Lade Inhalt...

Sally Strass - Die Augen des Todes: Eine Krimikomödie 2

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

SALLY STRASS – DIE AUGEN DES TODES

Klappentext:

Inhalt: Fortsetzung von Band 1

21. Tote essen nichts

22. Rendezvous in der Lubjanka

23. Der geheime Geheimcode

24. Todesschreie in Moskau

25. Drei elektrische Stühle

26. Die Ratten des Dr. Mabuse

27. Siebzehn Tage bis Moskau

28. Des Rätsels Lösung

29. Luger, Goethe, Osterei

30. Der Auftrag des Samurai

31. Der blonde Lockvogel

32. Sally in ewiger Finsternis

33. Die Augen des Todes

34. Der höllische Mick und die Blondinen

35. Sallys geheimste Wünsche

36. Überfall im rosa Bad

37. Die Herrscherin der Unterwelt

38. KILLERASSEL

39. NARCOTIC greift an

40. Sallys Finale

SALLY STRASS – DIE AUGEN DES TODES

 

Fred Breinersdorfer

 

-Eine Krimikomödie-

 

BAND 2 von 2

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild:

Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel:

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Sally ist Privatdetektivin, Allwetterjägerin und Mehrzweckwaffe gegen Mörder und Halunken, eine clevere, freche, eins siebzig große, mal rote, mal brünette oder blonde, sprint- und trinkfreudige Mittzwanzigerin, mit einer Vorliebe für Margaritas, die ihr so manche wichtige Information einbrachte. Ihre Markenzeichen sind Lippenstift und Luger sowie der Gang einer Tigerfrau, die durch das hohe Steppengras schnurrt.

Ihr Auftrag führt sie diesmal zuerst nach Moskau, wo es einen geheimen Geheimcode zu knacken gilt, von dessen Erfolg nicht nur ihr Leben abhängt. Sie macht die Bekanntschaft mit Dr. Mabuse und seinen Ratten, gerät in die ewige Finsternis und blickt in die Augen des Todes …

Sally erzählt auch in diesem Band Stories, die ihr Leben schreibt; abenteuerlich, geheimnisvoll, lebensbedrohlich und manchmal auch mit ein wenig Humor …

 

Diese Geschichten erscheinen erstmals in zusammengefasster Form.

 

*

 

Inhalt: Fortsetzung von Band 1

 

21. Tote essen nichts

22. Rendezvous in der Lubjanka

23. Der geheime Geheimcode

24. Todesschreie in Moskau

25. Drei elektrische Stühle

26. Die Ratten des Dr. Mabuse

27. Siebzehn Tage bis Moskau

28. Des Rätsels Lösung

29. Luger, Goethe, Osterei

30. Der Auftrag des Samurai

31. Der blonde Lockvogel

32. Sally in ewiger Finsternis

33. Die Augen des Todes

34. Der höllische Mick und die Blondinen

35. Sallys geheimste Wünsche

36. Überfall im rosa Bad

37. Die Herrscherin der Unterwelt

38. KILLERASSEL

39. NARCOTIC greift an

40. Sallys Finale

 

*

 

… Ein Chauffeur vom Ex-KGB, der Sally, Einstein und Frau Wipperfürth in einem teuren BMW vom Moskauer Flughafen abgeholt hatte, war gerade von einer Straßengang verjagt worden, deren Kalaschnikows nun auf die drei Übriggebliebenen im BMW zeigte …

 

 

21. Tote essen nichts

 

Der Boss der Truppe, die uns in Schach hielt, ließ sich auf den Beifahrersitz aus Nappaleder fallen und ächzte, als quälten ihn die Bandscheiben. Dabei hätte er sich eher Sorgen wegen seiner Pickel machen sollen, die zwischen den stoppeligen Haaren eines schwarzen Bartes blühten.

Einer der pubertierenden Lümmel, die den hautunreinen Mittfünfziger begleiteten, vom Körperbau her ein Basketballspieler mit Schuhgröße 56, schob sich auf den Fahrersitz und gab dem BMW die Sporen, sodass meinem Hundepartner die Ohren nach hinten folgen. Der Boss hielt seine Kalaschnikow so penetrant unter meine Nase, dass ich mich nicht traute, nach meiner Luger zu greifen.

Einstein schwieg.

Frau Wipperfürth schwieg, was einem Wunder glich.

Aus dem Autoradio klangen seltsam melancholische Weisen, die von einem gewissen Elvis Presley stammten. Alle Radios in Moskau spielen Oldies but Goldies aus den US Charts der 60er und 70er Jahre, besonders gerne die Elvis Klassiker, worüber sich Herr Schirinowski besonders ärgert.

