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Rache muss sein

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Rache muss sein

Klappentext:

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Karl Plepelits

 

Rache muss sein

 

Ein Krimi aus Wien

 

IMPRESSUM
 
Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker
© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018
© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.
www.AlfredBekker.de
postmaster@alfredbekker.de

 

Klappentext:

Rache muss sein?

Na, klar. Sogar in der Bibel steht geschrieben: Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr. Rache folgt der Freveltat, lesen wir bei Schiller. Und der Volksmund weiß: Rache ist süß.

Aber er weiß auch: Man verdirbt sich leicht den Magen daran.

 

Nachkriegszeit. Der „Waldmörder“ geht um im Wienerwald und verbreitet Angst und Schrecken, verübt einen Mord nach dem andern. Und hinterlässt keinerlei Spuren. Nie gelingt es, ihn zu schnappen. Bis er sich schließlich durch einen missglückten Mordversuch selbst ans Messer liefert. Und da ist die Überraschung groß.

Viele Jahrzehnte später sieht es ganz danach aus, als sei der „Waldmörder“ vom Wienerwald wiederauferstanden. Denn er hat von neuem zugeschlagen. Doch inzwischen steht der Polizei die Methode der DNA-Analyse zur Verfügung. Und nun ist die Überraschung noch größer, vor allem beim einzigen Opfer von damals, das überlebt hat.

Wie kommt es aber, dass der neue „Waldmörder“ trotzdem nicht geschnappt wird?

 

1

„Ha, phantastisch!“, ruft er beim Anblick des Feuerwerks begeistert aus.

„Ja, heuer ist es wirklich besonders prachtvoll“, kommentiert sein französischer Cousin.

Fasziniert stehen die beiden alten Herren inmitten einer unübersehbaren Menge festlich gestimmter Menschen und bestaunen das traditionelle Feuerwerk zum Abschluss der Feiern des französischen Nationalfeiertages. Das Besondere daran ist, dass es in der Meeresbucht von einem Schiff aus abgebrannt wird. Und von der breiten Fußgängerpromenade oberhalb des Strandes aus bewundert werden kann.

Festlich gestimmt scheint sogar die Natur zu sein. Denn ein prachtvoller Halbmond hängt schon tief über den fernen Hügeln der Provence im Westen. Überdies bläst ein starker, aber noch immer halbwegs warmer Wind von den nahen Alpen her und erquickt Mensch und Tier nach der Hitze des Tages. Vieltausendfacher Jubel brandet auf, sooft der Nachthimmel von bunten künstlichen Sternen erleuchtet wird. Es herrscht eine Stimmung unbeschwerter Heiterkeit, und wohl niemand unter den Zuschauern ahnt, dass sich gerade eine furchtbare Katastrophe anbahnt.

Das Feuerwerk endet. Die bisher ausgeschalteten Lichter gehen wieder an. Aus zahllosen Lautsprechern ertönt fröhliche Musik. Viele Menschen tanzen ausgelassen oder trinken in großer Fröhlichkeit. Andere, kaum weniger fröhlich, unter ihnen die zwei alten Herren, setzen sich inzwischen in Bewegung und beginnen über den palmengeschmückten Grünstreifen und die daran anschließenden Fahrbahnen in die Stadt zu strömen. Das ist heute überhaupt kein Problem. Denn sie, die Fahrbahnen, sind zurzeit aus Anlass des Feuerwerks in eine Fußgängerzone umfunktioniert.

Schon naht das Unheil. Die Musik und das Brausen des Windes vereinen sich, um es die längste Zeit unhörbar zu machen. Doch bald werden er und sein Cousin auf ein fernes, merkwürdiges Rauschen aufmerksam. Dann erschreckt sie ein näher kommendes Poltern. Es folgen entsetzte Schreie und sogar vereinzelte Pistolenschüsse. Plötzlich verspüren sie einen unglaublichen Sog. Aufs Äußerste beunruhigt, blickt er sich um und traut seinen Augen nicht: Da rast doch ein weißes Lkw-Ungetüm mit ausgeschalteten Scheinwerfern in der Dunkelheit wie ein Geisterzug direkt auf sie zu, pflügt quasi mitten durch die Menschenmenge, noch dazu mit einem Affenzahn. Das Ungetüm hat bestimmt neunzig Stundenkilometer drauf. Hinter ihm fliegen nicht nur die verschiedensten Gegenstände, sondern auch Menschen wie Bowling-Kegel durch die Luft.

Bei diesem Anblick fühlt er sich im ersten Moment wie gelähmt. Wohl in der allerletzten Sekunde schreit er „Attention!“ („Achtung!“), reißt seinen verwirrt umherblickenden Cousin so heftig zur Seite, dass dieser stürzt, fällt selbst über ihn, versucht sein Gesicht vor den umherfliegenden Gegenständen zu schützen. Im selben Moment braust das Ungetüm an ihnen vorbei, verfehlt sie um Haaresbreite, und sie sind gerettet.

Ja, seine schnelle Reaktion hat ihnen das Leben gerettet. Aber der Schock sitzt tief. Sie zittern am ganzen Körper. Soweit sie sehen können, gleicht die Promenade einer Leichenhalle. Alle anderen, die rund um sie gestanden sind, liegen jetzt, sofern sie nicht rechtzeitig geflohen sind, grauenhaft verstümmelt in ihrem Blut. Und während die beiden voller Entsetzen dieser rasenden Mordmaschine nachblicken, sehen sie, dass der Horror ungebremst weitergeht. Sie rast dahin, diese Mordmaschine, noch dazu im Zickzack, offenbar um möglichst viele der Fliehenden niederzunähen und zu zermalmen. Es ist ein grauenhaftes Gemetzel.

Das Zittern verstärkt sich noch enorm, als die beiden plötzlich einen heftigen Schusswechsel hören. Und da ahnen sie, da wissen sie, dies ist ein Terroranschlag, und werfen sich hinter einer Palme zu Boden, bis nur wenig später abrupt Ruhe einkehrt.

Und nun erst wird ihm bewusst, was er gehört hat, während die Mordmaschine an ihnen verbeibrauste und sie um Haaresbreite verfehlte. Aus dem offenen Türfenster der Fahrerkabine ertönte das Gebrüll des Fahrers. Und das war vollkommen artikuliert und lautete: „Allahu akbar“ – also der berüchtigte Ruf der Islamisten und Dschihadisten: „Allah ist groß.“ Und gleichzeitig pfiffen ihnen die Projektile um die Ohren, die der Fahrer aus dem Kabinenfenster schoss und die offenbar für alle jene gedacht waren, die zu weit abseits standen, um von der Mordmaschine selbst überfahren zu werden.

Ruhe ist eingekehrt? Ja, der Terroranschlag ist hoffentlich und allem Anschein nach zu Ende. Doch die Schreie der Menschen verstärken sich eher noch. Panik bricht aus. Chaotisch beginnen schreiende, lautstark weinende Menschen in alle Richtungen davonzurennen. Sie rennen buchstäblich um ihr Leben. Vielfach müssen sie dabei über Tote oder Sterbende springen.

Er und sein Cousin werden wiederholt angerempelt, er selbst wird sogar mehr als einmal niedergestoßen. Denn die beiden können gar nicht flüchten. Sie sind noch immer starr vor Schrecken. Sie glauben sich in einem Alptraum zu befinden. Wohin sie schauen – überall Blut, überall Tote und Schwerverletzte jeglichen Alters, Erwachsene und Kinder, neben ihnen vielfach der herzzerreißende Anblick von Puppen, Kinderwagen oder Kinderroller, zum Teil zerbrochen, zerquetscht, verstümmelt – wie die Kinder selbst.

Erst da sind die zwei alten Herren wieder imstande, sich von diesem Anblick zu lösen und sich taumelnd in Bewegung zu setzen, als nach einer gefühlten Ewigkeit die Folgetonhörner zahlreicher Einsatzfahrzeugen zu hören sind. Und nun flüchten sie auch selbst. Nur, wohin? Nach kurzem Zögern folgen sie vielen anderen und suchen Zuflucht im Foyer eines nahegelegenen Hotels.

Immer wieder sind von draußen Schreie und andere beängstigende Geräusche zu hören. Nach Stunden quälenden Wartens teilt man ihnen mit, das Foyer müsse geräumt werden für die Toten und Verwundeten.

Na, höchste Zeit, brummt sein Cousin. Juliette wird inzwischen schon Todesängste um mich ausgestanden haben.

Bis zu seinem Renault sind es auf direktem Wege zwar nur wenige hundert Meter. Trotzdem brauchen die zwei Herren beinahe anderthalb Stunden, bis sie ihn erreicht haben, weil fast alle Straßen von der Polizei abgesperrt wurden.

 

2

Solches geschah am Abend des 14. Juli 2016 in Nizza, der bei Touristen so beliebten Küstenstadt, dem eleganten Zentrum der Côte d’Azur. Damals befanden sich im Rahmen der Feierlichkeiten zum französischen Nationalfeiertag schätzungsweise dreißigtausend Menschen auf der weltberühmten Promenade des Anglais („Promenade der Engländer“), der zu diesem Anlass für den Verkehr gesperrten Strandpromenade von Nizza.

