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Das Grauen auf Darkwood Castle

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Das Grauen auf Darkwood Castle

Klappentext:

Roman:

A. F. Morland

 

Das Grauen auf Darkwood Castle

 

Unheimlicher Roman

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Sie kamen aus unterschiedlichen Gründen nach Darkwood Castle. Zwei Männer und eine Frau wollen mit dem Besitzer über die Umwandlung des Schlosses in ein Kinderheim sprechen; zwei Juwelenräuber möchten ihre Beute abholen, die sie im Schloss versteckt hatten, bevor sie festgenommen wurden; ein Privatdetektiv will die Verbrecher ein zweites Mal hinter Schloss und Riegel bringen. Doch sie alle erleben grauenerregende Dinge jenseits ihrer schlimmsten Alpträume.

Als sie hinter das Geheimnis kommen, das das Schloss umgibt, ist es fast zu spät: Der teuflische Diener erweckt den toten Herrn des Schlosses wieder zum Leben, damit dieser als Vampir über die Menschen herfallen kann. Das Grauen auf Darkwood Castle hat begonnen …

 

 

 

Roman:

Mit der Dämmerung kam das Unheil auf das Schloss.

Abel McLutho, der Besitzer von Darkwood Castle, saß in seinem ächzenden Schaukelstuhl vor dem offenen Kamin und starrte mit furchtsamen Augen ins Feuer. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Er spürte die Gefahr, die ihn wie ein lauerndes Tier umschlich und sich noch nicht entschließen konnte, zuzuschlagen. Aber irgendwann in dieser Nacht würde es passieren, davon war McLutho überzeugt.

Als die große Standuhr elf schlug, wollte sich Abel McLutho zu Bett begeben. Er war ein großer Mann mit breitem, herrischem Aussehen und der hohen Stirn, die alle McLuthos gehabt hatten. Sein Gesicht war breit, die Wangen etwas aufgeschwemmt vom Whisky. Der Alkohol war es, der McLutho langsam von innen her aushöhlte und seine Widerstandskraft schwächte. Doch wer so viele Jahre wie er auf Darkwood Castle lebte, der musste einfach zum Säufer werden. Zu viele unheimliche Dinge waren auf diesem Schloss all die Jahre hindurch geschehen.

Obgleich Abel McLutho um elf zu Bett gehen wollte, blieb er bis Mitternacht in seinem Schaukelstuhl sitzen. Irgendetwas schien ihn darin festzuhalten. Als die Standuhr schließlich mit wummernden Schlägen die Mitte der Nacht verkündete, dehnte der Schlossherr ächzend die Glieder.

Plötzlich war ihm, als wäre er nicht mehr allein im Raum. Eine raue Gänsehaut überlief ihn. Er schluckte trocken und wandte schnell den Kopf, um sich umzusehen.

Neben der Tür stand Sladek, der Diener, einer der seltsamsten Männer, die McLutho kannte. Der Schlossherr hatte ihn mit Darkwood Castle übernommen. Vom ersten Tag an hatte sich Abel McLutho von diesem rätselhaften Gesellen trennen wollen, doch es hatte bis heute nicht geklappt.

Es war etwas in Sladeks Wesen, das McLutho Angst machte. Der Schlossherr brachte den Mut nicht auf, Sladek wegzuschicken. Mochte der Henker wissen, was es war, das ihn daran hinderte, Sladek zum Teufel zu jagen.

Der Diener war ein vierschrötiger Kerl, dessen Alter man nicht zu schätzen vermochte. Er konnte sechzig ebenso gut wie neunzig sein. Wenn er sich bewegte, hatte man manchmal das Gefühl, seine Gelenke würden knarren. Er hatte einen unangenehm stechenden Blick,

große Ohren, hinter den Backenknochen eingesunkene faltige Wangen und langes, eisengraues Haar. Seine Lippen waren hart und grausam geformt. Wer ihn anblickte, musste den Eindruck bekommen, dass von diesem Mann kein Mitleid zu erwarten war.

McLutho schlug mit der Faust ärgerlich auf die Armlehne. »Verflucht noch mal, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, Sie sollen hinter meinem Rücken nicht so leise wie ein Gespenst herumschleichen, Sladek!«, herrschte er den Diener an.

Erst jetzt fiel dem Schlossherrn auf, dass Sladek seine schwarze Katze unterm Arm trug. McLutho konnte sie nicht ausstehen. Er hasste das Tier geradezu. Für ihn stand fest, dass in dieser kleinen schwarzen, oftmals fauchenden Bestie der Teufel steckte.

»Habe ich Sie erschreckt, Sir?«, fragte Sladek mit seiner dumpfen, hohlen Stimme.

»Verdammt ja!«

»Es tut uns nicht leid, Sir.«

McLutho kniff wütend die Augen zusammen. »Wie war das eben? Es tut euch nicht leid?«

»Nein, Sir. Kein bisschen.«

McLutho brauste auf. »Hören Sie mal, was erlauben Sie sich …! Und überhaupt was soll die verflixte Katze hier? Sie wissen ganz genau, dass ich dieses Vieh nicht ausstehen kann, und ich habe Sie ausdrücklich angewiesen, dass die Katze in Ihrem Zimmer zu bleiben hat. Bringen Sie sie weg!«

»Gleich, Sir.«

»Sofort!«, schrie McLutho mit zorngeröteten Wangen. »Sie scheinen wohl zu vergessen, dass Sie hier nur der Diener sind!«

Es zuckte kurz in Sladeks hartem Gesicht. »Ich habe die Katze aus einem ganz bestimmten Grund mitgebracht, Sir.«

»Ihr Grund interessiert mich einen feuchten Kehricht. Schaffen Sie das Scheusal endlich raus!«, brüllte McLutho.

»Wir sind gekommen, um einen Verräter zu richten!«, sagte Sladek mit seiner unheimlichen Grabesstimme.

Plötzlich hatte der Diener dieselben Augen wie seine schwarze Katze. Bernsteinfarben leuchteten sie dem Schlossherrn entgegen. Bernsteinfarben, mit einer senkrecht geschlitzten Pupille. McLutho glaubte, nicht recht zu sehen. Er traute Sladek allerlei zu, aber dass er die Farbe und Form seiner Augen verändern konnte, grenzte für ihn schon an Zauberei.

Abel McLutho schnellte aus dem Schaukelstuhl hoch. »Wiederholen Sie, was Sie gerade gesagt haben, Sladek!«, blaffte er wütend.

»Wir sind gekommen, um dich zu töten, Verräter!«, fauchte der Diener hasserfüllt.

 

*

 

Im selben Moment ließ er die Katze los.

Abel McLutho traute seinen Augen nicht.

Kaum hatten die Katzenpfoten den Boden berührt, da wurde das Tier doppelt so groß. Es fauchte und sträubte das Fell. Es machte einen Buckel und starrte den Schlossherrn feindselig an.

McLutho schüttelte überwältigt den Kopf. »Das das gibt es doch nicht! Das kann doch nicht sein!«

Sladek stieß dasselbe aggressive Fauchen aus wie seine Katze. In seinen Augen brannte eine schreckliche Glut.

McLutho wich zurück.

Er stieß mit der Schulter gegen das Kaminsims. Seine Stirn überzog sich mit einem glänzenden Schweißfilm. »Sladek, was hat das zu bedeuten?«, presste er heiser hervor. »Ich verlange eine Erklärung! Wieso nennen Sie mich einen Verräter?«

»Du weißt, warum«, knurrte Sladek ganz hinten in der Kehle.

