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Deine Liebe ist mein Paradies

2018 180 Seiten

Leseprobe

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Deine Liebe ist mein Paradies

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Liebesroman von Larry Lash

Der Umfang dieses Buchs entspricht 195 Taschenbuchseiten.

Zwei Frauen kämpfen um die Liebe eines Mannes, zwei Frauen von verschiedenster Wesensart, mit unterschiedlichster Lebensauffassung, beide aber ausgezeichnet durch die Gunst der Natur mit all den Reizen, denen ein Mann erliegt. Dieser Kampf führt zum Siege einer brutalen, skrupellosen, egoistischen und dabei geistig gewandten und anpassungsfähigen Frau ...

Ein Roman aus der Gründerzeit der Bundesrepublik

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach einem Motiv von John Hoppner, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Erstes Kapitel

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Im Sonnenglast lag der See, dunstig, weltverloren.

Über die glatte Fläche huschten in anmutigem Spiel Libellen in farbiger Pracht. Ab und zu klatschte es hell auf. Ein silberglänzendes Fischlein schoss aus dem feuchten Element, um im kühnen Sprung für einen Moment blitzend aufzuleuchten.

Im flimmernden Dunst lag das Ufer.

Eine gelbe Landzunge war deutlich zu erkennen. Von hier löste sich nun ein winziges Boot und nahm Kurs auf die kleinen, schilfbewachsenen Inseln.

Allmählich kam es näher und man hörte das Wasser zu beiden Seiten des schnittigen Paddelbootes glucksen. In gleichmäßigem Takt kreisten die Paddel und ließen das leichte Fahrzeug schnell vorwärtsgleiten.

„Herrlich, Richard — die Welt ist so schön!“, jubelte eine helle Frauenstimme. Die rhythmischen Geräusche verstummten mit einem Mal, das kleine Boot verlor sogleich an Fahrt.

Zwei Menschen, die Insassen des Bootes, gaben sich ganz ihren Betrachtungen hin. Vor ihnen dehnte sich der See aus, von Inselgruppen unterbrochen. Über ihnen spannte sich der blaue Himmel wie eine riesige Glocke.

Ein stiller, süßer Friede schien über das Bild ausgebreitet zu sein, einen feierlichen Zauber ausströmend, von dem die beiden Menschen tief berührt wurden und mit wachen Sinnen das Schöne und Erhabene der Natur in sich aufnahmen.

Das liebliche Antlitz der Frau war wie verklärt. Die dunklen, fast schwarzen Augen träumten und ruhten auf einem Punkt irgendwo in der Landschaft.

„Dagmar“, klang es leise hinter ihr, „wollen wir zu unserer Insel fahren? Dort können wir träumen.“

„Du sprichst meine Gedanken aus. Soeben habe ich auch daran gedacht. Noch nie habe ich einen Sonntag wie heute erlebt — außer damals. Du weißt es doch? Vor einem Jahr, als wir uns kennenlernten dort auf der Insel. Ich bin dir so dankbar, Liebster, dass du meinen Wunsch erfüllt hast.“

„Aber das ist doch selbstverständlich, mein Schatz. Wir sind jetzt ein halbes Jahr verheiratet, und ich hatte wie du auch Sehnsucht nach dem Ort, der für uns zum Schicksal wurde.“

„Du bist ja so gut. Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll.“

„Sprich nicht von Dank. Jede Stunde und jeder Tag mit dir ist mir ein Geschenk. Das Glück hat seine Pforten mir eröffnet. Wenn einer danken muss, dann bin ich es.“

„Liebster“, unterbrach Dagmar den Redefluss ihres Mannes, „wir werden bald nicht mehr allein sein.“ Die Stimme der Frau war leise, voller Zärtlichkeit. Man konnte die innere Erregung aus ihren Worten herausspüren. Sie lauschte, ohne sich nach Richard umzusehen.

In des Mannes Augen begann es zu leuchten.

Zuerst hatte er seinen Ohren nicht trauen wollen, doch dann durchfuhr es ihn wie ein Schlag. Tief ging sein Atem. Seine Hand umspannte das Paddel, sodass die Knöchel weiß hervorschimmerten. Er sah auf seine Frau, die vor ihm saß und sich nicht rührte.

Da hob er seine Hand, legte sie zart auf die schwarze, glänzende Haarflut seiner Frau, streichelte das schimmernde Gelock behutsam und flüsterte mit heiserer Stimme:

„Du machst mich zum glücklichsten Menschen der Welt.“

Dagmar lehnte sich zurück, sah ihn mit großen Augen an, mit Augen, in denen ein geheimes Wissen lag um Dinge, die nur eine Frau empfindet, die das Geheimnis des Werdens in sich trägt.

Sie schaute in die blauen, hellen Augensterne des Mannes, suchte auf dem Grund seiner Seele. Dabei lächelte sie, und es kam dem schauenden Mann so vor, als ob er sie zum ersten Mal sah. Dieses Lächeln war ihm an ihr fremd und neu. Es erinnerte ihn an das Lächeln seiner Mutter.

Es war ihm eigenartig zumute, und er fühlte mit einem Mal, dass dieses große Geheimnis seine kleine Frau in einem Licht erscheinen ließ, dass er niemals ergründen konnte. Sie war ihm ein Rätsel geworden, gleichsam mit Mächten und Kräften begabt, die fernab seiner Welt lagen.

Richard wagte nicht zu fragen, sah nur in ihr verklärtes Gesicht, worauf weich die Strahlen der Sonne fielen, blickte auf die hochgewölbte Stirn mit den fein geschwungenen Augenbrauen, den dunkel schimmernden großen Augen, die von schwarzen, langen Wimpern eingefasst waren.

Dagmar, seine kleine Frau war schön. Sie war von einer Schönheit, die nicht nur durch den äußeren Schein bestimmt wurde, sondern von innen heraus leuchtet.

Zart und zerbrechlich schien sie zu sein. Nur der bräunliche, warme Ton ihrer Haut ließ erkennen, dass sie den Sport liebte und in Licht, Luft und Wasser zu Hause war und darin wie eine Blume gedieh.

„Du sagst nichts? Liebster. — Wünschst du dir nicht etwas?“, fragte sie nach einer Weile des Schweigens schelmisch.

„Nein, mein Wunsch ist erfüllt. Kann man da noch mehr Wünsche haben?“, erwiderte Richard erstaunt. Er wusste auch wirklich nicht, worauf sie hinaus wollte, und verbarg seine Verlegenheit, indem er sein Paddel wieder zur Hand nahm.

Sprühend stoben Wassertropfen, blitzten wie funkelnde Edelsteine.

Langsam schob sich das Boot durchs Wasser, einen langen Streifen hinterherziehend.

„Sag einmal, was ist dir denn lieber, ein Junge oder ein Mädchen?“, tönte es zu dem Mann herüber.

Wieder lauschte Dagmar, ohne mit dem Paddeln innezuhalten.

„Was mir lieber ist? — Hm — die Hauptsache ist, es wird ein gesundes Kind!“, kam es lachend zurück.

Dagmar sah ihn halb von der Seite an und schmollte.

„Mir ist es aber nicht so egal. Es soll ein Mädel sein!“

Sie sah allerliebst aus, die kleine Frau. So empfand es auch ihr Gatte, der einen Seufzer ausstieß und im Brustton der Überzeugung rief:

„Es wird sicher ein Mädchen, so wie du. Es lebe Vroni!“

„Wieso Vroni?“ Dagmar rümpfte das Wäschen. „Muss es denn ausgerechnet Vroni heißen?“

„Warum denn nicht? — Ich finde, der Name Vroni hat einen schönen Klang, und er lässt sich gut aussprechen.“

„Ich mag ihn aber nicht. Such einen besseren“, hänselte ihn Dagmar.

„Das überlass ich lieber dir, mein Schatz“, lachte Richard belustigt.

Sie stimmte in sein Lachen ein, und es klang hell und froh über den See.

Dann glitt das Boot wieder mit zunehmender Geschwindigkeit vorwärts einer kleinen Insel entgegen, die näher und näher kam und sich als ein gemütliches Fleckchen Erde erwies.

In kurzer Zeit schon hatte das Paar das leichte Fahrzeug auf den Strand gezogen und in gemeinsamer Arbeit ein Zelt errichtet. Jeder hatte zu tun, trotzdem riss aber die Unterhaltung nicht ab. Sie hänselten sich und lachten ausgelassen wie zwei Kinder.

Warm fielen die Strahlen der gütigen Sonne auf das schöne Paar herab, das wie für einander geschaffen das Auge eines Malers erfreut hätte.

Die Stunden verrannen wie im Flug.

Dagmar beschäftigte sich als Hausfrau und zauberte mit geschickten Händen eine Mahlzeit hervor, die sie mit fraulichem Geschick ihrem Gatten servierte.

Gemeinsam aßen sie.

