zwei Kränze?«

Ich nickte.

»Kann er doch locker von der Steuer absetzen«, knurrte Milo ungnädig. »Nein, wirklich, wenn er jemals einen Funken Sympathie bei mir verbucht haben sollte, so hat er ihn mit dieser Aktion spätestens verloren. So geht’s doch nicht. Wir könnten echt hin sein!«

»Wozu brüderliche Eifersucht nicht alles gut sein kann«, pflichtete ich ihm bei.

Es war verrückt. Da hatten uns die beiden Zwillingsbrüder der Zwillingsschwestern doch tatsächlich durch ihr tumbes Auftreten wider besseres Wissen und Wollen das Leben gerettet!

Das Leben führt oftmals kurios Regie.

Als ich wieder zu mir gekommen war, hatte mich Milo vom anderen Bett des Doppelzimmers eines Krankenhauses angestrahlt. Sein Kopf war so dick bandagiert gewesen wie meiner. Gehirnerschütterung. Aber ansonsten hatten wir Glück gehabt. Mehr Glück als Verstand. Unsere beiden unfreiwilligen Lebensretter lagen, wie wir erfuhren, ein paar Türen weiter. Sie waren auch mit leichteren Blessuren davongekommen. Meine schicke Wohnung hatte sich, nach Mr. McKees Aussage, der uns besuchte, in ein Trümmerfeld verwandelt. Größere Renovierungsausgaben aus der Staatskasse waren angesagt.

Nach und nach hatte ich alle Einzelheiten erfahren.

Demnach war das Schloss der Apartmenttür mit einem Zeitzünder gekoppelt worden, der genau zwei Minuten, nachdem die Tür von außen aufgesperrt worden war, eine tückische kleine Plastikbombe mit verheerender Sprengwirkung zur Explosion gebracht hatte.

Profiarbeit.

Ein todsicheres Ding.

Normalerweise.

Mit dem Auftauchen der beiden Tugendwächter hatte niemand rechnen können.

Unser Chef hatte den Anschlag lang und breit mit uns erörtert. Milos Wohnung war von Experten unter Umgehung des Sicherheitsschlosses geöffnet worden  –Milo würde immerhin eine funkelnagelneue Tür erstattet bekommen –, und man hatte dort dasselbe fatale Sprengstoffpäckchen sichergestellt. Daraus ergab sich, dass die Anschläge absolut zweifelsfrei Trevellian und Tucker gegolten hatten. Und wem waren wir kurz zuvor gezielt heftig auf den Fuß getreten?

Genau!

Effingers Transplantate waren offensichtlich noch gut genug in Schuss, um auf Beleidigungen so spontan und effektiv reagieren zu können, wie der Pate es seinem Ruf schuldig war.

Mr. McKee hatte uns davon überzeugt, dass es besser war, uns im Augenblick aus der direkten Schusslinie zu ziehen. Auf sein Konto ging auch die Idee unseres angeblichen Ablebens.

Und unser Freund Prewitt hatte dann einen schönen schmalzigen Nachruf in die Zeitung gesetzt.

»Von nun an«, hatte Mr. McKee bestimmt, »arbeiten Sie undercover. Vielleicht bringt uns das endlich soweit, den Killer und seinen Auftraggeber dingfest zu machen. Besondere Situationen erfordern besondere Mittel.«

Effingers Namen nahm er nicht in den Mund.

Vielleicht war er abergläubisch.

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Sie hörte, wie er auf leisen Katzensohlen von hinten heranschlich. Seine Visage, die sie schon anwiderte, wenn sie ihn morgens neben sich im Bett liegen sah, spiegelte den IQ eines unterdurchschnittlich begabten Schimpansen wider. Und die einfältigen Dackelaugen trieben sie innerlich zur Weißglut.

Dennoch konnte sie sich beherrschen. Sie vertiefte sich in ihr kunstvolles Make-up, an dem sie seit einer halben Stunde herumwerkelte, und tat so, als hätte sie ihn noch nicht bemerkt. Tief beugte sie sich über ihre Spiegel kommode.

»Du willst noch weg?«

Bedächtig klemmte sie den Lidstift zwischen die Zähne ihres makellosen Gebisses und blickte in den Spiegel, der den Einfaltspinsel, mit dem sie seit fünf qualvollen Jahren verheiratet war, lebensecht und daher absolut unvorteilhaft wiedergab.

»Was dagegen?«

Ihre Stimme klang gelangweilt. Scheinbar unbeeindruckt fuhr sie in ihrer Tätigkeit fort.

Etwas Rouge auf die Wangen ...

Er stellte sich so dicht hinter sie, dass ihr sein Körpergeruch in die Nase stieg.

Ihre sensiblen Magennerven krampften sich zusammen.

»Du siehst aus wie eine Nutte!«, hörte sie ihn heiser flüstern. Sein Gesicht hatte sich gerötet. Er war krank – zweifellos. Sie wusste es, seit sie ihn eines Tages in sonst nichts als ihren schwarzen Nahtstrümpfen vor dem großen Spiegel im Bad erwischt hatte. Das Wort Nutte schien ihn innerlich zu erregen.

Talk dirty to me ...

»Du musst es ja wissen«, konterte sie. »Im Umgang mit billigen Flittchen hast du mir einiges an Erfahrung voraus.«

Sein Schlag haute sie vom Schemel.

Verblüfft blickte sie zu ihm hoch und sah, dass er sein Ausrasten schon wieder bereute. Man konnte richtig mitverfolgen, wie das Blut aus seinem Gesicht wich. Er wurde bleich bis in die Lippen.

»Fühlst du dich jetzt besser?«, zischte sie und rappelte sich auf. Sie stellte den umgeworfenen Polsterschemel an seinen Platz zurück und setzte sich darauf, als wäre nichts Ungewöhnliches passiert.

Innerlich war sie jedoch etwas verunsichert.

Es war das zweite Mal innerhalb weniger Tage, dass Demis die Hand ausrutschte.

Unterschätzte sie ihn vielleicht?

Sie verwarf den Gedanken.

Nein, dachte sie. Dazu war er einfach zu blöd. Schluss, aus, basta!

Er stand noch eine Weile sprachlos wie ein ertappter Sünder hinter ihr. Dann wandte er sich abrupt ab und verließ ihr gemeinsames Schlafzimmer.

Nicht zum ersten Mal sann Meg darüber nach, dass getrennte Betten die vorteilhafteste, zumindest aber ästhetischste Lösung für sie dargestellt hätte.

Demis hatte die Angewohnheit, nackt zu schlafen und sich allabendlich vor ihren Augen zu entblättern.

Widerlich.

Für einen Südländer hatte er eine geradezu abstoßend helle Haut, und sein ganzer Körper war mit Muttermalen und Pickeln übersät. Aus den dunklen Malen wuchsen hie und da richtige schwarze Haarbüschel.

Nein, ein Adonis war Demis wahrlich nicht.

Nicht einmal Durchschnitt.

Das einzig Annehmbare an ihm war sein Geld.

In einem hatte er deshalb recht: Sie war eine Nutte. Seine ganz persönliche sogar.

Aber jeder Dollar, über den sie durch ihn verfügen konnte, war hart verdient. Das war schon mal klar. Knochenarbeit im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein paar Minuten später hatte sie ihre Verschönerungsaktion beendet.

Sie schlüpfte in das rote, hautenge Kleid, das Stormy so anturnte, und entschied sich für die hochhackigsten Pumps, die sie in ihrem Depot finden konnte.

Demis sollte seine Nutte haben!

Hüften und Handtaschen schwingend schwebte sie kurz darauf aus der Wohnung.

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Als das Telefon schrillte, war Milo gerade zum nächsten Coffee Shop unterwegs, um uns ein paar Hamburger und ein Sixpack zu holen.

Das Abwarten, zu dem uns der Chef verdonnert hatte, um unsere Haut nicht zu gefährden, schmeckte uns gar nicht. Wir saßen wie auf heißen Kohlen.

Sobald unsere knurrenden Mägen etwas besänftigt waren, wollten wir einen Schlachtplan aushecken.

Allzu viel versprach ich mir nicht davon, aber irgendwo mussten wir den Hebel schließlich ansetzen.

Ich hatte mir ein paar Theorien zurechtgeschustert, wie wir an Effinger und seine Handlanger herankommen konnten. Aber dieser Anruf brachte das schöne Gedankengebäude, das ich errichtet hatte, brutal zum Einsturz.

Linda meldete sich.

Ihre Botschaft war knapp und unmissverständlich.

»Kennt ihr einen gewissen Luxor?«

»Wilson Hector Luxor?«, präzisierte ich.

»Exakt.«

»Ja.«

»Dann fahrt mal schnell zu seiner Adresse. Die Kollegen sind schon dort.«

»Was ist passiert?«, fragte ich ungeduldig.

Linda lachte. »Ich werde euch doch nicht die ganze Spannung rauben.«

Mit diesem vorbildlichen Vorsatz legte sie auf.

Nachdem ich sie bis in die fünfte Generation ihrer Nachkommenschaft verflucht hatte, rollte ich mich vom Bett, auf dem ich in voller Kluft gelegen hatte, und kritzelte Milo hastig eine Nachricht auf ein Blatt Papier.

Vielleicht erübrigte es sich, und ich traf ihn auf dem Weg aus dem Mittelklasse-Hotel, das uns das Büro angemietet hatte.

Leider passierte nichts dergleichen.

Ich wartete noch zwei Minuten am Eingang, dann tigerte ich über die Straße und sprang in den offenen Buick, den uns Ben Brown von der Fahrbereitschaft für die Zeit unseres untoten Daseins zur Verfügung gestellt hatte. Mein Sportwagen wäre vielleicht etwas zu auffällig gewesen.

Da ich als Toter auch für jeden Strafzettel unerreichbar geworden war, schaffte ich die Strecke zu Luxors futuristischer Wohnung in persönlicher Rekordzeit.

Der Spaß verging mir aber, als ich von Clearys Schatten, der mich an der Haustür abfing, ins Innere geführt wurde.

Wilson Hector Luxor war nicht mehr wiederzuerkennen.

Schon zu Lebzeiten von eher zwergenhaftem Wuchs gewesen, wirkte er jetzt endgültig wie eine lieblos zusammengeknüllte Stoffpuppe.

Jemand hatte Torrens’ Ex-Anwalt übel zugerichtet und ihn dann in die Umklammerung seines vielarmigen robotischen Spielzeugs gepflanzt.

Dort hing er jetzt – stumm und tot und erbarmungswürdig -, und die Ähnlichkeit zu seinem ermordeten Klienten schnürte mir die Kehle zu.

Endgültig zum Kotzen war mir, als Detective Sergeant Ed Schulz mir die Polaroid-Aufnahme unter die Nase hielt.

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Meg parkte ihren schrill-grünen Alfa Spider zwei Ecken von Stormys Absteige entfernt.

Insgeheim fragte sie sich, was auffälliger gewesen wäre: Der knallige Flitzer vor Stormys Tür oder ihr sittenwidriges Outfit, in dem sie zunächst ein gutes Stück Straße bewältigen musste, ohne allerdings nur im entferntesten öffentliches Ärgernis zu erregen. Höchstens geile Blicke, die aus dem Verborgenen hinter dreckstarrenden Fensterscheiben oder ganz offen von herumlungernden Gestalten auf sie gerichtet wurden.

Meg störte es nicht.

Im Gegenteil, es reizte sie.

All die miesen, kleinen Scheißer sollten auch mal was anderes zu sehen kriegen als die dicke Mama hinterm Herd. Sie war kein Kind von Traurigkeit. Die Zeiten waren vorbei. Der Käfig, in den sie die ganze Sippe gesteckt hatte, war ihr zu klein geworden. Das wahre Leben lockte außerhalb der heimischen vier Wände. Alles, was sie in den letzten fünf Jahren mit Demis erlebt hatte, wirkte im Nachhinein wie die Attrappe wirklichen Lebens auf sie.

Nein, damit war jetzt Schluss. Nicht einmal die verdammten Bucks konnten sie noch umstimmen. Der Ekel überwog eindeutig. Sie überlegte ernsthaft, ob sie nicht einfach, nur mit dem, was sie am Leib trug, gleich bei Stormy bleiben sollte. Der Junge konnte ihr zwar keinen Reichtum bieten, aber irgendwie hatte er den Bogen raus, wie man sich, ohne sich mit Arbeit zu ermüden, immer wieder durchmogelte. Verdammt, in diesem Punkt war sie naiv, das wusste sie. Aber auch sie hatte eben ihre Träume, und sie war nahe dran, auf den Wisch vom Standesamt zu pfeifen, von dem Demis das Recht ableitete, sie wie seinen Besitz zu behandeln.

Der Regen hatte ausgesetzt. Dennoch waren Bürgersteig und Straße mit einer glänzenden Schicht überzogen, in der sich die verstreuten Bogenlampen spiegelten.

Meg balancierte so schnell sie konnte auf ihren Stöckelschuhen voran. Dass Stormy nicht in der besten Gegend wohnte, war bei Tag ein Umstand, über den man lässig hinwegsehen konnte.

Nachts sah das Ganze schon etwas anders aus. Die Geräusche und Stimmen, die aus den umliegenden abrissreifen Bauten zu ihr drangen, konnten schon die eine oder andere Gänsehaut auslösen. Dazu kam der Gestank, der bei dieser Wetterlage wie feinster schottischer Nebel durch die Häuserschluchten trieb.

Megs Parfüm hatte alle Hände voll zu tun, sich dagegen durchzusetzen. Die Gefahr, dass Stormy eine ganz neue Kreation beschnuppern durfte, war dennoch nicht auszuschließen.

Kloake No. 5 oder so ähnlich.

Meg hielt kurz inne, ehe sie die schmale Steintreppe nach oben steuerte, die in das verwahrloste Gebäude mündete. Oben brannte Licht.

Seit ihrem letzten Besuch waren drei Tage verstrichen. Drei endlose Tage, in denen sie zu Hause vollgequatscht worden war und ihr fast die Decke auf den Kopf gefallen war.

Sie öffnete die Tür, die auch mal wieder ein Tröpfchen Öl vertragen hätte. Das Knarren brach sich hohl und geisterhaft im Treppenhaus.

Meg tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn, und brachte eine 25-Watt-Funzel zum Glimmen, die so mit Fliegenschiss verklebt war, dass man kaum die Hand vor Augen erkennen konnte.

Meg wandte sich erst gar nicht dem Aufzug zu, an dem das Schild ›AUSSER BETRIEB‹ bereits verwitterte, so lange hing es schon an der Gittertür. Die drei Stockwerke schaffte sie gerade noch zu Fuß. Obwohl die abgetretene Treppe ein paar tückische Stellen für Modefreaks wie sie parat hielt. Ihre Absätze konnte sie vergessen.

Ein paarmal ging das Licht auf der kurzen Strecke aus, und es war jedes Mal ein Glücksspiel, den nächsten Schalter zu finden. Aber endlich stand sie vor der mit dümmlichen Graffitis bekritzelten Tür, an deren Seite Stormy statt seines Namens das Bild eines heranziehenden Sturmes geheftet hatte.

Keine Übertreibung, dachte Meg warm. Was der Junge im Bett oder auf dem Küchentisch entfesselt, ist fast noch mehr als ein Hurrikan.

Sie wurde schon bei dem bloßen Gedanken nass.

Spontan raffte sie das rote Stretchkleid hoch und riss sich den ohnehin eher vernachlässigbaren String-Tanga herunter, ließ ihn in der Handtasche verschwinden.

Bevor sie klopfte, brachte sie ihr Kleid wieder leidlich in Ordnung. Nur das Haar wuselte sie mit gespreizten Fingern durch, bis sie selbst wie ein Unwetter aussah.

Darauf stand Stormy.

Er hatte einen geradezu erlesen primitiven Geschmack.

Nur mit den Ohren schien er es nicht so zu haben. Meg klopfte noch einmal.

Keine Reaktion.

Großer Himmel, dachte sie. Lass mich nicht umsonst hierher gestiefelt sein.

Sie hatte keinen Schlüssel.

Noch nicht.

Also klopfte sie sich noch einmal die Knöchel wund.

Sie hatte Licht gesehen. Wahrscheinlich lag er wieder total bekifft im Schlafzimmer und hielt das Klopfen für einen Bestandteil seines Trips.

Verdammt!

Meg trat wütend gegen die Tür.

Sie sprang auf.

Meg stand sekundenlang da wie Little Ali Baba, der gerade den Sesam-öffne-dich-Code für die Schatzkammer entdeckt hatte.

Dann hatte sie die Verblüffung darüber, dass die Wohnungstür nicht verschlossen war, überwunden.

Sie stöckelte hinein, bereit, sofort zum Nahkampf überzugehen.

Ihre Handtasche flog in die nächstbeste Ecke der Diele.

Süßlicher Geruch wehte ihr entgegen. Vielleicht hatte Stormy ein paar Räucherstäbchen angezündet. Vielleicht machte er es ihr heute auf orientalisch.

Der Lichtschein aus dem Schlafzimmer zog sie magisch an. »Hi! Damit hast du wohl nicht gerech ...«

Der Rest des Satzes blieb ihr im Halse stecken.

Stormy lag nicht nur einfach so da auf dem Bett.

Er war regelrecht aufgebahrt.

Die offenen Augen starrten leer zur Decke. Die Hände waren über der Brust gefaltet. Eine verwelkte Blume und etwas anderes, das Meg nicht erkennen konnte, steckten zwischen den steifen Fingern.

Der Leichnam war bereits in Verwesung übergegangen. Daher der süßliche Geruch.

Meg blieb stehen, als wäre sie gegen eine unsichtbare Mauer gerannt. Sie musste sich am Türrahmen festhalten, um nicht umzukippen. Sie presste die Faust gegen den Mund. Ein unartikulierter Schrei entfloh ihren Lippen.

Irgendwo in der Wohnung lachte jemand.

Ihr gefror das Blut in den Adern.

Später wusste sie nicht mehr wie, aber irgendwie gelang es ihr, aus der Wohnung zu gelangen, die Treppe hinunter, aus dem Haus.

Weg.

Nur weit, weit weg!

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Milo fand Jesses Nachricht, verdaute sie erst einmal gemütlich, indem er sie mit ein paar Schluck Bier hinunterspülte – bildlich gesprochen, natürlich – und machte sich dann über die beiden Riesen-Burger her, die er mitgebracht hatte und deren Haltbarkeitszeit unmöglich überschritten werden durfte.

Geradezu liebevoll kümmerte er sich deshalb auch um die ursprünglich für Jesse vorgesehene Portion.

Nein, ein Verschwender war er nicht. Und schon gar kein Hektiker.

Satt und tatendurstig meldete er sich schließlich telefonisch in der Zentrale. Lindas rauchige Altstimme klang überrascht, ihn zu hören.

»Du bist nicht mit Jesse bei diesem Anwalt?«

Milo verneinte und klärte sie in knappen Sätzen darüber auf, dass er einsam und verlassen wie ein Waisenkind im Hotelzimmer vor sich hin darbte.

Ehe er noch weiter ausholen konnte, bremste Linda ihn: »Dem kann abgeholfen werden. Einen Moment ...«

Es klickte in der Leitung, und dann hörte Milo Mr. McKees unverkennbares Organ.

»Gut, dass ich Sie erreiche. Ich hatte eben einen Anruf, der darauf hindeutet, dass ein weiteres Opfer der Polaroid-Killer aufgetaucht ist.«

»Nummer zwei«, folgerte Milo. »Nummer drei«, korrigierte Mr. McKee. »Auch bei Luxor wurde inzwischen eine Polaroidaufnahme sichergestellt.«

Milo vergaß seine gute Laune. »Wie komme ich zu meiner Leiche?«

»Nehmen Sie ein Taxi.«

Milo bedankte sich artig für den heißen Tipp und legte auf. Er überprüfte seinen .357er, schob ihn in das Schulterhalfter zurück und zog dann die Jacke darüber.

Zwei Minuten später stand er an der Straße und stoppte eines der schmutzig gelben Cabbys.

Der nervende Fahrer, ein redseliger Amerikaner russischer Abstammung, der ständig die Vokabeln verwechselte, chauffierte ihn zur Adresse eines gewissen Stormy Weather.

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»Hatten wir das nicht schon einmal – erst kürzlich?«, brachte mich Clearys Stimme in die Realität zurück.

Ein paar Sekunden hatte ich Urlaub von dieser Welt genommen gehabt.

Die verrücktesten Gedanken waren durch mein Hirn gespukt.

Völlig wirres Zeug.

Aber begreiflich, wenn man berücksichtigte, was das Polaroid-Foto zeigte!

»Wie seid ihr auf ihn aufmerksam geworden?«

Ich nickte in Richtung des Toten, der gerade in einen Zinksarg verfrachtet wurde.

Sofort bepuderten die Jungs von der Spurensicherung den stillgelegten Torso des Robots, der, Clearys Bericht zufolge, beim Eintreffen der Streife seine makabre Last völlig planlos durch die Räume der Wohnung chauffiert hatte.

»Das Ding war schwer beschädigt«, berichtete Easton. »Slim von der Spurensicherung, der was von Computern versteht, meinte, ein Teil des elektronischen Innenlebens sei verschwunden. Module, Datenspeicher – was auch immer ...«

»Wer hat euch den Tipp gegeben, herzukommen?«, wiederholte ich meine Frage.

»Er selbst hat uns angerufen. Fühlte sich bedroht. Faselte konfuses Zeug, mit dem niemand so recht etwas anfangen konnte. Trotzdem schickten wir einen Streifenwagen vorbei. Als die Cops ihn fanden, war ihm schon nicht mehr zu helfen. Gebrochenes Genick. Keine Chance. Das Polaroid fanden wir im Briefkasten.«

Ich hob das Bild erneut ins Licht.

Mein Verstand arbeitete mit Volldampf. Mir platzte fast der Schädel, weil ich das Rätsel, das sich vor mir auftat, nicht lösen konnte.

Zwei Morde, die ganz offensichtlich in direktem Zusammenhang zueinander standen.

Zwei Täter – denn der eine war tot!

Aber ein Stil!

Ich steckte das Bild weg und nickte den Jungs von der Mordkommission zu.

Mein erster Weg führte zum Hotel, um Milo aufzugabeln. Aber über Funk erfuhr ich, dass er inzwischen anderenorts eingesetzt war. Mr. McKee bat mich, sofort mit dem Polaroidfoto im Büro an der Federal Plaza anzutanzen.

Natürlich sagte ich zu.

Ich wollte die Nuss knacken.

Rasch. Und mit allen Mitteln.

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Demis war nicht da, als sie nach Hause kam.

Das vereinfachte es für Meg, die Fassung zurückzugewinnen. Wie blind war sie durch die Straßen gelaufen, und es war ihr nicht leichtgefallen, den Weg nach Italian Harlem zurückzufinden. Unterwegs hatte sie von einer Telefonzelle aus die Polizei von ihrem Fund unterrichtet. Anonym natürlich.

Innerlich war sie wie taub. Kein Schmerz. Keine Leere.

Sie lief ins Bad, riss sich das Kleid vom Leib, in dem immer noch der süße Verwesungsgeruch zu nisten schien, und stopfte es in den Schacht des Abfallkonverters. Dann stellte sie sich minutenlang unter die heiße Dusche und versuchte, sich nicht nur den schrecklichen Geruch, sondern auch gleich die Erinnerung abzuschrubben.

Mit dem Wasser mischten sich Tränen. Sie heulte wie ein Schlosshund. Ganz langsam kehrte der Schmerz zurück.

Und noch langsamer, fast zögernd, der Hass.

Als sie endlich wieder klar denken konnte, kam sie zu der Überzeugung, dass Demis allein sich niemals eine solche Teufelei hätte ausdenken können.

Dahinter musste der Alte stecken.

Big Daddy.

Ohne jeden Zweifel.

Und Meg schwor sich, ihn dafür bezahlen zu lassen.

Teuer bezahlen!

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Ich schlief nicht gut in dieser Nacht. Gedanken, die mir den kalten Schweiß aus den Poren trieben, kreisten durch meinen Kopf.

Draußen peitschte der Wind schwere Regentropfen gegen die Scheiben des Hotelzimmers. Die Lampe auf der gegenüberliegenden Straßenseite streute matte Reflexe ins Zimmer.

Ich dachte an viele Dinge, die ich nicht auf die Reihe brachte.

Dick Donnegan zum Beispiel.

Mr. McKee hatte uns angerufen und seine Bedenken zum Ausdruck gebracht, was die Integrität unseres toten Kollegen anging. Jay Kronburg hatte den wenig beneidenswerten Job übernommen, im Privatleben und der Vergangenheit Donnegans herumzustochern. Die Dinge, die dabei zutage gekommen waren, warfen kein gutes Licht auf ihn. Obwohl Mr. McKee es nicht aussprach, deuteten die Indizien darauf hin, dass er auf der Lohnliste desjenigen gestanden hatte, der hinter dem Anschlag auf Alex Torrens steckte.

Effinger?

Wenn ich meinen Gefühlen noch trauen durfte, ja!

Noch fehlten uns die Beweise. Noch fehlte jenes mysteriöse Vermächtnis aus Torrens’ Besitz, das vielleicht alles aufgeklärt und den Paten für den Rest seines Lebens hinter Gitter geschickt hätte.

Noch.

Verdammt, wir arbeiteten daran, Effinger endlich an den dreckigen Karren fahren zu können. Aber er war leider Gottes nicht dumm. Er schien immer einen Schritt vorauszudenken. Die jüngsten Morde an Luxor und möglicherweise auch an dem unbeschriebenen Blatt, um das sich Milo gekümmert hatte, bestätigten das.

Hatte der Anwalt doch etwas besessen, mit dem wir Effinger zur Strecke hätten bringen können?

Ich versuchte, mir die Begegnung mit dem Zwerg möglichst detailgetreu ins Gedächtnis zurückzurufen.

Nein, entschied ich dann. Luxors schauspielerische Möglichkeiten schienen mir doch eher begrenzt. Ich glaubte nicht, dass er uns die Unwahrheit gesagt hatte. Jedenfalls nicht bewusst.

Der geknackte Roboter gab mir zu denken.

Wie hatten sich die Jungs von der Spurensicherung doch gleich ausgedrückt? Irgendein Herzstück des elektronischen Wunderwerks – ein Datenspeicher – sei entwendet worden?

Hatte das etwas zu bedeuten? Mein Instinkt sagte, ja. Aber was?

Luxors eigenen Worten zufolge, hatte er den Roboter von Torrens geschenkt bekommen.

War das der Punkt?

Datenspeicher! Torrens!

Ich jagte im Bett hoch.

Mein Schrei weckte Milo im Nebenzimmer.

»Aufstehen!«, rief ich. »Tote brauchen nicht soviel Schlaf!«

Die Antwort meines Freundes war nicht druckreif.

Er beruhigte sich jedoch schnell, als ich ihm meinen Verdacht verklickerte.

»Könnte hinhauen«, meinte er schläfrig. »Und was nun?«

Ich zuckte die Achseln. »Jetzt sieht es so aus, als hätte Effinger mal wieder erfolgreich seinen Hals aus der Schlinge gezogen. Das Belastungsmaterial, auf das wir unsere ganze Hoffnung gesetzt haben, dürfte sich nämlich inzwischen in seiner Hand befinden.«

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Es war nach Mitternacht, als ich zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden die Zentrale aufsuchte. Diesmal in Milos Begleitung. Am späten Nachmittag hatte ich nur das Polaroid von Luxors Mörder beim Erkennungsdienst abgeben können und mich auf einen späteren Zeitpunkt vertrösten lassen.

Mr. McKee empfing uns so aufgedreht, dass ich mich ernsthaft fragte, ob er überhaupt jemals die Nacht zu Hause verbrachte und Schlaf brauchte wie jeder normale Mensch.

Er führte uns in einen der Besprechungsräume, wo bereits Kollege Clive Caravaggio und Sam Folder vom Erkennungsdienst auf uns warteten. Sie waren, wie alle engen Mitarbeiter des Stabes, über die Hintergründe unseres »Ablebens« eingeweiht und hatten die letzten Stunden genutzt, um die neuesten Polaroidfotos, die ich aus Luxors Wohnung und Milo aus dem Apartment eines kleinen Gauners mitgebracht hatten, ebenso auszuwerten und aufzumotzen wie jenes, das uns Torrens’ Killer gezeigt hatte.

»Drei Morde, ein Strickmuster«, sagte Mr. McKee und zeigte auf die drei Großaufnahmen, die nebeneinander an der Pinnwand hingen.

Den Guter-Onkel-Typ kannten wir bereits. Die neuesten Konterfeis zeigten einen Knaben, der Mitte Vierzig sein mochte, einen Armee-Haarschnitt und irgendwie weibische Gesichtszüge besaß.

Aktenkundig war er leider nicht.

Er schien uns arrogant anzugrinsen – auszulachen -, während im Hintergrund Luxors Leichnam in den Armen des Robots zu erkennen war.

»Keinerlei Ähnlichkeit«, dozierte Folder, und er meinte die beiden Killer, die dieselbe Visitenkarte am Ort ihres Wirkens hinterlassen hatten und in irgendeinem Zusammenhang stehen mussten.

Aber der eine war tot.

Und der andere hatte gleich zwei Menschen umgebracht, die momentan in noch keinen Zusammenhang zu bringen waren. »Stormy Weather« hieß der kleine Taschenspieler, den Milo mit Nelken in der Hand in seiner Wohnung gefunden hatte, während ich mich bei Luxor umgesehen hatte. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren. Bislang lagen aber noch keine Ergebnisse vor, die uns wirklich Interessantes über Weather und seine Geschäfte verraten hätten.

»Wir haben sogar schon die Schwarze Lola um Rat gefragt und die Archive umgegraben«, sagte Mr. McKee. »Aber nicht mal der alte Neville kann sich an einen auch nur ähnlich gelagerten Fall erinnern. Zwei Killer, ein Stil! Und das, obwohl bei Torrens Tod nichts an die Presse ging, was mit dem Polaroid zu tun hatte! Nachahmungstäter scheiden also aus.«

»Verrückt«, meldete sich Milo zu Wort. »Vielleicht waren es Partner. Ein Killer-Duo. Vielleicht gibt es einen ganzen Klub von Leuten, die erst im Auftrag killen und sich anschließend selbst umbringen lassen.«

»Eine Organisation? Es gibt viele Möglichkeiten«, nickte Mr. McKee. »Was meinen Sie, Jesse?«

Ich wollte mich nicht an solchen Spekulationen beteiligen. Etwas spukte mir seit geraumer Zeit im Kopf herum, ohne sich bislang verständlich gemacht zu haben.

»Wir müssen abwarten.«

»Warten? Worauf?«, fragte unser Chef verblüfft.

»Ob auch dieser Killer wieder auf die gleiche Weise auftaucht wie sein Kumpel.«

»Sie meinen – tot?«

Ich nickte.

»Tot! Und klitschnass!«

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Das Päckchen sah niedlich aus. Blaues Wachstuch. Blaue Schleifchen.

Da hatte sich jemand Mühe gegeben.

»Von meiner Frau«, sagte Demis und stellte es vor Effinger auf den Tisch.

Der Pate lächelte rätselhaft.

»Eine kleine Bombe?«, erkundigte er sich scherzhaft.

Aber Demis zweifelte, dass es wirklich scherzhaft gemeint war. Ihn fröstelte.

»Sie benimmt sich so seltsam«, sagte er rau. »Richtig liebenswürdig und zuvorkommend. Kein Wort über ihren Liebhaber ...«

Effinger unterbrach seinen Neffen mit einer knappen Handbewegung.

»Sie ist eine Schlange«, erklärte er mit einer Stimme, die wie aus einem alten Radio klang.

Er machte sich an der Verpackung zu schaffen und löste vorsichtig eine Schicht nach der anderen, bis ein appetitlich dekoriertes Glaskästchen zum Vorschein kam.

»Pralinés«, röchelte Effinger. »Sogar meine Lieblingssorte. Wie aufmerksam.«

Er öffnete den Deckel und nahm eine der bläulichen Kugeln zwischen Daumen und Zeigefinger, so als wollte er sie wiegen.

Demis beobachtete ihn mit gemischten Gefühlen.

»Bring sie doch bitte heute Mittag mit«, meinte der Pate dann zu seiner völligen Verblüffung. »Ich würde sie gerne mal wieder sehen. Ich werde sofort merken, ob sie sich endlich ihrer Pflichten besonnen hat, oder ob wir sie an die Fische im Hudson verfüttern müssen. Scheidung auf griechisch nennt man das, glaube ich.«

Er lachte, bis er sich an seinem eigenen Speichel verschluckte und ihn ein Hustenanfall stoppte.

Die Praline fiel ihm aus der Hand und rollte über den Boden.

Arme Meg, dachte Demis. Er verfolgte die blaue Kugel, bis sie unter einer Kommode verschwand.

Arme Fische.

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Das Telefon schrillte.

Milo hob ab.

»Für dich«, sagte er, nachdem er angestrengt gelauscht hatte.

Ich nahm den Hörer entgegen.

Es war Mr. McKee.

»Allmählich werden Sie mir unheimlich«, eröffnete er mir und fügte, ehe ich ihn um nähere Erläuterung bitten konnte, hinzu: »Er ist aufgetaucht.«

»Wer?«, fragte ich, obwohl ich es schon ahnte,.

»Der Killer. Sein Name ist Peacemaker. Ja, wie der gleichnamige Colt. Wir fanden ihn in seiner Wohnung am Strip. Eine Frau, die einmal die Woche bei ihm saubermacht, alarmierte die City Police.«

»Tot«, riet ich.

»Tot!«, bestätigte Mr. McKee. »Tot und – klitschnass! Wie Sie es prophezeiten. Ich sagte doch, dass Sie mir unheimlich werden. Was wissen Sie, Jesse, was ich noch nicht weiß? Sagen Sie es! Ich hasse Alleingänge.«

»Weit gefehlt«, wiegelte ich ab. »Es war nur so eine Ahnung.«

»Eine Ahnung?« Der Chef lachte humorlos. »Erzählen Sie das Ihrer Großmutter!«

»Das wird schwierig, Sir ...«

»Ich weiß, ich weiß.« Mr. McKees Stimme klang leicht resigniert. »Lassen Sie es gut sein. Sie und Milo bleiben weiterhin auf Tauchstation, bis ich mich wieder melde.«

»Und was, wenn die Frage erlaubt ist, soll das bringen? Solange wir Effinger oder den Killer nicht direkt ins Visier nehmen und zum Angriff blasen, haben wir keinerlei Vorteil davon, dass man uns für tot hält.«

»Doch«, widersprach Mr. McKee, ehe er auflegte, »einen: Sie könnten es überleben.«

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Meg schloss kurz die Augen, als sie in den Raum trat. Das ungewöhnliche Licht schmerzte auf ihrer Netzhaut. Doch dann zwang sie sich, die Augen wieder zu öffnen. Sie wollte jedes vermeidbare Zeichen von Schwäche unterdrücken.

Der Alte lauerte wie eine tödliche Spinne hinter seinem Schreibtisch und betrachtete sie selbstgefällig.

Vor ihm stand eine Glasschale mit Pralinen.

Meg ließ sich ihre Verunsicherung nicht anmerken, als sie näher trat.

Demis zog sich auf einen Wink hin wortlos zurück.

Meg war allein mit Stormys Mörder.

Oh, sie wusste sehr genau, dass Effinger sich nicht selbst die Hände an ihrem Liebhaber schmutzig gemacht hatte. Das hatte er nicht nötig. Er besaß Geld und Macht genug. Er brauchte nur einen Anruf zu tätigen, um ein Leben auszuknipsen.

Für Meg hatte er noch nie etwas Menschliches besessen. Seit ihrer ersten Begegnung nicht. Seine Ausstrahlung war die eines Drei-Sterne-Kühlschranks.

Noch genau erinnerte sich Meg an den Tag, als er sie gezwungen hatte, mit ihm ins Bett zu gehen. Das war zwei Tage nach ihrer Heirat mit Demis gewesen.

Wochenlang hatte sie ihren Mann nicht mehr an sich heranlassen können und ihr eigenes Spiegelbild angespuckt.

Effinger hatte sich einen Spaß daraus gemacht, sie zu zerbrechen. Im Bett selbst war so gut wie nichts gelaufen. Aber die Demütigung ...

Auf dem Weg hierher hatte sie versucht, von Demis den Grund zu erfahren, warum Big Daddy sie sehen wollte. Aber von ihm war nichts zu erfahren gewesen. Entweder wusste er selbst nichts, oder er wollte es ihr nicht sagen.

Sie hatte sich beruhigt, indem sie es für eine von Effingers üblichen Launen hielt. Ab und zu hatte er solche Anwandlungen. Dann machte er in Familie.

Diesmal sprach allerdings jede Wahrscheinlichkeit gegen eine solch harmlose Erklärung. Der Mord an Stormy lag so kurz zurück, dass Meg gar nicht umhin konnte, eine Verbindung zu dieser Einladung herzustellen.

Für sie gab es zwei Schuldige an Stormys Tod. Und sie hatte Vorkehrungen getroffen, dass diese beiden ihrer gerechten Strafe nicht entgehen konnten.

Zumindest hatte sie das bis jetzt geglaubt.

Die Pralinen auf dem Tisch ließen die dunkle Ahnung in ihr keimen, dass es ganz so einfach wohl doch nicht war, den Alten hinters Licht zu fuhren.

»Ah, Meg, meine Liebe. Wie schön, dich mal wieder zu sehen. Du siehst wunderschön aus. Wie machst du das nur? Muss wohl die Liebe sein.«

Effingers Kehlkopfmikrofon produzierte die merkwürdigsten Nebeneffekte, so dass Meg nicht einmal sicher war, ob der Alte mit leiser Ironie sprach.

Aber anders war es kaum denkbar.

Effinger war ein Sadist.

Ein richtiges Schwein.

Und sein Alter hatte ihn weder nachgiebiger noch umgänglicher werden lassen.

Meg wusste, dass hinter seinem Rücken seit Jahren die Messer gewetzt wurden. Aber solange es keiner schaffte, diese Karikatur vom Thron zu pusten, war sie gefährlicher als eine Viper.

»Spar dir deine falschen Komplimente!«, zischte sie.

Sie traute ihm nicht einmal so weit, wie sie ihn sah. Es war ihr egal, ob sie ihn mit ihren Worten kränkte. Seit sie Stormy tot in seiner Wohnung gefunden hatte, war auch das Stückchen Angst, das sie stets mit sich herumgetragen hatte, erloschen. Sie hing nicht mehr wirklich am Leben. Nicht, wenn es auf diese Weise erkauft werden musste. Der Mord hatte ein Denkzettel für sie sein sollen, sich ihrer Pflichten als Angehörige des Familienclans zu erinnern. Ein letzter Warnschuss. Daran gab es kaum noch einen Zweifel.

»Aber, aber ...« Effinger deutete auf den Stuhl gegenüber seines Schreibtisches.

Meg rieselte es eiskalt über den Rücken.

»Was macht der Nachwuchs?«

Es war immer die gleiche Frage.

Und sie gab immer die gleiche Antwort.

»Du weißt genau, dass ich unfruchtbar bin.«

Effinger neigte sich leicht nach vorn, stützte sich auf die Ellenbogen.

»Aber meine Liebe. Das ist doch heutzutage kein Problem mehr. Die Ärzte ...«

»Lass die Quacksalber aus dem Spiel!«, fauchte sie ihn an. »Schau ein einziges Mal clean in den Spiegel, dann siehst du, wozu die Ärzte heutzutage wirklich in der Lage sind!«

Ein aufgesetztes Lächeln breitete sich über Effingers maskenhafte Visage. Er zeigte auf die Schale und sagte: »Greif doch zu. Nur keine falsche Scheu. Fühl dich wie zu Hause.«

»Willst du, dass mir schlecht wird?«, fragte Meg. Sie wusste selbst nicht, was in sie gefahren war. Ursprünglich hatte sie sich vorgenommen, die verschüchterte Einsichtige zu mimen. Aber dieses Monster, dessen Blicke ihr aus zwei Yards Entfernung fast das Mark aus dem Rücken zu saugen schienen, brachte ihr mit brutaler Macht zu Bewusstsein, dass es aus dem Teufelskreis, in dem sie gefangen war, ohnehin kein Entkommen mehr gab. Der Alte spielte Katz und Maus mit ihr. Und jetzt bot er ihr auch noch von den Pralinen an, die sie mit voller Hingabe für ihn präpariert hatte. Ein einziger Bissen genügte, um ihn dorthin zu befördern, wo er längst hingehörte: Zur Hölle!

Dass er sie empfangen hatte und hier mit ihr sprach, bewies, dass er noch nichts von dem speziellen Naschwerk gekostet hatte.

Schade.

Dreimal schade!

Hatte er das tödliche Spiel durchschaut? Meg musste zugeben, dass die Idee, ihn auf diese Weise aus dem Weg zu räumen, weder für Originalität noch für besondere Cleverness sprach.

Sie hatte Effinger schon eine Ewigkeit keine Aufmerksamkeit mehr zukommen lassen. Nicht einmal zu seinem Geburtstag, den er zur Verwirrung aller zweimal im Jahr feierte.

Aber das war nun auch schon egal.

Alles war egal.

Alles?

Sie streckte die Hand nach einer der kleinen, blauen, tödlichen Kugeln aus, die Effinger kiloweise in sich hineinzuschaufeln pflegte.

Dicht über der Schale blieben ihre Finger kraftlos hängen.

Effinger bemerkte ihr Zögern.

»Nur zu. Sie sind ganz frisch. Das Päckchen, das du mir zum Geschenk gemacht hast.«

Auf Megs Stirn bildeten sich feine Schweißtröpfchen. Sie schluckte. Ihre Lider zitterten wie Schmetterlingsflügel.

Einen Moment war sie versucht, die Hand zurückzuziehen. Aber sie wusste, dass Effinger das nicht akzeptiert hätte. Er wusste, was er von ihr verlangte.

Seine nächsten Worte, eindeutig in ihrer Zweideutigkeit, schienen dies zu bestätigen.

»Gib dir die Kugel, meine Liebe!«

Meg sah in Effingers leblose Augen, in denen kaum mehr als schwaches Interesse glomm. Er hatte so viele Menschen in den Tod geschickt, dass es wahrscheinlich nicht einmal seinen Puls beschleunigte, dieses Schmierentheater aufzuführen.

»Greif zu!«

Sie zuckte zusammen. Ihr Körper entwickelte ein Eigenleben, das ihn ihr fremd und angsteinflößend werden ließ. Daumen und Zeigefinger schlossen sich wie mechanische Greifwerkzeuge um eine der bläulichen Todbringer und hoben sie aus der Schale.

»Na also.« Effinger nahm sich ebenfalls eine der Kugeln und ließ sie im Mund verschwinden. Er schloss kurz die Augen. Seine Kiefer mahlten zeitlupenhaft.

»Köstlich!«

Meg betrachtete ihn ungläubig. Die Kugel zwischen ihren Fingern begann zu schmelzen.

Sie wartete auf den Ausdruck von Erstaunen, Schmerz und Furcht, der sich gleich in Effingers Mienenspiel stehlen musste.

Aber nichts geschah.

»Was ist los?«, erkundigte er sich amüsiert. »Kein Appetit?« Sein Blick wurde stählern.

Er weiß alles, dachte Meg und klemmte sich die Kugel zwischen die Lippen.

Aber letzte Zweifel blieben.

Dies konnten nicht die Pralinen sein, die sie vergiftet hatte. Er hatte wahllos eine herausgegriffen. Entweder waren alle giftig – oder keine.

Meg ließ die Kugel in den Mund gleiten.

Die Wärme der Mundhöhle ließ die Kugel augenblicklich schmelzen. Ein exotischer Geschmack kitzelte ihren Gaumen. Ihr Herz schlug hart. Sie trug eine weite, züchtige Bluse, und dennoch war sie überzeugt, dass man das zitternde, heftige Pochen sehen musste.

»Ist dir nicht gut?«, erkundigte sich Effinger teilnahmsvoll. »Du bist plötzlich so blass ...«

Dieses Stinktier.

Meg starrte ihn an, ohne ihn wirklich zu sehen. Sie lauschte in sich hinein, wartete voller Entsetzen auf erste Signale ihres Körpers, der mit dem, was sie ihm zugeführt hatte, nicht einverstanden war.

Sie spürte ein feines Rinnsal, das sich zwischen ihren Schulterblättern gebildet hatte und heiß abwärts sickerte. Ihre Kehle war wie ausgetrocknet.

Sie sah, wie Effinger einen Knopf auf seinem Schreibtisch drückte. Augenblicke später trat Demis ein.

»Ich glaube, deine Frau fühlt sich nicht ganz wohl. Es ist besser, du bringst sie nach Hause.«

Meg saß da wie gelähmt. Demis musste ihr beim Aufstehen helfen und sie hinausführen. Ihre Knie waren weich.

Das Gift, dachte sie verständnislos, was war mit dem Gift?

Demis brachte sie zum Auto. Dann wurde er noch einmal zurückgerufen. Erst fünf Minuten später kehrte er zurück, klemmte sich hinter das Steuer des Spiders und fuhr los wie ein Kamikaze.

Meg musterte ihn verstohlen. Irgend etwas an ihm hatte sich verändert.

Den ganzen Weg über hatte sie Angst.

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Als sich Demis mit seiner Frau davongemacht hatte, schlug das Telefon an, von dem Effinger überzeugt war, dass es nicht abgehört werden konnte. Seine Sicherheit ließ er sich jede Summe kosten.

»Ja?«, raunzte er in die Muschel.

Eine Stimme sagte: »Der Auftrag ist erledigt.«

Effinger lächelte dünn. Er hatte sich vor einiger Zeit die Mühe gemacht, herauszufinden, wem er die Bündel gebrauchter, kleiner Scheine an die verrücktesten Plätze hatte überbringen lassen. Sein Respekt vor perfekter Arbeitsmoral überwog auch in diesem Fall nicht sein krankhaftes Misstrauen.

»Haben Sie bekommen, was ich wollte?«

»Natürlich! Aber es war Zufall, dass ich es fand. Ich hatte den Eindruck, dass dieser Anwalt selbst nicht wusste, auf welchem Schatz er saß. Ich hinterlege die Datei am Honorar-Übergabeort.«

Effinger dachte kurz nach. Dann sagte er: »Nein. Vernichten Sie alles Material, das Sie sicherstellen konnten, sofort. Ich will nicht, dass es noch einmal in die falschen Hände gerät!«

»Ihr Vertrauen ehrt mich.«

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Dieses eine Mal waren wir wahrlich nicht einer Meinung mit unserem Chef.

Die Decke fiel uns auf den Kopf!

G-men sind keine Maulwürfe, die sich aus Angst, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte, in irgendeinem Bunker eingraben.

»Worauf warten wir eigentlich?«, stellte Milo zum x-ten Mal die Kardinalfrage.

Und genauso oft hatte ich schon geantwortet: »Das wissen nur die Götter und Mr. McKee.«

»Wenn du mich fragst, ist es absolut sinnlos, dass wir uns hier gegenseitig anöden«, knurrte Milo. »Wir haben weniger denn je gegen Effinger in der Hand. Und diese fotografiersüchtigen Killer laufen durch New York, als gäbe es das FBI überhaupt nicht!«

»Es ist wie verhext«, stimmte ich zu. »Ich würde mich gerne mit Doc Howard noch einmal über die beiden toten Killer unterhalten. Vielleicht ist ihm am Zweiten etwas aufgefallen, das ihm beim ersten entgangen ist.«

»Und was sollte das sein?«, erkundigte sich Milo.

Ich zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Willst du lieber hier versauern?«

»Natürlich nicht. Aber der Zentrale sollten wir wenigstens Bescheid geben, wohin wir fahren.«

»Das können wir auch noch von unterwegs.« Ich zwinkerte ihm zu.

»Okay. Dann los.«

Wir verließen das kleine Hotel im East Village und überquerten die Straße zu unserem abgestellten Wagen.

Als ich die Fahrertür aufsperrte, ließ ich routinemäßig den Blick über die gegenüberliegende Häuserfront schweifen.

Von einem der Flachdächer, die mit zinnenförmigen Umrandungen versehen waren, blitzte mir ein Lichtreflex entgegen.

Ich konnte Milo gerade noch eine Warnung zurufen und mich instinktiv zu Boden werfen. Dann ging es auch schon los.

Das Hämmern einer Mpi ertönte.

Milo robbte auf meine Seite. Über unsere Köpfe ergoss sich ein heißer Regen aus glühendem Blei, Glas- und Asphaltsplittern.

Milo und ich zogen unsere Smith & Wesson fast synchron.

Rings um uns schien ein Krieg ausgebrochen zu sein. Passanten warfen sich kreischend in die nächstbesten Türnischen oder flohen in kleine Läden.

Diese Möglichkeit hatten wir nicht.

Es war klar, was passieren würde, sobald wir auch nur ein Härchen über den Rand der Karosserie heben würden.

Und der schießwütige Bursche schien eine Idee zu haben, wie er uns dazu zwingen wollte.

Garbe um Garbe mähte in das Wagenblech.

Ich hatte keine Ahnung, wie viel Liter Benzin noch im Tank waren. Aber jede Sekunde konnte uns das verdammte Ding endgültig um die Ohren fliegen.

Von fern näherte sich Sirenengeheul.

So lange konnten wir nicht mehr warten.

Milo und ich verständigten uns per Zeichensprache. Ich umfasste den Griff des .357ers so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Den ungefähren Standort des Heckenschützen kannten wir beide.

»Los!«, schrie ich, um die Schüsse zu übertönen.

Milo warf sich nach rechts, ich nach links.

Im Sprung visierte ich die Dachzinnen an. Zwischen Flug und harter Landung lagen nur Sekundenbruchteile, in denen mein Gehirn den exakten Standort des MPi-Schützen ausfindig machte und die entsprechenden Informationen an den Körper weitergab.

Ich hatte den Smith & Wesson im Beidhandanschlag.

Ein einziger Schuss verließ den Lauf, ehe ich auf den Asphalt bretterte und erst einmal genug damit beschäftigt war, meine Knochen zusammenzuhalten.

Aus einiger Entfernung krachte Milos Revolver.

Ich rollte ab und feuerte erneut.

Eine Spur wie Lava zog quer über meine Wange, als eine Kugel brüllend entlang streifte.

Millimeter trennten mich vom Tod.

Dann war plötzlich Stille.

Kein Schuss mehr.

Oben auf dem Dach wankte eine Gestalt. Das schwere Gewehr fiel zuerst. Dann folgte der Unbekannte.

Mit weit ausgebreiteten Armen hob er ab und raste im Sturzflug dem Erdboden entgegen.

Der Rest war Formsache.

»Volltreffer!«, fluchte Milo neben mir. »Verdammt – uns klebt das Pech an den Sohlen!«

Das klang zynisch, aber mir war klar, was er meinte. Tote Vögel sangen nicht mehr.

Als wir bei der Leiche ankamen, trafen auch ein paar übereifrige Cops ein. Wir hatten Mühe, uns auszuweisen, bevor sie uns ihre übliche Prozedur spüren ließen.

Der Tote war Italiener.

Das war auch das einzige, was eine Spur zu Effinger legte.

Nach Papieren zu suchen, war ziemlich aussichtslos.

Ich ging zum Patrol Car und rief die Zentrale.

Clive meldete sich – und er legte los, bevor ich überhaupt eine Chance bekam, Luft zu holen. »Sagt euch der Name Meg Cyrian etwas?«

Ich musste passen.

Auch Milo, der mithörte, zuckte die Achseln.

»Eine vom Effinger-Clan«, löste Clive das Quiz-Rätsel. »Die Frau seines Neffen.«

»Und?«

»Wir haben ihre Handtasche bei Milos Leiche gefunden!«

Milos Leiche  das war dieser Stormy Weather.

»Besser spät als nie«, unkte mein Freund. »Da haben die Kollegen aber gut gepennt! So was übersieht man doch nicht!«

»Nur die Ruhe«, meinte Clive. »Das Ding muss irgendwo hinunter gerutscht sein. Ist ja auch egal. Jedenfalls haben wir es jetzt. Mit Führerschein und allem Pipapo. Den Wagen der Dame fanden wir zwei Blocks weiter. Nur sie selbst konnten wir bislang nicht ausfindig machen.«

»Hast du die Adresse?«, fragte ich.

Clive bejahte.

Demnach lag die Wohnung der Cyrians nicht weit von Effingers Hochburg entfernt.

Ich sah Milo an.

Milo sah mich an.

»Okay«, sagte ich. »Wir kümmern uns um die Angelegenheit. Schick uns bitte einen neuen Wagen vorbei. Der alte ist reif für die Presse!«

»Presse?«, stellte sich Clive dümmer, als er war. »Seit wann legt ihr Wert auf Publicity?«

»Schrottpresse«, präzisierte ich ihm zuliebe.

Schweigen.

»Hm. Aber ihr seid doch tot ...«, setzte Clive erneut an.

»Gewesen, mein Freund, gewesen! Schönen Gruß an Mister McKee: Jemand hat gerade versucht, seine beiden Undercover-Agenten, die nie als solche aktiv werden durften, in ein Sieb größerer Lochweite zu verwandeln. Irgendwie scheint außer uns selbst niemand auf unsere Pseudo-Bestattung hereingefallen zu sein.«

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»Das ist nicht der Weg nach Hause«, sagte Meg tonlos.

Ihr Blick versuchte, den Regen zu durchdringen, der sich im Innern von Demis’ geschlossenem Mercedes Cabriolet wie Hagel anhörte.

Oder wie ein Maschinengewehr.

Nervenaufreibend.

Demis gab keine Antwort. Er drehte nicht einmal den Kopf. Meg musste mit seinem Profil vorliebnehmen. Seine sonst eher wulstigen Lippen waren zwei blutleere, fest aufeinander gepresste Striche. Nur im rechten Augenwinkel zuckte ein Nerv.

Meg registrierte es mit Schadenfreude.

So cool, wie er gerne vorgegaukelt hätte, war ihr Mann nicht.

Nie gewesen.

Aber mit Effinger im Nacken war ihm zuzutrauen, dass er über sein sonstiges Westentaschenformat hinauswuchs.

Trotz der mühsam unterdrückten Nervosität sah er grimmig entschlossen aus.

»Was hast du vor?«, plapperte Meg weiter. »Willst du mich vielleicht umbringen?«

Sie lachte affektiert.

Der exotische Geschmack der blauen Kugel lag ihr immer noch auf der Zunge. Die Süße schien sich in ihren Gaumen brennen zu wollen. Etwas daran erinnerte sie an Stormy.

Der Geruch von Verwesung.

Die Erinnerung daran drehte ihr buchstäblich den Magen um.

Etwas schoss heiß und sauer ihre Kehle hoch.

Sie warf den Kopf zur Seite und erbrach sich in den Schoß ihres Mannes.

Das ließ ihn endlich sein Schweige-Gelübde brechen.

Er quiekte wie ein Eunuch, fuchtelte mit den Händen in der Luft herum und stieß sie weg von sich. Plötzlich hatte er einen Revolver in der Hand und hielt ihr den Lauf vor die Nase. Sein Gesicht war wutverzerrt; ein Speichelfaden rann über sein eckiges Kinn.

»Du ... du ...«, setzte er an.

Meg erfuhr nie, was er ihr mitteilen wollte.

Von vorn rasten Lichter auf sie zu.

Eine hässliche Hupe fraß sich kaum hörbar durch das Prasseln des Regens.

Dann gab es einen lauten explosionsartigen Lärm, und eine unsichtbare Kraft hob Meg und Demis aus den Sitzen.

Meg konnte gerade noch schutzsuchend die Arme hochreißen. Dann kam der Aufprall.

Glas splitterte. Blech zerriss mit einem Gekreische, das die Zähne aus den Fassungen zu lupfen drohte. Der Wagen kippte, überschlug sich, landete auf dem durch einen Überrollbügel geschützten Verdeck und schlitterte funkensprühend über den Asphalt, bis er endlich zum Stillstand kam.

Meg verlor die Besinnung.

Als sie wieder zu sich kam, waren zuckende Lichter und ein Tohuwabohu an Stimmen um sie herum.

Die Tür wurde aufgerissen und Meg ohne Rücksicht herausgezerrt.

Jemand brüllte: »Vorsicht! Das Benzin!«

Dann wurde das Autowrack zu einer aufblendenden Sonne. Hitze, Donner und die Druckwelle einer Explosion schickten Meg neuerlich ins Reich der Träume.

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Das Wrack gloste nur noch wie ein ausgebombter Panzer, als wir ankamen.

Per Funk waren wir umdirigiert worden.

Wir zeigten den Cops unsere Dienstmarken und wurden anstandslos bis zu dem ausgeglühten, mit Löschschaum glasierten Metallgerippe vorgelassen.

Ein paar Jungs von der Medizinischen Fakultät packten gerade kopfschüttelnd ihre Bestecke zusammen. Abseits parkte ein Ambulanzwagen, in dessen offenem Laderaum der Schatten eines Sarges zu erkennen war.

»Meg Cyrian?«, fragte ich den mir unbekannten Einsatzleiter, einen muskulösen, hochgewachsenen Farbigen, in dessen Augen es vielsagend glitzerte. Offenbar gehörte er zu jener Sorte, die sich nie an den Tod gewöhnte.

Sympathisch.

Er schüttelte den Kopf, denn er hatte meinen Blick zum Sarg richtig gedeutet.

»Sie lebt. Der Verbrannte ist ihr Mann. Jedenfalls behauptet sie das.« Er nickte in Richtung einer kleinen Gruppe. »Darüber hinaus schwört sie Stein und Bein, dass ihr Göttergatte sie killen wollte. Wir haben auch eine verkohlte Waffe gefunden. Trotzdem scheint mir die Kleine nicht sehr vertrauenswürdig. Sie gehört euch, wenn die Sache in die FBI-Zuständigkeit fällt.«

»Wie nobel«, sagte Milo.

Der Sergeant zeigte makellose Zähne.

»Man tut sein Bestes.«

Wir ließen ihn stehen und gingen zu der Gruppe neben dem Ambulanzwagen.

»Donnerwetter!«, hörte ich Milo anerkennend flüstern.

Ich lächelte.

»Mrs. Cyrian?«, fragte ich der Form halber und hielt ihr die Marke vors Gesicht.

Einen Moment glaubte ich, sie würde mich gar nicht wahrnehmen. Sie kauerte auf einem Klappstuhl, den einer der Sanitäter angeschleppt hatte, und ließ es sich gefallen, dass man ihr eine Spritze verpasste, von der ich nur vermuten konnte, dass sie zu ihrer Beruhigung beisteuern sollte.

Sie stand unter Schock. Ihre Gesichtsfarbe tendierte ins Grünliche. Aber ansonsten bot sie einen Anblick, der Männerherzen aus dem Gleichtakt bringen konnte.

So sahen normalerweise nur Filmstars aus – oder Mafiosi-Bräute!

Demis Cyrian musste ein Glückspilz gewesen sein.

Möglicherweise aber auch nicht.

Man sollte sich nichts vormachen: Die Erfahrung hat gelehrt, dass die schönsten Frauen nicht unbedingt die begehrenswertesten sind. Und dass nicht eitel Wonne der vorherrschende Zustand dieser Ehe gewesen war, ließ sich schon allein aus der Behauptung entnehmen, ihr Mann habe versucht, sie umzubringen.

Nun denn.

»Wer sind Sie? Auch ein Bulle wie die anderen?« Meg Cyrian sprach mit abfälliger Stimme. Sie zeigte auf die Cops, die durch die Gegend flitzten und alle Hände voll zu tun hatten, die notorischen Voyeure im Zaum zu halten.

Ich schüttelte den Kopf.

»FBI«, sagte ich ruhig.

»FBI?« Die Augen der jungen Frau wurden nachdenklich. »Und was wollen Sie? Interessiert es Sie vielleicht, dass dieser Bastard mich umbringen wollte?«

»Uns interessiert vielleicht, warum er das wollte«, erklärte ich sanft. »Im Übrigen sind wir an allem interessiert, was sich in Nikos Effingers Dunstkreis abspielt.«

Irrte ich mich, oder löste der Name eine neue Veränderung in ihren Augen aus?

Ich sah, dass ihre Lippen zu zittern begannen.

»Sie wollen Effinger?«, erkundigte sie sich rau. Sie wartete eine Antwort gar nicht erst ab. »Wenn Sie das wollen, können Sie ihn kriegen.«

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Effinger legte den Hörer auf die Gabel zurück. Sein Gesicht war ausdruckslos. Bläuliche Blässe ließ es wie eine Porzellanbüste erscheinen.

Starr und kalt saß er da.

Die Kälte, die er auf diese oder jene Weise seit langem in seinen Knochen spürte, schien noch um ein paar Grade zuzunehmen.

»Demis ist tot!«

Die Worte hallten ihm im Bewusstsein nach.

Er kniff die Augen zusammen und massierte sich die Nasenwurzel, um wieder ein Gefühl für sich zu bekommen, die Taubheit zu vertreiben, die ihn durchströmte, seit er die Nachricht erhalten hatte.

Minutenlang rang er um seine Fassung.

Nicht, weil er um seinen Neffen wirklich trauerte. Sondern weil er jetzt ganz allein war.

Niemand mehr, dem er restlos trauen konnte.

Ein Unfall auf regennasser Fahrbahn, hatte der Informant ihn wissen lassen.

Effinger wusste, dass dies nur die halbe Wahrheit sein konnte.

Meg, dachte er mit Frost in der Seele. Clevere, kleine Meg!

So wie es aussah, hatte sie den Crash überlebt.

Es war ein Fehler gewesen, diesem Tölpel von Demis die Verantwortung über sie zu übertragen.

Spätestens jetzt war Meg tatsächlich zu einer Gefahr geworden, darin machte sich Effinger nichts vor.

Das FBI schlief nicht. Jedes Mittel war ihm recht, den »Paten« endlich aus dem Verkehr zu ziehen.

Effinger lachte bitter.

Er lachte über die Sinnlosigkeit des Ganzen.

Was würde nach ihm sein?

Die Antwort darauf war leicht: Ein anderer würde sich zum Gipfel der Macht hinaufschwingen und mehr Blut vergießen, als er selbst es je getan hätte.

So wollte es die Natur. Profilierungssucht würde neue Bandenkriege provozieren.

Nein, Effinger sah sich nicht als Wurzel des Übels. Eher als Regelmechanismus, um das Töten nicht ausufern zu lassen. Seine Politik war die der kleinen, chirurgischen Eingriffe. So wie bei Torrens. Oder anderen, die seinen Geschäften und Zielen im Weg standen.

Noch gab er sich nicht geschlagen.

Warum auch? Die Lösung war einfach: Meg musste sterben.

Und es gab nur einen, dem er diesen Job zutraute. Einen, der ihn bislang noch nie enttäuscht hatte und der gerade dabei war, ein anderes Eisen für ihn aus dem Feuer zu holen.

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Jimmy Summerville war ein astreiner Yuppie – und ein raffiniertes Bürschchen obendrein. Er konnte aus Dreck Gold machen. Was immer er anfasste, wurde zum lukrativen Geschäft. Schon im zarten Alter von zehn hatte er seinen eigenen Tauschhandel an der Junior Highschool profimäßig aufgezogen. Mit fünfzehn hatte er dann alle wichtigen Lehrkörper über Schuldscheine im Sack gehabt, so dass sein Zeugnis nur so vor Bestnoten strotzte, obwohl er fast jeden zweiten Tag – wegen dringender Geschäfte, versteht sich – dem Unterricht fernblieb.

Jetzt ging Jimmy scharf auf die Dreißig zu, und ganz allmählich wurde sein Alter ein echtes Problem für ihn. Das lag an den Kreisen, in denen er verkehrte. Denn dort war der alte Spruch »Trau keinem über Dreißig« heute aktueller denn je.

Mit dreißig würde es nicht mehr so leicht sein, an die jungen Dinger heranzukommen, auf die er so stand, ohne gleich plump mit den großen Scheinen wedeln zu müssen.

Ja, Jimmy hatte ernsthafte Sorgen, die sich bereits in ersten Furchen auf der Denkerstirn niederschlugen.

Sicherlich hätte es ihn an diesem Abend auch nicht sehr erleichtert, hätte er geahnt, dass er die Schwelle, die ihm solches Kopfzerbrechen bereitete, nie überschreiten würde.

Dreißig sollte er nie werden.

Einer, mit dem er es sich fast unwissentlich verdorben hatte, hatte etwas dagegen. Und zu Jimmys Jammer saß dieser andere am weitaus längeren Hebel.

Jimmys Glückssträhne ging zu Ende, als er die Schreibtischlampe ausknipste und sich mit einem Seufzer der Erleichterung aus dem bequemen Sessel schraubte.

Auch der bequemste Sitz konnte zum Folterinstrument werden, wenn man sich stundenlang darauf herumdrückte, während die Finger Zahlen in die Tastatur des Rechners hämmerten.

Pete, sein Partner, hatte sich schon vor zwei Stunden unter etwas fadenscheinigen Gründen verdrückt.

Jimmy nahm’s ihm nicht übel.

Mit Pete hatte er die Zuckerraffinerie aufgebaut. Sie kannten sich seit ihrer Schulzeit. Und auch wenn sie manche Dinge konträr beurteilten, so hatten sie sich doch immer wieder zusammengerauft.

Sie waren ein Team.

Gewesen.

Leider ahnte Jimmy nicht, dass Pete bereits vor geraumer Zeit die Seiten gewechselt hatte. An dem Tag nämlich, als zwei fiese Typen in Trenchcoats ins Büro gesegelt kamen und den beiden Inhabern der Sugar-Sugar-Company das unverblümte Angebot unterbreiteten, den modernen Maschinenpark an den Wochenenden mit einem Stoff auszulasten, der die gleiche Farbe wie Zucker besaß – nur dass man ihn vorzugsweise über die Nase konsumierte.

Jimmy hatte, als er spontan und nicht ganz freundlich ablehnte, die Winzigkeit übersehen, dass es bei diesem Deal gar keine Verweigerungsklausel gab.

Pete hatte sich da schon etwas weitsichtiger gezeigt. Ihm war auch nahegelegt worden, heute nicht zu lange in der Firma auszuharren.

Aber davon wusste Jimmy, wie gesagt, nichts, als er das Büro sorgfältig abschloss und in die regnerische Nacht hinaustrat.

Er lief über den aufgeräumten Werkshof zu seinem schnittigen Wagen und wollte gerade einsteigen, als er hinter der Hallenverglasung Licht schimmern sah.

Jimmys Pech, dass er ein äußerst kostenbewusster Mensch war, wenn es um seine Geschäfte ging.

Das Wissen, dass eine Lampe sinnlos die Nacht hindurch brannte, hätte ihm den Schlaf geraubt.

Das grenzte zwar an Geiz, aber nur so, da war Jimmy sicher, hatte er es in vergleichsweise zartem Alter überhaupt so weit bringen können.

Er rannte zur Halle, wollte das Tor aufsperren, merkte, dass das nicht mehr nötig war, weil es bereits auf gebrochen war – und merkte dann gar nichts mehr, weil alles so verdammt schnell ging, dass er völlig überrumpelt wurde.

Sein kurzer Schrei verhallte ungehört.

Wenig später liefen in der Raffinerie die Maschinen an.

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Unsere Köpfe sandten schon Rauchsignale zur Decke. Seit zwei Stunden war Brainstorming in Mr. McKees Büro angesagt. Meg Cyrian befand sich noch in ärztlicher Obhut. Mandy spendierte eine Runde Kaffee nach der anderen. Dennoch war der letzte Funke guter Laune gerade durch den Schornstein gegangen. Die Stimmung hatte den absoluten Tiefpunkt erreicht.

Unter anderem erwog man den Vorschlag, den ich gerade gemacht hatte, obwohl ich momentan nicht die besten Karten bei unserem Chef zu haben schien. Offenbar glaubte er immer noch, dass ich Wissen vor ihm verheimlichte, um die Richtigkeit meiner Theorie im Alleingang abzuklopfen.

So etwas war in der Vergangenheit schon mal vorgekommen. Momentan hätte ich selbst viel darum gegeben, endlich eine heiße Spur zu finden.

Mr. McKee wollte gerade Stellung zu meinem Vorschlag nehmen, als unser Kollege Jay Kronburg hereinschneite und mit etwas in der Luft wedelte.

»Nummer vier«, verkündete er.

Nicht nur in der Antike waren Überbringer übler Botschaften geköpft worden. Jay wäre besser etwas vorsichtiger gewesen!

Wir sahen uns bezeichnend an. Die Killer legten eine geradezu erschreckende Arbeitsmoral und ein atemberaubendes Tempo an den Tag.

Und immer das gleiche Strickmuster.

»Name?«, fragte Mr. McKee.

»Jimmy Summerville.« Jay legte das Bild vor uns auf den Tisch. Ich war schneller als die anderen und schnappte es mir. »Jungunternehmer.«

»Wo lag die Leiche?«

Ich räusperte mich.

»Äh ... Sir ...«

Der Anblick des Fotos verursachte mir eine Gänsehaut.

»Jesse?«

»Ich glaube nicht, Sir, dass es eine Leiche gibt ...«

Ich überreichte ihm das Foto.

Mr. McKees Gesicht wurde zur Maske. Sekundenlang betrachtete er das Foto ohne erkennbare Gemütsregung. Schließlich gab er es an Milo weiter.

»Scheußlich!«, presste er hervor und wischte sich mit einem Taschentuch über die Lippen.

Als das Polaroid einmal rundgegangen war, wusste auch der letzte Bescheid über Jimmy Summervilles Schicksal. Das erstaunlich scharfe Bild zeigte die Schlüsselszene seines jungen Lebens: wie er gerade im Metallschlund eines Shredders verschwand.

Der blasse Typ im Vordergrund starrte unbeeindruckt ins Auge der Kamera.

Ein Kerl Mitte Dreißig, mit dünnem Oberlippenbärtchen und völlig unmodernen Koteletten. Kalt wie eine Hundeschnauze.

»Fahndung läuft?«, fragte Mr. McKee.

Jay Kronburg schüttelte den Kopf. »Unnötig«, erklärte er lapidar, bequemte sich aber dann, hinzuzufügen: »Wir haben ihn schon!«

»Lebend?«, fragte ich gespannt.

Jay schüttelte bedauernd den Kopf. »Tot. Er hockte hinter Summervilles Schreibtisch. Der Telefonhörer lag neben ihm. Wahrscheinlich hat er uns selbst benachrichtigt, ehe er starb.«

»Todesursache?« Mr. McKee stellte die Frage.

»Zyankali-Tablette. Alles deutet auf Selbstmord hin.«

»Ein neuer Mann im Klub«, kommentierte Milo.

Mr. McKee hob die rechte Augenbraue.

»Na, stimmt doch, oder nicht?«, brummte Milo. »Man könnte meinen, wir hätten es mit einem regelrechten Klub zu tun, dessen Mitglieder alle die gleiche Visitenkarte hinterlassen und wenig später tot aufgefunden werden.«

»Der Klub der toten Killer«, nahm Mr. McKee das Stichwort auf. Er sprach so langsam, als lausche er seinen eigenen Worten hinterher. »Ist so etwas denkbar?«

»Nur mit Kamikaze-Mentalität«, behauptete ich. »Was mich interessieren würde: War an dem Killer etwas Besonderes? War er beispielsweise ... nass?«

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»Sag wenigstens mir, welcher Verdacht in deinem Hirn rumspukt!«, verlangte Milo, als wir eine Stunde später den Gang der Pathologie entlanggingen.

»Geduld«, forderte ich ihn auf. »Sobald die Sache spruchreif ist, erfährst du’s als erster!«

»Versprochen?«

Statt einer Antwort grinste ich Milo nur an.

Wir störten Doc Howard mitten in der Arbeit.

Meine Laune bekam einen üblen Dämpfer beim Anblick des toten Knaben, der schon zu Lebzeiten zu jener Kategorie gehört hatte, mit der man ungern nachts allein im Dunkeln spazieren geht.

Mittlerweile hatten wir seinen Namen und einen löchrigen Lebenslauf – beides war nicht einmal wert, es zu behalten.

Ich schüttelte den Kopf. Der Junge passte einfach nicht in das Puzzle, das sich zögernd hinter meiner Stirn zusammenzusetzen begann.

Doc Howard legte das Skalpell beiseite, ging zum Waschbecken und spülte sich die Blut- und Gewebereste von den Handschuhen, ehe er sie auszog.

Nach den üblichen Begrüßungsfloskeln fasste er mich scharf ins Auge und meinte: »Klitschnass – wie alle anderen davor!«

»Mysteriös«, nickte ich.

Er fasste mich noch schärfer ins Auge. Die in kaltes, steriles Licht gebadete Umgebung und die graue Gummischürze ließen ihn wie einen unzufriedenen Metzger erscheinen.

Ein Eindruck, der täuschte.

Howard ist eine Kapazität. Wir arbeiteten seit einer kleinen Ewigkeit zusammen. Eng zusammen. Und mehr als einmal war der entscheidende Tipp von ihm gekommen, der uns in einem eingefahrenen Fall sprunghaft nach vorne gebracht hatte.

Doch seiner sauertöpfischen Miene ließ sich entnehmen, dass wir diesmal vergeblich auf diesen Kick warten würden.

Oder?

»Etwas stimmt mit dem Körpergewebe der Toten nicht«, rang er sich – schweren Herzens, wie es schien – eine Information ab, die in den Bereich Spekulation fiel und damit ganz gegen seine innere Überzeugung war. »Ich habe Proben ins Labor geschickt. Aber das Ergebnis lässt auf sich warten.«

»Mehr als mysteriös«, nickte ich.

Das feine Lächeln, das sich auf meine Lippen gestohlen hatte, verscherzte mir die letzten Sympathien.

»Geheimniskrämer!«, schimpfte Milo.

Und Doc Howard griff wortlos zum Skalpell.

Ich ließ mich trotzdem nicht aus der Reserve locken.

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Endlich allein!

Meg schloss die Augen und verschränkte die Hände hinter dem Nacken. Sie lag auf einer harten Sanitätspritsche in einem winzigen, zellenartigen Ruheraum und ließ die letzten Stunden und Tage noch einmal Revue vor ihrem geistigen Auge passieren.

Da war einiges, was es aufzuarbeiten galt:

Stormys Tod!

Den Besuch beim Paten mit dem missglückten und – wie sie im Nachhinein eingestehen musste – höchst läppischen Versuch, Effinger ins Jenseits zu befördern!

Zu guter Letzt der Unfall und das tragische Ende von Demis!

Die Erinnerung an all dies löste eine Woge undeutlicher Gefühle aus, die sich wie etwas Dunkles, Schwammiges über Meg hermachten und ihre Drüsen zu erhöhter Schweißproduktion anregten.

Dazu kam, dass sie etwas benommen war von dem Beruhigungsmittel, das man ihr gespritzt hatte.

Dennoch war sie sich sehr klar darüber, auf welch dünnes Eis sie sich begeben hatte, als sich die Tür öffnete und zwei Männer mit den Worten eintraten: »Wir bringen Sie jetzt an den vereinbarten Ort. Sind Sie immer noch bereit, mit uns zusammenzuarbeiten?«

Meg musterte den G-man sehr ausgiebig, ehe sie antwortete.

»Wenn Sie wissen wollen, ob ich weiß, dass er mich in kleine Stücke schneiden lassen wird, wenn ich ihn ans Messer liefere – ja!«

»Und trotzdem wollen Sie es riskieren?«, fragte sein Kollege fast verwundert.

»Wollen Sie es mir ausreden?« Meg bedachte ihn mit einem stumpfen Blick, während sie sich von der Liege schwang und in ihre Stöckelschuhe glitt.

»Gott bewahre!«

Meg erinnerte sich, dass sie mit beiden schon bei der Unfallstelle zusammengetroffen war. Ganz allmählich schlossen sich die lichten Stellen, die der Schock bei ihr hervorgerufen hatte.

»Fühlen Sie sich in der Lage, uns zu begleiten? Wir werden Ihnen unseren Plan erklären.«

Meg bewegte sich tastend auf die beiden Männer zu.

Sie nickte, obwohl nicht einmal das Beruhigungsmittel in der Lage war, das Zittern ihrer Knie abzustellen.

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Es dämmerte bereits, als wir die Mietvilla in East Village erreichten, die Mr. McKee ausgesucht hatte.

Finale Grande, dachte ich zuversichtlich, während ich die Tür aufschloss, zuerst Milo, dann die Kronzeugin passieren ließ und schließlich selbst folgte.

In Wirklichkeit war es Wunschdenken, dass wir mit Meg Cyrian bereits den Joker gegen Effinger gefunden hatten.

Der schlimmste Fehler, den wir begehen konnten, war immer noch, den Paten von Italian Harlem zu unterschätzen.

Deshalb hatten wir es uns einiges kosten lassen, ihm die Informationen über unser Versteck möglichst unauffällig zukommen zu lassen. Außerdem hatten wir für alle Fälle die Unterwelt, und damit hoffentlich auch ihn, etwas aufgescheucht, indem wir Falschmeldungen streuten, die alle irgendwo mit Effinger in Zusammenhang standen. Unter anderem kursierte seither das Gerücht, Effingers Leute hätten Jagd auf den Versager gemacht, der das erste Attentat auf Torrens in den Sand gesetzt hatte – um ihn vor den Behörden zu erwischen und mundtot zu machen. Insgeheim erhofften wir uns davon, dass der Killer sich vielleicht freiwillig stellte und damit ein weiterer Nagel zu Effingers Karrieresarg wurde.

»Mieses Loch!«, urteilte unser Köder für Effinger und Mister Polaroid. Sie ließ sich in den nächsten Sessel fallen, streckte die aufregenden Beine weit von sich und tönte weiter: »Kann mir mal jemand verraten, warum und für wen ich hier meine Haut zu Markte trage?«

Milo schlenderte zur gut bestückten Hausbar und goss sich einen kleinen Whisky ein. Nachdem er ihn hinuntergestürzt hatte, sagte er: »Manche Menschen lieben eben die Gefahr!«

Seit wir das Hochhaus an der Federal Plaza verlassen hatten, benahmen sich die beiden wie Hund und Katze. Das konnte zu einem Problem ausarten, denn noch war nicht absehbar, wie lange wir auf engstem Raum zusammengepfercht sein würden.

»Machen wir es uns also gemütlich in diesem miesen Loch«, spöttelte ich, obwohl es langsam in meiner Magengegend zu kribbeln begann.

»Ich seh mir mal das obere Stockwerk an«, sagte Milo und verabschiedete sich für eine Weile.

Draußen kroch die Dunkelheit mit Siebenmeilenstiefeln aus ihrem Tagesversteck.

Ich brauchte unseren Köder nicht einmal anzusehen, um zu wissen, was in ihr vorging.

Sie hatte sich freiwillig zur Verfügung gestellt. Vorschnell vielleicht. Denn nun schien ihr langsam zu dämmern, worauf sie sich wirklich eingelassen hatte.

»Angst?«, fragte ich sie und zündete mir die erste Zigarette des Tages an.

Sie schreckte aus ihren Gedanken. Ihre schon in Normalzeiten geradezu provozierende Weiblichkeit übte im Angesicht der Todesgefahr eine fast unwiderstehliche Faszination aus.

Ich musste mir den Grund unseres Hierseins gewaltsam in Erinnerung rufen.

»Nein.«

Viel mehr an Worten wurde nicht gewechselt, worauf sich das Schweigen bis zu Milos Rückkehr im Raum festsetzte.

»Alles okay?«, fragte ich ihn.

Er nickte.

»Dann kann der Killer ja kommen!«, befand die Frau im Sessel mir gegenüber.

»Keine Angst«, nickte ich. »Das wird er!«

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Der Killer lauerte gegenüber der Villa in den Schatten der Nacht.

Er verschmolz regelrecht damit.

Sein Atem ging ruhig. Geduldig wartete er ab, wie nach und nach die Lichter im Haus erloschen, bis nur noch eine einzige Lampe im Erdgeschoss brannte.

Der Killer blickte auf die Uhr und lächelte dünn hinter der Maske.

Effinger hatte ihn hierher geschickt, obwohl die Chancen Fifty-fifty standen, dass es sich bei dieser ganzen Inszenierung um eine groß angelegte Falle handelte – eine Falle für ihn!

Aber der Killer hatte einen Berufsethos, der ihm keinen Rückzieher erlaubte.

Nur eines hatte er nicht.

Skrupel.

Er beobachtete die Villa lange genug, um zu wissen, dass zwei G-men den entflogenen Singvogel bewachten.

Das hieß, dass er in der Wahl seiner Mittel nicht wählerisch zu sein brauchte. Filigranarbeit war in diesem Fall nicht gefragt.

Denn nur tote FBI-Agenten waren gute FBI-Agenten!

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Die glühende Zigarettenspitze war der einzige Orientierungspunkt in der allgegenwärtigen Schwärze. Während ich den tiefen Atemzügen lauschte, die einen Schlaf vorgaukeln sollten, der nicht echt war, zog ich den warmen, würzigen Rauch ein, behielt ihn kurz in den Lungen und blies ihn dann in die Schwärze, die nicht nur mich von allen Seiten einmauerte – sondern auch die Frau, keine zwei Schritte entfernt.

Unser Köder.

Milo hatte unten im Erdgeschoss des Hauses Position bezogen.

Jeder war allein mit seinen Gedanken. Aber jeder von uns dachte wohl in ähnliche Richtungen. Auch die vermeintliche Schläferin im Bett, die schon Nerven wie Stahltaue gebraucht hätte, um bei dieser Anspannung einnicken zu können.

Sie lag da wie auf dem Präsentierteller.

Das Fenster zum Garten war zwar geschlossen, aber kein echtes Hindernis.

Um jedoch zum Bett zu gelangen, das hinter einem mannshohen Raumteiler stand, musste man erst einmal an mir vorbei!

Ich hatte es mir auf dem Boden gemütlich gemacht und eine Decke untergelegt. Die Zigarettenglut schirmte ich zum Fenster hin mit der hohlen Hand ab.

Ich wollte gerade einen neuen Zug nehmen, als ich mitten in der Bewegung erstarrte.

Aus Richtung des Fensters war etwas zu hören.

Jedenfalls, wenn man sich einbildete, mit Luchsohren zur Welt gekommen zu sein.

Meine Hand mit der Zigarette tauchte in die Jackentasche, wo ich die Glut auf Kosten des Innenfutters ausdrückte. Die nächste Bewegung brachte den .357er aus der Schulterhalfter und mich selbst aus der Hocke zum Stehen.

Lautlos schob ich mich an dem Raumteiler vorbei.

Vor mir ritzte ein billiger Diamant über die Scheibe.

Ich kannte das typische, hohe, beinahe singende Geräusch. Das folgende leise Knirschen beseitigte die letzten Zweifel!

Glasschneider.

Milo, ein Stockwerk tiefer, würde vergeblich auf einen Eindringling warten.

Denn der Killer war hier!

Und er fackelte nicht lange, verlor keine Zeit. Die Art seines Vorgehens überrumpelte mich völlig.

Licht blendete plötzlich auf wie eine explodierende Supernova!

Das Schlafzimmer wurde in weißes, unnatürliches Licht getaucht. Aus einem Reflex heraus richtete ich den Revolverlauf ins Zentrum der gleißenden Helligkeit.

Ein sattes Plopp hinderte mich daran, abzudrücken. Stattdessen ließ ich mich zu Boden fallen.

Irgendwo hinter mir ging ein Keramikteil im Raumteiler zu Bruch. Vor mir fluchte jemand.

Ehe ich die Waffe erneut in Anschlag bringen konnte, ploppte es noch dreimal trocken.

Dann war ich an der Reihe.

Ich feuerte.

Der Donner trieb das Magnumgeschoss aus dem Lauf, traf und knipste das grelle Licht einfach aus. Ein heiserer Schrei ertönte.

Keine Sekunde später blitzte meine Lampe auf.

Die scharf gebündelte Scheinwerferbahn riss ein Gesicht aus der Schwärze, das ich mein Lebtag nicht vergessen würde.

Die Visage grinste mich an, während mir der schallgedämpfte Revolver erneute den Tod entgegenspuckte.

Ich warf mich zur Seite.

Keine Sekunde zu früh, wie sich zeigen sollte.

Dann wurde etwas hereingeworfen, das polternd auf den Teppichboden auftraf.

Gleichzeitig entfernten sich Schritte draußen auf dem Sims!

Ich ließ den Kegel des Scheinwerfers wandern und sah die Bescherung.

Etwas rollte fast zeitlupenhaft auf mich zu. Ein tückisches Ding!

Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als mich aufzurappeln und zum Bett zu hechten, das ich – wie den Körper darauf – mehr ahnen als sehen konnte.

Der eigene Schwung ließ mich darüberschlittern, zupacken und mit dem schlaffen Körper gemeinsam hinter dem Möbelstück zu Boden rutschen.

Im nächsten Moment flog uns das Kuckucksei um die Ohren.

Splitter pfiffen um uns herum. Die Trommelfelle barsten fast. Das Erlebnis einer Detonation in geschlossenem Raum ist so ziemlich das Übelste, was einem passieren kann.

Um mich herum kam alles in Bewegung. Die Tür wurde aufgestoßen. Milo stürmte herein. Mit dem Griff des Smith & Wesson ließ er den Lichtschalter einrasten.

Normale Helligkeit flammte auf.

