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LEADVILLE #5: Doc Craven und der Killermarshal

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Doc Craven und der Killermarshal

Klappentext:

Roman:

LEADVILLE

 

Band 5

 

Doc Craven und der Killermarshal

 

Ein Western von Uwe Erichsen

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Ysbrand Cosijn 123RF (sowie Whitman und Poulson), 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Die Bank in Pueblo ist überfallen worden. Zwei der Räuber sind mit ihrer Beute auf der Flucht, während ein dritter Komplize ihnen unbemerkt folgt. Die Banditen haben einen geschickten Plan – sie haben die Beute auf einem Wagenzug versteckt und sind selbst als Passagiere mit dabei. Ihr Ziel ist Leadville, wo sie untertauchen und ihre Spuren verwischen wollen. Allerdings wissen sie nicht, dass Marshal Clay Caldwell in Leadville längst von dem Überfall erfahren hat. Er kann die Banditen stellen und überrumpeln – aber die Beute bleibt verschwunden.

Ein weiterer Marshal namens Dee Andella kommt nach Leadville. Er will den letzten, noch lebenden Bankräuber zurück nach Pueblo bringen, wo ihm der Prozess gemacht werden soll. Obwohl die Beute immer noch verschwunden ist und der Bankräuber bisher hartnäckig schweigt. Merkwürdigerweise kommt der Marshal mit seinem Gefangenen nicht in Pueblo an. Da ahnt Caldwell, dass noch viel mehr hinter der Sache steckt als er zunächst angenommen hat ...

 

 

Roman:

Noch nie hatte es ein unsanftes Erwachen für Charles H. Sloan gegeben, seit er der Butler County Bank von Pueblo, Colorado, vorstand. Noch nie. Ein Überfall auf die Bank war einfach nicht vorstellbar. Die Mauern waren zu dick, die Gitterstäbe vor dem Tresorraum bestanden aus bestem Pittsburgh-Stahl, und zwischen dem Tresor und dem Gitter wachte des Nachts ein bewaffneter Mann mit einem mannscharfen Wolfsspitz zu seinen Füßen. Und dann war da noch der Marshal. Town Marshal Dee Andella war einer der fähigsten Sternträger nördlich von Texas. Sein Office lag der Bank genau gegenüber, und die Kammer, in der er schlief, hatte ein Fenster zur Straße hinaus.

Nein, der Bank konnte nichts geschehen.

Um so mehr erschreckte den Präsidenten der Butler County Bank die Gewalt, mit der etwas Hartes zwischen seine Zähne gezwängt wurde. Instinktiv erkannte er, was es war.

Der ölig schmeckende Lauf eines großen Revolvers.

Charles H. Sloan versuchte, den entschwindenden Traum festzuhalten. Er war Realist, das brachte sein Beruf mit sich. Nur nachts gab er sich den Träumen hin. Sie kreisten um die Bank, deren Präsident er war, und deren Gewinne immer fetter wurden.

Nur selten trübten düstere Wolken seinen Schlaf, überlagerten die Träume von Geld und Gold, von Macht und Einfluss. Sloan hatte geleimt, sie zu vertreiben, ehe sie ihn heimtückisch überfielen und seinen Schlaf störten. Zu dem Zweck pflegte er sich abends vor dem Schlafengehen ein paar Gläser Portwein einzuverleiben.

Aber jetzt wurde ein Albtraum wahr.

Während er die Augen krampfhaft geschlossen hielt, stieß seine Zunge gegen das runde, bitter schmeckende Loch im Lauf des Revolvers, und ihm wurde übel. Da riss er die Augen auf.

Über seinem Gesicht glitzerten schwarze Augen hinter schmalen Schlitzen. Aus breiten Nasenlöchern pfiff stinkender Atem, und ließ Charles Sloans Magen revoltieren.

Das Gesicht war gelb und schmutzig. Das kurze, strähnige Haar klebte feucht in der niedrigen Stirn. Das fahle Licht des heraufziehenden Morgens sickerte durch die Vorhänge und ließ die Schultern des gedrungenen Mannes erkennen, der neben Sloans Bett kniete.

„Pst!“, machte der grinsende Mund unter dem buschig herabhängenden Bart. Und noch einmal: „Pst!“ Ein amüsiertes Funkeln belebte die dunklen Augen, die Haut über den flachen Wangenknochen spannte sich, als der Mund sich in die Breite zog.

Sloan ächzte, als der Fremde langsam den Revolverlauf aus seinem Mund herauszog. Jetzt schwebte das große hässliche Loch genau vor seinem rechten Auge. Sloans Hände verkrampften sich im Bettlaken. Er presste die Lippen aufeinander, weil er glaubte, sich übergeben zu müssen.

Ruth! Er zuckte zusammen, als ihn der Gedanke an seine Frau überfiel. Er verdrehte die Augen, konnte aber ihr Bett nicht erkennen. Der Revolver wurde ein wenig zurückgezogen, als der Bandit merkte, was Sloan im Moment bedrückte.

Sloan zuckte erneut zusammen, als er in die weit aufgerissenen Augen seiner Frau starrte. Dieser Blick ... Ein schmutziger Lappen steckte zwischen ihren schlechten Zähnen, ihre mageren Hände waren mit Lederriemen zusammengebunden. Rasch wandte er den Kopf.

Er würde etwas zu hören bekommen, dachte er beklommen. Jetzt bekam sie Oberwasser. Er glaubte, bereits ihre keifende Stimme zu hören.

Das musste so kommen! Ich habe immer gesagt, das wird noch böse enden! Immer trinkst du diesen schrecklichen Alkohol!

Portwein, hatte er ihr geduldig zu erklären versucht, sei eigentlich gar kein Alkohol. Er beruhigt die Nerven, bekommt dem Magen. Und er vertreibt die bösen Träume ...

Der Bandit richtete sich auf. Er hattekurze, stämmige Beine. Er stülpte einen speckigen Hut über sein schwarzes Mexikanerhaar.

„Stehen Sie auf, el presidente“, sagte er. Seine Zähne leuchteten weiß zwischen olivfarbenen Lippen.

Charles Sloan war unfähig, sich zu bewegen. Seine Beine schienen gar nicht vorhanden zu sein.

Der Bandit fetzte die Bettdecke zur Seite. Sloan bewegte sich nicht.

Der Mexikaner bückte sich. Wie Klauen gruben sich kurze, harte Finger in Sloans Oberarm. Mit brutaler Kraft wurde er in die Höhe gerissen, auf seine Füße gestellt. Er warf einen Blick zum Fenster. Auf der anderen Seite der Straße, fast genau gegenüber, schlief der Marshal. Ein Schuss oder nur ein einzelner Hilferuf, musste ihn auf den Plan rufen.

„Tun Sie’s nicht, el presidente“, sagte der Bandit mit sanfter Stimme. „Tun Sie’s nicht.“ Er lächelte. Es war ein böses Lächeln. Abgrundtief böse.

Er stieß Sloan die Faust in den Rücken. Der Bankier taumelte zur Tür. Der Mexikaner nahm das Kissen an sich, auf dem Sloans Kopf geruht hatte, und klemmte es unter seinen linken Arm.

Charles Sloan stolperte auf den Gang des Obergeschosses hinaus. Die Klappe zum Speicher stand offen. Schlagartig begriff er, wie der Bandit in die über der Bank gelegenen Wohnung gelangt war. Durch das Dach. Er musste ein paar Schindeln entfernt haben.

