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Krimi Doppelband #15

2018 300 Seiten

Zusammenfassung

Krimi Doppelband
Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Titelbild: Firuz Askin

Leseprobe

Die Handlungen in diesem Roman sind rein fiktiv. Zahlreiche agierende Personen sind jedoch nicht frei erfunden, haben aber ihr schriftliches Einverständnis gegeben und dazu beigetragen, dieses Buch zu veröffentlichen und die touristische Attraktivität des Selfkants darzustellen.

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Kapitel 1

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Ein kühler Wind blies zwischen den Brückenpfeilern hindurch und setzte etwas in Bewegung, dessen schepperndes Echo sich unheimlich in dieser Abgeschiedenheit anhörte.

„Du müsstest den Hund mal richtig erziehen!“

„Jetzt meckerst du auch noch herum!“

„Ist doch wahr! Wenn man pfeift, müsste er kommen. Und zwar sofort!“

„Ja, ja ...“

„Habe ich nicht recht?“

„Seitdem ich dir den Hof überschrieben habe, hast du anscheinend immer recht!“

„Ach, Quatsch, was hat das denn damit zu tun!“

Jens Termeulen war ein kräftiger, breitschultriger Mann mit rötlichem Haar und vielen Sommersprossen. Er war Bauer, fünfunddreißig Jahre alt und hatte durch seine Beteiligung an der Fernsehsendung  „Bauer sucht Frau“ eine kurzzeitige überregionale Berühmtheit erlangt. Im Selfkant hingegen hatte er sich einen Namen als Skatspieler gemacht und früher sogar in der Birgdener Spitzenmannschaft gespielt.

Sein Vater, Rudolf Termeulen, war genau doppelt so alt wie er. Beide sahen sich sehr ähnlich, bis auf den Umstand, dass das Haar des Vaters inzwischen nur noch an ein paar Stellen rot und ansonsten schon sehr grau war.

„So’n Hund muss man richtig erziehen. Dann läuft der auch nicht weg!“,  grummelte Vater Termeulen.  „Aber inzwischen traut sich ja schon der Postbote nicht mehr auf den Hof, weil dieser bissige Köter ihn vertreibt!“

„Ach komm, Vater, jetzt übertreibst du aber!“

„Ist doch wahr!“

„Zwei Stunden suchen wir die Töle jetzt schon. Das hätte alles nicht sein müssen!“

„Ja, ja ...“

„Ja, wirklich!“

„Kann ich dir eigentlich noch irgendetwas recht machen?“

So vor sich hinschimpfend erreichten sie die Brücke, die über die neue B 56 n geführt wurde.

Nun war allerdings die Brücke eher fertig geworden als das betreffende Stück Bundesschnellstraße.

Jens Termeulens Blick schweifte über die weit ausgedehnten, im frühen Sonnenlicht schimmernden Felder. In der Ferne sah er weitere Brücken, die seltsam bizarr anmuteten, weil die darunterführende B 56 n noch fehlte. Diese neue Selfkant-Trasse würde mehrere, bis dahin benachbarte Dörfer voneinander trennen. Die mächtigen Planierraupen hatten tiefe Furchen durch die Landschaft gezogen, sodass die Baustelle ein wenig einer bizarren Mondlandschaft glich.

Unter der Brücke hatte sich der Hund, er hörte auf den besonders originellen Namen Rex, schon einmal verkrochen. Was zwischen den Betonpfeilern so interessant sein mochte, lag auf der Hand oder besser gesagt, es klebte am Beton, denn zurzeit war das Gebiet ein Eldorado für Hundehalter.

„Rex!“, rief Jens Termeulen im Befehlston.

Er kam sich immer lächerlich vor, wenn er streng klingen wollte. Vielleicht hörte der Hund auch deswegen nicht auf ihn. Aber irgendwie war der strenge Befehlshaber einfach keine Rolle, in der er sich wohlfühlte.  „Rex!“, rief er noch einmal und nun etwas lauter.

Ein aufgeregtes Bellen war zu hören.

„Das ist er!“, meinte Jens‘ Vater überzeugt, und seiner Stimme war die Erleichterung anzumerken.

Sie fanden ihn hinter einem der Betonpfeiler. Die Sonne schien schräg unter die Brücke. Die Pfeiler warfen lange Schatten, und in eine dieser dunklen Zonen war Rex, ein reinrassiger, aber unerzogener deutscher Schäferhund, gekrochen. Irgendetwas an dem Pfeiler interessierte ihn.

Er schnüffelte, kratzte, knurrte ... Etwas Betonstaub rieselte zu Boden.

„Rex, nun komm endlich!“

Die beiden Männer gingen näher an den Hund heran. Jens versuchte ihm die Leine anzulegen, was das Tier sich erst nicht gefallen lassen wollte.

„Wirst du wohl!“

„Du, Jens ...“

„Hilf mir lieber mal, anstatt nur herumzumeckern!“

„Jens, sieh dir das mal an!“

Der erschrockene Tonfall ließ Jens hochschauen, und er erstarrte ebenso wie sein Vater. Die beiden Männer wurden bleich und fast so grau wie der Beton, aus dem die Pfeiler gegossen worden waren.

„Das gibt’s doch nicht!“, murmelte Vater Termeulen völlig fassungslos.

Jens schluckte.

„So etwas“, dachte er laut, „gibt es doch eigentlich nur in richtigen Horrorfilmen.“

„Letzte Ausfahrt Selfkant“, seufzte der etwas füllige Mann mit dem sympathisch wirkenden Gesicht. Seine gelockten Haare waren dunkelblond, der Schnauzbart ebenfalls. Die randlose Brille sorgte dafür, dass der verschmitzt wirkende Blick seiner Augen gut zur Geltung kam.

Er wirkte nicht nur verschmitzt, er hieß auch noch so.

Georg Schmitz, von seinen Freunden und Bekannten einfach nur „George“ genannt, passierte mit seinem VW Lupo die Ortsausfahrt von Geilenkirchen in Richtung Gillrath. Dabei schaltete er routinemäßig den Radiosender „100,5 DAS HITRADIO“ ein, der eine Mischung aus aktueller Musik und lokaler Berichterstattung brachte. Für George sozusagen die Konkurrenz aus dem Äther.

Der Reporter lächelte. Im Zweifel bin ich trotzdem meistens schneller als die Kollegen vom Radio, dachte er.

George war im gesamten Westzipfel des Dreiecks Aachen, Heinsberg, Geilenkirchen und darüber hinaus gewissermaßen eine Institution; ein rasender Reporter, der für die hiesigen Tageszeitungen und Wochenblätter schrieb. Er verfügte über ein hervorragendes Netz von Informanten und Zuarbeitern. Wenn irgendwo etwas Außergewöhnliches geschah, traf er nicht selten zusammen mit der Polizei, den Rettungskräften oder der Feuerwehr am Tatort ein, und man konnte sich immer wieder nur wundern, wie er die Neuigkeiten quasi mit dem Wind zu wittern schien.

„Letzte Ausfahrt Selfkant“, murmelte George noch einmal. Ihm gingen dabei viele Dinge durch den Kopf. Er dachte an „Letzte Ausfahrt Brooklyn“, einen Roman von Hubert Selby. Ihn zu lesen, dafür hatte er bisher keine Zeit gehabt. Schließlich war er Lokalreporter und nicht fürs Feuilleton zuständig. Den Film hatte er aber gesehen und die Kritiken der Kollegen vom Ressort Kultur gelesen. Ein deprimierender Film in einer bedrückenden Umgebung. Liebende Menschen in unglücklichen Zeiten, so hatte es ein Kritiker formuliert. Wer sich umbringen wollte und noch nicht den richtigen Mut gefunden oder sich in die richtige Stimmung gebracht hatte, dem war er wärmstens ans Herz zu legen.

Aber die deprimierenden Stadtlandschaften aus dem heruntergekommenen Brooklyn der Fünfzigerjahre hatten nichts mit der freundlichen Weite des Selfkants zu tun. Während die Bilder des städtischen und menschlichen Verfalls aus dem fernen Amerika mahnten, wie unerbittlich die Zeit voranschritt, so ließen einen die Burganlagen von Gangelt oder Millen eher darüber nachdenken, ob die Zeit überhaupt verging oder ob sie nicht vielleicht irgendwann im Spätmittelalter oder der frühen Neuzeit stehen geblieben war.

Ohne die Autos und den Asphalt auf den Straßen, ohne die modernen Gebäude hätte man sich in die Zeiten von Albrecht Dürer oder Gerhard Mercator zurückversetzt fühlen können, in denen die Grafen von Jülich-Berg über das Land geherrscht hatten, und die Pest im Aachener Land die Kaiserwahl von Karl V. für Monate verzögerte.

Und doch, der Selfkant und Brooklyn hatten etwas gemeinsam: eine letzte Ausfahrt.

So wie in New York die mehrspurigen Expressways Stadtviertel durchschnitten und undurchlässiger waren als manche Staatsgrenze, so durchzog die B 56 n den Selfkant. Von Heinsberg aus sollte sie sich eines Tages bis zur niederländischen Grenze ziehen und den Durchgangsverkehr durch die kleinen Ortschaften verringern.  Aber noch war die Lücke zwischen der niederländischen A 2 und der A 46 bei Heinsberg nicht geschlossen. Immer wieder wurden neue Teilstücke für den Verkehr freigegeben. Insofern schob sich die „letzte Ausfahrt Selfkant“ jeden Tag ein Stück weiter in Richtung der niederländischen Grenze.

George sollte eine kleine Reportage über die Fortschritte an der sich ständig verlagernden Baustelle machen. Aber das war nicht der eigentliche Grund dafür, dass er jetzt in den Selfkant fuhr. Auf seinem Programm standen noch ein Bericht über eine Ausstellung und Vortragsveranstaltung lokal bekannter Künstler sowie die Recherche über die gestohlene Bronzegans, dem Wahrzeichen Gangelts. Und dann gab es da noch eine Fahrerflucht mit Todesfolge, die bis heute nicht richtig aufgeklärt war, bei der George noch mal nachhaken wollte. Kleinkram eben.

Nichts Spektakuläres wie im letzten Jahr, als Georg Schmitz ein paar Tage im Mercator-Hotel von Gangelt verbracht hatte, um Urlaub zu machen, und ausgerechnet in dieser Zeit ein brutaler Mörder in dem kleinen, mittelalterlich geprägten Ort sein Unwesen getrieben hatte. Aus dem Urlaub war daraufhin natürlich nicht mehr viel geworden. So ein außergewöhnliches Ereignis verlangte danach, dass George seine besonderen Reporter-Antennen ausfuhr, eine Art siebter Sinn für Neuigkeiten und Hintergründe, der ihn zielsicher auf die richtige Spur brachte.

Auch jetzt hatte er vor, einige Tage im Mercator-Hotel zu verbringen. Allerdings nicht, weil er Urlaub machen wollte, sondern weil seine Wohnung in Geilenkirchen derzeit renoviert wurde und in einem, gelinde gesagt, unbewohnbaren Zustand war. Neue Tapeten, ein neuer Anstrich und ein neuer Lebensabschnitt. Das fiel für Georg Schmitz zusammen, denn er hatte sich von seiner Frau getrennt.

Es war eine Trennung im guten Einvernehmen, aber eben doch eine Zäsur in seinem Leben, obwohl seine Frau behauptet hatte, dass sich für George eigentlich nichts änderte.

Schließlich hatten sie auch vor der Trennung schon kaum noch Zeit miteinander verbracht. Das war die Schattenseite des Jobs, der für Georg Schmitz weit mehr als ein Beruf war, nämlich eine Berufung.

Diesmal, so hatte sich der Reporter vorgenommen, würde er die zahlreichen Wellness-Einrichtungen des Mercator-Hotels allesamt ausnutzen, so wie es sich gehörte, wenn man schon einmal dort logierte.

Es war Anfang August, die Sonne schien durch sein Autofenster, und er hatte richtig gute Laune. In Gedanken sah er sich schon am Rodebach entlangradeln, die Natur genießen, mit Einheimischen plaudern ...

Immerhin hatte George ja dafür gesorgt, dass er nur ein überschaubares Quantum an Arbeit zu verrichten hatte.

Andererseits wusste er natürlich auch, dass sich dieses Quantum urplötzlich und sehr drastisch erhöhen konnte, wenn sich irgendwo etwas ereignete, das Schlagzeilenpotenzial besaß.

Die Musik im Radio verklang.

„Liebe Hörerinnen und Hörer, zu Gast im Studio an diesem schönen Freitagmorgen ist der Heimatforscher und Spezialist für die Geschichte Gangelts - Dr. Martin Achten. Wir sprachen gerade schon davon, dass der große Kartograph Gerhard Mercator in Gangelt aufgewachsen ist und kommen nun zu Albrecht Dürer, dem bekannten Maler und Kupferstecher, dessen Signatur weltbekannt sein dürfte. Ich spreche von dem großen „A“, unter welches ein kleines „D“ gestellt ist. Dr. Achten, ein Markenzeichen im späten Mittelalter?“

„Ja, so könnte man das durchaus sehen“, bestätigte die Stimme von Dr. Achten, die George sofort wiedererkannte.

Dr. Achten war ihm natürlich ein Begriff. Er hatte ihn bei seinem letzten Mordfall näher kennengelernt und schätzte seinen großen Sachverstand in geschichtlichen Angelegenheiten.

„Dr. Achten, nun sagten Sie mir im Vorgespräch, dass Albrecht Dürer auch durch Gangelt gereist sei und möglicherweise sogar ein Bild dort gemalt habe. Ist das richtig?“

„Es gibt tatsächlich Quellen, die darauf hindeuten. So sind die Tagebücher Albrecht Dürers über seine letzte Reise fast vollständig erhalten, und darin hat er unter anderem den Verlauf seiner Reise nach Antwerpen dokumentiert. Genauer gesagt, war er schon auf dem Rückweg nach Nürnberg ...“

„Sind denn irgendwelche Motive aus Gangelt oder dem Selfkant in den Gemälden Dürers zu erkennen? Irgendetwas, das vielleicht aus den Eindrücken dieser Landschaft in sein Werk eingeflossen ist, ohne dass wir etwas davon ahnen?“

„Wir müssen leider davon ausgehen, dass viele Werke der Künstler zu Dürers Zeit gar nicht erhalten sind.“

„Das ist natürlich bedauerlich.“

„Sehen Sie, jemand wie Albrecht Dürer hat oft ganz spontan seine Malsachen ausgepackt und etwas auf die Leinwand gebracht. Mitunter hat er sich durch das Malen von Bildern sogar die Reisekosten finanziert. Und daher gibt es eigentlich keinen Grund für die Annahme, dass er nun ausgerechnet hier im Selfkant nicht gemalt haben sollte ...“

„Und bevor wir jetzt zum nächsten Musiktitel kommen, hätte ich noch die Frage, was der große Künstler denn eigentlich hier in der Gegend zu tun hatte?“

„Nun, Dürer bezog eine Leibrente von jährlich 100 Gulden durch Kaiser Maximilian I. Nach dessen Tod musste er sich diese Rente von seinem neuen Herrn Karl V., dem Enkel Maximilians, bestätigen lassen. Im Sommer 1520 verließ er Nürnberg, um durch persönliche Vorsprache seine Angelegenheit zu regeln. In Begleitung seiner Frau und einer Magd fuhr er ab Bamberg mit dem Schiff main- und rheinabwärts bis Köln und zog dann über Land bis nach Antwerpen, wo er sein Standquartier nahm. Dort verfolgte er auch den feierlichen Einzug Karls V., dem er dann bis nach Aachen nachreiste, um seine Krönung zum König zu erleben. Im November erhielt er in Köln endlich das Jahrgeld erneut verbrieft. Bei diesen Reisen muss er durch Gangelt gekommen sein, denn das war zur damaligen Zeit die übliche Reiseroute von Antwerpen nach Aachen oder Köln.“

„Sehr interessant. Wir kommen nach dem nächsten Hit noch einmal auf den Verlauf dieser Reise zurück und werden auch etwas aus dem Tagebuch vorlesen“, versprach der Moderator.

Bevor die Musik einsetzte, folgte noch ein Hinweis eines aufmerksamen Hörers, der eine mobile Laserpistole am Ortsausgang von Birgden in Richtung Kreuzrath entdeckt und gemeldet hatte.

Da George in eine andere Richtung fuhr und schon von weitem den Gangelter Kirchturm ausmachen konnte, hörte er diesem Warnhinweis nur mit halbem Ohr zu. Kurz vor dem Kreisverkehr in Gangelt klingelte plötzlich sein Handy. Und zwei Minuten später war ihm klar, dass er nicht auf dem direkten Weg zum Mercator-Hotel nach Gangelt fahren würde.

Es war etwas passiert, das seine Anwesenheit und Aufmerksamkeit erforderte.

Letzte Ausfahrt Selfkant ...

Es gab jemanden, für den das zur bitteren und sehr endgültigen Wahrheit geworden war.

Jemanden, für den diese Ausfahrt direkt in die Hölle geführt hatte ...

Eine Reihe von Einsatzfahrzeugen parkte am Ende der Baustelle zur neuen B 56 n in der Nähe einer Brücke. George schoss ein paar Bilder mit seiner Kamera. Je mehr Bildmaterial zur Verfügung stand, desto besser. Die Redaktion konnte dann aussuchen.

Mit mehreren uniformierten Polizisten war er bestens bekannt. Da war unter anderem der erste Polizeihauptkommissar Burkhard Biewendt. Er war im gleichen Alter wie George, kam auch aus Geilenkirchen und war wohl zur Unterstützung der hiesigen Kräfte hierher beordert worden.

„Unser Katastrophen-George“, stöhnte Biewendt, ehe er lächelnd fortfuhr: „Ich nehme an, Sie wissen schon, was passiert ist.“

„Ja, zumindest in groben Zügen“, gab der Reporter zu.

„Manchmal könnte man meinen, Sie könnten hellsehen.“

„Leider nicht.“

„Dann hören Sie den Polizeifunk ab ...“

„Es hat mich jemand angerufen.“

„Sie verraten mir nicht zufällig, wer?“

„Aber Herr Biewendt, ich kann doch einen Informanten nicht verraten. Der sagt mir doch sonst nie wieder etwas!“

„Ihr Informant könnte für uns aber ein wichtiger Zeuge sein.“

George schüttelte den Kopf. Er sah in einiger Entfernung die beiden Termeulens im Gespräch mit Kriminalhauptkommissar Krichel von der Kripo aus Heinsberg. „Ich denke, der Informant wurde bereits vernommen“, meinte er.

Biewendt wandte den Kopf in seine Blickrichtung und nickte: „Verstehe!“

George wollte weitergehen, aber der Kommissar hatte ihm offenbar noch etwas zu sagen und hielt ihn am Arm zurück. Eigentlich war er für seine humorvolle Art bekannt. Aber das, was hier geschehen war, hatte ihm offenbar den Humor erst einmal ausgetrieben. Seine Züge wirkten ungewohnt angespannt und ernst.

„Ich kann Sie nur warnen! Was Sie da sehen werden, das vergessen Sie nicht so schnell!“

Während sich George den Brückenpfeilern langsam näherte, machte er weiter eifrig Fotos. Er erreichte Franz-Josef Krichel, den Leiter des Kriminalkommissariats 21 in Heinsberg.

Dieser überragte den Reporter um einen halben Kopf und hatte etwa dieselbe Größe wie Jens Termeulen, mit dem er sich gerade unterhielt. George hatte einmal über ein bundesweites Skatturnier berichtet, das in Geilenkirchen stattgefunden hatte und bei dem der erste Preis an niemand anderen als an eben diesen Jens Termeulen gegangen war, den Kartenkönig von Birgden, wie ihn manche mit einer Mischung aus Spott und heimlicher Bewunderung nannten.

Seitdem versorgte Jens Termeulen George mit Informationen, wenn sich in seiner Umgebung irgendetwas zutrug, von dem er glaubte, dass die Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht werden sollte.

Er war damit Teil des feinen Informationsnetzes von Georg  „George“ Schmitz, das die gesamte Region überspannte und den Reporter ständig mit Informationen versorgte.

Jens Termeulen hatte George mit dem Handy angerufen. Jetzt wechselte er einen kurzen Blick mit dem Reporter.

Dann streckte er die Hand aus und deutete auf einen der Brückenpfeiler. „Da ist es!“, sagte Termeulen nur.

George schaute in die angegebene Richtung, aber ein Beamter, der wohl nach Spuren suchte, versperrte ihm zunächst die Sicht. Dann aber sah er, was Termeulen ihm zeigen wollte.

Es durchfuhr ihn ein Gefühl, als ob sich ihm eine eiskalte Hand auf die Schulter legte.

Er musste unwillkürlich schlucken.

Im ersten Moment glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen, aber aus dem Beton ragte - ein Zeigefinger.

Der Finger war lang und dick. Ein Männerfinger, dachte George, nachdem er den ersten Schreck überwunden hatte. Obwohl es natürlich auch Männer mit zierlichen Fingern gab.

