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Gesetzlose Zeit

2018 150 Seiten

Leseprobe

Gesetzlose Zeit

Larry Lash

Published by Cassiopeiapress Extra Edition, 2018.

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Gesetzlose Zeit

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Western von Larry Lash

Der Umfang dieses Buchs entspricht 159 Taschenbuchseiten.

Einer schrie heiser vor Angst und Grauen: „Der Wagen! Er kommt den Berg herunter!“

Wie ein Teufelsgeschoss raste der schwere Conestoga auf die Reiter zu. Funken stoben unter den polternden Wagenrädern auf, Bretter und Steine wirbelten durch die Luft. Zehn Männer lähmte das Entsetzen ...

So hatte sich Dav Head, der Junge aus den Hügeln, das Leben nicht vorgestellt. Er wollte die Welt erobern und geriet in eine Hölle von Kampf, Tod und Gefahr.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Hugo Kastner

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1.

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Was ist das nur für eine Stadt?“, murmelte der Reiter, der von einem Hügelrücken aus auf Coville blickte.

Coville war größer als alle Städte, die Dav Head kannte. Sie besaß eine Kirche, Bürogebäude, zwei Schulen und einen großen Rinderverladebahnhof. Von der Mainstreet zweigten mehrere Nebenstraßen ab.

Für Dav Head war das eine große und gewaltige Stadt, deren Lärm zu ihm drang. Er betrachtete sich die Stadt, um sich ihre Lage, die Hauptgebäude und all das, was ein Mann wissen musste, genau einzuprägen. Er wollte sich, ohne Fragen zu müssen, zurechtfinden können.

Langsam senkte sich die Dämmerung über Coville. Dunkelheit kroch in die Gassen und Winkel. Für einen Mann konnte es sehr wichtig sein, wenn er in einer fremden Stadt Bescheid wusste. Dav Head kam aus dem tiefen Westen, aus einer Gegend, in der sich die Coyoten gute Nacht sagten und ein Mann kaum die Chance hatte, es zu etwas zu bringen.

„Reite, mein Sohn!“, hatte ihn der Vater an dem Tag aufgefordert, als er dem älteren Bruder die kleine Eine-Kuh-Ranch vermachte. „Für zwei Männer ist die Ranch zu klein. Reite in die Welt und versuch dein Glück, Dav!“

Dav war einverstanden gewesen. Er bekam das beste Pferd der Ranch, Wegzehrung und einen alten Revolver. Den Revolver hatte der Vater aus einer Truhe geholt. Die alte Waffe lag gut in Davs Hand. Der lange Lauf machte es möglich, auch auf größere Entfernung zu treffen. Er probierte die Waffe aus, ließ sich reichlich mit Munition versorgen und nahm dann Abschied. Auf sich allein gestellt, begann er ein neues Leben, in dem er für sich selbst sorgen musste. Mit einundzwanzig Jahren sah er nun zum ersten Mal eine richtige Stadt. Er verharrte staunend im Sattel.

Coville musste verlockend auf einen jungen Mann wirken, der aus den Hügeln kam und der bisher nur kleine Kuhdörfer, Ranches und Rinder gesehen hatte. Dav Head fehlte jede Vergleichsmöglichkeit. Für ihn war Coville eine Märchenstadt. Niemand hätte ihm das ausreden können, auch nicht, wenn man ihm gesagt hätte, dass es weitaus schönere Orte gab.

Dav Heads Augen leuchteten, und seine Brust weitete sich. Jetzt würde für ihn das richtige Leben beginnen, das Leben, von dem er nur verschwommene Vorstellungen hatte. By Gosh, die ganze Welt wartete darauf, erobert zu werden! Dav würde sich seinen Anteil holen, egal wie. Er würde nur dann zu der Eine-Kuh-Ranch in den Hügeln zurückkehren, wenn er es zu etwas gebracht und die Taschen voll Geld hatte. Von jetzt an würde er jede sich bietende Chance nützen, um das Glück beim Zipfel zu fassen. Er würde nicht mehr loslassen.

„Go on“, murmelte er. Seine Stimme klang heiser, als er den Tigerschecken mit einem Schenkeldruck in Bewegung brachte. Dav benutzte nicht die Sporen. Die Flanken seines Pferdes zeigten keine hässlichen Narben. Man sah ihnen an, dass sie noch keine Radsporen gespürt hatten. Der junge Mann aus dem Hinterland ritt, als sei er mit seinem Tier verwachsen.

Die Einwohner der Stadt beachteten den Fremden nicht. Jetzt, bei Beginn der Dunkelheit, schien die Stadt – wie jede Nacht – aufzuleben und sich auszudehnen. Coville zeigte dann sein zweites Gesicht, aber davon sah Dav Head vorerst wenig. Besonders fielen ihm die vielen Reiter auf, die der Town zustrebten. Manche ritten einzeln, andere in Gruppen. Alle konnten nicht schnell genug in die Stadt gelangen, die mit ihrem Lärm und ihrem Rindergebrüll immer stärker lockte. Dav kam an den Verladerampen am Bahnhof vorbei. Eine Lok setzte sich mit vielen angekoppelten Wagen in Bewegung und verließ schrill pfeifend die Stadt.

Dav Head musste sein bockendes Pferd am Ausbrechen hindern. Als er das Tier wieder in der Gewalt hatte, hörte er lautes Lachen. Ein alter Mann winkte ihm zu und fragte:

„Fremd hier?“

Dav nickte. Er betrachtete den Alten, ohne ein Wort zu sagen.

„Sehr misstrauisch, wie?“, grinste der graubärtige Mann und zog die Augenlider enger. „Wohl aus den Hügeln?“

Wieder nickte Dav. Er spürte einen dunklen Zorn in sich aufsteigen, der sich gegen den Alten richtete. Er dachte nicht daran, sich von oben herab ansehen und sich als Greenhorn abtun zu lassen.

„Ich habe Sie nicht gerufen“, knurrte Dav rau. Er wollte weiterreiten und dem Alten den Rücken kehren, doch der trat ihm in den Weg und packte den Tigerschecken am Zügel.

„Ich wollte dich nicht beleidigen, Boy. Ich stamme auch aus den Hügeln. Für mich ist das keine Kränkung, sondern ein Gütezeichen, mein Junge. Weil das so ist, erkenne ich jeden Mann, der aus den Hügeln kommt. Ich sehe das nicht nur an seiner Kleidung, sondern auch an der Art, wie er reitet.“

„Um mir das zu sagen, bist du mir nicht in den Weg getreten, Alter“, erwiderte Dav. „Sprich dich aus, Opa!“

„Opa? Ich bin nicht dein Opa!“, sagte der Alte, ließ die Zügel los und fuchtelte Dav mit den Händen vor dem Gesicht herum. „Ich könnte dein Vater sein, Junge. Da ich es aber nicht bin, kann ich dir auch keine Vorschriften machen und dich nur bitten, mein Partner zu sein.“

„Was für ein Partner?“, fragte Dav Head erstaunt und blickte den Graubärtigen genauer an.

Der Alte war schmuddelig, seine Kleidung speckig. Bart und Haupthaar waren so filzig, dass man nur mühsam mit einem Kamm hindurchkommen würde. Tiefe Falten kerbten das Gesicht des Mannes. Es war ein Schmorapfelgesicht, in dem helle Augen weit auseinander standen. Hinfällig und zittrig sah der Alte allerdings nicht aus. Er war kräftig gebaut.

„Ich brauche dringend einen Partner“, fuhr er fort, als er von Dav keine Antwort bekam. „Schon seit zwei Tagen bin ich auf der Suche nach dem richtigen Mann. Ob du es glauben willst oder nicht, in dieser dreckigen Stadt habe ich keinen gefunden. Jetzt kommst du mir durch Zufall über den Weg. Ich weiß diese Chance zu nutzen, und auch du solltest sie nicht verstreichen lassen. Du kommst aus den Hügeln und bist sicherlich auf der Suche nach einem Job?“

Was hatte der Alte gegen die Stadt? Dreckig nannte er sie. Seltsam war auch, dass er in zwei Tagen keinen passenden Partner gefunden hatte. Das alles stimmte Dav nachdenklich. Was für eine Partnerschaft wollte der Alte ihm antragen? Es galt doch sicherlich hier dasselbe wie in den Hügeln, dass die Menschen einander nichts zu schenken hatten.

„Wo ist der Haken bei der Sache, Oldman? Ich möchte nicht der Fisch sein, der am Köder zappelt. Ich kam in diese Stadt, um Arbeit zu suchen. Ich bin noch nicht einmal warm geworden, und schon trägt man mir Arbeit an. Dabei möchte ich diese wunderschöne Stadt erst einmal kennenlernen.“ „Den Wunsch haben alle abgerissenen und verwegenen Reiter, die aus den Hügeln kommen. In den Saloons warten nur die Schlepper, Kartenhaie und Galgenvögel darauf, die Fremden auszunehmen, bis sie keinen Dollar mehr besitzen. Sie landen dann in der Gosse. Manch einer erwachte darin und hatte alles verloren, auch sein Pferd. Die Stadt dort, Junge, ist nichts für dich. In ihr versumpft man schnell. Es dauert nicht lange, dann reitet man am Abgrund entlang. – Ich biete dir Arbeit und Partnerschaft.“

„Ich fragte nach dem Haken, Oldman. Du bist mir bisher ausgewichen. Rede es dir also von der Leber.“

Der Graubart kniff die Augenlider enger. Er sah ein, dass er den jungen Mann nicht überrumpeln konnte.