»Mann, Sie müssen den Verstand verloren haben. Nehmen Sie diese verdammte Katze und verschwinden Sie! Aber sofort!«

»Ich verschwinde erst, wenn du tot bist, Abel McLutho«, zischte der Diener mit verzerrten Zügen.

Er bellte ein scharfes Kommando. Daraufhin sauste die schwarze Katze wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil auf den Schlossherrn zu.

Trotz seiner Fassungslosigkeit bewaffnete sich Abel McLutho blitzschnell mit dem Schürhaken. Die Katze spannte die Muskeln und sprang. McLutho schlug mit aller Kraft zu. Der Hieb hätte dem Tier eigentlich das Rückgrat brechen müssen, doch die Katze blieb unverletzt. McLutho hatte den Eindruck, mit dem Feuerhaken auf einen Granitblock geschlagen zu haben. Funken stoben aus dem schwarzen Fell des Tieres.

Abel McLutho sah sich einem weit aufgerissenen, blutroten Rachen gegenüber. In dem scheußlichen Maul blitzten spitze, kräftige Raubtierzähne. Der Schlossherr ließ vor Schreck den Schürhaken fallen, wirbelte herum und rannte schreiend durch den Raum.

Die Katze sprang ihm ins Kreuz und biss schmerzhaft zu.

McLutho brüllte heiser auf. Mit einem Mal war er wie gelähmt. Er konnte keinen weiteren Schritt mehr machen. Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr.

Dennoch wollte er den nächsten Schritt erzwingen.

Prompt fiel er der Länge nach hin, und als er sich stöhnend auf den Rücken drehte, war die Teufelskatze sofort über ihm. Er sah die Mordlust in ihren schrecklichen Augen und wusste, dass seine letzte Stunde geschlagen hatte …

 

 

*

 

Das Büro war hell und nüchtern eingerichtet.

Es gab cremefarbene Hochschränke, metallene Schreibtische, auf Rollen laufende Aktenschränke. Alles war bis ins letzte Detail geplant und durchorganisiert. Das ersparte dem Makler Nick Harvesty gleich mehrere Arbeitskräfte. Er kam mit acht zuverlässigen Außendienstleuten und einer tüchtigen Sekretärin klaglos über die Runden.

Amanda Foster, die Sekretärin, tippte auf der Kugelkopfschreibmaschine den letzten Mahnbrief für diese Woche. Es war Freitag, und Amanda spürte bereits die Wochenendstimmung in sich ausbrechen.

Sie war neunzehn, stammte aus gutem Haus und hatte sich ausbedungen, so bald wie möglich auf eigenen Füßen stehen zu dürfen. Ihre Eltern hatten dagegen nichts einzuwenden gehabt. Amanda war ein anständiges, kluges Mädchen, das auch allein wusste, was sie tun durfte.

Ihr Kontakt zum Elternhaus war nach wie vor vorbildlich. Sie schaute einmal in der Woche für ein paar Stunden vorbei, um zu sehen, was Mutter machte und wie es Vater mit seiner angegriffenen Leber ging.

Amanda war ein hübsches Ding. Strahlend wie ein taufrischer Morgen und nur selten schlecht gelaunt. Sie war hervorragend gewachsen, hatte eine begehrenswerte Figur mit üppigen Brüsten, schmaler Taille und schwellenden Hüften. Das Haar – es war rotblond gefärbt – trug sie schulterlang. Es umrahmte ein offenes, ausdrucksstarkes Gesicht.

Die Tür hinter ihr ging auf.

Nick Harvesty trat ein.

Er war nicht nur ihr Chef. Er ging auch hin und wieder mit ihr aus. Sie verstanden sich sehr gut, und Nick hätte es gern gesehen, wenn Amanda ihm noch mehr gegeben hätte, als sie ihm zu geben bereit war. Er blickte auf seine Quarz-Uhr.

»Gleich ein Uhr durch«, stellte er fest. Es sollte keine Rüge sein. Amanda fasste seine Worte auch nicht so auf.

»Ich schreibe nur noch schnell diesen Brief fertig. Dann ist Feierabend für diese Woche.«

Harvesty legte seine Hand sanft auf die wohlgerundete Schulter des Mädchens. »Hast du schon etwas vor? Wir könnten zusammen …«

»Tut mir leid, Nick. Ich bin mit Gerry verabredet.«

Sie spürte, wie seine Hand zuckte, und gewiss verzog er jetzt das Gesicht, als hätte sie ihm Essig zu trinken gegeben.

Gerry Dark war ihm ein Dom im Auge. Bestimmt hätte er ihn nett gefunden, wenn er in ihm keinen Nebenbuhler hätte sehen müssen; denn Gerry Dark war ein liebenswerter, unkomplizierter Junge. Vielleicht war er etwas keck und vorlaut, aber trotzdem wohlerzogen und hilfsbereit.

Es fiel Amanda sehr schwer, einem von beiden den Vorzug zu geben. Sie fühlte sich sowohl zu Nick als auch zu Gerry hingezogen. An manchen Tagen vielleicht etwas mehr zu dem ruhigen, ausgeglichenen Nick. An anderen Tagen aber eher mehr zu dem lebenslustigen, immer zu Scherzen aufgelegten Gerry.

»Gerry«, sagte Nick Harvesty ingrimmig, und Amanda hörte deutlich die zentnerschwere Enttäuschung, die in diesem Namen mitschwang.

Sie vertippte sich in der letzten Zeile. »Nun sieh dir das an«, beschwerte sie sich und riss den Brief aus der Maschine. »Das kommt davon, wenn man gleichzeitig arbeiten und sich mit dem Chef unterhalten soll.«

Nick beugte sich über sie und küsste ihren Nacken.

Sie schüttelte ihn ab. »Lass das bitte, Nick. Was soll denn das?«

»Gehst du mit mir essen?«, fragte er leise in die weiche Fülle ihres Haares.

»Ich fürchte, das schaffe ich zeitmäßig nicht …«

»Wann bist du mit Gerry verabredet?«

»Halb drei.«

»Das lässt sich doch wunderbar machen.«

»Ich muss diesen Brief noch mal …«

Nick Harvesty winkte ab. »Ach was. Räum zusammen und Schluss für diese Woche! Das ist ein Befehl von deinem Chef, klar?« Er schmunzelte. »Ich erwarte, dass du in fünf Minuten fertig bist.«

Amanda schüttelte den Kopf. »Hör mal, ich habe den ganzen Vormittag wie ein Tier geschuftet. In fünf Minuten habe ich mein Makeup nicht wieder auf Hochglanz gebracht.«

Nick grinste. »Bei einem so schönen Mädchen kann das Makeup ohnedies nur etwas verpatzen.«

Sie knuffte ihn in den Arm und sagte: »Davon verstehst du nichts.«

Er ging nach nebenan. Sie hörte, wie er alles, was auf dem Schreibtisch über das Wochenende nichts zu suchen hatte, in die Laden pfefferte.

Und am Montag, dachte sie, sucht er dann wieder eine Stunde lang nach allem Möglichen.

Sie war in zehn Minuten fertig.