Die beiden Straßengangster kutschierten und am Roten Platz, am Kaufhaus GUM und am Kreml vorbei, ohne ein Wort über diese Sehenswürdigkeiten zu verlieren. Der BMW nahm Kurs Richtung Ural. Einstein fand das interessant, wie ich seinen Bernsteinaugen ansah.

Der Fahrer knatschte einen Kaugummi zwischen den Zähnen herum und spielte mit der linken Hand zum Jailhouse Rock Klavier auf dem Griff seiner Maschinenpistole. Die zwei Männer sprachen kein Wort, weder über uns, noch über die evidenten Hautprobleme des Bosses. Dabei hätte er echte Chancen gehabt, sein Hautproblem zu lösen, hätte er nur aufmerksam die Fernsehwerbung verfolgt. Von Frau Wipperfürth weiß ich, dass man über die Schüssel auch in Moskau alles empfangen kann, was in Mitteleuropa wirklich wichtig ist.

Es schien, als würde die geplante Unterbringung in dem Appartementhaus für senile russische Generale nicht klappen, weil uns die beiden Ganoven eine Stunde nach dem Überfall und einige Kilometer östlich von Moskau in eine Turnhalle bugsierten, in der es roch wie in einem Raubtierhaus.

Frau Wipperfürth protestierte auf Russisch wortreich gegen die Behandlung, doch der Basketballer zerrte zwei angeschimmelte Turnermatten von einem Stapel und warf zwei Armeeschlafsäcke darüber.

„Welcome to the Hotel California“, sagte ich zu Einstein. Ich sah mich um. Die Halle hatte zwei Fenster, aber die waren drei Meter über unseren Köpfen angebracht. Die Tür gehörte zu der legendären Bauserie, aus denen die Panzerturmverschlüsse des T68 stammten. Und dass die Halle keine Heizung hatte, verstand sich von selbst.

Der Lange hängte sich ans Reck und begann hin- und herzuschwingen, während Meister Pickelface eine Zigarette abfackelte, die stank wie der abgefuckteste der ausgebrannten Kernkraftwerkblocks in Tschernobyl.

Hinter uns hatte sich der Rest der Straßengang versammelt. Weiß der Himmel, wie die Jungs hierhergekommen sind!

Der Boss der Truppe öffnete endlich den Mund und sagte: „Nu verbibbsch“, oh welch ein Sächsisch; wie ich es liebe, und die Konsonanten zergingen ihm wie Erdbeereis auf der Zunge. Pickelface nahm gemächlich seine Sonnenbrille ab und starrte meine dicke Auftraggeberin an: „Nu, wie nenn mer uns denn heude?“

„Ich bin Frau Wipperfürth“, sagten die drei Zentner Lebendgewicht neben mir. „Mehr hören Sie von mir nicht“, setzte sie stolz hinzu und brach sogleich ihr Versprechen, um mit Nachdruck nach Nahrung zu verlangen. Der am Reck schwingende Basketballer begann wiehernd zu lachen. „Ruhe“, zischte der Boss zu ihm hinüber. Der Basketballer wieherte weiter und sagte ein paar russische Worte, die Frau Wipperfürth zu der Bemerkung veranlassten: „Was heißt hier, Tote essen nichts? Ich beabsichtige in absehbarer Zeit nicht aus dem Leben zu scheiden.“

„Wenn Se uns das Billendöschen gäbn“, sächselte der Pickelmann, „lässt sich vielleicht drüber reden.“

„Pillendöschen?“ Man sah Frau Wipperfürth genau an, dass sie sich bewusst dämlich stellte. Sie schubste mich in die Seite, sodass ich beinahe gegen die Turnhallenwand geknallt wäre. „Sallychen, sagen Sie doch auch mal was“, knurrte sie. „Wozu habe ich Sie engagiert?“ Sie setzte eine ihrer Havannas in Brand.

Meine Geruchsnerven begannen langsam durchzudrehen, während Albert Einstein herumstreunte und interessiert mit der Nase die Spuren der vielen Leistungssportler, die hier ihre Karriere begonnen haben, sortierte. Er bellte einige anerkennende Bemerkungen über die Duftnoten. Es müssen eine ganze Menge bekannter Leistungssportler in diesen düsteren Mauern ihren Schweiß vergossen haben.

