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Tropensymphonie

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Kolumbiens Minengesellschaften, das heißt in diesem Fall die Smaragdmine in Muzo und die Platinmine in Choco, haben ihre eigene Vorstellung wie man seine Arbeiter, die sich für eine fünfjährige Arbeit verpflichtet haben, behandelt. Der Begriff „moderner Sklave“ macht die Runde. Aber sie fangen sie nicht mit roher Gewalt ein, o nein, das ist gar nicht nötig. Es gibt auf der Welt genug arme Teufel oder Abenteurer, die den Traum von Reichtum und großem Glück träumen. Sie kommen freiwillig…
Doch schnell merken sie, dass in den Minen, die für die Aktionäre ein Paradies bedeuten mag, ein anderer, viel rücksichtsloserer und schärferer Ton herrscht als sie sich je erträumt haben und die Arbeitsbedingungen geradezu menschenunwürdig sind. Es ist die Hölle. Und die erste ist Muzo. Wer jedoch glaubt, es kann nicht schlimmer kommen, der irrt. Es kann VIEL schlimmer kommen. Dann ist man sogar geneigt, diese erste Hölle als Paradies zu betrachten, nach der man sich sehnt. Und es kommt der Tag, an dem man den Tod, und mag er noch so grausam und schmerzhaft sein, mit offenen Armen empfängt…

Leseprobe

Table of Contents

Tropensymphonie

Klappentext:

Copyright

Erstes Buch: FORTISSIMO ODER DIE SMARAGDE

Zweites Buch: FURIOSO ODER DAS PLATIN

Drittes Buch: FINALE ODER DIE DIAMANTEN

Tropensymphonie

Roman von Ernst F. Löhndorff

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 275 Taschenbuchseiten.

 

Klappentext:

Kolumbiens Minengesellschaften, das heißt in diesem Fall die Smaragdmine in Muzo und die Platinmine in Choco, haben ihre eigene Vorstellung wie man seine Arbeiter, die sich für eine fünfjährige Arbeit verpflichtet haben, behandelt. Der Begriff „moderner Sklave“ macht die Runde. Aber sie fangen sie nicht mit roher Gewalt ein, o nein, das ist gar nicht nötig. Es gibt auf der Welt genug arme Teufel oder Abenteurer, die den Traum von Reichtum und großem Glück träumen. Sie kommen freiwillig …

Doch schnell merken sie, dass in den Minen, die für die Aktionäre ein Paradies bedeuten mag, ein anderer, viel rücksichtsloserer und schärferer Ton herrscht als sie sich je erträumt haben und die Arbeitsbedingungen geradezu menschenunwürdig sind. Es ist die Hölle. Und die erste ist Muzo. Wer jedoch glaubt, es kann nicht schlimmer kommen, der irrt. Es kann VIEL schlimmer kommen. Dann ist man sogar geneigt, diese erste Hölle als Paradies zu betrachten, nach der man sich sehnt. Und es kommt der Tag, an dem man den Tod, und mag er noch so grausam und schmerzhaft sein, mit offenen Armen empfängt …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Nach Motiven von pixabay und Steve Mayer, 2018

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Erstes Buch: FORTISSIMO ODER DIE SMARAGDE

Down and out / … Lasciate ogni Speranza / Jules erzählt / Kolumbienflug / Lieder am Feuer / Der Weg nach Muzo / Die Soldaten / Im Tambo der Feuerschnauze/ Muzo / Auf der Plaza / Gericht / Der ewige Jude / Die Kranken von Muzo / Intermezzo / Die Juanita / Las Gallinas / Caruso / Gedanken an eine Unbekannte / Rumba-Rumba / Und die Annuschka / Malaria / Billy

 

 

Down and out

Ohne Geld in Südamerika. Das ist für den Anfänger schlimm, ja sehr böse, wenn er mutterseelenallein am fremden Strande steht, ohne eines Wortes der Landessprache mächtig zu sein. Aber glaubt mir, dieses Elend dort ist nicht das gleiche Elend, wie es Europa kennt, wo im Winter eisige Kälte den Hungernden schüttelt wie einen Sack dürrer Knochen.

Die Tropen Südamerikas sind warm, ihre Sonne streichelt den Hungrigen und lullt ihn in wunschlose Gleichgültigkeit. Und ist er ein frischgelandetes Greenhorn, so bleibt zehn gegen eins zu wetten, dass sich jemand seiner erbarmt und ihm Arbeit gibt, ihn zweifelsohne fast immer ausbeutet, aber dadurch einer augenblicklichen Not abhilft; und niemand soll die Hand schmähen, die ihm Brot reichte, wenn sie auch in erster Linie auf ihren Vorteil bedacht war.

Doch wehe dem, der Jahre in Südamerika verbrachte, Land, Leute und Sprache kennt und dennoch eines Tages so heruntergekommen ist an Kleidern, Körper und seelischem Mut, dass er zu jeder Dummheit fähig ist.

Es sind da solche, die einfach wegen ein paar lumpiger Pesos oder Milreis zum Mörder werden und ihre Tage im Fegefeuer eines südamerikanischen Zuchthauses beschließen. Oder andere, Glücklichere, die Leib und Seele verkaufen und sich selbst verschachern wie Stücke Vieh. Meistens, ja fast immer ist der Alkohol schuld daran.

Und so erging es mir. Ich hatte in der sogenannten „grünen Hölle“, dem brasilianischen Sertao, Orchideen gesucht und mächtig Geld verdient. Viel Geld für meine Verhältnisse, viel zu viel!

Aber schwer hatte ich dafür bezahlen müssen: mit zerrüttendem, mich an den Rand des Grabes bringendem Fieber in der zum Wahnsinn treibenden, frauenlosen Einsamkeit der feuchten, üppig wuchernden Dschungel, wo nur Jaguare, Giftschlangen, mit vergifteten Pfeilen schießende Indianer und Ameisen von phantastischer Größe sich um die Herrschaft streiten.

Ein solches Leben stempelt denjenigen Menschen, der aus reiner Lust am Abenteuer oder aus Verbitterung derartige Wege beschreitet, an und für sich schon zum Sonderling, Outsider und Einzelgänger. Obendrein wird er dadurch zu einer Art Tollhäusler. Ein Irrer, der frei herumläuft.

Und wenn er dann aus seiner grimmig gehassten und ebenso inbrünstig geliebten Wildnis zu den Stätten der Zivilisation zurückkehrt, mit einem Charakter, der aus einem wunderlichen Mischmasch von gutmütiger, einfältiger Kindlichkeit und listiger, verschlagener, tierähnlicher Tücke besteht, so geben ihm Weiber und Alkohol den Rest, auf immer oder wenigstens auf lange Zeit hinaus. Bis er entweder am Delirium tremens krepiert, vielleicht als verachteter, bettelnder Beachcomber seine Tage fristet oder sich aufrafft und zurückstrebt in die finstere, bittersüße Einsamkeit jener großen, kaum durchdringlichen Wälder, welche die gewaltigen Ströme mit noch größeren Geheimnissen umgeben.