Währenddessen stand die Sonne wie eine feurige Kugel am Horizont. In Purpurglühen stand die Welt getaucht und machte sich für den Abend zurecht.

Von Ferne hörten sie die Stimme der Entenvölker und aus dem Italien Schilf das Quaken der Frösche. Die Luft war still und durchwärmt.

„Weißt du noch, Liebster?“, fragte die kleine Frau verträumt und schmiegte sich in den Arm des Mannes. „Genau wie heute war es.“

Richard Ebersbach hielt seine Frau, sah tief in ihre Augen. Er glaubte, einen seltsamen Glanz darin wahrzunehmen, und sann vor sich hin.

„Damals“, kam es gedehnt über seine Lippen, „damals erfüllte sich unser Geschick. Es war wie im Märchen, voller Wunder.“

Beide schwiegen, schauten auf die schimmernde Wasserfläche, worin die Sonne unterzugehen drohte. Sie gaben sich ganz ihren Erinnerungen hin.

„Ja — damals“, sagte Richard leise, und vor seinem geistigen Auge rollte ein Geschehen ab, das vor einem Jahr auf der Insel in Erfüllung ging.

Wie war das noch? — Ach, richtig! Es begann an dem Tag, als er vom Vater die Fabrik übernahm!

Auch die Mutter hatte Richard schon als Kind verloren. Sie war an einer unheilbaren Krankheit, die wie eine Geißel über die Menschheit hing, dem Krebs, gestorben. Alle ärztliche Kunst konnte nicht mehr helfen. Der Keim der Krankheit war zu spät entdeckt worden.

Sein Vater hatte nicht noch einmal geheiratet, sondern wie ein Besessener gearbeitet und sein Unternehmen auf den jetzigen Höchststand gebracht.

Aber bald starb auch er. Er war ein Mann, wie nur selten einer gewesen, gerecht, wahr und mit einem ausgeprägten Sinn für das Edle. Er war der einzige Mensch, der Richards volles Vertrauen besaß. Vor ihm hatte er keine Geheimnisse. Der Vater war ihm Freund und Beschützer.

Durch seinen frühen Tod hatte er eine tiefe Wunde in Richards Herz gerissen, die brennend schmerzte.

Auf dem Sterbelager hatte der Vater zu ihm gesagt:

„Ich weiß, mein Sohn, dass es jetzt mit mir zu Ende geht. Meine Uhr ist abgelaufen. — Warum auch nicht. Für jeden kommt einmal diese Stunde. Aber nicht ich bin zu bedauern, sondern du, mein Sohn, der du doch zurückbleibst. Für mich steht das Tor zu einer neuen, geheimnisvollen Welt offen! — Warum also traurig sein? — Oft habe ich mich mit den Gedanken des Heimgehens befasst. — Ich sagte Heimgehen, denn für mich ist es die Heimat, die auf mich wartet. — Vielleicht treffe ich dort deine Mutter und später wirst auch du kommen. —

Bleib du nur so, wie du bist. Sei den Leuten ein Vorbild menschlicher Haltung und Handlung. Strebe dem Guten und Edlen zu und lass dich durch nichts beirren. Wenn du in Ruhe mein Erbe angetreten hast, mach erst einmal Ferien. Udo Bernicke wird solange die Fabrik für dich leiten. Fahre hinaus in die Welt. — Du wirst auf dieser Reise sicher dem Glück begegnen und es erobern können. — Halte es fest, denn nur kurz ist ... die ... Zeit ...“

Bei diesen Worten war der Vater eingeschlafen; ruhig und still war er hinübergewechselt in ein Land, das fern der menschlichen Vorstellung liegt und aus dem es keine Wiederkehr gibt.

Eine Welt war für Richard zusammengebrochen, und er stellte mit furchtbarem Erschrecken fest, dass er ganz allein war.

Es litt ihn nicht länger daheim. Der Wunsch des Vaters, er möge reisen, begann Formen anzunehmen, denn überall gähnte ihm die Leere entgegen, und es trieb ihn hinaus.

Er verständigte sich mit Udo Bernicke und reiste dann ohne festes Ziel ab. Richard konnte sich auf Direktor Bernicke verlassen, der einer der ältesten Mitglieder der Firma war und mit Vater freundschaftlich verkehrt hatte.

In seinem schweren Tourenwagen durchstreifte er ganz Deutschland, blieb nirgends lange. Er war ohne Ruhe, von einer Nervosität, die das Schlimmste befürchten ließ.

Bis dann eines Tages mitten auf der Landstraße das Mädchen Dagmar stand.

Er hatte sie kaum richtig angesehen, da wusste er schon, dass dieses zarte Mädchen mit den dunklen, unergründlichen Augen sein Schicksal werden würde.

Als er den Wagen zum Stehen brachte, war sie schnell in dem nahen Wald verschwunden, und ihr silberhelles Lachen stärkte noch seine Enttäuschung.

Wie im Traum war er dann weitergefahren bis zu dem kleinen Gasthof des Dorfes, wo er sich zwei nette Zimmer nahm.

Tag um Tag machte er weite Spaziergänge in die Umgebung und dehnte sie mit der Zeit immer weiter aus. Er war von der festen Hoffnung beseelt, das schöne Mädchen einmal wiederzusehen.

Aber es verging eine Woche nach der anderen, und er begegnete dem Mädel nicht.

Er ließ sich trotzdem aber nicht enttäuschen und meinte, eine Stimme in seinem Innern zu vernehmen, die sagte:

Warte — bleib’ noch! — Du wirst sie finden!

Oftmals stand er am Ufer des Sees, sah träumend zu den Inseln, die malerisch einsam vor ihm lagen, zum Greifen nah und doch nicht erreichbar.

Sonderbar, wie meine Liebe, dachte Richard, zum Greifen nah und unerreichbar!

Diese Vorstellung brachte ihn auf eine neue Idee.

Noch am gleichen Tag kaufte er sich ein Paddelboot.

Die Sonne ging schon unter, als er das Boot ins Wasser ließ und mit einem kräftigen Schwung vom Ufer entfernte.

Zum ersten Mal seit Langem war in ihm heute eine Ruhe, die ihn eigentümlich berührte.

Er sah die Scheibe der roten Sonne sich mit dem Wasser vermählen, sah das Spiel der Mücken, die über das glatte Wasser tanzten und eine Beute der flinken Schwalben wurden.

Dann hatte er eine der kleinen Inseln näher ins Auge gefasst und steuerte darauf zu.

Überrascht horchte er auf, denn der Wind trug ihm eine Melodie, eine recht schwermütige Weise, zu.

Als das Lied verklungen, lauschte er noch lange den verlorenen Klängen nach.

Er war aufgewühlt, und in seiner Seele schwang ein Sehnsuchtsgefühl, das er sich nicht erklären konnte.

War es die süße, einschmeichelnde Melodie oder die klare, wunderbare Mädchenstimme, die sein Herz so gefangen nahm. Jedenfalls konnte er nicht widerstehen, dem Klang nachzufahren, als ob ihn unsichtbare Fäden mit unwiderstehlicher Gewalt zögen.

Doch als er auf der Insel gelandet, sein Boot an den Strand gezogen, konnte er kein menschliches Wesen entdecken.

Resigniert setzte er sich nieder und sann still vor sich hin.

Der Wind fächelte ihm die heiße Stirn, und aus den biegsamen Zweigen der Weidenbäume flüsterte es raunend.

Und dann stand plötzlich ein Mädchen vor ihm und schaute mit dunklen, grübelnden Augen auf ihn nieder.

Er wusste nicht, wie ihm geschah — starrte sie an und gewahrte erst nach einer Weile, dass sie eine rote Rose im Haar trug.

Da wagte er es, sie anzureden:

„Bitte — wer sind Sie?“ Seine eigene Stimme kam ihm fremd und unwirklich vor, und er empfand sogleich die Unschicklichkeit seiner Frage.

„Aber mein Herr — das könnte ich Sie fragen. Zuerst stellt sich doch wohl der Herr vor!“, lachte es zurück, und zwei Reihen weißer Zähne, wie Perlen anzuschauen, zeigten sich.

„Sie haben hier mein Reich betreten, und nun stellen Sie auch noch Fragen?“

Richard sprang auf, machte eine tiefe Verbeugung und sagte zerknirscht:

„Oh — bitte verzeihen Sie! — Ich wusste nicht, dass die Insel besetzt ist, sonst hätte ich Sie bestimmt um Erlaubnis gefragt.“

Mit einem Schlage war er in heiterer, ausgelassener Stimmung, und nun entwickelte sich ein lustiges Gespräch, in dessen Verlauf er sich vorstellte und um weitere Aufenthaltsgenehmigung bat.

Lachend wurde ihm diese zugebilligt.

Dann erfuhr er auch ihren Namen, wusste wo sie wohnte, und als sie gemeinsam die Insel verließen, stand es für ihn fest, dass das Mädchen Dagmar seine Frau werden musste.