Der Bandit deutete auf den Riegel zur Treppe. Sloan nahm den Schlüssel vom Haken. Er öffnete das Schloss und zog die Tür auf. Der Bandit presste ihm die Mündung der Waffe in den Nacken.

Leise bewegten sie sich die Stufen hinab. Unten bedeutete der Bandit dem Bankier, die Hintertür zu öffnen. Ein zweiter Mann drängte herein. Er war ziemlich groß und hatte eingefallene Wangen. Seine blauen Augen huschten unruhig umher, dann verzogen sich die spröden Lippen zu einem schnellen Grinsen.

„Das hast du gut gemacht, Paulino“, sagte er beifällig. „Wirklich gut.“

Der hagere Bandit zog die Tür zum Hof geräuschlos ins Schloss. „Dann wollen wir uns die Schatzkammer mal ansehen“, sagte er gutgelaunt. „He Präsident, wir haben nicht sehr viel Zeit!“

Sloan sah den Mann aufmerksam an. Er prägte sich das Gesicht und jede Eigenheit der Erscheinung genau ein, ehe er mit dem kompliziert geformten Schlüssel die massive Bohlentür öffnete, durch die man die Räume der Bank betreten konnte.

Er dachte an McCauley, den Wächter. McCauley würde Gelegenheit bekommen, etwas für das Geld zu tun, das er seit nunmehr drei Jahren kassierte.

Der Mexikaner presste sich links neben die Tür. Der Hagere baute sich hinter Sloan auf. Sloans Nase registrierte den Geruch der Gefahr, den die beiden Männer verströmten. Wie wilde Tiere, schoss es durch seinen Kopf.

Die Tür schwang lautlos zurück.

Im Raum hinter den beiden vergitterten Schaltern war es dunkel. Scharf hoben sich dagegen die Gitterstäbe vor dem Tresorraum gegen das Grau des Morgens ab. Durch ein vergittertes Oberlicht fiel etwas Helligkeit auf das Heiligtum der Butler County Bank.

Sloan sah eine Bewegung. Er hörte ein kehliges Grollen, das aus dem geöffneten Maul des Wolfsspitz drang. Er wollte zur Seite treten, um nicht in der Schusslinie zu stehen, wenn McCauley jetzt losballerte.

Doch der hagere Bandit umschlang ihn von hinten, hielt ihn eisern fest.

„Wenn Sie schießen, Mac, gibt’s ein Prominentenbegräbnis in Eldorado“, sagte der Bandit hinter Sloan.

Der Hund warf sich gegen die Gitterstäbe. McCauley richtete sich auf. Er trat ans Gitter, schob den Lauf der abgesägten Schrotflinte zwischen den Stäben hindurch. Der Gewehrlauf klirrte gegen Stahl.

„Mr. Sloan?“, fragte er unsicher. „Sind Sie es?“

„McCauley! Warten Sie ... um Gottes willen! Stellen Sie das Gewehr weg!“

„Ja, Sir.“

Der Mexikaner sprang durch die Tür. Er hatte das Kissen aus Sloans Bett vor seinen Bauch gepresst.

Der Hund knurrte, fletschte die Zähne. Er war darauf abgerichtet, Menschen anzufallen, und nicht, sie anzukläffen wie ein Straßenköter.

Unter dem Kissen wummerte es dumpf, dann flogen Federn auf, wirbelten durch die Luft wie Schneeflocken. Der Wolfsspitz jaulte kurz auf und wälzte sich dann zuckend am Boden.

„Sir ...“ McCauleys Ruf klang verständnislos.

Noch einmal fauchte eine Kugel durch das Kissen. Sie schlug in McCauleys Stirn und tötete ihn auf der Stelle.

 

*

 

Nur ein Mann sah die Banditen, als sie die Bank durch den Seiteneingang verließen. Dieser Mann stand hinter der Gardine im Obergeschoss des Hotels, das den Namen Prairie Star trug. Vor ihm auf der breiten Fensterbank lagen ein Tabakbeutel, Papier und Streichhölzer, daneben standen eine Kanne mit kalt gewordenem Kaffee und eine Blechtasse. Rechts, in Griffweite, lag ein schwerer Remington Revolver mit Messingrahmen und langem Lauf.

Der Mann beobachtete die beiden Männer, wie sie hinter den Häusern an der Nebenstraße verschwanden. Er wartete, bis sie weiter nördlich wieder die Durchgangsstraße erreichten. Er sah ihnen nach. Sie trugen prall gefüllte Leinensäcke. Wenige Minuten später waren sie hinter einer Bodenwelle verschwunden. In einer Senke warteten ihre Pferde.

Der Mann lächelte. Er nahm den Tabakbeutel und rollte eine Zigarette, die er bedächtig in Brand setzte. Es wurde heller draußen. Der Himmel nahm eine blasse blaue Farbe an.

Unten, an der Ecke, gleich neben der Butler County Bank, wurde die Tür des kleinen Ladens geöffnet, der von einem alten Chinesen und seinem Sohn geführt wurde. Li Cheng war wie immer der erste morgens. Der alte Mann sah die Main Street hinauf und hinab, ehe er die Tür festklemmte und die Tafel neben die Stufe stellte, auf der er mit Kreide sein Frühstücksangebot geschrieben hatte. Es gab Steaks und Eier, gebackene Maiskuchen, Schinken und Kaffee.

Der Mann drückte die Zigarette aus. Er legte sich aufs Bett und schloss die Augen.

 

*

 

Frank Haggard prallte in der Tür mit einem bulligen Eisenbahner der Denver & Rio Grande Railroad zusammen. Die Schwingtür krachte gegen den mächtigen Bauch des massigen Mannes.

„He, musst du dich denn unbedingt mit deinem ganzen Leib auf einmal durch die Tür zwängen? Ist doch für alle, ist sie ...“

Der Eisenbahner starrte den kleinen Deputy verwirrt an. Sein breites Kinn mahlte, und angriffslustig ballte er die Fäuste.

„He, Mister, willst du etwa hier festwachsen?“

Frank schob sich einfach an dem überrumpelten Mann vorbei. Brummelnd verließ der Eisenbahner den Silver Dollar Saloon.

Frank sah sich um, dann rückte er seinen Revolvergurt zurecht und bewegte sich schaukelnd auf Clay Caldwell zu, der an seinem Stammplatz am Ende der Theke saß und Kringel auf das polierte Holz malte.

„Ach, du bist es“, brummte Clay, als er seinen Deputy erkannte. Er grinste. „Wenn mich nicht alles täuscht, hast du deinen Rundgang noch nicht beendet.“ Caldwell verscheuchte den Barkeeper, der mit der Flasche und einem Glas kam, um Frank einzuschenken. „Frank befindet sich im Dienst, Mike, das solltest du eigentlich wissen.“

Mike hob die Schultern und machte sich wieder am Flaschenregal zu schaffen.

„Ich bin auch dienstlich hier“, versicherte Frank. Er klopfte seine Taschen ab, verzog das Gesicht, seine Bewegungen wurden fahriger. Clay Caldwell, der Marshal von Leadville, sah ihm geduldig zu.

Endlich fand Frank, was er suchte. Es steckte unter seinem Hemd. Er überreichte Clay ein mehrmals zusammengefaltetes Blatt.

„Ein Telegramm, Clay“, verriet er.

„Das sehe ich.“

„Das längste, das du jemals bekommen hast.“

„Woher willst du das wissen?“, forschte Clay mechanisch.