Down and out! sagt der Amerikaner so treffend und meint damit jemanden, der ohne Hoffnung sein Dasein auf beiden Händen vor sich herträgt und zu allem fähig ist. In Europa meldet sich vielleicht ein solcher Mensch zur Fremdenlegion. In Südamerika aber ist er entweder ein neuer Kandidat als „freier Diamantensucher“, oder er ist für Muzo oder Choco reif.

Muzo und Choco! Seltsame, harmlos klingende und doch Tod, Mord und Verzweiflung bergende Worte! Muzo, die Smaragdhölle Kolumbiens, wo genau tausend verzweifelte Männer schuften, die fast allen existierenden Rassen angehören und von denen täglich, ja stündlich einige sterben oder sich selbst den Tod geben und für die sofortiger Ersatz da ist. Schuften – um eine prunkende luxuriöse Welt mit Smaragden zu versehen; eine Welt, die manche der Arbeiter aus Erfahrung kennen, weil sie von ihr ausgestoßen wurden, während andere in wilden Träumen nach ihr verlangen, und von der noch andere überhaupt keinen Begriff haben. Das ist Muzo!

Und Choco? Das ist die Platinhölle. Auch in Kolumbien! Choco, Muzo, Smaragden, Platin und Diamanten, das sind Begriffe, die meine Gedanken und Träume fast unauslöschlich erfüllen. Oh, wie hasse ich diese hoffnungsgrünen oder feurig funkelnden Steine und dieses graue Metall, die denen, die gezwungen oder freiwillig danach suchen, dass schlanke Hände, weiße Hälse und rosige Ohrläppchen großer Damen damit geschmückt werden, selbst jegliche Hoffnung rauben!

Aus dem Sertao bin ich zurückgekehrt mit viel Geld. Und tolle Nächte voll schwüler Düfte und girrendem Frauenlachen wechselten ab mit gleichgültigen Tagen, wo der matte Körper sich in weichen Kissen räkelte und buntuniformierte, kriecherisch sich überstürzende schwarze Boys nach Eiswasser rannten, um den brennenden Durst meiner in nächtlichen Orgien ausgedörrten Kehle und den hämmernden Schmerz meines misshandelten Hirnes zu löschen. Bis das Geld zu Ende ging, die guten, ungewohnten Kleider zum Trödler wanderten, um mehr Geld für weiteren Blödsinn zu erlangen, bis auch dieses letzte Hilfsmittel erschöpft war, und die guten Freunde und die von mir mit Schmuck behangenen Weiber höhnisch ihre kalte Schulter zeigten.

Nun bin ich down and out! Zu schlapp und in jeder Beziehung zu sehr heruntergekommen, um mich freiwillig aufzuraffen, die große Stadt zu verlassen und draußen auf einer Estancia bei ehrlicher Arbeit neue Kraft und frischen Mut zu sammeln. Zu gleichgültig, um zu dem Hafengetriebe zu wanken und mich der Bruderschaft der Beachcomber anzuschließen. Zu stolz, um zu betteln.

Reif, um in irgendeiner Art zur Hölle zu gehen.

Und da flüsterte mir der Teufel – oder war es jener gelbe, ausgetrocknete Brasilianer, der mir das letzte Glas Zuckerrohrschnaps einschenkte – die fatalen Wörtchen zu: „Muzo! Oder Choco!“

Viel, aber im Grunde genommen wenig, hatte ich bereits über Muzo und Choco, die Smaragd- und Platinminen des Kolumbischen Staates, gehört. Tatsachen, die mich mit Grauen und gleichzeitig mit toller, brennender Neugier erfüllten. Dinge, die so abscheulich und abenteuerlich klangen, dass sie Auswüchse einer ungezügelten Phantasie sein mussten. Muzo! Choco! – Und der gelbe Brasilianer flüsterte mir gleichzeitig eine Adresse zu, als sein Zuckerrohrschnaps – den Gott verdammen möge! – gleich flüssigem Blei meine Kehle hinablief. Eine Adresse, wo man Fahrkarte und Verpflegung zur Hölle erhalten könnte. Und der Brasilianer rieb sich die skelettartigen Finger, dass sie knackten, als er mich wirklich entschlossen in der angegebenen Richtung davongehen sah.

 

 

… Lasciate ogni Speranza!

„Ihr, die ihr hier eintretet, lasset jegliche Hoffnung fahren!“, könnte es heißen, aber es steht keine Inschrift über der Tür zu jenem Hause in dem holprigen Gässchen zu Baranquilla, wohin ich meine Schritte nach Weisung des Brasilianers lenkte. Nur Aasgeier sitzen zu Hunderten auf dem verfallenen, rosarot getünchten Torbogen. – Im Hofe galt es erst, mich mit einer Anzahl schwärzlicher, schnüffelnder Borstentiere und boshaft kollernder Truthähne auseinanderzusetzen, ehe sie mir den Weg durch eine morastige Pfütze gestatteten, an deren Rand ein kleiner nackter Junge kindlich lächelnd seine Notdurft verrichtete.

„Vive el Señor Chavez aqui, muchachito? – Wohnt Señor Chavez hier, Jüngelchen?“, frage ich, und er hält mir die offene Hand hin. „Cinquo Centavos!“ Gedankenlos fahre ich in die Tasche, obwohl ich keinen roten Centavo mehr besitze. Er scheint aber rasch einzusehen, dass ich ein armer Teufel bin, vielleicht erblickte er auch schon ähnliche Männer den gleichen Weg gehen wie ich.

„Alli!“ Sein Fingerchen weist zu einer grünen, in die Mauer eingelassenen Tür, und dann kümmert er sich nicht mehr um mich heruntergekommenen Gringo. Durch die Pforte trete ich in einen kleinen, mit den üblichen Schlinggewächsen, Topfpflanzen, der einsamen Palme und dem eingetrockneten Springbrunnen nebst zerborstenem Marmorbecken ausgestatteten Patio. Verschiedene Türen münden hier. Über einer hängt ein kleines, unscheinbares Schild, auf dem mit Blaustift hingeworfen die Worte stehen: „Oficina de empleo para las minas esmeraldas y de platina, de Muzo y Choco. Arbeitsnachweis für die Smaragd- und Platinminen von Muzo und Choco.“ Daneben steht eine lange Bank, und vier Männer in ausgefransten, verbeulten Hosen, dreckigen Sporthemden und formlosen Hüten sitzen dort, beäugen mich und stoßen sich mit den Ellenbogen an. Wie Spatzen hocken sie auf der Stange. Der eine ist ein Schwarzer, während die unrasierten Gesichter der anderen, Europäern zu gehören scheinen. „Buenas tardes, Caballeros!“, grüße ich im Vorbeigehen, klopfe an und trete ein.