George und alle Umstehenden waren der Auffassung, dass nicht nur ein Körperteil, sondern auch der dazugehörige Torso sich in dem mächtigen Brückenpfeiler befand.

„Tja, es wird nicht ganz einfach sein, herauszufinden, wer das Opfer ist“, sagte Krichel.  „Das ist selbstverständlich ein Fall, den die Kollegen aus Aachen an sich ziehen werden. Die haben auch die nötigen Laborkapazitäten dafür.“

„Denken Sie auch, dass das ein Mann war?“

„Also nach meinem persönlichen Pi-mal-Daumen-Maß würde ich sagen: Ja, es ist ein Mann. Aber schreiben Sie das bitte erst, wenn der Gerichtsmediziner da war.“

„Natürlich.“

„Sonst ist am Ende irgendeine Falschinformation im Umlauf, die uns bei der Fahndung nur das Leben schwer macht.“

„Ist schon klar.“

„Sehen Sie, wo der Finger hinzeigt?“

George folgte der Richtung, die der Finger anzuzeigen schien. Er deutete auf einen benachbarten Pfeiler, an dem zwei Buchstaben im Graffiti-Stil prangten.

„A“ und „D“.

Sie waren genauso angeordnet wie im Kürzel von Albrecht Dürer.

„Herr Krichel, was meinen Sie? Kann das ein Zufall sein?“, fragte George.

„Das werden wir noch sehen. Wir wissen, wann die Brückenpfeiler gegossen wurden. Das Opfer muss zuvor in die Verschalung geworfen worden sein. Dass der Finger so herausragt, kann dabei kaum arrangiert worden sein.“

„Sie glauben wirklich, dass das nichts miteinander zu tun hat?“

„Der Sprayer könnte ein wichtiger Zeuge sein, und darum suchen wir ihn auch.“

In letzter Zeit hatte es wieder Sprayer gegeben, die die frisch gegossenen Brückenpfeiler für ihre speziellen Signaturen benutzten, ihre Takes.

Derzeit hing in jedem zweiten Geschäft in Geilenkirchen ein Plakat, das 500 Euro Belohnung für denjenigen auslobte, der Hinweise auf Graffiti-Sprayer lieferte. Zusammen mit zerkratzten Schaufenstern und anderen Formen des Vandalismus wurden hohe Instandsetzungskosten verursacht. Einen der Täter hatte man in der letzten Woche festgenommen, aber in der Regel waren sie nicht feststellbar.

George hatte wiederholt darüber berichtet.

Er fragte sich, ob diese Welle vielleicht gerade dabei war, nach Gangelt zu schwappen. Vielleicht war in diesem Fall auch einfach nur der freie Beton eine zu große Versuchung für Sprayer.

Aber zusammen mit der Leiche wirkte das Graffito schon fast wie eine bewusste Anordnung.

Eine bizarre, makabre Form der Kunstinstallation.

Das „AD“ war einerseits auf dieselbe Weise arrangiert wie Albrecht Dürer das seinerzeit getan hatte, aber andererseits waren die Buchstaben auch in einem höchst individuellen Sprayer-Stil gehalten. Sie wirkten dreidimensional, und die Farben schienen sehr bewusst platziert zu sein. Gelb, Blau und Rot wechselten einander ab.

„Ich wundere mich, dass der Finger zuvor nicht aufgefallen ist“, meinte George nachdenklich und blickte sich dabei suchend um. „Ich meine, die Verschalung muss doch irgendwann abgenommen worden sein.“

„Die beteiligten Bauarbeiter werden wir natürlich allesamt verhören“, versprach Krichel. „Aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass dabei viel herauskommt.“

„Wieso nicht?“

Nun mischte sich der alte Termeulen ein, der sich mit dem immer noch aufgeregt winselnden Hund bis jetzt abseits gehalten hatte. „Sie haben nie auf dem Bau gearbeitet, was?“, wandte er sich an George. „Also, ich schon. Vor ein paar Jahren lief unser Hof nicht so gut, nachdem wir die Maul- und Klauenseuche gehabt hatten. Sie erinnern sich ...“

Natürlich erinnerte sich Schmitz.

Er hatte zu diesem Thema seinerzeit schließlich ein gutes Dutzend oder mehr Artikel geschrieben und dafür im gesamten Selfkant recherchiert.

Der alte Termeulen fuhr fort: „Jedenfalls habe ich da eine Weile auf dem Bau gearbeitet. Streng genommen war das Schwarzarbeit, aber das dürfte längst verjährt sein, und der Herr Krichel ist ja auch nicht von der Agentur für Arbeit, oder? Jedenfalls kann ich mir gut vorstellen, dass der Finger völlig übersehen wurde, zumal er wohl auch vollkommen mit einer Schicht Beton bedeckt und vielleicht gar nicht zu sehen war.“

„Erst unser Rex hat daran herumgekaut“, ergänzte sein Sohn und tätschelte Rex den Hals, was diesem allerdings gar nicht gefiel. Das Tier zog dauernd an seiner Leine und hechelte herum. Rex erwürgte sich dabei mit dem Halsband beinahe selbst - zumindest konnte man den Eindruck gewinnen.

George warf einen Blick auf das „AD“-Take des Sprayers und meinte: „Da war wohl ein später geistiger Ahne des Malers Albrecht Dürer am Werk ...“

„Ich würde eher sagen, ein Schmierfink“, sagte der alte Termeulen. „Aber dazu laden diese Betonpfeiler ja auch geradezu ein.“

George wandte sich noch mal an die beiden Termeulens.

„Sie haben nicht zufällig eine Ahnung, wer dahinterstecken könnte, oder?“

„Nein“, meinte der alte Termeulen.

Und sein Sohn ergänzte: „Dann hätte mein Vater den schon längst angezeigt!“

George blieb noch eine ganze Weile am Tatort, aber ihm war schnell klar, dass es sehr kompliziert sein würde, die Leiche zu bergen. Die Polizei war genauso ratlos wie der Gerichtsmediziner, der später eingetroffen war.

Irgendwo schnappte George den Satz auf, dass wahrscheinlich die Kollegen der Kriminalpolizei aus Aachen den Fall übernehmen würden. Aber das schien noch nicht ganz klar zu sein.

Mitarbeiter der Baufirma, die die Brücke gebaut hatten, tauchten ebenfalls auf. Es wurden verschiedene Vorgehensweisen erwogen, um den Toten aus seinem Betongrab zu befreien. Dabei kam es natürlich darauf an, dass der Leichnam am Ende noch identifizierbar war, was wohl in jedem Fall schwer genug sein würde.

Aber die Identifizierung des Opfers war der wichtigste Ansatzpunkt bei der Überführung des Täters.

„Meinen Sie denn, dass Sie den Täter kriegen?“, fragte Vater Termeulen an Kommissar Krichel gerichtet.

Diesen zeichnete eine bemerkenswerte Ruhe auch im Umgang mit teilweise recht lästigen Fragern aus. George war das schon bei früheren Gelegenheiten aufgefallen.

„Zunächst mal wissen wir gar nicht, ob es überhaupt einen Täter gibt“, sagte Krichel ruhig. „Das sind bisher alles nur Vermutungen. Es besteht schließlich auch die Möglichkeit, dass es sich um einen Unfall handelt. Das können wir mit Sicherheit erst sagen, wenn wir die Leiche geborgen haben.“

Der ältere Termeulen runzelte die Stirn. „Sie wollen doch wohl nicht behaupten, dass sich jemand selbst in diese äußerst missliche Lage gebracht hat?“

„Es wäre möglich, dass vor der Füllung der Verschalung jemand hinabgestürzt und dabei zu Tode gekommen ist“, erläuterte Krichel. Dann deutete er auf die Takes des Sprayers. „Sie sehen ja an den Werken dieses Künstlers da vorn, dass sich hier mitunter alle möglichen Gestalten herumtreiben.“

Jetzt wandte sich George an die Termeulens. „Interessant wäre allerdings zu erfahren, weshalb Sie sich denn so sicher sind, dass dies nur ein Mord und kein Unglücksfall gewesen sein kann!“, hakte der erfahrene Reporter nach.

Vater Termeulen wollte etwas dazu sagen, aber sein Sohn stieß ihn an und hielt ihn davon ab. „Komm, hör auf, du blamierst dich hier nur“, raunte Jens.

Danach ließ der ältere Herr sich auch durch Georges gutes Zureden nicht mehr dazu bringen, einen erneuten Anlauf in seiner Erzählung zu nehmen.

George sah sich noch ein bisschen um.

Einer der Bauleiter stand ein Stück abseits und telefonierte. Er wirkte ziemlich nervös. George näherte sich ihm gerade so weit, dass es nicht aufdringlich wirkte. In dem Gespräch ging es offenbar darum, wie man jetzt den Toten aus dem Betonpfeiler herausbekommen konnte und wer die dazu notwendigen Maßnahmen am Ende bezahlen würde.

Denn eins stand fest: Die Bergung würde teuer werden, ganz gleich, wie man das anstellen wollte. Erstens musste das auf eine Weise geschehen, die die Stabilität des Pfeilers möglichst nicht in Mitleidenschaft zog, und zweitens musste man so vorsichtig vorgehen, dass man die Leiche nicht vollkommen zerstörte und am Ende die Todesursache gar nicht mehr feststellbar war.

„Ja, kann ich vielleicht etwas dafür?“, hörte George den Mann nun aufgebracht sagen. „Wir können ja eigentlich nur darauf hoffen, dass es ein Mord war, denn wenn sich herausstellt, dass sich da jemand zu Tode gestürzt hat oder ein Unfall geschehen ist, dann kriegen wir garantiert Schwierigkeiten mit der Versicherung, darauf können Sie wetten! Ja, ich weiß ... Sag ich doch! Und am Ende erwarten die dann, dass man alle zehn Zentimeter ein Warnschild aufstellt und wir haben den Schwarzen Peter ...“

George hätte eigentlich gerne noch länger zugehört, denn der Mann hatte sich jetzt richtig in Rage geredet und den Reporter auf der anderen Seite noch nicht bemerkt. Aber jetzt kam jemand auf sie zu, der nicht zu übersehen war.

Ein Mann Ende dreißig bis Anfang vierzig. Er trug ein Cord-Jackett, das etwas zu eng war, und so blitzte das Holster mit der Dienstwaffe darunter hervor.

Kevin Clausen von der Kripo Aachen! George stöhnte innerlich.

Mordfälle gingen normalerweise an Clausen und seine Mitarbeiter, zumindest dann, wenn es sich um kompliziertere Fälle mit erhöhtem Ermittlungsaufwand handelte.

Unter Umständen wurde dann auch eine Sonderkommission eingerichtet.

Clausen hatte George schon erkannt.

Er blieb abrupt etwa drei Schritte von dem Reporter entfernt stehen. Der Sand war hier recht tief und weich. Clausen sank fast bis zu den Knöcheln ein.

„Na, wie geht’s, Herr Schmitz?“, fragte Clausen, nicht eben freundlich.

„Viel Arbeit, wenig Zeit - wie immer!“

„Und mal wieder als Erster am Ort des Geschehens.“

„Tja, so bin ich eben.“

„Da kann man sich schon fast fragen, ob Sie immer vor Ort sind, wenn etwas passiert oder immer etwas passiert, wenn Sie auftauchen!“

„Natürlich Letzteres“, gab Schmitz freundlich zurück und dachte verwundert: Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Kommissar Clausen hat Humor!

Normalerweise war Clausen eher für seine knurrige, launenhafte Art bekannt, und dementsprechend unbeliebt war er auch bei manchen seiner Kollegen.

„Und jetzt, wo ich komme, verlassen Sie uns schon?“, fragte Clausen scheinheilig in einem bedauernden Tonfall.

„Wollen Sie mit auf das Bild?“, fragte George. „Dann stellen Sie sich vor die Brücke und ich drücke ab.“

„Na ja, meinetwegen!“

Da war er wieder, der knurrige Unterton, den George ebenfalls von Clausen kannte. Nur etwas weicher und weniger scharf, als es der Reporter schon erlebt hatte. „Ich kann natürlich nicht dafür garantieren, dass die Zeitung Ihr Foto auch druckt. Das wählt die Redaktion aus“, fügte Schmitz noch hinzu.

„Verstehe ...“

Da hatte er ihn wohl an der richtigen Stelle gepackt, dachte George. Einmal als Held der Region im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen, davon träumten viele. Und wenn man ihnen diesen Wunsch erfüllte - soweit das möglich war und journalistische Grundsätze nicht dagegensprachen - dann wurden einige Mitmenschen oft auch gesprächiger und kooperativer.

Das galt vielleicht sogar für Kommissar Clausen.

„Wäre natürlich schön, wenn ich dazu auch noch ein Statement von Ihnen bringen könnte, Herr Clausen“, ließ George dann die Katze aus dem Sack.

„Sie sind gut, ich habe den Tatort noch nicht mal erreicht und soll schon eine Stellungnahme abgeben! Typisch Presse!“

„Dachte ich mir schon, dass das etwas zu früh ist, aber das können wir später nachholen.“ Er reichte Clausen seine Karte. „Hier ist meine Nummer. Ich bin rund um die Uhr erreichbar. So, ich bin nur kurz weg und komme später noch mal wieder hierher zurück.“

„Hm“, meinte Clausen brummig.

„Also bis dann ...“

George ging davon aus, dass es ein paar Stunden dauern würde, bis sich an der Brücke wieder irgendetwas Interessantes ergab.

In der Zwischenzeit konnte er also in aller Ruhe nach Gangelt fahren, im Hotel Mercator einchecken, einen Kaffee trinken, vielleicht etwas vom Kuchenbüfett probieren und dabei auf seinem Laptop einen ersten, kurzen Artikel schreiben.

Vielleicht hundert Zeilen, nicht mehr. Für die würde man in den Blättern schon noch Platz machen, wenn es um etwas so Spektakuläres wie eine Leiche im Brückenpfeiler ging. Da mussten Ereignisse wie das Treffen des heimischen Kaninchenzüchtervereins oder ein Garagenflohmarkt in Waldfeucht vielleicht um eine Ausgabe verschoben werden.

Aber das war ja zum Glück nicht Georges Sorge.

Dafür war die jeweilige Redaktion zuständig, und der Reporter war froh, mit derlei Entscheidungen nichts zu tun zu haben.

George erreichte das Mercator-Hotel, das in den zwölf Monaten seit seiner Fertigstellung bereits zu einer festen Größe in der heimischen Tourismusbranche geworden war und sich bestens etabliert hatte. Erst vor wenigen Wochen hatte es vier Sterne vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband verliehen bekommen.

George stieg aus seinem Lupo und hatte gerade den Kofferraum geöffnet, als ein Wagen hielt. George nahm ihn nur kurz aus den Augenwinkeln heraus wahr. Es war ein silberfarbener Opel. Dann drehte sich der Reporter herum. Wollte da jemand etwas von ihm, oder hatte er seinen Lupo vielleicht auf einem Parkplatz abgestellt, an dem schon irgendjemand anders ältere, vererbte Rechte hatte?

George erinnerte sich daran, mal über eine Schlägerei berichtet zu haben, an der insgesamt zehn Personen teilgenommen hatten. Ausgangspunkt war deren Parkplatz gewesen. Bei so etwas verstanden viele Leute einfach keinen Spaß. Mochten andere sich für ihren Glauben, eine politische Idee oder das Vaterland schlagen, bei manchen tat es eben auch der ganz profane Parkplatz.

George kniff die Augen zusammen.

Die Scheiben des Opel reflektierten das Licht, so konnte er zuerst nicht sehen, wer am Steuer des Wagens saß.

Er dachte kurz darüber nach, wer von all den Leuten, die er in Gangelt mehr oder weniger flüchtig kannte, einen silberfarbenen Opel Meriva fuhr. Sich zu den Menschen auch die richtigen Wagen zu merken, war für jemanden wie ihn sehr wichtig. Oft genug wurde er während der Fahrt von anderen gegrüßt. Manchmal durch Zuwinken, in anderen Fällen durch die Lichthupe. Wenn man dann gerade in Gedanken war oder über die Sprechanlage ein Telefonat führte, war es gar nicht so einfach, rechtzeitig zu erkennen, dass da ein Bekannter an einem vorbeifuhr.

Und wenn man nicht grüßte, hieß es schnell: Der Schmitz ist arrogant. Der grüßt nicht.

„Hallo, Herr Schmitz, gut, dass ich Sie treffe!“, rief eine Frauenstimme, die versuchte, das Motorengeräusch des Opel Meriva zu übertönen, was ihr aber nicht sonderlich gut gelang. Endlich stellte sie den Motor ab.

Die Frau beugte sich über den Beifahrersitz zum Fenster und nun konnte George sie sehen.

Sie war Anfang vierzig, sportlich, hatte mittelblondes Haar und ein charmantes, gewinnendes Lächeln auf den Lippen.

„Hallo“, sagte George.

Er war sich ziemlich sicher, dieses Gesicht schon mal gesehen und sogar fotografiert zu haben, nur konnte er sich auf die Schnelle nicht daran erinnern, wo und zu welchem Anlass das gewesen war.

„Sie wissen doch noch, wer ich bin?“

„Na ja ...“

„Liesel Hagen.“

Jetzt machte es bei George klick. Liesel Hagen war Besitzerin einer Galerie, über die ab und an mal in den lokalen Medien berichtet wurde. Sie gab Malkurse, in denen Sie den Umgang mit Aquarelltechniken und Acrylfarben näherbrachte. George erinnerte sich daran, dass sie ihm bei dieser Gelegenheit eingehend die Vor- und Nachteile der jeweiligen Technik und die besonderen Gestaltungsmöglichkeiten erläutert hatte, die sich daraus ergaben.

„Sie könnten mal wieder was über meine Galerie bringen.“

„Natürlich. Aber ...“

„Aber deswegen spreche ich Sie jetzt nicht an, Herr Schmitz.“

„Weswegen dann?“

Sie blickte auf seinen Koffer und meinte: „Ich hoffe, Sie machen nicht gerade Urlaub.“

„Nun, um ehrlich zu sein ...“

Die Antwort hätte eigentlich „Ja“ lauten müssen, aber das war vor dem Toten im Betonpfeiler gewesen. George sah das ganz realistisch. Der Urlaub war gestrichen und würde sich in einen Arbeitsaufenthalt verwandeln.

Eigentlich hatte es das MercatorHotel mit seinen ganzen Extras nicht verdient, nur als Schlafstätte genutzt zu werden, und insgeheim hatte George ja auch die Hoffnung, vielleicht doch noch die eine oder andere Gelegenheit zu finden, um sich zu erholen.

Aber ein anderer Teil von ihm wusste genau, dass das nichts weiter als eine schöne Illusion war. So war er nun mal.

Er würde nicht eher Ruhe finden, bis die Sache mit dem Finger, der aus dem Beton ragte, restlos geklärt war. Unfall, Mord oder Selbstmord, das würde bis dahin einwandfrei feststehen. Offene Fragen hasste George. Und so tat er stets das Seine, um ihre Anzahl nach Möglichkeit zu verringern. Aber das war oft wie mit den Köpfen des Zerberus-Ungeheuers, die in doppelter Anzahl nachwuchsen, wenn einer von ihnen abgeschlagen wurde. Eine beantwortete Frage ergab meist zwei neue.

„Es geht heute Abend um die Versammlung der hiesigen Künstler aus der Region Selfkant. Wir treffen uns im Haus Hamacher, und ich habe auch versucht, die heimische Presse auf Trab zu bringen, aber irgendwie hat da keiner angebissen. Und wenn Sie jetzt schon mal vor Ort sind ...“

„Mal sehen“, sagte George. „Ich bin nämlich wirklich der Erholung wegen hier, ob Sie es nun glauben oder nicht.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und legte den Kopf etwas schief. Die Art und Weise, in der sie ihn ansah, schien zu sagen: Das glaubt dir sowieso niemand, George! Aber selbstverständlich enthielt sie sich jeden Kommentars in diese Richtung.

„Wir haben in letzter Minute die Zusage für einen Vortrag über Albrecht Dürers Wirken im Selfkant erhalten.“

„Oh ...“

Vage kam George der Radiobeitrag wieder ins Gedächtnis.

„Der Referent heißt Franz Serken und kommt aus Vaals.“

„Ist er Holländer?“

„Nein, er ist Deutscher, aber er lebt dort drüben. Hat einen Hof gekauft, der ihm als Atelier dient. Er malt selbst und ist durch private Studien wohl zu einer Art Dürer-Experte geworden, obwohl er keinen akademischen Grad hat. Und seitdem nun dieses Bild hier aufgetaucht ist ...“

George runzelte die Stirn.

„Welches Bild?“, fragte er.

Sie lächelte. „Ach, dann gibt es tatsächlich noch Dinge, die Sie nicht mitbekommen haben?“

George erwiderte ihr Lächeln. „Noch nicht mitbekommen“, korrigierte er.

