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Zwei Top Krimis #1

von Alfred Bekker (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in)
2018 300 Seiten

Zusammenfassung

Zwei Krimis
Von Alfred Bekker & A.F.Morland

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

A.F.Morland: Die Computer-Haie von Chicago

Alfred Bekker: Bluternte 1929

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Leseprobe

Dedication

Alfred Bekker: Geschichten geschrieben habe ich schon als Grundschüler. Im ersten Satz einer meiner ersten Geschichten, fliegt gleich jemand durch eine Fensterscheibe. Schon damals habe ich also Action bevorzugt. Mein Einstieg ins Verlagsgeschäft gelang durch Kurzgeschichten, die ich für die John Sinclair-Hefte schrieb und die der Bastei Lübbe Verlag damals mit 150 DM honorierte. Für anderthalb Stunden Arbeit fand ich das gut honoriert und habe immer wieder was hingeschickt. Wie heißt es so schön? Ich war jung und brauchte das Geld. Dann hat mich eines Tages ein Lektor des Verlages angerufen und mich gefragt, ob ich nicht auch Lust hätte, längere Sachen zu schreiben. Wenig später hatte ich dann meine ersten beiden Western-Romane DAS GESETZ DES DON TURNER und NELSONS RACHE unter meinem Pseudonym Neal Chadwick verkauft. Noch mit der Schreibmaschine getippt, wohl gemerkt. Mit dem Honorar des ersten Romans kaufte ich mir einen Computer, auf dem ich den zweiten schrieb... Zur selben Zeit gelang es mir dann auch Krimis an das Goldene Blatt (damals auch Bastei) und Alfred Hitchcocks Krimi Stunde zu verkaufen. So kam eins zum anderen... 

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Zwei Krimis

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Von Alfred Bekker & A.F.Morland

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

A.F.Morland: Die Computer-Haie von Chicago

Alfred Bekker: Bluternte 1929

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

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Die Computer Haie von Chicago

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Ein Roberto Tardelli Thriller #17

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 103 Taschenbuchseiten.

Die Mafiosi Vincente Barbadiere und Carl Kaine sind sich spinnefeind. Bevor Kaine dem FBI wegen Barbadieres großen Coup einen Tipp geben kann, wird er durch einen Killer des Mafiabosses ermordet. COUNTER CRIME, eine Spezialeinheit für das Organisierte Verbrechen, schickt darauf ihren besten Mann: Spezial Agent Roberto Tardelli. Der mutige Mafiajäger versucht, gemeinsam mit dem FBI-Agenten Henry Tyson, die geplante Operation zu verhindern. Doch es ist zu spät: Das Rechenzentrum von American Chemical Industries wurde überfallen und überaus wichtige Datenträger gestohlen – die Gangster verlangen eine Million Dollar Lösegeld ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Ich will Carl Kaines Kopf!“, sagte Vincente Barbadiere wütend. In seinen schwarzen Augen glomm eine erschreckende Glut. Hass verzerrte sein Gesicht mit den scharf geschnittenen Zügen.

Er hatte von der Ehrenwerten Gesellschaft den Auftrag erhalten, eine neue Geldeinnahmequelle zu erschließen, und dieses Unternehmen sah er nun gefährdet.

Wenn er nicht schnell schaltete, würde der darauffolgende Misserfolg ihn bei den großen Bossen des Syndikats in Ungnade fallen lassen. Und das alles nur wegen Carl Kaine. Deshalb musste dieses Problem so rasch wie möglich aus der Welt geschafft werden.

„Legt ihn um!“, sagte Barbadiere zu den beiden Männern, die bei ihm waren. „Macht ihn fertig, bevor er uns schaden kann!“

Die Killer nickten. „Geht in Ordnung, Boss“, sagte der eine.

„Lassen Sie sich seinetwegen keine grauen Haare wachsen“, antwortete der andere. „Kaine ist jetzt schon so gut wie tot. Er weiß es nur noch nicht.“

Die Männer schickten sich an, zu gehen. „Ich erwarte saubere Arbeit von euch!“, rief ihnen Barbadiere nach.

„So wie immer“, sagten die Gunmen wie aus einem Mund und empfahlen sich. Sie erwarteten keine Schwierigkeiten bei Kaine.

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2

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Kaine und Barbadiere waren einander noch nie grün gewesen, denn Kaine hatte in Vincente Barbadiere nie den Boss gesehen, den dieser so gern hervorkehrte.

Wenn er Barbadiere überhaupt akzeptiert hatte, dann höchstens als gleichberechtigten Partner. Er hatte nur ungern Befehle entgegengenommen, und Rügen stets schroff zurückgewiesen.

Der große Krach hatte lange schon in der Luft gelegen. Einmal musste es dazu kommen, und heute war es passiert. Ein großer Coup wurde vorbereitet, doch Carl Kaine war mit der Planung nicht einverstanden.

Er bemerkte einige Mängel und scheute sich nicht, sie aufzuzeigen. Da Barbadiere nur sehr schlecht Kritik vertragen konnte - und erst recht nicht, wenn sie von Kaine kam - gerieten sie sich in die Haare.

Ein Wort hatte das andere ergeben, und bald war es zum unvermeidlichen Zerwürfnis zwischen ihnen beiden gekommen. Wenn Kaine seinen Revolver bei sich gehabt hätte, hätte er wahrscheinlich auf Vincente Barbadiere geschossen.

Er war froh, die Waffe nicht eingesteckt zu haben, denn wenn er sie auf den Mafiaboss gerichtet hätte, hätten Barbadieres Männer ebenfalls zu den Kanonen gegriffen, um das Leben ihres Chefs zu verteidigen.

Kaines Tod wäre die Folge gewesen.

Nachdem sich Kaine alle Grobheiten, die sich in den letzten Wochen aufgestaut hatten, von der Seele geredet hatte, verließ er Barbadiere. Zu Hause überlegte er sich nun, wie er dem arroganten, selbstherrlichen Mafiaboss eins auswischen konnte.

Am besten war Barbadiere zu Fall zu bringen, wenn man den Bullen einen Tipp gab. Das wollte Carl Kaine tun. Er wandte sich an das FBI, machte ein paar Andeutungen, die darauf schließen ließen, dass etwas Großes in der Luft lag, und verlangte, dass sich ein FBI-Agent zu ihm bemühte, damit er ihm mehr über die geplante Aktion erzählen könne.

Kaine war kein Heiliger. Mit der Information, die er dem FBI zuspielte, wollte er für sich Straffreiheit aushandeln. Sollte der G-Man nicht darauf eingehen - was sich Kaine nicht vorstellen konnte, denn solche Handel waren üblich -, würde er sich überlegen müssen, was er im günstigsten Fall für sich herausholen konnte.

Kaine war im letzten Monat dreißig geworden. Ein großer, stattlicher Mann mit breiten Schultern und brünettem Haar. Er lebte gern auf großem Fuß, und da die Mafia seine Dienste zu schätzen wusste, hatte sie ihn bisher auch immer gut dafür bezahlt.

Ihm war klar, dass er sich mit dem, was er plante, nicht nur mit Barbadiere, sondern auch mit dem gesamten Syndikat verfeindete, doch darauf nahm er keine Rücksicht.

Er würde Chicago noch in dieser Woche verlassen. Nur Barbadieres Pleite wollte er noch miterleben. Dann würde er sich ins Ausland absetzen. Es gab da ein paar lockere Kontakte zur kanadischen Unterwelt. Kaine war zuversichtlich, dass er dort schnell Fuß fassen konnte.

Er zündete sich eine Zigarette an und rauchte nachdenklich. Barbadieres Hochmut würde ihn nun zu Fall bringen. Es würde für ihn eine große Genugtuung sein, den Mafiaboss Schiffbruch erleiden zu sehen.

Mit fliegenden Fahnen würde Vincente Barbadiere untergehen, und das gönnte ihm Carl Kaine von ganzem Herzen. Nachdem er die Zigarette fertig geraucht hatte, begab er sich zum Fenster, um auf die Straße hinunterzusehen.

Der G-Man musste jeden Moment eintreffen. Es klopfte.

„Da ist er schon“, brummte Kaine. Ein schadenfrohes Lächeln glitt über seine Züge. Nun würde gleich Barbadieres Grab geschaufelt werden ...

Kaine begab sich zur Tür und öffnete. Aber es stand kein Mann vom FBI draußen, sondern zwei Männer von Vincente Barbadiere. Kaine kannte sie. Sie erledigten immer die unerfreulichsten Jobs, und sie waren auch diesmal bestimmt nicht unterwegs, um ihm bloß „Guten Tag“ zu sagen.

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Die Meldung, dass Carl Kaine auspacken wollte, erreichte nicht nur das FBI, sondern in der weiteren Folge auch COUNTER CRIME, jene geheime Organisation, die das organisierte Verbrechen in den USA bekämpfte. Es bestand ein heißer Draht zwischen diesen beiden Dienststellen, und wenn das Reizwort Mafia fiel, ging ein entsprechender Bericht auch an COUNTER CRIME weiter, wo dann entschieden wurde, ob man in den Fall einstieg oder ihn der Bundespolizei überließ.

Da Kaine angedeutet hatte, dass die Mafia etwas Großes plane, hatte man sich bei COUNTER CRIME entschlossen, dass Roberto Tardelli, der zurzeit in Chicago weilte, sich mit der Sache beschäftigen sollte.

Roberto traf den FBI-Agenten Henry Tyson eine halbe Stunde später in Riverdale. Tyson hatte Ähnlichkeit mit Robertos Chef Colonel Myer: kantige Gesichtszüge, kurzgeschnittenes, silbergraues Haar.

Ein Mann, der schon viel erlebt hatte und der immer noch verbissen gegen das Verbrechen kämpfte. Ein nahezu aussichtsloser Kampf, wie es schien, denn schlug man dieser Schlange einen Kopf ab, wuchsen zwei neue nach.

Roberto stand in der 138. Straße an der Ecke des Riverdale Parks. Ein schokoladenfarbener Wagen stoppte, und der FBI-Agent rief beim Seitenfenster heraus: „Sind Sie Tardelli?“ Roberto grinste. „Seit meiner Geburt.“

„Dann steigen Sie ein.“

Roberto setzte sich zu dem G-Man ins Fahrzeug. Sie gaben sich die Hand. „Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte Tyson.

„Mich auch.“

„Sie sollen ja ein Star in Ihrem Verein sein“, meinte der FBI-Agent.

„Die Leute bauschen alles gern ein bisschen auf. Ich tue dasselbe wie jeder andere auch.“

„Aber mit ein bisschen mehr Erfolg als die anderen, habe ich mir sagen lassen.“

Roberto hob bescheiden die Schultern. „Ich habe vielleicht manchmal etwas mehr Glück ...“

„Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige, ein alter, wahrer Spruch“, sagte Tyson und fuhr weiter. „Carl Kaine wohnt nicht weit von hier. Haben Sie seinen Namen schon mal gehört?“

„Nein, mit Sicherheit noch nie“, antwortete Roberto.

„Das ist einer von der Sorte, die mit allem Geschäfte machen. Der würde sogar dem Teufel seine Seele verkaufen, wenn der Profit hoch genug ist. Ein Schlitzohr, bei dem man höllisch aufpassen musste, wenn man nicht hereingelegt werden will.“

„Und er arbeitet für die Cosa Nostra?“

„Seit einigen Jahren schon.“ „Erstaunlich, dass er sich nun von der Ehrenwerten Gesellschaft abwendet. Er weiß doch bestimmt, was das für ihn für Folgen haben kann.“

„Kaine ist nicht mit normalen Maßstäben zu messen. Der tut manchmal die verrücktesten Dinge.“

„Dabei kann er einmal gehörig auf die Nase fallen.“

„Bislang ist ihm das stets erspart geblieben.“

„Haben Sie eine Ahnung, worum es konkret geht?“, wollte Roberto Tardelli wissen.

Tyson schüttelte den Kopf. „Ich weiß genauso viel wie Sie.“

„Genauso wenig würde besser passen“, meinte Roberto schmunzelnd. Henry Tyson durchfuhr den Vorort Calumet Park, und gleich darauf ließen sie die Chicago City Limits hinter sich. Nahe dem State Highway 57 wohnte Carl Kaine in einem alten fünfstöckigen Haus.

Der FBI-Agent ließ seinen Wagen einen Block davor ausrollen. Den Rest des Weges legten die beiden Männer zu Fuß zurück. „Bin gespannt wie ein Regenschirm, was uns Kaine erzählen wird“, sagte Tyson. „Garantiert wird er irgendwelche Bedingungen an die Information knüpfen. Anders geht es bei einem Schacherer wie ihm einfach nicht.“

„Sind Sie ermächtigt, ihm Zugeständnisse zu machen?“, fragte Roberto.

„Nur im üblichen Rahmen. Was darüber hinausgeht, würde erst eine Rücksprache bei meiner Dienststelle erforderlich machen.“

Roberto und der G-Man betraten das alte Wohnhaus. „In welchem Stock wohnt Kaine?“, erkundigte sich der COUNTER-CRIME-Agent.

„Im fünften. Ergeht es Ihnen auch immer so? Wohnen die Leute, die Sie aufsuchen müssen, auch stets im letzten Stock?“

„Treppensteigen hält fit“, sagte Roberto amüsiert.

Es gab tatsächlich keinen Aufzug. Sie mussten zu Fuß gehen. Als sie die zweite Etage erreichten, krachten im letzten Stock Schüsse. Roberto und der G-Man wechselten einen hastigen Blick.

„Kaine hat sich also doch zu viel zugemutet“, presste Roberto heiser hervor. Seine Hand tauchte ins Jackett. Als sie wieder zum Vorschein kam, umschloss sie eine Luger.