„Das hat der Clerk gesagt.“

Clay hatte das Telegramm vor sich ausgebreitet. Es war wirklich sehr lang. „Hast du es gelesen?“ erkundigte er sich. „Es ist ein dienstliches Telegramm.“

„Ich hab meine Brille nicht dabei. Sag mir, was drinsteht.“

Clay Caldwell seufzte. „Es kommt aus Pueblo...“

Frank kicherte. „Ich möchte auch mal ’n Telegramm bekommen, möchte ich ...“

„Kannst du mal einen Moment still sein, Frank?“

„Kann ich, Clay, ganz bestimmt.“ Frank räusperte sich und warf Mike flehende Blicke zu, die der Barkeeper jedoch ignorierte.

„In Pueblo, das liegt im Butler County, haben heute morgen zwei Banditen die Bank überfallen ...“

„Ts, ts“, machte Frank.

„... und an die hunderttausend Dollar geraubt. Sie haben einen Wächter kaltblütig erschossen.“ Clay nahm einen kleinen Schluck aus seinem Bierglas.

Frank gab ein wütendes Schnauben von sich. „Tja, dann will ich mal wieder. Vielleicht kommen die Kerle sogar hier durch...“

„Warte“, sagte der Marshal. „Weißt du überhaupt, wie sie aussehen?“

„Na, wie Bankräuber“, meinte Frank.

Caldwell seufzte. „Und wo liegt das Butler County?“

Frank deutete ziemlich vage zur Tür hinaus. Dort war Süden.

„Das Butler County liegt genau im Osten“, sagte Caldwell. Er vertiefte sich erneut in das Telegramm. „Wenn der Telegrafist nicht so ’ne Sauklaue hätte, könnte ich sein Geschreibsel viel besser lesen. He, Mike, gib Frank ein Bier. Der Marshal von Pueblo gibt eine sehr genau Beschreibung der beiden Banditen. Einer ist Mexikaner, er hat auch den Wachmann erschossen. Der andere ist Amerikaner. Hör jetzt gut zu, Frank.“

„Meinst du denn wirklich, sie kommen hierher? Ausgerechnet nach Leadville?“

Frank nahm einen langen Schluck Bier, dann wischte er mit dem Handrücken den Schaum aus dem Bart.

Clay Caldwell versank in Nachdenken. Frank schwieg ausnahmsweise. Langsam füllte sich der Saloon. Clay nahm niemanden wahr. Linda Johnson erschien auf der Treppe. Sie lächelte ihren Gästen zu., Es war ein berechnendes Lächeln, das jedem der Männer galt und doch keinem von ihnen.

Linda begrüßte den einen oder anderen persönlich. Sie warf Clay verstohlene Blicke zu, doch der Marshal reagierte nicht.

Auch nicht, als der Doc erschien, um seinen gewohnten Nachmittagstrunk einzunehmen.

„Was hat er?“, erkundigte sich Doc Craven bei Frank.

„Still, Doc! Er denkt nach.“

„Das sehe ich. Aber worüber?“ Doc Craven verbog seine Augen, um einen Blick auf das Telegramm werfen zu können. „Wer ist das - Dee Andella, Town Marshal, Pueblo, Butler County?“

„Das ist ein Mann, der Probleme hat, Doc. In seiner Stadt haben zwei Strolche hunderttausend Dollar geklaut. Hunderttausend, und Clay überlegt, wie er sie kriegen kann.“

„Die Dollars?“

„Die Banditen.“

Clay faltete das Telegramm sorgfältig zusammen. Er verstaute es in seiner Hemdtasche. „Wenn sie überhaupt hier durchkommen, dann morgen früh mit dem Zug aus Canon City.“ Er lächelte.

„Siehst du, Doc, hab ich’s nicht gesagt, er denkt nach, und schon weiß er Bescheid.“

„Ich sagte, wenn sie hier durchkommen“, wiederholte Clay.

Der Doc rümpfte die Nase. „Meines Wissens ist Canon City der nächste Bahnhof“, sagte er.

„Die Banditen wären mit ihrer Beute auch kaum in Pueblo in den Zug gestiegen, Doc. Aber vielleicht reiten sie jetzt nach Canon City. Und sie versuchen irgendwie durch die Royal Gorge nach Leadville zu kommen. Hier könnten sie untertauchen ...“

„Glaubst du das wirklich?“, höhnte Doc Craven.

„Es ist eine Möglichkeit“, bestätigte Clay Caldwell gelassen. „Frank, ich erwarte dich morgen früh um sechs Uhr am Stadtrand.“ Clay nahm seinen Hut und nickte den anderen zu.

„He, he!“, protestierte Frank. „Was machst du? Wo gehst du hin?“

„Ich gehe essen, dann lege ich mich ins Bett.“

Sprach’s und marschierte davon.

Frank sah ihm kopfschüttelnd nach. „Was hat er bloß?“

„Muss was Schlimmes sein“, vermutete Doc Craven.

Nur Frank Haggard verteidigte seinen Marshal.

„Er nimmt seinen Job ernst. Aber das verstehst du nicht, Doc. Ich werde mich auch früh aufs Ohr legen, werde ich.“ Er drehte sich um und stakte zur Tür. Sein nur halb geleertes Bierglas ließ er stehen.

„Noch ein Verrückter“, seufzte der Doc.

 

*

 

Vor drei Jahren war Canon City noch eine jener Kistenbretterstädte gewesen, wie es sie zeitweise zu Hunderten in der Prärie gab. Die meisten von ihnen wurden nach kurzer Blüte wieder aufgegeben und verfielen.

Nicht so Canon City, Colorado. Die Ingenieure und Bautrupps der beiden Eisenbahngesellschaften Denver & Rio Grande sowie Atchison Topeka & Santa Fé hatten die wilde Siedlung in einen Eisenbahnknotenpunkt verwandelt. Feste Häuser hatten die Zelte und Holzhütten ersetzt, die Einwohnerzahl hatte sich vervielfacht. Es war Geld in die Stadt gekommen. Viel Geld. Und viele Fremde.

In Canon City teilte sich der aus dem Osten kommende Schienenstrang in eine westliche und eine südwestliche Route. Der südwestliche Strang lief zum Colorado hinunter und verband die Siedlungen an den Ufern des Flusses.

Die genau westlich verlaufende Route durchschnitt fast schnurgerade die Rocky Mountains und traf erst bei der Royal Gorge auf der erste große Hindernis, und genau diese Passage war jetzt die Ursache eines gefährlichen Wettrennens zwischen zwei rivalisierenden Eisenbahnlinien.

Nach Westen, immer weiter nach Westen hieß die Devise. Und Sieger war diejenige Eisenbahnlinie, die zuerst Leadville erreichte.

Pünktlich rollte der Personenzug aus Pueblo in die Station. Auf einem Abstellgleis wartete unter Dampf ein endlos langer, noch leerer Viehtransport. Er würde dem schnelleren Personenzug später über die direkte Route nach Westen folgen.

Postsäcke wurden in den Waggon mit dem rollenden Post Office geworfen, Gepäckstücke und eilige Fracht kamen hinzu. Ein Mechaniker klopfte die Radlager ab, ein anderer folgte ihm mit der Ölkanne. Wasser schwappte über den Kessel der Baldwin-Lok, als der Stutzen des Wassertanks zurückgeschwenkt wurde. Der Heizer schlug die Feuerklappe zu und gab dem Lokführer sein Zeichen.

„Bitte einsteigen!“, rief der Schaffner ungeduldig.

Der Aufenthalt in Canon City war nur kurz. Die Nacht brach früh herein. Der Zug musste weiter nach Süden.

