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Arztroman Sammelband Drei Romane - Winterliebe/ Dann stürzte die Welt für sie ein / Der kleine Jan

2018 360 Seiten

Leseprobe

Arztroman Sammelband Drei Romane - Winterliebe/ Dann stürzte die Welt für sie ein / Der kleine Jan

A. F. Morland

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Der kleine Jan

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von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 106 Taschenbuchseiten.

Als Dr. Berends einstiger Schulfreund mit einem Schlaganfall eingeliefert wird, erkennt er ihn kaum wieder. Zur gleichen Zeit wird der Sohn eines exzentrischen Millionärs auf die Kinderstation

gebracht. Der kleine Junge schließt die neue Krankenschwester sofort in sein Herz und möchte sie am liebsten mit nach Hause nehmen. Währenddessen versucht Dr. Berends die Hintergründe für den  Schlaganfall seines Freundes herauszufinden.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen das Romans:

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Bernhard Klausewitz – Er hat seine Millionen mit Schrott verdient. Doch ist er auch glücklich mit dem Geld?

Jan Klausewitz – Sein jüngster Sohn, der wie ein rohes Ei behandelt werden muss.

Senta Brenner – Krankenschwester. Sie soll an einem Verbrechen teilnehmen. Hat sie die Nerven dazu?

Werner Küppers – Arbeitsloser Schriftsetzer, der den Kopf voller dummer Ideen hat.

Sowie Chefarzt Dr. Richard Berends, seine Frau Charlotte und das Team der Wiesen-Klinik.

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Chefarzt Dr. Richard Berends eilte zum Fahrstuhl.

Oberarzt Dr. Uhlig hatte ihn angerufen und gefragt: „Können sie sofort auf die Interne kommen?“

„Was ist passiert?“

„Die Rettung brachte einen Mann, der eine Apoplexie erlitten hat. Er ist einseitig gelähmt, was ihn allerdings nicht daran hindert, darauf zu bestehen, dass ich Sie hinzuziehe“, hatte der Internist berichtet.

„Wie heißt der Mann?“

„Dr. Hans Kreuzer, Rechtsanwalt“, hatte Dr. Viktor Uhlig ruhig erklärt.

„Ich komme sofort.“

Die Fahrstuhltür öffnete sich, Dr. Berends betrat die Kabine und drückte auf einen der Etagenknöpfe.

Fast lautlos schloss sich die-Leichtmetalltür, und der Aufzug setzte sich kaum' spürbar in Bewegung.

Nach Dr. Viktor Uhligs Anruf erschien der Chefarzt der Wiesen-Klinik in der Station für innere Krankheiten. Es gibt Patienten, die schreien prinzipiell immer nach dem ersten Mann, denn sie sind der Ansicht, für sie wäre das Beste gerade gut genug.

War Dr. Kreuzer so ein Patient? Irgendwie war Dr. Berends der Name bekannt, aber er wusste im Augenblick nicht, wo er ihn unterbringen sollte, und als er den Mann sah, wusste er es erst recht nicht.

Dr. Uhlig machte kein sehr zuversichtliches Gesicht. Der Patient war bei Bewusstsein, aber es ging ihm nicht gut. Dr. Berends schätzte, dass er und Dr. Kreuzer etwa gleich alt waren.

Er sah ein aufgedunsenes Gesicht, das rechts gelähmt war. Der Mundwinkel hing stark nach unten, und Speichel floss heraus. Haare hatte der Mann so gut wie keine mehr. Er besaß nur noch einen blonden Haarkranz.

Da der Schlaganfall den Patienten entstellt hatte, war Dr. Kreuzer für den Chefarzt der. Wiesen-Klinik ein Fremder. Um so verwunderlicher fand er es, dass der Mann seinen Vornamen flüsterte.

„Richard...“ Es kam undeutlich über die Lippen, war aber doch zu verstehen. „R-i-c-h-a-r-d, hilf mir.“

Dr. Berends erkundigte sich, welche Maßnahmen der Oberarzt veranlasst hatte.

„Er kann den rechten Arm und das rechte Bein nicht bewegen. Wir müssen erst mal dafür sorgen, dass er genügend Luft bekommt.“

Dr. Berends nickte.

Eine Sauerstoffflasche wurde gebracht, doch ehe man dem Patienten die Atemmaske aufsetzen konnte, holte er plötzlich tief Luft, griff sich mit der linken Hand an die Brust, wurde ganz blau und stöhnte: „Tut das weh! O Gott, tut das weh!“

Obwohl er halbseitig gelähmt war, warf er sich dabei so heftig hin und her, dass zu befürchten war, er würde aus dem Bett fallen.

Dr. Berends und Dr. Uhlig hielten ihn fest. Der Krankenpfleger gab dem Patienten Sauerstoff, und der Chefarzt schrie nach Morphium.

Nachdem sie es dem Patienten gespritzt hatten, wurde er ruhiger.

„Wurde schon ein EKG gemacht?“, fragte der Chefarzt.

„Dazu war noch keine Zeit“, antwortete Dr. Viktor Uhlig.

Es wurde sofort nachgeholt, und es stellte sich heraus, dass Dr. Kreuzer einen schweren Schlaganfall gehabt hatte. Außerdem zeigte das EKG, dass der Patient eine ebenso gefährliche Koronarthrombose gehabt hatte.

Dr. Berends drehte den Mann auf die Seite, nahm ihm die Atemmaske ab und saugte ihm mittels Nasenkatheder eine Menge Schleim aus der Luftröhre.

Eine volle Stunde lang bearbeiteten sie den Mann. Dann empfahl Dr. Berends seinem Kollegen, den Patienten vorläufig weiter unter Morphium zu halten und Infusionen zu verordnen.

Mehr konnten sie im Augenblick nicht für den Patienten tun.

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Während der Chefarzt in sein Büro zurückkehrte, dachte er angestrengt nach, wann er schon mal mit einem Hans Kreuzer zu tun gehabt hatte. Wenn der Mann ihn duzte und beim Vornamen nannte, mussten sie sich doch näher gekannt haben.

Merkwürdig, dachte Dr. Berends.

Ich bilde mir ein, ein sehr gutes Namens- und Personengedächtnis zu haben, aber diesen Mann gibt es in meiner Erinnerung nicht.

In seinem Büro wollte er die Arbeit, die er wegen Dr. Uhligs Anruf unterbrochen hatte, wiederaufnehmen, aber Dr. Kreuzer ging ihm nicht aus dem Kopf.

Charlotte, seine reizende Frau, rief an. Sie war eine ausgezeichnete Internistin und arbeitete halbtags in der Wiesen-Klinik. Die verbleibende Zeit widmete sie dem kleinen Michael Richard. Er sollte auf jeden Fall genug Mutterliebe bekommen, und jedermann, der sehen konnte, wie sehr sich Charlotte ihres Sohnes annahm, wusste, dass der Junge diesbezüglich nicht zu kurz kam.

Ich wollte nur fragen, ob es dabei bleibt, dass du heute Abend um achtzehn Uhr nach Hause kommst“, sagte Charlotte. „Oder sieht es danach aus, als würde wieder - wie so oft - etwas dazwischenkommen?“

Ihr Mann lächelte. „Ein Glück, dass du selbst Ärztin bist und daher weißt, dass wir niemals in der Lage sind, fixe Versprechungen zu machen. Im Moment kannst du noch mit mir um achtzehn Uhr rechnen, aber schon in einer Minute kann das Telefon läuten und.... „Ach ja, ich kenne das“, sagte die Internistin.

„Wir dürfen uns nicht beklagen. Wir haben uns diesen Beruf selbst ausgesucht.“

„Ich habe mich noch nie beklagt.“

„Nein, du bist die beste und verständnisvollste Frau, die ich mir wünschen kann, deshalb liebe ich dich auch so sehr“, erklärte der Mediziner.

„Kann das Gespräch jemand mithören?“

„Ist doch egal! Gibt es irgendeinen Grund, warum ich meine Frau nicht lieben darf?“

„Ich kenne keinen“, sagte Charlotte lachend.

„Na also, dann darf das auch alle Welt wissen. Es ist keine Schande, wenn man seine Frau liebt. .. Hast du dir für heute Nachmittag irgend etwas vorgenommen?“

„Ja, Michael wächst in letzter Zeit aus allem raus. Wenn das so weitergeht, werden wir bald das größte Kind von Bergesfelden haben. Ich muss ihn komplett neu einkleiden.“

„Tue das, und küss ihn von mir - und sage ihm, dass Vati sich freut, heute Abend mit ihm ein wenig zu spielen.“

„Das sage ich ihm lieber nicht, denn wenn du dann in der Klinik bleiben musst, ist der Kleine enttäuscht.“

„Na schön, dann bekommt er eben nur den Kuss.“

„Und wer küsst mich?“

„Ich, sobald ich zu Hause bin“, sagte Dr. Berends. Er wollte auflegen, aber dann fiel ihm Hans Kreuzer ein, und er erzählte seiner Frau von diesem Patienten.

„Du weißt nicht, wo du ihn hintun sollst?“, fragte Charlotte.

„Nein. Kannst du mir helfen? Erinnerst du dich, dass ich den Namen Hans Kreuzer mal erwähnt habe?“

„Im Augenblick nicht“, sagte die Ärztin. „Aber ich werde nachdenken. Vielleicht komme ich dabei zu einem zufriedenstellenden Ergebnis.“

„Rufe mich an, wenn du mir helfen kannst“, sagte ihr Mann und beendete das Gespräch.

Er klappte die Mappe mit dem medizinischen Gutachten, das er prüfen sollte, zu und legte sie beiseite. Das hatte Zeit bis morgen.

Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen, als er an seinen Sohn dachte. Er liebte den Kleinen sehr. Sein ganzer Stolz war Michael. Seit es ihn in seinem Leben gab, war er erst richtig glücklich.

Leider konnte er sich nur ganz kurz in Gedanken mit Michael befassen, dann läutete das Telefon, und das Räderwerk des Krankenhausbetriebs riss Dr. Berends wieder mit.

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Und dann traf so etwas wie ein Staatsbesuch ein.

Ein riesiger schwarzer Mercedes 500 hielt vor der Wiesen-Klinik, und einige Leute stiegen aus.

Richard Berends beobachtete die Ankunft von seinem Bürofenster aus. Er sah einen übergewichtigen, rothaarigen Mann im schwarzen Nadelstreifanzug. Reich, rücksichtslos, unleidlich ... All diese Eigenschaften sah man ihm sofort an. Er schien der Ansicht zu sein, es gebe keine wichtigere Person als ihn, Bernhard Klausewitz.

Er glaubte, mit seinem vielen Geld Gott und die Welt kaufen und für sich arbeiten lassen zu können.

Dr. Berends kannte Klausewitz‘ Lebenslauf. Es wurde ja immer wieder darüber geschrieben. Arm und dünn war dieser Bernhard Klausewitz einst gewesen. Mit einem Handkarren war er umhergezogen und hatte altes Gerümpel gekauft und verkauft, und heute war er Deutschlands Schrottkönig.

Aber auf diesen Lorbeeren ruhte sich Bernhard Klausewitz jedoch nicht aus. Er baute zusätzlich ein Motorenwerk auf, das die größten Automobilkonzerne belieferte.

Der Mann hatte wahrhaftig eine sagenhafte Karriere hinter sich, war aber privat nicht glücklich. Viermal war er schon verheiratet gewesen, doch keine Frau hatte es länger als zwei Jahre bei ihm ausgehalten, denn er war ein rücksichtsloser Tyrann, der nur eine Meinung gelten ließ, und das war seine.

Krank war Bernhard Klausewitz noch nie gewesen, jedenfalls gab er es nicht zu. Krank sein bedeutete für ihn schwach sein, und schwach sein konnte sich der starke Klausewitz nicht leisten.

Neben ihm erkannte Dr. Berends eine junge, schlanke, blonde Frau. Sehr elegant, sehr schön - sie passte nicht zu Klausewitz, allgemein wurde aber angenommen, dass sie Ehefrau Nummer fünf werden würde.

Sie warf zwei Jahre ihres Lebens weg.

Hinter Bernhard Klausewitz erschien sein Sohn Albert, ein hübscher, schlanker, schwarzhaariger Junge, etwa zwanzig Jahre alt. Er hatte zum Glück nicht das Aussehen seines Vaters mitbekommen, wirkte sympathisch und umgänglich.

Die Hauptperson jedoch war an diesem Tag nicht Bernhard Klausewitz, sondern sein kleiner Sohn Jan. Seinetwegen waren sie alle hier, denn der neunjährige Jan Klausewitz hatte seit Tagen Bauchschmerzen, und möglicherweise musste der Blinddarm raus.

Eine Entscheidung sollte in den nächsten Tagen getroffen werden. Zunächst einmal sollte Jan gründlich durch untersucht und zur Beobachtung dabehalten werden.

Das alles wusste der Chefarzt, denn Bernhard Klausewitz hatte persönlich mit ihm telefoniert. Das war fast als eine große Ehre anzusehen.

Der Chauffeur war dem Kleinen beim Aussteigen behilflich. Bernhard Klausewitz sagte irgendetwas zu ihm und betrat dann mit seiner Familie die Wiesen-Klinik.

Es war Dr. Berends kein Herzensbedürfnis, den arroganten Klausewitz zu begrüßen, aber er überwand sich trotzdem dazu.

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Inzwischen kümmerte sich die Oberärztin der Kinderstation, Dr. Angela Wilke, um den kleinen Prinzen. Auch Jan sah seinem Vater glücklicherweise überhaupt nicht ähnlich. Er war braun gelockt, hatte eine lustige Stupsnase und große Augen, mit denen er aufmerksam beobachtete, was mit ihm passierte und um ihn herum vorging.

Bernhard Klausewitz wollte unbedingt dabei sein, als Dr. Wilke das Kind untersuchte, doch sie forderte ihn mit Nachdruck auf, auf dem Flur zu warten, damit sie ihre Arbeit ungestört und gewissenhaft tun könne.

„Hören Sie!“, begehrte der Vater zornig auf. „Ich lasse mich von Ihnen nicht hinauswerfen!“

„Und ich untersuche Ihren Sohn nicht, solange Sie mir hier im Weg herumstehen!“, erwiderte Angela Wilke.

„Ich bin immerhin der Vater dieses Kindes. Ich habe ein Recht, bei der Untersuchung dabei zu sein!“

„Ich hätte nichts dagegen, wenn Sie sich völlig ruhig verhalten würden, aber das tun Sie nicht. Sie machen mich und den Jungen nervös, deshalb ist es besser, wenn Sie hinausgehen.“

„Ich mache Sie nervös? Sagen Sie mal, was sind Sie denn für eine Ärztin, wenn Sie es nicht einmal vertragen, dass man Ihnen bei der Arbeit auf die Finger sieht! Ich habe kein Vertrauen zu euch Quacksalbern! Gescheit daherreden, ja, das könnt ihr, aber meinem Vater konntet ihr nicht helfen. Soll ich Ihnen erzählen, wie der arme alte Mann leiden musste? Möchten Sie es hören?“

„Herr Klausewitz, wenn Sie jetzt nicht auf der Stelle gehen ...“

„Was tun Sie dann, he? Junge Frau, Sie wissen anscheinend nicht, wen Sie vor sich haben! Einem Bernhard Klausewitz kann man nicht drohen! Der ist zu groß dafür! Die Zeiten, in denen man sich an Bernhard Klausewitz die Füße abgeputzt hat, sind ein für allemal vorbei.“

„Aber Sie leiden immer noch darunter“, entgegnete die Medizinerin.

„Was geht Sie denn das an?“, herrschte Klausewitz die Kinderärztin an.

„Können Sie mir sagen, warum Sie mit Ihrem Sohn ausgerechnet hierher kamen?“, fragte Dr. Wilke frostig.

„Weil die Wiesen-Klinik den besten Ruf hat.“

„Denken Sie, den hat sie von ungefähr? Wir sind gewöhnt, gute Arbeit zu leisten - wenn man uns lässt. Sollten Sie weiterhin die Absicht haben, mich in der Ausübung meiner Tätigkeit zu behindern, empfehle ich Ihnen, Jan in ein anderes Krankenhaus zu bringen. Vielleicht lässt man sich dort das Theater, das Sie machen, bieten. Ich bin jedenfalls nicht bereit, unter diesen Umständen zu arbeiten.“

Bernhard Klausewitz blies sich auf. Es hatte den Anschein, als würde er gleich platzen.

Zorn funkelte in seinen Augen, als er schrie: „Sie schicken mich in ein anderes Krankenhaus?“

„Zuerst schicke ich Sie nur aus diesem Raum“, sagte Dr. Wilke furchtlos. Klausewitz konnte noch so brüllen, es würde ihm nicht gelingen, sie einzuschüchtern. „Der Leidtragende ist Ihr Sohn. Glauben Sie nicht, Sie sollten etwas mehr Rücksicht auf ihn nehmen?“

Damit traf Dr. Wilke ins Schwarze. Bernhard Klausewitz brummte wie ein Bär, den man geärgert hat, wandte sich um und kehrte auf den Flur zurück, wo sein Sohn Albert und die blonde Tamara Hellbich warteten.

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Sie hatten ihn durch die Tür brüllen hören, und Tamara riet ihm, er solle sich beruhigen, es täte ihm bestimmt nicht gut, wenn er sich so aufrege.

„Ich rege mich auf, wann, wo und wie oft ich will!“, schnauzte er sie an. „Mir kann man keine Vorschriften machen!“

„Ich meine es nur gut mit dir“, sagte Tamara Hellbich kleinlaut.

„Ja, ja, ja, alle meinen es nur gut mit mir. Kannst du mir erklären, wieso ich so viele Feinde habe, da es doch alle so schrecklich gut mit mir meinen?“

Sie hätte es ihm sagen können, verzichtete aber darauf.

„Die Menschen sind falsch, verschlagen, heimtückisch“, belehrte sie Bernhard Klausewitz. „Glaube mir, es gibt keinen, der es ehrlich mit dir meint. Sie wollen dich alle ausnützen. Jeder auf eine andere Weise. Manche tun es so geschickt, dass du erst hinterher merkst, dass sie dich angeschmiert haben, deshalb gebe ich dir den guten Rat: Denke immer das Schlechteste von den Menschen, dann können sie dich nie enttäuschen.“

Dr. Berends kam.

„Na endlich“, sagte Klausewitz. „Wurde langsam Zeit, dass Sie sich hier blicken lassen. Ich habe eine Beschwerde vorzubringen.“

„Ich stehe Ihnen gleich zur Verfügung, Herr Klausewitz“, sagte Richard Berends und begab sich zu Dr. Wilke und dem kleinen Patienten.

„Wie die mich behandeln!“, sagte der Besucher empört. „Als wäre ich irgend jemand!“

„Hier bist du auch nur irgendjemand“, sagte Tamara Hellbich.

„Ach, halte den Mund! Ich bin Bernhard Klausewitz! Dieser Name hat überall Gewicht, auch in der Wiesen-Klinik!“

„Im Augenblick ist Jan die wichtigste Person, Bernhard. Um ihn geht es, ihm soll geholfen werden.“

„Da sieht man wieder einmal, dass du gar nichts verstehst! Sie werden Jan um so mehr helfen, je mehr Angst sie vor mir haben.“

Eine halbe Stunde verging, bis der Chefarzt wieder erschien.