In Nicks schickem neuem Jaguar Typ E fuhren sie durch halb London. Die Fahrt lohnte sich. Nick hatte einen Tisch für zwei Personen bestellt. Das Personal kümmerte sich unaufdringlich um sie. Sie nahmen jeder einen Aperitif und anschließend französische Zwiebelsuppe. Hinterher gab’s Lammkotelett auf Balkanart und zum Abschluss Mokka.

Nach dem ausgezeichneten Essen rauchte Nick eine Zigarette. Er lehnte sich zurück. Amanda musterte ihn mit kritischen Augen, konnte an seiner Erscheinung jedoch keinen Fehler entdecken. Er war wie aus dem Ei gepellt. Er sah gut aus, hatte schwarzes volles Haar, einen schmalen Mund, ein kantiges Kinn und dunkle, sensible Augen. Amanda fand sein Profil besonders attraktiv.

»Wie sieht’s aus?«, fragte Nick mit dem Anflug eines Lächelns um die Lippen. »Können wir Gerry Dark für dieses Wochenende nicht ausbooten?«

»Unmöglich.«

»Nichts ist unmöglich, wenn man nur will, Amanda.«

»Das kann und will ich Gerry nicht antun. Es wäre gemein. Es wäre unfair.«

Nick lachte. »Du redest, als wärst du auf dem Fußballplatz.«

»Gerry hat ein Recht darauf, von mir anständig behandelt zu werden. Genau wie du.«

»Ich kann nicht verstehen, was dich an diesem Hungerleider so sehr fasziniert …«

»Es ist nicht schön, wenn du über Gerry so sprichst, Nick«, fiel Amanda ihm verstimmt ins Wort.

»Also gut. Ich nehme zurück, was ich gesagt habe. Gerry ist ein lieber Junge. Bestimmt würde er mir gefallen, wenn er auf der anderen Seite der Erdkugel wohnen würde. Aber das tut er nicht. Er lebt hier in London. Nur einen Steinwurf von dir entfernt. Das macht mich ganz kribbelig. Kannst du das denn nicht verstehen, Amanda? Ich hätte dieses Wochenende so gern mit dir zusammen verbracht.«

»Warum muss es ausgerechnet dieses Wochenende sein?«, fragte das Mädchen.

»Abel McLutho will Darkwood Castle verkaufen. Er hat mich angerufen und mir vorgeschlagen, das Wochenende auf seinem Schloss zu verbringen. Er hat nicht gesagt, dass ich allein kommen soll, und da dachte ich … Du weißt, dass der Verein »Helft den Kindern« seit zwei Jahren auf der Suche nach einem solchen Objekt ist. Darkwood Castle wäre geradezu ideal. Noch gut erhalten. Nicht allzu weit entfernt von London. Es wären nur wenige Umbauarbeiten nötig, und schon wäre aus dem alten Kasten ein romantisches Kinderferienheim gemacht. Ich muss mir das Schloss unbedingt ansehen, aber ich will mich da nicht auf mein Urteil allein verlassen, verstehst du? Eine Frau weiß bestimmt besser, was für ein Kind geeignet ist. Das kommt vom angeborenen Mutterinstinkt.«

Nick langte über den Tisch und legte seine Hand auf Amandas Arm. »Gib deinem Herz einen Stoß und komm mit!«

Amanda zog den Arm sachte zurück. »Nur, wenn ich Gerry mitnehmen darf.«

Nick seufzte geplagt. »Na schön. Wenn es sich unter gar keinen Umständen vermeiden lässt, dann soll er eben mitkommen.«

 

*

Sladek schlurfte mit schweren Schritten den Gang entlang.

Er kicherte, als wäre er nicht mehr Herr seiner Sinne, und rieb sich immer wieder vergnügt die Hände. »Es ist vollbracht! Vollbracht! Vollbracht!« Er brüllte es ins Schloss hinein. Sein Geschrei hallte durch die weiten Gänge und kam als zitterndes, gespenstisches Echo zurück.

Grinsend betrat er sein Zimmer.

Die Fenster waren mit dicken schwarzen Tüchern verhangen. Seit Jahrzehnten war der Raum nicht mehr gelüftet worden. Es roch muffig. Es stank nach Schwefel.

Hier drinnen herrschte ewige Nacht. Das war es, was Sladek liebte. Er hasste den Tag und die grelle Sonne, die seine weiße Haut zu verbrennen drohte. Er liebte die Nacht, die ihn mit ihrem schwarzen Mantel zärtlich umschmeichelte und ihm mit Hilfe des Mondes gerade so viel Licht schenkte, wie er brauchte.

Sladek ließ sich ächzend auf einen kleinen hölzernen Betschemel fallen. Vor ihm war ein kleiner Altar aufgebaut, auf dem sich monströse Requisiten befanden.

Es war ein schwarzer Altar, vor dem Sladek kniete und hingebungsvoll sein schwarzes Gebet verrichtete, das für den Satan bestimmt war. Sladek hatte eine schwarze Seele.

Er brannte übelriechende Räucherstäbchen an und sprach blasphemische Worte. Er verdammte das Gute und verherrlichte das Böse, das er in sich trug und das er vermehren wollte, um ein würdiger Diener seines wahren und einzigen Herrn zu sein.

Hingebungsvoll murmelte er: »Der Verräter hat in der vergangenen Nacht seine verdiente Strafe erhalten. Er weilt nicht mehr unter den Lebenden. Mit deiner Hilfe, Herr der Finsternis und des abgrundtief Bösen, ist es uns gelungen, ihn zu vernichten!«

Die Schwaden der Rauchstäbchen verdichteten sich.

Sie bildeten ein graues Oval, das die Züge einer dämonischen Fratze annahm. Ein grausames Grinsen verzerrte das abstoßende Gesicht, aus dem ein hellrot glühendes Augenpaar starrte. Eine scharfe gebogene Hakennase beherrschte das abscheuliche Antlitz.

Mit einer Stimme, die aus den unauslotbaren Ewigkeiten der Dimensionen des Schreckens zu kommen schien, tönte die Erscheinung: »Ich bin mit dir sehr zufrieden, Sladek. Walte weiter in meinem Sinn, dann werde ich dich eines Tages zu meinem unsterblichen Diener machen!«

Sladek verneigte sich tief. »Ich werde mir große Mühe geben, dich auch weiterhin zufriedenzustellen, Herr.«

»Verfolge meine Pläne zielstrebig weiter, dann werde ich dich reich belohnen«, donnerte die Stimme, die Sladek in den Ohren schmerzte. Als sie verhallt war, war auch die Erscheinung verschwunden.

Sladek erhob sich mit grausamen Zügen.

Er wusste, wie er weitermachen musste. Der Teufel hatte ihm vor kurzem erst den genauen Weg gezeigt …

 

*

 

Nick Harvesty brachte Amanda nach Hause.

Sie besaß eine kleine Wohnung in Paddington, direkt unterm Dach. Mit freundlichen Tapeten hatte Amanda die einstige Bruchbude in ein behagliches Heim verwandelt. Auf dem Fensterbrett standen kleine Zierpflanzen, denen Amanda sehr viel Liebe angedeihen ließ. Im Wohnzimmer gab es bequeme Sessel, die zum langen Verweilen einluden.

Nick setzte sich.

»Möchtest du einen Drink?«, fragte ihn Amanda.

»Einen Scotch, wenn ich dich nicht beraube.«

»Dummkopf.« Sie lächelte. »Du weißt, wo die Flaschen stehen. Sei lieb und gieß dir selbst ein.«

»Möchtest du auch was trinken?«, fragte Nick.