In dem Durcheinander achtete niemand auf die beiden Männer, die ihre Reitpferde über die Rampe hinauf in den Viehwaggon führten, der eigens für die Tiere der Passagiere vorgesehen war. Die Sättel breiteten sie sorgfältig über dem Sattelgestell aus. Nur die prall gefüllten Satteltaschen nahmen sie ab. Mit vorgeschobenen Schultern und gespreizten Ellbogen schoben sie sich durch die Menge, die den Bahnsteig bevölkerte.

Ihre Gesichter waren grau vom Staub der Prärie. Die Augen waren tief in die Höhlen gesunken. Sie hatten einen höllischen Ritt hinter sich. Fünfunddreißig Meilen im Sattel.

Und doch entging ihnen nichts. Wachsam streiften ihre Blicke umher, erfassten jeden Punkt, hinter dem sich eine Gefahr verbergen konnte.

Nur neben der Tür des Warteraums lungerte eine Figur herum, die einen Stern auf dem buntgewürfelten Hemd trug. Der Sternträger rauchte eine Zigarre, und er schien sich mehr für die drei jungen Mädchen zu interessieren, die in Begleitung einer älteren Frau kichernd über den Bahnsteig eilten.

Die beiden Männer entschieden sich für den nur schwach besetzten Waggon unmittelbar vor dem Post- und Gepäckwagen. Mit ihren Satteltaschen belegten sie zwei gegenüberliegende Bänke auf der rechten Seite. Jetzt hockten sie in steifer Haltung auf den Sitzkanten und sahen nach Süden, wo sich in der frühen Dämmerung des Herbstabends das braune, verbrannte Land in endlosen Wellen bis zum Horizont dehnte.

Der Zugführer ließ die Rampe zum Viehwaggon einziehen. Die Abteiltüren wurden geschlossen. Die Lok stieß weiße Dampfwolken aus. Der Zugschaffner bewegte sich durch den Mittelgang, um die Lampen unter der gewölbten Decke anzuzünden. Die Dampfpfeife sandte einen schrillen Pfiff über die Stadt. Der Zug würde in wenigen Minuten losfahren.

Ihr Zeitplan stimmte haargenau.

Am frühen Morgen hatten sie die Bank von Pueblo ausgeplündert. Bevor der Raub überhaupt entdeckt werden konnte, hatten sie die Stadt bereits weit hinter sich gelassen, und bis sich die Verfolger einig werden konnten, ob und in welcher Richtung sie die Banditen jagen sollten, waren sie längst über alle Berge gewesen.

Der Zeitpunkt des dreisten Überfalls war genau auf den Fahrplan des Expresszuges abgestimmt worden. Natürlich war ihnen bewusst, dass der Marshal von Pueblo über den Telegrafen sofort sämtliche anderen Gesetzeshüter in der Umgebung alarmierte und sie wussten auch, dass ihnen eine Gruppe nach Canon City nachreiten würde. Doch bis dahin war ihre Spur längst kalt, und in dieser schnell gewachsenen Stadt mit den vielen Fremden würde sich niemand an zwei Reiter erinnern, die aus der Prärie gekommen waren. Nicht einmal der Clerk am Ticket Counter hatte die Männer angesehen, als sie die Fahrscheine kauften.

Nein, ihnen drohte keine Gefahr. Ihr Vorsprung betrug jetzt schon mindestens eine Stunde, und wenn der Zug erst einmal nach Westen rollte, würde sich der Abstand zum Ort ihrer Tat mit jeder Stunde vergrößern.

Außerdem war da ja noch Earl, der Mann, der das Ding ausgeknobelt und bis auf die letzte Kleinigkeit vorbereitet hatte. Earl würde ihnen den Rücken freihalten. Erst wenn die Luft garantiert rein war, würde er ihnen nachkommen. Earl war ein ganz ausgekochter Schweinehund. Er war raffiniert, brutal und gemein.

Monty McGaw sah den Mexikaner an. Er grinste mit spröden Lippen, als ein Rucken durch den Waggon ging. Sie warfen einen letzten Blick auf den Bahnsteig hinaus. Der Bursche mit dem Stern hatte nur seine Zigarre und die Weiberröcke im Kopf. Im letzten Licht des scheidenden Tages war von irgendwelchen Verfolgern nichts zu sehen.

Sie befanden sich in Sicherheit.

 

*

 

Während der Zug durch die Stadt stampfte und dabei stetig an Fahrt gewann, räkelte Monty McGaw seine langen Beine. Schließlich schob er sie unter den gegenüberliegenden Sitz. Sein Arm stieß gegen die Satteltasche. Er runzelte die Stirn. Hier durfte sie nicht liegenbleiben.

Er stopfte sie kurzerhand unter die Bank. Paulino Cuesta, der Mexikaner, fand die Idee gut und schob die andere unter seinen Sitz. Paulino legte auch noch den Waffengurt ab. Er stopfte ihn zwischen seine Hüfte und die Außenwand des Waggons. Vorn im Wagen saßen ein paar Cowboys. Sie ließen die Flasche kreisen und schwangen laute Reden. Kerle wie sie fingen schnell Streit mit einem Mexikaner an, wenn sie getrunken hatten, und Paulino wollte sie nicht unnötig provozieren, indem er sie seine Waffe sehen ließ.

Hinten im Waggon hatten zwei Farmer mit ihren Frauen und Kindern Platz genommen. Als der Zug die Stadt hinter sich ließ und gleichmäßig dahinrollte, sprangen die Kinder auf und begannen durch den Gang zu toben.

Paulino sah Monty an. der die Augen verdrehte und seinen Hut über das Gesicht zog. Paulino lächelte einem kleinen blonden Ding in einem langen Baumwollkleidchen zu. Das. Mädchen sah den dunkelhäutigen Mann mit den schwarzen Augen und dem strähnigen Haar, und es schien zu erschrecken. Paulino grinste breit. Sein buschiger Bart mit den herabhängenden Enden verlieh seinem Gesicht einen fremdartigen, verwegenen Ausdruck. Das blonde Mädchen sah sich hilflos um.

Einer der Cowboys schnalzte mit der Zunge. „He, Kleine! Komm mal her!“, schrie er. „Ich habe eine Zuckerstange!“

Paulino sah über die Sitzlehne nach vorn. In seinen Augen loderte ein Feuer. Das Mädchen rannte zu den Cowboys. Als es bei dem einen, der es gerufen hatte, angelangt war, drehte es sich um.

Der Cowboy folgte dem Blick der Kleinen. Er sah die Augen des Mexikaners, und der stieß seine Kameraden an.

Rasch wandte Paulino sich ab. Er presste die Lippen zusammen, strich mit schmutzigen Fingern durch das fettige Haar. Überall bin ich der Kinderschreck, dachte er in dumpfem Zorn.

Wütend fuhr er herum, als sich eine kräftige Hand in seine Schulter grub. Über ihm schwebte ein kantiges Gesicht mit großen Sommersprossen. Ein breites Kinn schob sich angriffslustig vor. Blaue Augen blitzten.

„He, du dreckiger Mex! Wenn du meine kleine Freundin nicht in Ruhe lässt, schneide ich dir die Ohren ab!“ Er lachte laut, und die anderen Cowboys johlten beifällig.

Paulino krümmte sich wie unter einem inneren Schmerz.

Die beiden Farmer wurden aufmerksam, starrten herüber. Der Vater des blonden Mädchens schob sich näher heran.

„Was ist denn los?“, fragte er.