„Haben Sie jetzt die Güte, mir zuzuhören?“, fragte Bernhard Klausewitz bissig. „Ich bin mit der Behandlung, die man meiner Person hier angedeihen lässt, nicht zufrieden, Dr. Berends! Ich bin kein armes Würstchen mehr, mit dem man so umspringen kann. Ich habe es zu Ansehen und Macht gebracht.“

„Das ist sehr schön für Sie, Herr Klausewitz“, sagte Dr. Berends gelassen. „Ich kann Ihnen versichern, dass Ihr Sohn bei uns in besten Händen ist.“

Der rothaarige Mann kräuselte die Nase. „Sind Sie sicher?“

„Wenn Sie nicht ebenfalls davon überzeugt wären, hätten Sie Jan nicht hierher gebracht.“

„Ist diese Ärztin nicht noch ein wenig zu jung, um so eine Kinderstation zu leiten?“

„Dr. Wilke ist eine ausgezeichnete Fachkraft.“

„Sie kann es nicht haben, wenn man ihr auf die Finger sieht. Wenn ich arbeite, ist es mir völlig egal, wer mir dabei zusieht.“

„Zwischen Ihrer Tätigkeit und dem, was wir hier tun, ist doch wohl ein kleiner Unterschied“, sagte Dr. Berends.

„Sie meinen, weil Sie studiert haben - und ich nicht. Ich sage Ihnen,, ich bin clever genug, um viele von den sogenannten Eierköpfen in die Tasche zu stecken. .Mir kann keiner von den studierten Herren ein X für ein U vormachen. Diese Dr. Wilke sieht ja sehr gut aus, aber dass sie auch eine gute Ärztin ist, muss sie erst beweisen.“

„Sie haben kein Vertrauen zu Ärzten, nicht wahr?“

„Nie gehabt. Ihr seid in meinen Augen Metzger. Immer wollt ihr die Leute gleich aufschneiden. Das nennt ihr dann ,mit dem Skalpell heilen‘. Heilen! Dass ich nicht lache. So ein Schnitt tut weh. Die Nähte schmerzen. Die Wunde brennt und müsste nicht heilen, wenn ihr nicht so schnell mit dem Messer bei der Hand gewesen wärt.“

„Sind Sie schon mal operiert worden?“, fragte Dr. Berends.

„Nein, aber ich weiß trotzdem, wovon ich rede. Ich war viermal verheiratet, und jede meiner Frauen war mindestens einmal im Krankenhaus. Ich möchte nicht wissen, wie viele Patienten schon operiert wurden, ohne dass es nötig gewesen wäre. Und wie viele von denen kamen nicht mehr lebend aus dem Operationssaal heraus? Gibt es darüber eine Statistik? Ich wette nein. Der raffinierteste Steuerhinterzieher ist nicht so gut im Vertuschen wie ihr Ärzte. Und wenn mal durchsickert, dass ihr gepatzt habt, nennt ihr das hochtrabend einen Kunstfehler.“

„Haben Sie sich nun alles von der Seele geredet?“, fragte der Mediziner ungerührt. Es war müßig, sich mit diesem rechthaberischen Menschen auf eine Diskussion einzulassen.

„Ich warne Sie, Dr. Berends! Mein Sohn wird nur dann operiert, wenn es unbedingt nötig ist, ist das klar?“

Richard Berends erwiderte nichts. Es war für ihn eine Selbstverständlichkeit, nur dann zu operieren, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Er überlegte sich den Griff zum Skalpell stets sehr gründlich, da er sich als gewissenhafter Arzt der Tatsache bewusst war, dass jeder Eingriff, selbst der kleinste, ein Risiko für den Patienten darstellte.

„Vielleicht sollte man noch andere Ärzte hinzuziehen“, sagte der Geschäftsmann.

„Was versprechen Sie sich davon?“, fragte Dr. Berends.

„Jan ist mein Sohn, der Sohn von Bernhard Klausewitz, verstehen Sie? Ich liebe den Kleinen und möchte ihn nicht verlieren. All das, was ich in meinem Leben geschaffen habe, sollen einmal meine Söhne übernehmen. Ich bin stolz auf das, was ich geleistet habe, und ich bin stolz auf meine Söhne. Wenn sie Probleme haben, die sich mit Geld aus der Welt schaffen lassen, blättere ich bar auf den Tisch, was verlangt wird. Ich will, dass für Jan getan wird, was menschenmöglich ist. Was das kostet, bezahle ich, ohne zu feilschen.

Schaffen Sie für Jan die optimalsten Bedingungen. Ich akzeptiere eine Rechnung in jeder Höhe. Ich kann es mir leisten, für mich und die meinen das Beste zu kaufen ... Sollte irgend etwas schief gehen, Dr. Berends, dann schwöre ich Ihnen, dass ich diese schöne moderne Klinik dem Erdboden gleichmache. Ich radiere dieses Krankenhaus aus, wenn ich meinen kleinen Sohn nicht wohlbehalten und gesund wiederkriege. Sie kennen mich nicht, aber die, die mich kennen, wissen, dass ich noch nie eine leere Drohung ausgesprochen habe.“

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Hans Kreuzer“, sagte Dr. Charlotte Berends eine Stunde später am Telefon. „Ich habe ein paar Versuchsbohrungen gemacht und bin fündig geworden, Richard. Ich ging von der Überlegung aus, dass deine Bekanntschaft mit Kreuzer lange zurückliegen müsse, also möglicherweise in deine Schulzeit fällt, und so rief ich ein paar deiner einstigen Schulfreunde an. Kreuzer ging ein halbes Jahr lang mit dir aufs Gymnasium. Sechste Klasse. Ein schmächtiger, unscheinbarer Junge mit dichtem, struppigem Blondhaar soll er gewesen sein. Schüchtern und introvertiert. Er wurde oft verprügelt, und du nahmst ihn immer in Schutz.“

Plötzlich erinnerte sich Dr. Berends wieder.

Hans war immer zu ihm gekommen, wenn er Hilfe gebraucht und Schutz gesucht hatte.

Als er nun wieder Hilfe brauchte, rief er nach dem Chefarzt der Wiesen-Klinik, seinem Freund.

Aber der Mann, der auf der inneren Station lag und um sein Leben kämpfte, hatte keine Ähnlichkeit mehr mit jenem Hans Kreuzer, an den Richard Berends sich erinnerte.

Sein Körper war schwammig geworden, die Haare waren ihm, bis auf einen kleinen Kranz, ausgefallen. Der Schlaganfall hatte sein Gesicht entstellt. Nein, wiederzuerkennen war Hans nicht.

„Wie stehen seine Chancen?“, wollte Charlotte Berends wissen.

„Schwer zu sagen“, antwortete er. „Fünfzig zu fünfzig?“

„Ungefähr“, sagte Richard und dankte seiner Frau für die Mühe, die sie sich gemacht hatte, „An dir ist eine gute Detektivin verlorengegangen.“

„O ja“, sagte die Internistin und Mutter. „Der Beruf eines weiblichen ‚Schnüfflers‘ hätte mir auch zugesagt.“

„Ein gefährlicher Job.“

„Nicht, wenn man schießen und Karate kann“, entgegnete Charlotte. „Kannst du’s?“

„Noch nicht, aber das ließe sich jederzeit erlernen.“

„Karate zu können, wäre wirklich nicht schlecht. Ich hatte vorhin das Vergnügen, mich mit Bernhard Klausewitz zu unterhalten. Der Mann scheint jedem gleich an die Kehle gehen zu wollen.“

„Einem so verträglichen Menschen wie dir auch?“, fragte seine Frau.

„Aber ja. Da macht Klausewitz keinen Unterschied. Stelle dir mal vor, ich wäre ein gut ausgebildeter Karatekämpfer, und Klausewitz würde mich tatsächlich angreifen.

Ich sehe ihn vor meinem geistigen Auge auf dem Flur durch die Luft fliegen und ein Rad schlagen. Ein Bild für Götter, sage ich dir.“

Sie lachten und legten gleichzeitig auf.

Nach diesem Gespräch suchte Dr. Berends abermals die Station für innere Krankheiten auf. Diesmal sah er Dr. Kreuzer mit anderen Augen an, doch er konnte beim besten Willen keine Ähnlichkeit mit jenem Jungen finden, den er immer beschützt hatte.

Reglos lag der Patient da, die Augen geschlossen. Es hatte den Anschein, als wäre er tot, doch sein Brustkorb hob und senkte sich kaum merklich.

„Tut mir leid, dass ich dich nicht wiedererkannt habe“, sagte Dr. Berends zu dem Schlafenden. „Aber du hast dich zu sehr verändert.“

Er suchte Dr. Uhlig und fand ihn im Labor.

„Er ist mittlerweile schon wieder so reaktionsfähig genug, um Flüssigkeit zu schlucken“, sagte der Oberarzt. „Was mir Sorgen macht, ist der Umstand, dass er immer wieder den Kontakt zur Umwelt verliert. Wir haben ihm Blut für die Prothrombinzeit entnommen, und er bekommt gerinnungshemmende Mittel. Seine Brust klingt recht frei, das lässt mich hoffen.“

„Sollte sich sein Zustand verschlechtern, rufen Sie mich an“, verlangte der Chefarzt.

„Auch zu Hause?“, fragte der Internist

„Auch, ja“, antwortete Dr. Berends. Hans rechnete immer mit mir, wenn es ihm schlecht ging, dachte der Chefarzt. So soll es auch jetzt sein.

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Werner Küppers legte die Illustrierte auf den Tisch. Der junge Mann war erst zweiundzwanzig, hatte aber schon schütteres Haar. Ein mittelgroßer, kräftiger Bursche war er, der seit Jahren davon träumte, einmal richtig viel Geld zu besitzen, doch woher nehmen und nicht stehlen?

Er hatte den Beruf des Schriftsetzers erlernt und war seit einem halben Jahr arbeitslos. Die Druckerei, in der er zuletzt tätig gewesen war, hatte auf Fotosatz umgestellt. Weg vom Blei lautete die Devise. Alles ging schneller, rationeller, Computer wurden eingesetzt, und Werner Küppers flog raus, weil man für ihn keine Verwendung mehr hatte.

Nun gehörte auch er zu denen, die von einem Computer ersetzt worden waren, und er hasste diese elektronischen Wundergeräte, verständlicherweise, wie die Pest. Er hasste aber auch alle, die ihren Job behalten hatten, und ganz besonders waren ihm „die da oben“ verhasst, die Reichen, die trotz Rezession und Wirtschaftskrise so viel Geld hatten, dass sie nicht wussten, auf was für eine verrückte Art sie es noch zum Fenster hinauswerfen sollten.

„Wenn ich sehe, wie’s denen geht, stößt es mir ganz schön sauer auf“, sagte er und wies auf die Illustrierte. „Sieh dir das mal an. Hans Otto Mendt, der ach so berühmte Schauspieler, feierte seinen fünfzigsten Geburtstag. Schau, wie sich die Tische biegen . . . Das kalte Büfett . . . Großer Gott, einmal im Leben möchte ich auch von diesen Köstlichkeiten naschen. Auf den Tabletts sind Dinge, von denen ich nicht einmal weiß, wie sie heißen... Und natürlich fließt der Champagner in Strömen. Wie Motten fliegen die Adabeis hier zum Licht. Sie protzen mit ihrem Schmuck, nehmen es mit der Treue nicht besonders genau, jeder geht mit jedem. Ein Sodom und Gomorrha ist das.

Und uns kleinen Leuten zeigt man dann die Fotos, aus reiner Bosheit und Schadenfreude. ,Seht her!‘ soll das heißen. ,So feiert man, ihr armen Schlucker! Was wisst ihr denn schon, wie man lebt. Ihr verdient in einem ganzen arbeitsreichen Monat nicht, was hier an einem einzigen Abend ausgegeben wird. Nicht einmal mit Überstunden'. Und wir Masochisten sehen uns solche Berichte an und gaffen mit offenem Mund, und vielleicht sogar mit hungrigem Magen. Warum verdient Hans Otto Mendt so viel Geld, frage ich dich. Weil er Filme macht und im Fernsehen zu bewundern ist? Er tut nichts anderes als seine Arbeit. Er macht sie so gut wie möglich, aber das tun hunderttausend andere auch. Warum verdienen die nicht soviel wie er? Das ist doch ungerecht.“

Siegfried Brenner, sein Freund, zuckte mit den Schultern. „Sicher ist das ungerecht, aber das wirst du nicht ändern. So ist es nun mal.“ Werner Küppers sah ihn kampflustig an. „So ist das nun mal. Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?“

„Es hat keinen Zweck, sich darüber aufzuregen, Werner.“

„Sieh sie dir doch an, diese Menschen mit der miesesten Moral, die’s gibt. Sie betrügen den Staat, hauen jeden übers Ohr, der nicht aufpasst, vernichten die Umwelt rücksichtslos, wenn’s nur genug Profit abwirft, und du sagst, so ist das nun mal.“

„Was erwartest du sonst, dass ich sage?“, fragte Siegfried Brenner und fuhr sich mit den Fingern durch das dunkle Haar. „Willst du Robin Hood spielen? Den Reichen etwas wegnehmen und den Armen geben?“

„Das wäre nicht einmal die schlechteste Lösung“, sagte Werner Küppers. „Ja, Siegfried, man müsste den Reichen etwas wegnehmen. Aber ich würde es nicht weitergeben, sondern behalten. Die andern sollen selbst sehen, wo sie bleiben.“

„Das Dumme ist nur, dass sich die Reichen nicht so einfach was wegnehmen lassen“, bemerkte sein Freund.

„Mh, man müsste es nur richtig anstellen“, sagte Werner und lehnte sich zurück.

Seit er arbeitslos war, wohnte er bei Siegfried Brenner und dessen Schwester Senta. Manchmal bereute Siegfried, ihm dieses Angebot gemacht zu haben, denn Werner stellte hin und wieder unverschämte Ansprüche, statt dass er froh war, hier untergekommen zu sein und nichts zur Miete beitragen zu müssen.

Siegfried arbeitete als Verkäufer in einer Eisenwarenhandlung. Senta war diplomierte Krankenschwester und hatte sich um eine Stelle in der Wiesen-Klinik beworben.

Sie hatte die besten Aussichten, dass ihre Bewerbung berücksichtigt würde. Ein diesbezüglicher Bescheid würde nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Senta war von Anfang an dagegen gewesen, dass Werner zu ihnen zog, aber Siegfried hatte sich durchgesetzt. Er hatte gesagt, Werner wäre sein Freund, und er könne ihn jetzt in der Not nicht im Stich lassen.

Zweimal hatte sich Werner Küppers zuerst über Siegfrieds Hausbar und dann über seine Schwester hergemacht. Beide Male hatte Senta große Mühe gehabt, Werner Küppers abzuwehren.

Sie hatte daraufhin alle Schnapsflaschen ausgeleert und ihrem Bruder verboten, die Bar wieder aufzufüllen.

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Hier“, sagte Werner Küppers und stach mit dem Zeigefinger auf ein Gesicht in der Illustrierten, „Sieh dir diesen rothaarigen Fettwanst an. Er ist das größte Schwein Deutschlands - Bernhard Klausewitz.“

„Warum sagst du, er ist ein Schwein?“

„Weil er eines ist“, erklärte der junge Mann.

„Das ist keine Antwort, die mich zufriedenstellt. Klausewitz hat sich von ganz unten nach ganz oben gerackert. Das muss ihm erst mal einer nachmachen.“

„Wenn du dem die Hand gibst, musst du hinterher nachzählen, ob noch alle Finger dran sind, so einer ist das.“

„Ich habe trotzdem große Achtung vor der Leistung dieses Mannes. Vielleicht ist er menschlich nicht gerade ein Vorbild, aber was er mit seinen eigenen Händen geschaffen hat, ist beachtenswert.“

„Er ist ein Parasit, ein Ausbeuter. Sieh ihn dir doch genau an. Ihm steht die Gier ins Gesicht geschrieben. Das ist einer von denen, die niemals genug kriegen. Noch und noch und noch... Sie können's ohnedies schon nicht mehr schlucken, aber sie müssen es auch noch haben... Und das auch noch... Mann, Siegfried, mit einem Bruchteil seines Vermögens könnten wir uns eine Menge Wünsche erfüllen.“

„Hast du vor, ihm einen Bettelbrief zu schreiben?“

Werner Küppers grinste. „Keinen Pfennig gibt so einer freiwillig. Um so mehr würde es mich reizen, ihn zur Kasse zu bitten. Was würdest du dazu sagen, wenn ich eine Idee hätte, wie wir diesen unsympathischen Fettsack um eine halbe Million Euro erleichtern könnten.“

„Eine halbe Million Euro.“ Siegfried Brenner lachte nervös. „Du spinnst ja.“

Werner Küppers tippte sich an die Stirn. „Dein Freund ist ein heller Junge. Ich bin nicht arbeitslos, weil ich so blöd bin, sondern weil ich gegen den Computer keine Chance hatte. Bei Gott, als sie mir das Kündigungsschreiben in die Hand drückten, wünschte ich mir, eine Axt zur Verfügung zu haben. Ich hätte die ganzen schönen Apparate zerdroschen, und jedem, der mich daran zu hindern versucht hätte, hätte ich auch gleich eins übergezogen.“

„Ja, so verrückt bist du. In deinem Jähzorn weißt du nicht, was du tust“, sagte Siegfried.

„Zeige mir einen, der keinen Dachschaden hat“, verlangte Werner Küppers.

Der Verkäufer konnte nicht auf sich weisen, denn er war so verrückt gewesen, Werner zu sich in die Wohnung zu nehmen. Werner hatte keinen guten Einfluss auf ihn. Werner war eine starke Persönlichkeit. Er setzte fast immer seinen Willen durch. Siegfried ärgerte sich zwar oft darüber, schließlich machte er aber doch immer, was Werner sagte. „ Fünfhunderttausend Euro“, sagte

Werner Küppers grinsend. Er ließ den Betrag auf der Zunge zergehen und rollte die Augen, als wär’s süße Schokolade. „Wir würden sechzig zu vierzig teilen.“

„Ja, träume nur“, sagte Siegfried Brenner und holte sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank.

„Und was ist mit mir?“, fragte Werner und nahm dem Freund die Flasche weg, sobald dieser sie geöffnet hatte. „Soll ich zusehen, wie du dir den kühlen Gerstensaft schmecken lässt? Werd’ bloß nicht geizig, mein Junge. Ich bin schließlich dein Freund, und ich zahle auf Heller und Pfennig zurück, was ich bekommen habe, sobald ich wieder etwas besser bei Kasse bin. Wenn du mitmachst, könnte das schon sehr bald sein.“

„Komm, lass mich in Ruhe mit dem Blödsinn“, sagte Siegfried Brenner und holte eine zweite Flasche aus dem Eiskasten.