Gleichzeitig wurde draußen die Nacht zum Tag. Flutlichtstrahler gossen einen gelben Teppich über die Villa und den Gartenbereich. Im nächsten Moment ertönte Jay Kronburgs megaphonverstärkte Stimme: »Stehenbleiben! Bleiben Sie stehen, oder wir schießen!«

Wer auch immer der Flüchtende war – er blieb ganz offensichtlich nicht stehen.

Eine ganze Serie von Schüssen bellte auf.

Ich achtete kaum darauf.

Ein heißer Schreck war mir in die Glieder gefahren. Nicht nur das Bettzeug – auch das Gesicht der Frau, die reglos in meiner Umklammerung lag, war blutverschmiert.

Unser Köder!

Aber nicht Meg Cyrian, die Kronzeugin, sondern – Jennifer Johnson, unsere Kollegin!

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Milo blieb bei Jennifer, während Jay Kronburg den Notarzt verständigte und mich darüber informierte, dass der Killer entkommen war.

»Verdammt!« Ich schlug mit der Faust in meine Hand. »Wie konnte das passieren? Wir hatten doch mehr als ein Dutzend Leute um das Gelände postiert.«

Schulterzucken.

Jay war nicht der Typ, dem man berechtigte Vorwürfe machen konnte – ganz einfach, weil er kein Versager war. Wenn wirklich etwas schiefgelaufen war, dann aus unvorhersehbaren Gründen.

»Plötzlich war er wie vom Erdboden verschluckt. Das hier hat er auf der Flucht verloren«, sagte er und hielt mir eine teure Polaroidkamera vor die Nase.

»Sonst noch was?«, fragte ich.

»Ja«, bestätigte er. »Blut!«

»Blut?«

»Jede Menge sogar.«

Er führte mich zur Feuerleiter, die an der Rückwand der Villa verlief.

»Hier fängt die Fährte an. Sieht so aus, als hättet ihr ihn erwischt.«

»Nicht gut genug.«

Ich verfolgte die Blutspur, die sich vom Haus zur Straße hin entfernte.

»Er sprang über den Zaun – dann war er weg!«

»Hatte er ein Fahrzeug, oder hat er ein fremdes Auto gestoppt?«

Jay schüttelte den Kopf.

»Aber er kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben!«

Milo tauchte neben mir auf. »Alles okay«, sagte er. »Jennifer hatte Glück. Die Kugel hat ihre Schläfe geritzt. Daher das viele Blut. Aber sie ist außer Lebensgefahr. Der Doc hat ihr ein paar Tage bezahlten Urlaub verordnet.«

Mir fiel eine Zentnerlast von der Seele. Zumal der Vorschlag für den Rollentausch von mir gestammt hatte. Unsere wirkliche Kronzeugin befand sich immer noch in der FBI-Zentrale am Federal Plaza. Dafür hatte sich unser Maskenbildner Frozzel stundenlang an Jennifer austoben dürfen, bis sie Meg Cyrian fast wie aus dem Gesicht geschnitten war.

Eine Finte für den Killer, die fast ins Auge gegangen wäre.

So ist unser Job: Eine stete Gratwanderung am Abgrund entlang. Wenn man zu viel darüber nachdenkt, kann man den Beruf gleich an den Nagel hängen.

»Und nun?«, fragte Milo.

Seit dem Anschlag waren erst wenige Minuten verstrichen.

»Irgendwo steckt er noch«, behauptete ich, obwohl es keinerlei Indizien dafür gab.

Milo sah mich mindestens so skeptisch an wie Kronburg.

Aber er zögerte keine Sekunde, mit mir der Blutspur zu folgen.

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Die Spur endete vor einem offenen Gully.

»Nein!«, stöhnte Milo, als ich in das dunkel gähnende Loch deutete. »Nicht mit mir! Mit mir nicht!«

Er hatte recht.

Die Regenfälle der letzten Tage hatten die New Yorker Kanalisation in reißende Flüsse verwandelt. Wer freiwillig da hinunterstieg, war entweder lebensmüde oder verzweifelt genug, eine letzte Chance darin zu sehen!

Wir machten Jay auf unseren Fund aufmerksam.

Er beäugte den Schlund, aus dem das bedrohliche Rauschen herausdrang, genauso misstrauisch wie wir.

»Abgesoffen!«, urteilte er überzeugt. »Den könnt ihr abhaken. Eine neue Variante im Tote-Killer-Spiel.«

»Ich würde lieber sichergehen«, meinte ich. »Lass das Gebiet weiträumig absperren. Ein paar Hunde wären ganz nützlich.«

»Aber Hunde mit Taucheranzügen«, unkte Milo. »Du willst wirklich jemanden da runterschicken?«

Ich zuckte die Achseln.

Notfalls würde ich selbst hinuntersteigen.

Sogar allein.

Mir reichte es. Die Killerfratze hinter der Fensterscheibe hätte ich unter Tausenden wiedererkannt. Ich wollte ihn haben. Ein für allemal. Koste es, was es wolle!

Eine halbe Stunde später trafen die Hunde ein.

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Wir hatten uns mit Walkie-Talkies ausgerüstet und waren in die Tiefe gestiegen. Zwei Polizisten einer Spezialeinheit gingen mit ihren deutschen Schäferhunden und superstarken Scheinwerfern voraus. Milo und ich folgten dichtauf. Natürlich hatte sich mein Freund und Partner nicht vor dem Abstieg ins Reich der Ratten gedrückt. Mit gezogenen Waffen drangen wir in die weitverzweigte Kanalisation vor, die eine Welt für sich darstellte.

Eine nasse Hölle.

Doch schon nach wenigen Minuten war klar, dass wir den Killer verloren hatten. Das letzte Blut, das die Hunde hatten beschnuppern dürfen, klebte an den Eisensprossen der Leiter!

Danach hatte uns knöcheltiefes, reißendes Wasser selbst dort empfangen, wo normalerweise trocken begehbare Betonstreifen neben den stinkenden Fäkalienrinnen verliefen.

Keine Chance für sensible Hundeschnauzen.

Dass wir dennoch nicht sofort kehrtmachten, lag einzig an meinem sturen Kopf.

Ich wollte die Sache nicht verlorengeben!

So dicht hatten wir den Killer, der einer ganz absonderlichen Spezies angehören musste, vor der Nase gehabt.

»Könnt ihr mich hören?«, meldete sich irgendwann Jay Kronburg von der Oberfläche.

»Riechen sicherlich nicht«, ächzte Milo neben mir. »Gut, dass der Gestank nicht auch noch auf die Ohren schlägt!«

»Dann nehmt mal die Beine in die Hand und kehrt sofort um!«

»Was gibt’s?«, fragte ich hoffnungsvoll.

»Wir haben eine Spur ... Sogar eine ziemlich heiße. Hört sich vielversprechend an.«

»Wir kommen!«

Das Kläffen der Hunde begleitete unsere Rückkehr aus der Unterwelt.

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»Ein Taxifahrer beobachtete, wie unser Mann nicht weit von seinem Halteplatz aus einem Gully krabbelte«, berichtete Jay Kronburg und unterbrach sich mit gerümpfter Nase.

»Schon gut«, beruhigte ich ihn. »Wir werden auch irgendwann mal wieder baden. Aber dafür ist jetzt wohl nicht die Zeit. Weiter!«

Jay grinste. »Der Gullytyp stieg dann ausgerechnet bei unserem Taxifahrer ein, dem die Begleitumstände, wie er zu einem Fahrgast gekommen war, natürlich ein bisschen spanisch vorkamen. Besonders als er kurz darauf feststellte, dass der Fond seines Cabbys völlig mit Blut besudelt war. Erst dann informierte er die Polizei.«

»Wo ist er jetzt?«

»Unterwegs zu uns. Muss jede Sekunde eintreffen.«

Und so war es auch.

Das gelbe Taxi tauchte aus der matt erhellten Straße auf und hielt vor der Einfahrt der Villa.

Als ich die Tür öffnete, pfiff Milo überrascht.

Der Fahrer war eine Frau.

Und zwar eine von der resoluten Sorte.

Kaugummi kauend, mit in die Hüften gestemmten Fäusten, kam sie auf uns zu. Eine Walküre, deren Genusslust fast aus den viel zu engen und auch nicht gerade vorteilhaften Leggings im Katastrophenmuster platzte. Die ebenfalls spannende Bluse war ein Konglomerat aus hundert verschiedenfarbigen Namen, wovon der Papst, Madonna und Gorbatschow wohl die prominentesten waren. Der Schädel der Dame war glattrasiert und mit einer Tätowierung überzogen, die hauptsächlich den Hinterkopf zierte: Eine Sprechblase mit der Aufforderung »Don’t shoot the Taxi Driver!«

»Hallo Jungs!«, begrüßte sie uns mit Donnerhall. Ihre Stimme hätte eigentlich waffenscheinpflichtig sein müssen. Jeder Opern-Bass wäre vor Neid erblasst.

Wir erwiderten den Gruß, beschränkten uns aber auf das Allernötigste, denn die Zeit brannte uns unter den Nägeln.

»Wissen Sie noch, wo Sie den Gullytaucher abgesetzt haben?«, fragte ich ungeduldig. Ein Blick zum Nachthimmel bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen: In Kürze würde ein Regenguss herniedergehen, der sich gewaschen hatte – und vielleicht die letzten Spuren wegwaschen würde.

Die Walküre nickte fast beleidigt. »Selbstverständlich, junger Mann!«

Ich schluckte die Titulierung. Madam schien nicht nur die dickste New Yorker Taxifahrerin zu sein, sondern auch eine der ältesten! Bevor ich mich aber auf das nicht immer gesundheitsförderliche Glatteis einer genaueren Schätzung begab, hatte sie eine detaillierte Personenbeschreibung folgen lassen, die nur mit dem flüchtigen Narbengesicht identisch sein konnte, und Milo fragte: »Können Sie uns ganz schnell dorthin bringen?«

Sie stutzte kurz. Dann beäugte sie ihn wie ein riesiger fetter Uhu. »Umsonst?«

»Natürlich nicht«, grollte er. »Ruhm und Ehre sind Ihnen gewiss, wenn wir den Kerl schnappen.«

»Von Ruhm und Ehre kann man aber nicht leben«, schniefte sie ungnädig. »Was hat er denn ausgefressen?«

»Können wir das unterwegs diskutieren?« Vielleicht war es der kalte Klang meiner Stimme, der sie endlich dazu brachte, mit den Mätzchen aufzuhören. Jedenfalls nickte sie – noch beleidigter als vorher, aber darauf konnte und wollte ich keine Rücksicht mehr nehmen.

Wir verabredeten mit Jay Kronburg, dass er uns mit zwei Wagen folgen sollte. Konnte sein, dass wir Verstärkung nötig haben würden.

»Sie können dem Himmel danken, dass der Bursche nicht wusste, dass Sie ihn aus dem Kanalloch steigen sahen«, sprach Milo die Walküre an, nachdem sie sich umständlich hinter das Steuer geklemmt hatte.

»Wieso ich?«

Milos Kinnlade klappte verblüfft nach unten. Sein Blick zeigte mir, dass ihm die Antwort der Lady zu denken gab – und dass er zu dem Schluss gelangte, dass möglicherweise der Killer froh sein konnte, sich nicht mit ihr angelegt zu haben.

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Die Fahrt wurde zum Alptraum, obwohl sie nur wenige Minuten dauerte.

Genug Zeit, um mich ins Innere meines Sportwagens zurückzusehnen!

Die Walküre schwatzte uns die Ohren ab und wieder dran.

Das war Terror der gemeinsten Art – und wahrscheinlich rettete uns nur unsere FBI-Spezialausbildung.

Endlich stoppte das Cabby vor einem heruntergekommenen Gebäude in der Fleetstreet.

»Verschwinden Sie!«, fauchte ich die Fahrerin an, während ich mich mit einem Satz aus dem Blechgefängnis befreite. »Bringen Sie sich in Sicherheit!«

Sie schnaubte etwas Unverständliches, das aber irgend etwas mit »undankbar« zu tun haben musste, wartete noch, bis Milo mir gefolgt war, dann gab sie Gas und verschwand um die Ecke.

Ich spähte zu dem heruntergekommenen Bau, über dessen Eingang gerade noch die Buchstaben Theater zu erkennen waren.

»Keine Vorstellung heute«, kommentierte Milo, der meinem Blick gefolgt war. »Alles dunkel.«

Ich wartete, bis die beiden Begleitfahrzeuge neben uns stoppten.

Wir beratschlagten kurz.

Jay würde mit ein paar Mann das Gelände absichern. Einer der Hundeführer sollte Milo und mich begleiten.

Das Tier hatte nicht die geringste Mühe, die Fortsetzung der Blutspur aufzuspüren.

Sie führte geradewegs in das alte, verfallene Theater!

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Das Gebäude lag in völliger Finsternis, als wir es betraten. Nur das Hecheln des Hundes durchschnitt die Stille. Einen Lichtschalter fanden wir zwar, aber der Effekt war der gleiche, wie wenn wir ihn nicht gefunden hätten. Funktionierende Elektrizität an diesem vergammelten Ort wäre einem mittleren Wunder gleichgekommen. In dem aufgegebenen Theater herrschte tiefste Steinzeit.

Milo und ich hatten uns zu unseren Smith & Wesson auch noch mit Stablampen bewaffnet. Nur der Hundeführer war unbewaffnet. Er hielt die Leine in der einen und die Lampe in der anderen Hand.

»Machen Sie ihn los!«, forderte ich ihn unvermittelt auf. Es war mir zu brenzlig, den Mann weiter zur Zielscheibe des Killers zu machen.

Er gehorchte sofort.

»Ich hoffe, du weißt, was du tust«, flüsterte Milo mir zu.

Ich nickte auf Verdacht. Denn sehen konnten wir kaum etwas voneinander.

Der Spürhund stob wie der Blitz davon, kaum, dass die Leine gelöst war.

Der Scheinwerferstrahl verfolgte ihn kurz. Dann hatte ihn die Dunkelheit verschluckt.

»Melden Sie sich bei Kronburg«, entließ ich den älteren Sergeant, der wie der Inbegriff eines gütigen Familienvaters aussah.

Es hatte mir von Anfang an nicht gefallen, ihn mitzunehmen. Aber ich hatte nur die Wahl zwischen ihm und einer anderen tragischen Figur gehabt.

Ich wartete, bis sich die Schritte entfernt hatten. Von irgendwoher klang heftiges Bellen und Knurren. Kurz darauf ertönte ein Schuss.

»Verdammt!«, fluchte Milo. »Mach dir schon mal Gedanken, wie du ihm das beibringst!«

Ich hörte gar nicht richtig zu.

Die Richtung, aus der der Knall gekommen war, war identisch mit jener, in der das Tier verschwunden war.

Wir rannten durch ein ehemaliges Foyer, vorbei an zertrümmerten Kassenhäuschen und Garderobenkammern, aus denen uns kleine pelzige Nager, vom Licht angezogen, entgegen flitzten. Die Biester waren verdammt anhänglich. Eines musste ich mit der Schuhspitze wegkicken, ehe es nach meinem Bein schnappen konnte.

Von irgendwoher glomm fahler Schein.

Milo und ich löschten gleichzeitig die verräterischen Lampen. Die Helligkeit reichte, um uns voranzutasten.

Wir passierten einen Durchgang – und fanden uns in einem vergleichsweise winzigen Zuschauerraum wieder. Rattenzerfressene Plüschsessel reihten sich aneinander bis kurz vor die leicht erhabene Bühne, von der auch das trübe Licht kam.

Rampenlicht der miesesten Sorte.

Es stimmte also nicht, dass alle Stromkreise tot waren. Da vorn blendete die gebündelte Energie einer nackten Glühbirne.

Die Bühne war leer. Ein löchriger Vorhang grenzte sie zum Zuschauerraum hin ab. Und aus einem dieser Löcher blitzte es uns entgegen!

Die Kugel versuchte, mir einen feurigen Scheitel zu ziehen.

Das konnte ich mir nicht gefallen lassen. Mit meiner Frisur war ich ganz zufrieden.

Meine .357er spuckte zurück.

Tödliches Blei, das den Vorhang kräftig durchklopfte und entstaubte!

Viel vertrug er jedoch nicht, denn nach den ersten drei Schüssen krachte er bereits in sich zusammen und wirbelte den Dreck wie feinen Nebel auf.

Jemand hustete.

Geduckt flitzten wir den Mittelgang entlang. Die Bühne erreichten wir zehn Sekunden später. Die Funzel brannte immer noch – und offenbarte uns die Hundeleiche, die in der Mitte der Bühne lag.

»Scheißkerl!«, zischte Milo neben mir.

Dann trennten wir uns.

Er rechts – ich links.

Unterhalb der Balustrade arbeiteten wir uns zu den beiden Bühnenenden vor und kletterten hinauf.

Ein neuerliches Husten hallte uns von allen Seiten entgegen.

Unmöglich, den genauen Ursprung zu lokalisieren.

Ich wurde den Verdacht nicht los, dass der Hundesohn trotz des enormen Blutverlustes immer noch mit uns spielte. Und das auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuteten.

Wieder ertönte ein Schuss.

Ganz nahe.

Ein verhaltener Schrei.

Milos Stimme!

Dann ein Poltern.

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»Milo!«, schrie ich, ohne Rücksicht darauf, dass ich meinen Standort preisgab.

Keine Antwort.

Statt dessen ein böses Lachen, in das sich hartes Husten mischte.

Eine gepresste Stimme rief: »Dich nehme ich auch noch mit, Trevellian!«

Gleichzeitig blitzte ein Bühnenscheinwerfer auf.

Es war wie ein Schlag ins Gesicht.

Ich war wie blind.

Eine Eisenstange bretterte mir den Revolver aus der Faust. Ich ging in die Knie. Der Schmerz stach wie eine Lanze bis in mein Hirn.

Gleichzeitig erlosch der Scheinwerfer. Nur das schwache Bühnenlicht blieb zurück.

Als ich aufstehen wollte, presste sich die kühle Mündung einer Automatik gegen meine Schläfe.

Langsam kehrte meine Sehkraft zurück.

»Dich nehme ich auch noch mit!«, keuchte das Narbengesicht leidenschaftlich.

Ich nickte unmerklich, während ich auf so etwas wie Angst wartete.

Sie kam nicht. Ich hätte es ihm auch nicht gegönnt.

Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Dennoch krümmte sich sein Finger zeitlupenhaft um den Abzug.

Bastard!

Dann kam der Schuss, der ihn fällte.

Ich begriff es erst, als sich eine andere Gestalt aus den Schatten schälte.

Zuerst dachte ich, es sei Jay Kronburg, aber der hatte keine blaue Haut.

Es war Nikos Effinger!

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Er hatte mir das Leben gerettet. Ich fasste es nicht.

»Was machen Sie denn hier?«

Er lächelte kalt. »Ich bin ein Kulturfreak – wussten Sie das nicht?«

Ich schwieg. Das Lachen verging ihm kurz darauf.

Zuerst eilte ich zu Milo.

»Gott sei Dank«, rutschte es mir über die Lippen. Zuerst hatte er wie tot dagelegen. Aber dies schien die Nacht der Streifschüsse zu sein. Er war nur ohnmächtig.

Über Walkie-Talkie informierte ich Jay.

Kurz darauf strömten unsere Leute in das zerfallene Theater.

Effinger wollte sich empfehlen. Aber ich konnte meinen Retter nicht so einfach gehen lassen.

»Wie lange sind Sie schon hier?«

»Kurz vor Ihnen«, gab er bereitwillig Auskunft.

»Dann hatten Sie nicht viel Zeit«, sagte ich.

»Wofür?«

»Um Spuren zu verwischen! War er«, ich nickte zu dem narbengesichtigen Toten, »Ihr Mann?«

Effinger zuckte verächtlich mit den Achseln und händigte mir seine Waffe aus. »Finden Sie es heraus – wenn Sie können!«

Ich ahnte, was in ihm vorging. Er war überzeugt, den Mann ausgeschaltet zu haben, der gegen ihn hätte aussagen können. Vielleicht rechnete er sich sogar gegen Meg Cyrian als Zeugin noch einige Chancen aus.

Er war ein Spieler. Bis zuletzt.

»Kommen Sie!«, forderte ich ihn auf. Ich zog ihn hinter die Bühne, wo die Garderoben lagen. Ich tat es intuitiv. Eine innere Stimme leitete mich.

In einem der Räume brannte Licht von der gleichen Qualität wie auf der Bühne.

Effinger zögerte kurz. Dann folgte er mir in die Garderobe.

Auch hier, wie überall, Moder und Zerfall. Und Dinge, die das Grauen in mir hochsteigen ließen. Polaroidfotos, die in der Einfassung des gut erhaltenen Schminkspiegels steckten.

Ich trat näher.

Mein Verstand setzte das letzte Teilchen in das Mosaik, das mich seit Langem beschäftigte.

Die Polaroids waren fast Duplikate jener, die wir an verschiedenen Tatorten gefunden hatten. Der Täter hatte offensichtlich jeweils zwei Aufnahmen gemacht – eine für uns und eine für sich selbst!

Der Täter!

Ich dachte an Milos Bemerkung vom Klub der toten Killer. Und dann sah ich die gequält summende Kühltruhe im hinteren Ende des Zimmers.

Ich nickte Effinger zu, mir zu folgen, als ich dorthin ging.

Er war dabei, als ich die Truhe öffnete und ins steif gefrorene Gesicht des Mannes sah, der dem Toten oben auf der Bühne glich wie ein Ei dem anderen.

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Selbst Effinger neben mir wurde blass unter seiner bläulichen Haut.

Wir hatten es nicht mit einem Klub von Killern zu tun gehabt, sondern nur mit einem einzigen – und zwar immer dem gleichen!

Ein Genie der Maske – vielleicht ein verkrachter Schauspieler, der den Untergang seines Theaters nie verkraftet hatte und seine Talente irgendwann in den lukrativen Dienst der dunklen Seite stellte.

Offenbar hatte er jeweils kurz vor einer Tat fremde Leute aus dem Verkehr gezogen, sie in seiner Gefriertruhe gelagert, ihre Identität angenommen und dann seine Polaroid-Killer-Show abgezogen. Anschließend hatte er die Vorbilder seiner Maskerade irgendwo so deponiert, dass wir sie finden mussten. Durch den Auftauvorgang waren alle noch nass gewesen, und nicht einmal Doc Howard hatte den wirklichen Todeszeitpunkt dieser Opfer des Killers bestimmen können.

Als ich mit Effinger auf die Bühne zurückkehrte, hatten die Jungs von der Spurensicherung bereits den Raum entdeckt, in dem der Killer Trophäen seiner Opfer gesammelt hatte. Unter anderem auch etwas, das Effinger endgültig das Genick brechen würde: Torrens Vermächtnis. Die Datei, die wir solange gesucht hatten!

Und nicht nur der Pate, sondern auch meine Kollegen wunderten sich, als ich mich noch einmal über den toten Killer beugte und mich davon überzeugte, dass er wirklich trocken war.

Ich brauchte einfach Sicherheit.

ENDE

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Ein Killer in Ostfriesland

von Alfred Bekker

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

Eine Serie von Attentatsversuchen und Morden erschüttert Norddeutschland. Aber die Opfer scheinen nichts gemeinsam zu haben. Privatdetektiv Björn Kilian aus Emden übernimmt den Fall, aber plötzlich will sein Auftraggeberin nicht mehr, dass er ihn auch tatsächlich aufklärt ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Personen

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Björn Kilian - Privatdetektiv

Eltje Dirksen - seine Assistentin

Tammo Remmers - der Chef der Kripo Emden

Herr Cornelius - ein Ermittler

Undine Lübbert - will, dass der Mord an ihrem Vater aufgeklärt wird

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Als Ihno Lübbert sich an diesem Morgen von seinem Chauffeur ins Büro fahren ließ, war seine Laune nicht gerade besonders gut.

Es gab Ärger in seiner Firma und wie es schien, würde er mit dem eisernen Besen fegen müssen, um da wieder aufzuräumen. Aber im Augenblick schienen seine Gedanken ganz woanders zu sein. Er blickte nachdenklich aus dem Fenster, während der Chauffeur die schwarze Limousine durch den Emder Morgenverkehr lenkte.

Es gab einen Punkt, an dem man sich fragte: Wozu das alles?

Und vielleicht war Ihno Lübbert an diesem Punkt. Zwischendurch schaute er kurz auf die Uhr.

Er war spät dran. Wenn man hinaus in den Regen sah und auf die baustellenbedingte Blechlawine schaute, die sich durch die Straßen quälte, konnte man auf die Idee kommen, dass es damit zu tun hatte, dass Ihno Lübbert heute zum ersten Mal seit Jahren nicht pünktlich war.

Aber daran lag es nicht.

Lübbert hatte seinem Notar noch einen kurzen Besuch abgestattet. Auch eine Sache, die ihm nicht angenehm gewesen war und die er lange vor sich hergeschoben hatte. Was soll's!, dachte er. Jetzt habe ich wenigstens das hinter mir!

Und die Firma lief ihm schließlich nicht davon.

Wenn es sich einer leisten konnte, spät dran zu sein, dann er, denn er war der Boss.

Es dauerte nicht mehr lange und der Wagen hielt vor dem mächtigen Gebäude, in dessen Mauern die Lübbert Holding ihre Büros hatte.

Der Wagen hielt; der Chauffeur stieg als Erster aus, um seinem Boss die Tür zu öffnen.

Die Tür ging Sekunden später auf.

"Vielleicht brauche ich Sie in einer halben Stunde wieder!", meinte Lübbert zum Chauffeur. "Halten Sie sich also bereit."

"Jawohl, Herr Lübbert!"

Lübbert stieg mit umständlichen, etwas ungeschickt wirkenden Bewegungen aus.

Er hatte mindestens ein Dutzend Kilo Übergewicht und das machte ihn langsam. Er keuchte erbärmlich und sein Gesicht war puterrot angelaufen, als er schließlich neben seinem Chauffeur stand.

Dann geschah es.

Lübbert hörte quietschende Reifen und das Heranbrausen eines anderen Wagens.

Er drehte sich unwillkürlich dorthin um. Es war ein zweisitziger Sportwagen mit verdunkelten Scheiben, so viel sah er noch.

Alles Weitere dauerte nur Sekunden!

Eine der Scheiben ging ein Stück hinunter, etwas Längliches schob sich einige Zentimeter hindurch und dann blitzte es auf einmal.

Es war ein Mündungsfeuer ohne Schussgeräusch. Nur ein Klacken des Abzugs, das durch die Geräusche der Umgebung fast völlig verschluckt wurde.

Und trotzdem war es ein Geräusch, das Ihno Lübbert das Blut in den Adern gefrieren ließ, denn er kannte es nur zu gut ... Es war ein verdammt hässliches Geräusch, auch wenn es kaum zu hören war.

Ihno Lübbert sah eine Kugel am Lack der Limousine kratzen, direkt vor seinen Augen, oben auf dem Dach.

Und noch ehe er wirklich begriffen hatte, was vor sich ging, und dass der Fahrer des fremden Wagens es ganz offensichtlich auf sein Leben abgesehen hatte, wurde ein zweiter Schuss abgefeuert. Und ein Dritter und dann noch ein Vierter. Lübbert sah den Chauffeur mit einem kleinen, runden Loch im Kopf auf dem Pflaster liegen.

Die Augen starrten weit aufgerissen in den bewölkten Himmel. Er war tot.

Lübbert war wie gelähmt.

Dann fühlte er einen höllischen Schmerz in der linken Schulter. Die Wucht des ersten Treffers riss ihn herum. Die zweite Kugel fuhr ihm seitlich in den Brustkorb.

Das Letzte, was er fühlte, war Schwindel.

Alles begann sich drehen.

Und dann kam die Schwäche.

Seine Beine knickten ihm unter dem Körper weg, und er sackte zu Boden. Er hörte noch wie Leute zusammenliefen und aufgeregt durcheinanderredeten.

Irgendjemand schrie hysterisch.

Und dann hörte Lübbert die quietschenden Reifen des Sportwagens mit den verdunkelten Scheiben, der offensichtlich davonraste.

Soon Schiet!

Das war sein letzter Gedanke.

Dann wurde es auf einmal stumm in seiner Umgebung und dunkel vor seinen Augen.

Sehr, sehr dunkel ...

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Die Tür flog auf und Björn Kilian kam schwungvoll herein. Er hatte den Mantel bereits ausgezogen, knöpfte sich nun den obersten Hemdknopf auf und lockerte dann seine Krawatte etwas.

"Guten Morgen, Eltje!", grüßte er gut gelaunt Eltje Dirksen, seine Assistentin.

"Moin, Björn!"

"Moin, Moin. Ich weiß, ich bin etwas spät dran. Aber dieser verdammte Verkehr!"

"Emden wird umgebaut."

"So kann man es auch ausdrücken."

Eltje erhob sich von ihrem Platz und trat zu Kilian heran, der unterdessen seinen Mantel irgendwo abgelegt hatte.

"Du hast Glück, Björn!"

"Inwiefern?"

"Die Klientin, die seit fast einer Stunde in deinem Büro wartet und der ich bereits die dritte Tasse Kaffee aufgebrüht habe, sieht dermaßen verzweifelt aus, dass sie wahrscheinlich auch noch ein paar weitere Stunden auf sich genommen hätte!" Björn zuckte mit den Schultern.

"Leute, die ein sorgloses Leben führen und keinerlei Probleme haben sind ja auch nicht gerade die typische Kundschaft eines Privatdetektivs, oder?"

Als Björn Kilian einen Moment später sein Büro betrat, wusste er, was Eltje gemeint hatte.

Da saß eine junge Frau vor ihm im Sessel, die wirklich alles andere, als ein glückliches Gesicht machte. Sie hatte ausdrucksstarke, grüngraue Augen, ein fein geschnittenes Gesicht und das lange blonde Haar fiel ihr auf die Schultern herab.

Sie gefiel Björn.

Aber es war ihrem Gesicht anzusehen, dass sie große Sorgen haben musste.

Björn grüßte höflich.

"Moin, Frau ..."

"Undine Lübbert", sagte sie.

Björn gab ihr die Hand und versuchte zu lächeln.

"Angenehm."

"Sie sind Björn Kilian, der Privatdetektiv?"

"Richtig."

"Eigentlich eine dumme Frage. Ich habe Ihr Bild nämlich vor ein paar Tagen in der Zeitung gesehen ... Sie sollen der Beste sein, Herr Kilian."

"Man tut was man kann", erwiderte Björn bescheiden und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. "Aber nennen Sie mich Björn! Und dann sagen Sie mir bitte, was Sie auf dem Herzen haben."

"Waren Sie ein Hippie?"

"Wieso?"

"Weil Sie sich Björn nennen lassen. Eigentlich sind Sie nicht ganz der richtige Jahrgang, um diese Zeiten noch erlebt zu haben. Oder biedern Sie sich an diesen amerikanischen Business-Umgang an, der auch die inflationäre Benutzung des Vornamens vorsieht."

Björn atmete tief durch.

"Wie gesagt, nennen Sie mich Björn, wenn Sie wollen", sagte er dann. Eine komplizierte Frau, dachte er. Vielleicht auch ein komplizierter Fall. Mal sehen.

Sie sagte: "Vielleicht haben Sie schon einmal den Namen meines Vaters gehört - Ihno Lübbert."

Björn überlegte kurz, aber dann schüttelte er den Kopf.

"Nein, tut mir leid. Jedenfalls fällt es mir im Moment nicht ein."

"Ihno Lübbert von der Ihno Lübbert Holding."

"Ich lese zwar nicht regelmäßig den Wirtschaftsteil in der Zeitung, aber den Namen der Firma habe ich schon gehört. Was ist mit Ihrem Vater?"

"Auf ihn wurde gestern ein Mordanschlag verübt. Es steht heute in den Zeitungen."

Björn sah das zusammengefaltete Exemplar der Emder Nachrichten auf seinem Tisch liegen.

"Ich bin heute noch nicht dazu gekommen, die Zeitung zu lesen oder ins Internet zu sehen!", gab er zu. "Und abgesehen davon war ich eine Woche in Holland. Zum Segeln. Darum bin ich vielleicht nicht so ganz im Bilde, was sich hier in Emden so ereignet hat."

"Das hiesige ‘Große Meer’ ist zu klein für einen Mann von Welt - wie Sie?"

Björn Kilian hob die Augenbrauen.

"Manchmal ja."

"Wechseln Sie nur die Segelreviere oder sind Sie auch sonst ein wechselhafter Charakter?"

"Jedenfalls kann sich jeder, der mir einen Ermittlungsauftrag gibt, darauf verlassen, dass ich ihn auch so weit wie irgend möglich zu Ende führe."

"Das freut mich zu hören."

"Das dachte ich mir."

"Nun ..."

"Erzählen Sie mir, was passiert ist und ich werde Ihnen dann sagen, ob ich etwas für Sie tun kann."

Sie nickte.

"In Ordnung."

Björn Kilian lehnte sich etwas zurück und schlug die Beine übereinander.

"Ich höre."

"Ein Wagen kam vorbei. Mit verdunkelten Scheiben. Und dann wurde geschossen. Der Chauffeur ist dabei ums Leben gekommen, aber es sieht wohl ganz so aus, als hätte man es eigentlich auf Pa abgesehen gehabt ... Mein Vater liegt jetzt noch immer auf der Intensivstation. Er ist noch nicht über den Berg."

"Hat die Polizei schon ...?"

"Die können nicht viel machen."

"Aber ..."

"Es ist nicht der erste Versuch, Papa umzubringen, Herr Kilian - ich meine: Björn!"

"Ach, nein?"

"Nein. Einmal hat jemand seinen Wagen in die Luft gesprengt. Das ist drei Wochen her. Er hatte Glück, denn er ist noch mal ausgestiegen, weil er etwas vergessen hatte. Da ist der Wagen in die Luft gegangen."

"Stimmt - davon habe ich gelesen."

"Selbst das Fernsehen hat darüber berichtet. War leider nicht zu verhindern."

"Das sieht nach der Arbeit von Profis aus", meinte Kilian. Undine Lübbert nickte.

"Ja, das haben die Leute von der Polizei auch gesagt."

"Haben Sie eine Ahnung, wer dahinterstecken könnte?"

"Ja. Die Sache ist ziemlich eindeutig." Björn runzelte die Stirn.

So etwas hatte man selten. Eindeutig, dachte der Privatdetektiv, ist ein großes Wort und sie spricht es sehr gelassen aus.

Björn fragte: "Und wer?"

"Darko Markovic. Ich denke, dass er hinter den Killern steckt."

Björn pfiff durch die Zähne.

"Markovic?" Er atmete tief durch. "Wenn das der Markovic ist, den ich im Auge habe, dann hat Ihr Pa aber keinen besonders guten Umgang!"

"Ich weiß, Björn."

"Haben Sie Polizeischutz für Ihren Vater gefordert?"

"Nein."

"Warum nicht?"

"Er hat seine eigenen Bewacher und Sicherheitsleute!"

"Die kann Markovic mit seiner Portokasse kaufen!"

"Das könnte er auch bei einem Polizisten, oder etwa nicht?" Da musste Björn ihr Recht geben.

"Stimmt. Aber er ist in Gefahr. Und Sie auch."

"Ich bin nicht ängstlich!"

"Das sollten Sie in diesem Fall aber. Markovic war mutmaßlich schon eine große Nummer im organisierten Verbrechen Norddeutschlands, als ich noch bei der Polizei war. Man konnte ihm allerdings nie etwas nachweisen, obwohl jedem klar war, dass seine Geschäfte faul waren. Waffen, Drogen, Geldwäsche, Schutzgelderpressung - der hat seine Finger überall, wo es viel zu verdienen gibt." Björn beugte sich etwas vor. "Was hatte Ihr Vater mit Darko Markovic zu tun? Wie kommt es, dass Markovic ihn tot sehen will? Vorausgesetzt es stimmt, was Sie mir da erzählt haben."

Undine schwieg.

Björn lehnte sich zurück und legte etwas die Stirn in Falten. Etwas war faul an der Sache. Etwas stimmte hier nicht, vielleicht betraf das nicht die junge Frau, die vor ihm saß, aber bestimmt ihren Vater.

"Dazu möchte ich nichts sagen", meinte sie. "Und ich denke, Sie müssen das auch nicht wissen! Ich möchte einfach nur, dass Sie dafür sorgen, dass mein Vater am Leben bleibt. Mehr nicht!"

"Warum können das nicht die Sicherheitsleute Ihrer Firma?"

"Sie können das schon, aber ich traue ihnen nicht."

"Aber mir trauen Sie?"

Sie zuckte mit den Schultern.

"Vielleicht. Irgendetwas muss man ja unternehmen!" Björn sah sie einen Moment lang nachdenklich an. Dann sagte er: "Sie sollten mir sagen, was zwischen Ihrem Vater und Markovic war und wodurch er ihm auf die Füße getreten hat!"

Einen Moment lang schien sie unschlüssig zu sein. Dann schüttelte sie mit Entschiedenheit den Kopf.

"Nein", sagte sie. "Das kommt nicht infrage!"

"Dann kann ich leider nichts für Sie tun!"

"Aber ..."

"Ich muss wissen, worum es geht, wenn ich Ihren Vater schützen soll! Jedenfalls ungefähr! Ansonsten sollten Sie sich jemand anderen suchen!"

Björn hatte sich erhoben.

"So war das nicht gemeint", beeilte sich Undine. "Kann ich mich auf Ihre Diskretion verlassen?"

"So, als wenn Sie zur Beichte gehen würden."

Sie schluckte.

"In Ordnung."

"Gut."

"Dann hören Sie mir jetzt zu ..."

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Als Undine gegangen war und nachdem sie bei Eltje Dirksen ihre Adresse sowie die Adresse des Krankenhauses, in dem sich ihr Vater befand, hinterlassen hatte, wusste Björn Kilian, dass sie ihm nicht alles gesagt hatte, was sie wusste.

Fest stand wohl, dass Ihno Lübbert nicht immer jener seriöse Geschäftsmann gewesen war, als der er heute auftrat. Die Tatsache allein, dass Lübbert mit einem Mann wie Darko Markovic in Beziehung stand, belegte das noch nicht, denn Markovics Unternehmen teilten sich in einen legalen und einen kriminellen Zweig - sowie alles was dazwischen denkbar war. Undine hatte gesagt, es sei vor vielen Jahren um ein illegales Geldwäschegeschäft gegangen, bei dem Lübbert dann ausgestiegen sei.

Und das hätte Markovic ihm nicht verzeihen können. Aus seinem Syndikat stieg man nicht so einfach aus. Lübbert - er hatte damals diesen Namen noch nicht getragen - war untergetaucht und hatte unter neuer Identität von vorne angefangen. Aber jetzt - nach all den Jahren - schien Markovic auf ihn aufmerksam geworden zu sein ...

Der Instinkt sagte Kilian, dass da noch mehr war ... Er konnte das nicht begründen, jedenfalls nicht logisch. Es war einfach so ein Gedanke, der ihn angeflogen hatte und sich nun hartnäckig in seinem Gehirn festsetzte.

Wie beiläufig griff Björn zum Telefon und wählte eine Nummer - eine Nummer, die er im Schlaf kannte.

"Moin", kam es zwischen seinen Lippen hindurch, als auf der anderen Seite jemand den Hörer abnahm.

"Wer spricht dort?"

Es war eine unfreundliche, gestresste Männerstimme, die er da auf der anderen Seite hörte. Aber sie gehörte nicht dem Mann, den er jetzt sprechen wollte.

"Hier ist Björn Kilian. Ist Hauptkommissar Remmers zu sprechen?"

"Nein. Ist nicht da. Vielleicht kann ich Ihnen helfen!"

"Wann kommt Remmers zurück?"

"Keine Ahnung. Könnte länger dauern. Vielleicht am Nachmittag."

Kilian verzog ärgerlich das Gesicht.

"Tschüss", brummte er und legte auf. Dann erhob er sich ging hinaus zu Eltje.

"Du kannst etwas für mich tun", meinte er. Eltje lächelte von einem Ohr zum anderen.

"Aber immer, Björn!"

"Bring alles in Erfahrung, was sich über Ihno Lübbert herausbekommen lässt! Das dürfte nicht allzu schwierig sein, schließlich ist er relativ bekannt!"

"Okay, Björn. Und wohin gehst du?"

"Kleiner Ausflug", meinte er nur und grinste. Und dabei hatte er schon den Mantel gegriffen. Draußen regnete es Bindfäden.

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Es war eine ziemlich heruntergekommene Bar. Dicke Rauchschwaden hingen über den einfachen Tischen. An der Theke saßen ein paar Damen des horizontalen Gewerbes herum und tranken mit verkaterten Gesichtern Kaffee. Es war noch zu früh am Tag. Zu früh, um zu arbeiten, zu früh für Kundschaft. Ein Stockwerk höher war das, was sich offiziell ein Hotel nannte. Dort hatten die Frauen ihre Zimmer.

Der dicke Barkeeper hinter dem Schanktisch, der höchstwahrscheinlich auch sein eigener Rausschmeißer war, hatte sein Lokal durchgehend geöffnet. Er konnte es sich nicht leisten, auch nur einen Cent zu verschenken, den irgendein Zecher hier vertrinken wollte.

Als Björn Kilian den Laden betrat, glitt sein Blick schnell durch den Raum. Dann, als er zum Billardtisch sah, hatte er gefunden, wen er suchte.

Ein kleiner, fast kahlköpfiger Mann versuchte sich dort in verschiedenen Kunststößen.

Er spielte allein.

Das war der Mann, den Kilian gesucht hatte!

"Tag, Bradenbach!", meinte der Privatdetektiv knapp, als er zu ihm an den Billardtisch trat.

Bradenbach blickte auf und runzelte zunächst die Stirn. Dann entspannte sich sein Gesichtsausdruck ein wenig. Schließlich grinste er von einem Ohr bis zum anderen.

"Tag, Kilian. Wie geht's?"

"Ich kann nicht klagen. Und Ihnen?"

"Die Zeiten sind hart für Leute wie mich!"

"Für Leute wie Sie gibt's doch immer ein paar Schleichwege oder irre ich mich da etwa?"

Kilian hatte damit gerechnet, Bradenbach um diese Zeit hier anzutreffen. Er war ein Hehler, der Geschäfte mit allem machte, was sich zu Geld machen ließ.

Roy Bradenbach war fünf Nummern kleiner als Leute vom Schlage eines Darko Markovic, aber mit diesen hatte er gemein, dass die eine Hälfte seiner Geschäfte diesseits, die andere Hälfte jenseits der Grenze lag, die das Gesetz zog.

Bradenbach handelte mit allem.

Auch mit Informationen und genau das war der Grund, weshalb Björn Kilian ihn ab und zu aufsuchte.

Björn blickte sich nach den Mädchen an der Theke um, aber die kümmerten sich nicht um ihn oder Bradenbach.

Und auch der Barkeeper machte sich - nach ein paar anfänglichen misstrauischen Blicken - an seinen Gläsern zu schaffen. Er spülte ab und schepperte dabei so laut herum, dass das allein schon einen guten Schutz gegen unliebsame Zuhörer bedeutete.

"Ich schätze, Sie sind nicht gekommen, um mir beim Billard zuzusehen!", meinte Bradenbach.

"Nein, das ist richtig."

"Kommen Sie! Es ist langweilig, allein zu spielen!"

"Nein, danke. Ich habe es ziemlich eilig." Bradenbach ließ die Kugeln über den Tisch sausen, dann richtete er sich auf und stützte den Queue auf den Boden.

"Also ... Zur Sache, Kilian! Was wollen Sie wissen?" Anrede mit Nachnamen und ohne ein höfliches ‘Herr’ davor - das war ostfriesisch.

Sich dabei zu siezen, allerdings nicht. Das war hochdeutsch - und wirkte in dieser speziellen Mischung dann auch immer etwas angestrengt.

Der Privatdetektiv sah Roy Bradenbach gerade an.

"Darko Markovic ...", murmelte Björn.

Bradenbach pfiff durch die Zähne.

"Wie kommen Sie denn an den?"

"Meine Sache."

"Gut, aber Auskünfte über Markovic sind nicht billig, Kilian!"

"Ich verstehe ..."

Björn Kilian griff in seine Manteltasche und holte ein paar Scheine heraus, von denen er Bradenbach einige auf den Billardtisch legte.

Bradenbach zählte nach und steckte das Geld weg. Aber sein hungriger Blick blieb bei den Scheinen, die Björn noch in den Händen hielt.

"Was wollen Sie über Markovic wissen?"

"Alles. Was macht er im Moment so?"

"Sie sind doch mal bei der Polizei gewesen, oder?"

"Ja ..."

"Hm ..."

"Ist schon länger her ..."

"Trotzdem ..."

"Was trotzdem?"

"Dann dürfte Ihnen der Name Markovic doch geläufig sein, Herr Kilian!"

"Ist er mir auch."

"Ach, nee!?"

"Ich möchte aber wissen, was er jetzt so treibt."

"Dasselbe wie eh und je."

"Hätte ich mir denken können."

"Aber er bemüht sich nun sehr darum, saubere Finger zu behalten. An seinen Händen klebt kein Blut, nicht einmal Dreck. Da achtet er sehr drauf. Wollen Sie genau wissen, in welchen Geschäften er im Moment drinhängt?"

"Ja, das kann nicht schaden. Hören Sie sich in der Szene um!"

"Gut, ich rufe Sie dann an, Kilian. War's das?"

"Nein. Da ist noch etwas Spezielles ..." Bradenbach zog die Augenbrauen hoch.

"Raus damit, Kilian!"

"Irgendjemand hat es auf Ihno Lübbert von der Ihno Lübbert Holding abgesehen. Gestern ist auf ihn geschossen worden, jetzt liegt er in der Intensivstation ..."

"Und Sie denken, dass Markovic dahintersteckt."

"Ja."

"Das ist 'ne heikle Sache!"

"Ich weiß."

"Wenn Markovic tatsächlich dahintersteckt, macht er das so, dass niemand die Sache mit ihm in Verbindung bringen kann. Profis, Sie verstehen?"

"Natürlich. Versuchen Sie trotzdem, etwas aufzuschnappen."

"Dafür reicht das aber nicht, was Sie mir gerade gegeben haben!"

Björn Kilian lachte und legte Bradenbach die restlichen Scheine hin, die er noch in der Hand hielt. Dann drehte Björn sich um und ging.

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Draußen war das Wetter immer noch hundsmiserabel. Aber immerhin war der Platzregen von einem beständigen Nieseln abgelöst worden.

Es roch nach Salz.

Salz und Meer.

Der Wind blies vom Dollart her.

Björn Kilian schlug sich den Mantelkragen hoch und beeilte sich damit, hinter das Steuer seines Wagens zu kommen. Eine halbe Stunde später war Björn Kilian auf der Intensivstation jener Klinik, die Undine ihm angegeben hatte. Als er das rot geweinte Gesicht der jungen Frau sah, wusste er, dass etwas geschehen war. Es war nicht schwer zu erraten, was. Björn legte ihr den Arm um die Schulter und gab ihr sein Taschentuch.

"Er ist tot", murmelte sie. "Pa ist tot! Er ist seinen Verletzungen erlegen, hat der Arzt gesagt. Sie konnten nichts mehr machen ..."

"Es tut mir leid für Sie, Undine!"

Sie blickte auf und Björn Kilian geradewegs in die Augen.

"Jetzt ist ein Mordfall daraus geworden, nicht wahr?"

Björn nickte. "Ja."

"Ich möchte, dass Sie den finden, der meinen Vater umgebracht hat. Geld spielt dabei keine Rolle!"

"Ich werde tun, was ich kann!"

"Tun Sie das!"

"Sind Sie mit dem Taxi gekommen, das da draußen wartet?"

"Ja."

"Soll ich Sie nach Hause bringen?"

Zwei Sekunden lang schien sie unschlüssig zu sein und zu überlegen.

Aber dann nickte sie schließlich.

"Ja."

Es machte den Eindruck, als wären ihre Gedanken weit weg. Sehr weit ...

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Sie fuhren durch den dichten Stadtverkehr und den Regen. Beide schienen innerhalb der letzten halben Stunde wieder zugenommen zu haben.

Sie sprachen kaum mehr als das Nötigste.

Undine wohnte in der Villa ihres Vaters, draußen in Suurhusen.

Und genau dorthin ging es jetzt.

Vielleicht würde es etwas bringen, sich dort etwas umzusehen, irgendetwas - und wenn es nur eine Kleinigkeit war ... Wenn es wirklich Markovic war, der hinter diesem Mord steckte, dann würde die Schwierigkeit darin bestehen, es ihm zu beweisen. Zumindest, dass er den Auftrag gegeben hatte. Den Mann, der den Abzug der Schalldämpfer-Pistole betätigt hatte, würde man wahrscheinlich in hundert Jahren nicht in die Hände bekommen.

Der hatte sich wahrscheinlich längst abgesetzt und war über alle Berge. Und irgendwann würde er dann wieder aus dem Nichts heraus auftauchen, um einen anderen Menschen umzubringen, für einen anderen Auftraggeber ...

Aber vielleicht hatten sie Glück und es handelte sich um einen Killer, der öfter für Markovic arbeitete, einen aus seinem eigenen Stall.

In dem Fall gab es vielleicht eine Fährte, die nicht schon völlig kalt war.

Und vielleicht war in Ihno Lübberts Haus, in seinen Unterlagen, privaten Aufzeichnungen, irgendwo etwas zu finden, das auf Markovic hindeutete.

Während der Wagen über die Straße glitt, blickte Björn kurz zu Undine hinüber, die mit in sich gekehrtem Gesicht neben ihm auf dem Beifahrersitz saß und hinaus aus dem Fenster blickte.

Direkt in den trostlosen Regen hinein.

Und genauso sah es auch wohl in ihrem Inneren aus. Björn hatte Verständnis dafür. Aber vielleicht war es an der Zeit, sie ein wenig abzulenken.

"Hat die Polizei Sie eigentlich schon vernommen?", fragte er plötzlich und unterbrach damit das Schweigen.

"Ja, kurz. Gerade eben im Krankenhaus. Der Mann ist gegangen, bevor Sie kamen ..."

"Und?"

"Der Ermittler hat mir, ehrlich gesagt, wenig Hoffnung auf eine schnelle Aufklärung gemacht. Er hat mir alles Mögliche erzählt ..."

"Wie hieß der Mann?"

"Ich glaube Cornelius. Kennen Sie ihn, Björn?"

"Nein."

"Einen sehr aufgeweckten Eindruck machte der jedenfalls nicht."

"So?"

"Und würde mich auch nicht wundern, wenn diese ostfriesischen Dorfpolizisten nicht gerade einen übermäßigen Ermittlungseifer an den Tag legen werden."

"Wieso?"

"Pa hatte Feinde. Mächtige Feinde. Auch in der Politik, im Rathaus und bei den Behörden. Das ist doch alles ein einziger Klüngel, wenn Sie verstehen, was ich meine."

"Nein, ich fürchte, ich weiß nicht genau, was Sie meinen."

"Nicht?"

"Können Sie mir irgendetwas Konkretes sagen? Namen ...?"

Sie hob die Augenbrauen.

"Wenn ich die so genau wüsste, dann bräuchte ich Sie nicht zu engagieren, oder?"

"Auch wieder wahr."

"Pa hat nicht viel über diese Dinge geredet. Geschäftliches war kein Gesprächsthema. Und diese ... unangenehmen Dinge ... auch nicht. Aber so manches Projekt der Lübbert Holding hatte mächtige Gegner."

"Zum Beispiel?"

"Zum Beispiel weiß ich, dass sich die Lübbert Holding an einer Supermarktkette beteiligt hat, die in Emden zwei Filialen aufmachen will. Klar, dass Sie dann für den Einzelhandel der Todfeind sind und auch entsprechend nett formulierte und natürlich anonyme Drohbriefe bekommen."

"Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich in den Sachen Ihres Vaters herumstöbern würde?"

"Nein. Was hoffen Sie denn zu finden?"

Er zuckte mit den Schultern. "Vorher weiß man das nie so genau!"

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7

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Die Villa der Lübberts war gut gesichert, das fiel Björn sofort auf. Es war das Haus eines Mannes, der in ständiger Angst davor gelebt haben musste, dass er eines Tages unliebsamen Besuch bekommen würde.

Jedenfalls machte es ganz den Anschein.

Eine hohe Mauer umgab das Anwesen und ein Wachmann öffnete für Björn Kilians Wagen das Tor, nachdem Undine sich an einem Sprechgerät zu erkennen gegeben hatte. Ein massives, gusseisernes Tor ging zur Seite und Björn fuhr den Wagen bis vor das Haus, das von einem weiträumigen Garten umgeben war.

Björn blickte sich kurz um und bemerkte die Video-Anlage, die das Grundstück überwachte. Irgendwo bellte ein Hund. Es war ein aggressives Geräusch und klang ganz und gar nicht nach einem Schoßhund.

Vielleicht ein Dobermann, überlegte Björn. Irgend so etwas in der Art musste es sein!

"Kommen Sie, Björn!", meinte Undine und öffnete die Tür. Sie stiegen beide aus, die Türen klappten zu.

Ein paar Stufen führten zu einem großen Portal und wenig später waren sie dann drinnen.

Ein Hausmädchen empfing sie bei der Tür.

Als sie dann in das große Wohnzimmer kamen, erstarrte Undine plötzlich.

Auf dem Sofa lag ein Mann.

Er lag ausgestreckt da, hatte die Schuhe ausgezogen und über den Teppich verstreut. Auf dem Tisch standen ein paar Flaschen, alles Spirituosen und ein Tropfen edler als der andere.

"Hinnerk!", entfuhr es Undine Lübbert völlig überrascht. Björn Kilian hob die Augenbrauen und wartete ab. Undine ging auf Hinnerk zu, der sich - offenbar mit einiger Mühe - aufsetzte. In der Rechten hatte er ein Glas. Er rülpste ungeniert. Anscheinend hatte er ein paar Gläser zu viel zu sich genommen.

"Moin, Undine", murmelte er. "Wie geht's dir?" Sie schien alles andere, als erfreut zu sein.

"Seit wann bist du hier, Hinnerk?", erkundigte sie sich dann in einem ziemlich reservierten Tonfall.

"Ein paar Stunden schon ..."

"Was willst du hier? Geld?"

"Ich habe das mit Pa gehört und da ..."

"Im Krankenhaus bist du jedenfalls noch nicht gewesen!" Ihr Gesicht war eisig geworden und ihr Gegenüber musste ihre letzten Worte wie ein Schlag ins Gesicht empfinden. Aber Hinnerk zuckte nur mit den Achseln, als wäre es nichts.

"Na, und? Ich dachte mir, ich komme erst einmal hierher!"

"Vater ist inzwischen gestorben!"

Zunächst verursachte diese Nachricht bei Hinnerk keine sichtbare Reaktion.

Dann zuckte er erneut mit den Schultern.

Undine wandte sich zu Björn herum.

"Das ist Hinnerk Lübbert - mein ehrenwerter Herr Bruder!" Björn nickte ihm zu und Hinnerk hob sein Glas.

"Angenehm!", rief er und stand dann auf. Er war sichtlich unsicher auf seinen Füßen. "Vielleicht sagst du mir mal, wen du da mitgebracht hast, Schwesterherz! Ein Geliebter vielleicht?"

"Du bist geschmacklos, Hinnerk!"

"War ja nur eine Frage!"

"Das ist Björn Kilian. Er ist Privatdetektiv und soll herausfinden, wer Vater umgebracht hat!"

Hinnerk Lübbert verzog das Gesicht.

Dann brummte er: "Das liegt doch auf der Hand! Markovic hat ihn endlich erwischt! War ja letztlich auch nur eine Frage der Zeit!" Er rülpste erneut.

"Das ist eine Vermutung", erklärte Björn Kilian. "Mehr nicht."

"Klar, ich verstehe!", meinte Hinnerk. "Sie wollen auch Ihr Geld verdienen. Habe ich Verständnis für! Bestimmt! Und unser alter Herr war ja auch kein armer Mann! Da können Sie gesalzene Honorare einfordern!" Er wandte sich an Undine. "Du musst wissen, was du tust, Schwester!"

"Ich weiß sehr genau, was ich tue!", versetzte Undine bissig. Hinnerk wandte sich ab, nahm eine der Flaschen vom Tisch und verließ den Raum. Irgendwo hörte man ihn eine Treppe hochschlurfen.

"Ihren Bruder haben Sie mir bisher verschwiegen!", meinte Björn.

"Sie haben mich bisher auch nicht danach gefragt!"

"Eins zu null für Sie! Ihr Verhältnis scheint nicht das Beste zu sein, habe ich recht?"

Sie atmete tief durch.

"Hinnerk hat ein paar Probleme." Sie deutete auf die Flaschen und Björn verstand, was sie meinte.

"Das ist nicht zu übersehen", meinte er.

"Er trinkt unmäßig, ist über dreißig und hat bisher immer nur von dem gelebt, was Pa ihm geschickt hat."

"Er lebt nicht in Emden, nicht wahr?"

"Nein, in Berlin. Dort hat er studiert - oder besser gesagt: Er hat dort das getrieben, was er so zu nennen pflegt! Es wundert mich, dass er offensichtlich genug Geld zur Hand gehabt haben muss, um sich eine Bahnkarte leisten zu können."

"Wir sollten uns jetzt beeilen!", meinte Björn.

"Beeilen?"

"Ja, mit der Durchsicht der Sachen Ihres Vaters. Wenn die Polizei erst einmal alles in Unordnung gebracht hat ..."

"Sie meinen, dass die noch kommen?"

"Es ist ein Wunder, dass sie noch nicht da waren! Wahrscheinlich sehen die sich erst einmal die Büroräume der Ihno Lübbert Holding an!"

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8

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Die Durchsicht der Privatsachen von Ihno Lübbert brachte kaum neue Erkenntnisse.

Sie wollten es schon aufgeben, da tauchte ein merkwürdiger Brief auf. Undine fand ihn in einem der Jacketts ihres Vaters. Die Buchstaben waren aus Zeitungen und Magazinen herausgeschnitten und auf ein weißes Blatt Papier geklebt worden: DU RATTE! DEIN LEBEN IST ZU ENDE!

Undine gab Björn das Papier und dieser las mit nachdenklichem Gesicht die zwei Zeilen.

"Könnte Markovic sein, nicht wahr?", meinte Undine.

Björn Kilian nickte. "Ja, es passt alles zusammen ..."

Als Björn und Undine wieder ins Wohnzimmer zurückkehrten, klingelte es an der Tür.

Wenig später brachte das Hausmädchen zwei Männer ins Wohnzimmer.

Einer von ihnen trug eine Polizeiuniform, der andere war in Zivil.

Aber in was für einem Zivil!

Björn Kilian musste unwillkürlich etwas Schmunzeln. Der Mann trug einen riesigen Stetson auf dem Kopf und eine kurze braune Jacke, dazu Blue Jeans und Cowboystiefel. Er sah aus, als wäre er einem Wildwest-Film entstiegen. Lediglich die Rolex an seinem Arm störte diesen Eindruck ein wenig.

Er zog seine Marke hervor und hielt sie Björn und Undine entgegen.

"Cornelius, Kriminalpolizei. Wir kennen uns ja schon", raunte er. Er hatte einen typisch ostfriesischen Akzent und sprach sehr langsam und überdeutlich. Wie ein Ostfriese, der hochdeutsch zu sprechen versucht und dabei sehr genau darauf achtet, auch ja jede grammatische Endung richtig zu bilden.

Dabei hätte er das gar nicht nötig gehabt. Schließlich gab ihm der Cowboy-Hut eigentlich doch schon genug weltmännische Aura.

Cornelius holte ein Papier aus der Tasche und hielt es Undine unter die Nase.

Björn brauchte gar nicht erst hinzusehen. Er wusste auch so, worum es sich handelte. Solche Blätter hatte er oft genug gesehen!

Björn lächelte dünn, während Cornelius eine überaus wichtige Miene aufsetzte und sich breitbeinig aufbaute. Er wandte sich an Undine.

"Wir haben einen Durchsuchungsbefehl, Frau Lübbert. Ich denke, Sie machen uns keine Schwierigkeiten!" Sein Tonfall war ziemlich scharf und Undine Lübbert machte einen teils überrumpelten, teils verwirrten Eindruck.

"Nein, natürlich nicht! Warum sollte ich?", meinte sie und hob dabei die Augenbrauen.

Cornelius zuckte mit den Schultern.

"Hätte ja sein können." Dann wandte er sich an Björn. "Darf ich fragen, wer Sie sind und was Sie hier zu suchen haben?" Die burschikose Art seines Gegenübers sagte Björn nicht allzu sehr zu. Aber er sagte sich, dass dahinter vermutlich eine große Unsicherheit verborgen lag.

Björn hoffte nur, dass sich mit diesem Cowboy zusammenarbeiten ließ, denn schließlich waren sie beide hinter demjenigen her, der Ihno Lübbert auf dem Gewissen hatte. Björn stellte sich vor.

"Mein Name ist Björn Kilian", sagte er. "Ich bin Privatdetektiv."

"Zeigen Sie mal Ihren Ausweis!"

Björn holte ihn hervor und hielt ihn Cornelius hin. Dieser nahm ihn mit einer nachlässigen Geste an sich. Cornelius warf einen Blick auf das Dokument, nickte dann und gab es seinem Besitzer zurück.

"Okay. Und was tun Sie hier?"

"Frau Lübbert hat mich engagiert, um den Mörder ihres Vaters zur Rechenschaft zu ziehen!"

Cornelius schob sich den riesigen Stetson in den Nacken und verzog das Gesicht.

Die Anwesenheit des Privatdetektivs schien ihm nicht so recht zu schmecken.

"Sie vertrauen der Arbeit der Polizei nicht?", brummte er. "Ist ja reizend ..."

"Nehmen Sie es nicht persönlich", meinte Björn und lächelte dünn.

Cornelius machte eine großspurige Geste.

"Wie käme ich dazu", meinte er sarkastisch. Er nahm es sehr wohl persönlich, das war ihm deutlich anzusehen.

"Dann ist ja alles in Ordnung", murmelte Björn und dabei dachte er: Der Mann hat etwas von einem bissigen Terrier, der um jeden Preis sein Revier verteidigt!

"Ich glaube, Hauptkommissar Remmers hat Ihren Namen mal erwähnt, Herr Kilian ..."

"Grüßen Sie ihn von mir, wenn Sie ihn sehen!"

"Täglich!" Er atmete tief durch. "Ich schätze, Sie haben hier schon alles durchgewühlt."

"So ist das nun einmal, wenn man zu spät dran ist, Herr Cornelius!"

"Wir waren in den Büroräumen."

"Habe ich mir gedacht."

"Haben Sie irgendetwas gefunden, dass für den Fall von Interesse sein könnte? Sie wissen, dass das Zurückhalten von Beweismaterial strafbar ist, nicht wahr?"

"Herr Cornelius, ich schlage vor, dass wir zusammenarbeiten!"

Cornelius lachte rau.

"Wie stellen Sie sich das konkret vor?"

"Ein Deal, Herr Cornelius! Sie sagen mir, was in den Büroräumen gefunden wurde, und ich sehe dann, was ich für Sie tun kann!"

"Oh, nein, Herr Kilian! So nicht!"

"Bitte, wie Sie wollen! Aber Sie könnten vielleicht eine Menge Zeit sparen!"

Cornelius schien unsicher.

Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Dann nickte er.

"Gut. Erst Sie, Herr Kilian!"

"Nein, umgekehrt!"

"Sie sind eine harte Nuss, Herr Kilian!"

"Wollen Sie weiter lamentieren oder Ihre Pflicht tun und etwas unternehmen, damit ein Mörder gefasst wird?"

Cornelius bleckte die Zähne. Dann seufzte er hörbar.

"Sie haben gewonnen, Herr Kilian! Aber wehe, wenn Sie dann am Ende nichts vorzuweisen haben!"

"Schießen Sie los!"

"Wir haben die Leute in der Firma vernommen und die Büroräume durchsucht. Die Lübbert Holding hat nicht mehr als zwei Dutzend Angestellte, obwohl sie einen Umsatz von mehreren hundert Millionen im Jahr hat. Diese Firma besitzt ihrerseits wiederum erhebliche Beteiligungen an verschiedenen Firmen und bestimmt zum Teil auch deren Firmenpolitik."

"Was für Firmen?"

"Quer durch den Garten. Von der Seifenfabrik bis zur Elektronik. Offensichtlich gab es Ärger in der Firma. Ihno Lübbert war mit einigen Angestellten nicht zufrieden und hat offenbar daran gedacht, sie zu feuern. Und dann hat es den Anschein, dass einer der Angestellten in die eigene Tasche gewirtschaftet hat ... Ein gewisser Arthur Petersen."

"Ja", meinte Undine plötzlich. "Das stimmt! Pa hat herausbekommen, dass er mit Firmengeldern spekuliert hat."

"Und warum hat Ihr Vater diesen Petersen nicht entlassen?"

"Um einen Skandal zu vermeiden. Die Lübbert-Aktien wären sofort in den Keller gegangen, wenn etwas durchgesickert wäre. Pa wollte mit ihm ein Arrangement treffen ..." Cornelius machte eine unbestimmte Geste mit der Hand.

"So, Herr Kilian! Jetzt sind Sie dran!"

"Ein bisschen dünn, was Sie da geboten haben, finden Sie nicht auch?" Er holte den zusammengeklebten Brief aus der Tasche und reichte ihn dem Kriminalbeamten. "Hier!"

"Was ist das?"

"Sehen Sie es sich erst einmal genau an, bevor Sie fragen. Frau Lübbert hat es in einem Jackett ihres Vaters gefunden!" Björn wandte sich an Undine. "Sie sollten dem Herrn jetzt sagen, was Sie wissen, Undine. Auch von ihrem Verdacht gegen Markovic ..."

"Aber ..."

"Ihr Pa ist tot und selbst wenn er sich in einem früheren Leben die Hände schmutzig gemacht hat - es kann ihm nun nicht mehr schaden, wenn es irgendjemand erfährt."

Cornelius runzelte die Stirn.

"Habe ich da eben 'Markovic' gehört?"

"Haben Sie", nickte Björn.

"Ich bin nach meinem Austauschjahr beim New York Police Department und einem Zwischenspiel beim BKA in Berlin noch nicht lange hier in Emden, aber selbst in der kurzen Zeit ist mir dieser verdammte Name schon ein paarmal zu Ohren gekommen!"

Angeber!, dachte der Privatdetektiv. Eine ganze Karriere in einem Nebensatz untergebracht! So was lernt man eigentlich nur bei einem Coach für Bewerbungsgespräche ...

Björn zuckte mit den Schultern.

"Das wäre kein Wunder!", meinte er.

Und dann machte Undine ihre Aussage und Cornelius anschließend ein langes Gesicht.

"Üble Sache!", meinte er. Er hob den Brief in die Höhe und fuhr dann fort: "Scheint wirklich alles darauf hinzudeuten, dass Markovic dahintersteckt ... Welchen Namen trug Ihr Vater, bevor er seine Identität wechselte?"

Sie errötete und musste schlucken. Aber sie behielt die Fassung.

"Paul Thorrell", sagte sie dann.

"Wie alt waren Sie damals?", fragte Björn.

"Ich war in der Grundschule. Mein Bruder auch. Da sind wir von Hamburg hierher nach Ostfriesland gezogen und er hat seine Firma gegründet, die dann kometenhaft aufgestiegen ist. Wir hießen jetzt Lübbert und durften den alten Namen nicht mehr erwähnen. Ich dachte immer, dass hing mit unserer Mutter zusammen."

"Wieso?"

"Weil sie versucht hat, meinen Bruder, mich und sich selbst umzubringen, indem sie uns etwas ins Essen mischte. Sie kam nicht ins Gefängnis, weil sie angeblich psychisch krank war. Aber wir hatten ständig Angst, dass sie eines Tages aus der Psychiatrie entlassen werden würde ... Zuerst dachte ich, dass wir deswegen neue Namen bekommen haben und umgezogen sind ... Ihno Lübbert - klingt ja auch sehr passend."

"Und wann haben Sie erfahren, dass es nicht so war?"

Sie blickte auf, sah von Cornelius kurz zu Björn Kilian und fuhr dann fort: "Pa hat es mir gesagt, als ich älter war und die Widersprüche zu offensichtlich wurden."

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Wenig später brachte Undine Björn Kilian zur Tür.

"Was werden Sie jetzt unternehmen, Björn?" Aber Björn gab ihr keine Antwort, sondern stellte seinerseits eine Frage.

"Wo wohnt Herr Petersen?"

Undine hob die Augenbrauen.

"Wollen Sie seine Adresse?"

"Ja, ganz richtig ..."

"Er hat eine Wohnung hier in Emden. Aber im Moment dürften sie ihn in seinem Büro antreffen. Sie wissen ja, wo das ist ..."

"Ja."

"Was wollen Sie von Herrn Petersen?"

"Mit ihm reden!", gab Björn lakonisch zurück.

"Markovic ist der Mann, den Sie sich vorknöpfen müssen!", gab sie ihrer Überzeugung Ausdruck. "Ich glaube nicht, dass Petersen etwas mit Pas Tod zu tun hat!"

"Er hatte aber ein Motiv!"

"Sie meinen die Veruntreuung? Ich sagte doch, dass Pa ein Übereinkommen mit ihm treffen wollte. Sein Tod konnte ihm höchstens Nachteile bringen!"

"Ich möchte mich trotzdem mit ihm unterhalten. Wer weiß, was dabei herauskommt ..."

"Und ich sage Ihnen, Sie irren sich!"

Björn lächelte.

"Versuchen Sie nicht, mir vorzuschreiben, wie ich meine Arbeit zu machen habe!"

"Die Sache ist doch klar! Kümmern Sie sich um Markovic!"

"Soll ich vielleicht in Markovics Büro spazieren - vorausgesetzt ich komme so weit - und ihn fragen, ob er zufällig der Mörder Ihres Vaters ist? Nein, so einfach geht das nicht! Das fängt man anders an ..."

"Und wie?"

"Jedenfalls nicht, indem man vorzeitig sämtliche Pferde scheu macht!"

Sie atmete tief durch. Dann begegneten sich ihre Blicke. Sie sah ihn einen Augenblick lang ruhig an und meinte dann: "Vielleicht haben Sie recht! Vielleicht sollte ich Ihnen mehr vertrauen!"

Das war auch Björns Meinung und so nickte er.

"Ja, das sollten Sie! Ich verstehe meinen Job!"

"So war das nicht gemeint!"

"Das weiß ich!"

"Sie sind ein toller Kerl, Björn!"

Und dann schlang sie plötzlich ihre schlanken Arme um seinen Hals und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss. Alles ging viel zu schnell.

Bevor Björn so recht gemerkt hatte, was hier gespielt wurde und den Zungenschlag erwidern konnte, war es auch schon vorbei.

Sie hatte sich von ihm gelöst und war etwas zurückgetreten.

"Machen Sie Ihre Sache gut, Björn!"

"Das verspreche ich Ihnen hiermit", murmelte Björn der noch immer ein wenig verwirrt war.

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Björn Kilian traf Arthur Petersen nicht in seinem Büro an, sondern in einem Restaurant in der Umgebung.

Ein kleiner, dicker Mann saß vor einem riesigen Steak und Björn dachte sich, dass dieser Mann Arthur Petersen sein musste.

"Herr Petersen?"

Der Mann blickte auf, kaute seinen Bissen zu Ende und murmelte dann: "Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht!" Björn setzte sich zu ihm an den Tisch.

"Ich Sie auch nicht, aber die Beschreibung Ihrer Sekretärin passt auf Sie ..."

Petersen verzog das Gesicht.

"So?"

"Mein Name ist Björn Kilian. Ich bin Privatdetektiv. Frau Undine Lübbert hat mich engagiert wegen der Sache mit ihrem Vater." Petersen blickte auf und nahm einen Schluck aus dem Glas Rotwein, das neben seinem Teller stand. Dann wischte er sich mit der Hand den Mund ab und schob den halb leeren Teller ein Stück von sich weg.

Aus irgendeinem Grund schien ihm der Appetit mit einem Mal vergangen zu sein.

"Was wollen Sie von mir, Herr Kilian? Ich bin ein vielbeschäftigter Mann, und wenn Sie mir schon meine Mittagspause stehlen, dann haben Sie dafür hoffentlich einen guten Grund!"

"Ich habe ein paar Fragen", erklärte Björn sachlich. "Und diese Fragen halte ich für einen guten Grund!" Petersen machte ein zweifelndes Gesicht.

"Ich habe eigentlich keine Lust, mich mit Ihnen zu unterhalten!"

"Sie haben Gelder der Ihno Lübbert Holding veruntreut, nicht wahr?"

Der Angesprochene runzelte die Stirn, dann löste er den obersten Hemdknopf, so dass sein Doppelkinn etwas mehr Platz bekam. Petersen schien sich sichtlich unwohl in seiner Haut zu fühlen und Björn konnte das durchaus nachvollziehen.

"Sie können es ruhig zugeben, Herr Petersen. Ich weiß es, die Polizei weiß es."

"Es hat mich niemand angeklagt."

"Weil niemand einen Skandal wollte."

"Sehr richtig. Herr Lübbert und ich waren uns einig, dass ..."

"Was, wenn Lübbert und Sie sich doch nicht so einig gewesen sind, wie Sie es allgemein glauben machen wollen und er Sie auf irgendeine Art und Weise ans Messer liefern wollte?"

"Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen, Herr Kilian. Ich habe aber nicht die Absicht, dieses Spiel mitzumachen!"

"Es ist kein Spiel, Herr Petersen!"

Der dicke Mann zuckte mit den Schultern.

"Wie dem auch sei." Dann verengte er die Augen und fixierte Björn Kilian mit einem ärgerlichen Blick. "Sie wollen doch nicht behaupten, dass ich in dem Wagen gesessen habe, von dem aus auf Herrn Lübbert geschossen wurde!"

"Sie hätten vielleicht ein Motiv!"

"Aber ich habe ein handfestes Alibi! Ich war auf einer Konferenz, als es passierte! Dafür gibt es ein halbes Dutzend Zeugen!"

"Sie könnten die Tat in Auftrag gegeben haben, Herr Petersen!"

Er wurde noch bleicher, als er ohnehin schon war. Dann bleckte er wütend die Zähne.

"Guten Tag, Herr Kilian! Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen!"

Kilian erhob sich.

"Ich schätze, dass ich nicht der Einzige bleiben werde, der Ihnen diese Fragen stellt!"

Petersens Gelassenheit machte auf Kilian einen gespielten Eindruck.

"Abwarten, Herr Kilian!"

"Auf Wiedersehen, Herr Petersen. Es würde mich nicht wundern, wenn wir uns in nächster Zeit noch öfter über den Weg laufen!"

Während Kilian schon in Richtung Tür unterwegs war, knurrte Arthur Petersen noch etwas Unverständliches vor sich hin. Aber es hörte sich alles andere als freundlich an.

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Tammo Remmers war nicht gerade gut gelaunt, als Björn ihn auf dem Flur abpasste.

"Ah, Björn! Du hast mir heute noch gefehlt!" Er keuchte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Du solltest langsam mal ans Abnehmen denken, Tammo, dachte Björn bei sich, aber er hütete sich davor, es auch laut auszusprechen.

"Moin, Tammo! Was soll denn das heißen? Ich dachte, wir sind Freunde!"

"Klar, sind wir auch! Aber wenn du hier auftauchst, dann gibt das garantiert Arbeit für mich! Und ich stecke schon bis über beide Ohren drin! Bis über beide Ohren, hörst du, Björn?" Remmers stemmte die Arme in die Hüften und baute sich breitbeinig auf.

Björn wollte nicht wissen, auf welche Werte der Blutdruck des Polizei-Hauptkommissars in den letzten zwanzig Sekunden gestiegen war.

Remmers atmete tief durch und quetschte dann zwischen den Lippen hindurch: "Also schieß los! Worum geht's?"

"Es geht um den Mordfall Lübbert."

"Ihno Lübbert?"

"Ja, welcher Lübbert wohl sonst!"

"Ein Mann aus meiner Dienststelle bearbeitet den Fall. Er heißt Cornelius. Sieht ein bisschen merkwürdig aus, aber er soll ein ganz toller Hecht sein. So viele Belobigungen in einer Personalakte habe ich selten gesehen ..."

"War in Amerika und beim BKA in Berlin."

"Woher weißt du das denn?"

"Ich kann neuerdings hellsehen, Tammo."

"Ah, ja ..."

"Ich habe mit Cornelius bereits gesprochen. Die Sache ist die: Hinter dem Mord steckt wahrscheinlich Darko Markovic. Und ich möchte wissen, was der im Augenblick so treibt."

Remmers pustete wie ein Walross.

"Komm mit!", meinte er. "Wozu habe ich schließlich so ein gastliches Büro?"

Wenig später saßen sie sich dann in Remmers' Büro gegenüber.

Der Hauptkommissar lehnte sich zurück und kratzte sich im Genick.

"Der Name Markovic dürfte dir doch noch von früher her geläufig sein, Björn", meinte er.

Kilian nickte.

"Ist er auch. Aber das ist schließlich schon eine ganze Weile her!"

"Aber einer wie Markovic ändert sich nicht. Der steigt entweder auf oder endet vorher als Wasserleiche im Knockster Tief - mit einem schönen, runden Loch in der Stirn!"

Björn Kilian zog die Augenbrauen in die Höhe.

"Nach allem, was man hört, ist Markovic aufgestiegen!"

"Kann man wohl sagen! Früher haben wir ja immer vermutet, dass er illegal Elektronik in den Iran exportiert hat. Aber das ist lange her. Heute vermutet man ihn hinter Waffenschieber- und Drogenringen. Aber wir konnten dem verflixten Hund bisher nichts nachweisen. Er ist einfach zu geschickt! Strohmänner machen die Drecksarbeit für ihn und die schweigen eisern, denn jeder von ihnen weiß, dass er ein toter Mann ist, sobald er singt. Sein Arm reicht bis in die Gefängnisse hinein - vielleicht sogar bis in die Polizei und die Staatsanwaltschaft."

"Dann gibt es also im Grunde genommen nichts Neues!"

"Nein. Was Markovic angeht, nicht. Es ist alles nur ein paar Nummern größer geworden."

"Nichts Konkretes?"

"Björn, wenn ich etwas Konkretes hätte, würde er nicht mehr frei herumlaufen und seine unsauberen Geschäfte machen!"

"Verstehe ..."

"Dann ist da allerdings noch etwas, das dich interessieren könnte."

In Björns Augen blitzte es.

"Heraus damit, Tammo!"

"In den letzten Wochen gibt es eine Art Mord-Serie. Alle begangen in der Art von professionellen Killern - so, wie es auch bei Ihno Lübbert der Fall zu sein scheint. Alle Opfer hatten etwas gemeinsam: Sie machten Geschäfte mit Darko Markovic!"

"Eine Säuberungsaktion?"

"Ja, so etwas in der Art muss es wohl sein."

"Ich möchte eine Liste der Opfer."

"Kannst du haben!"

Tammo Remmers stand auf, holte eine Akte aus dem Schrank und knallte sie vor Kilian auf den Tisch. "Schreib dir die Namen heraus, wenn es dir Spaß macht!"

"Danke!"

Björn Kilian nahm sein Handy und fotografierte den Ausdruck ab.

"Du hättest mir auch eine Mail schicken können", sagte der Privatdetektiv.

"Nein, das hätte ich nicht, Björn."

"Wieso nicht?"

"Dann wäre es offiziell, dass ich dir etwas weitergegeben habe."

"Und jetzt?"

"Hat es klick gemacht, als ich dir gerade einen Kaffee von nebenan geholt habe."

"Habt ihr Kaffee?"

"Ist alle, wir müssen sparen." Tammo Remmers deutete auf den Ausdruck. "Was willst du damit, Björn?"

Kilian zuckte mit den Schultern.

"Mal sehen. Ich weiß es noch nicht."

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Es war bereits ziemlich dunkel und es regnete wieder, als Roy Bradenbach ins Freie trat und sich nach rechts und links umdrehte. Er schlug sich den Mantelkragen hoch und schlang sich den Schal vor den Mund.

Es war hundekalt und dennoch stand Bradenbach der Schweiß auf der Stirn, als er die Straße überquerte. Es war kalter Angstschweiß und sein Gesicht war von nackter Furcht gezeichnet.

"Oh, mein Gott", flüsterte er kaum hörbar in seinen Schal hinein, obwohl er eine Kirche zum letzten Mal von innen gesehen hatte, als seine Mutter ihn zur Taufe getragen hatte.

Er schluckte.

Ich hätte mich nie auf diese Dinge einlassen sollen, durchfuhr es ihn.

Aber nun war es zu spät.

Einfach zu spät.

Bis zum Hals steckte er im Sumpf und er sah nicht die geringste Chance, sich selbst wieder herauszuziehen.

Bradenbach fühlte seinen Puls bis zum Hals schlagen.

Überall konnte er auf ihn lauern.

Er musste auf der Hut sein und aufpassen.

Er musste hinüber zur Telefonzelle auf der anderen Straßenseite.

Er wollte auf jeden Fall ungestört sein, wenn er den Hörer abnahm.

Bradenbach atmete schwer.

Er war derart nervös, dass ihn beinahe ein Auto erwischte, das dann hupend weiterfuhr.

Oh, verdammt!, schoss es ihm durch den Kopf. Ich beginne bereits die Nerven zu verlieren!

Jetzt hieß es, kühlen Kopf zu bewahren. Nur dann hatte er noch eine Chance. Kühlen Kopf und stahlharte Nerven. Aber wie es schien, hatte er weder das eine noch das andere. Schließlich hatte er die andere Straßenseite erreicht. Noch einmal blickte er sich nach allen Seiten um. Er sah einen Stadtstreicher mit speckigem Parka, vor Dreck starrenden Jeans und einer schmuddeligen Wollmütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte.

Der Mann hob eine Zeitung vom Boden auf, die irgendjemand achtlos weggeworfen hatte und blätterte darin.

Keine Gefahr, dachte Bradenbach bei diesem Anblick oder besser: Er versuchte, es sich einzureden. Immer wieder: Keine Gefahr!

Außer dem Stadtstreicher sah er niemanden in der Nähe. Er öffnete die Tür des Telefonhäuschens, ließ sie dann hinter sich zuschlagen und fingerte mit zitternden Händen ein paar Münzen aus der Manteltasche heraus. Es war einer der letzten Münzfernsprecher in ganz Ostfriesland. Wahrscheinlich in ganz Deutschland. Das Relikt einer vergangenen Zeit. Und eine Möglichkeit, mit jemandem zu kommunizieren, ohne dass man es später zurückverfolgen konnte.

Roy Bradenbach schluckte.

Dann begann er eine Nummer zu wählen.

Mach schon!, rief es in ihm. Verdammt noch mal, nun nimm doch endlich ab!

Sein Stoßgebet wurde im nächsten Moment erhört. Eine weibliche Stimme meldete sich.

"Ist da das Büro von Björn Kilian?"

"Ja. Wer spricht dort, bitte?"

"Hier ist Roy Bradenbach. Ich habe Herrn Kilian etwas Wichtiges mitzuteilen. Ich ..."

"Kann ich Herrn Kilian etwas ausrichten, Herr Bradenbach? Hallo ... Sind sie noch dran?"

Bradenbach war noch dran, aber ihm waren die Worte vor Entsetzen buchstäblich im Halse stecken geblieben, als er sich umgewandt und in das Gesicht des Stadtstreichers geblickt hatte, der urplötzlich vor der Telefonzelle aufgetaucht war. Alles, was dann geschah, dauerte kaum länger als eine Sekunde.

Plötzlich war Bradenbach klar, dass dieser Mann gar kein Stadtstreicher war, sondern sich nur so aufgemacht hatte. Der Kerl hatte hier auf ihn gewartet, ihn wahrscheinlich schon längere Zeit beobachtet und nun war seine Chance gekommen!

Der Mann hatte ein kalt glitzerndes Augenpaar, das ihn geschäftsmäßig musterte.

Eine hässliche Narbe, die vermutlich von einer Messerstecherei herrührte, zog sich von der Stirn über das Auge und fast die gesamte rechte Wange.

Der Mann verzog das Gesicht und bleckte die Zähne. Bradenbach sah die Zeitung seines Gegenübers, jene Zeitung, die dieser vom Boden aufgesammelt hatte.

Die Zeitung glitt zur Seite und die Mündung einer Pistole mit Schalldämpfer wurde für den Bruchteil eines Augenblicks sichtbar.

Bradenbachs Augen waren vor Schreck weit aufgerissen.

"Nein", flüsterte er fast tonlos, aber da hatte sein Gegenüber bereits abgedrückt.

Am Ausgang des Schalldämpfers blitzte ein Mündungsfeuer. Es gab ein hässliches, dumpfes Geräusch.

Das Projektil durchschlug die Scheibe der Telefonzelle, ließ das Glas splittern und fuhr Bradenbach dann direkt in die linke Brust. Bradenbach wurde durch die Wucht des Geschosses nach hinten gerissen, ließ den Hörer fallen und ächzte noch einmal unterdrückt.

Der Killer wollte sichergehen.

Ein zweiter Schuss traf Bradenbach mitten in der Stirn, bevor er dann mit starren, weit aufgerissenen Augen zu Boden rutschte. Der Killer steckte die Waffe in die weite Seitentasche seiner Parka, beugte sich nieder, hob den Hörer auf und hängte ihn die Gabel.