»Nicht jetzt. Ich möchte noch schnell duschen und mich umziehen, bevor Gerry kommt.« Amanda verschwand.

Wenig später hörte Nick Harvesty das Rauschen des Wassers. Er drückte auf den Knopf der billigen Stereoanlage und goss sich vom Scotch ein. Während er mit kleinen Schlucken trank, während er der einschmeichelnden Musik lauschte, die aus den in Kopfhöhe angebrachten Boxen plätscherte, dachte er über sich und dieses begehrenswerte Mädchen nach.

Verdammt noch mal, er kam bei ihr nicht weiter.

Amanda hatte gewissermaßen eine Sperrlinie gezogen, und es war ihm unmöglich, in die heiße Zone vorzudringen.

Die einzige Genugtuung, die er dabei hatte, war, dass sie auch Gerry Dark nicht gestattete, diese Linie zu überschreiten.

Aber sollte es denn bis in alle Ewigkeit bei diesem widernatürlichen Verhältnis bleiben? Die Natur wollte doch schließlich auch mal zu ihrem Recht kommen. Aber er konnte das Mädchen schlecht zwingen, mit ihm zu schlafen. Würde sie jemals selbst auf eine solche Idee kommen? Wohl kaum. Nicht Amanda. Die schien über solche Dinge haushoch überlegen zu sein.

Sie spielte gern mit dem Feuer. Sie küsste mit einer Leidenschaft, die geradezu frappierend war. Doch wenn Nick versuchte, nur mal wie ganz zufällig ihre vollen Brüste zu streicheln, drehte sie von einer Sekunde zur ändern blitzschnell den Schalter ab – und vorbei war es mit der ganzen herrlichen prickelnden Stimmung.

Ob mit Amanda in sexueller Hinsicht irgend etwas nicht stimmte? Nick fasste in diesem Moment den Entschluss, darüber einmal mit einen Psychiater zu reden. Vielleicht konnte der ihm einen Tipp geben, wie er es anstellen musste, um bei Amanda ans heißersehnte Ziel zu gelangen.

Sie kam trällernd aus dem Bad.

Auf dem Kopf trug sie einen weißen Frotteeturban, und ein gleichfarbiger Bademantel umhüllte ihre makellose Figur.

Nick Harvesty verlor bei dem Gedanken, dass sie unter dem Mantel splitternackt war, beinahe den Verstand. Er roch den Apfelblütenduft, den sie verströmte. Das regte ihn so sehr auf, dass er aufspringen und sie in seine Arme nehmen wollte.

Gerade in diesem Augenblick schellte es.

Amanda entschuldigte sich, ging aus dem Zimmer, und als sie wiederkam, brachte sie Gerry Dark mit.

 

*

 

Eisiges Schweigen.

Die Luft knisterte förmlich. Gerrys Augen pendelten zwischen Amanda und Nick hin und her. Es missfiel ihm, dass das Mädchen nur den Bademantel trug. Seine eifersüchtige Phantasie produzierte sofort mehrere haarsträubende Szenen, über die er sich maßlos aufregte. Sein Brustkorb hob und senkte sich schneller. Er atmete heftig.

»Ach, so ist das«, stellte er giftig fest.

»Lass jetzt bloß nicht deiner schmutzigen Phantasie freien Lauf!«, verwahrte sich Amanda ärgerlich.

Gerry wies auf Nick. »Was sucht er hier? Soviel ich weiß, sind heute wir beide verabredet. War ich schon mal so unverschämt, mich in deine Wohnung zu setzen, wenn du vorhattest, mit ihm auszugehen?«

Nick erhob sich wütend. »Jetzt hör mir mal zu, du verhinderter Romeo …«

»Still!«, rief Amanda zornig dazwischen. »Ihr hört auf der Stelle auf, euch anzuflegeln. Ich dulde das nicht!«

Nick begehrte auf: »Er hat damit angefangen!«

»Er wird sich entschuldigen«, sagte Amanda.

»Du irrst dich«, schrie Gerry Dark. »Ich wüsste nicht, wofür ich mich entschuldigen sollte. Heute ist mein Tag. Ich sehe nicht ein, warum ich ihn mir von ihm kaputtmachen lassen soll!«

»Himmelherrgott noch mal, ist das denn nicht mehr meine Wohnung?«, schrie Amanda Nick und Gerry an. »Ich will, dass in diesen Wänden Frieden herrscht. Entweder ihr gebt euch jetzt die Hand und versucht euch zu vertragen, oder ihr fliegt raus: Alle beide!«

Nick streckte Gerry widerwillig die Hand entgegen. Gerry zögerte.

»Was ist?«, fragte Amanda ungeduldig.

Da schlug Gerry Dark seufzend ein, denn hinauswerfen wollte er sich von Amanda nicht lassen. Sie hätte es getan. Er kannte sie. Sie hätte es bestimmt getan.

»Nick hat mich zum Essen ausgeführt«, erklärte Amanda die Situation. »Anschließend brachte er mich nach Hause. Du bist zu früh dran. Ich hatte noch keine Zeit, mich umzuziehen.«

Und Nick hatte noch keine Zeit, zu verschwinden, dachte Gerry verdrossen.

Er war groß, blond, schlank und blauäugig. Er wirkte wie der Abklatsch eines norwegischen Hünen, liebte saloppe Kleidung, trug zumeist verwaschene Jeans, einen viel zu weiten Pullover und rauchte Pfeife.

Gerry war Maler von Beruf, und wie den meisten seiner Kollegen war ihm der Durchbruch noch nicht gelungen. Es kannten ihn noch nicht genügend einflussreiche Leute, deren Mundpropaganda ihn nach oben zu spülen vermocht hätte, doch er war von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt, und er war sicher, dass er sein Ziel eines Tages erreichen würde.

Er musste nur selbst fest genug daran glauben, und das tat er.

Da er hier genauso zu Hause war wie Nick, nahm auch er sich einen Scotch. Ohne Nick zu beachten, begann er von einem neuen Tanzlokal zu schwärmen, das erst vor wenigen Tagen aufgemacht hatte.

»Die Gruppe, die da Musik macht, soll einfach Spitze sein«, sagte er, um Amanda dafür zu interessieren. Sie tanzte gern und sie bewegte sich auf der Tanzfläche phantastisch.

Amanda warf Nick einen schnellen Blick zu.

Harvesty versteckte seine Gefühle hinter seinem Glas.

Gerry fing den Blick auf und reagierte sofort wieder sauer: »Habt ihr beide etwa schon etwas anderes beschlossen, he? Sitzt Nick deshalb immer noch hier herum? Wollt ihr mich ausbooten? Warum hat denn keiner von euch den Mut, mir das ins Gesicht zu sagen?«

Amanda legte ihre Hand beschwichtigend auf seine Schulter. »Niemand hat vor, dich auszubooten, Gerry. Was du daherredest, ist doch Unsinn.«

»Kommt ganz darauf an, mit welchen Augen man die Angelegenheit betrachtet«, erwiderte Gerry Dark spröde.