Auch Henry Tyson zog seinen Smith & Wesson Revolver, und gemeinsam hetzten sie nach oben. Der jüngere Roberto war schneller. Er erreichte als Erster den fünften Stock.

Eine offene Tür. Ein Mann in der Diele. Angeschossen. Vermutlich war es Carl Kaine. Er lag auf dem Rücken und stöhnte. Tyson konnte sich um ihn kümmern. Roberto hörte nämlich Schritte auf der Treppe, die zum Dach hinaufführte. Das waren der oder die Killer!

Der FBI-Agent erschien auf dem vorletzten Treppenabsatz. „Nehmen Sie sich des Verletzten an!“, rief Roberto und eilte weiter. Es waren genau zwanzig Stufen bis zum Dachgeschoss.

Roberto flog sie förmlich hinauf. Durch eine offene Tür fiel Sonnenlicht. Roberto Tardelli lief weiter. Die Luger hielt er schussbereit in der Faust. Er wollte alles daransetzen, um den oder die Täter zu erwischen.

Die letzten Schritte. Roberto verlangsamte sein Tempo. Es wäre gefährlich gewesen, auf das Dach hinauszustürmen. Draußen hätte ihn eine Kugel von den Beinen holen können.

Es war besser, vorsichtig zu sein. Roberto erreichte die Tür. Einer der beiden Gangster, die sich in Vincente Barbadieres Auftrag um Carl Kaine gekümmert hatten, hatte sich einen Trick einfallen lassen, und Roberto Tardelli fiel darauf herein.

Der Mann hatte die Tür, die auf das Dach hinausführte, lediglich geöffnet, war aber nicht hinausgeflüchtet, sondern hatte sich im Treppenhaus hinter einem Mauervorsprung versteckt.

Roberto, der glauben musste, der Verbrecher würde sich auf dem Dach befinden, blieb an der Tür kurz stehen. Im selben Moment vernahm er schräg hinter sich ein Geräusch und begriff sofort, dass er ausgetrickst worden war.

Reaktionsschnell drehte er sich herum. Er sah einen blonden, blauäugigen Kerl und eine Pistole, mit der der Fremde zuschlug. Es gelang ihm, sich zur Seite zu werfen. Dadurch konnte er den Treffer zwar mildern, aber nicht verhindern. Vor seinen Augen tanzten bunte Kreise. Er fiel auf die Knie. Der Mafioso rammte ihn derb zur Seite und stürmte erst jetzt auf das Dach hinaus.

Roberto sah den Mann wie ein Phantom an sich vorbeiwischen. „Halt!“, rief er und hob die Luger, die zentnerschwer zu sein schien.

Der Killer scherte sich nicht um ihn. Er erreichte den Rand des Daches, schwang sich auf die Feuerleiter und kletterte hinunter, ohne dass Roberto es verhindern konnte.

Es dauerte eine Weile, bis Roberto den Schlag verdaut hatte. Henry Tyson würde seine Meinung über ihn revidieren müssen. Schließlich hatte sich gezeigt, dass man auch einen Top-Agenten von COUNTER CRIME hereinlegen konnte.

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Es stand schlimm um Carl Kaine. Der Mann war nicht mehr bei Bewusstsein. Mehrere Kugeln hatten ihn lebensgefährlich verletzt. Tyson legte den Blutenden so, wie es erforderlich war.

Er bemerkte nicht sofort, dass sich die Livingroom-Tür öffnete. Ganz langsam ging sie auf. Der zweite Killer hatte sich in diesen Raum zurückgezogen, als er und sein Komplize die Schritte auf der Treppe hörten. Eine eindeutige Fehlreaktion. Der Mafioso hätte besser daran getan, mit seinem Freund zum Dach hinaufzustürmen.

Nun saß der Killer in der Falle. Wenn er Kaines Wohnung verlassen wollte, musste er ein Hindernis überwinden, und dieses Hindernis hieß Henry Tyson. Behutsam zog er die Tür noch ein Stück weiter auf.

Er sah den am Boden liegenden Kaine, um den sich ein Mann bemühte, der seiner Ansicht nach bereits zum alten Eisen gehörte. Aber in diesem Punkt täuschte er sich in Henry Tyson gewaltig.

Die Reflexe des FBI-Agenten waren immer noch hervorragend, das stellte sich in der nächsten Sekunde heraus. Tyson spürte einen Lufthauch. Kühl strich er ihm über das Gesicht. Er kam vom Wohnzimmer. Sein geschultes Auge hatte zuvor festgestellt, dass die Tür geschlossen war. Das konnte sie jetzt nicht mehr sein.

Ohne den Kopf zu bewegen, richtete Tyson die Augen zur Tür. Er sah die Schuhe des Mafioso und handelte augenblicklich. Der Gangster wollte den G-Man überraschen, doch es passierte umgekehrt.

Tyson schnellte hoch. Er hielt den Smith & Wesson im Beidhandanschlag und rief mit schneidender Stimme: „Hände hoch!“

Der Killer war so perplex, dass er auf diese Überraschung kopflos reagierte. Er wollte sich den Fluchtweg freischießen. Tyson erkannte diese Absicht rechtzeitig in den Augen des Mannes.

Ein kurzes Flackern verriet ihm alles, und er wusste, dass er schneller sein musste als sein Gegner, wenn er überleben wollte. Und er war schneller. Der Killer zuckte getroffen zusammen.

Sein Gesicht verzerrte sich. Fassungslosigkeit grub sich in seine Züge. Er wurde kreidebleich, taumelte zwei Schritte vorwärts und brach zusammen. Tyson eilte zu ihm, konnte aber nur noch feststellen, dass der Mann tot war.

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Roberto Tardelli verzichtete darauf, dem blonden Killer nachzujagen. Er war Realist genug, um zu erkennen, dass er den Vorsprung des Gangsters nicht mehr hätte aufholen können.

Grimmig kehrte er um. Da fielen erneut Schüsse. Roberto war in Sorge um den G-Man. Er lief die Treppe hinunter und stürmte in Kaines Wohnung. Henry Tyson war in Ordnung. Roberto atmete erleichtert auf.

„Sie waren zu zweit“, sagte der FBI-Agent. „Während sich der eine nach oben absetzte, versteckte sich der andere im Livingroom. Als ihm klar wurde, dass er in der Falle saß, wollte er mich umlegen.“

„Sind Sie okay?“, erkundigte sich Roberto.

„Ja. Zum Glück hat der Bursche danebengeschossen.“

„Es steht schlecht um Kaine, nicht wahr?“

„Ich glaube nicht, dass er durchkommt“, sagte Tyson. „Wir werden aber trotzdem einen Krankenwagen anfordern. Und einen Leichenwagen für den Mafioso. Der zweite Killer ist Ihnen entkommen, wie?“

„Ja“, knirschte Roberto Tardelli. Er erzählte, wie ihn der Gangster ausgetrickst hatte.

„Kann vorkommen“, erwiderte Tyson. „Bestimmt wäre es mir nicht anders ergangen. Lassen Sie deshalb den Kopf nicht hängen. Wir kriegen den Mann ein andermal.“

Der FBI-Agent begab sich ins Wohnzimmer. Er blickte sich kurz um, suchte das Telefon und rief seine Dienststelle an. Alles Weitere würde von dort aus veranlasst werden.

Roberto leerte inzwischen die Taschen des toten Killers. Er fand einen Schlagring, eine Stahlrute, eine Kreditkarte, eine Driving Licence, Bargeld und einen Schlüsselbund sowie einen Kamm, ein Reservemagazin für die Pistole und Zigaretten.

Tyson stippte zwei Stäbchen aus seiner Zigarettenpackung und hielt sie dem COUNTER-CRIME-Agenten hin. Roberto schüttelte den Kopf. „Vielen Dank. Ich bin Nichtraucher.“

„Eine gute Eigenschaft“, lobte der G-Man und brannte sich seine Zigarette an. Er wies auf den toten Killer. „Wie heißt der Mann?“

„Johnnie Maccini.“

Der Mafioso war schwarzhaarig und hatte den dunklen Teint der Südländer. „Ist bestimmt nicht älter als zweiundzwanzig“, sagte Tyson. „So etwas geht mir immer an die Nieren. Ich könnte die Wand hochgehen. Ein junger Mensch. Und auf diese sinnlose Weise verliert er sein Leben. Ich glaube, ich werde für diesen Job niemals hart genug sein. Wo wohnt Maccini?“

„Ashland Avenue.“

Tyson nickte. Er blickte auf seine Uhr. „Hoffentlich trifft der Krankenwagen bald ein, sonst verblutet uns Kaine unter den Händen. Würden Sie den anderen Killer wiedererkennen, Roberto?“

„Ganz bestimmt. Dieses Gesicht vergesse ich nicht.“

„Vielleicht sehen Sie es schon bald wieder.“

„Das würde mich freuen“, gab Roberto Tardelli zurück.

Mit schrillem Signal traf der Krankenwagen ein. Im Haus herrschte jetzt Unruhe. Die Mieter wagten sich endlich aus ihren Wohnungen, wollten wissen, was passiert sei. Einer von ihnen hatte auch die Polizei verständigt. Ein Streifenwagen stoppte vor dem Haus.

Henry Tyson regelte die Angelegenheit mit den Cops. Mittlerweile wurde Carl Kaine nach unten gebracht. Die Cops hielten bei Johnnie Maccini Totenwache, während sich Roberto Tardelli und Henry Tyson zu dessen schokoladenfarbenem Wagen begaben, um hinter dem Ambulanzfahrzeug herzufahren.

Kaine wurde in einer nahe gelegenen Klinik abgeliefert. Zwei Pfleger schoben den Schwerverletzten zum Lastenaufzug. Der FBI-Agent blickte Kaine nach. „Ob er uns noch wird sagen können, was er uns mitteilen wollte?“

Roberto zuckte mit den Schultern. Er winkte den Rettungsarzt zu sich. „Wie sieht es aus, Doc?“

Der hagere Mann wiegte bedenklich den Kopf. „Er hat viel Blut verloren. Für mich ist es ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt. Wie schlimm er wirklich dran ist, wird sich aber erst bei der Operation herausstellen. Ich habe gehört, dass ihn Doktor Linder operieren wird, einer der besten Chirurgen Chicagos. Wenn Linder ihn nicht durchbringt, dann war er nicht mehr zu retten. Besteht aber auch nur der kleinste Funken Hoffnung, dann schafft es Donald Linder. Was dieser Mann schon fertiggebracht hat, grenzt an Zauberei.“

„Tja“, seufzte Henry Tyson. „Dann bleibt uns jetzt nichts weiter zu tun, als Daumen zu drücken und zu hoffen.“

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Der blonde, blauäugige Killer hieß Brian Sturgess. Er arbeitete seit drei Jahren für die Mafia. Früher hatte er verschiedenen Gangs angehört. Die Banden waren von der Polizei jedoch aufgerieben und zerschlagen worden, und nur wenigen Mitgliedern war es gelungen, sich dem Zugriff des Gesetzes zu entziehen.

Seit Sturgess für die Ehrenwerte Familie arbeitete, fühlte er sich gut untergebracht. Diese riesige Organisation hatte stets einen Job für ihn, und er verdiente dabei gutes Geld.

Man konnte es fast als ein geregeltes Einkommen betrachten, was Brian Sturgess von der Mafia bekam. Dass er dafür auch einiges Risiko auf sich nehmen musste, war ihm klar und verstand sich für ihn von selbst.

Nach getaner Arbeit kehrte er zu Vincente Barbadiere zurück. Allein der Mafiaboss betrachtete ihn gespannt. „Wo ist Johnnie Maccini?“ Sturgess räusperte sich. Er wusste nicht, wie er es dem Boss schonend beibringen sollte, dass die Sache nicht ganz glatt gegangen war.

„Was ist passiert?“, fragte Barbadiere, der witterte, dass irgendetwas schiefgelaufen war. „Lebt Carl Kaine etwa noch?“

Der blonde Mafioso schluckte. Es musste heraus. Da half alles nichts. „Es hat eine Panne gegeben“, berichtete der Killer.

Barbadiere rümpfte die Nase. Von Pannen hörte er nicht gern. „Was ist geschehen, Brian? Rede endlich!“

„Wir klopften an Kaines Tür, er öffnete ahnungslos und wir haben ihn niedergeschossen.“

„Aber?“

„Normalerweise überzeuge ich mich hinterher immer, dass es den Betreffenden hundertprozentig erwischt hat, doch diesmal war dazu keine Zeit. Zwei Kerle hetzten die Treppe hoch. Wir mussten uns aus dem Staub machen. Johnnie beging den Fehler, sich in Kaines Wohnung verstecken zu wollen. Ich nahm den Weg über das Dach, hatte aber einen der beiden Kerle hinter mir und musste ihn erst austricksen.“ Nicht ohne Stolz erzählte Sturgess, wie er das gemacht hatte, aber Barbadiere geizte mit dem Lob.

„Weiter“, verlangte der Gangsterboss. „Du bist also abgehauen. Und Johnnie?“

Sturgess senkte den Blick. „Ich bin zwar getürmt, aber ich bin kurz darauf wieder umgekehrt, um herauszukriegen, wie die Aktien standen.“

„Und?“, fragte Vincente Barbadiere ungeduldig.

„Man hat Carl Kaine schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht.“

„Und Johnnie Maccini?“

„Der ist leider tot“, sagte Brian Sturgess leise. „Einer der beiden Kerle hat ihn umgelegt.“

„Was waren das für Männer? Bullen?“, fragte Barbadiere, dem die Galle überzulaufen drohte.