Da taucht zur Überraschung aller, zum Entsetzen aller wie aus dem Nichts ein großer Lastwagen auf, überwindet die Polizeisperre, die den Beginn der temporären Fußgängerzone markiert, indem er auf die breite Fußgängerpromenade hinauffährt, und benutzt von da an abwechselnd diese und die Fahrbahn, je nachdem, wo er die meisten Menschen überfahren kann. Gleichzeitig schießt der Fahrer, ein Tunesier, der offensichtlich in den Dschihad, den „Heiligen Krieg“, gezogen ist, auf Menschen, die seine Mordmaschine nicht erreichen kann, und auf die ihn verfolgenden Polizisten und wird zuletzt von diesen selbst erschossen. Aber er hinterlässt, zur höheren Ehre Allahs, nicht weniger als sechsundachtzig Tote, darunter zahlreiche Kinder, und mehr als vierhundert zum Teil grauenhaft Verletzte, zudem fassungsloses Entsetzen in Frankreich und in der gesamten zivilisierten Welt.

Zwei der Tausenden, die bei diesem Terroranschlag, wenn auch nur mit knapper Not, mit dem Leben davonkommen, sind ein alter Herr aus Wien namens Georg Holly und Monsieur Sylvain Clavié, sein nicht viel jüngerer französischer Cousin, bei dem er gerade zu Besuch weilt. Dieser wohnt freilich nicht direkt in Nizza, sondern in dem nahegelegenen Städtchen Cagnes-sur-Mer, in dem seinerzeit Auguste Renoir lange Zeit gelebt hat und auch gestorben ist. Monsieur Clavié bewohnt mit seiner Frau Juliette noch sein Elternhaus, während sein älterer Bruder Charles sich eine Bleibe in Paris gefunden hat.

Nun sind die landschaftlichen Reize der Côte d’Azur, die Annehmlichkeiten des Klimas und die viel zu seltenen Freuden des Verwandtenbesuches verblasst. Der Schock sitzt tief. Monsieur Clavié ist heilfroh, dass er seine Ehefrau daheim gelassen hat. Und Herr Holly ist froh, dass er allein nach Cagnes-sur-Mer gereist ist. Wenigstens, sagt er sich in einem fort, ist meine Viktoria in Wien geblieben. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ihr bei diesem Gemetzel was passiert wäre.

Frau Viktoria della Porta ist Georg Hollys junge Freundin. Nun ja, Jung ist bekanntlich ein sehr relativer Begriff, und jung ist sie eigentlich auch nur im Vergleich zu ihm. Sie zählt selbst schon über fünfzig Jährchen.

Ursprünglich fungierte sie als gelegentliche Haushälterin in seinem Singlehaushalt. Schließlich gehört er zur bedauernswerten Gattung der geschiedenen Männer. Doch allmählich kamen sich Georg und Viktoria, wie es eben so zu gehen pflegt, näher. Man fand mehr und mehr Gefallen aneinander und landete schließlich im Bett. Und da war man froh und glücklich, im Alter noch die Freuden der Liebe genießen zu dürfen, auch wenn Viktoria Wert darauf legt, ihre eigene Wohnung zu behalten. Übrigens hat sie freiwillig darauf verzichtet, Georg an die Côte d’Azur zu begleiten. Sie leidet nämlich an ausgeprägter Flugangst.

Somit bedeutet die Rückkehr nach Wien für Georg Trost und Erholung von dem in Nizza erlebten Horror. Nur, dieser Horror war, laut Wilhelm Busch, nur der erste Streich. Denn der zweite folgt sogleich.

Wenige Tage sind erst seit seiner Rückkehr vergangen. Da steht unverhofft die Polizei vor seiner Tür und nimmt ihn fest und führt ihn ab. Und, das ist der Hammer, er steht unter dringendem Mordverdacht. Unter dem Verdacht eines Mordes, begangen zwischen dem 13. und 15. Juli 2016 in einem Außenbezirk von Wien, aber bereits im Wienerwald. Er steht unter dem Verdacht, dort und damals eine betagte Nonne in mörderischer Absicht über die Felsen des sogenannten Römersteinbruchs von Sievering, eines Ortsteiles des neunzehnten Bezirks, gestoßen zu haben.

 

3

19. März 1989. Früher Morgen. An Bord eines Fährschiffes auf der Fahrt von Genua nach Palermo.

Eine junge Dame kommt voller Aufregung an die Rezeption gestürzt und verkündet mit ersterbender Stimme, ihr Mann, Angelino della Porta, sei auf einmal unauffindbar. Die Rezeptionistin versucht sie zu beruhigen und fragt als Erstes, wann sie ihn zuletzt gesehen habe. Antwort: Letzten Abend, an der Bar.

„Aha. Hatte Ihr Gemahl getrunken?“

Diese Frage muss Signora della Porta leider bejahen.

„Und sagen Sie, wäre es denkbar, dass er sich jetzt in einer anderen Kabine, eventuell bei einer anderen Dame, befindet und dort verschlafen hat?“

Auch das kann Signora leider nicht ausschließen.

„Na, warten wir vielleicht noch bis Mittag. Falls Ihr Herr Gemahl dann noch immer nicht aufgetaucht ist ... Aber das wird er sicher. Wissen Sie, derartige Fälle kommen immer wieder einmal vor.“

Dieser Trost wirkt. Signora della Porta nickt und scheint zwar nicht getröstet, aber doch einigermaßen beruhigt.

Jedoch, es wird Mittag, und Signor della Porta ist noch immer nicht aufgetaucht. Und jetzt ist Signora völlig aus dem Häuschen und versetzt die Rezeptionisten (unterdessen sind es schon drei an der Zahl) tatsächlich in Alarmzustand. Das Schiff wird systematisch von oben bis unten durchsucht. Aber der Vermisste ist und bleibt unauffindbar. Ergo dessen muss man bedauerlicherweise davon ausgehen, dass es wieder einmal heißen muss: Mann über Bord. Für einen solchen Fall gibt es in der Schifffahrt zwar genaue Vorschriften. Sinnvoll sind diese aber nur bei sofortigen Rettungsversuchen. Hier muss man leider davon ausgehen, dass der Mann mitten in der Nacht über Bord gegangen ist. Seither hat das Schiff wer weiß wie viele Seemeilen zurückgelegt, und eine Suche wäre vollkommen aussichtslos, mit anderen Worten, für Signor della Porta gibt es keinerlei Hoffnung mehr.

„Wie gibt’s denn so was“, jammert die Signora, „dass da ein Mensch einfach verschwindet, als ob er nie existiert hätte?“

„Doch, so was gibt es“, belehrt sie der Kapitän, um sie zu trösten (was ihm natürlich nicht gelingt). „Stellen Sie sich vor, Signora, mindestens vierzehn Menschen verschwinden auf diese Weise Jahr für Jahr. Spurlos. Und in jedem Fall bleibt die Frage ungeklärt: War’s ein Unfall? War es Selbstmord? Oder war’s gar Mord? Kriminalexperten behaupten, für einen perfekten Mord sei kein Ort geeigneter als ein Schiff. Denn hier gibt es keine Leiche. Apropos, Signora, hatte denn Ihr Ehemann Feinde, die ihm nach dem Leben trachteten?“

Verwirrt schüttelt Signora den Kopf. „Nein, nein. Nicht, dass ich wüsste. Nein, bestimmt nicht.“

„Könnte es Selbstmord gewesen sein?“

„Glaube ich nicht. Er war sicher nicht der Typ dafür. Obwohl, ganz frei von gelegentlichen Depressionen war er nicht. Als Ehefrau glaubt man ja den Partner in- und auswendig zu kennen. Und trotzdem, wer kann schon in einen anderen Menschen hineinschauen?“

„Also, auszuschließen ist Selbstmord nicht, sagen Sie?“

„Hm ... Nein. Völlig ausschließen kann man diese Möglichkeit mit gutem Gewissen nicht. Wer weiß, vielleicht hat er gestern Abend deshalb so viel getrunken?“

„Ah, hatte er zu viel getrunken? Dann war’s also vielleicht ein Unfall in alkoholisiertem Zustand? Ja, so was kommt vor. Nun, wie auch immer, die Reedereien versuchen nach Möglichkeit, den Mantel des Schweigens über solche Fälle zu breiten. Und wenn sie doch etwas darüber verlauten lassen, dann ist ihnen die Unfallversion am liebsten. Jedenfalls ist ihre Bereitschaft, zur Aufklärung des Verschwindens von Passagieren beizutragen, üblicherweise durchaus enden wollend. Ich selbst kann, ehrlich gesagt, auch nicht mehr tun, als Ihnen mein herzliches Beileid auszudrücken.“

Tatsächlich scheint das Verschwinden des Signor della Porta niemanden wirklich zu interessieren, die Passagiere nicht, den Kapitän nicht, die übrige Crew nicht. Und ob es die italienische Polizei besonders interessiert? Signora della Porta hat jedenfalls nicht den Eindruck.