„Pillendöschen?“, fragte ich den Gangster-Boss. „Geht’s um ein Medikament wegen Ihres Hautausschlags?“ Das war offensichtlich nicht der Fall, wie ich feststellen konnte, nachdem sich sein Wutanfall wieder zu lindern begann und ich aus dem sächsischen Wortgewitter wieder einige mir verständliche Ausdrücke zusammensortieren konnte.

Aha, in einer Pillendose befinden sich die Mikrofilme mit Barschels geheimen Aufzeichnungen. Naja, da hatte sich die Nachfrage doch gelohnt.

„Ich brauch was zwischen die Zähne“, sagte Frau Wipperfürth renitent, „sonst krieg ich ne Unterzuckerung und dann werde ich unberechenbar.“ Der Boss der Straßengang feixte. „Nee Frau Wibberfürd. Erst de Billendose, dann de Gallorien.“ Frau Wipperfürth lachte wie eine Operettendiva auf. „Steiner, und sowas wie Sie war mal Offizier.“

Die Herrschaften kennen sich scheinbar von früher, fuhr es mir durch den Kopf. „Darf ich bekannt machen“, sagte Frau Wipperfürth und wedelte mit ihrer Hand zwischen Pickelface und mir hin und her: „Oberstleutnant Erwein, Erwein war doch der Vorname?“ Steiner nickte preußisch knapp, „Erwein Steiner von der Stasi Dresden, Fräulein, oder sagt man heute besser Frau?“ Ich zuckte mit den Schultern, weil mir das wirklich hinten vorbeigeht, ob Frau oder Fräulein, „Frau Strass, Privatdetektivin.“ Steiner übersetzte ins Russische.

Der Basketballer fiel vor Lachen beinahe von Reck und die restliche Truppe gaffte mir auf die Figur mit Blicken, die ich nicht ausstehen kann. „Detektivskaja privatski“, sagte Frau Wipperfürth mit Nachdruck.

„Bewaffnet?“, fragte Steiner. „Nein“, log ich, „keine Waffenbesitzkarte und außerdem die Kontrollen am Flughafen.“ Ich spekulierte darauf, dass Steiner mich für eine korrekte Frau hielt.

„Durchsucht die Kleine“, sagte eine Geste seiner Hand, die die Kalaschnikow hielt. Einsteins Kopf flog herum. Er entblößte seine Zähne, die Zoologen für das Gebiss eines Königstigers halten.

Der Basketballer ließ sich vom Reck fallen, hielt die anderen Pappnasen zurück und rief Steiner was zu. „Okay“, sagte Steiner, „du hast recht, erschieß erst mal den Köter …“

 

 

22. Rendezvous in der Lubjanka

 

Einstein nahm sich die Pappnasen nicht einzeln, vor, die auf Befehl von Pickelface Steiner, meinen kalbsgroßen Köter erschießen sollte, sondern er rannte sie einfach alle um und riss sein Maul wie ein Schaufelbagger auf.

Wenn Steini – so nennen ihn seine Freunde – sich ärgert kriegt er eine Fellbürste auf dem Rücken und Augen wie der Hund von Baskerville. Sein Knurren rumpelte durch die stinkende Turnhalle am Stadtrand von Moskau, wohin uns der Oberstleutnant verschleppt hatte.

Und die Pappnasen von der Straßengang trauten sich noch nicht einmal den Finger am Abzug ihrer Kalaschnikows krumm zu machen. Einer wie der andere hatte auch so große Augen wie der Hund von Baskerville. Aber es war die Angst, die den Jungs die Guckerchen weitete.

Außerdem hatte ich die Sekunden der Überrumpelung genutzt, meine Luger aus dem Gürtel meiner Jeans zu reißen und Steiner und seinen Assistenten, der am Reck Übungen machte, davon zu überzeugen, dass es besser war, Frau Wipperfürth die Kalaschnikows einsammeln zu lassen und dagegen keinen Widerspruch zu erheben.

Frau Wipperfürth, deren Konfektionsgröße bei drei Zentnern Lebendgewicht nur annähernd geschätzt werden kann, hatte einen gesunden Zug zum Praktischen. Sie legte die Waffen auf die Kante eines Betonabsatzes und stellte sich nacheinander auf die Läufe, sodass die Knarren in Zukunft, wenn überhaupt, ziemlich um die Ecke schießen dürften.

„Einstein, Fuß“, sagte ich, weil Frau Wipperfürth schon zur Tür watschelte. Knurrend zog sich das schwarzweiße Ungetüm zurück. Und mir schien, als hörte ich es dumpf rumpeln, was davon herrührte, dass den Jungs, die vorher ziemlich dicke Arme gemacht hatten, eine ganze Steinladung vom Herzen fiel.