„Ich glaube, ja“, antwortete Sturgess. „Aber ich habe sie noch nie gesehen.“

„Wie sahen sie aus?“

Der Killer beschrieb sie, doch damit konnte auch Barbadiere nichts anfangen. Er nahm sich einen Drink und schüttete ihn in seine trockene Kehle. „Verdammt!“, knurrte er. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir Carl Kaine so viel Ärger bereiten könnte.“

Er stellte das Glas ab und wandte sich Sturgess zu. „Der Bursche muss weg, Brian. Unbedingt. Wenn die Ärzte ihn durchbringen, wird er reden. Dann platzt unser Coup. Du weißt, was das bedeutet. Die Ehrenwerte Gesellschaft wäre mächtig sauer auf uns. Wir hätten mit unangenehmen Konsequenzen zu rechnen. Sieh zu, dass die Angelegenheit bereinigt wird. Sofort. Und sorge dafür, dass es nicht wieder eine Panne gibt, sonst bist du nämlich dran!“

Sturgess wusste, dass das keine leere Drohung war. Vincente Barbadiere würde ihn über die Klinge springen lassen, wenn er es beim zweiten Anlauf auch nicht schaffte, Carl Kaine zu erledigen.

Die Situation war also auch für ihn kritisch. Er hoffte, dass die Ärzte Kaine nicht durchbrachten. Sollte es ihnen aber doch gelingen, würde er ihre Meisterleistung mit einer Kugel zunichte machen müssen.

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Zwei Stunden dauerte die Operation. Zwei Stunden wurden Roberto Tardelli und Henry Tyson gefoltert. In dieser Zeit rauchte der FBI-Agent alle seine Zigaretten.

Die quälende Frage hing ständig im Raum: Wird Kaine durchkommen oder nicht?

Konnte Dr. Linder ein kleines Wunder an dem Patienten vollbringen? Nach zwei Stunden nervenaufreibenden Wartens erschien der Arzt. Ein Mann wie ein Fleischer. Schwerfällig wie ein Bär. So wirkte er jedenfalls auf Roberto Tardelli.

„Ich bin Doktor Linder“, stellte er sich vor.

„Special Agent Henry Tyson, und das ist Mister Roberto Tardelli“, sagte der FBI-Mann aufgeregt. „Mit Ihrem Gesicht bringen Sie jede Pokerrunde zum Verzweifeln, Doktor. Wie steht es um Carl Kaine?“

„Er wird durchkommen, wenn es keine unvorhersehbaren Komplikationen gibt“, antwortete der Arzt.

„Mir fällt ein Stein vom Herzen“, sagte Tyson.

„Es wird aber einige Zeit dauern, bis Kaine wiederhergestellt ist“, meinte der Arzt.

„Dürfen wir zu ihm?“

„Er ist noch in der Narkose.“

„Noch lange?“

„In den nächsten zehn Minuten wird er aufwachen. Er hatte sehr viel Glück. Die Verletzungen sahen ursprünglich schlimmer aus als sie tatsächlich waren.“

„Er wollte uns etwas Wichtiges mitteilen, Doc“, sagte Tyson. „Es geht um einen großen Coup, den die Mafia plant. Wir können ihn nur verhindern, wenn wir mit Kaine reden.“

„Der Mann ist sehr schwach. Er darf sich nicht aufregen. Ich kann es nicht verantworten, Sie zu ihm zu lassen.“

„Fünf Minuten, Doc. Nur fünf Minuten. Wir versprechen Ihnen, Kaine wird sich nicht aufregen. Ich würde Sie nicht darum bitten, wenn die Sache nicht so wichtig wäre.“

Dr. Linder überlegte kurz. „Na schön. Fünf Minuten. Aber keine Minute länger.“

„Ganz bestimmt nicht“, sagte Tyson. Und zu Roberto: „Kommen Sie.“ Donald Linder führte sie zu dem Krankenzimmer, in dem Kaine lag. Der Mann lag reglos im Bett, beinahe so bleich wie das Kissen, auf dem sein Kopf ruhte. Über ihm hingen Infusionsflaschen. Schläuche und Drähte verbanden den Patienten mit Behältern und medizinischen Elektronikgeräten, die den Zustand des Mannes überwachten. Jede negative Veränderung hätte sofort Alarm ausgelöst.

Es war ein Einzelzimmer, in dem Kaine lag. Dr. Linder ließ Roberto Tardelli und Henry Tyson mit dem Patienten allein. Roberto lehnte sich neben der Tür an die Wand. Tyson setzte sich auf einen Stuhl, den er nahe an Kaines Bett heranstellte.

Eine Weile war es mucksmäuschenstill im Krankenzimmer. „Wie verletzbar der Mensch doch eigentlich ist“, sagte Tyson schließlich. „Ein Knall nur, und schon liegt man im Hospital, wenn man Glück hat. Wenn man Pech hat, so wie Johnnie Maccini, kommt man ins Leichenschauhaus. Ich mache das nicht mehr lange mit. Es nervt mich zu sehr.“

„Möchten Sie das FBI verlassen?“, fragte Roberto erstaunt. Er hielt Tyson für einen Polizisten mit Leib und Seele.

Henry Tyson schüttelte den Kopf. „Ich werde vorerst aus dem Polizeidienst nicht ausscheiden, aber ich werde die Front verlassen. An meinen Platz gehört ein jüngerer Mann. Einer, der noch nicht so viel erlebt hat wie ich, der noch Ideale hat, ein Draufgänger ist, wie ich es mal war. Die Zeit hat mich abgeschliffen. Früher hatte ich Ecken und Kanten. Heute bin ich ein flacher Kieselstein. So fühle ich mich jedenfalls. Ich bleibe nur noch dieses Jahr im Außendienst. Ab Januar nächsten Jahres diene ich dem Steuerzahler im Innendienst.“

„Sie werden für das FBI auch da ein wertvoller Mitarbeiter sein“, sagte Roberto überzeugt.

„Ich versuche überall, mein Bestes zu geben.“

„Das glaube ich Ihnen. Diesen Eindruck hatte ich von Anfang an von Ihnen.“

„Ich glaube, Kaine kommt zu sich“, sagte Tyson plötzlich mit belegter Stimme.

Tatsächlich kam ein bisschen mehr Leben in den Patienten. Er atmete kräftiger, seine Lider zuckten, er drehte den Kopf hin und her, aber er schlug die Augen noch nicht auf.

„Gleich“, sagte Tyson gespannt. „Gleich ist es so weit.“

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Vor der Klinik stand ein Blumenkiosk. Brian Sturgess kaufte sieben verschiedenfarbige Tulpen und ließ sie sich in dünnes Papier wickeln: Er war sicher, für einen harmlosen Besucher gehalten zu werden, wenn er mit den Blumen ankam.

Diesmal wollte er mit Schalldämpfer arbeiten. Er hatte das klobige Ding bereits auf den Lauf seiner Waffe geschraubt. Niemand würde die Schüsse hören, die Carl Kaine endgültig fertigmachen würden.

Der Killer schritt an gepflegten Blumenbeeten vorbei. Bunte Ornamente zierten die Flächen vor dem Krankenhaus. Sturgess verschwendete keinen Blick daran.

Er konzentrierte sich auf seinen Job, der diesmal klappen musste, denn wenn es wieder einen Fehlschlag gab, konnte er sein Testament machen. Sturgess betrat die Klinik. Der für Krankenhäuser typische Geruch stieg ihm in die Nase. Er hasste diesen Geruch, seit er mit zwölf Jahren seine Mutter verloren hatte. Sie war schwer leidend gewesen. Jeden Tag hatte er sie im Hospital besucht.

Jeden Tag war sie mehr verfallen. Bis er sie eines Tages nicht mehr in dem Bett vorgefunden hatte, indem sie immer lag. Nur der Geruch nach Krankheit, Tod und Desinfektionsmitteln war noch dagewesen ...

Eine unscheinbare Krankenschwester kam ihm entgegen. Er setzte ein freundliches Lächeln auf. „Ach, Schwester, können Sie mir helfen?“

Das späte Mädchen, vom Leben nicht gerade verwöhnt, blieb stehen. Sturgess erkannte sofort, dass sie voller Komplexe war. Auf ihr hatte bestimmt noch nie der bewundernde, begehrende Blick eines Mannes geruht.

Brian Sturgess versuchte es. Er lachte verlegen. „Sind hier alle Krankenschwestern so nett?“

Sie wurde rot. „Was kann ich für Sie tun?“

„Oh, ich möchte einen Freund besuchen, weiß aber nicht, wo er untergebracht ist. Haben Sie noch lange Dienst, Schwester?“

Das Mädchen blickte ihn erschrocken an. „Warum wollen Sie das wissen?“

„Nun, ich dachte ... Vielleicht hätten Sie nichts dagegen, mit mir nach Dienstschluss auszugehen.“

„Ich habe keine Zeit.“

„Natürlich. Wie konnte ich auch nur denken, Sie hätten keinen Freund! Mädchen wie Sie sind immer in festen Händen. Ich frage mich, wie man es anstellen muss, um an sie heranzukommen.“

„Wie ist der Name Ihres Freundes?“, fragte die Schwester unsicher.

„Kaine. Carl Kaine. Er wurde vor etwa zwei Stunden eingeliefert. Jemand hat ihn niedergeschossen. Könnten Sie es nicht doch einrichten, mit mir ...“

„Warten Sie einen Augenblick“, fiel das Mädchen ihm ins Wort und eilte fort. Eine Minute später war sie wieder zur Stelle. „Ihr Freund kam eben erst aus dem Operationssaal.“

„Ich hoffe, er kommt durch.“

„Voraussichtlich ja.“

„Das freut mich.“

„Aber Sie dürfen nicht zu ihm. Er ist noch nicht ansprechbar.“

„Das macht nichts. Ich werfe nur einen Blick auf ihn, stecke die Blumen in eine Vase und komme morgen wieder, okay?“

Die Krankenschwester fand ihn sympathisch, das merkte er. Sie überlegte einen Moment, dann verriet sie ihm, in welchem Zimmer sein „Freund“ lag. Er verbuchte sie, um seine Rolle konsequent weiterzuspielen, noch einmal zu einem Rendezvous zu überreden, und sie sagte leise: „Ich habe bis achtzehn Uhr Dienst.“

„Dann werde ich mir erlauben, Punkt achtzehn Uhr vor der Klinik auf Sie zu warten“, sagte Sturgess höflich. Er würde nicht kommen, das stand fest. Und dieses Mädchen würde um eine bittere Erfahrung reicher sein.

Sie nickte kaum merklich und verschwand strahlend. Brian Sturgess blickte ihr lächelnd nach. Sobald sie nicht mehr zu sehen war, verschwand dieses Lächeln allerdings von seinem Gesicht.

Nun war Kaine dran!

Mit dem Lift fuhr er zur zweiten Etage hoch. Die Fahrstuhltüren glitten auseinander. Vor dem Killer lag ein leerer Gang, dessen Boden einem Spiegel ähnelte.

Mit den Blumen in der Linken erreichte er die weiße Tür, die in Kaines Zimmer führte. Er trat näher heran. Drinnen herrschte Stille. Sturgess nahm an, Kaine wäre allein.

Ein zufriedener Ausdruck huschte über sein Gesicht. Er konnte bei der Tat sowieso keine Zeugen gebrauchen. Einen Moment dachte er an die Krankenschwester. Sie würde sich an ihn erinnern und der Polizei seine Beschreibung geben.

Wenn schon. Er hatte für ein hieb und stichfestes Alibi gesorgt, er hielt sich zurzeit eigentlich gar nicht in Chicago auf, und so würden die Bullen ihm auch nichts anhaben können vorausgesetzt, sie machten ihn überhaupt ausfindig.

Sturgess holte die Pistole mit dem aufgesetzten Schalldämpfer aus der Schulterholster. Er wollte rasch eintreten, den Job erledigen und hinterher auf dem kürzesten Weg die Klinik verlassen.

Die Tulpen klemmte er achtlos unter die Achsel. Seine Hand legte sich auf den Türknauf. Einen Sekundenbruchteil zögerte er noch. Dann riss er die Tür auf und sprang in das Krankenzimmer.

Dort erlebte er eine unangenehme Überraschung. Er sah den Mann wieder, den er in Kaines Haus niedergeschlagen hatte. Verdammt, erschießen hätte er ihn sollen.

Auch der zweite Bulle war da, und beide waren ebenso überrascht wie er. Sturgess’ Vorteil war, dass er seine Waffe bereits in der Hand hielt. Kaine schwebte noch zwischen Wachsein und Dämmern.

Sturgess sah, wie Roberto Tardelli und Henry Tyson zu den Schießeisen griffen. Er richtete seine Kanone auf Kaines Kopf. Der FBI-Agent sprang dazwischen, und als Sturgess abdrückte, traf die Kugel den G-Man.

Tyson brach zusammen. Sturgess drückte noch einmal ab. Diesmal war zwischen Kaine und ihm niemand. Das Geschoss traf Carl Kaine und tötete ihn. Jetzt erst riss Roberto Tardelli die Luger aus dem Leder. Er war so schnell wie immer, aber niemand kann schneller sein als der Finger am Abzug.

Sturgess schleuderte ihm die Tulpen ins Gesicht, drehte sich herum und suchte das Weite. Laut knallte die Tür hinter ihm zu. Mit wenigen Sätzen war Roberto bei der Tür. Er riss sie auf, sah Sturgess den Gang entlangstürmen, brachte es aber nicht übers Herz, Tyson einfach liegen zu lassen und den Killer zu verfolgen. Wütend drehte er sich um.

Henry Tyson lag mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden. Ein Mann, der ein Jahr zu lang für das FBI an vorderster Front gekämpft hatte. Er hätte sich schon mit Beginn dieses Jahres in den Innendienst versetzen lassen sollen, dann wäre ihm das erspart geblieben.