„Dieser Strolch wollte seine schmutzigen Pfoten an ihrem sauberen Kleid abwischen...“

Da sah Paulino rot. Er schoss in die Höhe. Niemals konnte er einem Kind etwas zuleide tun. Hart krachte sein Schädel unter das breite Kinn. Zähne schlugen aufeinander. Tief rammte er dem überraschten Cowboy die Faust in den Magen. Er hörte, wie die Luft zwischen den halb geöffneten Lippen hervorbrach, und er schlug ein zweites Mal zu. Der Cowboy brach zusammen.

Er war Paulino Cuesta, und sie sollten Respekt vor ihm haben. Es machte ihm nichts aus, jemanden wegen einer geringeren Sache als einer Beleidigung zu töten. Mit erhobenen Fäusten stand er im Gang.

Die anderen Cowboys waren aufgesprungen. Hände klatschten auf die Kolben locker sitzender Colts.

Paulino hörte ein Geräusch hinter sich, dann wurde er von langen Armen umschlungen und zurückgerissen.

„Er ist unbewaffnet!“, rief Monty. „Hört auf! Ich kümmere mich um ihn! Er hat’s nicht so gemeint!“

„Lass mich los!“, brüllte der mexikanische Bandit. Er versuchte, sich aus der Umklammerung zu befreien. Monty, der das heiße Blut seines Komplizen nur zu genau kannte, schleuderte ihn herum. Paulino krachte auf die harte Sitzbank, wo er benommen liegen blieb. Nur seine rechte Hand tastete nach dem Revolvergurt, den er gerade deshalb abgenommen hatte, um eine Situation wie diese gar nicht erst entstehen zu lassen.

Schwer atmend stand der hagere Bandit im Gang. Mit leicht eingeknickten Knien fing er die Stöße der Räder auf. Sein Hut war auf den Boden gerollt. Das dunkelblonde Haar stand wirr um seinen Kopf. Die schmutzverkrusteten Wangen und der schmale Mund mit den spröden Lippen wirkten gespannt. Monty hatte die rechte Hand angehoben, die offene Handfläche war den Cowboys zugekehrt. Sie sollte den anderen zeigen, dass er nicht die Absicht hatte, zur Waffe zu greifen.

Der Cowboy, den Paulino niedergestreckt hatte, rappelte sich auf. Seine Augen blickten verschwommen. Mit einer Hand betastete er sein Kinn und die lockeren Zähne.

Der Vater des Mädchens quetschte sich eilig vorbei. Er nahm seine Tochter auf die Arme und zog sich mit ihr zurück.

„Bitte, Gentlemen“, sagte er hilflos, „bitte, keinen Streit ...“

Niemand hörte auf ihn. Niemandem war mehr bewusst, dass seine Tochter, wenn auch unbeabsichtigt, den Streit ausgelöst hatte.

Der geschlagene Cowboy zog sich durch den Gang nach vorn zu den anderen. Monty stand da, wartete ab. Paulinos Hände zerrten den Revolvergurt auseinander.

Die Cowboys waren zu sechst. Zwei von ihnen kamen jetzt langsam, mit schaukelnden Bewegungen, durch den Mittelgang auf Monty zu.

Der vordere war ein grobschlächtiger Geselle mit platter Nase und einem Mund, in dem mehrere Zähne fehlten. Der Kerl grinste schief. Seine Augen funkelten.

„He, Mexikaner-Freund!“, rief er. „Wir werden dich und deinen dreckigen mexikanischen Schmutzfink jetzt aus dem Fenster schmeißen!“

Monty ächzte leise. Jeder Beschwichtigungsversuch musste hier vergeblich bleiben. Die Kerle hatten lange kein Blut mehr gesehen. Sie hatten ein Treiben hinter sich, sie hatten getrunken, und sie langweilten sich. Es würde rau werden.

Monty ließ die Hand sinken. Die geöffneten Finger schwebten über dem Kolben des Colt. „Keinen Schritt weiter“, sagte er.

Dem Vierschrötigen entging der kalte Unterton in der Stimme des Banditen. Er schnippte mit den Fingern. Seine Kameraden bauten sich hinter seinem breiten Rücken auf.

„Was willst du gegen uns ausrichten, du Lümmel?“, höhnte er.

Monty begann zu schwitzen. Er sah, wie Paulino sich hinter der hohen Lehne der Sitzbank aufrichtete und wie er den Lauf des Revolvers über die Kante schob. Weiß leuchteten die Zähne hinter dem schwarzen Bart.

„Ich jage dir eine Kugel in deinen verdammten Bullenschädel, amigo“, erklärte er.

„Paulino!“, fauchte Monty scharf. Wenn sie sich in eine Schießerei verwickeln ließen, konnten sie das Geld abschreiben, das in den beiden Satteltaschen steckte.

Der Vierschrötige kam unbeirrt näher. Mit einem schnellen Blick über die Schulter vergewisserte sich Monty, dass die Farmer sich aus dem Streit heraushielten.

Aber da machte der hagere Bandit einen taktischen Fehler. Er wich einen Schritt zurück.

Sofort blieb er wieder stehen, aber da war es zu spät. Der andere hatte die vermeintliche Schwäche bemerkt, und er stieß vor, walzte auf Monty zu.

Paulino zögerte ebenfalls zu schießen. Auch er dachte an das Geld unter der Sitzbank.

Der Vierschrötige versuchte, Monty weiter zurückzudrängen. Zwei, drei Cowboys schoben sich zwischen die beiden Bänke, die Monty und Paulino belegt hatten. Einer von ihnen griff über den Mexikaner hinweg. Mit einem Ruck öffnete er das Fenster.

Der andere bückte sich. Er zerrte eine der beiden Satteltaschen unter der Bank hervor und machte Anstalten, sie aus dem Fenster zu werfen.

„Stopp!“

Scharf stand Montys Schrei in der Luft. Der Mann, der die Tasche in der Hand hielt, hielt inne. Paulino rammte ihm eine Faust in den Magen.

Jetzt riss auch Monty seinen Revolver heraus. Der Anblick der schweren Waffe stoppte den Vierschrötigen für einen Augenblick. Monty sprang vor und zog dem Mann den Lauf quer über das Gesicht.

Es war eine Demonstration roher Gewalt.

Der Cowboy stieß einen dumpfen Schrei aus und presste die Hände vor sein Gesicht. Mit einer blitzschnellen Bewegung brachte Monty die Waffe des Mannes an sich.

Die anderen erstarrten. Monty presste dem Vierschrötigen die Mündung eines Sixshooter gegen die Schläfe.

„Zurück!“, sagte er. „Zurück! Alle zurück, oder, bei Gott, er steigt aus!“

Jetzt verstanden sie die tödliche Drohung in der Stimme des Banditen, und kleinlaut zogen sie sich auf ihre Plätze zurück. Sie starrten herüber, und sie berieten sich flüsternd. Monty blieb im Gang stehen. Sein Herz hämmerte schmerzhaft gegen die Rippen.

Nach einer Weile kam der Schaffner herein. Der Mann blieb in der Tür am Ende des Waggons stehen. Aus großen Augen starrte er auf Monty und die Waffe in dessen Hand. Die Cowboys wollten auf den Mann in der Uniform der Atchison, Topeka & Santa Fé einreden, aber Monty kam ihnen zuvor.

„Komm her!“, herrschte er den verdutzten Eisenbahner an.

Zögernd kam der Mann auf Monty zu.

„Wir wollen in einen anderen Waggon“, sagte er. „Aber in einen, der keine Verbindung mit diesem hier hat.“

„Das geht nicht während der Fahrt“, sagte der Schaffner.