Dagmar fuhr in einem plumpen Ruderboot zurück, und es kam ihm vor, als ob die Ruder viel zu schwer für ihre zarten Arme wären.

Aber seine Bitte, die Boote zu tauschen, hatte sie dankend und bestimmt abgelehnt.

In geringem Abstand folgte er ihr.

Herzlich war der Abschied. Sie verabredeten für den nächsten Tag einen Treffpunkt und gingen voneinander, jeder im Bewusstsein, dass sich etwas Schönes und Großes anbahnte, das für’s ganze Leben Geltung haben würde.

Für Dagmar und Richard folgten Wochen herrlichen Erlebens.

Kurze Zeit später holte er sich ihr ,Ja-Wort‘ und führte die junge Braut heim.

Bei der Hochzeit waren nur wenige Gäste anwesend.

Dagmars Onkel, der Förster, war der einzige Verwandte des Mädchens, und er blieb nicht lange in der Stadt, denn das ungewohnte hastige Leben und Treiben missfiel dem alten Herrn, und so fuhr er schon bald nach der Hochzeit heim.

„Besucht mich bald. In meinen Wäldern und den Seen werdet ihr euch allzeit erholen können“, sagte er herzlich beim Abschied und klopfte Richard auf die Schulter.

Jedoch es vergingen Monate, und erst jetzt, ein Jahr nach ihrer erstmaligen Begegnung, waren sie aufgebrochen, um Onkel Randolf einen Besuch abzustatten und auf der kleinen Insel zu träumen und über Vergangenes in Ruhe nachzudenken.

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Zweites Kapitel

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Komm, Liebster — es wird Zeit. Lass uns schlafen gehen. Morgen früh fahren wir gleich zum Onkel zurück“, sagte Dagmar leise und löste sich sanft aus Richards Armen.

Nur langsam fand sich Richard in die Wirklichkeit zurück.

Schwerfällig erhob er sich und folgte der Frau ins Zelt, die auf die Luftmatratzen zwei Wolldecken und Kopfkissen legte und sich wohlig ausstreckte.

„Lass den Vorhang bitte noch offen. — Ich möchte die Sterne sehen, ehe ich einschlafe.“

„Ich weiß, Dagmar, du liebst diesen Anblick des gestirnten Himmels, kannst dich darin vertiefen wie andere in ein Buch. Ist es die unendliche Ferne, oder das gewaltig Erhabene des Sternenzeltes, das dich so anzieht?“, fragte Richard.

Ein helles Lachen war die Antwort.

„Ach — darauf kann ich dir wirklich keine klare Antwort geben, mein Lieb“, sagte sie nach einer Weile. „Vielleicht ist es ein Gefühl, das ich selbst nicht begreifen kann und mich schon beim Betrachten des Sternenhimmels erschauern lässt. — Manchmal denke ich, es müsste ein Wunder geschehen und man könnte fliegen, losgelöst von aller Erden schwere zu den Sternen. — In meiner Fantasie sehe ich Welten in den verschiedensten Farben, wie sie vor mir schweben wie große Kugeln. — Ob es dort oben nicht auch Menschen gibt, Wesen, vernunftbegabt und irgendwie der unsrigen Welt vergleichbar?“

„Aber sicher gibt es das. Ich bin sogar davon überzeugt! Es ist ein Irrtum, wenn der Mensch glaubt, nur seine Welt sei von der Schöpfung bevorzugt. Nein, auf den Milliarden von Sternen und Sonnensystemen wird es überall Leben geben, Leben, das der Atmosphäre jedes einzelnen Sternes angepasst ist. Was wissen wir Menschen von Leben und Tod. Wir wissen nicht einmal, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Mit unseren Sinnen erfassen wir nur einen Bruchteil von dem, was wirklich ist. Vieles entgeht uns, ist von unseren Sinnen nicht wahrzunehmen. Ich will dir keinen Vortrag darüber halten, mein Schatz. Es würden nüchterne Zahlen und Tatsachen folgen, die dich nicht interessieren und nur für Gelehrte und wenige Liebhaber in Frage kommen. Aber es genügt auch so, gell?“

„Aber warum träumt man immer vom Fliegen? — Ich denke dabei nicht an eine Maschine oder sonst ein technisches Hilfsmittel, sondern daran, dass man sich aus eigener Kraft in die Luft heben könnte. Etwas liegt gewiss diesem zugrunde, und oftmals denke ich darüber nach, ohne das Rätsel lösen zu können.“

Nach ihren Worten folgte ein langes Schweigen. Dann kam es zögernd über ihres Mannes Lippen: „Ja — es ist auch ein Rätsel. Sonderbar ist nur, dass dieser Traum durch die ganze Menschheit geistert von Urbeginn an. — Vielleicht ist es ein Merkmal, das uns Menschen geblieben und unsere Gedanken auf hohe Ziele lenkt, oder es ist etwas, das einst unser Dasein erfüllte, der Drang nach Freiheit. Doch die wahre Freiheit liegt bei den Sternen. Wohl dem Menschen, der sich zu dieser Erkenntnis durchringt. Das Leben wandelt sich. Er sieht alles mit neuen Augen, aus nie gekannten Perspektiven.“

Bei diesen Worten machte Richard eine Pause. Er sah über den See, blickte auf die silberne Scheibe des Mondes, dann bückte er sich und breitete die Decke über den Körper seiner Frau.

Dankbar lächelte sie aus der Dunkelheit zu ihm auf.

Zwei volle, weiche Arme legten sich um seinen Hals, und eine Stimme flüsterte:

„Du — ich hab’ dich ja so lieb!“

Da durchströmte ihn ein Glücksgefühl ohnegleichen, und er vergaß die Welt, tastete nach Dagmars Gesicht, hielt es zärtlich und presste seine Lippen auf die ihren.

Vergessen war der Mond und die Sterne. Zwei Menschen fanden sich, gingen ineinander auf.

Ein Nachtvogel kreischte in der Nähe.

Die hellen, gelben Augen des Uhus leuchteten wie glühende Kohlen. Dann lösten sich die Fänge, und der nächtliche Schreier flog schemenhaft davon.

Lange bevor die Sonne aufging, war das Paar erwacht.

Richard erhob sich, trat aus dem Zelt und schaute auf die brauenden Nebel.

Die Sicht reichte nicht weit, denn überall wogten die grauen Schwaden.

Langsam entfernte er sich vom Zelt und suchte einigermaßen trockenes Holz. Als er genügend gesammelt hatte, kehrte er zurück und entfachte ein Feuer.

Frau Dagmar trat pünktlich, nachdem er fertig war, ins Freie und fragte nach dem Morgengruß erstaunt: „Ach, Liebster, bist du schon auf? Und Feuer hast du auch schon gemacht?“

Er ließ sich von ihren schalkhaften Reden aber nicht von der Arbeit abhalten, sondern setzte den Kessel für den Morgenkaffee aufs Feuer.

Dann liefen sie beide unter ausgelassenem Gelächter zum Strand und stürzten sich, so wie Gott sie erschaffen, in die eisige Flut. Nachdem sie so ihre Morgentoilette erledigt hatten, hüllten sie sich in ihre Bademäntel und setzten sich zu Tisch.

Da riss auf einmal die Nebelwand auseinander. Die ersten Sonnenstrahlen bahnten sich einen Weg und vergoldeten die Landschaft. Vögel jubilierten, und es tönte und zwitscherte. Wildenten rauschten vom See hoch und kreisten in den Lüften.

Spiegelglatt war das Wasser. Die beiden Menschen standen und schauten mit offenem Herzen.

„Ist es nicht wie im Märchen? Das Herz ist voller Seligkeit. Wie viel muss man in der Stadt doch entbehren, wo man nicht die Nähe der Natur spürt. Ich bin so froh, Richard!“

„Ich auch“, gestand der Mann an ihrer Seite und legte den Arm um ihre Hüfte.

„Du musst viel Schönes sehen, damit unser Kind eine klare Seele bekommt.“

„Glaubst du denn, dass es davon abhängt?“

„Ja!“, sagte er fest, und seine Augen leuchteten dabei hell.

„Die Erfahrung lehrt es uns. Es ist kein Altweibertratsch. Oh nein, es steckt mehr dahinter. Als erwiesen zum Beispiel ist, dass Frauen, die mit all ihrem konzentrierten Willen und aus gläubigem Herzen sich eine bestimmte Vorstellung vom Kinde machen, bei der Geburt auch das tatsächlich vorfinden, was sie sich erwünscht haben.“

Dagmar sah auf ihren Mann. Fast scheu tastete sich ihre Hand zu der seinen; zart umschloss sie die des Mannes.

„Ich fühle, dass du recht hast und will mit ganzem Herzen dabei sein“, sagte sie leise und lehnte sich an ihn.