„Du machst weiter“, sagte ich zu dem Assistenten von Steiner, der seine Basketballerfigur inzwischen in der großen Welle um die Reckstange wirbeln ließ.

Der Oberstleutnant mit den Pickeln im Bart spuckte nur verächtlich aus, als wir die Turnhalle von außen verriegelten. „Es ist ein schöner Brauch, dass in Russland die Turnhallentüren außen so kräftige Riegel haben“, bemerkte Frau Wipperfürth. Unbestätigten Gerüchten zufolge, soll der Basketballer erst heute Morgen aufgehört haben, seine Wellen zu machen, weil er erst dann sicher war, dass Steini das Weite gesucht und auch gefunden hatte.

Wir sprangen in den eleganten BMW, der eigentlich in den Inventarlisten der Abteilung Y steht, die früher mal KGB geheißen hatte. Ich chauffierte, und Frau Wipperfürth qualmte Zigarren und versuchte unsere Fahrt zur Lubjanka zu dirigieren.

Nun finde einer in einem Land, wo bis vor wenigen Jahren aus militärischen Gründen weder ordentliche Wegweiser noch zuverlässige Karten zu haben waren, zuerst mal zurück ins Zentrum und dann noch zum Headquarter von Boris’ Geheimdienstlern.

Frau Wipperfürth schwieg, was mich stutzig machte. Ich fragte nach dem Grund. „Ganz einfach“, erläuterte die Dicke, „mir fällt ein, dass ich vergessen habe zu erwähnen, dass ich das Pillendöschen mit den Mikrofilmen von Barschels Tagebüchern gar nicht besitze.“

Ich trat vor Verblüffung so scharf auf die Bremse, dass Einstein auf der Rückbank einen ganz langen Hals bekam.

„Die Geheimdienste und die Staatsanwaltschaft jagen mich, weil sie denken, ich hätte die Filme.“ „Dann kann man doch ganz einfach erklären, dass das nicht der Fall ist.“ Ich versuchte dem Fall eine neue Wendung zu geben. „Wer glaubt schon einer Frau, die ständig ihre Namen wechselt?“, wandte Frau Wipperfürth ein. „Außerdem habe ich die Aufzeichnungen meines Chefs abgetippt“, ihr Wurstfinger pochte an ihre Schläfe unter dem unvermeidlichen Schleier, der ihr rotes Hütchen krönte. „Ich weiß schlicht zu viel“, sagte Frau Wipperfürth stolz und lobte ihr Langzeitgedächtnis.

„Und was wollen wir von den Ex-KGB-Leuten?“, fragte ich und wich zum wiederholten Mal einem Polizisten aus, der versuchte mich anzuhalten, um abzukassieren.

Ein Wolga nutzt die Chance, den wackeren Beamten mit einer Fontäne von Salzschlamm, der in Moskau im Februar immer die Straßen bedeckt, zu überschütten. Die Leute im Wolga lachten sich schief.

„Ist doch klar, kombinierte Frau Wipperfürth: Die Typen von der ehemaligen Stasi haben die Filme nicht, sonst wäre Steiner nicht mit solchem Nachdruck auf uns zugekommen. Und Steiner ist der Boss für die Affäre Barschel gewesen, also könnten die Filme in einem Tresor der Lubjanka liegen.“

„Was will Steiner mit den Schriften Ihres Meisters?“ „Kohle machen“, knurrte Frau Wipperfürth böse. Sie brachte Oberstleutnant Pickelface mit einigen führenden Publikationsorganen in Deutschland, (natürlich nicht Sonntag Aktuell, weil bei denen niemand mit Wendehälsen aus der Stasi dealt) in Verbindung.

Weil der Hund auf dem Rücksitz, wie ein alter Asthmatiker zu husten begann, öffnete Frau Wipperfürth das Fenster, sodass ich sie wieder im Tabakqualm erkennen konnte.

„Der CIA hat ja offiziell dementiert, etwas mit Barschel zu tun gehabt zu haben, – und unseren amerikanischen Brüdern glaube ich immer sehr gerne.“ Frau Wipperfürth bröselte Asche auf den Sitz und lächelte sarkastisch. „Ich starte in Moskau, weil mein Russisch besser ist, als mein Englisch.“

Wir schafften es nach einer ausführlichen Stadtrundfahrt und waren nur froh, dass der Wagen noch vor dem Überfall aufgetankt worden war. Frau Wipperfürth erklärte mir mehrfach so, wie eine Mutter mit ihrem geistig behinderten Kind spricht, dass sie nicht zulässt, dass mit dem Tagebuch Barschels irgendeiner Kohle oder sonstigen Unfug macht. So sind wirklich gute, geheime Geheimsekretärinnen: furchtlos und treu. Ich war sehr stolz darauf, für Frau Wipperfürth arbeiten zu können.