„Es ist ein Traum, der wahr werden kann, Siegfried, höre mir zu.“

„Quatsch.“

„So hör mir doch einmal zu!“, sagte Werner Küppers und machte einen großen Schluck aus der Flasche. Dann wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund und schaute den Freund mit glitzernden Augen an.

Siegfried wusste, dass dieses Glitzern weder von der Kohlensäure noch vom Alkohol kam. Werner war bloß wieder einmal high. Er brauchte nur zu glauben, eine gute Idee zu haben, schon wirkte das auf ihn, wie eine Droge.

„Hast du vorhin die Nachrichten gehört?“, fragte Werner Küppers. „Klar“, antwortete der Freund.

„Ich meine, hast du richtig zugehört?“

„Wir haben Juni, ein weiteres Tief ist von den Azoren kommend im Anmarsch, es bleibt weiterhin kalt und regnerisch. Mit einem Wort, die neuen vier Jahreszeiten heißen: Januar, Februar, Herbst und Winter.“

„Blödmann, wen interessiert schon das Wetter?“

„Mich. Die Politik finde ich zum Kotzen, und ob der weltberühmte Geiger Sowieso siebzig, achtzig, oder neunzig Jahre alt geworden ist, ist mir schnurzpiepegal.“

„Ich wette, du weißt nicht, dass auch von Bernhard Klausewitz die Rede war“, sagte Werner Küppers.

„Na wenn schon. Ist durchgesickert, dass ihm eine alte Tante eine Million schenkte, damit er noch reicher wird?“

„Er hat seinen neunjährigen Sohn Jan heute in der Wiesen-Klinik abgeliefert. Vielleicht eine Blinddarmgeschichte. Man wird sich des Kleinen annehmen, als wäre er der Sohn eines gekrönten Hauptes.“

„Ich gönne es dem Jungen.“

„Menschenskind, du bist aber auch wirklich zu dämlich“, sagte Werner Küppers kopfschüttelnd. „Klingelt es denn nicht bei dir?“

„Nein, wieso?“, fragte er.

„Wir sind des Zufalls liebste Kinder, Siegfried. Er muss ganz vernarrt in uns sein, sonst würde er uns nicht so bevorzugt behandeln. Überlege doch mal: Jan Klausewitz befindet sich in der Wiesen-Klinik. Kinderstation. Und deine liebe Schwester Senta wird dort bald ihren Dienst antreten. Oh, ich sehe, dass du endlich begreifst. Senta ist eine hübsche Frau. Ich bin sicher, sie wird dem kleinen Prinzen gefallen. Sie kann mit Kindern großartig umgehen. Der Kleine wird sich in sie verlieben, wird alles tun, was sie sagt. Nun, sie wird ihn auffordern, mit ihr einen kleinen Ausflug zu machen, und wir werden Bernhard Klausewitz bitten, uns fünfhunderttausend Euro zu geben, weil sonst die Gefahr besteht, dass der Kleine nicht mehr in die Klinik zurückkehrt.“

Siegfried Brenner sah den Freund entgeistert an. „Meine Güte, du meinst ja wirklich, was du sagst.“

„Möchtest du nicht auch mal in Geld schwimmen?“, fragte Werner Küppers grinsend.

„Das schon, aber was du vorhast, ist ein Verbrechen, bist du dir dessen bewusst?“

„Durchaus. Aber wir bleiben Gentlemen. Wir klauen keiner alten Dame die Handtasche, schlagen niemanden zusammen. Senta fährt mit dem kleinen Jan nur ein bisschen spazieren, das ist alles, und dafür kassieren wir eine halbe Million. Wenn du einen Verstand hast, dann gebrauche ihn jetzt, Siegfried. Geld, viel Geld winkt uns. Wir brauchen nur zuzugreifen. So eine Chance bietet sich uns nie mehr, das sage ich dir. Wenn wir diese Gelegenheit nicht beim Schopf packen, ist sie dahin, und wir bleiben arm wie Kirchenmäuse.“

Siegfried trank aus der Flasche. Es herrschte eine Weile Stille im Raum. Werner ließ dem Freund Zeit, sich die Sache zu überlegen.

Schließlich meinte er: „Es ist die einfachste Sache von der Welt, und es trifft weder einen sympathischen Menschen noch einen Armen. Ich frage dich: Was gibt’s da so lange nachzudenken? Bernhard Klausewitz hat ohnedies viel zu viel Geld, und dem kleinen Jan wird es nichts ausmachen, sich einen schönen Tag mit Senta zu machen. Er bekommt Bonbons, darf Karussell fahren, kriegt eine schöne Tüte Eis. Mann, ich beneide ihn fast um diesen Tag.“

„Senta wird nicht mitmachen“, sagte Siegfried.

„Sage mir erst einmal, ob du dabei bist“, meinte der Freund.

„Im Prinzip... ja“, erklärte Siegfried Brenner.

Werner Küppers lachte erfreut und schlug ihm auf die Schulter. „Ist ja großartig. Senta werden wir so lange bearbeiten, bis sie zusagt, uns zu helfen. Wir fangen noch heute an und lassen nicht locker. Beharrlichkeit führt zum Ziel, Siegfried. Ich bin sicher, dass wir Senta für unser Projekt gewinnen können.“

„Und die Polizei?“

Werner Küppers lächelte überlegen. „Was denn für eine Polizei? Denkst du, Bernhard Klausewitz wendet sich an die Bullen, wenn wir seinen Jungen haben?“

„Da noch nicht, aber gleich nachher, und der kleine Jan wird alles erzählen.“

„Ich sehe trotzdem kein Problem“, sagte Werner Küppers. „Wir beide halten uns sowieso im Hintergrund, und Senta bekommt eine neue Identität. So etwas kann man kaufen.“

„Wo?“, fragte der junge Mann. „Ich werde mich zu gegebener Zeit darum kümmern.“

„Wenn die Polizei Senta nicht kriegen kann, wird sie sich an mich halten.“

„In welchem Land leben wir denn? Bei uns gibt es doch keine Sippenhaftung. Wenn die Bullen zu dir kommen, sagst du ihnen eiskalt, du weißt von nichts, und was deine Schwester getan hat, interessiert dich nicht.“

Siegfried Brenners Begeisterung ließ etwas nach.

„Außerdem wird sich Klausewitz hüten, die Polizei einzuschalten, wenn wir ihn um die halbe Million erleichtert haben“, sagte Werner. „Wir müssen ihn nur richtig einschüchtern. Ich werde ihn wissen lassen, dass seinem kleinen Jungen so etwas immer wieder zustoßen könnte - so gut könne er gar nicht auf ihn aufpassen. Du wirst sehen, wie klein Klausewitz wird. Zwei Zentimeter - mit Hut.“

Siegfried hatte weiterhin leichte Bedenken.

Sicher, viel Geld hätte auch er ganz gern einmal besessen, und Bernhard Klausewitz besaß nicht seine Sympathien, was die Sache erleichterte, denn Gewissensbisse würde er dabei nicht haben.

Aber er hatte Angst, erwischt zu werden, und die musste er erst einmal ablegen, sonst war an die Ausführung von Werners Plan nicht zu denken.

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Eine Stunde nachdem Werner Küppers seine geniale Idee geboren hatte, kam Senta nach Hause, eine bildhübsche Frau, deren Augenbrauen einen kessen Schwung hatten.

In dieser Stunde war es Werner Küppers gelungen, seinen Freund zu überzeugen, und nun mussten sie gemeinsam darangehen, Senta für die Sache zu gewinnen.

Schlank wie ein Mannequin war sie, und sie wusste sich graziös zu bewegen. Natürlich gefiel sie Werner sehr gut, aber er hatte es aufgegeben sich um ihre Gunst zu bemühen.

Sie wollte nichts von ihm wissen, hatte nicht dieselbe Wellenlänge wie er. Um des lieben Friedens willen, ließ Werner sie nach seinen gescheiterten Versuchen in Ruhe.

Aber ganz hatte er die Hoffnung noch nicht aufgegeben...

Vielleicht würde ihn Senta mit anderen Augen sehen, wenn er sich Klausewitz Geld verschafft hatte.

Senta stellte ihre Handtasche ab und begab sich zum Kühlschrank. Sie beugte sich leicht vor, und Werner Küppers betrachtete wohlgefällig ihre attraktive Kehrseite.

„Gibt’s was Neues?“, erkundigte sich ihr Bruder.

„Ja“, sagte Senta und griff nach einem Yoghurtbecher. „Ich habe mit der Wiesen-Klinik telefoniert. Eigentlich hätte mir die Oberin am Telefon keine Auskunft geben dürfen, aber sie machte bei mir eine Ausnahme und sagte mir, dass sie mich nehmen werden. Die schriftliche Zusage auf meine Bewerbung ist bereits unterwegs.“

Werner Küppers lachte laut. „Wunderbar! Großartig! Ich wusste, dass sie eine so tüchtige Krankenschwester wie dich gebrauchen können.“ Er schlug Siegfried auf die Schulter. „Freust du dich nicht auch?“

„Klar freu' ich mich“, sagte Siegfried Brenner krächzend.

„Das sollte gefeiert werden“, sagte Werner. „So richtig auf den Putz hauen müssten wir. Was meint ihr dazu? Soll ich euch was sagen? Ich lade euch ganz groß ein!“

„Du?“, sagte Senta und lachte. „Ich denke, du bist permanent blank.“

„Es sind bessere Zeiten in Aussicht, meine Liebe. Ich erwarte einen warmen Geldregen, und da ihr meine Freunde seid, werdet ihr auch etwas davon abkriegen. Werner Küppers weiß wahre Freundschaft zu schätzen. Ihr braucht mir nur zwei- bis dreihundert Euro zu pumpen, und schon kann die Fete steigen.“

„Und sonst fehlt dir nichts?, fragte Senta.

„Nee“, sagte Werner und grinste. „Nur die Moneten ... Senta, dein kluger Bruder und ich haben eine großartige Idee aus der Taufe gehoben. Bisher waren wir immer arme Schweine, ist es nicht so? Aber das wird sich ändern. Wir werden zu Geld kommen, es clever anlegen und mehr daraus machen. Die Zeit des Darbens ist vorbei.“

Senta schaute ihren Bruder an. „Hat er was getrunken?“

„Nur diese eine Flasche Bier“, sagte Werner Küppers. „Borgt ihr mir nun das Geld oder nicht?“

„Das sehen wir doch nie wieder“, sagte die Krankenschwester.

„Ich lege einen heiligen Eid ab, dass ich meine Schulden in wenigen Tagen begleichen werde.“

Sie rückten mit zweihundert Euro heraus. Jeder gab Werner einen Hunderter. Senta tat es schweren Herzens, denn sie glaubte nicht an Werners heiligen Eid. Er würde ihn brechen, das stand für sie fest.

„Und was machst du, wenn du aufwachst?“, fragte Senta nüchtern.

Werner grinste sie an. „Du wirst bald anders reden, mein Augenstern. Ziehe was Schönes an. In Jeans und Pulli bist du zwar sehr sexy, aber so nehme ich dich nicht mit.“

„Tut mir leid, ein Kleid aus Brüsseler Spitzen besitze ich nicht.“

„Noch nicht!“, sagte Werner. „Noch nicht.“

„Siegfried, was hat er?“, fragte seine Schwester verwirrt.

„Später“, sagte Werner Küppers. „Du erfährst alles später. Jetzt ziehst du dich erst mal feierlich an, aber beeile dich. In mir erwacht allmählich ein Bärenhunger.“

Senta zog sich zurück, und als sie wiederkam, trug sie ein kornblumenblaues Wollstrickkleid, das sich großartig an ihre sanften Rundungen schmiegte.

Werner Küppers war damit zufrieden.

Werner grabschte sich das Geld und knüllte die Scheine zusammen. Er stopfte sie in die Hosentasche und sprang auf. „Auf geht’s! Meine Güte, bin ich aufgekratzt. Ich habe das Gefühl, auf einer Wolke zu sitzen und langsam davon zu schweben.“

Sie verließen die Wohnung, und zehn Minuten später betraten sie ein Restaurant, das sie nur ganz selten aufsuchten, weil es ihnen zu teuer war.

Weltmännisch suchte Werner Küppers einen Tisch aus und bestellte gleich nach dem Platznehmen drei Aperitifs.

Er erhob sein Glas und sagte: „Ich trinke auf Sentas neuen Job und auf das, was wir vorhaben.“

Sein Glas war sofort leer, und er bestellte noch einmal dasselbe für sich.

Senta wollte endlich hören, was die beiden ausgeheckt hatten, aber Werner vertröstete sie auf später. Nach dem Essen würde sie alles erfahren, und er behauptete, sie werde begeistert sein.

Siegfried Brenner bezweifelte das, aber er hielt den Mund. Er wollte erst einmal Werner reden lassen. Wenn der Freund das Gespräch eingefädelt hatte, würde er sich daran beteiligen. Er hoffte, die nötige Begeisterung dafür aufbringen zu können, denn sie mussten Senta damit ja anstecken.

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Dr. Berends traf pünktlich um achtzehn Uhr zu Hause ein. Seine zarte, blonde Frau begrüßte ihn mit einem Kuss. Er umfing sie mit beiden Armen, bevor sie sich von ihm wieder lösen konnte und drückte sie fest an sich.

„Das Wunderbare am Nach-Hause-Kommen ist, dass ich dich hier antreffe“, sagte er zärtlich.

Sie schmunzelte. „Solltest du dich nicht allmählich daran gewöhnen? Schließlich sind wir nicht erst seit gestern verheiratet.“

„Deine Küsse sind noch genauso aufregend wie beim ersten Rendezvous. Ich kann davon einfach nicht genug kriegen. Der Gewöhnungseffekt möge sich noch lange nicht einstellen. Manche Männer küssen ihre Frauen und wissen hinterher nicht mehr, dass sie’s getan haben. Das gibt es bei mir nicht. Jeder deiner Küsse hinterlässt einen bleibenden Eindruck.“

„Das hast du sehr nett gesagt, Liebling“, erwiderte Charlotte.

Zum Dank dafür gab sie ihm noch einen langen, innigen Kuss.

Richard fragte, was seine Frau für den kleinen Michael gekauft hätte, und sie zeigte ihm eine niedliche einzige Jacke und was sie auf ihrem Streifzug durch die Geschäfte von Bergesfelden sonst noch entdeckt hatte.

Der Mediziner ging zu seinem Sohn, nahm ihn lächelnd auf den Arm und sprach liebevoll zu ihm.

„Er ist mein ganzer Stolz“, sagte er zu seiner Frau. „Mein Glück wäre ohne ihn nicht vollkommen.“

„Mir geht es genauso“, gestand Charlotte. „Unser Haus wäre leer ohne diesen liebenswerten kleinen Quälgeist.“

Später, im Wohnzimmer, nahm sich Dr. Berends einen Drink. Sie sprachen über Jan Klausewitz, der die Herzen aller im Sturm erobert hatte.

„Er hat nur einen einzigen Fehler“, sagte Dr. Berends schmunzelnd, „und das ist sein unleidlicher Vater. Der Mann hat ein übersteigertes Selbstwertgefühl. Bernhard Klausewitz denkt, noch vor Gott zu kommen. Der Aufstieg vom armen Schlucker zum vielfachen Millionär hat ihm nicht gutgetan. Er hat diese einmalige Karriere nicht richtig verkraftet. Ich vermute, er befürchtet, irgendwann abstürzen und dorthin zurückkehren zu können, woher er kommt. Deshalb ist er hart gegen sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber äußerst misstrauisch. Genau genommen ist er ein armer Mensch. Ich möchte nicht mit ihm tauschen. Vielleicht ist er in ein paar Jahren doppelt so reich wie heute, aber was hat er von dem vielen Geld? Nur noch mehr Angst.“

„Muss Jan operiert werden?“, wollte die Internistin wissen.

„Das steht im Augenblick noch nicht fest.“ Der Chefarzt der Wiesen-Klinik lächelte. „Du hättest Bernhard Klausewitz mit dem Säbel rasseln hören sollen. Wenn wir seinen Sohn aufschneiden, ohne dass es unbedingt nötig ist, macht er die Klinik dem Erdboden gleich.“

Charlotte sah ihren Mann entrüstet an. „Das hat er gesagt?“

„Er würde das Krankenhaus glatt ausradieren.“

„Was hast du ihm darauf erwidert?“

„Nichts. Mit diesem Mann kann man nicht reden. Der hat seine vorgefasste Meinung, von der er sich nicht abbringen lässt.“

„Also ich weiß nicht, ob ich mich hätte beherrschen können, wenn ich solche Drohungen gehört hätte.“ .

„Wir werden Jan helfen, darum geht es. Sein Vater ist nur lästiges Beiwerk, das wir tunlichst unbeachtet lassen sollten.“

Charlotte lachte. „Lästiges Beiwerk. Liebe Güte, wenn Bernhard Klausewitz dich so reden hören könnte — Er nimmt sich doch so schrecklich wichtig.“

„Das ist sein Problem, nicht unseres“, meinte Dr. Berends schmunzelnd und nippte an seinem Drink.

Seine Frau erkundigte sich nach Hans Kreuzer.

Dr. Berends wiegte bedenklich den Kopf. „Bevor ich die Klinik verließ, sprach ich noch kurz mit Dr. Uhlig. Er klang nicht sehr optimistisch. Es wird alles für Hans getan, was möglich ist, aber niemand kann im Moment sagen, ob das reichen wird, Hans verliert immer wieder das Bewusstsein, ist über längere Zeiträume nicht ansprechbar.“ Richard Berends seufzte. „Wie konnte ich ihn nur vergessen? Wir waren dieses halbe Jahr lang sehr gute Freunde.“

„Du hast inzwischen so viele Menschen kennengelernt“, sagte die Ärztin. „Sie kommen und gehen. Einige bleiben und spielen in deinem Leben eine größere Rolle, andere verschwinden bald wieder in der Versenkung. Man kann sich unmöglich alle merken. Es bleiben einem zumeist nur jene im Gedächtnis haften, die eine gewisse Persönlichkeit besitzen, oder mit denen irgendein besonderes Ereignis verbunden ist.“

„Wenn er die nächsten vierundzwanzig Stunden übersteht, glaube ich, dass wir ihn durchbringen.“

„Durchbringen“, sagte Charlotte ernst. „Vielleicht wird er für den Rest seines Lebens halbseitig gelähmt bleiben.“

„Diese Gefahr besteht“, gab Richard Berends zu.

„Kann sein, dass er dir für diese Hilfe gar nicht dankbar ist.“

„Unsere Aufgabe ist es, das Leben eines Menschen zu erhalten, und wir tun es, so gut wir können.“

Der Drink hatte Dr. Berends’ Appetit angeregt. Er sagte, dass er sich nun ganz gern über das Eisbein hermachen würde, das gestern übriggeblieben wäre.

„Oh, das tut mir aber leid“, sagte Charlotte bedauernd.