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Das Handy klingelte und Björn nahm das Gespräch über die Freisprechanlage entgegen.

Es war Eltje.

"Was gibt es?", fragte Björn.

"Ein Mann namens Roy Bradenbach hat angerufen. Er ist ein Informant, nicht wahr?"

"Ja, was hat er gesagt?"

"Er ist nicht mehr dazu gekommen, etwas auszupacken. Es sei sehr wichtig hat er gesagt, und dann gab es ein merkwürdiges Geräusch - wie aus einer Schalldämpferpistole. Ich fürchte, er lebt nicht mehr, Björn."

Björn atmete tief durch.

"Das fürchte ich auch, Eltje."

"Er hat aus einer Zelle angerufen."

"So was gibt es noch?"

"Selten."

"Offenbar wollte er sichergehen, nicht abgehört oder zurückverfolgt zu werden."

"So sehe ich das auch."

"Du hast den Anruf getracked?"

"Ja. GPS-Koordinaten habe ich dir geschickt."

"Ich kann mir denken, wo das ist", flüsterte Björn, mehr zu sich selbst als zu seiner Gesprächspartnerin. "Hast du die Polizei schon benachrichtigt?"

"Nein. Ich dachte mir, ich sage erst dir Bescheid."

"Okay, dann werde ich das von hier aus erledigen ..." Zwei Sekunden später hatte Björn Kilian aufgelegt. Er suchte eine Seitenstraße, in der er seinen Wagen drehen konnte.

Bradenbach war umgelegt worden und es gab sicher ein paar Dutzend Leute, die dafür infrage kamen. Aber einer von ihnen war Darko Markovic!

Björn Kilian dachte an die Liste, die Hauptkommissar Remmers ihm gegeben hatte. Bradenbach passte vorzüglich in diese Liste von Leuten hinein, die zwei Dinge gemeinsam hatten: Sie hatten mit Markovic zu tun und sie waren mausetot.

So viele Zufälle kann es nicht geben, dachte Kilian. Bradenbach hatte ihm etwas Wichtiges zu sagen gehabt, was nur heißen konnte, dass er etwas über Markovic herausgefunden haben musste. Eine andere Möglichkeit gab es kaum.

Endlich hatte Björn eine Möglichkeit zum Drehen gefunden. Es dauerte ein bisschen, bis er sich wieder in den Verkehr - diesmal in entgegengesetzte Richtung - einfädeln konnte. Dann wählte er über die Spracheingabe seines Handys die Nummer der Polizei.

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Es war ganz so, wie Björn Kilian gedacht hatte. Bradenbach war in der Telefonzelle ermordet worden, die der Kaschemme gegenüber lag, in der man ihn sonst immer antreffen konnte.

Wahrscheinlich hat er ungestört mit mir sprechen wollen, kam es Björn in den Sinn, als er seinen Wagen an der Seite abstellte, die Tür öffnete und die zerschossene Zelle sah.

Bradenbach lag mit seltsam verrenkten Armen und Beinen in der Zelle. Seine Augen blickten Björn starr an, während sich mitten auf seiner Stirn ein kleines, rotes Loch befand. Björn schluckte.

Er kannte Bradenbach schon einige Jahre und der kleine Hehler hatte ihn immer mit wertvollen Informationen versorgt.

Er war einer, der buchstäblich das Gras wachsen hörte.

Gras - und auch andere Dinge.

Nicht alles, was Bradenbach getan hatte, war legal, aber im Grunde war er nur ein ganz kleiner Fisch. Und ein solches Ende hatte er in keinem Fall verdient.

Niemand hatte das.

Björn Kilian ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten und fühlte Grimm in sich hochsteigen.

Wer immer hier dahintersteckte und die Fäden zog: Es musste sich um jemanden handeln, der buchstäblich über Leichen ging. Björn blickte sich dann etwas nach Spuren um.

Aber da war auf den ersten Blick nichts zu sehen, dass irgendeinen Hinweis geben konnte. Mit was für einer Waffe Bradenbach erschossen worden war, dass würde später die Polizei feststellen. Doch viel würde dabei vermutlich auch nicht herauskommen. Nichts, was einem den Täter auf dem Silbertablett servierte, denn es war nicht anzunehmen, dass der Killer so dumm gewesen war, eine Waffe zu benutzen, die bereits polizeibekannt war.

Jedenfalls nicht, wenn es sich um einen Profi handelte.

Und davon ging Björn mittlerweile stillschweigend aus.

Man konnte Bradenbachs Augen noch ansehen, wie überrascht er gewesen sein musste.

Björn beugte sich nieder und drückte ihm die Lider zu. Mehr konnte er nicht mehr für ihn tun - außer vielleicht denjenigen zu finden, der dafür verantwortlich war.

Ganz korrekt war das natürlich kriminaltechnisch gesehen nicht. Die Erkennungsdienstler der Polizei mochten es natürlich nicht, wenn man die Leiche eines Mordopfers noch anfasste - ganz egal wo. Und in diesem Fall würden sie sich vermutlich über die geschlossenen Augen wundern. Ich werde es ihnen sagen, nahm sich Björn Kilian vor. Zumindest, wenn ich sie noch antreffe ...

Die Polizei würde sicher bald eintreffen.

Aber der Erkennungsdienst? Das konnte etwas dauern. Schließlich kamen die vermutlich aus Oldenburg, wenn es um anspruchsvollere Aufgaben ging, die der Kripo-Normalbeamte aus Emden nicht allein hinbekommen konnte.

Eine Weile verharrte Björn Kilian so bei dem Toten, dann nahm er mit den Augenwinkeln plötzlich eine Bewegung in der Nähe war.

Blitzartig war seine Rechte unter den offenen Mantel und das Jackett gefahren und hatte mit unwahrscheinlicher Schnelligkeit die Pistole aus dem Schulterholster gerissen und in Anschlag gebracht.

"Nicht schießen!"

Der Mann, der da zitternd vor Björn Kilian stand, wirkte wie eine Jammergestalt. Er hatte die Hände gehoben, in der Rechten hielt er eine Bierflasche.

Björn blickte in ein stoppelbärtiges Gesicht mit einer roten Trinkernase.

"Bitte, nicht schießen!", wiederholte er noch einmal. Ihm schlotterten vor Angst schier die Knie und Björn ließ die Waffe sinken.

"Keine Angst!", meinte er. "Ich schieße nicht." Der Mann drehte sich und wollte sich wohl davonmachen. Aber Björn hatte noch ein paar Fragen an ihn.

"Hey, stehen bleiben!"

Der Kerl zuckte zusammen und drehte sich vorsichtig herum. Erleichtert stellte er fest, dass Björn seine Waffe inzwischen wieder eingesteckt hatte.

"Erstmal Moin", sagte Björn Kilian.

"Moin", sagte der Mann.

"Ich tue Ihnen nichts", versicherte Björn noch einmal, denn er sah deutliches Misstrauen in den Augen seines Gegenübers. Björn kam ein paar Schritte heran.

"Was ist noch? Was wollen Sie?"

"Nur ein paar Fragen!"

"Wer sind Sie?"

Björn kam noch näher heran und hielt ihm seinen Ausweis unter die Nase. "Privatdetektiv", fügte er noch als Erklärung hinzu.

Der Mann atmete auf. "Gott sei Dank. Ich dachte schon, Sie gehörten zu ihm."

Björn runzelte die Stirn. "Zu wem soll ich gehören?"

"Schließlich tragen Sie auch eine Waffe ..."

"Von wem, zum Teufel, haben Sie gerade gesprochen?"

Der Mann mit der Bierflasche in der Hand, deutete auf die Telefonzelle. "Sie haben doch gesehen, was hier passiert ist."

"Allerdings!"

"Ich spreche von dem Mann, der das getan hat!"

"Sie haben ihn gesehen?", fragte Björn.

"Ich habe alles beobachtet!"

"Raus mit der Sprache!"

Björn hatte selbst gemerkt, dass in seiner Stimme ein Quäntchen zu viel Ungeduld mitgeschwungen hatte. Und das hatte sein Gegenüber genauestens registriert.

Der Mann zögerte mit seiner Antwort, rieb sich mit der Linken die rote Nase und trank dann seine Bierdose leer. Die Büchse warf er auf den Bürgersteig und meinte: "Ich habe nichts zu trinken mehr, Herr ..."

Björn begriff, worauf er hinauswollte.

Er gab ihm einen Geldschein.

Und noch einen.

"So!", meinte der Privatdetektiv. "Jetzt will ich aber auch eine überzeugende Story hören! Sonst hole ich mir die Mäuse zurück!"

"Ich habe alles gesehen!"

"Das sagten Sie bereits!"

"Der Kerl ist seinem Opfer bis zur Telefonzelle gefolgt und hat geschossen."

"Haben Sie den Schuss gehört?"

"Nein. Man konnte nichts hören. Aber ich habe die Waffe gesehen und ich sah es in der Dunkelheit aufblitzen ..."

"Wie sah der Mann aus?"

"Er hatte eine Narbe quer über das Gesicht ..." Und dabei zog er mit dem Finger eine Linie von der Stirn über das Auge und die rechte Wange.

Björn runzelte die Stirn.

"Von wo aus haben Sie das alles beobachtet?"

"Von der anderen Straßenseite aus. Als es dann passiert war, bin ich schließlich hergekommen, um ..."

Er zögerte und Björn vollendete schließlich: "... um die Leiche zu fleddern, nicht wahr?"

"Unsereins muss auch leben!"

Björn warf einen kurzen Blick hinüber.

Dann meinte der Privatdetektiv ziemlich ungehalten: "Das ist unmöglich. Auf die Entfernung und bei diesen Lichtverhältnissen konnten Sie unmöglich die Narbe des Mannes sehen! Sie erzählen mir was!"

"Nein! Das war anders! Ich habe die Narbe des Mannes vorher gesehen."

"Wann vorher?"

"Als wir ein Bier zusammen getrunken haben, drüben vor der Snack Bar."

"Sie haben ein Bier zusammen getrunken?"

"Ja, er sah aus wie einer von uns. Wie einer, der auf der Straße lebt. Und dann haben wir einen zusammen gehoben. Aber in Wirklichkeit hat er wohl die ganze Zeit über nur auf den gewartet, der da jetzt mausetot in der Telefonzelle liegt ..." Björn nickte.

"Okay", murmelte er.

Wenn der Täter wirklich eine so auffällige Narbe hatte, wie dieser Mann behauptete, dann war das vielleicht eine Spur. Und wenn er bereits einschlägig in Erscheinung getreten war, dann würde man das Rätsel um seine Identität auch bald lüften können. Die Martinshörner von Polizeiwagen ließen Björn Kilian herumfahren und als er dann eine Sekunde später den Blick zurück zu seinem Gegenüber schnellen ließ, da hatte sich dieser bereits davongemacht.

Björn sah keine Spur mehr von ihm.

Auf einen engeren Kontakt mit der uniformierten Staatsmacht hatte der Mann offenbar keine Lust.

Er konnte in eine der dunklen Nischen zwischen den Häusern geflüchtet sein. Es gab hier Dutzende von Orten, an denen man sich verkriechen konnte.

Der Mann war über alle Berge.

Offensichtlich legte er keinen Wert darauf, mit den Gesetzeshütern zusammenzutreffen, aus welchem Grund auch immer. Vielleicht hatte er schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht, vielleicht hatte er auch selbst irgendwelche kleineren Sachen auf dem Kerbholz.

Ein paar uniformierte Beamte sprangen aus den heulenden Streifenwagen. Und dann kamen auch Kripo-Leute in Zivil. Ein paar Augenblicke nur und die Nacht schien zum Tag zu werden.

Aus den umliegenden Häusern liefen die Leute zusammen, um zu sehen, was sich dort abspielte.

Ein paar Augenblicke später sah Björn dann die massige Gestalt von Hauptkommissar Remmers zum Tatort wanken.

"Moin, Tammo! Was machst du denn hier? Ist das nicht eher etwas für deine Untergebenen?"

Remmers verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Ein müdes, gequältes Lächeln ging über seine Züge, bevor er dann einen hörbaren Seufzer ausstieß.

"Diese Mordserie scheint inzwischen auch ein paar Etagen über mir Unruhe auszulösen! Und so, wie du es am Telefon dargestellt hast, passt dieser Mord hier genau ins Raster", presste Remmers heraus. "Die Sache ist jetzt mein Job. Und zwar höchstpersönlich!"

"Armer Tammo!"

"Auf dein Mitleid kann ich verzichten, Björn!" In seinen Augen blitzte es giftig. "Ich hoffe, du hast nichts angefasst."

"Ich bin ja kein Anfänger!"

"Soso."

"Bis auf die Augenlider."

"Wie?"

"Die habe ich ihm geschlossen."

"Kein Anfänger, aber sentimental."

"Nein, Tammo. Nur menschlich. Das ist was anderes als sentimental."

"Na, wenn du Schlaumeier das sagst, Björn!"

"Ich sehe das so."

"Sag mal, was könnte Bradenbach denn über Markovic herausgefunden haben? Du hast am Telefon nicht mehr darüber gesagt ..."

"Ich weiß auch nicht mehr darüber, Tammo. Er wurde zuvor erschossen."

Sie gingen zur Telefonzelle, an der sich bereits ein paar Kripo-Leute damit beschäftigten, den Tatort fototechnisch zu dokumentieren.

"Sag mal, kennst du einen Mann, der eine Narbe hat, die etwa so verläuft?" Und dabei fuhr Björn sich mit dem Finger über die rechte Gesichtshälfte.

Hauptkommissar Remmers runzelte die Stirn.

"Was soll das für einer sein?", murmelte er dann.

"Ein Killer", erklärte Björn.

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"Wir sollten uns Bradenbachs Wohnung vorknöpfen", meinte Björn etwas später an Remmers gewandt.

Der Hauptkommissar nickte.

"Alles zu seiner Zeit. Wenn wir hier fertig sind, Björn."

Aber Björn Kilian war damit überhaupt nicht einverstanden. "Dann kann es zu spät sein", meinte er.

Remmers runzelte die Stirn. "Wie kommst auf diese Idee?"

"Bradenbach war ein Informant von mir. Er sollte sich mal umhören, was Markovic so in letzter Zeit treibt. Und kurz bevor er Eltje am Telefon etwas sagen konnte, wurde er erschossen."

"Du meinst, dass er etwas herausgefunden hatte!"

"Warum hätte er sonst mein Büro anrufen sollen?"

"Worum könnte es hier gehen, Björn?"

"Ich habe nicht die geringste Ahnung. Aber vielleicht finden wir etwas in seiner Wohnung, das uns Aufschluss geben könnte. Aber wenn wir zu langsam sind, dann könnte uns der zuvorkommen, der Bradenbach umgebracht hat!"

"... und vielleicht verhindern wollte, dass er dir eine Nachricht zukommen lässt!"

Björn nickte.

"Ja, das könnte sein."

"Sieht ganz nach Markovic und seinen Leuten aus, nicht wahr?"

"Ja, scheint so."

Dann machte Björn sich endgültig davon. Bevor er in den Wagen stieg, rief er noch zu Remmers hinüber: "Falls du mit deiner Meute doch noch nachkommen willst: Bradenbach trägt einen Führerschein bei sich, da steht seine Adresse drin!" Remmers zog eine Grimasse.

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Kilian parkte den Wagen am Straßenrand, wobei er wusste, dass es schon fast einer Provokation gleichkam, einen solchen Wagen in einer Gegend wie dieser abzustellen.

Aber was sollte er machen?

Sich eigens für seinen Abstecher zu Bradenbachs Wohnung einen anderen, weniger auffälligen Wagen zulegen?

Björn öffnete die Tür und stieg aus.

Es war finster hier, ein paar der Straßenlaternen funktionierten nicht. In einiger Entfernung sah Björn mehrere leer stehende Geschäfte.

Björn verschloss sorgfältig den Wagen, obwohl er wusste, dass das im Ernstfall wenig nützen würde.

Dann blickte er sich um.

Diese Straße hatte schon bessere Zeiten gesehen, das ließen die Fassaden der Häuser erahnen, die jetzt sämtlich herunterblätterten.

Aber das musste schon lange her sein.

Jetzt wohnten hier vor allem jene, die es sich nicht leisten konnten, anderswo zu wohnen.

Bradenbach wohnte in einem dreistöckigen Haus, dass seit zwanzig Jahren nicht mehr gestrichen worden war.

Von irgendwoher waren Stimmen zu hören.

Björn ließ den Blick schweifen, sah aber zunächst nichts. Dann bogen drei hochgewachsene, kräftig wirkende Kerle um die die nächste Straßenecke.

Sie trugen dunkle Lederjacken mit martialischen Totenkopfemblemen, die bei allen dreien identisch waren.

Es war kurz vor dem Haus, in dem Bradenbachs Wohnung war, als Björn mit ihnen zusammentraf.

Sie bedachten den Privatdetektiv mit einem überheblichen Grinsen. Einer der Kerle hatte einen Schlagring, ein anderer wedelte mit einer Eisenkette herum.

Björn begann sich darauf einzustellen, dass es Ärger geben würde.

Sie kamen in breiter Front nebeneinander auf Björn zu und blieben dann vor ihm stehen.

"Vielleicht haben Sie sich in der Straße geirrt!", meinte einer von ihnen.

Es war der Mittlere, ein massiger Blondschopf mit einem gemeinen Zug um die Mundwinkel.

"Macht keinen Ärger!", warnte Björn.

Die Kerle kamen noch etwas näher heran.

Der Blondschopf machte eine unbestimmte Geste, zeigte einen Moment lang die Zähne und meinte dann: "Es war ein verdammter Fehler, in diese Straße zu kommen! Dies ist nämlich unsere Straße!"

"Der sieht aus, als hätte er Geld!", meinte der Rechte. Der Blondschopf grinste hässlich.

"Er könnte uns ja etwas davon abgeben - und wir vergessen dafür, dass er hier nichts zu suchen hat!"

"Besser, ihr geht mir aus dem Weg!", warnte Björn, aber als er ihre Gesichter studierte, wusste er, dass das in den Wind geredet war.

Auf diesem Ohr waren sie taub.

Björn musterte sie einen nach dem anderen und versuchte sie abzuschätzen. Sie fühlten sich sehr sicher. Einer gegen drei, das schien eine klare Angelegenheit zu sein.

Für den Bruchteil eines Augenblicks hing alles noch in der Schwebe. Noch war nichts geschehen, hatte niemand einen Finger gerührt.

Dann packte der Blondschopf Björn an den Mantelkragen, um ihm die Brieftasche abzunehmen.

Björn hörte rechts das Rasseln der Kette. Und der Kerl auf der linken Seite holte nun einen kurzläufigen Revolver aus dem Hosenbund und richtete ihn auf Björn.

Björn Kilian reagierte blitzschnell.

Er packte den Blondschopf beim Handgelenk und verpasste ihm gleichzeitig einen Handkantenschlag, der ihn rückwärts in Richtung seiner Komplizen taumeln ließ.

In der nächsten Sekunde schon sah er dann das Aufblitzen des Revolvers, aber er hatte sich rechtzeitig zu Boden geworfen und auf dem Pflaster abgerollt, sodass der Schuss über ihn hinwegpfiff. Björn musste erneut herumrollen.

Dicht neben ihm, nur Zentimeter von seinem Körper entfernt schlug ein Projektil ein und sprang dann als Querschläger weiter. Indessen hatte Björn die eigene Waffe herausgerissen und ballerte zurück.

Sein Gegenüber schrie und hielt sich den Arm.

Der Revolver fiel zu Boden.

"Der Kerl hat eine Waffe!", hörte Björn einen der Kerle rufen und da schwang so etwas wie Entsetzen im Tonfall mit.

"Verflucht! Das muss ein Bulle sein!", rief ein anderer. Und dann sah Björn sie einen Augenblick später in die Dunkelheit davonrennen, auch den, den er am Arm erwischt hatte.

Björn erhob sich und steckte seine Waffe weg. Dann klopfte er sich Dreck von den Sachen und ging zu dem noch immer auf dem Pflaster liegenden Revolver, bückte sich und steckte diese Waffe ebenfalls ein.

So konnte jedenfalls niemand mehr Unfug damit machen. Als Björn Kilian sich dann umwandte sah er dort, wo Bradenbachs Wohnung sein musste eine Bewegung am Fenster. Einen Moment lang war das Licht an gewesen, aber jetzt war alles dunkel.

Soweit Björn wusste, war Bradenbach unverheiratet gewesen und hatte allein gelebt. Der Privatdetektiv ließ noch einmal den Blick über jene dunklen Fenstern schweifen, hinter denen Bradenbachs Wohnung liegen musste. Nichts regte sich.

Aber Björn mochte nicht daran glauben, dass er sich so getäuscht haben sollte.

Vielleicht war er schon zu spät dran.

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Björn hetzte die Treppe hinauf und befand sich wenig später vor der Tür von Bradenbachs Wohnung. Auf dem Weg dorthin war ihm niemand begegnet.

Björn wusste nicht, ob es einen zweiten Ausgang gab, aber sofern sich tatsächlich jemand in Bradenbachs Wohnung befand, so musste davon ausgegangen werden, dass er noch dort war. Die Tür war verschlossen, aber für Björn Kilian war es kein Problem, sie mit Hilfe eines kleinen Stück Drahtes, dass er aus der Manteltasche zog, zu öffnen.

Knarrend ging die Tür auf und Björn nahm seine Automatic in die Rechte.

Drinnen herrschte gähnende Finsternis.

Björn wusste, dass er vorsichtig sein musste.

Er lauschte angestrengt, aber es war nirgends etwas zu hören. Dann suchte er den Lichtschalter und fand ihn schließlich auch. Björn Kilian blickte sich um und sah eine halb offene Tür, die in einen dunklen Nachbarraum führte. Björn schlich sich an die Tür heran, die Automatic im Anschlag.

Alles schien in Ordnung zu ein.

Mit der Waffe im Anschlag kam er in den Raum und riss die Tür zu Seite. Aber da lauerte niemand auf ihn. Er ließ die Waffe sinken, ging zum Fenster und blickte von dort aus hinunter auf die Straße.

Als er sich dann wieder herumdrehte, erstarrte er mitten in der Bewegung.

Björn Kilian starrte direkt in die Mündung eines Revolvers.

Die Hand, die diese Waffe auf Björn gerichtet hielt war sehr zart, die Fingernägel lackiert.

"Waffe weg!", sagte eine weibliche Stimme, deren Tonfall es an Entschlossenheit nicht mangeln ließ, und so legte Björn seine Pistole erst einmal auf den nahen Glastisch, der in der Mitte des Zimmers stand. "Schön langsam und vorsichtig!" Björn lächelte dünn.

"Bleibt mir wohl nichts anderes übrig", meinte er.

"Und jetzt die Hände hoch! Schön hochhalten und oben lassen!"

Björn atmete tief durch und gehorchte.

Die Frau, die da mit der 38er vor ihm stand, mochte Mitte zwanzig sein, war ziemlich klein und grazil. Mochte der Teufel wissen, was sie hier suchte, aber es sah ganz danach aus, als würde Björn zunächst keine Gelegenheit bekommen, ihr seine Fragen zu stellen.

"Wer sind Sie?", fragte sie und kam einen Schritt näher.

"Bevor wir uns unterhalten, tun Sie besser das Ding da in ihrer Hand weg!"

Sie verzog ihren Schmollmund zu einer Grimasse.

"Das hätten Sie wohl gerne! Sie dringen hier so einfach in die Wohnung ein ... Was glauben Sie, was Sie hier hätten stehlen können?" Sie sah an ihm herunter. Dann meinte sie: "Sie sehen mir nicht wie einer aus, der es nötig hätte, den Leuten, die hier wohnen und schon wenig genug haben, noch etwas wegzunehmen!"

Björn nickte ihr zu.

"Gut beobachtet!", meinte er nicht ohne Ironie. Die Frau zuckte mit den Schultern.

"Man täuscht sich eben immer wieder. Gut, dass Roy mir die Waffe dagelassen hat! Es gibt zwar jede Menge Gesindel hier, aber bis jetzt habe ich sie zum Glück noch nicht benutzen müssen. Es ist das erste Mal."

"Sie kennen Roy Bradenbach?", fragte Björn Kilian. Für eine Sekunde veränderte sich ihr Gesicht und Björn schöpfte Hoffnung, sie doch zur Vernunft zu bringen. Aber dann wurden ihre Züge hart.

"Hören Sie gut zu: Versuchen Sie nicht, mich aufs Kreuz zu legen!"

"Das tue ich nicht!"

"Sie wollen mir weismachen, dass Sie Roy kennen und mich verunsichern!"

"Ich kenne Roy Bradenbach wirklich."

"Sie könnten seinen Namen auch an seinem Briefkasten gelesen haben."

"Roy Bradenbach ist tot!", warf Björn dann ein. Er sah ihre großen Augen, ihr Kopfschütteln, ihr Unverständnis.

"Nein", flüsterte sie. "Sie lügen!"

"Ich bin Privatdetektiv", erklärte Björn dann weiter. "Mein Ausweis ist in der Jackettinnentasche, Sie können sich bedienen."

"Das ist nur eine Falle. Wenn ich dann bei Ihnen nachschaue, greifen Sie nach meiner Waffe und überwältigen mich."

"Warum rufen Sie nicht die Polizei, wenn Sie überzeugt sind, dass ich ein Einbrecher bin? Die würde Ihnen übrigens alles bestätigen können, was ich bis Ihnen bis jetzt gesagt habe", erklärte Björn dann.

Wenn diese Frau - wie es Björns Vermutung war - hier mit Bradenbach zusammen gelebt hatte, dann wusste sie wohl auch von seinen krummen Geschäften.

Daher kam das wohl kaum infrage.

Prompt schüttelte sie den Kopf.

"Nein, ich rufe die Polizei nicht!"

"Weil Sie heiße Ware in der Wohnung haben, nicht wahr?"

"Was geht Sie das an?"

"Gar nichts. Und ich bin auch nicht dran interessiert."

Sie zog die Augenbrauen die Höhe. "Und woran sind Sie interessiert, Herr ..."

"Kilian. Björn Kilian."

"Ich glaube, Ihren Namen habe ich schon einmal gehört!"

"Das kann gut sein. Er steht ab und zu in der Zeitung. Außerdem hat Roy Bradenbach für mich als Informant gearbeitet."

"Sie haben noch immer nicht gesagt, was Sie hier eigentlich suchen!"

"Den Mörder von Roy Bradenbach - und noch ein paar anderen." Björn sah, wie ihr auf einmal die Tränen über das Gesicht liefen.

"Dann ist Roy wirklich tot?"

Sie senkte die Waffe.

"Oh, mein Gott!"

Björn hielt seine Stunde für gekommen.

Er trat einen Schritt vor, aber sein Gegenüber schien weiterhin wild entschlossen zu sein, den Privatdetektiv in Schach zu halten. Ihre Hände zitterten, als sie die Waffe wieder hob und auf Björn Kilian richtete.

"Ich ... Ich warne Sie, Kilian - oder wie immer Ihr richtiger Name sein mag!"

"Es ist mein richtiger Name!", erwiderte Kilian so ruhig und sachlich das in dieser Lage möglich war. "Hören Sie, ich will Ihnen nichts tun, sondern Sie nur davon überzeugen, dass ich die Wahrheit spreche!"

Und dabei machte Björn einen Schritt nach vorn.

Die Frau wurde nervös. Ihr zitternder Zeigefinger spannte sich um den Abzug.

"Ich warne Sie zum letzten Mal!", rief sie. "Ich werde schießen!"

Aber Björn Kilian schüttelte den Kopf.

"Sie werden nicht schießen!", erklärte er, als wäre es eine unumstößliche Tatsache. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie eine kaltblütige Mörderin sind."

Sie wich etwas zurück, als Björn einen weiteren Fuß voran setzte. Dann senkte er die Arme und griff sehr langsam und behutsam in die Innentasche seines Jacketts. Er hätte auch in die Manteltasche greifen können, wo sich der Revolver befand, den er draußen den Kerlen mit den Totenkopfjacken abgenommen hatte.

Aber das tat er nicht.

Er war sich sicher, die Sache auch so zu einem guten Ende bringen zu können. Außerdem war es zu vermuten, dass aus ihrer Waffe sofort ein Schuss kam, wenn sie den Revolver in Kilians Hand sah.

Björn hatte seinen Ausweis zwischen den Fingern und zog sie langsam heraus. Dann warf er ihr den Ausweis vor die Füße.

"Sie können sich überzeugen."

Sie zitterte erbärmlich und schluchzte plötzlich. Björn Kilian sah ihr an, dass sie kurz vor einem regelrechten Nervenzusammenbruch stand.

Und dann war er mit einem energischen Satz vorgeschnellt, hatte ihren Arm mit eisernem Griff gepackt und ihr die Revolver entrissen.

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Es dauerte eine Weile, bis Björn Kilian mit der Frau reden konnte. Sie war völlig aufgelöst, schluchzte dauernd und war kaum ansprechbar.

Björn setzte sich neben sie auf das Sofa und versuchte sie zu trösten, aber das stellte sich als gar nicht so einfach heraus. Als sie sich wieder etwas gefangen hatte, erzählte ihr Björn in knappen Worten, was sich zugetragen hatte.

Er gab ihr sein Taschentuch und sie wischte sich das Gesicht ab, das dann zu einer steinernen Maske wurde.

"Sie haben Roy geliebt?", fragte Björn.

Sie nickte verhalten. "Ja."

"Es tut mir leid für Sie."

"Danke. Aber das macht ihn nicht wieder lebendig!"

"Ich weiß. Das Einzige, was wir jetzt noch für ihn tun können, ist dafür zu sorgen, dass sein Mörder nicht straffrei davonkommt!" Beziehungsweise der, der den Killer geschickt hat!, setzte Björn in Gedanken hinzu und dachte dabei an Darko Markovic. Ihr Blick blieb starr, als sie erwiderte: "Ja, vielleicht haben Sie ja recht!"

"Ich kannte Roy Bradenbach schon ein paar Jahre", meinte Björn dann. "Aber er hat Sie nie erwähnt."

"Wir waren auch noch nicht lange zusammen." Sie zuckte mit den Schultern. "Ein paar Monate nur. Er hat mich in einer Bar aufgelesen, in der ich als Stripperin gearbeitet habe. Wir wollten ein neues Leben anfangen. Aber der Traum hat nicht lange gedauert!"

"Wie heißen Sie?"

"Laura Springmann."

"Der Mann, der Bradenbach erschossen hat, hatte eine auffallende Narbe auf der rechten Gesichtshälfte. Kennen Sie jemanden, der so aussieht?"

Sie sah ihn mit ihren großen Augen an, in denen schon wieder Tränen glitzerten.

Dann schüttelte sie den Kopf.

"Nein. Aber in letzter Zeit schien er große Angst zu haben und war immer sehr vorsichtig."

Björn runzelte die Stirn.

"Wovor hatte er Angst?"

"Ich weiß es nicht, worum es ging. Es fing jedenfalls an, als er einen seltsamen Anruf bekam. Er war kreidebleich, als er den Hörer auflegte. Ich habe ihn gefragt, wer ihm denn einen solchen Schrecken eingejagt hätte."

"Und?"

"Ein Verrückter, so sagte er nur. Und nun ist Roy tot ..." Sie barg ihr Gesicht mit den Händen.

Björn erhob sich vom Sofa.

Nicht mehr lange und Remmers' Meute würde hier auftauchen und das Unterste zuoberst kehren.

Björn blickte sich in dem karg eingerichteten Wohnraum um. Zu großem Wohlstand hatten Roy Bradenbach seine Hehlergeschäfte nicht verholfen. Aber das konnte nur jemanden wundern, der diesen Mann nicht kannte.

Er hatte nämlich eine verhängnisvolle Leidenschaft gehabt. Er spielte für sein Leben gern - und verlor meistens. Björn Kilian konnte sich nicht erinnern, ihn jemals anders angetroffen zu haben, als in finanziellen Nöten. Björns Blick blieb bei einem Photo an der Wand hängen. Es zeigte ein paar junge Kerle in Uniform. Soldaten ...

"Roy bei der Bundeswehr?", fragte Björn.

Laura nickte.

"Er war ein paar Jahre Zeitsoldat."

"Hat er mir nie erzählt."

"Keine Ahnung, worüber Sie sich so mit ihm unterhalten haben."

"Wieso?"

"Na, die wesentlichen Dinge können das nicht gewesen sein."

"Wie kommen Sie darauf?"

"Er hat Ihnen ja auch nicht von mir erzählt."

"Auch wieder wahr."

"Sehen Sie!"

"Das Bild sieht nach Afghanistan-Einsatz aus", stellte Björn fest. "Die hellen Uniformen, das ISAF-Zeichen auf den Fahrzeugen im Hintergrund, die Landschaft."

Laura seufzte.

"Ja, Roy war in Afghanistan. Vor vierzehn, fünfzehn Jahren muss das gewesen sein ..."

Björns Blick fiel auf ein gerahmtes Bild, dass den Schlagersänger Roy Black in seinen besten Zeiten zeigte - irgendwann in den Siebzigern.

Laura schien Björn Kilians Gedanken dazu zu erraten.

"Roy hat seinen Vornamen diesem Kerl zu verdanken. Seine Mutter war ein Roy-Black-Fan."

"Hm."

"Und Roy mochte dessen Musik."

"Das überrascht mich jetzt wirklich. Ich habe immer gedacht, er wäre ein harter Knochen."

"Er hatte auch eine weiche Seite."

"Wer hätte das gedacht."

"Wird die Polizei noch kommen?"

"Natürlich."

"Helfen Sie mir, ein paar Sachen wegzuräumen, die die nicht unbedingt sehen müssen?"

"Also ..."

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Hinnerk Lübbert stand nachdenklich am Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit. Er hatte etwas geschlafen, jetzt war er etwas frischer. In der rechten hielt er eine Flasche Weinbrand. Als Undine den Raum betrat wandte er sich nicht um.

"Wie kommt es eigentlich, dass du hier so schnell aufgetaucht bist", meinte sie dann. "Ist doch merkwürdig, Brörke, findest du nicht auch?"

Brörke - plattdeutsch für Brüderchen.

So hatte sie Hinnerk früher oft etwas herablassend genannt.

Hinnerk zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck aus der Flasche.

"Es stimmt, dass wir uns nicht richtig verstanden haben, Pa und ich ..."

"Das ist noch sehr harmlos ausgedrückt!"

"Über den Anschlag wurde doch in allen Zeitungen berichtet. Da habe ich gleich den nächsten Zug genommen!"

"Und jetzt hoffst du auf Geld aus dem Erbe?"

Jetzt endlich wandte er sich zu ihr herum.

Er verzog den Mund zu einer zynischen Maske.

"Warum nicht?", meinte er.

"Es wäre wohl das erste Mal in deinem Leben gewesen, dass du keine Geldschwierigkeiten gehabt hättest, nicht wahr, Hinnerk?"

"Irgendwann ist immer das erste Mal, Schwester. Das solltest du inzwischen wissen."

Dann veränderte sich sein Gesicht.

Er versuchte mit der Linken eine versöhnliche Geste und stellte schließlich die Flasche ab. Er kam ein paar Schritte näher, aber Undine wich zurück.

Er ist mein Bruder!, dachte sie. Aber im Grunde weiß ich kaum etwas über ihn!

Seit Jahren hatte es keinerlei Kontakte zwischen ihr und Vater auf der einen und ihm auf der anderen Seite gegeben. Zunächst war noch regelmäßig mit der Forderung nach mehr Geld bei Ihno Lübbert vorstellig geworden. Aber der hatte schließlich die Geduld verloren und bei irgendeiner nichtigen Gelegenheit war es dann zum endgültigen Bruch gekommen.

Lübbert hatte weiterhin regelmäßig Beträge an Hinnerk überwiesen, aber sie hatten seit damals kein Wort mehr miteinander gesprochen.

All die langen Jahre hindurch.

Und nun, da Ihno Lübbert tot war, da tauchte er wieder aus der Versenkung auf.

"Wir haben verschiedene Ansichten, Undine, aber das sollte uns doch nicht daran hindern, miteinander auszukommen!"

"Nein, Hinnerk. Das geht viel tiefer."

"Und wenn schon! Schließen wir Waffenstillstand!"

Undine überlegte kurz. "Okay...", murmelte sie dann.

"Sieh mal, ich werde nicht lange hierbleiben. Die Beerdigung ist morgen, nicht wahr?"

"Ja."

"Okay ..."

"Ich hoffe, du hast etwas Anständiges anzuziehen."

"Keine Sorge, ich habe dran gedacht."

"Wenigstens etwas!"

"Und das Testament?"

"Was soll damit sein?"

"Na, wann die Testamentseröffnung ist? Pa war ja schließlich keine arme Kirchenmaus."

Undines Blick wurde sehr ernst. Sie musterte ihren Bruder kühl.

"Du bist einzig und allein deswegen gekommen, nicht wahr, Hinnerk?"

Er wich ihrem Blick aus und schien sich in diesem Moment nicht allzu wohl in seiner Haut zu fühlen. Dann meinte er bissig: "Und wenn schon!"

"Ich habe mir so etwas in der Art gedacht, Hinnerk."

"Was ist schon dabei! Ich nehme meinen Teil und verschwinde. Du siehst mich nie wieder, Undine, das ist versprochen!"

Undine verzog den Mund.

"Dir passt Pas Tod gut in den Kram, nicht wahr, Hinnerk?"

Hinnerk runzelte die Stirn.

"Was soll das?"

"Gib es zu!"

"Ja, gut, ich gebe es zu! Etwas Besseres hätte mir gar nicht passieren können, als dass jemand daherkommt und ihn niederschießt! Wer weiß, wie lange ich sonst noch auf mein Geld hätte warten müssen!"

Undine lachte freudlos.

"'Mein Geld!' - Eine feine Art hast du, das auszudrücken!"

"Was soll das ganze eigentlich? Soll das eine Art Verhör sein? Denkst du vielleicht, ich hätte Pa auf dem Gewissen?"

"Ein Motiv hättest du doch, oder etwa nicht? Du hast es vorhin ja selbst zugegeben!" Sie musterte ihn kurz, sah wie er mit zitterigen Fingern nach der Flasche griff und sie zum Mund führte.

Dann schüttelte sie energisch den Kopf.

"Nein, Hinnerk, ich denke, es ist ziemlich ausgeschlossen, dass du es warst. Schau dir nur deine Hände an ... Du bist doch gar nicht in der Lage, eine Waffe ruhig genug zu halten, um damit jemanden zu treffen."

Hinnerk lief puterrot an und knurrte ärgerlich vor sich hin.

"Man muss stets versuchen, aus den Dingen seinen Nutzen zu ziehen, ganz gleich in welche Richtung sie laufen", meinte Hinnerk dann, nachdem er einen kräftigen Schluck genommen hatte. "Ich habe gewusst, dass es irgendwann so weit sein würde. Und jetzt ist es eben so weit. Jetzt hat er die Kugel im Schädel, die schon vor langer Zeit für ihn bestimmt gewesen ist."

"Gute Nacht, Hinnerk. Ich hoffe, du verschwindest hier möglichst schnell wieder."

"Gute Nacht, Schwester! Sobald ich mein Geld habe, kann ich mir jedes Hotel leisten!"

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Es war eine üble Absteige, rund um die Uhr geöffnet und im Drei-Schicht-System mit jeweils wechselnden Portiers besetzt. Aber für den Mann, der in diesem Augenblick durch die Tür trat, war es genau das Richtige.

Der Mann war hochgewachsen und schlecht gekleidet und trat mit bedächtigen Schritten auf den Tresen zu, hinter dem der Nachtportier saß.

Dieser schreckte von seiner Illustrierten hoch, in der er Kreuzworträtsel gelöst hatte.

Der Portier musste schlucken, als er das Gesicht seines Gegenübers sah. Im Schein der Neonröhre war die Narbe gut sichtbar, die die rechte Gesichtshälfte verunstaltete.

"Moin! Was wollen Sie?", fragte der Portier.

"Ich wohne hier."

Der Portier runzelte die Stirn, während der Mann mit der Narbe mit der flachen Hand auf den Tresen schlug. Seine Augen waren kaum mehr als schmale Schlitze, sein Mund ein dünner Strich.

Der Portier hatte diesen Mann noch nie gesehen, aber bei dem schichtweise wechselnden Personal war das auch kein Wunder.

"Welche Nummer?"

"Dreiundzwanzig."

Der Portier drehte sich herum und ging zu dem Nagelbrett, an dem die Schlüssel hingen. Schließlich hatte er den richtigen gefunden und knallte ihn eine Sekunde später auf den Tresen.

"Hier, Herr ..."

Der Narbige hob den Kopf und unterzog sein Gegenüber einer kurzen Musterung.

"Brücker!", flüsterte er dann.

Es war der Name, unter dem er sich eingetragen hatte, aber es war nicht sein wirklicher.

"Wollen Sie morgen früh Frühstück, Herr Brücker?"

"Nein."

Der Portier zuckte mit den Schultern.

"Wie Sie wollen ..."

"Noch was?"

"Nein."

"Das ist gut. Sie quatschen nämlich zu viel!"

"Ich dachte nur ..."

"Gute Nacht!"

Der Mann, der sich Brücker nannte, drehte sich um und ging die Treppe hinauf, um zu seinem Zimmer zu gelangen. Die Stufen knarrten entsetzlich ...

Es hat mich niemand gesehen, dachte er und fühlte die Schalldämpfer-Pistole in der Tasche seiner Parka. Verdammt, es ist alles in Ordnung! Alles läuft wie am Schnürchen!

Aber Brücker war unruhig.

Er fühlte seinen Puls schlagen, obwohl es dafür doch eigentlich keinen Anlass gab. Bradenbach war tot und die Gefahr, die er dargestellt hatte, vorüber.

Brücker öffnete die Tür zu seinem Zimmer und verschloss sie sogleich sorgfältig hinter sich.

Dann atmete er tief durch.

Es war noch nicht zu Ende!

Roy Bradenbach war nicht der Letzte auf seiner Liste!

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Als Björn Kilian am nächsten Morgen ins Büro kam, schlug ihm gleich Eltjes helle Stimme entgegen.

"Björn! Du kommst gerade richtig!"

"Was ist denn?"

"Telefon!"

Sie hielt den Hörer in der Hand.

Björn behielt den Mantel an. Er hatte es so im Gefühl, dass es sich vielleicht nicht lohnte, ihn auszuziehen.

"Wer ist es?"

"Hauptkommissar Remmers."

Björn nahm den Apparat ans Ohr.

"Tammo?"

"Ja, ich bin's!"

"Moin."

"Auch Moin."

"Sag bloß, die Polizei arbeitet schon zu dieser frühen Stunde!"

"Jetzt ist keine Zeit für Witze, Björn! Wir wollen Markovic einen Besuch abstatten! Und da dachte ich, dass du vielleicht gerne dabei sein möchtest!"

Björn musste unwillkürlich grinsen.

"Schön, dass du an mich gedacht hast ...", meinte er mit einem deutlich sarkastischen Unterton.

In Wahrheit konnte das nur heißen, dass Remmers bei seinen Ermittlungen gegen Markovic auf der Stelle trat und er von oben Druck bekommen hatte.

Nun, es war Björn einerlei, worin die großzügige Kooperationsbereitschaft letztlich begründet lag.

"Wir sind schon auf dem Weg!", meinte Remmers. "Halte dich bereit! Wir kommen bei dir vorbei und laden dich ein!"

"Okay!"

Björn legte auf.

Er würde Markovic einige Fragen zu stellen haben. Und es konnte sicher nicht schaden, den Antworten genau zuzuhören. Vielleicht kam ja etwas dabei heraus.

Björn stand einen Augenblick lang nachdenklich da, dann holte er sein Smartphone aus seiner Tasche und holte ein Foto auf das Display. Ein Foto jener Liste, auf der ein paar Namen standen, die er in Remmers' Büro fotografiert hatte.

"Was ist das?", fragte Eltje.

"Eine Liste", murmelte Björn lakonisch. "Habe ich dir auch zugeschickt."

"Ich weiß. Trotzdem weiß ich nicht, was das ist."

"Eine Liste von Männern, die allesamt zu Markovics Organisation gehörten oder mit ihm zu tun hatten - und nun mausetot sind."

Eltje warf einen Blick darauf.

"Joel Gärtner ...", entzifferte sie. "Sag mal, können wir das nicht auf dem Großbildschirm lesen?"

"Ein Barbesitzer", meinte Björn. "Aber das war vermutlich nur Tarnung."

"Was machte er wirklich?"

"Er handelte mit Crack und anderen synthetischen Drogen. Und zwar im großen Stil. Leider wird man es ihm jetzt wohl kaum noch nachweisen können."

"Und wer ist das? Ferry Kräwinkel?"

"Ein Hehler."

"Für was?"

"Alles, was sich denken lässt."

"Genau wie Roy Bradenbach, dein Informant!"

"Ja, aber Kräwinkel war ein paar Nummern größer." In Gedanken setzte Björn die Namen Bradenbach und Lübbert hinzu.

Aber sie schienen irgendwie nicht zu passen. Bradenbach nicht, weil er ein zu kleiner Fisch gewesen war, und Lübbert nicht, weil er seit Jahrzehnten ein seriöser Geschäftsmann war, der mit Markovic und seiner Organisation nichts zu tun gehabt hatte ... Irgendetwas stimmt hier nicht, dachte Björn unwillkürlich. Er schob Eltje die Liste hinüber.

"Hier!", meinte er und öffnete dann ein Dokument. "Ich habe sie mir schon dutzendfach angeschaut - alle Daten, die mir wichtig erschienen, habe ich zusammengetragen ..."

"Lässt Remmers dich immer noch an das Datenverbundsystem der Polizei? Oder hast du noch irgendwo einen alten Kollegen, der dir seinen aktuellen Zugangscode ausleiht?"

Björn Kilian gab darauf keine Antwort.

Manche Geheimnisse musste man eben am besten einfach bewahren.

So hatte er es schon immer gehalten.

Vier Namen standen jetzt auf dem Display.

Außer Kräwinkel und Gärtner noch der von Jonny Michaelsen, der ein Inkasso-Büro betrieb und unter anderem für Markovic Schulden eintrieb, sowie Rainer Gregor, der ein Büro betrieb, das unter anderem im Verdacht stand, Söldner zu vermittelten.

Vermutlich hatte Gregor seine Finger aber auch im internationalen Waffenhandel und vermittelte Mordaufträge an professionelle Killer.

Einmal war er deswegen schon festgenommen worden. Man hatte sein Büro abgehört und ihn dabei erwischt, wie er sich gerade um die Belange eines Klienten kümmerte, der einen unliebsamen Konkurrenten aus dem Weg geräumt haben wollte. Aber man hatte Rainer Gregor wieder freilassen müssen, weil den Beamten ein schwerwiegender Formfehler passiert war, der dazu geführt hatte, dass das gesamte Beweismaterial nicht berücksichtigt werden konnte.

In den letzten Jahren hatte sich Gregor besser vorgesehen und alles vermieden, mit der Polizei in Konflikt zu kommen. Aber niemand, der sich in der Szene auskannte, zweifelte daran, dass er noch war aktiv war.

"Rechnet man Lübbert und Bradenbach hinzu, dann haben alle gemeinsam, dass sie etwa im selben Alter sind!", meinte Björn. "Genau wie Markovic. Und sie haben auch alle zusammen etwas mit organisiertem Verbrechen zu tun. Sie sind in diesem Sumpf zusammen groß geworden. Einer hat den anderen abgestützt. Nur Lübbert ist da irgendwann ausgestiegen."

"Und zum seriösen Geschäftsmann mutiert?"

"Ja."

"Wenn Markovic es ist, der sie alle - einer nach dem anderen - von einem Profi killen lässt, dann verstehe ich nicht, warum er das tun sollte!"

Er zuckte die Achseln.

"Mal sehen, was Markovic so ausspuckt", meinte er dann.

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Eine Viertelstunde später saß Kilian neben Hauptkommissar Remmers auf dem Rücksitz eines Streifenwagens.

"Wohin geht es jetzt?", fragte Björn.

"In Markovics Büro. Dort sind wir mit ihm verabredet!"

"Oh, ihr habt euch richtig schön brav angemeldet!"

"Und wenn schon ..."

"Ich habe ja nichts gesagt, Tammo!"

"Dann will ich auch nichts gehört haben."

"Ihr sitzt fest, nicht wahr? Gegen Markovic kommt ihr nicht weiter, da beißt ihr auf Granit!"

"Björn, du weißt doch selbst, was das für einer ist ..."

"Natürlich weiß ich das!"

"Okay, du hast recht! Es ist genauso, wie du vermutet hast: Wir stecken fest! Alles sieht nach einer Säuberungsaktion Markovics in den eigenen Reihen aus ... Alle Opfer wurden mit derselben Waffe erschossen."

"Das steht inzwischen fest?"

"Ja. Felsenfest. Übrigens wurden mit dieser Waffe auch Ihno Lübbert und Roy Bradenbach erschossen!"

"Dann wird es auch derselbe Täter gewesen sein, der sie abgedrückt hat, nicht wahr?"

"Sieht so aus, Björn."

"Sollte man von einem wirklichen Profi nicht erwarten, dass er nach jedem Mord die Waffe verschwinden lässt und sich eine andere besorgt - schon allein, um es unmöglich zu machen, irgendwelche Verbindungslinien zu ziehen ..."

Remmers zuckte mit den Schultern.

"Wahrscheinlich hat jeder Killer seine eigenen Methoden, Björn!"

"War ja nur so ein Gedanke."

Björn machte eine unbestimmte Geste mit der Hand und zuckte mit den Schultern.

Dann fuhr er nachdenklich fort: "Trotzdem scheinen mir Lübbert und Bradenbach nicht so ganz in die Serie hineinzupassen ... Aber warten wir erst einmal ab, was Markovic uns zu erzählen hat."

"Am Telefon schien er mir ganz zugänglich", meinte Remmers.

"Machte ganz einen auf seriösen Geschäftsmann."

"Das war ja schon immer seine Tour."

"Richtig, Björn. Entweder er hat wirklich nichts mit den Morden zu tun - was ich nicht glaube – oder ..."

"Oder?"

"Oder aber er fühlt sich verdammt sicher!"

"Und das wahrscheinlich mit Recht! Er war ja schließlich immer sehr vorsichtig."

Tammo Remmers verzog das Gesicht.

"Dieser verdammte Hund tanzt uns schon viel zu lange ungestraft auf der Nase herum!" Remmers schnappte nach Luft und ächzte.

"Was ist mit dem Killer?", fragte Björn unvermittelt.

"Du meinst den mit der Narbe!"

"Ja."

"Fehlanzeige!"

"Was?"

"Ja, in den Polizeiarchiven gibt es nichts über einen Killer mit einer solchen Narbe!"

"Das ist seltsam ..."

"Tut mir leid, aber es ist so! Ich habe ihn in die Fahndung gegeben. Ein Phantombild ist an die Presse gegangen. Vielleicht kommt ja etwas dabei heraus."

"Hoffentlich! Dieser Mann ist schließlich nicht gerade unauffällig, was seine äußere Erscheinung angeht. Irgendjemand muss ihn ja sonst noch gesehen haben! Schließlich muss der Kerl irgendwo schlafen, er muss sich ernähren ..."

"Täusch dich da nicht, Björn! Auch mitten im reichen, konsumorientierten Deutschland kann man wie ein Eremit leben! Ich hoffe nur, dass dieser Stadtstreicher dir nicht einen Bären aufgebunden hat!"

Björn schüttelte energisch den Kopf.

"Nein, daran glaube ich nicht."

Björn seufzte.

Dass der Killer mit der Narbe nicht in den Archiven zu finden war, konnte einerseits bedeuten, dass dieser Täter bisher noch nicht einschlägig in Erscheinung getreten war. Und das würde die Suche nach ihm nicht gerade erleichtern.

Die andere Möglichkeit war, dass er seine Narbe noch nicht allzu lange hatte ...

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Darko Markovic residierte in einem Bürogebäude mit Blick auf den Dollart. Markovic war Sohn jugoslawischer Gastarbeiter. Sein Vater hatte einst bei VW in Emden gearbeitet. Inzwischen gab es Jugoslawien schon lange nicht mehr. Und Markovic war seit Langem deutscher Staatsbürger.

Drei Etagen hatte Markovic gemietet - und um das bezahlen zu können, musste er schon einiges auf den Tisch blättern. Seinen Geschäften konnte es also nicht allzu schlecht gehen. Als Kilian und Remmers mit dem Aufzug im obersten Stock angekommen waren, versperrten ihnen zwei bärenhafte Gorillas den Weg, die nicht die Absicht zu haben schienen, sie weiter vorzulassen.

Remmers zeigte seine Marke, aber das beeindruckte sie wohl nicht allzu sehr.

Der eine bleckte nur angriffslustig die Zähne und blickte verächtlich auf den Hauptkommissar herab.

"Moin."

"Moin."

"Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?"

"Wir sind mit Herrn Markovic verabredet!"

"Davon wissen wir nichts!"

"Dann schlage ich vor, Sie fragen mal eben kurz Ihren Chef!", mischte Björn sich ein. "Schätze, dann ersparen Sie uns und Ihnen einigen Ärger!"

Die Kerle wechselten einen Blick und schienen einen Augenblick nachdenken zu müssen. Dem äußeren Anschein nach schienen sie über jede Menge Muskeln zu verfügen, aber um ihre geistigen Gaben schien es nicht ganz so gut bestellt zu sein. Dann kam ein kleiner, hagerer Mann mit einer unwahrscheinlich dicken Hornbrille.

"Wer ist das?", fragte er die beiden Gorillas.

"Polizei. Die wollen zum Chef."

Die Hornbrille kam näher und wandte sich an Kilian.

"Remmers?"

Björn deutete neben sich.

"Nein, das hier ist Remmers! Ich begleite ihn nur." Die Hornbrille nickte den Gorillas zu. "Das geht schon in Ordnung, Leute. Der Chef erwartet diese Herren bereits!"

"Na endlich!", brummte Remmers.

"Lässt du dich eigentlich immer so behandeln, Tammo?", zischte Björn dem Hauptkommissar zu, woraufhin dieser nur etwas Unverständliches vor sich hin knurrte.

"Wenn Sie mir bitte folgen würden!", meinte die Hornbrille.

Der kleine Mann rückte sich die Krawatte zurecht und ging dann vorneweg.

"Ein paar nette Mitarbeiter haben Sie da aber!", meinte Björn sarkastisch.

"Sie müssen schon entschuldigen!", erwiderte die Hornbrille eilfertig. "Sie sind etwas ungehobelt, aber sie verstehen ihr Fach ..."

Björn grinste.

"Das glaube ich Ihnen aufs Wort."

Sie gingen durch eine Tür, dann eine weitere, kamen durch ein Vorzimmer mit zwei Sekretärinnen und dann standen sie schließlich vor jener Tür, die zum Büro des großen Darko Markovic führte.

Die Hornbrille drücke auf den Knopf an der Sprechanlage.

"Herr Markovic? Remmers ist da!"

Keine Antwort.

"Sollen wir hereinkommen, Herr Markovic?" Immer noch keine Antwort.

Die Hornbrille schien ratlos zu sein und runzelte die Stirn.

"Herr Markovic ..."

"Ist er auch bestimmt in diesem Büro?", fragte Björn eine der Sekretärinnen.

"Aber sicher doch!", beeilte diese sich. "Und wenn er herausgekommen wäre, dann hätten Lucy und ich ihn ja wohl sehen müssen, oder?"

Björn zuckte mit den Schultern.

"Einen zweiten Ausgang gibt es nicht?"

"Nein."

"Da stimmt etwas nicht!", meinte die Hornbrille.

"Sehen wir mal nach", murmelte Björn entschlossen.

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Sie traten durch die Tür und Björns Rechte ging instinktiv zum Schulterholster, als er Markovic mit einem kleinen, runden Loch mitten in der Stirn hinter dem protzigen Schreibtisch sitzen sah.

Björns Blick ging durch den Raum, aber es war ihm schon nach wenigen Augenblicken klar, dass hier schon alles gelaufen war.

So ließ er dann die Waffe wieder stecken.

"Scheint, als kämen wir zu spät", murmelte Björn. Langsam näherten sie sich dem Schreibtisch. Markovic blickte ihnen mit starren, toten Augen entgegen.

"Oh, mein Gott!", stöhnte die Hornbrille. Und dann waren auch die beiden Sekretärinnen hereingekommen und stießen jeder einen Laut der Verwunderung und des Schreckens aus.

"So'n Schiet!", schimpfte Remmers.

Und er hatte allen Grund dazu.

Es war sicher nicht Trauer um einen Verbrecher, auf dessen Konto vermutlich auch der eine oder andere bezahlte Mordauftrag ging. Es war wohl eher die Tatsache, dass er jetzt völlig von vorne anfangen musste.

Mit der Linken wischte Remmers sich den Schweiß von der Stirn. Dann wandte er sich an die Hornbrille.

"Schätze, das ist jetzt unser Job!"

Der kleine, dünne Mann nickte.

"Sicher!"

Remmers nahm sein Handy und rief die Kollegen.

Sollte die Spurensicherung das Büro mal richtig unter die Lupe nehmen ...

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Als sich der erste Schrecken bei den Anwesenden gelegt hatte, sprach Björn die beiden Sekretärinnen an. Die eine war klein und brünett, die andere hochgewachsen, schlank und rothaarig.

"Ist irgendjemand hier herausgekommen oder hineingegangen? Bitte überlegen Sie gut!"

Die Brünette schüttelte energisch den Kopf.

"Nein, ich habe niemanden gesehen!", meinte sie. Ihr Gesicht, das wenige Augenblicke zuvor noch eine frische, rosige Farbe gehabt hatte, war indessen bleich geworden.

"Aber irgendjemand muss hier gewesen sein!", beharrte Björn.

"Wann ist Herr Markovic denn heute ins Büro gekommen?"

"Etwa eine halbe Stunde, bevor Sie hier aufgekreuzt sind."

"Ist das seine übliche Zeit?"

"Ja. Meistens kommt er sogar noch früher. Er ist ein sehr hart arbeitender, fleißiger Mann. Ich meine, er war ..."

"Moment mal!", meinte dann die Rothaarige. Björn horchte auf und sah ihr direkt in die Augen, in denen es jetzt verheißungsvoll blitzte.

"Ja?"

"Da war doch jemand in Herrn Markovics Büro?"

"Was Sie nicht sagen ..."

"Ja. Ein Heizungsmonteur. An der Zentralheizung ist gearbeitet worden und es sollte jemand kommen, um zu überprüfen, ob sich Luft in den Heizkörpern gestaut hat. Das ist im Grunde etwas ganz Normales. Wissen Sie, wir haben nämlich Probleme mit der Heizung im Haus und deswegen war schon ein paar Mal jemand hier."

"Es war ein Mann?"

"Ja. Aber so jemanden beachtet man ja gar nicht weiter. Und er kam, bevor Herr Markovic sein Büro betrat und verließ es wieder ein paar Sekunden, nachdem der Chef eingetreten war."

"Hat jemand von Ihnen Markovic danach noch einmal lebend gesehen?"

"Nein!", sagte die Rothaarige.

Und auch die Brünette schüttelte den Kopf. "Nein" meinte sie.

"Er hat auch nicht die Sprechanlage benutzt. Jetzt erinnere ich mich auch. Hatte der Mann nicht so eine hässliche Narbe - mitten über das Gesicht?"

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Eine halbe Stunde später war das Büro von Darko Markovic von einem halben Dutzend Polizisten bevölkert, die nach jeder noch so kleinen Spur suchten.

Remmers hatte indessen die Hornbrille verhört, die auf den Namen Martin Jörgensen hörte.

Aber Jörgensen hatte sich ziemlich zugeknöpft gegeben. Es war nicht viel bei der Sache herausgekommen. Jetzt stand Remmers mit einer Kaffeetasse in der Hand da und nippte unlustig an dem Gebräu, das ihm die Rothaarige aufgesetzt hatte.

Björn klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.

"Nimm's nicht so tragisch, Tammo!"

"Ah, du hast gut reden!"

"Ich weiß gar nicht was du hast, Tammo! Immerhin kannst du hier jetzt endlich mal das Unterste zuoberst kehren! Das wolltest du immer schon, nicht wahr? Einmal in Markovics Heiligstem herumwühlen ..."

"Ja, schon ..."

"Na, also! Wenn das nichts ist! Und nun kann dir niemand Steine in den Weg legen! Mord ist ein Offizialdelikt, das in jedem Fall verfolgt werden muss! Es wird also keine Schwierigkeit mehr sein, jeden Durchsuchungsbefehl in dieser Sache zu bekommen, den du brauchst."

"So habe ich das noch nicht gesehen. Aber andererseits tappen wir jetzt völlig im Dunkeln, was hinter diesen Morden steckt. Eine Säuberungsaktion Markovics in seiner Organisation scheidet jetzt wohl endgültig aus ..."

"Ja, schließlich ist nicht anzunehmen, dass Markovic sich selbst liquidieren ließ."

"Wie dem auch sei, Björn. Einen Unschuldigen hat es jedenfalls nicht getroffen."

"Es wird jetzt wohl eine Reihe von Kämpfen um die Thronfolge in der Organisation geben."

"Ja, das ist zu befürchten", stimmte Björn zu. Als der Privatdetektiv sich dann zum Gehen wandte, runzelte Remmers die Stirn. "Was hast du jetzt vor?"

"Ich werde mir ein Taxi nehmen und zu Lübberts Beerdigung fahren", meinte er.

"Versprichst du dir davon etwas?"

Björn zuckte mit den Schultern.

"Kann ich noch nicht sagen. Aber da muss irgendein entscheidender Faktor sein, den wir noch nicht kennen. Irgendeine Gemeinsamkeit zwischen den Opfern. Und Lübbert hat eine Schlüsselstellung auf der Liste."

"Wieso?"

"Weil er offensichtlich herausfällt. Alle außer ihm waren vermutlich auf die eine oder andere Weise in der Unterwelt aktiv. Nur Lübbert nicht. Seine zweifelhafte Zeit liegt schon sehr lange zurück."

"Cornelius hat mir gesagt, dass es da einen geklebten Brief gab ..."

"Ja, Tammo. Und das ist auch so einer Merkwürdigkeit. DU RATTE, DEIN LEBEN IST ZU ENDE. Könnte nach Markovic klingen, so dachte ich mir erst. Aber wenn der Kerl mit der Narbe sowohl Lübbert wie Markovic umgebracht hat, muss etwas anderes dahinterstecken!"

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Björn Kilian ließ sich von einem Taxi zurück zu seinem Büro bringen. Von dort fuhr er dann mit seinem eigenen Wagen hinaus zu dem Friedhof, wo Ihno Lübbert zur letzten Ruhe gebettet wurde.

Er würde nicht mehr pünktlich kommen, aber das störte Björn nicht besonders. Die Predigt interessierte ihn ohnehin nicht sonderlich, eher schon, wer sich auf dieser Beerdigung alles einfand.

Vielleicht konnte das irgendwelchen Aufschluss geben, auch wenn er da nicht allzu zuversichtlich war.

Und dann musste er unbedingt mit Undine Lübbert sprechen. Nach wie vor hatte er das dumpfe Gefühl, dass sie ihm etwas Entscheidendes vorenthielt.

Als Björn den richtigen Friedhof erreicht hatte, war es bereits früher Nachmittag und alles schien schon annähernd vorbei zu sein.

Der Sarg war längst in der Erde versenkt, der Geistliche hatte seine salbungsvollen Worte gesprochen und dann gingen sie einer nach dem anderen zum Grab.

Björn stellte seinen Wagen irgendwo in der Nähe ab und wartete am Ausgang des Friedhofs.

Es lag nicht in seiner Absicht, irgendjemanden in seiner Trauer zu stören.

Er rieb sich die Hände, um sie zu wärmen und beobachtete die kleine Ansammlung von Menschen, die Ihno Lübberts Sarg gefolgt war. Es waren nicht viele - nicht, wenn man bedachte, dass Ihno Lübbert kein ganz unwichtiger Mann war.

Undine war da, mit einem dunklen Schleier vor dem Gesicht - und natürlich Hinnerk Lübbert, ihr zwielichtiger Bruder. Hinnerk hatte eine rote Nase und Björn war sich nicht schlüssig darüber, ob die von der Kälte herrührte ...

"Moin! Na, wie geht's, Schnüffler?"

Björn wirbelte herum und sah einen Cowboyhut und ein freches Grinsen.

Es war Cornelius.

Offensichtlich hatte er dieselbe Idee gehabt wie Björn und sich die Trauergesellschaft einmal aus sicherer Entfernung angesehen.

"Schon weitergekommen?", fragte Björn nicht ohne eine Portion Spott in der Stimme.

Cornelius schüttelte den Kopf.

"Nee. Alles deutete auf Markovic ..."

"Und der ist jetzt tot!"

Cornelius nickte.

"Hauptkommissar Remmers hat es mir vorhin durchgegeben!" Er machte ein nicht besonders glückliches Gesicht. Seine Mundwinkel wirkten irgendwie verkniffen. "Diese Mordserie ist ja jetzt Chefangelegenheit!", zischte er.

Björn lächelte dünn.

"Sie wollen sich die Sporen lieber allein verdienen, was, Cornelius?"

Cornelius machte eine wegwerfende Geste.

"Was dagegen?"

"Nein."

"Man muss ja schließlich vorwärtskommen!"

"Mir geht es in erster Linie darum, einen kaltblütigen Killer aufzuspüren!"

Die Blicke der beiden Männer begegneten sich kurz, dann zuckte Cornelius mit den Schultern.

"Spielt doch eigentlich keine Rolle, warum jemand etwas tut, finden Sie nicht auch?"

"Ich weiß nicht, ob ich mich da Ihrer Meinung anschließen kann ..."

"Die Hauptsache ist und bleibt, was am Schluss dabei herauskommt, Herr Kilian! Nichts anderes!"

Björn hatte keine Lust, die Diskussion zu vertiefen. Er deutete zu den Trauernden.

"Vielleicht können Sie mir weiterhelfen, Herr Cornelius." Cornelius verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

"Wenn's sein muss."

"Ich kenne Frau Undine und ihren Bruder Hinnerk ..."

"Den Säufer ..."

"Ja, genau den. Vielleicht können Sie mir bei den anderen weiterhelfen."

"Es sind Leute der Ihno Lübbert Holding", meinte Cornelius.

"Buchhalter, Börsenmakler und solche Leute."

"Dort sehe ich ja auch unseren Freund Petersen. Haben Sie dem eigentlich mal richtig auf den Zahn gefühlt, Cornelius?" Cornelius Augen wurden zu schmalen Schlitzen. "Was ist mit diesem Petersen?"

"Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass er ein Motiv haben könnte ..."

"Ich habe mit ihm gesprochen."

Kilian zog die Augenbrauen hoch.

"Und?"

"Er war nicht sehr auskunftsfreudig. Meinen Sie, dass er Lübbert auf dem Gewissen haben könnte?"

Björn zuckte mit den Schultern.

"Normalerweise ja. Aber es fehlt die Verbindung zu Markovic ..."

Die Trauergesellschaft löste sich nun langsam auf. Björn wartete, bis Undine in der Gesellschaft ihres Bruders herankam. Hinnerk machte ein missmutiges Gesicht, während von Undines hübschem Antlitz auf Grund des dunklen Schleiers nicht viel zu sehen war.

"Herzliches Beileid, Undine ...", murmelte Björn und nahm ihre Hand.

"Danke", war die knappe Erwiderung.

"Undine, ich muss unbedingt mit Ihnen reden."

"Jetzt?"

"Ja. Jetzt sofort. Drüben steht mein Wagen ..." Aus irgendeinem Grund schien sie davon nicht allzu sehr begeistert zu sein.

Sie war heute auffällig kühl und abweisend.

"Ich bin selbst mit dem Wagen hier, Björn!" Hinnerk Lübbert unterzog Björn Kilian einer kritischen Musterung. In seinen Zügen stand deutlich so etwas wie Verachtung, vielleicht auch ein bisschen Unbehagen.

"Ist irgendetwas geschehen?", fragte Hinnerk. Björn nickte.

"Allerdings ..."

Hinnerk zog die Augenbrauen hoch. Und dann konnte Cornelius sich nicht mehr zurückhalten und meinte: "Markovic ist erschossen worden!"

Es dauerte eine Sekunde, bis einer der beiden Geschwister dazu etwas sagte.

Zu Schade!, durchfuhr es Björn. Undine hatte noch immer in den Schleier vor ihrem Gesicht, aber gerade in diesem Augenblick hätte er gerne ihre Reaktion auf diese Nachricht gesehen.

Hinnerk machte jedenfalls keinen besonders überraschten Eindruck.

"Das ist doch der Kerl, der Pa auf dem Gewissen hat, nicht wahr?", wandte er sich an seine Schwester.

"Ja", murmelte Undine fast tonlos. Und dann setzte sie noch hinzu: "Das kommt sehr überraschend!" Björn nickte.

"Nicht nur für Sie, Undine."

"Erwarten Sie nicht, dass ich ein Wort des Bedauerns oder des Mitgefühls für Darko Markovic hätte."

"Nein, das erwarte ich nicht."

"Wer immer ihn umgebracht hat, ich würde ihm von Herzen danken, wenn er hier vor mir stünde. Markovic hat Pa umgebracht und dafür hat er zahlen müssen. So sehe ich das. Es mag hart klingen, aber ich empfinde nun einmal so." Björn zuckte mit den Schultern.

Dann setzte er noch einmal an.

"Sie irren sich, Undine."

"Inwiefern, Björn?" Sie schüttelte energisch den Kopf und ehe Björn etwas sagen konnte, war sie bereits fortgefahren. "Sie haben keine Ahnung, wie es in meinem Inneren aussieht, Björn! Was wissen Sie schon!"

Ihre Stimme klang bitter. Björn wartete erst einmal ab und hörte ihr zu.

Dann begann er: "Nun ..."

"Björn, Sie haben sich wunderbar für meine Angelegenheiten eingesetzt. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Ich bin vollauf mit Ihnen zufrieden."

Björn Kilian begann zu spüren, dass der Wind jetzt mit einem Mal aus einer anderen Richtung blies. Und so überraschte ihn das, was dann über die Lippen der schönen Undine kam auch nicht mehr sonderlich - wenn er es auch noch nicht vollständig begriff.

"Ihr Job ist beendet, Björn Kilian!"

Björn verzog das Gesicht.

"Beendet?"

"Ja. Der Mann, der meinen Vater jahrelang in Angst leben und ihn dann umbringen ließ, hat seine gerechte Strafe bekommen. Ob es ein Gericht oder irgendein Killer war, der ihn über den Jordan geschickt hat - das spielt vielleicht für einen Juristen eine gewisse Rolle. Aber nicht für mich!" Ein mattes Lächeln begann um Björns Lippen zu spielen.

"Ich wusste gar nicht, dass Sie so hart sein können!"

"Ereignisse verändern Menschen. Vielleicht ist das alles etwas zu viel für mich. Der Tod meines Vaters, dieser feige Mord. Pa und ich - wir standen uns wirklich sehr nahe, Björn!"

"Schon gut! Aber wie dem auch immer sei: Sie irren sich gewaltig!"

"Inwiefern?"

"Diese Sache ist keineswegs zu Ende!"

"Und warum nicht?"

"Der Mörder von Markovic ist auch der Mörder Ihres Vaters gewesen."

Undines Gesicht erstarrte und ihre Stirn legte sich in Falten. Bei Hinnerk, ihrem Bruder, traten die Augen vor Verwunderung stark aus ihren Höhlen hervor.

"Ist das sicher?", fragte Undine dann. Björn nickte.

"Ja."

Sie machte eine Geste der Hilflosigkeit.

"Aber wo ist da ein Zusammenhang? Wo eine Verbindung? Der Gedanke, dass mein Vater und Markovic einen gemeinsamen Feind haben - das ist doch absurd!"

"Es scheint aber so zu sein!"

Björn Kilian rieb sich nachdenklich das Kinn und dann sah er aus den Augenwinkeln einen Sportwagen heranbrausen, dessen Scheiben verdunkelt waren.

In der nächsten Sekunde brach die Hölle los ...

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Die Seitenscheibe des Wagens war an der Fahrerseite ein Stück nach unten geglitten und etwas Dunkles ragte ein paar Zentimeter hinaus.

Es ging alles sehr schnell und dauerte kaum länger als einen Augenaufschlag.

"Achtung!", rief Björn, der als Erster begriffen hatte, was hier gespielt wurde - noch bevor die anderen den dunklen Sportwagen überhaupt zur Kenntnis genommen hatten.

Fast lautlos pfiffen die Projektile durch die Luft. Manche schlugen gegen die Sandsteinmauer, die den Friedhof umgrenzte und wurden als gefährliche Querschläger weiter auf die Reise geschickt.

Cornelius griff nach seiner Dienstwaffe, die er in einem Schulterholster trug, aber noch ehe er sie in Anschlag gebracht hatte, war er bereits getroffen worden. Ein paar Zentimeter unterhalb der Brust entstand ein roter Fleck, er ächzte, krümmte sich und klappte dann zusammen wie ein Taschenmesser. Auch Hinnerk Lübbert hatte es offensichtlich erwischt. Eine Mischung aus Fluch und Schmerzensschrei ging über seine Lippen, als ihn die Wucht eines Geschosses erwischte und nach hinten gegen die Sandsteinmauer riss, an der er dann zu Boden rutschte.

Björn warf sich blitzschnell auf die neben ihm stehende Undine und nahm sie mit sich Boden, während ein paar Geschosse über sie beide hinweggingen.

Die kleine Menschenansammlung, die sich am Ausgang des Friedhofs gebildet hatte, stob auseinander. Menschen schrien laut um Hilfe, obwohl nur die wenigsten begriffen hatten, was wirklich vor sich ging.

Panik griff um sich.

Unterdessen rollte Björn Kilian sich auf dem Boden herum, brachte seine Automatic in Anschlag und feuerte ein paarmal in Richtung des Angreifers.

Eine der dunklen Fensterscheiben des Wagens ging zu Bruch, aber es war unmöglich für Björn zu beurteilen, ob er jemanden getroffen hatte oder nicht.

Von dem Fahrer sah er nichts.

Der geheimnisvolle Killer trat auf das Gaspedal. Reifen quietschten und er brauste davon.

Björn Kilian sprang auf und legte die Automatic erneut an. Aber er feuerte nicht.

Ein paar der in Panik geratenen Leute waren ihm in den Weg gelaufen.

Diese Narren!, durchzuckte es Björn.

Aber da war wohl nichts mehr zu machen.

Es war zu gefährlich, jetzt weiterzuschießen und so senkte er die Waffe.

Die in Panik Geratenen achteten nur auf Kilian, denn die Schüsse seiner Pistole waren weithin zu hören. Dass die Gefahr in Wahrheit aus dem dunklen Sportwagen gekommen war, der jetzt mit heulendem Motor davonraste und hinter der nächsten Ecke verschwand, davon hatten die meisten nichts gemerkt ...

"Verdammt", flüsterte Björn und steckte dann die Waffe wieder ein. Er wandte sich um.

"Ist Ihnen etwas passiert, Undine?", fragte er. Aber sie schüttelte den Kopf und stand auf. Den dunklen Schleier, der bis dahin ihr Gesicht bedeckt hatte, hatte sie verloren und ihre Kleidung hatte ziemlich gelitten. Aber sonst schien alles okay.

"Mir geht's gut!", meinte sie erstaunlich gelassen. Von Cornelius konnte man das nicht sagen.

Er lag zusammengekrümmt auf dem Pflaster und rührte sich nicht mehr.

Björn beugte sich nieder und drehte ihn ein Stück herum. Aber da war nichts mehr zu machen.

Er war tot.

Björn stand wieder auf und ging zu Hinnerk Lübbert, der am Boden saß und stöhnte. Aber er lebte offensichtlich noch.

"Lassen Sie mal sehen!", meinte Björn und sah sich die Wunde an. Es war ein Schuss in den Oberarm.

"Es wird ein bisschen wehtun, aber es ist nicht weiter schlimm!", meinte Björn. "Sie werden es überleben!"

"Sie können gut reden, Sie verdammter Scheißkerl!", brachte er unterdrückt heraus.

"Hinnerk!", fuhr Undine dazwischen. "Er hat uns wahrscheinlich das Leben gerettet!"

Hinnerk verzog das Gesicht.

"Zu gütig!", zischte er.

"Hinnerk, du bist unmöglich!"

Er spuckte aus.

"So, bin ich das?"

Und dabei blitzte es in seinen Augen giftig.

Undine wandte sich an Kilian.

"Er ist jetzt wütend auf die ganze Welt, obwohl er froh sein sollte, mit Leben davongekommen zu sein. Aber so ist er nun einmal. Ich hoffe, Sie nehmen es ihm nicht übel." Björn schüttelte den Kopf.

"Natürlich nicht."

"Dann ist es ja gut."

Björn Kilian nahm das Handy ans Ohr.

"Ich werde jetzt einen Arzt rufen."

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Es dauerte nicht lange bis der Notarzt zur Stelle war - und wenig später tauchte auch Remmers mit seinen Leuten auf. Einige von ihnen schwärmten aus, um nach Projektilen zu suchen, die der Killer aus seiner Schalldämpferpistole verschossen hatte. Hinnerk war ins nächste Krankenhaus gebracht worden. Die Kugel steckte noch und musste herausgeschnitten werden. Aber er würde bald wieder auf den Beinen sein, vielleicht würde man ihn nicht heute wieder entlassen.

Undine wirkte sehr ruhig. Erstaunlich ruhig, wenn man bedachte, was soeben geschehen war. Sie stand da und rauchte eine Zigarette.

Björn warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. Dann trat Remmers zu ihm heran.

Der Hauptkommissar machte ein ratloses Gesicht und kratzte sich hinter den Ohren.

Björn hatte ihm in knappen Worten berichtet, was sich zugetragen hatte.

"Auf wen hatte der Kerl es abgesehen?", fragte Remmers. Björn zuckte mit den Schultern.

"Jedenfalls wohl kaum auf den, den es letztendlich erwischt hat!"

"Wir sprechen von Cornelius, nicht wahr?"

"Ja."

"Schlimme Sache. Er hatte seine Macken, aber er war ein prima Kerl, Björn! Und verdammt noch mal, so wahr ich hier stehe: Ich will den Kerl in die Finger kriegen, der Cornelius auf dem Gewissen hat!"

"Cornelius hatte Pech!", meinte Björn. "Als der Wagen auftauchte, griff er zur Waffe, und da hat der Kerl ihn niedergestreckt. Dann ging eine wilde Schießerei los, bevor er sich dann davonmachte."

"Was glaubst du, wem die Sache gegolten hat? Hinnerk Lübbert vielleicht?"

"Schwer zu sagen, bevor wir nicht wissen, welches Motiv hinter dieser Serie steckt. Es muss einen Schlüssel zu allem geben, aber wir haben ihn noch nicht, Tammo!"

Remmers wandte sich zu Undine.

"Was ist mit Ihnen, Frau Lübbert?"

Sie blickte auf und schluckte.

Ihre Augen wirkten groß und traurig - und auch ein wenig in sich gekehrt.

"Warum sollte mich jemand umbringen wollen?", fragte Undine und machte dann eine hilflose Geste.

Remmers fuhr sich mit einer nervösen Geste über das Gesicht.

"Darüber sollten Sie mal etwas intensiver nachdenken, Frau Lübbert!" Undine hob den Kopf.

Ihr Gesicht war in diesem Augenblick fast bewegungslos. Der Blick ihrer großen Augen ging von Remmers zu Björn Kilian.

"Ich glaube, Sie machen sich umsonst Sorgen!"

"Warum sind Sie sich da so sicher?", fragte Björn.

"Es gibt niemanden, der es auf mich abgesehen haben könnte. Ich habe keine Feinde, ich ..." Sie stockte und sah die Blicke beider Männer auf sich gerichtet. "Was ist?", fragte sie.

"Ich denke, dass Sie in Gefahr sind!", meinte Björn.

"Und ich denke, dass Sie sich irren! Ich werde Ihnen in den nächsten Tagen Ihr Honorar überweisen und dann ist diese Sache für Sie erledigt!"

Ihre Stimme klang eisig.

Und in Björns Kopf machte es klick!

Undine hatte gerade einen Mordanschlag überlebt, der aller Wahrscheinlichkeit nach ihr und sonst niemandem gegolten hatte. Und genau in diesem Moment rückte sie von Kilian ab, lehnte Hilfe ab, obwohl noch nichts, was den Tod ihres Vaters betraf, wirklich aufgeklärt war.

Das ließ Björn zumindest stutzen, aber er kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn jetzt legte Hauptkommissar Remmers los.

"Wie steht es mit Ihrem Bruder, Frau Lübbert ..."

"Hinnerk?"

"Ja, mein Kollege Cornelius hat über ihn recherchiert. Er ist pleite und außerdem sind ein paar üble Schuldeneintreiber hinter ihm her. Er braucht also dringend Geld."

"Wer braucht das nicht?", versetzte Undine reserviert. Undine ließ ihre Zigarette auf den Boden fallen und zertrat sie.

Anschließend blies sie den restlichen Rauch hinaus in die nasskalte Luft.

Dann meinte sie: "Hinnerk war schon immer knapp bei Kasse. Er konnte eben nie mit Geld umgehen - aber bis jetzt hat er deshalb noch niemanden umgebracht ... Darauf wollen Sie doch hinaus, oder? Vergessen Sie nicht, dass Hinnerk selbst etwas abbekommen hat!"

Remmers nickte.

"Ja, aber das kann ein 'Unfall' gewesen sein."

"Aber ..."

"Ihr Bruder könnte den Auftrag gegeben haben, oder etwa nicht?"

"Er hätte nie genug Geld gehabt, um einen Killer zu bezahlen."

"Vielleicht handelt es sich nicht um einen Profikiller, sondern um jemanden, dem er gewissermaßen eine Provision versprochen hat."

Undine wirkte nachdenklich.

"Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll!"

Remmers zeigte Verständnis.

"Wir dürfen keine Möglichkeit außer Acht lassen. Ihr Bruder Hinnerk könnte Ihren Vater umgebracht haben, um an sein Erbe heranzukommen. Aber vielleicht hat er keine Lust, es sich mit Ihnen zu teilen ..."

Undine atmete tief durch.

"Um ehrlich zu sein, ich habe auch schon an diese Möglichkeit gedacht. Ich habe es kaum zu denken gewagt ..." Sie schlug die Hände vor das Gesicht.

Björn konnte sich nicht helfen. Irgendwie erschien ihm diese Geste ein wenig übertrieben. Aber es war nur so ein unbestimmtes Gefühl, nicht mehr.

"Aber wie passen die anderen Morde da hinein, die doch offensichtlich von demselben Killer durchgeführt worden waren? Was hat Hinnerk Lübbert mit einem Emder Barbesitzer zu schaffen, der in großem Stil dealt? Was könnte er mit Roy Bradenbach zu tun haben? Ganz zu schweigen von Darko Markovic!" Björn Kilian schüttelte energisch den Kopf. "Nein, vergiss es, Tammo! Hinnerk Lübbert ist nicht unser Mann!"

"Da wäre ich mir nicht so sicher, Björn! Immerhin hatte er ein Motiv ..."

Björn nickte.

"Ein Motiv für Ihno Lübbert, ja. Und auch für Undine. Aber was ist mit den anderen?"

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Brücker trat das Gaspedal durch und brauste über die Straße. Er hörte das Hupen der anderen Autos nur am Rande. Was er tat, war gefährlich, aber es musste sein.

Ein Wagen mit zerschossener Scheibe fiel auf.

Er musste ihn so schnell wie möglich loswerden. Der Wagen war gestohlen, das Nummernschild gefälscht. Brücker hätte ihn ohnehin bald abstoßen müssen.

Er fuhr in eine Seitenstraße, stellte ihn ab, stieg aus und ließ ihn zurück.

Er blickte sich um.

Im Geiste hörte er bereits die Martinshörner der Polizeiwagen, aber da kam niemand um die Ecke gefahren.

Innerlich verfluchte er sich dafür, dass er den Falschen getroffen hatte. Er würde es noch einmal probieren müssen. Daran führte kein Weg vorbei.

Aber da war dieser seltsam aussehende Mann mit dem Cowboyhut gewesen, der plötzlich eine Waffe hervorgeholt hatte ...

In Brückers Kopf arbeitete es.

Das konnte bedeuten, dass es sich um einen Polizisten handelte. Er ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten.

Brücker hetzte voran, bog in eine weitere Nebenstraße ein, dann in noch eine und kam schließlich nach einer Viertelstunde in eine belebtere Gegend.

Plötzlich fühlte er ein Augenpaar auf sich gerichtet. Brücker hob den Kopf und sah eine Frau in den mittleren Jahren, die ihn intensiv anstarrte.

In den Händen hatte sie eine Einkaufstasche und als Brücker ihren angespannten Blick erwiderte, schluckte sie und blickte zur Seite.

Was glotzt die so?, dachte Brücker und ging weiter. Schließlich kam er an eine Bushaltestelle. Ein Bus kam gerade und hielt. Egal wohin, den nehme ich, dachte Brücker.

Brücker fuhr wahllos ein paar Stationen und stieg wieder aus. Wenn ihm doch jemand auf den Fersen war, dann sollte er es so schwer wie möglich haben.