 

4

Juli 1940. Purkersdorf bei Wien.

(Die Eingemeindung dieser Wienerwaldstadt in das nach dem verhängnisvollen Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland geplante Groß-Wien ist allerdings bereits beschlossene Sache.)

Während Georg Holly im dunklen, warmen, kuscheligen Mutterleib heranwächst und sich allmählich für den bevorstehenden Rutsch in eine zurzeit höchst ungemütliche und von der Kriegsfurie zerfleischte Welt bereitmacht, genießt ein neunjähriges Mädchen in Purkersdorf die Sommerferien und nutzt jede Gelegenheit, den heißgeliebten Nachbarshund Burli, eine französische Dogge, auszuführen. Die Nachbarn hatten ihr eingeschärft, das Tier immer an der Leine zu führen. Und an diese Vorschrift hält sie sich auch strikt. Doch an einem Sonntag, man schreibt den 28. Juli, zieht Burli während eines Spaziergangs am Waldrand entlang plötzlich so heftig an der Leine, dass sie, ohne es zu wollen, loslässt. Und schon saust er davon, mitten in den Wald hinein, ohne auf ihr Rufen zu achten, und beginnt aggressiv zu bellen. Da weiß sie sofort, er hat etwas entdeckt und gestellt, und läuft ihm eilig hinterher.

Bei Burli angekommen, erleidet sie den Schock ihres Lebens. Sie sieht etwas für sie als Kind unerhört Schreckliches: Auf einer kleinen Lichtung stehen, an einen Baum gelehnt, einander zugewandt, ein Mann und eine Frau. Beide sind völlig unbekleidet. Vor ihnen steht der Hund, bellt sie wild an und ist sichtlich auf dem Sprung, zuzubeißen.

Nackte Menschen hat die Kleine noch nie in ihrem Leben gesehen, weder im Bild und schon gar nicht in natura. Sexuelle Aufklärung ist noch für lange Zeit Zukunftsmusik. Und natürlich ist die Neunjährige noch vollkommen „unschuldig“, wie man das nennt. Was tun denn da die beiden, ausgezogen und mitten im Wald, fragt sie sich bestürzt.

Den Schock verdoppelt und verdreifacht der Umstand, dass der Mann eine allgemein bekannte Persönlichkeit in Purkersdorf ist, nämlich ein einflussreiches NSDAP-Mitglied. Auch die Frau, genauer, das junge Fräulein ist ihr wohlbekannt. Auch sie stammt aus ihrem Heimatort. Und jetzt stehen beide im Evas- und Adamskostüm vor ihr und werden von Burli angebellt und bedroht.

Doch den schlimmsten Schock bereitet ihr die Reaktion des nackten Mannes selbst. Er lässt ihr nämlich gar keine Zeit, sich irgendetwas zu überlegen. Zornschnaubend brüllt er los: „Was streichst du da in meinem Pachtwald herum und scheuchst das Wild auf? Nimm sofort den Köter an die Leine und verschwinde! Aber ein bissl plötzlich. Wir sprechen uns noch.“

Um seinen Befehl zu befolgen, sieht sich die Kleine gezwungen, noch näher heranzutreten, und erkennt zum ersten Mal in ihrem Leben deutlich den Unterschied zwischen Mann und Frau.

Nicht ohne Mühe bekommt sie Burli an die Leine und schafft es, ihn von diesem gefährlichen Ort wegzuziehen. Während sie jedoch den beiden Nackedeis den Rücken zukehrt, muss sie eine Schimpftirade sondergleichen über sich ergehen lassen. Der Mann droht ihr die härtesten Strafen an, sollte sie jemals von dieser Begegnung etwas weitererzählen.

„Wehe dir, wenn ich erfahre, dass du nicht dicht gehalten hast!“

Dies sind die letzten Worte, die das verängstigte Mädchen noch hören kann.

Sie hält auch wirklich dicht. Nur, es nützt ihr leider gar nichts. Denn sie gehört gemeinsam mit ihren Eltern den Zeugen Jehovas an. Und diese gelten als die einzige Glaubensgemeinschaft, die geschlossen dem NS-Regime Widerstand leistet. Sie verweigern aus christlicher Überzeugung den Wehrdienst, den Hitlergruß und die Arbeit in der Rüstungsindustrie und werden deshalb im Deutschen Reich unerbittlich verfolgt. Und seit dem sogenannten Anschluss erstreckt sich diese unerbittliche Verfolgung auch auf Österreich (das übrigens nicht mehr Österreich heißen darf, sondern jetzt Ostmark genannt werden muss).

Auch die Neunjährige, von der hier die Rede ist, leistet keinen Hitlergruß. Dies wurde in der Schule bisher entweder nicht bemerkt oder nicht beachtet und darum auch nicht beanstandet. Doch als am Morgen nach dem erwähnten Vorfall im Wald die Lehrerin ihre Klasse betritt, hat diese zur Bestürzung der Kleinen eben jenen Mann im Schlepptau, mit dem sie erst gestern jenes unangenehme Erlebnis hatte. Nun ist er natürlich nicht mehr nackt, sondern voll bekleidet mit Hose und braunem NSDAP-Hemd und der gewohnten Hakenkreuzarmbinde. Und ihm fällt ihre Verweigerung des Hitlergrußes offenbar sofort auf. Er sagt zwar nichts und verlässt die Klasse sogleich wieder. Doch am Nachmittag erscheint er in Begleitung zweier Polizisten in ihrer elterlichen Wohnung und verfrachtet sie und ihre Mutter zur Gestapo. Nicht hingegen ihren Vater. Wahrscheinlich, weil dieser seit dem Ersten Weltkrieg Invalide ist.

Im Kommissariat der Gestapo werden Mutter und Tochter zunächst verhört und gefoltert. Und sobald die beiden zur Genüge gequält und eingeschüchtert sind, wird die Tochter den Armen der Mutter entrissen und nach Wien in die sogenannte Kinderübernahmestelle gebracht und von dort in das Erziehungsheim „Am Spiegelgrund“ eingewiesen.

Die beiden sahen einander erst wieder im September. Da feierte nämlich das Mädchen seinen neunten Geburtstag, und die Mutter durfte ausnahmsweise zu Besuch ins Heim kommen – für das Mädchen Anlass großer Freude und zugleich großer Trauer.

„Aber Mama, warum gehst du denn in Schwarz? Ist was passiert?“

Die Mutter brach in Tränen aus. „Ja, stell dir vor, der Papa ist gestorben. Völlig unerwartet.“

„Wie, der Papa ...? Tot?“

Das Mädchen war fassungslos.

„Ja, er musste ins Spital. Und dort ... Na ja, ich habe ihn natürlich, sooft ich konnte, besucht. Daran hat mich ja zum Glück keiner gehindert so wie bei dir. Zu dir durfte ich erst heute zum ersten Mal. Weil du Geburtstag hast. Na ja, vorgestern wollte ich ihn wieder besuchen. Und da war sein Bett auf einmal leer. Und sein Bettnachbar hat berichtet, er hat eine Injektion bekommen und ist danach sofort aus dem Saal gefahren worden. Und gestern hat man mir mitgeteilt, dass er ganz überraschend gestorben ist.“

Und wann sah die Kleine ihre Mutter wieder? Antwort: Erst mehrere Wochen später. Aber nicht im Heim und auch nicht zu Hause. Sondern im Gerichtssaal. Das Mädchen war als Zeugin geladen. Angeklagt war die Mutter wegen Mitgliedschaft bei den Bibelforschern (so hießen in der Anklageschrift die Zeugen Jehovas). Sie wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Wegen „staatsfeindlichen Verhaltens“.

Und was geschah mit der Mutter, nachdem die sechs Monate abgelaufen waren? Antwort: Sie wurde in „Schutzhaft“ genommen. Gemeint ist: Sie kam ins KZ Mauthausen.

Schutzhaft: Welch zynische Bezeichnung für ein KZ, diese Hölle auf Erden!

Faktum ist: Die Mutter hat diese sogenannte Schutzhaft nicht überlebt. Und ihre Tochter, bisher Halbwaise, wurde damit zur Vollwaise.

Aber sie genoss ja jetzt die Freuden eines nationalsozialistischen Erziehungsheims.

Des berüchtigten Erziehungsheims „Am Spiegelgrund“ mit dem vielleicht noch berüchtigteren Anstaltsarzt Dr. Magnus.

 

5

Mai 1960.

Die ehemalige Kaiserstadt Wien ist außer Rand und Band, und die Wiener Polizei befindet sich in höchstem Alarmzustand.

Was ist geschehen? Eine Sensation. Endlich gibt es wieder einmal einen Kaiser zu bestaunen und sogar eine Kaiserin!

Der legendenumwitterte Schah von Persien und seine nach der Scheidung von Soraya erst kürzlich angetraute neue Gemahlin Farah Diba weilen über eine Woche lang auf Staatsbesuch in Österreich.