„Irgendwann hab ich mal ein Gedicht gelesen, und es ist mir im Gedächtnis haften geblieben. Es passt so recht zu uns, und ein tiefer Sinn liegt darin verborgen.“

Überrascht sah ihn Dagmar an. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und schelmisch fragte sie:

„Seit wann interessierst du dich denn für Gedichte?“

Richard machte diese Frage etwas verlegen.

„Hm — es gefiel mir eben.“

„Dann bin ich aber neugierig, es zu hören. Du musst schon verzeihen, aber wir Frauen dürfen doch neugierig sein, nicht wahr? Beim Manne nennt man dasselbe Gefühl ja Wissbegierde“, meinte sie lächelnd.

Nachdenklich blickten Richards Augen auf den lichtsprühenden See. Die letzten Worte seiner Frau hatte er überhört. Er schien in seinem Gedächtnis zu forschen.

Wieder einmal konnte Dagmar beobachten, dass ihr Mann, wenn er über etwas nachdachte und es dann gefunden hatte, einen verträumten Eindruck machte, was stets um ihn eine eigenartige Sphäre zauberte, die jeden Menschen gefangen nahm und ihn in gespannter Erwartung aufhorchen ließ. Auch Dagmar war voller Bereitschaft.

Und mit warmer Betonung erklang die volle Stimme Richards:

Du Wunder unserer Wiederkehr,

Des Bundes Segen du und Sinn,

Vom Herzen Gottes kommst du her,

Ein Licht aus einem Feuermeer, Geheimnisvoller Neubeginn.

Dem Kreis, der ewig schwingt und ruht,

Fügst du dich wie ein Sternlein ein

Und willst mit Erde, Fleisch und Blut,

Mit Menschenangst und Menschenmut Beladen sein.

In deinem Anschau’n groß und rein

Steh’n gute Geister im Gemach

Und werden dienend bei dir sein,

Bis du die Wege gehst allein

Und hängst dem Wunderbaren nach.

Wenn du die deinen einst verlässt,

Vollendest dein und ihre Art,

Als Feuervogel flieg’ vom Nest zu deines Daseins höchstes Fest,

Zu tiefer Schau auf große Fahrt.

Schweigend standen sie und lauschten dem Klang ihrer Herzen. Da zog Dagmar zart den Kopf ihres Mannes herab und küsste ihn zaghaft auf den Mund. Dieser Kuss löste den Bann, der sich auf sie gelegt.

„Lasst uns aufbrechen! Onkel Randolf wird uns bestimmt schon erwarten.“

„Ja, es wird Zeit, Liebste. Der alte Herr wird ungehalten sein, wenn wir so spät kommen. Wahrscheinlich wird er schon nach uns Ausschau halten.“

Sie begannen schnell das Zelt abzubrechen. Die Arbeit ging naturgemäß schneller vonstatten als das Aufbauen.

Sämtliche Gegenstände wurden fachmännisch verstaut, und man konnte sehen, dass das Ehepaar nicht zum ersten Male mit derartigen Dingen zu tun hatte.

In knapp einer halben Stunde ließen sie das Boot ins Wasser, stiegen ein und schon ging es in flotter Fahrt über den See.

Ein leichter Wind strich warm von Süden her und begünstigte sie.

Immer näher rückte das Ufer. Dunkle Tannenwälder fingen den Blick auf. Unentwegt steuerte das Paar einer Lichtung zu, wo zwischen den hohen Stämmen ein helles, schmuckes Häuschen hervor leuchtete.

Schon von Weitem erkannten sie eine Gestalt am Ufer, die regungslos verharrte und dann grüßend die Hand hob.

Sofort erwiderten sie den Gruß.

„Der gute Onkel Randolf“, lachte Dagmar. „Er wird gewiss schon lange dort stehen und den See mit dem Glas nach uns abgesucht haben.“

Kräftiger wurden von nun an die Paddel gebraucht, sodass das kleine Fahrzeug wie ein Pfeil dahinschoss und förmlich dem Ufer zuflog.

Kaum langten sie an, als Dagmar aus dem Boot sprang und ihrem Onkel lachend ganz außer Atem um den Hals fiel.

„Nicht bös sein, Onkelchen, bitte, bitte“, bettelte sie in komischer Verzweiflung. „Es war doch so schön!“

Randolf Wieland drückte die junge Frau herzhaft an seine Brust und lachte dröhnend:

„Du bist doch noch der gleiche Racker wie damals als Kind. Wer wird dir jemals bös sein können?!“

Richard hatte das Boot auf den Strand gezogen und war ebenfalls näher getreten. Mit festem Händedruck begrüßten sich die Männer.

„Nun aber los — damit ihr was in den Magen bekommt. Es wird höchste Zeit, denn der Proviant, den ihr gestern mitgenommen habt, wird bestimmt nicht für ein ordentliches Morgenfrühstück gereicht haben.“

Bei diesen Worten fasste Randolf das Ehepaar und schob es vor sich her.

„Sei schön folgsam, Richard, Onkel will uns sicher verhaften“, flüsterte Dagmar mit zwinkernden Augen.

„Ha, ha, du hast recht, Sonnenkind, am liebsten möchte ich euch hierbehalten und gar nicht wieder fortlassen. Man wird alt und — da sehnt man sich nach Jugend, nach frischem Leben. Es ist mir hier zu einsam geworden“, bekannte der weißhaarige Mann mit dem rotbraunen, frischen Gesicht, das von unzähligen Fältchen durchzogen war.

Randolf Wieland hatte sich, trotz seines Alters, ein jugendliches Herz bewahrt. Seine Haltung war straff und elastisch und erinnerte an den ehemaligen Soldaten. Die Kraft seiner blaugrauen Augen war ungebrochen, und sie sahen mit Vertrauen und Verständnis in die Welt.

„Dann komm doch zu uns“, ermunterte ihn Dagmar. Sie wusste aber zu genau, dass dieses Ansinnen dem Onkel nicht behagen würde, denn seine Liebe zu den weiten Wäldern und Seen war sprichwörtlich.

Die Antwort kam auch prompt: „Nein, nein, mein Mädel, das wäre mein Tod. — Von meinen gezählten Tagen möchte ich auch nicht einen in der Stadt verbringen. Aber ihr seid jung, ihr könntet doch bei mir bleiben.“

„Vielleicht wird dein Wunsch bald erfüllt“, sagte Dagmar leise. Sie dachte dabei an ihr Kind.

„Ich nehme dich beim Wort, Dagmar-Kind. Wann glaubst du, dein Versprechen einlösen zu können?“, kam es gespannt zurück.

Lachend schaute Dagmar auf die beiden Männer und sagte laut und froh: „In sieben Monaten, Onkel, dann bleib ich vielleicht ein halbes Jahr oder noch länger bei dir.“

„Nanu — wieso ausgerechnet in sieben Monaten?“, wollte der alte Förster wissen. Er zog dabei die Stirn in Falten und schaute seine Nichte überrascht an. Plötzlich überkam ihn eine Ahnung. Er blieb stehen, lachte dröhnend, hob mit kräftigen Armen die kleine Frau hoch, schwengte sie im Kreis und schrie: „Herrlich — mein Gott, das habt ihr ja famos gemacht, ihr zwei! — Ich gratuliere, nein, was sage ich, gratuliert mir.“ Randolf schien außer sich vor Freude. Schwer atmend stellte er Dagmar wieder auf die Füße, trat an Richard heran und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.

„Bist doch ein ganzer Kerl, Richard. Das muss aber gefeiert werden. Habe noch einen alten, guten Wein im Keller. Zuerst dachte ich schon, dass er niemals zur Geltung kommen würde, aber jetzt muss er daran glauben. Kinder ist das eine Freude für so einen ollen Kerl.“

In seiner Aufregung gebärdete sich Randolf wie ein Kind.

Auf einmal lief er mit schnellen Schritten voraus, ohne sich um die beiden Nachfolgenden zu kümmern.

Lächelnd schaute das Paar ihm nach.

„Der gute Onkel. — Er hat nie das Glück kennengelernt, Kinder zu besitzen. Es war der stille Kummer, der sein Leben beschattete, trotzdem hat er niemals der Tante Vorwürfe gemacht, und erst, als sie mich an Kindes statt annahmen, waren sie restlos glücklich.

Der Onkel ist zwar rau in seiner Umgangsform, aber er meint es nicht so und hat ein goldenes Gemüt. Stets war er mir ein guter Vater“, erläuterte Dagmar.

Unterdes waren sie am Hause angelangt. Schmuck und sauber lag es zwischen den Bäumen.

An der Tür stand breitbeinig der Onkel und hielt etwas versteckt hinter seinem Rücken.

„Na — Onkelchen, was hast du denn wieder vor?“, forschte Dagmar und stand zierlich und schlank dicht vor ihrem Onkel.

Randolf Wieland wirkte wie ein Riese im Vergleich zu ihr.

Zögernd, fast verschämt zog er seine Hand hervor und hielt der Nichte einen wundervollen Blumenstrauß entgegen.