In der Parka-Tasche fühlte er nach dem Griff der Pistole, die sich dort befand. Das gab ihm ein Gefühl der Sicherheit - wenn dieses Gefühl auch nicht sehr stark war.

Nicht den Kopf verlieren!, hämmerte es in ihm. Nur nicht den Kopf verlieren.

Er war jetzt so weit gegangen, er würde auch noch das letzte Stück dieses Weges hinter sich bringen.

Bis er am Ziel war.

Am Ziel ...

Es schien zum greifen nahe!

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Als Brücker in sein Hotel zurückkehrte und vom Portier den Schlüssel forderte, erwartete ihn eine unangenehme Überraschung.

Der Portier hatte wieder einmal gewechselt. Diesmal stand ein junger Mann mit fast schulterlangem hinter dem Tresen. Er war es auch gewesen, der Brücker bedient hatte, als dieser sich vor ein paar Tagen hier einquartierte.

Der Langhaarige ging zum Schlüsselbrett.

Aber der Schlüssel mit Brückers Nummer war nicht da.

"Vielleicht haben Sie ihn gar nicht abgegeben!", meinte der Langhaarige. Er hatte einen hispanischen Akzent, wie es Brücker schien.

"Ich habe ihn abgegeben. Ihrem Vorgänger." Er zuckte mit den Schultern.

"Meine Schicht hat gerade erst begonnen, ich kann dazu nichts sagen."

Brücker wurde wütend.

Er war ohnehin schon gereizt genug. Seine Nerven waren bis fast zum Zerreißen gespannt.

Er packte den jungen Kerl am Kragen, der sich schon wieder herumgedreht hatte, um sich seiner Lektüre zuzuwenden und zog ihn halb über den Tresen.

"Hey, was soll das?"

"Ich bin schon ein paar Tage hier, mein Junge, und ich weiß, dass deine Schicht bereits mehr als zwei Stunden geht!"

"Ich ..."

"Hör zu! Ich will jetzt von dir wissen, ob es so ist, wie ich vermute!"

Ein unterdrückter, gurgelnder Laut kam aus dem Langhaarigen heraus, sein Gesicht verlor zusehends die Farbe, aber Brücker ließ nicht locker.

"Okay, okay ..."

"Jemand hat dir ein paar Scheine gegeben und du hast ihm dafür den Schlüssel ausgehändigt. So ist es doch, oder?"

"Ja ... Er sagte, sein Name sei Brücker ..."

"... und jetzt wartet der Kerl dort oben auf mich, nicht wahr?" Der Portier nickte leicht.

"Ja ..."

Brücker ließ ihn los und stieß ihn zurück, sodass er gegen die Wand in seinem Rücken taumelte und ein paar Ordner vom Regal riss.

Brücker fühlte nach der Waffe in seiner Parka-Tasche und entsicherte sie. Ohne sich noch einmal nach dem Portier umzudrehen, ging er dann die Treppe hoch.

"Er sagte, er sei ein Freund von Ihnen!", krächzte der Portier.

Hoffentlich stimmt das auch!, dachte Brücker.

Er blieb auf dem Absatz stehen und drehte sich dann um, nachdem er eine Sekunde lang gar nichts getan hatte.

"Schon gut!", brummte er. "Vergessen Sie's!"

"Okay, Sir!"

Ein paar Augenblicke danach stand Brücker dann vor der Tür seines Zimmers. Er zog die Waffe aus dem Parka.

Wer zum Teufel konnte ihn hier aufgestöbert haben?

Es gab nur zwei Menschen, die wissen konnten, wo er sich befand. Und mit denen hatte er ausgemacht, dass sie ihn hier niemals aufsuchen würden!

Wenn es aber jemand anders war ...

Brücker stieß die Tür auf und hatte seine Pistole schussbereit im Anschlag.

Im Zimmer war kaum Licht.

Es war sparsam eingerichtet und hatte außer dem großen Bett und dem Nachttisch keinerlei Einrichtungsgegenstände. Das Bad war auf dem Flur.

Brückers Blick ging blitzartig durch den Raum und blieb dann bei der Gestalt hängen, die am Fenster im Halbdunkel stand. Es war ein kleiner, etwas dicklicher Mann.

Brücker senkte seine Waffe, sein Gegenüber blieb völlig ruhig, geradeso als schien er kaum überrascht darüber zu sein, plötzlich einen Kerl mit Pistole im Anschlag durch die Tür stürmen zu sehen.

Der dicke Mann rauchte Zigarette und diese nahm er jetzt aus dem Mund.

"Tun Sie endlich das Ding weg!"

Brücker senkte die Waffe und schloss die Tür hinter sich.

"Ein effektvoller Auftritt, Herr Petersen! Aber was soll das Theater! Sie gefährden damit nur alles!"

"Hören Sie ...", wollte der Mann am Fenster beginnen, aber Brücker schnitt ihm das Wort ab. Er versetzte der Tür einen wütenden Schlag mit der flachen Hand.

"Verdammt noch mal, was soll das, Petersen! Wir hatten doch abgemacht, dass es keinerlei Treffen zwischen uns geben soll! Und schon gar nicht, dass Sie mich hier aufsuchen!" Petersens blasses, aufgedunsenes Gesicht blieb fast völlig unbewegt.

Er kam einen Schritt vor und zuckte mit den Schultern.

"Wo wir schon bei effektvollen Auftritten sind ... Sie stehen mir in dieser Hinsicht ja wohl nicht nach! Glauben Sie vielleicht, ich käme ohne Grund?"

Brücker runzelte die Stirn.

"Was soll das heißen?"

Arthur Petersen holte eine Zeitung unter dem Arm hervor und warf sie auf das Bett.

Brücker holte tief Luft. "Vielleicht erklären Sie mir mal ...

"Heute schon Zeitung gelesen?"

"Nein."

"Es ist ein schönes Bild von Ihnen drin!"

"Was?"

"Ja. Eine Phantomzeichnung. In der Regel ist auf solchen Dingern ja nicht allzu viel zu sehen, aber wegen Ihrer Narbe ist das in diesem Fall etwas anderes ..."

"Aber ...", Brücker stockte und schüttelte energisch den Kopf.

"Das ist doch völlig unmöglich!"

"Jemand muss Sie gesehen haben, als Sie Bradenbach erschossen haben!"

"Nein!"

"Stecken Sie nicht den Kopf in den Sand, Mann!" Brücker dachte an die Frau, die ihn so angestarrt hatte. Es war ihm unmöglich gewesen, das richtig zu deuten, aber jetzt verstand er ...

Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen!

Und er begriff auch, dass ihn bald noch mehr Menschen anstarren würden, wenn er sich auf der Straße zeigte.

"Wie ist es übrigens heute gelaufen?", hörte er dann Petersen fragen.

Brücker nahm es kaum wahr.

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Sie hatten eine ganze Weile lang geschwiegen. Petersen wollte seinem Gegenüber etwas Zeit geben, um die neue Lage zu verarbeiten. Blieb nur zu hoffen, dass der Mann mit der Narbe auch die richtigen Konsequenzen zog.

"Wie geht es jetzt weiter?", fragte Petersen.

"Es war nicht meine Idee, auch den jungen Herrn Lübbert auszuschalten!"

"Ja, das stimmt. Und? Sie sind gescheitert!"

"Ja, so kann man es nennen. Da war jemand, der plötzlich eine Pistole herausriss. Was sollte ich machen?"

Petersen zuckte mit den Schultern.

"Jedenfalls steht fest, dass es jetzt noch mehr Geschichten in den Zeitungen über Sie geben wird, Narbengesicht! Die Sache mit Herrn Lübbert werde ich erledigen müssen, auch wenn das für mich nicht ohne Risiko ist. Aber ich denke, aus der Rechnung der Polizei und dieses Privatdetektivs Kilian bin ich längst heraus ..."

"Tun Sie, was Sie für richtig halten, Petersen!"

Petersen lachte freudlos.

"Nein, nicht, was ich für richtig halte, sondern was ich tun muss, um meine Zukunft zu sichern. Seit dieser Veruntreuungssache hat Frau Lübbert mich quasi in der Hand und kann von mir verlangen, was sie will ..."

"... und das wollen Sie nicht ewig mitmachen, nicht wahr?" Der Narbige nickte verständnisvoll. "Leuchtet mir ein. Es ist mir im Übrigen auch lieber, wenn ich mich um diese Sache nicht mehr zu kümmern brauche. Einer steht noch auf meiner Liste: Menninga. Und wenn ich den erwischt habe, tauche ich endgültig unter." Aber damit schien Petersen ganz und gar nicht einverstanden zu sein.

"Vergessen Sie Menninga!"

"Was?"

Der Mann der sich Brücker nannte, runzelte die Stirn und starrte Arthur Petersen ungläubig an. Dann meinte er: "Ich kann Menninga nicht vergessen! Ich kann ihn ebenso wenig vergessen, wie ich die anderen vergessen konnte!" Er deutete auf seine Narbe und sein Gesicht verzog sich zu einer grimmigen Maske.

"Das hier wird mich mein Leben lang an diese Männer erinnern, Petersen! Bis ans Ende meiner Tage! Haben Sie mich verstanden!"

Petersen blieb ruhig, seine Stimme hatte einen eiskalten Klang, als er antwortete.

"Ich hoffe, Sie haben mich verstanden!"

"Ich werde die Sache zu Ende bringen, davon hält mich niemand ab!"

"Unter den gegebenen Umständen ist das zu gefährlich!", meinte Petersen. "Ihr Phantombild steht in den Zeitungen und wenn man Sie schnappt, dann hänge ich auch mit drin!"

"Das ist Ihr Problem, Petersen!"

"Ist das wirklich Ihr letztes Wort?"

"Ja."

"Bedenken Sie, wer Sie aus der psychiatrischen Anstalt geholt hat, wer Sie versorgt hat, bis Sie wieder in der Lage waren, einigermaßen klar zu denken, wer für Sie ausgekundschaftet hat, wo sich die Männer befinden, die Ihnen so viel angetan haben."

Brücker verzog den Mund zu einem zynischen Lächeln.

"Ganz ohne Eigeninteresse war das ja schließlich nicht, Herr Petersen! Sie sind kein barmherziger Samariter!"

"Gewiss nicht! Aber das gilt nur für Ihno Lübbert!"

"Und bei Frau Undine Lübbert! Sie stand schließlich nicht auf meiner Liste!"

"Sie wäre Ihnen aber früher oder später ebenso gefährlich geworden wie mir! Nicht nur wegen des Privatdetektivs, den sie engagiert hat ..." Petersen machte eine Pause und musterte sein Gegenüber abschätzig. "Was ist nun, tauchen Sie unter?"

"Ich habe Ihnen bereits geantwortet. Ich tauche unter, wenn Menninga tot ist."

Petersen zuckte mit den Schultern.

"Wie Sie wollen! Dann gibt es wohl keine andere Lösung. Tut mir Leid, aber ich muss zuerst an meine eigene Sicherheit denken!"

Petersen machte eine schnelle Bewegung.

Brücker begriff nicht gleich. Im letzten Moment sah er dann die Schalldämpfer-Pistole in der Hand seines Gegenübers. Den Bruchteil einer Sekunde später blitzte ein grelles Mündungsfeuer. Ein dumpfes, hässliches Geräusch war zu hören, ein Geräusch, dass Brücker nur zu gut kannte.

Brücker hatte nicht im Traum damit gerechnet, dass Petersen eine Waffe herausreißen und auf ihn schießen würde ... Aber nun war es geschehen und so musste sich Brücker blitzschnell zur Seite werfen.

Arthur Petersen war kein besonders guter Schütze, selbst auf diese kurze Entfernung nicht.

Der Schuss verfehlte Brücker knapp und schlug hinter ihm in die Wand, wo das Projektil ein Loch riss.

Brücker rollte sich am Boden herum, während eine weitere Kugel dich neben ihm in den Boden ging.

Dann hatte er seine eigene Waffe hochgerissen und augenblicklich abgefeuert ... Arthur Petersen stieß einen unterdrückten Schrei aus und wurde nach hinten gerissen, sodass er gegen das Fenster prallte. Brücker hatte ihn mitten in der Brust erwischt und gab nun noch einen zweiten Schuss ab, der Petersen genau zwischen den Augen traf. Petersen war tot. Brücker atmete tief durch. Er hatte keine andere Wahl gehabt, aber nun fragte er sich, wie es weitergehen sollte. Zunächst einmal verschwinden!, dachte er. Er konnte hier unmöglich bleiben, nachdem dies hier geschehen war.

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Als Björn Kilian das CHEZ NOUS betrat, herrschte dort Dämmerlicht. Es war nichts los in jener Bar, die Joel Gärtner gehört hatte - einem der Namen, die zu der Liste von Mordopfern gehörten, die der Killer mit der Narbe offenbar auf dem Gewissen hatte.

"Hey, ist da jemand?", rief Björn.

Es musste jemand da sein, denn die Tür war offen gewesen.

"Qué quiere, Señor?", war eine kehlige Frauenstimme zu hören. "Oder auch: Moin erst mal."

Und dann bemerkte Björn eine schwarzhaarige junge Frau, die aus einer Nebentür trat, in der einen Hand einen Eimer mit Wasser, in der anderen einen Mob.

Hier war wohl Großreinemachen!

Die spanischsprachige - vermutlich von den Philippinen stammende - Putzfrau sah ihn misstrauisch an; und dann kam auch noch ein Mann.

Es war ein riesiger, bärenhafter Kerl, der Björn mindestens um einen Kopf überragte. In seinem grausam wirkenden Gesicht stand ein struppiger, ungepflegter Schnurrbart, das Doppelkinn war von Bartstoppeln übersät.

Er zog die Ärmel seines Sweaters hoch, sodass seine muskulösen Unterarme mit allerlei martialischen Tätowierungen sichtbar wurden.

"Was wollen Sie?"

Es war im Grunde kaum noch eine Frage, die der Kerl da an Björn richtete, es war im Grunde schon ein halber Rausschmiss.

"Wie wär's mit einem Schnaps?", meinte Björn und stellte sich an den Schanktisch.

"Ein Söpke?"

"Ja."

Sein Gegenüber rührte sich nicht, behielt Björn aber im Auge. Jede Bewegung des Privatdetektivs schien er genauestens zu registrieren.

Der Mann sah aus wie ein Rausschmeißer und vermutlich war das auch seine Hauptfunktion hier.

Björn hatte keine Lust, mit ihm aneinanderzugeraten, aber wenn es doch dazu kam, musste er auf alles gefasst sein. In den Augen des Bären blitzte es angriffslustig.

Er verzog höhnisch den Mund.

"So ... ein Söpke wollen Sie!"

"Ja, wenn's recht ist!"

"Es ist nicht recht!", zischte der Bär und das ließ Björn aufhorchen. "Sehen Sie nicht, dass hier kein Betrieb mehr ist?" Björn ließ kurz den Blick durch den Raum schweifen und nickte dann.

"Ist doch ein ganz netter Laden, warum läuft er nicht mehr?"

"Sie stellen eine Menge Fragen, Herr ..."

"Kilian ist mein Name!"

"Wie immer Sie auch heißen mögen! Ich mag solche Neugier nicht! Da Sie nun ja gesehen haben, dass hier nichts mehr läuft, wäre es wohl das Beste, wenn Sie durch die Tür gehen und verschwinden!"

Aber Björn Kilian blieb ungerührt und machte auch nicht die leisesten Anstalten, sich in Richtung Tür zu bewegen.

"Ihr Boss ist erschossen worden, nicht wahr? Und das ist auch der Grund, weshalb der Laden hier dichtmacht!", erklärte Kilian ruhig und sachlich, während sein Gegenüber die Stirn in Falten legte.

Dann kniff der Bär die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und fixierte Björn mit einem feindseligen Blick.

"Was haben Sie damit zu tun?"

Er trat näher heran, seine Hände waren zu Fäusten geballt und seine Nasenflügel bebten. Kilian wusste, dass es nun ernst werden konnte.

Er musste auf der Hut sein.

"Sind Sie von der Polizei ... Kilian?"

"Nein, ich bin Privatdetektiv."

"Ein schmieriger Schnüffler also ..."

"Sie sollten Ihre Vorurteile mal ein bisschen überdenken ..."

"Ich mag keine Schnüffler!", zischte der Bär. "Weder die mit einer Metallmarke noch die, die auf eigene Rechnung auf die Jagd gehen!"

Der Bär trat jetzt nahe an Björn heran und sah auf ihn herab. Er roch unangenehm nach Schweiß, aber das war bei Weitem nicht das Schlimmste an ihm.

Um seine Lippen spielte ein gemeines Lächeln ...

"Was Sie jetzt vorhaben, sollten Sie lieber lassen! Sie werden es sonst bereuen", meinte Björn kühl.

Der Bär grinste.

Für den Bruchteil einer Sekunde hing alles in der Schwebe, aber dann ging es Schlag auf Schlag.

Der Kerl packte Kilian brutal am Kragen und Björn sah bereits die geballte Faust auf sich zurasen.

Ein Treffer mit einem solchen Hammer - und er würde eine ganze Weile nicht mehr bei Sinnen sein, vielleicht auch Schlimmeres.

Der Bär bleckte die Zähne wie ein Raubtier und seine Faust raste auf Kilians Gesicht zu.

Björn konnte im letzten Moment zur Seite weichen, obwohl sein Gegner ihn immer noch am Kragen hielt. Die Faust knallte gegen den Schanktisch. Der Bär stieß einen wütenden Schrei aus. Für den Bruchteil eines Augenblicks war Björn Kilians Gegner handlungsunfähig und das nutzte der Privatdetektiv. Er setzte den Fuß neben das rechte Bein des Bären und hebelte ihn aus. Und ehe sich der Kerl versah, lag er dann auch schon auf den Brettern.

Björn sprang einen Schritt zur Seite, während er die Filipina im Hintergrund einen Laut des Erschreckens ausstoßen hörte.

Der Bär kam wieder auf die Beine. Von seinen Augen konnte Björn in diesem Moment fast das Weiße sehen.

Er knurrte wie ein getretener Hund und schien noch nicht aufgeben zu wollen.

"Lassen Sie's gut sein, Mann!", versuchte Björn zu beschwichtigen, aber dafür hatte sein Gegner jetzt keine offenen Ohren.

Björn wich einen weiteren Schritt zurück, während sein Gegenüber sich bückte und in den mittelhohen Schaft seiner Cowboy-Stiefel griff.

Eine Sekunde später hatte er ein Springmesser in der Rechten. Wie die Zunge einer giftigen Schlange zuckte die Klinge heraus, als der Kerl mit einem bösen Grinsen auf den Lippen näher an Björn herankam.

Björn erwog, seine Waffe zu ziehen, aber das konnte auch ins Auge gehen ...

Wenn er nicht schnell genug war, würde sein Gegner das Messer vielleicht schleudern. Und je nachdem wie gut er darin war, steckte es dann einen Sekundenbruchteil später in Björns Körper.

Björn wollte es dennoch versuchen.

Dieser unsinnige Kampf musste so schnell wie möglich beendet werden!

Aber als er zum Schulterholster greifen wollte, schnellte der Bär vor und Björn musste der scharfen Klinge erst einmal ausweichen. Es pfiff, als der Bär damit wie wild in der Luft herumschnitt und dann auf Björn zustieß.

Es war ein mörderischer Stoß, aber Björn war auf der Hut. Er packte den Messerarm seines Gegenübers und hebelte ihn herum. Der Bär stieß einen markerschütternden Schrei aus, während das Messer auf den Boden fiel.

Björn ließ seinem Gegner diesmal keine Sekunde, um zu verschnaufen, sondern verpasste ihm einen Augenaufschlag später einen wohl platzierten Haken, der den Bären nach hinten torkeln ließ.

Der Bär taumelte gegen den Schanktisch und rutschte dann an diesem zu Boden.

Als er dann hochsah und die erste Benommenheit abgeschüttelt hatte, blickte er direkt in den Lauf von Björn Kilians Pistole.

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"Schön ruhig!", warnte Björn, während er die Pistole noch immer auf sein Gegenüber gerichtet hielt.

Der Bär fletschte die Zähne, aber es erschien ihm im Moment wohl nicht ratsam, etwas zu unternehmen.

"Was wollen Sie?", keuchte er, während er sich die rechte Schulter hielt.

"Antworten auf ein paar Fragen, das sagte ich doch bereits!"

"Ich brauche einen Arzt!"

"Erst unterhalten wir uns!"

"Sie haben mir den Arm ausgekugelt!"

Björn konnte da nur müde lächeln.

"Wenn Sie mich mit Ihrem Messer aufgeschlitzt hätten, wäre wohl jeder Arzt zu spät gekommen", murmelte der Privatdetektiv, während der Bär schluckte.

Björn bewegte den Lauf der Waffe hin und her.

"Kommen Sie hoch! Und dann schlage ich vor, dass wir uns einen Drink genehmigen!"

Der Bär kam wieder auf die Beine und stützte sich am Schanktisch auf.

"Es ist nichts mehr da!", meinte er. "Sämtliche Getränkevorräte wurden bereits abgeholt!"

"Dieser Laden hat wohl nie besonders viel Gewinn abgeworfen, was?", meinte Björn. Er deutete mit einer Handbewegung durch den Raum. "Die Einrichtung ist doch schon mindestens zwanzig Jahre alt! Und wenn ich die uralten Musik-Boxen dahinten sehe, dann kommen mir die Tränen ... Ich glaube nicht, dass man damit genug Leute hinter dem Ofen hervorlocken kann."

"Glauben Sie, was Sie wollen!", schimpfte der Bär.

"Ein Laden, der keinen Gewinn abwirft. Sieht ganz nach einer Art Tarnung aus! Eine Tarnung für andere Geschäfte ..."

"Was soll das? Wovon sprechen Sie?"

"Von Drogen und Geldwäsche zum Beispiel!"

Trotz seines ausgekugelten Armes wollte der Bär nach vorne springen, aber im letzten Moment besann er sich.

"Was wollen Sie, Kilian? Für wen arbeiten Sie?"

Björn steckte seine Waffe ein.

"Der Mann, der Ihren Boss umgebracht hat, hat auch noch ein paar andere auf dem Gewissen. Ferry Kräwinkel, Jonny Michaelsen, Rainer Gregor, Darko Markovic, Roy Bradenbach und Ihno Lübbert. Ein paar dieser Namen dürften Ihnen wohl auch ein Begriff sein!"

"Ich habe in der Zeitung davon gelesen!", wich der Bär aus.

"Sie werden noch einiges gehört haben! Sie waren hier Rausschmeißer, nicht wahr?"

Er hob die Augenbrauen und grinste hässlich.

"Wie kommen Sie darauf, Kilian?"

"Man sieht es Ihnen irgendwie an!"

"So?"

"Sie sind einer von der Sorte, der es Spaß macht, wenn sie ihre Faust in der Magengrube eines anderen spüren ..."

"Jedem das Seine, Kilian!"

"Es geht auch nicht um Sie! Ich bin hinter diesem Killer her. Er hat eine Narbe auf der rechten Gesichtshälfte, die nicht zu übersehen ist."

Björn sah sein Gegenüber tief durchatmen.

"Ich kenne niemanden, der so aussieht, wenn Sie darauf hinauswollen, Kilian!"

Er sagte das sehr schnell dahin, sodass es auf Björn den Eindruck machte, als hätte er seinen Widerstand noch immer nicht völlig aufgegeben.

Björn wandte sich an die Filipina, was der Bär mit einem misstrauischen Blick quittierte.

"Verstehen Sie mich?", fragte Björn.

Die Frau nickte etwas zögernd, warf dann einen unsicheren Blick zu dem Bären hin, so als wollte sie in seinem Gesicht ablesen, wie sie reagieren sollte.

"Comprendo", sagte sie dann. "Ich verstehe ... ein bisschen. Nicht sehr gut verstehen, Señor! Noch nicht lange hier ..." Sie wich noch einen Schritt zurück.

"Policia?", fragte sie.

Björn begriff sofort.

Sie war vermutlich nicht legal in Deutschland.

Und sie hatte verständlicherweise keine Lust, in irgendeiner Form mit den Behörden zusammenzutreffen - wegen welcher Angelegenheit auch immer. Und wenn es nur wegen einer Zeugenaussage vor Gericht war.

Björn schüttelte also den Kopf.

"Nein", sagte er. "Keine Policia."

"Du hältst deine Klappe, Teresa!", fauchte der Bär. "Kapiert?"

"Halten Sie lieber die Ihre, wenn Sie nicht wollen, dass ich Sie Ihnen poliere!", versetzte Björn, wobei er den Kopf nur zur Hälfte zu dem Bären hinwandte. Der Kerl schien die Abreibung noch nicht so recht verdaut zu haben, die er vor wenigen Augenblicken hatte einstecken müssen.

Dann machte Björn noch zwei Schritte auf die Filipina zu.

"Kennen Sie einen Mann mit einer solchen Narbe?" Und dabei fuhr Björn sich mit dem Zeigefinger in entsprechender Weise über das Gesicht. Selbst wenn sie kein Wort Deutsch verstanden hätte, wäre so wohl klar geworden, was gemeint war. Sie schluckte und schwieg.

Und dabei griff ihre Hand zum Hals und spielte mit einem kleinen vergoldeten Kreuz herum.

In ihren dunklen Augen lag Furcht.

Sie schien noch nicht entschieden zu haben, ob sie Björn helfen sollte oder nicht.

"Ich habe zugehört, was Sie eben gesagt haben", sagte sie dann akzentbeladen und bedächtig nach jedem Wort suchend. "Ist dieser Mann wirklich ein Mörder?"

"Sehr wahrscheinlich, ja. Er hat sechs Menschen getötet und wird vielleicht noch weitere umbringen!"

Sie schluckte erneut.

Björn sah, wie es in ihrem Inneren arbeitete und er war sich jetzt ziemlich sicher, dass sie irgendetwas wusste, was mit dieser Sache in Zusammenhang stand.

Björn trat zu ihr hin und fasste sie bei den Schultern. Sie hatte eine Gänsehaut.

"Sie brauchen keine Angst zu haben!", erklärte Björn, obwohl er sich da gar nicht so sicher war.

Als die Filipina dann zu ihm aufblickte, sagte sie mit fester Stimme: "Ich habe ihn gesehen!" Björn horchte auf.

"Den Kerl mit der Narbe?", vergewisserte er sich.

Sie nickte. "Ja."

"Wann?"

"Er kam hierher", begann sie. "Es ist vielleicht eine Woche her und es war so wie heute. Noch nichts los. Ich war am Putzen."

"Was wollte er?"

"Ich weiß es nicht. Er hat sich umgesehen."

"Das ist alles?"

"Dann hat er sich nach Herrn Gärtner erkundigt."

"Und?"

"Er war nicht da. Er ist dann wieder gegangen."

"Gut", meinte Björn und drehte sich um. Mehr war hier wohl nicht herauszuholen.

Björn sah das Messer auf dem Boden liegen und er sah auch, dass der Rausschmeißer wie gebannt dorthin starrte. Er hatte es bis jetzt nicht gewagt, danach zu greifen, weil er wusste, dass er nicht schnell genug sein würde ...

Aber wenn Björn am Ausgang angekommen war, würde das eine andere Situation sein ...

Und genau das schien auch in seinem Kopf herumzuspuken. Björn blieb bei dem Messer stehen und kickte es dann über den glatt gebohnerten Boden in die andere Ecke des Raumes. Es verschwand irgendwo zwischen Tischbeinen.

Dann ging Björn weiter in Richtung Ausgang.

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Etwas musste es doch geben!, dachte Björn mit einem Anflug von Verzweiflung. Etwas, das alle Ermordeten miteinander verband - und das diesem geheimnisvollen Killer ein Motiv gab, einen nach dem anderen von ihnen umzubringen.

Björns nächstes Ziel war die Adresse von Frau Gregor, der Witwe des ermordeten Söldnervermittlers und Waffenhändlers. Zunächst war sie misstrauisch und ließ ihn draußen vor der Tür an der Sprechanlage warten.

Aber Björn konnte sie davon überzeugen, dass es vielleicht auch in ihrem Sinne war, den Mann zu fassen, der Rainer Gregor umgebracht hatte.

"Gut", meinte Frau Gregor. "Ich werde Sie hereinlassen." Wenig später stand ihm eine etwa vierzigjährige, kräftig gebaute Frau gegenüber, die ihn freundlich hereinbat. Der Wohnungseinrichtung nach konnten Rainer Gregors dunkle Geschäfte nicht allzu schlecht gegangen sein.

"Ich habe von Ihnen gehört, Herr Kilian!", meinte Frau Gregor und bot Björn einen Sessel im Wohnzimmer an, den der Privatdetektiv gerne annahm.

"Ich hoffe, Sie haben nur Gutes gehört, Frau Gregor!", gab Björn zurück.

"Sie sollen gut sein, vielleicht sogar der Beste. Jedenfalls haben Sie einen guten Ruf, was Ihren Job angeht!"

"Sie haben nicht zufällig eine Ahnung, wer hinter dem Mord an Ihrem Mann stecken könnte?", fragte Björn. Sie schüttelte den Kopf.

"Die Polizei kommt nicht recht voran. Aber Sie können ja auch Ihr Glück versuchen, Kilian. Und vielleicht haben Sie mehr davon."

"Ich werde es dringend brauchen ..."

Und dann fiel Björn Kilians Blick auf ein Foto an der Wand und er stutzte.

"Was ist los, Herr Kilian?"

"Das Foto dort ..."

Björn war sich sicher, dass es das gleiche Foto war, das er bereits in der Wohnung von Bradenbach gesehen hatte.

"Ein Foto aus der Bundeswehrzeit meines Mannes ..."

"In Afghanistan?"

"Ja. Wie kommen Sie darauf?"

Björn zuckte mit den Schultern.

"Man sieht es."

"Er kam damals mit einem kleinen Vermögen zurück. Das war sein Startkapital ... Ich habe ihn kurz danach kennengelernt." Björn runzelte die Stirn.

"Ich kenne eine Menge Leute, die etwas dagelassen haben ", meinte Björn dann. "Arme und Beine zum Beispiel. Oder den Verstand. Aber dass einer mit einem Haufen Geld zurückkommt ... Das ist schon bemerkenswert, oder?"

"Ich denke, es war eine Abfindung oder so. Und Zulagen."

"Das heißt, er ist erst danach aus der Bundeswehr ausgeschieden?"

"Ja."

"Wie lange war er dabei?"

"Einige Jahre. Als Zeitsoldat."

Björn deutete auf das Bild. "Kann ich es mal sehen?"

"Ja, natürlich."

Sie nahm es von der Wand und reichte es Björn, der es sich zum ersten Mal mit wirklicher Aufmerksamkeit ansah. Und dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag!

"Ich muss mal telefonieren", sagte er.

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Als Björn in sein Büro zurückkehrte, wartete Eltje mit einer Neuigkeit auf.

"Remmers hat angerufen."

"Und?"

"Arthur Petersen wurde tot in einem Hotelzimmer aufgefunden. Nach Angaben des Portiers trug der Mann, der das Zimmer gemietet hatte, den Namen Brücker und hatte eine Narbe auf der rechten Gesichtshälfte ..."

"Wo ist dieser Brücker jetzt?"

"Untergetaucht. Remmers meinte, es hätte ausgesehen, wie nach einem Kampf. Die beiden scheinen sich über irgendetwas uneins gewesen zu sein. Petersen hatte auch eine Waffe dabei - und hat ebenfalls geschossen ..."

"... aber allem Anschein nach wohl nicht getroffen, was?"

"Nein, so sieht es aus. Was kann das zu bedeuten haben, Björn?"

Kilian zuckte mit den Schultern und meinte dann: "Vielleicht steckten dieses Narbengesicht und Petersen irgendwie unter einer Decke ... Und dann kam es zu Meinungsverschiedenheiten. Vielleicht wollte einer von ihnen aus dem Spiel aussteigen, das da im Gange ist ..."

"Remmers meinte, ob du dir den Tatort mal ansehen möchtest, Björn!"

"Dann muss er ziemlich ratlos sein!"

"So wirkte er auch."

Aber Kilian schüttelte den Kopf. "Nein, im Moment gibt es Wichtigeres."

"Wichtigeres? Was meinst du damit?"

"Vielleicht können wir ein Menschenleben retten, Eltje! Wenn wir schnell genug sind und uns unsere grauen Zellen nicht im Stich lassen!"

Eltje wirkte verwirrt.

"Ich begreife kein Wort, Björn!", meinte sie.

"Einen Augenblick!"

Er legte seinen Mantel zur Seite und wandte sich dann wieder an Eltje. Dann griff Björn in die Innentasche seines Jacketts und hielt ihr dann ein Foto unter die Nase.

"Hier!", meinte Björn.

Eltje hatte noch immer nichts verstanden, aber das war auch nicht weiter verwunderlich. Björn erklärte ihr knapp, worum es ging.

"Schau dir die Männer auf dem Foto mal genau an ..."

"Ein paar Soldaten ...? Afghanistan?"

"Richtig, Afghanistan. Erkennst du keinen der Kerle wieder?" Sie starrte noch einmal hin und schüttelte dann den Kopf.

"Nein."

"Dann dreh das Bild mal um. Da sind die Namen derer notiert, die hier zu sehen sind."

"'Von links nach rechts: Darko Markovic, Roy Bradenbach, Joel Gärtner, Paul Thorrell, Jonny Michaelsen, Rainer Gregor, Uwe Menninga und Harm Berentzen.'", murmelte Eltje. "Aber das sind doch ..."

Björn nickte.

"Genau. Alle Opfer haben gemeinsam, dass sie offensichtlich in Afghanistan in derselben Bundeswehr-Einheit gedient haben. Nur zwei von ihnen sind noch am Leben."

"Berentzen und Menninga!"

"Ja. Es würde mich nicht wundern, wenn einer von ihnen das nächste Opfer werden würde ..."

"Aber, was sollte dahinterstecken?"

Björn zuckte mit den Schultern.

"Vielleicht Rache? Möglicherweise ist dort damals etwas geschehen, von dem wir bis jetzt noch keine Ahnung haben ... Ich weiß es nicht. Und ich habe auch keine Ahnung, wie Petersen und der missglückte Anschlag am Friedhof in diese Sache hineinpassen."

Eltje Dirksen atmete tief durch.

"Okay, Björn! Dann verrate mir mal, wie es jetzt weitergehen soll!"

"Wir werden ein bisschen telefonieren müssen!", meinte er.

"Wenn sich Menninga oder Berentzen auftreiben lassen, können die uns vielleicht ein paar wertvolle Antworten geben!"

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Zwei Stunden später saß Björn Kilian wieder hinter dem Steuer seines Wagens und befand sich auf dem Weg nach Wilhelmshaven. Dort wohnte Uwe Menninga.

Von Harm Berentzen war nicht viel in Erfahrung zu bringen gewesen. Ein fester Wohnsitz war von ihm nicht bekannt, aber vielleicht hatte er aus irgendeinem Grund seine Identität ebenso ändern müssen wie Ihno Lübbert, der ja als Paul Thorrell geboren worden war ...

Uwe Menninga wohnte in einem schmucken Bungalow. Im Telefonbuch stand er als Inhaber einer Schule für Sportschützen verzeichnet.

Für nähere Erkundigungen war keine Zeit geblieben. Eltje kümmerte sich weiter darum. Aber bis jetzt gab es keinerlei Anzeichen, die darauf hindeuteten, dass Berentzen aus dem Dunstkreis um den toten Markovic stammte.

Als Björn Kilian Berentzens Haus erreichte, stellte er den Wagen ab, sprang über den kniehohen Gartenzaun und lief zur Haustür.

Als er sah, dass die Haustüre aufgebrochen war und ein Spalt offen stand, ging Björns Rechte zur Waffe. Er nahm die Pistole in die Hand und lud sie durch.

Vielleicht bin ich schon zu spät!, durchfuhr es ihn. Mit dem Lauf der Pistole stieß Björn sehr vorsichtig die Tür ein wenig weiter auf.

Nichts bewegte sich.

Er ging hinein, sicherte sich sorgfältig ab und kam auf diese Weise durch den Flur.

Irgendwo in einem der Nachbarräume hörte Björn dann ein Geräusch ...

Björn stürmte vorwärts, trat eine Tür ein und befand sich dann in einer geräumigen Küche. Aber dort war niemand. Björn lief zurück, gelangte in das Wohnzimmer und blickte schon in der nächsten Sekunde in die Mündung eines Schalldämpfers.

Ein Mündungsfeuer blitzte auf.

Björn Kilian warf sich blitzschnell zur Seite und feuerte noch im Fallen einen Schuss zurück, bevor er dann hinter einem klobigen Ledersessel zu Boden kam.

Zwei, drei Schüsse peitschten dicht hintereinander in den Sessel hinein und zerfetzten das Leder und die Füllung. Björn musste den Kopf einziehen.

Als er dann wieder aus seiner notdürftigen Deckung hervortauchen konnte, sah er, wie sich sein Gegenüber durch die Glastür stürzte, die hinaus in den Garten führte. Sein Gesicht schützte der Mann mit den Händen, aber er verletzte sich dennoch.

Dann war er hinaus, und Björn sprang auf und folgte ihm augenblicklich.

"Stehen bleiben!", rief der Privatdetektiv. Aber dafür erntete er nur einen gezielten Schuss, den der Flüchtende abgefeuert hatte. Das Projektil pfiff Björn unangenehm um die Ohren – und dann kam gleich noch ein zweiter Schuss.

Björn warf sich auf den gepflegten Rasen, rollte sich ab und ließ seine eigene Pistole krachen. Der Flüchtende stieß einen unterdrückten Laut aus, der halb Schmerzensschrei, halb Ausdruck unbändiger Wut war.

Er griff sich ans Bein, versuchte weiter davonzulaufen und humpelte noch ein paar Schritte in Richtung des Nachbargrundstücks.

Dann strauchelte er.

Er fluchte lautstark, aber bevor er seine Waffe hochreißen und abfeuern konnte, war Björn Kilian bei ihm und hielt ihm die Waffe unter die Nase.

"Schön fallen lassen!", befahl Björn.

Sein Gegenüber atmete tief durch.

Björn blickte in ein Gesicht, dessen rechte Seite von einer Narbe entstellt war. Kein Zweifel, dies war jener Killer, der Lübbert, Markovic und all die anderen auf dem Foto auf dem Gewissen hatte.

In den Augen des Narbengesichts loderte ein gefährliches Feuer. Noch hatte er den Griff um seine Waffe nicht gelockert, noch hing alles in einer unangenehmen Schwebe ... Der Mann war wie zur Salzsäule erstarrt und blickte Björn mit großen Augen an.

Für einen quälend langen Augenblick geschah überhaupt nichts, dann erschlaffte sein rechter Arm und er ließ die Waffe sinken, bevor er sie dann auf den Rasen legte.

"Okay!", presste er zwischen den dünnen Lippen hindurch. "Sie haben gewonnen ..."

Björn Kilians Blick klebte förmlich am Gesicht des Killers.

"Was gaffen Sie so? Noch nie einen Mann mit Narbe gesehen?"

Björn schüttelte den Kopf.

"Darum geht es nicht ..."

"Worum dann!"

"Wegen der Narbe habe ich Sie nicht sofort erkannt. Außerdem sind Sie mehr als zwei Jahrzehnte älter geworden."

"Was soll das? Wir haben uns nie gesehen ..."

"Ich Sie schon! Auf einem Foto! Sie sind Harm Berentzen, nicht wahr?"

Einen Moment lang zögerte er, aber dann nickte er doch.

"Ja", sagte er gepresst und fasste sich dabei an den Unterschenkel, an dem Björns Schuss ihn getroffen hatte. "Ja, ich bin Harm Berentzen!"

Björn bückte sich und hob Berentzens Schalldämpferpistole auf, indem er den Finger durch den Abzugbügel steckte. Die Waffe war schließlich ein Beweisstück, und da wollte er keine Fingerabdrücke verwischen.

"Wo ist Uwe Menninga?"

Berentzens Gesicht bekam etwas Stures, Verbissenes. Er wirkte wie versteinert und so fragte Björn. "Ist er tot?" Berentzen nickte leicht.

Und nach einem Augenblick des Schweigens fügte er dann hinzu: "Ich habe ihn ins Badezimmer gebracht!"

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Nachdem Björn Kilian den verletzten Berentzen zurück in Menningas Wohnzimmer gebracht hatte, griff er zum Telefon, um die Polizei und einen Arzt zu rufen.

Es würde etwas dauern, bis die Beamten eintrafen. So blieb Björn etwas Zeit, um sich mit Harm Berentzen zu unterhalten.

"Warum?", fragte Kilian. "Warum all die Morde? Markovic, Gärtner, Michaelsen, Bradenbach, Gregor, Lübbert ..."

"Thorrell!", korrigierte Berentzen. "Sein wirklicher Name ist Paul Thorrell."

Björn nickte.

"Ich weiß."

So etwas wie ein Lächeln ging dann plötzlich über Berentzens Gesicht. "Was wissen Sie noch?", fragte er.

"Dass Sie alle in Uniform auf einem Foto zu sehen sind ... in Afghanistan!"

Berentzen nickte.

"Ja, dort hat alles angefangen ..." Er zuckte mit den Schultern und wirkte jetzt in sich gekehrt und gelöst. "Und jetzt ist es zu Ende. Ich kann Ihnen also ruhig alles erzählen. All die Jahre habe ich meine Rache gelebt! Der Gedanke an Rache war es, der mich überhaupt am leben hielt, so scheint es mir jetzt manchmal ..."

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Es war am nächsten Morgen, als Björn Kilian Undine Lübbert aufsuchte.

Undine sah ihn zunächst etwas erstaunt an, dann begann sie sich ein paarmal zu entschuldigen und führte ihn ins Wohnzimmer.

"Ich habe mich unmöglich benommen!", meinte sie. "Aber verstehen Sie mich nicht falsch, aber ... Da auf dem Friedhof ... ich war so durcheinander, so verrückt vor Schmerz. Ich wollte einfach, dass diese Geschichte zu einem Ende kommt und deshalb habe ich Sie gebeten, die Sache nicht weiterzuverfolgen ... Es war dumm von mir ..."

"Schon gut", meinte Björn. "Ist Hinnerk nicht da?"

"Doch. Aber er schläft noch. Er hat wieder unmäßig getrunken. Vor dem Mittag wird ihn nichts aufwecken können. Wollen Sie mit ihm sprechen?"

"Nein. Ich bin hier, weil ich meinen Job jetzt erledigt habe ..." Sie runzelte die Stirn.

"Sie meinen ..."

"Sie haben mir den Auftrag gegeben, den Mörder Ihres Vaters zu finden. Das ist geschehen. Sein Name ist Harm Berentzen - und er war sehr redselig. Er hat alles gestanden und ist hinter Schloss und Riegel."

Björn entging die Veränderung nicht, die in Undines Gesicht vor sich ging, als der Name Berentzen fiel.

"So ...", meinte sie und atmete tief durch. "Dann hat dieser ganze Spuk ja endlich ein Ende."

"Sie scheinen nicht gerade sehr erfreut darüber zu sein, dass Berentzen gefasst ist ..."

Sie errötete und schluckte.

Und dann machte sie eine hilflose Geste mit der Hand.

"Sie täuschen sich, Herr Kilian!" Sie schwieg einen Augenblick, setzte einmal vergeblich an und fragte schließlich: "Warum hat dieser Berentzen meinen Vater umgebracht?" Björn holte das Foto aus der Innentasche seiner Jacke, das Rainer Gregors Witwe ihm überlassen hatte und zeigte es Ihr.

"Vor vielen Jahren war Ihr Vater bei einer Einheit in Afghanistan, zu der auch alle übrigen Ermordeten gehörten. Markovic, Bradenbach, Michaelsen und so weiter. Diejenigen von ihnen, denen Sie schon begegnet sind, werden Sie leicht auf dem Bild identifizieren können. Harm Berentzen war auch bei dieser Einheit. Die Narbe hatte er damals noch nicht ... Alle, die hier zu sehen sind - unter ihnen Ihr Vater Paul Thorrell alias Ihno Lübbert -, bildeten eine Gruppe, die ein illegales Geschäft mit Bundeswehr-Ausrüstungen betrieben, die sie vorwiegend an verschiedene Warlords verscherbelten. Vornehmlich dürfte es um Munition und leichte Handfeuerwaffen gegangen sein. Harm Berentzen wollte dann irgendwann aus der Sache aussteigen, aber das wollten seine Komplizen nicht zulassen. Sie brachten ihn in die Berge und die afghanischen Komplizen schossen ihn dann mit einem halben Dutzend Kugeln nieder."

"Das glaube ich nicht!", entfuhr es Undine. Aber ihre Aufregung schien irgendwie gespielt.

"Ach, nein?", meinte Björn. "Ich bin überzeugt davon, dass Sie davon gewusst haben, Undine!"

"Das stimmt nicht!"

Björn zuckte die Achseln.

"Dann wollen Sie sicher wissen, wie die Sache weiterging ..." Björn erntete von Undine einen eisigen Blick, aber der Privatdetektiv ließ sich davon nicht beeindrucken, sondern fuhr ungerührt fort: "Es grenzte an ein Wunder, aber Berentzen überlebte. Die Narbe an seinem Kopf stammt von einer der Kugeln, die man ihm damals verpasst hat. Er wurde von Bauern gefunden und ins nächste Dorf gebracht. Sie haben ihn eine Weile gepflegt, dann kamen die Taliban und er hat Jahre in ihrer Gefangenschaft zugebracht ... Als er dann endlich zurück nach Deutschland kam, war sein Inneres ebenso zerstört wie sein Gesicht. Er wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, bis ein gewisser Herr Petersen auftauchte ... Aber das ist Ihnen ja bekannt, Undine, nicht wahr?"

Sie verzog das Gesicht und ging unruhig im Wohnzimmer hin und her.

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, Herr Kilian!"

"Das glaube ich schon, Frau Lübbert! Schließlich haben Sie Petersen damit beauftragt, Berentzen aus der Heilanstalt zu bekommen, was ihm schließlich ja auch gelungen ist." Sie zeigte ihre strahlend weißen Zähne und machte auf einmal einen gefährlichen Eindruck. Wie eine Raubkatze wirkte sie in diesem Moment - eine Raubkatze, die in die Enge getrieben worden war ...

"Warum sollte ich so etwas tun?", fragte sie dann plötzlich. "Was hätte das für einen Sinn?"

"Sie hatten den Plan, Ihren Vater zu ermorden, um endlich an sein Vermögen zu kommen ... Aber dabei wollten Sie sich nicht die Hände schmutzig machen. Also brauchten Sie ein paar willfährige Werkzeuge. Petersen war Ihr Werkzeug, weil Sie ihn wegen seiner Veruntreuung in der Hand hatten. Berentzen wurde Ihr Werkzeug, weil Sie und Petersen ihm die Möglichkeit boten, seine Rache zu vollenden ... Ihren Vater hätte er zum Beispiel schon allein auf Grund seiner geänderten Identität nie gefunden. Darüber hinaus sollte Berentzen noch einen Batzen Geld dafür bekommen, jemanden umzubringen, an dem er sich nicht rächen wollte."

"Wer sollte das gewesen sein, Kilian?" Ihre Stimme klang bereits ein wenig resigniert.

Wie eine Katze bewegte Undine sich auf einen dunklen Mahagonischrank zu.

"Niemand anderes als Ihr Bruder Hinnerk! Der Anschlag am Friedhof galt nämlich nicht Ihnen, sondern ihm. Sie hatten keine Lust, Ihre Erbschaft mit einem notorischen Taugenichts zu teilen, Undine!"

"Was Sie nicht sagen, Björn!"

"Fragt sich nur, weshalb Sie mich engagiert haben! Wahrscheinlich, um sich gänzlich außer Verdacht zu bringen und den Anschein zu erwecken, als liege Ihnen etwas daran, den Mörder Ihres Vaters zu fassen! Als ich der Sache dann tatsächlich - wider Erwarten - auf die Spur kam, wollten Sie mich billig abspeisen ..."

"Eine tolle Geschichte haben Sie sich da zusammengereimt, Björn!"

"Es tut mir leid, aber es ist keine Geschichte, Undine! Es ist die Wahrheit, sie wird sich auch beweisen lassen. Das Personal der psychiatrischen Klinik wird sich an Petersen erinnern und Sie ..."

"Hören Sie auf, Kilian!", rief sie dann und hatte mit einer blitzschnellen Bewegung eine Schublade aufgerissen. In der nächsten Sekunde befand sich ein Revolver in ihren schlanken Fingern.

Björn blieb ruhig und machte einen Schritt auf sie zu.

"Stehen bleiben! Keinen Schritt weiter!"

"Wollen Sie mich jetzt erschießen, Undine?"

Sie zuckte mit den Schultern.

"Warum nicht? Oder wissen Sie einen anderen Weg, um zu verhindern, dass Sie mit Ihrem Wissen hausieren gehen? Unglücklicherweise sind Sie mir auf die Schliche gekommen. Sie lassen mir keine andere Wahl!"

"Überlegen Sie gut, was Sie tun, Undine!"

Sie grinste.

"Ich könnte Ihnen Geld anbieten."

"Ich bin nicht käuflich!"

"Das sagen alle! Die Wahrheit ist, dass die Summe hoch genug sein muss! Aber es würde nie aufhören! Ich wäre bis an mein Lebensende in der Hand eines anderen ..."

"So, wie Petersen in Ihrer Hand war!"

"Richtig."

Björn kam etwas näher an sie heran, aber dann erstarrte er mitten in der Bewegung.

Sie hob die Waffe und spannte den Hahn.

"Sie werden nicht weit kommen, Undine!" Ihr Mund verzog sich höhnisch, während Björn sehen konnte, wie sich ihr Zeigefinger anspannte.

"Sagen Sie mir einen vernünftigen Grund, weshalb das so sein sollte, Kilian!"

"Weil draußen Hauptkommissar Remmers mit seine Leuten wartet."

Für den Bruchteil einer Sekunde schien sie verunsichert und diese kurze Zeit nutzte Björn Kilian, indem er nach vorne schnellte, ihren Unterarm packte und in die Höhe riss. Ein Schuss löste sich aus dem Revolver und ging in die Decke. Dann hatte Björn ihr die Waffe entrissen.

"Ihr Spiel ist aus, Undine!", erklärte er.

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Es dauerte nicht lange und Remmers tauchte mit seinen Leuten auf.

"Der Schuss war draußen zu hören!", meinte der Hauptkommissar und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Da habe ich mir Sorgen gemacht, Björn!"

Björn lächelte dünn.

"Das ist aber nett von dir, Tammo!"

Aus den Augenwinkeln bemerkte Björn, wie Undine Lübbert abgeführt wurde und ihm dabei einen vernichtenden Blick zuwarf.

Dann drang plötzlich Remmers' Stimme wieder in sein Bewusstsein.

"Ich hatte dich gewarnt, Björn!" Er schüttelte energisch den Kopf und machte eine hilflose Geste. "Aber du wolltest ja unbedingt noch vorher mit ihr allein sprechen und dieses Risiko eingehen!"

Björn Kilian öffnete seine Jacke und nahm das Mikro ab, das dort angebracht war. "Wenn deine Leute nicht alles verbockt haben, habt ihr jetzt ein schönes Geständnis, was die Beweislage vor Gericht sicher verbessern wird", meine ich. "Und das war es doch wert, oder etwa nicht?"

ENDE

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Wer erschießt schon eine Leiche?

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(Marlene Schelm, die Kommissarin fragt...)

Kriminalroman von HORST BIEBER

Max Berruth geht am 30. Dezember auf ein Pils in seine Stammkneipe „Zum Prellbock“, verlässt das Lokal nach dem zweiten Glas und ist seitdem spurlos verschwunden. Seine Frau Pia meldet ihn im neuen Jahr als vermisst.

Christine (Tine) Dellbusch vom zuständigen Referat 7 kann eine Spur aufnehmen, doch die führt zu einer Frau, die am 30. Dezember abends ermordet worden ist. Der Ehemann hätte zwar ein gutes Motiv, seine Frau aus dem Weg zu räumen, hat aber auch ein bombenfestes Alibi. Das Referat 11 (Mord und Totschlag) übernimmt. Lene Schelm bekommt Hilfe, einmal von der Kollegin

Tine aus dem R-7, zum anderen von Petrus und Frau Holle, die unerwartete viel Schnee schicken, so dass Berruth in einem Auto, das ihm nicht gehört, tödlich verunglückt...

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Personen

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Max Berruth: Medizingeräte-Techniker, ist seit dem 30. Dezember des Vorjahrs verschwunden

Pia Berruth, geborene Zillig: Max' Ehefrau

Daniel Berruth: Der vierjährige Sohn des Ehepaares

Carla Zillig: Pias ledige Schwester

Lothar Scharff: Carlas Freund, Maler von Beruf

Gustavo Toller: Berruths Chef

Susanne Krüger: Tollers Mitarbeiterin

Ann-Katrin Toller, geborene Steinberg: Tollers nymphomane Ehefrau

Die Mannschaft der Kneipe Zum Prellbock am S-Bahnhof „Brekum-Lunden“

Otto Dick: Wirt

Gerda Blume: Bedienung

Rita Funke: Aushilfe, Studentin

Die Kripo-Mannschaft

Marlene Schelm: Erste KHK

Jule Springer: KOK

Sigrid Bauer: KK

Die drei Frauen bilden das Referat R-11, die früher so genannte Mordkommission im Tellheimer Präsidium.

Paul Hase: Staatsanwalt, lebt mit Jule Springer zusammen

Nadine Golowski: Gerichtmedizinerin in Tellheim, lebt mit Jörg Steiner zusammen, dem Chef der Tellheimer Kripo

Kurt Grembowski: KHK (Grem der Grobe)

Christine (Tine) Dellbusch: KK

Grembowski der Grobe und Tine Dellbusch sind die Stammmannschaft des Referats R-7 (Vermisstenfälle) im Tellheimer Präsidium.

––––––––

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Alle Personen, Namen und Taten, Orte, Bahnhöfe und Firmen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären also rein zufällig.

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Erstes Kapitel (30.Dezember)

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So, ich gehe jetzt noch auf ein Bier in den Prellbock. Kommst du mit?“

Pia Berruth tätschelte ihr mittlerweile recht ansehnliches Bäuchlein: „Nein, Max, lieber nicht. Viel Spaß. Bis nachher.“

Wenn er weg war, konnte sie in Ruhe noch alles für den Nudelsalat vorbereiten, der bei den Berruths mittlerweile zur Silvestertradition gehörte. Nach dem Feuerwerk und Anstoßen mit Sekt war Nudelsalat mit heißen Würstchen angesagt, und danach ein starker Kaffee. Viele der Gäste und Freunde, die mit dem jungen Ehepaar den Jahreswechsel feierten, mussten anschließend noch Auto fahren. Pias Eltern schliefen bei Tochter und Schwiegersohn und fuhren erst am nächsten Tag zurück nach Kronberg. Wenn sie gute Laune hatten, machten sie noch einen Abstecher zum Ellermannshof, um der zweiten Tochter Carla ein gutes Neues Jahr zu wünschen. Was sie aber nur taten, wenn Carla am Telefon schwor, ihr Freund Lothar Scharff sei für längere Zeit außer Haus, sie würden ihm nicht begegnen. Schwiegereltern und Freund der Tochter vertrugen sich überhaupt nicht.

Max Berruth war Biertrinker. Mit Bier aus Dosen konnte man ihn allerdings jagen, Bier aus der Flasche trank er nur, wenn es gar nicht anders ging. Den richtigen Genuss hatte er nur bei einem vor seinen Augen frisch gezapften Pils, und aus diesem Grund hatte er die Bahnhofskneipe von Brekum-Lunden mit dem sinnigen Namen Zum Prellbock zu seinem Stammlokal erkoren. Die Kneipe war eher mieser Durchschnitt, das Radeberger Bier dagegen Spitze. Unter der Woche trank Max Berruth überhaupt nicht. Da war er täglich viele Stunden mit dem Auto unterwegs, um Apparate und Anlagen, die seine Firma Medizintechnik Gustavo Toller GmbH geliefert und aufgestellt hatte, zu inspizieren, zu reparieren oder auch neu zu eichen. Und weil von diesen Geräten manchmal Menschenleben abhingen, hatten es Ärzte, Schwestern und Patienten überhaupt nicht gerne, wenn der Mechaniker, der sich an den Apparaten zu schaffen machte, nach Bier duftete oder nach Alkohol roch. Deswegen freute sich Max die ganze Woche über auf sein Wochenend-Bier im Prellbock. Pia, die im sechsten Monat mit einer Tochter schwanger war, ging nicht mehr mit. Sohn Daniel war erst vier und schied als Begleiter - noch - aus. Mit seinen Schwiegereltern Lukas und Luise Zillig verstand er sich nicht so gut, dass er sie oder ihn aufgefordert hätte, ihn zu begleiten. Er vermutete ganz richtig, dass sie sich seiner etwas schämten. Ein zwar tüchtiger, aber simpler Mechaniker und eine Millionärstochter, wie sollte das denn auf Dauer gut gehen, und wie sah das vor den Freunden des Ehepaares Zillig aus? Doch Pia hatte ihren dicken Kopf durchgesetzt, wie auch ihre Schwester Carla, die - wie die Eltern klagten - in „wilder Ehe“ mit dem Maler Lothar Scharff in einem umgebauten Gutshof, dem Eldermannshof, am Rande von Brekum zusammenlebte. Scharff war ein beliebter und erfolgreicher Porträtist, bei seinen Künstlerkollegen allerdings nicht beliebt und aus dem Tellheimer Kulturforum demonstrativ und mit Aplomb ausgetreten. Pia und Max mochten den gelegentlich sehr arroganten Scharff nicht leiden, verkniffen sich aber wegen Pias Schwester Carla jede Bemerkung.

Luise Zillig hätte sich gerne von Scharff malen lassen, was der mit der liebenswürdigen Begründung ablehnte: „Ich mal nur interessante Menschen.“ Pia hatte daraufhin verzichtet, Scharff zu fragen. Der Künstler hatte es geschafft, sich innerhalb kürzester Zeit die gesamte Familie zu Feinden zu machen. Nicht gelungen war es ihm, die Schwestern, die seit der Jugend wie Kletten aneinanderhingen, zu entzweien. Max wusste, dass Scharff ihn insgeheim verachtete, und mit solchen Menschen wollte er kein Bier trinken. Auch Schwiegervater Lukas Zillig war mit seiner snobistischen Überheblichkeit kein Begleiter, mit dem Max entspannt ein Bier trinken wollte.

Zum Prellbock lief Max zehn Minuten über die Straße oder lieber eine Viertelstunde über den Hauptweg der Kleingartenkolonie Kohlgrub. Der Weg war breit und ordentlich gepflegt, links und rechts von dichten Liguster- oder Buchsbaumhecken gesäumt und bei Dunkelheit sogar einigermaßen beleuchtet. Im Sommer begegnete er oft Liebespärchen, jetzt, einen Tag vor Silvester, war es um diese Zeit zu dunkel und schon viel zu kalt, selbst für Heißblütige, die es zueinander drängte.

Der Prellbock war um diese Tageszeit wenig belebt. Am frühen Abend, nach Dienstschluss, kehrten viele Pendler hier ein, um in Ruhe noch ein Bier zu trinken, bevor sie sich mit Frau und Kindern beschäftigen mussten. Otto Dick, der Wirt, wäre auch ohne Bedienung gut klar gekommen, zumal sein Name seinem Äußeren entsprach, und etwas mehr Bewegung ihm gut getan hätte. Vermutlich hatte er die Bedienung Gerda Blume nur eingestellt, um tagsüber Unterhaltung zu haben. Morgen Abend würde der Prellbock gerammelt voll sein; hier konnte man lange lärmen und ungehindert Raketen abschießen, Und bei solchen Anlässen half eine Studentin aus; Rita Funke war tüchtig und bei den Gästen beliebt. Heute half sie neben der Arbeit am Tresen in der Küche aus, wo möglichst viel für den morgigen Abend vorbereitet wurde. Und nachher mussten noch Tische und Stühle weggeräumt werden, um Platz für eine Tanzfläche zu schaffen. Otto stellte dann seine Musikanlage auf, mit deren Lautstärke man Tote aufwecken konnte. Als Max das Lokal betrat, stellte Otto gerade zehn volle Gläser und zehn Pinnchen Klaren auf sein Tablett. Die alten Knaben schienen in der Kneipe zu wohnen und machten jeden Abend eine für Otto erfreuliche Zeche. Sonst war die Kneipe leer, bis auf eine junge Frau, die am Tresen saß und ein Pils vor sich stehen hatte. Rita zapfte gerade und sagte auf Maxens „Guten Abend“ automatisch „Hei, Max.“ Die fremde Frau schaute kurz auf zum Eingang. Zweite Hälfte zwanzig vielleicht, blonde, glatte Haare und ein faszinierendes Gesicht, das Max einen Moment im Profil bewundern konnte. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor, er hatte sie schon einmal gesehen, aber der Henker mochte wissen, wann und wo. Und wie sie heißen mochte. Max wollte nicht unhöflich sein und ging auf sie zu: „Guten Abend“, sagte er laut, „wie geht es Ihnen?“

Wieder schaute sie kurz auf, zischte jetzt aber unfreundlich. „Lassen Sie mich in Ruhe!“ Daraufhin stoppte Max und setzte sich nicht neben sie, sondern suchte einen Hocker mit Abstand zu der Blondine.

„Wie üblich“, sagte er zu Rita, die ihn und die Frau beobachtete, aber auf die Entfernung wohl kaum verstanden hatte, was die Frau zu ihm gesagt hatte. Max bekam sein Pils, löschte den schlimmsten Durst und schaute dann wie die andern Gäste auf den Fernseher mit der Tagesschau. Während der Wettervorhersage winkte die Blondine Rita heran und zahlte. Max schaute ihr nach, als sie ging und war schwer beeindruckt. So eine perfekte Figur sah man nicht jeden Tag, auch nicht solche engen Jeans. Und selbst ein solcher Hüftschwenk wurde einem nicht oft geboten.

„Weißt du, wer sie ist?“ fragte er Rita.

„Nein, nie vorher gesehen.“

Nach dem zweiten Bier zahlte auch er und winkte Otto zu; dem stand morgen wie der ganzen Prellbockmannschaft ein harter Abend bevor. Als Max über den Park-and-Ride-Platz auf den Eingang der Kleingartenanlage zuging, löste sich eine Gestalt aus dem Dunkel und trat ihm in den Weg. Die hübsche Blondine aus der Kneipe, die ihn so unfreundlich angefahren hatte. Sie steckte gerade ein Handy weg.

„Entschuldigung“, begann sie leise. „Ich war eben wohl etwas arg unhöflich zu Ihnen, und wollte mich entschuldigen.“

Max konnte sich immer noch nicht daran erinnern, wo er sie früher schon einmal gesehen hatte. „Keine Sorge“, sagte er großmütig. „Ist schon vergessen.“

„Kann ich das irgendwie wieder gutmachen?“ wollte sie wissen. Sie hatte eine sehr helle, sehr klare Stimme, und die Art, wie sie mit den flachen Händen über ihre Hüften strich, hatte etwas Aufreizendes. „Mein Auto steht hier. Kann ich Sie nach Hause bringen?“

Max war kein Fremdgeher oder Schürzenjäger, aber er hatte männliche Bedürfnisse und wurde zurzeit von seiner Frau Pia, wie er oft dachte, recht knapp gehalten. Und neben ihm ging eine verführerische Blondine, die sich um ihn bemühte. Mal sehen, was daraus wurde.

„Das würde ich sogar gerne annehmen.“

Dass sie nicht in seine Richtung fuhr, merkte er sofort, sagte aber nichts. Lunden gehörte zwar noch zu Brekum, lag aber jenseits des Parks und war das Viertel der betuchteren Tellheimer. Max und Pia hatten sich auch hier Häuser angesehen, die meisten überstiegen ihre finanziellen Möglichkeiten bei weitem, bei anderen fanden sie die Preisvorstellungen unverschämt, und bei ihrem jetzigen Haus hatten beide sofort gesagt: „Das ist es.“

Als sie in eine kleine Sackgasse einbogen, sagte sie: „Ich heiße Ann-Katrin. Und du?“

„Max.“

„Fein. Max, du hast doch sicher etwas Zeit, mit hereinzukommen und einen Schluck mit mir zu trinken?“

„Ja, habe ich.“ So was gab's also tatsächlich und nicht nur im Fernsehen.

Sie zog den Zündschlüssel ab und öffnete die Haustür so rasch, dass er keine Gelegenheit hatte, den Namen an der Klingel zu lesen. Sie hieß also Ann-Katrin - und wie weiter?

Sie hängte ihren gefütterten Anorak über einen Bügel, zog sich die dicken Schuhe aus und schlüpfte in ein Paar niedrigen Hausschuhe, griff nach seiner Hand und zog ihn in ein großes, hell erleuchtetes Zimmer und drückte ihn auf eine breite Couch herunter.

„Was möchtest du trinken?“

„Wenn du einen klaren Schnaps und etwas Sprudel für mich hättest ...“

„Aber sicher.“

Sie sprang auf und zog sich mit einer raschen Armbewegung ihr Shirt über den Kopf. „Ist dir auch so warm?“

„Ja“, sagte er automatisch. Obwohl er ihre Frage gar nicht richtig verstanden hatte. Sie lief aus dem Zimmer und war im Nu zurück mit einem Tablett, auf dem zwei Gläser, Eisbehälter, Sprudel und eine Flasche Wodka standen, setzte das Tablett auf dem niedrigen Tisch vor der Couch ab und goss ein. Er bewunderte ihre geschickten Bewegungen fast noch mehr als ihren Busen.

„Prost, Max.“

„Zum Wohl, Ann-Katrin.“

Sobald er sein Glas abgestellt hatte, nahm sie seine Hand und legte sie auf ihren Busen. „Ich hab's gern, wenn man meine Titten streichelt.“

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Sie hatte eine prachtvolle Brust und stöhnte auf, als er ihre Brustwarzen küsste. Ihr Slip fiel, er spürte ihre Hand an seinem Hosenschlitz und sie murmelte: „Nun mach schon!“ Sie kam sehr schnell zum Höhepunkt und gluckste, als er sich neben sie legte, um wieder zu Kräften zu kommen. Dabei kraulte sie seinen Penis, kein Zweifel, sie hatte viel Übung in Sachen Sex, und trotzdem wurde er den komischen Eindruck nicht los, dass sie gar nicht richtig bei der Sache war. Beim zweiten Mal kam sie nicht zum Orgasmus, er wollte sich schon entschuldigen, als er bemerkte, dass sie an ihm vorbei nach oben an die Decke schaute. Er folgte ihrem Blick und sah neben der Lampe ein winziges Gerät, das mit seinem „Glasauge“ auf sie gerichtet war. „Was ist denn das?“ fragte er halb verwundert, halb beunruhigt.

„Eine Kamera“, sagte sie unbefangen.

„Die hat uns jetzt aufgenommen?“

„Ja.“

„Und warum?“

„Meine Freunde und Freundinnen schauen uns das gerne an, um uns etwas anzutörnen, bevor eine ordentliche Sexparty abgeht.“

„Und darauf bin ich und bist du zu erkennen?“

„Sicher“, kicherte sie vergnügt und er dachte zum ersten Mal heute Abend an Pia und das Kind, das sie von ihm erwartete.

„Bist du verrückt? Ich will sofort das Band oder den Chip oder den Film.“

„Hast du noch alle? Ich denke nicht daran. Stell' dich doch nicht so an. Du bist verheiratet, nicht wahr, und deine Frau erwartet ein Kind?“ Das hatte ihr Lothar Scharff verraten, als sie in fragte, wer denn der Mann da eben in der Diele des Eldermannshofes gewesen sei. „Nur mein Schwager Max. Ein Trottel und langweiliger Familienvater. Treu und doof, den kriegst nicht einmal du herum.“

„Um was wetten wir, dass doch ...“ Als die Junge hinter dem Kneipen-Tresen „Hei, Max“ sagte, hatte sie ihn sofort wiedererkannt und sich an ihre Wette mit Scharff erinnert. Sie liebte Männer und sie liebte Geld und hatte nichts dagegen, von geliebten Männern Geld anzunehmen.

Damit rückte sie sich in die richtige Position unter das Objektiv, spreizte wieder die Beine und forderte ihn auf: „Leck mich, Max.“

Das war zu viel. Max knurrte nur und schlug ihr mit voller Kraft ins Gesicht. Sie wehrte sich, strampelte, kreischte und kratzte und versuchte, ihn zu beißen. Bis er wutentbrannt eines der Kissen nahm und ihr auf Mund und Nase presste. In seinen Ohren rauschte es unerträglich laut und vor seinen Augen flimmerten grellrote Blitze, so dass er nichts mehr deutlich erkannte. Endlich spürte er, dass ihre Gegenwehr erlahmt war. Vorsichtig nahm er das Kissen hoch, aber sie blieb regungslos liegen und bewegte sich nicht. An Mund und Nase konnte er keinen Atem mehr spüren, links und rechts an den Halsschlagadern nichts mehr spüren. Vorsichtig stand er auf und begriff erst jetzt, was er getan hatte. Weg, nur weg! Aber wenn das stimmte, und diese verdammte Kamera da oben alles aufgenommen hatte? Er musste das Band, den Chip oder den Film unbedingt mitnehmen und vernichten. Aber wo stand das Aufzeichnungsgerät? Er zog seine Sachen an, weil er nicht nackt durch das große, fremde, wenn auch wahrscheinlich leere Haus laufen wollte. So eine hübsche Frau und dabei so ein verkommenes Luder. Ihr Gesicht hatte sich verändert, war schlaff geworden und hatte den Ausdruck von Lebhaftigkeit und den Ausdruck verführerischer Bereitwilligkeit verloren. Dann fiel ihm ein, dass er Sperma und Fingerspuren hinterlassen würde. Ob es günstig war, zur Ablenkung der Polizei die Vorhänge zur Seite zu ziehen und die Veranda-Glastür einen Spalt zu öffnen? Von draußen kam es kalt herein. Für heute Nacht war starker Frost angesagt. Schnee war noch nicht gefallen.

Max Berruth durchsuchte das ganze Haus, wobei er Klinken und Schalter nur mit dem Taschentuch anfasste. Die gesuchten Geräte standen auf dem Dachboden in einem verriegelten Holzverschlag. An einer Wand war ein Regal aufgebaut, auf dessen Bretter viele CDs und DVDs lagen. Max hatte beruflich genug mit elektronischen Geräten zu tun, so dass er den Bildschirm und den Disc-Spieler in Betrieb setzen konnte. Es traf ihn wie ein Schlag, die Blonde legte sich nackt auf die Liege und zog ihn zu sich herunter, drehte sich einmal so zur Seite, dass auch sein Gesicht deutlich abgebildet wurde. Max Berruth war klar zu erkennen und oben lief eine Datums- und Zeitangabe mit. Auf der Scheibe waren aber auch noch andere Sexszenen gespeichert. In einem großen Wohnraum wurde eine Stripping-Party gefeiert, an der sich nicht nur seine Blonde aus dem Prellbock, sondern auch fünf, sechs andere zum Schluss textilfreie Frauen und nackte Männer beteiligten. Bei zwei Gesichtern stockte Berruth. Der eine mit einer etwas unglücklichen Miene sah aus wie sein Chef Gustavo Toller, und der zweite konnte, nein, musste Lothar Scharff sein, der Maler, mit dem Maxens Schwägerin Carla Zillig zusammenlebte. Und jetzt fiel ihm auch wieder ein, woher ihm die Blondine aus dem Prellbock so bekannt vorgekommen war. Max hatte sie bei einem Besuch auf dem Eldermannshof für Sekunden gesehen, aber nicht gesprochen, bevor sie mit Lothar Scharff in einem Zimmer verschwand und die Tür hinter sich schloss. Er steckte die DVD ein und wollte sich gerade eine andere Disc ansehen, als er aus dem Parterre ein seltsames Geräusch hörte, gefolgt von einem dumpfen Knall, der wie ein Pistolenschuss klang. Zehn, fünfzehn Sekunden später knallte es noch einmal - kein Zweifel, im Parterre wurde geschossen. Nun wurde es kritisch; so leise wie möglich schlich Max die Stufen hinunter, bis er in der Diele vor der Tür zu dem Zimmer mit der Couch stand. Drinnen schimpfte eine Frau zwar leise, aber doch verständlich vor sich hin: „Na, du verdammte Hure, jetzt ist endlich Schluss, was? Wie mich das freut. Hoffentlich hast du deinen letzten Fick noch genossen. Und wenn nicht, umso besser. In der Hölle herrscht das Zölibat.“

Max zögerte und klinkte dann behutsam die Tür auf. Das Geräusch musste die Frau alarmiert haben, sie fuhr herum und schwenkte die Waffe Richtung Tür. Als sie in der Öffnung eine menschliche Gestalt entdeckte, feuerte sie sofort. Die Kugel verfehlte Max und schlug in den Türrahmen ein. Eine halbe Minute standen sie beide wie die Ölgötzen voreinander und starrten sich an. Die Frau fand als erste ihre Sprache wieder. „Was machst du denn hier?“ fauchte sie ihn an.

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Zweites Kapitel

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Susanne Krüger hatte den ganzen Nachmittag auf seinen Anruf gewartet, und ihre Laune war von Minute zu Minute schlechter geworden. Als ihr Handy endlich bimmelte, schnauzte sie sofort los: „Wo steckst du denn den ganzen Tag?“

„Ich konnte nicht früher anrufen.“

„Und warum nicht?“

„Susi, wir haben einen unerwarteten Prüfer vom Finanzamt im Hause. Und der Kerl hat sehr unangenehme Fragen gestellt. Ich fürchte, er hat Verdacht geschöpft. Und will nun pausenlos sehr knifflige Auskünfte haben. Ich kann hier jetzt nicht weg. Tut mir leid.“

„Das sagst du in letzter Zeit immer häufiger. Tut mir leid, ich kann jetzt hier nicht weg.“

Erst als sie das ausgesprochen hatte, ging ihr auf, dass sie genau das dachte und ihm heimlich zum Vorwurf machte. Oder sein: „Nicht jetzt, Susi. Ich bin total erledigt.“

Dabei hätte sie es wissen müssen. Wer sich mit einem verheirateten Chef auf ein Verhältnis einließ, musste mit Ärger und Problemen rechnen. „Gusto“, wie sie unter vier Augen ihren Gustavo nannte, hatte immer mit offenen Karten gespielt, eine Scheidung kam nicht in Frage. Einmal hatte Gustos Schwiegervater Hans-Joachim Steinberg das Geld für den Aufbau der Firma Medizintechnik Gustavo Toller GmbH vorgestreckt und Susanne Krüger wusste genau, dass ein beträchtlicher Teil des Kredits noch nicht zurückbezahlt war.

Sie wusste auch, dass Gustos Ehe nicht glücklich war. Er bezeichnete seine Frau als läufige Hündin, was sie wohl nicht immer gewesen war, aber mittlerweile war sie wohl ihren Ehemann gründlich leid und nutzte so ziemlich jede Möglichkeit, ihn zu betrügen. Verliebt war sie in keinen dieser Liebhaber, anders als Gusto, der sich in Susi Krüger ernsthaft verliebt hatte und heute aufrichtig bedauerte, die auffallend hübsche Ann-Katrin Steinberg so rasch geheiratet zu haben.

Den Grund für den Liebhaberverschleiß seiner Frau begriff Gusto nicht. Susanne Krüger hatte ihm das nicht auf Anhieb geglaubt. Ob er nicht doch Vergnügen an diesen Orgien empfand, von denen er ihr so empört berichtete? Und noch weniger glaubte sie ihm, dass Ann-Katrin eine Kamera hatte einbauen lassen, die alles filmte und aufzeichnete, was sie so trieb, ob allein oder in einer Truppe Gleichgesinnter.

„Wozu denn das, das ist doch Schwachsinn.“

„Angeblich schauen sie und ihre Freundinnen und Freunde sich das vorher an, weil es sie so schön antörne.“ Gusto hatte ihr eine solche Platte vorgeführt und sie hatte sofort eine ganz andere Erklärung parat - von wegen antörnen und aufgeilen, erpressen war hier angesagt. Susi hatte einen ausgeprägten Hang zum Praktischen.

„Wo bist du denn jetzt?“ erkundigte sie sich.

„Wir sitzen in der Speisekammer und essen etwas zu Abend.“

„Und deine geliebte Ann-Katrin?“

„Die besucht eine Freundin in Konstanz. Hat sie wenigstens gesagt, weiß der Henker, was sie wirklich treibt.“

Susanne Krüger überlegte eine Minute, ihr war eine verwegene Idee gekommen. Das Haus stand also leer, Gusto hatte ein Alibi - einem Finanzbeamten würde die Polizei doch wohl glauben. Und wo Ann-Katrin Toller ihren Schmuck und ihr Geld und wo sie die DVDs aufbewahrte, wusste sie, seit Gusto sie in sein Haus mitgenommen hatte. Man konnte viele Dinge gewinnbringend verkaufen, und Geld brauchten Gusto und sie dringend. Sie hatten lange genug darauf gewartet, dass er sich von Ann-Katrin trennen konnte. Wozu er vorher den Kredit an ihren Vater zurückzahlen musste.

Sie ging in ihr Arbeitszimmer und holte die Pistole und die Schachtel mit der Munition heraus. Und einen festen Leinenbeutel; aus der Küche nahm sie ein Paar dünne Plastikhandschuhe mit. Dann fuhr sie los Richtung Brekum-Lunden. Sie wusste, wo sie ihr Auto von den Nachbarn unbemerkt parken und wo sie bequem über den Jägerzaun in den Garten einsteigen konnte. Die Verandatür zum Wohnzimmer stand einen Spalt offen. Das war ungewöhnlich. Das „bessere“ Viertel Lunden war bei den reisenden Einbruchbanden bekannt und beliebt, wie die Polizei immer wieder warnte. Sie schob die Verandatür einen Spalt weiter auf und schaute in das hell erleuchtete Zimmer. Ann-Katrin Toller lag nackt auf der Couch, die Beine angezogen und schlief tief und fest, hatte nicht einmal bemerkt, dass jemand von draußen ins Zimmer gekommen war. Das war die Chance. So rasch und so leise wie möglich zog Susi Krüger die Pistole aus der Tasche und vergewisserte sich, dass sie den festen Leinenbeutel dabei hatte, und schob die Tür noch ein Stück weiter auf. Ann-Katrin Toller schlief immer noch bewegungslos in der vorigen Position. Susi hob die Waffe und feuerte. Der Körper zuckte unter dem Einschlag der Kugel, und sie schoss nach kurzer Pause ein zweites Mal.

Dann stand sie länger vor der Couch und beschimpfte die Tote, die ihr und Gustos Glück so massiv im Wege gestanden hatte. Endlich hörte sie ein Geräusch von der Tür her, und zu ihrem ungläubigen Entsetzen ging die Tür auf, bis in der Öffnung ein Mann stand, der sie sprachlos anstarrte. Instinktiv hatte sie geschossen, die Gestalt aber verfehlt. Sie fand als erste die Sprache wieder und schnauzte den Mann an: „Was machst du denn hier?“

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Drittes Kapitel

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Kurioserweise riss das „Du“ Max Berruth aus seiner Lähmung. Ja, das war Susanne Krüger, Sekretärin, Buchhalterin, Terminplanerin, Frau für alles in der Firma Medizintechnik Gustavo Toller GmbH, so unentbehrlich wie zuverlässig, dazu recht hübsch, flott und freundlich. Seit der letzten sehr feuchten Weihnachtsfeier duzten sich alle Angestellten. „Das wollte ich dich auch fragen“, sagte Susanne rasch.

„Gusto - Gustavo - hat mich angerufen, ich sollte ihm was bringen. Ich dachte, er sei zu Hause. Und wie kommst du hierher?“

„Ann-Katrin hat mich mitgenommen.“

„Die Hure da?“

Warum er, ohne nachzudenken, wie aus der Pistole geschossen, erwiderte: „Die du erschossen hast“, wusste er nicht.

Ihr schien erst jetzt aufzugehen, dass es für ihre Tat einen Zeugen gab. Automatisch hob sie die Pistole, Max schüttelte besorgt den Kopf.

„Besser nicht, Susi. Die Kamera da oben an der Decke hat alles aufgenommen.“

„Schiet. Hast du eine Ahnung, wo das Bandgerät steht und wo die DVDs aufbewahrt werden? Die Kamera hat alles aufgenommen?“

Einen Moment überlegte er. Gegen seine Behauptung, sie habe Ann-Katrin erschossen, hatte sie nicht protestiert. Sollte er sie nicht in dieser Überzeugung belassen?

„Verdammt ja. Hat sie wohl. Ja, ich weiß, wo das Aufnahmegerät steht. Wir könnten alle Discs einpacken und dann von hier verschwinden, wenn du einen Ort weißt, an dem wir uns verstecken können, bis Gustavo seine Frau gefunden hat.“

Sie stiegen zusammen auf den Dachboden, und während sie alle Scheiben in den Beutel räumte, meinte sie plötzlich: „Ich habe eine Idee. Gusto hat eine Jagdhütte im Lantener Forst. Ich weiß, wo er den Reserveschlüssel versteckt.“

„Bist du schon mal mit ihm in der Hütte gewesen?“

„Mehr als einmal.“

„Ihr habt was miteinander?“

„Seit Jahren schon.“ Warum sollte sie das noch verschweigen?

„Das habe ich nicht gewusst.“ Was nicht einmal gelogen war, Max war viel unterwegs und fand selten Gelegenheit zu Klatsch und Tratsch mit den Kollegen und Kolleginnen. Sie nickte zustimmend:

„Du bist ja auch selten da. Wir sind seit gut drei Jahren zusammen.“

„Du weißt, dass er verheiratet ist?“

„War“, verbesserte sie spöttisch und begann über sein verdutztes Gesicht zu lachen: „Ich werd' nicht mehr. Sag' bloß, du hast nicht gewusst, dass diese Ann-Katrin die Frau des Chefs ist oder war?“

„Nein, woher denn auch. Ich habe sie nie vorher gesehen und der Chef hat sie uns ja auch nicht vorgestellt. Und an der Weihnachtsfeier hat sie auch nicht teilgenommen.“

„Er hätte sich gerne scheiden lassen, aber sein Schwiegervater hat ihm das Geld für die Firma vorgestreckt unter der Bedingung, dass Gusto sofort zurückzahlen muss, wenn er die Scheidung einreicht oder sich von Ann-Katrin trennt.“

„Ich glaube, der Vater hat vor allem seine Ann-Katrin elegant für immer loswerden wollen.“

„Das hat Gusto zum Schluss auch vermutet. Uns fehlen noch knapp 50 000 Euro, dann haben wir genug zusammen. Vielleicht klappt es jetzt mit den Scheiben. Ich möchte noch eigene, gesunde Kinder haben.“

„Deswegen die DVDs?“

„Warum nicht.“

„Kennst du alle Frauen und Männer, die an den Partys teilgenommen haben?“

„Nein, aber ich kenne in Stübern eine kleine Firma, die mir gegen Honorar preiswerte Kopien herstellt. Wie können es uns leisten, einige DVDs auf gut Glück, vielleicht an den falschen Adressaten loszuschicken.“

„Trotzdem brauchen wir ein Abspielgerät. Ich hole am besten den kleinen Apparat vom Dachboden.“

„Beeil' dich, ich pack' in der Zwischenzeit noch was zum Frühstück ein.“

Außerdem spülte sie die beiden Gläser vom Couchtisch und wischte die Wodkaflasche feucht ab.

Sie fuhren bald in ihrem Auto los. Bis zum Lantener Forst brauchte man bei vernünftigem Tempo 45 Minuten, und Susanne Krüger kannte den Weg zu der Jagdhütte ganz genau. Als sie in die erste Bergstraße einbogen, wollte Max wissen: „Wo steckt dein Gusto denn jetzt?“

„Als wir zum letzten Mal miteinander telefoniert haben, saß er in der Speisekammer und aß mit einem Steuerfahnder zu Abend. Ich kann ihn ja mal anrufen, wo er jetzt ist.“

„Um Himmels willen, nein! Gibt mir sofort dein Handy. Hast du nie was von Vorratsdatenspeicherung gehört? Sobald die Kripo die tote Ann- Katrin gefunden hat, wird sie nach der möglichen Geliebten des Ehemannes suchen.“

Das war vielleicht etwas übertrieben, aber es konnte nicht schaden, ihr etwas Angst einzujagen, lieber zu vorsichtig sein als leichtsinnig.

Der Schlüssel zur Hütte, die sich als besseres, wenn auch kleines Haus herausstellte, lag in seinem Versteck, und aus dem Haus wehte es sie kühl an. Max musste zuerst hinter dem Haus Holzscheite hacken. Und dann dauerte es eine ganze Weile, bis der Kachelofen richtig wärmte. Die Dunkelheit, die Kälte und die Stille konnten einem Stadtmenschen auf die Nerven gehen. Max entfernte Akku und SIM-Karte aus ihrem Handy und setzte sich vor den altmodischen Ofen. Die Flammen flackerten und prasselten hinter einer dicken Glimmerscheibe. Was mochte Pia jetzt denken oder tun?

Plötzlich verspürte er Appetit auf Nudelsalat.