„Du hast es doch nicht etwa weggeworfen?“, fragte der Chefarzt

„Das nicht, aber ich habe es unserer guten Theresia gegeben.“

„Theresia?“, fragte Dr. Berends verwundert. „Soviel mir bekannt ist, kann sie Eisbein nicht ausstehen. Will sie auf ihre alten Tage mit dem Knochen Hammerwerfen trainieren?“

„Nein. Theresia hat einen neuen Bekannten, dem es nicht besonders rosig geht, deshalb fragte sie mich, ob sie ihm nicht ab und zu etwas von dem, was bei uns übrigbleibt, bringen dürfe. Ich habe natürlich ja gesagt.“

„Dann delektiert sich also Thereses neuer Bekannter an meinem Eisbein.“

„So ist es. Tut mir leid“, sagte seine Frau.

„Was ist das für ein Mensch? Weißt du etwas über ihn?“, wollte Richard wissen.

„Nicht sehr viel. Theresia lässt sich nicht gern über ihn aus.“

„Das ist kein gutes Zeichen“, meinte der Mediziner.

„Er soll ein äußerst liebenswerter alter Herr sein.“

„Hat der äußerst liebenswerte alte Herr einen Namen?“

„Aber sicher, nur verrät ihn Therese nicht“, erklärte Charlotte.

„Seit wann hat sie denn vor uns Geheimnisse?“, fragte Dr. Berends hellhörig. „Also ich sage dir, wenn sie uns das antut, dass wir uns nach einer neuen Haushälterin umsehen müssen, spreche ich kein Wort mehr mit ihr.“

„Ich glaube nicht, dass diese Gefahr besteht“, sagte Charlotte. „Theresia fühlt sich bei uns sehr wohl. Sie liebt ihre Arbeit, liebt unseren Jungen und liebt auch uns.“

„Was sie jedoch nicht stört, sich an meinem Eisbein zu vergreifen.“

„Ach komm, hör auf, Richard. Sie hat es ihrem Bekannten mit meiner Erlaubnis gegeben.“

„Und was hast du mir als Ersatz anzubieten?“, fragte ihr Mann.

Charlotte zählte einiges auf, doch bei allem schüttelte Dr. Berends den Kopf.

Seine Frau lachte. „Und du behauptest immer, beim Essen wärst du völlig unkompliziert.“

„Bin ich ja auch - wenn ich nicht gerade auf Eisbein fixiert bin“, erwiderte Richard Berends. „Was hältst du von dem Vorschlag, essen zu gehen?“

„Keine schlechte Idee, aber wir müssen warten, bis Therese zurückkommt.“

„Wo ist sie denn?“, wollte der Hausherr wissen.

„Na, wo schon? Bei ihrem neuen Bekannten natürlich.“

„Darauf hätte ich selbst kommen müssen“, sagte Dr. Berends. „Es sieht ganz danach aus, als würde ich langsam, aber sicher, der Sklave meiner Haushälterin werden.“

„Sei nicht so ungerecht, Richard“, meinte seine Frau. „Sie ist und bleibt die gute Seele unseres Hauses. Daran wird sich nichts ändern. Warum sollte sie nicht hin und wieder einen neuen Bekannten haben?“

„Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, so lange der nicht an mein Eisbein geht.“

„Gott, kannst du jammern“, sagte Charlotte schmunzelnd. „Du bekommst dein Eisbein. Ein ganz frisches. Mit einer Schwarte, die beim Reinbeißen ganz laut kracht.“

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Therese Mansfeld traf eine halbe Stunde später im Doktorhaus ein. Sie war immer gut gelaunt und äußerst tüchtig.

„Darf man fragen, wo Sie waren?“, sagte Dr. Berends, der seine Neugier nicht bezähmen konnte.

Therese Mansfeld sah ihn groß an. „Ist etwas passiert? Hätte ich nicht weggehen sollen?“

Dr. Berends seufzte. „Therese, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, dass man eine Frage nicht mit einer Gegenfrage beantwortet.“

„Oh, ich war bei meinem Bekannten. Ein ganz reizender alter Herr. Ich lernte ihn beim Einkaufen kennen. “Die Haushälterin erzählte sehr viel, aber Dr. Berends durchschaute ihre Vernebelungstaktik. Er erkannte, dass sie nicht näher auf diese neue Bekanntschaft eingehen wollte und akzeptierte das. Er drang nicht weiter in sie, sagte, dass er mit seiner Frau essen gehen und in etwa drei Stunden zurück sein würde.

Die gute Seele des Doktorhauses konnte nicht verstehen, dass er essen gehen wollte, da doch alles im Haus war.

Charlotte bat ihren Mann mit einem Blick, auf einen diesbezüglichen Einwand nicht einzugehen.

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Einige Zeit später saßen sie an einem sorgfältig gedeckten Tisch, und Charlottes braune Augen reflektierten den Schein der flackernden Kerze, die zwischen ihnen stand, und Richard Berends sagte: „Eigentlich bin ich unserer Therese dankbar dafür, dass sie uns ungewollt zu diesem schönen Abend verholfen hat. Wir sollten öfter mal ausgehen.“

Charlotte lächelte. „Das würden wir bestimmt, wenn du mehr Zeit hättest. Aber wann hat der Chef der Wiesen-Klinik schon mal Zeit?“

Sie aßen vorzüglich, und Richard Berends fühlte sich großartig. Er erinnerte sich an seine Schulzeit - und an Hans Kreuzer.

„Da gab es ein Mädchen“, sagte er nachdenklich. „Wir sahen sie in den Pausen im Schulhof. Magda Hohenfels war ihr Name. Hans war unsterblich in sie verliebt, doch er hatte nicht den Mut, sie anzusprechen.“

„Warum hast du es nicht für ihn getan?“, fragte seine Frau lächelnd.

„Hab ich ja“, antwortete der Chefarzt.

„Das dachte ich mir. Bei Mädchen warst du bestimmt nie schüchtern.“

„Der Jammer war, dass Magda an Hans nicht interessiert war. Sie wollte mich haben“, erklärte er.

„Magda hatte eben einen guten Geschmack“, meinte die Internistin.

„Aber ich wollte von ihr nichts wissen.“

Charlotte lachte. „Du Ärmster. Da opferst du dich für deinen Freund, willst für ihn etwas einfädeln und hast das Mädchen dann selbst am Hals.“

„Heute mag sich das ja sehr amüsant anhören, aber damals war es ein echtes Problem, das Hans und mich beinahe auseinandergebracht hätte. Magda Hohenfels schrieb mir einen leidenschaftlichen Liebesbrief, und der dumme Zufall wollte es, dass Hans ihn las. Ich musste ihm schwören, dass zwischen Magda und mir nichts wäre. Ich weiß nicht, ob er mir damals glaubte, jedenfalls zog er sich von da an noch weiter in sein Schneckenhaus zurück... Armer Hans Kreuzer. Ich glaube, er hatte es nie leicht im Leben. Und nun liegt er in der Wiesen-Klinik und ringt mit dem Tod.“

„Ich wünsche ihm, dass er diesen Kampf gewinnt“, sagte Charlotte ernst. „Er kann ja nicht immer nur verlieren.“

„Manche Menschen sind die geborenen Verlierer.“

„Auch sie haben hin und wieder mal Glück“, sagte Charlotte Berends optimistisch. „Ich drücke deinem Freund die Daumen. Was ist aus Magda Hohenfels geworden?“

Richard Berends zuckte mit den Schultern. „Ich habe sie aus den Augen verloren.“

„Existiert ihr glühender Liebesbrief noch?“

„Nein. Den habe ich damals vor Hans zerrissen, um ihm zu beweisen, dass mir nichts an Magda liegt.“

Der Chefarzt der Wiesen-Klinik blickte vor sich auf den Tisch. Er vermeinte Hans Kreuzer zu sehen und dachte: Beiß die Zähne zusammen und kämpfe, Hans. Kämpfe!

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Und Hans Kreuzer kämpfte tatsächlich.

Sein Zustand hatte sich so sehr verschlechtert, dass Dr. Uhlig sich veranlasst sah, den Chefarzt zu Hause anzurufen.

Therese Mansfeld meldete sich. „Hier bei Dr. Berends.“

„Hier spricht Dr. Uhlig, würden Sie bitte Dr. Berends ans Telefon holen?“, bat er.

„Tut mir leid, Herr Dr. Berends ist nicht da“, erklärte die Haushälterin. „Soll ich ihm etwas bestellen?“

„Wissen Sie, wo er ist?“, fragte der Oberarzt.

Die Haushälterin sagte es dem Internisten. Dr. Viktor Uhlig überlegte blitzschnell. Dr. Berends hatte nicht viele Abende, die er mit seiner Frau verbringen konnte. Sollte er ihm diesen verderben?

„Ist die Angelegenheit, derentwegen Sie anrufen, wichtig, Dr. Uhlig?“, erkundigte sich Therese Mansfeld.

„Es genügt, wenn Dr. Berends mich anruft, sobald er nach Hause kommt“, sagte der Leiter der inneren Station.

„Ist gut. Ich werde es dem Herrn Doktor bestellen“, sagte die Haushälterin, und Dr. Uhlig wusste, dass er sich darauf verlassen konnte.

Er eilte zu dem Patienten zurück.

Dr. Hans Kreuzer war bei Bewusstsein, aber sein Geist war dermaßen verwirrt, dass er nicht wusste, was der Assistenzarzt und die Stationsschwester mit dem Absaugkatheder wollten. Er wehrte sich, und es war erstaunlich, wie viel Kraft er hatte.

Als er versuchte, den Schlauch wegzuziehen, zerriss er den Ärmel des Assistenzarztes.

„Lassen Sie mich mal“, sagte Dr. Uhlig und schob den Assistenzarzt beiseite.

Während er dann den Schleim absaugte, hielt die Stationsschwester dem bedauernswerten Patienten die Hand und wischte ihm den Schweiß von der Stirn.

Als Dr. Uhlig den Absaugkatheder weglegte, ging es Hans Kreuzer etwas besser, aber sein Zustand blieb besorgniserregend.

„Er hat eine schwere Nacht vor sich“, sagte der Internist ernst. „Wir können nur hoffen, dass er sie übersteht.“

Und das kleine Wunder vollzog sich an Dr. Hans Kreuzer. Endlich schien sich sein Schutzengel seiner Aufgabe zu entsinnen. Er stand ihm in dieser Nacht bei, und der Patient hatte am nächsten Morgen ein bisschen mehr Farbe.

Dr. Berends hatte nach der Heimkehr sofort die Klinik angerufen und von Dr. Uhlig erfahren, dass es nicht nötig wäre, zu kommen. Der Mann schlafe jetzt.

Am nächsten Morgen, gleich nach seinem Eintreffen in der Wiesen-Klinik, rief Dr. Berends die innere Station an.

„Ihr Freund hatte genau das Quentchen Glück, das er brauchte“, sagte der Oberarzt.

„Wie geht es ihm?“, wollte der Leiter der Wiesen-Klinik wissen.

„Ich glaube, er hat die Krise überwunden.“

Richard Berends atmete erleichtert auf. „Sagen Sie ihm, dass ich nach ihm sehe, sobald ich Zeit habe“, bat der Chefarzt den Kollegen.

Dann legte er auf und erledigte die wichtigsten Dinge. Das nahm etwa eine Stunde in Anspruch, danach sagte er Veronika Baier, seiner Sekretärin, wo er zu erreichen wäre und verließ sein Büro.

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Obwohl Hans Kreuzer die Krise überwunden hatte, hatte sein Aussehen dem Chefarzt einen Schrecken eingejagt. War zu befürchten, dass sich Dr. Uhlig geirrt hatte?

Der Rechtsanwalt machte den Eindruck, als müsse man stündlich mit einem schweren Rückfall rechnen.

Dr. Berends schnürte es fast die Kehle zu. An und für sich war er so einen Anblick gewöhnt, aber bei diesem Patienten war es etwas anderes. Dessen Schicksal ging ihm begreiflicherweise näher.

„Wie fühlst du dich, Hans?“, fragte der Chefarzt.

„Ich habe eine schlimme Nacht hinter mir“, .antwortete der Patient undeutlich. Nur die linke Hälfte seines Mundes bewegte sich beim Sprechen.

„Ich weiß“, sagte der Chefarzt. „Aber von nun an wird es wieder aufwärts gehen. Du bist ein zäher Bursche.“

„Du weißt, dass ich das noch nie war“, entgegnete der frühere Schulfreund.

„Fällt dir das Sprechen schwer? Strengt es dich an?“, fragte Richard und stellte einen Stuhl neben das Bett des Mannes.

„Ich bin froh, dass du hier bist, Richard.“

Der Mediziner setzte sich. „Du hast dich sehr verändert. Ich habe dich nicht wiedererkannt.“

„Ja, ich bin dick geworden und habe eine Glatze“, sagte der Kranke.

Dr. Berends lächelte. „Ein Glück, dass ein Mann nicht schön zu sein braucht, um beim andern Geschlecht Erfolg zu haben, nicht wahr?“

Hans Kreuzer erwiderte nichts.

„Wie sieht es mit dem Trinken aus?“, fragte der Chefarzt.

„Zuviel...“

„Und wahrscheinlich rauchst du auch wie ein Schlot“, meinte der Arzt mit einem kurzen Blick auf die vom Nikotin gelb gefärbten Finger des Patienten. „Niemand will wahrhaben, dass sich jedes Laster eines Tages rächt. Eines Tages bekommt man für seine Unvernunft die Rechnung präsentiert. Dann liegt man so da wie du und hat sehr viel Zeit, über all das nachzudenken, was man falsch gemacht hat.“

„Du hast recht, Richard. Du hast ja so recht.“

„Deine Einsicht kommt spät, fast zu spät“, sagte der Chefarzt „Ich bin ein schwacher Mensch, habe keinen starken Willen“, erklärte der Rechtsanwalt.

„Den wirst du in Zukunft aber brauchen“, sagte Dr. Berends. „Denn wenn du so weitermachst wie bisher, wenn wir dich entlassen, haben wir dich bald wieder hier, und ob du’s ein zweites Mal schaffst, ist mehr als fraglich. Ich hoffe, du nimmst mir meine Offenheit nicht übel, aber ich denke, es ist wichtig, dass du den Ernst der Lage erkennst.“

„Er war letzte Nacht nicht zu übersehen“, sagte der Patient kleinlaut.

„Keinen Alkohol mehr, keine Zigaretten, Hans, wenn du nach Hause gehst.“

„Glaubst du, dass ich noch mal nach Hause komme?“, fragte der Mann.

„Dr. Uhlig ist davon überzeugt, und ich schließe mich seiner Meinung an. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um dich wieder auf die Beine zu stellen. Ein bisschen was musst du natürlich auch dazu beitragen.“

„Ich werde es versuchen“, sagte der Rechtsanwalt „Wo hast du dich all die Jahre herumgetrieben?“, fragte Dr. Berends. „Ich hatte mit einem Kollegen eine Kanzlei in Freiburg. Letzte Woche trennte ich mich von ihm und übersiedelte nach Bergesfelden.“

„Du wusstest, dass ich hier arbeite und wohne. Warum hast du dich nicht bei mir gemeldet?“, wollte der Arzt wissen.

„Das wollte ich tun, aber ich hatte noch keine Zeit.. . Du bist verheiratet, habe ich gehört.“

„Ja“, sagte Richard.

„Glücklich?“

„Sehr“, antwortete Dr. Berends. „Charlotte heißt sie.. Du wirst sie kennenlernen. Sie arbeitet ebenfalls in der Wiesen-Klinik. Und du? Bist du noch zu haben?“

Hans Kreuzer blickte an seinem Schulfreund vorbei. „Ja“, sagte er fast tonlos.

Der Chefarzt wusste, dass man Hans Kreuzer bewusstlos in seiner Kanzlei aufgefunden hatte. Das war Glück für den Rechtsanwalt gewesen. Wenn man ihn nicht so rasch in die Wiesen-Klinik gebracht hätte, wäre er höchstwahrscheinlich nicht mehr zu retten gewesen.

„Hans“, sagte der Mediziner und musterte das halb gelähmte Gesicht seines Schulfreunds. „Gibt es jemanden, den ich benachrichtigen soll?“ Plötzlich schwammen Hans Kreuzers Augen in Tränen.

„Nein“, sagte er heiser. „Nein, Richard, es gibt niemanden.“

Aber Dr. Richard Berends spürte, dass der Freund nicht die Wahrheit sagte.

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Hanna, die Oberin, war zuständig für das Pflegepersonal, Einstellungen, Kündigungen und Krankmeldungen. Bei ihr meldete sich Senta Brenner und wurde gründlich in Augenschein genommen.

Senta war nervös. Nicht so sehr wegen Schwester Hanna, sondern mehr wegen dem, was Werner Küppers und ihr Bruder ausgeheckt hatten.

Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, es war und blieb ein Verbrechen, wenn auch nichts weiter passieren sollte, als dass Senta mit Jan Klausewitz einen kleinen Ausflug machen würde.

Sie hatte lange gegen die Idee geredet, doch Werner hatte all ihre Einwände entkräftet, und ihr leicht zu beeinflussender Bruder hatte immer vehementer in dieselbe Kerbe geschlagen.

Dass so etwas niemals gutgehen könne, weil sie keine mit allen Wassern gewaschene Verbrecher wären, hatten Werner und Siegfried nicht gelten lassen. Je länger sie geredet hatte, desto mehr war Siegfried davon überzeugt gewesen, dass gar nichts schiefgehen konnte.

Sie wollten ihr leicht verdientes Geld gut anlegen und nie wieder finanzielle Sorgen haben. Siegfried hatte gesagt, Senta dürfe ihn nicht im Stich lassen, und nachdem Werner einiges getrunken hatte, war er zu der Erkenntnis gekommen, dass eine halbe Million für den kleinen Jan zu wenig wäre.

Eine Million wäre ein angemessenerer Betrag. Selbst den würde Bernhard Klausewitz leicht verschmerzen.

Nachdem Siegfried und sein Freund der jungen Frau lange genug zugeredet hatten, hatte sie sich wenigstens ein- Vielleicht - abringen lassen.

Siegfried hatte zu Werner gemeint, das wäre schon sehr viel, denn wenn Senta einmal -vielleicht- gesagt hätte, wäre es zu einem klaren -Ja- nur noch ein winziger Schritt.

Das und vieles andere ging Senta durch den Kopf, während sie sich mit der Oberin unterhielt.

Nach diesem Gespräch übergab Schwester Hanna die Neue der Stationsschwester der Kinderabteilung.

Schwester Sonja hatte das netteste, strahlendste Lächeln, das Senta je gesehen hatte. Sonja war ihr auf Anhieb sympathisch. Bestimmt würde sie großartig mit Ihr auskommen.

Aber wie lange?

Es gab ihr einen Stich. Immer wenn sie an das dachte, was Siegfried und Werner geplant hatten, zog sich in ihr alles zusammen.

Wenn sie mitmachte, würde sie nur ein paar Tage in der Wiesen-Klinik sein. Sobald Bernhard Klausewitz bezahlt hatte, würde sie untertauchen müssen. Wollte sie das denn?

Sie würde nie mehr eine ruhige Minute haben, immer mit der Angst leben, ausgeforscht und für das zur Rechenschaft gezogen zu werden, was Sie getan hatte. Sollte sie wirklich für Geld ihre Seele verkaufen?