„Es gibt tatsächlich einen Haken“, gab er zu. „An dem hänge ich nämlich im Augenblick. Ich bin allein und hätte gern Gesellschaft. Das kannst du aber erst verstehen, wenn ich es dir ganz genau erkläre.“

Bei diesen Worten zog der Alte einige Papiere aus der Westentasche und hielt sie Dave Head hin.

„Tut mir leid, ich kann nicht lesen“, sagte Dav und schämte sich ein wenig dabei. „Ich habe weder lesen noch schreiben gelernt. In den Hügeln gibt es keine Schulen. Ich hoffe, dass ich hier das Versäumte nachholen kann. Ich werde hier arbeiten und die Sonntagsschule besuchen.“

Dav Head lächelte vor sich hin. In seine Augen kam ein besonderer Glanz. Man spürte, dass der junge Mann sich danach sehnte, sein Wissen zu erweitern.

Der Alte winkte ab.

„Freund, solange diese Stadt wild ist, werden nur Kinder unterrichtet. Einen Mann würde kein Lehrer als Schüler annehmen. Er müsste befürchten, dass er und sein erwachsener Schüler zu Spottfiguren würden. Nein, mein Junge, das hat keinen Zweck für dich. Erst musst du Arbeit haben, dann kannst du weitersehen.“ Der Alte steckte die Papiere wieder in die Westentasche und fuhr fort: „Werde mein Partner! Beim Spiel gewann ich eine Ranch in der Nähe dieser Stadt. Ich kam hierher, um sie zu übernehmen.“

„Und dafür brauchst du einen Partner?“, staunte Dav.

Der Alte nickte.

„Ja, denn ich habe bereits erfahren, dass die Ranch noch mehrere Mitbesitzer hat. Das geht aus den Papieren hervor. Ich habe auch schon erfahren, dass es nicht einfach sein wird, mit den Leuten ins Reine zu kommen. Der Mann, der seinen Anteil an der Ranch an mich verlor, schien nicht einmal über den Verlust betrübt zu sein. Das hat mich misstrauisch gemacht. Es sieht aus, als würde ich durch meinen Gewinn in ein Wespennest geraten.“

„Dann bleib diesem Wespennest fern, Oldman.“

„Mein Leben lang habe ich von einer Ranch geträumt, Boy. Ich versuchte für eine Ranch zu sparen, aber ich war dem Spielteufel verfallen und kam einfach zu nichts. Jetzt, da ich die Hälfte einer Ranch im Spiel gewann, werde ich meine Chance nützen. Ich habe es satt, von Ort zu Ort, von einer wilden Stadt in die andere zu fahren und den Leuten meine Ware zu verkaufen. Ich will endlich sesshaft werden. Warum soll das nicht hier sein? Das Land ist schön, ein echtes Männerland. Diese Stadt nehme ich dabei in Kauf, wenn sie auch nicht nach meinem Geschmack ist. Ich habe nun einen Anteil an einer Ranch, und es muss doch möglich sein, sich mit den Besitzern des anderen Teiles zu einigen.“

„Nur zu, Oldman, versuch es! Du hast mich lange genug aufgehalten, gib den Weg frei.“

„Womit habe ich dich nur verärgert, Boy?“, fragte der Alte. „Was ist los mit dir?“

„Hol deine Kastanien selbst aus dem Feuer! Ich hoffe, dass mir diese Stadt noch viel zu bieten hat und will mir keine Löcher in die Haut schießen lassen.“

„Und ich hoffe, dass das noch keine endgültige Absage ist, Boy“, erwiderte der Alte und ließ die Zügel los.

Wenn Dav geglaubt hatte, dass er den Alten nun abhängen konnte, sah er sich getäuscht. Der Mann folgte ihm.

„Oldman“, sagte Dav rau, „ich komme aus den Hügeln. Es ist ein wildes Land, und dort lernt man schnell, einen Verdruss meilenweit gegen den Wind auszumachen. Deine Papiere kann ich nicht lesen, aber sie riechen nach Verdruss. Was im Spiel gewonnen wird, wird auch im Spiel wieder vertan, sagt ein altes Sprichwort.“

„Möglich, Boy, aber nach diesem großen Gewinn fasse ich nie wieder eine Karte an. Wenn du das gemeint hast, dann kann ich dich beruhigen.“

„Zum Teufel, suche dir einen anderen Partner!“, fuhr Dav den Alten böse an. „Wer setzt einen Ranchanteil im Spiel ein? Es kann nicht viel dahinterstecken.“

„Das ist ein Irrtum. Ich habe mich erkundigt, die Glocken-Ranch ist eine der größten Ranches hier in der Gegend. Der von mir gewonnene Anteil gehörte John Wittney, der andere den Botham-Geschwistern. Nun, John Wittney verlor seinen Anteil an mich. Man sagt, dass es mit ihm und den drei Botham Brüdern nicht mehr gutging und dass es immer wieder zu Schwierigkeiten kam. Wittney war daran nicht ganz schuldlos, denn er war mehr in der Stadt in den Saloons und Spielrooms als auf der Ranch. Ich kann mir vorstellen, dass die drei Brüder sehr erfreut sind, wenn sie erfahren, dass sie einen neuen Partner bekommen.“

„Vielleicht sind sie auch nicht erfreut darüber, Oldman.“

„Hast du etwa davon gehört, wie gefährlich die drei Brüder sind?“, schnappte der Alte.

Dav Head lachte, er konnte nicht anders, er musste lachen. Jetzt hatte der Alte sich verraten. Er fürchtete sich, allein seinen Spielgewinn zu kassieren.

„Ich kenne die Botham-Brüder nicht und habe auch keine Sehnsucht danach, sie kennenzulernen, Oldman. Lass mich jetzt in Ruhe!“

Als Dav Head das sagte, ahnte er noch nicht, wie bald schon sein Schicksal mit dem der drei Brüder und dem des alten Mannes verstrickt sein würde. Noch glaubte er, dass diese Begegnung abgetan und vergessen wäre. Der Alte blieb allerdings hinter ihm, und als sie die Mainstreet erreichten, als das Lachen und Lärmen lauter wurde, deutete der Alte auf einen Prärieschoner am Straßenrand, der mit allerlei Krämertand beladen war.

„Also, wenn du es dir doch noch anders überlegen solltest: Der Wagen ist mir Obdach und Heimat zugleich. In ihm wirst du mich in dieser Nacht finden. Ich habe einen sehr leichten Schlaf, Sonny.“

„Keine Sorge, Oldman, ich habe nicht die Absicht, dich zu wecken. Du kannst tief und fest schlafen.“

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2.

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Dav Head drehte sich nicht einmal nach dem Alten um. Ein bisher unbekanntes Hochgefühl war in ihm. Obwohl Dav etwas abgerissen aussah, wirkte er stolz. Er saß sehr gerade im Sattel, mit leuchtenden Augen. Langsam ritt er durch die Mainstreet und schien sich nicht sattsehen zu können. Alles war neu für ihn.

Rechts und links der Straße waren Wagen und Pferde abgestellt. Was Dav besonders interessierte, waren die vielen Menschen und das geschäftige Treiben. Einmal musste er sein Pferd anhalten, als aus einer Schwingtür ein dunkles Etwas vor die Hufe seines Pferdes geflogen kam, das sich bei näherem Hinsehen als Mensch entpuppte. Es war ein Mann, der taumelnd auf die Beine kam und sich sofort davontrollte. Ein weiteres Mal hielt Dav an. als auf der Straße drei bullige Kerle einen hageren Cowboy zusammenschlugen. Weiter entfernt standen einige Zuschauer, die sich vorsichtig zurückhielten, als wollten sie nicht einmal ihre Neugier zeigen.

Dav begriff jäh, dass es in dieser lebendigen und wilden Stadt einige Männer geben musste, die einen großen Einfluss hatten. Sein Verdacht bestätigte sich sofort. Einer der drei bulligen Kerle riet ihm, weiterzureiten, und machte eine drohende Gebärde, während seine Partner sich den hageren Cowboy wie einen Spielball zuwarfen. Dav sah, dass der Cowboy aus der Nase und am rechten Auge blutete. Er konnte den Kampf gewiss nicht mehr lange durchstehen.

Trotz seiner Verletzungen gab der Cowboy keinen Laut von sich. Er blickte nur verzweifelt um sich, aber niemand griff ein, niemand kam ihm zu Hilfe. Auch Dav half ihm nicht. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. In diesem Moment erkannte er, dass es auch viel Angst und Kummer in dieser Stadt gab. Er trieb sein Pferd wieder an und ritt weiter.