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Viertes Kapitel

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Gustavo Toller kam schlecht gelaunt nach Hause. Erstens war das Essen in der Speisekammer erbärmlich gewesen und außerdem sah es so aus, als habe sich dieser Steuerfritze ausgerechnet an das unwichtigste Betrugsmanöver herangearbeitet, mit dem Gustavo Toller und Susanne Krüger gemeinsam das Konto „Ehe-Freikauf“ aufzufüllen trachteten. Spesenbetrug brachte nicht viel, aber Susi meinte, auch Kleinvieh mache Mist, aber leider eben auch Menschen verdächtig, die man dabei erwischte. Er fuhr seinen Wagen in die Garage und wunderte sich, dass im Parterre Licht brannte, und, wie er bei einem Rundgang ums Haus festgestellte, eine Verandatür nicht vollständig geschlossen war. Ann-Katrin hatte doch eine Freundin am Bodensee besuchen wollen, unter anderem mit der albernen Begründung, sie müsse ihr unbedingt einige der neuen Kleider vorführen, die sie für ein irrsinniges Geld bei einer Bekannten erworben hatte. Gustavo kannte diese „Freundin“.

Carla Zillig lebte mit dem Maler Lothar Scharff auf dem Eldermannshof zusammen und verdiente ihr eigenes Geld mit einem winzigen Mode-Label. Wer partout seinem Kleid nicht auf einer Veranstaltung begegnen wollte, ließ von Carla Zillig ein Einzelstück entwerfen und schneidern. Carla forderte Mondpreise, genauso wie ihr Lebensabschnittsgefährte Lothar Scharff für seine Porträts, aber beide waren im Moment in oder angesagt und hatten über fehlende Aufträge nicht zu klagen. Gustavo ging zurück, schloss die Haustür auf und rief laut in die Diele: „Hallo Ann-Katrin, ich bin da!“

Keine Antwort; das war ungewöhnlich. Meist pflegte sie mit einer Unfreundlichkeit zu reagieren: „Endlich, Weichei oder auch: Schon, Schlappschwanz? Mach' nicht wieder so viel Dreck in der Diele. Ich komm' gleich, sobald ich fertig bin.“

„Gleich“ hieß in der Regel 15 Minuten. „Sofort“ dauerte bis zu einer halben Stunde.

Gustavo rief noch einmal. Wieder keine Reaktion; er hätte gern mit ihr besprochen, was der Steuerfahnder massiv kritisiert hatte. Er ging auf die Wohnzimmertür zu und klinkte sie auf. Ann-Katrin lag nackt und regungslos auf der Couch und starrte ihn aus leblosen, weit geöffneten Augen an.

„Hallo, Ann-Katrin“, wiederholte er töricht und spürte, wie ihm ein eiskalter Finger über den Rücken strich. Das war doch ... das konnte doch nicht sein? Warum schlief sie so tief, nackt bei dieser Kühle, was war da passiert. Er trat etwas näher und konnte auf ihrem Busen zwei mit etwas Blut umgebene Flecken erkennen. Dann beugte er sich zu ihr herunter - kein Atemgeräusch. Ihre Brust bewegte sich nicht. Jetzt warnte ihn etwas, er berührte den Körper seiner Frau nicht, sondern holte sein Handy heraus und wählte 112, dann auch die 110. Die Tür zur Veranda ließ er so, wie sie war.

Gustavo hatte den Namen „Mordtrio“ noch nie gehört. Aber er kam ihm sofort in den Sinn, als sich die drei Frauen von der Kripo vorstellten: Marlene Schelm, die Chefin. Jule Springer, unzweideutig ihre Vertreterin. Sigrid Bauer, die jüngste im Team und letzte in der Hierarchie der Mordermittlerinnen. Dazu eine auffällige Blondine aus der Rechtsmedizin, der ein elegantes Abendkleid besser gestanden hätte als der grüne Kittel.

„Eindeutig Mord?“ erkundigte sich Lene Schelm.

„Eindeutig. Aber ...“

„Was aber, Nadine?“

„Schau dir mal die Augen an. Siehst du diese roten Pünktchen?“

„Ja.“

„Das spricht eigentlich dafür, dass sie erwürgt worden ist. Also unter Umständen schon mausetot war, als die beiden Kugeln sie trafen. Das würde nebenbei auch erklären, warum so wenig Blut aus den Brustwunden ausgetreten ist. Die Pumpe arbeitete schon nicht mehr.“

„Das gibt es doch nicht. Wer erschießt schon eine Leiche?“

„Wer unter Umständen geglaubt hat, die Schöne hier würde nur tief schlafen.“ Nadine Golowski grinste. „Ich würde mich auf jeden Fall mal auf zwei Täter einrichten, Lene. Einer hat gewürgt, ein anderer geschossen.“

„Und du sagst uns noch, in welcher Reihenfolge?“

„Na klar.“

„Und wann ist das alles geschehen?“

„Da lege ich mich jetzt nicht fest.“

„Morgen?“

„Eher übermorgen. Für morgen Abend haben wir Caro Heynen zu uns eingeladen.“

Caro(line) Heynen war als Erste Hauptkommissarin mal Chefin und Vorgängerin von Lene Schelm gewesen. Nadine Golowski, Leiterin der Tellheimer Rechtsmedizin, war immer noch Lenes beste Freundin, und Nadines Freund, mit dem sie zusammenlebte, war der Leitende Direktor der Tellheimer Kriminalpolizei.

„Nadine. Pi mal Daumen. Wann?“

„Die Frau ist etwa zwei Stunden tot.“

„Und wo waren Sie vor rund zwei Stunden?“ fragte Lene Schelm, die sehr direkt sein konnte.

Gustavo war noch zu erschüttert, um sich zu wehren. „Vor zwei Stunden habe ich in der Speisekammer am Hauptbahnhof gegessen.“

„Dafür gibt es Zeugen?“

„Ja. Einen Fahnder aus dem Finanzamt.“

„Wie bitte?“

Also musste Gustavo Toller die ganze Geschichte erzählen. Als auch der Steuerfahnder das Knurren seines Magens nicht mehr ignorieren konnte, waren sie gemeinsam in die Speisekammer gegangen. Einladen durfte Gustavo den Finanzbeamten nicht, und der konnte sich die sehr zivilen Preise in der Speisekammer eben noch leisten. Vor einer halben Stunde war Gustavo dort aufgebrochen und direkt nach Hause, nach Brekum-Lunden, gefahren, nein, durch die Haustür hereingekommen, die Verandatür hatte er nicht berührt.

„Und wo war Ihre Frau heute?“

„Mir hatte sie gesagt, sie wolle eine Freundin in Konstanz besuchen.“

Leise seufzend schrieb er alle Namen und Anschriften auf.

Sigrid Bauer hatte inzwischen das Glasauge an der Decke entdeckt: „Sagen Sie mal, Herr Toller, was ist denn das da oben?“

Gustavo musste ein zweites Mal auspacken und gewann dabei den durchaus richtigen Eindruck, dass man ihm jetzt noch weniger glaubte als bei der Speisekammer-Geschichte. Andererseits - vom Dachboden waren zwei Geräte und alle Speicherplatten verschwunden. Zwei „Mörder“ brauchten sie ohnehin und durch die halb offenstehende Verandatür konnte auch ein Dieb gekommen sein, der es auf die Speicherplatten abgesehen hatte. Nach einer guten Stunde rückte die Kripo-Mannschaft wieder ab und Gustavo gönnte sich einen ordentlichen Whisky. Trauer über den Tod der schönen Ann-Katrin wollte sich bei ihm nicht einstellen, aber ihn irritierte, dass sich am Handy weder Susanne Krüger noch ihre Sprachbox meldeten.

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Fünftes Kapitel

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Die erste Nacht verlief anfangs ruhig, obwohl beide schlecht schliefen. Susanne zweifelte nicht daran, dass sie Ann-Katrin Toller erschossen hatte und dachte voller Schrecken an die Folgen, hätte gern ihrem Gusto alles gestanden und ihn um Hilfe gebeten, wusste aber nicht, wie und wo sie ihn erreichen sollte. Und dass sie in einer so beschissenen Situation ausgerechnet an Max Berruth gebunden war, gefiel ihr am allerwenigstens. Max war ein lieber, aber harmloser und - wie sie manchmal dachte - auch hirnloser Kollege, für den sie wenig übrig hatte, auch wenn Gusto häufiger sagte, er wünschte sich, dass alle Mitarbeiter und Monteure so fleißig, zuverlässig und tüchtig wären wie Max Berruth. Wie konnte sie an ihr Handy kommen und Gusto anrufen? Würde die Polizei sie verdächtigen? Sie zerbrach sich den Kopf, wer in der Firma von ihrem Verhältnis mit Gusto etwas wissen und erzählen könnte.

Irgendwann fiel sie dann doch in einen leichten, unruhigen Schlaf, aus dem sie ein unbekanntes, aber bedrohlich klingendes Geräusch hochriss. Nach zehn Sekunden wiederholte es sich. Nun war sie hellwach und lauschte angestrengt. Da macht sich doch jemand an der Hüttentür zu schaffen. Nach dem dritten Knacken rief sie unterdrückt: „Max, schnell.“

Er hatte nebenan geschlafen und sie gehört, vielleicht ebenfalls von dem Knacken aus dem Schlaf gerissen. Jedenfalls antwortete er sofort: „Ja? Was ist los?“

„Da versucht jemand, die Tür aufzubrechen.“

„Moment, ich komm' mal rüber.“ Der Unbekannte war so nett, das nächste Geräusch genau in der Sekunde zu produzieren, in der Max Susis Zimmer betreten hatte.

„Du hast Recht“, sagte er überrascht. „Dem werde ich mal ... wo ist deine Pistole?“

An die Waffe hatte sie noch gar nicht gedacht. „Die hast du mitgenommen.“

„Richtig.“

„Sind da noch Patronen im Magazin?“

Sie musste erst überlegen „Ich weiß nicht ... Halt: doch, ich weiß. Ich habe zweimal auf Ann-Katrin geschossen ...“

„... und einmal auf mich. Macht drei Schuss, also sollten noch drei Patronen im Magazin sein. Halt mir die Daumen. Ich versuche dann mal, den Kerl zu vertreiben.“

Wo und wie man entsicherte und durchlud, hatte sie ihm gezeigt.

Mit der Waffe in der Hand schlich er zur Hüttentür. Es knackte zum vierten Mal. Max zog lautlos den Riegel zurück, riss die Tür auf und feuerte blindlings auf einen sich bewegenden Schatten, der wie von einer Riesenfaust herumgerissen wurde und zu Boden stürzte. Dort blieb er bewegungslos liegen, bis es Max zu kalt wurde und er die Tür wieder schloss. So konnte er nicht sehen, dass sich der Mann aufrappelte und davonschwankte, wobei er sich die rechte Schulter hielt.

„Ist der weg?“ rief Susi, und er schaute bei ihr herein. „Ja. Ich glaube, ich habe ihn sogar getroffen.“

„Was wollte der?“

„Woher soll ich das wissen. Ich versuche, weiter zu schlafen.“

Was ihnen beiden nicht so recht gelang. Morgens gähnten sie sich um die Wette an. Er hackte noch einmal Brennholz, fütterte den Kachelofen und dann legten sie sich noch einmal hin. Jetzt konnten sie noch ein paar Stunden ungestört schlafen, und als sie dann endgültig aufstanden, war es immer noch nicht richtig hell geworden. Dicke, dunkle Wolken trieben am Himmel, es roch irgendwie nach Kälte und Schnee, an Silvester in dieser Region eigentlich zu früh.

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Sechstes Kapitel (31.Dezember)

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Pia Berruth verbrachte den ganzen Vormittag damit, telefonisch die Silvesterparty abzusagen: Max habe sich ein Bein gebrochen und liege noch für ein paar Tage im Krankenhaus. Ihre Eltern erreichte sie nicht mehr, die waren aus dem Taunus schon losgefahren, und Schwester Carla und Lothar Scharff sagte sie die Wahrheit: Max war über Nacht einfach weggeblieben und hatte sich nicht gemeldet. Auch bei den restlichen Bekannten und Nachbarn, die sie gestern Abend nicht mehr erreicht hatte, sagte sie nichts. Carla und Lothar waren gestern Abend auch nicht in ihrem Eldermannshof gewesen. Carla hatte einer Kundin in Bockern das Kleid für deren Silvesterparty gebracht und Lothar mitgenommen, um die schwierige Kundin notfalls abzulenken und zu besänftigen. Doch die war mit allem einverstanden, nur ihr Mann begann zu knöttern, das könne man doch kein Kleid mehr nennen, da sei ein Bikini züchtiger und vor allem preiswerter. Was sachlich völlig richtig war, aber nicht im Sinne von Carla und Lothar, die den Erzürnten aber mit vereinten Kräften beruhigen konnten.

Pia richtete anschließend ihren vorbereiteten Nudelsalat an und sparte an Salz, das sie zum Teil durch Tränen ersetzte. Dass sie ihn auf diese Weise nicht versalzte, lag auch daran, dass die Wut immer wieder einmal über ihre Verzweiflung siegte. Was hatte sie Carla nicht alles von der Treue und Zuverlässigkeit ihres Max vorgeschwärmt, wenn die Schwester sich mal wieder über ihren Lothar beklagte. Und dieser Lothar, der ihre Gedanken erriet, scheute sich nicht, ihr verschwörerisch zuzuzwinkern. Erst am Nachmittag kamen Lothar und Pia dazu, ein, zwei Sätze unter vier Augen zu wechseln:

„Ist da was im Gange ...?“

„Nein.“

„Sicher?“

„Ganz sicher.“

Vater Zillig sah das alles unter geschäftlichen und finanziellen Aspekten. „Die Lebensversicherung ist doch okay?“

Pia brach in Tränen aus, aber auf Gefühle hatte ihr Vater noch nie Rücksicht genommen. Und weil er Tochter und Schwiegersohn einen beachtlichen Teil der jährlichen Prämien zahlte, glaubte er fest, das müsse er auch nicht. Sie saßen bis Mitternacht stumm vor dem Fernseher, stießen um Null Uhr mit Sekt an - Pia wünschte sich vom neuen Jahr nur, dass Max heil zurückkomme. Daniel zuliebe feuerten sie vor dem Haus ein paar Raketen und zwei schöne Feuerräder ab, schlugen bescheidene Breschen in den Nudelsalat und den Berg von Würstchen und gingen alle früh schlafen.

Wie hatte sie den Kerl mal attraktiv und nett finden können. Es wurde nicht besser, als Pias Eltern eingetroffen waren und die Wahrheit erfahren hatten. Zum Glück verkniffen sich beide das „Was haben wir dir immer gesagt?“

Carla und Lothar verzogen sich, bevor das drohende Gewitter losbrechen konnte. Auf der kurzen Heimfahrt erleuchteten immer wieder Feuerräder, Raketen und bengalische Lichter die Straßen.

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Siebtes Kapitel

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Das „Blonde Gift“ Nadine Golowski und ihr Freund Jörg Steiner hatten gemeinsam gekocht, und ihr Gast Caroline Heynen lobte begeistert, sie habe lange nicht mehr so gut gegessen. „Mal anders herum gefragt“, versetzte Steiner, „essen Sie überhaupt noch regelmäßig zu Mittag?“

Caro schüttelte den Kopf. Sie war zum frühestmöglichen Termin in Pension gegangen, obwohl man sie häufig und dringend gebeten hatte, doch bis 67 zu bleiben. Auch Marlene Schelm hatte das getan. Aber Caro wollte nicht mehr und vertraute den wahren Grund niemandem an. Sie war über viele Jahre mit einem Privatdetektiv eng und früher auch intim befreundet gewesen, der ihr einmal geholfen hatte, einen Mörder zu überführen. Der Täter hatte nach der Urteilsverkündung noch im Gerichtssaal geschworen, sich an Rolf Kramer, dem Privatdetektiv, zu rächen. Was er auch nach seiner Entlassung sofort getan hatte, er hatte Kramer auf einem Friedhof am Grab seines Opfers erschossen, und Caro fühlte sich mitschuldig, weil sie nicht daran gedacht hatte, dass der Mörder bald entlassen werden würde. Caros Job als Erste Hauptkommissarin im Referat 11, der früher so genannten Mordkommission, übernahm Marlene Schelm.

Caro litt keine Not, weder finanziell, weil sie ein Drittel der elterlichen Firma geerbt hatte, noch emotional; sie war viel unterwegs, arbeitete ehrenamtlich in einem Seniorenheim und vermisste nur manchmal den Trubel und die Spannung einer Mordkommission. Und weil Steiner der Direktor der Tellheimer Kriminalpolizei war, landete das Gespräch unvermeidlich bei den jüngsten Fällen. Die Opfer von Mord und Totschlag bekam zwangsläufig Nadine Golowski zu sehen („auf dem Blechtisch serviert“), und sie berichtete fast amüsiert von der jüngsten Leiche, die zuerst erstickt und dann erschossen worden war.

„In dieser Reihenfolge?“ vergewisserte sich Steiner.

„Den gerichtsfesten Beweis bekomme ich bei der Obduktion am Dienstag, wenn ich Textilfasern in der Lunge finde.“

„Aber wer erschießt denn schon eine Leiche?“ fragt Caro ungläubig.

„Wer glaubt, auf einen noch lebenden Menschen zu schießen.“

„Zuerst ersticken, dann erschießen? - so nach dem bekannten Motto, doppelt hält besser?“

„Nein, aber es können zwei Täter unabhängig voneinander am Tatort und an dem Mord beteiligt gewesen sein.“

„Zwei Täter? Arme Lene!“ seufzte Caro mitleidig.

„Es kann noch komplizierter sein. Das Opfer, eine sehr hübsche Nymphomanin, hat ihre sexuellen Eskapaden von einer eingebauten Kamera aufnehmen lassen. Das Aufzeichnungsgerät hat die Spusi gefunden. Aber es fehlen alle DVDs oder Bänder.“

„Die hat der Täter mitgenommen?“

„Oder eine dritte Person, die sich am Tatort aufhielt.“

„Lene Schelm tut mir echt leid.“ Jeder wusste, dass Zeugen auffallend stumm wurden, wenn in der Nähe des Tatortes, zu dem man sie befragen wollte, eine Leiche herumlag.

„Sie haben es mehr mit lebenden Leichen zu tun?“ wollte Steiner wissen.

Das war sehr unfreundlich formuliert, aber was Caro über einige Senioren zu berichten wusste, legte diese Bezeichnung sehr nahe. Sie konnte immer noch nicht verdauen, wenn Demenzkranke, zu denen sie glaubte, eine Art Vertrauensverhältnis aufgebaut zu haben, sie nach einem Krankheitsschub wie eine feindliche fremde Person behandelten. Mit dem Verstand wusste sie natürlich, warum das so war, aber mit dem Gefühl der Enttäuschung kam sie immer noch nur schwer klar.

Das Trio fühlte sich zu alt, um noch Raketen abzuschießen und Böller zu zünden. Man trennte sich nach einem Glas Champagner früh am 1. Januar.

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Achtes Kapitel

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Werner Pölzig schaffte es nicht mehr. Er verblutete, noch bevor die Ärzte ihn im OP behandeln konnten. Die Kugel steckte noch in der rechten Schulter. Ein, zwei Stunden früher und man hätte ihn wohl retten können. Aber er hatte sich so lange geweigert, bis es zu spät war. Der Notarztwagen brachte einen schon halb Toten in die Uniklinik nach Tellheim . Seine Frau wusste angeblich nicht, wo und wie er sich die Kugel eingefangen hatte.

Pölzig verdarb dem Mordtrio den Feiertag 1.Januar. Besonders Lene zürnte dem Toten: Da hatte sich ihr Freund Jochen Pauli ausnahmsweise einmal von Familie und Ehefrau frei nehmen und Lene in Tellheim besuchen können, und da musste das Trio am frühen Nachmittag gleich zur Uniklinik ausrücken, wo man ihnen nur die Leiche eines etwa vierzigjährigen Mannes zeigen konnte, der vor rund 24 Stunden angeschossen worden war. Seine Frau konnte nicht sagen, wo und warum das geschehen sei, nein, sie hatte keine Ahnung, was ihr Mann am Vortag getrieben hatte. Das glaubte ihr keine der drei Frauen, zumal ihr Computer eine höchst plausible Erklärung anbot. Werner Pölzig war ein alter Kunde der Kripo, der sich auf Einbrüche in leerstehende Häuser spezialisiert hatte. Und davon gab es im Lantener Forst vor der Haustür der Pölzigs jetzt, im Winter, mehr als genug. Viele Hütten standen leer, erst recht über die Feiertage, und Pölzig hatte womöglich Pech gehabt, sich ausgerechnet eine auszusuchen, in der die Besitzer schliefen und nicht lange fackelten, sondern dem unerwünschten Besucher eine Kugel verpassten, was zwar nur in Ausnahmefällen erlaubt war, aber immer häufiger geschah, weil weder die Polizei noch die privaten Wachdienste die Einbrüche verringern oder verhindern konnten. Die Chirurgen hatten das Geschoss aus der Wunde herauspräpariert und gaben es den Polizistinnen mit. Sigrid Bauer lieferte es bei der KTU ab.

Nadine Golowski hatte im neuen Jahr gleich Arbeit.

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Neuntes Kapitel

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Hauptkommissar Kurt Grembowski stand auf, als Christine in das Zimmer kam.

„Darf ich vorstellen? Meine Kollegin Kommissarin Dellbusch. Frau Pia Berruth, sie möchte ihren Ehemann Max als vermisst melden.“

Solch ungewohnte Höflichkeit war bei Grem dem Groben immer ein Warnzeichen dafür, dass Ärger in der Luft lag.

„Guten Tag“, sagte Tine verbindlich und gab der jungen, schwangeren Frau die Hand, setzte sich dann an den langen Tisch, legte Stenoblock und Bleistift parat und schaltete das Tonband ein.

„Würden sie uns bitte Ihren Namen, Anschrift, Telefonnummer nennen und dann erklären, was Sie zu uns führt.“ Grem hatte keine Zeit mehr gefunden, das Revier Brekum anzurufen und sich zu erkundigen, warum die Kollegen nicht die Daten aufgenommen, sondern die Frau gleich zu ihm ins Präsidium geschickt hatten.

„Ich heiße Pia Berruth und wohne in der Lilienstraße 35.“ Sie war 31 Jahre alt, verheiratet mit Max Berruth, der am 30. Dezember gegen 19 Uhr 40 das Haus verlassen hatte, um im Prellbock ein Bier zu trinken.

„Früher bin ich oft mitgegangen“, sagte sie leise, „aber heute ...“ - Dabei strich sie über ihren Bauch.

„Wann ist es denn so weit?“ fragte Tine interessiert.

„In zweieinhalb Monaten.“

„Wissen Sie schon, was es ist?“

„Ein Mädchen.“ Das Ehepaar hatte einen vierjährigen Sohn Daniel und freute sich auf Daniels Schwesterchen.

„Frau Berruth, was macht ihr Mann Max beruflich?“

„Er ist im Außendienst der Firma Medizintechnik Gustavo Toller beschäftigt.“

Weil sie wohl wusste, was mit Außendienst normalerweise umschrieben wurde, fügte sie rasch hinzu: „Er ist unter der Wochen unterwegs, um Geräte zu warten, zu reparieren oder neue einzustellen.“ Weil dabei eine Bier- oder Alkoholfahne nicht erwünscht war, trank er unter der Woche so gut wie gar nicht und freute sich deshalb auf sein Wochenend-Pils.

Der Prellbock war die einzige zu Fuß erreichbare Kneipe, die sie in Brekum hatten, und das dort ausgeschenkte Radeberger Pils schmeckte Max besonders gut. Allerdings trank er selten mehr als zwei Glas. Als er um 22 Uhr nicht wieder zurück war, hatte Pia im Prellbock angerufen und mit dem Wirt Otto Dick geredet.

„Max ist vor der Tagesschau dort angekommen, hat zwei Pils getrunken und ist kurz nach der Tagesschau wieder gegangen. Nein, er hatte nichts gesagt, deshalb vermute er mal, dass Max doch nach Hause gegangen sei.“

Grem kannte sich in Brekum aus: „Über die Lundener Straße?“

„Nein, wenn das Wetter einigermaßen war, ist er durch die Kleingartenanlage Kohlgrub gelaufen.“

Den Hauptweg und die Seitenwege hatten sie und Sohn Daniel am nächsten Tag bei Helligkeit abgesucht. „Ohne Ergebnis.“

Ab jetzt wurde es heikel, und Grem überließ diesen Teil gern seiner Kollegin, die nicht in jeden Fettnapf stolperte oder emotionalen Flurschaden anrichtete.

Wohin konnte der vorbildliche Familienvater Max Berruth nach dem Prellbock gegangen sein? Es gab Freunde und Bekannte in der Siedlung, die Pia alle spätestens am Vormittag des 31. Dezember abtelefoniert hatte. Keine Spur von Max. Auch ihre Schwester Carla, die auf dem Eldermannshof lebte, hatte Max seit Wochen nicht mehr gesehen. „Und nun - Entschuldigung, Frau Berruth, aber ich muss Sie das fragen - ist es denkbar, dass Ihr Mann zu einer Freundin oder Kollegin gegangen oder gefahren ist, die er vor Ihnen geheim hält?“

„Nein. Absolut nein ... Ja, da bin ich ganz sicher.“

„Gut. Hat Ihr Mann Kummer oder Sorgen? Private oder berufliche Probleme? Angst, Furcht? Hatte er Streit mit Ihnen oder in der Firma? In der Familie?“

Pia schüttelte bei jeder Frage energisch den Kopf.

Grem stand auf: „Hatte ihr Mann am 30. Ausweispapiere bei sich?“

„Ja.“

„Dann fange ich mal an, herumzutelefonieren.“

Nach Silvester gab es immer erschreckend viele Menschen, die von Raketen, Böllern oder Feuerrädern verletzt und in Krankenhäuser eingeliefert wurden, die dann keine Papiere bei sich hatten, weil sie ja „nur zum Knallen kurz vor's Haus getreten waren“. Zuerst rief er jedoch auf dem Revier Brekum an: „Warum habt ihr diese Pia Berruth direkt zu mir geschickt?“

„Du weißt also nicht, wer sie ist?“ fragte Kollege Schöne gemütlich, der in Brekum eine ruhige Kugel schob und dabei nicht gerne gestört werden wollte.

„Nein, keine Ahnung.“

„Sie ist eine geborene Zillig. Na, klingelt es?“

„Ja.“ Zillig war ein guter Freund des Oberbürgermeisters.

„Und wie der Polizeipräsident war er Rotarier und einer der wichtigsten Mäzene der Stadt Tellheim, auch nachdem er in den Taunus fortgezogen ist.“

„Alles klar, vielen Dank, Kollege.“

So war das also. Alle Menschen waren gleich, aber einige eben doch etwas gleicher.

Der Rest war ungeliebte Routine. Überall zog Grem Nieten. Ein Max Berruth war nirgendwo eingeliefert oder gefunden worden, auch kein bislang nicht identifizierter Mann, auf den Berruths Beschreibung passte. Sein Auto sollte noch in der häuslichen Garage stehen.

Grem ging zurück und schüttelte den Kopf. „Verunglückt ist er nicht.“

„Gottseidank.“

Pia Berruth, seit einigen Monaten geduldige Fernsehzuschauerin, hatte ein aktuelles Buntbild mitgebracht und verabschiedete sich zwar nicht erleichtert, aber für den Moment etwas beruhigter.

„Haben Sie jemanden, der sich um Sie kümmert?“ fragte Tine besorgt.

„Ja. Meine Schwester Carla bleibt so lang bei mir, bis Max wieder zurück ist.“

„Dann hätten wir gerne Name, Anschrift und Handynummer.“

„Scheiße“, murmelte Grem, als sie gegangen war. „Sie ist eine geborene Zillig.“

„Auch das noch.“ Tellheim war zwar eine Großstadt, aber mit ausgeprägten Dorfstrukturen. In der high society kannte jeder jeden, das galt auch für die snobiety, und mit beiden Gruppen wollte es der Polizeipräsident nicht verderben. Nach Aussage der Ehefrau war Max gesund, trank nicht, rauchte nicht, schluckte kein Rauschgift oder Medikamente, hatte kein Auto, aber Ausweispapiere und nur wenig Bargeld bei sich. Bei solchen Männern konnte man in der Regel einfach abwarten. Die meisten tauchten nach ein, zwei Wochen wieder auf, spätestens dann, wenn sie zum ersten Mal mit der Freundin heftig gestritten hatten. Jeder anderen Frau hätte Grem das in seiner bekannten groben, aber unmissverständlichen Art auch erklärt und danach abgewartet. Tine hatte längst durchschaut, dass ihr Chef sich, wie er das auszudrücken pflegte, die „Arbeit einteilte“, aber beim Schwiegersohn des Mäzens Lukas Zillig? Grem sah eine fürchterliche Zeit vor sich, getrennt von seinem geliebten Schreibtisch; sein verzweifeltes Gesicht rührte Tine so, dass sie anbot: „Soll ich mal zum Prellbock fahren?“

„Würdest du das wirklich für mich tun?“

„Na klar.“

Die Straßen waren immer noch ausgesprochen trocken, Schnee ließ auf sich warten, allerdings waren jetzt dicke Wolken aufgezogen. Dafür sanken von Nacht zu Nacht die Temperaturen tiefer in den Keller.

Sie hatte Glück und traf Otto Dick und Gerda Blume in der Kneipe an. Beide bestätigten, was Pia Berruth schon erzählt hatte. Am 30. Dezember war Max vor der Tagesschau gekommen, hatte zwei Bier getrunken und war danach wieder gegangen.

„Er hat sich also nicht mit jemandem hier getroffen?“

„Nein“, sagten beide erstaunt.

„Können Sie sich noch daran erinnern, wie viele Gäste zu der Zeit im Prellbock waren?“

Otto konnte: „Unsere zehn Alten.“

„Ihre zehn Alten?“

„Jenseits des Bahnhofs gibt es ein Altenheim, das ist so triste, dass ich gut verstehe, wenn die Insassen abends regelmäßig eine Kneipe aufsuchen. Als Wirt bin ich nicht böse, dass sie regelmäßig eine schöne Zeche machen. Und die zehn Leutchen finden trotz Alkohol gemeinsam immer irgendwie nach Hause.“

„Sonst keine Gäste?“

„Doch“, mischte sich Gerda Blume ein. „Am Tresen saß eine auffallend hübsche Frau.“

„Allein? Und könnten Sie sie beschreiben?“

„Ja, allein. Und beschreiben? So genau habe ich nicht auf sie geachtet. Aber vielleicht kann Ihnen Rita weiterhelfen.“

„Wer ist Rita?“

„Eine studentische Aushilfe. Sie war am 30. hier und hat gezapft.“

Otto Dick holte ein schwarzes Büchlein mit Adressen und Telefonnummern. Rita Funke wohnte in der Rabenstraße 55 - „das ist ein Studentenheim“ - und sie versprach am Telefon, auf Tine Dellbusch zu warten.

Die beiden jungen Damen verstanden sich auf Anhieb, und als Tine

die Studentin Rita versehentlich duzte, meinte die, ob man es nicht dabei belassen könne.

„Ja, ich erinnere mich an Max Berruth und die Frau am Tresen. Nein, deren Namen weiß nicht. Aber ich habe sie an dem Abend zum ersten Mal im Prellbock gesehen.“

„Wartete sie auf jemanden?“

„Glaube ich nicht. Eine ungewöhnlich hübsche Frau. Grüne Augen, etwas schräg gestellt, und ein Hauch von Sommersprossen, hellbrünette, fast blonde Haare. Umwerfend und beneidenswert apart. Eine richtige Hexe.“ Rita seufzte neidisch. „Meine Mutter würde sagen: 'Vorsicht, das ist eine Männerfresserin.“

„Eine Professionelle?“

„Nein, danach sah sie nicht aus, keine Männerfeindin, aber nicht vom Strich oder aus einem Edelpuff. Auch kein Callgirl.“

„Na gut, was verschlägt so eine in den Prellbock?“

„Das habe ich mir auch überlegt. Aber dann ist was Komisches passiert. Max kam herein - ja, den kenne ich schon lange - schaute auf die Frau und ging sofort auf sie zu, so, als kenne er sie. Dabei hat er etwas gesagt, nein, das habe ich leider nicht verstanden, auch nicht, was sie darauf geantwortet hat, aber es scheint nicht sehr freundlich gewesen zu sein. Denn Max hat sofort gebremst und sich einen Hocker ziemlich weit von ihr entfernt genommen. Nein, unterhalten haben sie sich nicht.“

„Die beiden sind nicht zusammen weggegangen?“

„Nein, zuerst sie. Da war die Tagesschau gerade vorbei. Er hat erst noch in Ruhe sein zweites Bier ausgetrunken.“ Rita verstummte und schaute an Tine vorbei auf die Wand. Sie hatte noch etwas auf dem Herzen.

„Du lachst mich nicht aus?“

„Nein, warum sollte ich.“

„Ich habe die Hexe ja ganz aus der Nähe gesehen, als ich ihr das Glas hinstellte. Und ich war mir sicher, ich hatte sie vorher schon einmal gesehen, aber du kannst mich prügeln, ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wann und wo.“

„Macht nichts“, tröstet Tine. „Du hast mir viel geholfen. Und wenn dir noch was einfällt, rufst du mich bitte an.“

Grem war nicht so überzeugt, dass die „Hexenspur“ sie weiterbringen würde, aber er hatte noch einmal lange mit den Kollegen vom Revier in Brekum telefoniert und nur Entmutigendes gehört.

„So was kannst du dir nicht vorstellen. Ein Mustergatte aus dem Märchenbuch eines Teenagers. Treu, zuverlässig, kinderlieb, tüchtig, ehrlich - nein, da bleibt nur noch ein Unfall, von dem wir noch nichts erfahren haben.“

„Arme Pia, armer Daniel.“

„Aber du machst noch ein schönes, ausführliches Protokoll? Ruhig zweizeilig, damit die Akte später nach was aussieht.“ Tine nickte nur: „Und du lässt zwanzig oder dreißig Kopien von Maxens Porträt herstellen?“

„Mach ich. Schon weitere Pläne?“

„Ich schaue mir diese Kleingartenanlage an und rede noch mit zehn Säufern im Rentenalter.“

„Tolles Programm.“

Im tief verfrorenen Kohlgrub standen bei diesem Dauerfrost die meisten Lauben leer. Nur zwei Männer kamen Tine auf dem Hauptweg entgegen, weil sie die abgestellten Wasserstellen kontrollieren wollten. Einen Max Berruth kannten sie nicht. Tine machte kehrt und ging zum Bahnhof zurück. Otto Dick erklärte ihr, wie sie am besten zum Seniorenheim Acanthus kam. Sie verstand sofort, warum noch halbwegs gesunde Menschen ihre Abende lieber in einer öden Bahnhofskneipe verbrachten als in diesem Mausoleum, wo an der Heizung gespart wurde. Aber der 30. Dezember lag für die meisten Senioren schon so weit zurück, dass sie sich an nichts mehr erinnerten.

Max Berruth - wer sollte das sein? - eine hübsche Frau am Tresen? Wirklich? Hatten sie da was versäumt?

Tine war schon auf dem Rückweg, als ihr Handy bimmelte. Rita jubelte: „Ich hab sie.“

„Wen hast du?“

„Die Frau, die am 30. abends neben Max am Tresen gesessen hat.“

„Toll. Und wer ist sie?“

„Kannst du bei mir vorbeikommen? Ich muss dir dazu was zeigen.“

„In einer Dreiviertelstunde?“

„Okay, ich warte.“

Rita Funke hatte fast den ganzen Tag damit verbracht, alte Bücher, Kataloge, Prospekte und Programme durchzublättern - „es hat mir einfach keine Ruhe gelassen. Das ist sie.“

Tine nickte. Eine wirklich beeindruckende Frau, auffällig hübsch und apart. Leider stand kein Name darunter, sondern nur der Name des Künstlers: Lothar Scharff (20..) Porträt einer Frau.

„Was ist das für ein Buch?“

Herausgegeben zum 40. Geburtstag des Tellheimer Kulturforums.

„Leihst du mir das Buch für eine Woche?“

„Aber gerne.“

Tine wusste, wo das Kulturforum untergebracht war, und hatte Glück, im Büro eine Sekretärin anzutreffen, die alle Mitglieder kannte.

„Nein, tut mir leid, wer die Frau ist, weiß ich nicht. Aber den Maler kann ich Ihnen nennen. Lothar Scharff.“

„Ist er Mitglied des Forums?“

„Nicht mehr. Er ist ausgetreten - aber ich weiß, wo er wohnt und arbeitet. Eldermannshof in Brekum.“ Bei Tine klingelte etwas, aber sie kam im Moment nicht darauf, bis sie vor dem Fachwerk-Rotklinkerbau ausstieg.

Die Frau, die an die Haustür kam, hatte es eilig: „Tut mir leid, ich muss zu meiner Schwester. Nein, Lothar ist unterwegs, vor Mitternacht wird der kaum heimkommen.“

„Ich habe auch nur eine Frage. Wer ist diese Frau, die er gemalt hat?“

„Zeigen Sie mal. Ach, das ist Ann-Katrin Steinberg. Nein, das Bild ist vor ihrer Hochzeit gemalt, wie sie heute heißt, weiß ich nicht. Jetzt muss ich aber los.“ Sie schwang sich wir eine Rennfahrerin auf ein Fahrrad und sauste davon. Tine sah ihr voller Bewunderung nach und gondelte dann langsamer ins Präsidium zurück.

Grem war begeistert, als sie berichtet hatte. „Das ist ja toll, Tine.“

Die Begeisterung legte sich, als er den Computer befragt hatte. Eine Ann-Katrin Steinberg war nicht verzeichnet, dafür zweimal der Name Steinberg. Beide Male erkundigte sich Tine sehr höflich, ob sie eine Tochter namens Ann-Katrin hätten. Bei der ersten Nummer zog sie eine Niete, beim zweiten Versuch meinte ein etwas mürrischer Mann: „Sie ist nicht da.“

„Wissen Sie, wo ich Ann-Katrin jetzt erreichen kann? Es ist wirklich wichtig.“

„Rufen Sie doch Katrins Mann an, wenn es eilig ist.“

„Wenn Sie mir seinen Namen verraten ...“

„Toller, Gustavo Toller.“

Der völlig fassungslose Gustavo brach am Telefon in Tränen aus. „Ann-Katrin? Was wollen Sie? Meine Frau ist gestern ermordet worden.“

„Ermordet?“ Jetzt war Tine fassungslos und Grem, der zuhörte, begann zu lächeln. Mord - das hieß: Land in Sicht. Dafür war er nicht zuständig.

„Die Polizei war schon gestern hier.“

„Vielen Dank, dann werde ich mich dort erkundigen. Und mein herzliches Beileid, Herr Toller.“

„Danke.“

„Angeblich umgebracht. Und die Kollegen sollen schon gestern dort gewesen sein.“

Grem telefonierte bereits. „Lene? Grem hier. Habt ihr gestern in Brekum eine Leiche gehabt? Ann-Katrin Toller? - Na prima. Dann kommen Tine und ich mal rüber. Nein, das ist zu lang für's Telefon.“

Die drei Mordschwestern - Lene Schelm, Jule Springer und Sigrid Bauer erwarteten die Kollegen Grembowski und Dellbusch schon gespannt. Die berichteten in der gebotenen Ausführlichkeit von Max und Pia Berruth, geborene Zillig (Lene schnitt eine Grimasse), über den Prellbock und Rita Funke, das Kulturforum, Lothar Scharff und den Ellermannshof. Jule Springer revanchierte sich mit einer nackten Frauenleiche, zwei Mördern und einem Ehemann, der als Alibizeugen ausgerechnet einen Steuerfahnder aufzubieten hatte. Lene hatte aufmerksam, aber stumm zugehört und fragte zum Schluss: „Glauben Sie, Sie könnten diese Rita Funke bewegen, noch heute in die Gerichtsmedizin zu kommen, um die Tote als die Biertrinkerin aus dem Prellbock zu identifizieren?“

„Ich kann's versuchen. Aber ich fürchte, wir werden sie holen müssen, meines Wissens hat sie kein Auto.“

„Daran soll es nicht scheitern.“

Rita Funke jubelte nicht gerade vor Begeisterung, aber sie hatte sich genug Tatorte im Fernsehen angeschaut, um auf eine reale Gerichtsmedizin neugierig zu sein. „Sie ist doch noch nicht aufgeschnitten?“

„Nein, keine Angst.“

„Okay. Dann komme ich.“

„Wir schicken dir eine Streife.“

Lene und Grem hatten mit Unbehagen gehört, dass Tine die Zeugin duzte. Aber daran ließ sich nun nichts mehr ändern. In den kühlen, gekachelten Räumen, in denen es durchdringend nach Formaldehyd roch, wurde Rita Funke sehr still und schien erst aufzutauen, als das „Blonde Gift“ hereinkam und den Duft eines teuren Parfüms verbreitete. Rita brauchte nicht lange: „Ja, das ist sie. Meine Hexe aus dem Prellbock.“

„Und Sie haben diese Frau am 30. Dezember zum ersten Mal gesehen?“

„Persönlich ja . Früher schon mal auf einem Ölbild in einer Kulturforum-Ausstellung. Da habe ich an der Garderobe ausgeholfen und mir natürlich die Bilder angesehen.“

Das Protokoll war schnell geschrieben, und weil Rita sie darum bat, versprach Tine, mit ihr noch einen Wein zu trinken: „Weißt du, das war der erste tote Mensch, den ich je gesehen habe.“

„Abgesehen von den Bierleichen.“

„Davon gibt es im Prellbock nicht so viele. Kurz vor dem Umfallen schmeißt Otto sie hochkant raus.“

„Rabiate Sitten.“

„Kommt darauf an. Ich hab' nichts dagegen, seit mich mal ein Schwerbetrunkener verprügelt hat, nur weil ich ihm gesagt habe, er hätte eigentlich genug getankt.“

Während die beiden Frau zur Spätlese unterwegs waren, versuchte Lene Schelm den Kollegen Grem zu überreden. Aber der hatte bei dem Wort „Zusammenarbeit“ nur den Wortteil „Arbeit“ verstanden und zog nun die große Grem-Schau ab: Sein Schreibtisch quoll über, noch zwei Zeugenaussagen in dieser Woche, nein, bei aller Hilfsbereitschaft, das ginge nun gar nicht. Lene hatte nichts anderes erwartet, aber Jule Springer und Sigrid Bauer einmal eine Kostprobe der Gremschen Drückebergerei vorführen wollen. Dem kam eine Idee: „Lene, was hältst du davon, wenn ich euch Tine Dellbusch zur Verfügung stelle? Sie ist eine sehr kluge Kollegin, hat auch schon eine Menge Erfahrung und kann ruhig mal in ein anderes Referat hineinriechen.“

Lene sah ihn groß an.

„Schau mal, sie hat die Identität dieser „Hexe“ in weniger als 24 Stunden herausgefunden. Das ist doch was, oder?“

„Weiß sie schon von ihrem Glück?“ fragte Sigrid Bauer skeptisch.

„Nein“, musste Grem zugeben und spürte drei anklagende Augenpaare auf sich gerichtet.

Die Spätlese war erstaunlich leer. Man schonte wohl seine Leber für das neue Jahr. Tine hatte für sich den Rivaner entdeckt und überredete Rita zu einem Schoppen. Sie verstanden sich so gut, dass zwischen ihnen nicht einmal eine Verlegenheitspause entstand. Rita hatte nach der Mittleren Reife eine Lehre als kaufmännische Angestellte durchgemacht und auf dem zweiten Bildungsweg das Abi nachgeholt. Jetzt studierte sie BWL - „Das ist auf jeden Fall was Sicheres“ - und musste sich das Geld durch Jobben verdienen.

„Und was willst du später machen?“

„Keine Ahnung.“

„Hast du mal an den Polizeidienst gedacht?“

„Nein, bisher nicht.“

„Bist du körperlich gesund?“

„Ich denke schon.“

„Dann überleg' dir das mal.“

„Jeden Tag da in der Gerichtsmedizin herumwuseln und Leichen bestaunen?“

„Ach was. Ich kenne viele Kollegen, die noch nie da gewesen sind. Allerdings auch einige, die scheußlich zugerichtete Körper nach Verkehrsunfällen erlebt haben. Aber das müssen Sanitäter und Rettungsassistenten und Ärzte auch.“

Rita bestellte sich noch einen Schoppen, „Nein, mein Traum wäre, nach dem Studium in der Verwaltung eines Museums unterzukommen. Da fällt mir übrigens was ein. Diese tolle Blondine, die da zu uns gekommen ist, die kannte ich.“

„Professor Nadine Golowski? Woher?

„Nicht persönlich. Von einem Bild. Als das Kulturforum seine Jubiläumsausstellung machte, war ich als Garderobenaushilfe eingestellt. Ihr Bild hing neben dem der Hexe.“

„Ach nee. Auch von Scharff gemalt?“

„Das weiß ich nicht.“

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Zehntes Kapitel

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Nadine Golowski hatte als erstes die Leiche der Ann-Katrin Toller obduziert und das Ergebnis gleich telefonisch an Lene Schelm weitergegeben, die alle Möglichkeiten ins Gespräch brachte, aber Nadines Urteil nicht erschüttern konnte: „Sie war tot, und zwar erstickt, als die beiden Kugeln sie trafen. Die Fasern aus der Lunge werden noch mit den Fasern des Kissenbezugs verglichen, das neben der Leiche lag.“

Lene seufzte tief: „Wer erschießt schon eine Leiche?“

„Wer zum Beispiel nicht weiß, dass die Person bereits tot ist. Lene, einen Menschen zu ersticken, dauert eine gewisse Zeit. Und ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sie mit dem Täter vorher ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte ... nein, die DNA des Samenspenders haben wir nicht gespeichert ... Wiesbaden hat noch nicht geantwortet.“

Lene legte bekümmert auf. So sehr Nadine sie enttäuscht hatte, so aufgeregt stimmte sie der nächste Anruf. Der kam von Seidel, dem Leiter er KTU: „Also, die beiden Kugeln, die die - hm - nackte Frau auf der Couch getroffen haben, stammen aus einer 7,65er Beretta. Aus derselben Waffe stammt auch die Kugel, die im Türrahmen steckte. Und das Schönste um Schluss: Ihr habt euch doch am 1.Januar in der Uniklinik die Leiche eines Mannes angeschaut, der zu spät den Notarzt geholt hat. Die Kugel aus der Schulter dieses Mannes stammt auch aus unserer Beretta.“

„Seidel, du spinnst.“

„Nicht, wenn ich mit dir telefoniere, Lene. Höchstens, weil ich das tue. Bericht ist schon im System.“

Susanne Krüger hatte zwei unerfreuliche Tage hinter sich. Max behandelte sie wie eine Gefangene oder Geisel. Und erst gestern Abend, als sie schon im Bett lag, kam ihr die Idee, sie könne für ihn auch eine Geisel sein, nämlich die Frau, die Ann-Katrin Toller ermordet hatte, obwohl er doch vor Susi im Haus Toller gewesen war und mit Ann-Katrin gebumst hatte. Und wenn es nun dabei oder hinterher zum Krach gekommen war? Und sie dummes Schaf hatte Max selbst angeboten, den wichtigsten Beweis dafür, die Aufzeichnung der Kamera, zu holen und verschwinden zu lassen.

Beim Frühstück knurrte Max sie wie schon die ganze Zeit nur an. Susi wagte nicht aufzumucken, weil ihr aufgegangen war, dass „das Weichei“ Max unter Umständen viel zielstrebiger und egoistischer vorging, als sie ihm bislang unterstellt hatte.

„Du hast gesagt, du würdest in Stübern eine kleine Firma kennen, die Kopien der CDs und DVDs herstellt.“

„Ja.“

„Können wir da heute mal hinfahren?“

„Sicher. Aber wie ist das mit Geld? Ich habe nicht so viel bei mir, und mit Kreditkarte sollten wir besser nicht bezahlen.“

„Scheiße, ja. Du hast Recht. Dann lass uns mal zusammenwerfen.“

Knapp hundert Euro kamen zusammen. Das dürfte kaum reichen - wenn sie etwas eingekauft und getankt hatten. Er hatte keine Karte dabei, sie schon, aber sie fehlte heute den zweiten Tag unentschuldigt in der Firma und was, wenn Gustavo Toller sie bei der Polizei als vermisst meldete? Susi hatte keine Ahnung, wie gut oder wie schnell die Kommunikation innerhalb der Polizei funktionierte, und als sie Max ihre Befürchtung erklärte, biss der sofort an. „Und wenn du deinen Gusto anrufst und ihn bittest, ein paar Tage stillzuhalten?“

„Dazu brauchte ich mein Handy.“

„Vielleicht finden wir in Stübern eine Telefonzelle. Oder du kannst den Firmenmenschen überreden, einmal sein Netztelefon zu benutzen.“

Die Sorgen hatten sie sich zu früh gemacht. Gustavo Toller hatte zwar mehrfach versucht, Susanne telefonisch zu erreichen, war aber nicht zur Polizei gegangen, als sie heute den zweiten Tag ohne ein Lebenszeichen in der Firma fehlte. Pia Berruth hatte nicht gewagt, Maxens Chef das Märchen von dem Ehemann mit einem gebrochenen Bein in der Klinik aufzutischen, sondern hatte eine schweren Erkältung und leichtes Fieber erfunden, was er sich am Silvesterabend eingefangen habe: Zuviel Bowle vor Mitternacht, zu dünn angezogen beim Knallen vor dem Haus. Gustavo hatte es geschluckt und gute Besserung gewünscht.

Der Mann in Stübern fragte nicht, was er da kopieren sollte. Er wollte drei Euro pro Kopie haben, sie bestellten zwanzig Stück von drei DVDs und nahmen die restlichen Scheiben wieder mit. Sobald er das Geld eingestrichen hatte, wurde er hilfsbereit. „Kein Problem, natürlich können Sie mein Telefon benutzen - wenn Sie nicht gerade mit Hawaii telefonieren wollen.“

„Nein, nein, nur mit Tellheim.“

Gusto nahm direkt ab und stöhnte erleichtert, als sich Susi Krüger einstellte: „Wo steckst du denn?“

„Gusto, ich habe eine Riesen-Dummheit begangen und muss mich im Moment in deiner Hütte im Lantener Forst verstecken. Bitte, suche mich nicht, und erzähle in der Firma nicht, dass ich mich verstecke.“

„Was hast du denn angestellt?“

„Bitte, Gusto, nicht am Telefon, wer weiß, wer da mithört, du musst mir einfach vertrauen. Ach und noch eine Bitte. Kannst du zweihundert Euro in einen Briefumschlag stecken und mir an die Hütte schicken?“

Er drängelte noch etwas, aber Susi blieb hart: Keine Einzelheiten am Telefon, alles später. Gustavo fügte sich, wie immer, wenn er Widerspruch erfuhr - zum Bespiel von seiner Ann-Katrin - und Susi fragte sich zum ersten Mal, ob er wirklich der richtige Mann für ein ganzes Leben zu zweit war.

Tine Dellbusch kam sehr spät zum Dienst im R - 11.

„Ich habe Neuigkeiten“, verkündete sie eher bedrückt als stolz. „Der Mann, der Ann-Katrin Toller porträtiert hat, hat auch das 'Blonde Gift' gemalt. Das hat mir das Sekretariat des Kulturforums bestätigt. Beide Bilder sind in der Jubiläums-Ausstellung gezeigt worden.“

Lene schaute sie groß an. Zuerst hatten sie überhaupt keine Anhaltspunkte und dann zu viele.

„Danke, Tine, schreiben Sie bitte einen Bericht für die Akte?“

Bevor Lene versuchte, mit Nadine zu sprechen, rief sie die Telefonnummer der Frau an, die Ann-Katrin angeblich in Konstanz besuchen wollte. Charlotte Wünsche war alles andere als begeistert.

Besuch. Keine Rede davon. Und Freundin, erst recht nicht.“

„Aber Sie kennen Ann-Katrin Toller?“

„Doch, ja. Kenne ich.“

„Könnten Sie mir ein paar Fragen zu Ann-Katrin beantworten?“

„Könnte ich, aber nicht am Telefon. Jeder kann sich als Hauptkommissarin - wie war der Name noch? - Schelm vorstellen. Was halten Sie von einem Tagesausflug nach Konstanz? Mit Perso und Dienstausweis? Oder wenn es nicht so eilt - ich komme immer wieder mal nach Tellheim. Wenn Sie mir Ihre Diensttelefonnummer geben, rufe ich rechtzeitig an.“

Lene diktierte sie ihr und schmunzelte dabei. Charlotte Wünsche stellte sich nicht dumm an.

Doch aus dem Gespräch mit Nadine, dem Blonden Gift, wurde heute nichts. Lothar Scharff wartete auf das Mordtrio.

Den Eldermannshof hatten die neuen Eigentümer perfekt renoviert. Schlecht konnte es den beiden nicht gehen.

Lothar Scharff gefiel Lene überhaupt nicht. Ein sogenannter schöner Mann, ungeheuer von sich eingenommen, vielleicht tüchtig, aber kein angenehmer Partner. Neben ihm sah Carla Zillig sehr brav und bieder aus. Hilfsbereit waren allerdings beide. Als Lene ihm das Heft mit dem Bild der Hexe hinhielt, sagte er sofort: „Ann-Katrin Steinberg. Sie hat geheiratet, wie sie jetzt heißt, weiß ich nicht.“

„Hieß“, verbesserte Jule, die sich bei Scharffs prüfendem Blick unwohl fühlte.

„Was soll das heißen- hieß.“

„Sie ist ermordet worden.“

„Ermordet: wann, wo, von wem?“

„Den ersten und zweiten Teil Ihrer Frage können wir beantworten. In den späten Abendstunden des 30. oder den frühen Morgenstunden des 31. Dezember, im Hause Toller in Brekum-Lunden. Von wem und warum - das wissen wir noch nicht. Da hoffen wir auf Ihre Hilfe.“

„Meine Hilfe?“

„Sie haben Sie doch gemalt, deswegen haben Sie doch Stunden mit ihr verbracht. Wie war sie denn so, klug, intelligent, etwas dümmlich, geschwätzig oder stumm? Offenherzig oder verschwiegen?“

Tine wollte auch etwas sagen: „Ihr Mann ist da keine große Hilfe. Für ihn war sie ein reiner Engel.“

„Gustavo war schon immer ein blinder Vollidiot“, platzte Scharff heraus und merkte, als alle ihn musterten, dass er sich verplappert hatte und nun mit Einzelheiten herausrücken musste. „Sie hat ihn nach Strich und Faden betrogen.“

„Immer schon?“ wollte Lene wissen

„Das vielleicht nicht. Aber seit Jahren. Ann-Katrin war vom Ehemann, den ihre Eltern ausgesucht hatten, alles andere als begeistert.“

„Das hat sie Ihnen einfach so direkt gestanden?“ zweifelte Lene spöttisch.

„Nicht sofort. Aber wenn man über Monate immer wieder mal Stunden zusammensitzt, kommt man schon ins Reden. Und mir ist bei ihrem Herumschwafeln schnell die Idee gekommen, dass ihre Eltern für sie einen Ehemann gekauft haben, um sie loszuwerden.“

„Gekauft?“ brummte Sigrid Bauer. „Wie das?“

„Toller wollte sich selbständig machen mit diesem Medizingeräte-Laden. Aber ihm fehlte das nötige Kleingeld, und das hat ihm der alte Steinberg als Mitgift seiner Ann-Katrin versprochen.“

„So meinen Sie das“, versetzte Lene energisch. „Das klingt aber nicht so, als sei Toller ein gewiefter Geschäftsmann.“

„Ist er auch nicht“, versetzte Scharff kurz. „Ohne seine Mitarbeiterin Susanne Krüger wäre er völlig aufgeschmissen. Sie leitet den Laden eigentlich.“

„Erfolgreich?“

„Was man so hört - ja.“

„Herr Scharff, sind sie Ann-Katrin Steinberg oder Toller nach Abschluss des Malens noch mal begegnet?“

„Mehr als einmal. Tellheim schimpft sich zwar Großstadt, aber wie auf einem Dorf begegnet man bestimmten Leuten immer wieder, auf Partys, Feiern, in Konzerten oder bei Empfängen.“

„Oder im Kulturforum“, ergänzte Jule listig, doch Scharff schüttelte sofort den Kopf: „Da hat man mich wegen allgemeiner Unbeliebtheit und unerträglicher Arroganz rausgeschmissen.“

Lene wollte dieses Thema nicht weiterverfolgen: „Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie Ann-Katrin Toller zuletzt gesehen oder gesprochen haben?“

Scharff musste überlegen: „Das muss bei der Eröffnung der Gartenschau am Luisenpark gewesen sein.“

„Für so etwas interessierte sich Ann-Katrin also?“

„Um Himmels willen, nein, sie konnte wahrscheinlich eine Rose nicht von einer Tulpe unterscheiden. Aber bei solchen Gelegenheiten wird man gesehen, und wenn auch die Presse anrückt, gibt es eine kleine Chance, dass man am nächsten Tag im Tageblatt erwähnt oder auf einem Foto gezeigt wird.“

„Sie war also eitel?“

„Sicher.“

Schon mit der Hand an der Türklinke sagte Lene wie beiläufig: „Wir kennen übrigens noch eine Frau, die Sie gemalt haben.“

„Ich weiß. Wie geht es dem Blonden Gift? Würden sie ihr bitte schöne Grüße ausrichten?“

„Arroganter Pinsel!“ bemerkte Tine auf der Rückfahrt. „Außerdem lügt er. Er ist aus dem Kulturforum rausgeflogen, weil er der Frau des wichtigsten Mäzens gesagt hat: Nein, ich porträtiere Sie nicht. Ich male nur interessante Frauen.“

„Was soll an einer Ann-Katrin Steinberg interessant sein“, murrte Jule.

Lene hatte von ihren „Kunden“ gelernt, dass es manchmal nötig war, sich drastisch auszudrücken, um verstanden zu werden: „Vielleicht das, was sie zwischen den Beinen hat?“

Jule Springer und Sigrid Bauer sagten nichts, die Chefin ließ manchmal solche Schoten los, aber Tine gickste erschrocken.

Im Präsidium teilte Lene die Arbeit für den nächsten Tag ein: „Tine, Sie versuchen von Carla Zillig zu erfahren, was sie von den Frauen hält, die ihr Mann porträtiert. Und, wo beide am 30. Dezember abends waren. Sigrid, du knöpfst dir diese Susanne Krüger vor. Alles über Toller, sein Geschäft und seine Ehe. Jule, du lässt dir von Nadine erzählen, was sie über Scharff weiß.“

„Und was machst du“, fauchte Jule los.

Lene grinste. „Ich mache einen Tagesausflug nach Konstanz, so lange die Straßen noch schneefrei sind.“

Charlotte Wünsche würde auf Lene warten.

Max und Susanne langweilten sich, bis sie aus einem alten Schrank einen verstaubten Kasten mit Brettspielen ausgegraben hatten. Von Mensch-ärgere-dich-nicht steigerten sie sich über Dame, Zwickmühle bis zu Halma. Max wäre fast in Tränen ausgebrochen, als Susi ganz harmlos bemerkte: „Etwas Üben kann dir nicht schaden. Dein Daniel ist doch schon so weit - oder?“

„Ja“, schluchzte er. „Kannst du dir vorstellen, dass ich richtig Sehnsucht nach ihm habe?“

„Ja, das kann ich“, sagte sie ruhig und rückte mit ihrem Stuhl um den Tisch herum an seine Seite. „Ich habe auch Sehnsucht.“

In dem Moment klopfte es an die Hüttentür und ein Mann rief etwas mit unterdrückter Stimme, was sie beide nicht verstanden.

„Wer kann das denn sein?“ fragte Max beunruhigt.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie nervös. „Vielleicht der Mann vom Sicherheitsdienst. Weil hier so viel eingebrochen wird, haben die Hüttenbesitzer einen Sicherheitsdienst angeheuert. Lass mich mal gehen, ich darf die Hütte benutzen.“ Sie sprang auf und lief zum Eingang. Keine Minute später war sie zurück. „Wie ich mir gedacht habe, der Sicherheitsdienst.“

„Alles okay?“

„Ja, alles.“

„Sag' mal Susi, gibt es hier in der Bude wohl einen Schluck zu trinken?“

„Ich glaub' schon. Warte mal!“

Aus der Küche kehrte sie mit einer halbvollen Flasche Whisky zurück. Das war nicht gerade sein Leib- und Magengetränk und pur schon gar nicht. Soda gab es nicht, der Eiswürfelbehälter im Kühlschrank war leer, und sie füllte einen Krug mit kaltem Leitungswasser auf. Sie genehmigten sich einen stark verdünnten Whisky und tranken sich zu. Sie rückte ihren Stuhl noch etwas näher, schluckte mehrmals heftig und fragte endlich: „Darf ich dich mal was fragen, Max?“

„Aber sicher.“

„Du hast Ann-Katrin zufällig getroffen?“

Er erzählte ihr, was im Prellbock geschehen war. „Und dann hat sie mich draußen auf dem Parkplatz angesprochen und gefragt, wie sie ihre Unhöflichkeit wieder gut machen könnte.“

„Du kanntest sie da noch nicht?“

„Ja und Nein. Ich wusste nicht, wer sie war und wie sie hieß. Aber ich hatte sie einmal für Sekunden im Eldermannshof gesehen, als sie Lothar Scharff besuchte. Der lebt mit Carla Zillig zusammen, mit der Schwester meiner Frau.“

Sie nickte. „Alles klar, und warum bist du zu Ann-Katrin ins Auto gestiegen?“

Einen Moment zögerte er - was sollte diese Ausfragerei? Dann sagte er offen: „So, wie sich benahm, dachte ich, daraus könnte ein nettes Abenteuer werden.“

„Denken alle Männer so?“

„Viele.“

Sie knurrte und trank noch einen Schluck. „Da ist Gustavo hoffentlich anders.“

„Das weiß man vorher leider nie.“

„Meinst du?“

„Du hast doch auch mit Gustavo geschlafen, obwohl er verheiratet ist. Hast du den ersten Schritt getan, oder er?“

Die Frage gefiel ihr gar nicht. Nach einer Weile trank sie aus und stand auf. „Ich bin müde. Ich geh' schlafen.“

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Elftes Kapitel

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Lene fuhr nicht gern längere Strecken mit dem Auto. Da leistete sie sich lieber eine Fahrkarte für die Bahn, für die sie jedes Jahr eine Bahncard 50 (Erster Klasse) berappte. Sie fuhr gerne Zug, und schlief fast immer tief ein. Es war ihr auch schon passiert, dass sie vor dem Umsteigebahnhof nicht wach geworden war, und von Tellheim nach Konstanz musste sie umsteigen. Dann doch ausnahmsweise Auto, und Tellheim - Konstanz und zurück war eine Strecke, die sie an einem Tag schaffte. Freund Jochen hatte ihr einmal vorgehalten: „Im Grunde deines Herzens bist du faul.“

„Nein, bequem.“

„Wo liegt da der Unterschied?“

„Der faule Mensch vergeudet seine Zeit, der bequeme überlegt, wie kann ich die Arbeit besser organisieren oder auf Maschinen abwälzen, damit ich schnell wieder meine Ruhe habe. Bequeme Menschen haben den Fortschritt gebracht, von dem heute leider auch die Faulen profitieren.“

Jochen Pauly wusste, ab wann es sinnlos war, mit Marlene Schelm noch weiter zu diskutieren.

Charlotte Wünsche besaß ein kleines Haus auf einem Grundstück nahe am Seeufer.

„Frau Schelm?“

„Ja, guten Morgen, Frau Wünsche.“

„Kommen Sie herein, wie war die Fahrt?“

„Erträglich, bis auf die anderen Autofahrer.“

„Sie müssen mal am Wochenende kommen, wenn schönes Wetter angesagt ist. Kein Zweifel, die Spezies Mensch ist aus dem Wasser an Land gestiegen, das steckt immer noch in den Genen.“

In der Unterhaltung kam Charlotte Wünsche, eine flotte Mittdreißigerin, schnell zur Sache. Sie hatte Ann-Katrin Steinberg bei einem Skikurs im Schwarzwald kennengelernt. „So ganz meine Kragenweite war sie nicht, aber es gab nicht viel Auswahl. Lieber Aprèski als Ski. Ich habe sie dann mal in Tellheim besucht, als ich dort zu tun hatte, und sie wollte mich gleich zu einer Party einladen. Vielleicht hätte ich zugesagt, wenn ihre erste Frage nicht gewesen wäre: 'Bist du prüde?'

'Nein, warum?'

'Meine Parties sind etwas wild.'

Damit ich mir darunter etwas vorstellen konnte, hat sie mir eine Aufzeichnung ihrer letzten Party vorgespielt. Frau Schelm, ich bin wirklich nicht prüde, aber das war eine einzige Schweinerei mit wildfremden Männern und Frauen. Ich bin sofort gegangen, es war das erste und letzte Mal, dass ich Ann-Katrins Haus betreten habe. Seitdem gibt es keinerlei Kontakt mit Ann-Katrin Steinberg.“

Sie hieß später Ann-Katrin Toller.“

„Was bedeutet - sie hieß?“

„Sie ist in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember ermordet worden und hatte ihrem Mann erzählt, sie würde zu Ihnen nach Konstanz fahren.“

„Kein Gedanke daran. Sie hat dieses Haus nie betreten.“

„Der Mord an Ann-Katrin scheint Sie nicht sehr zu erstaunen?“

„Nein, ganz und gar nicht. Als sie mir diese Aufzeichnung vorführte, habe ich sofort an Erpressung gedacht.“

„Wer sollte erpresst werden? Der Ehemann oder die Ehefrau?“

„Unter Umständen beide. Frau Schelm, ich bin Steuerberaterin. Wenn mich einige männliche Kunden so gesehen hätten, wäre ich den Auftrag los.“

„Von den Ehefrauen ihrer Kunden ganz zu schweigen.“

„Sie sagen es. Auch mein Freund dürfte sofort seine Sachen packen, wenn ich ihn als Gast einer solchen Party erkennen würde.“

„Ann-Katrin war doch verheiratet. Was hat denn ihr Mann dazu gesagt?“

„Ihren Mann hat sie verachtet. Der sei ein impotentes Weichei und habe sich im Büro getröstet, mit einem ausgekochten Luder.“

„Kennen Sie dessen Namen?“

„Wieso dessen - deren Namen, Frau Schelm. Er hatte wohl ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin angefangen.“

„Was Ann-Katrin nicht gestört hat?“

„Ich vermute - nein. So hatte jeder Partner freie Fahrt.“

„Sie haben eben gesagt, Sie vermuteten Erpressung hinter diesen Aufzeichnungen. Sie oder er oder beide zusammen?“

„Keine Ahnung.“

„Auch keine Vermutung?“

„Nein. Absolut nicht.“

Damit waren eigentlich alle Fragen gestellt. Lene bedankte sich und ging.

Bevor sie losfuhr, telefonierte sie mit Sigrid Bauer. „Meine Zeugin hat eben ausgesagt, Toller habe im Büro ein Verhältnis angefangen, und Scharff hat betont, ohne Suanne Krüger wäre Toller völlig aufgeschmissen.“

„Ich weiß. Susanne Krüger hat sich in der Firma krank gemeldet. Ich war schon bei ihr zu Hause, aber da meldet sich niemand. Und eine Nachbarin meinte sogar, Susi sei schon seit Silvester verschwunden.“

„Das ist ja ein Ding. Sigrid, hat diese Krüger ein Auto? Wo ist das? Marke. Farbe, Kennzeichen.“

„Anfrage läuft schon, Chefin.

„Prima. Ich lass' mir Zeit, bin schon auf dem Rückweg.“

Tine Dellbusch war kurz nach elf Uhr im Eldermannshof. Carla Zillig wunderte sich, als Tine sich nach den Frauen erkundigte, die ihr Freund Lothar porträtiert hatte. „Warum denn das, Frau Dellbusch?“

„Weil die Kripo an Silvester die Leiche einer Frau gefunden hat, die offenbar auch von ihrem Freund gemalt worden ist. Ann-Katrin Steinberg.“

„Steinberg ...Steinberg ....“

„Sie ist jetzt oder genauer: Sie war verheiratet und hieß Toller.“

Tine drückte sich die Daumen, dass Rita Funke am 30. Dezember im Prellbock nicht etwas überinterpretiert hatte: „Die Toller oder Steinberg war also gelegentlich im Eldermannshof?“

„Ja.“

Tine holte tief Luft: „Frau Zillig, ist es möglich, dass Max Berruth die Steinberg oder Toller hier gesehen hat?“

Carla überlegte lange, was Tine nicht sehr gefiel. Dachte sie nach oder legte sie sich eine Ausrede zurecht? Doch Carla lächelte plötzlich: „Ja, mindestens einmal sind sich die beiden bei uns über den Weg gelaufen.“

Tine atmete tief durch. Das war knapp gewesen, ein einzelner Seidenfaden - Ritas Bemerkung, Max sei auf die Schöne am Tresen direkt zugegangen - führte über diese Schlucht. Grem, der Grobe, pflegte zu predigen: „Man kann nicht genau genug zuhören, Mädchen, und der Täter stolpert nicht über Feldbrocken, sondern über Maulwurfshügel.“

„Ist Ann-Katrin oft hier gewesen?“

„Es geht. Fünfzehn oder zwanzig Sitzungen hat Lothar gebraucht. Etwas mehr als bei anderen.“

„Das heißt, Sie lernen eigentlich alle Personen kennen, die sich von ihrem Freund malen lassen?“

„Aber sicher.“

„Frau Zillig, kommt es vor, dass sich aus solchen Sitzungen zwischen ihnen und dem - hm - Modell so etwas wie eine persönliche Freundschaft entwickelt?“

„Selten. Wissen Sie, Lothar ist kein besserer Fotograf. Er legt in das Bild auch etwas von seiner persönlichen Beurteilung hinein. Und die gefällt nicht immer. Weil wir über Ann-Katrin gesprochen haben - als ihr Bild fertig war und nur noch darauf wartete, gerahmt zu werden, kam der alte Steinbergvorbei, um sich das Porträt seiner Tochter anzuschauen. Er war gar nicht begeistert und hat Lothar angeschnauzt: 'Sie haben aus meiner Tochter eine Edelnutte gemacht.'

Ich überlegte noch, woher kennt Steinberg Edelnutten, aber Max war direkter: 'Das ist sie doch auch, Sie sind doch froh, Ann-Katrin aus dem Haus zu kriegen und haben für sie schließlich einen Ehemann gekauft.' Aus solchen Bemerkungen entstehen keine Freundschaften, Frau Dellbusch.“

Tine musste lachen.

„Ich kann Ihnen noch ein Beispiel dafür geben, dass Verstimmungen häufiger sind als Freundschaften. Lothar und ich haben am Abend des 30. einer Kundin das Kleid gebracht, das sie für ihre Silvesterparty bei mir bestellt hatte. Wollen Sie es mal sehen?“

Tine nickte und Carla holte eine Aufnahme auf das Display ihres Fotohandys.

„Eine sehr hübsche Kundin“, meinte Tine vorsichtig. „Aber vielleicht etwas wenig Stoff?“

„Das meinte der Ehemann auch und wollte den vereinbarten Preis nicht zahlen. Es wurde ein langer Streit, zum Schluss hat er gezahlt, aber seiner Frau verboten, bei mir noch einmal zu kaufen.“

Das verstand Tine angesichts dieses Kleides gut, hütete sich aber, so etwas laut zu sagen.

Jule ging nicht gerne in die Gerichtsmedizin, aber Nadine Golowski machte es ihr leicht: „Sie kommen bestimmt wegen Ann-Katrin Steinberg oder Toller?“

„Ja.“

„Ja, ich kenne oder kannte sie, wir sind uns mal bei dem Maler Scharff auf dem Eldermannshof begegnet. Aber ehrlich gesagt, mein Personengedächtnis ist nicht sehr gut und mein Interesse an Menschen, die noch auf zwei Füßen stehen und nicht bei mir auf dem Tisch liegen, sehr beschränkt. Erst als Lene mir den Namen sagte, ist sie mir wieder eingefallen.“

„Frau Professor, was ist eigentlich nymphoman?“

„Das dürfen Sie mich nicht fragen. Davon versteh' ich weniger als nichts. Sie wollen natürlich wissen, ob Ann-Katrin Toller nymphoman war.“

Jule nickte.

„Das müssen Sie die Eltern fragen. Oder auch den Ehemann.“

Jule ging sehr erleichtert. Sie kannte das enge Verhältnis Nadine Golowski - Lene Schelm, und war froh, dass sie dienstlich kein Porzellan zerschlagen hatte.

Sigrid Bauer sauste bis zum frühen Abend wie ein Weberschiffchen zwischen der Firma Medizintechnik Gustavo Toller und Susanne Krügers Wohnung in der Köhlergasse 24 hin und her. Dann stand fest, dass Susi Krüger nicht krank im Bett lag, sondern verschwunden war. Toller wusste von nichts, und dass er einen Kurier mit Bargeld an seine Jagdhütte im Lantener Forst losgeschickt hatte, verschwieg er Sigrid Bauer, die sich mit scharfem Blick die redefreudigste Kollegin ausgeguckt und zum Kaffee eingeladen hatte. Von Kaffee und Kuchen ging es nahtlos mit Cognac weiter, bei dem sich Sigrid wohlweislich zurückhielt, Helga Müller aber kräftig schluckte. Sicher, es war ein Trauerspiel, diese Ehe des Chefs, aber er hatte ja Ersatz gefunden.

„Ersatz?“

„Na klar. Susi Krüger. Die beiden taten zwar immer ganz harmlos, glaubten wahrscheinlich auch, in der Firma habe noch keiner was bemerkt, aber die meisten Kollegen wussten längst Bescheid. Wenn Sie mich fragen, das war was Ernsteres zwischen den beiden.“

Sigrid fuhr die schwer angetrunkene Helga Müller nach Hause und verfasste im Präsidium einen Bericht, während sie darauf wartete, dass die Chefin und die Kolleginnen zum „Abendgebet“ eintrafen.

Der Zufall wollte, dass der Kurierfahrer nur Susanne Krüger, die er persönlich kannte, in der Hütte antraf. Die unterschriebene Empfangsquittung warf er in den Bürobriefkasten der Firma Medizintechnik Gustavo Toller.

Susanne Krüger hatte den Briefumschlag geöffnet, das Geld herausgenommen und danach versucht, sich die Autoschlüssel

zu besorgen, wobei Max sie erwischte und verprügelte. Um seinen Schlägen zu entgehen, presste sie sich fest an ihn, und er spürte zu seinem Erstaunen eine Erektion. Er ließ sie los und befahl: „Zieh dich aus!“ Ängstlich gehorchte sie, er zerrte sie in das Schlafzimmer und schlief mit ihr, wobei sie einen Höhepunkt erreichte, wie sie ihn lange nicht mehr erlebt hatte. Hinterher lagen sie schwer atmend nebeneinander und befingerten sich, bis sie wider Willen sagte: „Es war wunderschön.“ War es das, was sie in den letzten Monaten an ihrem Gusto vermisst hatte? Dass jemand sie wirklich wollte? Sie grübelte noch Stunden und wurde sich ihrer Gefühle nicht klar. Den Gedanken, der Schmerz der Schläge zuvor habe das bewirkt, verbot sie sich. War es das, was Ann-Katrin ebenfalls vermisst und gesucht hatte? Susi konnte mit dem Ausdruck „nymphoman“, den Gusto verwendet hatte, nichts anfangen.

Maxens Gedanken waren ganz andere Wege gegangen.

„Wir können nicht mehr zurück“, sagte er plötzlich. „Diese Kopien sind unsere letzte Hoffnung.“

„Nicht mehr zurück?“ fragte sie entsetzt.

„Hast du vergessen, dass du Ann-Katrin erschossen hast?“

Für Minuten hatte sie es vergessen und von einer neuen, anderen Zukunft geträumt.

Als die Mannschaft wieder komplett in den Räumen des R - 11 versammelt war, stellten alle fest, dass ihre Mägen erbärmlich knurrten, und Lene lud die vier Kolleginnen zu Marcello ein. Marcello hatte erst vor wenigen Wochen sein Ristorante an der Einmündung des Krötengraben in den Hexensumpf eröffnet und war bei den Polizisten, die es sich leisten konnten, sehr beliebt. Lene konnte es sich leisten, stellte allerdings Bedingungen. Während des Essens waren dienstliche Gespräche über laufende Ermittlungen verboten.

Tine Dellbusch fragte harmlos in die Runde: „Ist der Straßennamen Krötengraben vor oder nach dem Bau des Präsidiums entstanden?“

Sie konnte nicht wissen, dass sie damit eine Lawine lostrat. „Vorher“ natürlich, aber -zig Versuche, ihn später zu ändern, waren gescheitert, die Stadt stellte sich stur zur Empörung vieler älterer Kolleginnen und Kollegen. Der Verkehrsunfalldienst war in einen Neubau am Ring 2 umgezogen, die dort Beschäftigten hörten seitdem die Verwünschung „Euch Kröten sollte man alle überfahren“ sehr viel seltener.

Das Essen war hervorragend, ebenso der Rotwein, von dem Lene anschließend zwei Flaschen mit ins Präsidium nahm. Dass Tines Chefin auf Zeit gerne Rotwein trank, war allen schon aufgefallen und Sigrid Bauer hatte ihr verraten, dass Marlene Schelm einen ganzen Keller voll mit exzellenten Burgundern besaß.

So weit war Tine noch nicht, sie war erst durch einen Kurzzeitfreund aus der Spätlese vor kurzem ans Weintrinken gekommen und hatte sich an Rivaner gewöhnt, der auch ihrem Einkommen eher entsprach als edler Roter aus der Toskana oder Riesling Spätlesen aus dem Rheingau. Kollegin Sigrid verriet ihr auch, dass Chefin Lene von ihren Eltern gut geerbt hatte und sich leisten konnte, großzügig zu sein.

„Hat sie keinen Freund, ich meine, bei dem Aussehen und der Figur?“

„Doch, doch, hat sie. Aber der ist verheiratet und arbeitet in Berlin.“

Sobald alle ihre Stühle in Lenes Zimmer geholt und Gläser organisiert und für alle Fälle das Tonband angeschlossen und gestartet hatten, begann Lene das „Abendgebet“ mit einer Schilderung ihres Gespräches mit Charlotte Wünsche in Konstanz.

Jule warf ein: „Gottseidank haben wir jetzt einen Zeugen, dass es diese Aufzeichnungen tatsächlich gibt.“

„Und ein zweites mögliches Motiv“, mahnte Tine. „Frage: nun auch noch Erpressung? Und wir haben keine Ahnung, wer die Erpressten sein könnten. Wenn ich gleich fortfahren kann: Max Berruth kann das Opfer durchaus bei Carla Zillig und Lothar Scharff auf dem Eldermannshof kennengelernt haben.“

Sigrid Bauer war an der Reihe: „Vielleicht war auch Gustavo seine Ehefrau endlich leid, zumal er sich schon was anderes für's Gemüt und Bett zugelegt hat. Und diese Susanne Krüger aus seiner Firma ist auch vermisst. Fahndung nach ihr und ihrem Auto läuft.“

„Prima. Und du, Jule?“

„Das blonde Gift hat Ann-Katrin nach einer Sitzung auf dem Eldermannshof getroffen, aber erst wiedererkannt, als du ihr den Namen der Toten genannt hattest.“

„Sag mal, Sigrid, hast du was über diese Susanne Krüger erfahren? Hat sie sich ernsthaft Hoffnungen auf Toller gemacht?“

Tine hatte auch noch eine Frage auf dem Herzen: „Wenn Max für längere Zeit verschwunden bleibt, wovon leben dann Pia und ihre Kinder?“

An dieser Stelle machte die Runde Schluss und verzog sich nach Hause.

Lene blieb noch, schüttete sich den Rest der zweiten Flasche ein und begann zu grübeln. Ließen sich zwei Motivstränge kombinieren? Wut mit Erpressung? Was war passiert, als Ann-Katrins Beischläfer die Kamera neben der Lampe entdeckt hatte? Mal unterstellt, der Beischläfer war Max Berruth, dann dürfte der wenig Interesse daran gehabt haben, dass seine schwangere Frau von dem Seitensprung erfuhr. Und was, wenn es ganz anders gewesen war? Seit eben wusste sie, dass Toller eine Freundin im Büro hatte, und die war verschwunden, wie ihr Auto. Verschwunden - oder versteckte sie sich? Susanne Krüger - auch ein Zusammenhang mit dem Mordfall Toller?

Lene stieß fast ihr Glas um, als sie sich nach vorne beugte und nach ihrem Block angelte. Susanne Krüger und Gustavo Toller? Wenn sie auch in der Firma Medizintechnik arbeitet, durfte man vermuten, dass sie Max Berruth kannte. Und wenn nun - fantasieren war ja wohl noch erlaubt - Susanne Krüger mit Berruth im Hause Toller zusammengetroffen war? Lene malte neue Kringel, Verbindungslinien und Fragezeichen auf ihren Arbeitsblock, bis Glas und Flasche keinen Tropfen mehr hergaben. Dann organisierte sie eine Heimfahrt ohne Gefahr, den Führerschein zu verlieren.

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Zwölftes Kapitel

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Am nächsten Morgen schaute sich Lene nach dem zweiten Becher Kaffee einmal gründlich an, was sie gestern auf ihrem Arbeitsblock notiert hatte. Es sah ziemlich wild aus, viel Fantasie, viel Rotwein, mehr, als Freund Jochen wohl gutgeheißen hätte. Zwei noch halbwegs lesbare Fragen schienen es wert, überprüft zu werden: 1. Wovon würden Pia und die Kinder leben, wenn ...? 2. Wo hatte Berruth eigentlich vor seiner Heirat gesteckt?

Jule Springer war schon im Büro und konnte zweimal rasch Auskunft geben. Nein, über Max Berruth hatten sie nichts im Computer und das Ehepaar wohnte in der Lilienstraß 35.

Seit einigen Wochen konnte Lene ihr eingebautes Navi bedienen und landete tatsächlich vor dem Haus Lilienstraße 35.

Pia Berruth machte ein besorgtes Gesicht, als Lene ihr den Dienstausweis hinhielt: „Ist was mit Max?“

Lene musste lügen: „Nein, gefunden haben wir ihn noch nicht, und wir suchen unverdrossen. Dazu habe ich noch ein paar Fragen. Darf ich reinkommen?“

Bei einer dritten sehr nötigen Tasse Kaffee ging Lene direkt auf ihr Ziel zu. „Frau Berruth, was hat Ihr Mann eigentlich gemacht, bevor er zu Medizintechnik Gustavo Toller ging?“

Da hat er bei Tollers Konkurrenz Medicaprom auch als Wartungstechniker gearbeitet, bis Mellenberg pleite ging.“

„Und von da direkt zu Toller?“

„Nein. Toller war noch im Aufbau und hatte nicht direkt einen Job für Max.“

„Dann war Ihr Mann eine Zeit arbeitslos?“

„Ja.“

„Hat er mal erzählt, ob er sich in der Zeit Geld geliehen oder versucht hat, mit Spielen was dazuzuverdienen?“

„Nein. Er hatte ja Zeit und wurde auf dem Ellermannshof verpflegt.“

„Verpflegt?“

„Ja. Er wohnte in dem alten Backhaus des Gutes und half Carla und Lothar beim Umbau. Sozusagen gegen freie Kost und Station. Das ALG konnte er sparen. Aber warum fragen Sie das alles?“

„Wir haben einen Tipp bekommen, dass eine schräge Type, die illegal Geld verleiht, von Max noch eine große Summe kassieren will.“

„Na, viel Spaß. Bei uns ist nichts zu holen. Die Kinder und ich leben im Moment vom Geld meiner Eltern, und die zahlen auch die Prämien für Maxens Lebensversicherung.“ Pia schluckte Tränen herunter: „Aber ich möchte lieber meinen Mann zurück als das Versicherungsgeld.“

„Wir bemühen uns wirklich“, sagte Lene, die einen Augenblick ein schlechtes Gewissen verspürte. Die für sie wichtigsten Informationen hatte sie zum Schluss eher beiläufig bekommen.

Als sie aus der Lilienstraße zum Ellermannshof losfuhr, waren am Himmel dichte Schneewolken aufgezogen, und Lene nahm sich wieder einmal fest vor, die Winterräder montieren zu lassen und Schneeketten zu kaufen. Aber Lene und die guten Vorsätze waren schon immer ein traurigen Kapitel gewesen.

Max und Susi fuhren am nächsten Vormittag nach Stübern. Die Kopien waren fertig, sie besorgten noch CD-Etuis, Luftpolsterversandtaschen und Briefmarken. In der Hütte schauten sie sich auf dem mitgebrachten Abspielgerät einige DVDs an und ließen sich auch „antörnen“. Als sie sich wieder anzogen, war es draußen fast dunkel geworden und die ersten Schneeflocken fielen. In diesem und dem vorigen Jahr war alles durcheinander geraten, ein kalter, feuchter Sommer, zu Anfang ein traumhaft schöner Oktober und dann, Mitte Oktober, der erste Schnee, der nicht liegenblieb, weil der Boden noch nicht gefroren war. Doch seit Weihnachten herrschte Dauerfrost, die Heiligen drei Könige würden sehr kalte Füße bekommen, und für Max und Susi hieß das: Sie würden mit ihrer Erpressungsaktion etwas warten müssen. Die Briefe in der Nähe der Hütte, in Lantern oder Wickenborn am See einzuwerfen, durften sie nicht riskieren. Susi hatte einige Teilnehmer wiedererkannt, von denen sie die Anschriften auswendig wusste. Die Begleitschreiben hatten sie von Hand verfassen müssen. „Zehntausend Euro, oder wir schicken eine zweite Kopie an die Presse. Für die Übergabe melden wir uns noch einmal.“

„Meinst du, das reicht?“ fragte Susanne besorgt.