Liesel Hagen atmete tief durch. „Wie auch immer. Die Sache ist ganz frisch, und wenn ich das eher gewusst hätte, wären Ihre Pressekollegen sicher auch darauf eingestiegen.“

„Was für ein Bild, Frau Hagen?“, fragte George noch einmal interessiert nach.

„Ein Bild, das - wahrscheinlich und unter allem gebotenen Vorbehalt natürlich - Albrecht Dürer hier in Gangelt gemalt hat!“

George hob die Augenbrauen. „Das klingt interessant. Ich habe auf dem Weg hierher einen Bericht darüber im Radio gehört.“

„Über unsere Veranstaltung? Wohl kaum ...“ Die Galeristin seufzte. „Schön wär’s! Aber das kann nicht sein.“

„Nein, nein, nicht über Ihre Veranstaltung, sondern darüber, dass Dürer mal hier in Gangelt gewesen sein soll.“

Die Galeristin lächelte. „Ja, wenn man es so recht bedenkt, dann scheint sich hier zu Beginn der frühen Neuzeit eine regelrechte Versammlung von Persönlichkeiten mit Rang und Namen eingefunden zu haben. Der berühmte Mercator, an den ja der Mercator-Stein erinnert, Albrecht Dürer und ich wette, da gibt es noch den einen oder anderen, wenn man noch etwas in den Archiven stöbert ...“

George verstand den spöttischen Unterton, der in den Worten der Galeristin mitschwang. Ja, ja, Mercator, dachte George, der große Kartenzeichner des sechzehnten Jahrhunderts, der den Schnittpunkt vom 51. Breitengrad und 6. Längengrad so legte und damit seiner Heimat ein ewiges Denkmal setzte, indem die Lage Gangelts nun auf jedem Globus und jeder Weltkarte erkennbar war - ganz gleich, wie der Maßstab auch gewählt sein mochte. Dieser Schnittpunkt war immer zu sehen.

Um diesen Mercator-Stein hatte sich nämlich im letzten Jahr eine bizarre Mordgeschichte gerankt, die der Reporter aufzuklären geholfen hatte.

George dachte an das „AD“-Zeichen des Sprayers, auf das der aus dem Brückenpfeiler herausragende Zeigefinger deutete. Zufall oder grausige Inszenierung, das war hier die Frage. Auf jeden Fall konnte es nicht schaden, etwas mehr über Albrecht Dürer und seinen Aufenthalt im Selfkant zu erfahren.

„Wann beginnt denn Ihr Vortrag?“, fragte George nun doch sehr interessiert.

„Heute Abend, acht Uhr.“

„Ich kann Ihnen nichts versprechen. Sie wissen ja, wie das so ist.“

„Der rasende Reporter ohne Zeit.“

„Sie sagen es! Aber wenn es sich einrichten lässt, komme ich hin.“

„Die Künstler-Szene des Selfkants wird Ihnen ewig dankbar sein, Herr Schmitz!“

„Nun übertreiben Sie mal nicht.“

„Doch, ganz bestimmt!“

Ehe George noch etwas hinzufügen konnte, betätigte ein ungeduldiger Ford-Fahrer die Lichthupe und zeigte einen Vogel. Die Galeristin beeilte sich, wieder ans Steuer ihres Wagens zu kommen, denn auf sie waren Lichthupe und die wenig freundliche Geste gemünzt. „Ich muss jetzt wieder, Herr Schmitz!“, rief sie, während sie auf die andere Seite ihres Autos eilte. „Mein Wagen steht im Weg!“

Sie stieg ein, startete und fuhr weiter.

Der wartende Fahrer des Ford verdrehte die Augen.

Das war also das nächste Kapitel in der unendlichen Fortsetzungsserie Autofahrer ohne Raum - der Kampf um den Parkplatz, ging es George durch den Kopf.

Eine humorvolle Glosse dazu lag ihm gleichsam in der Feder oder besser gesagt in den Tasten.

Er sah noch kurz auf das Autokennzeichen des Ford.

„D“ wie Düsseldorf.

Na, Gott sei Dank, dachte George, sonst müsste man sich als Selfkanter Lokalpatriot ja noch schämen!

Kopfschüttelnd ging George ins Hotel und checkte ein. Er brachte seine Sachen in sein Zimmer auf die 1. Etage, packte das Nötigste aus aus seinem Koffer aus und hängte vor allem seine Hemden in den Schrank, damit er nicht in den nächsten Tagen als wandelndes Faltenrelief herumlaufen musste.

Dann nahm er seine Tasche mit dem Laptop und die Kamera an sich und verließ das Zimmer.

Auf der schön angelegten Terrasse suchte er sich unter einem Sonnenschirm einen guten Platz und begann, seinen Artikel zu schreiben. Dazu bestellte er sich eine Tasse Kaffee. Der Kuchen wäre zwar auch eine Versuchung wert gewesen, aber George verzichtete schweren Herzens darauf. Erstens der Linie zuliebe und zweitens auch deshalb, weil der Artikel jetzt absolute Priorität hatte. Schließlich war ein voller Magen eine ziemlich sichere Methode, um müde zu werden. Genau das konnte er jetzt nicht gebrauchen.

George öffnete den Laptop und begann zu schreiben. Die Zeilen flossen ihm routiniert aus den Fingern. Er formulierte flott, sachlich und zweckmäßig. Sein Ehrgeiz war es schließlich nicht, der Goethe Geilenkirchens zu werden, sondern seine Leser kurzweilig und aktuell zu informieren.

Zwischendurch überprüfte er die Fotos. Besondere Aussagekraft hatten sie zwar nicht, aber die Redaktion würde ihm trotzdem dankbar für das Bildmaterial sein. Als George seinen Blick über die Terrasse schweifen ließ, bemerkte er den Ford-Fahrer. Er war offenbar auch im Hotel abgestiegen. Er trug einen Schnauzbart wie er zu Kaiser Wilhelms Zeiten modern gewesen war und machte schon allein dadurch auf sich aufmerksam.

Vielleicht hätte Schmitz ihn aber trotzdem nicht bemerkt, wenn er sich nicht mit einer ziemlich durchdringenden Stimme nach den Räumen erkundigt hätte, die für das Psychologen-Seminar vorgesehen seien.

„Es tut mir leid, aber hier gibt es kein Psychologen-Seminar“, sagte die Rezeptionistin, eine Blondine Mitte zwanzig, kopfschüttelnd.

„Wie kommt es, dass Sie keine Ahnung von den Dingen haben, die in Ihrem Haus veranstaltet werden?“, fauchte der Schnauzbartträger ziemlich ungehalten, und George hätte am liebsten eingegriffen. So unhöflich wie der Kerl war, konnte man die junge Frau nur bedauern.

Die neue Managerin des Mercator-Hotels kam in geschwindem Schritt daher. Durch den siebten Sinn einer Hotelmanagerin für sich anbahnende Probleme erkannte sie die Situation sofort.

George hatte sie noch nicht kennengelernt, kannte aber ihren Namen und hatte ihr Bild schon mal in der Zeitung gesehen. Allerdings war der Bericht über den Wechsel auf dem Posten des Hotelmanagers im Mercator-Hotel von seinem Pressekollegen Hamacher verfasst worden.

Der Name der Managerin war Tamara Bell. Die agile, blond gelockte Mittdreißigerin im dunklen Hosenanzug und der schwarz eingefassten Brille sprach mit leichtem niederländischen Akzent, der ihre Herkunft verriet. Aber im Hotelgewerbe war Internationalität ja gewissermaßen Programm - auch und gerade, was die Herkunft des Führungspersonals anbelangte.

„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“, fragte Tamara Bell mit bewundernswerter Freundlichkeit.

„Ich bin hier, um an einem Seminar teilzunehmen, und niemand weiß etwas davon! Da wird man sich ja noch beschweren dürfen.“

Tamara Bell nickte ihrer Angestellten zu, woraufhin diese sich diskret zurückzog. Dann hörte sie sich an, was der Mann zu sagen hatte, dessen Namen George auf diese Weise auch eher unfreiwillig erfuhr.

Der Mann hieß Dr. Dr. Roloffsen und war offenbar Psychologe.

Nach einigem Hin und Her, währenddem sich der Erregungsgrad des Doppeldoktors merklich abkühlte, kam schließlich heraus, dass es sich schlicht und ergreifend um ein Missverständnis handelte.

„Meine Angestellte konnte nicht wissen, dass Sie das Seminar zur Reinkarnationstherapie meinen“, sagte Frau Bell.

„Ja, meine Güte, aber ...“

Und dann erläuterte ihm die Managerin in aller Ruhe, in welchen Räumlichkeiten das Seminar stattfinden würde.

„Eigentlich müssten Sie aber auch einen Übersichtsplan vom Veranstalter des Seminars zugeschickt bekommen haben.“

Es stellte sich heraus, dass Dr. Dr. Roloffsen den wohl nicht sorgfältig genug aufbewahrt hatte.

Als Tamara Bell die Situation schließlich zu allseitiger Zufriedenheit gelöst hatte und Dr. Dr. Roloffsen sichtlich weniger erregt von dannen zog, kam die Hotelmanagerin an Georges Tisch vorbei. Sie hatte ihn zunächst nicht weiter zur Kenntnis genommen und nickte ihm nur freundlich zu. Dann aber stutzte sie und blieb stehen.

„Sie sind doch ... der Mann von der Zeitung oder?“

„Ja, ja ...“

Georges Konterfei war allgemein im gesamten Westzipfel bekannt wie eine Comic-Figur. Sein Schattenriss war jahrelang das Erkennungszeichen seiner Kolumnen und Berichte gewesen und sorgte dafür, dass er wahrscheinlich so manchen Bürgermeister der Region an Wiedererkennungswert und Bekanntheit übertraf.

„Ich komme jetzt leider nicht auf Ihren Namen, aber ... Smits?“

„Schmitz!“, korrigierte George.

„Herzlich willkommen im Mercator-Hotel. Und schön, dass ich Sie auf diese Weise auch einmal kennenlerne, Herr Schmitz.“

„Danke sehr.“

„Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl und genießen hier Ihren Aufenthalt.“

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Kapitel 2

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Hausputz war wohl nie ein Vergnügen, und ganz besonders galt das für das alljährliche Reinemachen eines Gutshofs mit seinen vielen Winkeln und Ecken. Insgesamt drei Gebäude gehörten zu Gut Drenkhaus in Süsterseel.

Ein Hauptgebäude, ein Heuerhaus, in dem früher Knechte und Mägde gewohnt hatten, und eine Stallung, die aber inzwischen zu einem Töpferatelier umgebaut worden war.

Drei Personen lebten hier. Kurt Drenkhaus war zweiundvierzig und ein gefragter Architekt. Er bewohnte mit seiner Frau Merle, fünfunddreißig, das Haupthaus, während Kurts neununddreißigjähriger Bruder Thomas Drenkhaus das ausgebaute Heuerhaus bewohnte.

Die beiden Brüder hatten das Gut Drenkhaus gemeinsam geerbt. Dass Thomas dabei das kleinere Gebäude bekommen hatte, entsprach ihrer Übereinkunft, denn der jüngere der beiden Drenkhaus-Brüder hatte nur ein sehr unregelmäßiges Einkommen. Er hatte sich als Sänger und Schauspieler versucht, war zeitweilig als Alleinunterhalter aufgetreten und hatte insgesamt drei Sprechrollen im Tatort und ein Halbjahres-Vertretungsengagement an den Städtischen Bühnen in Aachen vorzuweisen. Nach dem Beginn einer großen Karriere sah das bisher nicht aus - eigentlich noch nicht einmal nach einem finanziell gesicherten Auskommen. Jedenfalls wäre er nicht in der Lage gewesen, seinen Teil des Anwesens zu unterhalten. Dies hatte sein gut verdienender Bruder Kurt übernommen, der im Haupthaus auch sein Büro eingerichtet hatte.

An einer Seite des Wohnzimmers hing das an der Wand, was Merle immer als „archäologische Ausbeute“ des jährlichen Hausputzes bezeichnete. Dabei pflegten nämlich regelmäßig Dinge aufzutauchen, die seit Langem in Vergessenheit geraten waren. Manchmal seit Generationen. Wertvolles war mitunter auch dabei. Wobei sich der Wert sowohl auf einen tatsächlich in Cent und Euro messbaren Betrag wie auch auf einen ideellen oder sentimentalen Wert beziehen konnte. Ein altes Poesie-Album, das Hochzeitsfoto der Urgroßeltern oder ein Schulheft aus der ersten Klasse mit halb verblasster Tinte. Im günstigsten Fall konnte man vielleicht die Truhe mit Golddukaten finden, die ein Vorfahre gut versteckt hatte.

In diesem Fall war noch nicht ganz sicher, was für ein Schatz es war, der da aus dem Dunkel der Vergangenheit und dem Grauschleier einer dicken Staubschicht ins Licht der Gegenwart zurückgekehrt war.

Vielleicht war es tatsächlich ein Fund wie ein Lottogewinn!

Merle Drenkhaus blickte auf das Bild, das sie an die Wand gehängt hatte. Weniger, weil sie ernsthaft vorhatte, es dort dauerhaft hängen zu lassen, sondern eigentlich nur, um es besser betrachten zu können. Im warmen Schein der Augustsonne, so wie es zu Zeiten Albrecht Dürers gewirkt haben mochte, ging es ihr durch den Kopf.

„Gehst du heute Abend zu diesem Künstlertreffen?“, drang die Stimme ihres Schwagers Thomas Drenkhaus in ihre Überlegungen.

Dieser hatte in einem der hohen Ohrensessel Platz genommen, die er furchtbar antiquiert fand, in denen er aber trotzdem dauernd saß, wenn er sich im Haupthaus aufhielt.

„Ich weiß noch nicht“, murmelte Merle, während sie weiterhin das Bild anstarrte. Die Signatur ist eindeutig, dachte sie „AD“, Albrecht Dürer. Das Motiv zeigte ein ca. 20 mal 30 Zentimeter großes Bildnis eines mittelalterlichen Städtchens mit Zinnen und Burgmauern. Jeder, der im Selfkant zu Hause war, erkannte die Silhouette sofort. Das war Gangelt, das Herz des Selfkants. Wie lange mochte dieses Bild in Kellern und Speichern vor sich hingestaubt haben? Ein Wunder, dass es noch so gut erhalten war.

Merle trat noch einen Schritt zurück.

Die Perspektive ...

Der goldene Schnitt ...

Die Strichführung ...

Merle hatte während ihrer Zeit als Schülerin des Geilenkirchener Gymnasiums St. Ursula an einem Leistungskurs in Kunst teilgenommen und war darin auch im Abitur geprüft worden. Später hatte sie selbst Aquarelle gemalt und auch einige Semester Kunst studiert. Aber Kunsterzieherin hatte sie nicht werden wollen, und an der Düsseldorfer Akademie hatte man sie nicht angenommen. Irgend so ein eingebildeter, furchtbar von sich selbst und seinen eigenen Werken beeindruckter Kunstprofessor hatte den Daumen gesenkt und die Auffassung vertreten, dass ihre Arbeiten nicht genügend Potenzial verhießen.

Später war sie dann auf die Töpferei umgestiegen. Die Kurse, die sie gab, hätten sie zwar nicht ernähren können, aber sie gaben ihr immerhin Selbstbestätigung.

Jedenfalls meinte Merle Drenkhaus genug typische Merkmale des großen Malers der frühen Neuzeit in diesem Bild erkannt zu haben, um die Untersuchung durch einen Spezialisten zu veranlassen.

„Spreche ich zu leise oder was ist los?“, fragte Thomas.

„Was ist?“

„Wegen des Künstlertreffens. Ich hatte dich gefragt, ob du dahin gehst.“

„Ich weiß noch nicht ...“

„Du bist doch nur sauer, weil dieser Franz Serken dir gesagt hat, dass das da ...“, er deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf das Bild und hängte gleichzeitig lässig ein Bein über den Armlauf der Sessellehne, „kein echter Dürer ist!“ Er kicherte. „Ich meine, das ist ja auch nicht so schwer nachzumachen - „AD“. Könnte auch Adolf Drenkhaus heißen.“

Adolf Drenkhaus war der Großvater der Brüder und etliche Jahrzehnte lang Herr auf Gut Drenkhaus gewesen. Er war natürlich zu einer Zeit so genannt worden, in der dieser Vorname noch nicht durch einen Namensvetter dermaßen belastet war, dass er seitdem praktisch außer Gebrauch gekommen war.

Der große AD, so hatte man ihn in der Familie früher genannt, wie Merle aus den Erzählungen sowohl ihres Mannes als auch ihres Schwagers wusste.

„Ich bin nicht sauer auf Franz Serken“, sagte Merle nun. Ein Ruck war durch ihren gesamten Körper gegangen, und sie war jetzt anscheinend mit ihren Gedanken wieder mehr im Hier und Jetzt. „Jeder kann ja seine Meinung vertreten und es ist bekannt: Zwei Experten - drei Meinungen.“

„Komm, gib’s zu, ein bisschen sauer bist du schon!“

„Ich habe nur keine richtige Lust mehr, Serkens Ansichten über Dürer anzuhören ... Dürer und der Selfkant ... Der kann mich mal!“

„Und wenn er recht hat?“

„Wird sich ja herausstellen!“

Thomas lachte. „Du hast im Geiste wohl schon die Millionen gezählt, die dieser alte Schinken wert sein könnte, wenn es tatsächlich ein echter Dürer ist!“

Merle drehte sich zu ihrem Schwager um, der sie mit einem herausfordernden Blitzen in den Augen ansah. „Nur kein Neid!“, sagte sie.

Thomas Drenkhaus stand von seinem Platz auf und trat sehr nahe an seine Schwägerin heran. So nahe, dass sie sein After Shave riechen konnte. Sie schlang die Arme um seine Taille. Thomas strich ihr über das Haar. Ihre Blicke verschmolzen für einen Moment, dann küssten sie sich voller Leidenschaft.

Merle löste sich mit Mühe von ihm, als das Telefon klingelte. Sie rang nach Atem. Ihr Kopf war rot angelaufen. Hatte sie gerade noch angespannt gewirkt, so hatte sich nun dieser Zug bei ihr völlig verflüchtigt. Es klingelte noch mal. Sie ging zum Apparat und nahm ab. Dann sagte sie erst ihren Namen und hinterher dreimal kurz hintereinander: „Ja.“

Schließlich beendete sie das Gespräch.

„Wer war’s?“, fragte Thomas.

„Niemand Wichtiges“, meinte sie, trat zu ihm und schlang erneut die Arme um seinen muskulösen Hals.

„Fertig und weg damit!“, murmelte George vor sich hin und betätigte die Eingabetaste seines Laptops. Sein erster, vorläufiger Bericht ging jetzt an die Redaktionen. „Und kürzt mir nicht zu viel heraus.“

Aber seine Befürchtung war in diesem Fall unbegründet.

Schließlich kam es nun wirklich nicht alle Tage vor, dass ein Zeigefinger aus einem Betonpfeiler herausragte und dann auch noch auf ein Graffito zu deuten schien, das an den großen Maler Albrecht Dürer erinnerte.

George trank seinen Kaffee aus, packte seinen Laptop in die Tasche und hängte sich die Kamera um.

Gemächlich schlenderte er aus der Hoteltür und ließ seinen Blick über die im gotischen Stil erbaute Gangelter Nikolauskirche mit ihren eleganten Strebenbögen schweifen. Direkt gegenüber lag im Sonnenlicht der alte Burgturm. Welch ein herrlicher Ausblick, fuhr es ihm durch den Kopf. So etwas Schönes liegt direkt vor unserer Haustür und man vergisst bei all der Hetze, es zu genießen.

Er blieb einen Augenblick stehen, um das mittelalterliche Ensemble zu betrachten.

Warum nicht mal in die Kirche gehen? Er hatte sie schon länger nicht besucht. Über den Friedhof gelangte er zum Hauptportal, wo er der lebensgroßen Steinfigur des heiligen Nikolaus zulächelte. Als er die Kirchentüre öffnete, hörte er Kinderstimmen, die aufgeregt Fragen stellten. Dazwischen konnte er eine bekannte Stimme heraushören, nämlich die der Gästeführerin Dorothee Fernholz. Sie schaute kurz auf, lächelte ihm zu und fuhr dann in ihren Ausführungen fort: „Vor genau 100 Jahren war der bekannte Maler Caspar Maintz aus Welldorf bei Jülich damit beschäftigt, die Kirche mit Malereien auszustatten. Die Reste könnt ihr da oben noch sehen.“ Alle Kinder schauten gespannt auf die großen Wandgemälde im Kirchenschiff. „Nicht nur in der Gangelter Kirche, sondern auch in der Langbroicher Pfarrkirche St. Marien hat Caspar Maintz viele Gemälde geschaffen, darunter eine vortreffliche Kopie des letzten Abendmahles nach Leonardo da Vinci.“ Damit führte sie ihre aufgeregten kleinen Zuhörer an George vorbei nach draußen, um ihnen die zwei versteckt liegenden Sturmgässchen zu zeigen.