Gerade deswegen legte ich meine Luger entsichert auf meinen Schoß und hielt die Umgebung genau im Auge, als ich Frau Wipperfürth bei der Lubjanka abgesetzt hatte.

Sie wollte dort nur kurz ein Wodkachen mit einem Abteilungsleiter trinken, um die Sache zu besprechen.

Weil es langsam dunkel wurde und der Schneefall dichter, weil der Hund auf dem Rücksitz schnarchte und im Radio keine gescheite Musik kam, wurde ich sehr melancholisch und begann von einer Bar mit einem Mexikaner als Mixer zu träumen, von einem Mann, der, keiner wird’s mir glauben, Margaritas meisterhaft zu mixen versteht.

Ich wurde aus dem Grübeln über der Frage, ob es sowas in Moskau gibt, roh herausgerissen. Er klopfte ans Fenster. Es war Frau Wipperfürth. Ich fuhr die Scheibe herunter. Auf ihrem Hütchen setzten sich Schneeflocken fest. Frau Wipperfürth sagte: „Alles klar, Sally, sie haben die Mikrofilme. Es gibt da nur ein kleines Problem …“

 

 

23. Der geheime Geheimcode

 

Das graue, abweisende Geheimdienstheadquarter der Russen am Moskowiter Lubjanka-Platz besaß außer pingelig gebohnerten, endlosen Fluren mit trübem Licht, Fluchten verschlossener Türen und halbblinden Fenstern auch eine Kellerbar. Sie lag am Ende eines engen Fahrstuhlschachtes, den Frau Wipperfürth, mein Hundepartner Einstein und ich in Begleitung eines napoleongroßen Geheimdienstlers hinuntergerumpelt waren.

Hitze und Tabakqualm schlugen uns entgegen. Die Hitze kam sicher daher, dass wir ein gutes Stück näher am Erdmittelpunkt sein mussten, wenn man die Fahrzeit des Lifts in Kilometer umrechnete.

Einstein knurrte etwas von der Hölle, die sich Hunde scheinbar so vorstellen: Eine mit Weinlaub und Fischernetzen dekorierte Kellerbar in der Nähe des Erdmittelpunktes, vollbesetzt mit qualmenden und saufenden Offizieren, die Speckwülste um den Nacken haben, laut melancholische Lieder singen und lieber auf Hunde schießen als ihnen etwas zu fressen zu geben.

Frau Wipperfürth rempelte sich durch die Tische zur Bar, bugsierte mich auf einen Barhocker neben ein Wasserglas mit schlampig zusammengemixtem Margarita.

Einstein fletschte die Zähne, weil ein Kerl in Generalsuniform mit seiner Pistole auf ihn zielte und dabei sadistisch wie Graf Dracula lachte, wenn dieser Migräne hatte.

Ich nippte an dem lausigen Margarita und behielt den General scharf im Auge, während Frau Wipperfürth an meinem Arm zerrte, um meine Aufmerksamkeit auf den napoleongroßen Russen zu lenken. Er hatte asiatische Gesichtszüge und versuchte unentwegt, mit mir anzustoßen.

Ich blieb beim Blickkontakt mit dem General. Sein Grinsen gefror, aber er schlug nicht seine rotumränderten Augen nieder. Der General stand nach etwa fünf Minuten auf, korrigierte etwas seine wackelige Haltung und seine Uniform, dann trat er auf mich zu und sagte in breitem Texanisch: „Fuck your fuckin’ dog, lady.“ Der General machte eine obszöne Geste, stieß weithin hörbar auf, tätschelte dem Hund den Kopf und ging.

Napoleon neben Frau Wipperfürth grinste unentwegt asiatisch und deutete mit dem Daumen über die Schulter Richtung General. „Diesel Mann hat die Tagebüchel von Balschel.“ „Siehste“, sagte Frau Wipperfürth, als hätte sie den russischen Texaner schon immer im Verdacht gehabt.