»Hör zu, Gerry. Die Sache ist die: Nick sucht seit geraumer Zeit für die Gesellschaft »Helft den Kindern« ein Schloss, das man zu einem Ferienheim für Kinder umbauen könnte. Er glaubt nun, ein solches Schloss gefunden zu haben. Der Besitzer von Darkwood Castle so heißt die Burg hat Nick das Angebot gemacht, übers Wochenende da zu wohnen. Nick könnte sich das Bauwerk in aller Ruhe ansehen und dann entscheiden, ob es ein geeignetes Objekt für die Gesellschaft ist oder nicht.«

»Okay«, sagte Gerry störrisch. »Das ist Nicks Angelegenheit. Was hat das mit unserem Abend zu tun?«

»Er möchte, dass ich mir das Schloss auch ansehe«, sagte Amanda.

Es blitzte sofort in Gerrys blauen Augen auf. »Natürlich ohne jeden Hintergedanken, was?«

Daraufhin brauste Nick wieder auf: »Hör mal, was du mir da zu unterstellen versuchst …«

»Ich habe zugesagt, mit Nick Darkwood Castle zu besichtigen«, fiel Amanda ihrem Chef ins Wort. »Aber ich habe die Bedingung daran geknüpft, dass ich dich mitnehmen kann. Bist du nun zufrieden?«

Gerry schwieg.

Nick grinste breit. »Du kannst natürlich auch ablehnen«, sagte er schlau.

»Das könnte dir so passen!«, fauchte Gerry. »Damit du ein Wochenende mit Amanda allein hättest. Kommt überhaupt nicht in Frage. Ich fahre mit.«

Amanda nickte zufrieden. »Ich wusste, dass du dich so und nicht anders entscheiden würdest.«

Gerry dachte an die Eindrücke, die er auf Darkwood Castle sammeln und in sein künstlerisches Schaffen einfließen lassen konnte, und er begann sich auf ein Wochenende auf dem Schloss zu freuen.

Der einzige Wermutstropfen bei der Sache war: Nick Harvesty.

 

*

 

Tag für Tag dasselbe. Es war zum Verrücktwerden.

Larry Morland und Jimmie Gabriel trotteten mit gelangweilten Gesichtern im Gefängnishof im Kreis.

»Meine Fresse, das tötet einem ganz schön den Nerv«, knurrte Morland.

»Still!«, rief einer der Aufseher. »Keiner redet!«

»Ach, begegne mir doch im …«

»Wer war das?«

»Niemand«, brummte der Häftling hinter Gabriel.

»Danke, Kumpel«, flüsterte Morland.

Er war ein untersetzter Bursche mit harten Muskeln. Sein Leben lang war er keiner Rauferei aus dem Wege gegangen. Er hatte viele Meinungsverschiedenheiten mit seinen kantigen Fäusten entschieden. Hin und wieder war er an den Falschen geraten. Davon zeugten eine wulstige Narbe über dem linken Auge und das mehrfach gebrochene Nasenbein.

»Hier drinnen werde ich nicht alt, das sage ich euch«, murmelte Morland vor sich hin, ohne den Mund zu bewegen.

Der Aufseher, der durchsetzen wollte, dass keiner der Häftlinge redete, wurde zum Gefängnisdirektor gerufen. Jimmie Gabriel atmete hörbar erleichtert auf.

»Endlich sind wir den hier los«, brummte er.

Den anderen Aufsehern war es ziemlich egal, ob sie redeten oder den Mund hielten. Denen war wichtiger, dass die Häftlinge nicht aufhörten, im Kreis zu laufen, sich nicht zusammenrotteten, keinen Aufstand auf die Beine stellten.

»Verdammter Bockmist!«, ärgerte sich Morland, der mal wieder eine aggressive Phase durchmachte. »Ist das nicht zum Heulen, Jimmie-Boy? Du und ich, zwei so talentierte Knaben, hier drinnen in diesem trostlosen Knast und die Juwelen, die wir geklaut haben und die noch keiner gefunden hat, irgendwo dort draußen. Sie warten nur darauf, dass wir sie abholen. Aber wir können von hier nicht weg.«

Jimmie Gabriel, ein Junge mit einem Engelsgesicht, dem man den gerissenen Schurken nicht ansah, zuckte die Achseln. »Was soll man machen? So ist das Leben nun mal. Hart und ungerecht.«

»Wenn ich denke, dass ich verdammte acht Jahre vor mir habe, kriege ich Sodbrennen«, presste Morland zwischen den Zähnen hervor. »Wie soll ein normaler Mensch das denn aushalten?«

Der Häftling vor ihm kicherte. »Ihr hättet euch eben nicht erwischen lassen dürfen.«

Morland starrte das breite Kreuz des Burschen ärgerlich an. »Was weißt denn du? Die Bullen hätten uns sowieso nie gekriegt. Es war alles bestens ausbaldowert. Wir sind nämlich keine Stümper, verstehst du? Alles, was wir machen, hat Hand und Fuß. Nägel mit Köpfen machen wir, Freundchen …«

»Hör schon auf, die Werbetrommel zu rühren«, kam es zurück. »Fest steht, dass ihr jetzt im Knast seid.«

»Daran ist dieser dieser Schnüffler schuld. Wenn es den nicht gegeben hätte, hätte die Sache wie am Schnürchen geklappt. Ist doch so, oder?«

»Brian Ford, der ver … Spitzel, hat uns die Tour vermasselt«, bestätigte Jimmie Gabriel.

»Wie hätten wir denn wissen sollen, dass sich der Juwelenbote von einem Privatdetektiv überwachen ließ?«, gab Larry Morland zu bedenken. »Das konnten wir doch nicht riechen. Teufel, wenn ich die Möglichkeit hätte, von hier rauszukommen, ich würde schnurstracks zu Ford fahren und dem Kerl eine gehörige Abreibung geben.«

Der Mann vor ihm lachte verhalten. »Also, wenn ich von hier weg könnte, hätte ich andere Sorgen.«

Ein schrilles Glockenzeichen beendete den Rundgang.

Die Häftlinge kehrten in ihre Zellen zurück.

Morland lief wie ein gereizter Panther in dem kleinen Raum auf und ab. Jimmie Gabriel legte sich aufs Bett und schob die Hände unter den Kopf. Er grinste.

Als Morland das sah, schnauzte er ihn an: »Was gibt’s denn zu grinsen, du Dämlack? Ich verstehe nicht, wie du das aushalten kannst. Scheinst dich ja richtig wohl zu fühlen im Knast.«

»Vielleicht bin ich für den Käfig geboren.«

»Mensch, dann hast du aber einen ganz gehörigen Zacken weg.«

»Bist du im Hof nicht genug gelaufen? Kannst du nicht mal für fünf Minuten ruhig stehenbleiben? Ich habe mit dir zu reden, Larry.«

Morland blieb stehen. »Na? Nun red schon. Oder spuck Buchstaben, dann setz ich mir’s selber zusammen.«

»Ich wollte darüber im Hof nicht quatschen. Es gibt zu viele Spitzel, die sich eine Vergünstigung verdienen wollen.«

»Mich interessiert nur eines: wie ich hier rauskomme«, sagte Larry Morland brummig.

Jimmie Gabriel nickte schmunzelnd:

»Genau darüber möchte ich mit dir reden.«

Morland zog die Brauen zusammen. »Mach bloß keine blöden Witze, du …«

»Am vergangenen Montag ist doch Stanley Sticker rausgekommen, erinnerst du dich?«

»Natürlich. Ist ja noch nicht so lange her. Am liebsten hätte ich ihn gebeten, mich mitzunehmen.«

»Warum hast du’s nicht getan?«

»Ich hatte Angst, mich lächerlich zu machen«, brummte Morland.