George schlenderte durch die Kirche, genoss die eingetretene Stille und betrachtete interessiert die zahlreichen kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten.

Wenig später saß er in seinem Wagen und fuhr noch einmal hinaus zum Tatort, wobei er sich ins Gedächtnis rief, dass man von einem Tatort eigentlich noch gar nicht reden konnte. Vielleicht von einem Unfallort oder dem Ort eines bizarren Selbstmordes?

Er wollte also noch einmal hinausfahren, um zu sehen, was sich am Brückenpfeiler getan hatte.

Im günstigsten Fall war man kurz davor, die Leiche zu bergen, und George kam gerade noch rechtzeitig für einen guten Schnappschuss.

„Die Leiche im Beton“, mit dieser Schlagzeile konnte er sogar in der Bild-Zeitung unterkommen.

Die wenigen Kilometer bis zum Fundort der Leiche hatte George rasch hinter sich gebracht.

Als er den Wagen in der Nähe des derzeitigen Endes der neuen Bundesstraße B 56 n abstellte und sich dann dem Brückenpfeiler näherte, hörte er schon von Weitem das Geräusch eines Stemmhammers. Wahrscheinlich versuchten ein paar Betonbauer gerade, den Pfeiler so vorsichtig wie möglich aufzumeißeln, um dann den Toten unbeschadet bergen zu können.

George konnte sich nicht so recht vorstellen, dass das schnell über die Bühne gehen würde.

In der Nähe der Brücke hielten sich etwa fünfzig Schaulustige auf, die sich hier versammelt hatten und den Arbeitern sehr geduldig zusahen. Vater und Sohn Termeulen waren auch immer noch da.

Im Vorbeigehen hörte George ein paar Spekulationen darüber, wer der Unglückliche sein könnte und wie derjenige dort wohl zu Tode gekommen sei.

Als George die Absperrungen dank seines Presseausweises passiert hatte und in die unmittelbare Nähe des Pfeilers kam, sah er gleich, dass die Bergung des Toten noch so gut wie überhaupt keine Fortschritte gemacht hatte.

Kommissar Krichel und sein Kollege aus Aachen standen zusammen, und Clausen hielt etwas in die Höhe, sodass er es im Licht besser sehen konnte.

Der Reporter sah gleich, dass es ein Ring war.

„Na, gibt es etwas Neues?“, fragte er interessiert.

Kommissar Krichel nickte.

„Wir haben etwas mehr von der Hand freilegen können. Das hier ist der Ehering des Toten.“

„Was steht drin?“, horchte George ihn aus.

Clausen kniff die Augen zusammen, um die Inschrift besser entziffern zu können.

„Ein Datum und ein Name. Es hat sich bestätigt, dass der Tote ein Mann ist. Und wir wissen jetzt, an welchem Tag er eine gewisse Merle geheiratet hat.“

„Wenn das Opfer hier aus der Gegend kommt, müsste man doch über die Stadtverwaltung erfahren können, ob es an dem betreffenden Tag eine Merle gab, die geheiratet hat“, meinte Krichel.

Clausen machte eine wegwerfende Handbewegung. „Es ist jetzt 16.00 Uhr und auch noch Freitag. Da genießen doch alle schon ihr Wochenende.“

„Ich wüsste da eine schnellere Möglichkeit“, fiel George ein.

Clausen sah den Reporter erstaunt an.

„Ach ja?“

„Die meisten Leute geben eine Anzeige in der Zeitung und in den regionalen Anzeigenblättern auf, wenn sie heiraten. Also müsste es doch herauszufinden sein, ob mit dem fraglichen Datum eine Hochzeitsanzeige gedruckt wurde, auf der eine gewisse Merle ihre Vermählung mit einem uns bisher unbekannten Partner bekannt gibt.“

Clausen und Krichel wechselten einen kurzen Blick. Dann wandte Clausen das Gesicht in Georges Richtung und drängte: „Ja, und worauf warten Sie dann?“

George ging ein paar Schritte zur Seite und nahm sein Handy ans Ohr, um mit der Redaktion in Geilenkirchen zu telefonieren. Dort wurde, wie er wusste, jetzt noch gearbeitet. Er hatte Dieter, den Anzeigenvertreter, persönlich am Hörer. In knappen Worten erklärte er, wonach er suchte.

Dieter Ohler, war siebenundfünfzig Jahre alt und hatte immer einen lustigen Spruch oder Witz auf den Lippen. Und das natürlich in Öcher Platt.

„Hat das was mit dem Toten im Beton zu tun?“, fragte Dieter.

„Woher weißt du das denn?“

„Na, dein Bericht hat in der Redaktion eingeschlagen wie eine Granate. So was gibt’s ja auch wirklich nicht alle Tage. Normalerweise lese ich nicht immer alles, was lokal in unserem Blatt steht. Aber ein Toter im Beton. Meine Güte, das hört sich ja richtig nach Mafia und Schwerverbrechern an.“

George verdrehte genervt die Augen. „Dieter, ich wäre dir wirklich sehr dankbar, wenn du mir und der Polizei jetzt weiterhelfen könntest.“

„Mir und der Polizei hast du gesagt. Die Reihenfolge ist schon sehr bezeichnend, George, das musst du zugeben.“

„Komm, leg jetzt nicht jedes Wort von mir genauer aus als der Pastor die Bibel, sondern sieh mal zu, ob du nicht herauskriegen kannst, ob hier in der Gegend an dem besagten Tag eine gewisse Merle geheiratet hat!“

„Kirchlich oder standesamtlich?“

„Ist egal. Das Datum im Ring könnte sich ja auf beides beziehen.“

„Und wahrscheinlich hätte sich der Betreffende zwei Daten in den Ring gravieren lassen, wenn beide Anlässe an unterschie0dlichen Tagen stattgefunden hätten.“

„Du sagst es.“

„Dauert ein paar Minuten, George - und ich hab was gut bei dir. Was, weiß ich noch nicht.“

„In Ordnung, ich rufe dich gleich wieder an“, entgegnete der Reporter nach einer kurzen Pause und beendete das Gespräch.

Er ging zurück zu den beiden Kripo-Kommissaren.

„Ein paar Minuten noch, dann wissen wir vielleicht, wer das Opfer im Beton ist.“

„Na großartig!“, knurrte Clausen, dessen schlechte Laune sich George eigentlich nicht so recht erklären konnte. Am liebsten hätte der Reporter erwidert, dass die Anzeigenabteilung der hiesigen Regionalzeitung auf jeden Fall schneller sein würde als das zuständige Ordnungsamt, und außerdem noch eine viel größere Region umfasste.

Aber er verzichtete darauf, um die Stimmung nicht noch angespannter werden zu lassen.

Deswegen erkundigte er sich auch gar nicht erst danach, wie sich Clausen das weitere Vorgehen beim Bergen der Leiche vorstellte. Dann hätte der wohl zugeben müssen, angesichts der mageren Fortschritte, die man inzwischen gemacht hatte, in Wahrheit ziemlich ratlos zu sein. Und das hätte Clausen erst mit Sicherheit sauer und die anschließende Kooperation mit ihm nur noch schwieriger gemacht.

Es dauerte nicht lange, bis Georges Handy erneut klingelte.

„Ja?“, fragte der Reporter.

„Ich habe zu deinem angegebenen Datum eine Vermählungsanzeige in der Zeitung gefunden. Und als Sahnehäubchen präsentiere ich dir die Namen der zukünftigen Brautleute“, bestätigte Dieter ihm mit einem spannenden Unterton.

„Ich bin dafür extra ins Anzeigenarchiv der Zeitung gerannt, und du weißt, das liegt im Keller unseres riesigen Gebäudes.“

„Nun red schon“, drängte George.

Ohler las mit salbungsvoller Stimme vor: „Es geben ihre Vermählung in der Süsterseeler St. Hubertus-Kirche bekannt“, er machte eine kurze Pause, „Kurt und Merle Drenkhaus, geborene Wolter.“

„Danke.“

George teilte den Polizisten natürlich sofort mit, was er erfahren hatte.

„Dann ist der Tote mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Kurt Drenkhaus“, schloss der Reporter. „Ich kenne die Familie. Kurt Drenkhaus ist ein bekannter Architekt und hat zusammen mit seinem Bruder vor einigen Jahren das Anwesen Gut Drenkhaus geerbt, wo er sich sein Architekturbüro eingerichtet hat. Er hat sich auch im Bauausschuss engagiert und Entwürfe für die Neugestaltung der Saeffelener Schule gemacht.

„Dann sollten wir die Angehörigen aufsuchen“, sagte Clausen.

„Ist das nicht ein bisschen früh?“, meinte Krichel. „Schließlich steht die Identität des Toten ja noch nicht fest und bevor wir seiner Frau auf diese Weise einen Schrecken einjagen ...“

„Sie haben recht, aber vielleicht kommen wir durch die Angehörigen sogar schneller dazu, den Toten zu identifizieren.“ Clausen hob den Ehering noch einmal ins Licht. „Dieser Ring zum Beispiel - ich wette, die Ehefrau wird ihn wiedererkennen. Also, meine Frau würde das jedenfalls.“

„Ich wäre gerne bei dem Gespräch dabei“, bat George.

Clausen sah ihn ungläubig an.

„Hören Sie, ich bin Ihnen ja sehr dankbar dafür, dass Sie Ihren Zeitungskollegen aus der Anzeigenabteilung bemüht haben, die Sache mit dem Hochzeitsdatum herauszufinden, aber vielleicht verwechseln Sie die ganze Sache jetzt doch mit einem Presse-Event!“

„Ich habe nicht vor, darüber zu berichten“, sagte George. „Eigentlich möchte ich nur dafür sorgen, dass die Angehörigen diese Nachricht schonend erfahren.“

„Und das trauen Sie mir wohl nicht zu, was?“

Darauf antwortete George nicht.

Kevin Clausen schwieg einen Moment. Dann nickte er.

„Ach, kommen Sie mit. Ansonsten würden Sie früher oder später doch bei den Leuten auftauchen und sie mit Fragen belästigen. Da bin ich lieber dabei.“

Da George den Weg zum Gut Drenkhaus kannte, fuhr er voraus. Clausen folgte ihm mit seinem Dienstfahrzeug. Nach Süsterseel war es nur ein Katzensprung, aber Kevin Clausen kam aus Aachen und kannte sich hier im Selfkant nicht sonderlich gut aus. Der Reporter bog von der Suestrastraße in den Zuweg des Gutes Drenkhaus ein und stellte den Wagen wenig später auf dem gepflasterten Hof ab. Er stieg aus. Einen Moment überlegte er, die Kamera im Wagen zu lassen. Ganz gleich, was jetzt auch geschehen mochte, es war nicht anzunehmen, dass irgendetwas dabei war, was er für die Leser seiner Zeitung in eine Fotodatei bannen konnte.

Einem inneren Instinkt folgend, ließ er die Kamera einfach um den Hals hängen. War er schon so weit, sich ohne dieses Gerät nackt zu fühlen? Vielleicht war es die vage Furcht, irgendwann doch den richtigen Moment zu verpassen und im entscheidenden Augenblick ohne Kamera dazustehen.

Die Urangst jedes Reporters.

George war froh, dass es nicht zu seiner täglichen Berufsroutine gehörte, schlechte Nachrichten zu überbringen. Und er konnte sich eigentlich auch nicht vorstellen, dass jemand, der bei der Polizei oder als Arzt so etwas öfter tun musste, sich daran wirklich gewöhnen konnte.

George lies den Blick schweifen und erblickte einen großen gepflegten Gutshof mit vielen fachmännisch renovierten Anbauten und Stallungen.

Clausen zog seine Hose hoch. Das Holster mit der Dienstpistole drückte den Gürtel wohl immer wieder nach unten.

„Schön hier!“, meinte er, nachdem er sich kurz umgesehen hatte. „Aber Landwirtschaft wird hier wohl nicht mehr betrieben, oder?“

„Nein, schon lange nicht mehr“, antwortete George. „Kurt Drenkhaus ist - ich meine war - ein ziemlich erfolgreicher Architekt. Ich habe mehrfach über ihn berichtet. Als er zusammen mit seinem Bruder das Gut übernahm, war das Gebäude sehr marode, aber Kurt Drenkhaus hat alles so umgebaut, dass es höchsten Ansprüchen genügt.“ George deutete zu den Nebengebäuden. „Dort im Heuerhaus wohnt sein Bruder Thomas. Über den habe ich auch mal einen Artikel geschrieben. Es ging um Schauspieler aus der Region. Und im Stall dort ist das Töpferatelier. Merle Drenkhaus gibt auch Kurse und engagiert sich bei den Treffen der heimischen Künstler.“

„Na, wie auch immer. Dann wollen wir das Unvermeidliche mal hinter uns bringen“, meinte Clausen, der auf George den Eindruck machte, als würde ihn das, was er ihm über die Bewohner des Gutes Drenkhaus gesagt hatte, gar nicht weiter interessieren.

Sie gingen zur Eingangstür des Haupthauses. Clausen klingelte.

Es war eine andere Tür als bei Georges letztem Besuch auf Gut Drenkhaus, der mindestens schon zwei Jahre zurücklag. Sie war mit kunstvollen Verzierungen und gusseisernen Beschlägen versehen, die sehr gut zum Stil des Hauses passten.

Clausen klingelte ein zweites Mal.

Es reagierte niemand.

George erinnerte sich daran, dass es ganz früher auf dem Gut einen großen Hund gegeben hatte, der ziemlich unerzogen gewesen war. Ein Wolfsspitz, vor dem man sich höllisch in Acht nehmen musste und den Kurt Drenkhaus von seinem Vater übernommen hatte. Aber kurz nachdem Merle dann auf das Gut gezogen war, schaffte sie den Hund ab, weil sie gegen Hundehaare allergisch war, wenn George sich richtig erinnerte.

„Wohl niemand zu Hause“, meinte Clausen. „Ich sehe auch keinen Wagen.“

„Ein Teil des Stalls fungiert als Garage“, meinte George. „Das kann man also nicht unbedingt sehen. Außerdem brennt überall Licht.“

„Eins zu Null für Sie, Schmitz.“

Clausen versuchte es ein drittes Mal.

Währenddessen ging George ein Stück an der Hauswand entlang und schaute durch ein Fenster.

Von dort hatte man einen Blick in die Diele.

Eine Frau, Anfang bis Mitte dreißig, gelocktes Haar, sehr attraktiv, eilte barfuß durch den Raum. Sie trug nur eine enge Jeans und einen BH. Während sie durch den Raum eilte, streifte sie sich ein Sweatshirt über. Es war Merle Drenkhaus.

Sie hatte gerade das Sweatshirt übergezogen, als sich ihr Blick kurz in Georges Richtung wandte.

Der Reporter kehrte zurück zur Haustür. „Es ist jemand zu Hause“, sagte er, und wie zur Bestätigung seiner Worte ging jetzt die Tür auf.

„Hallo, Herr Schmitz“, begrüßte ihn die Hausbesitzerin. Sie wirkte etwas außer Atem. Ihr Gesicht war leicht gerötet. Sie strich sich in aller Eile das Haar zurecht und fasste es mit einem Gummi zusammen, sodass ihre Lockenpracht in einem Pferdeschwanz gebändigt wurde.

George deutete auf Clausen und begann zu sprechen, ehe der nicht gerade für seine sensible Ader bekannte Clausen damit anfangen konnte und ein kommunikatives Desaster anrichtete.

Wenn der Tote im Beton tatsächlich Kurt Drenkhaus war, dann war das allein schon schwer genug für seine Frau zu ertragen. Da konnte man ihr die Sache wenigstens schonend beibringen, fand George. „Dies hier ist Kommissar Clausen von der Kripo Aachen. Können wir kurz hereinkommen?“

„Ist etwas passiert?“, fragte sie erschrocken und ließ ihren Blick jetzt zwischen George und Clausen hin- und herwandern.

„Nun ...“

„Kommen Sie bitte!“

Sie bat die beiden Männer herein und wies mit einladender Geste auf zwei klobige Ohrensessel, die vor dem Kamin standen. Sie selbst blieb stehen und rang nervös mit ihren Händen.

Clausen setzte sich als Erster. George schaute sich zunächst im Zimmer um.

Das Bild an der Wand fiel ihm direkt auf. Und auch die Silhouette der dargestellten Ortschaft erkannte er: Gangelt!

Oder besser gesagt: Gangelt, wenn man es auf seinen mittelalterlichen Kern reduzierte und sich alles wegdachte, was irgendwie den Errungenschaften moderner Zeiten entsprang.

George kannte sich gut genug mit der Geschichte dieses Landstrichs aus. Es gab eine Reihe zeitgenössischer Darstellungen, die den Ort so darstellten, wie er vor fünfhundert oder sechshundert Jahren gewesen war. Die wesentlichen Elemente waren in all der Zeit dieselben geblieben. Vor allem der Gangelter Kirchturm, den schon Mercator als Bezugspunkt für die Vermessungen benutzte, die er im sechzehnten Jahrhundert im Auftrag der Grafen von Jülich-Berg im Selfkant vornahm.

Merle tapste unruhig auf ihren nackten Füßen über den Steinboden.

„Einen Moment, ich ziehe mir mal eben was an meine Füße“, sagte sie.

„Klar, so viel Zeit muss sein“, sagte Clausen.

„Kann ich Ihnen etwas anbieten?“, fragte Merle, bevor sie ging. „Nein, danke“, kam es wie aus einem Mund von den beiden Männern. Immerhin, darin sind wir uns offensichtlich einig, ging es George durch den Kopf.

Die junge Frau eilte hinaus. Die Tür fiel dabei nicht richtig ins Schloss. Dahinter waren zwei murmelnde Stimmen zu hören. Eine war weiblich und auf jeden Fall die von Merle Drenkhaus. Die zweite war deutlich tiefer. Eine Männerstimme.

„Nein, ich weiß es nicht“, war der einziger Satz, den George deutlich verstehen konnte.

George sah wieder auf das Bild an der Wand. Es hing etwas schief und anhand der nicht ganz passenden Staubränder auf der Tapete war erkennbar, dass dort noch vor Kurzem ein größeres Bild gehangen hatte.

Das Signum „AD“ fesselte den Blick des Reporters. Ein echter Dürer? Hier auf Gut Drenkhaus? Der Rahmen wirkte nicht gerade so, als ob das Bild in den letzten Jahrzehnten gut gepflegt worden war. Bei näherer Betrachtung fiel dem Reporter ein Zahlenquadrat ins Auge, das der Maler in das Fenster des Kirchturms eingefügt hatte. Was sollte denn das bedeuten?

Kurz entschlossen hob George einfach seine Kamera und ließ es ein paar Mal hintereinander klicken.

Der Grund dafür war ganz eigennützig. Er wollte sich das Bild in Ruhe ansehen können - aber ihm war natürlich klar, dass er jetzt und hier keine Gelegenheit dazu haben würde.

Schließlich ging es bei diesem Besuch um ein Thema, das ernster nicht hätte sein können - den Tod eines nahen Angehörigen. Und da wäre jede Frage nach der Herkunft oder der Echtheit eines solchen Bildes völlig unangebracht gewesen.

Nachdem er sich gesetzt hatte, kehrte Merle Drenkhaus schließlich zurück.

Sie hatte Turnschuhe angezogen.

Merle setzte sich auf den Diwan, der mit den beiden Ohrensesseln zusammen eine Gruppe bildete, und rieb ihre Hände gegeneinander, so als wäre ihr kalt. Aber es herrschte eine laue Nachtluft.

„Weshalb sind Sie hier?“, fragte sie dann.

Ihre Stimme hatte einen etwas belegten Klang.

„Nun, ich weiß nicht, wie ich da beginnen soll“, sagte Clausen, der Merles Blick auswich und sich offensichtlich nicht wohl in seiner Haut fühlte.

„Geht es um meinen Mann?“

„Ja.“

„Sagen Sie nicht, dass ihm etwas zugestoßen ist!“

„Wo ist er jetzt?“

„Auf einer Baustoff-Messe in München. Morgen will er zurückkommen.“

„Frau Drenkhaus, kennen Sie diesen Ring?“

Kommissar Kevin Clausen reichte ihr den Ehering, der dem Toten im Beton abgenommen worden war. Inzwischen war das wertvolle Beweisstück in eine transparente Plastikfolie eingetütet worden.

Mit zitternder Hand nahm Merle den Ring an sich. Sie betrachtete ihn von allen Seiten und hielt ihn schließlich so ins Licht, dass sie die Inschrift lesen konnte. Ihr ohnehin schon gerötetes Gesicht veränderte nochmals seine Farbe in einen dunkleren Rotton. Dann schloss sie die Augen. Für einen Moment bedeckte sie nun ihre Augen mit der Hand und schüttelte den Kopf. „Das darf nicht wahr sein! Woher haben Sie den? Hatte mein Mann etwa einen Unfall? Was ist los? Nun reden Sie doch schon!“

„Tja, ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, Frau Drenkhaus“, begann Clausen, während George kurz überlegte, vielleicht einzugreifen und die Gesprächsinitiative an sich zu reißen.