Der Student Georg Holly – er studiert Anglistik und Altertumswissenschaft – ist zwar nicht außer Rand und Band wegen des persischen Kaiserpaares. Aber auch er bewundert die beiden. Im Übrigen kann er jedes Mal, wenn er in der Straßenbahn am Hotel Imperial vorbeifährt, eine dichtgedrängte Menschenmenge beobachten, die offensichtlich hofft, die hier abgestiegenen Berühmtheiten irgendwann zu Gesicht zu bekommen. Und er kann es gut verstehen. Sie sind ja wirklich ein „schönes Paar“, wie man so sagt.

Eben dies versuchte Georg auch seiner Freundin Anneliese Klakowitz, einer Medizinstudentin zu vermitteln, um sie von ihrer strikt ablehnenden Haltung abzubringen. Sie fand nämlich am Schah absolut nichts Bewundernswertes.

„Schau, Anneliese, auch unsere Politiker nehmen doch jede Gelegenheit wahr, dem Schah nahe zu sein. Zum Beispiel gestern Abend beim Staatsempfang im Schloss Schönbrunn. Da waren jede Menge von denen dabei, um dem Schah und der Farah Diba die Hand zu schütteln. Die rissen sich ja alle um eine solche Ehre.“

„Genau“, erwiderte Anneliese grimmig. „Um die Ehre, denen in den Arsch kriechen zu dürfen. Lauter Arschkriecher und Speichellecker. Genauso wie die sensationslüsterne Masse, die vor dem Hotel Imperial steht und gafft. Oder vor dem Schloss Schönbrunn, wenn drinnen der Staatsempfang über die Bühne geht. Oder, apropos Bühne, auch vor der Staatsoper, wenn der gottgleiche Herr Kaiser und seine göttinnengleiche junge Puppe eine Aufführung zu besuchen geruhen.“

„Aber du weißt doch ... Viele Frauen nehmen sich jetzt schon, nach nicht einmal einem halben Jahr, für ihre Frisur die Farah Diba zum Vorbild.“

„Ah, du sprichst von der Farah-Diba-Turmfrisur, wie? Na ja, du siehst, ich gehöre nicht zu den Weibern, die die Farah Diba nachäffen. Und warum tun sie das? Nur, weil diese Farah Diba die Titelblätter der Regenbogenpresse und der Blöd-Gazetten ziert.“

„Aber diese Farah-Diba-Frisur ist doch unheimlich schick.“

„Ja, aber hast du gewusst, dass die Trägerinnen einer solchen Turm- oder Bienenkorbfrisur mit einer Nackenrolle schlafen müssen? So etwas würde ich mir nie antun. Ganz abgesehen davon, dass ich diesen Herrn Kaiser zutiefst verabscheue.“

„Verabscheue? Wieso denn das?“

„Weil wir auf der medizinischen Fakultät viele Perser und auch Perserinnen haben. Und unter denen gibt es zwei Arten: Die einen jubeln jetzt dem Schah zu, wann immer es geht. Und die anderen verteufeln ihn. Und glaub mir, das ist die große Mehrheit.“

„Sie mögen ihn nicht? Er tut doch sein Bestes, um Persien ins zwanzigste Jahrhundert zu führen.“

„Leugne ich auch gar nicht. Aber er ist ein blutrünstiger Tyrann. Mit einem Wort, ein Verbrecher.“

„Das erzählen deine Kommilitonen?“

„Genau. Und ich verstehe nicht, wie ein glühender Demokrat wie du – und das bist du doch, oder etwa nicht? – wie also ein solcher Tyrann einem Demokraten sympathisch sein kann.“

„Was erzählen sie denn konkret?“

„Dass die Menschenrechte in Persien mit Füßen getreten werden. Dass er selbstherrlich und unvorstellbar verschwenderisch ist. Dass seine Geheimpolizei das Volk mit unglaublicher Brutalität knechtet. Dass es eine himmelschreiende Korruption gibt. Dass er nicht nur für den schiitischen Klerus, sondern auch für die meisten Intellektuellen der leibhaftige Gottseibeiuns ist.“

Nun, um es kurz zu machen, Anneliese regte sich über den Umstand, dass Georg den Schah trotz seiner „Verbrechen“, wie sie es nannte, verteidigte, immer heftiger auf. Und was war der Erfolg? Sie machte zu seiner Bestürzung mit ihm Schluss. Sie verstieß ihn. Herzlos und kaltlächelnd. Mit „so einem Fürsprecher der Tyrannei“ wolle sie „echt nichts zu tun haben“.

„Und auch das muss einmal gesagt werden. Deine rückständige, stockkonservative katholische Denkungsweise ist mir schon immer auf den Geist gegangen und tut das mit jedem Tag mehr. Wie du dich zum Beispiel über die Warmen Brüder, wie du sie nennst, ständig lustig machst, finde ich, ehrlich gesagt, zum Kotzen. Nur weil in der Bibel ihre Lebensweise als Schande und himmelschreiender Gräuel oder so ähnlich geschmäht wird, glaubst du dich ihnen haushoch überlegen, wie?“

(„Warme Brüder“ nannte man damals gern homosexuelle Männer, um sie zu verunglimpfen.)

Mit solchen Tiraden durchschnitt also Anneliese mutwillig das Band der Liebe, das sie bisher mit Georg verbunden hatte, vielleicht aber auch nur, um nicht schwach zu werden und jedem Versuch vorzubeugen, den Bruch wieder zu kitten.

Das sollte aber nicht die einzige tragische Folge des Schahbesuches in Österreich bleiben. Am 24. Mai wurde in einem Wald an der Landesgrenze zwischen Wien und Niederösterreich Dr. Magnus, der bekannte ärztliche Leiter des Kindererziehungsheimes Wilhelminenberg, früher, in der Nazizeit, Anstaltsarzt im Kinderheim „Am Spiegelgrund“, ermordet aufgefunden. Da hatte der Mörder anscheinend den bei der Polizei momentan herrschenden Ausnahmezustand ausgenutzt, um ungesehen und ungestraft einen Mord zu begehen. Denn natürlich hatte man sich völlig auf die Bewachung des Schahs und seiner Entourage konzentriert. Und tatsächlich sollte dieser Mord trotz eifrigster Nachforschungen lange Zeit unaufgeklärt bleiben. Denn es fanden sich keinerlei Fingerabdrücke und auch sonst keine Spuren des Täters oder der Täter, je nachdem.

Georg Holly kannte Dr. Magnus nur vom Hörensagen. In welchem Zusammenhang er von ihm gehört hatte, wusste er aber nicht mehr. Deshalb berührte ihn die Kunde von seiner Ermordung nur am Rande, so, wie man eben von irgendeiner Missetat in der Zeitung liest oder im Radio hört – was sich in naher Zukunft noch radikal ändern sollte.

Dass ihn Annelieses abrupte Aufkündigung der Freundschaft ungleich stärker berührte, liegt in der Natur der Sache. Immerhin war sie seine erste „richtige“ Freundin überhaupt, auch wenn ihre Freundschaft bloß „platonischer“ Natur gewesen war. Anneliese hatte sich stets standhaft geweigert, die Grenzen der platonischen Liebe zu überschreiten. Sie hatte sich sogar geweigert, sich von ihm küssen zu lassen. Eine solche ablehnende Haltung war damals unter den jungen Frauen weit verbreitet. Sie fürchteten ja ständig, schwanger zu werden – und was dann? Die Eltern würden sie vielleicht verstoßen und erklären: „Du bist nicht mehr unsere Tochter!“ Und konnte man nicht sogar vom Küssen schwanger werden?

(Es ist ein Faktum, dass Küssen für Frauen ein ausgesprochen intimer Akt ist und bereits unter die Kategorie „Sex“ fällt, während für viele Männer selbst Oralverkehr nichts mit Sex zu tun hat – siehe Bill Clinton.)

Georg selbst war durch die religiöse Erziehung, die er im Gymnasium des Benediktinerstiftes Melk genossen hatte, noch immer so geprägt, dass er diese Grenzen widerstandslos akzeptierte. Denn: Geschlechtsverkehr (so sagte man damals und nicht Sex) bedeutet Unzucht und schwere Sünde. Und wer im Zustand der schweren Sünde, sprich, ohne in der Beichte Absolution erhalten zu haben, stirbt, landet erbarmungslos im ewigen Feuer der Hölle. So hatte er es gelernt.

Nichtsdestoweniger war er bis über beide Ohren verliebt. So heftig verliebt war er, dass er jeden Abend vor dem Einschlafen darum betete, Anneliese möge seine Frau werden – wohlgemerkt, seine Ehefrau.

(Ja, das kann sich die heutige junge Generation kaum mehr vorstellen. Aber damals dachten sogar die Männer immer sofort ans Heiraten. Unverheiratet, sprich, „in Sünde“ zusammenzuleben galt wie im Mittelalter als unerhörter Skandal. „Wilde Ehe“ nannte man das.)