Wir tranken einen Schluck und ich gab Steini eine Schüssel Pistazien vom Bartresen zum Fressen. „Sein Name ist Genelal McLussel.“ „McLussel?“, fragte Frau Wipperfürth. „Nein, McLussel“, lächelte Napoleon. „Aha, McRussel!“, sagte ich.

„Genau, McLussel“, Napoleon hob das Glas, wippte auf den Zehenspitzen in seinen enormen stylishen Schuhen, die so gar nicht zu ihm passen wollten und machte Frau Wipperfürth mit fernöstlicher Höflichkeit Komplimente, welch wache Privatdetektivin sie engagiert hatte, um bei der Jagd auf die Tagebücher des verblichenen Ministerpräsidenten der Staatsanwaltschaft und den Geheimdiensten zuvorzukommen.

Frau Wipperfürth hämmerte mir anerkennend auf die Schultern, sodass ich die Luger im Hosenbund festhalten und husten musste.

Steini stellte für einen Moment die Arbeit des Mahlwerks in seinem Kopf ein, das die Pistazien samt Umhüllung zerkleinerte und legte den Kopf irritiert schief. „Ihm nach“, sagte ich und folgte dem schwankenden General.

Im Fahrstuhl Richtung Erdoberfläche gab sich McRussel galant und kniff Frau Wipperfürth in ihr gewaltiges Hinterteil, was meine Auftraggeberin mit einem verschämten Lächeln quittierte. Die beiden tauschten Zigarren und Visitenkarten.

Es dauerte bis wir das Verbindungsbüro in der vierten Etage erreichten. An der Tür stand Joint Venture KGB/CIA. Jemand hatte die Abkürzung KGB durchgestrichen und „Abteilung Y“ mit blauem Edding darüber geschmiert. Jemand anderes hatte mit einem roten Edding aus dem „Y“ einen weiblichen Unterleib gemacht und darunter gekritzelt „Viva la Levolution.“ Ich sah Napoleon an. Er sah weg.

Im fahlen Neonlicht des stickigen Raumes wirkte der General markanter, gefährlicher. Er zog aus seiner Uniformtasche ein unglaublich kitschiges Pillendöschen, legte es vor sich auf seinen Schreibtisch und sagte: „Hier sind die Tagebücher.“ „Ihr Eigentum“, ich deutete auf meine Klientin. „Höhöhöhhö“, röhrte der Texaner, „verklagen Sie mich doch.“

Geschickt fing er meine Hand auf, die wie der Kopf einer Schlange nach vorne geschnellt war, um die Besitzverhältnisse ohne einen Prozess zu klären. Ich hatte das Gefühl in einen Schraubstock gegriffen zu haben. Der Schraubstock ließ los. Das Licht erlosch. Auf der weißen Wand erschien die Projektion der Mikrofilme. Ich las: „BARSCHEL, ÜXTI98OHFG MT NISYCI QLÖP FFÄÄ RÜJXV2DD“ Und so weiter. Oh, oh.

Frau Wipperfürth kicherte in ihr Spitzentaschentuch. „Unser Geheimcode hat gehalten!“, prustete Frau Wipperfürth. „Sie haben ihn trotz Computer nicht knacken können.“ General McRussel ließ seine Faust dröhnend auf den Tisch fallen, sodass die Pillendose zu tanzen begann. „Sie weiß zu viel“, knurrte Einstein. Wo er recht hat, hat er recht.

Klar, dass sie alle hinter Frau Wipperfürth her waren und wir Idioten waren freiwillig in die Höhle der Löwen am Lubjanka-Platz in Moskau gegangen!

Egal, mir war, als müssten wir da jetzt durch. Der General fletschte die Zähne. „Okay, Lady“, knurrte er, „Sie werden mir übersetzen was das steht.“ „No“, sagte ich im Auftrag meiner Klientin. Die Augen von McRussel wurden zu Eisbergen, grünblau und gefühlskalt.

„Ich habe einen Auftrag, und ich werde ihn erfüllen“, sagte McRussel mit fast weicher Stimme und lächelte nun fast scheu. Seine Guckerchen drehten ab und musterten seine manikürten Fingernägel. „Ich wülde ihm das glauben“, setzte Napoleon lächelnd hinzu, „el ist haltnäckig, alte Schule …“

 

 

24. Todesschreie in Moskau

 

Klackerdiklack, klackerdiklack, klackerdiklack machten die manikürten Finger des gefühlskalten Geheimdienstgenerals auf der Schreibunterlage. Draußen graute inzwischen der Tag über Moskau. Im Zimmer des Generals roch es nach unzähligen Havannas, die in Feuer aufgegangen waren, während Frau Wipperfürth sprach. Man konnte sagen, dass der General ungeduldig war. Mein Hundepartner Einstein gähnte mit weit aufgerissenem Maul, rollte die Zunge, streckte sich, hustete den Qualm aus den Lungen, legte seinen Kalbskopf possierlich zwischen die Vorderpfoten und schloss die Augen.