Aber in diesem Moment öffnete sich ein wenig die Tür, hinter der Merle Drenkhaus zuvor verschwunden war.

Ein Mann lehnte dort.

Er trug Jeans und T-Shirt, aber keine Schuhe, nur Socken.

George erkannte Thomas Drenkhaus erst auf den zweiten Blick wieder. Bei ihrem letzten Treffen hatte Thomas kurzgeschorenes Haar gehabt, weil er in einer Nebenrolle im Fernsehen einen Skinhead gespielt hatte. Jetzt waren seine Haare so lang, dass sie ihm bis in die Augen hingen. Mit einer beiläufigen Handbewegung fegte er die Haarsträhnen aus der Stirn.

„Das ist mein Schwager Thomas“, stellte ihn Frau Drenkhaus kurz vor und wandte sich mit fragendem Gesichtsausdruck wieder zu Clausen.

Der räusperte sich verlegen und begann dann zu berichten: „In einem Brückenpfeiler an der neuen B 56 n wurde eine Leiche gefunden, von der nur noch ein Finger aus dem erstarrten Beton ragt, und von diesem Finger haben wir den Ring, den ich Ihnen da gegeben habe.“

„Oh mein Gott!“, stieß Merle hervor. Sie schüttelte stumm den Kopf, und dann verbarg sie ihr Gesicht unter den Händen, während die Tüte mit dem Ring zu Boden glitt. Sie schluchzte auf. „Sagen Sie, dass das nicht wahr ist!“, rief sie. „Das muss ein übler Traum oder eine Verwechslung sein! Das ist unmöglich!“

Clausen saß reglos in seinem Ohrensessel.

„Frau Drenkhaus, ein Mann wird derzeit aus dem Beton geborgen“, schaltete sich George nun ein. „Aber wenn Sie den Ring wiedererkennen, dürfte kaum noch ein Zweifel daran bestehen, dass der Tote ihr Mann ist.“

„Ich habe in den Lokalnachrichten von dem Toten im Beton gehört“, sagte sie mit zittriger Stimme. Sie wandte sich an Thomas, der einen Schritt auf sie zugegangen war und dann offenbar doch davor zurückschreckte, seine Schwägerin in den Arm zu nehmen und ihr Trost zu spenden.

„Frau Drenkhaus, ich weiß nicht, ob Sie in der Lage sind, ein paar Fragen zu beantworten, aber ...“ Clausen wurde unterbrochen.

„Was ist mit Kurt geschehen?“, fragte Merle. „Wie kommt er ...“, sie stockte und musste schlucken, „in den Beton? Meine Güte, das ist so furchtbar!“

„Das versuchen wir herauszufinden“, sagte Clausen. „Und dazu brauchen wir Ihre Hilfe.“

„Ich tue, was ich kann, um dazu beizutragen“, sagte sie.

Sie wirkte jetzt sehr gefasst.

Der abrupte Wechsel in ihrer Stimmung ließ George aufmerken.

„Frau Drenkhaus, wann haben Sie Ihren Mann zum letzten Mal gesehen?“, fragte Clausen.

„Vor vier Tagen, bevor er nach München gefahren ist.“

„Und Sie hatten zwischendurch keinen Kontakt?“, wunderte sich der Kommissar von der Kripo Aachen.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und warf einen kurzen Blick zu Thomas, so als müsste sie sich erst bei ihm vergewissern, ehe sie antwortete: „Wir hatten nur über SMS regelmäßig Kontakt. Mein Mann mag es nicht, wenn ich während einer Messe dauernd anrufe.“

„Wann kam die letzte SMS?“, fragte Clausen.

„Die kam heute Morgen, kurz nach dem Frühstück.“

„Können Sie mir Ihr Handy geben?“

„Natürlich.“

Sie stand auf, ging durch die Tür in den Nachbarraum und kam mit ihrem Handy zurück. Sie drückte eine Kurzwahltaste, hielt das Gerät ans Ohr und runzelte angespannt die Stirn. „Meldet sich nicht“, murmelte sie. „The number you have dialed is not available - das Gerät muss abgeschaltet sein.“

„Geben Sie es mir“, forderte Clausen und streckte die Hand aus.

„Bitte.“

Merle reichte Clausen das Handy.

George reckte etwas den Hals, um die SMS auch lesen zu können.

Dort stand:

hallo schatz.

das frühstück im hotel war bescheiden.

fahre jetzt zur messe.

ruf nicht an, habe den ganzen tag appointments.

tschüss.

kurt.

Alles SMS-typisch in Kleinbuchstaben. Die Uhrzeit war oben rechts eingeblendet: 8.12 Uhr.

Er schreibt „appointment“ anstatt einfach „Termine“, ging es George durch den Kopf. Das taten doch nur Leute, die demonstrieren wollten, dass sie zur Globalisierungselite gehörten und überall auf der Welt zu Hause waren.

Ein Top-Architekt wie Kurt Drenkhaus gehörte ganz sicher zu dieser Gruppe.

„Es ist unmöglich, dass Ihr Mann diese SMS selbst abgeschickt hat“, sagte Clausen, „denn da war er zweifellos schon ... im Beton.“ Er murmelte die letzten beiden Worte nur. Aber dass er nur murmelte, machte die Sache auch nicht besser.

Clausen sah Merle an, hob die Augenbrauen und fragte: „Kann ich mir die anderen SMS auch mal ansehen?“

„Selbstverständlich.“

Clausen klickte sie kurz durch. George schaffte es nicht jedes Mal mitzulesen, was vor allem daran lag, dass der Kommissar das Gerät jetzt geringfügig anders hielt und sich damit der Blickwinkel geändert hatte.

„Kann ich Ihr Handy mitnehmen?“

„Nun, ich ...“

Wieder sah Merle Rat suchend zu Thomas hinüber, der genauso ratlos wirkte.

George war das jetzt schon zum zweiten Mal aufgefallen. Haben die beiden etwas miteinander, schoss George ein Gedanke durch den Kopf. Vielleicht war das ja die Erklärung dafür, dass Merle halbnackt aus einem Zimmer gekommen war, in dem sich auch ihr Schwager Thomas Drenkhaus aufgehalten haben musste.

George nahm sich vor, sie danach zu fragen, aber das konnte noch warten. Wenn Merle und Thomas tatsächlich ein Verhältnis miteinander hatten, war das natürlich ein mögliches Mordmotiv. George wollte jedoch nicht mit der Tür ins Haus fallen. Zuerst musste einmal feststehen, dass Kurt Drenkhaus überhaupt ermordet worden war.

„Eigentlich brauche ich mein Handy“, sagte Merle zögernd.

„Sie bekommen es in ein oder zwei Tagen zurück. Wir wollen nur die SMS-Texte analysieren und sehen, ob wir noch das eine oder andere herausbekommen können“, erläuterte Clausen. „Ich meine, Ihnen ist es doch auch wichtig, dass der Tod Ihres Mannes möglichst rasch aufgeklärt wird.“

„Sicher.“

„Und falls es sich wirklich um ein Gewaltverbrechen handeln sollte, hilft jeder Zeitverlust nur dem Täter.“

„Ja, das ist mir natürlich auch klar.“ Ein weiterer hilfloser Blick in Thomas’ Richtung folgte.

Dieser zuckte nur leicht mit den Schultern.

„Okay“, willigte Merle schließlich ein. „Behalten Sie das Handy, so lange Sie es brauchen. Ich werde mir schon so helfen können.“

„Frau Drenkhaus, hatte Ihr Mann irgendwelche Feinde?“, fragte Clausen.

„Nicht mehr als andere Leute auch, die im Geschäftsleben stehen und gelegentlich mal zu anderen in Konkurrenz treten“, entgegnete sie.

„Und haben Sie vielleicht eine Ahnung, was Ihr Mann bei den Brückenpfeilern gesucht haben könnte?“

„Nein. Wie gesagt, er hat mir doch dauernd SMS aus München geschickt. Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass er ...“ Sie sprach nicht weiter.

„Der Täter könnte ihm das Handy abgenommen haben, um Sie weiterhin in dem Glauben zu lassen, dass Ihr Mann noch lebt.“

„Ja, aber das würde bedeuten, dass er genau wusste, wie wir miteinander kommunizieren. Die Ausdrucksweise und die kleinen Eigenheiten – das ist alles typisch Kurt.“

„Immerhin weiß ja auch ich schon, dass er oft von einem „appointment“ anstatt einem „Termin“ sprach“, bestätigte jetzt George.

Merle Drenkhaus atmete tief durch und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie sah den Reporter überrascht an. Hatte sie von dieser Seite vielleicht keine Hilfe erwartet?

„Ja, das stimmt“, sagte sie. „Appointment, meeting, cash-flow – Kurt hatte wohl das Gefühl, zwanzig Jahre jünger zu sein, wenn er diese Ausdrücke benutzte, und er fand es cool.“

In diesem Augenblick klingelte Clausens Mobiltelefon.

Der Kommissar aus Aachen ging an den Apparat.

„In Ordnung, bin gleich da“, sagte er. „Nein, ich bin hier bald fertig.“ Dann beendete er das Gespräch. Die anderen im Raum sahen ihn erwartungsvoll an. „Das waren die Kollegen. Es geht offenbar an der Brücke jetzt etwas vorwärts. Aber ich denke, wir haben fürs Erste ja auch alles besprochen, Frau Drenkhaus.“

„Ja“, murmelte Merle fast tonlos.

„Ich brauche den Ehering allerdings zurück. Das ist ein Beweisgegenstand, und wir müssen ihn erst ins Labor geben.“

„Ich verstehe“, nickte sie.

„Tja dann“, sagte Clausen, nachdem er den Ring in Empfang genommen hatte und aufgestanden war.

Er wirkte ziemlich verlegen.

„Ich geh dann mal“, sagte er und verschwand durch die Tür.

George hatte es nicht ganz so eilig.

„Wenn ich irgendetwas für Sie tun kann, Frau Drenkhaus ...“

„Das können Sie“, sagte Merle.

„So?“

„Schreiben Sie keinen Artikel über mich. Und lassen Sie den Namen meines Mannes heraus.“

„Wie stellen Sie sich das vor?“

„Zumindest so lange, bis eindeutig feststeht, ob er nun der Tote ist. Ich meine, wir haben bis jetzt nur einen Ring und irgendwie klammere ich mich an den Gedanken, dass sich alles als ein Irrtum herausstellen könnte ...“

George gab ihr noch seine Karte – und händigte ihrem Schwager ebenfalls eine aus. „Falls Sie meine aktuelle Handynummer nicht haben“, meinte er und fragte sich, warum Clausen das nicht auch getan hatte. Vielleicht rechnete der Kommissar von der Kripo Aachen gar nicht damit, dass einer der beiden etwas Wesentliches zur Lösung des Falles beitragen konnte. Oder er hatte es schlicht vergessen.

Als George ins Freie trat, hatte Clausen schon den Motor gestartet und den Wagen gewendet.

Er fuhr mit aufheulendem Motor los, stoppte aber wieder. Die Seitenscheibe glitt hinab. „Es scheint jetzt am Brückenpfeiler vorwärtszugehen“, sagte er. „Ich nehme an, ich treffe Sie dort.“

„Ja.“

Damit fuhr er davon.

Sein Fahrstil glich nicht gerade dem, was man eine besonnene Fahrweise hätte nennen können.

Aber Clausen war ja auch nicht bei der Verkehrspolizei.

George zögerte. Er blickte zum Haus zurück. Nein, mit Merle Drenkhaus werde ich ein anderes Mal sprechen müssen, entschied er.

„Besonders toll war das nicht!“, sagte Merle an Thomas Drenkhaus gerichtet.

Ihr Schwager aß einen Apfel, kaute aber eher lustlos auf dem Stück herum, das er abgebissen hatte, und spuckte es schließlich in den Kamin.

Merle wandte den Blick ab.

Im Kaminfeuer zischte es kurz.

Thomas warf den Rest des Apfels hinterher. Ihm war der Appetit gründlich vergangen.

„Was hätte ich denn machen sollen?“, fragte er anschließend. „Na, kannst du mir das sagen?“ Er atmete tief durch. „Ich weiß, es war nicht gut, dass man uns so gesehen hat. Aber hätte ich so tun sollen, als wäre ich gar nicht im Haus? Außerdem konnte ich doch nicht wissen ...“ Er sprach nicht weiter und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Alles Mist! So hätte das nicht laufen sollen!“, meinte er und deutete anschließend auf das Bild. „Und das da hätte auch nicht unbedingt dort hängen müssen, Merle!“

Sie winkte ab.

„Und was machen wir jetzt?“

„Einen kühlen Kopf bewahren“, sagte Merle. „Jedenfalls werde ich das tun. Und dasselbe erwarte ich von dir. Hast du mich verstanden?“

Thomas’ Gesicht wurde zu einer starren Maske.

„War ja wohl nicht misszuverstehen“, murmelte er.

George bekam einen Anruf auf seinem Handy. Es war die Redaktion der Selfkant-Zeitung.

Einige Fragen zu seinem Artikel waren noch zu klären, und außerdem wollte der Chefredakteur wissen, wann mit neuen Erkenntnissen zu rechnen sei.

„Steht die Identität des Toten schon fest?“, war natürlich die alles entscheidende Frage.

„Ich werde mich später noch mal melden“, wendete George ein Gespräch darüber ab. „Vielleicht habe ich dann schon etwas Neues.“

Als er zur Brücke am Ende der neuen Fahrbahn zurückkehrte, war der Ort des Geschehens in helles Flutlicht getaucht. Man war dort tatsächlich schon ein Stück weiter. Teile aus dem Pfeiler waren herausgestemmt worden. Der Brückenpfeiler würde wohl noch mal gegossen werden müssen - es waren Stahlträger aufgestellt worden, um zu verhindern, dass womöglich die ganze Brücke einstürzte.

George hörte einen der Arbeiter darüber reden, wer denn wohl die Kosten für die ganze Aktion zu tragen hätte.

Der Gerichtsmediziner Dr. Belden war schon seit Längerem vor Ort und blickte immer wieder auf die Uhr. Er schien sehr ungeduldig zu sein. Vielleicht wartete auch noch anderswo Arbeit auf ihn.

George sah bei der Bergung der Leiche zu. Er war durch die vielen Autounfälle schon einiges gewohnt, aber dieses Mal ging es ihm richtig an die Nieren. Durch den Pressluft-Stemmhammer war der Körper offensichtlich stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Einige Körperteile mussten einzeln in die Zinkwanne gelegt werden. Das Gesicht war noch mit Betonresten bedeckt. Ein furchtbarer Anblick! Einer der Beleuchtungshelfer der Feuerwehr begann zu würgen und lief eiligst ins Feld.

Dr. Belden sah sich den Toten an mit bedenklicher Miene an. „Es ist sehr schwer, überhaupt etwas zu sagen“, erklärte er dann.

Die Kommissare Krichel und Clausen standen erwartungsvoll daneben und warteten eigentlich darauf, dass der Gerichtsmediziner ihnen irgendetwas an die Hand gab, was sie in ihren Ermittlungen einen Schritt weiterbrachte.

„Der Tote hat eine Verletzung in der Brust. Sie stammt nicht von dem Presslufthammer, es könnte eine Stichverletzung durch ein Messer sein, aber das kann ich hier und jetzt noch nicht sagen.“

„Also definitiv ein Tötungsdelikt“, stellte Clausen nüchtern fest.

„Es besteht noch die vage Möglichkeit, dass der Tote in die Verschalung gefallen ist – oder gestoßen wurde – und dann in ein offenes Ende dieser Metallgitter gefallen ist, wie man sie in Beton hineinlegt ... Vielleicht war da etwas am Boden. Genaueres kann ich erst nach der Obduktion sagen.“

Der Gerichtsmediziner fand die Papiere des Toten in dessen Kleidung. Danach handelte es sich offensichtlich um Kurt Drenkhaus.

Clausen nahm den Reporter schließlich zur Seite und meinte: „Wer der Tote war, lässt sich ohnehin nicht verschweigen und wird sich binnen Stunden innerhalb des ganzen Selfkants herumsprechen. Wir haben also keinen fahndungstaktischen Vorteil, wenn wir irgendetwas zurückhalten.“

„Das heißt, ich habe freie Hand, alles zu bringen?“, vergewisserte sich Schmitz.

„Ja.“

Der Reporter dachte an Merle Drenkhaus, die ihn bedrängt hatte, den Namen nicht zu veröffentlichen, solange noch eine geringe Hoffnung bestanden hatte, dass der Tote jemand anders sein konnte. Aber dieser letzte Rest an Hoffnung war nun endgültig begraben. Und davon abgesehen, war Merles eigene Rolle in dem Fall mehr als undurchsichtig.

„Ich würde Sie gerne um Folgendes bitten, Herr Schmitz“, fuhr Clausen dann fort.

„Sie suchen Zeugen, die sagen können, wann Kurt Drenkhaus hier an der Brücke gesehen wurde?“, kombinierte der Reporter pfeilschnell. Er hatte schon länger geahnt, dass der Kommissar nur deswegen nett zu ihm war, weil er etwas von ihm wollte.

„Ja. Was immer hier auch geschehen ist, es muss Montag vor sieben Uhr passiert sein, denn dann kamen die ersten Arbeiter auf die Baustelle. Zumindest nach Plan, wir werden natürlich noch eingehend überprüfen, ob sie wirklich schon da waren.“

„Ich kann eine entsprechende Meldung veranlassen“, sagte George.

„Nur erwähnen Sie bitte nichts von einem Messer. Wenn sich das bewahrheiten sollte, ist das Täterwissen, das wir vielleicht zur Überführung des Mörders brauchen.“

„Das hätte ich ohnehin nicht gebracht, weil es noch nicht pressefest bewiesen ist“, erwiderte George.

Clausen verzog das Gesicht. „Sie hängen wohl einer Art Journalisten-Ehrenkodex an, was?“

„Unsere Glaubwürdigkeit ist im Handumdrehen verspielt, wenn man nicht aufpasst“, gab George zurück.

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Kapitel 3

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Das Treffen der Selfkanter Künstler im Restaurant Hamacher in Gangelt stand unter keinem guten Stern. Gleich, nachdem George dort eintraf und die ersten Gesprächsfetzen auffing, merkte er, dass sich alles nur um ein Thema drehte: Der Toten in dem Betonpfeiler.

Und dieser Tote hatte inzwischen Namen und Gesicht. Viele der Anwesenden hatten Kurt Drenkhaus gekannt. Manchen hatte er Bilder oder kunsthandwerkliche Gegenstände abgekauft. Drenkhaus hatte sich zu Lebzeiten durchaus einen Sinn für das Schöne und Originelle bewahrt, und auf seine Art war der Architekt wohl auch selbst davon überzeugt gewesen, ein Künstler zu sein.

Bauhaus und Baukunst – war der Graben wirklich so tief?

George machte ein paar Schnappschüsse von den Künstlern aus dem Selfkant, wie sie ins Gespräch miteinander vertieft waren. Vielleicht war das schon eine der Unterzeilen, die George für diese Bilder auswählen würde. Mal sehen, vielleicht fällt mir ja noch etwas Besseres ein, dachte er.

Zunächst einmal traf George natürlich Liesel Hagen wieder, die ihn auf dem Parkplatz am Mercator-Hotel angesprochen hatte. „Das ist aber schön, dass Sie doch noch Zeit hatten, vorbeizukommen – ich meine trotz des Mordes.“

Es war also so, wie George schon vermutet hatte. Die Sache hatte sich längst in Gangelt und Umgebung herumgesprochen.

„Ja, Sie hatten es mir doch ans Herz gelegt“, sagte er. „Und das Thema „Albrecht Dürer“ interessiert mich sehr. Vor allem, was ein Maler, der in Nürnberg lebte, im 16. Jahrhundert hier in Gangelt zu suchen hatte“, prahlte George etwas mit seinem Vorwissen.

„Nun, ich weiß nicht, ob Sie schon mal was von Franz Serken gehört haben?“

„Ist mir jetzt nicht so unmittelbar ein Begriff – außer im Zusammenhang mit Ihrer Veranstaltung“, musste George unumwunden zugeben. Aber Reporter mussten ja auch nicht unbedingt über alles Bescheid wissen – sie mussten sich nur für alles interessieren.