Aus einer offenstehenden Schwingtür drangen Lärm, Klaviergeklimper und Frauenlachen. „Wer an meinem Saloon vorbeireitet, reitet am Paradies vorbei“, war auf einem Schild über der Saloontür zu lesen.

„Dort scheint es lustig zu sein“, sagte Dav leise. „Ich werde einen Whisky im Saloon trinken.“ Er führte seinen Schecken zu den anderen Pferden, die an den Holmen angebunden waren.

Davs Beine waren vom langen Reiten steif geworden. Er versuchte, sie wieder gelenkig zu machen, nachdem er die Zügel um den Holm geschlungen hatte. Dabei spürte er, dass ihn jemand scharf beobachtete. Er trat dicht an seinen Tigerschecken heran und hielt Ausschau, doch er konnte nur einen Moment die Silhouette eines Menschen erblicken.

Sollte der alte Graubart ihm gefolgt sein?

Dav wartete noch eine Minute und setzte sich dann in Bewegung. In diesem Augenblick glaubte er, dass die Stadt voller Wunder und der Mittelpunkt der Welt sei. Erwartungsvoll ging Dav auf den Saloon zu. Er gewahrte kaum die an der Schwingtür stehenden Wächter und Rausschmeißer. Er erkannte auch nicht, wie sie ihn betrachteten. Sie taten das mit einem wohlwollenden Grinsen.

„Wieder einer aus den Hügeln“, sagte der eine so leise, dass Dav es nicht verstehen konnte.

„Wieder einer, dem das Fell über die Ohren gezogen wird“, erwiderte der andere mit tiefer Bassstimme, die an das Dröhnen einer Urwaldtrommel erinnerte. „Jetzt wird er sein ganzes Erspartes oder Ererbtes los.“

„Und du hast kein Mitleid? Wir stammen doch auch aus den Hügeln, Abraham.“

„Jeder muss erst einmal zurechtgestoßen werden, Jonathan“, war die Antwort. „Es geht einfach nicht anders. Der Junge wird es bald herausgefunden haben. Je schneller das geschieht, desto besser ist es für ihn. Danach wird er besser mit der Welt zurechtkommen, Bruder.“

„Das stimmt, uns erging es auch nicht anders. Warum soll dieser Junge mehr Glück haben? Hoffentlich nimmt er es, ohne wild zu werden, hin.“

„Das glaube ich nicht. Die Jungen aus den Hügeln sind störrisch wie verwilderte Rinder. Ich kenne sie. Der Bursche sieht mir ganz danach aus, dass er gegen alles Sturm läuft, was ihm nicht passt. Er wird das Bittere schlucken, und wenn er schwach ist, zu Fuß zu den Hügeln zurückwandern. Man wird ihn bis aufs Hemd ausplündern. Wir werden es erleben.“

Von diesem Gespräch hörte Dav Head nichts. Auch wenn er es gehört hätte, würde es ihn nicht vom Betreten des Saloons abgehalten haben. Er staunte nur, als er die Reihe der Männer vor dem gewaltigen Tresen sah. Vier bis fünf Männer hintereinander belagerten die Mahagonitheke, als gelte es, sie zu erobern. Hinter der Theke waren die Keeper damit beschäftigt, die gewünschten Getränke zu servieren. Die Gläser sausten nur so über die Platte. Irgendeine Hand griff danach, dann schlitterte das leere Glas wieder zurück.

By Gosh, das war ein lustiges Spiel. Seltsam, dass die gefüllten Gläser nicht überschwappten, dass die leeren nicht umfielen. Es war aufregend, zuzusehen und festzustellen, wie der Alkohol in den Kehlen der Männer verschwand.

Dav schritt zur Theke. Zwei bärtige Kerle machten wohlwollend Platz, und irgendjemand reichte ihm über die Köpfe zweier Mexikaner hinweg ein doppelstöckiges, gefülltes Whiskyglas.

„Trink, Kleiner, trink auf das Wohl von Hinkefuß-Jonny!“, wurde ihm mit heiserer Stimme zugerufen. „Jonny gibt einen aus.“

„Wer ist Jonny?“, wollte Dav wissen.

Lachen dröhnte auf. Bärtige Gesichter wandten sich ihm zu. Whiskydunst schlug ihm entgegen. Man musste schon standfest sein, um diesen Geruch ertragen zu können. Das allerdings war Dav. Außerdem hätte er nicht Umfallen können, denn er war schon von einer Schar verwegener, abenteuerlicher Gestalten umringt. Die Männer rochen nach Tabak, Brandy, Schweiß, Rindern und Leder.

„Trink erst, Milchgesicht, trink!“, sagte einer der Kerle und klopfte Dav freundschaftlich auf die Schulter.

Dav kam der Aufforderung nach. Die Augen traten ihm fast aus den Höhlen, als er feststellte, dass es hier keinen Mondscheinwhisky gab, sondern eine Sorte, die das Höllenfeuer in sich hatte. Er verschluckte sich, keuchte und schnappte nach Luft. Der Atem wollte ihm versagen. Wie aus weiter Ferne vernahm er das Gelächter der Männer. Einige schlugen sich wie nach einem gut gelungenen Streich auf die Schenkel. Ein kleiner Bursche vollführte einen Solotanz nach dem Takt der Klaviermusik.

Als Dav wieder atmen konnte, hieb er dem Kerl die Faust so unters Kinn, dass der kleine Mann aus der Schar der Männer herausgehoben wurde und dem Klavierspieler auf die Tasten fiel. Das Instrument wimmerte schrill auf.

Das Gelächter ringsum verstärkte sich. Der Kleine tauchte rasch im Saloon unter, und der Klavierspieler hämmerte erneut auf die Tasten. Im nächsten Augenblick fühlte Dav, wie er hochgehoben wurde und unversehens auf den Schultern einiger Männer saß. Jemand schrie:

„Der wilde Junge aus den Hügeln ist da!“

Dav fühlte sich geschmeichelt. Er war in einer Hochstimmung wie noch nie in seinem Leben. Er trank den zweiten Doppelstöckigen, den man ihm reichte, bereits so, als wäre er klares Wasser. Als er das Glas zurückgab, öffnete sich der Bühnenvorhang und eine Reihe attraktiver, wenig bekleideter Mädchen marschierte auf. Es waren fünf Girls, eins schöner als das andere. Die Lippen leuchteten rot. Flimmerkram glitzerte an ihren sparsamen Kostümen. Für einen Mann aus den Hügeln war das ein geradezu umwerfendes Ereignis. Dav hatte bisher nur Frauen in verwaschenen, hochgeschlossenen Kattunkleidern gesehen.

Jäh setzte man Dav ab. Das geschah so plötzlich, dass er wieder ein wenig zur Besinnung kam. Er stand in der Männerschar und staunte. Über sein Erstaunen lachte diesmal niemand. Den anderen Männern ging es so wie ihm. Im Augenblick interessierten nur die Mädchen, die sangen: „Ich liebe den Jonny, den Jonny allein. Kehrt er zurück vom einsamen Trail, werde ich immer bei ihm sein.“

„Wach auf, Kleiner!“, klang eine Stimme hinter Dav. „Hinkefuß-Jonny lädt dich zu einer Pokerrunde ein.“

„Und wer ist Hinkefuß-Jonny?“

„Einer der mächtigen Männer von Coville. Er ist der Besitzer dieses paradiesischen Saloons. Für jeden, der hierbleiben und ständiger Gast sein will, ist es eine Ehre, mit Jonny zu pokern. Du kannst doch pokern, Junge?“ „Ja“, erwiderte Dav. Er war überwältigt, weil ein so großer Mann mit ihm pokern wollte. Man durfte ihn nicht warten lassen, obwohl die Beine der Tänzerinnen einen schöneren Anblick boten als die von Hinkefuß-Jonny.

„Komm!“, sagte der Mann. „Wirkliche Gents mögen diese idiotischen Lieder nicht. Sie ziehen ein Pokerspiel so einer Schau vor. Jedenfalls sagt der Boss das immer.“ „Jonny Hinkebein ...“

„Hinkefuß, Kleiner“, berichtigte der andere. „Aber sag weder den einen noch den anderen Namen. Jonny ist sehr empfindlich, ist das klar?“

„Ich verstehe“, sagte Dav, „Jonny ist ein feiner und empfindlicher Mann.“

„Das ist er, Junge“, erwiderte der andere und ging Dav voraus.

Wenig später befand sich Dav in einem besonders prächtig ausgestatteten Raum. Bevor er ihn erreichte, hatte er in mehrere Zimmer des Saloons sehen können. Sie hatten ihn mit ihrer prächtigen Ausstattung sehr beeindruckt. Das schönste Zimmer aber war das, in dem Hinkefuß-Jonny mit einigen sehr ernst blickenden Gents auf ihn wartete.

Dav Head hielt beim Betreten des Raumes den Atem an. Kronleuchter, Spiegel, Ölgemälde und Teppiche, das alles sah er zum ersten Mal im Leben. Der ganze Raum schien zu funkeln.