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9

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Sie hieß Fanny Finney, war einundzwanzig Jahre alt, schwarzhaarig und hatte meerwassergrüne Augen. Ein hübsches Mädchen mit einer nüchternen Einstellung zum Leben. Trotz ihrer Jugend hatte sie es geschafft, vier Boutiquen zu eröffnen, und sie reiste in der Welt herum, um eine Ware für ihre Läden aufzutreiben, die man nirgendwo sonst in Chicago kaufen konnte.

Seit zwei Jahren war sie mit Gordon Parker befreundet. Seit einem Jahr war sie mit ihm verlobt und wohnte mit ihm zusammen in einer geräumigen Mansardenwohnung.

Die Hälfte des Geldes für die Boutiquen stammte von ihm, dem Jungen, der keiner geregelten Arbeit nachging. Fanny wusste, dass nicht alles sauber war, was Gordon Parker so anstellte, aber sie steckte den Kopf in den Sand und wollte von diesen Dingen nichts wissen.

Mehrmals schon hatte sie den Namen Mafia gehört, und Gordon hatte mit Leuten zu tun gehabt, deren Namen einen italienischen Klang gehabt hatten. Fanny verlor darüber nie ein Wort. Sie hoffte, dass Gordon selbst auf den rechten Weg zurückfinden würde. Sie wollte ihn nicht bevormunden, dazu hatte sie kein Recht.

Aber Gordon Parker stieg bei der Mafia immer mehr ein. Sie ließ ihn nicht mehr los, und er wollte das auch gar nicht. So viel Geld, wie er bei der Cosa Nostra verdiente, konnte er nirgends sonst kriegen.

Vor einem halben Jahr war er mit Vincente Barbadiere zusammengekommen, und der Mafiaboss hatte an ihm Gefallen gefunden. Seitdem war er häufig für die Ehrenwerte Gesellschaft im Einsatz. Fanny Finney erfuhr davon nichts. Gordon Parker war der Ansicht, das wäre seine Angelegenheit, und je weniger eine Frau weiß, desto weniger kann sie, ohne es zu wollen, verraten. Frauen können keine Geheimnisse für sich behalten, das war Gordon Parkers Meinung.

Fanny saß im Wohnzimmer und blätterte lustlos in einer Illustrierten. Es lag ihr etwas auf der Zunge, das sie gern loswerden wollte, sie wusste nur noch nicht, wie sie beginnen sollte.

„Hast du was?“, fragte Gordon sie. „Irgendwas stimmt doch nicht mit dir, Fanny.“ Er war ein gutaussehender Bursche, sportlich und elastisch.

„Ich bin ein bisschen nervös“, gab sie zurück.

„Gibt es einen Grund dafür?“

Für diese Frage war sie Gordon dankbar. „Ja, Darling. Der Grund bist du!“

„Ich?“ Er blickte sie verwundert an. „Wir müssen endlich einmal darüber reden, Gordon.“

„Worüber?“

„Über dich und deine ... Arbeit.“

Er straffte seinen Rücken. „Mein Job geht dich nichts an.“

„Ich finde doch. Wir sind miteinander verlobt, Gordon.“

„Wenn schon. Woher das Geld kommt, das ich dir gebe, geht dich trotzdem nichts an.“

„Denkst du, ich weiß nicht, woher es kommt? Ich habe nur nie darüber gesprochen ...“

„Dann halte auch weiterhin den Mund.“

„Ich kann nicht länger schweigen, Gordon.“

„Warum denn nicht?“

„Weil ich nicht zusehen will, wie du In dein Verderben rennst.“

„Du hast einen ausgeprägten Hang, die Dinge zu dramatisieren. Ich habe nicht die Absicht, ins Verderben zu rennen.“

„Dazu wird es aber kommen, wenn du so weitermachst wie bisher, Gordon.“

„Tu mir den Gefallen und halt die Klappe, ja?“

„Ich lasse mir den Mund nicht verbieten!“, schrie Fanny wütend.

„Und ich lasse mir keine Vorschriften machen!“, schrie Gordon Parker zurück.

„Du bist ein Handlanger der Mafia. Ein Verbrecher bist du, Gordon! Anfangs waren es nur Gelegenheitsjobs, die du für das Syndikat erledigt hast, aber heute steckst du bereits bis zum Hals in diesen Verbrechen mit drin. Warum hörst du damit nicht auf?“

„Weil das nicht geht! Zu den Leuten vom Syndikat kann man nicht einfach sagen: 'Hört zu, Jungs, ich will von euch nichts mehr wissen. Ciao. Macht’s gut.' Das geht nicht. Und ich will mich von meinen Freunden auch gar nicht trennen.“

„Von deinen Freunden?“, fragte Fanny Finney verächtlich. „Du wirst erst sehen, wo die sind, wenn es dir dreckig geht! Dann kennt dich keiner von denen mehr, darauf kannst du dich verlassen.“

„Willst du nicht endlich damit aufhören, Fanny?“

„Nein. Ich weiß, dass ihr etwas Großes vorhabt! Ihr plant etwas Neues. Ich habe gehört, wie du am Telefon Andeutungen gemacht hast. Ich habe dich mit diesem widerlichen Kerl vergangene Woche darüber reden hören. Gordon, ich bitte dich, steig aus, solange dazu noch Zeit ist.“ Parker schüttelte störrisch den Kopf. „Kommt nicht infrage, und dir rate ich, alles zu vergessen, was du gehört hast.“

Fanny legte die Hände auf ihren Bauch. „Verdammt noch mal, ich kriege ein Kind von dir. Ich bin im dritten Monat. Es ist nicht fair von dir, deine Freiheit so leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Du darfst mich nicht sitzenlassen.“

„Tu' ich doch gar nicht.“

„Wenn die Polizei dich erwischt, wird dir nichts anderes übrig bleiben.“

„Niemand wird mich erwischen.“

„Ich verlange von dir, dass du die Finger von der Sache lässt, was immer es sein mag!“

„Bei dir ist wohl eine Schraube locker. Seit du schwanger bist, tickst du nicht mehr richtig, was? Mach bloß keinen Befehlsempfänger aus mir, sonst packe ich meine Siebensachen und ziehe aus.“

„Das könnte dir so passen, und was würde aus dem Baby?“

„Viele Kinder werden ohne Vater groß.“

„Nicht meines!“, schrie Fanny zornig. „Ich werde für das Glück meines Kindes kämpfen, Gordon. Ich gehe zur Polizei ...“

Parker rannte zu ihr und schlug sie ins Gesicht. Die Ohrfeige brannte wie Feuer. Fanny legte die Hand auf ihre Wange und starrte Gordon Parker bestürzt an.

„Es ist das erste Mal, dass du mich schlägst, Gordon.“

„Es tut mir leid“, sagte er mit ehrlicher Reue. „Aber du kannst doch nicht damit drohen, zur Polizei zu gehen, Fanny.“ Er nahm sie in seine Arme und drückte sie an sich. Willenlos und reglos ließ sie es geschehen. „Es tut mir wirklich leid, was ich getan habe, Fanny. Hör zu, ich mache nur noch bei dieser einen Sache mit, okay? Dann rede ich mit den Leuten und steige aus. Nur dieses eine mal noch. Es wird uns eine hübsche Stange Geld einbringen. Das können wir gebrauchen. Für das Baby. Für uns und unsere Zukunft. Ich verspreche dir, mich nicht erwischen zu lassen ....“

„Es ist unrecht, was du tust, Gordon.“

„Es ist ebenso unrecht, dass Politiker und Beamte sich bestechen lassen, und doch passiert es überall auf der Welt.“

„Willst du das Glück deines Kindes auf einem Verbrechen aufbauen?“

„Fanny, ich habe denen mein Wort gegeben. Ich muss es halten. Wenn ich diese Leute im Stich lasse, bin ich in längstens vierundzwanzig Stunden tot. Sie rechnen mit mir. Ich darf sie nicht enttäuschen. Aber ich werde ihnen sagen, dass ich künftig nicht mehr für sie verfügbar bin. Sie werden es einsehen. Hoffentlich.“

Parker ließ das Mädchen los.

„Du hättest mit dem Syndikat nie etwas anfangen dürfen“, sagte Fanny Finney vorwurfsvoll.

Er antwortete nicht, holte aus dem Nebenzimmer seine Jacke und verließ die Mansardenwohnung: Fanny legte die Hände auf ihr Gesicht und weinte leise. Sie wusste, dass sie sich an die Polizei hätte wenden müssen, aber sie brachte es einfach nicht fertig, sich gegen Gordon zu stellen.

Parker stieg in seinen ockerfarbenen Impala und fuhr los. Teufel, er war nicht vorsichtig genug gewesen, und nun wusste Fanny, dass das Syndikat etwas vorhatte.

Das war nicht gut. Der Coup stand kurz bevor. Wenn Fanny sich dazu durchrang, zur Polizei zu gehen, würde es schwerste Komplikationen geben. Die Mafia würde Schuldige suchen - und finden.

Das Syndikat würde sowohl Fanny als auch ihn liquidieren lassen. Er blickte zum Wagenhimmel und seufzte. Hoffentlich bleibt sie vernünftig, dachte er. Hoffentlich siegt die Liebe über ihr Gewissen.

Er fuhr zum Calumet Park am Michigansee und noch ein Stück weiter zum Calumet Harbor. Hier gab es ein altes Lagerhaus, das der Mob über einen Strohmann gekauft hatte.

Geschäfte aller Art wurden in diesem Gebäude abgewickelt, doch davon hatten die Bullen keine Ahnung. Diesmal diente das Lagerhaus als Treffpunkt. Gordon Parker legte den Leerlauf ein und ließ seinen Impala langsam ausrollen. Er sah sich gewissenhaft um.

Kein Mensch war zu sehen. Der Lake Michigan strahlte beinahe unnatürlich blau. Eine Pracht, die zum Segeln und Motorbootfahren verlockte, doch dafür hatte Parker jetzt keine Zeit.

Er war hier, um Geld zu verdienen. Eine hübsche Stange Geld. Er stieg aus. Bevor er die Tür zuschlug, drückte er mehrmals auf die Hupe, um sich bemerkbar zu machen.

Doch niemand kam aus dem Lagerhaus, um ihn zu begrüßen. Er ging auf das große Tor zu, in dem sich ein kleines befand, durch das man das Gebäude betreten konnte.

Aufgestapelte Kisten. Geschichtete Kartons. Dazwischen breite Gassen, in denen man mit Gabelstaplern spazieren fahren konnte. „Hallo!“, rief Gordon Parker. Seine Stimme hallte in dem düsteren Gebäude. „Ist schon jemand hier?“ Er bekam keine Antwort, setzte sich auf eine Kiste und zündete sich eine Zigarette an. Nachdem er sie fertig geraucht hatte, vernahm er vor dem Lagerhaus ein Motorengeräusch, das gleich darauf verstummte.

Die kleine Tür wurde geöffnet. Vincente Barbadiere erschien mit zwei Männern. Mit einem zufriedenen Lächeln ging er auf Parker zu. „Bist du schon lange hier, Gordon?“

„Eben erst gekommen“, erwiderte Parker.

Barbadiere nickte. „Du bist überpünktlich. Das gefällt mir an dir ganz besonders. Ein Zuspätkommen gibt es bei dir nicht. Wir werden bald vollzählig sein.“ Der Mafiaboss warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Es ist noch reichlich Zeit. Was für ein Gefühl hast du?“

„Es wird klappen“, sagte Parker.

„Der Meinung bin ich auch“, sagte Barbadiere überzeugt, und nach und nach trafen die anderen Mafiosi ein ...

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In Roberto Tardelli krampfte sich alles zusammen. Henry Tyson, dieser sympathische Graukopf, vor dem er große Achtung hatte, war schwer getroffen. Sein Blut floss auf den Boden.

Roberto schlug Alarm. Dr. Linder war als erster zur Stelle. Er glaubte zuerst, Carl Kaines Zustand hätte sich verschlechtert, aber dann sah er, was passiert war.

„Eine Katastrophe!“, kam es flüsternd über seine Lippen.

Kaine war tot, Tyson schwer verletzt. Es war wirklich eine Katastrophe. Zwei Helfer und zwei Krankenschwestern eilten herbei. Donald Linder trat zurück, um seine Leute nicht zu behindern. Sie legten den FBI-Agenten auf eine fahrbare Trage.

„Wie ist das passiert?“, fragte Dr. Linder.

„Einer der beiden Killer, die heute schon einmal auf Kaine geschossen hatten, tauchte unverhofft auf. Er wollte Kaine mit einem Kopfschuss erledigen, aber Tyson warf sich dazwischen. Erst als er zusammengebrochen war, konnte der Mörder Kaine mit seiner zweiten Kugel töten.“

„Verdammt. Wo ist der Kerl jetzt?“

„Abgehauen. Ich konnte ihm nicht folgen ... Wie steht es um Tyson, Doc?“

„Das kann ich noch nicht sagen.“

Henry Tyson wurde sofort in den Not-OP gebracht. Dr. Linder machte sich wieder ans Werk. Ein neues Wunder war zu vollbringen. Für Roberto Tardelli begann eine nervenzerfetzende Wartezeit.

Wieder rannte er wie ein gereizter Tiger im Warteraum hin und her. Die Zeit wollte nicht vergehen. Jede Minute verrann wie zähflüssiger Sirup. Als Roberto darauf gewartet hatte, bis die Operation an Carl Kaine vorbei war, hatte er nicht so gelitten wie jetzt.

Tyson war Polizist. Der Mann war in Erfüllung seiner Pflicht niedergeschossen worden. Ebenso gut hätte jetzt Roberto dort drinnen auf dem Operationstisch liegen können.