„Der Herr Serken kommt etwas später. Er hat drüben in Vaals einen Hof und dort auch sein Atelier. Ein feiner, gebildeter Mensch, der wirklich außergewöhnlich viel über Dürer und seine Zeit zu erzählen hat. Wenn man ihn so reden hört, könnte man manchmal glauben, dass der Geist Dürers von ihm Besitz ergriffen hätte!“ Frau Hagen lachte laut auf. „Ich meine das natürlich nicht ganz wörtlich, sondern versuche nur die Art zu beschreiben, in der er einen in die Vergangenheit hineinzieht!“

„Ja, da kann ich wohl nur sagen, dass es schade ist, dass er nicht mein Kunstlehrer war, dann hätte mich das alles vielleicht auch stärker interessiert.“

„Es ist nie zu spät!“, lächelte Liesel Hagen. „Wir haben übrigens auch noch einen anderen Programmpunkt. Es geht da um Handys und Tourismus ... Aber Sie werden das ja gleich selbst hören.“ In diesem Moment deutete Liesel Hagen auf einen Mann mit kurzen, grauen Haaren und einem fast weißen Bart. Er war leger und praktisch gekleidet und trug eine Brille. Mit einer freundlichen Geste grüßte er Frau Hagen. Die Galeristin nickte zurück und sagte zu George: „Darf ich Ihnen jemand vorstellen? Das ist Herr Gottfried. Dirk Gottfried. Er macht faszinierende Skulpturen aus Stahl, Bronze und Holz.“

„Angenehm“, sagte George.

Er war sich nicht sicher, ob er nicht schon mal etwas in der Regionalzeitung über Dirk Gottfried gelesen hatte.

„Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte der Künstler.

„Haben wir uns vielleicht schon mal gesehen?“, fragte George und kam sich bei dieser Frage ziemlich dämlich vor.

Gottfried lächelte. „Ich Sie schon – Sie mich wahrscheinlich noch nicht. Jedenfalls nicht bewusst. Aber letztes Jahr, da hat es bei uns einen Toten gegeben.“

„Wo kommen Sie denn genau her?“

„Aus Waldfeucht-Bocket.

„Ah, ja ...“

„Sie wissen doch noch, als der Mord mit der alten Saftpresse geschah! Na, jedenfalls waren Sie letztes Jahr dort in der Gegend sehr beschäftigt und haben viel fotografiert. Das ist mir aufgefallen.“

„Erinnern Sie mich besser nicht an das letzte Jahr“, seufzte George.

„Wem sagen Sie das!“, gab Gottfried zurück. „Das letzte Jahr war wirklich nicht so toll. Schon allein deswegen, weil ich starker Raucher bin und mich wegen der neuen Bestimmungen nirgendwo mehr in einem Gasthaus mit einer Zigarette blicken lassen kann!“

„Ich hoffe nicht, dass Sie deswegen jetzt politisches Asyl im Ausland suchen, um frei qualmen zu können!“, mischte sich ein älterer Herr ein, dessen Sprache deutlich vom Birgdener Platt geprägt war.

Diesen Mann kannte George.

Es handelte sich um den einundachtzigjährigen Jakob Jansen, der für seine farbtreuen und äußerst real wirkenden Landschaftsbilder bekannt war. Ursprünglich hatte er das Handwerk eines Schmieds erlernt und war später als Maler und Werbegrafiker tätig gewesen.

„Nein, so schlimm, dass man auswandern müsste, ist es noch nicht“, winkte Gottfried ab. „Wie ist das übrigens drüben in den Niederlanden, wo unser Referent Franz Serken sich niedergelassen hat? Darf man da noch in der Kneipe rauchen, oder wird man dort auch schon vor die Tür geschickt?“

„Also, ich weiß, dass in den Niederlanden die Gesetze noch strenger als bei uns sind und in Kneipen auf keinen Fall geraucht werden darf“, antwortete George.

„Ich genieße es als Nichtraucher, wenn ich mich in ein Selfkänter Gasthaus setzen und ausgezeichnet speisen kann, ohne dabei quasi eingeräuchert zu werden, denn mein Augen vertragen das nicht“, machte Jakob Jansen seinen Standpunkt klar.

Das Gespräch wechselte von einem Thema zum anderen und George schnappte hier und da ein paar Neuigkeiten auf.

Er befand sich mal wieder in einer für seine Person und seinen Beruf sehr typischen Situation, die sich folgendermaßen zusammenfassen ließ: Alle kannten George, da sein Konterfei so etwas wie ein Allgemeingut aller Zeitungsleser im Selfkant war, aber natürlich kannte George umgekehrt nicht jeden Anwesenden. Schon gar nicht mit Namen. An manche der anwesenden Künstler erinnerte er sich dunkel, bei anderen war er sich sicher, schon mal einen Artikel über sie geschrieben oder sie zumindest in einem Beitrag für die regionale Zeitung erwähnt zu haben, aber nicht immer fiel ihm der passende Name dazu ein. George hatte berufsbedingt zwar ein äußerst gutes Gedächtnis für Namen, Gesichter und Berufe, aber irgendwann war auch im Informationsspeicher seiner kleinen grauen Zellen eine Kapazitätsgrenze erreicht. Und wenn George auch prinzipiell über alle Themenbereiche berichtete, die im Westzipfel der Bundesrepublik relevant waren, so waren Kunst und Kunsthandwerk nun eigentlich nicht unbedingt ein Spezialthema, auf das er sich in der Vergangenheit besonders gestürzt hatte. Eigentlich hatte er es sogar lieber den Kollegen überlassen, wenn es sich einrichten ließ. Stattdessen ging er lieber spektakulären Dingen auf den Grund - ungeklärten Todesfällen zum Beispiel.

Aber dieses Mal schienen sich beide Bereiche miteinander zu verbinden. George wurde von einem zum anderen per Small Talk weitergereicht. So begegnete er dem Holzschnitzer Hans Zaunbrecher, der alle Facetten von Schnitzarbeiten zu seinem Repertoire zählte. Unter anderem war schon verschiedentlich über seine bäuerlichen Holzfiguren und geschnitzten Wappenteller berichtet worden. George war er jedoch vor allem deswegen in Erinnerung geblieben, weil er einen roten Oldtimer Opel GT fuhr.

„Haben Sie Ihren Opel denn noch?“, fragte der Reporter interessiert. „Ich habe nämlich gar nicht gesehen, dass er heute irgendwo in der Nähe vom Haus Hamacher abgestellt war.“

„Natürlich habe ich den noch, und den gebe ich auch nicht her“, erwiderte Zaunbrecher in einem Tonfall, der ihn deutlich der Waldfeuchter Region zuordnete. „Aber Sie wissen ja auch, wie das mit den Parkplätzen ist, wenn hier mal was los ist.“

„Allerdings“, nickte George.

Zaunbrecher zuckte mit den Schultern. „Tja, da muss man dann eben etwas weiter laufen. Ich habe am neuen Infocenter geparkt und mir dabei gleich mal den neuen Wohnmobilstellplatz angeschaut. Wie bei uns in Waldfeucht. So langsam aber sicher kommt der Tourismus bei uns in Gang. Es ist ja auch richtig schön hier, das hat mir eben eine Familie aus Düsseldorf bestätigt, die am Rodebach noch einen Abendspaziergang gemacht hat.“

„Ja, das neue Naherholungsgebiet hat schon viele auswärtige Gäste angelockt“ mischte sich jetzt gut gelaunt ein schlanker, leger gekleideter, dunkelhaariger Mann ein, der George wenig später als Lutz Mauder vorgestellt wurde.

Wie sich im weiteren Verlauf des Gesprächs herausstellte, war Mauder passionierter Radfahrer. Künstlerisch war er als Schöpfer von Grafiken für Kataloge bekannt, fertigte aber auch Einzelarbeiten nach besonderen Wünschen an.

George unterhielt sich dann noch kurz mit Gerda Wald, die sich der naiven Malerei verschrieben hatte und ansonsten hauptsächlich Landschaften sowie Tier- und Blumenmotive darstellte. George interessierte allerdings mehr der Umstand, dass sie es liebte, weit ausgedehnte, bis zu zehn Kilometer lange Jogging-Touren mit ihrem Hund zu unternehmen - und zwar sehr regelmäßig.

„Na, wer ist denn da am Ende erschöpfter – Sie oder der Hund?“, fragte er scherzhaft, und Gerda Wald lachte.

„Das kommt ganz drauf an“, meinte sie. „Aber wenn ich mich richtig anstrengen will, dann fahre ich Fahrrad ...“

„Kommen Sie zufällig gelegentlich auch ab und zu da vorbei, wo die B 56 n endet?“

„Also letzte Ausfahrt Selfkant sozusagen“, lächelte sie.

„Genau“, nickte George. „Da, wo die Brücke in der Gegend herumsteht.“

Jetzt begriff Gerda Wald, worauf George hinauswollte. „Ah, Sie meinen die Stelle an der B 56 n, an der man die Leiche im Beton gefunden hat.“

„Exakt“, gestand George.

„Das ist wie ein Lauffeuer durch die Gegend gegangen. Ich habe mir schon gedacht, dass Sie irgendwie in der Sache mit drinhängen.“

„Also, wenn Sie meinen, dass ich irgendwas damit zu tun habe, dass da jemand zu Tode gekommen ist, dann muss ich Ihnen natürlich energisch widersprechen.“

„So meinte ich das auch nicht, aber ...“, sie zögerte kurz, „nun, soweit ich das als regelmäßige Leserin unserer Regionalzeitung mitbekomme, haben Sie ja wohl ein gewisses Faible für Morde, oder sehe ich das etwa falsch?“

„Ich bin nur neugierig“, erwiderte der Reporter. „Nennen Sie es eine Berufskrankheit.“

„Verstehe.“

„Was mich interessiert: Führt Ihre Jogging-Strecke auch ab und zu dort vorbei? Letzten Montag in den frühen Morgenstunden zum Beispiel.“

„Ja. Letzten Montag war ich besonders früh dran. Der Hund musste eilig raus. Ich kann Ihnen nicht sagen, was los war, aber das Tier drängelte ungewöhnlich heftig und hat mich regelrecht aus dem Haus getrieben. Und dann habe ich natürlich gedacht: Na warte, wollen wir doch mal sehen, ob du eher müde bist oder ich!“

„Haben Sie irgendeine Beobachtung gemacht?“

Sie runzelte die Stirn. „Ehrlich gesagt, wüsste ich jetzt spontan gar nicht so recht, worauf Sie hinauswollen.“

„Na ja, irgendetwas, was vielleicht anders war als sonst. Ich kann auch nicht im Voraus sagen, was da wichtig sein könnte, das erweist sich oft erst im Nachhinein. Haben Sie zum Beispiel Vater und Sohn Termeulen gesehen?“

„Ja, habe ich. Deswegen bin ich dann auch nicht näher herangekommen.“

„Wieso?“

„Ja, wegen deren Hund. Dieses unerzogene Vieh! Das hat meinen Hund schon ziemlich böse gebissen, was aber kein Wunder ist, denn die haben ihren Hund überhaupt nicht im Griff. Tja, und da ich weder mich selbst noch meinen Hund der Gefahr aussetzen wollte, entweder gebissen oder umgeworfen und abgeschleckt zu werden, habe ich kehrtgemacht. Aber jetzt, wo Sie so danach fragen, fällt mir etwas ein.“

„Bitte! Immer nur zu und frei von der Leber weg“, forderte George sie auf.

„Ja, das war allerdings vorher, als ich auf dem Weg zu dieser Brücke war.“

„Macht ja nichts!“

„Da brauste ein Wagen daher, der hätte mich fast über den Haufen gefahren. Ich konnte gerade noch in allerletzter Sekunde zur Seite springen.“

„Wie lange vorher war das?“

„Eine Viertelstunde würde ich sagen.“

„Können Sie sich an irgendwelche Einzelheiten erinnern? Wagentyp oder einen Insassen?“

„Tut mir leid.“

„Gar nichts?“

„Ich war so erschrocken, denn es hätte wirklich nicht viel gefehlt und Sie könnten jetzt im Krankenhaus mit mir sprechen oder mich in die Liste mysteriöser Todesfälle aufnehmen und deren Hintergründe erforschen. Ganz ehrlich, das war sehr knapp.“ Gerda Wald machte ein nachdenkliches Gesicht und runzelte die Stirn.

George betete innerlich dafür, dass ihr doch noch etwas einfallen würde – und seine Gebete wurden erhört.

„Es war ein Kombi“, stellte Gerda Wald plötzlich fest. „Vom Fahrer konnte ich nichts sehen. Er befand sich völlig im Schatten. Nicht einmal, ob es ein Mann oder eine Frau war, konnte ich erkennen. Aber der Wagen machte ein seltsames Geräusch.“

„Können Sie das genauer beschreiben?“, hakte George nach.

„Da heulte etwas. Klang fast wie ein getretener Hund, wo wir schon mal beim Thema sind.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Mehr weiß ich wirklich nicht. Aber fragen Sie doch mal die Frau Schroeder.“

George hob die Augenbrauen.

Schroeder war nun wirklich kein besonders seltener Name, und es gab wahrscheinlich allein in einer relativ kleinen Region wie dem Selfkant mindestens hundert Personen, auf die die Bezeichnung „Frau Schroeder“ zutraf.

„Welche Frau Schroeder meinen Sie?“, fragte er daher. „Auch eine Künstlerin?“

Gerda Wald schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ich meine die Frau Schroeder von Lotto Schroeder, hier aus Gangelt. Das Geschäft hat heute aber längst zu, da müssten Sie morgen mal vorbeigehen. Jedenfalls läuft diese Frau Schroeder – Ulla – auch mit ihrem Hund. Sie kam an dem Morgen aus der Richtung, in die dieser jaulende Kombi davongejagt ist. Vielleicht kann sie irgendeine Aussage dazu machen, die Sie ein Stück weiterbringt.“

„Vielen Dank“, sagte George.

Gerda Wald lächelte. „Ich nehme an, man wird in der Regionalzeitung davon lesen, was dabei herausgekommen ist!“

„Ganz sicher“, versprach George. „Nur kann ich Ihnen noch nicht versprechen, dass das gleich morgen der Fall ist.“

„Ist schon klar.“

„Meine zwei Stunden Schlaf täglich brauche ich schließlich auch, wenn Sie verstehen, was ich meine“, sagte George und kniff grinsend ein Auge zu.

„Vollkommen.“

In diesem Augenblick ging ein Raunen durch die versammelten Künstler und es verbreitete sich rasch die Kunde, dass Franz Serken endlich eingetroffen war.

„Das ist er“, hörte George jemanden fast ehrfurchtsvoll hervorstoßen. Gemeint war ein etwa vierzigjähriger Mann mit markantem Gesicht. Das hervorstechendste Merkmal war zweifellos das spitze Kinn, dessen Wirkung noch dadurch verstärkt wurde, dass Serken einen Spitzbart trug. Er hatte ein abgewetztes Cordjackett an, das am linken Ärmel einen kleinen, hellblauen Farbfleck aufwies. Öl auf Cord - auch eine einprägsame Kombination, überlegte George.

Auf dem Kopf trug Serken eine betont schief sitzende Baskenmütze, unter der strähnige, dunkle und fast bis zu den Schultern reichende Haare hervorschauten, die sich leicht wellten. Ja, so ähnlich hätte George sich einen leibhaftigen Renaissancekünstler vorgestellt, aber im Hinblick auf die Gegenwart wirkte er seltsam deplatziert. Serken machte einen fast schon entrückten Eindruck. Er schien beinahe durch den Raum zu schweben, nahm die ihm von allen Seiten entgegengebrachten Huldigungen und bewundernde Blicke lächelnd entgegen und faltete zwischendurch immer wieder die Hände.

Dann trat er an das für ihn aufgestellte Rednerpult. Das Mikrofon quiekte. Franz Serken verzog das Gesicht. „Vielleicht kann das mal jemand für mich ausstellen“, forderte er. „Ich spreche ohnehin lieber ohne diese technischen Hilfsmittel.“

Seine sonore, durchdringende Stimme schien diese Unterstützung eigentlich auch gar nicht zu benötigen. George fühlte sich an das durch Zwerchfellatmung unterstützte Organ eines Opernsängers erinnert.

„Meine Damen und Herren, liebe Selfkänter Künstler und Kunstfreunde. Ich freue mich außerordentlich, dass Sie heute Abend so zahlreich in diesen Saal gefunden haben, und will mich nun auch gar nicht lange mit großen Vorreden aufhalten. Dazu ist die Sache, um die es geht, zu wichtig – auch mir ganz persönlich.“

Franz Serken unterstrich seine Ausführungen mit weit ausholenden Gesten.

„Schließlich sind zahllose Gemälde, die Dürer während seiner letzten Reise gemalt hat, verschollen, und wir kennen heute mit Sicherheit nicht Dürers Gesamtwerk, sondern eben nur den Teil, der die Zeiten durch glückliche Umstände überdauert hat. Manche der verschollenen Werke sind noch in Dürers umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen erwähnt, andere tauchen nicht einmal dort auf und stattdessen erleben wir wahrscheinlich noch in hundert Jahren, dass irgendwo und irgendwann Bilder, die lange Zeit in irgendwelchen Kellern oder Speichern gelagert haben, von tatsächlichen oder selbst ernannten Experten zu echten Werken Dürers erklärt werden ...“

Ein Raunen ging durch die Reihen der Anwesenden. „Will er hier die Sachverständigen beschimpfen, oder was soll das hier eigentlich?“, hörte George jemandem aus dem Publikum leise äußern.

Offenbar schien es da recht unterschiedliche Anschauungen zu geben und wenn George auch noch längst nicht alle Differenzierungen, die auf diesem Feld offenbar existierten, richtig verstanden hatte, so war ihm inzwischen doch klar geworden, dass Franz Serken wohl nicht den kunsthistorischen „Mainstream“ vertrat.

„Die grundlegenden Fakten sind im Fall Dürer schnell genannt“, fuhr Serken fort. „Er wurde am 21. Mai 1471 in Nürnberg als Sohn eines aus Ungarn eingewanderten Goldschmieds geboren und sollte zunächst auch dieses Handwerk erlernen. Fünfzehnjährig brach er diese Lehre aber ab und ließ sich stattdessen zum Maler bei Michael Wohlgemut ausbilden. Dürer starb beinahe siebenundfünfzigjährig am 6. April 1528 und galt schon den Zeitgenossen als einer der bedeutendsten Maler der Epoche. Im Gegensatz zu vielen seiner Künstlerkollegen war seine Auftragslage zumeist hervorragend, sodass er zahlreiche Lehrlinge und Gesellen beschäftigte. Ab 1503 ist dies belegt. Unter anderem waren Baldung Grien, Hans Schäufelein und Hans von Kulmbach bei ihm beschäftigt, später dann auch ein gewisser Wolfhart Munchheimer, der zwar zu vielen Werken Dürers Bedeutendes beitrug, aber aus irgendeinem Grund weit weniger bekannt ist als die vorher Genannten. Im Jahr 1520 brach Dürer mit seiner Frau Agnes zu einer Reise in die Niederlande auf. Und auf dieser Reise kam er auch hier durch den heutigen Selfkant. Bekannt ist, dass Dürer nicht nur von seiner Frau Agnes, sondern auch von einer Magd begleitet wurde, mit der manche Historiker ihm ein Verhältnis andichten. Ich persönlich bin mir da weit weniger sicher und vertrete auch in einem weiteren Punkt eine Ansicht, die von den meisten Fachleuten nicht geteilt wird. Ich bin nämlich durch das Studium von Dokumenten und nur schwer zugänglichen Quellen zu der Überzeugung gelangt, dass auch Dürers Geselle Wolfhart Munchheimer ihn auf dieser Reise begleitete und dass es letztlich dieser Wolfhart Munchheimer war, der jene unterwegs angefertigten Bilder malte, mit deren Hilfe Dürer seine Reise finanzierte. Dürer hat wahrscheinlich nicht einmal das für ihn typische Zeichen, das große „A“ mit dem unter dessen Querbalken platzierten „D“, selbst angebracht. In der damaligen Zeit galt das nicht als Etikettenschwindel, schließlich sind diese Werke ja unter Dürers Aufsicht von einem seiner Schüler gemalt worden.“

Für kurze Zeit entstand erneut ein Geraune im Saal und George überlegte, dass die sich vermutlich anschließende Diskussion sicherlich sehr aufschlussreich sein würde.

Es war förmlich zu riechen, wie einige der anwesenden Künstler, die sich überwiegend hobbymäßig mit dem Thema befassten, darauf reagierten.

„Versetzen wir uns in die Zeit zurück – und natürlich in Dürers persönliche Lebenssituation“, fuhr Franz Serken fort. „Da ist der ständige Streit zwischen Dürer und seiner Frau Agnes, die ihn im Verdacht hat, mit der Magd ein Verhältnis zu haben – was definitiv einem Irrtum unserer zeitgenössischen Wissenschaft entspringt und mit der Wahrheit nichts zu tun hat. Dann die Sorge, dass der neue Kaiser ihm vielleicht die Leibrente nicht verlängert, ein Kaiser, der selbst, auf Deutsch gesagt, pleite war und sich eigentlich schon die Anreise zu seiner Krönung in Aachen nicht hätte leisten können. Angesichts dieser Umstände waren solche Befürchtungen sicherlich begründet. Außerdem müssen wir uns vergegenwärtigen, dass Dürer sich in den Niederlanden mit Malaria infizierte und den großen Meister daraufhin wochenlang daran hinderte, irgendetwas zu Papier zu bringen, das etwas getaugt hätte!“

„Waren Sie vielleicht dabei?“, spottete ein Sprecher aus dem Publikum.