„Je kürzer, desto besser“, antwortete er so grob, dass sie keine weiteren Fragen zu stellen wagte.

Es hatte kräftig zu schneien begonnen, und Susi hatte Angst, hier oben eingeschneit zu werden. Gusto hatte immer gewarnt, im Winter traue ich mich nur mit dem Geländewagen, der einen Vierradantrieb besaß und neben dem Ersatzreifen immer Schneeketten mitführte. Wie sollte sie mit Sommerreifen an ihrem Kleinwagen Geld und Vorräte besorgen? Geräumt wurde hier oben nicht. Und der Schnee blieb lange liegen.

Auch Max machte sich Sorgen, der Holzkorb vor dem Kachelofen war schon wieder leer. Und als er auf den Hof kam, stellte er mit Schrecken fest, wie sehr sich der Stapel mit den Holzkloben verkleinert hatte. Er musste unbedingt Holz hacken, bevor der Schnee den ganzen Stapel bedeckte. Er ging in die Hütte, um den Feuerholzkorb zu holen und rief laut: „Susi, ich muss Holz hacken. Nimm ein Bad, solange wir noch warmes Wasser haben.“ Sie zog sich aus und beeilte sich im Bad. Als sie sich abtrocknete und anzog, ertönten regelmäßig dumpfe Schläge vom Hof. Max war gut beschäftigt. Sie schaute in dem Einkaufsbeutel nach Kaffee und stieß auf die DVD- und die Kopien. Komisch: Auf eine hatte Max mit Fettstift ein großes X gemalt. Warum das? Susi lauschte, draußen wurde immer noch gleichmäßig Holz gespalten. Sie legte die DVD ein und schaute sich auf dem kleinen Monitor den Inhalt an. Schon bei der zweiten Datei glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Max Berruth bumste mit Ann-Katrin Zoller, schien dann mit ihr in Streit zu geraten, als sie sich mit gespreizten Beinen so hinlegte, dass die Kamera sie deutlich aufnehmen konnte. Dann schlug er sie plötzlich, sie wehrte sich und er drückte ihr zum Schluss ein Kissen so lange und so fest auf das Gesicht, bis sie still liegen blieb. Max verließ fluchtartig die Couch und verschwand aus dem Bild. Ann-Katrin bewegte sich nicht mehr. Minutenlang passierte nichts, Susi wollte schon abschalten, als Ann-Katrins Körper zweimal zuckte. Dann trat eine Person an die Couch heran, deren Gesicht nicht zu erkennen war. Susi hatte genug gesehen und schaltete ab, verstaute die DVD in dem Plastikkästchen, das sie wieder in den ziemlich vollgestopften Einkaufsbeutel steckte. Sie hatte schon eine recht zutreffende Vorstellung von dem, was sie da eben gesehen hatte. Max war nach dem Bumsen mit Ann-Katrin in Streit geraten und hatte sie mit dem Kissen erstickt. Später hatte sie - Susi - zweimal auf die Leiche geschossen und Max hatte sie in dem Glauben gelassen, sie habe Ann-Katrin getötet. Nein, diesen Mann musste sie so rasch wie möglich loswerden.

Als Max mit einer richtigen Schneehaube hereinkam, stand ihr Entschluss fest. „Wir müssen von hier so bald wie möglich abhauen, bevor wir total eingeschneit sind.“

„Oder erfroren, wir haben kein Holz mehr. Hast du mir noch etwas warmes Wasser gelassen?“

„Ja.“

„Prima, dann will ich mir nur meine erstarrten Hände auftauen. In der Zwischenzeit könntest du packen.“

Es schneite ununterbrochen, dicke, fest Flocken, die auf dem Hof schon einen geschlossenen kräftigen Teppich erzeugt hatten, als Max und Susi anfingen, das Auto zu beladen. Sie hatte die mit X markierte DVD mit den andern Originalen und Kopien zusammen in den Beutel gesteckt, links und rechts mit Schmutzwäsche ausgepolstert und im Kofferraum ganz nach vorn geschoben und schön mit Tüten und Kartons eingekeilt. Max hatte nichts bemerkt, fragte nur: „Hast du auch nichts vergessen?“

„Nein, aber schau selber einmal nach!“

Er kam zufrieden an die Tür zurück: „Alles weg. Wer fährt?“

„Ich glaube, du bist der bessere Fahrer“, sagte sie demütig und setzte sich schon auf den Beifahrersitz. Die einzige Versandtasche, die sie noch gefüllt, mit der Anschrift versehen und frankiert hatten, steckte in ihrer Handtasche. Max hatte die Pistole und das Handy ins Handschuhfach gelegt und drehte jetzt den Zündschlüssel. Beide klapperten mit den Zähnen, das Auto war schlimmer ausgekühlt als ein Eisschrank.

„Wohin wollen wir eigentlich?“ fragte er Susi, die hastig und sehr nervös antwortete: „Erst mal runter ins Tal, in irgendein Nest mit einem Gasthof. Hier oben sitzen wir spätestens in einer Stunde fest.“

„Hast du solchen Schneefall schon mal erlebt?“

„Nee, nicht solche Mengen in so kurzer Zeit. Aber Gusto und ich sind einmal in der Hütte eingeschneit worden, und daher weiß ich, dass hier nicht geräumt wird.“

„Nur im Frühjahr sammelt man die steif gefrorenen Leichen ein „bemerkte Max. Es sollte witzig klingen, aber sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu. „Entschuldigung, Susi, das war total daneben.“

Schon das kurze Stück vom Hof auf die Zufahrt wurde eine einzige Schlinger- und Schleudertour. Der Wagen dachte nicht daran, auf Steuern zu reagieren. Er suchte sich seinen Weg selbst und rüttelte und schüttelte dabei die Insassen unbarmherzig durcheinander. Und am dunkelgrauen Himmel schienen immer noch neue Schneewolken aufzuziehen. Die Scheibenwischer kamen gegen den Flockenteppich nicht an, das Licht der Scheinwerfer erreichte die Fahrbahn nicht.

Carla Zillig war nicht erfreut, als Lene fragte, ob sie ein paar Minuten mit ihrem Freund Lothar Scharff reden könne. „Das ist schlecht. Er hat gerade eine Sitzung und malt.“

„Was meinen Sie, wie lange das noch dauern wird?“

„Höchstens eine halbe Stunde. Gerda Schönthal muss bald los, sie hat noch gut eine Stunde bis Bellingheim zu fahren und im Radio wird pausenlos vor gewaltigem Schneefall gewarnt.“

„Na, dann würde ich gern die halbe Stunde noch warten. Ob Sie mir in der Zeit ein paar Fragen zu Max Berruth beantworten können?“

„Zu Max?“ fragte Carla verwundert.

„Ja, wir können ihn einfach nicht finden.“

„Ich weiß, meine Schwester macht sich mittlerweile große Sorgen. In ihrem Zustand nicht die beste Gemütsverfassung.“

„Nein. Aber wir haben jetzt alle uns bekannten Stellen und Personen abgefragt, wo er untergetaucht sein könnte. Ob Sie uns jetzt weiterhelfen können?“

„Ich? Wie kommen Sie darauf?“

„Er hat doch mal ein halbes Jahr hier auf dem Hof gewohnt und ihnen beim Um- und Ausbau geholfen?“

„Richtig.“

„Hat er in der Zeit mal von einem Ort, einem Menschen, einer Institution erzählt, bei der er jetzt untergekrochen sein könnte?“

Carla Zillig überlegte lange und schüttelte entschieden dann den Kopf: „Nein, dazu fällt mir nichts ein.“

„Max Berruth hat Ihre Schwester hier auf dem Hof kennengelernt?“

„Ja, sie wohnte damals im Veilchenweg und kam nach der Arbeit häufiger zu uns, damals war jede Hand willkommen.“

„Was machte Pia beruflich vor der Ehe?“

„Sie war Ernährungsassistentin an der Laurentiusklinik. Sie hat sich mit Max auf Anhieb gut verstanden. So perfekt wie die beiden konnten keine gelernten Maler und Tapezierer Tapeten schneiden und kleben oder Dübel für Lampen und Regale setzen. Und ihnen zuzuschauen, wie sie Fußbodenleisten lackierten, war geradezu ein ästhetischer Genuss.“

„Mochten Sie Max?“

„Ja, schon ...“

„Aber?“

Carla strich sich die Haare zurück: „Ich halte ihn für etwas arg schlicht gestrickt.“

„Zwei links, zwei rechts und eine Masche fallen lassen?“

„So etwa, ja.“

„Mit anderen Worten - etwas langweilig.“

„Unfreundlich formuliert, ja. Zuverlässig, freundlich, hilfsbereit -aber nicht die große Erleuchtung bei der Unterhaltung.“

In dem Moment klopfte es und Lothar Scharff kam herein. „Sie ist weg, hoffentlich schafft sie es noch.“ Dann erst bemerkte er Lene und grüßte verwundert „Guten Tag.“

„Frau Schelm erkundigt sich nach Max.“

Lene musterte Scharff einen Moment: „Wir müssen ihn unbedingt sprechen, aber wir finden ihn nicht. Was meinen Sie, wo könnte er stecken?“

„Keine Ahnung, viele Freunde hat er wohl nicht, wenn, dann würde ich mich in der Firma danach erkundigen.“

Die Firma ist - Medizintechnik Gustavo Toller?

„Ja.“

„Sie haben gehört, was mit Ann-Katrin Toller passiert ist?“

„Natürlich. Vor ihrer Hochzeit habe ich die Ann-Katrin Steinberg gemalt.“ Und weil sich Carla Zillig räusperte, fuhr Scharff gleichmütig fort: „Ja. Max und Ann-Katrin sind sich hier einmal begegnet. Das war doch, was Sie wissen wollen?“

Sein hochmütiger Ton ärgerte Lene maßlos: „Danke, das wusste ich schon. Mich interessiert viel mehr, ob Sie sich Geld von Max Berruth geliehen haben.“ Lene war keine schlechte Pokerspielerin.

„Ich? Wie denn? Von dem Habenichts.“

Wenn Lene schon die Ehefrau geblufft und belogen hatte, konnte sie das bei Maxens Schwager ruhig fortsetzen. „Wenn Sie sich da mal nicht täuschen.“

Scharff und Carla schnappten nach Luft, aber Lene setzte ihre harmloseste Miene auf - ich habe schon zu viel gesagt, mehr erfahren Sie nicht von mir. Scharff lenkte sofort ab und deutete zum Fenster. Zu Lenes Erstaunen reagiere Carla auf den kryptischen Satz ihrer Besucherin als erste: „Ich hab' euch gleich gesagt, ihr unterschätzt ihn.“ Scharff knurrte laut und sie verstummte sofort. Scharff wollte ablenken und deutete nach draußen: „Schauen Sie sich das mal an!“

Es war kein Schneefall mehr, da rutschten gleichzeitig von allen Dächern massive Schneebretter in die Tiefe. Von einer Minute auf die andere war es Nacht geworden.

Max und Susi hatten gerade den Beginn der Serpentinenstrecke durch den Wald von den Lantener Höhen ins Tal erreicht, als Petrus den Verschluss des himmlischen Schneevorratskastens aufriss. Fahren konnte man das, was Max am Steuer veranstaltete, immer noch nicht nennen. Das Auto mit den abgefahrenen Sommerreifen machte, was es wollte, steuern war so sinnlos wie bremsen, und so beschleunigte der Karren, sobald sich die Straße senkte, auf die erste Serpentine zu, kam von der Straße ab, stieß gegen einen Stein oder Felsen oder Baumstumpf und neigte sich zur Seite. Max fluchte, Susi schrie vor Angst, aber davon unbeeindruckt rollte der Wagen über die Beifahrerseite den Hang hinunter, drehte sich einmal um seine Längsachse und krachte mit der Fahrerseite gegen einen Baum, wobei das Blech ächzte und stöhnte, als wolle es sich um den Stamm wickeln. Die Gurte hielten, der Airbag löste aus, und als der Karren zum Stillstand kam, saß Susi mit Prellungen und schmerzenden Striemen auf Schlüsselbein und Schulter, aber nicht schwer verletzt, eingekeilt auf dem Beifahrersitz. Sie löste zuerst den Gurt, dann den Airbag, nahm aus dem Handschuhfach die Pistole, probierte dann das Handy, das es nicht tat, bis ihr einfiel, dass Max Teile herausgenommen hatte, damit man sie nicht orten konnte, und ließ es im Fach zurück. Mit Mühe konnte sie die Beifahrertür öffnen. Die ganze Zeit über gab Max nicht einen Ton von sich, auch nicht, als sie seine Schulter rüttelte und schüttelte. Kein Gedanke daran, die Fahrertür von innen zu öffnen. Und außen hatte sie sich um den Baumstamm gebogen, das war aussichtslos. Max bewegte sich nicht, reagierte nicht. Sie glaubte, ihn noch atmen zu hören, war sich aber nicht sicher. Mit letzter Kraft drückte sie die klemmende Tür auf ihrer Seite auf und fiel nach draußen in den tiefen Schnee, umklammerte ihre Handtasche wie einen Rettungsring, während sie sich aufrappelte, mehrfach umstürzte und dann der Spur folgte, die der von der Straße herabrollende Wagen gezogen hatte. Die Landstraße erkannte sie nur an dem festeren Untergrund unter ihren Sohlen. Wie und wohin sie lief, konnte sie später nicht mehr erinnern, Kälte, Nässe und Dunkelheit waren betäubend und überwältigend. Dass vor der Senkung ein Geländewagen anhielt und das Ehepaar sie noch in sein warmes Auto zerrte, bekam Susi nicht mehr mit. Der Wagen mit Vierradantrieb und Schneeketten bewältigte die Fahrt ins Tal ohne Unfall.

Lene beschloss, nach einem Blick in die Dunkelheit auf dem Hof, endlich aufzubrechen. Carla und Lothar waren nicht böse, dass sie ging.

„Keine Schneeketten?“ erkundigte sich Lothar Scharff.

„Nicht einmal Winterreifen“, beichtete Lene.

„Soll ich Sie bis zur nächsten Bahn oder zum nächsten Taxenstand fahren? Einschneien kann Ihr Auto auch bei uns auf dem Hof.“

„Großartig, vielen Dank. Ich nehme Ihr Angebot gerne und mit Handkuss an.“ Ihre Pistole lag warm und trocken eingeschlossen im Präsidium, Wagenpapiere und -schlüssel hatte sie in der Handtasche, auch ihr Handy. Und wer bei dem Wetter Autos klaute, war ohnehin schwachsinnig.

„Haben Sie was dagegen, wenn ich Sie am Bahnhof Brekum absetze? Ich würde gerne mal nachschauen, was Pia und Daniel machen.“

„Nein, schon recht.“ Verwunderlich, nach allem, was sie über die Berruths und Carla plus Lothar gehört hatte, dass sich der Maler solche Sorgen um die Schwester seiner Frau und deren Sohn machte. Aber noch ein Knoten passte nicht mehr in ihr Taschentuch.

So lernte sie wenigstens mal den Prellbock kennen und konnte theoretisch sogar ein Pils auf Spesenkonto trinken. Die Kneipe war richtig voll, Lene stellte sich an den Tresen, bestellte beim Wirt ihr Pils und betrachtete amüsiert, was um sie herum gesprochen wurde. Die meisten Männer wussten, was ihnen bevorstand: Schneeräumen und Holz hacken für den Kamin; einige würden helfen müssen, Schneemänner im Garten zu bauen. Aber es gab auch Erfreuliches: „Wer ist denn die Hübsche hier am Tresen?“ wurde der Wirt gefragt, der in gleicher Lautstärke erwiderte: „Keine Ahnung, war noch nie hier.“ Lene lauschte amüsiert. Komplimente, auch versteckte, konnten sie nicht beleidigen. Sie zahlte und musste noch fünf Minuten auf einem zugigen Bahnsteig warten, bis die S-Bahn aus dem Tunnel rollte und lautstark quietschend hielt. Um diese Zeit war stadteinwärts nicht viel Verkehr. Sie bekam in einer leeren Vierergruppe einen Platz und wunderte sich, wie schnell sie den Hauptbahnhof erreichte. Bis zur Colmarstraße nahm sie sich ein Taxi. Einmal ÖPNV pro Tag reichte ihr. Unterwegs telefonierte sie mit dem Präsidium, die Kolleginnen hatten sich angesichts der bevorstehenden Schneelastkatastrophe rechtzeitig nach Hause verzogen.

Das hilfsbereite Ehepaar hielt an der nächsten Polizeistation. Der Wachhabende entschied, die Frau müsse erst einmal aus ihren nass-kalten Klamotten heraus, bevor sie sich eine schwere Lungenentzündung zulege. Er schlug das Bercelius-Klinikum im Stadtteil Solgen vor. Gesagt, getan. In der Notaufnahme wurde Susanne Krüger entsprechend in Empfang genommen, doch als der Wachhabende, der zur Klinik mitgefahren war, die Handtasche auf der Suche nach Personalpapieren öffnete und eine Pistole fand, wurde er nervös und beschlagnahmte das gute Stück samt Inhalt. Auf dem Revier schaute er sich den Inhalt genauer an, fand einen Führerschein mit Namen und Anschrift, warf den Computer an und fand eine Susanne Krüger, die von einer Kommissarin des R - 11, Sigrid Bauer, zur Fahndung ausgeschrieben war. Das hatte eine Stunde später zur Folge, dass die gerade nach dem Genuss einer halben Flasche Burgunder eingeschlafene Erste Hauptkommissarin Marlene Schelm unsanft aus dem schönsten Schlaf geweckt wurde und zur Entschuldigung vorbringen konnte, ersten habe sie zu viel getrunken, um Auto zu fahren und zweitens werde ihr Auto gerade auf dem Ellermannshof in Brekum total eingeschneit. Der Wachhabende grunzte: „Wer keine Ausreden erfinden kann, ist nicht wert, in Schwierigkeiten zu geraten, was?“

„Sie sagen es, Kollege! Halten Sie die wieder aufgewärmte Dame in der Bercelius-Klinik bitte fest, ich komme so schnell wie möglich.“

Ihr Versprechen hinderte Lene nicht daran, erst einmal gründlich auszuschlafen und dann Sigrid Bauer mit Auto einschließlich Winterreifen in die Colmarstraße zu bestellen. Es hatte zwar aufgehört, wie verrückt zu schneien, aber über Nacht war noch so viel von der weißen Pracht heruntergekommen, dass Lene auf dem Hof des Gutes ihr Auto nicht fand, sondern hilflos zwischen mehreren viereckigen Schneehaufen herumwanderte, in denen sich alles Mögliche verbergen konnte, unter Umständen auch ein Auto. Sigrid drängte, und so ließ Lene ihr Auto zurück in der Hoffnung, dass bald Tauwetter einsetzen werde.

Auf dem Revier schauten sie sich zuerst die Handtasche an. Die frankierte und adressierte Luftpolstertüte mussten sie sich im Präsidium ansehen.

„Wo ist Susanne Krüger eigentlich aufgefunden worden?“

„Nach Aussage des Ehepaares noch oben auf der Lantener Ebene, da, wo die Straße ins Tal beginnt. Ich denke mir, sie ist mit ihrem Auto von der Straße abgekommen und gegen einen Felsen oder Baum geknallt.“

„Kann man da hoch, um nachzuschauen?“

„Sicher, mit der richtigen Ausrüstung. Aber vor der Schneeschmelze liegt jedes Auto da oben ruhig und sicher. Bergen können Sie es im Moment sowieso nicht“

Sigrid meldete sich mit Kleinmädchen-Piepsstimme. „Und wenn noch jemand im Auto gesessen hat?“

„Dann ist der oder die heute Nacht erfroren“, gab der Wachhabende, den es vor Gähnen schier zerriss, grob Auskunft.

Susanne Krüger war mit einigen Prellungen und Schürfwunden davongekommen. „Keine Lungenentzündung“, versicherte der Stationsarzt, „aber wohl eine schwere Erkältung.“ Davon war ihr nichts anzusehen oder anzuhören, als sich Lene und Sigrid zu ihr ins Schwesternzimmer setzten.

„Na, Frau Krüger, das war aber knapp“, begann Lene im Plauderton.

„Ja, ich bin eine halbe Stunde zu spät losgefahren. Wer rechnet aber auch in unseren Breiten mit solchen Schneemassen.“

„Sie waren im Lantener Forst.“

Susi hatte einige Zeit damit verbracht, sich eine Ausrede auszudenken. „Ja, in Tollers Jagdhütte.“

Lene zog die Augenbrauen hoch.

„Sie wissen doch sicher, dass Tollers Ehefrau ermordet worden ist“, sagte Susi dreist. „Der Chef war völlig von der Rolle, zu nichts zu gebrauchen, und weil ich ihm in dieser Stimmung gern für ein paar Tage aus dem Weg gehen wollte, habe ich ihn gefragt, ob ich seine Jagdhütte benutzen dürfe. Er war einverstanden.“

„Waren Sie früher schon einmal in der Hütte?“

„Ja. Ich wusste, wo der Reserveschlüssel versteckt war. Das Kaminholz liegt in der Garage. Nein, und ein paar Tage Ruhe wären mir schon recht gewesen.“

„Bis der Schnee kam.“

„Ja, damit hatte ich nicht gerechnet, vor allem war zu wenig Holz da, und wenn der große Kachelofen nicht brennt, erfriert man im Handumdrehen, warmes Wasser gibt es dann auch nicht. Also musste ich weg, als die Wetterleute im Radio Alarm schlugen. Aber eben eine halbe Stunde zu spät.“

„Sie sind dann da von der Straße abgekommen, wo die Serpentinenstrecke runter ins Tal beginnt.“

„Dann wissen Sie mehr als ich.“

„Das Ehepaar hat Sie an der Stelle aufgelesen.“

„Welchen Ehepaar?“

„Sagen Sie bloß, das wissen Sie nicht mehr“, mischte sich Sigrid Bauer ein, die Susanne Krüger die ganze Zeit über aus schmalen Augen misstrauisch beobachtet hatte.

„Nein, tue ich nicht. Wirklich nicht. Ich erinnere mich noch, dass mein Auto sich auf die Seite legte und dann ging es wie eine Teppichrolle abwärts. Danach habe ich einen Filmriss.“

„Hm.“

Lene nahm wieder das Wort. „Frau Krüger, haben Sie allein im Auto gesessen, als Sie verunglückten?“

„Ja“, sagte Susi fest. „Warum fragen Sie?“

„Wir vermissen Max Berruth. Den kennen Sie doch?!“

„Natürlich.“

„Haben Sie eine Ahnung, wo er stecken könnte?“

„Ich? Wieso ausgerechnet ich?“

„Sie sind doch das lebende Lexikon der Firma und kennen alle Mitarbeiter bestens.“

„Behauptet wer?“

„Ihr Chef Gustavo Toller.“

„Der hat's nötig“, regte sich Susi auf. „Gusto, so nennt man ihn in der Firma, vergisst doch seinen Namen, wenn er ihn nicht irgendwo notiert hat. Aber wo er den Zettel hingelegt hat, muss ich ihm dann sagen.“

Sie lachten alle, als eine Schwester ins Zimmer kam. „Entschuldigung, ich muss Frau Krüger zum CT abholen.“

„Okay, wir verschwinden für heute, entschied Lene. „Frau Krüger, Sie brauchen doch bestimmt einige Sachen zum Anziehen, wenn Sie noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben müssen. Können wir jemandem Bescheid sagen?“

„Das wäre sehr freundlich. Sie heißt Helga Müller und arbeitet auch bei Toller.“ Aus der Tasche ihres vom Krankenhaus gestellten Bademantels kramte sie einen Schlüsselbund.

„Glaubst du ihr?“ fragte Sigrid skeptisch, als sie von der Klinik losfuhren.

„Nur zum Teil“, antwortete Lene zerstreut. „Als geschickte Lügnerin hat sie Dichtung und Wahrheit gut vermengt.“

„Und was machen wir jetzt mit ihr?“

„Vorerst gar nichts“, brummte Lene. „Weißt du, wo die Köhlergasse ist?“

„Ja, aber was sollen ... oh, Chefin, ich ahne Böses.“

„Wieso? Sie hat uns doch freiwillig die Schlüssel gegeben.“

„Aber doch nicht, damit die Polizei ihre Wohnung filzt.“

„Das Risiko geht man eben ein, wenn man zu vertrauensvoll ist.“

Sigrid Bauer schwieg. Die Chefin hatte ihre Methoden, die musste man nicht gutheißen, aber Protest half da gar nichts.

In der Köhlergasse verriet nichts mehr davon, dass hier früher die Holzköhler ihre Produkte gelagert und verkauft hatten. Allenfalls die großen Höfe hinter den Einzelhäusern verrieten noch etwas von dem Betrieb, der hier mal geherrscht hatte. Susanne Krüger bewohnte in Nummer 24 das Parterre, eine kleine, aber praktisch eingerichtete Dreizimmerwohnung. Das Schlafzimmer besaß vergitterte Fenster zum Hof, ein früherer Schuppen diente als Garage für Susis Auto, das nach ihrer Schilderung jetzt irgendwo auf den Lantener Höhen vom Schnee begraben wurde. Es schneite immer noch, aber sehr viel dünner als zuvor.

Lene zog sich Plastikhandschuhe an und begann mit den Schubladen und Fächern, in denen sich Schriftliches befand. Eine Stunde pflügte sie sich durch nichtssagende Korrespondenz. Briefe und Abrechnungen. Susanne Krüger verdiente gut und sparte viel. Die Depotbestandsmeldungen erstaunten Lene, die aus eigener Erfahrung wusste, wie schnell Geld ausgegeben war und welche Mühe und wieviel Verzicht es kostete, etwas anzusparen und damit eine Anleihe oder Beteiligung zu kaufen. Sie erinnerte sich an Tollers Alibi: Hatte das Finanzamt auch jenen Verdacht gefasst, der sie jetzt beschäftigte? Sie überlegte schon, die Spusi zu alarmieren und den ganzen Schmutz zu fotografieren, bevor der unersättliche Finanzminister seine Hand darauf legte. Sie verzichtete darauf, sobald sie das nächste Buch aufgeschlagen hatte, ein altmodisches Fotoalbum, das unter anderem Urlaubsbilder enthielt. Susi Krüger im Evakostüm neben einem Adam, der einen Arm um ihre Taille gelegt hatte.

„Sigrid? Kommst du mal?“

Sigrid Bauer konnte weiterhelfen. „Das ist Gustavo Toller mit seiner rechten Hand Susanne Krüger.“

„Und wer ist die Nackte neben unserer Susi?“

„Sie heißt Helga Müller, arbeitet auch bei Toller.“

Der sie offenbar zu schätzen wusste. Denn auf dem nächsten Foto hatte Adam Toller seinen Arm um die Taille einer nackten Helga gelegt.

„Das sieht doch sehr nach einer ménage à trois aus“, tadelte Lene, die nie auf die Idee käme, ihren Jochen freiwillig mit einer anderen zu teilen.

„Gut möglich.“

„Hast du was gefunden, was das Mitnehmen lohnt?“

„Nein.“

„Ich nehme die drei Fotos mit und dann verduften wir.“

Während sie zusammenräumten, telefonierte Susanne Krüger mit ihrem Gusto, der eine Unmenge Fragen stellen wollte.

„Alles später, Gusto. Hör zu, ich glaube, gleich wird die Kripo bei dir erscheinen. Du musst alles bestätigen, was ich ausgesagt habe. Und lass dir bitte nicht anmerken, dass du erstaunt bist. Du hast mir erlaubt, deine Hütte im Lantener Forst zu benutzen, einverstanden? Kein Wort von dem Geld, das du mir geschickt hast.“

„Und warum?“

„Später, mein Schatz. Ich muss Schluss machen.“

Bei Medizintechnik Gustova Toller GmbH herrschte noch großes Durcheinander, aber die Hektik hatte sich gelegt, seit der Inhaber im dunklen Anzug und mit schwarzer Krawatte wieder im Büro erschienen war. Auch Helga Müller, die zurzeit das Allerheiligste bewachte, hatte sich in dezentes Grau gewandet.

Lene macht keine Umstände: „Herr Toller, hatten Sie ein Verhältnis mit Susanne Krüger?“

„Wer sagt das?“

„Wir haben eben mit Susanne Krüger in der Bercelius-Klinikgesprochen.“

Toller erinnerte sich an Susis Bitte am Telefon und nickt deshalb. „Aber wieso in der Klinik?“ wollte er wissen.

„Sie hat gestern vor dem großen Schneefall versucht, von der Höhe ins Tal zu fahren, ist von der Straße abgekommen und mit dem Auto gegen einen Baum geknallt.“

„Um Gottes willen. Ist sie schwer verletzt?“

„Nein, sie hat Glück gehabt, und andere Autofahrer haben sie rechtzeitig gefunden und ins Krankenhaus gebracht.“

„Gottseidank.“

„Sie war in Ihrer Hütte?“

„Ja. Ich wollte keinen Menschen um mich sehen, es hat einigermaßen gekracht und sie hat gesagt, sie würde sich gerne in die Hütte verziehen.“

„Kann man das überhaupt im Winter?“

„Kann man, auch wenn es nicht sehr komfortabel ist. Für den Kachelofen gibt es Holz, und solange da ein Feuer brennt, gibt es auch warmes Wasser im Bad und Wärme in der ganzen Hütte.“

„Man darf nur nicht eingeschneit werden!“

„Richtig, dann wird es kritisch. Diese Serpentinenstraße ins Tal hat es in sich.“

„Herr Toller, besitzen Sie eine Pistole?“

„Nein.“

„Und Susi Krüger?“

„Soviel ich weiß, auch nicht.“

„Her Toller, wir müssen uns noch einmal über den Todestag Ihrer Frau unterhalten. Sie wollte an dem Tag nach Konstanz fahren, zu einer Freundin, Charlotte Wünsche. Ich habe mit Charlotte Wünsche gesprochen. Ihre Frau war nicht dort, hatte sich auch nicht angemeldet. Mehr noch: Charlotte Wünsche bestreitet, mit Ihrer Frau befreundet gewesen zu sein. Im Gegenteil, seit sie hier im Hause eine der Sexpartys im Fernseher gesehen habe, habe sie jeden Kontakt abgebrochen. Haben Sie das gewusst?“

Toller war in sich zusammengesackt.

„Von den Partys? Natürlich. Aber Ann-Katrin hat nie mit einer Silbe erwähnt, dass sie die Aufnahmen ihrer Bekannten Charlotte Wünsche vorgeführt hat.“

Sigrid Bauer hakte ein: „Aber weiterhin so getan, als besuche sie eine Freundin am Bodensee.“

Toller nickt gequält.

„Ein prachtvolles Alibi“, höhnte Bauer. „Und wen hat sie in der Zeit wirklich besucht?“

„Woher soll ich das denn wissen?“

„Haben Sie sie nie gefragt, sind Sie ihr nie nachgefahren?“

„Nein.“

Lene winkte heimlich ab: „Herr Toller, kennen Sie eine Kneipe namens Zum Prellbock, am S-Bahnhof Brekum?“

„Nein, kenne ich nicht.“

„Kannte Ihre Frau den Prellbock?“

„Das weiß ich nicht, glaube ich aber nicht. Sie hatte was gegen Kneipen.“

„Herr Toller haben Sie jemals daran gedacht, sich scheiden zu lassen?“

Gusto rieb sich das Kinn. Was hatte Susi den beiden Kriminalbeamtinnen in der Klinik erzählt.

„Das ging nicht so ohne weiteres.“

„Wie dürfen wir das verstehen?“ schnarrte Sigrid Bauer.

„Steinberg - also Ann-Katrins Vater - hatte mir Geld geliehen, um meinen Laden vergrößern zu können.“

„Ist dieser Kredit zurückgezahlt?“

„Nein.“

„Und Steinberg drohte, den Schuldschein zu Protest gehen zu lassen, wenn Sie sich von Ann-Katrin trennen?“

Toller wand sich wie ein Aal: „Nicht so direkt, aber schon in der Richtung - ja.“

„Wusste Ihre Frau von Ihrer Beziehung zu Susanne Krüger?“

„Wahrscheinlich ja.“

„Auch von Ihrer Beziehung mit Helga Müller?“

„Mit der Müllerin? Wie kommen Sie denn auf den Blödsinn?“

Statt einer Antwort legte Lene die Fotos vor, die sie aus Susi Album mitgenommen hatte. Toller rang nach Luft, wurde rot und sagte vorerst nichts mehr.

„Mit Frau Müller müssen wir gleich noch sprechen“, bemerkte Lene kühl. „Es sieht also ganz so aus, als hätten Sie sich mit Ihrer Frau arrangiert. Jeder konnte und durfte seiner Wege gehen, wie, Herr Toller?“

„Sie wissen nicht, wie meine Frau war. Ann-Katrin hat mir das Leben zu Hölle gemacht. Und mich vor allen Bekannten und Freunden lächerlich gemacht.“ Am liebsten hätte er geschluchzt.

„Warum haben Sie sie geheiratet?“ Lene fragte ganz sachlich, und Toller würgte an der Antwort, bis er tiefrot anlief. Die etwas boshafterer Sigrid kannte weniger Rücksicht als Lene: „Richtig! Sie brauchten ja den Kredit, um ihr Geschäft zu vergrößern.“ Toller stand kurz vor einem Herzinfarkt, als Lene und Sigrid sich verabschiedeten.

Helga Müller, sexy und kaltschnäuzig, leugnete nicht. Für die vacances à trois hatte sie Bargeld und eine Gehaltserhöhung bekommen. Ja, sie würde in Susis Wohnung ein paar Sachen packen und ins Krankenhaus bringen.

Zu den Fotos meinte sei nur: „Hübsch, nicht wahr. Gustavo ist noch gut dabei, wie?“

Sigrid Bauer fragte scharf: „Hat Susi Krüger in der Zwischenzeit angerufen und Sie gebeten, diese Bilder aus dem Album zu entfernen?“

„Nein, hat sie nicht.“

Auf der Fahrt ins Präsidium brummte Sigrid: „Wir hätten sie fragen sollen, ob sie auch mal an einer dieser Partys teilgenommen hat.“

Wahrscheinlich ja“, meinte Lene zerstreut. „Unsere Helga ist geldgierig.“

„Glaubst du, sie hat dafür Geld genommen?“

„Ja. Die Frage ist, ob sie was dafür bekommen hat.“

Die Restmannschaft des R - 11 hatte sich im Präsidium auch gut beschäftigt, einen DVD-Player organisiert, und sich die Scheibe aus der Versandtüte angesehen. Tine, die jüngste, war regelrecht erschüttert.

„Wer sollte denn erpresst werden?“ wollte Lene wissen.

„Der Vorsitzende des Schlossbau-Vereins.“ Eine, wie Lene wusste, umstrittene Persönlichkeit mit zahlreichen Feinden, die schon seit Jahren auf eine Gelegenheit lauerten, ihn mit einem Skandal abzuschießen.

„Aber wir haben noch was Schönes, was den Fall noch verrückter macht“, warnte Jule.

„Geht das noch?“

Aus der Pistole, die in Susis Handtasche war, ist zweimal auf die tote Ann-Katrin geschossen worden, und einmal auf den Türrahmen des Tatortzimmers. Und auf Werner Pölzig.“

„Aufhören!“ befahl Lene erbost. „Wer soll sich denn da noch durchfinden?“

„Wir hoffen alle auf dich“, piepste Jule.

Lene schüttelte den Kopf. Sie hatte andere Sorgen.

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Dreizehntes Kapitel

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Nach zwei Tagen hörte der Schneefall so plötzlich auf, wie er begonnen hatte, und überall wurden die Spuren und Folgen beseitigt. Ein Trupp Waldarbeiter quälte sich mit einer großen Heuladung zu einem der Winter-Füttterungsplätze für das Rotwild die Höhen zur Lantener Hochebene hoch und entdeckte ein Auto, das von der Serpentinenstraße abgekommen und mit der Seite gegen einen Baum geprallt war. Der Fahrer saß noch hinter dem Steuer, offenbar hatte er es nicht geschafft, die eingebeulte und verklemmte Tür zu öffnen oder auf die Beifahrerseite zu rutschen.

Und während Susanne Krüger in der Klinik auf den Arztbrief für ihre Entlassung wartete, bargen Feuerwehr und THW das Auto, das auf den Namen Susanne Krüger zugelassen war. Der Mann am Steuer war tot: Wie die Gerichtsmedizin schnell feststellte, erfroren, weil er nach dem Aufprall gegen den Baum mit dem Kopf gegen den Türrahmen geschlagen war und offenbar für längere Zeit das Bewusstsein verloren hatte. Spuren im Schnee deuteten darauf hin, dass neben dem Fahrer jemand gesessen hatte, der sich aus dem verunglückten Wagen befreien konnte und zur Serpentinenstraße mehr gekrochen und gestolpert als gelaufen war. Ob der oder die rechtzeitig Hilfe für den eingeklemmten Fahrer hätte holen können, wollte das Blonde Gift erst nach einer Obduktion beurteilen, und erst dann konnten andere entscheiden, ob hier ein Fall von Totschlag durch Unterlassen vorlag. Immerhin hatte der Mann in einer aufgesetzten Brusttasche seines dicken Pullovers einen Personalausweis auf den Namen Max Berruth bei sich, so dass Lene Schelm umgehend informiert wurde.

Sie griff sich Tine Dellbusch und ging mit ihr zum Kollegen Grembowski, der unwirsch hochschaute.

„Wir haben Berruth gefunden, Grem.“

„Toll. Und wo ist er?“

„Beim Blonden Gift in einem Kühlfach.“ Dann registrierte Lene sein verwundertes Gesicht und erklärte: „Zum Auftauen. Er hat mindestens eine Nacht in einem Autowrack gelegen. Kommst du heute Abend ins Elfte zu unserem Nachtgebet? Wir könnten den Fall abschließen.“

Grem winkte sofort ab. „Ich ertrinke in Arbeit. Danke, Lene, aber das müsst ihr ohne mich erledigen.“

Lene kannte ihn fast noch besser als Tine, der krumme Hund hatte sich kein einziges Mal um seinen Fall gekümmert und wusste einfach nichts von dem Stand der Ermittlungen. Sie ging wortlos und Tine schaute ihn lange unverwandt an, bevor sie Lene folgte. Der Blick beunruhigte ihn immerhin so weit, dass er einen Spezi in der Personalabteilung anrief.

„Sicher? ... Prächtig, vielen Dank.“

Im Elften war keine Planstelle frei und würde auch so bald nicht frei werden. Christine Dellbusch konnte also nicht vom Siebten ins Elfte wechseln. Er ahnte nicht, dass sich Lene nach diesem Meisterstück Grems eben das vorgenommen hatte und die besseren Beziehungen zum Direktor der Kriminalpolizei besaß.

In der Zeit hatte die KTU nicht gefaulenzt und den Kofferraum des Autowracks ausgeräumt und unter die Lupe genommen. Lene wurde noch vor der Mittagspause gerufen und schaute sich die Fundstücke an. Bei den vielen CDs oder DVDs war sie sich sicher, dass es sich um die gestohlenen Scheiben aus dem Hause Toller handelte, die sie in der Toller-Villa nicht gefunden hatten und seitdem vermissten. „So viele?“

„Ich vermute mal, das sind auch Kopien, die zusammen mit einem Erpresserbrief verschickt werden sollten.“

Susanne Krüger würde sich ihrer Bewegungsfreiheit nicht sehr lange erfreuen dürfen.

Seidel brummte. „Da haben wir noch eine DVD, die war in einem Beutel mit Schmutzwäsche versteckt.“

Bevor sie zu Seidel in die KTU ging, hatte Lene Schelm ihre Hilfskraft angehalten. „Ich möchte Pia Berruth im Moment weitere Aufregungen ersparen. Ob Rita Funke in die Gerichtsmedizin kommen und Berruth identifizieren kann? Und danach bringen Sie bitte Frau Funke ins Elfte mit.“

Rita Funke hatte zwar wenig Lust, aber genug Zeit, um mit in die Gerichtsmedizin zu fahren. Der Erfrorene war Max Berruth, Rita Funke unterschrieb das Protokoll und ließ sich, fast ehrfürchtig schweigend von Tine ins Elfte bringen. Dort hatte man sich zu einer Fernsehsession niedergelassen. Lene fragte vorsichtshalber: „Sie sind aufgeklärt?“

„Mehrfach, Frau Schelm.“

„Und nicht leicht zu schockieren?“

Als Aushilfe im Prellbock?

Für alle Anwesenden interessant war die zweite Datei vom 30. Dezember, ab 20 Uhr 45.

„Das ist doch ...“, begann Rita ungläubig.

„... die Frau aus dem Prellbock, ja. Sie heißt oder hieß Ann-Katrin Toller.“

„Und das ist doch ... Max. Max Berruth.“

„Ja, genau.“

Rita drehte den Kopf weg, als auf dem Bildschirm erschien, wie der Mann mit einem Couchkissen die Frau erstickte.

Lene hatte sich die Aufzeichnung schon einmal angesehen. „Achtet auf den nackten Körper.“

Und wenig später, als der Körper zweimal kurz gezuckte hatte, stellte Ellen König trocken fest: „Tatsächlich, zwei Einschüsse. Aber wer erschießt denn eine Leiche?“

„Wer nicht weiß, dass die Person vor ihm schon tot ist. Zum Beispiel die Frau, die jetzt gleich ins Bild kommt.“

Richtig erkennen konnte man Susi Krüger nicht, als sie herumfuhr und eine Waffe Richtung Zimmertür hob. „Der Schuss geht in den Türrahmen“, erklärte Lene ungerührt. Die weitere Szene spielte sich außerhalb des Aufnahmebereichs der Kamera ab.

„So das war's erst einmal. Der Rest beim Nachtgebet. Und Sie, Frau Funke, bitte ich herzlich, über alles, was Sie hier gesehen und gehört haben, Stillschweigen zu bewahren. Tine ist so freundlich und bringt Sie wieder nach Hause.“

Rita schwieg bis kurz vor ihrem Wohnheim. „Ich habe mich übrigens beworben, Tine.“

„Wo? Bei der Polizei?“

„Nein, bei der Feuerwehr.“

„Ach nee.“

Lene lud Jörg Steiner zum „Abendgebet“ ein, der ablehnte, und dann Staatsanwalt Hase. Hase sagte zu und versprach ohne Aufforderung, mehrere Flaschen eines „trinkbaren“ Beaujolais mitzubringen, worauf Lene bei Marcello auf 18 Uhr dreißig sechs Riesenportionen Antipasti speciale bestellte, die fast andächtig, mit dem gebotenen Schweigen über dienstliche Dinge, verspeist wurden. Nach dem ersten Schluck im R -11 begann Lene: „So, wir versuchen mal, eine Chronologie des Falles aufzustellen, nur mit unseren beweisbaren Kenntnissen. Max Berruth beschließt am 30. Dezember gegen 19 Uhr 30, auf ein Bier in den Prellbock zu gehen. Dort trifft er vor Beginn der Tagesschau ein. Am Tresen sitzt Ann-Katrin Toller, die Max vom Ellermannshof kennt ...“

„Dort einmal kurz gesehen hat“, verbesserte Jule, die auch das Tonband bediente.“

„Okay. Ann-Katrin verlässt den Prellbock gegen Ende der Tagesschau vor Max Berruth, den sie draußen angesprochen haben muss. Denn schon gegen 20 Uhr 45 schlafen sie miteinander auf der Couch im Hause Toller, aufgenommen von einer Deckenkamera, geraten in Streit ...“

„Worüber, Frau Schelm?“ unterbrach Hase höflich.

„Das wird ungeklärt bleiben, beide Beteiligten sind tot. Aber ich vermute, Max hat sich auf die Suche nach dem Aufzeichnungsgerät gemacht und das Tatzimmer verlassen. In der Zeit ist Susi Krüger mit einer Pistole in das Zimmer gekommen und hat zweimal auf die störende und scheinbar noch lebende Rivalin Ann-Katrin geschossen. Max hat die Schüsse gehört und ist in das Tatzimmer zurückgekommen. Er hat sie überrascht und sie hat auf ihn geschossen, aber verfehlt. Was dann genau im Einzelnen passiert ist, muss Susi Krüger uns noch erzählen. Sie haben alle Aufzeichnungen mitgenommen - Max, um seinen Tat zu verbergen, und Susi, um damit Geld zu erpressen. Einen Versuch haben wir in ihrer Handtasche gefunden. Beide sind dann in die Tollersche Jagdhütte gefahren, er oder sie hat dann einen Einbrecher so schwer angeschossen, dass der später daran verblutet ist. Dann drohte der Schneesturm und sie mussten vorher ins Tal zurück. Susi hatte offenbar entdeckt, dass nicht sie Ann-Katrin erschossen, sondern Max sie erstickt hatte und den Beweis in der Schmutzwäsche versteckt. Doch dann kam das Auto von der Straße ab und knallte gegen den Baum. Am Steuer saß Max und Susi konnte sich auf die Straße retten, wo sie aufgelesen und in die Klinik gebracht wurde. So, Herr Staatsanwalt, Siedürfen noch eine Runde einschenken, ich bin fertig.“

„Kompliment, Frau Schelm“, sagte Hase ehrlich beeindruckt. Die noch fehlenden Einzelheiten dann in Ihrem Abschluss-Bericht?“

„Nicht alle, Herr Hase. Ich würde einige Personen gerne schonen.“

„Zum Beispiel wen?“

Lene schwieg, und Hase kannte ihre Tricks mittlerweile.

„Etwa die Familien Zillig in all' ihren Verzweigungen?“

„Respekt, Herr Hase. Ja. Vor allem in den noch nicht ans Tageslicht gekommenen Verzweigungen.“

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Vierzehntes Kapitel

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Ende Januar eröffnete die Tellheimer Modenwoche in der Stadthalle, und Lene, die Modenschauen für genau so dämlich und überflüssig hielt wie Autorennen und european song contests, studierte sorgfältig im Tageblatt die Liste der Aussteller und besorgte sich dann eine Eintrittskarte. Das Label „Ellermannshof“ versteckte sich in der Halle 13 unter vielen kleinen Herstellern. Carla Zillig schaute sie verwundert an: „Wenn ich ehrlich sein soll, sind Sie die Letzte, die ich hier erwartet hätte, Frau Schelm.“

Lene zwinkerte ihr zu: „Ich liebe stoffarme Kleider und hochhackige Schuhe. Im Büro sind leider Jeans, Schnürschuhe mit rutschfesten Sohlen und langärmelige Shirts angesagt.“ Lene liebte es, Vorschriften zu zitieren, und wenn es gerade mal keine passende gab, stand sie nicht an, flugs eine zu erfinden. „Vom Beamten wird erwartet, dass er durch Kleidung und Verhalten dem Arbeitgeber möglichst lange seine ungeschmälerte Arbeitskraft erhält.“

Das war vielleicht doch etwas zu dick aufgetragen, Carla Zillig legte den Kopf schräg und grinste.

„Sie haben eine sehr gute Figur, das meint auch mein Freund Lothar Scharff.“

„Und woher will er das wissen?“

„Anders als ich besucht er gelegentlich die Konzerte im Schloss und da sind Sie ihm aufgefallen, hochhackig und stoffarm.“

„Ihr Freund hat ein scharfes Auge für attraktive Frauen?“

Irgendetwas hatte sich in Lenes Ton verändert, deshalb schaute Carla Zillig ein halbe Minute an ihr vorbei, bis sie leise seufzte: „Ja, das stimmt.“

„Kann es sein, dass er während der Zeit, in der Sie zu viert den Hof umgebaut haben, auch einmal entdeckt hat, dass Ihre Schwester Pia attraktiv ist?“

„Sein kann, wenn sie will“, verbesserte Carla schnell. „Aber sie will selten.“

„Schön. Hat sie gewollt?“

„Ja. Aber ich habe gedacht, Sie hätte es auf Max abgesehen, mit dem sie sich sehr gut verstand.“

„Um den Sie sich doch zu der Zeit bemühten, wie?“ versetzte Lene sanft.

„Frau Schelm, können wir bitte nach hinten gehen. Da ist es bequemer und wir müssen nicht befürchten, dass uns einer belauscht.“

„Was Ihnen peinlich wäre?“

„Ja, das auch.“

Hinten war ein kleiner Aufenthaltsraum mit einem Tisch, zwei Stühlen und einem Bord eingerichtet, auf dem eine Kaffeemaschine blubberte. Sie setzten sich.

„Frau Zillig, wir haben den Fall Ann-Katrin Toller abgeschlossen.

Max Berruth hat sie umgebracht, aber der ist tot. Nach einem Autounfall in einem Wagen erfroren. Was das für Ihre Schwester Pia bedeutet, wissen wir noch nicht genau. Ich möchte allerdings mit ihr nach diesem Schock und so kurz vor dem Geburtstermin nicht darüber sprechen und bin deshalb zu Ihnen gekommen. Strafrechtlich haben Sie nichts zu befürchten, an einem Skandal haben wir kein Interesse. Wir wollen nur unsere Akten abschließen und an die Staatsanwaltschaft respektive an das Archiv weiterreichen.“

Bei dem ersten Schluck hätte sich Carla Zillig beinahe die Zunge verbrannt. „Nein, ich hatte es nicht auf Max abgesehen. Es war ein Ausrutscher nach dem Richtfest, ganz nett und schön, aber nicht der Beginn einer ernsthaften Affäre. Nein, abgesehen hatte ich es da schon auf Lothar Scharff. Aber als ich Pia von dem Ausrutscher mit Max erzählte, meinte sie, dann könne sie mir ja auch ihren Ausrutscher mit Lothar gestehen. Pia und ich haben nie Geheimnisse voreinander gehabt, und wenn es nur nach uns gegangen wäre, hätte niemand von dem privaten Teil des Richtfests erfahren, aber leider hatte das Bäumchen-Wechsel-dich Konsequenzen. Nicht bei mir, aber bei Pia. Sie war schwanger, und Lothar war nicht bereit, dafür einzustehen, Windeln wechseln und ein schreiendes Baby beruhigen - er sei Künstler und kein Säuglingspfleger. Nein, nicht mit ihm.

„Frau Zillig, ein uneheliches Kind war doch schon damals keine Beinamputation.“

„Sie kennen meine Eltern nicht, Frau Schelm. Pia und ich sind auf das Geld angewiesen, das wir einmal erben werden. Mein Vater hat voller Genuss das Wort Enterbung ausgesprochen. Also haben Pia, Lothar und ich mit Max verhandelt. Und der war sofort einverstanden. In Windeseile haben sie geheiratet und Max hat Daniel als seinen Sohn anerkannt.“

„Das verstehe ich nicht so ganz. Was hatte er davon?“ zweifelte Lene.

„Eine ganze Menge. Eine hübsche Frau, sehr reputierliche Schwiegereltern und die Aussicht auf ein sehr umfangreiches Erbe seiner Frau. Außerdem hat mein Vater mit einem günstigen Kredit an einen gewissen Gustavo und mit Beziehungen nachgeholfen, dass Max diesen Job bei Toller erhielt.“

„Haben Sie deshalb Ihrem Freund vorgehalten: 'Ich hab euch gleich gesagt, ihr unterschätzt ihn - nämlich Max Berruth - alle'.“

„Das haben Sie behalten?“

„So gut, dass ich mir die Blutgruppen von Pia, von Max und Daniel Berruth besorgt habe. Es hat mir keine Ruhe gelassen. Max konnte nicht der Vater von Daniel sein.“

„Ich habe Sie wohl unterschätzt.“

„So was kommt bei mir häufiger vor. Aber weiter. Wo lag für Scharff der Vorteil?“

„Er behielt eine recht ordentliche und vorzeigbare Frau respektive Freundin. Mietfreies Wohnen in einem ansehnlichen Haus mit einem riesigen Atelier.“

„Und Sie, Frau Zillig?“

„Ich habe wohl mit Zitronen gehandelt. Die Dankbarkeit meiner Schwester, okay. Einen Maler, der auch dank meines Geldes und meiner Beziehungen Karriere machte und zum Dank dafür jede Frau flachlegte, die nicht bei drei aus seinem Atelier geflohen war.“

„Auch Ann-Katrin Toller respektive Steinberg?“

„O ja. Sozusagen aus seinem Holz geschnitzt. Hübsch, geil, rücksichtslos und egoman. Und vor allem reich. Ich glaube, er dachte daran, das Pferd zu wechseln. Ich hab' geahnt, dass er an dem Abend mit Ann-Katrin im Ellermannshof verabredet war und haben ihn deshalb so kurzfristig gezwungen, mich zu der Kundin zu begleiten, dass er Ann-Katrin nicht mehr absagen konnte.“

Lene nickte. So hatte sie sich das auch schon ausgerechnet. Ann-Katrin hatte am Hof vergeblich geklingelt. Lothar Scharff am Handy nicht erreicht und war in den Prellbock gefahren, um die Zeit totzuschlagen, bis sie ihn wieder erreichte. Pech für alle, dass ausgerechnet in den Minuten Max Berruth den Prellbock betrat und sie wiedererkannte.

„Wie geht es Ihrer Schwester denn?“

„Körperlich einigermaßen, seelisch beschissen. Mein Vater kümmert sich um alles, Rente, Lebensversicherung, Hypothek. Er weiß übrigens nicht, dass Lothar Scharff Daniels Erzeuger ist. Und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn er es auch nicht erführe.“

Das konnte Marlene Schelm versprechen, die sich nach diesem Gespräch die Modenschau nicht weiter ansah.

Ende

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Ein Scharfschütze

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Thriller von Alfred Bekker

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1. Kapitel

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Hey, sollen wir noch in die Geisterbahn gehen - oder ist das für den großen Big Jimmy DiCarlo unter seiner Würde?“

DiCarlo - ein kleiner, drahtiger Mann um die vierzig mit schwarzem, nach hinten gekämmtem Haar und hervorspringendem Kinn grinste schief. „Willst du mich auf den Arm nehmen oder was soll das jetzt?“

Die großbusige Blondine an DiCarlos Seite überragte „Big Jimmy“ um einen halben Kopf.

Fünf breitschultrige Männer in dunklen Anzügen sicherten Big Jimmy DiCarlo von allen Seiten ab.

Unter den Jacketts der Bodyguards drückten sich ihre Waffen ab.

„Hey, was ist, Jim?“, fragte die Blonde jetzt und stemmte die Arme in die provozierend geschwungenen Hüften. „Ich habe das ernst gemeint mit der Geisterbahn!“

Sie streckte den Arm aus und deutete auf eine aufblinkende Neonschrift. „Very Loud Screams From Hell“ stand dort. Aus der Außenwand ragten in unregelmäßigen Abständen Knochenhände, die nach den Passanten zu greifen schienen und gerade eine Gruppe von Teenagern zum Kreischen brachte. Jimmy DiCarlo verzog genervt das Gesicht und verdrehte die Augen.

„Francine, das ist doch Kinderkram“, beschwerte er sich.

„Ach, Jimmy!“

„Ja, stimmt doch!“

Insgeheim wusste DiCarlo bereits, dass er verloren hatte. Er konnte Francine einfach nichts abschlagen - selbst wenn das bedeutete, dass sein Image als knochenharter „Captain“ im Syndikat der Marini-Familie aus Little Italy etwas litt, wenn sich herumsprach, dass er sich in einer Geisterbahn vergnügte.

Francine lachte ihn herausfordernd an. Ihre Stimme klang dunkel und verführerisch. „Hör mal Jimmy, wir sind hier in Brooklyn - da kennt dich keine Sau!“

Jimmy DiCarlos Blick wurde durch ihr tiefes Dekolleté abgelenkt und er dachte unwillkürlich: Sie hat eben andere Vorzüge als eine kultivierte Ausdrucksweise. Damit gehörte sie zwar nicht gerade zu der Art von Frau, mit der er vor seinem Onkel Harry Marini, dem gegenwärtigen Chef der Familiengeschäfte, hätte Eindruck machen können, aber solange sich Jimmy DiCarlo nur mit Francine vergnügte und weder beabsichtigte, sie zu offiziellen Familienfeierlichkeiten mitzubringen, noch sie zu heiraten, war das selbst für den Clan-Patriarchen in Ordnung.

„Es ist eine Schande“, fand Jimmy DiCarlo und schüttelte dabei energisch den Kopf, „wusstest du, dass Brooklyn noch in den Fünfzigern fest in italienischer Hand war?“

„Jimmy ...“

„Ist wahr!“

„Du lenkst jetzt nur ab, Big Jimmy.“

„Quatsch!“

„Tust du doch!“

„Heute haben Russen und Ukrainer das Sagen in Brooklyn  - abgesehen von den Heights. Aber das kommt auch noch, du wirst sehen!“

In ihren Augen blitzte es.

„Wenn du mich allein in die Geisterbahn steigen lässt, erzähle ich allen, dass Big Jimmy DiCarlo Angst vor Gespenstern hat.“

DiCarlo verzog das Gesicht.

„Mach mich nicht wütend, Baby!“, knurrte er. Aber schon die Art und Weise, in der er das sagte, verriet, dass er es wohl kaum noch schaffen würde, richtig wütend zu werden. „Du weißt, wie zornig ich werden kann!“, meinte er und gab sich Mühe, die Mundwinkel weit genug unten zu halten. 

„Du weißt, dass ich es mag, wenn du wütend wirst, Jimmy!“, gab Francine lachend zurück. Ihre makellosen Zähne blitzten dabei auf. Das Haar fiel ihr weit über die Schultern. Mit einer unnachahmliche Geste strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Schon allein für die Art, wie sie das tat, mochte Jimmy DiCarlo sie.

„Du hast das noch nie erlebt, Schätzchen...“

„Ach nein?“

„Nein!“

Jimmy DiCarlos Gesichtsausdruck veränderte sich in diesem Augenblick schlagartig.

Seine Züge erstarrten.

Die Augen wurde unnatürlich groß und traten aus ihren Höhlen hervor. Eine Maske des gefrorenen Entsetzens entstand innerhalb eines Sekundenbruchteils. Er hob die Hand, wie in einer instinktiven Abwehrbewegung. 

Mitten auf seiner Stirn bildete sich ein kleiner roter Punkt, der rasch größer wurde. Francine ließ seinen Arm los und stieß einen Entsetzensschrei aus.

Jimmy DiCarlo schwankte noch einen Moment, eher er der Länge nach wie gefällter Baum zu Boden fiel und regungslos liegen blieb. Mit einem dumpfen Laut prallte sein lebloser Körper auf den Asphalt und blieb in unnatürlich verrenkter Haltung liegen.

Die Leibwächter bemerkten erst mit einer Verzögerung von ein bis zwei Sekunden, was geschehen war.

Sie rissen ihre Waffen heraus, duckten sich und stierten suchend in der Gegend herum. Zwei von ihnen beugten sich schützend über ihren am Boden liegenden Boss.

„Scheiße, Mann!“, rief der Größere von ihnen, der in geduckter Haltung neben dem reglos daliegenden Mann kauerte.

Er konnte gerade noch DiCarlos Tod feststellen, bevor es ihn selbst erwischte.

Ein Treffer in den Oberkörper ließ ihn über seinem Boss in sich zusammensacken. Die Kugel ging durch seinen Körper hindurch und riss ein blutiges Loch an der Stelle, an der sie austrat. Der Kleinere der beiden Leibwächter bekam einen Kopftreffer, der ihn augenblicklich tötete. 

Ein Angriff aus dem Nichts – ohne auch nur den Hauch einer Abwehrchance.

Francine stand für ein paar Sekunden wie angewurzelt und mit offenem Mund da. Sie wirkte völlig erstarrt und wagte es kaum zu atmen. Der Schock stand ihr überdeutlich ins Gesicht geschrieben.

Innerhalb weniger Augenblicke sanken auch die anderen Leibwächter getroffen nieder. Noch ehe sie so richtig begriffen hatten, aus welcher Richtung eigentlich auf sie gefeuert wurde, ging ein Ruck durch ihre Körper – wie bei Marionetten die an ihren Fäden aus dem Spiel genommen wurden. Ihre Körper klatschten anschließend leblos auf den Boden. Aus keiner ihrer Waffen war auch nur ein einziger Schuss abgegeben worden, um diesen Angriff abzuwehren.

Eine vollkommen lautlose Attacke.

Kein Schussgeräusch war zu hören. Passanten blieben stehen, realisierten erst mit einer Verzögerung von mehreren Augenblicken, was geschehen war und stoben dann in Panik auseinander.

Schreie gellten mit einer Verzögerung von weiteren Sekunden und pflanzten sich in der Menge fort, wie in einem Dominoeffekt.

Nur Augenblicke später schwoll dieses Schreien zu einem so ohrenbetäubenden Lärm an, dass selbst die stampfende Musik aus den Lautsprechern der Fahrgeschäfte darin unterging.

––––––––

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Da ist es!“, sagte Milo und streckte die Hand aus.

Wir hatten uns sehr beeilt.

Es war später Nachmittag, als Milo und ich den Jamaica Bay Fun Park im Westen Brooklyns erreichten. Er lag auf dem Gelände eines ehemaligen Einkaufzentrums, das sich gegen die harte Konkurrenz nicht hatte durchsetzen können. Ob dies bei den Fahrgeschäften, die jetzt auf dem Gelände am Spencer Drive um Kunden warben, anders sein würde, war höchst zweifelhaft. Als Disneyland für Arme hatten die lokalen Medien den Park schon verspottet, der wahrscheinlich vorwiegend von Familien frequentiert wurde, die im Westen Brooklyns und an den angrenzenden Gemeinden Long Islands wohnten.

Dass sich jemand von außerhalb hier her verirrte, war kaum anzunehmen. Dazu waren die Riesenräder und Achterbahnen, mit denen man sich hier vergnügen konnte, einfach technisch gesehen nicht innovativ genug.

Mein Kollege Milo Tucker und ich mussten den Sportwagen, den uns die Fahrbereitschaft des FBI zur Verfügung stellte, in einer Seitenstraße abstellen und die letzten fünf Minuten zum Tatort zu Fuß gehen. Es herrschte ein unbeschreibliches Chaos. Sämtliche Zuwege des Parkgeländes waren hoffnungslos verstopft.

„Die letzten Meter sind mal wieder die Schlimmsten“, meinte ich.

„Da heißt es, sich durchkämpfen, Jesse!“, gab mein Kollege Milo Tucker zurück.

Kollegen des New York Police Department versuchten, das Durcheinander aus in Panik geratenen Passanten, die das Gelände so schnell wie möglich verlassen wollten und den Einsatzfahrzeugen der Polizei und des Emergency Service so gut es ging zu koordinieren.

Worum es auf dem Jamaica Fun Park im Groben ging, darüber hatte man uns bereits informiert.

Jimmy DiCarlo, ein Unterboss des Marini-Syndikats, war mit fast einem halben Dutzend Leibwächtern ermordet worden und wir hatten Grund zu der Annahme, dass dies Teil einer größeren Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Gruppen des organisierten Verbrechens war. Geldwäsche, Drogen und Waffen – das waren Gebiete auf denen sich die Marini-Familie unseren Erkenntnissen nach geschäftlich betätigte. Und das mit großem Erfolg, denn Marini hatte sich in der Hierarchie der New Yorker Unterwelt schnell nach oben geboxt.

Aber die Konkurrenz schlief nicht.

Insgesamt drei weitere Unterbosse des Marini-Syndikats waren innerhalb der letzten Monate umgebracht worden. Da konnte wirklich niemand mehr an einen Zufall glauben, zumal in allen drei Fällen dieselbe Waffe benutzt worden war.

Es sah ganz so aus, als wäre Jimmy DiCarlo die Nummer vier auf der Liste dieses unbekannten Killers, der in der New Yorker Unterwelt aufräumte.

Fragte sich nur, für wen er das tat. Das Ganze war vermutlich als Teil einer sehr viel umfassenderen Auseinandersetzung unterschiedlicher Syndikate aufzufassen, die sich kompromisslos und bis aufs Blut bekämpften, um die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen.

Die Kollegen der City Police hatten den eigentlichen Tatort weiträumig abgesperrt. Milo und ich wurden gestoppt.

Ich zog meine ID-Card und hielt sie dem Kollegen entgegen.

„Jesse Trevellian, FBI“, stellte ich mich vor. „Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Captain Rick Donovan vom 102. Revier hat uns angefordert.“

„Schön, dass Sie da sind. Sie werde schon sehnsüchtig erwartet“, sagte der Officer.

„Wir habe es leider nicht früher geschafft!“

„Kann ich mir denken. Um diese Zeit ist auf den Straßen der Teufel los, wenn man aus Richtung Manhattan unterwegs ist.“

„Das kann man wohl laut sagen!“

Der Officer deutete mit dem Arm und sagte: „Gehen Sie an dem Hot Dog Stand links bis zur Geisterbahn. Da ist es passiert.“

Ich nickte. „Danke.“

Wenig später hatten wir den eigentlichen Tatort erreicht. Außer den uniformierten Kollegen war dort noch etwa ein Dutzend Beamter vom 102. Revier anwesend. Dazu kamen noch die Ermittler der Scientific Research Division, dem zentralen Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten, dessen Hilfe auch das FBI häufig in Anspruch nahm.

Zwei dunkle Vans des Coroners hatten es irgendwie geschafft, bis hier zu gelangen. Wahrscheinlich würde noch ein dritter Wagen gerufen werden müssen, um alle Leichen abtransportieren zu können.

Uns bot sich ein Bild des Grauens.

Die Toten waren zwar bereits in Leichensäcke eingepackt  und zum Transport in die Gerichtsmedizin fertig gemacht worden, aber überall auf dem Asphalt ließen Spuren getrockneten Blutes erkennen, dass hier etwas Furchtbares geschehen war. Kreidemarkierungen zeigten uns, wo sie gelegen hatten.

Captain Donovan war ein rothaariger, etwas korpulenter Mann. Ich kannte ihn flüchtig. Wir waren uns hin und wieder begegnet, als er noch Lieutenant und stellvertretender Leiter der zweiten Homicide Squad des 12. Reviers in Downtown Manhattan gewesen war. Inzwischen war er Captain und hatte die Homicide Squad des 102. Reviers als Chief übernommen, nachdem der vorherige Amtsinhaber Captain Zach Gonella bei einer Schießerei ums Leben gekommen war.

Das war jetzt ungefähr ein Dreivierteljahr her.

„Hallo Jesse!“, sagte er und begrüßte auch Milo. „Nachdem wir die Identität eines der Opfers anhand seiner Papiere festgestellt hatten, war uns gleich klar, dass das ein Fall für euch ist.“

„So?“

„Schließlich gehört DiCarlo doch zum Marini-Syndikat und da liegt ein Zusammenhang dieses Mordfalls mit dem organisierten Verbrechen mehr als nahe.“

Ich nickte. „Jemand scheint systematisch Harry Marinis Unterbosse einen nach dem anderen ausschalten zu wollen“, stellte ich fest.

Er nickte. „Gangsterkrieg. Davon reden alle zurzeit.“

„Ja – und wahrscheinlich sogar erst der Anfang“, mischte sich Milo ein. 

„Die Umstände der Tat sprechen für einen Profi-Killer“, meinte Donovan. „Er muss von irgendeinem erhöhten Ort aus in rascher Schussfolge punktgenau getroffen haben. Keiner der Leibwächter konnte sich noch in Sicherheit bringen. Bis wir das Kaliber herausgefunden haben, müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden.“

„Ich wette, das Ergebnis deckt sich mit den Fakten, die wir aus den anderen Fällen dieser Serie kennen“, glaubte Milo.

Donovan kratzte sich an den kurz geschorenen roten Haaren seines Hinterkopfs. „Ich nehme an, ihr habt da so etwas wie die Ouvertüre zu einem ausgewachsenen Blutbad am laufen.“

„Das einzige was mich dabei wundert, ist, dass Marinis Reaktion bislang sehr ruhig ausgefallen ist“, gab mein Freund und Kollege Milo Tucker zurück. „Jedenfalls ist uns von einer vergleichbaren Todesrate unter den Mitgliedern der Konkurrenz-Syndikate nichts bekannt.“

Donovan grinste schief.

„Marini mag darauf aus sein, sein Image als sauberer Geschäftsmann zu pflegen und nicht mit diesem blutigen Sumpf in Verbindung gebracht zu werden – aber irgendwann kommt der Punkt, an dem er zurückschlagen muss, wenn er die Autorität in den eigenen Reihen behalten will.“

„Von wo aus wurde geschossen?“, fragte ich. Einen Moment lang wunderte ich mich darüber, wie gut Donovan über Marini Bescheid wusste. Das meiste von dem, was bisher über Marinis Organisation bekannt war, konnte über das Datenverbundsystem NYSIS von alle Polizeieinheiten abgerufen werden – also auch vom Chief einer Homicide Squad in Brooklyn. Schließlich nützte eine noch so gute Bekämpfung des organisierten Verbrechens nichts, wenn diejenigen, die als erste am Tatort waren, den Zusammenhang nicht erkannten, den ein Tötungsdelikt zu bestimmten Bereichen der organisierten Kriminalität hatte. Wiederholt hatten wir vom FBI wertvolle Zeit verloren, weil die Brisanz einer Tat vor Ort nicht schnell genug erkannt worden war.

Donovan konnte man in dieser Hinsicht nun wirklich nicht das Geringste vorwerfen.

Er war mehr als wachsam gewesen und hatte sich erstaunlich gut über die Hintergründe informiert.

Donovan streckte den Arm aus und deutete zu einem zwanzigstöckigen Gebäude hinüber, von dem der Rohbau fertig gestellt war und unmittelbar an das Gelände des Jamaica Bay Fun Parks angrenzte. „Wir nehmen an, dass aus diesem Gebäude da vorne geschossen wurde. Jedenfalls muss es diese Richtung sein.“

Ich warf einen Blick hinüber und kniff die Augen zusammen.

„Muss aber ein guter Schütze gewesen sein – aus der Entfernung!“, stellte ich fest.

„Das sind schätzungsweise vierhundert Meter – falls von einem der höheren Etagen aus gefeuert worden ist - sogar noch mehr“, gab Milo zu bedenken.

„Falls der Kerl ein Scharfschützengewehr verwendet hat, ist das eine ganz normale Distanz“, meinte Donovan. „Und der Killer muss ein Scharfschütze gewesen sein. Die Schüsse folgten sehr schnell aufeinander, das er nur sehr wenig Zeit hatte, um zu zielen. Der Täter brauchte jeweils nur einen Schuss, um DiCarlo und seine Männer zu töten.“

„Das passt ins Muster“, stellte ich fest und wechselte dabei einen Blick mit Milo.

Bei den vorangegangenen Morden an Mitgliedern des Marini-Syndikats war immer dieselbe Waffe verwendet worden. Ein Spezialgewehr vom Typ MK 32, das nur in relativ kleiner Stückzahl hergestellt worden war. Die SWAT-Kommandos einiger Großstädte setzten diese Waffe ein. Außerdem hatte man kurzzeitig erwogen, die MK-23 für Scharfschützen in Spezialeinheiten von Army und Navy anzuschaffen. Böse Zungen behaupteten, dass dies an den besseren Beziehungen der Konkurrenz zum Pentagon gescheitert war.

Jedenfalls ging ich jede Wette ein, dass auch dieser Mord mit derselben MK-23 verübt wurde, mit der auch die vorherigen Morde an Unterführern des Marini-Syndikats begangen worden war.

Eine Bestätigung konnten wir dafür natürlich erst nach Abschluss der ballistischen Untersuchungen erwarten.

„Jimmy DiCarlo befand sich übrigens in Begleitung einer jungen Frau, wie mehrere Zeugen übereinstimmend ausgesagt haben“, berichtete Donovan.  „Blond und großbusig. Eine Art fleischgewordener Männertraum. Wir haben ein Phantombild angefertigt“, Donovan seufzte hörbar, bevor er fort fuhr. „Sie ist verschwunden.“

„Mal sehen, wie schnell wir sie finden, wenn wir sie in die Fahndung geben“, meinte ich.

Donovans Handy klingelte in diesem Augenblick. Er sagte mehrfach „ja“ und beendete das Gespräch schließlich wieder. Anschließend wandte er sich Milo und mir zu.

„Das war Lieutenant Grosvenor. Er glaubt, den Standort des Schützen gefunden zu haben.“

„Dann sehen wir uns das doch mal an“, schlug ich vor.

Donovan wies einen seiner Detectives an, ihn kurzzeitig zu vertreten. Dann folgten wir ihm quer durch den Jamaica Bay Fun Park und erreichten schließlich das angrenzende Gelände, auf den der Rohbau des zwanzigstöckigen Gebäudes. Das Gelände war mit einem mannshohen Bretterverschlag abgegrenzt, der mit Plakaten überklebt war. Darunter auch ein Hinweis, dass hier ein Bürohaus errichtet wurde, dessen Mieten im Vergleich zu den Preisen in Manhattan geradezu lächerlich waren.

Die Kollegen der City Police hatten den vernagelten Zugang zum Gelände aufgebrochen. Offenbar wurde hier schon seit einiger Zeit nicht mehr gearbeitet.

„Wusstet ihr, dass Jimmy DiCarlo sowohl am Jamaica Bay Fun Park als auch an diesem Büroturm finanziell beteiligt war?“, fragte Donovan fast beiläufig.

„Rick, man könnte meinen, du wärst diesem DiCarlo seit Jahren auf der Spur“, meinte ich mit einer Mischung aus Anerkennung und Verwunderung. „Du fährst nicht zufälligerweise Doppelschichten und arbeitest nebenbei noch für die DEA oder das FBI?“

Donovan grinste schief. „Dies ist mein Bezirk, Jesse, vergiss das nicht.“

„Verstehe.“

„Und in meinem Revier weiß ich einfach gerne Bescheid. Das ist nun mal so!“

„Ich wusste nicht, dass DiCarlo so viel Kleingeld übrig hatte, um sich Projekte dieser Größenordnung leisten zu können“, gestand ich zu.

„Er wird als Strohmann für Marini tätig gewesen sein“, glaubte Donovan. „Zumindest dieser Fun Park kann unmöglich Gewinne abwerfen, das sieht doch ein Blinder, Jesse. Die Riesenräder und Autoscooter, die man hier sehen kann, gehören doch ins Museum.“

Etwas in der Art hatte ich mir schon gedacht.

„Also ein Geldwäsche-Projekt!“, schloss ich.

„Worauf du Gift nehmen kannst!“ Er seufzte hörbar und fuhr dann fort: „Ich habe es nicht gern gesehen, dass dieser DiCarlo sich hier breit gemacht hat und ich hatte gleich das Gefühl, dass es Ärger geben würde...“

„Na, zumindest DiCarlo selbst ist dazu jetzt nicht mehr in der Lage“, warf Milo ein.

„Warten wir es ab“, knurrte Donovan. „Vielleicht ist ein toter DiCarlo sogar noch schlimmer als ein lebender.“

„Mal den Teufel nicht an die Wand!“, meinte Milo.

Ich konnte mir denken, worauf Donovan hinaus wollte.

Schließlich war anzunehmen, dass DiCarlos Ermordung nur Teil einer viel größeren Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Gangstergruppen war, die wohl ihre jeweiligen Einflusssphären und Märkte neu unter sich aufteilten und dabei offenbar ihre Meinungsverschiedenheiten hatten.

Donovan führte uns in den siebten Stock des Rohbaus. Ein paar in weiße Schutzoveralls gekleidete Kollegen der Scientific Research Division begegneten uns. Zementgeruch hing in der Luft. Frischer Staub bedeckte den Boden.

Einer der SRD-Kollegen kam auf uns zu.

Er hatte lockiges, dunkles Haar. Donovan schien ihn zu kennen und redete ihn mit „Reilly“ an.

„Wir haben einen sehr deutlichen Fußabdruck der Größe 43“, berichtete Reilly. „Das Profil der sehr auffälligen Sohle war sehr gut im Zementstaub erhalten. Allerdings können wir nicht ganz ausschließen, dass es sich nicht um Spuren des Killers sondern eines Bauarbeiters handelt.“

„Tragen die nicht eigentlich Sicherheitsschuhe?“, wandte ich ein.

Reilly nickte. „Die Betonung liegt auf dem Wort eigentlich. Aber viel zu viele halten sich nicht daran – vor allem Aushilfskräfte.“

„Hier wird seit Wochen nicht mehr gearbeitet“, wandte Donovan ein.

„Je nachdem, ob vielleicht gerade ein heftiger Wind durch den Rohbau pfeift, können sich solche Staubspuren durchaus über mehrere Wochen hinweg erhalten“, erwiderte Reilly. „Aber es gibt noch eine wichtigere Spur, die sie sich am besten selbst ansehen.“

Reilly führte uns über einen Korridor in einen großen, kahlen Raum.

Eine etwa einen Meter breite Bahn aus Folie führte zur Fensterfront, von der aus man den Jamaica Bay Fun Park überblicken konnte.

„Bleiben Sie bitte auf der Folie“, wies uns Reilly an. „Wir haben zwar den gesamten Boden fotografiert und gründlich abgesucht, aber es ist ja nicht ausgeschlossen, dass wir im nach hinein doch noch etwas finden, was von Interesse ist.“

Ich war der Erste, der den Folienpfad beschritt. Etwa einen halben Meter von der Fensterfront entfernt war ein Kreuz auf dem Boden zu sehen.

Es bestand aus sieben Patronenhülsen.

„Ich glaube, da will uns jemand etwas klar machen, Jesse“, raunte mir Milo von der Seite her zu.

Es fragte sich nur, ob wir schon in der Lage waren, diese Botschaft richtig zu deuten.

„Entweder der Kerl ist gläubig oder sehr zynisch“, murmelte Rick Donovan.

––––––––

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Zwei Stunden später waren wir zu Jimmy DiCarlos letzter Adresse unterwegs. Ich steuerte den  Sportwagen gerade über die Manhattan Bridge, die neben der Brooklyn Bridge und dem Brooklyn-Battery-Tunnel eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Manhattan und Brooklyn ist. Unter uns glitzerte der East River im milchigen Licht des Spätnachmittags.

Am Manhattan-Ufer führte die gigantische Brückenkonstruktion über den Elevated Highway. An einem Punkt, an dem sich Bowery, St. James Place und Canal Street treffen, senkte sich die Manhattan-Bridge nieder, nachdem wir mit ihrer Hilfe die südwestliche Hälfte der Lower East Side überquert hatten.

Ich bog mit dem Sportwagen in die Canal Street ein. Little Italy und Chinatown trafen hier aufeinander, wobei Little Italy schon seit Jahren einem Schrumpfungsprozess durchmachte, während sich Chinatown immer weiter Richtung Norden ausbreitete.

Jimmy DiCarlo hatte ein Penthouse Ecke Mulbury/Hester Street bewohnt.

Das Haus, in dem die Wohnung lag, verfügte über eine eigene Tiefgarage, sodass uns die in Manhattan ansonsten meistens ziemlich aufreibende Parkplatzsuche erspart blieb.

Mit dem Aufzug fuhren wir hinauf, nachdem wir uns zunächst mit dem privaten Security Service in Verbindung gesetzt hatten, der im Haus für Sicherheit zu sorgen hatte.

In dem Korridor, der zu DiCarlos Wohnung führte, erwarteten uns zwei schwarz gekleidete Security Guards.

Wir zeigten unsere Ausweise.

Die beiden Guards trugen Namensschilder, wonach sie Gonzalez und Dexter hießen. An der Seite trugen sie Revolver vom Typ Smith & Wesson Kaliber .38 Special, die auch uns vom FBI lange Zeit als Standardwaffe gedient hatte, ehe sie durch die feuerstärkere automatische Pistole P226 der Firma SIG Sauer ersetzt worden war.

„Wir haben leider keine Möglichkeit, das elektronische Schloss zu decodieren“, erklärte Dexter, der größere der beiden Security Guards.

„Ich dachte, das ist aus Feuerschutzgründen Vorschrift!“, meinte Milo.

Dexter zuckte die Schultern.

„Dies ist eine ziemlich exquisite Adresse und da rangieren Mieterwünsche vor irgendwelchen Vorschriften. Tut mir leid, wir werden die Tür aufbrechen müssen, was angesichts der ziemlich aufwendigen Sicherheitstechnik, die hier installiert wurde, nicht so ganz einfach werden dürfte.“

„Immerhin wissen wir, was installiert wurde!“, ergänzte sein Partner Gonzales.

Glücklicherweise hatten wir die Magnetkarte des Opfers bei uns. Die Kollegen der SRD hatten sie aus Jimmy DiCarlos Jackettinnentasche geborgen und gründlich nach Fingerabdrücken untersucht.

Ich nahm die Karte hervor und steckte sie in den dafür vorgesehenen Schlitz.

Die Tür öffnete sich.

Wir traten ein.

Schritten durch einen Korridor in das weiträumige Wohnzimmer, dessen Fensterfronten einem einen phantastischen Panoramablick über Little Italy lieferten.

Ein Geräusch ließ uns zusammenzucken und zur Waffe greifen. Innerhalb eines Augenaufschlags hatte ich die SIG in der Faust.

Die Tür zum Nebenraum – wahrscheinlich dem Schlafzimmer – stand halb offen.

Kein Laut war jetzt zu hören.

Ich bedeutete den Security Guards, die ebenso wie wir ihre Waffe gezogen hatten, ein Stück zurück zu bleiben.

Milo und ich pirschten uns an die halboffene Tür heran.

Wir wechselten einen kurzen Blick. In solchen Situationen verstehen wir uns ohne Worte. Dann weiß jeder, was der andere denkt. Eine besondere Art von Telepathie, wie sie wohl nur bei langjährigen Partnern im Dienst vorkommt. 

Milo nickte mir zu.

Ich trat die Tür zur Seite und stürmte mit der Pistole in der Hand in den Raum. Innerhalb von Sekundenbruchteilen sondierte ich die Lage. Ein großes Wasserbett, ein ultramoderner Kleiderschrank in Metalloptik, ein Airbrush-Gemälde, das eine nackte Frau zeigte, die auf einem Drachen ritt und das in leicht abgewandelter Form auf den Tanks von ungezählten Harley-Bikern zu finden war.

Auf dem Wasserbett befand sich eine Reisetasche.

Eine weitere Tür führte zum Bad.

Ich schnellte vor, hatte die Badezimmertür im nächsten Moment erreicht und traf dort eine junge Frau mit langen blonden Haaren an.

Ich senkte die Waffe und zog stattdessen meine ID-Card.

„Jesse Trevellian, FBI!“, stellte ich mich vor. „Wer sind Sie?“

Sie schluckte und brauchte wohl erst ein paar Sekunden, um sich vor dem Schrecken zu erholen. Der Beschreibung nach war sie jene Frau, die sich in DiCarlos Begleitung befunden hatte, als auf den Captain in der Organisation von Harry Marini geschossen worden war. Sie trug Jeans, T-Shirt und darüber einen Blouson, der eindeutig für den Outdoor-Bereich gedacht war. Zusammen mit der Reisetasche auf dem Bett legte das den Schluss nahe, dass sie ihre Sachen gepackt hatte und nun gehen wollte. Latexhandschuhe, wie sie in Erste-Hilfe-Sets üblich waren, bedeckten ihre feingliedrigen Hände.

Ich bemerkte einen Eimer mit schaumigem Wasser, auf dessen Oberkante hing ein Lappen.

Offenbar hatte die junge Frau noch einmal alles gründlich saubermachen wollen, bevor sie dieses Penthouse auf Nimmerwiedersehen verließ.

„Mein Name ist Francine Benson“, sagte sie. „Und was tun Sie hier?“, fragte sie. Ihre Haltung entspannte sich etwas. Sie stemmte eine ihrer Hände in die Hüften.

„Jimmy DiCarlo, der Eigentümer dieser Wohnung ist vor wenigen Stunden erschossen worden“ erklärte ich. „Aber ich glaube, das wissen Sie schon.“

„Jimmy?“, fragte sie. „Er ist tot?“ Ihre Stimme klang belegt. Sie schluckte. Aber ich hatte allenfalls das Gefühl, es mit einer drittklassigen Schauspielerin zu tun zu haben. Gesamturteil: Nicht gefühlsecht. Sie machte denselben Fehler wie viele Anfänger. Sie trug einfach viel zu dick auf, als das man ihr hätte glauben können.

Ich sah ihr ins Gesicht.

Sie wich meinem Blick aus.

„Sie waren am Tatort, als es geschah, dafür gibt es mehrere Zeugen“, erklärte ich sachlich und kühl. „Also können Sie mir vermutlich mehr über den Tatverlauf sagen als ich Ihnen.“

Sie erwiderte jetzt meine Blick für einen kurzen Moment und schluckte.

Tränen glitzerten in ihren Augen. Sie begann zu schluchzen. Ich forderte sie auf, das Bad zu verlassen, was sie auch tat. Dann sank sie auf das Bett und saß dort wie zur Salzsäule erstarrt. Ihr Blick schien ins Leere zu gehen. Sie wirkte apathisch. Ein leichtes Zittern durchlief ihren Körper.