„Das weiß ich auch! Halten Sie den Zug an!“

„Sir, das geht doch nicht! Haben Sie Verständnis!“ Er schluckte, starrte auf die Waffe. „Ich kann Sie in den Gepäckwagen bringen. Dort können Sie sich einschließen, wenn sie es wollen. Der nächste Halt ist in drei Stunden bei der Wasserstelle von Thyer’s Cross. Dann kann ich Ihnen ein Abteil im hinteren Teil des Zuges anweisen, meine Herren.“

Monty zerrte die eine Satteltasche unter dem Sitz hervor.

Paulino verzog das Gesicht. „Soll er die Kerle in den Gepäckwagen sperren“, sagte er wütend.

„Halt’s Maul und nimm die andere Tasche“, zischte Monty.

„Ich haue vor diesen großmäuligen Nieten doch nicht ab!“ Paulino warf den Cowboys funkensprühende Blicke zu.

Monty packte den Mexikaner vorn an der Lederweste. Er stieß seinen Partner gegen die Lehne, und nah an seinem Ohr flüsterte er: „Du kommst mit! Wir müssen das Geld verstecken. Noch so ein Zwischenfall, und wir sind es los ...“

Der Gedanke leuchtete dem Mexikaner ein. Und wo konnte man die Beute unauffälliger verstecken als im Frachtwagen?

Friedfertig folgte der Mexikaner seinem Komplizen und dem Schaffner.

 

*

 

„Hallo, Clay, so früh schon auf den Beinen?“ Dick Barnes, der Chef der Transportagentur, strahlte den Marshal an.

Clay Caldwell verzog das Gesicht. „Du bist erst der vierzehnte, der mich das heute morgen fragt“, sagte er.

„Ja und? Ich will es eben auch wissen, Clay. Wieso bist du so früh auf den Beinen?“

„Ich warte auf deine Frachtwagen. Werden sie pünktlich eintreffen?“

Clay sah an der Straße entlang, die sich in der Flussniederung verlor. Dünne Nebelschleier bedeckten die Wasserfläche. Auf der Rampe der Agentur standen Kisten und Postsäcke. Einige Frachtwagen warteten bei den Rampen – bereit, in Richtng Royal Gorge aufzubrechen.

Dick Barnes zog seine große Taschenuhr zu Rate. „Jetzt ist es sechs Uhr und vier Minuten. Der Zug hat Canon City um vier Uhr zweiundzwanzig verlassen. Ja, Clay, der Zug dürfte bald an der Baustelle in der Royal Gorge eintreffen. Du wartest auch darauf, dass die Schienen bald Leadville erreichen, oder?“

„Wer tut das nicht?“, seufzte Clay. „Dann dürfte es aber mit deinem Transportgeschäft nicht mehr gut aussehen, Dick.“

„Abwarten, Clay. Ich habe schon einige Pläne, wenn die Eisenbahn kommt. Jeder muss sich umstellen – oder er hat das Nachsehen. Und ich will einer der ersten sein, verstehst du?“

„Sicher, Dick.“ Clay wandte sich ab. Fröstelnd rieb er die Hände aneinander. Er ging zurück bis zur Straße und spähte über seine Stadt, die langsam erwachte.

Nur Frank schien noch zu schlafen, dachte er missmutig, und mit gesenktem Kopf ging er zurück, baute sich wieder an der Straße auf und spähte nach Osten.

Die Brücke schien über den Nebelschwaden zu schweben. Gedämpft klang das Rollen eisenbereifter Räder herüber. Ein Farmwagen rumpelte über die Bohlen. Clay verfolgte den Wagen mit den Blicken, bis er hinter den Häusern an der First Avenue verschwand. Kurz darauf wurde das Fahrzeug wieder sichtbar, als es rechts in die Front Street einbog und auf die Station zufuhr.

Clay erkannte zwei Gestalten auf dem Kutschbock. Einen stämmigen Mann mit dem Genick eines Stiers und Händen wie Kohlenschaufeln, und einen schmächtigen Burschen, der neben dem bulligen Rancher noch schmaler wirkte.

Clay lächelte, als er die beiden erkannte. Bob Lowry und sein sechzehnjähriger Sohn Martin. Der Box Brake war mit zwei Pferden bespannt. Es waren prächtige Tiere. Bob Lowry züchtete die kräftigsten und ausdauerndsten Zugpferde in diesem Teil des Landes, und obwohl immer mehr Fracht und Passagiere zur Eisenbahn abwanderten, brauchte sich Lowry über mangelnde Nachfrage nicht zu beklagen. Dass er dennoch lauthals das Vordringen der Eisenbahn beklagte und düstere Visionen eines von Schienen bedeckten Kontinents beschrieb, war eine Gewohnheit, die seine Zuhörer lediglich erheiterte, gehörte Lowry doch zu den wohlhabenden Ranchern des County. Böse Zungen erzählten gar, er besäße riesige Aktienpakete mehrerer Eisenbahngesellschaften.

Der Box Brake schwankte auf den Platz hinter der Station ein, beschrieb einen Bogen, und dann dirigierte Bob Lowry den Wagen geschickt rückwärts an die Rampe der Frachthalle heran. Er kurbelte die Bremse fest, warf seinem Sohn die Zügel zu und sprang vom Bock. Mit kurzen Schritten kam er auf Clay Caldwell zu. Er reichte dem Marshal die Hand.

„Hallo, Clay! So früh schon auf den Beinen?“

Dick Barnes, der die Begrüßung hörte, grinste. Clay lächelte.

„Und was zieht dich zu nachtschlafener Zeit nach Leadville?“, fragte er. Er sah über die Schulter des Ranchers zur Stadt. Keine Spur von Frank, wie er verdrossen feststellte.

Lowry nahm den Hut ab. „Hiller ist krank, weißt du?“

„Nein, das wusste ich nicht“, gestand Clay.

Lowry stülpte den Hut wieder über seinen Schädel. „Jetzt weißt du’s aber. Hiller hat’s ziemlich erwischt. Liegt mit ’ner bösen Rückenzerrung auf der Nase. Hat sich mit seinem neuen Brunnen übernommen. Tja, so schnell kann’s gehen..

Frank Hiller war Lowrys westlicher Nachbar. Wie Lowry züchtete er Pferde, aber er experimentierte auch mit Mais und verschiedenen anderen Getreidesorten herum, die er in großem Stil anbauen wollte. Ihn verdross es, wenn er die Getreidemengen sah, die aus Missouri, Illinois und Iowa für teures Geld herangeschafft werden mussten, um das Vieh wieder zu mästen, wenn es, nach dem langen Treiben von Texas herauf, abgemagert auf den Weitertransport in die Fleischhöfe des Ostens wartete. Hiller verfolgte zäh seinen Traum von wogenden Weizenfeldern, wo sich jetzt das harte Gras der Prärie von Horizont zu Horizont erstreckte.

„Weil er keine Hand entbehren kann, habe ich ihm angeboten, die Maschinenteile für sein Windrad abzuholen“, schloss Lowry. „Dabei braucht er das Zeug jetzt noch gar nicht. Der Boden ist im Moment viel zu trocken. Da bekommt man keinen Brunnen ans Laufen, egal, wie tief man gräbt. Aber ich hole die Sachen hier ab. Frank ist schließlich mein Nachbar.“

Clay nickte dem Rancher zu. Er hatte am Horizont die Konturen eines Wagenzuges gesehen. Er rückte den Revolvergurt zurecht, sah sich schnell um. Immer noch kein Frank in Sicht. Clay fluchte.