Wenn das „Opfer“ - das Schaf, das geschoren werden sollte - nicht Bernhard Klausewitz geheißen hätte, wäre es Senta leichter gefallen, einen klaren Standpunkt einzunehmen, aber bei Klausewitz ging es ihr wie ihrem Bruder und sehr vielen anderen Menschen.

Sie mochte ihn nicht.

Es gab niemanden, der ihr unsympathischer war als Bernhard Klausewitz. Dabei kannte sie ihn nicht einmal persönlich.

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Sie werden sich bestimmt bald bei uns eingewöhnt haben“, sagte Schwester Sonja freundlich.

„Es war immer schon mein Wunsch, in der Wiesen-Klinik zu arbeiten“, sagte Senta Brenner. „So hochmodern sollten alle Krankenhäuser eingerichtet sein.“

„Die Wiesen-Klinik könnte in der Tat als Muster für viele Krankenhäuser Deutschlands dienen“, sagte Schwester Sonja. „Hinzu kommt ein Chefarzt, wie man sich ihn besser nicht wünschen kann. Er ist ein hervorragender Chirurg und ein großartiger Diagnostiker. Er versteht es außerdem, Menschen zu führen und mit den schwierigsten Patienten umzugehen. Wir können alle mit unseren großen und kleinen Sorgen zu ihm kommen, er wird uns immer sein Ohr leihen und uns in den meisten Fällen einen Rat wissen. Männer wie er sind dünn gesät.“

„Ich freue mich schon darauf, ihn kennenzulernen“, sagte die neue Angestellte.

„Oh, das wird wahrscheinlich schon bald sein. Er sieht sich nach Möglichkeit alle Neuen persönlich an. Dieser Kontakt ist ihm sehr wichtig.“

Nachdem Schwester Senta wusste, wo sie ihre Sachen unterbringen konnte und ihre Arbeitskleidung trug, führte die Stationsschwester sie zu Dr. Angela Wilke, sie war eine moderne Frau mit kurzem braunem Haar und schönen hellbraunen Augen.

„Haben Sie schon einmal in einer Kinderstation gearbeitet?“, fragte Angela Wilke.

„Ja“, sagte Senta. „Ich wurde an der Universitätsklinik in Freiburg ausgebildet, ging dort alle Stationen durch. Bei den Kindern war ich am längsten. Man fand, dass ich mich dafür am besten eigne.“

Dr. Wilke nickte zufrieden. Das Gespräch, das sie mit Senta führte, diente dazu, die Neue kennenzulernen und ihr ihre Scheu zu nehmen.

Danach nahm sie wieder Schwester Sonja unter ihre Fittiche und führte sie in ihren Aufgabenbereich ein.

Auf der Station lagen zur Zeit keine schweren Fälle. Schwester Sonja machte Senta mit den kleinen Patienten bekannt. Die junge Krankenschwester hatte für jeden ein freundliches Wort.

Als sie zu Jan Klausewitz kam, schnürte sich ihr fast die Kehle zu. Dieses Kind hatte etwas an sich, das sich nicht erklären ließ.

Wenn man Jan ansah, musste man ihn einfach gern haben. Es war unmöglich, ihn nicht zu mögen. Er war zu zart für sein Alter. Ein hübsches Kind war er, braune Locken umrahmten ein Engelsgesicht mit großen Augen.

Jan schlang seine Arme spontan um Sentas Hals und sagte: „Du gefällst mir. Bleibst du lange hier?“

Senta schluckte. „Ich hoffe ja.“

„Wirst du viel Zeit für mich haben?“, fragte der kranke Junge.

„Ich werde sehen, was sich machen lässt“, antwortete Schwester Senta. „Ich darf natürlich auch die anderen kleinen Patienten nicht vernachlässigen, das siehst du doch ein, nicht wahr? Natürlich siehst du es ein. Du bist ja schon ein großer, gescheiter Junge. Ich bin sicher, dass wir sehr gute Freunde werden.“

Sie strich über seine weichen Locken, und Gefühle, die sie bisher nicht gekannt hatte, wurden in ihr wach.

Senta liebte Jan Klausewitz vom ersten Augenblick an. So etwas war ihr noch nie passiert.

Von Anfang an war sie von Siegfrieds und Werners Idee nicht begeistert gewesen, doch seit sie Jan gesehen hatte, war es für sie undenkbar, ihn zu entführen.

Ich muss ihnen sagen, dass sie mit meiner Hilfe nicht rechnen können, dachte Senta. Es muss mir überhaupt gelingen, sie von diesem Vorhaben abzubringen. Dieser liebenswerte, hübsche Junge darf nicht als Mittel zu einem verbrecherischen Zweck verwendet werden.

„So“, sagte Senta Brenner freundlich. „Jetzt lege dich wieder artig hin, damit du bald wieder ganz gesund wirst.“

Sie zog die Decke bis zum Hals des Kindes hoch und ging mit der Stationsschwester weiter. Noch nie war sie so bewegt gewesen. Ein Sturm von widersprüchlichen Gefühlen durchtobte sie.

Senta Brenner kam sich schäbig vor.

Wie hatte sie auch nur einen Augenblick lang mit dem Gedanken spielen können, an der Entführung von Jan Klausewitz teilzunehmen? Eine Schande war das.

Die Stunden vergingen wie im Flug. Am frühen Nachmittag lernte sie Dr. Richard Berends kennen, und sie erkannte sofort, dass Schwester Sonja nicht übertrieben hatte.

Dieser Mann war tatsächlich etwas Besonderes, und sie freute sich, dass sie ihm gefiel.

„Ich hoffe, es gefällt Ihnen bei uns“, sagte der Chefarzt der Wiesen-Klinik.

„Es gefällt mir hier sogar sehr“, sagte Senta verlegen.

„Dann werden Sie uns ja hoffentlich recht lange erhalten bleiben.“

„Das hoffe ich auch“, erwiderte Senta Brenner, und schwere Gewissensbisse begannen in ihr zu nagen.

Alle sind so furchtbar nett zu mir, dachte sie schuldbewusst, und mit welchen verwerflichen Gedanken kam ich hierher? Ich habe eine Menge gutzumachen.

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Werner Küppers spielte mit Freunden Billard. Er ließ sich oft einladen, um Geld zu sparen, und da er den Billardstock ausgezeichnet zu führen wusste, spielte er häufig um seine Zeche, die dann die anderen bezahlen mussten.

„Bist du immer noch arbeitslos?“, fragte Michael Wallusch.

„Tja, leider“, antwortete Werner Küppers.

„Findest du nichts?“, wollte der Mann wissen.

Küppers grinste. „Ich such’ nicht gerade besonders angestrengt.“

„Das glaube ich dir auf’s Wort“, sagte Frank Murawski. „Denn selbst heute traue ich mir jederzeit zu, irgendeinen Job zu finden.“

„Irgendeinen“, sagte Werner Küppers. „Das ist schon möglich, aber daran bin ich nicht interessiert. Ich habe einen Beruf gelernt. Denkst du, da gebe ich mich für irgendeine minderwertige Tätigkeit her? Ich bin Schriftsetzer, und wenn mir das Arbeitsamt keine Stellung vermitteln kann, muss Vater Staat eben blechen.“

„Ich könnte jemanden gebrauchen, der mir hilft“, sagte Wallusch.

„Wobei?“, fragte Küppers und rümpfte die Nase.

„Du kennst meinen Job.“

Wallüsch war Brennstoffhändler. Tag für Tag schleppte er den Leuten Kohle, Koks und Holz ins Haus, und er war am Abend so schwarz wie ein Schornsteinfeger.

„Nichts für mich“, sagte Werner Küppers.

„Du bist dir wohl zu fein dafür, dich schmutzig zu machen, wie?“, sagte Wallusch ärgerlich.

„Er hat ein gestörtes Verhältnis zum Dreck“, meinte Frank Murawski grinsend. „Wozu soll er arbeiten, wenn er sowieso Geld bekommt?“

„Mit den paar Kröten kann man keine großen Sprünge machen“, sagte Wallusch.

„Lass nur“, sagte Werner Küppers großsprecherisch. „In Kürze werde ich mehr Geld besitzen als alle, die sich im Augenblick in diesem Lokal befinden.“

Murawski lachte. „Nun hör sich mal einer diesen Träumer an.“

„Was hast du vor?“, fragte Michael Wallusch. „Willst du eine Bank ausrauben?“

„Ich plane ein ganz großes Geschäft.“

„Wer macht mit dir schon ein großes Geschäft?“, fragte Frank Murawski geringschätzig.

„Das werde ich dir nicht auf die Nase binden“, erwiderte Werner Küppers. „Fest steht, dass das Bombengeschäft einen hohen Gewinn abwerfen wird. Dann zünde ich mir mit einem Hunderter meine Zigarre an.“

Murawski lachte wieder. „Er ist verrückt. Total übergeschnappt ist er.“

„Abwarten“, sagte Werner Küppers ungerührt. „Wer zuletzt lacht, lacht am besten, mein Lieber, das ist eine alte Weisheit. Wollen wir nicht endlich weiterspielen?“

Wallusch grinste. „Er hat es eilig.“

„Klar“, spottete Murawski. „Zeit ist für ihn Geld. Das ist nicht so wie bei uns armen Leuten. Sag mal, Werner, wirst du uns überhaupt noch ansehen, wenn du im Keller deiner noblen Villa mehr Geld hast als Dagobert Duck?“

„Wir kommen auch gern und helfen dir beim Umschaufeln“, meinte Michael Wallusch lachend.

„Ihr seid zwei ausgemachte Idioten. Ich kann über euch nur mitleidig lächeln“, sagte Werner Küppers überheblich. „Für große Geschäfte braucht man den richtigen Riecher, und den habt ihr nicht.“

„Ach, und du hast ihn“, sagte Frank Murawski ungläubig.

„Sehr richtig. Ich habe ihn.“

„Soviel ich weiß, braucht man für ein großes Geschäft auch eine Menge Eigenkapital. Willst du uns einreden, dir stehen solche Mittel in unbegrenzter Höhe zur Verfügung?“, sagte Wallusch.

„Was nötig ist, ist vorhanden“, behauptete Werner Küppers. „Gebt euch keine Mühe, ich verrate euch nicht, um was für ein Geschäft es sich handelt.“

„Hast du Angst, wir könnten es dir nachmachen?“, fragte Frank Murawski.

„Nein, denn dazu seid ihr nicht clever genug“, antwortete der Freund.

„Junge, deinetwegen werde ich heute eine schlaflose Nacht haben“, sagte Wallusch. „Ich werde hin und her überlegen, was das für ein Geschäft sein könnte.“

„Gib dir keine Mühe“, sagte Küppers. „Du kommst ja doch nicht drauf.“

Sie setzten das Spiel fort, und Werner Küppers gewann die Billardpartie.

Als er ging, fragte Frank Murawski mit gespieltem Ernst: „Nimmst du uns nächsten Sommer auf deiner Hochseeyacht mit?“

„Aber ja, wenn ihr mir versprecht, euch anständig zu benehmen“, sagte Küppers und ging.

Seine Freunde lachten über ihn, aber das störte ihn nicht. Die würden noch Augen machen.

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Der erste Arbeitstag war vorbei, und Senta Brenner war völlig durcheinander. Es gefiel ihr in der Wiesen-Klinik noch besser, als sie erwartet hatte. Nun saß sie in der Kantine, hatte heißen, schwarzen, ungesüßten Kaffee vor sich stehen und dachte an Siegfried und Werner, denen sie klarmachen musste, dass aus einer Entführung nichts werden würde.

Siegfried würde das nicht besonders tragisch nehmen. Er würde mit den Schultern zucken und sagen: „Es war ein gefährlicher Traum. Eigentlich ist es ganz gut, dass er vorbei ist.“

So hätte Siegfried jedenfalls allein reagiert.

Aber er war nicht allein, er war mit Werner Küppers zusammen, und der vergiftete ihn mit seinen verbrecherischen Ansichten.

Senta hätte diesen Kaffee nicht getrunken, wenn zu Hause nur ihr Bruder auf sie gewartet hätte. Sie hätte sich nach Dienstschluss nicht in die Kantine begeben, sondern wäre sofort nach Hause gefahren, um mit ihrem Bruder über ihren ersten Arbeitstag zu reden.

Doch daheim würde auch Werner Küppers sein.

Senta war froh, dass niemand in diesem Krankenhaus Gedanken lesen konnte. Wenn sie Glück hatte, würde es immer ihr Geheimnis bleiben, mit welchen dunklen Absichten sie heute morgen hierher gekommen war.

Hatte sie eigentlich jemals wirklich die Absicht gehabt, den kleinen Jan zu entführen? Sie glaubte es nicht. Wenn sie den Jungen auch nicht vom ersten Augenblick an so innig in ihr Herz geschlossen hätte, wäre sie wohl nicht imstande gewesen, etwas so Verwerfliches zu tun.

Der schlechte Kern steckt nur in Werner, dachte die junge Frau. Ihn zu bekehren wird sehr schwierig sein, aber es muss mir gelingen.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen, Schwester Senta?“, fragte in diesem Augenblick ein junger Mann.

Sie hob verwirrt den Blick und sah Albert Klausewitz, Jans Bruder. Er lächelte sie freundlich an.

Ganz durcheinander nickte sie und krächzte: „Bitte.“

Er nahm Platz. „Ich musste Sie unbedingt kennenlernen, nachdem Jan so sehr von Ihnen schwärmte“, sagte er. „Was haben Sie mit dem Kleinen nur angestellt? Anfangs war er wegen des Klinikaufenthalts wenig erbaut, nun ist er gar nicht mehr besonders erpicht darauf, wieder nach Hause zu können. Sie müssen ihn verzaubert haben. Er ist von Ihnen schwer begeistert. Völlig hin-und hergerissen ist mein kleiner Bruder.“

Senta lächelte. „Es war bei uns beiden wohl so etwas wie Liebe auf den ersten Blick.“

„Jan ist zu beneiden“, sagte Albert Klausewitz.

Auch er war gottlob ganz anders geartet als sein Vater.

„Er ist ein liebenswerter Junge“, sagte Senta.

„Wie lange wird er in der Wiesen-Klinik bleiben?“, wollte der Mann wissen.

„Diese Frage kann Ihnen nur Dr. Wilke beantworten“, antwortete die Krankenschwester.

„Ich denke, ich werde Jan täglich besuchen.“

„Darüber wird er sich bestimmt freuen“, meinte Senta.

„Und ich werde mich freuen, Sie wiederzusehen“, sagte Albert Klausewitz.

Der jungen Frau war das sehr unangenehm, denn sie hatte auch ihm gegenüber ein furchtbar schlechtes Gewissen.

Alle sind so nett zu mir, aber ich bin diese Freundlichkeit nicht wert, dachte sie, denn ich spielte mit dem Gedanken, an einer Entführung teil zu nehmen.

An einer Kindesentführung!

Sie! Senta Brenner!

Sie klagte sich zornig an und sie konnte nicht mehr verstehen, dass sie auch nur im entferntesten daran dachte, für so etwas geeignet zu sein.

„Ich will Sie nun nicht weiter belästigen“, sagte Albert Klausewitz. „Ihr erster Arbeitstag war bestimmt sehr anstrengend für Sie. Ich freue mich auf morgen. Oder... darf ich Sie noch nach Hause bringen?“

Senta schüttelte rasch den Kopf. „Nein, das ist nicht nötig.“

Albert erhob sich. „Tja, also dann. Auf Wiedersehen, bis morgen.“

Sie nickte, war wie vor den Kopf geschlagen. Er ging, und sie schaute ihm entgeistert nach. Jan und Albert waren das genaue Gegenteil von ihrem Vater, der wohl auf der ganzen Welt nur einen einzigen Freund hatte: sich selbst.

Wie kannst du Jan und Albert Klausewitz überhaupt in die Augen sehen, fragte sie sich vorwurfsvoll. Du bist der Ansicht, Werner Küppers hätte einen schlechten Kern. Muss so ein Kern nicht auch in dir stecken, wenn du erwogen hast, etwas Ungesetzliches zu tun?

Sie trank den Kaffee, der inzwischen kalt geworden war, und verließ die Kantine schweren Herzens.

Auf das, was es zu Hause geben würde, freute sie sich nicht.

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Als sie wenig später die Wohnung betrat, war niemand da. Es wäre schön gewesen, wenn Siegfried und Werner an diesem Abend nicht nach Hause gekommen wären, aber das war ein Wunschtraum, der sich nicht erfüllte.

Siegfried kam als erster und wollte wissen, wie der Tag gewesen war.

Sie zuckte mit den Schultern. „Gefällt es dir in der Wiesen-Klinik?“, fragte ihr Bruder.

„Man kann nirgendwo optimalere Arbeitsbedingungen vorfinden“, sagte Senta.

„Schade, dass du nicht lange bleiben wirst“, meinte Siegfried.

Sie ging nicht darauf ein.

„Hast du Jan Klausewitz gesehen? Musst du eigentlich“, meinte er.

„Ich habe ihn gesehen“, erwiderte Senta einsilbig.

„Gefällst du ihm? Hat er Vertrauen zu dir? Es ist sehr wichtig, dass er dir vertraut.“

Sie wollte ihm sagen, dass er das ganze verrückte Vorhaben vergessen könne, dass die Sache schon längst gestorben wäre, doch bevor sie beginnen konnte, klopfte es, und Siegfried ließ Werner Küppers ein.

„Aaah“, sagte Werner, als er Senta sah. „Die neue Schwester von der Wiesen-Klinik. Mädchen, wenn man dich so ansieht, bekommt man direkt Lust aufs Kranksein. Wie war’s? Erzähle! Du hast bestimmt den allerbesten Eindruck auf die Medizinmänner gemacht. Hoffentlich lachst du dir nicht einen feschen jungen Doktor an und vergisst deinen Bruder und mich. Glaubst du, dass alles glattgehen wird? Oder rechnest du mit irgendwelchen Schwierigkeiten?“

Die Krankenschwester schüttelte den Kopf. „Nein, ich rechne mit keinen Schwierigkeiten.“

Werner Küppers stieß den Freund an. „Hast du das gehört, Siegfried? Meine Ideen sind immer die besten, leicht ausführbar und krisenfest. Es wird eine wahre Wonne sein, Bernhard Klauswitz die Haare zu schneiden.

„Es wird deshalb keine Schwierigkeiten geben, weil die ganze Sache ins Wasser fällt“, erklärte Senta ernst.

Werners Augenbrauen zogen sich kurz zusammen, und eine Unmutsfalte war über seiner Nasenwurzel zu sehen, doch seine Züge hellten sich sofort wieder auf und er lachte herzlich.

„Sie testet, ob ich gute Nerven habe“, meinte der Mann.

„Es ist mein vollster Ernst“, sagte Senta scharf. „Die Entführung findet nicht statt!“

„Der Gag ist ja nicht schlecht“, sagte Werner Küppers grimmig, „aber man sollte nicht zu lange darauf herumreiten, sonst verliert er an Wirkung.“

Siegfried Brenner lachte nervös. Sein Blick pendelte zwischen Senta und Werner hin und her. „Du ,.. du willst uns auf den Arm nehmen, Mädchen. Hab ich' recht?“

„Nein, das hast du nicht“, sagte Senta ungerührt.