„Ich versuche nur zu begründen, weshalb die Bilder dieser Periode einem seiner Gesellen, namentlich Wolfhart Munchheimer, zuzuschreiben sind – und nicht dem großen Meister selbst“, verteidigte sich Franz Serken.

Serken breitete nun in aller Opulenz aus, was er über den Dürer-Aufenthalt im Selfkant in Erfahrung gebracht hatte. George musste sich alle Mühe geben, dabei ein Gähnen zu unterdrücken. Großartige Enthüllungen waren nämlich nicht darunter, soweit George das zu beurteilen vermochte. Dürer hatte hier und da Halt gemacht, war mal ein oder zwei Tage länger an einem Ort geblieben, um ein Bild zu verkaufen und war dann weitergezogen.

Im Anschluss an den Vortrag hatte die Kontroverse der Dürer-Experten im Saal aber doch noch freie Bahn.

Dr. Achten, der bekannte Heimatforscher, dessen Äußerungen zum Thema Albrecht Dürer George bereits im Radio verfolgt hatte, meldete sich zu Wort. Er gehörte zwar nicht zu den Selfkanter Künstlern, nahm aber als Gast an der Veranstaltung teil, weil ihn das Thema außerordentlich stark interessierte.

„Vielleicht können Sie mir eine Frage beantworten, Herr Serken“, sagte Dr. Achten. „Ich habe die Namen von Dürers Gesellen, die Sie erwähnten, bereits sämtlich in der einschlägigen Fachliteratur gelesen. Bis auf einen.“

„So?“ Serkens Stimme hatte jetzt einen schneidenden Unterton.

„Ich spreche von Wolfhart Munchheimer. Ehrlich gesagt, höre ich diesen Namen im Zusammenhang mit Dürer zum ersten Mal.“

„Was der Beweis dafür wäre, dass jeder noch dazulernen kann!“, versetzte Serken sarkastisch.

Nun drohte die Veranstaltung vollends aus dem Ruder zu laufen. Empört beschwerten sich einige der Anwesenden über das anmaßende Auftreten des Künstlers und Dürer-Experten, andere bezweifelten dessen fachliche Kompetenz. Um die Person des Wolfhart Munchheimer ging es dabei jedoch nur am Rande. Vielmehr stand das Verhältnis zwischen Dürer und seiner Magd nun zunehmend im Zentrum der Kontroverse.

„Das ist doch alles haarsträubender Unsinn!“, schimpfte Serken. „Ich habe Quellen, eindeutige, unzweifelhafte Quellen, die belegen, dass Wolfhart Munchheimer ein Verhältnis mit dieser Magd hatte – und nicht Dürer!“

Die Galeristin Liesel Hagen musste nun ihr ganzes diplomatisches Können aufbieten, um die Wogen einigermaßen zu glätten.

„Mir ist bewusst, dass viele der hier vertretenen Thesen sehr umstritten sind“, erklärte sie in einem verbindlichen Tonfall. „Aber andererseits sollten wir doch froh darüber sein, dass wir hier ein Forum haben, auf dem so unterschiedliche Standpunkte offen vorgetragen werden können. Und genau so verstehe ich auch den Vortrag von Herrn Serken: als einen Diskussionsbeitrag in einem Forschungsgebiet, auf dem das letzte Wort ganz sicher noch nicht gesprochen ist.“

Nach Georges Eindruck war für Franz Serken das letzte Wort auf diesem Gebiet jedoch längst gesprochen. Dieser verließ den Raum und schien alles in allem ziemlich beleidigt darüber zu sein, dass seine Ausführungen zu Dürers letzter Reise keine ungeteilte Begeisterung ausgelöst hatten.

Der zweite und letzte offizielle Programmpunkt des Abends wurde von einem agilen, dynamisch wirkenden Mann bestritten, der schon die ganze Zeit über ziemlich unruhig abgewartet hatte, bis sich die Wogen des Dürer-Disputs gelegt hatten.

Marcus Gerresheim war sein Name, und jetzt schlug seine Stunde. Er war kein Künstler, sondern in ganz eigener Mission auf dieser Versammlung. Und dass er an diesem Abend hier war, hatte durchaus etwas mit Georg Schmitz zu tun, denn dieser hatte kurzfristig den Kontakt zwischen der Selfkanter Künstlergruppe und Gerresheim vermittelt. Zu bieten hatte er eine außergewöhnlich gute Idee für ein Projekt im Selfkant.

Es war nun schon ein paar Wochen her, da hatte den Reporter ein Anruf per Handy erreicht.

„Marcus Gerresheim - von Mobile Discovery. Guten Morgen, Herr Schmitz“, hatte sich der Anrufer damals gemeldet.

„Wovon sind Sie?“, hatte George damals erstaunt nachgefragt.

„Unser Unternehmen heißt Mobile Discovery, Herr Schmitz, und mein Name ist Marcus Gerresheim.“

Doppelt gesagt, behält man besser, war es George dabei durch den Kopf gegangen. Jedenfalls hatten Leute wie Gerresheim ein Talent dafür, genau die Dinge oft genug zu wiederholen, die der Gesprächspartner hinterher auch behalten haben sollte.

„Als Geschäftsführer möchte ich Ihnen eine Pressemeldung für die Selfkant-Zeitung zukommen lassen. Es geht um das innovative Projekt Kult(o)hr.“

Ein O in Klammern hatte Schmitz natürlich nicht hören können, aber später, als er diesen Begriff in Schriftform gesehen hatte, prägte sich ihm diese Besonderheit in der Schreibung gleich ein.

„Welches Ohr?“, hatte der Reporter damals etwas irritiert wissen wollen.

„Kult(o)hr heißt das Projekt und hat mit Kultur und Tourismus zu tun.“ Gerresheim sprach von Handynummern, die man anwählen konnte, um Informationen über Kulturdenkmäler einer Region zu bekommen. Ein Fremdenführer aus dem Handy und auf die Schnelle sozusagen. Offenbar war dieses Projekt in anderen Regionen bereits ein voller Erfolg.

„Ich habe da einen heißen Tipp für Sie, Herr Gerresheim“, hatte George also zu ihm gesagt. „Der Selfkant sucht neue touristische Herausforderungen in Form von umsetzbaren innovativen Projekten. Und das, was Sie mir da gerade auf die Schnelle vorgestellt haben, wäre bestimmt was für die Zipfelgemeinde. Sie kennen doch den Selfkant?“

„Natürlich kenne ich die westlichste Zipfelgemeinde der Bundesrepublik“, entgegnete Gerresheim und glänzte weiter mit seinem Wissen: „Die Selfkantregion nimmt doch am LEADER-Programm und am Projekt EUROMOSA der Europäischen Union teil. Leider kenne ich diese Region nur vom Hörensagen.“

„Dann ist Ihnen etwas Wichtiges bis jetzt entgangen!“, meinte George mit gespielter Empörung. „Sie müssen den Selfkant mit seinem ländlichen Flair, den touristischen Attraktionen und den vielen kulturellen Highlights mit eigenen Augen gesehen haben, sonst können Sie gar nicht mitreden.“

„Bei allem Verständnis für Ihren Lokalpatriotismus, Herr Schmitz, aber ...“

„Rufen Sie doch mal den bei der Gemeinde Gangelt ansässigen Verein Lokale Aktionsgruppe „Der Selfkant“ an. Da wird Ihnen die Regionalmanagerin, Frau Pondeva, sicherlich weiterhelfen können. Übrigens Nadejda mit Vornamen, eine junge, agile Dame mit Charme und messerscharfem Verstand“, führte der Reporter weiter aus, der die Regionalmanagerin kürzlich bei einem Pressetermin mit dem Landwirtschaftsminister am Bahnhof in Schierwaldenrath kennen gelernt hatte. Sie war die richtige Ansprechpartnerin, wenn es um touristische Belange ging.

„Könnte interessant werden“, hatte Marcus Gerresheim daraufhin gemeint. George und Gerresheim hatten sich noch etwas unterhalten, und da sein Anrufer recht mitteilsam war, hatte der Reporter noch das eine oder andere über seinen Gesprächspartner erfahren. Nach seinem Maschinenbau-Studium hatte der Softwarearchitekt und -analyst Gerresheim bei allen führenden Mobilfunkanbietern kundenspezifische Anwendungen realisiert, die er entwickelte und seit zehn Jahren als innovative Lösungen im Telekommunikationsbereich vertrieb.

Für den Rhein-Kreis-Neuss hatte er kürzlich das Projekt Kult(o)hr entworfen und umgesetzt, das er nun auch anderen touristisch interessierten Regionen anbieten wollte.

An dem Dürer-Abend im Haus Hamacher konnte Gerresheim das Projekt nicht nur kurz vorstellen, sondern auch die gute Botschaft vermelden, dass man im Selfkant bereits auf das Kult(o)hr-Projekt aufmerksam geworden war. Nachdem Gerresheim dann noch ein paar Fragen beantwortet hatte, ging man zum gemütlichen Teil des Abends über.

George, der wie immer auf jeglichen Alkohol verzichtete, bestellte sich ein Mineralwasser und gesellte sich mal zu dieser und mal zu jener Gesprächsgruppe.

Natürlich war die Kontroverse des Abends über die Thesen von Franz Serken zunächst mal das Gesprächsthema Nummer eins.

So saß George einige Zeit an einem Tisch mit einem Quartett zusammen, dessen Gespräch der Reporter sehr interessiert verfolgte, ging es doch darin unter anderem auch um die Familie Drenkhaus.

Zu diesem Quartett gehörte Michael Saran, mit siebzig Jahren der Senior am Tisch. Er hatte eine Ausbildung an der Kunstakademie hinter sich und war von Beruf Maler.

„Ich verstehe nicht, weshalb Merle Drenkhaus heute Abend nicht hier ist“, meinte er. „Ich meine, gerade das Thema Dürer betrifft sie nun in besonderer Weise und ursprünglich hat sie uns den Herrn Serken auch als Referenten vorgeschlagen ...“

„Haben Sie denn davon noch nichts gehört?“, fragte ihn sein Tischnachbar. George hatte schon durch das vorhergehende Gespräch mitbekommen, dass dieser Künstler, Jürgen Völker, jemand war, der sich besonders der Sand- und Specksteinkunst, aber auch der bildenden Kunst in Öl, Pastell, Acryl und Mischtechniken widmete.

„Merles Mann ist doch im Betonpfeiler der Brücke an der B 56 n gefunden worden.“

„Wie bitte?“, fragte Saran bestürzt.

„Ja, ich weiß nicht, wie man das besser ausdrücken kann. Das hat mir der alte Termeulen erzählt.“

„Na ja, dann dürfte ja wohl klar sein, weshalb Merle Drenkhaus heute nicht hier aufgetaucht ist“, meinte John Deckers.

„Ich habe auch von dem Toten im Beton gehört“, meldete sich nun die einzige Frau am Tisch zu Wort. Es handelte sich um die stets gut gelaunte Gabi Plum, Mitte vierzig und erfolgreiche Künstlerin aus Waldfeucht-Haaren. Sie hatte sich ein Zachte-Bier bestellt, das hier in der Region gebraut wurde. „Meinen Sie den Architekten Drenkhaus?“, erkundigte sie sich dann noch.

„Ganz genau“, bestätigte Völker. „Und der Finger, der aus dem gegossenen Beton herausragte, deutete auf ein Graffiti mit den Buchstaben „AD“ – wie Albrecht Dürer. Also Zufall ist das nicht.“ Er sprach etwas leiser weiter. „Vor allem, wenn man bedenkt, was ich jetzt über ein paar Ecken gehört habe.“

„Was haben Sie denn gehört?“, fragte George.

Völker sah George stirnrunzelnd an. Er konnte sich in diesem Moment der ungeteilten Aufmerksamkeit aller vollkommen sicher sein. „Na, auf Gut Drenkhaus wurde doch ein Bild gefunden. Ein Dürer. Oder ein nachgemachter Dürer, keine Ahnung. Jedenfalls steht das berühmte „AD“ drauf, was aber auch, ehrlich gesagt, nicht allzu schwer nachzumachen sein dürfte.“

„Ich habe das Bild auch gesehen“, bekannte George, „allerdings nur kurz und flüchtig. Wissen Sie mehr darüber, Herr Völker?“

„Wenn Sie mich so fragen, dann weiß ich eigentlich nur das darüber, was der Thomas Drenkhaus so herumerzählt. Zum Beispiel, dass er seine Schulden für den Wagen bald zurückzahlen könnte. Gleichzeitig lässt Merle Drenkhaus die Dürer-Experten bei sich zu Hause ein- und ausgehen. Die Leute erzählen, das Bild wurde auf dem Dachboden des Hofes gefunden.“

Aus der Tischrunde meldete sich eine Künstlerin zu Wort, die George als Renate von Birgeln vorgestellt worden war: „Hoffentlich ist Frau Drenkhaus nicht an Scharlatane geraten. Auf diesem Markt herrscht nämlich die Kunstmafia. Der Besitzer einer Galerie in Düsseldorf, die einen ausgezeichneten Ruf bezüglich Expertisen alter Meister genießt, warnt schon seit längerem vor verbrecherischen Machenschaften auf diesem Gebiet.“

Das Gespräch plätscherte dahin und drehte sich noch etwas länger um die Aktivitäten der Kunstmafia, wozu jeder seine einschlägigen Erfahrungen beitragen konnte.

Bevor George schließlich die Versammlung verließ, passte ihn Liesel Hagen ab.

„Sie wollen schon gehen?“

„Na ja, ich muss!“

„Der Artikel muss noch fertig werden, was?“

„So ist es.“

Am späten Abend, als George zum Mercator-Hotel zurückschlenderte, überlegte er kurz, ob er sich noch einen kleinen Imbiss gönnen sollte. Wenn er es recht bedachte, hatte er heute noch nichts gegessen.

Er suchte sich einen Platz im gemütlichen Restaurant des Mercator-Hotels und bestellte sich noch einen Toast mit Putenstreifen. Dabei hatte er die Lounge bestens im Blickfeld.

Dort saß der arrogante Psychologe Dr. Dr. Roloffsen zusammen mit einer drallen Blondine, der er in allen Einzelheiten seine Reinkarnationstherapie erläuterte. Offenbar war die Blondine eine Kollegin vom Fach, die ebenfalls das im Mercator-Hotel stattfindende Seminar der Reinkarnationstherapeuten besuchte. Zumindest ließen ihre sehr detaillierten Nachfragen zu Einzelheiten bei den angewandten Hypnosetechniken darauf schließen, dass sie sich ebenfalls sehr gut auskannte.

Schließlich wechselten sie das Thema und kamen auf Allgemeineres zu sprechen.

„Also ehrlich, der Selfkant, Gangelt ... Das hat mir bisher nicht viel gesagt. Ich frage mich, wer auf die Idee gekommen ist, unser Seminar für Reinkarnationstherapie ausgerechnet hier ans Ende der Welt zu verlegen ...“

Roloffsen spottete: „Und nicht in eine Weltstadt wie Düsseldorf, das wollten Sie doch sagen, oder?“

„Natürlich“, versetzte die Blondine spitz und beide lachten, bevor sie dann ziemlich synchron ihre Gläser hoben und einen Schluck daraus nahmen.

„Ich gebe zu, zu Hause in Düsseldorf wäre es mir lieber gewesen, aber mir war der Selfkant trotzdem auch vorher schon ein Begriff. Ich habe sogar einen Patienten aus der Gegend. Oder besser gesagt – ich hatte. Der Kerl ist jetzt ein paar Kilometer weiter nach Holland gezogen. Dazu hatte ich ihm geraten.“

„Wieso das denn?“

„Weil sich in einem seiner früheren Leben in Gangelt etwas ereignet hatte, das ihn mit einem starken Trauma belastete, von dem er sich einfach nicht lösen konnte.“

„Ja, ja“, meinte die Blondine. „So eine Luftveränderung kann Wunder bewirken. Das tut fast so gut wie ein Besuch beim Friseur. Aber das werden Sie wohl weniger verstehen ...“

George hörte dem lauten Gespräch zwischen Dr. Dr. Roloffsen und der Blondine notgedrungen noch eine Weile zu. Dabei checkte er mit dem Laptop seine E-Mails. Eine besonders dringende von der Redaktion war dabei. Betreff: GIBT ES NEUES??? mit drei Fragezeichen. Seine Antwortmail war kurz und knapp: NEIN!!! mit drei Ausrufungszeichen.

Dann sah er sich die Fotos, die er heute geschossen hatte, noch mal auf dem Rechner an – darunter auch dasjenige von dem Gemälde auf Gut Drenkhaus.

„AD“ – wie Albrecht Dürer. Es war sehr deutlich zu erkennen.

Hatte das Ehepaar Drenkhaus tatsächlich einen Dürer irgendwo auf dem Dachboden gefunden? Aber wie kam Thomas Drenkhaus dann zu der Annahme, dass ihn sein Bruder und seine Schwägerin an dem zu erwartenden Geldsegen beteiligen und er mit dem Verkaufserlös des Bildes seine Schulden würde zurückzahlen können?

Zusammen mit dem Umstand, dass das Verhältnis zwischen Merle und Thomas offenbar weitaus enger war, als man es normalerweise zwischen Schwager und Schwägerin annehmen konnte, stützte das einen Verdacht.

Wenn Merle und Thomas sich sowohl das Bett als auch den Erlös für den Dürer teilen wollten, war Kurt Drenkhaus natürlich im Weg gewesen. Vielleicht hatte er auch von den Plänen der beiden erfahren, es war zum Streit gekommen.

Und wie war der Architekt dann in den Betonpfeiler gelangt?

Für den nächsten Morgen nahm sich George jedenfalls gleich vor, bei der Kripo anzurufen, um zu erfragen, ob schon ein vorläufiger Obduktionsbericht vorlag. Darin sollte dann eigentlich die tatsächliche Todesursache zu finden sein – und auch ein Hinweis darauf, ob Kurt Drenkhaus tatsächlich bei der Brücke gestorben oder erst nach seinem Tod dorthin gebracht worden war. George zoomte in dem angeblichen Dürerbild das wohlbekannte „AD“-Markenzeichen, das der Künstler in das Wappen eingefügt hatte, näher heran.

Dann betrachtete er die Silhouette des mittelalterlichen Gangelt. Sein Blick fiel auf den Gangelter Kirchturm. Dort erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Vom Grau des Turmes hoben sich Zahlen ab. Sie waren quadratisch angeordnet. Ein Zahlenquadrat, das sich nur dem genauen Betrachter offenbarte. Hatte es irgendeine Bedeutung? Handelte es sich um einen spätmittelalterlichen Geheimcode? Eine Botschaft aus der Dürer-Zeit, die vielleicht sogar ein Beweis für die Echtheit des Bildes sein konnte?

Bevor er das Bild groß genug herangezoomt hatte, um wirklich alle darin enthaltenen Ziffern erkennen zu können, hatte die Blondine Roloffsen verlassen, und der Reinkarnationstherapeut trank gedankenverloren sein Glas Wein aus.

Diesen Moment beschloss George zu nutzen. Denn so sehr der Tote im Beton und das Dürer-Bild ihn auch beschäftigten, ein guter Reporter musste immer auch einen Blick für neue Themen bewahren. Und ein Kongress von Psychologen oder Parapsychologen im Mercator-Hotel von Gangelt war auf jeden Fall ein Ereignis, das berichtenswert war, zumal das Thema nun wirklich nicht alltäglich war.

Also klappte George seinen Laptop zu, klemmte ihn unter den Arm und setzte sich neben Roloffsen.

„Guten Tag, Sie sind doch Dr. Dr. Roloffsen, der berühmte Parapsychologe ...“

„Reinkarnationstherapeut – nicht Parapsychologe“, raunzte Roloffsen etwas ärgerlich. „Und ich habe eigentlich nicht vor, einem offenbar völlig Unwissenden den Unterschied zu erklären.“

„Das sollten Sie vielleicht aber doch tun, denn ich bin letztlich nur genauso unwissend wie viele Tausende von Lesern unserer hiesigen Zeitung.“

Das Wort „Zeitung“ veränderte die gesamte Gesprächsgrundlage.

Roloffsen war auf einmal sehr viel freundlicher.

„Georg Schmitz, Selfkant-Zeitung“, stellte sich der Reporter vor und gab Roloffsen seine Karte. „Darf ich ein Foto machen?“

„Das dürfen Sie.“

„Ich finde die Idee sehr interessant, die Probleme eines Menschen dadurch zu lösen, dass man ihn in vergangene Leben zurückführt ...“

„Wenn man davon ausgeht, dass die Wiedergeburt eine Tatsache ist, dann werden auch unsere Traumata wiedergeboren“, erklärte Roloffsen. „Diese Ideen gibt es seit Jahrzehnten und inzwischen hat sich die Reinkarnationstherapie sehr stark weiterentwickelt. Übrigens, wir haben auch Patienten hier in der Gegend.“

„Können Sie mir vielleicht ein paar nennen?“

„Wo denken Sie hin, Herr Schmitz, das unterliegt doch alles der Schweigepflicht.“

„Es geht mir darum, auch die Seite der Patienten zu Wort kommen zu lassen und außerdem wäre dann ein noch stärkerer regionaler Bezug in der Berichterstattung vorhanden.“

Diesem Argument war Roloffsen durchaus aufgeschlossen.