Vier Männer erwarteten ihn. Alle betrachteten ihn sehr aufmerksam und nickten ihm wie einem alten Bekannten zu. Er blieb an dem geschnitzten Tisch stehen und sah sich die vier Männer der Reihe nach an. Alle waren gut gekleidet. Einer von ihnen besonders auffällig, die anderen dezenter. Ein Mann im gelben Anzug mit geblümter Weste forderte Dav auf, Platz zu nehmen.

„Lieber Freund“, eröffnete er das Gespräch. „Ihnen gegenüber sitzt Jonny Hilton, unser Gastgeber, Freund und Förderer.“

Dav sah sich diesen Jonny Hilton an. Es war ein dicklicher Mann mit einem roten, aufgedunsenen Gesicht. Alkohol, ein gutes Leben und zu wenig Bewegung hatten diesen Mann gezeichnet. Er saß schwer und massig im Sessel. Die kleinen Wieselaugen schienen kaum noch durch die Fettpolster hindurchblicken zu können. Er streckte Dav seine Rechte hin, die sich schwammig und feuchtkalt anfühlte. Dav hatte das Gefühl, eine Schlange angefasst zu haben.

Jonny Hilton grinste ihn an. Er schien im Kreis dieser Männer eine besondere Stellung einzunehmen.

„Rechts neben Mister Hilton sitzt Mister Harry Duddy, Grundstücksmakler seines Zeichens“, sagte der Mann im gelben Anzug und stellte schnell die anderen Männer vor, als wollte er über Duddy keine weiteren Auskünfte geben.

Duddy sah Dav nicht an. Er war schlank, schwarzhaarig und dunkelhäutig, ein Typ, der Unruhe und Kälte verbreitete. Er rauchte seine Zigarre weiter und tat so, als gebe es keinen Gast. Er übersah auch die Rechte, die Dav ihm darbot. Dav zog seine Hand zurück und rieb sich betreten den Handrücken an der Hosennaht. Er war froh, dass der dritte Mann, Ronald Chester, ihn ansah und ihm wenigstens Beachtung schenkte.

Chester war klein und glatzköpfig und hatte kalte Augen. Seine Vorderzähne waren so spitz, dass Dav den Eindruck hatte, als wären sie so geschliffen worden. Chester vermochte einem nicht lange in die Augen zu sehen, er blickte schnell weg.

„Ich selbst heiße Roberts“, fuhr der Sprecher fort. „Meine Freunde nennen mich nur Ed.“

„Hör endlich auf zu reden, Ed“, meldete sich Duddy, der Makler. „Fangen wir an. In einer Stunde habe ich eine wichtige Besprechung, meine Zeit ist begrenzt. – Du kannst so hoch spielen, Junge“, wandte er sich dann an Dav, „dass du gleich beim ersten Spiel deine ganzen Ersparnisse auf den Tisch legst.“

In Duddys Augen war eine lauernde Bereitschaft zu sehen.

Dav Head nickte nur. Die Stimme versagte ihm. Er spürte die Gefahr und fühlte, wie sich ein Verhängnis zusammenbraute, aber der ungewohnte Alkoholgenuss und die Einladung der vier wichtigsten Männer der Stadt, ließen ihn wie im Traum handeln. Er versuchte nicht, der Gefahr zu entrinnen. Im Gegenteil, er holte sein Geld hervor, alles, was er bekommen hatte, um ein neues Leben anzufangen.

Die vier Männer schienen sich nicht einmal sonderlich für den Betrag zu interessieren, den er auf den Tisch legte. Jeder von ihnen stellte einen Lederbeutel auf den Tisch. In jedem der Beutel war sicherlich mehr Geld, als Dav jemals gesehen hatte.

Hinkefuß-Jonny mischte die Karten. Duddy klatschte in die Hände. Zwei Serviererinnen kamen ins Zimmer und fragten nach den Wünschen. Später bedienten sie schweigend und aufmerksam. Dav hatte immer ein gefülltes Glas neben sich stehen.

Dav nahm eine der angebotenen Zigarren und steckte sie an. Er hustete, als er daran zog, und drückte die Zigarre wieder aus.

Niemand lachte. Die Gegenspieler beobachteten ihn. Er hatte das Gefühl, im Kreuzfeuer lauernder Blicke zu sitzen.

Anfangs gewann Dav kleinere Beträge. Das genügte, um ihn an eine Glückssträhne glauben zu lassen.

„Ich habe immer Glück“, sagte er zu Roberts, der ihn lachend auf seine glückliche Hand aufmerksam machte. „Ich wusste, dass das Glück auf meiner Seite war, als ich aus den Hügeln ritt.“

Davs Zunge wurde bereits schwer. Sie schien ihm am Gaumen festzukleben. Er versuchte aufzustehen und fiel gleich wieder in den Sessel zurück. Er hatte das Gefühl, Bleigewichte an den Beinen zu haben. Eine eigenartige Lustigkeit stachelte ihn an, immer mehr im Spiel zu wagen. Er sah seine Mitspieler nur durch eine blaue Dunstwolke.

Davs Hemmungen fielen. Er betätschelte eine der Serviererinnen, die ihn daraufhin mitten ins Gesicht schlug. Seltsam war, dass die anderen vier Männer sie nur ansahen, dass sie aber nicht darüber lachten. Nur Duddy sagte rau: „Hast du sonst noch etwas, Cowboy? Ein Pferd oder einen Sattel?“

Als der Makler das sagte, begriff Dav endlich, dass er bereits sein ganzes Geld verloren hatte. Diese Erkenntnis kam wie ein Schock und ernüchterte ihn jäh. Wie hatte das nur geschehen können?

Er richtete sich gerade auf und wischte sich das Haar aus der schweißnassen Stirn. Er wollte sich erheben, fiel aber wieder zurück.

„Das Greenhorn ist am Ende“, hörte er wie aus weiter Ferne eine Stimme sagen. „Durchsucht seine Taschen. Ich glaube aber nicht, dass noch etwas bei ihm zu holen ist.“

Dav hob die Lider nicht, obwohl alles in ihm danach drängte. Er ließ es zu, dass man ihn durchsuchte.

„Nur dieses alte Eisen hat er noch“, hörte Dav die Stimme von Roberts.

„Das lasst ihm! Geht hinaus und holt sein Pferd. Stellt es im Stall ein.“

Nach einer Weile, als es sehr still geworden war, hörte Dav jemand sagen:

„Das Pferd ist fort! Jemand hat sich vor uns den Schecken geholt.“

„Was soll das, Ed? Wer wagt es, uns ein Pferd zu nehmen? Dieser Dummkopf hier hat alles an uns verspielt, sein Geld, sein Pferd und seine Ausrüstung. Ed und Ronald, packt ihn und werft ihn hinaus!“

„In die Gosse, Boss? Das wird ein böses Erwachen für ihn werden. Aber wer hat nur seinen Schecken geholt?“

„In dieser Stadt läuft in letzter Zeit einiges quer. Wir werden in Zukunft mehr darauf achten, dass uns niemand zuvorkommt.“

Es war Duddy, der diese Worte sagte und spöttisch den vom Brandy ausgepunkteten Dav betrachtete. „Es ist immer wieder das gleiche mit diesen wilden Burschen. Sie verlieren so schnell die Kontrolle über sich, dass es am Schluss des Spiels schon keinen Spaß mehr macht, ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen. Solange sie noch mit dem Verstand dabei sind, hat es einen gewissen Reiz für mich, falsch zu spielen.“

Dröhnend lachte Duddy auf, die anderen drei Männer stimmten in sein Lachen ein.

Dav stöhnte leise, aber auch jetzt konnte er sich nicht erheben. Es war ihm nicht einmal möglich, die Hand zu bewegen. Er wurde hinausgetragen und auf die Straße geworfen. Zwischen Pferdebeinen hindurch landete er auf einem Misthaufen. Dort blieb er liegen.

Nach kurzer Zeit fühlte er, wie jemand versuchte, ihm auf die Beine zu helfen. Das geschah, nachdem er bereits zwei Stunden auf dem Misthaufen gelegen hatte. Er wurde so kräftig ins Gesicht geschlagen, dass einem weniger trunkenen Mann die Wut hochgekommen wäre. Dav reagierte nicht, sondern übergab sich und blieb danach wieder still liegen.

„Man sollte kein Mitleid mit ihm haben“, sagte jemand. „Man sollte so unvernünftige Burschen in ihr Verderben rennen lassen. Sie wollen es einfach so. By Gosh, er wird nicht einmal durch kaltes Wasser munter.“

Ein Ruck erschütterte Dav, und etwas presste sich gegen seinen Bauch.

Mich trägt jemand auf der Schulter, dachte er und stöhnte vor Schmerzen auf.

Der Mann, der die schwere Last schleppte, ging krumm unter dem Gewicht.