„Nun mal langsam“, meinte Werner Küppers. „Ich hoffe, ich verstehe dich falsch. Oder versuchst du uns tatsächlich mitzuteilen, dass wir auf deine wertvolle Hilfe verzichten müssen?“

„Genauso ist es“, bestätigte die junge Frau.

„Aber Senta!“, rief der Bruder verwirrt aus. „Wir waren uns doch gestern einig.“

„Nein, Siegfried, richtig einig waren wir uns nie“, entgegnete Senta. „Immerhin sagtest du vielleicht.“

„Eben, und vielleicht heißt noch lange nicht ja. Ich habe mir die ganze hirnverbrannte Idee noch einmal durch den Kopf gehen lassen und kam zu dem Schluss, dass ich dabei nicht mitmachen werde.“

„Senta!“, stieß Siegfried Brenner perplex hervor.

„Moment!“, fiel ihm sein Freund ärgerlich ins Wort. „Lass mich mal.“ Er wandte sich an Senta. „Darf ich fragen, was deinen unerwarteten Gesinnungswandel ausgelöst hat? Musstest du in der Wiesen-Klinik irgendein Gelübde ablegen?“

„Es gefällt mir in diesem Krankenhaus. Ich möchte da bleiben“, sagte Senta.

„Das kann nicht der einzige Grund sein“, meinte Siegfried.

„Richtig. Der zweite Grund ist der, dass ich den kleinen Jan Klausewitz auf Anhieb so liebgewonnen habe, dass ich mich an ihm nicht vergreifen werde.“

„Vergreifen!“, schrie Werner Küppers wütend. „Mein Gott, wie das klingt! Du ziehst den Kleinen an und sorgst dafür, dass er einen schönen Tag verbringt. Das ist für Jan Klausewitz mit Sicherheit keine Katastrophe. Inzwischen wickeln wir unser Geschäft mit dem Vater des Jungen ab.“

„Wir werden Jan nicht für so niedrige Zwecke missbrauchen!“, erklärte die Krankenschwester kategorisch.

„Senta“, sagte ihr Bruder eindringlich. „Wenn wir Bernhard Klausewitz zur Kasse bitten, trifft das doch keinen Armen. Außerdem ist der Kerl aller Welt so unsympathisch, dass es kaum jemanden gibt, der ihm diesen Dämpfer nicht gönnt.“

„Das haben wir doch alles lang und breit besprochen!“, sagte Werner Küppers ungeduldig. „Und du warst für meine Idee, Senta!“

„Ich habe meine Meinung geändert!“, entgegnete sie.

„Das geht nicht. Wir brauchen deine Unterstützung!“

„Mit der könnt ihr nicht rechnen, deshalb ist es besser, ihr vergesst die ganze Geschichte und nehmt wieder Vernunft an.“

Werner Küppers warf seinem Freund einen zornigen Blick zu. „Deine Schwester! Mit so etwas muss man gestraft sein!“

„Sachte, Werner“, sagte der junge Mann beschwichtigend. „Sachte. Auf Senta ist heute eine Menge eingestürmt. Sie ist ein bisschen durcheinander, das musst du verstehen. Lass ihr etwas Zeit, damit sie Ordnung in ihre Gedanken bringen kann, und du wirst sehen, dass sie dann wieder voll auf unserer Seite steht.“

Da kennst du mich aber schlecht, dachte Senta Brenner starrsinnig. Ich weiche von meinem Standpunkt keinen Millimeter mehr ab.

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Dr. Richard Berends freute sich, als er sah, dass Hans Kreuzer gut auf die verordnete Therapie ansprach. Der Patient bekam nach wie vor Infusionen, und Dr. Uhlig hatte eine breit gefächerte Palette von Behandlungsmaßnahmen angeordnet.

Die Gefahr eines weiteren Schlaganfalls war gebannt. Die Stimme des Rechtsanwalts klang etwas voller und mittels Unterwassermassage und -gymnastik wurde die Lähmung bekämpft.

„Ich komme soeben von Dr. Uhlig“, sagte der Chefarzt zu seinem Freund.

Der Patient lächelte matt mit seiner beweglichen Gesichtshälfte. „Er ist in rührender Weise besorgt um mich.“

„Er klingt sehr optimistisch“, sagte der Mediziner. „Ich habe mir die Untersuchungsergebnisse angesehen und muss sagen, dass Dr. Uhligs Optimismus zu Recht besteht.“

„Scheint so, als hätte ich endlich einmal Glück gehabt“, sagte Dr. Hans Kreuzer. „Selbst einer wie ich kann nicht immer nur verlieren.“

„Wir haben in den nächsten Tagen viel miteinander zu reden“, sagte Dr. Berends.

„Du hast es weit gebracht. Ich wusste schon in der Schule, dass du etwas Besonderes bist, Richard.“

Der Chefarzt lächelte. „Erinnerst du dich noch an Magda Hohenfels?“

„Das waren Zeiten“, sagte Hans Kreuzer leise.

„Ihr Liebesbrief hätte uns beide beinahe auseinandergebracht“, sagte er.

„Es war dumm von mir, an deiner Freundschaft zu zweifeln. Ich hatte nie einen besseren Freund als dich.“

„Schade, dass wir uns so bald wieder aus den Augen verloren haben“, erklärte der Arzt.

„Ich musste mit meinen Eltern nach München ziehen“, berichtete Hans Kreuzer. „Eine andere Schule, dieselbe Feindseligkeit der Mitschüler, aber kein Richard Berends mehr, der mir beistand.“

„Das Leben war hart und ungerecht zu dir“, sagte der Chefarzt.

„Daran hat sich nichts geändert“, meinte der kranke Mann verbittert.

„Was ist aus Magda Hohenfels geworden?“, fragte Richard. „Weißt du es?“

„Sie hat einen Radrennfahrer geheiratet. Mir fällt sein Name nicht ein. Er zog sich bald danach vom aktiven Rennsport zurück und besitzt heute in jeder größeren Stadt ein gutgehendes Sportgeschäft.“

„Ein tüchtiger Bursche“, sagte Dr. Berends anerkennend.

„Magda hat mit ihm auf jeden Fall keinen schlechten Griff gemacht. Ich hätte sie zwar mehr geliebt als der Andere, aber anscheinend ist Liebe im Leben auch nicht alles.“

„Da bin ich anderer Meinung. Ohne Liebe kann der Mensch nicht existieren“, sagte der Chefarzt der Wiesen-Klinik.

„Ich kann, wie du siehst. Zwar nicht besonders gut, aber wer fragt schon danach?“

„Hans, als ich gestern wissen wollte, ob es jemanden gibt, den ich benachrichtigen könnte, hattest du Tränen in den Augen, Möchtest du heute mit mir darüber sprechen?“

„Nein, Richard. Vielleicht ein andermal“, sagte der Patient niedergeschlagen. „Ich bin noch nicht soweit, um darüber reden zu können.“

Dr. Berends nickte. „Wie du meinst. Ich stehe dir jederzeit zur Verfügung. Vielleicht erinnerst du dich noch: Ich bin ein wunderbarer Zuhörer.“

„Du bist überhaupt ein großartiger Mensch“, gestand der Freund. „Komm, spar dir die Luft, Hans.“

„Es ist meine ehrliche Meinung. Es hätte mir nichts Besseres passieren können, als dir und deinem Ärzteteam in die Hände zu fallen. Vielleicht klingt es dumm, aber als es für mich auf des Messers Schneide stand, sagte ich mir, wenn es jemandem gelingt, dich vor dem Schritt nach drüben zu bewahren, dann nur Dr. Berends und seinen Ärzten. Wie du siehst, hatte ich recht.“

Der Chefarzt musterte das fremde Gesicht des Freundes.

Irgend etwas hat dich umgeworfen, dachte er. Aber was? Der Schlaganfall wurde durch eine große Aufregung ausgelöst. Ich wette, dahinter steckt eine Frau. Deshalb die Tränen in deinen Augen. Ich hoffe, wir können schon bald darüber reden.

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Senta Brenner gab die Fieberthermometer an die kleinen Patienten aus.

Jan Klausewitz schnappte sich blitzschnell ihre Hand. „Jetzt lasse ich dich nicht mehr los“, sagte er übermütig.

„Dann wärst du aber ein garstiger Junge“, erwiderte Schwester Senta, „denn ich bin für alle da. Ich muss auch den anderen Kindern helfen.“ Jan ließ sie los. „Kommst du später zu mir?“

„Ja, sobald ich Zeit habe“, sagte die neue Krankenschwester und ging weiter.

Als sie dann Zeit hatte, kehrte sie an Jans Krankenbett zurück.

„Ich habe meinem Bruder erzählt, wie lieb und hübsch du bist“, sagte Jan glücklich.

„Ich weiß. Ich habe mit ihm in der Kantine gesprochen“, erzählte sie.

„Albert ist der beste Bruder von der Welt. Er ist immer für mich da, wenn ich ihn brauche.“

„So etwas ist natürlich sehr schön“, sagte die junge Krankenschwester.

„Hast du auch einen Bruder?“, fragte der kleine Patient.

Senta gab es einen Stich. Sie senkte den Blick. „Ja“, antwortete sie leise. „Ich habe auch einen Bruder.“

„Aber du liebst ihn nicht.“

„Doch“, sagte Schwester Senta schnell. „Natürlich liebe ich ihn. Wie kommst du auf die Idee, ich würde ihn nicht lieben?“

Der Kleine zuckte mit den Schultern. „Verrätst du mir seinen Namen?“

„Siegfried. Er heißt Siegfried, wie der große Drachentöter.“

„Ist er auch so groß und stark?“, wollte Jan wissen.

Schwester Senta lachte. „Nein, das ist er nicht. Er ist eher schwach.“ Sie meinte verglichen mit Werner Küppers.

Sie hatten gestern den ersten Strauß ausgefochten, und es war mit Sicherheit nicht die letzte Auseinandersetzung gewesen. Heute Abend würde es weitergehen, und morgen, und übermorgen. ..

Vor allem Werner würde nicht so schnell aufgeben, und Siegfried, der Schwächling ohne eigenen Willen, würde mitmachen. Aber Senta wollte sich von den beiden zu nichts mehr überreden lassen.

Wutentbrannt war Werner Küppers gestern aus der Wohnung gestürmt. Er hatte die Tür mit lautem Knall hinter sich zugeschmettert, und Senta hatte gehofft, er würde für immer fortgehen, doch nach zwei Stunden war er wieder zu Hause gewesen - stumm, zornig, grimmig.

„Werde ich Siegfried einmal sehen?“, fragte der kleine Jan.

„Das glaube ich kaum“, antwortete die Schwester.

Ich hoffe nicht, dachte sie, denn wenn du ihn siehst, wirst du gekidnappt.

„Warum nicht?“, fragte Jan Klausewitz. „Er könnte dich doch mal abholen.“

„Ja, das kann sein.“

„Ich habe Albert gesagt, dass ich dich sehr, sehr lieb habe“, gestand Jan.

„Es freut mich, dass du mich magst“, sagte die junge Frau,

„Ich werde traurig sein, wenn ich von hier weg muss.“

Schwester Senta streichelte die Wange des Jungen liebevoll. „Du kleines Dummchen. Du solltest dich freuen, zu deinen Spielsachen und deinen Freunden zurückkehren zu können.“

Jan wurde traurig. „Ich habe nicht viele Freunde.“

„Das glaube ich dir nicht. Ein so netter Junge wie du.“

„Vater will nicht, dass ich Freunde habe. Er sagt, er und Albert wären meine besten Freunde, mehr brauche ich nicht. Vater ist sehr streng. Er hat nicht viel Zeit, aber wenn er zu Hause ist, ist er streng.“

„Liebst du deinen Vater?“, fragte Senta.,

„Manchmal.“

„Du solltest ihn immer lieben.“

„Er ist ja so selten da. Dich liebe ich mehr.“ Der Kleine hatte plötzlich eine Idee, die ihn strahlen ließ. „Weißt du was? Wenn ich die Wiesen-Klinik verlasse, nehme ich dich mit.“ Schwester Senta lachte. „Aber Jan, das geht doch nicht.“

„Wieso nicht? Vater sagt immer, für ihn ist nichts unmöglich.“

„Ich muss hierbleiben und mich um die anderen kranken Kinder kümmern.“

„Kann das nicht eine andere Krankenschwester tun?“, wollte der Junge wissen.

„Es ist mein Beruf, den Kindern, die hierherkommen, zu helfen. „Könnte es nicht auch dein Beruf sein, immer bei mir zu sein? Das würde mich sehr glücklich machen, und Albert würde sich darüber auch freuen. Ich werde Vater bitten, dich mitnehmen zu dürfen. Er wird nichts dagegen haben.“

Bernhard Klausewitz wird in die Tasche greifen, sein dickes Scheckheft hervorholen und seinem Sohn eine Krankenschwester kaufen, dachte Senta. Ja, das wäre sein Stil. Mit Zeit kann er den kleinen Jan nicht verwöhnen, aber mit Geld. Und was ist mit der Nestwärme für Jan? Wo kaufen Sie die, Herr Klausewitz? Gibt es jemanden, bei dem Sie sie waggonweise beziehen können?

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Albert Klausewitz betrat das Krankenzimmer.

Er brachte Blumen, die waren jedoch nicht für seinen Bruder, sondern für Schwester Senta.

Verlegen sagte sie: „Sie sollten mir nichts mitbringen.“

„Irgendwie muss ich mich doch dafür bedanken, dass Sie sich so sehr um meinen kleinen Bruder kümmern.“

„Ich nehme mich aller Kinder gleich an“, erklärte die junge Frau, aber das stimmte nicht ganz. Es bezog sich nur auf die Krankenbetreuung.

Sie trug den wunderschönen Blumenstrauß ins Schwesternzimmer und stellte ihn in eine Vase. Liebevoll ordnete sie die Blüten und sagte sich, dass sie sich vor Albert Klausewitz in acht nehmen müsse, denn sie wollte nicht, dass sie anfing, ihn zu sehr zu mögen. Das konnte zu Komplikationen führen. „Jan hat eine großartige Idee“, sagte Albert, als sie zurückkehrte. „Wir nehmen Sie wirklich mit nach Hause, Schwester Senta.“

„Ach, und ich werde einfach nicht gefragt, wie?“

„Wäre es Ihnen nicht recht?“, fragte der Millionärssohn überrascht.

„Ich habe eben erst hier angefangen...“

„Vater würde Sie fürstlich entlohnen, und mit dem Chef der Wiesen-Klinik würde er auch sprechen, der wäre kein Problem. Es würde Ihnen bei uns sehr gutgehen.“

Schwester Senta schüttelte lächelnd den Kopf. „Daraus wird nichts.“

„Du willst nicht?“, fragte Jan enttäuscht.

Senta wandte sich an ihn. „Sieh mal, ich bin gern Krankenschwester. Es gefällt mir hier, und ich kann vielen Kindern helfen. Das bringt mir Erfüllung. All die kleinen Würmer auf dieser Station brauchen mich, und es gibt nichts schöneres für einen Menschen, als zu wissen, dass er gebraucht wird.“

„Ich brauche dich auch“, sagte Jan. „Und Albert braucht dich auch.“

Albert lächelte. „Mein kleiner Bruder hat vollkommen recht, Schwester Senta. Ich brauche Sie auch.“

„Wofür?“, fragte sie.

„Oh, ich habe hin und wieder einen ganz lästigen Husten. Wir könnten ihn gemeinsam bekämpfen.“

„Die Klausewitz’ haben bestimmt einen sehr guten Hausarzt.“

„Er ist nicht schlecht, aber er ist nichts für unsere Seele. Die braucht einen Menschen wie Sie, keine Tabletten.“

Senta spürte, wie sich eine leichte Röte auf ihre Wangen legte, und sie stahl sich mit einem fadenscheinigen Vorwand davon.

Albert Klausewitz richtete es so ein, dass er noch da war, als ihr Dienst zu Ende ging.

Vielleicht hätte sie sich von ihm nicht einladen lassen sollen, aber sie verspürte nicht die geringste Lust, nach Hause zu gehen, denn daheim warteten Siegfried und Werner auf sie, um sie wieder zu bearbeiten.

Senta ging überallhin lieber als nach Hause.

Bei Sahnetorte und Kaffee unterhielt sie sich später mit Albert, und sie fühlte sich ihm sehr zugetan. Das war zwar nicht richtig, aber sie konnte ihre Gefühle nicht beeinflussen.

Ihr Herz schlug für Bernhard Klausewitz’ Söhne. Sie mochte Jan, und Albert hatte es in der Hand, ihr gefährlich zu werden.

„Scheint so, als müsste Jan nun doch nicht operiert werden“, sagte der junge Mann.

„Die Untersuchungsergebnisse waren bisher sehr zufriedenstellend.“

„Dann werden wir den kleinen Wirbelwind ja bald wieder zu Hause haben. Es ist sehr still, seit er nicht da ist.“

„Das glaube ich Ihnen. Jan bringt Leben ins Haus.“

„Er ist Vaters Liebling“, erklärte Albert, „aber das stört mich nicht, denn ich liebe Jan auch.“

„Wenn ich Kinder hätte, würde ich meine Liebe gerecht verteilen. Ich würde keines bevorzugen.“

„Wie viele Kinder möchten Sie einmal haben?“, wollte der Besucher wissen.

„Zwei. Ein Einzelkind hat niemanden zum Spielen, und drei Kinder können schon zur Plage werden. Ich glaube, zwei sind genau richtig.“

„Finde ich auch“, sagte Albert Klausewitz. „Wir kennen uns erst so kurze Zeit, aber ich konnte schon viele Gemeinsamkeiten feststellen. Wissen Sie, wofür ich Ihnen dankbar bin? Dass Sie in mir nicht einen zweiten Bernhard Klausewitz sehen. Viele Menschen tun das. Sie mögen meinen Vater nicht und lehnen automatisch auch mich ab. Sie sind Gott sei Dank nicht so. Sie können Unterscheiden.“

„Warum ist Ihr Vater so, wie er ist?“

„Er sagt, das Leben hat ihn so geprägt, aber ich meine, dass ihm sein harter, rücksichtsloser Wesenszug schon in die Wiege gelegt wurde. Das Leben hat ihn vielleicht noch kantiger geschliffen, als er von Haus aus war. Deshalb eckt er heute überall an. Er lebt mit der ganzen Welt in ständigem Unfrieden. Das wäre mir zu anstrengend. Ich vertrage mich mit meinen Mitmenschen lieber.“

„Das ist auf jeden Fall die richtigere Einstellung.“

„Vater meint, ich wäre weich“, sagte Albert achselzuckend. „Es ist selbst für mich, seinen Sohn, nicht immer leicht, mit ihm auszukommen, aber ich habe gelernt, ihn zu nehmen.“

Sie sprachen an diesem Abend noch über viele Dinge und Senta merkte, dass sie einander ein großes Stück nähergekommen waren.

Was soll daraus werden, fragte sich die junge Krankenschwester. Darf ich den Dingen ihren Lauf lassen?