So weit, seine Therapeutenehre zu verkaufen, ging er dann aber doch nicht.

„Sie wohnen doch auch hier im Hotel, oder?“

„Richtig.“

„Dann sehen wir uns ja wohl noch des Öfteren. Ich werde die betreffenden Patienten einfach anrufen und fragen, ob jemand von ihnen bereit wäre, Ihnen Auskunft zu geben. Wie gesagt, es geht um die Rechte der Patienten, nicht darum, dass ich etwas zu verbergen hätte.“

„Schon klar“, sagte George.

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Kapitel 4

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Am nächsten Morgen machte George nach dem Frühstück einen Spaziergang zum neuen Gewerbegebiet zu Lotto Schroeder. Er beabsichtigte Ursula Schroeder, genannt Ulla, zu befragen, die nach Angaben von Frau Wald möglicherweise demselben rasenden Kombi mit schrillem Nebengeräusch über den Weg gelaufen war wie sie.

Und das im wahrsten Sinn des Wortes.

Frau Schroeder hörte sich zunächst Georges knappe Zusammenfassung an. Er referierte dabei nur die nötigsten Fakten und ließ alles weg, was nur auf Vermutungen basierte.

„Ja, es stimmt“, bestätigte Ulla Schroeder. „Dieser Kombi fuhr wirklich wie der Teufel! Aber an mir ist der glücklicherweise nicht so knapp vorbeigerauscht wie es bei Frau Wald der Fall gewesen ist. Die kennen Sie doch sicher, oder nicht?“

„Ich habe mich ausführlich mit ihr unterhalten“, sagte Schmitz. „Deswegen bin ich überhaupt auf Sie gekommen.“

„Dann wissen Sie ja, dass die Frau Wald richtig zur Seite springen musste, damit der Verrückte sie nicht erwischt. Ich hatte da ja mehr Glück, nur mein Hund hat sich furchtbar erschreckt.“

„Na, ich hoffe, der hat sich wieder beruhigen können.“

„Hat er. Aber es hat eine Weile gedauert. Zuerst hat er alle Autos angekläfft und ich musste meine ganze hundepädagogische Erfahrung einsetzen, um zu verhindern, dass daraus eine dauerhafte Angewohnheit wird.“

„Der Wagen soll ein schrilles Geräusch gemacht haben ...“, versuchte der Reporter seine Gesprächspartnerin behutsam auf das Gesprächsfeld zurückzuführen, das ihn im Moment am meisten interessierte.

„Stimmt“, nickte sie. „Ich bin zwar kein Kfz-Mechaniker oder Mechatroniker, wie das neuerdings heißt, aber nach meiner unqualifizierten Laiendiagnose war der Keilriemen ziemlich locker. Ob Ihnen das allerdings jetzt weiterhilft ...“

„Das weiß man vorher nie so genau.“

Sie beugte sich etwas vor und raunte George augenzwinkernd zu. „Im Allgemeinen sind Sie doch gut informiert, Herr Schmitz.“

George hob die Augenbrauen. „Ein rasender Reporter wie ich sollte das schon für sich in Anspruch nehmen“, fand er.

„Gibt es schon irgendeine Spur von dem Kerl, der einen Mann im Brückenpfeiler einbetoniert hat?“

„Wer sagt Ihnen, dass das ein Kerl getan hat?“, fragte Schmitz zurück.

„Na ja ...“

„Aber Sie werden es ganz gewiss vor den meisten anderen erfahren.“

„Wieso?“

„Weil Sie die Zeitung doch ein bisschen eher bekommen als die anderen.“

Als George dann den Laden verlassen wollte, hielt Ulla Schroeders Stimme ihn noch einmal kurz zurück.

„Herr Schmitz?“

George wirbelte herum. Mit der Linken hielt er dabei den Griff der halb geöffneten Tür, durch die ein Schwall überraschend kühler Luft hereinwehte.

„Ja?“

„Mir fällt da noch etwas ein, über den Kombi des Rasers.“

„Sagen Sie bloß, Sie können sich an den Wagentyp erinnern!“

„Nein, das nicht.“

„Schade.“

„Aber an das Nummernschild.“

„Das ist noch besser.“

„Es war gelb. Was drauf stand, daran kann ich mich nicht erinnern. Dazu ging auch alles viel zu schnell. Aber bei der Farbe bin ich mir hundertprozentig sicher: gelb, wie bei den Holländern.“

Als er aus dem Laden trat, überblickte er die riesige Parkfläche, auf der fast genauso viele niederländische Wagen parkten wie deutsche. Die nahe Grenze zu den Niederlanden lockte wohl viele Kaufwillige in das Nachbarland.

Mehrmals versuchte George im Verlauf des Vormittags, Kommissar Krichel an den Apparat zu bekommen. Vergeblich. Nur Krichels Mailbox auf dem Handy war aktiv. Und was Kevin Clausen von der Kripo Aachen anging, so bekam er auch zu dem keinen telefonischen Kontakt. Ein Mitarbeiter sagte ihm, Clausen befinde sich in einer dringenden Konferenz.

„Ich hoffe nur, dass es keine Pressekonferenz ist, dann wäre ich nämlich gerne dabei“, sagte George, aber der Mitarbeiter verstand den Witz nicht und blieb ernst. Über den Obduktionsbericht könne er nichts sagen, so beschied er George trocken. Nicht einmal darüber, ob der Bericht nun schon vorliege oder nicht.

„Entgegenkommen buchstabiert sich aber anders“, murmelte George vor sich hin, nachdem er das Gespräch beendet hatte.

Gegen Mittag fuhr der Reporter zum Gut Drenkhaus. Er musste jetzt Merle und Thomas ein paar unangenehme Fragen stellen, daran führte einfach kein Weg vorbei.

Und sei es nur, damit er die beiden als Verdächtige ausschließen konnte. Aber insgeheim hatte sich sein Verdacht, dass der Tod von Kurt Drenkhaus das Ergebnis eines Familiendramas war, bereits verfestigt.

George parkte seinen Lupo auf dem Hof vor dem Hauptgebäude. Er stieg aus. Hinter dem Stall ragte die Motorhaube eines breiten Wagens hervor. Die Audi-Ringe waren nicht zu übersehen. Eigentlich hatte George im ersten Moment angenommen, dass dies einer der Wagen der Besitzer von Gut Drenkhaus war, aber das gelbe Nummernschild ließ ihn aufmerken.

Ein niederländisches Auto.

Wenn das ein Kombi wäre, wäre das zu schön, um wahr zu sein, dachte der Reporter. Aber der hintere Teil des Wagens war nicht zu sehen.

George klingelte an der Tür – keine Reaktion.

Er klingelte ein zweites Mal und wieder rührte sich nichts.

Das scheint hier ja Tradition zu haben, dachte er und bemerkte im nächsten Moment, dass die Tür offen stand. Das Schloss war ziemlich grob aufgebrochen worden. Um das zu erkennen, musste man nicht mal Ahnung von Kriminaltechnik oder erkennungsdienstlichen Methoden haben.

Die Neugier packte den Reporter.

Er stieß die Tür zur Gänze auf und lauschte.

Nichts zu hören.

Dann betrat er vorsichtig die Diele. Stille umfing ihn.

Neugierig bewegte er sich auf das Wohnzimmer zu.

Das Erste, was ihm auffiel, war die Tatsache, dass das Dürer-Bild, mochte es nun echt oder nachgemacht sein, nicht mehr an seinem Platz hing.

Von der Seite sah George plötzlich eine schnelle Bewegung. Mit den Augenwinkeln erfasste er einen Schatten, aber ehe er sich umdrehen konnte, traf ihn ein fürchterlicher Schlag an die Schläfe.

George taumelte zu Boden. Dabei versuchte er den Aufprall mit den Armen abzubremsen. Er sah ein paar weiße Turnschuhe der Marke Puma vor sich. Einer davon schnellte auf ihn zu und traf ihn mit voller Wucht in der Magengrube.

Einen Moment lang wurde es George schwarz vor Augen. Ein zweiter Tritt in seine Weichteile raubte ihm den Atem.

Durch einen roten Nebel aus Schmerz hörte er leichtfüßige Schritte sich entfernen. Wenig später wurde ein Wagen angelassen. Ein schrilles Heulen mischte sich in das Motorengeräusch wie eine Höllensirene.

Der Keilriemen ...

Wenig später war der Wagen davongebraust.

George ächzte.

Er versuchte, sich aufzurappeln. Ein furchtbarer Schmerz durchraste ausgehend von der Magengegend seinen gesamten Körper. Er tastete nach seiner Brille.

In absurden Situationen kamen einem manchmal absurde Gedanken – und in Georges Fall lautete dieser absurde Gedanke: Hoffentlich ist meiner Kamera nichts passiert!

Danach verlor er das Bewusstsein.

*

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Anno 1521

Wolfhart Munchheimer ist mein Name und ich war erst Lehrling und dann Geselle beim großen und allüberall gerühmten Maler und Kupferstecher Albrecht Dürer dem Jüngeren aus Nürnberg, dessen Bilder Kaiser Maximilian und so manch anderen Fürsten hoch erfreuten. Bekannter noch als sein Name aber dürfte das Zeichen sein, das auf allen Werken aus seiner Werkstatt zu finden ist und das aus einem A und einem D in ebenso einfacher wie wirkungsvoller Verschränkung gebildet wird und sich dem Auge wie dem Verstande sofort einprägt.

Diese Zeilen schreibe ich, der Wahrheit zu Ehren, die sonst verloren ginge. Eine Wahrheit, die vielen missfallen wird und bei anderen gar Zorn erregen könnte. Doch aller Zorn - außer dem Zorn des Herrgottes - soll mir dabei vollkommen gleichgültig sein.

Ich war mit meinem Herrn, dem großen Albrecht Dürer in der Gegend von Gangelt, einem kleinen Flecken Erde mit einer Burg und eigenem Markt, der merklich bescheidener war als all die Weltstädte, die ich mit meinem Herrn habe bereisen dürfen. Wir waren in Antwerpen und in Brügge gewesen, und selbst diese Städte waren nach den Schilderungen meines Herrn Dürer nichts als Dörfer gegen Venedig. Vielleicht aber kam mir, der ich nun schon einige Jahre das Leben in Nürnberg gewohnt war, wo mein Meister seine Werkstatt unterhielt, eben aus diesem Vergleich jeder Ort so klein und winzig vor, der nicht wenigstens annähernd dieselbe Bedeutung und dieselbe Größe hatte.

Jedenfalls will ich nicht verhehlen, eine gewisse Enttäuschung gespürt zu haben, denn man hatte uns eine Stadt mit Burg und Markt verheißen. Was sich uns aber präsentierte, als wir uns mit dem Wagen dem Orte Gangelt näherten, war eine Burg mit ein paar Häusern.

Das auffälligste und am weitesten ins Land hinein zu sehende Merkmal Gangelts war aber der Kirchturm.

Da ich Maler bin wie mein Meister und von diesem ausgebildet werde, hatte ich gleich den Gedanken, wie wunderbar sich dieser Kirchturm in seiner besonderen Lage dazu eignen würde, die Gesetze der Perspektive und des goldenen Schnittes, an deren Entwicklung mein Meister nicht unwesentlich beteiligt ist, bildnerisch auf die Leinwand zu bannen.

Ich wusste, dass mein Meister dieselben Gedanken hatte, denn da er mich ausgebildet hat, habe ich gelernt, zu denken wie er, sodass unsere Gedanken manchmal verschmelzen, und man nicht sagen kann, wer nun als Erster daran dachte!

„Ein solcher Turm ist ein Geschenk des Herrn für den Maler“, stieß Dürer hervor, denn er konnte sich an diesen Geschenken Gottes als Künstler erfreuen. Wer glaubt, dass der Maler etwas hervorbringt, der irrt. Dies sagen nur Leut’, die nicht imstande sind zu sehen. Leut’, die einfältige Augen haben und blind sind, obwohl sie durchaus mit einem Hammer den Nagel auf den Kopf zu treffen vermögen. Aber sie sehen nicht wirklich, was vor ihnen ist. Sie sind unfähig, die Verhältnisse der Dinge zueinander zu erfassen. Das Erste, was ein Maler zu lernen hat, ist nicht der Umgang mit dem Pinsel oder das Mischen der Farben. Zuerst muss er lernen, richtig zu sehen, denn nur dann kann er das Gesehene so auf die Leinwand bannen, dass der Betrachter von Herzen angerührt wird.

Mein Herr und Meister hat diese Fähigkeit so sehr entwickelt wie kaum jemand vor ihm, und da ich bei ihm lernte, lernte ich von ihm das Sehen noch einmal ganz von vorn, so wie ein unverständiges Kind, das keinen Begriff von den Dingen hat, die es umgeben.

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Ich will nun aber nicht ausschweifig werden, auch wenn die Angelegenheiten, darüber ich hier schreibe, gewiss nicht nebensächlich sind. Sondern ich will fortfahren, die Wahrheit zu berichten, die sonst verloren ginge. Die Schrift überlebt den Abgrund der Zeiten, der uns von den Nachgeborenen trennt.

Und vielleicht wird irgendwann einmal jemand diese Zeilen finden, sodass er weiß, was wirklich geschehen ist und was nur der Lüge und der beschönigenden Darstellung jener entspringt, die ein Interesse daran haben, mehr zu verbergen als zu enthüllen.

So kamen wir denn in den Ort Gangelt und logierten in einem einfachen Gasthause, in dessen Gebälk es sehr viele Wanzen gab, das aber ansonsten recht angenehm war, angenehmer jedenfalls, als wir es später im erhaben-kaiserlichen Aachen treffen sollten, wo wir in einer Stube, nur einen Steinwurf vom Dom entfernt nächtigten. Doch in Aachen hatte die Pest gewütet und deshalb war alles dort sehr heruntergekommen, denn diejenigen, die es hätten pflegen sollen, waren in großer Anzahl auf den Knochenäckern verscharrt worden.

Doch zurück zu den Verhältnissen im Gasthof zu Gangelt.

Das Fleisch war stark gewürzt und Dürers Gattin Agnes argwöhnte, ob dies vielleicht nicht an mangelndem kulinarischen Können des Wirtes lag, sondern vielmehr seiner Geschäftstüchtigkeit geschuldet sei, indem er altes, verdorbenes Fleisch auf diese Weise doch noch an den Mann brachte.

So verzichtete Frau Agnes denn auch darauf, die zugeteilte Portion selbst zu essen, und gab sie ihrer Magd. „Da du dir sonst auch gerne nimmst, was mein ist, so nimm auch das hier! Aber beklage dich nicht, wenn du dich daran verschluckst oder dir übel wird!“, sagte sie dazu.

Diese Worte konnte man nur auf eine Art verstehen und alle am Tisch taten es auch wohl, aber zogen es vor zu schweigen, um den Unfrieden nicht noch weiter zu mehren.

Nun muss man dazu wissen, dass Agnes ihren Mann verdächtigte, nächtens der Magd beizuwohnen und ein gar liederliches Verhältnis mit ihr zu pflegen. Es hatte darum auch schon Streit gegeben, dass er die Magd entlassen sollte, aber Albrecht hatte eingewandt, dass es nicht leicht sei, eine Magd zu finden, die vertrauenswürdig wäre, sich nicht am Geld vergreifen würde und zudem bereit sei, die beschwerlichen Reisen trotz geringen Entgelts mitzumachen.

Doch will ich darüber an dieser Stelle nicht mehr erzählen – nur noch, dass die Magd sich über die zusätzliche Portion Fleisch sehr freute.

„Es ist besser, eine Frau sieht drall und gesund aus, denn knochig und hungersüchtig, wie arme Sünderinnen, die sich das Geld auf der Straße verdienen müssen, schon nach ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr keinen Zahn mehr im Mund haben und so faltig aussehen, dass man denken könnte, sie seien hundertjährig“, erinnere ich mich an die Erwiderung der Magd. Dass die im Vergleich zur Magd eher hagere Gestalt von Frau Agnes hier gemeint war, ohne es wirklich auszusprechen, ist wohl jedem klar gewesen, der dies hörte. Dass es die Magd überhaupt wagte, sich diese Frechheit gegenüber ihrer Herrin herauszunehmen, mag Agnes in der Annahme bestätigt haben, dass diese in gewisser Hinsicht längst ihre Stelle bei Meister Albrecht eingenommen hatte.

Nun gab es so manchen Streit deswegen unter den Eheleuten, aber schließlich kam ein Mann an den Tisch, der seiner Kleidung nach recht wohlhabend war.

„Seid Ihr der große Albrecht Dürer, auf dessen Bildern ein „A“ und ein „D“ stehen, als wären sie ein Malerwappen?“, fragte der Mann. Zwar war der Name des Meisters bei vielen bekannt, aber keineswegs sein Antlitz. Und da es zu jener Zeit viel Warenhandel mit den Niederlanden gab, waren auch ständig Fuhrleute und Händler in den Gasthöfen der Gegend, wie ich selbst in der Folgezeit erfuhr.

„Der bin ich sehr wohl“, sagte der Meister.

Der Mann stellte sich als Wolfgang Drenkhäuser vor und erzählte, dass er im nahe gelegenen Süsterseel ein Gut besitze, das Drenkhaus geheißen werde, weil auch ein Wirtshaus dazugehöre, in dem man recht ordentlich und zu angemessenen Preisen trinken könne. Das Bier aus der eigenen Brauerei sei das Beste in der Umgebung und werde allüberall hochgelobt. Selbst Händler aus Köln und ein Abgesandter des Bischofs von Münster seien schon gekommen, um es fässerweise wegzuschaffen.

Dann sprach Wolfgang Drenkhäuser: „Unserem Gut ist jedoch ein Nachteil gegeben, der schwer wiegt ...“

„Nun, ich verstehe mich nicht auf die Gutsverwaltung und werde Euch kaum einen Ratschlag geben können“, so gab Meister Albrecht leicht erheitert zurück, was die Stimmung bei Tisch auflockerte. Diese Stimmung war zuvor wie die glimmende Lunte einer Hakenbüchse gewesen, von der man weiß, dass sie binnen zweihundert Herzschlägen losschießen wird, sodass es kein Wunder ist, dass unser alter Kaiser Maximilian die neuen Radschlosspistolen als unritterlich und unchristlich verbieten wollte, weil niemand die Lunte riechen und deshalb niemand gewarnt werden kann vor dem Unglück, das da auf ihn zukommt.

Das Unglück aber, das sich am Tische des Meisters Albrecht zusammenbraute, hatte jeder merken können, und so war ich sehr erleichtert, dass es nicht zum Knall kam, bringt das doch stets nur Verdruss für alle mit sich und ändert doch selten etwas an der Sache selbst.

Es brachen also Heiterkeit und Gelächter aus.

Trotz des Spotts, den Meister Albrecht mit seiner Erwiderung über dem Haupte des Wolfgang Drenkhäuser ausgegossen hatte, blieb dieser recht gefasst und freundlich.

Er fuhr in ernstem Tonfall fort, seine missliche Lage zu schildern – und auch, wie Meister Albrecht ihm dabei helfen könnte, sie zu überwinden.

„Unser Gut und vor allem das Wirts- und Gasthaus hat den Nachteil, dass es in Süsterseel recht abgelegen ist. Nur wenige Leute, die über Gangelt und Millen reisen, finden den Weg dorthin – und obzwar unser Bier allüberall gelobt wird und zu vernünftigem Preis zu haben ist, so sind die meisten doch darauf aus, ihren Durst schnell zu löschen und tun dieses auf ihrer Reise dann bereits hier in Gangelt.“

„Und wie kann Euch ein Kunstmaler wie mein Mann nun helfen?“, fragte Frau Agnes mit einer Stirn, die zwar gerunzelt, aber nicht mehr gar so arg in Falten lag wie zuvor.

„Indem er mir ein Bild malt, das ich dann in der Gaststube aufhängen werde. Wenn sich herumspricht, dass der große Meister Dürer hier ein Bild hinterlassen hat, werden viele von nah und fern kommen, und so sie unser Gut erreichen, wird allein der Weg schon sie über die Maßen durstig gemacht haben. Wer aber einmal unser Bier gekostet hat, wird kein anderes mehr verlangen.“

Meister Albrecht schien von der Idee an sich schon überzeugt zu sein, allerdings weniger von dem Gedanken, sich selbst daran zu beteiligen.

Details

Seiten
300
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738917178
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
krimi doppelband

Autor

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Titel: Krimi Doppelband #15