Natürlich hatte Georg wiederholt versucht, seine Liebe durch kleinere oder auch größere Aufmerksamkeiten zu bezeigen, wie es ihm halt seine durchaus beschränkten Finanzen erlaubten. Sein schönstes und wertvollstes Geschenk war eine Cameo-Brosche mit vergoldetem Rand, die er auf einem Flohmarkt entdeckt und sofort erstanden hatte, obwohl sie (für seine Verhältnisse) alles andere als billig war. Aber sie wies am Goldrand und auf der Rückseite leichte, mit freiem Auge kaum erkennbare Beschädigungen auf, die ihre Schönheit in keiner Weise beeinträchtigten. Und dadurch war sie für ihn gerade noch erschwinglich. Sie stellte auf rosarotem Grund eine klassische Frauenbüste im Profil dar. Mit dieser Brosche hatte Anneliese, so betonte sie immer wieder, eine riesige Freude. Sie trug sie jeden Tag, auch noch nach der Trennung von Georg.

 

6

Georg litt unter Annelieses Zurückweisung wie ein grausam geprügelter Hund. Aber wenigstens musste er nicht lange leiden. Denn nur zwei Wochen später hatten die Schicksalsgötter mit ihm ein Einsehen und beendeten, für ihn selbst höchst überraschend, sein Leiden. Oder vielleicht war’s auch die Muttergottes höchstpersönlich, die ihn dafür belohnte, dass er ihr eine besondere Ehre erwies.

Georg pilgerte nämlich zu ihr. Er nahm zum ersten (und letzten) Mal an einer Wallfahrt teil. Organisiert von der Katholischen Hochschuljugend, war ihr Ziel Mariazell, der wichtigste Wallfahrtsort Österreichs mit der sogenannten Gnadenstatue Magna Mater Austriae in der Basilika Mariä Geburt.

Die Pilger ließen sich nicht, wie es heutzutage vielfach Sitte ist, bequem im Zug oder im Bus an den Wallfahrtsort transportieren. Nein, sie pilgerten per pedes apostolorum. Es war eine fünftägige Fußwallfahrt, beginnend am 2. Juni direkt am Stadtrand von Wien, und begleitet von einem jungen Geistlichen namens Pater Jakob. Dieser hielt den jungen Pilgern ab und zu eine kurze Andacht in einer Kirche und zweimal am Tag eine schöne Ansprache unter freiem Himmel, über die man nachher in einem Schweigemarsch nachdenken sollte. Daran schloss sich ein gemeinsamer Rosenkranz an. Übernachtet wurde entweder in Heuschobern oder auf Matratzenlagern in Schulen oder Gemeindesälen.

Wenn es vorhin hieß „den jungen Pilgern“, so ist das der damaligen Redeweise geschuldet. Nach heutigem Sprachgebrauch müsste es heißen „den jungen Pilgern und Pilgerinnen“ oder noch besser „den jungen Pilgerinnen und Pilgern“ (um den unsäglichen und grammatisch fehlerhaften Ausdruck „den jungen PilgerInnen“ zu vermeiden). Und natürlich übernachteten Männlein und Weiblein in getrennten Heuschobern beziehungsweise Matratzenlagern.

Nun, unter den zahlreichen Pilgerinnen gab es welche, die zwar sichtlich fromm, aber deswegen nicht unbedingt schüchtern waren und keine Scheu hatten, die jungen Männer anzusprechen und sogar mit ihnen ein wenig zu flirten. Eine von ihnen schien sich in auffälliger Weise zu Georg hingezogen zu fühlen. Sie marschierte mit Vorliebe an seiner Seite und flirtete zwar nicht mit ihm, liebte es aber, mit ihm zu plaudern. Sie stellte sich vor als Edith Leonhartsberger.

Georg ließ sich ihre Gesellschaft gern gefallen. Denn er fand sie irgendwie süß und einfach sympathisch. Dabei stellte sich zu seiner Überraschung heraus, dass sie wesentlich älter war als er selbst. Sie war schon fast dreißig Jahre alt, sah aber aus wie zwanzig, maximal fünfundzwanzig. Sie hatte nämlich erst spät zu studieren begonnen (warum, verriet sie nicht) und musste als Werkstudentin ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, sodass sie fürs Studium weitaus länger brauchen würde als die meisten Studierenden. Ihr Studienfach war ebenfalls Medizin.

Und worüber plauderte sie mit Georg? Nun, in erster Linie über die Ansprachen des Pater Jakob und ganz allgemein über religiöse Themen. Eines ihrer Lieblingsthemen war das Problem der Religionsverächter und Gottesleugner und der Frevler im Allgemeinen. Ihnen habe Gott grundsätzlich ein schreckliches Lebensende bestimmt. Und dafür wusste sie massenhaft Beispiele, vor allem aus der Bibel. Ferner erwähnte sie unter anderem die römischen Christenverfolger, deren schlimmes Ende der Kirchenvater Laktanz in seinem berühmten Buch „De mortibus persecutorum“ („Über die Tode der Verfolger“) beschreibt. Und sie sprach auch über die verbrecherischen Nazigrößen, die entweder durch eigene Hand oder nach dem Nürnberger Prozess am Galgen geendet haben.

Nach einer Schweigeminute, die vielleicht dem Gedenken an die „Tode“ diverser Nazigrößen geweiht war, sagte sie: „Aber natürlich gilt das ebenso für Naziverbrecher aus der zweiten Reihe wie zum Beispiel diesen Dr. Magnus. Du hast doch sicher davon gehört, dass der erst vor kurzem ganz in der Nähe von Purkersdorf wie ein tollwütiger Köter erschlagen worden ist.“

Na klar, das hatte Georg. Er las ja die Zeitung und hörte bei seinen Eltern in Melk Radio.

(Nur die neumodische Sitte des Fernsehens war bei ihm noch nicht angekommen. Im Studentenheim, in dem er lebte, gab es natürlich keinen Fernsehapparat, ebenso wenig in seinem Elternhaus. Und in eine der öffentlichen Fernsehstuben verschlug es ihn nur höchst selten und nur bei besonderen Anlässen.)

Aber dann sagte er sich: Interessant, in den Berichten, die ich gelesen oder gehört habe, war doch nirgendwo davon die Rede, dass dieser Dr. Magnus „ganz in der Nähe von Purkersdorf“ erschlagen worden ist. Und schon gar nicht „wie ein tollwütiger Köter“. Oder?

Diesen Gedanken sprach er aber nicht aus. Wahrscheinlich hatte er dieses Detail überhört oder überlesen. Oder er hatte es einfach vergessen, weil es ihm nicht wichtig genug erschien. Und vor allem wollte er Edith nicht in Verlegenheit bringen. Es schmeichelte ihm ja über alle Maßen, von einer deutlich älteren Frau dermaßen beachtet zu werden. Nicht, dass er es deswegen auf sie abgesehen hätte. Immerhin befand er sich auf einer Wallfahrt. Und wenn er es trotzdem auf eine Frau abgesehen hätte, dann schon eher auf eine in seiner eigenen Altersgruppe.

Am Morgen des Pfingstmontags zog die fromme Schar singend in Mariazell ein. Zu aller Überraschung erwartete sie dort sogar das Fernsehen. Die Wallfahrt endete mit einem Gottesdienst am Gnadenaltar der Basilika.

Was nicht endete, war allem Anschein nach Ediths Verlangen nach Georgs Nähe. Und als er nach der tagelangen Sorge für sein Seelenheil das Bedürfnis verspürte, auch einmal etwas für sein leibliches Wohl zu tun, da leistete sie ihm in einem Gasthaus wie selbstverständlich Gesellschaft.

Danach war das Knurren der Mägen gestillt, das leibliche Wohl wiederhergestellt, und Georg war gespannt, wie es nun weitergehen sollte. Er selbst hatte vor, bis Sankt Pölten Autostopp zu machen und von dort mit dem Zug nach Wien zurückzufahren, weil ihn das mit seiner Studentenmonatskarte kein zusätzliches Geld kosten würde. (Die Studentenmonatskarte besaß er, weil er des Öfteren seine Eltern in Melk an der Donau besuchen fuhr. Sankt Pölten liegt an der Strecke.)

Die große Frage war: Hatte Edith genug von ihm, oder beabsichtigte sie, ihm weiterhin Gesellschaft zu leisten und vom schlimmen Ende der Gottesfrevler zu erzählen?

Als ob er’s erraten hätte: Edith leistete ihm tatsächlich weiterhin Gesellschaft. Mit ihm gemeinsam stellte sie sich an den Rand der Ausfallstraße. Mit ihm gemeinsam streckte sie den Daumen raus. Und Georg konnte es kaum fassen: Während er bisher oft und oft zum Verzweifeln lang hatte warten müssen, bis sich ein Autofahrer seiner erbarmte und anhielt, blieb diesmal sensationellerweise schon das zweite Auto stehen. Die Beifahrertür sprang auf, und sie wurden freundlich eingeladen, einzusteigen, Edith natürlich vorne und Georg hinten. Und nun war er froh und glücklich über Ediths Begleitung. Dass Mädchen und Frauen, vor allem hübsche, schneller mitgenommen werden, hatte er ja schon des Öfteren gehört. Jetzt wurde ihm die Wahrheit dieses Gerüchtes anschaulich vor Augen geführt. Und dass Edith zur Gattung der hübschen Frauen zählte, das hatte ihn ja von allem Anfang an fasziniert.