Der junge COUNTER-CRIME-Agent war mit seinen Gedanken ständig bei Henry Tyson. Er erlebte im Geist noch einmal, was er mit Tyson erlebt hatte. Er sah diesen vorbildlichen Polizisten in Aktion. Er hörte ihn sprechen. Der FBI-Agent hatte prophezeit, dass sie dem blonden Mafiakiller wieder begegnen würden, und Roberto hatte gehofft, dass es bald sein würde.

Nun, es war zwar sehr bald gewesen, aber nicht so, wie Roberto es sich gewünscht hatte. Sollte es zu einer dritten Begegnung kommen, dann wollte Roberto dafür sorgen, dass der Killer nicht ungeschoren davonkam. So etwas wie vorhin durfte nicht noch einmal passieren.

Über der Sorge um Henry Tysons Leben hing die brennende Frage: Was plante die Mafia? Carl Kaine konnte es nicht mehr verraten. Wo sollte Roberto einen heißen Tipp herkriegen?

Schritte auf dem Gang. Roberto blieb stehen. Eineinhalb Stunden waren vergangen, seit Tyson in den Operationssaal geschafft worden war. Die Tür des Warteraumes wurde aufgestoßen.

Dr. Linder trat ein, und diesmal zeigte er kein Pokerface. Auch ihm schien das Schicksal des FBI-Agenten ans Herz zu gehen. Roberto eilte auf den Arzt zu. Der Mann gefiel ihm nicht. Donald Linder machte kein Gesicht, das einen aufatmen ließ.

„Ist er Ihnen unter den Händen ...“, begann Roberto.

Linder schüttelte den Kopf. „Nein, Mister Tardelli. Der Patient lebt.“

„War es eine schwierige Operation?“

„Ja. Die Kugel hat Tysons Wirbelsäule verletzt.“

„Was bedeutet das?“

„Dass der Mann für den Rest seines Lebens nicht mehr wird gehen können.“ Roberto überlief es eiskalt. „O mein Gott“, stieß er erschüttert hervor.

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Als die Mafiosi vollzählig waren, ließ Vincente Barbadiere jene, die er für den bevorstehenden Coup ausgesucht hatte, militärisch antreten. Mit Gordon Parker waren es vier Mann, die sich das große Stück vom Kuchen holen sollten. Drei weitere Mafiosi sollten für einen gesicherten Rückzug sorgen.

„Ihr schlagt zu wie ein Blitz aus heiterem Himmel!“, sagte Barbadiere. „Alles muss sehr schnell gehen, aber ihr braucht nichts zu überstürzen. Der Zeitplan, den wir gemeinsam erstellt haben, wird hundertprozentig hinhauen.“

Auf einen Wink von Barbadiere öffnete einer seiner Leibwächter die Holzkiste, vor der der Mafiaboss stand. Gordon Parker und seine Komplizen erhielten eine schwarze Lederkleidung, die sie anziehen mussten.

Sobald sie fertig waren, wurden auch schwarze Lederhandschuhe an sie ausgegeben. Es folgten Maschinenpistolen, und zuletzt bekam jeder der vier noch eine schwarze Strickmaske, die sie sich später über den Kopf ziehen sollten. Außer den Augen würde dann nichts mehr zu sehen sein.

Parker hielt die MPi fest in seinen Händen. Barbadiere schritt die kurze Front der Schwarzgekleideten ab. „Hat einer von euch irgendwelche Bedenken?“

Die ausgewählten Männer schüttelten den Kopf.

„Wie ihr wisst“, sagte Barbadiere, „haben wir vor geraumer Zeit einen Mann in das Unternehmen, das ihr überfallen werdet, eingeschleust. Man hat Vertrauen zu ihm. Ihr dürft ihn nicht kennen. Er wird euch einlassen. Es ist geplant, dass er auch weiterhin auf seinem Posten bleibt, um für uns zu spionieren. Wir haben gewissermaßen immer ein Ohr in dem Betrieb. Das kann unter Umständen sehr wichtig für uns sein.“ Parker erwiderte: „Wir werden ihn nicht einmal ansehen.“

Barbadiere wies auf die Maschinenpistole. „Die sollten nur dazu dienen, um die Leute einzuschüchtern. Es wäre mir lieb, wenn die Sache ohne Blutvergießen abginge. Das sage ich nicht, weil ich auf einmal zimperlich geworden bin, sondern weil sich die Bullen stärker hinter einen Fall klemmen, bei dem es Tote gegeben hat. Das liegt in der Natur der Sache.“

„Wir werden nur in die Luft schießen“, versprach Parker.

Vincente Barbadiere nickte. „Das wird genügen.“

„Bestimmt.“

„Noch Fragen?“, erkundigte sich der Mafiaboss.

Parker schüttelte für alle den Kopf. „Es ist alles klar.“

„Dann wünsche ich euch viel Glück.“

„Danke, Boss“, sagte Parker  wieder für alle.

Zu siebt verließen sie das Mafia-Lagerhaus. In zwei Wagen, deren Nummernschilder präpariert waren, fuhren sie ab. Vincente Barbadiere blieb zurück. Er machte die Aktion nicht mit. Er wartete lieber im Hintergrund auf den erfolgreichen Abschluss. Wozu sollte er sich strapazieren, wo ihm doch so zuverlässige Männer zur Verfügung standen.

Gruppe zwei - also jene drei Mann, die für einen gesicherten Rückzug zu sorgen hatten - fuhr hinter dem Wagen der Gruppe eins, der Gordon Parker angehörte.

Unwillkürlich fiel Parker wieder seine Verlobte ein. Wenn sie sich an die Polizei gewandt hatte, konnte es Ärger geben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ihm Fanny das wirklich antun würde. Sie liebte ihn doch, und sie wollte ihn ganz für sich haben. Aber das war nur möglich, wenn er auf freiem Fuß blieb.

Sie fuhren am Mendel Hospital vorbei, und gleich danach erreichten sie ihr Ziel: das Rechenzentrum von ACI - American Chemical Industries.

Parker saß nicht am Steuer des Wagens. Er legte dem Komplizen die Hand auf die Schulter und sagte: „Fahr hinter das Gebäude. Aber parke um Himmels willen nicht vorschriftswidrig.“

Das Mafiafahrzeug stoppte hinter einem Container für Altglas. An dieser Seite war das Rechenzentrum nur ein kahler Betonklotz mit Fenstern, so schmal wie Schießscharten.

„So, Freunde. Gleich geht es rund“, sagte Parker. „Seht euch vor, damit ihr euch nicht verletzt. Und keiner verlässt sich auf den andern. Jeder handelt so, als wäre er allein hier, klar?“

Die Komplizen nickten.

Gruppe zwei hatte das Fahrzeug schon verlassen. Die drei Männer postierten sich an den wichtigsten Punkten. Auf einem Spezialplan waren ihre Positionen von Barbadiere festgelegt worden.

Parker blickte auf seine Uhr. Gleich würde der eingeschleuste Mann erscheinen und die Hintertür des Rechenzentrums aufschließen. „Noch dreißig Sekunden“, sagte er. „Noch zwanzig ... noch zehn ... noch fünf, vier, drei, zwei, eine ...“

Und da erschien der Mann hinter dem Panzerglas. Er nickte den wartenden Mafiosi zu, zog einen Riegel zur Seite und sperrte das Sicherheitsschloss auf. „Fertig?“, fragte Parker seine Komplizen.

„Ja“, antworteten diese.

„Dann Masken auf und hinein ins Vergnügen.“

Sobald die Gangster maskiert waren, verließen sie ihren Wagen. Sie eilten zur Hintertür. Der Mann, der mit ihnen zusammenarbeitete, hatte sich schon wieder verdrückt.

Parker öffnete die Tür. Sie betraten das kühle Gebäude, liefen zu den Fahrstühlen, eine Kabine war zur Stelle. Sie stiegen ein und fuhren zur zweiten Etage hoch.

In wenigen Sekunden würden die Angestellten des Rechenzentrums von ACI eine unliebsame Überraschung erleben. Pfeilschnell schoss die Kabine nach oben. Zweiter Stock.

„Wir sind da“, sagte Parker durch die Maske. Ein eigenartiger Glanz lag in seinen Augen. Er war mit Spannung und Eifer bei der Sache. Voll konzentriert. In diesen Augenblicken verschwendete er keinen Gedanken mehr an seine Verlobte. Fanny würde schon wieder vernünftig werden.

Die Lifttüren glitten auseinander, und die vier Mafiosi befanden sich mitten im Herz des Rechenzentrums. Sie stürzten aus dem Fahrstuhl, richteten ihre MPis zur Decke und gaben mehrere Schüsse ab.

Große teure Computeranlagen arbeiteten für den Chemiekonzern. American Chemical Industries wären ohne dieses Rechenzentrum niemals so groß geworden. Nur die modernste Elektronik hatte das ermöglicht.

Zwölf Personen bedienten die Anlagen. Acht Männer, vier Frauen. Als die Maschinenpistolen zu hämmern anfingen, gerieten die Leute in Panik. „Los!“, schrie Gordon Parker. „Treibt sie zusammen!“

Einer der Angestellten schnellte herum und wollte fliehen. Parker schoss ihm nach. Er feuerte aber so, dass er den Mann knapp verfehlte. Der Angestellte stoppte augenblicklich.

Nervös hob er die Hände. Verstört drehte er sich um, kreidebleich im Gesicht. „Niemandem geschieht etwas, wenn ihr tut, was wir sagen!“, rief Parker. „Wir wollen niemanden töten. Also fordert es nicht heraus!“ Seine Komplizen drängten Frauen und Männer zur fensterlosen Damengarderobe. „Da hinein!“, befahlen die Mafiosi. „Rasch! Rasch! Nun macht schon! Geht das nicht ein bisschen schneller?“

Die Angestellten stießen gegeneinander, traten einander auf die Füße, hatten Angst vor diesen Maskierten, die sie mit Maschinenpistolen bedrohten. Niemand wagte es, die Gangster zu provozieren.

Sie zogen sich alle in die Damengarderobe zurück. Innen steckte ein Schlüssel im Schloss. Einer der Mafiosi zog ihn ab und steckte ihn außen ein.

Parker blickte auf seine Uhr. „Tür zu!“, rief er. Schon knallte sie ins Schloss. Der Schlüssel wurde zweimal herumgedreht. Mehr brauchte nicht getan zu werden. Die Angestellten waren gut aufgehoben. Um sie brauchten sich die Mafiosi nicht mehr zu kümmern.

Teil zwei der Aktion lief an, und in fünfzehn Minuten war der ganze Zauber vorbei ...

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Als Roberto Tardelli das Krankenhaus verließ, war es fünfzehn Uhr. Er hatte das Mittagessen wegen der vielen Aufregungen übersprungen, und nun meldete sich sein Magen mit einem unwilligen, fast bösen Knurren, deshalb suchte der CC-Agent eine nahe gelegene Imbissstube auf und verschlang ein Paar Würstchen. Danach setzte er sich in Henry Tysons schokoladenfarbenen Dienstwagen und fuhr zur Ashland Avenue, wo auf Nummer 1123 der Mafia-Killer Johnnie Maccini gewohnt hatte. Die Schlüssel für das FBI-Fahrzeug hatte Roberto von Dr. Linder bekommen.

Das Haus, in dem Maccini sein Apartment gehabt hatte, war ein Neubau, noch nicht einmal ganz fertig. Auf den Flächen vor dem Gebäude, die einmal bepflanzt werden sollten, lagen Erdhaufen, die erst noch planiert werden mussten. Ein Teil der Wohnungen stand noch leer. Nicht einmal Vorhänge hingen vor den Fenstern.

Roberto betrat das Gebäude. Alles roch noch neu. Der Geruch von Kalk, frischem Lack und Putzmitteln vermischte sich zu einem undefinierbaren Konglomerat. Roberto blieb kurz vor der Orientierungstafel stehen.

Johnnie Maccini hatte im vierten Stock gewohnt. Der Aufzug war noch nicht in Betrieb, damit die neuen Mieter ihre Möbel nicht damit transportieren konnten und die Kabine gleich demolierten.

Roberto dachte unwillkürlich an Henry Tysons Worte: „Wohnen die Leute, die Sie aufsuchen müssen, auch stets im letzten Stock?“

Nun, im letzten Stock hatte Maccini zwar nicht gewohnt, aber doch weit genug oben. Roberto machte sich an den Aufstieg. In der fünften Etage fand er auf Anhieb die richtige Tür. Ohrenbetäubend laut waren Sitarklänge zu hören. Roberto klopfte. Maccini hatte scheinbar nicht allein gelebt. Die Person, mit der er sein Apartment geteilt hatte, war zu Hause, aber sie hörte das Klopfen wegen des Lärms nicht.

Roberto schlug mit der Faust mehrmals gegen die Tür. Keine Reaktion. Er legte seine Hand auf den Türknauf und drehte ihn. Es war nicht abgeschlossen. Er öffnete die Tür einen Spaltbreit.

Der süßliche Geruch von Räucherstäbchen legte sich schwer auf seine Lungen. Auf einem Plattenspieler drehte sich eine LP. Der Tuner verstärkte die Sitarklänge, dass es schon unangenehm war.

Roberto begab sich zu dem Gerät und drehte leiser. Es befanden sich nicht viele Möbel in dem Raum. Statt eines Bettes lagen Matratzen auf dem Boden, und darauf lag ein Mädchen, das Roberto mit glasigen Augen anstierte.

Sie war high bis in die Haarspitzen. Roberto schätzte sie auf neunzehn. Ein schlankes, fast schon mageres Ding, lange schon süchtig, das bewiesen die vielen Einstiche an ihren Armen.