Ein kahlköpfiger Mann, dessen fettes Gesicht den fahlen Glanz neapolitanischer, in Öl gewälzter Makkaroni hat, schaut von seinem Pult empor. Stechende, tintenschwarze Augen mustern mich vom Kopf bis zu den Füßen, dann öffnet sich der schmale, unnatürlich rote Mund zu einem herablassenden: „Bueno?“

„Man hat mir gesagt, dass Sie hier Arbeiter annehmen für Muzo und Choco, Señor?“

Seine Augen durchbohren mich immer noch. Feiste kurze Finger verschränken sich über der von der schwarzen Lüsterjacke bedeckten Bauchwölbung und spielen miteinander. „Wer sagte Ihnen das, Caballero?“, kommt es gedehnt über die widerlich roten Lippen.

„Pedro Alfeira, der Portugiese!“ – Die dicken Finger lösen sich voneinander, greifen nach Tabak und Papier auf dem Tische. Blitzschnell – im krassen Gegensatz zu ihrer eine gemächliche Ruhe verratenden wurstähnlichen Form – rollen diese Finger eine Zigarette, eine rote spitze Zunge fährt befeuchtend darüber hin, die andere Hand knipst das Feuerzeug an, und mit der ersten hervorgestoßenen Rauchwolke ertönt ein zufriedenes „Bueno!“ – „Zigarette gefällig?“ Ich bediene mich, und fortwährend mustern mich dabei die tuscheschwarzen, keinen Gedanken verratenden Augen.

„Lange im Lande, Caballero?“, fragt er wieder.

„Einige Wochen nur, ich komme von Brasilien!“

„Hm! – Diamanten dort gesucht, Caballero?“

„No. Nur Orchideen!“

Befriedigt nickt er, verschränkt wieder die Arme, stößt qualmende Rauchwolken aus und erkundigt sich plötzlich lauernd: „Sie wissen doch, Señor, dass Sie sich auf fünf Jahre verpflichten müssen? Dafür erhalten Sie fünfhundert Pesos Vorschuss, zahlbar nach Ihrem Eintreffen in den Minen. – Eine kleine Vorsichtsmaßregel, damit die angeworbenen Caballeros nicht mit dem Vorschuss verschwinden, hihihi! Und sechs Pesos Tagelohn, Essen, Unterkunft und ärztliche Behandlung – eine erstklassige! – Alles frei. Aber fünf Jahre! Bedenken Sie wohl, Señor, denn niemand zwingt Sie!“

Er schiebt mir ein Dokument hin, taucht die Feder ein und wartet.

„Freier Transport hin?“

Er nickt: „Selbstverständlich, Señor, und zurück an den Ort, wo Sie unterschrieben haben. Wenn – hihi – na, wenn …“

„Wenn ich dann noch am Leben bin, Señor, wollten Sie doch sagen“, ergänze ich und wundere mich über meinen eigenen Galgenhumor. Eine dicke Rauchwolke quillt über die Lippen des Kahlköpfigen, dann folgen die Worte: „Hm, Sie kennen ja Strapazen von Brasilien her, Señor. Es ist wahr, unsere Minen, zu denen ich unternehmungslustige Leute schicke – hihihi – wohlgemerkt, Señor, ich tue dies als privater Mensch, der nicht zusehen kann, wie seine Mitbrüder hungernd in den Straßen unserer Städte herumliegen – hihihi – und ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass ich keine Regierungsperson bin und Sie infolgedessen auch späterhin keinerlei Ansprüche an die Regierung zu stellen haben, wenn – hihihi – nun, wenn Ihnen etwas zustößt. Aber Sie sind ja Ihr eigener Herr, denn, Señor, Verheiratete nehmen wir nicht, das ist klar. Also, Señor, darf ich Sie bitten, nun zu unterschreiben? Fünf Jahre. Sie wissen, was ein Kontrakt bedeutet?“

„Ja!“, nicke ich ingrimmig, denn es ist mir bekannt, dass ein südamerikanischer Kontrakt das verwickeltste, verklausulierteste Dokument der Welt ist, aus dem es keinen Ausweg gibt. Dies hat schon mancher junge Europäer, der in seiner Heimat einen Vertrag mit südamerikanischen Gesellschaften unterzeichnete, zu seinem Bedauern erfahren!

„Ihnen gegenüber, und weil Sie wie ein junger Mann aussehen, dem man seine eigene Frau anvertrauen möchte, dürfte ich sogar so weit gehen, Ihnen einen Vorschuss von – sagen wir – fünfhundert Pesos schon jetzt auszuzahlen.“

„Her mit dem Wisch. Und machen Sie sich keine Sorgen, ich werde Ihrer verdammten Regierung keine Nöte bereiten. Ich will raus hier aus diesem Kaff, und selbst der Teufel ist ein guter Mann, wenn er mir dazu verhilft!“

Er kichert: „Hihi, das ist die richtige Art, bei allen Heiligen! Sie sind ein vielversprechender junger Mann, der’s noch weit bringen wird.“

„Soll ich nach Muzo oder nach Choco?“, lache ich wild. Prüfend betrachten mich die Tuscheaugen. „Ich würde Ihnen zuerst Muzo raten, Señor. Wenn Sie dort drei Monate gearbeitet haben, ohne zu erkranken, so steht Ihnen das Recht zu, sich für Muzo oder Choco zu entscheiden. Das heißt, wenn es Ihnen in den Smaragdminen nicht gefiel, so können Sie den Rest der fünf Jahre in den Platingruben von Choco zubringen.“

„Wo ist’s denn hübscher, Señor?“

Die fetten Achseln zucken, und seine glänzende Stirne runzelnd, entgegnet er bedauernd: „Quien sabe? Wer weiß es? – Es tut mir leid, Caballero, aber ich hatte noch nie Zeit, in jene Gegenden zu reisen, wo die Caballeros, die hinzuschicken ich die Ehre habe, so viel Geld verdienen.“ – In den Briefschaften auf dem Tische herumwühlend, holt er eine mit zahlreichen Fingerabdrücken besäte und engbekritzelte Postkarte hervor, wiegt sie auf der Handfläche. „Sie können wohl noch nicht Spanisch lesen, Señor, trotzdem Sie es sehr gut sprechen?“, sagt er mit tiefem, aber geheucheltem Bedauern. Der Halunke hält mich für einen jener zahlreichen Europäer, die eine südamerikanische Sprache zwar wie Einheimische plappern, aber kein Wort zu lesen oder zu schreiben vermögen.

„No!“, erwidere ich, um ihm den Spaß nicht zu versalzen. Dass ich meine reifere Jugend in Mexiko zugebracht habe und fließend das Spanische in Wort und Schrift beherrsche, brauche ich ihm ja nicht auf die Nase zu binden.

„Schauen Sie, Caballero, da schicken mir einige Amigos, denen ich zu Reise und Arbeit nach Muzo verhalf, diese Karte hier. Santa Maria! Die braven Jungens bedanken sich tausendfach und wünschen mir alles erdenkliche Gute! Sehen Sie, eine hübsche Karte fürwahr!“

Er reicht mir das schmutzige Kartonstückchen, „Made in Paris“, worauf bei blauer bengalischer Beleuchtung ein Liebespaar schmachtend schnäbelt.