»Ich hab’s getan«, schmunzelte Jimmie Gabriel. Larry Morland blickte ihn verwirrt an. Gabriel nickte. »Ja. Ich habe ihm gesagt, es wäre verdammt schön, wenn er mich mit nach draußen nehmen könnte. Und weißt du, was er darauf geantwortet hat?«

»Was?«, fragte Morland neugierig.

»Er sagte, darüber ließe sich reden.«

Morland zog die Brauen zusammen. »Was denn? Wie denn? Hör mal, Stanley hatte ’ne große Schnauze. Dem durfte man doch nicht glauben, was er den ganzen Tag so von sich gab.«

»Er versicherte mir, er hätte ’ne Möglichkeit, mich rauszuholen«, sagte Jimmie gedämpft.

Morland schüttelte den Kopf. »Und du Rindvieh hast ihm das abgekauft?«

»Warum nicht?«

»Sag mal, bist du wirklich so dämlich, oder stellst du dich nur so? Wenn er so ’ne Möglichkeit tatsächlich gehabt hätte, hätte er dann die ganzen sechs Jahre hier abgesessen, he? Der hätte doch als erster zugesehen, von hier wegzukommen.«

»Wenn er die Kohlen gehabt hätte, wäre er nicht mal ein halbes Jahr Gast dieses schäbigen Beherbergungsbetriebes geblieben«, sagte Jimmie Gabriel überzeugt. »So etwas kostet natürlich eine Kleinigkeit. Umsonst ist nicht mal der Tod, denn selbst der kostet das Leben. Stanley Sticker war ein armes Schwein, deshalb musste er hier wohnen bleiben, bis man ihn wieder nach draußen beförderte. Wir beide aber können es uns richten, Larry. Wir haben immerhin Klunker im Wert von einer halben Million Pfund ergattert. Du weißt, dass Lionel Cross sie und für vierhunderttausend abnehmen würde. Wir sind also keine so armen Schlucker wie Stanley Sticker. Wir sind in der Lage, uns die Freiheit zurückzukaufen …«

Morland leckte sich hastig die Lippen. Seine Augen glänzten. Er hatte Feuer gefangen. »Wie viel würde der Weg nach draußen kosten, Jimmie?«

»Zehntausend.«

»Dafür muss ’ne arme Omi ganz schön lange stricken … Zehntausend für einen oder für zwei?«

»Für einen«, sagte Gabriel. »Für zwei kostet es zwanzigtausend.«

»Das finde ich nicht richtig. Ob man einen aus dem Knast rausholt oder zwei ist doch kein Unterschied. Die Arbeit muss nur einmal gemacht werden.«

Jimmie griente. »Wenn dir deine Freiheit keine zehntausend Mäuse wert ist, kannst du’s ja auch bleibenlassen.«

»Verdammt, wer hat denn das gesagt? Meine Freiheit ist mir sehr viel mehr wert. Ich finde bloß, dass diese Banditen sich dabei ganz schön gesundstoßen.«

»Sie übernehmen damit auch eine Menge Risiken.«

»Das versteht sich doch wohl von selbst, bei zehntausend Pfund«, sagte Larry Morland. »Was hast du mit Stanley weiter besprochen?«

»Er versprach mir, sich mit den betreffenden Leuten in Verbindung zu setzen.«

»Hast du auch über mich gesprochen?«

»Natürlich. Ich sagte ihm, dass auch du bereit sein würdest, die vereinbarte Summe zu berappen.«

»Teufel noch mal, wenigstens fragen hättest du mich vorher können«, ärgerte sich Morland.

»Du hättest ja sowieso ja gesagt.«

»Das schon. Aber vielleicht hätten wir den Preis drücken können. Wir hätten so was Ähnliches wie Mengenrabatt verlangen können.«

Jimmie lachte verhalten. »Sag mal, hast du einen Schotten in der Familie?«

Morland schüttelte unwillig den Kopf. »Erzähl weiter!«

»Also, Stanley Sticker versprach, sich unserer Sache anzunehmen …«

»Entschuldige, dass ich dich unterbreche«, sagte Morland hastig. »Wann sind die zehntausend Pfund beziehungsweise zwanzigtausend Piepen zu bezahlen?«

»Sobald wir flüssig sind.«

Morland staunte. »So lange wollen die Knaben auf ihr Geld warten? Sag mal, holt uns ’ne Unterabteilung von der Heilsarmee raus?«

»Sie wissen, dass sie sich auf uns verlassen können, dass sie ihr Geld von uns auf jeden Fall kriegen. Stanley verbürgt sich dafür.«

»Na schön. Dann ist auch dieser Punkt geklärt: Ich brauche mir keinen Kredit aufzunehmen. Und wie erfahren wir nun, ob, wie und wann die Sache steigen wird?«

»Das habe ich schon erfahren«, antwortete Jimmie Gabriel vergnügt.

Larry Morland hielt die Luft an. »Wann? Wann hast du’s erfahren?«

»Vor einer halben Stunde. Sol Danger hat mir einen Kassiber zugesteckt. Die Vorbereitungen für unsere Flucht laufen bereits auf Hochtouren.«

Morland kicherte nervös. »Nun sag schon, Junge, wann holen sie uns raus?«

»Morgen. Wir verbringen, nur noch eine einzige Nacht in dieser Zelle, Kumpel! Dann lacht uns wieder die Freiheit.«

Morland faltete wie zum Gebet die Hände, blickte zur Decke und seufzte schwer beeindruckt: »Himmel, wie hört sich das herrlich an.«

 

*

 

Gerry Dark hatte darauf bestanden, dass die Wochenendfahrt nicht in Nick Harvestys Jaguar, sondern in seinem Bentley gemacht werden würde.

Der Jaguar hatte bloß zwei vernünftige Sitze sowie einen Notsitz. Und auch Amanda war der Meinung, dass man Gerry nicht zumuten könne, dort hinten mit angezogenen Beinen zu hocken.

Gerrys silbergrauer Bentley war nur ganz knapp am Automobilmüll vorbeigekommen, für den er eigentlich schon bestimmt gewesen war. Doch Gerry hatte den Altwagenhändler so lange beschwatzt, bis dieser sich breitschlagen ließ und ihm den Wagen fast geschenkt hatte. Seither hatte Gerry Dark alle seine Ersparnisse für die laufenden Reparaturkosten verwendet, ohne dass dadurch der Gesamtzustand des alten, klapprigen Fahrzeugs erheblich gebessert worden wäre.

Die Straße stieg steil bergan.

Links und rechts erstreckte sich dichter, finsterer Mischwald.

Es war ein Tag ohne Sonne. Der Bentley quälte sich die Steigung hinauf. Er rumpelte und hustete. Eine schwarze Rußwolke quoll aus dem Auspuff. Gerry klammerte sich mit verbissener Miene an das Lenkrad. Er hoffte, dass ihn das Fahrzeug jetzt nicht im Stich lassen würde, denn das wäre natürlich Wasser auf Nicks Mühle gewesen.

Nick Harvesty saß allein im Fond des Wagens.

Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete mit verkniffenen Zügen auf den Moment, wo der Bentley, dem man eine so weite Fahrt einfach nicht mehr hätte zumuten dürfen, endgültig auf der Strecke blieb.

Das folgenschwere Ereignis trat vier Kilometer vor Darkwood Castle ein. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall. Dann stand die Mühle.