Weil Hunde ziemliche Schwierigkeiten haben, sich die Ohren zuzuhalten, schließen sie gerne die Augen, wenn sie nicht aushalten können, was sie zu hören bekommen. Unser ständiger Begleiter im russischen Geheimdienstzentrum Lubjanka am Lubjanka-Platz, ein asiatisch aussehender Napoleon, hatte es da besser. Er lag zusammengerollt wie ein Kater in einem Sessel neben der Tür, hatte seine Mittelfinger in den Gehörgängen und schnarchte leise.

Klackerdiklack, klackerdiklack, der General hatte tiefe Ränder unter den Augen. Ich fürchtete, dass ich so aussah wie der General und sehnte mich nach einem Bad und nach dem warmen Gefühl, das ein Duzend Margaritas im Bauch verursachen.

Frau Wipperfürth begann gerade circa die vierzigste Variante aufzutischen, wie ihr Boss, der verblichene Ministerpräsident Barschel, zu Genf aus dem Leben geschieden war. Wir hatten schon acht verschiedene Selbstmorde, drei Fememorde, ein Eifersuchtsdrama auf ganz privater Ebene, immerhin fünfmal war der Politiker Opfer von Familienfehden, einmal von Blutrache, zwölfmal hatten professionelle Killer von KGB, CIA, Stasi, Mossad und dem Wiener Sicherheitsbüro ihre schmutzigen Finger im Spiel, plötzlicher Unfalltod raffte den MP nach Frau Wipperfürths Darstellung neunmal hin.

Gerade behauptete meine Klientin mal wieder, dass sie sich beim Entschlüsseln des komplizierten Codes ein ganz klein bisschen geirrt hatte und holte Luft zur nächsten Variante: „Diesmal bestimmt die Wahrheit“, klar doch. Mein Hirn gaukelte mir ein Bad mit Bar vor, sowas soll es im alten Rom gegeben haben. Draußen vor dem Fenster rieselte unablässig Schnee. März in Moskau.

Frau Wipperfürth deutete mit einem Bambusstöckchen, das der General normalerweise bei Verhören benutzte, auf die Buchstabenkombination NF9OMD9 aus dem Tagebuch und murmelte: „Ich erinnere mich noch ganz genau, Barschel schrieb, dass ein gedrungener Mann mit roten Schuhen plötzlich mit einer Rotweinflasche vor der Tür des Hotelzimmers stand und sich als Dr. Mabuse Jr. vorstellte. Hoppla, Mabuse Jr.? Meine Augen verengten sich zu Schlitzen und ich sah, wie General McRussels Augen sich ebenfalls zu Schlitzen verengten. Ging Frau Wipperfürth die Phantasie aus? Kam endlich die Wahrheit zutage?

„Kennen Sie Mabuse Jr.?“, fragte ich verblüfft. „Natürlich“, antwortete Frau Wipperfürth, „wer glauben Sie, hat Sie mir empfohlen, Schätzchen?“ Ihre Hand tätschelte meine Knie. Ich fröstelte, obwohl das Büro überhitzt war. Denn so wie der General mich ansah, war es bei den Jungs von der Lubjanka keine gute Empfehlung, von Mabuse ins Spiel gebracht zu werden.

„Oh, oh, Mabuse“, knurrte der General. Napoleon erschrak bei dem Namen, trotz Finger in den Ohren und fuhr hoch. „More details“, forderte McRussel in dem texanischen Englisch, dessen er sich bediente. Es schien als merkte Frau Wipperfürth, dass sie sich verquasselt hatte. Kein Wunder bei der vierzigsten Version. Sie holte weit aus, legte Nebelschwaden über Nebelschwaden, faselte, wich aus.

Gegen 9:30 Uhr Ortszeit fiel die Pranke des Generals wie ein Fallbeil auf seinen Schreibtisch. Er bohrte seine Havanna in einen überfüllten Aschenbecher, den er, wie wir inzwischen wussten, persönlich bei Flo in Paris hatte mitgehen lassen, als er 1968 an der Seine, in der Botschaft als Militärattaché getarnt, die Studentenrevolte an der Sorbonne anzetteln half.