Zahlreiche Gedanken gingen ihr durch den Kopf, und es waren nicht nur erfreuliche.

Bernhard Klausewitz würde wohl kaum zulassen, dass sein Sohn sich in eine unbedeutende Krankenschwester verliebte. Und zu Hause saßen Siegfried und Werner und hatten nach wie vor die Absicht, den kleinen Jan zu entführen.»

Es wird bald eine Menge Schwierigkeiten geben, sagte sich Senta Brenner.

Dennoch freute sie sich darauf, Albert Klausewitz wiederzusehen.

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Nun, bist du endlich zur Vernunft gekommen?“, fragte Werner Küppers mit schmalen Augen. „Du hattest lange genug Zeit zum Nachdenken, Senta.“

„Höre endlich auf damit!“, sagte die junge Frau ärgerlich. „Du kennst meine Entscheidung. Ich bleibe dabei.“

„Siegfried sagte, du wärst gestern durcheinander gewesen. Das kannst du heute doch nicht immer noch sein. Wie geht es Jan Klausewitz?“, fragte er.

„Gut“, antwortete sie kurz.

„Dann wird man ihn ja bald wieder nach Hause schicken.“

„Anzunehmen“, sagte Senta Brenner knapp.

„Das heißt, dass die Zeit drängt.“

Senta wandte sich ärgerlich an ihren Bruder. „Kannst du ihn nicht dazu bringen, dass er mich damit in Ruhe lässt?“

„Es ist nicht schön von dir, dass du uns im Stich lässt, Senta“, sagte Siegfried. „Wir wären ein gutes Team gewesen.“

„Und wir wären letzten Endes alle drei im Gefängnis gelandet, machen wir uns doch nichts vor. Wir sind keine Verbrecher. Die sind aus einem anderen Holz geschnitzt.“

„Das, was ich geplant habe, kann jeder Idiot ausführen“, behauptete Werner Küppers. „Dazu muss man kein Mitglied der Mafia sein.“

Senta sah ihn zornig an. „Ein für allemal, Werner: Die Entführung ist vom Tisch. Ich mache dabei nicht mit, und ohne mich könnt ihr nichts machen, also vergiss die Sache endlich, oder ziehe aus und gehe jemandem anders mit deinen gefährlichen Spinnereien auf die Nerven.“

„Du würdest mich gern auf die Straße setzen“, sagte der Mitbewohner grinsend.

„Lieber heute als morgen“, sagte Senta angriffslustig.

„Ein Glück, dass die Wohnung nicht dir allein gehört, und Siegfried ist ein Freund, der weiß, was sich gehört.“

„Mein Bruder ist strohdumm und leicht beeinflussbar!“

„Na, na, na!“, begehrte Siegfried auf. „So gescheit wie du bin ich immer noch, Schwester.“

„Das bezweifle ich. Wenn du auf mich gehört hättest, hätten wir jetzt diese Laus nicht im Pelz!“ Die Hausherrin wies auf Werner Küppers.

Er kniff die Augen zusammen und sagte in gefährlich leisem Ton:

„Vorsicht, Senta. Hüte deine Zunge. Sonst kriegst du von der Laus ein paar schallende Ohrfeigen!“

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,.Bernhard Klausewitz möchte Sie sprechen“, sagte Veronika Baier am Telefon. „Sind Sie da, Herr Chefarzt?“

„Stellen Sie das Gespräch durch“, verlangte der Mediziner von seiner Sekretärin.

„Dr. Berends?“, kam es gleich darauf aggressiv durch die Leitung.

„Was kann ich für Sie tun, Herr Klausewitz?“

„Ich komme soeben aus Paris zurück und erfahre von meinem Sohn Albert, dass Jan quietsch vergnügt ist.“

„Darüber sollten Sie sich freuen. Der Kleine fühlt sich bei uns sichtlich wohl. Das liegt vor allem an Schwester Senta, die er heiß liebt.“

„Was soll der Unsinn?“, sagte Bernhard Klausewitz ungehalten. „Wenn es meinem Jungen gutgeht, schicken Sie ihn nach Haus, Ihre Klinik kann ihm das nicht bieten, was er daheim hat.“

„Das ist klar.“

„Zum Donnerwetter, warum behalten Sie ihn denn dann noch da?“, wollte der Millionär wissen. „Weil es Dr. Wilke für nötig hält“, antwortete der Arzt.

„Dr. Wilke“, sagte Klausewitz geringschätzig. „Sie wissen, was ich von ihr halte.“

„Sie können nicht beurteilen, wie gut Frau Dr. Angela Wilke ist, Herr Klausewitz. Dazu fehlt Ihnen die fachliche Qualifikation!“

Das hatte gesessen. Der Geschäftsmann schnappte am andern Ende mehrmals nach Luft, dann knurrte er: „Na schön, Dr. Berends. Ich gebe ihnen und Ihrer Kinderärztin noch drei Tage. Dann hole ich mir meinen Sohn wieder. Denken Sie ja nicht, mein Junge ist für Sie und Ihre Ärzte ein Versuchskaninchen. Wenn sich der Kleine bei mir beklagt, könnt ihr alle was erleben?“

Dr. Berends entlockte dieses neuerliche Säbelgerassel des ach so großen Bernhard Klausewitz ein mitleidiges Lächeln. Er hatte keine Angst vor diesem leicht verrückten Mann.

Es war noch niemandem gelungen, ihn einzuschüchtern. Auch Bernhard Klausewitz würde das nicht schaffen.

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In der Kinderstation war viel zu tun.

Zwei Kinder waren mit hohem Fieber eingeliefert worden. Dr. Angela Wilke stellte in beiden Fällen eine starke Bronchitis fest. Der fieberhafte Katarrh ließ die kleinen Patienten fortwährend husten. Man setzte sofort mit der Intensivbehandlung ein, um die Krankheit in den Griff zu bekommen.

Und plötzlich bekam auch Jan Klausewitz Fieber. Es kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Vor einer halben Stunde war er noch quirlig gewesen, doch nun lag er still und matt mit geröteten Wangen und glasigen Augen im Bett und klagte über starke Schmerzen im Bauch.

Schwester Senta holte unverzüglich Dr. Wilke.

Die Kinderärztin nickte, als hätte sie schon lange darauf gewartet „Nun muss der Blinddarm doch heraus.“

Jan blickte Schwester Senta mit seinen großen Augen ängstlich an. „Wird es sehr weh tun?“, fragte der kleine Patient.

„Aber nein“, sagte Senta Brenner sanft. „Du wirst von der ganzen Operation nichts merken. Du wirst sehr, sehr tief schlafen, und wenn du aufwachst, wirst du keinen Blinddarm mehr haben.“

„Wird er mir nicht fehlen?“

„Nein, Jan. Kein Mensch braucht seinen Blinddarm“, erklärte die Schwester.

„Warum haben dann alle einen?“

„Vielleicht hatte er irgendwann einmal eine Funktion. Heute können wir wunderbar ohne ihn auskommen.“

„Wirst du da sein, wenn ich aufwache?“

„Möchtest du das, Jan?“, fragte Schwester Senta und strich liebevoll über die braunen Locken des Kleinen.

„Ich hätte keine Angst, wenn ich wüsste, dass du bei mir bist“, sagte Jan.

„Ich werde da sein, wenn du die Augen öffnest, das verspreche ich dir“, erklärte Schwester Senta.

Der Junge griff nach ihrer Hand und hielt sie fest.

„Das ist eine wunderbare Freundschaft“, sagte Dr. Angela Wilke lächelnd.

„Ja“, sagte Schwester Senta scherzhaft. „Wir sind das Paar des Jahres.“

Jan wurde kurz danach blass und musste sich erbrechen.

Die Kinderärztin setzte sich unverzüglich mit dem Chefarzt der Wiesen-Klinik in Verbindung. „Jan Klausewitz, Dr. Berends! Sein Blinddarm!“

„Darüber wird sich sein Vater mächtig freuen“, sagte Richard Berends sarkastisch.

„Der Junge muss sofort operiert werden.“

„In Ordnung. Lassen Sie ihn in den Operationssaal bringen“, sagte der Chefarzt.

„Wer wird ihn operieren?“, wollte die Kinderärztin wissen.

„Das mache ich selbst“, sagte Dr. Berends und legte auf.

Fünfzehn Minuten später unterzog sich der Chefarzt der Wiesen-Klinik einer gründlichen Desinfektionsprozedur. Er säuberte seine Hände lange.

Als der Mediziner einige Zeit später den Operationssaal betrat, begrüßte ihn Schwester Thea, eine sehr erfahrene, zuverlässige Kraft.

Die Narkoseärztin Dr. Doris von Ringsdorff war anwesend und kümmerte sich um den kleinen Patienten, der auf dem Operationstisch lag.

Dr. Berends gab seine Anweisungen ruhig und überlegt. Das Operationsfeld wurde mit sterilen Tüchern abgedeckt.

Der Chefarzt warf einen Blick auf die Narkoseärztin. „Wie sieht es aus? Können wir beginnen?“

Dr. von Ringsdorff, die manchmal scherzhaft „die Gräfin“ genannt wurde, weil sie vor ihrer Heirat mit Dr. jur, Karsten von Ringsdorff eine echte Komtess gewesen war, nickte. „Es ist alles in Ordnung, Chef.“

Der Mediziner sah auf den narkotisierten Jungen. Dein Vater wird mit Sicherheit einen Tobsuchtsanfall bekommen, wenn er erfährt, dass wir dich „aufgeschnitten“ haben, dachte er. Er denkt ja, das wäre unsere liebste Beschäftigung, der Dummkopf.

Es war warm im OP, und die Luft war feucht. Das Operationsteam war gewöhnt, unter diesen Bedingungen zu arbeiten.

Für den Patienten ist es sehr wichtig, dass im Operationssaal eine gleichbleibende Temperatur herrscht, die mit einer konstanten Luftfeuchtigkeit von sechzig Prozent verbunden sein muss.

Die Klimaanlage arbeitete zuverlässig und hielt eine Temperatur von zweiundzwanzig Grad Celsius, und ihr Keimfilter sorgte für eine absolut saubere Luft.

Dr. Berends verschwendete keinen weiteren Gedanken an Bernhard Klausewitz. Er konnte jederzeit verantworten, was er tat.

Gewissenhaft kontrollierte der Chefarzt die Werte des Blutdrucks, Puls und der Atemfrequenz. Dann ließ er sich das Skalpell von der Operationsschwester geben und begann mit dem Eingriff.

Entschlossen setzte er die scharfe, sterile Klinge an und führte den bei der Appendektomie üblichen Zickzackschnitt durch.

Er arbeitete rasch und präzise. Jeder Handgriff war oft geübt. Es floss kaum Blut, als Dr. Berends das Bauchfell des Jungen öffnete, und dann wurde der entzündete Blinddarm sichtbar.

„Aha, da haben wir ja die Wurzel des Übels“, sagte der Chirurg.

„Sieht nicht sehr schön aus“, meinte der Assistenzarzt

„Er wird unserem kleinen Patienten bald keine Schwierigkeiten mehr machen“, sagte Dr. Richard Berends, auf dessen Stirn jetzt kleine Schweißperlen standen, die Schwester Thea abtupfte.

Die Hitze, die die grellen Lampen entwickelten, stellte eine nicht zu unterschätzende Belastung der Ärzte dar.

Der Chefarzt erkundigte sich zwischendurch nach den Werten.

„Alles in Ordnung“, sagte Doris von Ringsdorff.

Dr. Berends arbeitete weiter.

Das die Sehnen umhüllende, lockere, gefäßhaltige Bindegewebe, das sogenannte Peritendineum, war bereits geöffnet, und der präzise Ablauf der Operation ließ keine Komplikationen erwarten.

Dr. Richard Berends beugte sich etwas vor.

Deutlich war das Zökum, der Blinddarm, an den bandartigen, muskulösen Längsstreifen zu erkennen, und der Chirurg löste vorsichtig die kleine Verwachsung am unteren Ende.

Die Anästhesistin überwachte den Zustand des kleinen Patienten mit großer Gewissenhaftigkeit. Wären die Werte von der Norm abgewichen, so hätte das die Narkoseärztin sofort gemeldet.

Schwester Thea wusste ganz genau, was Dr. Berends als nächstes brauchte. Es genügte ein Wort von ihm, und sie reichte ihm das Gewünschte.

„Klemme“, verlangte der Chefarzt.

Er quetschte damit den Appendix an seinem Ende ab.

„Seidenfaden.“

Damit band Dr. Berends die Querfurche ab. Mit der nächsten Klemme, die er von der Operationsschwester bekam, klemmte er das fortfallende Teil nochmals ab. Und schon hielt Schwester Thea den Glühbrenner bereit.

Dr. Berends nahm ihn und trug damit den Blinddarmstumpf ab. Sobald er ihn entfernt hatte, war das Gröbste getan.

Nachdem ihm Schwester Thea wieder den Schweiß abgewischt hatte, machte sich Dr. Berends an die Feinarbeit. Seine Narben waren immer die kleinsten.

Während er nähte, atmete Jan Klausewitz ruhig und gleichmäßig. Der Chefarzt machte die Etagennaht. Exakt und konzentriert setzte er jeden einzelnen Stich.

„So“, sagte er schließlich aufatmend. „Das hätten wir.“

„War eine glatte Angelegenheit“, bemerkte der Assistenzarzt.

Jan Klausewitz wurde wenig später in den Vorraum gebracht. Erst wenn er reagierte, würde man ihn auf die Kinderstation zurückbringen.

Schwester Senta hielt Wort. Als Jan die Augen einige Zeit später benommen aufschlug, war sie bei ihm und lächelte ihn liebevoll an.

„Na, kleiner Mann, wie fühlen wir uns?“, fragte sie leise.

„Ist ...es... schon... vorbei?“, fragte er schläfrig.

„Ja, der schlimme Blinddarm ist raus. Er wird dich nie mehr quälen.“

„Ich habe überhaupt nichts gemerkt“, gestand der kleine Patient. „Das sagte ich dir doch.“

„Ist mein Bauch jetzt auf geschnitten?“, fragte der kleine Junge.

„Ja, aber nur ein ganz kleines Stück. Aufgeschnitten und wieder zugenäht.“

„Ich bin müde, Schwester Senta“, gestand das Kind.

„Versuche zu schlafen, mein kleiner Freund. Das wird dir guttun.“

„Bleibst du bei uns?“

„Natürlich. Schlaf jetzt“

Jan schloss die Augen und war sofort eingeschlafen.

Albert Klausewitz war sichtlich überrascht, als er erfuhr, dass sein Bruder nun doch operiert worden war. Er schaute Schwester Senta leicht zweifelnd an.

„War das denn wirklich nötig?“, wollte er wissen.

„Denken Sie, Dr. Berends schnipselt an seinen Patienten aus lauter Jux und Tollerei herum?“, gab die junge Krankenschwester spitz zurück.

„Mein Bruder war doch gestern noch so gut aufgelegt. Am liebsten hätte ich ihn gleich mit nach Hause genommen.“

„Seien Sie froh, dass Sie es nicht getan haben. So ein Blinddarm kann sehr heimtückisch sein. Man spürt tagelang nichts, und auf einmal geht es los.“

„Vater ist in Brüssel. Er wird Augen machen, wenn er nach Hause kommt. Man hat seinen Lieblingssohn aufgeschnitten. Das ist ein Brocken, den er nur sehr schwer verdauen wird.“

„Ihr Vater muss ein sehr unvernünftiger Mensch sein“, sagte Schwester Senta.

„Er hasst Krankheiten und Krankenhäuser, und er mag keine Ärzte. Er müsste schon fast tot sein, damit man ihn in eine Klinik bringen kann. Solange er noch in der Lage ist, sich zu wehren, wird einem das nicht gelingen.“

„Der große Bernhard Klausewitz“, sagte Senta, „ein Mann, der mehr Geld besitzt als er ausgeben kann, hat Angst vor Ärzten und Krankenhäusern.“

„Sie sind ihm ein Greuel.“

„Warum?“, fragte sie.

„Sein Vater starb an einem Lungenkarzinom. Es muss ein schrecklicher Kampf gewesen sein. Die Ärzte konnten nicht helfen. Mein Vater sah seinen Vater jeden Tag ein bisschen mehr sterben. Das kann er nicht vergessen. Ich glaube, er befürchtet, eines Tages auch so zu enden. Deshalb stellt er sofort die Stacheln auf, wenn er von Krankenhäusern hört.“

Da Jan tief schlief, blieb Albert nur kurz bei ihm.

Nach Dienstschluss traf sich Schwester Senta wieder mit ihm. Es wurde ihr allmählich zur lieben Gewohnheit.

Jans Operation kam der jungen Frau sehr gelegen. Erstens musste der Junge dadurch ein paar Tage länger in der Wiesen-Klinik bleiben, zweitens würde sie dadurch Albert öfter sehen, und drittens fiel die geplante Entführung nun endgültig ins Wasser.

Siegfried und Werner würden sich wohl kaum an einem frisch operierten Kind vergreifen.

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Operiert?“, sagte Werner Küppers zornig. „Man hat Jan Klausewitz operiert? Ich dachte, es geht ihm so gut!“

„Die Blinddarmreizung wurde plötzlich akut“, erklärte Senta Brenner. Sie konnte ihre Schadenfreude kaum verbergen.

Der arbeitslose Mann ging zum Fenster und blickte missmutig auf die Straße.

„Stell dir vor, wir hätten ihn uns geschnappt, und es wäre mit seinem Blinddarm losgegangen“, sagte Siegfried. „Der Junge hätte sterben können.“

„Blödsinn“, sagte Werner, ohne sich umzudrehen. „So schnell stirbt man an einer Blinddarmreizung nicht. Wir hätten immer noch genug Zeit gehabt, Jan Klausewitz zurückzubringen. Es hätte genügt, ihn auf eine Parkbank zu setzen und den Notarzt anzurufen.“

„So herzlos bist du“, sagte Senta verächtlich. „Du würdest den armen Jungen glatt mit seinen Schmerzen und seinem Fieber auf eine Parkbank setzen.“

„Was ist denn schon dabei?“, fiel ihr Werner ins Wort und drehte sich um. „In längstens zehn Minuten hätte ihn der Rettungswagen geholt.“

„Ich bin ehrlich froh, dass deine Wahnsinnsidee endlich gestorben ist“, gestand die junge Krankenschwester mit leidenschaftlich funkelnden Augen.