„Rote Rosen?“, rief sie erfreut. „Ach — ich danke dir, Onkel.“

Behutsam nahm sie die Rosen, sah strahlend auf Randolf, der wie ein Junge verlegen vor sich hin starrte.

Dann sagte Dagmar leichthin: „Kommt ins Haus, ja? Ich hab einen mächtigen Hunger.“

Einfach und schlicht war es im Innern des Hauses. Die Möbel hatten etwas großväterliches, Verträumtes. Man fühlte sich wohl und geborgen. An den weiß getünchten Wänden hingen Jagdtrophäen. Hirschgeweihe, Eberköpfe, Rehgeweihe und sogar die mächtige Schaufel eines Elches prangten als Hauptstücke.

In einem besonderen Schrank standen die Jagdgewehre, säuberlich geputzt und spiegelnd blank. Sie waren der ganze Stolz des Hausherren, und er hing mit wahrer Liebe an ihnen. Jedes hatte sogar seinen Namen.

Als ihn Richard einmal fragte, warum er ausgerechnet Frauennamen ausgewählt hatte, schaute er ihn nur erstaunt an und meinte:

„Ganz einfach, mein Lieber. Beim Militär wird doch das Gewehr als die Braut des Soldaten bezeichnet, und da ist es doch selbstverständlich, dass ich in meinem Harem meine Liebsten beim Namen kennen muss.“

Im Gegensatz zu den Gewehren hatte der lustige Alte seine Pfeifen mit Männernamen belegt. Es waren Namen von ehemaligen Freunden und Bekannten, die nicht mehr unter den Lebenden weilten.

„Damit ich immer wieder an die Lieben erinnert werde“, erklärte er dazu.

Tatsächlich rauchte Randolf Wieland täglich aus einer anderen Pfeife. Er stopfte und rauchte die Pfeife mit einer feierlichen Umständlichkeit, ohne sich auch von der Nähe des jungen Paares stören zu lassen.

Seppel, sein treuer Dackel, lag meistens faul in der Nähe seines Herrn. Er hatte es gut, der kleine Kerl, und wurde verwöhnt. Seine beiden Artgenossen jedoch, die fixen Jagdhunde Diana und Roland, waren draußen im Zwinger eingesperrt und durften sich nur ab und zu in der goldenen Freiheit austoben, wovon sie natürlich dann auch restlos Gebrauch machten und später nur widerwillig wieder in ihrem Käfig eingesperrt werden konnten.

Dagmar liebte die vertraute Stätte ihrer Kindheit aus ganzer Seele. Sie war hier mit allem verwachsen und verbunden, und es wurde ihr nach einer zuerst freudlosen Kindheit zum Paradies.

In friedlicher Harmonie lebten die drei so grundverschiedenen Menschen. Des Öfteren machten sie weite Spaziergänge, wobei sich der gute Onkel als ein ausgezeichneter Kenner der Natur erwies und den beiden in interessanten Vorträgen seine Erlebnisse aus einer vergangenen, bewegteren Zeit zu schildern wusste.

So vergingen die Tage wie im Fluge, bis Richard dann mit Erschrecken feststellen musste, dass sein Urlaub dem Ende zuging und der Abschied nahe bevorstand. Eines Tages, als das Paar noch im Garten saß und im Dämmern des warmen Abends Glühwürmchen durch die stille Luft geisterten, sagte Richard zu seiner Frau: „Tja — Liebling, morgen müssen wir endlich aufbrechen. — Es wird schon höchste Zeit, dass ich zurückkehre. Udo Bernicke ist alt, und es bedeutet für ihn eine starke Überbelastung. Er ist auch auf die Dauer den großen geschäftlichen Belangen nicht mehr gewachsen.“

„Schon morgen?“, kam es wie ein Hauch zurück.

Erschrocken stellte Richard fest, dass Dagmar blass und verstört im Sessel ruhte und mit großen Augen in die Nacht blickte.

„Was ist dir, Liebste?“, fragte er besorgt.

„Nichts — gar nichts“, klang es mit verlöschender Stimme zurück.

„Aber Liebling, du verschweigst mir doch etwas? Ist es vielleicht der Abschied?“ Er trat zu ihr hin.

In diesem Augenblick ertönte grollend ein ferner Donnerschlag, und es wurde zunehmend schwül und drückend.

Dagmar hielt die Augen geschlossen. Auf ihrer Stirn standen Schweißperlen. Sie fühlte, dass ihr Mann auf Antwort wartete und suchte selbst ihre Stimmung zu ergründen.

,Ja, was war das nur?‘ Ein unbekanntes Angstgefühl drohte sie zu ersticken. Ob es die Angst vor dem heraufziehenden Gewitter war? Nein, bisher hatte sie derartige Reaktionen nie verspürt. Aber vielleicht lag es daran, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug, und nun von äußeren Geschehnissen stärker als gewöhnlich beeindruckt wurde.

„Ich habe Angst, einfach Angst. Halt mich ruhig für töricht, aber das Gefühl ist nun einmal da, und ich kann es nicht bannen“, kam es nach einer Weile erregt aus ihrem Munde.

„Aber, Dagmar!“, beruhigte Richard die kleine Frau und hielt zärtlich ihre kleine Hand fest. „Das geht auch vorüber. Die Schwüle bedrückt dich. Wenn das Gewitter vorbei ist, wird auch dein Angstgefühl gebannt sein.“

„Vielleicht hast du recht. Lass uns ins Haus gehen!“ Müde erhob sie sich und ging, von ihrem Gatten gestützt, ins Haus.

Nachdem er das Licht angezündet hatte, fiel ihm das verstörte Aussehen der Frau besonders auf.

Rasch entschlossen führte er sie zu einem Sessel und sagte weich:

„Ich fahre dann eben allein zurück. Du bleibst noch hier.“

Erstaunt sah sie ihn an. Dann lächelte sie gequält und sagte leise:

„Nein, Richard. Wo du bist, will auch ich sein. Dein Opfer kann ich nicht annehmen.“

„Warum denn nicht, Liebste. Es ist doch kein Opfer. Ich weiß, dass du dich hier wohlfühlst. Erfüll mir meine Bitte. Es wird dir sicher gut tun. Auch für unser Kind ist es besser.“

Nun lächelte sie, zog ihren Mann mit beiden Armen zu sich und sah ihm strahlend in die Augen.

„Ach, du bist ja so gut. Es wird mir nun leichter zumute. Ich bleibe.“

Unruhig blickte Richard zum Fenster, wo es eben aufblitzte und dann der Donner dumpf dröhnte.

„Wo steckt nur der Onkel. Das Gewitter ist schon bei uns. Ich mach mir Sorgen um ihn.“

„Ja, eigentlich müsste er schon längst von seinem Dienstgang zurück sein“, erwiderte Richard.

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, als mit einem Schlage der Regen einsetzte. Die Wassermassen prasselten in rasendem Wirbel.

Es hörte sich so an, als ob tausende von kleinen Trommeln ein Konzert gäben, in dem der Donner die Paukenschläge dazu stellte.

Verängstigt duckte Dagmar sich und meinte erregt:

„Wenn nur dem guten Onkel nichts zustößt.“

In der Dunkelheit züchten die Blitze, zerrissen jäh die schwarzen Wolken, fuhren Lichtbündel mit unheimlicher Schnelligkeit zur Erde nieder. Prasselnd barst es im nahen Walde. Eine ungeheure Stich flamme fuhr in den gespenstischen Himmel. Dazu gab es einen Krach, sodass die Scheiben leise klirrten.

„Mein Gott, Richard — es hat ganz in der Nähe eingeschlagen!“, schrie Dagmar entsetzt und sprang hoch. „Der Onkel, der Onkel!“

„Beruhige dich doch, Liebste. Der Regen wird den Brand selbständig löschen“, sagte Richard und zeigte in die Richtung, wo die Flammensäule noch vor Augenblicken wie ein drohendes Signal zu sehen war.

Impulsiv presste Dagmar ihre fliegenden Hände gegen die Brust.

„Hörst du nicht — das sind doch Schritte!“

Und wirklich. Der Regen hatte etwas nachgelassen, und nun hörte auch Richard eiliges Laufen.

Dann bellte die heisere Stimme Seppels, und gleich darauf antworteten auch Diana und Rolf.

Die Tür öffnete sich, und Randolf Wieland trat ein, nass bis auf die Haut. Der kleine Dackel wedelte freudig mit dem buschigen Schwanz, machte einen Satz zu Dagmar hin und bellte vergnügt.

„Bah das ist ein Wetterchen. Kinder, bald hätte es mich erwischt! Die alte Eiche ist vom Blitz gespalten. Teufel auch — ist mir durch Mark und Bein gegangen. Puh — diese Nässe. Habe ganz in der Nähe gestanden, als es krachte, und wusste zum ersten Mal in meinem Leben nicht, wo mir der Kopf stand.“

Dagmar eilte zu ihm hin und half ihm aus den nassen Kleidern. Dabei rannen ihr Tränen über die Wangen.