Amanda blickte Gerry besorgt an. »Was war das?«

Gerry Dark gab sich unbekümmert. »Keine Sorge. Das werden wir gleich haben.«

Er stieg aus, holte den Werkzeugkasten, klappte die Motorhaube hoch und kratzte sich dahinter verlegen den Schädel, denn er hatte so gut wie keine Ahnung, weshalb der Motor so plötzlich streikte. Nick gegenüber hätte er das natürlich niemals zugegeben.

Eine dicke Dampfwolke stieg ihm ins Gesicht, als er sich über den Motor beugte. Er bekam keine Luft, verbrannte sich die Finger, fluchte …

Nick Harvesty stieg ärgerlich aus. Auch Amanda verließ den Wagen. Nick sagte über das Bentley-Dach hinweg zu ihr: »Wäre es nicht doch vernünftiger gewesen, wenn Gerry die Fahrt auf dem Notsitz mitgemacht hätte? Wir wären jetzt schon längst auf dem Schloss.«

»Wer konnte denn wissen, dass es der Bentley bis dorthin nicht schafft?«, gab Amanda ärgerlich zurück.

»Du hast den Wagen doch gekannt. Es war ein Risiko, sich mit ihm von der nächsten Autoreparaturwerkstatt mehr als eine Meile zu entfernen.«

»Gerry kriegt das schon wieder hin«, entgegnete Amanda unwillig. »Es ist sicher nur eine Kleinigkeit.«

»Nach dem Knall zu urteilen, den es vorhin gegeben hat, ist zumindest der Motor explodiert«, erwiderte Nick Harvesty trocken, und obwohl die Gefahr bestand, dass sie die restlichen vier Kilometer bis zum Schloss zu Fuß gehen mussten, konnte er es sich doch nicht verkneifen, schadenfroh zu grinsen.

»Anstatt zu meckern, solltest du ihm lieber helfen«, bemerkte Amanda.

Gerry tauchte seinen Kopf unter der Haube hervor. Seine Hände und die Arme waren ölverschmiert. »Ich brauche keine Hilfe. Setzt euch wieder in den Wagen. In längstens zehn Minuten können wir die Fahrt fortsetzen.«

Das stimmte absolut nicht.

Gerry versuchte mit zäher Verbissenheit, in einem zweistündigen Kampf den Bentley wieder flottzukriegen. Er vertröstete Amanda und Nick von den jeweils abgelaufenen zehn Minuten auf die nächsten, doch als die zwei Stunden voll waren, ließ Nick Harvesty sich nicht mehr länger hinhalten.

»Es hat keinen Zweck, Gerry«, sagte er verdrossen. »Gib’s auf. Die Karre hat ihren Geist aufgegeben, daran ist nun nicht mehr zu rütteln.« Er hob den Kopf und blickte zum Himmel. »Es fängt bereits zu dämmern an, und wir haben noch vier Kilometer Fußmarsch vor uns. Wir sollten nicht warten, bis es stockdunkel geworden ist und man die Hand nicht mehr vor Augen sieht. Ich schlage vor, wir lassen den Bentley hier stehen, nehmen unser Gepäck und machen uns auf den Weg.« Er lächelte ironisch. »Oder hast du Angst, dass dir einer das Vehikel während deiner Abwesenheit klaut?«

Gerry Dark wollte wütend aufbrausen, doch Amanda trat schnell dazwischen. Sie reichte ihm einen Lappen und sagte ihm, er möge damit das schwarze Öl von seinen Händen wischen. Gerry warf seinem Wagen einen vorwurfsvollen Blick zu. Er würde es ihm nie vergessen, dass er ihn ausgerechnet vor Nick so sehr blamiert hatte.

Motorengeräusch.

Alle Köpfe ruckten wie auf Kommando herum.

Ein Lkw kam mit abgeblendeten Scheinwerfern die Straße heraufgeknurrt. Amanda atmete erleichtert auf. »Den schickt uns der Himmel. Ich werde ihn aufhalten und den Fahrer bitten, uns zum Schloss zu bringen. Gerry! Nick! Kümmert euch inzwischen um unser Gepäck.«

Amanda baute sich in der Mitte der Fahrbahn auf. Das Licht der Scheinwerfer tastete ihre hübsche Figur ab und zauberte kleine Blitze in ihre Augen. Sie warf die Hände hoch und winkte so lange, bis das Fahrzeug mit ächzenden Bremsen anhielt.

Das Mädchen lief zur Fahrertür.

Ein hässliches Gesicht kam hinter dem Fenster zum Vorschein.

Amanda setzte ein gewinnendes Lächeln auf. »Vielen Dank, dass Sie angehalten haben, Mister.«

»Musste ich wohl. Oder hätte ich Sie überfahren sollen?« Die Stimme des Mannes kratzte unangenehm. Er blieb ernst. Seine Augen waren unruhig. Er blickte zu Gerry und Nick hinüber, sah den Bentley mit der offenen Motorhaube, wandte sich wieder Amanda zu. »Panne?«

»Ja. Leider. Würden Sie so lieb sein und uns ein Stück mitnehmen? Wir bezahlen natürlich.«

»Okay«, sagte der Hässliche. Seine Augen streiften wieder unstet umher. Er schien sich zu fürchten. »Aber machen Sie schnell. Ich hab’s eilig.«

Amanda wollte Gerry und Nick rufen.

Da sagte der Fahrer schnell: »Moment noch. Wohin wollen Sie eigentlich?«

»Nach Darkwood Castle«, erwiderte Amanda.

Der Hässliche zuckte heftig zusammen. Seine Nervosität verdoppelte sich. »Was um alles in der Welt haben Sie auf Darkwood Castle zu suchen?«

»Einer der beiden Gentlemen ist mein Chef. Er ist Makler und möchte das Schloss besichtigen. Der derzeitige Besitzer hat es zum Verkauf angeboten.«

Der Lkw-Fahrer schüttelte den Kopf. »Ich kann Ihnen nur den guten Rat geben, lassen Sie die Finger von diesem Schloss!«

»Weshalb?«

»Es ist ein Alptraum-Schloss!«

»Wollen Sie damit sagen, dass es auf Darkwood Castle spukt?«

»O ja, Miss, das tut es. Das tut es ganz gewaltig.«

Amanda lachte leise. »Das finde ich romantisch.«

»Romantisch ist nicht das richtige Wort. Miss. Gefährlich ist weit zutreffender!«

Gerry und Nick kamen mit dem Gepäck.

»Bringen Sie uns zum Schloss?«, fragte Amanda bittend. »Es sind nur vier Kilometer.«

Der Hässliche verzog furchtsam sein Gesicht. »Tut mir leid, Miss. Diesen Gefallen kann ich Ihnen und Ihren Begleitern nicht tun. Ich würde dort nicht einmal hinfahren, wenn es nur ein Kilometer wäre. Wenn Sie in die nächste Ortschaft wollen, nehme ich Sie gern mit, aber nach Darkwood Castle bringe ich Sie nicht.«

»Auch nicht für hundert Pfund?«, fragte Nick Harvesty und schickte sich an, die Brieftasche zu zücken.

Der Lkw-Fahrer lachte gallig. »Sparen Sie sich Ihr Geld. Ich würde mich der Burg nicht mal für alle Reichtümer dieser Welt nähern. Mein Leben ist mir lieber als das größte Vermögen. Was kann man damit denn schon anfangen, wenn man tot ist?«

Der Hässliche legte den Gang ein.