Er zog das Telegramm aus der Tasche, das er von Dee Andella, dem Town Marshal aus Pueblo, bekommen hatte. Noch einmal las er die Beschreibung der beiden Banditen, die gestern die Bank ausgeraubt und einen Wächter kaltblütig erschossen hatten. Den Bankier hatten sie anschließend gefesselt und geknebelt und ihn wieder nach oben in seine Wohnung getragen. Das Verbrechen wurde erst zweieinhalb Stunden nach der Tat entdeckt. Niemand hatte die Schüsse gehört, die den Wärter und seinen Hund töteten.

Der Schütze hatte ein Kissen über die Mordwaffe gehalten. Das Kissen hatte die Detonationen gedämpft. Nach Aussage des Bankmanagers hatte der Mexikaner die Schüsse abgegeben.

Clay beschloss, auf der Hut zu sein, auch wenn er nicht glaubte, dass die Banditen den Zug für ihre Flucht benutzten. Wie Andella vermutete auch er, dass die Kerle so schnell wie möglich versuchen würden, das OklahomaTerritorium zu erreichen, wo ihnen nicht einmal ein US Marshal etwas anhaben konnte.

Dick Barnes baute sich an der Kante der hölzernen Rampe auf. Hinter einer Staubwolke wurden die ersten Frachtwagen sichtbar. Der Staub vermischte sich mit dem feuchten Flussnebel.

Clay spähte aus engen Augen an den Wagen entlang, die jetzt die ersten Häuser von Leadville passierten. Ein bekanntes Gesicht unter den Leuten war noch nicht auszumachen.

Clay sah sich nicht um, als er eine Berührung an seiner linken Seite spürte.

„So, dann wollen wir mal“, knurrte Frank munter. „Wenn du nichts dagegen hast, gehe ich auf die andere Seite und nehme die Kerle in Empfang, falls sie abhauen wollen.“

„Tu das, Frank, tu das“, sagte Clay.

 

*

 

Außer den fünf Frachtwagen bestand der Treck aus drei geschlossenen Personenwagen und am Schluss aus einem Post- und Gepäckwagen, in dem auch eiliges Stückgut befördert wurde.

Clay ließ die ersten beiden Wagen aus. In ihnen reisten Geschäftsleute, die in Leadville zu tun hatten. Aber der dritte Wagen erweckte seine Neugier. Clay hatte einen Blick für das Typische an menschlichen Gesichtern und Erscheinungen.

Die Banditen waren nicht dabei. Aber dann sah er zwei Männer, die sich sehr nervös verhielten, als sie den Marshal sahen. Den Mexikaner erkannte Clay sofort an den dunklen Augen, der flachen Nase mit den großen Löchern, dem buschigen Bart mit den herabhängenden Enden.

Der Kerl, der hinter seinem Komplizen stand, überragte ihn um Kopfeslänge. Clay Caldwell sah die eingefallenen Wangen, die aufgesprungenen Lippen und die gebeugte Haltung.

Mehr noch als ihre äußere Erscheinung verriet sie ihre Reaktion.

Die Augen des Mexikaners fielen auf den blinkenden Stern, den Clay Caldwell trug. Er stieß einen heiseren Fluch aus und warf sich herum. Die Satteltasche, die über seiner Schulter hing, flappte leer gegen den Bauch des Hageren.

Der Hagere - Monty McGaw - krümmte sich zusammen. Er griff zum Revolver, wurde jedoch von Paulino zur Seite gestoßen.

„Du verdammter Narr!“, heulte Monty. „Du bringst uns alle an den Galgen!“

Paulino versetzte seinem Komplizen einen Faustschlag ins Gesicht. Bevor Clay Caldwell ihn erreichen konnte, war der Bandit über seinen zusammenbrechenden Kameraden hinweggesprungen.

Rücksichtslos walzte er zwei, drei andere Passagiere zur Seite. Er suchte Deckung auf der anderen Seite des Wagens.

Clay Caldwell hatte seinen Revolver herausgerissen. Der hagere Bandit lag auf dem Boden und stemmte sich soeben mit der linken Hand wieder in die Höhe. Mit der anderen versuchte er, den Revolver freizubekommen.

Clay versetzte ihm einen Tritt gegen das rechte Handgelenk, dann sprang er über den Banditen hinweg, den Revolver in der erhobenen Faust und verharrte geduckt. Aus zusammengekniffenen Augen spähte er ins Halbdunkel. Was er sah, ließ ihn ganz kalt werden.

Der Mexikaner wirbelte eine Frau herum, die erstickt aufschrie. Clay riss die Hand mit der Waffe hoch, aber er kam zu spät. Der Mexikaner legte einen Arm um ihren Hals. Neben ihrem verzerrten Gesicht erschien die Faust des Banditen mit dem schweren Revolver darin.

Clay hatte nicht vergessen, wie rücksichtslos der Mann war. Er ließ sich fallen. Hart schlug er auf den Boden.

Der Schuss ließ die Wände erzittern. Blauer Pulverdampf spritzte in seine Richtung. Die Kugel aus der großkalibrigen Waffe durchschlug die Stirnwand des Wagens und bohrte sich in die Bohlen.

Clay peilte hastig zurück.

Aufatmend stellte er fest, dass der zweite Bandit verschwunden war.

„He, Marshal! Ich erwische dich!“

Der Mexikaner lachte gellend, als er den nächsten Schuss aus seiner Waffe abfeuerte.

 

*

 

Frank Haggard war unter einem der Wagen am Ende hergekrochen, nachdem der Frachtwagenzug zum Stehen gekommen war.

Jetzt stand er zwischen dem Expresszug und dem Ausweichgleis und blickte an den. Erneut fragte er sich, wieso er eigentlich so früh aus den Federn gerollt war.

Banditen aus Canon City auf dem Weg nach Leadville. Lächerlich!

Ein Mann, der wie er des Nachts in den Saloons einer wilden Stadt für Ruhe und Ordnung sorgte, hatte doch wohl das Recht, den Sonnenaufgang zu verschlafen.

Langsam und ununterbrochen vor sich hinmurmelnd schritt der Deputy an den Wagen entlang. Da hörte er ein unterdrücktes Geräusch, das ihn an den Schrei einer Frau erinnerte. Als er den Kopf schieflegte, ertönte das gedämpfte Wummern des ersten Schusses.

Frank wirbelte herum. Automatisch riss er den Revolver aus der rissigen Halfter. Der zweite Schuss schaltete die Sinne des Deputys auf höchste Alarmbereitschaft.

Eng an die Wagen gedrückt, bewegte er sich zurück, auf das Ende des Zuges zu. Da sah er auch schon eine Bewegung zwischen den beiden letzten Frachtwagen. Rasch zog er sich zurück.

Frank sah einen Mann, der aufmerksam nach links und nach rechts spähte. Nicht aufmerksam genug, wie Frank zufrieden feststellte, denn den Deputy, der dicht hinter ihm kauerte, übersah er.

Monty McGaw landete mit einem Satz auf dem Erdboden. Er federte in den Knien, drehte sich um.

Frank Haggards Stimme traf ihn im Rücken.

„So, Freundchen, auf der falschen Seite aussteigen gibt’s nicht bei uns in Leadville, damit du es weißt, ein für alle Mal, du Strolch!“

Vorsichtig drehte sich Monty um. Die Satteltasche hing über seiner linken Schulter. Mit der Rechten hielt er sie fest.