„Beweg dich nicht!“, hörte Dav eine Stimme. „Die Meute schaut uns nach. Du hast noch Glück gehabt. Man hat dir die Kleidung und den alten Revolver gelassen, und vor allem hat man dich nicht zusammengeschlagen – noch nicht.“

„Ich werde sie alle umbringen!“, stieß Dav jetzt hervor.

„Du bist also doch wieder munter geworden, wie? Umbringen willst du sie alle? Dass ich nicht lache! Du hättest dir viel Ärger und Verdruss erspart, wenn du gleich auf mich gehört hättest und mein Partner geworden wärst. In dieser Stadt kann man nicht gewinnen. Wer hierherkommt, muss seinen Skalp lassen. Aber ich predige wohl tauben Ohren.“ „Graubart, Oldman?“

„Ich bin nicht dein Graubart, Junge!“, schimpfte der Alte wütend. „Kannst du jetzt endlich laufen?“

Noch bevor Dav diese Frage beantworten konnte, plumpste er unsanft in den Staub der Mainstreet. Er versuchte sich zu erheben doch es war vergeblich. Nur aufhocken konnte er sich. Dann erblickte er seinen Helfer.

„Warum hast du nur noch einen Mann mitgebracht?“, lallte Dav. Er sah zwei graubärtige Männer, die hin und her wankten und umzufallen drohten. „Ich kann nicht mehr mit ansehen, wie ihr euch mühselig aufrecht haltet“, fuhr Dav fort. Er versuchte, sich zu erheben. Das hatte den Erfolg, dass er vornüber in den Staub der Mainstreet fiel. Danach wusste er nichts mehr.

Als Dav Head wieder zu sich kam, wölbte sich die Plane eines alten Prärieschoners über ihm. Sein Kopf brummte. Eine starke Übelkeit machte ihm zu schaffen.

„Siehst du mich immer noch doppelt, Junge?“, hörte er die tiefe Stimme des Alten. „Wenn es so ist, bist du auch noch bis zum Hals voll Brandy. Dann werde ich noch ein paar Stunden darauf warten müssen, dass dein Verstand zurückkommt. Was, zum Teufel, hast du nur alles getrunken, Junge?“

„Ich weiß es nicht, Oldman. Wie komme ich hierher?“

„Auf meinen Schultern. Es war nicht einfach. Du bist ein schwerer Brocken. Du hast es mir nicht gerade leichtgemacht.“

„Ich habe dich nicht darum gebeten.“

„Hat man so etwas schon gehört? Das nennt sich nun Dankbarkeit! Die heutige Jugend ist doch ziemlich unverschämt. Man sollte sich vorher fragen, ob man menschlich handeln soll oder nicht. Hör zu, Junge, man hat dich in der Zange gehabt und dir alles abgenommen.“

„Hat man das?“

„Ja“, stöhnte der Alte, „aber es scheint dich nicht aufzuregen.“

„Ich war bei feinen Leuten, Oldman, in der besten Gesellschaft. Nette Mädchen haben uns bedient.“ Dav schnalzte mit der Zunge. Selbst die Erinnerung musste ihm Freude bereiten. Seine Augen leuchteten.

„Was bedeutet schon Geld, wenn man es sich jederzeit wieder verdienen kann, Oldman?“

„Sie haben dich ausgenommen, Junge, sie haben dich einfach ausgeplündert. Du hast bei diesen Gents nicht einmal eine reelle Chance gehabt. Sie haben falschgespielt, begreifst du das nicht?“

„Doch, Oldman, aber es war auch eine Ehre für mich. Sie ...“

„Zum Teufel mit einer solchen Ehre!“, unterbrach ihn der Alte böse. Er kam näher, drehte den Docht der Petroleumlampe herauf und schaute durch die Plane nach draußen. Weit im Osten kündete ein heller Schein den Beginn des neuen Tages an. „Es war eine Schande und keine Ehre“, fuhr der Alte heiser fort. „Das kann ich, Chris Wombwell, genau beurteilen. Du warst mit den größten Schuften und Halsabschneidern zusammen, die es hier in der Gegend überhaupt gibt. Das betrifft nicht nur die Stadt, sondern auch das Land. Ich wage sogar zu behaupten, dass sie die größten Gauner und Banditen sind, die jemals unter der Sonne lebten. Sie hätten dir auch dein Pferd genommen, wenn ich es nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hätte. Aber das verstehst du alles wohl nicht, du warst zu betrunken. Dir spuken noch die Mädchen im Kopf herum. – Was ist los, Junge?“, fragte er erstaunt, als es Dav gelang, sich zu erheben und den Kopf durch die Plane zu stecken.

„Was ist los?“, fragte er nochmals, als er keine Antwort bekam. Er sah Dav fest an. Der junge Mann stand aufrecht und blickte hinaus.

Dav Head sah nicht in die Stadt, nein, er schaute in die Richtung der Hügel und Wälder und auf die holprige Straße. Seine Augen weiteten sich. Er klammerte sich mit den Händen an den Planenstangen fest und stand wankend da.

„Das kann doch nicht wahr sein! Wir sind aus dem Paradies herausgefahren?“

„Geflohen sind wir, mein Junge“, erwiderte der Alte. „Sei froh darüber! So kannst du dich erholen und dich darüber freuen, dass dein Gaul noch dir gehört. Sie waren auf dein Pferd aus. Ich muss gestehen, dass ich selten ein so schönes Tier sah. Schau nur, es grast friedlich. Ich habe es angehobbelt.“

„Mit welchem Recht bestimmst du über mich, Oldman?“, fragte Dav rau.

„Hör sich einer das an!“, brauste der Alte nun auf. „Willst du jetzt etwa wiederabspringen? Du hast mir die Partnerschaft zugesichert.“

„Welche Partnerschaft?“, staunte Dav.

„Du scheinst es wohl vergessen zu haben, wie? Kein Wunder, dass man sich hinterher an nichts erinnern kann, wenn man stockbetrunken war. Also gut, reite nur in die Stadt zurück! Auf das Wort eines kleinen Jungen kann man nichts geben.“

Ein Wutschrei kam über Davs Lippen.

„Ich stehe immer zu meinem Wort!“, fauchte er den Alten an. „Ich werde es auch jetzt tun, obwohl ich mich nicht erinnern kann, dir mein Wort gegeben zu haben. Ich weiß nicht einmal, ob du da nicht einen Trick anwendest, der mich an dich ketten soll. Ich verspreche dir, dass ich dich ins Jenseits schaffe, wenn du mich angelogen und zum Narren gehalten hast, Oldman. Genauso werde ich handeln, wenn es dir nur darauf ankommt, mich vor deinen eigenen Karren zu spannen. So leicht lasse ich mich nicht aus dem Paradies vertreiben, und das bedeutete die Stadt für mich, Oldman. Ich wollte für immer dortbleiben.“

Dav Head wollte fortfahren, doch der Alte befahl ihm mit einer Geste, zu schweigen. Er lauschte in die Nacht hinein, dann bückte er sich zu einer im Wagen stehenden Kiste und entnahm ihr einen Colt.

„Nimm ihn“, wandte er sich an Dav, während er seinen eigenen 45er aus dem Halfter lüftete. „Ich dachte es mir doch gleich, dass sie kommen würden, um sich den Schecken zu holen. Ich hoffe nur, dass du keine weiteren Spielschulden gemacht und irgendwelche Papiere mit einem Kreuz unterzeichnet hast!“ „Nein.“

„Nicht? Nun, die Kerle scheuen nicht davor zurück, es für dich zu tun. Wir bekommen jetzt ihren Besuch, Dav.“

Der Alte schwieg und wunderte sich darüber, dass Dav den Wagen nach hinten verließ. Er tauchte im Gelände unter und war kurz darauf den Blicken Wombwells entschwunden.

In diesem Augenblick zeigten sich die Reiter auf ihren Pferden. Vier hartgesichtige Männer waren es, die beim Anblick des Tigerschecken in lautes Gejohle ausbrachen.

Sie schienen überzeugt zu sein, hier bestimmen zu können, und machten keine großen Umstände. Auf den Wink des Anführers ritten sie auf den Schecken zu, der zwanzig Yards hinter dem Prärieschoner mit gehobbelter Vorderhand weidete. Aber bevor sie das Tier erreichten, trat Chris Wombwell in Aktion.

„Nicht weiter, Freunde!“, sagte er trügerisch sanft. „Rührt den Gaul lieber nicht an!“ Die vier Männer hielten an und nahmen ihre Pferde herum. Was sie sahen, wirkte nicht gerade beruhigend auf sie. Über die starken Eichenbohlen des Prärieschoners schob sich eine abgesägte, doppelläufige Schrotflinte. Die drohende Waffenmündung zeigte auf die Reiter.