Um den Kerl nicht misstrauisch zu machen, hüte ich mich, mir den Anschein zu geben, als ob ich den Schrifttext verstünde. Ich entziffere aber Bruchstücke. – Unflätige Flüche, an denen die spanische Sprache so reich ist und die alle für den jetzt leutselig lächelnden Dicken bestimmt sind! Er wird darin ein Hurensohn genannt, seine Vorfahren sind mit noch unaussprechlicheren Titeln belegt und seine Nachkommen bis ins äußerste Glied millionenfach verdammt. Die Schreiber sind Spanier, die er nach Muzo gesandt hat und die bei sämtlichen südamerikanischen Heiligen schwören, ihm den Hals abzuschneiden, falls ihnen die gute gebenedeite Himmelsmutter erlauben sollte, jemals die Hölle von Muzo zu verlassen!

„Eine reizende Karte, Caballero! Schade, dass Sie nicht lesen können, wie liebenswürdig mir die Jungens schreiben! Hihihi!“

„Her mit dem Kontrakt!“

Er schiebt mir das weiße, von ausführlichem Text bedeckte Dokument hin, und mit einem kratzenden Federzug habe ich mich auf fünf Jahre der kolumbianische Regierung verkauft und bin verpflichtet, für diesen Zeitraum entweder Smaragde oder Platin aus dem Erdreich zu scharren. Sowie ich die Feder aus der Hand legte, hat sich das Benehmen des Fetten verändert. Immer noch höflich, herablassend und väterlich, schwingt jetzt ein fremder, scharfer Ton in der Stimme mit, und seine Augen glitzern drohend, als er sagt: „Da Sie ein vielversprechender junger Mann sind, sollen Sie den erwähnten Extravorschuss haben. – Draußen sitzen vier Caballeros, mit denen Sie sich anfreunden mögen, denn drei davon sind Ihre zukünftigen Kollegen, während der vierte, jener Schwarze – übrigens ein charmanter, weitgereister Caballero – Aufseher der Minen ist, der dafür sorgen wird, dass Sie alle wohlbehalten das Ziel erreichen. Hihi.“ – Ein paar Zeilen auf ein Papier werfend, schiebt er es mir mit den weiteren Worten hin: „Und nun mögen die Heiligen Sie in ihren gnadenerquickenden Schutz nehmen. Ich bin sehr beschäftigt. Adios und gute Reise!“

„Sind das fünfhundert Pesos?“, frage ich erstaunt und betrachte das Stück Papier.

„Gewiss doch, Señor! Es ist eine Empfehlung an Pedro Alfeira und so viel wie bares Geld. Er wird Ihnen alles dafür geben, was Sie nur wünschen, abgerechnet einen kleinen Diskont, der vierzig Prozent beträgt, die der Wackere billigerweise für seine Mühe rechnet.“

„Euch Spitzbuben soll doch der Donner lotweise breitschlagen!“, schimpfe ich wütend.

Seine fette Rechte öffnet eine Schublade, spielt sichtlich mit einem blanken Trommelrevolver. Scharf klingt die Warnung: „Señor, ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass ich Sie bei dem geringsten Anzeichen von Widersetzlichkeit verhaften und in Ketten zu den Minen schaffen lassen kann. Ich rate Ihnen daher, vernünftig zu werden. – Nun, wie soll es sein? Gewalt oder Güte?“ Er berührt mit der Linken den Telefonhörer.

Ich muss wider Willen lachen: „Bueno, bueno, Señor! Ich habe keine Lust, als Regierungssträfling behandelt zu werden für etwas, das ich freiwillig tat.“

Ermunternd klopft er mir auf die Hand: „So ist’s recht, Muchacho! Ich wusste doch gleich, dass Sie aus dem richtigen Holz geschnitzt sind.“ Wie in einem Anflug von Gutmütigkeit fügt er hinzu: „Trinken Sie nicht zu viel, wenn Sie oben in den Minen sind; und am Ende der fünf Jahre werden Sie ein rundes Sümmchen erspart haben, mit dem Sie etwas anfangen können!“

Als täte es ihm leid, zu viel gesagt zu haben, presst er die roten Lippen zusammen, und wie das Zischen einer gereizten Schlange tönt es an mein Ohr: „Und nun muss ich Sie bitten, Caballero, mich meiner Arbeit zu überlassen. Don Rafael draußen wird sich Ihrer annehmen! Adios!“

Gleich darauf stehe ich mit meinem Wisch, der fünfhundert Pesos einschließlich „Sporteln und Spesen“ bedeutet, die mir Pedro Alfeira in Höhe von vierzig Prozent abziehen wird, draußen vor der Tür, wo die vier andern erwartungsvoll aufschauen.

„Noch jemand, mon Dieu!“, flüstert heiser der eine, der ein tief eingefallenes, wachsgelbes Gesicht hat, in dem die dunklen, von blauen Ringen umgebenen Augen gleich glühenden Splittern funkeln.

„Well, man kann nie genug Gesellschaft kriegen, wenn man zur Hölle fährt! Was meinst du dazu, Billy?“, lacht der zweite in einem Spanisch, das einen amerikanischen Akzent verrät. Er stößt dabei dem dritten in die Rippen, doch dieser brummt nur ein abgründiges „Goddamn!“

Der Schwarze schwenkt den durchlöcherten Sombrero voll Grandezza. „Don Rafael, Aufseher!“, stellt er sich selbst vor, und ein gutmütiges Spitzbubenlächeln zieht sein schwärzliches Pockennarbengesicht in breite Falten.

„Freut mich sehr, Don Rafael!“, erwidere ich fröhlich und schüttele seine schmutzige Hand. Dies scheint ihm zu gefallen, denn er schlägt mir auf die Schulter, zeigt zwei Reihen prächtiger Zähne und meint gönnerhaft: „So ist’s recht, Señor, Sie sind ein feiner Kerl und werden gewiss Ihr Glück in den Minen machen!“

„Mon Dieu, wieder einer!“, ächzt der Magere abermals, und der amerikanische Beachcomber lacht dazu: „Nun hör mal den schwarzen Gentleman-Schneeball an, Billy! Redet er nicht wie ein Methodistenprediger auf einem Alabamapicknick? – Glück machen, he? Möchte wissen, wie einer sein Glück machen soll, wenn er nichts weiter als ein leibhaftiger Sklave dieser verteufelten bauernfängerischen Minengesellschaft ist!“

„Goddamn!“, brummt der dritte wieder, und nun, nachdem wir uns auf diese Art gegenseitig berochen haben, führt uns Don Rafael, der sorgfältig darauf achtet, dass wir an seiner Seite bleiben, zu dem schmutzigen „Grand Hotel“ des Brasilianers Pedro Alfeira.