Roberto vermutete, dass sie Johnnie Maccinis Freundin war. Ein prachtvolles Pärchen waren sie gewesen. Er ein Mafiakiller, sie rauschgiftsüchtig. Die Spritze lag neben den Matratzen auf dem Boden. Ein Gummischlauch lag daneben. Obwohl das Gesicht des Mädchens momentan Glückseligkeit ausdrückte, kam sie Roberto armselig vor. Ein Mensch, der sich selbst zerstörte und dies auch wusste, von dem Höllenzeug aber nicht mehr loskam.

„Dreh die Musik wieder lauter!“, verlangte sie.

„Sie ist laut genug“, erwiderte Roberto. „Von dem Lärm kriegt man ja Ohrensausen.“

„Musst ja nicht hierbleiben. Keiner hat dich eingeladen.“

„Wie ist dein Name?“, fragte Roberto.

„Kyra.“

„Hm, Kyra, und wie noch?“

„Kyra Narana. Warum interessiert dich das? Wie heißt du?“

„Tardelli. Roberto Tardelli.“

„Bist du ein Freund von Johnnie?“

„Eher das Gegenteil“, antwortete Roberto ehrlich. „Weiß Johnnie, dass du drückst?“

„Aber ja. Denkst du, das ließe sich in diesem Stadium noch verheimlichen?“

„Er sagt nichts dazu?“

„Er darf nichts sagen. Er liebt mich, und er weiß, dass er mich verlieren würde, wenn er auch nur ein Wort gegen den Stoff sagt. Ich brauche das Zeug. Ich kann ohne es nicht mehr leben. Johnnie sieht das ein. Er beschafft es mir. Er kriegt es günstiger, verstehst du?“

„Damit ist es nun vorbei“, sagte Roberto ernst.

„Wieso? Bist du ein Bulle?“

„So etwas Ähnliches.“

„Habt ihr Johnnie kassiert?“

„Schlimmer, Kyra. Johnnie Maccini ist tot. Er wollte einen Mann namens Carl Kaine ermorden, geriet dabei an einen FBI-Agenten, und als er auf diesen schießen wollte, verlor er sein Leben.“

„Dieser Scheißbulle!“, schrie Kyra auf. „Wieso hat er das getan?“

„Johnnie ließ ihm keine andere Wahl. Dein Freund hat ihn gezwungen, zu schießen.“

„Er hatte dazu kein Recht.“

„Jeder Mensch hat das Recht, sein Leben zu verteidigen, Kyra.“

„Aber Johnnie hat mir doch den Stoff besorgt ... Was mache ich denn nun?“

„Willst du es nicht mal mit einer Entziehungskur versuchen?“

„Dazu ist es für mich schon zu spät.“

„Es ist nie zu spät, Kyra.“

Das Mädchen weinte. Aber Roberto hatte den Eindruck, dass sie nicht Johnnie Maccinis Tod betrauerte, sondern nur den Verlust dieser günstigen Rauschgiftquelle.

Er setzte sich zu ihr auf die Matratzen. „Ich brauche deine Hilfe, Kyra“, sagte er.

Sie starrte ihn hasserfüllt an. „Geh! Warum gehst du nicht? Ich will allein sein!“

„Dein Freund war ein Mafiakiller“, sagte Roberto eindringlich. „Kennst du den Namen seines Bosses?“

„Nein. Er hat über seine Jobs nicht mit mir geredet.“

„Er tauchte bei Carl Kaine mit einem Komplizen auf. Ein kräftiger Mann war es, blond und blauäugig.“

„Brian Sturgess“, sagte Kyra Narana sofort. „Ein guter Freund Johnnies.“

„Wo wohnt er?“, wollte Roberto Tardelli wissen.

„Beim Oakwoods Cemetery. Woodlawn Street 3746.“ Das Mädchen sprach emotionslos. Mit einem Mal schien ihr alles gleichgültig zu sein.

„Hatte Johnnie Maccini sonst noch Freunde?“, fragte Roberto weiter.

„Gordon Parker war ein paarmal hier, aber den kann man nicht als Freund bezeichnen“, antwortete Kyra Narana.

„Kennst du auch seine Adresse?“

Kyra nannte sie.

„Hör zu“, sagte Roberto. Er nahm das Mädchen bei den Schultern und drehte sie zu sich. „Kaine musste sterben, weil er mir verraten wollte, welches große Ding die Mafia plant. Weißt du etwas davon?“

„Nein. Nichts.“

„Johnnie hat dir nichts erzählt?“

„Ich sagte doch schon, dass er über diese Dinge nicht mit mir geredet hat.“

Roberto erhob sich. „Das macht nichts. Sturgess wird es mir verraten. Und wenn nicht er, dann Gordon Parker. Geh in eine Entwöhnungsanstalt, Kyra.“

„Wozu? Fünfundsiebzig Prozent aller Süchtigen werden nachher wieder rückfällig.“

„Vielleicht bist du bei den fünfundzwanzig Prozent.“

„Das glaube ich nicht. Ich habe einen schwachen Willen und einen labilen Charakter. Ich würde nach der Entwöhnung doch wieder umkippen.“

Roberto zuckte mit den Schultern. „Ich kann dich nicht zwingen.“

„Richtig“, sagte Kyra Narana.

Roberto wollte dieses Bild des Jammers nicht mehr länger sehen. Er wandte sich um und schickte sich an, das Apartment zu verlassen. Da rief ihm das Mädchen nach: „He, Tardelli!“

Er drehte sich noch einmal um. „Ja?“ Im selben Moment übersprang sein Herz einen Schlag. Kyra hielt einen Revolver in ihrer Hand.

Und sie sagte: „Du kommst von hier nicht ungeschoren davon, Bulle. Du hast mir Johnnie Maccini genommen, dafür nehme ich dir nun dein Leben!“

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Die Sitzung war für dreizehn Uhr anberaumt gewesen, alle Vorstandsmitglieder des ACI-Konzerns hatten sich pünktlich eingefunden, und nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Vorstandsdirektors James Huddleston war man zur Tagesordnung übergegangen.

Zwölf Mann saßen an dem langen Tisch. Man brachte Fakten, Zahlen und Daten vor, Vorschläge wurden diskutiert, neue Marketingmethoden beschlossen, Produktionstermine für neue Medikamente festgelegt.

Ein hübsches brünettes Girl fungierte als Schriftführerin. Alles, was im Konferenzraum von American Chemical Industries gesprochen wurde, hielt sie schriftlich fest.

Nach zwei Stunden gab es eine Zigarettenpause. Es wurden Kaffee und Kognak gereicht. Huddleston, ein weißhaariger Mann mit einem Oberlippenbart, der einer Fahrradlenkstange ähnelte, unterhielt sich mit jenen Vorstandsmitgliedern, mit denen er befreundet war, während andere ihre Unterlagen sichteten oder sich auf ihr bevorstehendes Referat vorbereiteten.

Nach zehn Minuten sagte Huddleston: „So, meine Herren, ich denke, wir sollten zum nächsten Punkt der Tagesordnung übergehen. Das wäre Punkt neun: Die Errichtung einer Tochterfirma in Lateinamerika ...“ Er hörte sich die Für und Wider seiner Experten an und ließ anschließend über dieses Projekt abstimmen. Die Mehrheit war dagegen. Auch Huddleston zählte zu den Gegnern von Punkt neun. Daher stellte ihn dieses Ergebnis sehr zufrieden.

„Und nun zu Punkt zehn“, sagte James Huddleston.

Er kam nicht dazu, fortzufahren, denn die Konferenzsaaltür öffnete sich, und Huddlestons Sekretärin trat ein. Eine reife, gepflegte Frau, die acht Sprachen fließend in Wort und Schrift beherrschte und eine echte Stütze ihres Chefs war.

„Was ist denn, Mrs. Baxter?“, fragte Huddleston verstimmt. Er liebte es nicht, während der Sitzung gestört zu werden. Aber es war wichtig, das erkannte er gleich darauf an Shirley Baxters Blick. Die Frau eilte zu ihm, beugte sich zu ihm hinunter, flüsterte ihm einiges ins Ohr, worauf sich der Vorstandsdirektor rasch erhob. „Entschuldigen Sie mich einen Moment, meine Herren!“, murmelte er und verließ mit seiner Sekretärin den holzgetäfelten Raum.

Er blieb nicht lange weg. Als er zurückkehrte, hatte sein Gesicht eine ungesunde Farbe. Er begab sich mit schleppenden Schritten an seinen Platz, setzte sich jedoch nicht. „Gentlemen“, begann er mit kratziger Stimme. „Ich habe Ihnen eine besorgniserregende Mitteilung zu machen: Unser Rechenzentrum wurde vor wenigen Minuten von unbekannten Gangstern überfallen.“

Ein aufgeregtes Stimmengemurmel hob an.

James Huddleston schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Bitte, Gentlemen, hören Sie mich weiter an. Den Verbrechern fielen fünfhundertvierzig Magnetbänder und achtundvierzig Plattenstapel in die Hände. Diese Beute hat man mir soeben telefonisch zum Rückkauf angeboten.“

„Wie viel wollen die Gangster dafür haben?“, wurde der Vorstandsdirektor gefragt.

Huddlestons Stirn kräuselte sich. „Eine Million Dollar“, sagte er fast tonlos.

„Das ist ja Wahnsinn.“

Huddleston nickte ernst. „Das ist es in der Tat. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, was es für Folgen hätte, wenn die Gangster ihre Beute vernichten würden. Unsere Firma wäre ruiniert. Auf den geraubten Datenträgern befinden sich alle Kreditoren- und Debitorenzahlen sowie Gehaltsdaten und die gesamten Geschäftsgeheimnisse.“

„Heißt das, wir müssen auf die Forderung der Gangster eingehen?“

„Ich fürchte, ja. Oder hat jemand von Ihnen einen besseren Vorschlag?“, fragte James Huddleston und blickte gespannt in die Runde, aber er sah nur in ratlose Gesichter.

„Wir müssen uns an die Polizei wenden!“, sagte eines der Vorstandsmitglieder.

„Das hat mir der Anrufer ausdrücklich untersagt“, erwiderte Huddleston. „Wir werden es aber dennoch tun. Hoffentlich arbeitet die Polizei so unauffällig, dass es die Verbrecher nicht merken. Inzwischen sollten wir für die Bereitstellung der geforderten Summe sorgen.“

„Wann und wo soll die Übergabe stattfinden?“

„Das hat der Anrufer mir noch nicht mitgeteilt. Er wird sich mit mir demnächst wieder in Verbindung setzen.“

„Vielleicht kann die Polizei ihn mithilfe einer Fangschaltung erwischen.“

Huddleston seufzte schwer. „Es wird bestimmt alles unternommen werden, um den Verbrechern die Beute wieder abzujagen. Sollte das jedoch nicht genug sein, werden wir die Datenträger zurückkaufen müssen, denn dann haben wir keine andere Wahl. Wer diese Meinung mit mir teilt, der möge jetzt bitte die Hand heben.“

Es wurde eine einstimmige Sache. Huddleston hatte recht. ACI war ohne die Datenträger ruiniert. Der Konzern musste sie unbedingt wiederhaben, sonst brach dieser gigantische Riese zusammen.

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Roberto Tardelli kroch die Gänsehaut über den Rücken. „Mach keinen Unsinn, Kyra!“, sagte er eindringlich. „Ich war es nicht, der Johnnie Maccini erschossen hat.“

„Aber du warst dabei!“

„Ja ...“

„Und du bist ein Bulle! Ich brauchte mir nie Sorgen zu machen, woher ich den Stoff für den nächsten Schuss nehmen sollte. Johnnie besorgte mir alles, was ich haben wollte. Damit ist es nun vorbei. Und ihr seid schuld daran, ihr verdammten Bullen. Ich werde mir das Geld auf dem Strich verdienen müssen. Aber wer wird ein so ausgemergeltes Mädchen wie mich haben wollen? Ich hasse dich, Tardelli. Ich hasse dich von ganzem Herzen, deshalb werde ich dich umbringen, wie ihr Johnnie umgebracht habt.“

Roberto trat der Schweiß auf die Stirn. Das Mädchen bluffte nicht. Kyra Narana wollte ihn tatsächlich mit einer Kugel fertigmachen. „Leg die Waffe weg, Kyra!“, verlangte Roberto.

Sie verzerrte ihr Gesicht zu einem höhnischen Grinsen. „Jetzt hast du Angst, was?“

„Natürlich. Wer fürchtet sich nicht vor dem Sterben?“

„Ich. Weil mir schon alles egal ist.“

„Selbst du hängst an deinem Leben.“

„Auf jeden Fall hat Johnnie Maccini daran gehangen, doch das hat euch nicht gehindert, ihn zu erschießen.“

„Es war Notwehr. Außerdem machst du nichts ungeschehen, wenn du mich jetzt umlegst!“, sagte Roberto.

„Aber es ist mir eine Freude. Ein Bulle weniger. Das ist immerhin eine Genugtuung.“

Ihre Miene verfinsterte sich. Gleich schießt sie, dachte Roberto. Er ließ sich zur Seite fallen und trat mit dem rechten Fuß nach Kyras Handgelenk. Sie schrie auf. Der Revolver - sie hatte ihn unter dem Kopfkissen versteckt gehabt - sprang ihr förmlich aus den Fingern, drehte sich in der Luft und fiel auf den Boden.

Kyra Narana wollte sich die Waffe wiederholen, doch Roberto Tardelli war schneller. Er federte hoch, packte den Revolver und hob ihn auf. Kyra schluchzte und kreischte vor Wut. Sie schlug auf Roberto ein. Er trat zurück, steckte den Revolver in seinen Hosenbund und verließ das Apartment. Er wollte mit dieser Furie, die ihn um ein Haar umgelegt hätte, nichts mehr zu tun haben.