„Niemand hat das Recht, mein Pferd zu holen. Was auf Pferdediebstahl steht, dass dürftet ihr wissen. Ich werde euch alle in die Luft blasen. Pferdediebstahl wird auch heute noch mit dem Tode bestraft, Gents!“

„Halt die Luft an, Alter! Dieser Tigerschecke gehört dir nicht. Wir wissen genau, wer ihn ritt.“

„So, wisst ihr das?“

„Ein armer Teufel aus den Hügeln, der dieses Pferd beim Spiel verloren hat. Wir haben einen Schuldschein. Der Mann konnte weder lesen noch schreiben. Er hat drei Kreuze unter den Schein setzen müssen.“

„Kann ich diesen Schein sehen?“

„Sehen?“, erwiderte der Anführer verwundert. „Wir haben den Wisch nicht bei uns, aber unser Boss, Jonny Hilton, kann das schnell ändern. Er hat den Schuldschein in Verwahrung genommen. Es wäre für dich besser, Oldman, wenn du keine Schwierigkeiten machen, sondern uns das Pferd herausgeben würdest. Wir kennen dich, du bist doch der Händler Wombwell?“

„Ich bin kein Händler mehr. Ich bin der Ranchboss Wombwell, und ihr macht augenblicklich, dass ihr verschwindet, bevor meine Feuerspritze heißes Blei spuckt. Ich zähle bis drei!“

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3.

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Die Reiter zögerten, aber das dauerte nur kurze Zeit, dann fauchte einer der Kerle:

„Na gut, Wombwell, schon einmal hast du uns reingelegt und bist uns zuvorgekommen. Wir reiten, aber wir kommen wieder! Dann wirst du erkennen, dass John Wittneys Ranchanteil dir nicht viel nützen wird und dass es besser für dich gewesen wäre, wenn du uns den Gaul gleich gegeben hättest!“

„Damit, Gents, wäre ich aber nicht einverstanden gewesen!“, rief Dav Head. Er verließ die Buschdeckung mit tief in der Hüfte angeschlagener Waffe. Die vier Kerle wandten ihm ihre Blicke zu. Sein Auftauchen überraschte sie nicht, wohl aber die Art, wie er die Waffe hielt und sie hin und her schwenkte.

Einer der Burschen stieß einen leisen Pfiff aus. Seine Augen weiteten sich, als hätte er etwas Besonderes entdeckt.

„Wombwell, du machst einen Fehler! Du hättest mit uns zusammengehen sollen. Jonny Hilton machte dir den Vorschlag, mit uns zu reiten. Du ...“

„Verschwindet!“, schnitt Chris Wombwell dem Sprecher das Wort ab. „Ich möchte nur noch die Schwänze eurer Pferde sehen!“ „Du wirst mehr sehen, als dir lieb ist, Wombwell! So groß ist niemand, dass er gegen uns ankommt. Nimm dein Greenhorn und fahr mit ihm, soweit du kommst. Es wird euch nichts nützen, denn in vierundzwanzig Stunden seid ihr beide tot!“

Ein Schuss krachte, eine Kugel fegte dem Sprecher den Stetson vom Kopf.

Dav Heads 45er Colt rauchte.

Dav hob die Waffe und blies in die rauchende Mündung, ohne den Blick von den vier Männern zu nehmen, von denen sich keiner regte.

„Vor einem, der tot ist, nimmt man seinen Stetson ab“, sagte Dav in die unheimliche Stille hinein. „Euer Boss hat mich reingelegt und ausgeplündert. Schlimmer noch, er hat aus mir einen Narren gemacht. Sagt ihm, dass er von mir hören wird!“

Die Männer waren wie versteinert. Solange sie denken konnten, hatte es noch niemand gewagt, ihrem Boss und seinen Reitern so die Stirn zu bieten, wie der Bursche aus den Hügeln es tat. Dieser Junge war sicherlich kein unbeschriebenes Blatt, das wurde mit seinem Meisterschuss offenbar. Chris Wombwell lachte laut und befreit auf. Es war, als wollte er mit diesem Lachen sagen: Habe ich es nicht gewusst, dass dieser Junge von besonderer Art ist? Nun seht ihr es. – Und dazu ist er noch mein Partner!

Die vier Kerle betrachteten Dav mit besonderer Aufmerksamkeit. Sie wussten jetzt, dass sie es mit einem schnellen Revolverschützen zu tun hatten. Diese Tatsache war verborgen geblieben, solange der Junge einen alten Armeerevolver im Gurt stecken hatte. Jetzt war das etwas anderes. Der Boss würde staunen, wenn er davon hörte, und froh sein, dass der junge Mann von seinen Fähigkeiten keinen Gebrauch gemacht hatte, als man ihn ausplünderte. Sicherlich aber würde Hilton in Sorge sein; denn ein junger Hitzkopf aus den Hügeln, der so gut zu schießen verstand, bildete auch für ihn eine Gefahr.

„Wir werden es Hilton ausrichten“, sagte einer der Kerle nach langer Pause bedrückt und gab seinen Kameraden einen Wink. Sie wollten sich davonmachen, aber damit war Dav nicht einverstanden. So leicht sollten die Kerle ihm nicht davonkommen.

Wombwell wäre damit einverstanden gewesen, wenn die vier so schnell wie möglich abzogen. Er wollte so wenig Kummer wie möglich haben. Dav Head aber dachte anders.

„Steigt ab!“, forderte Dav sie auf. „Macht es ganz langsam. Zieht vorher mit den Fingerspitzen eure Eisen und werft sie zu Boden!“ „Was soll das, Junge?“, keuchte einer der Kerle böse.

Der Mann schwieg sofort, als eine Kugel auch ihm den Stetson vom Kopf riss.

Wieder blies Dav in seine Waffenmündung, als wollte er mit dem Rauch etwas Unangenehmes wegblasen. Das war mehr eine Angewohnheit, aber es verstärkte das Grauen der Hilton Leute. Jeder von ihnen spürte, dass dieser Junge ein Naturtalent im Umgang mit einem Eisen war. Er schien zu jenen wilden Burschen aus den Hügeln zu gehören, die, einmal in die große Stadt gekommen, sich völlig wandelten. Sie wurden zu hart am Abgrund reitenden, gefürchteten Banditen. Oder sie wurden Einzelgänger von besonderem Format. Dieser junge Mann schien die Fähigkeit zu besitzen, ihre Gedanken zu lesen. Es gab für sie nichts mehr zu überlegen, nichts mehr, was sie hätten ins Feld führen können. Auch ohne den raubeinigen Alten mit seiner Schrotflinte würde sich der Junge durchsetzen.

Langsam, mit spitzen Fingern, zogen die Kerle ihre Eisen aus den Halftern. Jeder von ihnen wusste, dass eine hastige Bewegung sein Tod sein konnte. Nicht einer hatte den Mut, fest zuzupacken und seine Waffe abzufeuern, obwohl jeder am liebsten diesen unangenehmen Gegner aus dem Weg geräumt hätte. Sie ließen den Blick nicht von Dav Head, der ruhig dastand. Waffe um Waffe fiel auf den Boden.

Dieser junge Mann aus den Hügeln, der schon zweimal den 45er Colt abgeschossen hatte, zauberte jetzt auch noch seinen alten Armeerevolver aus dem Gurt, so dass er zwei Waffen zur Verfügung hatte.

„Klettert von den Pferden und versucht keine Tricks!“, sagte er. „Ich schieße so, dass der, der einen Trick versucht, von seinem eigenen Pferd begraben wird.“

„Und nun setzt euch in Marsch!“, befahl Dav, als die Männer neben ihren Pferden standen. „Ihr geht zu Fuß zur Stadt, Gents!“

Zwei der Kerle ließen ein Knurren hören, der dritte stieß eine heisere Verwünschung aus, und nur der vierte sagte tonlos:

„Das wirst du bereuen, Sonny! Du wirst es sehr bereuen!“

Aber das konnte Dav nicht beeindrucken. Es war erstaunlich, wie sicher er auftrat. Angst schien er nicht zu kennen. Dav lieferte den Burschen jetzt den besten Beweis dafür, dass man ihn bei seiner Ankunft in der Stadt falsch behandelt hatte. Man erkannte, dass er keineswegs gewillt war, sich wie ein Greenhorn ausplündern zu lassen.

„Setzt euch in Marsch!“, befahl Dav hart, als er sah, wie die Männer zögerten. Diesmal schoss er mit seinem alten Revolver. Die Kugeln schlugen vor den Stiefelspitzen der Gegner in den Boden.

Noch während die Gegner in Davs Blickfeld waren, lud er seine Waffen auf. Er blickte dabei zu Wombwell, der seine Schrotflinte noch immer so hielt, dass sie die Bewegungen der davonmarschierenden Gegner mitmachte.

„Freund“, sagte Wombwell, „bist du nicht etwas zu weit gegangen? Es ...“

„Nein, diese Sorte kennt keinen Pardon!“, fiel Dav dem Alten ins Wort.

„Wie willst ausgerechnet du das wissen, Junge? Wo du herkommst, da herrscht doch Frieden, oder?“

„Meinst du das wirklich, Oldman? Warum glauben eigentlich manche Leute, dass hinter den Hügeln die Welt zu Ende sei?“

„Ist es denn nicht so, Dav?“

„Nein“, erwiderte Dav rau. „Wo Menschen sind, ist auch Kampf. Es ist überall gleich, man muss sich seiner Haut wehren. Worauf warten wir noch? Es ist Zeit, aufzubrechen!“

„Junge, soll das heißen, dass du mit mir kommst?“, schnappte der alte Mann überrascht.