Unterwegs lernen wir uns noch besser kennen. Der Magere, der aussieht wie die leibhaftige Personifizierung eines Urwaldfiebertraumes, heißt Jules. Einfach Jules. Seinen Familiennamen gibt er nicht an, scheint aber Südfranzose zu sein. Er war schon in Muzo und Choco, hat fleißig gespart und wollte dann heimfahren. Aber es kam nicht dazu! Weiber und Alkohol nebst Spiel haben ihn ausgebeutet bis auf den letzten Centavo, und nun will er wieder zurück zu den Minen. – Auf Befragen erklärt diese tragische Gestalt: „Mon Dieu, es ist ja schlimm, aber Verpflegung und so weiter sind gut, und man kann wirklich etwas verdienen. Nur das Klima, mon Dieu, das ist sehr übel!“

Sam Jenkins, der vor zwei Jahren seinem Dampfer entlief und die ganze Zeit seither als Beachcomber und Küstenpennbruder zugebracht hat, wirft mit seinem drolligen Humor ein: „Well, wenn’s meiner Mutter Sohn nicht mehr passt, so wird ihn niemand daran hindern, sich in die Büsche zu schlagen.“ Beschwörend hebt der andere die skelettartigen Hände hoch: „Mon Dieu, das geht nicht so ohne Weiteres. Bedenken Sie die Maschinengewehre der Soldaten, die die Minen bewachen! Außerdem ist das Ganze von elektrisch geladenen Drähten umgeben!“

Ich spitze die Ohren, während Sam vor Erstaunen nur ein „Goddamn!“ herausbringt, das getreulich um drei Tonlagen tiefer von dem einsilbigen Billy wiederholt wird.

Don Rafael schritt die ganze Zeit pfeifend und manchmal irgendeiner dunkelhäutigen Schönen ein gewagtes Scherzwort zurufend neben uns her, scheinbar ohne sich um uns zu kümmern. Nur seinem gespannten Gesichtsausdruck entnehme ich, dass er dem in spanischer Sprache geführten Gespräch lauschte. Sam scheint dies auch zu merken, denn er schlägt vor, Englisch zu reden. Wir sind aber sehr erstaunt, als Don Rafael im breitesten Louisianadialekt schmunzelt und sich dabei auf die Brust tippt: „Dieses schwarze Kind hier ist am alten Mississippi geboren, Gentlemen. Und im Übrigen rate ich euch: abwarten und nicht schimpfen, bis ihr die Minen kennt.“

Dieses „schwarze Kind“ wie er sich selbst bezeichnete, scheint kein übler Bursche zu sein, das empfinden auch die anderen, und das Gespräch bleibt friedlich, oft sogar fröhlich, bis wir den verblichenen Vorhang Zurückschlagen, der das Portal zu Pedro Alfeiras „Grand Hotel“ bildet. Wir treten in den kühlen, von einzelnen Sonnenstrahlen wie mit flimmernden Speerschäften erhellten Raum ein.

Der alte Gauner ist nicht sonderlich überrascht, mich in Gesellschaft der andern zurückkehren zu sehen. Unaufgefordert stellt er uns Drinks hin, wirft eine Schachtel dunkler Zigaretten nebst Streichhölzern auf den Tisch und kichert, an den Schwarzen gewendet: „Ah, Don Rafael, jetzt kann’s ja bald losgehen zu den Minen, he?“

„Si, si!“, bejaht dieser. „Unterwegs stoßen vielleicht noch ein paar Transporte zu uns!“

„Teufel!“, bekräftigt der Brasilianer. „Teufel, die Sterblichkeit dort in den Minen scheint sehr groß zu sein.“ Händereibend spricht er zu uns: „Was wollt ihr haben, Jungens? Brasilianischen Cachassa, Wein, der zweimal den Äquator passierte und immer noch sündhaft billig ist? Bier oder Kaffee, Sodawasser, Limonade, haha? Zigaretten, Tabak, Pfeifen und wasserechte Zündhölzer? – Schüttet nur dem alten Pedro euer Herz aus, denn bei allen Heiligen! er hat alles, was ihr nur wünscht. – Ihr habt doch in der Oficina eure ‚Vale’s‘ bekommen?“

Ich werfe ihm einen Zettel hin. „Hier, zieh deine vierzig Prozent ab und gib den Rest her!“

Auch Sam folgt meinem Beispiel und brummt dazu: „Los, wechsle den Kram, alter Gaunerscheik!“

Der Brasilianer verbeugt sich, nimmt die Anweisungen und schiebt uns dafür kleine Schreibblocks nebst Bleistiften hin.

„Was soll das?“, entrüstet sich der Amerikaner, und Don Rafael zerdrückt liebevoll auf der Zunge den Inhalt eines Likörgläschens, wobei er zu uns herübergrinst.

Der Wirt zuckt die Achseln. „Bedaure unendlich, Señor. Sie können alles, was Sie wollen, bis zur Höhe dieser Summe bei mir entnehmen. Bargeld aber darf ich nicht geben, denn es könnte Vorkommen, dass einer der Herren – Sie meine ich nicht, dafür sind die Heiligen Zeuge! – mit dem Vorschuss verschwindet!“

„Goddamn!“, stößt Billy der Schweigsame aus, und der Schwarze lacht ein leises glucksendes Lachen. Jules sitzt in der Ecke und stiert vor sich hin. Ab und zu nippt er an seiner Limonade.

Sam findet sich mit der Erklärung des Brasilianers ab. „Gut, dann wollen wir trinken. Es fährt sich besser zur Hölle mit vorher geschmierter Gurgel. Höre, du Gaunerscheik und Schnapspharao – müssen wir Decken, Kleider und Tabak auf Vorrat bei dir kaufen?“

Jener spreizt die Hände, wackelt heftig mit dem Kopf von links nach rechts. „Der Himmel bewahre Sie vor solchen Ausgaben, Caballero. Das erhalten Sie alles in den Minen. Und erstklassig! – Stimmt’s nicht, Don Rafael?“

Der Schwarze öffnet den Mund von einem Ohr zum andern. „Ja, seid unbesorgt, das kriegt ihr alles gut und billig dort!“ Aus seiner Ecke hüstelt der Franzose: „Er hat recht, mon Dieu! Besonders die Schlafdecken sind herrlich. Ach, ich habe jetzt eine Woche in einem alten Grabgewölbe geschlafen, mon Dieu!“

Befriedigt ruft der Amerikaner: „Dann ist’s gut. Also los nun, Spitzbubenherbergsvater, schleif heran, was du in deinem Keller hast. Wir wollen die Sache feiern. Soll’s nicht so sein, Billy?“

Ein Knurren, das ebenso gut Bejahung wie Verneinung bedeuten mag, kommt aus dem Zahngehege des Schweigsamen. Pedro Alfeira aber strahlt. Sam kann ihn nennen, wie er will, ihn mit teils drolligen, teils bis aufs Blut beleidigenden, oft sonderbarsten Ausdrücken belegen – der Brasilianer nimmt alles lachend in Kauf, solange der Kredit, den uns die „Vale’s“ verschaffen, anhält. –