Glücklich in Sankt Pölten angekommen, gedachte Georg natürlich wie immer den nächsten Eilzug oder Schnellzug zu besteigen, der die Strecke bis zum Wiener Westbahnhof ohne Zwischenaufenthalt zurücklegen würde. Doch zu seiner Überraschung fragte Edith, ob er etwas dagegen hätte, einen Personenzug zu nehmen, also einen sogenannten Bummelzug.

„Ich wohne nämlich in Purkersdorf. Und ... na ja, weißt du, so lange wäre ich halt gern bei dir. Im Auto konnten wir ja nicht miteinander plaudern. Da musste ich dem Fahrer in einem fort Rede und Antwort stehen. Und dich hat er überhaupt nicht beachtet, glaube ich.“ (Stimmt. Hatte er tatsächlich nicht.)

Und während sie dies sagte oder vielmehr flötete, lächelte sie ihn verführerisch an und legte ihre Hand auf seinen Arm.

Und was war die sofortige Folge?

Antwort: Weiche Knie. Herzrasen. Puls auf hundertachtzig.

Dergleichen hatte er mit Anneliese nie erlebt, auch nicht annähernd.

Wie hätte er da antworten können: Nein, nein, liebe Edith, kommt nicht in Frage. Fahr du nur schön mit dem Personenzug. Ich nehme wie immer den Eilzug, und der fährt bis zum Westbahnhof durch. Er hätte ein gefühlloser Barbar sein, ein Herz aus Stein haben müssen. Natürlich nahm er gemeinsam mit Edith den nächsten Personenzug. Und sie fanden auch zwei Sitzplätze nebeneinander.

Und siehe da, sie legte neuerlich ihre Hand auf seinen Arm und rückte ihm allmählich so nahe, dass ihre Schulter an seiner Schulter und ihr Knie an seinem Knie lehnte. Nun raste sein Herz noch schneller, sein Puls hämmerte noch wilder. Und sein Körper wurde von den allersüßesten Gefühlen durchströmt, zumal ein ganz spezieller, verborgener Teil von ihm. Der schien sich nämlich enorm aufzublähen. An der betreffenden Stelle wurde Georg die Kleidung unangenehm eng, sodass er in die allergrößte Verlegenheit geriet. Wenn er nur seinen Rucksack auf seinen Schoß legen könnte! Aber den hatte er natürlich (wie damals noch allgemein üblich) als Allererstes ins Gepäcksnetz gehievt und konnte ihn jetzt nicht einfach herabholen und sagen: Du, ich muss leider diese peinliche Stelle da verdecken, damit du nicht glaubst ... und so weiter. Schließlich habe ich doch niemals die Absicht ... und so weiter.

Mit der Zeit legte sich Georgs Verlegenheit wieder. Denn Edith ließ keinerlei Befangenheit oder Betroffenheit erkennen. Sie bemerkte nichts Ungewöhnliches an ihm (oder tat vielleicht auch nur so) und war wie immer. Oder vielmehr, wurde immer freundlicher, liebenswürdiger, charmanter. Und Georg fühlte sich an ihrer Seite immer wohler. Und sein Blut wallte immer heftiger.

Und nun getraute er sich auf einmal doch, jenen verstörenden Gedanken auszusprechen, der ihm während der Wallfahrt durch den Kopf gegangen war und den er bisher sorgsam für sich behalten hatte, um Edith nicht in Verlegenheit zu bringen.

„Sag, Edith, du hast doch davon gesprochen, dass dieser Naziverbrecher – wie hieß er doch schnell?“

„Du meinst den Dr. Magnus, ja?“

„Genau. Dass dieser Dr. Magnus wie ein tollwütiger Köter erschlagen worden ist, weil ihm der liebe Gott zur Strafe für seine Freveltaten ein schreckliches Lebensende bestimmt hat. Habe ich das richtig in Erinnerung?“

„Ja, ja, ganz richtig“, erwiderte Edith voller Enthusiasmus.

„Ach ja, und dass er ganz in der Nähe von deinem Heimatort erschlagen aufgefunden worden ist. Richtig?“

„Ja, ja.“

„Aber wenn ich jetzt so zurückdenke, hat es eigentlich immer nur geheißen, er ist ermordet aufgefunden worden. Aber nicht, dass er erschlagen worden ist. Auch nicht, dass das in der Nähe von Purkersdorf passiert ist. Sondern einfach im Wienerwald. Und schon gar nicht, dass er wie ein tollwütiger Köter erschlagen worden ist. Ich will damit nicht sagen, dass das nicht stimmt, was du mir erzählt hast. Nur, von wo hast du diese Spezialinformationen? Oder hast du dir das nur ausgedacht? Falls man fragen darf.“

Und was erwiderte Edith? Zunächst gar nichts. Sie starrte Georg nur entgeistert an und schwieg so lange, dass er schon dachte, jetzt habe ich mir die Zunge verbrannt und hätte dieses Thema lieber doch nicht anschneiden sollen. Wie kann ich mich jetzt nur aus der Affäre ziehen?

Hierauf nahm sie ihre Hand von seinem Arm und rückte ziemlich abrupt von ihm ab. Nach peinlich langem Schweigen, begann sie in ungewohnt kühlem Ton, die jeden Charme vermissen ließ: „Ach, was weiß ich? So genau habe ich diesen Fall nicht verfolgt. Vielleicht habe ich irgendwo gelesen, er ist erschlagen worden. Keine Ahnung. Ist das wichtig?“

„Nein, nein“, versicherte Georg eifrig. „Natürlich nicht.“

„Na, dann ist es ja gut.“

Von da an hüllte sie sich in Schweigen und lächelte ihn auch nicht mehr an, sah ihn nicht einmal mehr an, sondern schaute unverwandt aus dem Fenster und bewunderte die Wienerwaldlandschaft, die der Zug gerade durchquerte. Und Georg wusste nicht, was er tun oder sagen sollte, und blieb ebenfalls stumm. Er hätte sich ohrfeigen können. Seine lose Zunge hatte schon während der Schulzeit oft und oft den Unmut seiner Lehrer erregt und ihn in die Bredouille geritten. Er konnte nur hoffen, dass sich Ediths Verstimmung bis Purkersdorf wieder legen wird.

Aber das war eine vergebliche Hoffnung. Als der Zug in den Bahnhof Purkersdorf einfuhr, erhob sie sich, holte ihren Rucksack aus dem Gepäcksnetz herunter, ohne sich von ihm helfen zu lassen, verabschiedete sich ohne ein Lächeln und mit einem knappen „Also dann, servus, und komm gut heim!“ und entschwand ihm ohne weitere Zeremonien. Und er stand da wie ein begossener Pudel und starrte ihr danach betroffen, ja verzweifelt aus dem Fenster nach.

Und in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er sich unsterblich und zugleich leider unglücklich in Edith verliebt hatte. Und dass er seine eben erst gewonnene Liebe wohl endgültig verloren hatte. Sie hatte ihm ja nicht einmal ihre Adresse oder Telefonnummer verraten. Und natürlich hatte er mit ihr auch kein Rendezvous (so sagte man damals noch) ausgemacht.

So verschwand Edith aus Georgs Blickfeld. Und da ließ er sich voller Verzweiflung auf seinen Sitz fallen und hatte schwerstens mit den Tränen zu kämpfen. Er konnte doch den anderen Passagieren nicht den Anblick eines heulenden Elends bieten.

Womit zum Teufel, sagte er sich in einem fort, habe ich den heiligen Zorn des Liebesgottes herausgefordert, dass ich so gar kein Glück in der Liebe habe? Ohnedies schon ein Spätberufener in Sachen Liebe, habe ich jetzt schon die zweite Freundin so vergrämt, dass sie mich verstoßen hat. Und dies nach nur so wenigen Tagen der Bekanntschaft. Und nachdem ich die körperlichen Symptome einer unsterblichen Verliebtheit so intensiv wie noch nie zuvor verspürt habe. Und das alles nur, weil ich diesen Unsinn mit dem blöden Naziverbrecher, der laut Edith von einem anderen Verbrecher wie ein tollwütiger Köter erschlagen worden ist, wiederholt habe. Jawohl, Unsinn. Weil, was hat denn dieser Kriminalfall mit uns, mit mir und Edith, zu tun? Nichts. Aber schon gar nichts. Und dabei hätten wir so gut zusammengepasst. Beide vertreten wir doch die – laut Anneliese – so rückständige katholische Denkungsweise. Sonst hätten wir uns doch nicht ausgerechnet auf einer Wallfahrt nach Mariazell kennengelernt. Sonst hätte uns doch nicht ausgerechnet die heilige Maria zusammengeführt. Warum nur hat sie dann zugelassen, dass sich Edith so plötzlich und so abrupt von mir losgesagt hat? Eigentlich hat sie sich von mir ja nicht einmal losgesagt, mir zum Abschied nicht einmal die Hand gereicht. Mit einem lässig hingeworfenen „Servus“ ist sie auf und davon, hat sich aus meinem Leben davongemacht, wie wenn ich für sie bloß ein lästiger Bittsteller gewesen wäre.