Von der Ashland Avenue fuhr Roberto auf kürzestem Wege zum Oakwoods Cemetery. Vom Lake Michigan kommend zogen Wolken auf. Sie verdeckten für eine Weile die Sonne. Als Roberto aber in der Woodlawn Street aus Henry Tysons Dienstwagen stieg, war der Himmel bereits wieder strahlend blau.

Roberto betrat das Haus Nummer 3746. Er hatte Recht. Der blonde Mafiakiller war nicht zu Hause. Einen Moment lang überlegte Roberto enttäuscht, ob er zu Gordon Parker weiterfahren sollte, doch dann entschied er sich dafür, zu bleiben und auf Brian Sturgess zu warten.

Er kehrte zu Tysons Wagen zurück, setzte sich hinter den Volant und beobachtete den Gebäudeeingang. Zwanzig Minuten vergingen. In dieser Zeit ließ Roberto im Geist eine Menge Dinge Revue passieren. Er dachte auch an den geplanten Coup der Mafia, den er verhindern sollte. Aber Kaine war tot, und es war fraglich, ob Sturgess sofort auspacken würde.

Nach zwanzig Minuten Wartezeit kam Sturgess nach Hause. Zu Fuß bog er um die Ecke. Gleich darauf verschwand er in dem Haus, in dem er wohnte.

Roberto verließ den FBI-Wagen. Er eilte hinter Sturgess her. Der Mafiakiller bemerkte ihn nicht. Sturgess schloss seine Wohnungstür auf. Er hatte großes Verlangen nach einem kräftigen Schluck Whisky. Er Sorgte immer dafür, dass genug zu trinken im Haus war, aber er trank niemals vor der Arbeit. Erst danach gönnte er sich seinen Drink.

Roberto war knapp hinter dem Killer, ohne dass dieser es merkte. Sturgess drückte die Tür auf und trat ein. Er wollte ihr achtlos einen Schubs geben, doch das verhinderte Roberto, indem er sie mit der Schulter zur Seite rammte. Die Luger hielt er längst in der Hand.

Brian Sturgess bewies, dass er fast ohne Schrecksekunde zu reagieren vermochte. Er war ein guter Mann für die Mafia, das hatte Roberto bereits zweimal erfahren müssen. Doch diese dritte Begegnung sollte anders ausgehen.

Der Killer griff ins Jackett. Er wollte seine Pistole aus der Schulterholster reißen, aber Robertos Faust warf ihn gegen die Wand. Roberto stieß die Tür zu, ließ den Gangster die Luger sehen und zischte: „Stecken lassen!“

Sturgess versteifte sich. Er war clever. Er wusste, dass er in diesem Augenblick keine Chance hatte. Deshalb zog er die Hand ohne Waffe aus dem Jackett. Roberto holte sich die Kanone. Er schob sie dorthin, wo vor Kurzem noch Kyra Naranas Revolver gesteckt hatte. Diese Waffe lag jetzt in Henry Tysons Wagen. Allmählich bekam er ein ganzes Waffenarsenal zusammen.

„Zweimal warst du am Drücker, diesmal bin ich es!“, sagte Roberto. Es fiel ihm nicht leicht, sich zu beherrschen, denn dieser Mann hatte Henry Tyson niedergeschossen und Carl Kaine ermordet, und das waren bestimmt nicht die einzigen Straftaten, die er begangen hatte.

„Einmal oben, einmal unten“, sagte Sturgess gleichgültig. „So ist das Leben.“

„Du hast Kaine getötet, damit er nichts erzählen kann. Nun möchte ich von dir wissen, was das Syndikat plant!“

Brian Sturgess grinste. „Da sieht man mal wieder, wie langsam ihr Bullen seid. Der Coup ist längst gelaufen.“

„Worum ging es?“

„Du kannst es morgen wahrscheinlich in allen Zeitungen lesen.“

„Ich möchte es heute hören.“

„Ich sage nichts.“

„Du kannst an dem Coup nichts mehr verderben, wenn er bereits über die Bühne gegangen ist.“

„Richtig.“

„Warum redest du dann nicht?“

„Weil ich dich ärgern möchte“, sagte Brian Sturgess mit hohntriefender Stimme.

„Wer ist dein Boss?“

„Ich bin kein Verräter!“, sagte Sturgess. „Bei der Mafia herrscht das Gesetz des Schweigens. Omertà. Wer sich nicht daran hält, wird liquidiert, ganz gleich, wo er sich befindet. Selbst im Gefängnis ist man vor ihrem langen Arm nicht sicher. Deshalb halte ich den Mund.“

„Na schön, wie du willst“, sagte Roberto. Er drängte den Mafiakiller vor sich her. Sie gelangten ins Wohnzimmer. Brian Sturgess musste sich setzen. Roberto nahm den Hörer des Telefons ab und wollte den Polizeinotruf wählen, doch er kam nur dazu, die erste Zahl zu tippen. Dann explodierte der Killer.

Er glaubte, Roberto wäre unachtsam, doch das stellte sich als Irrtum heraus. Roberto war auf der Hut. Er wusste, wie gefährlich der Blonde war, und wollte sich von Sturgess nicht noch einmal überrumpeln lassen. Zweimal war genug.

Sturgess versuchte es, um sich später keine Vorwürfe machen zu müssen. Wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil kam er heran. Roberto steppte zur Seite und schlug mit der Luger zu.

Der Mafiakiller stolperte und fiel. Roberto riss ihn auf die Beine. Sturgess hatte noch nicht genug. Mit seinen Fäusten hieb er blindwütig auf Roberto ein, doch dieser entkräftete den Killer mit einem zweiten Schlag so sehr, dass der Mann an einer Fortsetzung des Kampfes kein Interesse mehr zeigte.

Roberto tippte die Notrufnummer der Polizei in den Apparat. Dazu war dieses Telefon bestimmt noch nie benützt worden. Er berichtete den Cops knapp, aber ausführlich, und man versprach, einen Streifenwagen vorbeizuschicken, der Sturgess in Empfang nehmen sollte.

Während der Wartezeit löcherte Roberto den Mafioso mit vielen Fragen, bekam darauf jedoch keine beziehungsweise nur ausweichende Antworten. Zehn Minuten später waren die Cops zur Stelle.

Roberto übergab ihnen den Mafiakiller, und eine halbe Stunde danach traf er bei Henry Tyson im Krankenhaus ein. Der FBI-Agent hatte einen Anspruch darauf zu erfahren, wie die Dinge standen.

Blass und kraftlos sah Tyson aus. Robertos Magen krampfte sich zusammen. Er hatte ein unangenehmes Ziehen im Magen, als er daran dachte, dass der G-Man nie mehr würde gehen können.

„Hallo, G-Man“, sagte Roberto, um ein optimistisches Lächeln bemüht.

„Dass man Sie wieder mal sieht“, sagte Tyson leise.

„Wie geht’s?“

„Ich habe kein Gefühl in meinen Beinen. Ganz taub sind sie.“

„Das wird schon wieder“, sagte Roberto. Er fragte sich, ob Henry Tyson wusste, dass er seine Beine nicht mehr gebrauchen konnte. Hatte es ihm Dr. Linder schon gesagt? Vermutlich nicht. Der Schock hätte den Patienten umbringen können.

„Wie kommen Sie in Ihrem Fall voran?“, wollte Tyson wissen.

„Es ist immer noch unser Fall.“

Tyson schüttelte den Kopf. „Ich bin aus dem Rennen, Roberto.“

„Ich habe mir den blonden Killer geschnappt“, erzählte Roberto Tardelli. Er schilderte Einzelheiten.

„Was ist mit dem Coup, den das Syndikat plant?“

„Sturgess behauptet, der wäre schon gelaufen.“

„So ein Mist.“

„Das können Sie laut sagen, Henry.“

„Was haben die Banditen unternommen?“

„Sturgess schweigt. Aus Trotz und aus Angst. Aber ich habe noch ein Eisen im Feuer: Gordon Parker. Ebenfalls ein Freund von Johnnie Maccini. Vielleicht redet er, wenn ich ihn schön darum bitte.“

„Setzen Sie ihm Daumenschrauben an, Roberto.“

„Das werde ich tun. Und er kriegt auch Spanische Stiefel von mir verpasst. Kann ich irgendetwas für Sie tun, Henry?“

„Ja.“

„Was?“

„Halten Sie mich auf dem Laufenden“, bat der FBI-Agent.

„Mache ich gern“, erwiderte Roberto und ging.

Es hatte sich inzwischen herumgesprochen, dass Roberto in Henry Tysons Dienstwagen unterwegs war, und so setzte sich die COUNTER-CRIME-Leitstelle Chicago über Funk auf der FBI-Frequenz mit ihrem Agenten in Verbindung. Roberto erfuhr, wem der Schlag der Mafia gegolten hatte: dem Rechenzentrum von American Chemical Industries.

Die Mitglieder der Ehrenwerten Gesellschaft waren zu Computer Haien geworden. In einer Blitzaktion, wie es sie noch nie zuvor gegeben hatte, hatte die Cosa Nostra eine wertvolle Beute an sich gebracht.

„Sie können sich vorstellen, wie die Leute von ACI rotieren“, sagte Robertos Gesprächspartner. „Der Konzern ist zwar nicht gerade arm, aber eine Million Dollar tut auch ihm weh. Von dieser Summe wird er sich wohl oder übel trennen müssen, wenn es uns nicht gelingt, die Beute wiederzubeschaffen.“

Roberto schmunzelte. Sein Kollege sagte uns und meinte ihn. Wenn er, Roberto, es nicht schaffte, die Beute zurückzuholen, würde ACI zahlen müssen. Eine andere Möglichkeit hatte die Firma nicht. Bei Vernichtung der Datenträger würde sie in die Knie gehen. Das wusste die Mafia. Deshalb konnte sie diesen hohen Preis verlangen.

Mittlerweile wusste man bei COUNTER CRIME - die City Police hatte das FBI informiert, und dieses hatte die Meldung an die geheime Dienststelle weitergegeben - von Brian Sturgess’ Verhaftung, und es war inzwischen auch schon bekannt, dass der blonde Mafiakiller für Vincente Barbadiere gearbeitet hatte.

Roberto erhielt diese Information jetzt. Er bekam einen kleinen Abriss aus dem COUNTER CRIME Dossier, das man da über Barbadiere angelegt hatte, mitgeliefert.

„Vincente Barbadiere und seine Leute haben das Ding gedreht“, fasste der Kollege zusammen.

„Dann braucht ihr ihn nur noch aufzusuchen und festzunehmen“, meinte Roberto.

„Leider ist das nicht so einfach. Barbadiere ist nämlich gleich nach dem gelungenen Coup auf Tauchstation gegangen. Niemand weiß, wo er sich befindet.“

„Niemand?“

„Keiner von uns jedenfalls“, erwiderte Robertos Kollege. „Wir können mit Sicherheit annehmen, dass er die Beute bei sich hat. Deshalb ist es wichtig, sich ihm sehr vorsichtig zu nähern, denn wenn er vorzeitig etwas davon merkt, vernichtet er, was ihm seine Männer beschafft haben.“

„Es wird also ein Akrobatenakt auf einem dünnen Drahtseil ohne Netz“, meinte Roberto Tardelli.

„Es wird nicht leicht für Sie werden, das ist sicher“, gab der andere zu. „Bevor Sie sich auf die Suche nach Sturgess begeben, sollten Sie noch kurz bei James Huddleston vorbeischauen. Der Vorstandsdirektor von ACI erwartet Sie. Ihr Besuch wurde von uns bereits avisiert.“

„Okay, ich fahre hin.“

„Viel Glück, Roberto.“

„Danke. Kann ich gebrauchen.“

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Als Roberto Tardelli das Marmorgebäude des ACI-Konzerns betrat, spürte er die Schwierigkeiten und den Ärger, die in der Luft lagen. Er fuhr zur Chefetage hoch, wurde von Mrs. Baxter empfangen und sofort in Huddlestons Büro gebracht. Die Vorstandssitzung war vertagt worden. Sämtliche Vorstandsmitglieder befanden sich jedoch noch im Haus. Sie bildeten nun den Krisenstab.

Da Roberto Tardelli als COUNTER-CRIME-Agent so wenigen Personen wie möglich bekannt sein sollte, empfing ihn James Huddleston nicht im Konferenzraum, sondern in seinem Allerheiligsten.

Der elegante weißhaarige Mann machte einen fahrigen Eindruck. Kein Wunder, die Zukunft des gesamten Chemieimperiums stand auf dem Spiel.

Huddleston begrüßte Roberto ernst. Er strich sich gedankenverloren über den weißen Oberlippenbart. Shirley Baxter stand noch im holzgetäfelten Raum. „Ist noch was?“, fragte der Vorstandsdirektor seine Sekretärin.

„Brauchen Sie mich noch, Sir?“

„Nein. Vielen Dank.“

Mrs. Baxter schloss die gepolsterte Tür von außen.