Es ist Abend geworden. In dem Raum brennt die staubbedeckte, an einer einzelnen fliegenbesäten Schnur baumelnde Glühlampe. Draußen, hinter dem Vorhang, breitet sich die warme, sternfunkelnde kolumbianische Nacht über der Stadt aus. Ein Flugzeug dröhnt einmal kurz daher. In der Vorstadt schmettert das trompetenähnliche Schreien herumwandernder, in den Abfallhaufen wühlender Esel. Irgendwo heult wehmütig ein Hund. Über die Mauern der Nachbargrundstücke wehen Gitarrenklimpern, lachende Frauenstimmen und einzelne, abgerissene Gesangsstrophen. Ein paar Peones mit grellfarbenen Ponchos, großen spitzen Hüten über den dunklen geduldigen Gesichtern und primitiven Sandalen an den Füßen, die wie zerfurchte braune Mahagonistumpen aussehen, drückten sich scheu zur Tür herein. Bald aber sind sie fröhlich, denn wir bezahlen für alle – obwohl einige uns halb mitleidig und halb spöttisch betrachten.

„Gleich vier Gringos auf einmal für die Minen! Caracho! Nun ja, man verdient gut, wenn man nicht krepiert!“, höre ich einen flüstern. Des Wirtes Ehehälfte hat uns gebratenes Fleisch, Salat und Süßkartoffeln gebracht, und andächtig sehen die Peones zu, wie diese Speisen hinter unsern Kinnbacken verschwinden.

Billy ist etwas aufgetaut, der „Wein, der zweimal die Linie passierte und dennoch sündhaft billig ist“, löste ihm die Zunge. Ich entnehme seinen Reden, dass er ein Deserteur aus der amerikanischen Küstenwache von Manila ist, den das Schicksal nach Südamerika verschlug, wo er eine Zeit lang Aufseher in den Bananenplantagen war.

Es sind drei seltsame Menschen, die nun meine Kameraden wurden! Am stärksten interessiert mich der Franzose. Auch er taute durch den Wein auf. Zuerst lehnte er streng jeden Alkohol ab, doch nun kann ihm der an seinen knackenden Fingern ziehende und feixende Brasilianer gar nicht schnell genug das Glas füllen …

Ein wandernder Straßenmusikant, der wunderschön auf der Gitarre spielte und dazu langgezogen melancholisch süße Volkslieder sang, setzte der Unterhaltung für einige Zeit ein Ziel. Nun ist er wieder fort. Die Peones sind auch gegangen, nachdem sie uns treuherzig die Hände gedrückt und Glück gewünscht haben. Selbst der Nachtwächter, der warnend auf seiner Trillerpfeife blies, war schon da. Die Stimmen der Esel schweigen, der heulende Hund muss seinen Herrn oder was er suchte gefunden haben, denn er ist still. Alfeiras braune unsaubere Frau verabschiedete sich mit einem: „Buena noche, Caballeros!“

Don Rafael gab einen echten „Coontanz“ aus Louisiana zum Besten. Jeder hat etwas aus seinem Dasein erzählt. Billy vom faulen, bequemen Leben der amerikanischen Soldaten, das so einschläfernd war, dass er es nicht mehr aushielt und davonlief. Sam berichtete von seinem Schiff, dessen Kapitän seiner Beschreibung nach der leibhaftige Satan gewesen sein muss. Ich erzählte von Orchideen.

Und plötzlich beginnt der Franzose zu sprechen! Der Wein hat seine zusammengesunkene Gestalt aufgerichtet, seinen glitzernden Augen noch mehr Feuer und Ausdruck verliehen und im Verein mit dem matten Licht der Glühbirne einen tiefen Goldton über seine Wangen ausgebreitet.

 

 

Jules erzählt

… „In der Provinz Boyaka, dort, wo früher die Chibchas hausten – wenn euch das ein Begriff sein sollte, mon Dieu – dort liegen die Minen von Muzo, wo tausend Männer, von denen die meisten Schwarze sind wie unser Freund Don Rafael hier, unter militärischer Bewachung die kostbaren grünen Steine losbrechen und loswaschen. Smaragde! Es ist Urwald dort; Urwald, der fürchterlich heiß, feucht und klebrig ist und für unsereins das bloße Atmen und Essen zur Qual und zur Anstrengung macht. Aber man muss doch atmen und essen, Amigos, wenn man hart arbeiten soll!

Man kann schließlich Cola kauen wie die Indios, denn das erleichtert und hilft sehr. Mon Dieu, ich war drei Jahre dort in Muzo und zwei in Choco in den Platingruben.“

„Sag, gibt es Weiber dort oben in Muzo?“, unterbricht Sam.

Der Franzose fuchtelt mit den dürren, weit aus den schmutzigen und zu kurzen Ärmeln ragenden Händen. Seine Augen glitzern, stoßweise kommt der Atem. „Frauen? – Mon Dieu, sie haben mich vernichtet, hier in dieser Stadt, wo ich mit Tausenden von Pesos auf den Dampfer zur Heimreise wartete.“

„Mann, ich frage, ob es welche in Muzo gibt?“

Der Franzose starrt Sam sekundenlang wie geistesabwesend an, er wischt mit der Klauenhand über seine Stirn, dann hat er den Faden wiedergefunden und fährt fort: „In Muzo? – Ja, es sind welche dort in den Bars. Für jedermann. Nicht viele zwar! Und sie tragen alle an den Fingern kleine ‚pierres de chastete‘, haha, mon Dieu! ja, ‚pierres de chastete‘ an den Händen!“

Wieder unterbricht Sam: „Mein Gott, Muschö, wenn du schon erzählst, dann rede doch kein Wischiwaschi, das der Teufel selbst nicht versteht! Was sind das für Dinger?“

„Er meint ‚Keuschheitssteine‘ die die Frauen wahrscheinlich als Schmuck tragen. Irgendwelche Talismane, wie ich annehme!“, beschwichtigte ich. Der Franzose hat die Unterbrechung gar nicht wahrgenommen. Vor sich hinstarrend, gießt er jetzt ein Glas Wein hinab und spricht mit dünner, eintöniger Stimme weiter: „Pierres de chastete! – Mon Dieu, und die Minen sind die Hölle. Tag und Nacht rattern die Gesteinszerbrechmaschinen, wühlen die Bagger, rauscht Wasser, donnern Sprengschüsse, fallen Bäume dröhnend um, fluchen und sterben Menschen, brennt die Sonne am Tage und peinigt Kälte des Nachts! Und alle Männer sehen aus wie die Teufel, mon Dieu! Es ist das Smaragdfieber, das sie besitzt!“ Er macht eine Pause und leert sein Glas.