 

7

Solche bitteren Gedanken gingen Georg unablässig durch den Kopf. Und da half es gar nichts, oder sagen wir, nicht viel, dass er auf der Universität von regelrechten Massen hübscher (und auch weniger hübscher) Kommilitoninnen umringt war. Und dass er sich bei ihnen durchaus einer gewissen Beliebtheit erfreute. Die meisten von ihnen fanden nämlich, dass auch er absolut keine unansehnliche Erscheinung ist und obendrein ein offenes und einnehmendes Wesen besitzt. Manche fanden ihn sogar „süß“.

Und gerade jetzt, nach diesem zwar unmenschlich kurzen, aber aufrüttelnden Erlebnis mit Edith, das zum ersten Mal sein Blut ganz ordentlich zur Wallung gebracht hatte, war Georg sozusagen sensibilisiert für weibliche Reize, fühlte sich stärker als bisher zu jungen Frauen hingezogen und wurde ab und zu sogar richtiggehend entflammt.

Vielleicht am stärksten entflammte ihn damals eine rassige Schönheit namens Rosa. Und sie ging mit ihm auch etwa in die Oper oder ins Kaffeehaus oder mittagessen in ein nahes Billigrestaurant, die sogenannte WÖK (Wiener Öffentliche Küchenbetriebsgesellschaft), und er begleitete sie auf ihren diversen Wegen zu Fuß. Und an einem Sonntag fuhr er mit einem Fahrrad, das ihm Seppl Thonhauser, ein netter Kommilitone aus Lienz, geliehen hatte, zu ihr nach Hause. Sie wohnte in dem zu Wien gehörenden Kahlenbergerdörfl. Es liegt, wie der Name sagt, am Fuß des Kahlenbergs und am Ufer der Donau. Aber leider, leider, Rosa war nicht zu Hause, hatte selbst einen Ausflug unternommen. Und was war der Erfolg? Irgendwann verlosch die Flamme wieder. Sie erwies sich als bloßes Strohfeuer. Nicht, dass man einander vergessen hätte. Man schrieb sich noch jahrelang Briefe und Postkarten, auch als Georg längst nicht mehr in Wien lebte. Rosa schickte ihm sogar einmal ein Foto von ihr, nebenbei bemerkt, ein äußerst reizvolles. Und viele Jahre später, und da war sie bereits verheiratet, nur leider nicht mit ihm, da besuchte Georg sie noch in ihrer ehelichen Wohnung.

Apropos Fahrrad. Dass Georg infolge Seppls Nettigkeit nun plötzlich über ein Fahrrad verfügte, das er regelmäßig in einem der Innenhöfe der Universität abstellte, schien sich unter seinen Studienkolleginnen herumzusprechen. Und die Folge war, dass ihn immer mehr Mädchen lachend (und beinahe händeringend) baten, von ihm im Innenhof, auf der Fahrradrahmenstange sitzend, im Kreis herumgefahren zu werden. Dieses Vergnügen gewährte ihnen Georg natürlich sehr gern, zumal es auch für ihn ein gewisses Vergnügen bedeutete und er dabei mit ihnen in reizvollen Körperkontakt kam. Aber das war’s dann auch schon. Ein längerdauernder Kontakt ergab sich durch solche Vergnügungen merkwürdigerweise nie. Dabei gestanden ihm manche Kommilitoninnen ganz unverhohlen, dass sie eigentlich nur zu dem Zweck inskribiert hätten, um sich einen Akademiker zu angeln. Aber nein, keiner unter ihnen gelang es, ihn zu „angeln“. Und auch ihm gelang es nie, eine unter ihnen zu „angeln“.

Eine weitere Gelegenheit für Georg, mit einem Mädchen in Kontakt zu kommen, ergab sich, als eines Tages nach einer Vorlesung eine deutlich jüngere (aber leider nicht besonders hübsche) Kollegin aus dem ersten Semester auf ihn zutrat. Und sie sprach die geflügelten Worte: „Sind Sie der Herr Holly?“

Als Georg bejahte, folgten weitere geflügelte und nicht wenig überraschende Worte: „Wissen Sie, dass Sie mit mir verwandt sind?“

Nein, das wusste Georg nicht, bezweifelte es sogar und machte ein derart verwirrtes Gesicht, dass sie lachen musste. Im Folgenden stellte sie sich vor als Edda Höllriegl und versuchte das angebliche Verwandtschaftsverhältnis zu beschreiben. Georg verstand nicht viel davon. Es war ihm einfach zu kompliziert. Er verstand nur das eine, dass es sich um keine Blutsverwandtschaft handelte, nur um eine indirekte Verwandtschaft oder Schwägerschaft, oder wie man da sagt. Sodass also keinerlei Hindernis bestand, diese Edda Höllriegl zu ehelichen.

(Heute würde man wahrscheinlich sagen oder vielmehr denken: keinerlei Hindernis, mit dieser Edda Höllriegl ins Bett zu hüpfen.)

Und ja, man hielt Kontakt und ging zusammen in die Mensa essen, besuchte Konzerte und Theateraufführungen, ging gemeinsam auf Faschingsbälle, und Georg suchte sie sogar in ihrem Studentenheimzimmer auf (und dachte dabei sehnsuchtsvoll an Edith). Aber auch hier wieder gilt: Das war’s dann auch schon. In Georg wurde keine Flamme entfacht, und auch die Herzfrequenz veränderte sich nicht. Wie heiß Eddas Flamme loderte, war für ihn nicht zu erkennen.

Und so kam es, dass sich Georg, genau wie Papageno in der Zauberflöte, sagen musste: „Ich bleibe ledig!“

 

8

Ein Jahr später waren die Wiener (und Wienerinnen) aufs Neue außer Rand und Band. Wien war kurzzeitig sogar der Nabel der Welt. Und wieder galt für die Wiener Polizei Alarmstufe Rot.

Es war das Wochenende vom 3. auf den 4. Juni 1961. Kennedy und Chruschtschow, die Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, trafen sich in Wien zu geheimen Gesprächen. Chruschtschow war schon am Freitag, dem 2. Juni, per Eisenbahn auf dem Wiener Südostbahnhof eingetroffen. Und was die Begeisterung der Wiener noch mehr steigerte: Beide waren in Begleitung ihrer Gattinnen gekommen. Zwar, die Frau Chruschtschowa konnte die Gemüter nicht sonderlich erregen. Sie war das Urbild einer Proletarierin, sah aus wie eine Bäuerin aus dem Bilderbuch. Aber Kennedys Gattin Jacqueline, genannt Jackie, war nicht nur eine außergewöhnlich schöne und elegante Frau. Sie war zugleich, ähnlich wie Farah Diba, eine Mode-Ikone, ja wahrscheinlich die größte Mode-Ikone des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihr Stil wurde millionenfach imitiert (zuletzt von der derzeitigen amerikanischen First Lady Melania Trump). An den von Jackie ausgelösten Hype kam nur Lady Di heran. Aber diese wurde bei weitem nicht so oft kopiert wie Jackie Kennedy. Wie im Fall von Farah Diba löste übrigens auch Jackies berühmter Bouffant einen Hype aus. So nennt man jene Frisur, die extra für die First Lady kreiert worden war.

Aufs Höchste fasziniert zeigten sich die Wiener, speziell die Wienerinnen, aber auch von der jugendlichen Erscheinung des feschen, strahlenden, charismatischen Präsidenten selbst. Nicht umsonst galt er als ausgesprochener Frauenheld. Wie einst die New York Times schrieb: „Die Wirkung, die er auf weibliche Wähler hat, ist geradezu unanständig.“ Zum Präsidenten war er übrigens erst im November des Vorjahres gewählt worden. Seine Antrittsrede am 20. Jänner 1961 ist legendär. Einer der meistzitierten Sätze daraus lautet: „Ask not what your country can do for you. Ask what you can do for your country.“

Wie das persische Kaiserpaar vor einem Jahr wohnten die hohen Gäste auch diesmal im Hotel Imperial. Nur nach dem offiziellen Gipfeltreffen, in der Nacht von Sonntag auf Montag – die Kennedys waren unterdessen schon wieder abgeflogen –, übernachteten die Chruschtschows in der Residenz des sowjetischen Botschafters. Und wo stand diese (und steht noch immer, mittlerweile als Residenz des russischen Botschafters)? In Purkersdorf. Und wer, sinnierte Georg, residiert noch in Purkersdorf?