„Aber Kind — mein Sonnenschein, nicht weinen. Unser Herrgott hat mich eben noch nicht haben wollen. Vielleicht will er, dass ich noch euer Kind sehen soll, bevor ich die Augen schließe. Also, nun Kopf hoch, Mädchen. Es ist ja vorbei! Bitte, Richard, hol doch zwei gute Flaschen herauf. Wir wollen ein wenig gemütlich beisammensitzen und uns unseres Daseins freuen, wer weiß, wie lange das Leben noch währt.“

„Onkel Randolf hat ja recht. Es ist nur eine kurze Gastrolle, die wir auf Erden geben. Warum also traurig sein?“, lachte Richard. „Gleichzeitig müssen wir heute Abschied feiern. Meine Zeit hier ist nämlich um. Du bist überrascht, Onkel? Hab keine Sorgen, Dagmar bleibt bei dir. Ich überlasse sie ganz deinem Schutz. Unser Kind soll hier in dem Forsthaus zur Welt kommen. Dagmar wünscht es so.“

„Wirklich?“, stammelte er, und sein rotes Gesicht wurde noch um einige Schattierungen dunkler. Wortlos drückte er Richard die Hand.

„Mein Junge, das werde ich dir nie vergessen. Gleich morgen werde ich zur Stadt anrufen und eine Stütze einstellen, damit Dagmar entlastet wird.“ Jetzt war es an der Zeit, dass Richard überrascht war, denn so weit er den Onkel kannte, war es für ihn eine Überwindung, ein fremdes Mädchen einzustellen. Nach dem Tode seiner Frau hatte er sich das Essen immer selbst zubereitet und ließ nur ab und zu aus dem nahen Dorf Winterhausen Mutter Janke kommen, die die Zimmer aufräumte und das Haus von oben bis unten scheuerte. Sie war es auch, die seine Wäsche wusch und ausbesserte.

Ja, Randolf Wieland war ein genügsamer, alter Herr, der wenig Ansprüche an das Leben stellte und vollkommen in seinem Beruf aufging.

Gemütlich vereint saßen etwa eine Stunde später drei Menschen am großen Tisch.

Roter Wein funkelte in geschliffenen Gläsern und lockte verführerisch.

Onkel Randolf erzählte von seinem Bruder, von der fröhlichen Schwägerin, die aber beide der Tod allzu früh dahingerafft hatte. Zwei kleine Mädchen, winzig und schwach, ließen sie zurück.

Dagmar lauschte den Schilderungen. Sie wusste, von wem die Rede war, wusste, dass Onkel Randolf von ihren Eltern sprach und war beglückt.

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Drittes Kapitel

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Zwei Tage vergingen. Ehe man sich versah, waren sie verflossen. Dagmar war sehr tapfer beim Abschied. Still kämpfte sie mit den aufsteigenden Tränen. Noch einmal lag sich das Paar in den Armen. Ihre Lippen fanden sich zum nicht enden wollenden Kuss.

„Vielleicht ist es doch besser, wenn ich mit dir fahre“, schluchzte sie leise und fügte hinzu, als sie die erstaunten, vorwurfsvollen Blicke ihres Mannes sah: „Sei nicht bös, Richard, aber ich mach mir Sorgen.“

„Aber, aber — Kopf hoch, Dagmar. Wir trennen uns nur für kurze Wochen. Dann bin ich doch wieder bei dir.“

„Ich weiß, doch trotzdem wird es mir schwer. Irgendeine Ahnung sagt mir, dass etwas geschehen wird.“

„Du machst mir ernstlich Sorgen, Kind. Soll ich dir nicht doch lieber mal unsern Hausarzt schicken, dass er dich gründlich untersucht? — In letzter Zeit bist du wirklich äußerst nervös und voller Angststimmungen. Bestimmt kann er helfen.“

„Ich will aber keinen Arzt“, Dagmars dunkle Augen verschleierten sich. Hastig umarmte sie nochmals ihren Mann, küsste ihn flüchtig und lief dann ins Haus, ohne sich noch einmal umzusehen.

Noch bevor Richard sich seine Gedanken darüber machen konnte, trat Randolf Wieland an ihn heran.

„Lass sie, Richard. Sie liebt dich sehr, und der Abschied geht ihr nah. Wahrscheinlich wird sie sich jetzt auf ihrem Zimmer ausweinen, dann wird es besser. Sie war schon früher als Kind so und bat sich in dieser Beziehung nicht geändert. Komm du nur bald wieder, mein Junge, und lass deine kleine Frau nicht allzu lange warten.“

Herzhaft drückten sich die beiden Männer die Hände.

„Viel Glück auf der Reise!“, rief Randolf dem Davonfahrenden nach.

Richard stoppte den schweren Mercedes, drehte sich zu dem greisen Mann um und erwiderte laut: „Behüt nur gut meinen Schatz. Leb wohl!“ Dann gab er Gas und in schnittiger Fahrt durcheilte der schwere Wagen die Waldwege.

In des Mannes Herzen war eine Leere, die ihn befremdete. Er spürte deutlich, dass ihm Dagmar fehlte. Er vermisste ihre wohltuende Nähe, ihr Geplauder und den verträumten Blick ihrer dunklen, seelenvollen Augen.

Unbewusst seufzte er auf. Nur ungern hatte er sie zurückgelassen. Aber Dagmars Wunsch war für ihn Befehl. Vor allem in diesem Falle. Sie brauchte dringend Ruhe und die Natur, in deren Betrachtung sie sich vertiefen konnte.

Ohne weiteres würde auch unser Kind einen Hauch davon mitbekommen, dachte er zärtlich.

Jetzt durfte er nicht egoistisch sein. Etwas Neues formte sich zum Werden, das den ersten Platz in Dagmars Herzen einnehmen würde und Dagmar und ihm gemeinsam gehörte. Lag hierin nicht der große Sinn des Lebens? Aus der Liebe zweier Menschen entstand ein neues Wesen, ein Bindeglied der Gemeinschaft, das beide Eltern fest verband.

Natürlich war dieses Neue der Grund, dass Dagmar überempfindlich geworden war. Mit der Zeit würde es sich schon ändern.

Und aus einer inneren Freude heraus, die seine Seele wie ein glühender Strom erfasste, ließ er den Wagen mit einem Satz schneller davonbrausen. —

Zur gleichen Zeit, als Richard sich mit diesen Gedanken befasste, lag seine Frau mit verweinten Augen in den tiefen Kissen ihres Bettes.

Warum weinte sie eigentlich, sie hatte es doch so gewollt. Nun war Richard fort. Konnte er überhaupt fern von ihr sein? Nein, niemals — und wenn tausende von Meilen zwischen ihnen liegen würden. Der Geliebte war nie fort. Er lebte in ihr. Er füllte ihr jeden Herzschlag mit Zuversicht. Bald würde das Geheimnis in ihr zum Leben drängen. Dagmar fühlte eine Schwere in sich, spürte das Begnadete des Seins.

Nur Frauen kennen dieses seltsame, gebundene Gefühl, welches die Seele durchglüht wie ein Strom.

Aus fernen, nebelhaften Weiten geistert in ihnen eine rätselhafte Macht, lässt sie bis in die feinsten Nerven mit der Erde, dem Himmel und dem Kosmos eins werden. Sie ertasten dann Dinge, die noch nicht vorhanden, erfühlen Tatsachen, die sich erst in der Zukunft abspielen. So tritt die werdende Mutter näher der Schöpfung und spürt den Odem des Lebens.

Nach anstrengender Fahrt kam Richard Ebersbach müde und abgespannt zu Hause an.

August Herder, sein treuer Diener, begrüßte freudig seinen jungen Herrn und blickte sich suchend um.

„Sie suchen doch sicher meine Frau, wie?“, lachte Richard gut gelaunt. „Sie ist leider nicht mitgekommen. Es gefällt ihr beim Onkel besser als bei uns!“

„Oh“, entgegnete August, weiter nichts.

Lange war er in der Villa Ebersbach tätig und hatte bei dem Vater Richards ein gutes Ansehen genossen und den einzigen Spross, als er noch klein war, auf seinen Armen getragen. Für Richard fühlte er sich sozusagen verantwortlich, und daher war es erklärlich, dass das Verhältnis der beiden Männer freundschaftlich war.

Hell und freundlich leuchteten die Zimmer des Hauses. Jedes einzelne war stilvoll eingerichtet.

August Herder hatte zum Empfang die schönsten Blumen des Gartens geopfert und schien nun doch ein wenig enttäuscht zu sein.

„Sehr nett“, lohte Richard, der es dem alten Mann ansah, was in ihm vorging, und richtig, über das verrunzelte Gesicht glitt ein Lächeln.

Abwehrend hob er die Hand.

„Alles für Ihre Gattin, Herr Richard“, dabei zeigte er auf die Blumenpracht und half Richard aus dem Reisemantel.