»Wovor haben Sie konkret Angst?«, fragte Nick Harvesty noch schnell.

»Vor Darkwood Castle. Wenn Sie hinkommen, werden Sie erleben, was ich meine.«

Der Fahrer ließ sich nun nicht mehr länger aufhalten. Er trat das Gaspedal ungestüm durch. Der Lkw setzte sich mit aufheulendem Motor in Bewegung und ließ Amanda, Gerry und Nick unbeachtet zurück.

Gerry zog die Mundwinkel verächtlich nach unten. »Ein verrückter Kerl, was? Die Leute vom Land werden sich wahrscheinlich auch im einundzwanzigsten Jahrhundert noch an ihre Schauermärchen klammem. Selbst dann, wenn sämtliche außersinnlichen Phänomene längst wissenschaftlich erklärt sein werden.«

Nick atmete tief ein und maulte: »Vier Kilometer. Die haben wir deinem Starrsinn zu verdanken.«

Gerry Dark bleckte die Zähne und entgegnete spöttisch: »Solltest du auf halbem Wege wegen Entkräftung zu Boden gehen, kann ich dich ja bis zum Schloss huckepack nehmen.«

 

*

 

»Die letzte Nacht im Knast«, sagte Larry Morland begeistert. Er lag im Stockbett über Jimmie Gabriel, lag auf dem Rücken und zählte die schwarzen Risse, die sich wie Spinnweben über die Decke zogen. »Mensch, ich kann es noch gar nicht fassen.«

»Was wirst du machen, wenn du draußen bist?«, fragte Gabriel mit geschlossenen Augen.

»Weiß ich noch nicht. Und du?«

Jimmie zuckte die Achseln. »Mal sehen. Vielleicht gehe ich nach Asien.«

»Nach Asien? Was machst du denn da, um Himmels willen?«

»Erst mal untertauchen. Da sucht mich bestimmt keiner. Und dann werde ich nach gewinnträchtigen Verbindungen suchen. Hab’ mal gehört, dass man da mit ein bisschen Moos stinkreich werden kann. Man muss die Moneten ins Rauschgiftgeschäft stecken, verstehst du? Das bringt irre Zinsen. Ich kenne kein Geschäft, das mehr einbringt.«

Morland räkelte sich. Er hörte die Schritte des Aufsehers, die an der Zellentür vorüberhallten. Wie oft würde er sie noch hören? Bald würden andere Geräusche an sein Ohr dringen: das angenehme Rauschen des Meeres vielleicht. Morland träumte von Palmen und einem endlos langen Sandstrand, von Sonne und Lebensfreude … Plötzlich wusste er, wo er gern sein wollte.

»Erinnerst du dich noch an Ronald Biggs, den Posträuber?«, fragte er Jimmie.

»Klar.«

»Er hat sich nach Brasilien abgesetzt. Da möchte ich auch hin.« Morland lachte gepresst. »Und wenn ich da dann am Strand liege und mich faul in der Sonne räkle, schreibe ich Brian Ford, dieser Flasche, die uns in den Knast gebracht hat, eine nette Ansichtskarte.«

Gabriel lachte. »Das würde ich an deiner Stelle lieber bleiben lassen.«

»Warum?«

»Ford ist imstande, dir nachzureisen und dich nach England zurückzuholen.«

Morland überlegte und meinte dann: »Vielleicht gehe ich auch mit dir nach Asien. Wir werden sehen.«

Im Zellentrakt wurden die Lichter gelöscht.

Nachtruhe.

Larry Morland drehte sich auf die Seite und schlief fast augenblicklich ein.

 

*

 

Darkwood Castle.

Das mächtige Schloss mit den schlanken Wehrtürmen und den dicken Mauern ragte düster vor ihnen auf. Es stand auf felsigem Grund. Eine Trutzburg, in früheren Jahren so gut wie uneinnehmbar. Die Schießscharten starrten wie feindselige schwarze Augen in die Nacht. Am Himmel strahlte ein silberner Mond und ließ Amandas, Gerrys und Nicks Gesichter leichenblass erscheinen.

Der Wind strich über die Wipfel des finsteren Waldes, stemmte sich gegen Darkwood Castle, verfing sich in den vielen kleinen Nischen und heulte dort unheimlich.

Amanda erinnerte sich an das Gespräch mit dem Lkw-Fahrer. Es überlief sie kalt. Fröstelnd legte sie ihre Hand auf den Hals – es war eine schutzsuchende Geste , während ihre Augen ruhelos umherwanderten.

Gerry trug seine und ihre Reisetasche. Nick trug ihr kleines Schminkköfferchen. Sie ging mit leeren Händen zwischen den beiden jungen Männern, und obgleich sie sich nicht schutzlos fühlte, fürchtete sie sich, ohne zu wissen, wovor.

Ein ständiges Rauschen und Knistern erfüllte die Dunkelheit. Ab und zu war der knatternde Flügelschlag eines Nachtvogels zu hören. Das alles trug dazu bei, Amandas Unbehagen weiter zu steigern.

Sie näherten sich dem offenen Burgtor. Die Ziehbrücke von einst, die über einen mit Wasser gefüllten Graben geführt hatte, war vor langer Zeit montiert worden und ließ sich heute nicht mehr hochklappen.

Es befand sich auch kein Wasser mehr im Graben. Darkwood Castle musste nicht mehr gegen räuberische Feinde verteidigt werden. Diese Zeiten waren ein für allemal vorbei.

Dumpf hallten die Schritte der drei Personen auf den dicken Bohlen der Brücke.

Gerry blieb im Torbogen stehen und schaute nach oben. Dort ragten ihm die Spitzen eines schweren Holzgitters entgegen. Damit schien man den Eingang noch absperren zu können. Das klobige Gitter wurde von einem dicken Seil an seinem Platz gehalten. Das Seil lief über zwei Winden. Die zweite besaß eine Kurbel. Wenn man sie drehte, senkte sich das Gitter herab.

Nick betrat als erster den düsteren Burghof.

Er blieb stehen.

In der Mitte des großen Hofs gab es einen tiefen Brunnen, über dem ein Balken lag, an dem ein hölzerner Behälter ächzend baumelte. Hinter dem Brunnen verlor sich der Hof in der undurchdringlichen Dunkelheit.

Hinter kleinen Fenstern brannte elektrisches Licht.

Amanda beschlich ein beklemmendes Gefühl.

Nick schaute sie schmunzelnd an und flüsterte: »Nicht zittern, Mädchen. Ich bin ja bei dir.«

»Lebt Abel McLutho ganz allein auf diesem Schloss?«, fragte Amanda heiser.

»Er hat einen Diener namens Sladek.« Nick grinste. »Und um Mitternacht leisten ihm eine Menge Geister Gesellschaft.«

Amanda schaute sich um. »Ein unheimliches Schloss.«

»Hättest du das auch gesagt, wenn wir diesem Lkw-Fahrer nicht begegnet wären?«

»Ganz bestimmt. Ich fühle mich hier drinnen auf eine unerklärliche Weise bedroht. Mir macht diese schaurige Umgebung angst.«

»Am Tag wirst du über deine Angst lachen«, sagte Nick zuversichtlich.

»Kennst du McLutho überhaupt?«, fragte ihn Amanda, als er weitergehen wollte.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917024
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v388776
Schlagworte
grauen darkwood castle

Autor

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Titel: Das Grauen auf Darkwood Castle