Georg war wegen der hohen und charismatischen Staatsgäste auch diesmal nicht außer Rand und Band, aber nicht oder nicht nur, weil er das amerikanische Präsidentenpaar nicht bewundert hätte, sondern vor allem, weil er sich zu diesem Zeitpunkt gar nicht in Wien (geschweige denn in Purkersdorf) befand. Er nahm nämlich an einer Exkursion des althistorischen Institutes nach Jugoslawien, genauer, nach Slowenien teil. Besucht wurden römische Denkmäler und Ausgrabungen in Ptuj, lateinisch Poetovio, und in und nahe Celje, lateinisch Celeia. Und als die aus achtzehn Studenten (und Studentinnen) und vier Professoren (und Professorinnen) bestehende Reisegesellschaft wieder nach Wien zurückkehrte, hatten die Staatsgäste Österreich längst verlassen, die einen in Richtung Westen, die anderen in Richtung Osten.

Am darauffolgenden Samstag fuhr Georg nach der letzten Samstagsvorlesung (ja, das gab’s damals noch) nach Melk, um seinen Eltern über die Exkursion zu berichten und sich von ihnen über das aufsehenerregende Gipfeltreffen berichten zu lassen. Erst da erfuhr er, dass der Mörder des Dr. Magnus offenbar die Gelegenheit genutzt hatte, um von neuem zuzuschlagen. Das Mordopfer war eine ältere Dame namens Elfriede Dobrovolny, von Beruf pensionierte Erzieherin. Tatort war diesmal nicht der Wald bei Purkersdorf, sondern ein nicht besonders weit davon entferntes Waldstück im Bereich der sogenannten Steinhofgründe, eines Naturparadieses im Anschluss an die sechzig Pavillons des heutigen Otto-Wagner-Spitals, eines psychiatrischen und pulmologischen Krankenhauses, mit der berühmten Otto-Wagner-Kirche, einem der schönsten Jugendstilbauten Wiens. In der Zeit des Nationalsozialismus hatte diese ausgedehnte Anlage allerdings das berüchtigte Erziehungsheim „Am Spiegelgrund“ beherbergt. In ihr wurden kranke, behinderte und angeblich „nicht erziehbare“ Kinder nicht nur qualvollen medizinischen Versuchen ausgesetzt, sondern sogar ermordet, und zwar massenhaft ermordet. Eine der damaligen Erzieherinnen an dieser Anstalt hieß Elfriede Dobrovolny. Und wie hieß der Anstaltsarzt? Genau: Dr. Magnus.

War es wirklich derselbe Täter? Die Zeitungen schienen sich bald darauf geeinigt zu haben, nannten ihn Waldmörder und ergingen sich in wilden Spekulationen in Bezug auf seine Identität – falls es tatsächlich ein Einzeltäter war. Immerhin erfuhr die Öffentlichkeit diesmal, dass das Mordopfer offenbar mit irgendeinem stumpfen Gegenstand erschlagen wurde. Und dieses Detail erinnerte Georg daran, wie er es im Fall des Dr. Magnus erfahren hatte, nämlich aus Ediths Mund, allerdings mit dem bemerkenswerten Zusatz „wie ein tollwütiger Köter“. Der fehlte nämlich jetzt in den Zeitungsberichten. Immerhin wusste er nun, dass jener leise Verdacht, der sich damals in seinem Hinterkopf geregt hatte, ohne jeden Zweifel völlig unbegründet war. Sicher war dieses Detail mit der vermutlichen Mordwaffe auch in den Zeitungen erwähnt worden, und er hatte es entweder überlesen oder später dann vergessen. Oder er hatte die entsprechende Nummer der von seinem Stiefvater abonnierten Zeitung, sie hieß Kleines Volksblatt, eben nicht gelesen. Schließlich kam er nur höchst unregelmäßig nach Melk und hatte nie Gelegenheit, alle Nummern zu lesen. Und wenn doch, dann natürlich nur höchst flüchtig.

Nur, wieso hat dann Edith von ihm auf einmal nichts mehr wissen wollen, als er sie im Zug fragte, wo sie dieses verfluchte Detail herhat? Das war doch eine völlig unverständliche und nach den neuen Erkenntnissen noch unverständlichere Reaktion.

Ach Gott, sagte er sich, werde ich die Frauen jemals verstehen? Und für meine damalige Frage könnte ich mich heute noch ohrfeigen.

Übrigens verliefen die polizeilichen Ermittlungen auch in diesem aktuellen Fall im Sand. Weder fand sich die Mordwaffe, noch fanden sich Fingerabdrücke oder sonstige Spuren des Täters (oder der Täter).

 

9

Ziemlich genau einen Monat später begannen die Sommerferien. Und da war nun Georg zwei volle Monate lang von der schwierigen Verpflichtung aller, nein, nicht aller, aber doch der meisten Männer, Frauen verstehen zu sollen, befreit. Und das kam so.

Um seine Französischkenntnisse aufzufrischen, besuchte Georg seit Beginn des letzten Wintersemesters in der Katholischen Hochschulgemeinde in der Ebendorferstraße nahe dem Hauptgebäude der Universität wöchentlich einen sogenannten „Cercle français“. Diesen organisierte Serge Tornay, ein ausgesprochen netter Kommilitone aus dem französischsprachigen Teil des Schweizer Kantons Wallis, der dieselben Fächer studierte wie Georg selbst und mit dem er sich binnen kürzester Zeit angefreundet hatte. In besagtem Cercle français betrieb man nicht nur französische Konversation, sondern las auch gemeinsam französische Dramen, hörte auf Schallplatten französische Chansons und dergleichen mehr. Danach besuchte man in der Regel noch ein Kaffeehaus.

Eines Tages überraschte ihn Serge mit der Frage, ob er zufällig an einem Ferienjob in den Sommerferien interessiert wäre. Nun, interessiert war Georg, keine Frage. Gespannt hörte er zu, was Serge ihm mitzuteilen hatte.

„Mit mir zusammen als Erzieher in einem Jugendheim in der Schweiz – würde dich das reizen?“

„O ja, sehr. Wo denn in der Schweiz?“

„Auf dem Simplonpass. Im alten Hospiz.“

„Auf der Passhöhe? Inmitten der Berge? He, das wäre ein Traum für mich.“

„Genau: ein idealer Platz, um herrliche Bergtouren zu unternehmen. Also, wenn du wirklich möchtest ... Der Leiter des Heims ist nämlich ein Verwandter von mir, ein Pater vom Grand-Saint-Bernard, dem Großen Sankt Bernhard. Den könnte ich fragen.“

Und so kam es, dass Georg in den Sommerferien des Jahres 1961 gemeinsam mit Serge und etlichen weiteren „professeurs“ aus Frankreich und der Suisse Romande, der französischen Schweiz, den Simplonpass „unsicher“ machte. In dem alten, auf Befehl Napoleons erbauten Hospiz versuchten sie mit mehr oder weniger Erfolg Jugendliche zu unterrichten und zugleich zu „erziehen“. Aber auch das Bergsteigen sollte, wie von Georg erhofft, nicht zu kurz kommen. Ein bemerkenswert drahtig aussehender Pater leitete einen Kletterkurs. Und dieser Kletterkurs bereitete Georg ein besonderes Vergnügen, ebenso wie die wundervollen Wanderungen auf die Gipfel der Umgebung wie etwa das Spiezhorn, das Hübschhorn, das Große und das Kleine Breithorn und schließlich den vergletscherten, bereits an der Grenze zu Italien gelegenen Monte Leone, der mit seinen über 3500 Metern alle Berge der näheren Umgebung überragt.

Was es während dieser zwei Sommermonate auf dem Simplonpass nicht gab, das war das weibliche Geschlecht. Weder gab es weibliche „professeurs“ noch weibliche Zöglinge (und natürlich gab es auch keine weiblichen Patres; aber Letzteres verhindert schon die menschliche Natur; ein Pater, sprich, Vater kann per definitionem nur männlich sein). Und so blieb, wie gesagt, Georgs seelischer Friede zwei Monate lang unangetastet.

Auch in Wien trat währenddessen kein aufregendes politisches Ereignis ein. Folglich hatte die Volksseele keinen Anlass, außer Rand und Band zu geraten (außer ab dem 13. August über den Bau einer praktisch unüberwindbaren Mauer zwischen Ost- und Westberlin, die Westberlin hermetisch abriegeln und die gesamte DDR in ein riesiges Gefängnis verwandeln sollte). Für die Wiener Polizei gab es folglich keinen Alarmzustand. Und für den „Waldmörder“ offenbar keinen Anlass, wieder einmal zuzuschlagen.

Irrtum! Denn wer beschreibt Georgs Entsetzen, als er lange nach seiner Rückkehr nach Österreich erfahren musste, dass der „Waldmörder“ sehr wohl schon wieder zugeschlagen hatte. Diesmal sogar doppelt.

Mittlerweile hatte das Wintersemester begonnen, und Georg war wieder in sein Studentenheim eingezogen. Da erwähnte Edda, mit der er nach einer Vorlesung ins Gespräch gekommen war, dass sie jetzt direkt Angst habe, in den Wald zu gehen.

„Ja, warum denn, liebe Edda?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738917017
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v388775
Schlagworte
rache

Autor

Zurück

Titel: Rache muss sein