„Erzähl’ ihnen etwas von Choco, Alter!“, meint Don Rafael in beschwichtigendem Ton, wie man einem Kind zuredet. Wieder beschreiben die Skelettarme des Franzosen Kreise und Arabesken über dem Tisch, wo verschütteter Wein kleine blutrot schillernde Pfützen bildet, aus denen inselgleich die Zigarettenaschehäufchen ragen.

„Choco!“, beginnt er. „Man muss erst den Rio San Juan hinab, der gelb durch grünen Urwald fließt, dann kommt man dorthin, wo Menschen das graue Platin graben, das die Spanier im Mittelalter waggonweise ins Meer stürzten, weil sie seinen Wert nicht kannten. – Oui, wo arme, verrückte Bestien von Menschen, wie wir es sind, das Platin herausscharren. Dabei brennt ihnen die Sonne aufs Hirn, mon Dieu! Und nach einiger Zeit werden ihre Hände von der ewigen Feuchtigkeit wie angefaulte Schwämme.“

„Nettes Land, goddamn!“, sagt Billy kurz, und sein Freund will wissen, ob es in Choco auch Frauen gibt.

„Ja, vierundzwanzig. Genau vierundzwanzig Huren, denn mehr sind nicht zugelassen, mon Dieu. Es sind fast nur Indiofrauen, aber sie tragen Seidenkleider und lackieren sich die Fingernägel hochrot mit dem Safte des Baumes ‚Palo Araco‘, der dort wächst.“

„Feines Land, goddamn!“, flüstert der eine, und der andere murmelt sinnend: „Mit diesen Bäumen, wenn sie bei uns daheim in Gottes Land wüchsen, ließen sich Geschäfte machen, Donnerwetter!“ Und an den Franzosen gewandt: „Stopp, mach Schluss nun mit deinem Garn, Muschö Jules, sonst drückt uns noch der Alb diese Nacht. – Aber sag, du bist so teuflisch klug und weißt sogar vom Mittelalter – was warst du denn, ehe du in dieses wilde Land kamst?“

Lauernd hängen die Augen des Portugiesen an den aufeinandergepressten Lippen des Alten. Don Rafael lächelt selig zufrieden in sein halbgefülltes Glas hinein. Billy trommelt leise auf der Tischplatte.

„Was geht’s euch an, was ich war, mon Dieu!“, fährt Jules plötzlich auf, sinkt aber ebenso rasch in sich zusammen, und während er die Arme auf den Tisch legt und sein verwüstetes Gesicht dazwischen in einer Weinlache zur Ruhe bettet, schluchzt er wild in einzelnen Worten: „Paris – war Professeur, ah, mon Dieu! – Absinthe und l’amour haben mich zu dem gemacht, was ich bin!“ …

Es ist still geworden. Ganz totenstill! Selbst der skrupellose Wirt schaut betreten auf dieses wie ein Kind jammernde menschliche Wrack. Die Weinflasche fiel um, aber niemand stellt sie wieder aufrecht hin, und neben dem Franzosen rinnt jetzt der dunkelrote Strom vom Tisch und plätschert „drip! drip!“ auf den staubigen Fußboden.

Sam zerbricht dies unerträgliche, lähmende Schweigen. Sanft legt er seine große, hart aussehende Hand auf die bebende Schulter des Zusammengesunkenen und tröstet begütigend: „Komm jetzt in die Koje und schlaf dich aus, Muschö Jules! Und verlass dich drauf, old boy, wir alle vier gehören jetzt zusammen, und wir andern werden aufpassen, dass dir der Fusel und sämtliche Weiber keinen Streich mehr spielen!“

„Yes! Sämtliche Weiber. Auch die mit den roten Fingernägeln!“, echot sein Freund bekräftigend.

Zum Leidwesen des Wirtes – denn unser Kredit ist noch lange nicht erschöpft – führen wir den Alten jetzt die wackelige Treppe hinauf, wo vier Hängematten in einem sonst kahlen Raum unserer warten. Don Rafael schließt die Tür, ich höre, wie er den Schlüssel herumdreht und sich auf einer Fußmatte zusammenrollt. Die Amerikaner unterhalten sich noch eine Weile flüsternd. Jules schläft sofort ein. Und bald folgen die beiden seinem Beispiel.

Ich aber liege noch lange wach, und als endlich Morpheus meine müden Augenlider zudrückt, peinigen mich seltsame Traumgespinste. Ich komme mir vor wie ein kleiner, in der Schulbank sitzender Knabe. Jules steht mit dräuendem Rohrstock vor mir und hört mir die Geschichte der Minen von Muzo und Choco ab. Und da ich nicht mehr weiß, dass die alten Spanier einst das Platin wegschütteten, gibt mir Jules schmerzhafte Schläge mit dem Rohr quer über die Hände. Und dann sagt er: „Ja, die von Muzo sind mehr als die in Choco. Dort sind bloß vierundzwanzig zugelassen. – Ich muss mich erkundigen und vielleicht Einspruch bei der Regierung erheben, mon Dieu! – Ja, und genau tausend Männer arbeiten in Muzo und genau neunhundert in Choco. Viele sterben, mon Dieu, aber es melden sich immer neue. – Heute habe ich zwei Amerikaner, einen Deutschen und einen Franzosen gesehen, die sich anwerben ließen, mon Dieu. – Welch ein Schicksal! Bedenk’ es, mon enfant, sei fleißig und lerne, damit es dir nicht einst so wie jenen ergehe. – Welches war die Zahl von Choco? – Vierundzwanzig sagst du? – Recht so, mein Kind, und vergiss nicht, dass sie sich die Fingernägel mit dem Safte des ‚Arbol palo Araco‘ hochrot lackieren. Vergiss den Namen nicht. Araco! Denn ich werde dich in der nächsten Stunde danach fragen!“

Hier schweigt Jules, und nun führen Frauen, Peones, Maultiere, Maschinengewehre und große Bäume einen tollen Reigen um mich auf. Der gewaltigste Baum, dessen Blätter roten Lack weinen, pflanzt sich vor mir hin, neigt sich – wimmernd hebe ich die Hände, um den zermalmenden Fall abzuwehren – immer tiefer sinkt er, jetzt kracht er sausend nieder – o Gott, meine Schulter ist entzwei! …

Laut schreiend öffne ich die Augen, sehe Don Rafael vor mir stehen, und seine Hand liegt noch auf meiner Schulter, wo er mich gerüttelt hat. Überall schlüpfen Sonnenstrahlen durch Dachritzen, vergolden das Gemach und die sich aufrichtenden übernächtigen Schläfer.

Es ist wieder Tag geworden!

 

 

Kolumbienflug

… Der Pilot stellte plötzlich das Tiefensteuer ein, und unser „Condor“, schießt steil zur Erde hinab, um dann dicht über der großartig wilden Landschaft gen Norden weiterzubrausen.