Milo bedachte mich mit einem tadelnden Blick. „Fass sie nicht so hart an“, schien dieser Blick zu sagen.

Für mich war die Situation im ersten Moment ziemlich eindeutig gewesen. Die junge Frau hatte das Chaos nach Jimmy DiCarlos Ermordung genutzt, um sich möglichst schnell davon zu machen und sämtliche Spuren zu tilgen, die hätten beweisen können, dass sie jemals mit DiCarlo in Beziehung gestanden, geschweige denn, seine Wohnung betreten hatte.

Sie hatte etwas zu verbergen.

Etwas, das sie davon abhielt, sich bei der Polizei oder dem FBI zu melden und von sich aus auszusagen, was sie gesehen hatte.

Möglicherweise war sie eine Prostituierte und da ihr Gewerbe zwar als das Älteste der Welt bezeichnet wurde, im Staat New York aber nach wie vor illegal war, fürchtete sie vielleicht eine rechtliche Verfolgung.

Ich holte tief Luft. Milo bedeutete mir mit einem Handzeichen zu schweigen. Er wollte diese Vernehmung ganz offensichtlich in die Hand nehmen.

Ich zuckte mit den Schultern.

Vielleicht erwies sich mein Kollege ja als sensiblerer Vernehmungsspezialist.

„Hören Sie, wir sind vom FBI und nicht vom Vice Department - wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Ein Ruck ging durch ihren sehr weiblichen und nahezu formvollendeten Körper.

Sie hob trotzig den Kopf.

„Natürlich weiß ich, was sie damit sagen wollen“, gab sie spitz zurück. „Gnädigerweise würden Sie von einer Anzeige wegen Prostitution absehen, wenn ich zu ihrer Zufriedenheit mit Ihnen kooperiere. Das ist es doch, worauf dieses miese Spiel hinausläuft, oder?“

„Nein, ich wollte Ihnen damit eigentlich nur deutlich machen, dass wir an Informationen über Jimmy DiCarlo interessiert sind – und an sonst gar nichts“, erklärte Milo leicht gereizt.

„Ich bin – ich war – Jimmys Lebensgefährtin“, erklärte Francine. „Keine Bordsteinschwalbe von der Bowery. Und wenn Sie mir das nicht glauben, dann sehen Sie sich das hier an!“ Sie griff in ihre Jackentasche und holte eine Magnetkarte für das Türschloss hervor. Ich nahm sie an mich. „Jimmy hätte mir wohl kaum eine Karte für sein Penthouse gegeben, wenn er mich nur für ein paar Dollar von der Straße aufgelesen hätte!“

„Sie waren dabei, als DiCarlo starb“, sagte ich, diesmal etwas ruhiger. Es war eine Feststellung – keine Frage. „Oder müssen wir Sie erst mitnehmen und eine Gegenüberstellung mit dem Betreiber einer Geisterbahn organisieren?“

Sie atmete tief durch. Ihre vollen Brüste hoben und senkten sich dabei. 

„Sie haben Recht, Agent...“, flüsterte sie schließlich.

„...Trevellian.“

„Ich bin mit Jimmy durch die Gegend gekreuzt und dann kam er irgendwie auf die Idee, zum Jamaica Bay Fun Park zu fahren.“

„Sie fuhren einfach nur durch die Gegend?“, fragte ich verwundert.

„Ja.“

„Ohne Ziel?“

„Mit Jimmys gelben Ferrari macht das einfach Spaß.“

„Dieser Ferrari wurde am Tatort nicht gefunden.“

„Ich bin damit zurück nach Manhattan gefahren, nachdem...“ Sie zögerte, ehe sie weiter sprach. „...es passiert ist. Ich war völlig fertig und stand unter Schock. In gewisser Weise trifft das immer noch zu. Ich kann das einfach noch nicht wirklich glauben. Plötzlich gehen Jimmy und seine Leibwächter einer nach dem anderen zu Boden. Es ging so verdammt schnell! Selbst seine Männer konnten überhaupt nichts tun, obwohl er immer nur Spitzen-Bodyguards engagiert hat.“ Sie atmete schwer und musste ein erneutes Aufschluchzen unterdrücken. Ihre Lippen zitterten dabei. Sie presste sie aufeinander und fasste sich nach einigen Augenblicken wieder.

Entweder sie hatte das Zeug zum Hollywood-Star, oder ich tat ihr mit meiner Einschätzung ein ziemlich großes Unrecht an und sie war von Jimmy DiCarlos Tod tatsächlich so mitgenommen, wie es den Anschein hatte.

Inzwischen war ich mir da nicht mehr sicher.

„Sie hatten keine Angst, selbst getroffen zu werden?“, hakte ich nach.

„Natürlich hatte ich das! Ich war einen Moment wie erstarrt. Dann ging ich hinter der Geisterbahn in Deckung.“

„Warum sind Sie nicht dort geblieben, bis die Polizei eintraf?“

„Weil...“ Sie brach ab, biss sich auf Lippe.

„Weil Sie schnell genug hier her kommen wollten, um in Jimmy DiCarlos Appartement jegliche Spuren Ihrer Existenz zu vernichten“, vermutete ich. „Darum tragen Sie die Latexhandschuhe. Oder können Sie mir einen anderen, halbwegs plausiblen Grund dafür nennen, dass Sie – kurz nachdem Ihr Lebensgefährte ermordet worden ist! – Ihre Sachen packen und anfingen, das Bad zu reinigen!“

„Ich weiß nicht, wann Sie das letzte Mal so unter Schock standen, dass Sie glaubten, Ihr Kopf explodiert. Wahrscheinlich sind Sie durch Ihren Job so abgebrüht, dass es Ihnen nichts mehr ausmacht, wenn sieben Menschen vor Ihren Augen sterben.“

„Ich kann Ihnen versichern, dass ich mich in all meinen Dienstjahren nie an derartige Dinge gewöhnen konnte“, erklärte ich ihr mit großem Ernst. „Ganz gleichgültig, wer auch das Opfer sein mag, ob Männer, Frauen, Kinder, ob Unschuldige oder Schuldige, ob Gangster oder Cops – ein Mord bleibt immer ein Mord und der jeweilige Täter muss dafür zur Rechenschaft gezogen werden.“

Sie lachte heiser.

„Es hört sich eigenartig an, wenn Sie das sagen, Agent Trevellian, dann klingt das fast schon überzeugend. Aber die Wirklichkeit sieht doch ganz anders aus. Ich glaube nicht, dass das FBI wirklich betrübt über den Tod von Jimmy ist! Sie haben ihn mit allen möglichen Verdächtigungen überzogen, ihm aber bis heute nichts nachweisen können, was vor Gericht Bestand gehabt hätte! Wer weiß, es würde mich nicht einmal wundern, wenn es einer Ihrer Leute gewesen wäre, der ihn auf dem Gewissen hat.“

„Das ist doch Unsinn.“

„Sie müssen so reden, Agent Trevellian. Aber noch kann ich sagen, was ich denke.“

„Wir können uns gerne noch einmal darüber unterhalten, wenn wir den Mörder von Jimmy DiCarlo hinter Schloss und Riegel gebracht haben.“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Milo wandte sich inzwischen an Dexter und Gonzales und sagte ihnen, dass sie gehen und uns sämtliche noch vorhandene Aufzeichnungen der Videoüberwachung heraussuchen sollten, die in diesem Haus auf sämtlichen Korridoren sowie in den Aufzügen und im Eingangsbereich angebracht waren.

„Wir werden sehen, was wir für Sie tun können, Sir“, versprach Dexter. „Allerdings werden die Aufnahmen in regelmäßigen Abständen gelöscht.“

„Das macht nichts“, erwiderte Milo. „Wenn wir erfahren würden, wer Jimmy DiCarlo in den letzten Tagen besucht hat, wäre das auch schon eine große Hilfe.“

„Wie Sie meinen, Sir.“

Die beiden Wachmänner verließen den Raum.

Ich nahm mir inzwischen die Sporttasche vor, die Francine gepackt hatte. „Haben Sie was dagegen, wenn ich mir die mal ansehe?“

„Ich wette, es hätte ohnehin keinen Sinn, wenn ich mich dagegen sträuben würde, Agent Trevellian.“

„Da haben Sie Recht.“

„Warum fragen Sie dann?“

Ich durchsuchte den Inhalt der Tasche schnell. Es waren ausschließlich persönliche Sachen. Kleidung vor allem. Ein paar Zeitschriften, Socken, Wäsche, ein paar T-Shirts und ein zusammengepferchtes Kleid aus einem Stoff, der das nicht ertrug. Sie hatte zweifellos in sehr großer Eile gepackt. Das war mehr als offenkundig.

Und für diese Eile musste es Gründe geben.

Die junge Frau hob jetzt das Kinn und sah mir geradewegs in die Augen. „Sie wollen also wissen, warum ich mich aus dem Staub machen wollte!“, sagte sie.

„Wenigstens versuchen Sie mir jetzt nicht mehr etwas anderes einzureden.“

„Hören Sie, Agent Trevellian. Ich habe Jimmy geliebt – aber er hatte Geschäftspartner, die ein äußerst unangenehme Auftreten hatten, wenn Sie verstehen was ich meine. Ich wollte keinem von denen begegnen.“

Ich hob die Augenbrauen. „Wollten Sie nicht vielmehr uns aus dem Weg gehen?“

Diesmal begegnete sie meinem Blick.

„Und wenn schon! Bringt es mir Jimmy zurück, wenn ich Ihre Fragen beantworte?“ Ihr Tonfall bekam jetzt eine ungewohnte Schärfe. „Aber wenn irgendjemand von Jimmys Partnern herausbekommt, dass ich mit dem FBI geredet habe, dann fragen die sich gleich, ob ich Ihnen nicht irgendetwas verraten habe, was...“ Sie verschluckte den Rest.

„Was wissen Sie über DiCarlos Geschäfte?“, fragte jetzt Milo.

Francine wandte den Kopf in seine Richtung. 

„Das ist es ja. Ich könnte Ihnen noch nicht einmal etwas darüber sagen, weil ich nie etwas davon mitbekommen habe“, behauptete sie. „Das bedeutet allerdings nicht, dass ein paar andere Leute davon überzeugt sein könnten, dass ich sehr wohl etwas darüber weiß und an die Cops verraten könnte.“

Milo hob die Augenbrauen. Er gab sich keine Mühe, seine Zweifel zu verbergen. „Und das sollen wir Ihnen wirklich glauben?“, fragte mein Kollege.

„Warum denn nicht? Jimmy hat mir nichts gesagt und ich habe auch nicht gefragt. Es reichte mir völlig, zu wissen, dass Jimmy jemand war, der die Taschen immer voller Geld hatte.“ Tränen rannen ihr über das Gesicht und ließen ihr Make-up schon wenig später wie ein Aquarell aussehen.

„Haben Sie eine Ahnung, wer ein Motiv gehabt haben könnte,  Mister DiCarlo umzubringen?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

„Da kann ich Ihnen wirklich nicht weiterhelfen“, behauptete sie.

Wahrscheinlich wollte sie uns auch gar nicht weiter helfen. Es fragte sich nur, ob das daran lag, dass sie selbst etwas mit dem Mord zu tun hatte oder ob sie wirklich Angst vor DiCarlos Familie hatte.

Ich schloss ihre Tasche und gab sie ihr. „Sie können gehen, aber wir brauchen Ihre Aussage noch schriftlich. Melden Sie sich in den nächsten Tagen im FBI Field Office New York. Kennen Sie das Bundesgebäude an der Federal Plaza?'

„Um ehrlich zu sein, war ich noch nie dort, aber ich werde es schon finden.“

„Wo können wir Sie erreichen?“

„Bei meiner Schwester. Ich gebe Ihnen die Adresse!“

„In Ordnung.“

Milo holte einen Notizblock hervor und reichte ihn ihr.

Sie war zunächst etwas unschlüssig und streifte dann die Latexhandschuhe ab und warf sie in einen Papierkorb. „Ich bin gegen die Putzmittel allergisch“, meinte sie, so als glaubte sie, unbedingt noch erklären zu müssen, weshalb sie diese Handschuhe benutzt hatte.

Anschließend nahm sie den Block und schrieb darauf mit zierlicher Handschrift die Adresse und Telefonnummer ihrer Schwester auf.

Ich überprüfte die Telefonnummer.

Eine gewisse Tyra Benson bestätigte mir, eine Schwester namens Francine zu haben. Ich gab das Handy an Francine weiter.

Diese kündigte an, gleich bei ihr einzutreffen und für ein paar Tage zu bleiben. Was ihre Schwester sagte, konnte ich natürlich nicht verstehen. Aber Francine sagte zweimal: „Später... Nein, später...“ Ich konnte mir schon denken, was da los war. Solange ich zuhörte, wollte sie auf die bohrenden Fragen ihrer Schwester offenbar nicht antworten und ich hatte mehr als nur ein unbestimmtes Gefühl, dass es sich mit Jimmy DiCarlos schöner Freundin so verhielt wie mit der berühmten Spitze eines Eisberges, von dem neun Zehntel unter der Wasseroberfläche verborgen blieben.

„Tja, das wär's dann“, meinte Francine anschließend.

„Wir werden uns sicher noch wiedersehen.“

„Soll das ein Versprechen oder eine Drohung sein?“

„Das hängt wohl ausschließlich von Ihnen ab.“

„Wie auch immer...“

Anschließend hatte es Francine ziemlich eilig, zu verschwinden.

Milo machte keine Hehl daraus, dass er unzufrieden mit mir war. „Warum hast du sie so hart angefasst, Jesse?“, fragte mein Kollege, nachdem Francine Benson das Penthouse verlassen hatte.

„Das fragst du im Ernst?“

„Ja!“

„Weil sie uns von vorne bis hinten angelogen hat, Milo. Das sieht doch ein Blinder! Leider haben wir nichts in der Hand, um sie festzuhalten. Einen Putztick zu bekommen, nachdem der Lebensgefährte erschossen wurde, ist leider kein Straftatbestand!“

Milo atmete tief durch. „Jesse, vielleicht stand sie nicht ganz so sehr unter Schock, wie sie versuchte uns vorzumachen...“

„Sie sollte es als Nebendarstellerin bei einer Soap versuchen!“, unterbrach ich meinen Kollegen.

„...und sehr wahrscheinlich hat sie alles so schön geputzt, um unseren Befragungen zu entgehen. Aber wenn sie tatsächlich ein Edel-Callgirl ist, so wie ich vermute, dann hat sie auch allen Grund dazu.“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, da muss mehr dahinter stecken.“

„Und was schwebt dir da bitte schön so vor?“, fragte Milo.

„Überleg doch mal! Jemand muss gewusst haben, dass Jimmy DiCarlo im Jamaica Fun Park auftauchen würde. Schließlich hat der Killer im siebten Stock des Büroturms nur darauf gewartet, dass DiCarlo auftauchte.“

„Du denkst, dass diese Francine ihn dort hingelockt hat.“

„Natürlich, Milo!“

„Sie selbst hat es genau umgekehrt dargestellt!“, gab Milo zu bedenken.

Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das würde ich an ihrer Stelle auch so machen“, erwiderte ich. „Tatsache ist jedenfalls, dass der Besuch des Jamaica Fun Parks kein spontaner Plan gewesen sein kann. Zumindest der Killer hat jedenfalls vorher davon gewusst, dass sich für ihn eine Gelegenheit ergeben würde, Jimmy DiCarlo umzubringen. Das dürfte anhand des Tatablaufs wohl feststehen.“

„Angesichts der Größe des Geländes kann man sich sogar fragen, ob der Killer nicht sogar genau wusste, dass Big Jimmy eine ganz gestimmte Geisterbahn aufsuchen würde“, ergänzte Milo. „Aber wir können Francine Benson bis auf weiteres einfach nicht beweisen, dass sie es war, die DiCarlo dorthin gelockt hat, damit irgendein Profikiller ihn und seine Leute über den Haufen schießen kann. Zumal es auch noch andere Gründe für ihn gegeben haben könnte, im Jamaica Bay Fun Park vorbeizuschauen.“

„Du meinst, er wollte sehen, was seine Geldwaschanlage so macht?“

„Wäre doch auch möglich, oder?“

„Ich weiß nicht.“

„Alte Ermittlerweisheit: Keine Ermittlungsrichtung vorschnell ausschließen.“

„Ich kenne da eine noch Ältere!“

„Ach, ja?“

„Alles ausschließen, was unwahrscheinlich ist, und das was übrig ist muss die Wahrheit sein. Und ich glaube, die Möglichkeit, die du gerade genannt hast, klingt einfach nicht besonders einleuchtend.“

––––––––

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Wir durchsuchten die Wohnung und forderten außerdem noch Unterstützung der Spurensicherung an.

Da die Kollegen der Scientific Research Division im Moment mehr als überlastet waren und sich die Untersuchungen rund um den Jamaica Bay Fun Park mit Sicherheit noch den Rest des Tages hinziehen würden, kamen in diesem Fall unsere eigenen Erkennungsdienstler zum Einsatz. Es handelte sich zum einen um Special Agent Sam Folder.

Er wurde begleitet von Agent Mike Roth, einem Computerspezialisten, dessen Aufgabe es war, den Rechner genauer unter die Lupe zu nehmen, den wir in DiCarlos Penthouse gefunden hatten.

Insgesamt fand sich so gut wie nichts in der Wohnung, was uns irgendwie weitergebracht hätte. Die Wohnung wirkte so steril, als wäre sie in letzter Zeit unbewohnt gewesen. Francine hatte offenbar ganze Arbeit geleistet.

Agent Roth fand heraus, dass Jimmy DiCarlo offenbar seinen Rechner hauptsächlich zur Teilnahme an Online-Rollenspielen benutzt hatte.

Auffällig war, dass offenbar eine Email gelöscht worden war, wie Roth herausfand.

„Und zwar zu einer Zeit, als Jimmy DiCarlo schon tot und Francine Benson höchstwahrscheinlich allein in dieser Wohnung war!“, berichtete unser Computerspezialist. „Festplatten sind wie Elefanten, sie vergessen so gut wie nichts.“

„Einen Grund, um sie noch mal zu befragen, hätten wir also schon“, meinte Milo.

Eine halbe Stunde später stießen wir auf einen Safe, der in die Wand eingelassen war und die Geschäftsbücher einer Im- und Exportfirma in der Nähe des alten Navy Yards enthielt, an der DiCarlo beteiligt war. Ich blätterte die Abrechnungen kurz durch. Darum würde sich Agent Nat Norton, unser Fachmann für Betriebswirtschaft kümmern müssen. Aber schon bei der oberflächlichen Durchsicht fielen mir die Abrechnungen über eine ganze Schiffsladung von Kinderkarussells, Achterbahnen und anderen Fahrgeschäften aus. Es musste sich um eine gewaltige Ladung handeln, von der jetzt der größte Teil wohl auf dem Jamaica Bay Fun Park in Aktion zu bewundern war.

Zwei Dinge waren merkwürdig.

Einerseits erschien mir der Preis sehr gering - aber da ich von diesem Markt nicht den Hauch einer Ahnung hatte, musste ich da erst einmal selbst schlau machen.

Die zweite Merkwürdigkeit war die Herkunft der Ware.

„Milo, hast du schon mal gehört, dass Spielgeräte für einen Vergnügungspark aus Usbekistan importiert werden?“

„Ich wusste gar nicht, dass man da so etwas überhaupt herstellt“, gab Milo zurück.

„Genau das meine ich. Und ausrangierte Geräte, die man nochmal flott machen kann, gibt es doch auch bei uns in den Staaten viel leichter zu besorgen, als ausgerechnet in der Steppe Zentralasiens!“

„Nur keine Vorurteile“, erwiderte Milo. „Kasachstan zum Beispiel soll sich erst vor ein paar Jahren eine ultramoderne neue Glitzer-Hauptstadt mitten in der Wildnis geleistet haben, wie ich in der New York Times gelesen habe. Ein Ort, der sicher auch einen Vergnügungspark bekommen hat.“

Irgendwie passten in diesem Fall ein paar Dinge einfach nicht so zusammen, wie es hätte sein sollen. Der Grund dafür war eigentlich immer derselbe: Wir wussten noch nicht alles. Wesentliche Informationen fehlten und dann ist es unausweichlich, dass man zu falschen Schlüssen kommt.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Krabben, die vor Labrador gefangen und auf dem Fish Market von New York verkauft werden, schickt man vorher nach Mexiko, um die Schalen entfernen zu lassen“, meinte ich. „Warum sollten also die Geräte eines Vergnügungsparks in Queens nicht aus Zentralasien kommen?“

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2. Kapitel

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Harry Marinis Gesicht verzog sich zur Grimasse, als er die Gestalten hinter dem Mauervorsprung auftauchen sah. Sie versuchten davonzurennen. Aber Harry Marini dachte nicht  daran, ihnen auch nur den Hauch einer Chance zu lassen.

„Keine Überlebenden!“, brüllte er mit heiserer Stimme. „Kein Pardon!“

Er fasste die Maschinenpistole vom Typ MP 7 der Firma  Heckler & Koch mit beiden Händen und drückte ab.

Die Waffe knatterte los.

„Ihr Bastarde!“, schrie Marini, wobei sein heiserer Ruf durch das Geknatter der Maschinenpistole akustisch regelrecht zerhackt wurde.

Das Mündungsfeuer blitzte auf, als die Körper der Flüchtenden wie Marionetten unter Dutzenden von Treffern zuckten und zu Boden gingen.

Manche dieser Männer schafften es noch, ihre eigenen Waffen empor zu reißen. Hier und da blitzte Mündungsfeuer von schlecht gezielten Schüssen auf.

Harry Marini nahm darauf keine Rücksicht.

Ob er selbst Treffer erhielt, war ihm gleichgültig, für ihn zählte in diesem Augenblick nur eins.

Die Vernichtung seiner Gegner.

Jeden einzelnen von ihnen wollte er unter dem Beschuss von Dauerfeuer seiner MP 7 zucken und sich winden sehen.

Einer nach dem anderen sank in den Staub.

Eine tiefe Befriedigung erfüllte ihn, als der letzte von ihnen mit einem halben Dutzend, fast gleichmäßig über den gesamten Torso verteilten Treffern förmlich an die Hauswand genagelt wurde, die sich hinter ihm befand. Er rutschte zu Boden und zog eine Blutspur hinter sich her.

Harry Marini feuerte noch auf seinen Gegner, als er längst regungslos und wie ein Fötus zusammengekrümmt am Boden lag.

Dann war es vorbei.

Marini atmete tief durch und senkte endlich die Waffe. In seinen Augen stand noch immer ein seltsames Leuchten, das jeden, der ihn nicht kannte, zutiefst befremden musste.

Von seinen Leuten ließ er sich gerne ‚Il Duce’ nennen - so wie Benito Mussolini, den er als den größten Italiener der vergangenen drei Jahrhunderte verehrte. Mit dem italienischen Diktator aus der Zeit des Faschismus hatte Marini immerhin den fast haarlosen Kopf gemein.

Marini war ein sehr großer, massiver Mann. Fast zwei Meter lang und mit einer Figur, die an einen etwas aus der Form geratenen ehemaligen Boxer erinnerte.

Die Splitterweste spannte in der Bauchgegend.

Marini schleuderte die MP 7 von sich und riss sich die Weste vom Leib. Die Klettverschlüsse verursachten dabei charakteristische, ratschende Geräusche.

Auch die Weste warf er einfach zu Boden.

Ein letztes Mal würdigte er die Leichen eines kurzen Blickes. Ein erstarrtes Stillleben des Schreckens. In der Mitte erschien eine Schriftanzeige.

„Simulation beendet. Sie wurden von vier Projektilen getroffen. Achten Sie mehr auf die Eigensicherung. Wünschen Sie eine Detailübersicht? Ja - nein. Ins Menue gehen? Ja - nein.“

„Adriano!“, brüllte Marini. Jetzt erst zog er sich Stöpsel aus den Ohren und warf sie einfach weg. Schließlich hatte er genug gut bezahltes Personal, das für Ordnung sorgte.

„Ja, Sir?“, kam eine Stimme aus dem Off.

„Schalten Sie die verdammte Projektion ab!“

„Sofort, Sir.“

„Aber ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten darf!“

„Ja, Mister Marini.“

„Anscheinend bin ich nur von Idioten umgeben! Unfähigen Stümpern! Nichtsnutzigen Weichlingen! Schwulen Ärschen! Und mit solchen Leuten soll man eine Organisation am laufen halten! Pah! Man sollte euch alle rausschmeißen!“

Während die Szene hinter ihm verblasste, drehte sich Marini um und verließ den Simulationsraum. Er fühlte sich jetzt besser.

Adriano Caprese, ein drahtiger Kerl mit Bodybuilderfigur trat auf ihn zu. Er war der beste Mann unter der Kompanie von hoch spezialisierten Bodyguards, für die Marini ein kleines Vermögen ausgab. Aber Adriano war jeden Cent davon wert. Er war lange Jahre Scharfschütze und später Ausbilder bei den Marines gewesen, hatte sich danach mit einem Trainingscamp zur Ausbildung von Bodyguards selbstständig gemacht, aber dabei in geschäftlichen Dingen keine glückliche Hand gehabt. Vor fünf Jahren hatte Marini ihn angeheuert. Seitdem hatte er wieder einen ruhigen Schlaf, denn ganz gleich, welche Waffe Adriano auch gerade in den Händen hielt - seine Trefferquote war außergewöhnlich hoch. Darüber hinaus hatte er auch noch eine solide Ausbildung in Karate.

„Wollen Sie noch ein anderes Programm versuchen?“, fragte Adriano.

Marini machte eine wegwerfende Handbewegung und knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. „Das reicht für heute“, meinte er dann.

„Wie Sie wollen, Sir.“

„Sehen Sie zu, dass Sie in nächster Zeit mal etwas Abwechslung in diesen Schießstand bringen“, meinte Marini. „Auf die Dauer macht es keinen Spaß, immer dieselben Typen abzuknallen.“

„Ich verstehe, was Sie meinen, Sir.“

„Will ich hoffen.“

Ein Summton ertönte. Marini ging zu dem Schalter der hausinternen Sprechanlage.

„Was gibt es?“, fragte er unwirsch, nachdem er den Schalter betätigt hatte.

„Brad Simon wartet im blauen Salon“, meldete sich eine männliche Stimme.

„Er muss sich noch ein bisschen gedulden. Ich werde erst einmal duschen...“

„Er sagt, es wäre sehr wichtig!“

„Bestellen Sie ihm, er soll sich nicht in die Hose machen, dieses Sensibelchen!“ 

Marini unterbrach die Verbindung. Er fluchte leise vor sich hin. Dieser Feigling!, dachte er. Brad Simon war sein Großneffe und außerdem einer seiner Unterbosse. Marini hatte ihm den Rang eines Captain in seiner Organisation nur deswegen eingeräumt, weil er Brads Vater Billy einen Gefallen schuldig gewesen war.

„Er soll warten“, bestimmte Marini. „Ich gehe erst einmal unter die Dusche.“

„Ja, Sir.“

„Dieser Idiot kann ich mal. Und ich hab nichts dagegen, wenn ihm das auch ausgerichtet wird! Wenn bei uns alle so eine lasche Einstellung wie Brad hätten, dann würde der Laden längst nicht mehr laufen!“

––––––––

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Brad Simon hatte ursprünglich den Namen Brad Simone getragen. Das „e“ am Ende hatte er einfach gestrichen. Nach Ansicht von Harry Marini verleugnete er damit seine italienische Herkunft und die Tradition seiner Familie, was in den Augen des Clan-Patriarchen nur ein weiteres Indiz dafür war, dass Brad keinen Charakter hatte. Simon hatte mit Ach und Krach ein Jurastudium hinter sich gebracht und besaß sogar eine offizielle Zulassung als Anwalt. 

Jemandem, der seine Familie verleugnete, nur um den Vorurteilen vieler so genannter Anglo White Americans gegen Italoamerikaner aus dem Weg zu gehen, war alles zuzutrauen, so fand Marini.

Inklusive Verrat.

Der blaue Salon befand sich im Obergeschoss von Marinis Villa auf den Brooklyn Heights. Von hier aus hatte man einen hervorragenden Ausblick. Die Freiheitsstatue war ebenso zu sehen, wie der grüne Gürtel des Battery Park, der Manhattan an der Südseite umsäumte. Dazu das blaue, in der Sonne glitzernde Band des Hudson, von dem sich der East River trennte.

Als Marini den Salon betrat, stand an der Fensterfront ein Mann, den er hier jetzt nicht erwartet hatte. Der Mann war grauhaarig, vielleicht Mitte siebzig, mit wettergegerbter, von einem Faltenrelief durchzogener Haut. Die Nase sprang hervor und entsprach einem klassischen Profil.

Das war Ray Scirea. Der alte Ray hatte in der Marini-Familie den Rang eines Conciliere inne und schon Harry Marinis Vater beraten. Er hatte außerdem maßgeblich daran mitgewirkt, dass Harry seine jetzige Position innerhalb der Mafia hatte erreichen und über Jahre hinweg halten können.

Wenn Ray Scirea hier auftauchte, musste irgendetwas Wichtiges anliegen, war Marini sofort klar.

Ray Scireas Blick war gedankenverloren in die Ferne gerichtet.

Mit einem Ruck drehte er sich herum.

Seine leuchtend blauen Augen musterten Harry.

Neben ihm verblasste die eher schmächtige Erscheinung von Brad Simon sichtlich.

„Onkel Harry, wie lange willst du noch warten?“, fragte Brad Simon ziemlich ungehalten – und für Harry Marinis Geschmack entschieden zu respektlos. „Jimmy ist umgebracht worden – ironischerweise auch noch auf dem Gelände dieses Jamaica Bay Fun Park, den er mit deinem Geld betreibt!“

„Du solltest deine Tonfall mäßigen!“, schnitt Harry Marini ihm das Wort ab.

Aber dieser Auftritt war durchaus typisch für Brad Simon. Große Ansprüche stellen und wenig dafür leisten. Das konnte Harry Marini nicht ausstehen.

„Wie lange willst du noch warten?“, fragte Brad Simon, ohne dass dabei sein Tonfall auch nur eine Nuance an Schärfe verlor. „Bis wir alle umgebracht worden sind? Da rasiert ein Wahnsinniger die halbe Führungsriege unserer Organisation einfach weg und der große Patron tut gar nichts! Onkel Harry, was glaubst du, was da draußen auf den Straßen geredet wird? Was hast du überhaupt für eine Vorstellung davon, was derzeit in Little Italy los ist – oder in der Bronx, wo unsere Leute ihr Geld im täglichen Konkurrenzkampf mit den Drogendealern der Miami-Connection, mit den Puertoricanern, den schwarzen Dealern aus Harlem oder Straßengangs, die es auf eigene Faust versuchen, verdienen müssen? Da braut sich etwas zusammen, und du willst das einfach nicht sehen!“

Brad Simon machte eine wegwerfende Handbewegung und fuhr sich anschließend durch das Haar und strich es mit einer fahrigen Geste nach hinten.

„Hat dir deine Frau eingeredet, dass du hier auftauchen sollst?“, fragte Marini. „Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass sie eine Hysterikerin ist und du früher oder später unter ihrem Pantoffel stehen wirst. Man sollte sich von Frauen nicht in die Geschäfte reinreden lassen, das ist mein fester Standpunkt. Und jetzt beruhige dich etwas.“

Brad Simon verengte etwas die Augen. „Du hast gut reden, Onkel Harry! Schließlich hast du dich ja weit genug abgesetzt, hier her, in deine Villa auf den Heights, von der du auf die City hinabblicken kannst und gar nicht mehr mitbekommst, was da eigentlich abgeht. Du hast den Instinkt der Straße verloren, Onkel Harry! Jeder weiß, dass die Miami-Connection hinter den Morden an unseren Leuten steht. Man erzählt es sich in den Coffee-Shops und fragt sich, wie lange der Mann, der sich gerne als Duce von Little Italy bezeichnen ließ, eigentlich noch warten möchte, bevor er so etwas wie eine Reaktion zu zeigen bereit ist!“

Harry Marini holte rief Luft, um zu einer Erwiderung anzusetzen. Aber überraschenderweise kam Ray Scirea ihm zuvor.

„Harry, vielleicht hat der junge Kerl hier nicht ganz den Ton getroffen, der angemessen gewesen wäre...“, sagte Scirea und war sichtlich bemüht, die Situation zu entschärfen.

Marinis Mund wurde ein dünner Strich. „Wenn ich nicht Billys Schuld stünde, würde ich ihn auf der Stelle umbringen!“, knurrte er dann einen Augenblick später. Sein Teint war dunkelrot geworden vor Zorn.

„...aber ich muss ihm in der Sache recht geben“, vollendete Ray Scirea seinen Satz. „Wir müssen zurückschlagen und zeigen, dass wir Zähne haben, sonst denken zu viele, dass da vielleicht nur noch der blanke Gaumen eines alten Mannes ist.“

Ein Muskel zuckte knapp unterhalb von Harry Marinis linkem Auge. „Du kennst Ellroy Garcia viel länger als ich...“

„Das ist richtig.“

„Du warst es, der mich einst mit dem Kontaktmann der Miami-Connection hier in New York bekannt gemacht hat!“

„Wir haben über Jahre hinweg gute Geschäfte gemacht!“

„Ich habe mich mit ihm getroffen und er hat mir sein Wort gegeben, dass er nichts mit dem Tod meiner Leute zu tun hat! Vielmehr hätte er selbst in letzter Zeit auch zwei seiner District-Bosse unter mysteriösen Umständen verloren.“

Ray Scirea trat näher an Harry heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Wir haben gute Jahre hinter uns, Harry. Sehr gute Jahre...“

Der große Boss hob die Augenbrauen.

Dieser sanfte Tonfall machte ihn nur um so misstrauischer.

„Wir wollen nicht übertreiben“, murmelte Harry Marini. „Aber ich beklage mich ja auch nicht.“

„Immerhin konnten wir die hässliche Seite des Geschäfts den Bluthunden auf der Straße überlassen und können es uns leisten, die angenehmen Seiten des Lebens zu genießen und uns in Paläste wie diese Villa hier zurückzuziehen. Aber diese Zeiten sind jetzt vorbei.“

Marini runzelte die Stirn und sah Ray Scirea verwundert an. Die verbindlichen Worte des Conciliere waren also nichts anderes als eine Ouvertüre gewesen, und jetzt kam das, was er eigentlich zu sagen hatte.

Die bittere Pille, die er von Anfang an hatte verabreichen wollen. Bisher hatte er sich das allerdings wohl nicht getraut.

Der große Boss sah seinen Conciliere mit vor unterdrücktem Zorn funkelnden Augen an.

„Was redest du da?“, fauchte Marini. Er verzog den Mund und öffnete ihn auf eine Weise, die dem Zähne zeigen von Raubtieren mehr ähnelte als einem gepflegten Lächeln.

Ray trat einen Schritt näher.

Er hielt dem Blick von Harry Marini stand.

Eisern.

„Wir sind zu weich geworden, Harry.“ Ein Satz für ein Todesurteil. Ray Scirea sprach sehr ruhig und leise. „Die Miami-Connection hat ihre Politik geändert. Dafür sprechen verschiedene Tatsachen, auf die ich dich in der letzten Zeit immer wieder hingewiesen habe – und ich war nicht der einzige. Ellroy Garcia mag ein Ehrenmann sein oder nicht – ich glaube, dass er entweder lügt oder gar nicht in das eingeweiht ist, was ein paar große Bosse in Florida beschlossen haben.“

„Jedenfalls ist die Zeit, in der wir annehmen konnten, dass die Miami-Connection nur eine friedliche Koexistenz mit uns anstrebt, wohl vorbei!“, ergänzte Brad Simon.

Aber Harry Marini beachtete Brad nicht weiter.

Stattdessen wandte er sich an den Conciliere.

„Ray, du weißt, was das bedeuten würde, wenn wir gegen Garcias Leute losschlagen würden!“, meinte Marini und machte dabei eine weit ausholende Geste.

Ray nickte. „Es wird Krieg geben“

„Allerdings!“

„Und zwar in einem Ausmaß, wie New York ihn lange nicht gesehen hat.“

Harry Marini schluckte. „Genau das möchte ich vermeiden. Ein Krieg nützt niemandem, das wissen wir alle. Friedliche Koexistenz und Zusammenarbeit ist doch am Ende für alle ertragreicher!“

Ray Scirea zuckte ungerührt mit den Schultern.

In seinem undurchdringlichen, wie aus Stein gemeißelt wirkenden Gesicht war keinerlei Regung erkennbar.

„Sag das den Miami-Leuten, Harry“, schlug der Conciliere dann mit leisem Spott in der Stimme vor. „Die haben den Krieg längst erklärt.“

„Ach, ja?“

„Du merkst es nicht einmal.“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen. Harry Marini trat an die Fensterfront heran. Ein Schiff quälte sich die Hudsonmündung stromaufwärts. Es zog eine lange, gut sichtbare Welle hinter sich her.

„Ich war keineswegs untätig“, erklärte er schließlich, wandte dabei den Kopf und fixierte Brad Simon dabei auf eine Weise, die diesem äußerst unangenehm war. „Ich habe ein paar Leute losgeschickt, die der Sache auf den Grund gehen sollen. Die haben schon einiges herausbekommen, was ich eigentlich gar nicht wissen wollte, Brad.“ Harry Marini lächelte kalt. „Aber du hast natürlich keinerlei Vorstellung davon, was ich da meinen könnte, oder Brad?“

Brad Simon schluckte.

„Nein. Natürlich nicht.“

„Wirklich nicht?“

„Keine Ahnung, was du meinst, Großonkel.“

„Geh jetzt, Brad. Ich möchte noch etwas mit meinem Conciliere unter vier Augen besprechen!“

Das war wie eine Ohrfeige für Brad Simon.

Und genauso hatte Harry Marini es auch gemeint.

Die Blicke beider Männer begegneten sich noch für einen kurzen Moment.

Brad sagte kein einziges Wort mehr und verließ den Raum. Es war ihm anzusehen, dass er kurz vor der Explosion stand.

„Was haben deine Leute über ihn herausgefunden, Harry?“, fragte Ray.

„Zum Beispiel, dass er mich betrügt“, erklärte Harry.

„Brad? Dein eigener Großneffe?“

„Ja.“

„Bist du sicher?“

„Ich sollte vielleicht mit dem Gegenschlag in den eigenen Reihen beginnen!“

Beide Männer schwiegen einen Augenblicke. Schließlich ergriff Ray Scirea noch einmal das Wort und sagte: „Du musst Zähne zeigen, Harry. Etwas anderes bleibt dir gar nichts übrig.“

„Davon bin ich langsam auch überzeugt, Ray.“

„Je schneller du etwas unternimmst, desto besser ist die Chance, dass du das Ganze noch zu einem positiven Ende führen kannst!“, glaubte der Conciliere.

Eine deutlich sichtbare Falte erschien auf der Stirn von Harry Marini. „Und was schlägst du da vor?“

„Engagiere ein paar diskrete Hit-men und lass sie ein paar von den Miami-Leuten umlegen. Es muss ja nicht gerade Ellroy Garcia persönlich sein, mit dem sind wir schließlich immer ganz gut ausgekommen.“

„Wir wissen nicht, ob die Miami-Leute wirklich unsere Feinde sind.“

„Spielt das eine Rolle, Harry? Hauptsache, deine eigenen Leute glauben wieder, dass du sie beschützt. Denn genau das erwarten sie von dir.“

„Ich werde tun, was nötig ist“, versprach er.

Sein Tonfall war eisig, aber Ray Scirea schien das nicht zu bemerken.

„Da ist noch etwas, worüber wir reden müssen“, erklärte Ray dann.

Harry hob erstaunt die Augenbrauen.

„So?“

„Es geht um diese Frau, mit der Jimmy seit kurzem zusammenlebte.“

„Irgend so ein Flittchen wahrscheinlich.“

„Wir sollten trotzdem dafür sorgen, dass sie sich ruhig verhält. Schließlich wissen wir nicht, was Big Jimmy ihr möglicherweise so alles über seine Geschäfte erzählt hat oder was die Lady davon mitbekam. Aber ich denke, ein großzügiger Scheck könnte die Sache regeln.“

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Wir saßen morgens im Besprechungszimmer unseres Chefs. Jonathan D. McKee, der Chef des FBI Field Office New York, hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben. Sein Gesichtsausdruck wirkte besorgt. „Ein Killer, der so viele Personen auf eine Entfernung von über 400 Meter mit dieser Präzision zu töten vermag, muss ein wirklich exzellenter Schütze sein.“

„Wir vermuten, dass er eine Scharfschützenausbildung in der Navy, Army oder in irgendeiner Spezialeinheit der Polizei genossen hat“, erklärte Agent Max Carter, ein Innendienstmitarbeiter aus unserer Fahndungsabteilung. „Andererseits könnte dieser Hit-man auch aus dem Ausland eingeflogen worden sein.“

„Lässt sich möglicherweise anhand der Waffe der Täterkreis einschränken?“, erkundigte sich Clive Caravaggio. Der flachsblonde Italoamerikaner war stellvertretender Chef des Field Office New York. „Schließlich handelt es sich um eine Spezialwaffe, die nicht in allzu großer Stückzahl hergestellt worden ist!“

Mister McKees Blick wandte sich unserem ebenfalls anwesenden Chefballistiker Dave Oaktree zu.

„Vielleicht können Sie uns zu diesem Themenkomplex etwas sagen, Dave.“

„Gerne“, antwortete Oaktree. „Zunächst einmal konnten wir feststellen, dass sich die Vermutung bestätigt hat, wonach Jimmy DiCarlo mit derselben Waffe und vermutlich daher auch vom selben Täter erschossen wurde, wie die anderen Unterbosse aus dem Marini-Syndikat. Das heute Morgen eingetroffene ballistische Gutachten unserer Kollegen der Scientific Research Division lässt daran nicht den Hauch eines Zweifels. Der Typ des benutzten Spezialgewehrs stand ja bereits vorher auf Grund der aufgefundenen Patronenhülsen fest. Ich hatte deswegen schon vor Eintreffen des Gutachtens des SRD-Ballistiker mal anhand der verschiedenen Datenbänke, zu denen wir Zugang haben, recherchiert, wie viele Morde überhaupt mit einer MK-32 begangen wurden.“

„Sie nehmen an, dass der Täter auch früher schon eine Vorliebe für dieses Gewehr gehabt haben könnte“, meinte Mister McKee.

Dave nickte entschieden.

„Ja, genau.“

„Und?“

„Es gab vor drei Jahren eine Mordserie unter den Bossen an der Westküste. Insgesamt zwölf hochrangige Gangster aus den Führungsetagen des organisierten Verbrechens sind seinerzeit mit einer MK-32 ermordet worden. Man fand das Gewehr schließlich im Kofferraum eines als gestohlen gemeldeten Fahrzeugs.“

„Dann hatte der Kerl ja auch einen triftigen Grund, die Waffe zu wechseln“, mischte sich unser ebenfalls anwesender indianischer Kollege Orry Medina in das Gespräch ein.

„Gab es denn außer der Verwendung derselben Waffe noch weitere Parallelen?“, wandte ich mich an Dave.

Er schüttelte den Kopf.

„Leider nein.“

„Ich dachte da zum Beispiel an die seltsame Anordnung der Patronenhülsen.“

„Dies ist der erste von sämtlichen in Betracht kommenden Mordfällen, in denen der Täter die von der Waffe geworfenen Patronenhülsen auf diese Weise angeordnet hat. Das unterscheidet den Mordfall Jimmy DiCarlo von den anderen dieser Serie - falls es sich um eine solche handeln sollte.“

„Was geschah in den anderen Fällen mit den Patronen?“ fragte ich.

„Bei den Morden in Los Angeles sind niemals Patronenhülsen gefunden worden“, berichtete Dave. „Wir müssen daher annehmen, dass er die aufgesammelt oder sich eine Vorrichtung konstruiert hat, die die Hülsen auffängt. Die MK-32 ist eine Waffe für den Einsatz beim Militär und anderen Sicherheitskräften, die haben normalerweise kein Interesse daran, Spuren ihrer Anwesenheit zu verwischen.“ Dave machte eine kurze Pause, die er dazu nutzte, einen Schluck des köstlichen und im gesamten Bundesgebäude gerühmten Kaffees zu sich zu nehmen, den Mister McKees Sekretärin Mandy gebraut hatte.

Schließlich fuhr er fort: „Bei sämtlichen Morden in und um New York, bei denen bislang ausnahmslos Unterbosse des Marini-Clans ums Leben kamen, wurden die Hülsen einfach dort liegen gelassen, wo sie von der Waffe ausgeworfen wurden.“

Milo hob die Augenbrauen.

„Unser Super-Profi scheint nachlässig geworden zu sein“, meinte er.

„Oder er fühlt sich so sicher, dass er sich gar nicht mehr vorzustellen vermag, dass ihm eine Horde Cops auf den Fersen sein könnte“, vermutete Clive.

Mister McKee zuckte die Schultern und nahm die Hände aus den Hosentaschen.

„Vorausgesetzt, es handelt sich wirklich um denselben Killer, was wir noch nicht mit letzter Sicherheit wissen“, gab er zu bedenken. Er wandte sich Max Carter. „Ich möchte, dass Sie herauszufinden versuchen, ob es irgendwelche nennenswerten Verbindungen des Marini-Syndikats nach L.A. gibt.“

„Sollten wir uns nicht erst einmal verstärkt darum kümmern, herauszufinden, wer diesen Killer von der Leine gelassen hat?“, fragte Clive. „In Little Italy pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass die Miami-Connection dahinter steckt.“

Die Miami-Connection war uns bekannt. Seit ein paar Jahren operierte dieses von Exilkubanern dominierte Syndikat auch in den Neuengland-Staaten. 

Allerdings war die Miami-Connection dabei unseren Erkenntnissen nach bislang eher auf Kooperation mit den alteingesessenen Syndikaten aus gewesen, als auf Verdrängung. Vielleicht hatten die Miami-Leute ihre Strategie inzwischen ja geändert, was immerhin eine plausible Erklärung für das geboten hätte, was sich derzeit in der New Yorker Unterwelt tat.

„Morgen trifft eine Kollegin aus Miami ein, die seit langem gegen dieses exilkubanische Syndikat ermittelt. Ich hoffe, dass sie uns Näheres darüber sagen kann, was diese Bande für unsere Gegend für Pläne hat. Ihr Name ist Rita Moreno. Sie ist Special Agent in Charge im FBI Field Office Miami und wird uns beratend zur Seite stehen. Clive, ich möchte, dass Sie alles an Informanten aktivieren, was uns derzeit in Little Italy zur Verfügung steht.“

Clive Caravaggio nippte kurz an seinem Kaffeebecher.

„In Ordnung, Sir“, sagte der flachsblonde Italoamerikaner dann dann. Er war nach Mister McKee die Nummer zwei in unserem Field Office.

„Ich würde gerne dieser Francine noch einmal auf den Zahn fühlen“, meldete ich mich zu Wort.

Mister McKee wandte sich in meine Richtung.

„Sie sprechen von der Frau, die Jimmy DiCarlo auf den Jamaica Bay Fun Park begleitet....“

„...und anschließend fast nichts von dem Attentat mitgekriegt hat“, vollendete ich Mister McKees Satz. „Ich glaube, sie weiß viel mehr als sie uns bislang gesagt hat. Und dass sie sich einfach so aus dem Staub gemacht hat, ist ebenfalls ziemlich eigenartig.“

Mister McKee nickte leicht.

„Versuchen Sie Ihr Glück, Jesse“, signalisierte der Assistant Director sein Einverständnis.

Jemand wie Mister McKee gab so etwas nicht gerne zu, aber im Moment hatte ich das Gefühl, dass wir in diesem Fall ziemlich im Nebel herumstocherten.

––––––––

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Im weiteren Verlauf des Tages verbrachten Milo und ich ein paar Stunden zusammen mit Agent Carter in unserem Dienstzimmer. Wir saßen am Computer und führten einen Datenabgleich durch, in dem wir bei unseren Suchanfragen über das Verbundsystem NYSIS ein bestimmtes Raster anlegten. Gesucht wurde ein Profi-Killer mit Mafia-Verbindung, der eine Vergangenheit im Militär oder einer Sondereinheit der Polizei hatte.

Die Trefferquote war gering. Etwa zwanzig Namen tauchten auf. Ein paar von ihnen waren tot, der weitaus größte Teil saß im Gefängnis und nur eine Handvoll war auf freiem Fuß.

Einer war über siebzig und hatte sich wahrscheinlich irgendwo, an einem sonnigen Plätzchen in Südamerika oder Asien zur Ruhe gesetzt, wo ihn bis zu seinem Lebensabend wohl niemand behelligen würde. Auch andere waren schon seit Jahren nicht mehr in Erscheinung getreten.

Zumindest hatte man nicht davon Notiz genommen.

Vielleicht hatte der Täter nur seine Methode dahingehend geändert, dass man ihn einfach nicht mehr zu identifizieren und mit seinen früheren Taten in Verbindung bringen konnte.

Aber schließlich hatten wir unter den letzten drei Namen einen Volltreffer. Alle drei wurden wegen mehrfacher Auftragsmorde gesucht und waren seit bis zu vier Jahren untergetaucht.

Einer von ihnen hatte ursprünglich als Türsteher der Nobeldisco STARFIRE in der Avenue A angefangen. Das STARFIRE wiederum gehörte mehrheitlich einem Mann namens Ellroy Garcia, der seinen rasanten Aufstieg unter den Drogenbossen des Big Apple der Tatsache verdankte, dass er so etwas wie der Stadthalter der Miami-Connection in New York war.

Der Geburtsname dieses Killers lautete Michael Chambers.

„Bingo!“, meinte Milo. „Dieser Chambers könnte unser Mann sein!“

„Leider wird er sich uns wohl kaum stellen, damit wir ihn in der Sache befragen können“, sagte Max. „Es gibt übrigens sogar eine Verbindung zur Westküste. Chambers ist in Los Angeles geboren.“

„Eine etwas schwache Verbindung“, erwiderte ich.

Max war anderer Ansicht. „Er könnte sich zwischenzeitlich wieder in L.A. niedergelassen und dort auch geschäftliche Verbindungen geknüpft haben. Das wäre durchaus ein Ansatzpunkt.“

In diesem Augenblick schneite Clive in unser Dienstzimmer.

„Trinkt euren Kaffee aus!“, forderte er uns auf. „Einer unserer Informanten hat sich gemeldet und möchte sich mit uns treffen. Ich brauche ein paar Agenten zur Absicherung.“

Ich erhob mich, verzichtete darauf, den inzwischen kalt gewordenen Kaffee auszutrinken, den ich neben dem Computer abgestellt hatte und überprüfte kurz die Ladung meiner Waffe. Milo tat dasselbe.

„Ich werde hier noch ein bisschen für euch weiter machen“, meinte Max. „Wolltet ihr beiden nicht noch bei Francine Benson vorbeisehen?“

„Das werden wir wohl erst einmal verschieben müssen“, erwiderte ich.

Mit zwei verschiedenen Fahrzeugen machten wir uns wenig später auf in Richtung Chelsea.

Treffpunkt mit unserem Informanten war ein Billard-Lokal namens PINK BALLS, das als Szenetipp unter Homosexuellen galt. Wir waren alle mit Kragenmikros und Ohrhörern ausgestattet, sodass wir ständig untereinander in Verbindung waren.

Ich stellte den Sportwagen in einer Seitenstraße ab. Milo und ich stiegen aus. Kaum eine Minute später trafen Clive und Orry mit einem metallicgrauen Chevy ein, den sie gleich hinter uns abstellten.

Clive und Orry stiegen aus und überprüften den Sitz ihrer Waffen.

„Unser Mann heißt Jack Luigini“, sagte Clive. „Und dieses Lokal hat er deswegen als Treffpunkt vorgeschlagen, weil er glaubt, dass ihm hierher niemand von seinen Leuten aus Little Italy folgen würde!“

Für viele Italoamerikaner war es schlicht unvorstellbar, ein Schwulenlokal zu betreten und sich damit dem Verdacht auszusetzen, eventuell selbst homosexuell zu sein. Daher galten Lokale wie das PINK BALLS als relativ sicherer Treffpunkt für Mafia-Informanten.

Trotzdem mussten wir die Augen offen halten. 

Ein extern angeheuerter Profikiller hatte vielleicht weniger Skrupel als die eigene Verwandtschaft, was einen Besuch im PINK BALLS anbetraf.

„Luigini, ist das nicht auch einer der Unterbosse des Marini-Syndikats?“, fragte Milo.

Clive nickte. „Richtig. Und normalerweise steht der Kerl nun wirklich nicht auf unserer Informantenliste. Ich werde mit Orry hineingehen und mit ihm reden. Jesse und Milo, ihr bewacht den Hintereingang, Jay und Leslie sind vorne auf der Lauer. Wir bleiben die ganze Zeit über Interlink miteinander in Kontakt. Wenn irgendetwas Ungewöhnliches geschieht, will ich das sofort wissen. Insbesondere meine ich damit Gäste, die für Unfrieden sorgen könnten.“

„Ich nehme an, Luigini ist so gut wie tot, wenn seine Leute herausfinden, dass er mit uns geredet hat“, vermutete ich.

„Ja“, nickte Clive. „Und wir können nur hoffen, dass ihm nicht schon jemand auf den Fersen ist. Allerdings halte ich es genauso für möglich, dass er von Marini geschickt wurde, um irgendwelche Informationen zu lancieren, die die Feinde der Marini-Familie belasten. Wir werden sehen.“

Jay Kronburg meldete sich über Funk von seiner Position in der Nähe des Eingangs.

„Luigini ist gerade eingetroffen“, sagte der ehemalige Cop. „Er hat sich mit einem Taxi bringen lassen.“

„In Begleitung?“, fragte Clive.

„Nein, er ist allein. Offenbar traut er nicht einmal seinen Bodyguards.“

Orry blickte auf die Uhr an seine Handgelenk. „Pünktlich wie die Maurer.“ Er griff in die Innentasche und reichte mir ein Foto, das einen Mann mit Halbglatze zeigte. Name: Luigini, Vorname: Giacomo, genannt „Jack“, stand dazu in fetten Lettern. Darunter waren sämtliche Angaben zur Person aufgelistet, die über NYSIS abrufbar waren. „Damit ihr wisst, wie Luigini aussieht!“

„Ich liebe gut vorbereitete Einsätze!“, flachste Milo.

„Luigini hat den Termin sehr kurzfristig gesetzt“, sagte Clive. „Sorry, aber darum ging es vorhin so hopplahopp. Haltet die Augen auf!“

„Keine Ursachen“, meinte ich. „Wenn was dabei herauskommt.“

––––––––

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Wir stiegen in den Sportwagen und fuhren in eine Nebenstraße. Dorthin war der Hinterausgang des PINK BALLS ausgerichtet. Es gab eine Laderampe, um die Anlieferung von Getränken zu erleichtern.

Wir parkten auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor einer Reihe mehrstöckiger Häuser im Cast Iron Stil. Chelsea ist im Wesentlichen eine Wohngegend, in der sich allerdings auch viele Künstler angesiedelt haben. Allerdings erreichte dieser Stadtteil, was das betrifft nie die Berühmtheit von Greenwich Village oder SoHo. Ein paar schräge Szene-Lokale gab es hier allerdings auch und in diese Rubrik gehörte das PINK BALLS wohl ebenfalls.

Wir warteten ab.

Die Geräusche aus dem PINK BALLS klingelten uns in den Ohren. Disco-Musik aus den Siebzigern, Stimmengewirr, klirrende Gläser.

Schließlich begann das Gespräch zwischen unseren Kollegen und Jack Luigini.

„Guten Tag, Mister Luigini“, sagte Clive. „Ich bin Special Agent in Charge Clive Caravaggio vom FBI Field Office New York und dies ist mein Kollege Agent Orry Medina. Hier sind unsere ID-Cards. Sie wollten uns sprechen.“

Jack Luigini antwortete erst nach einer kurzen Pause. Offenbar sah er sich die ID-Cards genau an, obwohl ich bezweifelte, dass er überhaupt dazu in der Lage gewesen wäre, eine Fälschung zu erkennen.

„Ich riskiere gerade mein Leben“, sagte er.

Ich überflog derweil den NYSIS-Ausdruck, den Orry uns gegeben hatte. Dutzendfach war Luigini wegen Drogendelikten, Körperverletzung, Verabredung zu Mord und Geldwäsche angeklagt worden, aber er musste gute Anwälte haben. Anderthalb Jahre Riker’s Island wegen Steuerhinterziehung und Betrug, das war alles, was ihm die Justiz bisher rechtskräftig hatte nachweisen können.

Da hatten sich wohl ganze Generationen von Staatsanwälten bis auf die Knochen blamiert.

Luigini gehörte zu der Sorte Gangster, die einfach zu clever war, um sich erwischen zu lassen. Cleverness, die sich vor allem dadurch zeigte, dass man die Drecksarbeit möglichst anderen überließ und selbst eine einigermaßen weiße Weste behielt.

„Was wollen Sie?“, fragte Clive.

„Ich brauche Ihre Hilfe“, erklärte Luigini.

„Mir kommen die Tränen“, sagte Clive kühl. „Am besten, Sie sagen uns klipp und klar, was Sie wollen und wir werden dann sehen, was wir für Sie tun können.“

Luigini sprach in gedämpftem Tonfall. Seine Stimme ging fast im Gewummere des 70er-Jahre-Sounds unter. „Hören Sie zu: Es wird ja wohl nichts Neues für Sie sein, dass im Moment jemand eine blutrote Spur durch Little Italy zieht... Und ich habe Grund zu der Annahme, dass ich auch auf der Todesliste stehe!“

„Warum?“

„Dazu will ich nichts sagen.“

„Hängt es damit zusammen, dass die Toten dieser besonderen Serie allesamt hochrangige Mitglieder des Marini-Syndikats waren und Sie ebenfalls dazu gehören und deshalb befürchten, als einer der nächsten an der Reihe zu sein?“, fragte Clive. „In dem Fall müssten Sie allerdings etwas zugeben, was wir schon lange wissen, nur nicht beweisen können: dass Sie nämlich als Captain in der Organisation Harry Marini fungieren.“

„Niemand kann mich zwingen, etwas zu sagen, womit ich mich selbst belastet, oder?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Na also!“

„Vielleicht hätten Sie einen Anwalt mitbringen sollen, Mister Luigini.“

„Es ist mir wirklich verdammt ernst. Ich würde nicht zu Ihnen kommen, wenn mir das Wasser nicht bis zum Hals stünde und.“

Er brach ab.

„Und was?“, hakte Clive nach.

„Ich will aussteigen. Ich habe vor drei Jahren geheiratet, meine Frau erwartet ihr zweites Kind und mir ist klar, dass es so nicht weiter geht.“

Clive verzog das Gesicht. Der flachsblonde Italoamerikaner beugte sich etwas vor und sprach in gedämpftem, Tonfall weiter. „Aber Ihr Vermögen, dass Sie im Drogenhandel und mit Geldwäsche erwirtschaftet haben, dass wollen Sie behalten, sehe ich das richtig?“

Jack Luigini nickte.

„Ich will Sicherheit für mich und meine Familie. Eine neue Identität und so weiter.“

„Das wird nur was, wenn wir dafür etwas geliefert bekommen.“

„Schon klar.“

„Und was könnte das in Ihrem Fall sein?“, fragte Clive. „Sie werden uns schon einiges bieten müssen, sonst wird das wohl nichts.“

Jack Luigini zögerte, ehe er nach kurzer Pause schließlich weitersprach. „Sie sind doch an dem Fall Jimmy DiCarlo dran, oder?“

„Ja.“

„Ich kann Ihnen einiges zu Jimmys Geschäften sagen.“

„DiCarlo ist tot“, unterbrach Clive ihn. „Wir sind an den aktiven Syndikatsbossen interessiert. Sie wollen wir hinter Gitter bringen. DiCarlo steht schon vor seinem Richter, aber an Leute wie Harry Marini kommt niemand heran.“

„Ich will Ihnen ja helfen, Agent Caravaggio.“

„Da bin ich aber gespannt. Bis jetzt habe ich nämlich den Eindruck, dass da nicht viel mehr als heiße Luft kommt!“

„Da irren Sie sich!“

„Beweisen Sie es.“

Eine weitere Pause entstand.

Jack Luigini atmete so heftig, dass man es über die Kragenmikros von Clive und Orry sogar in unseren Ohrhörern vernehmen konnte.

„DiCarlo betrieb als Strohmann eine Import-Export-Firma, die dazu diente, Drogen aus Mittelasien zu importieren. Vor allem Heroin aus Afghanistan, Kirgisien, Usbekistan. Zum Beispiel hat er eine Schiffsladung mit Karussells und Riesenrädern eingeführt.“

„Das Zeug, das man jetzt auf dem Jamaica Bay Fun Park sehen kann!“

„Ja. Das hohle Gestänge war mit Heroin voll gestopft. Mehrere Tonnen sind mit dieser Ladung importiert worden. Bei der Hafenpolizei und beim Zoll hatte Jimmy seine Leute, die er schmieren konnte.“

„So ähnlich haben wir uns das schon gedacht, nur konnten wir das Jimmy DiCarlo zu Lebzeiten nie beweisen.“

„Ich soll jetzt Jimmys Geschäfte übernehmen“, erklärte Luigini in einem Tonfall, der eine gewisse Selbstverständlichkeit signalisierte.

„Glückwunsch für Sie. Harry Marini scheint Ihnen zu vertrauen.“

„Harry Marini steht mit dem Rücken zur Wand, weil die Miami-Leute zum Angriff blasen und uns vom Markt fegen wollen. Da ihr Stoff zu teuer war, haben sie es mit marktwirtschaftlichen Mitteln nicht geschafft, jetzt schicken sie ihre Killer aus. Kein Mensch versteht, weshalb Marini nicht schon längst massiv zurückgeschlagen hat. Aber der Mann, der sich selbst gerne als den Duce von Little Italy sieht, ist alt geworden. Vielleicht zu alt.“

„Handelt es sich bei dieser Firma um KLM Ltd. & Co., deren Firmengelände gleich neben alten Navy Yard liegt?“, fragte Clive.

Luigini schien erstaunt zu sein. Er hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass darüber bei uns schon etwas bekannt war. Sein Atem klang schwer.

„Alle Achtung“, stieß er hervor. „Sie sind gut informiert. Und wie ich annehme, werden Sie diese Firma jetzt genauestes beobachten und versuchen, die nächste verdächtige Lieferung auffliegen lassen. Aber Sie täuschen sich. Für eine weitere Großlieferung würde niemals wieder KLM Ltd. &Co. benutzt werden.“

„Sondern?“

„Eine andere Firma. Jimmy hatte sie bereits durch einen Strohmann übernommen. Es ist alles bereit. Und ich bin der Mann, der Ihnen erstens genau sagen könnte, wann und wo es so weit ist und zweitens Ihnen auch dabei helfen könnte, eine Verbindung zu Marini zu ziehen. Nach Jimmys Tod bin ich nämlich diese Verbindung. Was ist? Kommen wir ins Geschäft?“

„Wie heißt die Firma?“, fragte Clive.

„So läuft das nicht. Sie wollen die Ware vor der Bezahlung, Caravaggio!“

„Für Sie immer noch AGENT Caravaggio! So viel Zeit muss sein!“

„Ein Italiener, der andere Italiener jagt. Wenn ich nicht in einer derart beschissenen Lage stecken würde, würde ich vor Ihnen ausspucken!“

„Übertreiben Sie mal nicht. Wenn Sie wollen, dass ich bei meinem Chef und beim zuständigen District Attorney ein gutes Wort für Sie einlege, sollten Sie mir etwas bieten. Der Name dieser Firma wäre ein Anfang – dann hatte ich es leichter darzulegen, wie wichtig sie für uns sind.“

„Okay... aber Gnade Ihnen Gott, wenn Sie mich hereinlegen.“

„Auf mich können Sie sich verlassen. Ich hoffe, dass gilt umgekehrt auch.“

„Geben Sie mir die Hand drauf, Agent Caravaggio!“

„Bitte!“

„Der Name der Firma lautet Morgan & Jennings Ltd. Adresse finden Sie im Telefonbuch. Geschäftsführer ist ein gewisser Jason Finch, aber der macht nur das, was ich sage. Er ist noch nicht mal im vollen Umfang über die Art der Geschäfte informiert, die über seine Firma abgewickelt werden.“

„Wir werden Ihre Angaben überprüfen, Mister Luigini.“

„Und wie lange wird das dauern?“

„Das geht schnell. Ein, zwei Tage. Bis dahin haben wir auch eine definitive Entscheidung, was Ihren Wunsch nach einer neuen Identität für Sie und Ihre Familie angeht.“

„Okay.“

„Dann werden Sie uns nur noch Marini liefern müssen.“

„Das werde ich, Agent Caravaggio.“

„Hier ist meine Karte.“

„Danke.“

Milo und ich konnten ein Taxi beobachten, das am Hinterausgang wartete. Der Fahrer war ein Schwarzer in den mittleren Jahren.

Den Motor ließ er laufen.

„Dreimal kannst du raten auf wen der wartet“, raunte Milo mir zu.

Einen Augenblick später meldete Clive, dass Luigini sich anschickte das Lokal zu verlassen – und zwar durch den Hinterausgang.

Es dauerte knappe zwei Minuten, bis Luigini den Hinterausgang passierte.

Er war ziemlich in Eile, stolperte fast die Treppe hinunter, die seitlich an der Laderampe empor führte und lief auf das Taxi zu. Mit einer ruckartigen Bewegung riss er die Seitentür auf und setzte sich hinein. Mit quietschenden Reifen fuhr das Taxi los.

Es herrschte Einbahnverkehr. Der Taxifahrer trat das Gas voll durch. Der Motor heulte auf.

Nur wenige Sekunden später musste er in die Eisen treten, als ein dunkler Van plötzlich aus der Reihe parkender Fahrzeuge ausscherte. Die Scheiben waren dunkel getönt, sodass man nicht ins Innere sehen konnte.

Das Taxi kam mit quietschenden Reifen zum Stillstand. Der Van fuhr an.

In der Heckklappe befand sich eine Öffnung im Blech, die dort wohl kaum serienmäßig hingehörte.

Ein dunkler, rohrartiger Gegenstand ragte ein paar Zentimeter daraus hervor.

Die Mündung einer Waffe.

Zweimal kurz hintereinander blitzte Mündungsfeuer auf. Es war kein Schussgeräusch zu hören.

Die Kugeln ließen die Frontscheibe des Taxis zu Bruch gehen. Zuerst erwischte es Jack Luigini. Ein Kopfschuss nagelte ihn regelrecht an die Nackenstütze des Beifahrersitzes. Nur eine Sekunde später fiel der Kopf des Fahrers zur Seite. Er hatte noch versucht, sich zu ducken, aber der Schütze hatte das vorausgeahnt.

Die Reifen des Van drehten durch.

Der Wagen machte einen Satz nach vorn und raste die Einbahnstraße entlang.

Ich ließ den Sportwagen ebenfalls aus der Parklücke schnellen, während Milo mit der Waffe aus dem Fenster langte. Aber er hatte keine freie Schussbahn.

„Verdammt nochmal, was ist da los bei euch?“, fragte Clive über Funk.

„Aus einem schwarzen Van mit verdecktem Kennzeichen ist auf Luigini geschossen worden!“, rief ich – viel lauter, als es zum Empfang per Kragenmikro eigentlich notwendig gewesen wäre. Den Sportwagen ließ ich mit der rechten Seite über den Bürgersteig fahren, nahm dabei eine übervolle Mülltonne mit, die scheppernd zu Boden ging und raste weiter.

Um Haaresbreite kam ich an dem leicht schräg stehenden Taxi vorbei und brauste mit dem Sportwagen die Straße entlang. Der Van war inzwischen links abgebogen. Ich fuhr hinterher.

Aus der Öffnung in der Heckklappe des Van wurde geschossen.

Immer wieder blitzte das Mündungsfeuer auf.

Wir duckten uns.

Das Glas der Frontscheibe zersplitterte. Scherben regneten über uns ab. Ich trat die Bremse. Der Sportwagen kam zum Stillstand. Ich schüttelte mir die Scherben aus den Haaren. Milo wurde etwas schneller mit der Situation fertig.

Er riss den Lauf der automatischen Pistole vom Typ SIG Sauer P226 empor und drückte ab.

Insgesamt dreimal kurz hintereinander.

Wie die blutrote Zunge eines Drachen schoss das Mündungsfeuer aus dem Lauf der Waffe heraus.

Mehrere Kugeln durchschlugen die hintere Heckklappe. Sie stanzten fingerdicke Löcher in das dünne Blech und hatten zweifellos auch die dahinter befindliche Verkleidung durchschlagen.

Den Schützen beeindruckte das nicht. Er feuerte weiter, bis der Van die nächste Kurve erreichte. Diesen Moment nutzte ich, tauchte hinter dem Steuerrad hervor, riss die SIG empor und feuerte auf die Hinterreifen.

Ein Reifen platzte.

Der Fahrer hatte alle Mühe, den Van in der Spur zu halten. Gummistücke flogen durch die Luft. Die Felge ratschte Funken sprühend über den Asphalt.

Der Van raste weiter, war hinter der Ecke verschwunden.

Ich trat das Gas durch.

Von vorne wehte uns der Fahrtwind durch die zerschossene Frontscheibe des Sportwagens. Ich bog ebenfalls um die Ecke und nahm einer Limousine dabei die Vorfahrt. Der Fahrer musste stark abbremsen. Die Reifen quietschten. Ich beschleunigte den und konnte gerade noch sehen, wo der schwarze Van um die nächste Ecke nach links in eine Einbahnstraße einbog.

Aber in entgegengesetzter Fahrtrichtung.

Ein Hupkonzert drang aus dieser Seitenstraße hervor.

Als wir die Ecke erreichten, wurde mir klar, dass die flüchtenden Killer diesen Weg mit Berechnung gewählt hatten.

Mehrere Fahrzeuge waren dem ihnen entgegenrasenden Van ausgewichen und hatten dabei die an beiden Straßenseiten geparkten Wagen touchiert. Zum Teil hatten sie sich verkeilt und quer gestellt. Die Straße war unpassierbar. Ich musste in die Eisen treten.

Und das mit aller Kraft.

Der Sportwagen stoppte.

Rutschte.

Das Heck brach dabei leicht zur Seite aus.

Zwei Bewaffnete, deren Gesichter von Sturmhauben bedeckt wurden, waren gerade aus dem Van herausgesprungen. Der Größere der Beiden trug eine Maschinenpistole vom Typ MP 7 der Firma Heckler & Koch. Der Andere war mit einem Sturmgewehr mit Präzisionsvisier und Laserzielerfassung bewaffnet. Seit wir den „Killer der Bosse“ verfolgten, hatte ich mir die MK-32 mehrfach auf Abbildungen angesehen und war mir daher ziemlich sicher, dass es sich um eine Waffe dieses seltenen Typs handelte.

Letzte Gewissheit, ob dieser Kerl tatsächlich der Killer war, den wir suchten, würden erst die ballistischen Untersuchungen jener Projektile ergeben, die er an diesem Tatort verschossen hatte. Aber nach Figur und Körperbau hatte ich keinen Zweifel, dass es sich immerhin auf jeden Fall um einen Mann handelte

Der MPi-Schütze ballerte wild um sich.

Wir duckten uns, während ein wahrer Kugelhagel sich über uns ergoss und auch den letzten Zentimeter Glas zu Bruch gehen ließ.

Panikschreie von Insassen anderer Fahrzeuge waren zu hören.

Eine Frau, die sich bis dahin hinter am Straßenrand parkende Fahrzeuge in Deckung gehalten hatte, rannte jetzt wie von Sinnen und ohne Rücksicht auf die Möglichkeit, von den breit und wahllos gestreuten Kugeln des MPi-Schützen getroffen zu werden davon.

Milo und ich konnten nichts tun.

Unsere automatische Pistolen vom Typ SIG Sauer P226 hatten fünfzehn Patronen im Magazin und einen im Lauf. Innerhalb weniger Sekunden verballerte unser Gegner das Doppelte.

Wir konnten uns nur so tief wie möglich ducken, abwarten und hoffen, dass nicht der Tank getroffen wurde.

„Clive, kannst du mich hören? Hier ist Jesse!“, rief ich ins Kragenmikro und hoffte, dass der Empfang über das Interlink noch funktionierte.

Glücklicherweise war das der Fall.

Ich hörte Clives Stimme. Wir befanden uns also noch im Empfangsbereich.

„Verstärkung ist unterwegs!“, versprach der stellvertretende Chef des FBI Field Office New York.

Wie zur Bestätigung seiner Worte hörten wir in der Ferne Polizeisirenen. Die Kollegen vom nächstgelegenen Revier des New York Police Department waren offenbar bereits alarmiert.

Milo stieß die Tür des Sportwagens auf und kroch hinaus.

Der Geschosshagel verebbte.

Milo tauchte hervor, feuerte einmal seine Waffe ab, musste aber sofort wieder in Deckung gehen.

Ich kroch ebenfalls aus dem Sportwagen heraus und arbeitete mich bis zum Heck eines Pizzawagens vor, erhob mich und schnellte anschließend mit der Pistole in beiden Händen hinter aus der Deckung heraus.

Die beiden Killer rannten davon, stießen dabei zufällig vorbeikommende Passanten grob zur Seite.

Ich konnte nicht schießen.

Die Gefahr, Unbeteiligte zu verletzen oder gar zu töten war einfach zu groß.

„Los, hinterher, Jesse!“, rief Milo.

Nur einen kurzen Blick wandte ich noch dem vollkommen zerschossenen Sportwagen zu.

Wir hatten ziemlich großes Glück gehabt.

Wir spurteten hinter den beiden Killern her.

Diese rannten die Straße entlang, bogen seitlich in eine schmale, nur etwa zwei Meter breite Gasse zwischen zwei Häusern ein. Wir erreichten diese Gasse und folgten den beiden.

Schließlich erreichten wir einen Hinterhof.

Ein paar Jugendliche spielten hier Basketball.

Ich zog meine FBI-Card.

„Habt ihr gerade zwei Typen mit Sturmhaube gesehen?“, sprach ich die Basketball-Spieler an, deren Alter ich zwischen zwölf und sechzehn schätzte.

Die Kids deuteten auf eine etwa zwei Meter hohe Mauer am anderen Ende des Hinterhofs.

„Da sind die rüber geklettert“, meinte einer der Jungs. „Wie in den Werbefilmen, mit denen die Army an den Schulen dafür wirbt, dass man sich für den Krieg im Irak meldet! Ruckzuck ging das!“

„Danke.“

Ich war bereits im Begriff loszurennen. Aber einer der Kids wollte uns offenbar noch was sagen.

So blieb ich stehen.

„Hey, G-man, da war noch was!“

„Was denn?“

„Einer hatte `ne MPi, der andere so ein längeres Gewehr mit `ner Menge Zieloptik oben drauf...“

„Wissen wir.“

„Dem mit der langen Büchse ist beim Hochklettern der Ärmel hoch gerutscht. Man konnte ziemlich deutlich sein Tattoo sehen.“

„Was für’n Tattoo?“

„Eine Sonnenblume. Kotzgelb. Sah Scheiße aus.“

––––––––

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Milo hatte inzwischen die Mauer längst erreicht, sich emporgezogen und war auf der anderen Seite wieder abgesprungen.

Ich tat dasselbe.

Als ich oben auf der Mauer befand, sah ich Milo auf der anderen Seite stehen und sich ziemlich ratlos umblicken.

„Keine Spur von denen!“

„Verdammt!“

Ich sprang nun ebenfalls, federte ab und ließ den Blick schweifen.

Eine Parklücke fiel mir auf. Ich ging hin.

„Was hast du vor?“, fragte Milo.

Ein Wagen wollte sich in die Parklücke hineinsetzen, aber ich trat ihm mit dem FBI-Ausweis in der Hand entgegen und bedeutete dem Fahrer, wieder zurückzusetzen.

Dieser ließ die Seitenscheibe hinunter und beschwerte sich lautstark.

„Heh, was soll das?“

„FBI!“

„Ja, und?“

„Dieser Parkplatz ist beschlagnahmt!“, erklärte ich. „Setzen Sie zurück, andernfalls behindern Sie die Justiz bei der Aufklärung eines Verbrechens!“

Der Kerl im Wagen – einem metallicgrauen Mitsubishi – sah mich vollkommen fassungslos an.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein!“, schimpfte er.

„Ist es aber leider!“, gab ich zurück.

Angesichts des chronischen Parkplatzmangels in New York City, konnte ich seinen Ärger durchaus verstehen.

Aber ich war überzeugt davon, dass wir hier vielleicht eine wichtige Spur vor uns hatten.

Der Wagen setzte zurück. Ich hörte den Fahrer noch schimpfen, irgendetwas von Polizeiwillkür.

„Was ist los, Jesse, habe ich was übersehen?“, fragte Milo unterdessen.

„Wird sich zeigen.“ Ich deutete auf dunkle Reifenspuren, die sich in den Asphalt hinein gebrannt hatten. „Die sind frisch.“

„Das war ein Kavaliersstart“, stimmte Milo mir zu.

„Genau.“

„Aber um einen Wagen kurzzuschließen, hatten sie nicht genug Zeit – mal davon abgesehen, dass das bei den meisten neueren Fabrikaten auch normalerweise gar nicht mehr so einfach möglich ist.“

„Sie hatten hier einen Wagen zum Wechseln bereitgestellt“, war ich überzeugt. „Das ist die einzige Erklärung, die Sinn ergibt!“

Milo atmete tief durch

„Jedenfalls wissen wir jetzt, dass der Killer, hinter dem wir her sind, nicht allein operiert. Also kein einsamer Profi-Wolf, der völlig losgelöst vom Mafia-Mob seine Aufträge bekommt und dessen Identität vielleicht sogar nicht einmal die Auftraggeber kennen. Wenn du mich fragst, ist das ein gutes Zeichen.“

„Wieso?“

„Weil unsere Chancen ihn zu kriegen dadurch viel größer geworden sind.“

„Ich hoffe, da hast du Recht.“

Milo griff zum Handy. „Ich sorge mal dafür, dass sich irgendwer dieser Spuren hier annimmt.“

„Besser du forderst einen unserer eigenen Erkennungsdienstler an, die sind vermutlich schneller hier, als die Kollegen der Scientific Research Division.“

„Schon klar.“

Das Hauptquartier der SRD lag nämlich in der Bronx und das bedeutete, dass sie sich erst durch Halb Manhattan quälen  mussten, bevor sie hier anlangten.

Während Milo telefonierte und dazu erstmal ein paar Schritte weitergehen musste, um ein stabiles Netz zu bekommen, wimmelte ich bereits den nächsten Interessenten für den scheinbar freien Parkplatz ab.

Und es würde auch wohl kaum der letzte sein.

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Es wurde umgehend eine Großfahndung nach den beiden Killern ausgelöst. Weiträumige Straßensperren, Kontrollpunkte und eine Überwachung mit Helikoptern sollten den Erfolg bringen.

Aber der ganze Aufwand erwies sich letztlich als vergebens.

Die Anhaltspunkte waren zu dünn.

Wir wussten ja nicht einmal, welches Fabrikat der Wagen hatte, mit der die beiden Killer verschwunden waren. Ein Passant glaubte, einen blauen Ford gesehen zu haben, aber der Aussage eines Friseurs, der seinen Laden auf der anderen Straßenseite hatte, war es vielmehr ein Chevrolet gewesen, der mit quietschenden Reifen aus der Parklücke herausgeschossen war.

Verlässliche Zeugenaussagen gab es nicht.

Jedenfalls fanden sich bei keiner der durchgeführten Kontrollen eine MP 7, eine MK-32, Sturmhauben oder die Tätowierung einer Sonnenblume auf dem Unterarm eines Verdächtigen.

Nachdem Kollegen gekommen waren, um die Reifenspuren zu untersuchen, zu fotografieren, deren exakte Breite festzustellen und möglicherweise sogar Rückschlüsse auf Reifen- und Fahrzeugtyp anzustellen, kehrten wir zu Fuß zum eigentlichen Tatort am Hinterausgang des PINK BALLS zurück. Dabei kamen wir zunächst an dem völlig zusammengeschossenen Sportwagen vorbei.

„Auf den werden wir wohl eine Weile verzichten müssen, Jesse“, war Milos erstaunlich trockener Kommentar.

„Ich hoffe nur, dass man ihn in der Werkstatt wieder richtig hinbekommt“, erwiderte ich.

„Keine Sorge, der wird schon wieder. Ich weiß ja, wie sehr du an dem Wagen hängst.“

„Ach, wirklich?“

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Einige Beamte der City Police umringten inzwischen den schwarzen, an einen Leichenwagen erinnernden Van, aus dem heraus geschossen worden war.

Wir begrüßen sie kurz und sahen uns das Gefährt an. In der Hecklappe war ein Loch zum schießen. Von innen war die Heckklappe mit einer Panzerplatte verstärkt, sodass der Schütze ziemlich sicher sein konnte, selbst auf jeden Fall mit heiler Haut davonzukommen. Innen befanden sich ein Sitz sowie eine Halterung für den Gewehrlauf. Die erleichterte es sicherlich ungemein, die Waffe auch während der Fahrt einigermaßen ruhig zu halten.

„Der Wagen eines Killers“, stellte ich fest.

„Das Fahrzeug wurde vor einem halben Tag als gestohlen gemeldet“, erklärte einer der NYPD-Kollegen, an dessen Uniform Name und Rang zu sehen waren: Lieutenant R. Montgomery.

„Dann sind unser Sonnenblumenmann und sein Komplize ziemlich fix gewesen, was den Umbau betrifft“, meinte Milo.

Montgomery zuckte die Schultern.

„Mit etwas Routine und dem passenden Werkzeug ist das doch eine Sache von einer halben Stunde“, war der NYPD-Lieutenant überzeugt. „Mein Schwager hat eine Autowerkstatt. Bevor ich beim Police Department anfing, habe ich da immer mal ausgeholfen.“

„Sorgen Sie peinlich genau dafür, dass hier niemand etwas ohne Latexhandschuhe anfasst“, sagte ich. „Vielleicht haben wir ja Glück und wir finden irgendetwas.“

Winzige DNA-Spuren. Speichelreste, Schweiß, Sekrete die bei einem Niesen den Körper verlassen hatten oder geringfügigste Hautabschürfungen, ein abgekauter Fingernagel oder ein einzelnes, ausgegangenes Haar. Selbst aus den vergleichsweise kleinsten Resten verwertbaren Erbmaterials konnte man mit neueren Verfahren die Identität eines Täters mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit feststellen.

Ich telefonierte noch einmal kurz, um in Bezug auf die Spurensicherung etwas Druck zu machen. Wenn es überhaupt Spuren gab, die uns weiterbringen konnten, dann vielleicht in diesem Wagen und ich wollte nicht, dass uns diese Chance vermasselt wurde.

Etwas später erreichten wir die Rückfront des PINK BALLS.

Inzwischen waren dort zahlreiche Einsatzfahrzeuge von NYPD und Emergency Service eingetroffen. Außerdem ein Wagen des Coronors zum Abtransport der Leichen.

Wir trafen kurz auf den Gerichtsmediziner Dr. Brent Claus, der uns freundlich grüßte. „Ich weiß, ihr wollt den Bericht so schnell wie möglich!“, meinte er.

Clive und Orry waren ebenso in der Nähe wie auch Jay, Leslie und unsere Kollegen Sam Folder und Dave Oaktree.

Dave hatte bereits ein Projektil gesichert.

Es war durch den Kopf von Jack Luigini hindurch gedrungen, hatte einen fingerdicken Kanal durch das Gehirn gefräst, anschließend die Polsterung der Nackenstütze durchschlagen und war schließlich im Polster der Rückbank stecken geblieben.

„Dass es sich um das passende Kaliber für die MK-32 handelt, wissen wir jetzt schon einmal“, kommentierte Dave das Auffinden des Projektils, das er in einem Cellophanbeutel gesichert hatte. „Ob es wirklich aus derselben Waffe abgefeuert wurde...“

„...lässt sich natürlich erst nach genaueren Untersuchungen sagen“, vollendete ich seinen Satz.

Er nickte.

„Ja, aber die Umstände legen das doch ausgesprochen nahe, Jesse.“

Ich ballte unwillkürlich die Fäuste.

„Verdammt, wir waren so nahe dran!“, knurrte ich. Die Tatsache, dass dieser Killer und sein Helfer uns durch die Lappen gegangen waren, hatte ich noch immer nicht richtig verwinden können. In diesen Momenten geht man die entsprechende Situation immer und immer wieder im Kopf durch und fragt sich, was man hätte besser machen können, wo man einen Fehler hätte vermeiden oder auf einem völlig anderen Weg zum Erfolg kommen können.

Es ist sinnlos.

Man weiß es.

Und trotzdem lässt sich eine solche Denkschleife im Kopf nur sehr schwer aufhalten.

Und wenn man dann damit anfängt darüber nachzudenken, dass ein gefährlicher Verbrecher, jetzt wieder in den Straßen New Yorks frei herumlief und es nur eine Frage der Zeit war, wann er das nächste Opfer zu Boden streckte, hatte man verloren.