Seine Revolverhalfter war leer.

Verblüfft musterte Monty McGaw die seltsame Erscheinung des Mannes mit dem Stern auf der Weste. „He, Marshal“, sagte er, wobei er verzerrt grinste. „Da drüben ging’s mir zu heiß her. Sie sollten mal nachschauen.“ Er deutete mit dem Kinn weiter nach vorn.

„Dann will ich mal“, sagte Frank energisch. Er ging auf den Banditen zu.

„Wo geht’s denn hier zur Stadt?“, erkundigte sich der Bandit.

Frank machte große Augen. Er hatte den Banditen längst nach der Beschreibung aus Pueblo erkannt. Widerwillig musste er die Kaltschnäuzigkeit dieses Halunken bewundern.

Frank war fast bei dem Hageren, als der mit der Schulter ruckte, wie um die Satteltasche besser zurechtzulegen. Aber die Hand, die unter dem breiten Lederzwischenstück hervorkam, hielt einen Revolver.

Monty McGaw zog die Lippen auseinander. Sein Grinsen dauerte nicht lange. Er hatte den Deputy zu nah herankommen lassen. Er hatte geglaubt, mit diesem seltsamen kleinen Mann leichtes Spiel zu haben.

Montys Daumen zog den Hammer des Revolvers zurück. Dieser winzige Moment genügte dem Deputy, um zuzuschlagen.

Ein heftiger Schmerz zuckte über McGaws linken Wangenknochen, die Haut platzte auf, und Wasser schoss in Montys Augen. Ein Faustschlag schlug die Revolverhand zur Seite. Monty ächzte. Er wollte nach dem Deputy treten, doch ein jäher Schmerz wühlte in seinem Unterleib und zwang ihn in die Knie.

„Willkommen in Leadville“, knarrte Frank, als er dem Banditen den Revolver aus der erschlafften Faust wand.

 

*

 

Menschen schrien nach den beiden Schüssen, die der Mexikaner abgefeuert hatte. Clay nutzte die augenblickliche Verwirrung. Er schob einen Frachtwagenfahrer beiseite und warf sich fast gleichzeitig ein Stück nach vorn. Mit den Schultern prallte er gegen die Beine der Frau, die von dem mexikanischen Banditen als Geisel benutzt wurde.

Es waren tausend Gedanken, die durch das Hirn des Marshals zuckten. Tausend Gedanken wie einer.

Wenn es dem Banditen gelang, sich mit der Geisel nur ein paar Fuß weit zurückzuziehen, kam er, Clay, nicht mehr an den Kerl heran. Dann hatte der andere sie alle in der Hand.

„Raus hier, du großkotziger großer Marshal!“, grölte der Bandit. „Raus hier, oder ich blase der Senora ein Loch ins Gesicht!“

Die Frau schrie bei der Drohung erschreckt auf. Paulino Cuesta konnte Clay durch den bläulichen Pulverschmauch nicht erkennen. Clay riss die Beine der Frau zu sich heran. Vor dem Körper des Banditen rutschte sie zu Boden.

Mit einem Panthersatz stand Clay auf den Füßen. Selbst in geduckter Haltung wirkte er noch wie ein Hüne.

„Es ist aus!“, schrie er in das breite Gesicht hinein.

Der Mexikaner wich zurück. Clay starrte genau in das hässliche Loch eines Revolvers. Er sah den Finger am Abzug, und einen Moment lang sah er in den stechenden dunklen Augen den Tod.

Der Mund des Mexikaners klaffte auf. Clay handelte instinktiv. Er schoss und zog den Kopf zwischen die Schultern.

Beide Waffen dröhnten, vereinigten ihren Donner zu einem gewaltigen Krachen, das sich schmerzhaft auf die Ohren legte.

Clay Caldwell warf sich auf den Mexikaner. Er prallte gegen einen Sterbenden. Er wusste es, und doch musste er ihn niederreißen, musste vermeiden, dass der Verbrecher im Todeskampf noch einmal einen Schuss abfeuerte, der einen Unbeteiligten treffen konnte.

Clay nagelte die Revolverhand des Mörders auf den Boden, bis er spürte, dass das Leben aus dem Körper unter ihm gewichen war.

 

*

 

„Frank!“ brüllte er. „Wo zum Teufel steckst du?“.

„Hier bin ich, Clay!“

„Wo steckst du Schlitzohr? Wenn man dich braucht, bist du nicht da! Da war noch einer ...“ Clay verstummte.

Frank zerrte den Hageren in die Höhe. „Meinst du diesen Lulatsch? Der fiel mir genau vor die Füße.“

„Sperr ihn ein. Schaff ihn weg. Und dann komm wieder. Aber heute noch.“

„Klar, Clay.“

„Und schick den Totengräber. Und den Doc, er soll gleich die Leichenschau abhalten .

„Ja, Clay. Noch etwas?“

„Nein. Im Moment nicht.“ Clay drehte sich um.

„Clay?“

„Was gibt’s denn noch?“

„Hast du das Geld?“ Frank ließ die leere Satteltasche gegen die Wagenwand klatschen. „Dieser Mann hat kaum Geld genug für ein Frühstück, Clay.“

Monty McGaw fletschte die Zähne. „Ich protestiere ...“

„Das kannst du später noch.“ Frank tastete die Taschen des Hageren ab. Verblüfft förderte er einen Packen Dollarnoten zu Tage. „Er ist doch ein Krösus, Clay! Das sind bestimmt hundert Dollar! He, du Halunke, wo hast du die anderen Mäuse versteckt?“

„Wir werden das Geld schon finden, Frank. Schaff ihn erstmal weg.“

Die Reisenden hatten die Personenwagen geräumt. Sie drängten sich am anderen Ende des Trecks zusammen. Clay machte sich daran, den Wagen zu durchsuchen, auf dem er die beiden Banditen angetroffen hatte.

Nach einiger Zeit gesellte sich der Treckführer zu ihm. Stumm sah er auf den toten Mexikaner nieder, der mitten auf der Straße auf dem Rücken lag. Eine große Blutlache hatte sich unter dessen Schulter gebildet.

Clay Caldwell winkte den Mann zu sich heran. Er hielt die leere Satteltasche des Mexikaners in der Hand.

„Dieser Mann und sein Komplize haben in Pueblo fast einhunderttausend Dollar geraubt. Das Geld befindet sich nicht auf diesem Wagen. Können Sie mir weiterhelfen?“

„Ich wüsste nicht, wie.“

„Ist Ihnen an den Männern etwas aufgefallen?“

„Nein, Marshal. Sie haben sich die ganze Zeit normal benommen.“

„Kommen Sie mit. Wir müssen die anderen Wagen durchsuchen.“

Währenddessen untersuchte Doc Craven die Leiche des Mexikaners. Nachdem er sie für die Beerdigung freigegeben hatte, leerte Frank die Taschen des Toten. Auch der Mexikaner hatte ein Bündel Geldscheine bei sich.

Frank brachte sie dem Marshal. „Genau einhundert Dollar, Clay“, berichtete er. „Beide hatten genau hundert Bucks bei sich. Sieht aus wie ’ne Anzahlung.“

Der Zugführer räusperte sich.

„Wir müssen weiter ins Depot und die Wagen abladen, Marshal“, sagte er.

Der Zugführer meldete sich noch einmal. „Marshal, da sind ja noch die Pferde!“

„Welche Pferde?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917147
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412185
Schlagworte
leadville craven killermarshal

Autor

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Titel: LEADVILLE #5: Doc Craven und der Killermarshal