„Nenn mich nicht immer Junge!“, fauchte Dav böse. „Ich bin einundzwanzig Jahre und damit erwachsen. Das solltest du dir merken, Opa!“

„Damned, ich bin kein Opa!“, keuchte der Alte. „Nenne mich Chris! – Weißt du denn überhaupt, wen du da eben in Marsch gesetzt hast?“

„Interessiert mich nicht, Chris“, erwiderte Dav. „Wenn diese Burschen aber glauben, dass ich vor ihnen und ihrem schäbigen Boss ausreiße, dann irren sie sich gewaltig. – Ich schließe mich dir an, weil ich nicht will, dass man auch dir das Fell über die Ohren zieht.“ „Himmel und Hölle, das sagst du mir?“, wetterte der Alte. „Was tust du da eigentlich?“

„Ich untersuche die Satteltaschen“, antwortete Dav. Er ließ sich bei seiner Arbeit nicht stören. „Es ist nicht zu leugnen, dass der Boss dieser Kerle mir mein Geld im Falschspiel und dazu meine Ausrüstung abgenommen hat. Ich hole mir, was man mir nahm.“ „Dafür ist der Sheriff zuständig, Dav.“ „Der Sheriff? Ich habe keinen gesehen, ich habe auch kein Office bemerkt. Leider habe ich keine Zeit, zu ihm zu reiten und ihn mit diesen Dingen zu belästigen. Er hat sicherlich Wichtigeres zu tun, als so belanglosen Kram zu erledigen.“

„Dav, der Sheriff von Coville wurde von Jonny Hiltons Anhängern gewählt. Das bedeutet, dass er parteiisch ist und das Gesetz nur gegen die anwendet, die gegen Hiltons Pläne sind. Wir werden es jetzt schwer haben. Man wird uns des bewaffneten Überfalls und des Pferdediebstahls bezichtigen.“ „Wenn es so ist, dann ist dieser Sheriff in Wirklichkeit kein Sheriff, dann ist er nur ein Helfer Hiltons.“

„Das stimmt. Nicht nur die Stadt, auch das Land leidet darunter“, bestätigte Chris Wombwell.

„Ein Grund für dich, von hier zu verschwinden, Chris.“

„Nein, ich habe meinen Anteilschein von der Ranch. Ich wollte schon immer eine Ranch. Jetzt hat das Schicksal mir eine zugespielt, und jetzt halte ich sie auch fest.“ „Wir werden bald weitere Schwierigkeiten haben, Chris“, sagte Dav, der in den Satteltaschen der vier Banditenpferde nur wenig Brauchbares fand. „Ich wittere Verdruss auf viele Meilen voraus.“

„Hast du Angst?“

„Ich denke nein, Chris“, erwiderte Dav ruhig und befreite die Beutepferde von Sattel und Zaumzeug. Danach ließ er sie mit einem Schlag auf die Hinterhand davonpreschen. „Was ist das eigentlich, Angst?“ „Heilige Mavericks, hoffentlich lernst du sie niemals kennen, Dav!“ Er brach ab und sah zu, wie Dav die Hobbelung seines Schecken löste und ihn ritt fertigmachte. Dav würde also nicht in den Planwagen klettern, sondern neben ihm her reiten.

Mit dem Eintreffen der Banditen schienen Davs Kopfschmerzen gewichen zu sein. Die Benommenheit, die eine alkoholreiche Nacht bescherte, schien von ihm abgefallen zu sein. Das war erstaunlich, zeigte aber Davs gute körperliche Konstitution. Chris Wombwell betrachtete seinen jungen Partner, der sich gerade in den Sattel seines Tigerschecken schwang. Er selbst hatte auf dem Bock des Prärieschoners Platz genommen.

Chris nahm die Peitsche aus der Halterung, schwenkte das Peitschenleder aus und ließ es über die Köpfe seiner Gespannpferde tanzen.

„Lasst uns gehen, ihr alten Tanten!“, rief er. „Vorwärts, hebt die Hufe! Es ist ein weiter Weg zur Glocken-Ranch.“

„Man wird uns dort sicherlich nicht erwarten, Chris.“

„Bestimmt nicht, Freund“, gab der Alte unumwunden zu. „Die Botham-Brüder sollen wie wilde Bären sein, breitprankig und unergründlich. Sie können einen Mann wie mich unangespitzt in den Boden rammen.“

„Und wie ist dir bei dieser Aussicht zumute, Chris?“, fragte Dav. „Hast du keine Angst?“

„Angst, was ist das?“, fragte jetzt der Alte. „Heilige Mavericks, hoffentlich lernst du sie niemals kennen!“, war die todernste Antwort. „Aber die Aussichten sind günstig. Wer so alt wurde und sie nicht kennenlernte, wird vermutlich auch noch den Rest seines Lebens ohne diese Erfahrung verbringen.“

Die beiden Männer lachten und konnten sich kaum wieder beruhigen. Die Pferde spitzten die Ohren und bewegten sich schneller vorwärts.

Der schwere Wagen ächzte und stöhnte. Der Junge und der Alte schienen sich jetzt prächtig zu verstehen. Was bisher fremd und störend zwischen ihnen gestanden hatte, war nach dem Lachen weggefegt. Beide waren sich aber klar darüber, was sie ausgelöst hatten und was auf sie zukommen konnte.

„Von jetzt an ist der Teufel unser dritter Partner“, sagte Dav. Das Lachen des Alten verstummte augenblicklich.

„Daran gibt es keinen Zweifel“, bestätigte Chris Wombwell. „Hoffen wir, dass wir ihn bei den Hörnern packen können.“

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4.

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Nach einigen Meilen schwenkten die beiden Männer von der ausgefahrenen Straße, um auf hartem Gelände weiterzutrailen, auf dem sie keine Spuren hinterließen. Um die Mittagszeit gelangten sie wieder auf Weidegründe und stießen auf ein Wasserloch. Sie tränkten ihre Tiere und gönnten sich eine Verschnaufpause. Danach ging es in nordöstlicher Richtung weiter. Es war warm.

„Wer weiß, wann wir wieder so ein Wetter haben“, sagte Chris Wombwell. „Diese Indianersommer sind unübertrefflich. Schau dir nur die Wälder an, Sonny.“

Dazu brauchte man Dav Head nicht erst aufzufordern. Der Anblick war ihm nichts Neues. Die Wälder der Mogollon Mesa prunkten vor dem Hintergrund uralter Nadelbäume in goldenen, roten und braunen Farben. Südlich der Mesa reihten sich von Nordosten nach Südosten zahlreiche Hochgebirgsketten aneinander, die von breiten Tälern durchfurcht oder von tiefen Canyons durchschnitten wurden.

In dieser Gegend gab es die ältesten Forste mit riesigen Beständen von Zedern und Fichten. Weit in der Ferne war der Verde River zu erkennen. Es war ein prächtiges Land mit einer großartigen Kulisse. Das Herz wurde einem bei diesem Anblick weit.

By Gosh, wie konnte ich die Stadt nur für ein Paradies halten?, dachte Dav Head. Das Land hier ist das echte, wahre Paradies. Man muss nur die Augen weit öffnen, um es zu sehen. Es ist ein schönes Land mit viel Raum, groß genug für Männer, die etwas schaffen wollen.

Er behielt seine Gedanken für sich. Als er aber den Glanz in den Augen des alten Partners sah, wusste er, dass dieser so dachte wie er. Dieses Land packte einen Mann ganz und verzauberte ihn. Dieses Arizona, das Land der vielen kleinen Flüsse, musste der Herrgott in einer Sternstunde geschaffen haben.

„Komm zu dir, Dav!“, hörte der junge Mann wie aus weiter Ferne die Stimme Wombwells. „Wir sind auf den Weg zur Glocken-Ranch eingebogen.“

„Und man hat uns nicht daran gehindert, Chris?“

„Das kann noch kommen“, grinste der Alte. „Mal den Teufel nicht an die Wand! Schau nach rechts, zu der weiten Ebene dort! Was kannst du erkennen?“

„Rinder, ungezählte Rinder. Sie weiden unbewacht, es sind keine Cowboys zu sehen.“ „Irrtum, Dav. Rechts am Hang ist eine kleine Weidehütte, von der aus man das weite Tal überblicken kann. Ich selbst habe schon einige Male in ihr übernachtet, aber immer nur dann, wenn sie leer war. Ich schlage vor, den Weg zu verlassen, sonst kommen wir ins Blickfeld der Hütte.“

„Was macht das schon, wir wollen doch zur Ranch, oder?“

„Wer weiß, was die Leute aushecken, denen du die Pferde genommen hast. Wenn sie rechtzeitig Hilfe holen konnten, ist mit einer bösen Überraschung zu rechnen. Wir sollten lieber vorsichtig sein.“

„Ich werde nachschauen, ob jemand in der Hütte ist.“

„Das ist nicht leicht.“

Chris verstummte, denn Dav nahm bereits seinen Tigerschecken herum und verschwand in dem unwegsamen Gelände, das vor der weiten Ebene lag. Es war ein unübersichtliches, zerklüftetes Gebiet, das viele natürliche Deckungsmöglichkeiten bot.