Aber das ist auch ein Teil unseres Jobs - mit solchen Dingen fertig zu werden, die Gedanken auch dann geordnet zu halten, wenn man mit dem Unfassbaren konfrontiert wird.

An manche Dinge doch kann man sich trotz aller Professionalität, trotz aller Disziplin, der man sich in unserem Job unterwerfen muss, niemals gewöhnen.

An den Anblick unschuldiger Menschen, die Opfer eines Verbrechens wurden zum Beispiel.

Mochte Jack Luigini auch ein Verbrecher sein, der sich seinen Reichtum auf illegale Weise verschafft und mit Blut bezahlt hatte – jetzt war er ein Opfer, das mehr als unser Mitgefühl verlangte. Die Entschlossenheit nämlich, diejenigen zu  finden, die für seinen Tod verantwortlich waren. Noch viel mehr galt dies für den getöteten Taxifahrer. Er hatte mit den Mafia-Kriegen, in die jemand wie Jack Luigini zweifellos verwickelt war, nicht das Geringste zu tun. Der einzige Umstand, der ihn zum Opfer gemacht hatte, war, dass er zu falschen Zeit am falschen Ort gewesen war.

Die Arbeit am Tatort zog sich hin.

„Der Killer muss sehr gut über Jack Luigini informiert gewesen sein“, sagte ich irgendwann zu Milo und Clive. „Und wir sollten uns fragen, wie das möglich war.“

„Worauf willst du hinaus, Jesse?“, hakte Clive nach.

Ich zuckte die Schultern.

„Der Kerl mit der Sonnenblume wusste, dass Luigini sich hier mit uns treffen würde – im PINK BALLS, einem Ort, den kein Mafiosi unter normalen Umständen betreten würde!“

„Vielleicht ist er von jemandem aus seinem engerem Umfeld verraten worden!“, glaubte Milo.

„Möglich“, knurrte ich.

„Aber da passt einiges nicht zusammen“, erwiderte Clive. Der flachsblonde Italoamerikaner kratzte sich am Nacken und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Selbst Jack Luigini glaubte nicht, dass die Miami-Connection hinter den Morden an Marinis Leuten steckte – aber das was du gesagt hast, legt doch eigentlich eher den Schluss nahe, dass Marini selbst eine Säuberung in seiner Organisation durchgeführt hat.“

„Würde das nicht die Nachsicht erklären, die Marini bisher gegenüber der Konkurrenz aus Miami geübt hat?“, fragte Orry, der gerade hinzugetreten war, aber das, was zuletzt gesprochen wurde, noch mitbekommen hatte. Unser indianische Kollege fuhr fort: „Marini will wieder Geschäfte mit den Miami-Leuten machen. Warum sollte er sie attackieren, wenn er doch weiß, dass sie mit den Morden nichts zu tun haben. So ergibt sich schon ein Sinn!“

„Im Fall von Jack Luigini hatte der selbsternannte Duce von Little Italy natürlich ein Motiv“, gestand ich zu.

„Aber nur, wenn man voraussetzt, dass Marini von Luiginis Absicht, mit uns zusammenzuarbeiten, wusste“, gab Milo zu bedenken.

Ich nickte.

„Einverstanden. Aber was ist mit den anderen Ermordeten? Haben wir irgendetwas, was darauf hindeuten könnte, dass Jimmy DiCarlo zum Beispiel gegen seinen Paten etwas im Schilde geführt hätte?“

„Bislang haben wir kein gemeinsames Motiv“, stimmte Clive zu. „Aber das muss ja nicht bis in alle Ewigkeit so bleiben, oder?“

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Der blaue Ford bog in eine breite Allee ein, die von schmucken Bungalows gesäumt wurde. Diese bürgerliche Wohngegend gehörte zu Riverdale, das im Norden der Bronx lag. Zumeist wird die Bronx mit den verfallenden und in Dutzenden von Gangsterfilmen als Kulisse dienenden South Bronx identifiziert, einem Stadtteil, in dem sich die Polizei allenfalls in Mannschaftsstärke in die Gebiete der brutalen Drogengangs traut und wo die Gewalt und die Sucht nach mit Backpulver zu Crack aufgekochtem Kokain das tägliche Leben bestimmt. Aber erstens hatte es immer schon daneben auch eine bürgerliche, fast gediegene Seite der Bronx gegeben, für die Riverdale stellvertretend stand, und zweitens hatte sich inzwischen auch in der South Bronx eine Menge getan.

Der Ford hielt vor einem der Bungalows.

„Willst du noch auf einen Drink mit hereinkommen, Bud?“, fragte der Mann mit dem Sonnenblumen-Tattoo am Unterarm.

Der Mann am Steuer schüttelte den Kopf.

„Besser nicht.“

„Wieso?“

„Weil ich erst den Wagen verschwinden lassen will.“

„Bud, du bist einfach zu ängstlich.“

„Kann sein, dass ich das alles etwas gelassener sehen kann, wenn ich einmal so viele solche Jobs hinter mir habe, wie du.“

„Bestimmt.“

„Bis dahin gehe ich gerne auf Nummer sicher.“

Der Mann mit dem Sonnenblumen-Tattoo verzog das Gesicht zu einem Grinsen, dass eher wie das Zähneblecken eines Raubtiers aussah. Sein Blick wirkte sehr intensiv, so als wollte er Bud damit regelrecht durchbohren und bis zum tiefsten Inneren seiner Seele sehen. „Denke immer daran, dass du nicht allein bist, Bud. Bei allem, was du tust, ER ist bei dir und erfährt, was du machst. Früher oder später wirst du deinen Lohn dafür erhalten.“

„Ja, ich weiß.“

„Vergiss es nie!“

„Nein. Niemals.“

Das Lächeln des Sonnenblumenmannes wurde noch etwas breiter.

Vorne links blitzte ein Goldzahn auf.

ER ist bei dir...

Bud hatte diesen Satz nie wie eine Drohung verstanden, aber so wie der Tätowierte ihn jetzt ausgesprochen hatte, klang er beinahe danach. Bud versuchte, den Gedanken daran zu verdrängen. Du bist auf der richtigen Seite und ER weiß es!, dachte er. Auf IHN kannst du dich verlassen, seit du dein neues Leben begonnen hast. Wenn es eine Gewissheit gibt, dann die!

Das Grinsen des Sonnenblumenmannes gefror.

Bud erwiderte dieses Grinsen nur schwach und verhalten. Er war beileibe nicht zimperlich, aber manchmal erschauerte er angesichts der Eiseskälte, die die Vorgehensweise seines Partners kennzeichnete.

Aber nur dadurch, ist er der geworden, der er ist!, vergegenwärtigte sich Bud.

„Also Adios!“, sagte der Sonnenblumenmann und öffnete die Tür. „Ich rufe dich an, wenn es Arbeit gibt.“

„Okay.“

„Also dann.“

„Mir macht diese junge Frau Sorgen.“

„Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, Bud, überlass das denken besser mir.“

„Ich würde die Kleine sicherheitshalber ausradieren.“

Der Sonnenblumenmann zuckte mit den Schultern.

„Im Prinzip ist nichts dagegen einzuwenden, Bud“, fand er, „aber ich brauche sie noch...“

„Wozu?“

„Ach, Bud ...“

„Ich halte sie für unzuverlässig!“

„Lass uns das später besprechen, Bud.“

Der Sonnenblumenmann schlug die Tür zu, umrundete das Heck des Wagens und öffnete den Kofferraum. Mit ein paar Handgriffen hob er den doppelten Boden an und zog eine MK-32 darunter hervor. Sie steckte in einem länglichen Futteral, das an eine Tasche für Golfschläger erinnerte.

Er lächelte zufrieden.

Gutes Stück, dachte er.

Die meisten Leute in der Gegend besaßen mindestens eine automatische oder halbautomatische Waffe. Da mochten die Waffengesetze des Staates New York noch so streng sein. Die Angst vor der Kriminalität war allgegenwärtig und viele Bewohner Riverdales glaubten, sich nur dadurch davor schützen zu können, dass sie sich bewaffneten. Was sie dabei übersahen war die Tatsache, dass die statistische Wahrscheinlichkeit, dass diese Waffen tatsächlich einen Kriminellen stoppten viel geringer war als die Möglichkeit, dass ein Mitglied der eigenen Familie damit verletzt oder getötet wurde.

Der Sonnenblumenmann ging in die Einfahrt, während Bud mit dem Ford davonbrauste.

Ich hoffe nur, dass er den Wagen sorgfältig entsorgt!, ging es dem Sonnenblumenmann durch den Kopf.

Er erreichte die Haustür, schloss auf und trat ein.

Mit dem Absatz kickte er die Tür ins Schloss. Durch einen schmalen Korridor ging er ins Wohnzimmer. Das Futteral mit der MK-32 warf er beinahe achtlos auf die ausladende Couch und trat zum Telefon. Er nahm den Hörer ab, wählte aus dem Gedächtnis eine Nummer.

„Francine? Ich brauche noch einmal Ihre Hilfe und möchte, dass wir uns Mittwoch Morgen im Battery Park treffen. Dort, wo die Fähren zur Liberty Island abgehen... Okay.“

Er legte auf...

...und erstarrte, als er in die Mündung einer Waffe blickte.

Es handelte sich um eine Beretta.

Ohne einen Laut war der Kerl aus dem Nebenraum getreten. Der Sonnenblumenmann musterte ihn. Ein kaltes, breites Grinsen stand im Gesicht des breitschultrigen, fast zwei Meter großen Hünen, der die Beretta jetzt etwas anhob.

„Eine Bewegung und ich jage Ihnen eine Kugel direkt zwischen die Augen“, zischte er. „Haben wir uns verstanden? Offensichtlich ja.“

„Wer sind Sie?“

„Jemand der Ihnen schon lange auf den Fersen ist. Sie glauben vielleicht, dass man in San Francisco eine Schweinerei hinterlassen und sich dann einfach so aus dem Staub machen kann. Aber da sind Sie schief gewickelt. Verjährung gibt es nur bei den Weicheiern von der Justiz, dass sollten Sie eigentlich wissen, Smith.“ Er grinste. „Oder wie immer Sie auch in Wahrheit heißen mögen.“

Der Sonnenblumenmann stand vollkommen unbewegt da. Jeder Muskel und jede Sehne seines Körpers waren gespannt. Er warf nicht einmal einen Blick zum Futteral mit der MP-32, weil er genau wusste, dass es sinnlos war, die Waffe erreichen zu wollen.

Der Kerl mit der Beretta näherte sich einen Schritt.

Sein Grinsen wurde noch breiter.

„John Smith – so nennen Sie sich dich gegenwärtig, oder bin ich da vielleicht schon nicht mehr auf dem neuesten Stand?“

„Wenn Sie mich erschießen wollen, bringen Sie es gleich hinter sich“, sagte der Mann mit dem Sonnenblumen-Tattoo. „Ich habe keine Angst vor dem Tod.“

Der Beretta-Schütze kicherte wie irre.

Dabei stieß er ein paar glucksende Laute aus, die zu einem so kräftig gebauten Mann einfach nicht passen wollten und ziemlich grotesk wirkten.

„Man hat mir gesagt, dass Sie ein Spinner sein sollen.“

„So?“

„Vielleicht haben Sie wirklich keine Angst vor dem Tod, aber...“

„Aber was?“

„...vielleicht vor dem, was davor kommt.“ Der Mann mit der Beretta kicherte erneut. „Ich hätte da ein hübsches Programm. Wissen Sie wie das aussieht?“

„Ich bin wahnsinnig gespannt.“

„Haben Sie sich nie gefragt, wie viele Kugeln der menschliche Körper aushält, ohne dass sofort der Tod eintritt? Kommt natürlich immer darauf an, wo man hin schießt. Ich würde mit den Armen und Beinen anfangen, Ihnen Ohren und Nase wegschießen. Ich glaube die Schultern sind auch ungefährlich. Selbst wenn ich Ihnen die Nieren zerschieße, müssten Sie damit noch ein bis zwei Tage leben können, vorausgesetzt ich zerfetze Ihnen nicht irgendeine wichtige Ader. Unglücklicherweise war ich aber nie besonders gut in Biologie.“

Er holte einen Schalldämpfer aus der Tasche seiner Jacke und schraubte ihn auf die Beretta.

Als Smith sich leicht bewegte, riss der Hüne den Lauf der Waffe empor und feuerte. Der Schuss zischte haarscharf an Smith’ Kopf vorbei und senkte sich in die Wand. Ein fingerdickes Loch entstand in der Holzvertäfelung.

„Was wollen Sie?“, fragte der Mann mit dem Sonnenblumen-Tattoo.

„Antworten auf meine Fragen.“

„Bitte!“

„Ich will Name und Adresse der Leute, mit denen Sie zusammen arbeiten.“

„Und ich will eine Garantie dafür, dass ich dieses Plauderstündchen überlebe.“

„Tut mir leid, mehr als ein leichter Tod ist nicht drin, Smith. Das ist nichts Persönliches. Es ist noch nicht einmal meine Entscheidung, aber an der Westküste sind ein paar Leute richtig sauer auf Sie!“

„Was Sie nicht sagen...“

Etwas prallte mit einem dumpfen Schlag gegen eine Scheibe der Fensterfront zur Terrasse.

Ein Vogel, der im Glas wohl das Spiegelbild der nahe gelegenen, im Wind hin und her wiegenden Baumwipfel gesehen hatte.

Der Mann mit der Beretta wandte reflexartig den Blick dorthin.

Auf eine Chance wie diese hatte der Mann, der sich Smith nannte, nur gewartet.

Er schnellte vor, setzte zu einer Folge rascher Karatetritte an und kickte seinem Gegner die Beretta aus der Hand. Ein weiterer Tritt zertrümmerte ihm den Kiefer.

Er stand benommen und schwankend da.

Smith packte ihn und brach ihm mit einem geübten Griff das Genick und ließ seinen Gegner dann zu Boden sinken, wo er in eigenartig verrenkter Haltung liegen blieb.

Besser ich breche hier meine Zelte schleunigst ab!, überlegte Smith.

Er durchsuchte den Toten, nahm ihm sämtliche Dokumente ab und holte anschließend aus der Küche eine Schere, mit der er sämtliche Etiketten aus der Kleidung entfernte.

Dann hielt er plötzlich inne.

Sein ursprünglicher Plan war es gewesen, alles zu zerstören, was etwas über die Identität dieses Mannes hätte verraten können. Als nächste hätte er in einer Apotheke Salzsäure besorgt, um die Fingerkuppen und eventuell auch das Gesicht zu entstellen. Anschließend wäre der Tote in einen Teppich eingewickelt, mit Gewichten versehen und im East River versenkt worden.

Aber der der Mann, der sich zurzeit Smith nannte, war gerade im Begriff, seinen Plan zu ändern.

Nein, dachte er, sie sollen es alle sehen. Sie sollen wissen, was ihnen bevorsteht - zumindest diejenigen, die bereit sind, die Zeichen richtig zu deuten!

Ein Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mannes mit dem Sonnenblumen-Tattoo.

Ein Lächeln, so kalt wie der Tod.

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Jack Luigini hatte zu Lebzeiten eine schmucke Etage in den Pelham Apartments in der Elizabeth Street bewohnt; eine noble Adresse, wo auf Sicherheit ganz besonderer Wert gelegt wurde, wie die zahlreichen Security Guards und die überall deutlich sichtbar installierte Sicherheitselektronik in der Eingangshalle eindrucksvoll belegten.

Zusammen mit Clive, Orry und einem weiteren Dutzend Kollegen trafen wir dort ein, denn abgesehen davon, dass wir Luiginis Witwe mitteilen mussten, dass ihr Mann erschossen worden war, musste bei Luigini auch eine Hausdurchsuchung durchgeführt werden. Bei einem Mordopfer war das Routine, auch wenn seine Familie das vermutlich ganz und gar nicht angenehm fand.

Milo und ich waren von unseren Kollegen mitgenommen worden, denn der Sportwagen war jetzt erst einmal ein Fall für eine Generalüberholung in der Werkstatt.

Offenbar war der Buschfunk von Little Italy schneller und zuverlässiger, als selbst die Lokalnachrichten der ziemlich sensationslüsternen New Yorker TV-Sender.

Als wir mit unserer Mannschaft von FBI-Einsatzkräften verlangten, eingelassen zu werden, öffnete uns ein Mann, der sich als Ray Scirea vorstellte und als Freund der Familie bezeichnete.

Scirea war uns durchaus ein Begriff.

Er spielte im Marini-Syndikat eine führende Rolle. Als Conciliere von Harry Marini wurde er bei allen wichtigen Entscheidungen ins Vertrauen gezogen. Leider hatten wir einfach nicht genug gegen ihn in der Hand, als dass ein Staatsanwalt daraus eine Anklage hätte machen können, die auch nur den Hauch einer Erfolgschance gehabt hätte.

Wir zeigten ihm unsere Dienstausweise.

„Sie sind wegen der Ermordung von Jack Luigini hier“, stellte Ray Scirea sachlich fest.

„Woher wissen Sie davon?“, fragte Clive.

„Über die Schießerei wurde in den Lokalnachrichten ausführlich berichtet!“

„Aber der Name des Opfers wurde nicht veröffentlicht“, erwiderte Clive kühl.

Um Scireas dünne Lippen spielte ein kühles Lächeln. „Ein Bekannter rief mich an und sagte mir, was geschehen ist.“

„Was für ein Bekannter?“

„Sie erwarten doch nicht, dass ich Ihnen seinen Namen nenne.“

„Was ist dabei?“

„Ganz einfach: Er war Gast in einem Lokal, dass PINK BALLS heißt – und wenn sich das in Little Italy herumspricht, ist er desavouiert. Bei gewissen Leuten jedenfalls.“

„Komisch. Jack Luigini und Ihr Bekannter - gleich zwei Italoamerikaner im PINK BALLS. Es muss Jahre her sein, das es so etwas gegeben hat“, meinte Clive sarkastisch.

„Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass mein Bekannter Italoamerikaner ist?“

„Eins zu Null für Sie, Mister Scirea.“

„Aber Sie haben recht: Es waren zwei Italoamerikaner dort. Schließlich waren Sie doch auch dort, Mister Caravaggio, oder?“

Clives Gesicht wurde zur Maske und mir wäre beinahe der Kinnladen heruntergefallen. Scireas Bemerkung war an Dreistigkeit kaum zu überbieten.

„Ihre Aussage lässt sich so interpretieren, dass Sie Luigini beobachten ließen“, sagte ich.

„Diese Aussage lässt sich aber auch so interpretieren, dass Mister Caravaggio als stellvertretender Chef des Field Office New York im PINK BALLS nicht gerade ein Unbekannter ist!“, erklärte Scirea mit ätzendem Unterton.

Clive wandte sich an mich. 

„Vielleicht schaffst du es ja, dich mit diesem Kerl zu unterhalten und dabei ruhig zu bleiben, Jesse. Ich werde inzwischen Mrs Luigini befragen. Wo ist sie?“

„Sie steht unter Schock“, behauptete Scirea. „Und wenn überhaupt, wird sie nur in meiner Gegenwart mit Ihnen sprechen.“

„Soweit ich weiß, haben Sie keine Zulassung als Anwalt, Mister Scirea. Und dass Mrs Luigini nicht mit mir sprechen möchte, dass möchte ich schon gern von ihr selbst hören. Schließlich wollen wir nicht mehr und weniger, als den Mörder Ihres Mannes schnappen.“ Clive verzog das Gesicht. „Aber vielleicht teilen wir dieses Ziel ja gar nicht, Mister Scirea.“

Scirea verkniff sich eine bissige Bemerkung.

Er führte uns in einen weiträumigen Wohnraum mit antiken Möbeln. Eines musste man Luigini lassen. Er hatte Geschmack gehabt.

Mrs Rosa Luigini, eine hübsche, dunkelhaarige Frau, deren Haar ihr lang über die Schultern fiel und auf dem letzten Drittel leicht wellig wurde. Der Blick ihres feingeschnittenen, leicht geröteten Gesichts war nach innen gewandt. Das Make-up verlaufen. Auch die Augen waren gerötet, so als hätte sie geschluchzt.

Clive stellte uns kurz vor. „Es tut mir leid, wenn wir Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten, Ma’am, aber Sie werden ertragen müssen, dass unsre Leute sich hier umsehen. Ich möchte Ihnen paar Fragen stellen. Auch wenn der Tod Ihres Mannes für Sie mit Sicherheit ein Schock ist, so dürften Sie doch auch daran interessiert sein, dass der Täter zur Rechenschaft gezogen wird.“

Die Augen von Rosa Luigini verengten sich leicht. „Wenn Sie damit meinen, dass man diesem Mörder die Gelegenheit nimmt, sich vor einer korrupten Justiz zu rechtfertigen und am Ende freigesprochen zu werden, dann ist das keineswegs in meinem Sinn!“, erklärte sie in einem Tonfall, der an klirrendes Eis erinnerte.

„Ich möchte mit Ihnen unter vier Augen sprechen, Mrs Luigini“, beharrte Clive.

Die dunkelhaarige Witwe wechselte einen Blick mit Ray Scirea, der sie beschwörend ansah.

„Lass dich darauf nicht ein, Rosa! Unter keinen Umständen!“

„Mach dir keine Sorgen, Ray“, sagte Rosa Luigini sehr ruhig. „Ich wirke vielleicht schwach und zerbrechlich – ich bin es aber nicht.“

„Dann besteh wenigstens darauf, dass ein Anwalt anwesend ist.“

Rosa Luigini wandte sich an Clive Caravaggio. „Wir können in den Nebenraum gehen, wenn Sie möchten.“

„Gerne...“

Rosa Luigini erhob sich und wandte sich zum gehen.

„Wo ist eigentlich Ihr Kind?“, fragte ich.

Die Witwe drehte sich um. „Als ich vom Tod meines Mannes erfuhr, wollte ich zunächst selbst damit fertig werden. Ich habe jemanden angerufen, der es zu Verwandten gebracht hat. Schließlich konnte ich mir ausmalen, welches Drama sich jetzt hier in unseren vier Wänden abspielen würde.“

Clive und Orry verließen zusammen mit Rosa Luigini den Raum durch eine auf der linken Seite gelegene Schiebetür, die sich selbsttätig öffnete, wenn man eine Lichtschranke passierte.

Dahinter war ein Raum zu sehen, der noch um einiges größer war als der, in dem wir uns im Moment aufhielten. Für New Yorker Verhältnisse hatte die Wohnung der Luiginis geradezu gigantische Ausmaße.

Ich schätzte sie auf mindestens zweihundert Quadratmeter – und das in einer Stadt, wo jeder bewohnbare Quadratmeter Höchstpreise erzielte.

Milo dachte offenbar dasselbe wie ich. „Luiginis Geschäfte müssen gut gegangen sein – sonst hätte er sich ein Schmuckstück wie diese Wohnung wohl kaum leisten können“, sagte er.

Ich hörte ihn wie aus weiter Ferne.

Mit meiner Aufmerksamkeit war ich bei Ray Scirea.

Der Vertraute des großen Harry Marini wirkte nervös. Es gefiel ihm nicht, dass Clive sich mit der Witwe unterhielt und er dieses Gespräch nicht kontrollieren konnte.

Ich nahm mir vor, ihn mit ein paar Fragen zu löchern, damit er von seiner traditionellen Rolle als Wachhund der Marinis etwas abgelenkt wurde.

„Sie sagen, dass Sie ein Freund der Familie wären“, stellte ich fest.

Scirea hob die Augenbrauen und zog sie dann auf eine Weise zusammen, die mir deutlich vermittelte, dass er mich nicht ausstehen konnte. Wahrscheinlich galt das allerdings für jeden, der einen Dienstausweis des FBI bei sich trug.

„Das ist richtig, Mister...“

„Agent Jesse Trevellian, FBI.“

„Man sollte sich von euch G-men eine Liste machen“, knurrte er düster.

„Soll das eine Drohung sein?

„So empfindlich sind Sie, Agent Trevellian?“

„Es war nur eine Frage.“

„Aber eine, auf die ich die Antwort Ihnen überlassen möchte, Agent Trevellian.“

„Reden Sie immer so um den Kern der Sache herum, oder bekommen wir heute noch eine vernünftige Unterhaltung hin, Mister Scirea?“

Ray Scireas Gesicht wirkte so starr wie eine in Granit gemeißelte Statue. Es war keinerlei Regung darin zu erkennen. Manche sagen ja, dass Augen Fenster der Seele wären. In Scireas Fall waren sie jedoch anscheinend reichlich beschlagen.

Er hob die Augenbrauen. „Vergessen Sie es, Trevellian. Stellen Sie Ihre Fragen und verschwinden Sie möglichst schnell wieder.“

„Nichts dagegen, Mister Scirea.“

„Haben Sie Familie? Nein wahrscheinlich nicht. Jemand wie Sie arbeitet doch rund um die Uhr daran, anderen was am Zeug zu flicken. Leuten, die es aus eigener Kraft zu etwas gebracht haben – und zwar deshalb, weil die Familie zu ihnen gehalten hat!“

„Machen Sie das immer so? Eine Frage stellen und selbst die Antwort darauf geben?“ 

Scirea atmete tief durch. „Diese Art von Familiensinn dürfte Ihnen fremd sein und deswegen werden Sie kaum ermessen können, was Jacks Tod für seine Hinterbliebenen bedeutet. Ihnen wurde das Herz aus der Seele gerissen! Aber Sie haben nichts Besseres zu tun, als eine arme Frau zu quälen und diese Wohnung auf den Kopf zu stellen. Herumzuschnüffeln in der Hoffnung, dass Sie irgendetwas finden, was Sie dann an die Steuerfahndung weitergeben können! Etwas, das Ihnen vielleicht sogar einen Vorwand liefert, um nach dem Rico’s Act Jacks Vermögen einzuziehen. Und so etwas nennt sich dann Gerechtigkeit!“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung, der die gesamte Verachtung, die er empfand, mehr als deutlich wurde. „Pah!“

Mir lag eine gepfefferte Erwiderung auf der Zunge.

Was bildete dieser Kerl sich eigentlich ein, dessen Reichtum auf dem grausamen Schicksal ungezählter Cracksüchtiger beruhte, die in der Bronx oder manchen Straßenzügen in der Lower East Side wie lebende Tote vor sich hinvegetierten und denen im schlimmsten Fall selbst ihre eigenen Kinder gleichgültig waren, wenn sie nur die nächste Lieferung bekamen.

Den nächsten Stein, wie man einen braunen Klumpen Crack auch nannte.

Und der Heroinhandel sowie die Schutzgelderpressung oder die Geldwäsche waren auch nicht gerade Beispiele für ehrbares Unternehmertum.

Es war nicht zu fassen. Leute wie Scirea stellten die Tatsachen in ihrer Sicht der Dinge einfach vollkommen auf den Kopf.

Ich hatte schon tief Luft geholt, aber Milo bedeutete mir mit einem Kopfschütteln, es besser zu lassen. Es hat keinen Sinn!, schien sein Blick zu sagen. Und er hatte Recht.

Also blieb ich – so schwer es mir auch fallen mochte – sachlich.

„Hatten Sie auch geschäftlich mit Mister Luigini zu tun?“, fragte ich.

„Hier und da vielleicht...“

„Was soll das heißen?“

„Das heißt, dass ich den Teufel tun und irgendwelche Aussagen zu diesem Themenkomplex machen werde, es sei denn, Sie verhaften mich als Verdächtigen und klagen mich eines Verbrechens oder Vergehens an. Aber in diesem Fall würde ich Ihnen nur in Anwesenheit eines Anwalts antworten und außerdem...“

„...hätten Sie das Recht zu schweigen, Mister Scirea. Das nimmt Ihnen auch jetzt niemand.“

„Sie haben nichts gegen mich in der Hand, ich weiß also auch nicht, was Sie und Ihre Leute sich hier so aufblasen!“

„Mister Scirea, ich glaube Sie haben mich vollkommen missverstanden. Ich habe nie auch nur den leisesten Verdacht geäußert, dass Sie Mister Luigini umgebracht oder seinen Mord in Auftrag gegeben haben. Um so mehr bin ich jetzt verwirrt darüber, dass Sie offenbar überhaupt keinen Wert darauf legen, mit uns zu kooperieren!“

Ein Ruck ging durch den Körper des Alten.

Er atmete tief durch. Irgendetwas ging ihm hier entschieden gegen den Strich – ich wusste nur noch nicht, was es war. Fürchtete er, dass im Zuge unserer Ermittlungen rund um Jack Luiginis Tod irgendetwas ans Tageslicht kam, dass auch für ihn gefährlich werden konnte?

„Glauben Sie mir, Agent Trevellian, Jack stand mir sehr nahe. Er war mein Großneffe und ich habe jede Stufe seiner geschäftlichen Entwicklung genau verfolgt. Er hatte einfach eine glückliche Hand, bei allem, was er tat.“

„Und trotzdem wollte ihn jemand umbringen.“

Unsere Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster gehörten ebenfalls zu den Agenten unseres Field Office, die sich gegenwärtig in der Wohnung der Luiginis befanden.

Sam schaute durch die Tür und forderte mich auf, ihm kurz zu folgen.

Ich kam dieser Aufforderung nach, während Milo mit Scirea zurückblieb. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss.

„Was gibt es, Sam?“, fragte ich, während ich ihm durch einen Korridor folgte, an dessen Ende sich ein Büro befand, wie ich durch die halboffene Tür sehen konnte. Schreibtisch, Computer, Kopierer – alles, was man so brauchte.

„Wir haben Wanzen gefunden“, erklärte Sam in gedämpftem Tonfall.

„Unsere eigenen Leute waren das nicht zufällig?“, fragte ich zurück.

Sam schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, das ist ausgeschlossen. Erstens verwenden wir nicht diesen Gerätetyp und zweitens habe ich mich gerade noch einmal bei Mister McKee rückversichert. Es liegt in Bezug auf Jack Luiginis Privatwohnung weder eine richterliche Erlaubnis zum Abhören vor, noch hat es in der Vergangenheit von unserer Seite irgendeine Aktion gegeben, die sich unter die Begriffe Gefahrenabwehr oder Bekämpfung des Terrorismus fassen ließen.“

Seit den Ereignissen des 11. Septembers 2001 waren die Möglichkeiten, Verdächtige abzuhören speziell in diesen Fällen erheblich erleichtert worden.

Aber auch wenn vom FBI aus kein Einsatz von Abhörelektronik dokumentiert war, so konnte es immer noch sein, dass möglicherweise die Kollegen der Geheimdienste CIA und NSA oder Beamte der Drogenpolizei DEA hier tätig geworden waren.

Die Kooperation unterschiedlicher Dienste mit sich teilweise überschneidenden Kompetenzbereichen konnte manchmal ziemlich schwierig sein – insbesondere dann, wenn jeder dieser Dienste peinlich genau darauf achtete, dass die anderen entweder gar nicht oder nur unzureichend informiert wurden.

Inzwischen wusste man längst, dass Fehleinschätzungen und mangelnde Kooperation zwischen FBI und CIA durchaus mitverantwortlich dafür gewesen waren, dass es Al Quaida-Terroristen gelungen war, mit zwei Flugzeugen das World Trade Center zu zerstören. Aber die diesbezüglichen Reformen waren leider im Ansatz stecken geblieben.

„Wir werden abklären müssen, wer für die Wanzen verantwortlich ist“, sagte Sam Folder. „Aber ich glaube eigentlich nicht, dass es sich um irgendwelche offiziellen Stellen handelt.“

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Innerhalb kurzer Zeit fanden unsere Erkennungsdienstler mehr als ein Dutzend weiterer Wanzen. Sie befanden sich in allen Räumen. Selbst Bad und Kinderzimmer waren davon nicht ausgenommen

Wer immer dafür verantwortlich zeichnete – er war über alles informiert gewesen, was innerhalb der Wohnung gesprochen worden war.

Da brauchte man sich nicht mehr zu wundern, woher ein Attentäter wusste, wann und wo er sein Opfer erwarten konnte.

Ich ging zu Clive und Orry, die ihre Befragung von Mrs Luigini gerade abgeschlossen hatten.

In knappen Worten machte ich der Witwe klar, dass ihre Wohnung vollkommen verwanzt gewesen war. „Haben Sie irgendeine Ahnung, wie diese Abhörelektronik in Ihr Haus gelangen konnte?“

Zum ersten Mal sah ich in Rose Luiginis Gesicht eine Regung, die mir weder maskenhaft noch gekünstelt vorkam.

Sie schluckte.

„Der Mörder Ihres Mannes wusste, dass er zum PINK BALLS unterwegs war“, mischte sich Clive ein. „Er hat ihn dort abgepasst.“

„Wir mussten vor drei Wochen die Telefonanlage reparieren lassen und dabei stellte sich heraus, dass auch ein paar Leitungen nicht mehr in Ordnung waren“, erklärte Rosa Luigini schließlich.

„Wissen Sie noch, wie die Firma hieß?“

„Nein. Jack hat das immer geregelt.“

„Es müsste darüber eine Rechnung geben“, war Orry überzeugt. „Und die werden wir früher oder später auch finden.

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3. Kapitel

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Wir brauchten länger als geplant in der Wohnung der Luiginis. Anschließend kehrten wir zur Federal Plaza zurück. Es lag in Zusammenarbeit mit unseren Innendienstlern noch einiges an Recherchen am Bildschirm vor uns. Ausgangspunkt waren die verwendeten Wanzen.

Es hatte sich in Luiginis Büro tatsächlich ein Zahlungsbeleg jener Firma gefunden, die die Reparatur an den Telefonleitungen durchgeführt hatte. Allerdings stellte sich heraus, dass Name und Adresse dieser Firma falsch waren.

Das konnte nur heißen, dass wir auf der richtigen Spur waren.

Rosa Luigini hatte uns eine Beschreibung der beiden Männer gegeben, die diese Reparaturen durchgeführt hatten. Mit Hilfe seines Laptop und einer leistungsstarken Software war es unserem Zeichner Agent Prewitt möglich gewesen, daraus einigermaßen aussagekräftige Phantombilder zu machen.

Um mit diesen Bildern jedoch Vergleichsabfragen in den über NYSIS erreichbaren Bilddateien durchzuführen, waren die Phantombilder nicht spezifisch genug. Die Zahl der Treffer war jeweils so hoch, dass man nicht wirklich von einem brauchbaren Suchergebnis sprechen konnte.

Wir mussten die Merkmale so weit es ging einschränken, dass wir zu verwertbaren Ergebnissen kamen.

Wir fragten zunächst die Daten aller Kriminellen ab, von denen bekannt war, dass sie sich mit Abhörtechnik auskannten. Dann sortierten wir alle Suchergebnisse aus, die gegenwärtig Haftstrafen verbüßten.

Anschließend legten wir einen weiteren Filter an den vor uns liegenden Datenberg an.

Das Merkmal, nach dem wir suchten, waren Verbindungen zur Miami-Connection oder der Organisation von Harry Marini. Schließlich sahen wir uns die Schnittmenge an.

Nur ein einziger Name blieb übrig.

Sonny Alvarez, 37 Jahre alt, mehrfach vorbestraft wegen Körperverletzung und ehemaliger Türsteher in einem Club, der unter direkter Kontrolle von Ellroy Garcia, dem Statthalter der Miami-Connection stand, den viele als einen der Hintermänner bei der Mordserie unter den Bossen des Marini-Syndikats ansahen. In seinem Strafregister fand sich auch eine Verurteilung wegen gemeinschaftlicher Erpressung. Er hatte für einen Zuhälter aus Spanish Harlem dafür gesorgt, dass die Gespräche zwischen den Prostituierten und ihren Freiern aufgenommen wurde. Daneben waren auch Videoaufzeichnungen angefertigt worden. Beides hatten Alvarez und sein Partner daraufhin durchforstet, ob irgendetwas dabei war, was sich für eine Erpressung nutzen ließ.

„Bingo!“, meinte unser Innendienstler Agent Max Carter.

Er hatte das bei der letzten Verurteilung aufgenommene Foto von Alvarez auf den Schirm geholt.

Es glich einem der Phantombilder ziemlich.

Als letzte Adresse war das Haus Nr. 334 in der 123. Straße West angegeben. 

„Nichts wie hin“, meinte Milo.

––––––––

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Das passt doch alles zusammen!“, meinte Milo während wir uns mit Rotlicht auf dem Dach in die 123. Straße aufmachten. „Michael Chambers, dieser Profi-Killer, dessen Handschrift die bisherigen Morde an den Marini-Unterbossen zu tragen scheinen, arbeitete auch in einem Laden, der unter der Kontrolle der Miami-Connection steht – und zwar in den selben Jahren. Die beiden kennen sich wahrscheinlich von daher und arbeiten jetzt zusammen.“

„Möglich.“

„Es scheint so, als ob tatsächlich jemand aus der Miami-Connection die Morde in Auftrag gegeben hat“, war Milo überzeugt. „Entweder Ellroy Garcia oder Leute, die noch ein paar Etagen über ihm stehen.“

„Aber das wird schwer sein, zu beweisen, Milo!“

„Abwarten. Wenn wir Alvarez erst einmal haben, könnte das der erste Dominostein sein...“

„Bist du optimistisch, Milo!“

Ich trat in die Bremsen und stoppte den Chevrolet aus dem bestand unserer Fahrbereitschaft, mit dem wir im Augenblick unterwegs waren. Vor einer Kreuzung bildete sich ein kleiner Stau. Die Ampel konnte den Verkehr während eines Rot-Grün-Intervalls nicht fassen. Da half weder Rotlicht noch Sirene. Manchmal gab es in den völlig überlasteten Straßen des Big Apple einfach kein Durchkommen.

Die Agenten Leslie Morell, Fred LaRocca und Jay Kronburg folgten uns in einem zweiten Wagen.

„Es fehlt uns noch der zweite Mann, der bei den Luiginis mitgeholfen hat, die Wanzen einzubauen“, meinte ich. „Chambers kann das nicht sein, denn dessen Beschreibung passt absolut nicht auf das, was Rosa Luigini uns über ihn erzählt hat!“

„Na, ich schätze, das ist Chambers gewesen.“

„Glaube ich nicht. Alles, was wir über Chambers wissen, stammt aus der Aufnahme seiner Personalien bei seiner letzten Verhaftung“, gab Milo zu bedenken. „Und die liegt doch Jahre zurück. Der Mann ist in der Zwischenzeit nicht nur älter geworden, sondern hat vermutlich auch bewusst sein Äußeres verändert.“

Die Ampel wurde grün, wir fuhren weiter und konnten uns schließlich mit Hilfe von Sirene und Rotlicht erfolgreich durch die Menge der Fahrzeuge drängeln. Von da an ging es recht reibungslos voran. Ich fuhr einen kleinen Umweg, sodass wir wenig später den Elevated Highway erreichten, der sich am East River Richtung Norden entlang zog.

Sobald wir uns der 123. Straße näherten, nahmen wir das Rotlicht vom Dach und schalteten die Sirene aus. Schließlich sollte Sonny Alvarez nicht frühzeitig gewarnt werden.

Die Hausnummer 334 war ein einfaches, zehnstöckiges Brownstonehaus mit Apartments - für New Yorker Verhältnisse war es recht flach.

Sonny Alvarez’ Wohnung lag im vierten Stock.

Wir nahmen den Aufzug. Nennenswerte Sicherheitsvorkehrungen gab es im Haus Nummer 334 nicht. Weder Video-Kameras noch Security Service. Aber das machte die Wohnungen hier wohl um einiges preisgünstiger, als es ansonsten dem Mietniveau von Manhattan entsprach – und viele kleine Angestellte in den Banken und Geschäften von Downtown waren darauf angewiesen, in solchen Apartmenthäusern zu wohnen, wenn sie nicht gleich nach Yonkers oder in die Außenbezirke von Queens und Brooklyn ausweichen wollten.

Wir erreichten Sonny Alvarez’ Wohnungstür. Sein Name stand dort immer noch, sodass wir davon ausgingen, dass er nicht inzwischen umgezogen war.

Wir griffen nach unseren Dienstwaffen.

Vorsorglich hatten wir Kevlar-Westen angelegt. Schließlich konnte niemand vorhersagen, wie Alvarez’ reagierte. Wenn er tatsächlich der Partner eines skrupellosen Lohnkillers wie Michael Chambers war, dann mussten wir damit rechnen, dass er sofort um sich schießen würde.

Leslie Morell betätigte die Klingel.

Keine Reaktion.

„Mister Sonny Alvarez? Hier spricht das FBI! Machen Sie die Tür auf, Sir!“, rief unser Kollege Jay Kronburg, wobei er seinen .457er Magnum Revolver mit beiden Händen nahm. Der ehemalige Cop im Dienst des New York Police Department war der einzige von uns, der nicht als Standardwaffe übliche P226 benutzte, sondern nach wie vor auf der Benutzung seines Revolvers bestand.

„Alvarez! Machen Sie die Tür auf!“, rief Jay noch einmal. Er nickte mir zu.

Ich nahm Schwung und trat die Tür auf.

Sie sprang zur Seite. Ich stürzte mit der Pistole in der Hand hinein, schwenkte den Lauf herum, in der Erwartung, dass sich irgendetwas bewegte.

In dem Apartment sah es aus, wie auf einem Schlachtfeld. Möbel waren umgestürzt und in der Mitte des Raumes saß ein Mann mit starren, toten Augen auf einem Stuhl. Er war gefesselt. Blut lief ihm aus dem Mund heraus. Ein Auge fehlte. Stattdessen klaffte dort ein Einschussloch.

Seine Kleider waren Blut durchtränkt. Einschusswunden waren an Armen, Beinen und den Schultern zu sehen.

Ich senkte die Waffe und musste unwillkürlich schlucken.

Hier war jemand mit ungeheurer, fast unfassbarer Brutalität vorgegangen.

Auch die anderen, die mir in das Apartment folgten, waren schockiert.

„Das war eine Hinrichtung“, meinte Jay und deutete auf den Boden vor dem Stuhl. Der Mörder hatte die Patronenhülsen der verwendeten Projektile zu einem Kreuz gruppiert.

„Das kennen wir doch schon“, murmelte ich düster.

„Aber unser Freund hat diesmal eine andere Waffe benutzt“, stellte Milo angesichts der Tatsache fest, dass diese Patronen ein sichtlich kleineres Kaliber hatten als die, die wir in dem Rohbau am Jamaica Bay Fun Park gefunden hatten.

Ich zuckte die Schultern. „Ein Spezialgewehr wie die MK-32 ist auch sicher nicht die geeignete Waffe für den Einsatz in einer Wohnung, wo es zu einer nahkampfähnlichen Situation kommen kann.“

Leslie Morell hatte bereits sein Handy am Ohr und forderte Verstärkung sowie erkennungsdienstliche Unterstützung an.

„Warum tötet dieser Killer einen Mann, der offensichtlich sein Komplize war?“, fragte Milo.

„Um sich abzusichern – warum denn sonst!“, mischte sich Jay ein.

„Und wenn wir nicht ganz schnell den zweiten Mann finden, der bei den Luiginis die Wanzen installiert hat, wird von dem auch nicht mehr übrig bleiben, als von dem Kerl hier!“, war Milo überzeugt. „Seht euch das an, er wurde regelrecht gefoltert – wahrscheinlich mit einer relativ kleinkalibrigen Waffe mit Schalldämpfer, sodass man in der Nachbarschaft nichts von den Schussgeräuschen mitbekam. Erst in die Extremitäten und als er hatte, was er wollte...“

„...ins Auge und in den Mund“, vollendete Jay. „Auge um Auge, Zahn um Zahn – Sorry, aber das fällt mir spontan dabei ein. Dieser Perverse muss das wörtlich genommen haben, wenn ich mir das so ansehe.“

„Dazu das Kreuz“, murmelte ich.

Mir ging einiges an Gedanken durch den Kopf. Schon im Fall von Jimmy DiCarlo hatte ich das Gefühl gehabt, dass da etwas nicht zusammenpasste. Mir war nur noch nicht so recht klar geworden, was es eigentlich war.

„Das Kreuz bei DiCarlo, jetzt wieder ein Kreuz, dazu ein fehlendes Auge und...“ Ich beugte mich nieder und leuchtete dem Toten mit dem zigarettengroßen Microlenser, den ich am Schlüsselbund trage, in den Mund. „...ein fehlender Zahn. Das ist ein Erkennungszeichen mit so aufdringliche Symbolik!“ Ich schüttelte den Kopf und wandte mich ab. Der Anblick dieses entstellten Toten war kaum zu ertragen. „Meiner Meinung nach passt das nicht zu der kalten, professionellen Vorgehensweise eines Hit-man.“

„Du meinst, wir können diesen Michael Chambers von unserer Verdächtigenliste streichen? Jesse, das ist nicht dein Ernst!“, ereiferte sich Milo. „Es passt doch alles wunderbar zusammen! Chambers und dieser Typ hier haben beide eine Verbindung zu den Miami-Leuten und die wiederum haben das beste Motiv der Welt, gegen Marinis Leute vorzugehen!“

„Ich sag ja nicht, dass es nicht Chambers gewesen sein kann! Und ich will noch nicht einmal in Abrede stellen, dass es sehr plausibel klingt, dass die Auftraggeber zur Miami-Connection gehören, aber...“

„Aber was?“, hakte Milo nach.

„Wir wissen ja definitiv, dass die Marini-Captains alle vom selben Killer getötet wurden. Zumindest wurde dieselbe Waffe benutzt. Aber es scheint bei diesem Kerl eine Entwicklung gegeben zu haben, von der ich noch nicht weiß, was sie bedeutet oder wodurch sie ausgelöst wurde. Die ersten Morde waren eiskalte Profi-Taten. Dann das Kreuz, jetzt diese Perversion hier...“

„Dazwischen aber wieder ein relativ kühl durchgezogener Hit-man Job bei Jack Luigini“, gab Milo zu bedenken. „Aber worauf willst du dabei hinaus? Dass es irgendeine persönliche Komponente bei diesen Verbrechen gibt“

„Rache“, vermutete Jay Kronburg. „Vielleicht ist dieser Chambers mit Marinis Leuten mal böse aneinander geraten, wer weiß.“

„Killer mögen es zum Beispiel nicht, wenn man sie nicht bezahlt“, meinte Jay.

„Dafür haben wir nicht den geringsten Anhaltspunkt“, gab ich zu bedenken.

Jay Kronburg machte eine wegwerfende Handbewegung. „Genau genommen haben wir, zumindest was das letzte Jahrzehnt  angeht, über Michael Chambers – oder wie immer er sich im Moment auch nennen mag – fast überhaupt keinen Anhaltspunkt. Wir wissen nicht, für wen er gearbeitet hat und so weiter.“

Milo musste ihm zustimmen. „Da gibt es nur diese Mordserie in San Francisco und die Morde an den Marini-Captains, die mit einer seiner bevorzugten Waffe, der MK-32 durchgeführt wurden.“

Ich hörte der Diskussion einige Augenblicke lang zu und versank dabei in meinen eigenen Gedanken. Dieser Täter legte es darauf an, dass man ihn wieder erkannte. Warum nur? An der Kälte und Präzision der Durchführung hatte sich ja nichts geändert.

„Dieser Kerl – vorausgesetztes es ist überhaupt ein Mann – scheint eine Entwicklung durchzumachen“, wiederholte ich meine Ansicht und redete in das Gespräch der Anderen hinein.

Meine Kollegen sahen mich etwas irritiert an.

„Was meinst du damit genau, Jesse?“, fragte Jay Kronburg stirnrunzelnd.

„Es scheint ihm plötzlich wichtig zu sein, dass er mit diesen Verbrechen identifiziert wird. Das mit den Patronen und auch die Sache mit Auge und Zahn – das ist wie eine schaurige Inszenierung, mit der jemand sagen will: Seht her, was ich getan habe!“

„Eigentlich eine Todsünde für einen Hit-man!“, kommentierte Leslie Morell meine Worte. Er schüttelte anschließend den Kopf und fügte noch hinzu: „Tut mir leid, Jesse, aber ich kann dir nicht ganz folgen. Der Grund für das brutale Vorgehen dürfte sein, dass der Mörder Informationen wollte.“

„Da stimme ich dir zu“, nickte ich.

„Und wie du selbst schon vermutet hast, wollte er wahrscheinlich, Name, Adresse und Aufenthaltsort des zweiten Mannes, der bei den Luiginis für die Verwanzung gesorgt hat.“

„Aber das erklärt nicht das Patronenkreuz“, wandte ich ein.

––––––––

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Wenig später trafen unsere FBI-eigenen Erkennungsdienstler Mell Horster und Sam Folder ein.

Außerdem ein Gerichtsmediziner namens Dr. Ruben Tamowitz. Für uns gab es hier jetzt nicht mehr viel zu tun. Jay und Leslie fuhren zurück zur Federal Plaza. Milo und ich blieben noch etwas dort. Auch wenn wir den Spezialisten bei ihrer Arbeit etwas auf die Nerven gingen, so wollte ich doch gerne wissen, ob sich in der Wohnung nicht noch irgendwelche Hinweise auf Alvarez’ Komplizen befanden. Eine Telefonnummer, eine Notiz, irgendetwas. Angesichts der entsetzlichen Behandlung, die der Killer Alvarez unterzogen hatte, war davon auszugehen, dass der Mörder den Namen von Alvarez’ Komplizen kannte. Es lag ein Rennen gegen die Zeit vor uns, bei dem wir von Anfang an  vollkommen unfair im Nachteil waren. Der Killer hatte sämtliche Trümpfe in der Hand.

Im Lauf der erkennungsdienstlichen Untersuchungen stellte sich schnell heraus, dass wir es wirklich mit einem absolut professionell und mit kühler Überlegung agierenden Täter zu tun hatten, von dem wir seit dem Mord an Luigini wussten, dass er noch einen Komplizen hatte.

So fanden wie ein Handy mit Prepaid-Karte, dessen Innenleben durch einen Schuss vollkommen zerstört war. Offenbar wollte der Killer nicht, dass wir eventuell seine Telefonnummer im Menue stießen.

Ähnlich rabiat war der Täter auch mit dem internetfähigen Computer des Opfers verfahren. selbst wenn es unseren Spezialisten gelang, doch noch einen Teil der Daten auf dieser zerschossenen Festplatte wieder lesbar zu machen, würde eine Wiedererstellung vermutlich Monate in Anspruch nehmen.

Die Frage, ob Sonny Alvarez irgendwelche Emails erhalten hatte, die für unsere Ermittlungen von Interesse gewesen wären, musste also vorerst offen bleiben. Ein Telefonregister fanden wir nicht. Es war anzunehmen, dass der Täter es mitgenommen hatte.

„Der Kerl hat wirklich an alles gedacht“, meinte Sam Folder. „Und vermutlich hat er sogar Latex-Handschuhe getragen, denn Fingerabdrücke konnten wir nirgends entdecken.“

Milo und ich fragten bei den Bewohnern der Nachbarwohnungen nach, ob ihnen irgendetwas aufgefallen wäre. Allerdings war der Großteil der Hausbewohner um diese Uhrzeit nicht zu Hause, weil sie ihren Beschäftigungen in Downtown Manhattan nachgingen. Immerhin hatte jemand gehört, dass zwischenzeitlich die Stereoanlage bei Alvarez unverhältnismäßig laut gewesen sei. Wahrscheinlich hatte der Täter damit die Schmerzensschreie seines Opfers übertönt.

Die Stunden zogen sich hin.

Eine Spur des Komplizen wollte sich in Alvarez’ Wohnung einfach nicht finden. 

„Wahrscheinlich ist es das Beste, wir lassen eine Hundertschaft Cops in die Clubs von Ellroy Garcia ausschwärmen und das Phantombild herumzeigen!“, meinte Milo ironisch – denn natürlich war auch ihm klar, dass es dazu gar nicht die personellen Ressourcen gab.

Als wir zu Alvarez’ Wohnung zurückkehrten, gab es immerhin einen kleinen Lichtblick.

„Wir haben eine Spur“, verkündete Sam Folder. „Es ist zwar kein Fingerprint, aber etwas, das den Täter auf ähnliche Weise identifizieren kann.“

„Na, da bin ich ja mal gespannt, Sam!“, sagte ich und Milo meinte: „Dann spann uns nicht so auf die Folter, Sam!“

„An der Tür war ein Ohrabdruck. Der Täter hat also erstmal gehorcht, was drinnen so los ist, bevor er sich Zugang verschafft hat, wobei sehr viel dafür spricht, dass das Opfer ihn hereinließ.“

Ein Ohrabdruck!

Das war immerhin etwas.

Abdrücke von Ohren oder Lippen sind genauso individuell wie Fingerprints. Der Unterschied in der fahndungstechnischen Verwertbarkeit liegt einfach daran, dass es zwar mit AIDS, dem so genannten Automated Identification System eine Datenbank für uns gibt, die Millionen von Fingerabdrücken verwaltet und nach verschiedenen Kategorien geordnet für eine Abfrage bereithält, aber der Aufbau einer Datei von Ohrabdrücken erst im Aufbau begriffen ist. Schließlich ist man erst vor wenigen Jahren bei Ermittlungen, die die deutsche Polizei gegen eine Bande von Serieneinbrechern im Ruhrgebiet darauf gekommen, dass die Täter gerade bei Einbruchsdelikten häufig dazu neigten, das Ohr an die Tür zu legen, um sich darüber zu vergewissern, ob noch jemand in der Wohnung war. Erstmalig war damals einem Täter später vor Gericht anhand eines Ohrabdrucks nachgewiesen worden, dass er für eine ganze Serie von Einbrüchen verantwortlich gewesen war.

„Das Problem ist nur, dass wir den Täter wohl erst einmal haben müssten, damit uns dieses Indiz weiter bringt!“, meinte ich angesichts des im Moment noch geradezu erbärmlichen Bestandes an gespeicherten Ohrabdrücken.

„Ich dachte, du freust dich, Jesse! Das ist doch mehr als nichts!“

„Du sieht wohl immer nur das Positive, Sam!“

„Was bleibt einem anders übrig, Jesse!“

––––––––

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Ein Mann, dessen Name ich nicht kannte und von dem nichts weiter als das von Agent Prewitt erstellte Phantombild bekannt war, befand sich im Fadenkreuz eines Killers – und es gab nichts, was wir im Augenblick tun konnten, um dieses Verbrechen zu verhindern.

Diese Situation wurmte mich.

Aber so sehr ich mir auch das Hirn zermarterte, im Augenblick gab es einfach keinen weiteren Hinweis auf den Komplizen von Sonny Alvarez.

Ich erkundigte mich telefonisch nach dem Club, in dem Sonny Alvarez als Türsteher tätig gewesen war. Unser Innendienstler Max Carter konnte mir da genauere Auskünfte geben. Der Laden existierte nicht mehr. Vor einem halben Jahr hatte es in dem Gebäude einen Brand gegeben und die Betreiber hatten eine dicke Versicherungssumme kassiert.

„Ich denke, die Leute, die damals für Ellroy Garcia die Strohmänner gespielt haben, werden doch vermutlich wieder eine ähnliche Beschäftigung im Syndikat der Miami-Leute gefunden haben“, war ich überzeugt. „Vielleicht könnt ihr da was herauskriegen, damit wir mit dem Phantombild etwas hausieren gehen können.“

„Wir versuchen unser Bestes, Jesse.“

„Oder wir gehen den direkten Weg und tauchen bei Ellroy Garcia persönlich auf.“

„Er wird kaum jeden seiner ehemaligen Türsteher persönlich kennen“, meinte Max.

„Nein, aber er weiß mit Sicherheit, was die Leute im Moment so tun, die in diesem verbrannten Club für ihn die Geschäfte geleitet haben.“

„So etwas solltest du auf keinen Fall auf eigene Faust starten, Jesse.“

„Wieso nicht?“

„Weil das erst zwischen Mister McKee und dem zuständigen Staatsanwalt abgesprochen werden muss.“

„Erklär mir das, Max!“ 

Ich hörte Max Carters Seufzen durch das Telefon.

„An Ellroy Garcia und seinen Hintermännern in Miami sind die DEA und die Steuerfahndung seit langer Zeit dran – und wir natürlich auch. Wenn wir jetzt für unnötigen Wind sorgen, wird die Staatsanwaltschaft davon nicht begeistert sein!“

„Unnötigen Wind?“, echote ich. „Wir haben es hier mit einer Mordserie zu tun, die ihresgleichen sucht und die New Yorker Unterwelt durcheinander schüttelt wie seit langem nichts mehr – da ist doch alles, was wir anrichten können nicht einmal ein laues Lüftchen!“

„Ich schlage vor, du besprichst das mit Mister McKee, Jesse.“

„Ja, das wird wohl das beste sein“, gestand ich zu.

Mister McKee war allerdings nicht zu erreichen. Ich bekam nur seine Sekretärin Mandy an die Leitung, die mir sagte, dass der Chef gerade eine Unterredung mit dem zuständigen Bezirksstaatsanwalt Roger F. Dimastenes hatte, der erst vor Kurzem ins Amt gekommen war und sich erst einmal hatte einarbeiten müssen.

„Aber ich soll Ihnen ausrichten, dass er Sie beide sprechen möchte, sobald Sie vom Tatort zurück sind.“

„In Ordnung“, murmelte ich.

„Tut mir leid, Jesse, aber im Moment kann ich nicht mehr für Sie tun!“

„Sie können dafür sorgen, dass ich einen Becher von Ihrem hervorragenden Kaffee bekomme, wenn ich bei Mister McKee zum Bericht erscheine.“

„Sagen Sie bloß, Sie sind irgendwann schon einmal durstig gegangen, Jesse!“

––––––––

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Auf dem Rückweg zur Federal Plaza nutzten wir die Zeit, um Francine Benson bei ihrer Schwester zu besuchen. Das hatte ich eigentlich längst machen wollen, denn ich fand, dass ihre Rolle bei der Ermordung von Jimmy DiCarlo noch längst nicht hinreichend aufgeklärt war und man ihr eigentlich noch etwas genauer hätte auf den Zahn fühlen müssen.

Aber die jüngsten Ereignisse hatten uns im Field Office New York kaum eine Verschnaufpause gegönnt.

Die Adresse ihrer Schwester Tyra, die Francine uns angegeben hatte, lag nur ein paar Blocks entfernt in der 116.Straße. So lag der Besuch gewissermaßen auf dem Weg, den wir ohnehin zurückzulegen hatten.

Die Wohnung lag im dritten Stock eines Hauses, dessen beste Tage mit Sicherheit schon einige Jahrzehnte zurücklagen. Die Fassade war in einem erbärmlichen Zustand und Graffiti verunstalteten die Front zur Straße hin bis auf eine Höhe, die für jeden Sprayer wohl beim besten Willen nicht zu überwinden war.

Ein paar spanisch sprechende Jugendliche hingen im Eingangsbereich herum und bedachten uns mit misstrauischen Blicken.

Milo parkte den Chevy am Straßenrand.

„Ich sehe dir richtig an, wie froh du bist, dass dein geliebter Sportwagen in der Werkstatt steht – und nicht an dieser Straße“, raunte Milo mir zu.

Ich grinste.

Offenbar verfügte mein Kollege über telepathische Kräfte.

„Dann kann ihn sich wenigstens niemand unter den Nagel reißen“, gab ich zurück.

„Etwas feiner hatte ich mir die Gegend schon vorgestellt“, meinte Milo.

Wir stiegen aus und gingen auf den Eingang zu.

Die Stimmen der jugendlichen Latinos, die zuvor durch die heruntergekurbelte Scheibe des Chevys zu uns herüber gedrungen waren, verstummten jetzt.

Wir gingen an ihnen vorbei und betraten das Haus.

Der Aufzug war defekt. Es blieb uns nichts anderes übrig, als die Treppe zu nehmen. Tyra Bensons Wohnung lag im dritten Stock.

Wir klingelten.

Eine mir wohl bekannte junge Frau öffnete uns einen Spalt breit, ließ aber zunächst die Kette in der Halterung. Wie hätte ich sie auch vergessen können!

Sie trug Jeans und T-Shirt und war barfuß. Das lange blonde Haar trug sie offen.

Francine Benson war eine außergewöhnlich attraktive Frau. Zumindest in diesem Punkt hatte Jimmy DiCarlo Geschmack bewiesen, wie ich zugestehen musste.

„Jesse Trevellian, FBI. Sie werden sich an meinen Kollegen Milo Tucker und mich sicher erinnern.“

„Tut mir Leid, Sir...“

„Aber...“

„Ich bin nicht Francine Benson, sondern...“

„...Tyra?“, hakte ich nach.

„Ja. Haben Sie mich nicht angerufen?“

„Stimmt. Ihre Schwester ist eine wichtige Zeugin in einem Mordfall und hat angegeben, dass Sie unter Ihrer Adresse zu erreichen wäre.“

„Das ist auch der Fall.“

„Können wir einen Moment hereinkommen.“

„Francine ist im Moment nicht da.“

„Wann kommt sie zurück?“

„Das hat sie nicht gesagt. Mein Gott, ich bin ihre Schwester, aber nicht ihr Kindermädchen.“

„Vielleicht hätten wir auch ein paar Fragen an Sie, Miss Benson“, mischte sich jetzt Milo ein.

Die junge Frau schluckte und schwieg zunächst. Ich hatte den Eindruck, dass sie darüber nachdachte, wie sie uns am schnellsten abwimmeln konnte, aber ich hatte mich getäuscht. „Kann ich Ihren Ausweis mal sehen?“, erkundigte sie sich.

Ich reichte ihr meine ID-Card.

Die Tür schloss sich.

Fünf, sechs Sekunden lang geschah gar nichts.

Dann hörte ich, wie die Tür entriegelt wurde. Offenbar hatte die junge Frau einiges in den Bereich investiert, den man auch „passive Sicherheitstechnik“ nennt.

Schließlich war die Tür offen.

Jetzt sah ich sie in ihrer ganzen Schönheit.

Mein Gott, sieht sie ihrer Schwester ähnlich!, durchzuckte es mich. Die beiden glichen sich wie ein Ei dem anderen.

Ich blickte auf ihre nackten Füße. Ein Detail fiel mir auf. Die Nägel waren rot lackiert. Ich versuchte mich daran zu erinnern, ob das bei Francine auch der Fall gewesen war. Als sie uns zum ersten Mal begegnet war, hatte sie offene Schuhe angehabt. Eigentlich hätten mir derart auffällig lackierte Fußnägel auffallen müssen!, dachte ich.

Immerhin gab es also ein Detail, das an den beiden Frauen nicht gleich war.

Sie bat uns herein.

„Sie sehen Ihrer Schwester wirklich sehr ähnlich“, gestand ich.

Ein verhaltenes Lächeln flog über ihr Gesicht. Mit einer grazil wirkenden Geste strich sie sich das Haar zurück und holte anschließend eine verirrte Strähne von der Stirn.

Selbst, was ihre Körpersprache anging, die Art sich zu bewegen und die Art, wie sie sich das Haar aus den Augen strich, glich sie ihrer Schwester bis auf jede Kleinigkeit.

„Sie sind nicht der Erste, der uns verwechselt, Mister...“

„Trevellian. Jesse Trevellian“, wiederholte ich. „Aber Sie können mich ruhig Jesse nennen.“

Sie lächelte.

„Jesse...“

„Sie sind Zwillingsschwestern.“

„Ja. Eineiig, wie Sie sich denken können. Früher auf der McKee School haben wir damit viel Blödsinn gemacht!“

„Und jetzt?“

Sie lächelte etwas breiter. In ihren Augen blitzte es herausfordernd. „So was legt sich mit den Jahren, Jesse! Meinen Sie nicht?“

„Kommt darauf an.“

Wir folgten ihr in die Wohnung. Im Wohnzimmer bot sie uns Platz an.

Sie selbst blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Jetzt sagen Sie mir schon, was Sie über meine Schwester wissen wollen.“

„Hat Sie Ihnen etwas über ihre Beziehung zu Jimmy DiCarlo erzählt?“, fragte ich.

„Nicht viel, um ehrlich zu sein, war es ziemlich überraschend für mich, dass sie bei ihm eingezogen ist und ihre Wohnung aufgegeben hat. Bis dahin hatte sie einen Job als Gogo-Tänzerin und sich mehr schlecht als recht durchgeschlagen – so wie wir alle.“

„Wo war sie Gogo-Tänzerin?“, hakte ich nach.

„In irgend so einem Glitzerschuppen. Dort hat sie auch Jimmy kennen gelernt, wie sie mir mal gesagt hat, aber mehr weiß ich nicht. Keine Ahnung, weswegen sie um die Geschichte immer so ein Geheimnis gemacht hat.“

„An den Namen dieser Discothek erinnern Sie sich nicht zufällig?

„STAR glaube ich.“

„Vielleicht auch STARFIRE?“

Sie nickte eifrig.

„Ja, genau so hieß der Laden: STARFIRE!“

„Fragt sich nur, was Jimmy DiCarlo in einem Glitzerladen zu suchen hatte, der unter Kontrolle von Ellroy Garcia steht!“, meinte Milo.

„Ein Grund mehr, Mister Garcia mal selbst dazu zu befragen.“

„Falls uns nicht irgendjemand einen Strich durch die Rechnung macht, in der Hoffnung, ein paar größere Fische an den Haken zu bekommen, Jesse!“

Ich nickte knapp und konzentrierte mich wieder auf Tyra Benson.

„Sind Sie auch mal mit Ihrer Schwester ins STARFIRE gegangen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, das ist nicht meine Welt. Ich verdiene mein Geld in einem Coffee Shop ein paar Blocks weiter – aber ich hätte einfach keine Lust dazu, halbnackt vor einer Horde angetrunkener Großkotze herumzutanzen, deren Nasen entweder vom übermäßigen Trinken oder vom Kokainschnupfen rot sind.“ Ihr Blick wurde sehr ernst. Die Augenbrauen zogen sich zusammen. In der Mitte ihrer Stirn erschien eine Falte. „Ist meine Schwester in irgendetwas verwickelt?“, fragte sie. „Seien Sie ehrlich zu mir, die ganze Geschichte stinkt mir nämlich langsam und ich glaube auch nicht, dass mir Francine die volle Wahrheit gesagt hat!“

„Jimmy DiCarlo, der Mann in den sich Ihre Schwester so schnell verliebte, hatte unseren Erkenntnissen nach einen relativ hohen Rang in der Mafia. Eine Reihe von Männern, die auf der gleichen Rangstufe stehen wurde in jüngster Zeit ermordet und wir versuchen herauszufinden, wer dafür verantwortlich sein könnte. Da ist alles.“

Sie sah erst mich und dann Milo an und ich hatte den Eindruck, dass sie mit sich rang, ob sie uns noch mehr erzählen sollte.

„Glauben Sie, dass für Francine eine Gefahr besteht?“, fragte sie schließlich vorsichtig.

Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste. Jetzt hieß es, sich wie auf sehr dünnem Eis weiter vorwärts zu bewegen. Ich spürte, dass wir kurz dem Ziel waren und die junge Frau fast soweit hatten, dass sie uns etwas mehr erzählte, als ihrer Schwester vielleicht lieb war.

Aber mein Instinkt sagte mir, dass Francines Rolle in dieser Sache wichtiger war, als es zunächst den Anschein gehabt hatte. Mein anfänglicher Verdacht war von Anfang an richtig gewesen und vielleicht konnte mir ihre Schwester dabei helfen, mich zu bestätigen.

Wenn ich sensibel genug vorging, sodass sie sich nicht wieder in ihr Schneckenhaus zurückzog.

Milo nickte mir zu. Damit signalisierte er: Mach du das.

Okay, dachte ich.

„Um das einzuschätzen müssten wir mehr wissen“, wich ich Francines Frage zunächst einmal aus. „Aber Tatsache ist, dass sie sich im Zentrum eines Gangsterkrieges befindet und wo gehobelt wird, da fallen auch Späne. Vielleicht können sie mir sagen, auf welches Spiel sich Francine da eingelassen hat. Sie war am Tatort, als der Mann, den sie angeblich liebte aus einem nahe gelegenen Gebäude von einem Scharfschützen abgeknallt wurde. Was würden Sie machen? Wahrscheinlich warten, bis die Polizei eintrifft.“

„Hat Sie das nicht getan?“

„Hat Sie Ihnen das erzählt?“

„Nein, sie hat nur wenige Details darüber von sich gegeben, das meiste weiß ich aus den Lokalnachrichten und die waren natürlich auch nicht sehr detailfreudig – aus fahndungstaktischen Gründen, wie es hieß. Deswegen habe ich mich, was Francines Schweigsamkeit anging auch besonders gewundert.“ Sie zuckte ihre schmalen Schultern. „Ich dachte zunächst, dass sie vielleicht vom FBI die Order hat, nicht allzu redselig zu sein. Aber dann geschah etwas sehr Merkwürdiges.“

„Was?“

„Sie bekam Besuch von einem Mann, den ich nie zuvor gesehen hatte.“

„Können Sie ihn beschreiben?“

„Grauhaarig, gut gekleidet. Mitte siebzig.“

Das konnte jedenfalls nicht Michael Chambers sein, überlegte ich. Andererseits traute ich einem gewieften Vollprofi wie ihm zu, dass er sein Äußeres sehr stark veränderte, wenn es die Situation erforderte.

„Wann war das?“

„Gestern Abend. Dieser Mann hat Francine Geld gegeben. Mehrere Bündel mit Geldscheinen. Wenn Sie mich fragen, dann schätze ich, dass es mindestens zehntausend Dollar waren.“

„Wissen Sie, wofür Sie das Geld bekam?“

„Nein, keine Ahnung und sie ist meinen Fragen auch ausgewichen. Ich...“ Sie schluckte und atmete dann schwer. Es schien da etwas zu geben, was ihr noch schwer auf der Seele lastete.

„Sprechen Sie ruhig“, versuchte ich sie zu ermuntern. Aber offenbar hatte ich damit das Gegenteil erreicht.

Sie biss sich auf die Lippe. „Es ist nichts“, behauptete sie. „Ich habe Ihnen schon mehr gesagt, als gut ist. Schließlich hat Francine mir eingeschärft mit niemandem zu reden, der sich nach ihr erkundigt.“

„Das FBI eingeschlossen?“

Die Antwort auf diese Frage blieb uns Tyra Benson schuldig. Sie sah auf die Uhr. „Ich muss jetzt gleich noch mal in den Coffee Shop. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden. Mein Chef hasst es, wenn ich unpünktlich bin – und ein kleines Kind, das Husten hat oder so etwas kann ich als Entschuldigung nicht vorweisen.“

Ich gab ihr meine Karte. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, können Sie uns jederzeit erreichen.“

„Danke.“

„Und sobald Ihre Schwester nach Hause kommt, sagen Sie mir bitte Bescheid.“

„Ja, natürlich.“

Sie würde es nicht tun. Das hatte ich im Gefühl.

Wir verabschiedeten uns und gingen zurück zum Wagen. Die Jugendlichen, die dort gewartet hatten, standen noch immer da herum.

Einer der Älteren unter ihnen, trat uns in den Weg. Er trug ein Baseball-Cap mit der Aufschrift EL NINO VIENE und weite Cargo-Hosen, die ihm fast bis in die Kniekehlen herunterhingen.

Wenigstens konnte er keine Karate-Tritte ausführen, solange er die Hose so tief trug.

Der Kerl rempelte mich mit voller Absicht an.

Ich schnellte zurück und konnte gerade noch das Gleichgewicht halten. Milos rechte Hand glitt zum Griff seiner SIG.

Aber er noch ließ er die Waffe stecken.

Schließlich wollte er die Situation nicht unnötig eskalieren lassen.

Der junge Mann – ich schätzte ihn auf etwa zwanzig Jahre – hob die Hände.

„Hey, immer cool bleiben Mann! War ein Versehen!“

Die anderen Jugendlichen kamen jetzt dazu und bildeten einen Halbkreis.

„Ich würde sagen, es ist das Beste jeder von uns geht einfach seinen Weg“, sagte ich.

Der Kerl, der mich angerempelt hatte, deutete auf Milo. „’ne coole Knarre hast du da, Amigo! Zeig mal her!“

Ich zog meine ID-Card.

„FBI! Der Spaß ist jetzt zu Ende, Jungs!“

„Ich habe doch gleich gewusst, dass ihr hier nicht hergehört!“

„Was du nicht sagst.“

„Bueno, wir passen eben ein bisschen auf, wer hier so herumlungert. Ihr Cops sagt doch immer, dass man in der Nachbarschaft die Augen aufhalten soll!“

„Na, wenigstens das scheint ihr mitgekriegt zu haben.“

Eine Gasse bildete sich. Milo und ich gingen hindurch und erreichten wenig später den Wagen.

„Was glaubst du, was die mit uns gemacht hätten, wenn du Ihnen nicht die FBI-Marke unter die Nase gehalten hättest?“, fragte Milo.

Ich zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich gar nichts. Da wollte doch jemand nur ein bisschen angeben.“

„Ich hoffe, du hast Recht.“

„Bestimmt.“

Wir stiegen ein.

Milo setzte sich ans Steuer und startete. Unser nächstes Ziel war das Bundesgebäude an der Federal Plaza.

Im Rückspiegel sah ich noch, wie der Kerl mit der EL NINO VIENE-Mütze in seine Hosentasche griff und ein Handy ans Ohr nahm.

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Paco aquí!“, sagte der junge Mann und schob sich die Baseballkappe in den Nacken, während der Wagen mit den beiden G-men hinter der nächsten Ecke verschwand. „Senor Scirea? Sie hatten doch gesagt, dass ich Sie anrufen soll, wenn hier jemand auftaucht, der hier nicht hergehört. Dos Agentos del FBI estaban aquí! Zwei G-men waren bei Senorita Benson...”

„Bist du sicher?”

„Sí, Senor!”

„Hör mit deinem Kauderwelsch auf und sprich Englisch!”

„Ein echter Italiener sollte eigentlich trotz allem keine allzu großen Schwierigkeiten haben, mich zu verstehen, Senor Scirea. Bueno, unsere Sprachen sind sich doch ziemlich ähnlich – oder haben Sie Ihre alte Heimat schon vollkommen vergessen?”

„Ich möchte weiter auf dem Laufenden gehalten werden.”

„Sí, Senor. Aber da ist noch eine Kleinigkeit, die Sie vielleicht vergessen haben.”

„Wovon sprichst du, Paco?”

„Wann bekomme ich mein Geld, Senor Scirea?”

„Keine Sorge. Ich halte mein Wort.”

„Muy bien.”

“Ehrenwort!”

“No soy idiota”, murmelte Paco. “Wenn Sie glauben, irgendwelche Spielchen treiben zu können...”

“Keine Sorge, Paco. Es kommt alles in Ordnung.”

“Jesús y María! Das will ich hoffen!”

“Aber ein bisschen müsst ihr dafür noch für mich arbeiten!”

“Überspannen Sie den Bogen nicht, Hombre!” Paco steckte das Handy ein.

Scirea blickte auf die Rolex an einem Handgelenk. Die Lage ist schon lange nicht mehr derart brenzlig gewesen!, ging es ihm durch den Kopf.

Auf jeden Fall würde er es auf keinen Fall dulden, dass jemand wie Francine Benson sie noch komplizierter machte, als sie ohnehin schon war.

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4. Kapitel

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Ich kann Ihnen eine erfreuliche Mitteilung machen“, erklärte Mister McKee, als wir uns in seinem Büro zur Besprechung einfanden. Ich nippte an meinem Kaffeebecher und verbrühte mir dabei fast die Zunge. Mister McKee zögerte, ehe er fort fuhr: „Der neue Bezirksstaatsanwalt Roger Dimastenes hat grünes Licht dafür gegeben, dass wir im Umkreis von Ellroy Garcia ermitteln und dabei notfalls auch etwas Wind machen. Die Spuren führen zu eindeutig in Richtung der Organisation, die er vertritt.“

Außer Milo und mir waren noch die G-men Leslie Morell, Jay Kronburg, Fred LaRocca und Orry Medina anwesend. Dazu natürlich Clive Caravaggio, unser stellvertretender Chef und Max Carter aus der Fahndungsabteilung.

Darüber hinaus gab es noch eine weitere Person in unserer Runde. Sie hatte dunkles, gewelltes Haar – so dicht, dass es auch durch ein Haarband kaum zu bändigen war. Die Züge waren feingeschnitten, der Teint bräunlich.

„Ich möchte Ihnen Special Agent Rita Moreno vorstellen“, eröffnete uns Mister McKee. „Sie wurde uns vom FBI Field Office Miami zugeordnet, damit wir die hiesigen Pläne der Miami-Connection besser bekämpfen können. Vielleicht sagen Sie uns ein paar Worte über sich.“ 

Rita Moreno nickte. „Ich stamme genau wie die meisten Mitglieder der so genannten Miami-Connection von Menschen ab, die irgendwann aus Kuba flohen, um in den Vereinigten Staaten von Amerika ein Leben in Freiheit zu führen“, begann sie. „Manche meiner Landsleute betrachten mich deshalb als Verräterin, weil ich die verbrecherischen Organisationen bekämpfe, die einige unter ihnen gegründet haben. Aber in meiner Sicht sind sie die Verräter – nicht ich. Sie haben schließlich die Freiheit, die sie hier fanden, missbraucht. Diejenigen, die darunter am meisten leiden, sind meine Landsleute, die von diesen Leuten wie Zitronen ausgepresst werden.“

Ihre Stimme klang etwas belegt.

Sie muss ein persönliches Motiv dafür haben, sich so sehr in ihre Arbeit zu knien, dachte ich. Einerseits konnte ein derartiges Moment ein Grund dafür sein, auch in schwierigen, beinahe aussichtslosen Fällen nicht aufzugeben. Mir fiel da natürlich an erster Stelle unser Chef Mister McKee ein, dessen Familie durch ein Verbrechen ums Leben gekommen war und der daher sein Leben folgerichtig der Bekämpfung des Verbrechens gewidmet hatte.

Aber wenn die persönliche Betroffenheit zu groß war, konnte andererseits die Urteilskraft darunter leiden. Das lag ganz daran, wie der Einzelne das Geschehen verarbeitet hatte. Im Fall von Rita Moreno schien es noch relativ frisch zu sein. In wie fern sich das auf den Job wirkte, den sie zu machen hatte, musste sich zeigen.

Mister McKee stellte uns der Kollegin aus Miami der Reihe nach vor und erklärte schließlich: „Sie alle werden eng mit Agent Moreno zusammenarbeiten. Ihr großer Vorteil ist, dass sie sich im exilkubanischen Milieu zu gut auskennt und die Sprache spricht.“

„Mein Nachteil ist allerdings, dass ich eine Frau bin – und diese Leute ausgesprochene Machos“, ergänzte Rita. „Die akzeptieren niemanden, der sín cojones ist.“

„Was bedeutet sín cojones?“, hakte Mister McKee nach.

„Ohne Eier.“

„Äh, ja...“, sagte Mister McKee, verzog aber keine Miene, während sich die anderen Anwesenden ein leichtes Grinsen nicht verkneifen konnten. „Vielleicht können Sie uns etwas über Ellroy Garcia sagen, der hier in New York so etwas wie der Statthalter des Miami-Syndikats zu sein scheint.“

„Damit unterschätzen Sie Garcias Rolle bei weitem. Anfangs mag seine Rolle so richtig beschrieben gewesen sein, aber inzwischen hat sich da einiges geändert. Wir können davon ausgehen, dass Ellroy Garcia an allen wichtigen Entscheidungen der Miami-Connection beteiligt und keineswegs nur bloßer Befehlsempfänger ist. Ganz im Gegenteil. Er hat lange Zeit darauf hingewirkt, dass die Miami-Connection ihren eher kooperativen Kurs gegenüber den alteingesessenen Mafia-Organisationen in den Neu England-Staaten aufgibt und endlich zur Offensive antritt.“

„Einer ziemlich blutigen Offensive“, sagte Mister McKee.

Rita nickte. „Die sind es aus Miami gewöhnt, sehr rabiat vorzugehen. Allerdings überrascht mich persönlich der Zeitpunkt, zu dem dieser Krieg ausgebrochen ist. Nach unseren Ermittlungen war damit eigentlich frühestens in einem halben Jahr zu rechnen.“

„Wieso das?“

„Wir wissen, dass die Anführer der Miami-Connection mit einigen wichtigen Drogenlieferanten aus dem Mittleren Osten und dem Bereich der ehemaligen GUS-Staaten in Verhandlungen standen, deren Ziel es war, die Italiener völlig aus dem Markt zu schlagen indem man sie vom Nachschub abschnitt. Das kostet natürlich sehr, sehr viel Geld, wie man sich denken kann. Schließlich wollen die Lieferanten in Afghanistan oder Kirgisien weiterhin ihre Verkaufsmengen garantiert haben. Etwa ein halbes Jahr hätte es unseren Berechnungen nach gedauert, um so einen Angriff auf den internationalen Drogenmarkt zu organisieren.“ Rita zuckte die Schultern. „Kann ja sein, dass die Hombres in Miami plötzlich auf unerwartete Geldquellen gestoßen sind, die es ihnen möglich gemacht haben, die Sache schneller in Angriff zu nehmen.“

„Könnte es nicht auch sein, dass die andere Seite davon erfahren hat und die Miami-Leute deswegen zum Handeln gezwungen waren?“, fragte Mister McKee. Er hob die Augenbrauen und fuhr nach kurzem Zögern fort: „Ich meine, wenn Sie solche Sachen wissen.“

„Innerhalb von Jahren haben wir ein relativ zuverlässiges Netz von Informanten und V-Leuten installiert. Unsere Erfolge beruhen einzig und allein darauf.“

„Ich verstehe.“

„Dabei handelt es sich durchweg um Leute, die ebenfalls kubanische Wurzeln haben. Anders wäre es gar nicht möglich, in diese Strukturen einzudringen. Kein Italiener könnte das – ein Anglo White American schon gar nicht. Selbst Puertoricaner würden sofort auffallen. Latino ist eben nicht Latino.“

Mister McKee wandte den Kopf in meine Richtung. Er trank zunächst seinen Kaffee leer, bevor er mich ansprach.

„Ich denke, Agent Moreno ist die Unterstützung, die Sie brauchen, Jesse, wenn Sie jetzt demnächst Ellroy Garcia auf den Zahn fühlen. Weisen Sie Agent Moreno in den Fall entsprechend ein.“

„Ja, Sir“, nickte ich.

„Auf gute Zusammenarbeit“, sagte Agent Moreno. „Darf ich Sie Jesse nennen?“

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Ein kühler Wind wehte von der Hudson-Mündung herüber, sodass Francine Benson ihre Jacke schloss.

Sie fröstelte leicht und blickte auf die Uhr.

Der Mann, der sich Smith genannt hatte, hatte Verspätung. Genau hier, mitten in den Grünlagen des Battery Park, die die Südspitze Manhattans umsäumten, hatten sie ihren Treffpunkt.

Sie beobachtete die Fähre, die gerade vom Pier abgelegt hatte, um sich auf den Weg nach Liberty Island zu machen. Die Freiheitsstatue reckte ihre Fackel in den fast wolkenlosen Himmel. Das leicht gekräuselte Wasser an der Hudsonmündung glitzerte in der Sonne.

„Francine!“, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr.

Sie zuckte regelrecht zusammen und wirbelte herum.

Es war Smith.

Der Mann mit dem Sonnenblumen-Tattoo. Das war ihr schon bei  der ersten Begegnung mit ihm aufgefallen. Das und eine besondere Intensität in seinem Blick. Eine Form äußerster Entschlossenheit schien sich darin auszudrücken, die sie jedesmal hatte schaudern lassen, wenn sie ihm begegnet war.

Francine zuckte zusammen.

Sie hatte ihn nicht kommen hören.

„Meine Güte, haben Sie mich erschreckt.“

„Das war nicht meine Absicht.“

Francine atmete tief durch. „Am Telefon haben Sie es ziemlich dringend gemacht.“

„Das ist es auch.“

„Was soll ich tun?“

„Kommen Sie an Ray Scirea heran? Trauen Sie sich das zu?“

„Den Conciliere von Harry Marini?“

„Genau.“

Sie zögerte einen Moment und schluckte. „Ich weiß nicht...“

„Was wissen Sie nicht?“

„Ich hatte gedacht, die Sache mit Jimmy....“

„Einmal noch, Francine. Einmal brauche ich noch Ihre Hilfe.“

„Muss es wirklich sein?“

„Diese Frage können Sie selbst beantworten, Francine.“ Er fasste sie bei den Schultern. Sein Blick war wieder von dieser kalten Entschlossenheit geprägt. Ihr fröstelte unwillkürlich. „Ja, es muss sein“, murmelte sie schließlich und der Klang seiner Stimme erinnerte dabei an klirrendes Eis. „Es muss sein...“ Sie wiederholte es noch einmal, so als müsste sie sich erst noch selbst darüber vergewissern, dass ihre Worte der Wahrheit entsprachen.

„An Scirea heranzukommen ist überhaupt keine Schwierigkeit“, sagte sie.

„Großartig. Ich wusste, dass auf Sie Verlass ist!“

„Er läuft mir sogar nach, der Alte.“

Details

Seiten
2100
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738917307
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
krimis seiten

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

    1215 Titel veröffentlicht

  • Peter Schrenk (Autor:in)

  • Karl Plepelits (Autor:in)

  • Cedric Balmore (Autor:in)

  • Horst Bieber (Autor:in)

  • Manfred Weinland (Autor:in)

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Titel: So kaltblütig! 11 Top Krimis auf 2100 Seiten