Eilfertig huschte er davon und servierte, als er wiederkam, mit eleganten Bewegungen das Essen für seinen Herrn. Trotz seines Alters schien er in dieser Hinsicht nichts eingebüßt zu haben und mancher junge Mann konnte ohne Zweifel von ihm lernen.

Mit großem Appetit aß Richard. Wie beiläufig fragte er:

„Etwas Neues während meiner Abwesenheit eingetreten?“

„Hm — außer den üblichen Briefen nichts. Ah, ja, ich hätte es beinahe vergessen. Eine junge Dame wollte sie sprechen.“

„Wie — eine junge Dame?“, fragte Richard erstaunt. „Hat sie denn nicht gesagt, was sie von mir wollte?“

„Nein — leider! Sie wollte nur mit Ihnen persönlich verhandeln, und ich musste ihr auch mitteilen, wann sie zurückkehren und zu erreichen sein würden. Morgen wird sie bestimmt vorsprechen.“ Nachdenklich schaute der junge Mann vor sich hin. Dann begann er aufs Neue das Gespräch:

„Wie sah sie denn aus? — Es interessiert mich. Hat sie den Namen denn nicht genannt?“

„Ich habe wohl danach gefragt, und zwar nicht direkt, sondern fragte: ,Wen darf ich melden?‘ Doch sie lächelte spöttisch und meinte: ,Sagen sie dem Herrn, eine alte Bekannte, das genügt.‘ Erst da habe ich mich veranlasst gefühlt, ihr von Ihrem Urlaub zu berichten. Ich kann Ihnen sagen, sie wurde auf einmal ziemlich abweisend und kühl und zeigte ihre Überlegenheit gegenüber einem Bediensteten in recht grober Weise.“

„Muss ja eine tolle Person sein, und als alte Bekannte hat sie sich vorgestellt? — Nicht, dass ich eine solche in meinem Bekanntenkreis wüsste. Für welche Zeit hat sie sich denn angesagt?“

„Moment, wann war das noch? — Ah, für sechzehn Uhr.“

„Sie haben mir aber noch gar nicht beschrieben, wie sie aussah.“

Vergeblich hatte er nachgedacht und konnte sich einer solchen Bekannten nicht entsinnen. Daher war er auf die Schilderung, die August geben würde, sehr gespannt. Vielleicht brachte ihn diese in der unklaren Angelegenheit einen Schritt weiter.

„Wie sie aussah? — Hm — ein nettes, graues Kostüm hatte sie an und ein fesches, braunes Hütchen auf; von derselben Farbe waren auch die Schuhe.“

„Ach, August, Kleider interessieren mich doch nicht. Wie sie aussah, will ich wissen!“

„Ach so, das kann ich nicht so gut beschreiben“, sagte der Diener verschmitzt.

„Aber warum denn nicht, war sie so erschreckend hässlich?“, lachte Richard belustigt, „oder so schön, dass dein Herz Feuer gefangen hat?“

„Keins von beiden. — Nun, ich konnte das Gesicht überhaupt nicht sehen, denn sie trug einen dichten Schleier.“

„So, so. Dann noch eine Frage, August. Wann war sie denn hier, wie lange ist das schon her?“ August zog seine Stirn in nachdenkliche Falten und richtete seine hellen, wasserblauen Augen auf den Kronleuchter, als oh dort die Antwort in großen Lettern angebracht wäre.

„Vor drei Tagen war es, Herr Richard, ja vor drei Tagen. Ich entsinne mich genau. Am selben Tag war der Herr Direktor Bernicke hier, kurz nachdem die Dame fort war. Herr Bernicke war persönlich hier, um nach Ihrer Rückkehr zu fragen.“

„Wie, persönlich war er hier, deswegen?“ Er dachte verstört daran, dass es der alte Herr doch sicher einfacher gehabt hätte, wenn er ihn angerufen hätte. Sollte vielleicht in der Fabrik nicht alles so klappen, wie er es angenommen? Als er in Urlaub ging, war doch noch alles in bester Ordnung.

Morgen werde ich mehr wissen, sagte er sich und erhob sich.

„Wecken Sie mich morgen früh um acht Uhr, bitte. Den Wagen können Sie schon raussetzen, damit ich sogleich losfahren kann“, meinte Richard, noch nach der Uhr auf dem Kamin sehend.

Wortlos nickte der Diener, wünschte dem Herrn eine angenehme Ruhe und entfernte sich.

Langsam durchschritt Richard das Zimmer. Er spürte bleiern die Müdigkeit und konnte die Augen kaum noch offenhalten.

Wer mochte wohl die Dame sein?, musste er immer wieder denken.

Mechanisch zog er sich aus, warf sich auf das Bett und war schon ohne Übergang eingeschlafen.

Durch das geöffnete Fenster leuchtete der Mond. Der gleiche Mond, der auch Dagmars Schlaf bewachte.

Noch ahnte niemand der beiden Eheleute, dass das Schicksal harte Prüfungen für sie bereit und seine ersten Vorboten schon entsandt hatte.

Vom Himmel leuchteten in unendlicher Höhe die Sterne, und ein bleiches Licht lag über der ruhenden Erde. Von der Turmuhr schlug es dumpf die zwölfte Stunde.

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Viertes Kapitel

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Golden fielen schon die Strahlen der Sonne ins Zimmer, als Richard pünktlich von August geweckt wurde.

Der junge Morgen strömte Frische und Helligkeit aus, und er machte ihn beschwingt und heiter.

Nachdem er ein Bad genommen, gefrühstückt und seinem Diener noch Anweisungen für den Tag gegeben hatte, setzte er sich ans Steuer und fuhr zur Fabrik. Überall wurde er freundlich begrüßt, er war ja bei allen beliebt, und schon bald, nachdem er sein Büro betreten, klopfte es, und sein Werkleiter, der betagte Udo Bernicke, trat ein und setzte sich sogleich mit einem Seufzer in den tiefen Sessel.

Freundschaftlich schüttelten sich die beiden Herren die Hand, und dann begann Udo Bernicke zu erklären.

„Gott sei Dank, dass Sie wieder da sind, Herr von Ebersbach. Es sind im Werk wichtige Entscheidungen zu treffen, die ich nur Ihnen überlassen möchte. Wir haben nämlich aus dem Ausland größere Aufträge bekommen, und da war ich der Meinung, dass es auf jeden Fall besser wäre, wenn Sie persönlich die Sache in die Hand nähmen.“ Er nahm bedächtig nach diesen Worten seine große Hornbrille ab und wischte umständlich die Gläser.

„So, so — das ist ja ganz angenehm zu hören. Es wird ein Aufschwung für unser Werk bedeuten. Haben sich sonst noch irgendwelche Neuerungen oder Änderungen während meiner Abwesenheit ergeben?“

Dabei schob er dem alten Herrn seine Rauchutensilien hin.

Ohne Zögern nahm Bernicke eine schwarze Brasil, und man konnte an dem sorgfältigen, genießerischem Tun erkennen, dass er ein echter Zigarrenraucher war. Zuerst drehte er das Mundstück eine Weile vorsichtig in den zugespitzten, feuchten Lippen, um es dann behutsam ein Stückchen abzubeißen. Darauf drückte er mit zwei Fingern die Zigarre ein wenig in ihrer ganzen Länge zusammen und erst, nachdem er die Spitze mit dem Daumennagel leicht gespalten hatte, zündete er sie mit einem halb abgebrannten Streichholz an. Das Feuerzeug des Gastgebers verschmähte er höflich.

„Oh, eine schwere, aber auch gute Sorte“, meinte er anerkennend. „Um wieder auf das Werk zu sprechen zu kommen, es ist eigentlich nichts von Bedeutung hier geschehen. Die letzten größeren Lieferungen sind pünktlich rausgegangen, und die Kunden waren mit der Qualität der Waren zufrieden. Auch mit der Vorbestellung neuer Kunden sieht es vielversprechend aus.“

„So, dann wären also als erstes nur die Auslandslieferungen zu erledigen. Könnte ich die Akten darüber vorgelegt bekommen?“

„Selbstverständlich, habe sie gleich mitgebracht. Ich konnte mir schon denken, dass sie die Sache so gleich in Angriff nehmen würden“, lachte Bernicke und schob dem jungen Mann einen Ordner zu.

Richard warf nur einen Blick hinein und meinte dann lächelnd:

„Aber — mein lieber Herr Bernicke, da ist doch nichts mehr zu arbeiten. Sie haben ja fast alles schon fertig. Nur die Unterschriften fehlen noch.“

Er stand auf und holte mit kundiger Hand aus der kleinen Bar eine Flasche und zwei Gläser hervor, um sie auch sogleich zu füllen.

Mit Schmunzeln und einem kräftigen Prost auf die Firma tranken beide das Glas bis zur Neige. Und während sie weiter dem Inhalt der Flasche zusprachen, unterhielten sie sich von den kleineren Vorkommnissen im Werk.