Chris Wombwell blieb nichts weiter übrig, als seinen Prärieschoner in die Deckung großer Steine zu lenken und zu warten.

Während der Wartezeit überfiel den Alten Unruhe. Würde das Glück seinem Partner zur Seite stehen, würde er jetzt beweisen, dass er die erste Kraftprobe nicht nur zufällig bestanden hatte?

Ich muss es darauf ankommen lassen, dachte der alte Mann. Nur mit einem wirklich eisenharten Partner kann ich meine Rechte geltend machen, sonst aber? Er lachte leise vor sich hin und überlegte, was drei eisenharte Männer, wie es die Botham-Brüder waren, wohl mit einem unerwünschten Partner anstellen würden.

Das Recht stand hier auf tönernen Füßen, und niemand wusste das besser als die Leute auf dem Lande und in der Stadt. Wer sich mit den Burschen verstand, die die Macht verkörperten, konnte sehr schnell reich werden. Anderenfalls war es besser, wenn man sich aus dem Staube machte.

„Er wird jetzt zeigen müssen, ob er durchhält“, sagte der Alte leise. „Ich habe ihn vor den bärenstarken Botham-Brüdern gewarnt. Es schien aber nicht den geringsten Eindruck auf ihn zu machen. Dieser Dav ist Sonderklasse, das glaube ich bestimmt. Warum sorge ich mich also um ihn?“

Nach einer Weile beantwortete er sich die Frage selbst: „Ich habe ihn bereits ins Herz geschlossen, das ist es. Wenn ich einen Sohn hätte, würde ich ihn mir so wie diesen Dav Head gewünscht haben, kühn und unbeeindruckt von allem, was auf ihn zukommt, und durch nichts zu erschüttern. Auch ich war so wie er in meiner besten Manneszeit. Gesteh es dir ein, alter Junge, du willst die Ranch, aber nicht nur für dich allein, auch für ihn. Du hoffst, dass er dich achten wird, wie ein Sohn seinen Vater achtet.“

Ein Geräusch unterbrach sein Selbstgespräch. Er griff nach seiner handlichen Schrotflinte und richtete sie auf den Reiter, der auf den Prärieschoner zukam.

Kurz darauf senkte der Alte die Waffe. Der näherkommende Reiter wankte so sehr im Sattel, dass er jeden Augenblick vom Pferd zu fallen drohte.

Chris Wombwell legte die Waffe in den Prärieschoner zurück und rannte los. Er konnte noch rechtzeitig das Pferd anhalten, als der Reiter auch schon in seine Arme fiel.

Er fing die Gestalt auf und bettete sie auf den Boden. Jetzt erkannte er deutlich, was ihm vorher entgangen war: Der Reiter war ein Mädchen.

Das feine, oval geschnittene Gesicht mit dem vollen, roten Mund war bezaubernd schön. Als dem Mädchen der Stetson vom Kopf rutschte, quoll eine Woge rotgoldenen Haares hervor. Obwohl Chris längst aus dem Alter heraus war, in dem ein junges Mädchen einem Mann den Kopf verdrehen konnte, stieß er doch einen leisen Pfiff aus.

Im nächsten Moment hastete Chris Wombwell zu seinem Wagen, um eine Flasche Riechwasser zu holen. Nach einer Weile öffnete die Fremde die Lider.

Einen Moment war in den dunklen Augen kein Begreifen, und Chris sah, dass das Mädchen die Umgebung nicht wahrnahm. Erst nach einer Weile schien sie in die Wirklichkeit zurückzukommen. Sie zuckte zusammen und versuchte aufzuspringen.

„Nur Ruhe, Madam“, sagte Chris sanft. „Ihnen droht keine Gefahr.“

Der Alte redete weiter besänftigend auf sie ein. Seine Worte schienen sie auch wirklich zu beruhigen. Nach einigen tiefen Atemzügen flüsterte sie:

„Ich glaube, ich habe Sie schon einmal gesehen.“

„Mag sein, Madam, ich bin ein fahrender Händler. Sehr viele Leute kennen mich, ich war schon oft in diesem Land. Zum letzten Mal war es vor etwa drei Monaten. Damals machten Rustler die Gegend unsicher. Ein angeblicher Wegelagerer wurde von einem großen Aufgebot gejagt und gelyncht.“

„Ich entsinne mich. Sie versuchten, dem armen Teufel zu helfen, und wurden zum Dank auch fast gelyncht“, sagte sie und richtete sich in die Hocke auf. Sanft schob sie Wombwells Hand mit dem Riechfläschchen, das er ihr noch immer unter die Nase hielt, zur Seite. „Sind Sie Chris Wombwell?“

„Genau der bin ich, Madam.“

„Sie wagen es, wieder hierherzukommen? Genügen Ihnen der Kummer und der Verdruss nicht, den Sie schon einmal hatten?“

„Man bekommt überall Verdruss, wenn man nicht so will wie die anderen. Daran bin ich gewöhnt. Es stärkt den Widerstandswillen in mir. Ich werde immer das tun, was ich für richtig erkannte, mag es mir auch noch so viel Schwierigkeiten bringen. Der arme Teufel, den sie als Wegelagerer, Bandit und Pferdedieb brandmarkten und dann lynchten, war ein wilder Junge aus den Hügeln. Es ist wahr, dass er unrecht tat, aber man darf die Schuld nicht bei ihm allein suchen. Die Meute in der Stadt war mitschuldig. Als er in die Stadt kam, plünderten sie ihn aus. Er versuchte, sich ein Pferd, einen Colt und etwas Kleingeld zu beschaffen. Er hatte das Pech, dass er an die falschen Leute geriet, an die Kerle, die die Macht haben. Es war ihnen ein leichtes, ihm den Sheriff mit einem Riesenaufgebot auf die Fersen zu hetzen. Was dann kam, das wissen Sie.“

„Ja, man tötete ihn. Damals sprachen meine Vettern von Ihnen. Ich bin Cathy Botham. Ich danke Ihnen, dass Sie mir geholfen haben. Es geht mir jetzt wieder besser.“

Das Mädchen erhob sich und nickte dem Alten zu. Sie drehte sich um und wollte zu ihrem Pferd gehen. Es war ein braunrotes Rinderpferd mit dem Brandzeichen der Glocken-Ranch.

„Madam, ich wusste nicht, dass die Botham Brüder nicht allein sind.“

„Ich bin auch noch nicht so sehr lange bei ihnen“, gab sie freiwillig Auskunft. „Vor vier Monaten kam ich hier ins Land, nach dem Tod meiner Mutter. Die drei Botham-Brüder sind meine einzigen Verwandten. Meine Mutter wollte, dass sie sich um mich kümmern und für mich sorgen sollten.“

„Und tun sie es?“

„Seit vier Monaten bin ich auf der Ranch. Ich mache die Hausarbeit, bessere ihnen die Kleidung aus und tue alles, was eine Frau auf einer Ranch erledigen kann. Es geht aber nicht mehr so weiter. Alle drei begehren mich und machen mir nun das Leben zur Hölle. Heute fielen sie übereinander her und verprügelten sich, nur weil einer glaubte, dass ich den anderen bevorzugt hätte. Ich kann mir die ungebärdigen Männer kaum vom Leibe halten. Ich werde die Ranch verlassen. Seit der Mitbesitzer der Ranch, Mister Wittney, nicht mehr erscheint, ist erst recht die Hölle los.“

„Kannten Sie Wittney gut?“

„Man brauchte diesen Mann nicht erst Jahre zu kennen, um über ihn Bescheid zu wissen. Er hatte keinen guten Einfluss auf meine Vettern. Er war ein Trinker, ein haltloser Mensch. Die Rancharbeit interessierte ihn kaum noch. Mit magischer Gewalt zog es ihn nach Coville. Seit einer Woche ist er bereits fort. Es ist nicht schade, dass er nicht zurückkommt.“

Das Mädchen sagte es hart und voll Verachtung. Sie schaute in die Richtung, in der Coville lag.

„Ohne Harry Duddy wäre das Leben auf der Ranch unerträglich gewesen. Vor Harry Duddy hatte John Wittney mehr als Respekt. Er wies John, als dieser einmal sehr dreist wurde, so zurecht, dass er mir daraufhin aus dem Wege ging. Duddy konnte auch meine Vettern so in Schach halten, dass sie bis jetzt zu ertragen waren. Seit einigen Tagen sind sie aber kaum noch wiederzuerkennen. Ich fürchte mich vor ihnen und möchte am liebsten nicht wieder zurück.“

„Und wohin wollen Sie gehen?“

Details

Seiten
150
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917253
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412571
Schlagworte
gesetzlose zeit

Autor

Zurück

Titel: Gesetzlose Zeit