„Shit“, brüllte McRussel und äußerte sich unter ständigen Beschimpfungen von Frau Wipperfürth, Dr. Mabuse Jr., Einstein und mir dahingehend, dass er sich nicht verarschen lasse.

Napoleon bohrte seine Finger erschrocken noch tiefer in die Gehörgänge. Es half nichts, er musste die Wache holen.

Fünf unausgeschlafene Zivilisten, die bewaffnet waren wie ein Panzerbataillon, brachten uns ins zweite UG. „Ich kenne lauschigere Plätzchen im März, als das zweite UG in der Lubjanka“, sagte ich zu Frau Wipperfürth. Meine Klientin sagte nur zwei Worte: Provence oder Toscana. Und ich wusste, dass sie mich verstanden hatte. Einstein knurrte etwas vom Hof der Metzgerei Swosil in Bad Ischl, wo die Metzgerin großzügig Hunde füttert, wenn sie herzzerreißend gucken können.

„Chund soll nicht so schaun“, schnauzte der Anführer des Panzerbataillons und stieß mir seine Schnellfeuerkanone in die Rippen. „Sorry, Steini“, sagte ich.

Unser neues Etablissement ließ sich weder mit den Hotels in der Provence oder der Toscana noch mit dem Anwesen der Metzgerin Swosil vergleichen. Ich schätze, dass Väterchen Stalin den Betonbunker nicht unter Komfortgesichtspunkten hat gießen lassen. Badewanne, Bar und Klo fehlten.

Während Frau Wipperfürth auf die Pritsche sank, die unter hundertfünfzig Kilo Lebendgewicht ächzte und Steini die Ecken beschnüffelte, sah ich mich um.

Gelegentlich zerriss ein langgezogener Schrei die Stille, es klang dann als brutzelte etwas, schließlich flackerte das Licht. Todesschrei? Hier herrschte scheinbar reger Durchgangsverkehr, denn unzählige Insassen hatten sich an den Wänden verewigt. Vieles stand in kyrillischer Schrift zu lesen, manches auch auf Deutsch. Zum Beispiel: „Es lebe die Weltrevolution, gez. Erich H.“ Manches Graffiti war durchgestrichen und daneben das Wort „Zensur“ gestempelt. Ordnung muss sein.

Wieder hallte ein Todesschrei durch die Gänge, die nackte Birne über unseren Köpfen flackerte. Steini bekam Haarpinsel vom genauen Hinhören auf den Ohren. Frau Wipperfürth dagegen hielt es nicht für nötig, die Augen zu öffnen, als sie sagte: „Keine Angst, alles nur Scheinexekutionen. Sie haben in Moskau keinen elektrischen Stuhl …“

Oder doch?

 

 

25. Drei elektrische Stühle

 

Es rasselte im Schloss unseres Betonverlieses. Der Obernachtwächter dieser Komfortabteilung der russischen Gefängnisszene trat ein, machte ein verschwörerisches Gesicht, legte den Zeigefinger auf die Lippen und raunte, dass wir nie mehr den Namen Mabuse in den Mund nehmen sollten, „dann wird alles gut.“

Er schob einen klinisch sauberen Wagen vor sich her. Auf dem oberen Tablett standen ausgewählte russische Spezialitäten, wie sie nur das Restaurant Prag in Moskau serviert: Kaviarersatz auf Roggenknäckebrot mit Petersilie, Suppe mit Sauermilch und Petersilie, Pilzsalat aus der Dose mit Petersilie, Gulasch mit Petersilienkartoffeln und Mousse au Chocolat mit Petersiliengarnitur.

Auf dem unteren Tablett lockte eine Riesenschüssel Hundefutter mit Petersilie. Der uniformierte Etagenkellner fuchtelte mit der Kalaschnikow herum und äußerte sich russisch. „Ich denke, er will sowas wie guten Appetit wünschen“, sagte ich und versuchte dem Jungen klarzumachen, dass ich den Margarita ohne Petersilie nehme. Mein Kollege James Bond trinkt seinen Martini mit Olive ja auch nur gerührt und nicht geschüttelt.

„Ich habe mir angewöhnt, immer nur das Beste von meinen Mitmenschen zu denken“, flötete Frau Wipperfürth und stemmt ihre Dreizentnerfigur von der Pritsche hoch, um sich bedrohlich der Spezialitätenplatte zu nähern.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917086
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v388844
Schlagworte
sally strass eine krimikomödie teil

Autor

Zurück

Titel: Sally Strass - Die Augen des Todes: Eine Krimikomödie 2