Darauf entschloss man sich, das Werk zu besichtigen.

Überall regten sich fleißige Hände. Jeder kannte seine Arbeit, führte sie gewissenhaft aus. Wie ein Uhrwerk rollte das Ganze, präzise und genau. Außer dem eigentlichen Werk gab es noch in einem Nebengebäude die Zeichen und Büroräume. Auch hier klappte alles wie am Schnürchen, und der Chef konnte mit seinen Leuten zufrieden sein; ebenso wie sie es mit ihm waren. Es herrschte ein herzliches Verhältnis.

Mit dieser eingehenden Besichtigung verstrich die Zeit.

In der Mittagspause nahm Richard mitten unter seinen Leuten in der Kantine das Mittagsmahl ein.

Aus einem Impuls heraus ließ Richard für jeden seiner Arbeiter eine Flasche Bier bringen und für die Mädchen und jungen Lehrlinge eine Tafel Schokolade. Es war nicht das erste Mal, dass Richard seine Leute mit solchen Überraschungen erfreute, doch dadurch verstärkten sich nur noch die Bande zwischen Chef und Arbeiter.

Nach dem Essen hatte Richard eine längere, eingehende Besprechung mit Udo Bernicke. Des öfteren schaute Richard auf die Uhr, und je weiter der Zeiger rückte, umso unruhiger wurde er.

Um sechzehn Uhr wollte doch die Dame kommen, dachte er. Da war es also schon höchste Zeit, dass er nach Hause kam. Man musste doch diesen sonderbaren Besuch ein wenig vorbereiten. Wer weiß, was noch dahintersteckte?

Direktor Bernicke bemerkte schon seit einiger Zeit die Unruhe Richards und war nicht erstaunt, als er sich plötzlich verabschiedete.

Er sah die schlanke Gestalt des jungen Chefs über den weiten Hof zum Wagen hasten und das schmucke Auto aus dem Tor in die Straße einbiegen.

„Merkwürdig“, sprach er leise vor sich hin und dachte dabei, dass er den Chef noch nie so nervös gesehen. Ob er wohl seine Frau erwartet? — Aber das würde ja gar nicht mit seinem Bericht über den schönen Urlaub übereinstimmen.

„Diese Jugend!“, murmelte er. Doch dann dachte er an eine Zeit, die weit zurücklag und nur noch in der Erinnerung lebte ...

Richard von Ebersbach fand bei seiner Ankunft in der Villa alles so vor, wie er es mit August besprochen hatte.

Die Zeit reichte noch, um sich umzuziehen. Als er sich in seinem Gesellschaftsanzug vor dem großen Spiegel kritisch prüfte und einen schnellen Blick auf die Uhr warf, bemerkte er, dass er sich noch eine viertel Stunde gedulden musste.

Er nutzte die kurze Spanne, um sich ein gutes Buch hervorzuholen und sich darin zu vertiefen.

„Herr Richard? — Bitte, der Besuch ist eingetroffen. Die Dame wartet im Salon.“

Die vertraute Stimme des Dieners schreckte ihn hoch. Er hatte beim Lesen alles um sich herum vergessen.

„Danke, ist gut“, antwortete er lächelnd, klappte mit einem entschlossenen Ruck das Buch zu, stand langsam mit einem tiefen Seufzer auf, tupfte mit dem Finger ein Stäubchen vom Jackett und schritt erhobenen Hauptes zum Salon. Ein guter Kenner seiner Person wäre erstaunt über die Verlegenheitsgesten Richards gewesen, zumal er sonst gerade das Gegenteil war und mit Selbstbewusstsein an alles Schwierige heranging.

Verblüfft blieb er stehen, schaute auf die elegante Erscheinung der Dame, die sich wohlig in dem tiefen Sessel vor dem Kamin räkelte und bei seinem Eintritt ein glucksendes Lachen hören ließ.

Richard schob mechanisch die Tür zu. Woher kannte er nur dieses aufreizende Lachen? Irgendwie kam es ihm bekannt vor!

Tastend glitt sein Blick über die Frau, deren Gesicht er nicht sehen konnte, weil ein dichter Schleier es vor seinen neugierigen Blicken verbarg.

Zum ersten Mal in seinem Leben musste er bekennen, dass er sich unsicher fühlte. Seine Verbeugung wirkte reckt linkisch und schien der Besucherin nochmals ein Lachen abzuzwingen, was wiederum den jungen Mann noch mehr verwirrte. Trotz allem entging ihm aber nicht, dass seine unbekannte Besucherin eine tadellose Figur besaß und wunderbar geformte Beine, die sie lässig übereinandergeschlagen hatte, was Richard sonst bei einer Frau nicht leiden konnte. Er musste sich aber eingestehen, dass er bei dem Anblick dieser Beine absolut nicht pikiert war. Vielleicht war sich die Besitzerin dieser ihrer Reize vollauf bewusst und stellte sie offen zur Schau, um von vornherein in dieser Situation die Oberhand zu haben.

Richard gab sich einen Ruck, als er bei diesem Gedanken angelangt war und trat höflich auf die Besucherin zu.

Wieder machte er eine Feststellung, die ihn abermals verwirrte, denn von der Besucherin strömte ein zarter Fliedergeruch aus, und gerade Flieder bevorzugte er besonders.

Oftmals hatte er Dagmar gebeten, sie möge doch Flieder als Parfüm wählen, doch seine kleine Frau liebte es nicht, sich zu parfümieren, und hatte über sein Ansinnen gelächelt.

Einfach und schlicht war sie ein echtes Kind der Natur und verschmähte es daher auch, sich zu schminken. Zu ihrem Vorteil muss aber gesagt werden, dass sie es auch wirklich nicht nötig hatte.

An Schmuck konnte sie ebenfalls nicht sehr großen Gefallen finden, und wenn sie ihn schon bei großen Festlichkeiten tragen musste, so war dieser kostbar und erwählt.

Blitzartig kreisten diese Gedanken in seinem Hirn.

Mit Erstaunen stellte er fest, dass ihn diese geheimnisvolle Dame, bevor sie überhaupt ihr Gesicht gezeigt, überrumpelt hatte. Er musste weiter bekennen, dass er schon jetzt eine Zuneigung zu der Frau empfand. Sie war so ganz anders als Dagmar, ja das direkte Gegenteil von ihr.

Unter dem braunen, feschen Hütchen quollen rote, glänzende Haare in schweren Locken hervor, fielen bis auf die Schultern und zogen seine Blicke an. Endlich stammelte er:

„Bitte — womit kann ich dienen?“

Nochmals musste er das aufreizende, glucksende Lachen über sich ergehen lassen, und eine volle, tönende Stimme klang aus dem Schleier hervor: „Warum so förmlich, lieber Richard? — Du hast dich gar nicht verändert.“

Hierbei machte sie eine schnelle Bewegung und schlug den Schleier hoch. Richard stand da wie erstarrt und schaute in ein schönes Frauenantlitz, wie es selten eins gab. Grüne, schillernde Augen brannten auf ihm, ließen in seinem Innern sonderbare Empfindungen wach werden und eine unerklärliche Angst jagte wie ein Schauer über seinen Rücken.

Die Frau war verführerisch schön, aber es war eine Schönheit, die nur die Sinne entfachte, das Herz aber kalt ließ.

Mit einmal erkannte er sie auch und stutzte überrascht.

Sollte es möglich sein? „Jutta?“, fragte er ungläubig.

Lachend nickte sie, sodass die prächtigen Locken flogen, und sprang mit einem Satz auf.

„Nein, so was? — Die kleine Jutta von Hölderlein! — Kaum zu glauben.“

„Nicht wahr? — Das sagen sie alle, die mich von früher her kannten.“

„Du hast dich aber auch mächtig verändert, Jutta. Bist eine große Dame geworden und — wirklich — ich hätte dich nicht erkannt.“

Er sah das Mädchen an und stellte fest, dass sie stehend noch mehr imponierte als im Sitzen. Sie stand keine Sekunde still und ihre Haltung war herausfordernd, selbstbewusst.

Beim Gehen wippte sie kaum merklich in den Hüften. Als sie nun auf ihn zutrat und Richard beide Hände hinhielt, lag ein verhaltenes Temperament in dieser Bewegung, was man nicht übersehen konnte.

„Sag mal, du, freust du dich denn gar nicht, mich endlich wiederzusehen?“, fragte sie in komischer Trauer.

„Doch, doch“, beeilte er sich zu versichern. „Nur war es ein bisschen zu plötzlich!“

„Aber darin liegt doch viel mehr Effekt, als in einer Voranmeldung, mein Lieber. Du hast mich ja nicht einmal willkommen geheißen“, meinte sie mit spitzem Mund und nahm mit einer lässigen Bewegung das Hütchen vom Kopf.

Details

Seiten
180
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917123
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Februar)
Schlagworte
deine liebe paradies

Autor

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Titel: Deine Liebe ist mein Paradies