„Gestorben?“, echote Werner Küppers grinsend. „Wieso denn? Dein Bruder und ich kamen überein, dass wir das Ding auch allein drehen können.“

Siegfried meldete mit erhobener Hand einen Einwand an. „Da war Jan Klausewitz aber noch nicht operiert.“

„Was macht das schon?“, sagte Werner Küppers und setzte sich wieder an den Tisch. „Der Kleine steht doch morgen schon wieder auf. Wenn wir ihn nicht überfordern, kriegt ihn die Wiesen-Klinik wohlbehalten wieder. Wir bleiben bei unserem Vorhaben, Siegfried. Wir holen Jan aus dem Krankenhaus, verstecken ihn kurze Zeit und kassieren von Bernhard Klausewitz eine schöne, runde Million Euro.“

Senta stemmte entrüstet die Fäuste in die Seiten. „Und was ist mit mir?“

Werner Küppers grinste sie an. „Du bist nicht mehr dabei, Schätzchen.“

„Das meine ich nicht. Ich wollte dir damit klarmachen, dass du mich nicht einfach übersehen kannst! Du musst mit mir rechnen! Ich werde nicht zulassen, dass ihr euch den kranken Jungen holt.“

Der junge Mann lachte.,,Mädchen, du wirst doch nicht deinen eigenen Bruder verpfeifen, Siegfried, sprich ein Machtwort. Sage deiner Schwester, dass sie sich uns nicht in den Weg stellen darf, denn wenn sie das tut, kriegt sie mehr Ärger, als sie verkraften kann.“

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Dr. Hans Kreuzer erholte sich sehr gut vom Apoplex und der Koronarthrombose. Er war zwar immer noch halbseitig gelähmt, aber es gelang ihm schon, die Finger der rechten Hand zu bewegen.

Das gab ihm selbst so viel Zuversicht, dass er alles, was man ihm an Übungen empfahl, hartnäckig auszuführen versuchte, wobei ihn eine anfängliche Erfolglosigkeit nicht zu entmutigen vermochte.

Mittlerweile hatte er Charlotte Berends kennengelernt und war von ihr begeistert. Er sagte zu seinem Schulfreund: „Soviel Glück müsste ich mal haben. Du hast eine wunderbare Frau, Richard.“

Der Chefarzt schmunzelte. „Du sagst mir nichts Neues.“

„Wenn ich so eine Frau hätte, würde ich sie verwöhnen, wo ich kann, und ich würde mein Glück mit beiden Händen festhalten.“

„Genau das tu ich“, gestand der Mediziner. „Du musst uns unbedingt besuchen, wenn du wieder auf dem Damm bist. Ich habe nämlich auch noch einen kleinen Sohn, den ich dir vorstellen möchte.“

„Ich freue mich auf deinen Stammhalter“, sagte Hans Kreuzer und lächelte mit der linken Gesichtshälfte. „Was hat er denn gern? Was soll ich ihm mitbringen?“

„Werde erst mal gesund“, sagte Dr. Berends. „Dann reden wir darüber.“

„Du weißt nicht, wie gern ich mit dir tauschen würde, Richard“, sagte der Rechtsanwalt. „Wenn einem immer alles misslingt, resigniert man eines Tages. Mir war mein Weg als Unglücksrabe schon in frühester Jugend vorgezeichnet. Ich wurde geschlagen, verspottet, ignoriert, und ich war nicht imstande, mich zu wehren. Mein Gott, dachte ich manchmal, warum kann ich nicht einmal so sein wie Richard Berends? Wenn’s dem zu viel wird, schlägt er mal tüchtig drein, und alles ist erledigt“

Der Arzt lachte. „Mache mir meinen guten Ruf nicht kaputt. Wenn es sich in der Wiesen-Klinik herumspricht, dass ich in meiner Jugend die Probleme mit den Fäusten löste, wäre das sehr unangenehm für mich. Es könnte jemandem in den Sinn kommen, zu behaupten, die Wiesen-Klinik würde von einem Schläger geleitet“

„Du warst kein Schläger, kein Raufbold. Du warst ein Junge mit einer kerngesunden Einstellung. Wer dich angriff, musste damit rechnen, dass du zurückschlägst, und dazu fehlte mir immer der Mut. Es gibt so vieles, wovor ich zurückschrecke. Du würdest es bedenkenlos anpacken, während ich so lange zögere, bis die Chance vertan ist. Das war auch der Grund, weshalb ich in Freiburg keine eigene Kanzlei eröffnete. Nein, ich musste mich an Willy Griff hängen, und der nützte mich nach allen Regeln der Kunst aus. Ich ärgerte mich zwar maßlos darüber, aber ich sagte nie ein Wort. Dr. Griff suchte sich die Rosinen aus dem Kuchen, und ich durfte mich für ihn abrackern. Mit meiner Hilfe machte er sich einen Namen, und als er groß genug geworden war, sagte er, es wäre ihm einfach nicht mehr möglich, mit mir zusammenzuarbeiten.“

„Deshalb bist du nach Bergesfelden übersiedelt?“, fragte Richard.

„Ja, und ich weine Willy Griff keine Träne nach. Mich ärgert nur maßlos, dass ich mich von ihm so lange ausnutzen ließ. Ich arbeitete oft zwanzig Stunden am Tag, rauchte eine Zigarette nach der anderen, trank literweise Kaffee, konnte ohne Tabletten nicht einschlafen und goss Alkohol auf meine angegriffenen Nerven.“

„Mit einem Wort, du warst drauf und dran, dich umzubringen. Beinahe wäre es dir gelungen“, sagte der Mediziner. „Wir werden auf jeden Fall dein Gewicht stark reduzieren, damit sich dein Herz nicht mehr so sehr anstrengen muss.“

„Sei ehrlich, Richard“, sagte Hans Kreuzer und sah Dr. Berends an. „Hat es einen Sinn, einen Verlierer wie mich wieder auf die Beine zu stellen? Der nächste Schicksalsschlag wirft mich ja doch wieder um.“

„So darfst du das nicht sehen“, sagte der Chefarzt. „Jeder Mensch hat seine Daseinsberechtigung. Jeder Mensch ist zu etwas nütze.“

„Ich atme meinen Mitmenschen den Sauerstoff weg. Ist das die einzige Funktion, die Gott mir zugedacht hat?“

„Ich bin davon überzeugt, dass du ein sehr guter Anwalt bist. Du wirst noch vielen Menschen aus ihren Schwierigkeiten helfen und ihnen einen Weg durch den verwirrenden Paragraphendschungel zeigen.“

„Vielleicht sollte ich darin meine Erfüllung finden“, sagte Dr. Kreuzer ernst.

„Es gibt da etwas, worüber wir noch nicht gesprochen haben, Hans“, sagte Dr. Richard Berends.

„Ja, ich weiß“, kam es gepresst aus Kreuzers Mund.

„Bist du heute soweit?“

Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust des Patienten, „Einmal muss es sein. Ich kann nicht ständig den Kopf in den Sand stecken. Man muss seinen Problemen ins Auge sehen.“

„Diese Einstellung gefällt mir“, lobte der Chefarzt.

„Du hast den Stier ja immer bei den Hörnern gepackt.“

„Warum hast du es nie versucht?“, wollte der ehemalige Schulfreund wissen.

„Das kann ich dir sagen. Ich hatte Angst, er würde mich an der Wand zerdrücken... Du hast mich gefragt, ob es niemanden gebe, den du benachrichtigen könntest, und ich sagte nein.“

„Ich hab’ dir nicht geglaubt“, sagte Dr. Berends.

Hans Kreuzer lächelte. „Du kennst mich sehr gut.“

„Dein Schlaganfall wurde durch eine übermäßige Aufregung ausgelöst“, erklärte der Chefarzt.

„Kann man dir irgendetwas verheimlichen?“

„Du nicht“, sagte Dr. Berends schmunzelnd. „Was ist vorgefallen, Hans?“

„Ich kam nicht zufällig auf die Idee, mich in Bergesfelden niederzulassen“, sagte der Rechtsanwalt.

Dr. Berends nickte langsam. „Eine Frau?“

„Ja. Marlene Simon ist ihr Name. Sie ist Witwe und fünf Jahre älter als ich. Sie ist nicht im entferntesten so schön wie deine Frau, aber ich war von ihrer inneren Schönheit sehr angetan. Sie besitzt ein Kaufhaus hier in Bergesfelden. Ich lernte sie in Freiburg kennen, als sie in unsere Kanzlei kam und mich um Rechtsbeistand bat, da sie Schwierigkeiten mit einem Großhändler bekommen hatte, dessen unseriöse Geschäftspraktiken allseits bekannt waren. Ich konnte ihr helfen, und wir sahen uns auch dann noch, als die Angelegenheit bereits positiv für Marlene erledigt war.“

Dr. Berends schmunzelte. „Hans Kreuzer auf Freiersfüßen.“

„So sah es aus. Ich verliebte mich in Marlene und war eine Zeitlang so glücklich wie noch nie, aber dann hatte Marlene plötzlich manchmal keine Zeit. Sie sagte, sie hätte so viel im Geschäft zu tun. Wenn ich sie aber anrief, war sie nicht da.“

„Ein anderer Mann?“, fragte Dr. Berends.

„Das dachte ich natürlich sofort. So sehr ich mich dagegen auch auflehnte, dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Wie Salzsäure fraß er sich in mein Gehirn. Ich sagte mir zwar, Marlene wäre nicht attraktiv genug für einen anderen Mann, aber dann dachte ich, wenn ich sie anziehend fände, könnte das doch auch jemand anders tun. Ich hatte ernste Absichten, Richard. Ich freute mich auf ein Leben mit Marlene, Du weißt nicht, wie schlimm es ist, allein zu sein, aber ich habe die Einsamkeit gründlich kennengelernt. Sie macht dich fertig, sie laugt dich aus, lässt dich an dir selbst zweifeln, und du stellst dir immer wieder die Frage: Wozu lebe ich eigentlich? Für wen bin ich da? Wer würde mich vermissen, wenn ich nicht mehr lebte? Du wirst mit deinen Depressionen nicht fertig und denkst, wie schön es sein müsste, wenn dieses Leben zu Ende wäre.“

„Du hattest die Absicht, Marlene Simon zu heiraten?“

„Ja, das hatte ich vor.“

„Wusste sie davon? Hast du mit ihr mal darüber gesprochen?“

„Nein, dazu fehlte mir noch der Mut, aber ich hoffte, sie würde es fühlen“, sagte der Patient. „Vielleicht fühlte sie nichts, und da war jemand anderer, der nicht so große Hemmungen hatte, mit ihr über seine Gefühle zu sprechen.“

Hans Kreuzer schluckte, und eine Träne rann aus seinem rechten Auge. „An dem Tag, an dem ich zusammenbrach, wollte ich offen mit Marlene reden. Ich war schrecklich aufgeregt und hoffte, dass sie sich über das, was ich ihr zu sagen hatte, sehr freuen würde. Wir verabredeten uns in einem Restaurant, da ich aber zu früh dran war, dachte ich mir, es wäre keine schlechte Idee, sie von zu Hause abzuholen.“

Hans Kreuzer brauchte eine Weile, um sich zu sammeln.

Dr. Berends wartete geduldig, bis der Freund weitersprach: „Ich erreichte die Straße, in der Marlene wohnt. Als ich um die Ecke bog, trat sie mit einem gutaussehenden Mann aus ihrem Haus. Er hatte seinen Arm um sie gelegt, und sie ließ sich zum Abschied von ihm küssen. Für mich stürzte eine Welt ein. Die Frau, die ich heiraten wollte, hatte sich auf der Straße von einem anderen Mann küssen lassen. Ich war so wütend und kopflos, dass ich einfach davonrannte. Jetzt kannte ich den Grund, weshalb Marlene an manchen Tagen keine Zeit für mich hatte, Da war sie dann mit dem Andern zusammen. Ich stellte mir vor, wie sich die beiden über mich lustig machten, über den dummen, verliebten Hans Kreuzer, den man so leicht an der Nase herumführen kann.

Ich lief nach Hause. Mein Herz wollte zerspringen, mein Kopf drohte zu zerplatzen. Ich trank mehrere Kognaks, und plötzlich... Den Rest kennst du ja. Ich verlor das Bewusstsein. Alles, was ich noch denken konnte, war: Jetzt stirbst du! Und ich war in diesem Moment nicht traurig darüber. Auf der Fahrt hierher kam ich zu mir, und als ich in der Wiesen-Klinik eintraf, bekam ich es doch mit der Angst zu tun. Ich verlangte nach dir und bat dich, mir zu helfen.“

„Und heute bist du zumindest so weit über den Berg, dass wir uns keine Sorgen mehr um dich zu machen brauchen“, sagte Dr. Berends.

„Ich werde weiterleben, und ich werde mich wieder fragen: Für wen?“

„Irgendwann wird es auch für dich jemanden geben, der deiner Liebe wert ist und sie erwidert.“

„Diese Hoffnung habe ich aufgegeben“, erklärte der Mann.

„Das ist nicht richtig“, sagte Dr. Berends. „Es gibt ein wahres Sprichwort: Auf jeden Topf passt ein Deckel.“

„Und wo ist mein Deckel?“

„Kann sein, dass man ihn besonders gut versteckt hat. Du musst eifriger als bisher suchen, dann wirst du ihn auch finden.“

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Das Telefon läutete, und Dr. Berends hob ab.

„Bernhard Klausewitz“, sagte Veronika Baier. „Er brüllt so laut, dass man ihn auch ohne Telefon schreien hören kann.“

„Geben Sie ihn mir“, verlangte der Chefarzt, dem das dumme Getue des Mannes nun doch allmählich auf die Nerven ging. „Hallo, Herr Klausewitz“, sagte er kalt.

„Das darf ja wohl nicht wahr sein“, legte der Millionär los. „Sie haben den Jungen operiert!“

„Was hätte ich Ihrer Meinung nach tun sollen? Zusehen, wie er stirbt?“

„Ach, machen Sie mir doch nichts vor, Dr. Berends. Jan war gestern quietschvergnügt. Sie wussten selbst nicht, warum Sie ihn eigentlich noch in der Klinik behielten. Haben Sie den armen Kerl aufgeschnitten, damit die Rechnung etwas höher ausfällt?“

„Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt, Herr Klausewitz!“, sagte Dr. Richard Berends energisch. „Ich lasse mir von Ihnen nicht vorschreiben, wie ich meine Arbeit tun soll. Sie brachten Ihren Sohn zu uns, damit wir ihm helfen, und das haben wir getan.“

„Eine schöne Hilfe ist das, wenn Sie ihm mit einem Messer den Bauch aufschneiden!“

„Wir sind hier nicht bei den Wunderheilern von den Philippinen, Herr Klausewitz. Die operieren mit ihren Fingern, und wer ganz fest an diesen Humbug glaubt, der wird von ihnen sogar für ein, zwei Monate geheilt. In der Wiesen-Klinik werden jedenfalls seriösere Methoden angewandt, und wenn feststeht, dass ein Blinddarm heraus muss, dann holen wir ihn raus!“

„Der arme Junge! Mit mir hätten Sie das nicht machen können! Tut Ihnen der kleine Jan nicht leid?“

„Oja, Herr Klausewitz!“, sagte der Chefarzt schneidend. „Er tut mir leid, und zwar deshalb, weil er einen so bornierten Vater hat!“

Stille am anderen Ende.

Aber nur für zehn Sekunden. Dann legte Bernhard Klausewitz los, doch Richard Berends hörte sich das Donnerwetter nicht an. Er legte einfach auf.

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Einige Zeit später war Bernhard Klausewitz persönlich da. Veronika Baier versuchte ihn aufzuhalten, doch er schob sie unsanft beiseite und stampfte in Dr. Berends’ Büro, ohne anzuklopfen.

„Was fällt Ihnen ein, einfach aufzulegen, wenn ich mit Ihnen spreche!“

„Wir wollen eines mit aller Deutlichkeit klarstellen, Herr Klausewitz: Ich bin keiner von den Duckmäusern, mit denen Sie es anscheinend für gewöhnlich zu tun haben. Ich leite diese Klinik, und wenn Sie sich nicht augenblicklich wie ein normaler Mensch betragen, lasse ich Sie von zwei Krankenpflegern hinauswerfen!“

So hatte man noch nie mit Bernhard Klausewitz gesprochen. Jedenfalls wagte diesen Ton keiner mehr anzuschlagen, seit sich Klausewitz seine erste Million erkämpft hatte.

Der Mann spürte, dass er einen granitharten Gegner vor sich hatte, mit dem er nicht so umspringen konnte, wie er es normalerweise gewöhnt war.

Sonst tanzte alles nach seiner Pfeife, aber mit Dr. Berends würde er damit kein Glück haben. Er war herrschsüchtig. Und rücksichtslos. Man konnte ihm viele schlechte Eigenschaften nachsagen, aber er war nicht dumm.

Als er erkannte, dass er mit seinen rüpelhaften Manieren nicht durchkam, wurde er etwas verträglicher, und er erkundigte sich nach dem Befinden seines Sohnes.

„Diese Frage hätten Sie schon lange stellen sollen“, sagte der Mediziner rügend. „Das wäre vernünftiger gewesen, als wie ein Irrer loszubrüllen.“

„Mein Gott, Sie müssen mich verstehen, Dr. Berends. Ich hänge sehr an meinem Jungen. Wenn ich mir vorstelle, dass jemand hergeht und ihm den Bauch aufschneidet..

„Es war notwendig, und es war eine Operation ohne Komplikationen.“

„Vielleicht bin ich in diesen Dingen etwas eigen, aber ich kann meine Abneigung gegenüber Krankenhäusern und Ärzten nur sehr schwer überwinden.“ Er erzählte, wie elend sein Vater zugrunde gegangen war, und zum ersten Mal sah Dr. Berends, dass auch dieser Mann zu einer Gefühlsregung fähig war. „Ich habe meinen Vater abgöttisch geliebt“, berichtete der Geschäftsmann. „Er war für mich der wunderbarste Mensch. Glauben Sie mir, es hat mich tief getroffen, ihn so qualvoll sterben zu sehen. Wenn ich zu den Ärzten sagte:

,Helft ihm! So helft ihm doch, diesem armen Teufel!‘, dann zuckten sie nur mit den Schultern und sagten, ich könne sicher sein, dass alles getan würde, was möglich wäre. Es war zu wenig, Dr. Berends.“

„Ihr Fehler war, dass Sie von den Ärzten ein Wunder erwarteten, Herr Klausewitz. Wir können mit der heutigen Medizin schon sehr vieles tun, aber wir sind keine Götter. Genau wie Sie und jeder andere Mensch haben auch wir unsere Grenzen, die wir nicht überschreiten können.“

Klausewitz nickte ernst. „Ja, vielleicht ist es falsch, von den Menschen zu viel zu verlangen.“ Er zog die rötlichen Augenbrauen zusammen und blickte zu Boden. „Es wäre wohl angebracht, wenn ich mich jetzt bei Ihnen entschuldigen würde, Dr. Berends.“

„Das ist nicht nötig. Mir würde es genügen, wenn Sie von nun an etwas einsichtiger wären und mehr Verständnis für die Probleme Ihrer Mitmenschen aufbringen würden.“

„Ich kann’s ja mal versuchen. Wie geht es meinem Jungen?“, fragte der Besucher.

„Den Umständen entsprechend gut“, antwortete der Chefarzt.

„Darf ich... Darf ich ihn sehen?“

„Ich bringe Sie zu ihm.“

Details

Seiten
360
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917208
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412560
Schlagworte
arztroman sammelband drei romane winterliebe/ dann welt

Autor

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Titel: Arztroman Sammelband Drei Romane - Winterliebe/ Dann stürzte die Welt für sie ein / Der kleine Jan