„Ich danke Ihnen, dass Sie so rasch gekommen sind, Mister Tardelli“, sagte Huddleston. Er bot Roberto Platz an, fragte, ob er einen Drink oder eine Zigarre oder beides haben wolle. Roberto lehnte dankend ab. Huddleston ließ sich schwer auf seinen Schreibtischstuhl fallen. „Wir stehen am Rande eines Abgrunds, Mister Tardelli. Das ist keine Übertreibung. Nie hätte ich gedacht, dass es mit unserem Konzern so weit kommen könnte. Das Unternehmen steht auf finanziell gesunden Beinen. Wir haben überall die besten Jahresbilanzen. Daran, dass unser Rechenzentrum eine Achillesferse ist, dachte keiner von uns.“

„Aber der Mafia fiel es auf.“ Huddleston nickte. „In jüngster Zeit häufen sich weltweit die Computer-Verbrechen. Erst kürzlich bestahl ein Computer-Fachmann seine Bank. Er besorgte sich den geheimen Code und ließ per Telefonanruf zehn Komma zwei Millionen Dollar auf sein Konto überweisen. Der Bank fiel es nicht auf. Erst als der Täter mit seiner Tat prahlte, wurde er verhaftet. Das ist kein Einzelfall. An sogenannte Karteileichen - also Menschen, die schon tot waren - wurden Unfallrenten ausbezahlt. Computer-Diebe bezogen Kindergeld für Kinder, die es gar nicht gab. Sie können sich nicht vorstellen, was auf diesem Gebiet schon alles gedreht wurde.“

„Trotzdem dachten Sie nie daran, Ihr Rechenzentrum zu schützen.“

„Welche Firmenleitung denkt schon an so etwas?“

„In Zukunft wird es geschehen, sonst macht dieses neue Mafia-Modell Schule“, sagte Roberto Tardelli. „Welche Maßnahmen wurden bereits eingeleitet?“

„Wir haben das Geld angefordert.“

„Sonst noch etwas?“

„Sämtliche Vorstandsmitglieder von ACI bilden einen permanenten Krisenstab. Wir haben uns an das FBI gewandt. Man hat unsere Telefonleitungen angezapft. Sowie ein neuer Anruf der Verbrecher uns erreicht, versuchen die Beamten herauszufinden, woher der Anruf kommt.“

„Ich würde darauf nicht allzu viel Hoffnungen setzen“, sagte Roberto skeptisch. „Unsere Gegner sind Profis. Die wissen, dass es Fangschaltungen und diverse andere Mätzchen gibt, deshalb werden sie niemals lange telefonieren.“

„Ich habe den Auftrag, das Gespräch zu dehnen, so gut es geht.“

„Das nützt Ihnen gar nichts. Man wird mit Ihnen mit der Uhr in der Hand sprechen. Wenn die Frist, die sich die Gangster setzen, um ist, legen sie auf.“

Huddleston musterte Roberto verzweifelt. Er suchte nach einem Hoffnungsschimmer. „Sie haben sehr viel mit dem Syndikat zu tun, hat man mir gesagt.“

„Laufend“, erwiderte Roberto.

„Was meinen Sie, was haben wir für Chancen?“

„Nicht die besten. Noch nicht. Die verbessern sich erst, wenn ich herausgefunden habe, wo sich Vincente Barbadiere, der Kopf der Computer-Gang, versteckt hat. Er hat mit Sicherheit die Datenträger bei sich. Ich werde sie ihm abnehmen. Dafür benötige ich aber ein bisschen Zeit. Sie kennen ja den Spruch: Unmögliches erledigen wir sofort. Für Wunder bitten wir um etwas Geduld.“ Huddleston wischte sich mit der Hand über die Augen. „Heute ist der schwärzeste Tag in meinem Leben, Mister Tardelli. Was darf ich meinen Freunden im Vorstand sagen?“, Roberto lächelte schmal. „Versprechen Sie ihnen lieber nichts, dann sind sie hinterher wenigstens nicht enttäuscht.“

„Damit machen Sie auch mir nicht gerade sehr viel Mut.“

„Dazu besteht auch nicht die geringste Veranlassung. Ich bin für klare Verhältnisse, Mister Huddleston. Falsche Schönfärberei bringt nichts. Man muss das Kind beim Namen nennen, damit jeder weiß, woran er ist.“

James Huddleston hob ein Blatt Papier auf, das auf seinem Schreibtisch lag. „Auf dieser Liste ist alles aufgeführt, was die Computer-Haie geraubt haben“, sagte er.

Roberto nahm die Liste in Empfang. Er überflog sie. 540 Magnetbänder. 48 Plattenstapel. Die Existenz des Konzerns hing von der Wiederbeschaffung dieser Dinge ab.

„Ich werde mir Mühe geben, Barbadiere all das wieder abzujagen“, versprach Roberto Tardelli. Aber er wusste, dass das nicht ohne Schwierigkeiten abgehen würde.

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Gordon Parker hatte zwei Seelen in seiner Brust. Die eine lebte für Fanny Finney, die andere für das Syndikat. Er glaubte, eine große Zukunft bei der Cosa Nostra vor sich zu haben.

Wie er mit seinen Komplizen den Coup für Barbadiere erledigt hatte, das würde sich in Mafiakreisen rasch herumsprechen. Man würde ihm neue Aufgaben übertragen, er würde viel Geld damit verdienen können - und es würde leicht verdientes Geld sein, denn schwierig war es nicht gewesen, das Rechenzentrum von American Chemical Industries zu überfallen. Bei Gott nicht.

Er wollte der Ehrenwerten Gesellschaft eigentlich nicht den Rücken kehren. Fanny verlangte das aber von ihm. Er wusste nicht, wie er sich entscheiden sollte. Wenn er sich für die Mafia entschied, würde er Fanny verlieren. Entschied er sich für Fanny, würde er einträgliche Jobs verlieren - und vielleicht auch sein Leben, denn der Mob war schnell beleidigt, wenn man ihm den Rücken kehrte.

Eigentlich gab es für ihn nur eine Möglichkeit: Er musste Fanny umstimmen, musste an ihre Liebe appellieren, musste ihr klarmachen, dass ihr Platz an seiner Seite war, egal, was er beruflich tat.

Leicht würde das bestimmt nicht sein, aber wenn er Fanny in einer schwachen Stunde erwischte, konnte es ihm vielleicht gelingen, und wenn sie einmal ja gesagt hatte, würde sie auch dabei bleiben.

Er ging nach Hause, um sich umzuziehen. Hinterher wollte er den erfolgreichen Abschluss des Coups mit zwei Komplizen begießen. Sie würden ihn abholen. Er hatte in einem Blumenladen ein Dutzend roter Rosen gekauft. Nun schloss er die Tür der Mansardenwohnung auf und schob den herrlich duftenden Strauß vor sich in das Apartment.

„Oh, Gordon!“, rief Fanny begeistert aus. „Die herrlichen Rosen!“

Er grinste hinter dem Strauß zufrieden. Braves Mädchen, dachte er. Sie hat sich nicht an die Bullen gewandt. Sie weiß, was sich gehört und wohin sie gehört. Sie wird dich nie verraten.

Er trat ein.

Fanny nahm ihm die Blumen ab, holte eine Vase, füllte diese mit Wasser und arrangierte die Rosen. „Wofür sind die?“, wollte sie wissen.

„Hast du nicht Geburtstag?“, fragte er schmunzelnd.

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Dann sind sie wohl als Versöhnungsgeschenk gedacht. Wegen der kleinen Meinungsverschiedenheit, die wir hatten.“

Fanny wurde ernst. „Du bist nicht mehr nervös. Du bist bester Laune. Ich schließe daraus, dass du den Coup bereits hinter dir hast.“

„Es war eine Klackssache“, sagte Gordon Parker.

„Du hast gesagt, hinterher würdest du aussteigen.“

„Ja, das habe ich gesagt.“

„Und?“

„Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit den zuständigen Leuten zu reden, Fanny. Du musst ein bisschen Geduld haben. So etwas geht nicht von heute auf morgen. Ich darf diese Männer nicht vor den Kopf stoßen. Sie sind sehr empfindlich in diesen Dingen. Du willst doch nicht, dass man mich auf die schwarze Liste setzt.“

„Feine Freunde hast du“, sagte Fanny verächtlich.

Parker hob die Schultern. „Das lässt sich nun nicht mehr ändern. Aber ich verspreche dir, dass ich zu gegebener Zeit - wenn sich die richtige Gelegenheit ergibt - mit ihnen reden werde. Wenn ich ihnen sage, dass du ein Baby erwartest, werden sie mich verstehen. Sie lieben Kinder.“ Er küsste sie auf die Stirn. „Jetzt muss ich mich beeilen.“

„Du gehst noch einmal weg?“, fragte Fanny enttäuscht. „Ich habe einen Braten im Ofen.“

„Ein, zwei Stunden, dann bin ich wieder zu Hause“, sagte Parker und begab sich nach nebenan, um sich umzuziehen.

Es klopfte. Gordon Parker hörte Fanny zur Tür gehen. Sie öffnete. „Ja, bitte?“, fragte sie.

„Guten Tag, Miss. Mein Name ist Roberto Tardelli. Ich möchte zu Mister Gordon Parker. Ist er zu Hause?“ Parker - bereits umgezogen - eilte zur Tür und warf einen Blick auf den Mann, der nach ihm gefragt hatte. Von dem war nichts Gutes zu erwarten! Parkers Stirn bedeckte sich mit Schweiß. Er wusste nicht, wie Fanny reagieren würde. Es wäre ihm lieb gewesen, wenn seine Verlobte diesen Roberto Tardelli weggeschickt hätte, aber Fanny war ein ehrliches Mädchen.

„Ja, er ist da“, sagte sie und gab die Tür frei. „Gordon!“, rief sie. „Gordon, es möchte dich jemand sprechen! Kommen Sie herein, Mister Tardelli.“

„Danke“, sagte Roberto und trat ein. Parker verlor den Kopf. Er schmetterte die Tür zu, drehte sich herum und hastete durch den Raum. Roberto begriff sofort, dass nicht der Wind die Tür zugeworfen hatte. Der Mafioso wollte türmen. Roberto lief an Fanny Finney vorbei. Er stieß die Tür, die Parker zugeworfen hatte, auf und sah den Gangster auf die Terrasse hinausstürmen.

Ehe Roberto es verhindern konnte, überkletterte Gordon Parker die steinerne Brüstung. Wollte der Mann sich in die Tiefe stürzen?

„Parker!“, schrie Roberto. „Bleiben Sie hier!“

„Gordon!“, schrie Fanny Finney entsetzt. „Mein Gott, was tust du?“

Parker turnte wie ein Fassadenkletterer zur nächsten Etage hinunter. Roberto zog seine Luger. Als er die Brüstung erreichte, ließ der Mafioso sich fallen. Er landete auf dem Balkon der unteren Wohnung. Sie stand zur Zeit leer. Ihm wurde jetzt erst klar, dass er völlig falsch reagierte. Tardelli hätte ihm nichts anhaben können. Er hätte nur den Mund zu halten brauchen. Warum diese Panik? Seine Flucht kam einem Schuldbekenntnis gleich. Verdammt. Aber daran war nun nichts mehr zu ändern. Er konnte nur noch weitermachen.

Blitzschnell zertrümmerte er mit dem Fuß das Glas der Balkontür. Seine Hand suchte den Riegel. Er öffnete die Tür und hetzte durch die leerstehende Wohnung, deren Besitzer nach Südamerika verreist waren und erst in vier Wochen zurückkommen würden.

Roberto verzichtete darauf, dem Gangster auf diesem Weg zu folgen. Er machte kehrt. Fanny Finney stand verstört da. Sie starrte auf die Luger in Robertos Hand und stieß entsetzt hervor: „Schießen Sie nicht auf ihn! Ich flehe Sie an, lassen Sie ihm sein Leben!“

Roberto verließ, die Mansardenwohnung. Er hetzte die Treppe hinunter, und als unten Gordon Parker die Apartmenttür aufriss, war Roberto Tardelli zur Stelle. Er hielt die Luger mit beiden Händen.

„Stopp, Parker!“, keuchte er.

Der Mafioso erstarrte. Er riss die Hände hoch und blickte Roberto erschrocken an.

„Kommen Sie her!“, verlangte Roberto.

Parker machte zwei unsichere Schritte.

„Drehen Sie sich um. Gesicht zur Wand!“, befahl Roberto.

Sobald der Gangster so dastand, wie Roberto es haben wollte, trat der CC-Agent hinter ihn und durchsuchte ihn hastig. Er fand keine Waffe bei Parker. Oben kam jetzt erst Fanny Finney aus der Wohnung gelaufen. „Gordon! Lieber Himmel ...!“

„Wir gehen wieder hinauf“, sagte Roberto. Er wedelte mit der Pistole. Parker setzte sich in Bewegung.

Fannys Augen schwammen in Tränen. „Habe ich es nicht prophezeit? Habe ich nicht immer gesagt, dass so etwas einmal passieren wird, Gordon? Oh, Gordon, warum hast du bloß nicht auf mich gehört?“

Der Mafioso betrat die Mansardenwohnung. Er sagte kein Wort, sein Blick wich dem seiner Verlobten aus. Eine andere Frau - eine, die hundertprozentig hinter dem Mann gestanden hätte, den sie liebte - hätte versucht, Roberto Tardelli auszuschalten. Aber Fanny stand mehr auf Tardellis Seite als auf seiner.

Parker musste sich im Livingroom setzen. Fanny lehnte sich neben die Tür zitternd an die Wand. Es wäre Parker lieber gewesen, wenn sie hinausgegangen wäre.

Roberto Tardelli konnte zwei und zwei zusammenzählen. Gordon Parker kannte Johnnie Maccini. Und dieser war ein Freund von Brian Sturgess gewesen. Sturgess arbeitete für Vincente Barbadiere. Barbadieres Männer hatten das ACI-Rechenzentrum überfallen. Und Gordon Parker reagierte auf den Besuch eines Fremden mit heller Panik. Also hatte der Mann Dreck am Stecken. Vermutlich hatte er bei dem Coup mitgewirkt. So überlegte Roberto.

„Ich bin sicher, Sie haben mir einiges zu erzählen“, sagte der COUNTER-CRIME-Agent.

„Ich wüsste nicht, was!“, gab Gordon Parker trotzig zurück.

„Warum sind Sie Hals über Kopf getürmt, als ich nach Ihnen fragte?“

„Weil ich ... Ich dachte ...“

„Nun?“

„Ich sage nichts.“

Details

Seiten
300
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916980
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (April)
Schlagworte
zwei krimis

Autoren

Zurück

Titel: Zwei Top Krimis #1