Gerade liegt ein unübersehbares Stück Urwald unter uns, das nun durch das Motorengedonner aus seiner bedrohlich geheimnisvollen Ruhe gerissen wird. Vielleicht hockt eben ein Affenvolk mit ernsthaften, weltweisen Altmännergesichtern um seine in der lianenverstrickten, von Orchideen leuchtenden Wildnis verborgene Thingstätte, um nun, da der riesige Metallvogel, der einen Piloten, vier neue Minensklaven und einen gemütlichen Schwarzen vom Mississippi mit dem lachhaft pompösen Namen „Don Rafael“ zu den Minen führt, übel kreischend gegen diese Störung zu protestieren.

Oder an anderer Stelle hebt der „Tiger“ des Landes, der herrlich gefleckte, vom Beutezug heimkehrende Jaguar den wilden Prachtkopf und starrt aus seinen grünfunkelnden Lichtern verwundert dem davoneilenden Schatten des Condor-Flugzeugs nach. Und es schwingen sich Hunderte aufgescheuchter Papageienbanden wie schöne, buntschillernde, lebende Ketten von Wipfel zu Wipfel, von Liane zu Liane. Der scheue, stahl-farbene Tapir bricht mit der mächtigen Keilform seines Vorderteils Bahn durch rauschendes Röhricht, bis er das sichere schattig-grüne Sumpfversteck erreicht. Auch das stumpfnasige, überaus possierliche Sprünge machende Capybara hüpft durch stagnierendes Wasser der schützenden Waldestiefe zu. Und hinter ihm bilden sich auf der Flut große, langsam zur Ruhe kommende Kreise und Wellen, auf denen die prächtigste Blume der Welt, die riesige Victoria regia, ihre phantastischen Schwimmblätter und das schneeige königliche Haupt geruhsam schaukelt.

Die Einzigen, die sich gewiss nicht um den befremdenden, schnell wie ein Ungewitter vorbeidröhnenden Menschenlärm kümmern, sind die Krokodile. Und an Jules vorbei durch die Fensterwand spähend, bilde ich mir ein, in dem bunten Wirrwarr üppiger Pflanzen, übereinander gestürzter Baumgiganten und kleiner wie tote Augen heraufblickender Tümpel diese alten Abkömmlinge der Saurier längst verschollener Welten liegen zu sehen.

Die beiden Amerikaner lachen vor Freude über das ganze Gesicht. In Ermangelung von Rauchzeug, das uns der vorsorgliche Pilot beim Start wegnahm, priemt Sam Plattentabak und spuckt unbekümmert den ganzen Boden voll. Jules starrt auf seine Knie nieder, und seine bläulichen Lippen formen unhörbare Worte. In den Sitz gedrückt und daran festgeschnallt, kauert Don Rafael und presst eine Pulle Cachassaschnaps gegen sein noch schmutziger gewordenes rosaseidenes Hemd wie die liebevolle Mutter ihr Jüngstes. Und von Zeit zu Zeit nimmt er einen gehörigen Schluck daraus.

Kolumbien rollt sich unter uns ab wie die Straße unter den Hufen eines galoppierenden Pferdes, aber viel, viel schneller.

Aus den Wäldern der Ströme, aus den jähen Klüften der Berge und von den riesigen dürren, sonnenversengten Hochebenen peitschen brutheiße Hitzeschwaden zu uns empor und spalten sich in zwei rasende Luftströme am Schnabel des Condors. Reden kann man nicht viel, trotzdem wir in einer Art Kabine sitzen. Die Worte werden zerrissen und verlieren sich in dem Dröhnen der Motoren.

Jules rafft sich auf und mustert interessiert das Kaleidoskop der Landschaft. Einmal zeigt seine dürre Hand nach vorne. Der Condor geht noch tiefer, gefährlich dicht heult er über den Baumkronen. Vielleicht will der Pilot sich einen Spaß machen, vielleicht auch liebt er den Urwald so wie ich! Die wuchernde Pflanzenpracht bildet bunte Bänder und Klumpen, worin Teiche und Sümpfe in seidigem Blau leuchten. Märchenhaft wird das Bild, als wir uns dem großen Magdalenenstrom und der dunstigen Kette der Anden nähern. In zwei lianenschimmernden Staffeln weichen die Bäume zurück und öffnen sich vor dem brausend heranrasenden Condor zum titanenhaften Portal. Darin und dahinter, sich in unwirklichen Fernen verlierend, blinkt eine kilometerbreite Wasserstraße von sattester Goldfarbe, in der einzelne durch springende Fische erzeugte Wellen und Spritzer gleich aufflammenden Feuern lodern. Grüne, rote und im Schatten fast tintenblaue Inselchen liegen darin verstreut, als ob jemand Blumensträuße verschüttet hätte. Sumpfige Stellen und Sandbänke sehen aus wie Smaragde und Karneolbrocken.

Das ist der Strom der tausend Abenteuer und Geheimnisse, der große goldfarbene Magdalena!

Die Motoren setzten plötzlich aus, mit zischendem Sausen schnellt der Condor durch die Luft, bis die Maschinen wieder anlaufen und ein paarmal kurzes Stakkatogehämmer von sich geben, das in einer Art Husten endet. Don Rafael zuckt aus seiner glücklichen Teilnahmslosigkeit, wirft einen Blick auf die von unten zu uns emporschwebende Wasserfläche. Wild rollen da seine schwarzen, weißumrandeten Augäpfel.

Der Pilot greift über die Schulter, schiebt das kleine Verbindungsfenster auf. „Keine Sorge, wir haben Schwimmer, können die Räder einziehen. – Gehen aufs Wasser, kleine Panne – kommt oft vor. Altes Flugzeug!“, tönt seine beruhigende Stimme.

Jules schlägt Kreuze, und aus seinem Hemde zieht er einen Rosenkranz. Scheinbar um die Breite eines Haares streift der Aluminiumflügel des Condors eine gewaltige Palme, die, auf einem winzigen Stück Erde sprossend, aus dem ihre Wurzel umspülenden Strom ragt. Jetzt setzen die Schwimmer auf, der Condor bockt ein paarmal, und ich denke an verborgene Treibholzstämme, die die alte Kiste zertrümmern und uns der Gnade der Krokodile, Zitteraale und Piranhas überlassen können. Noch ein Rauschen und gelblichblitzen des Gischten, dann ist’s ruhig.

Langsam treibt das Flugzeug auf hellgoldener Strömung dahin. Der fluchende Pilot macht sich an die Zündkerzen, und nun erst vernehme ich durch das anfänglich brütende Schweigen des ragenden Urwaldes jenes ruhelose sanfte Rauschen und Glucksen, mit dem der Magdalena seine majestätischen Fluten dem fernen Meere zuschickt. Wären das abgehackte, immer wieder losbrechende Lästern des Piloten und sein klirrender Schraubenschlüssel nicht, würden die Amerikaner ihr sinnloses, erstauntes Schwatzen aufgeben und der Franzose sein düster klingendes Murmeln für sich behalten – dann glich dieses gewasserte Flugzeug einem träumerisch langsam dahinschwimmenden Märchenvogel.

Eben treiben wir dicht an einer Insel vorbei, deren Palmengruppe, an die vierzig Meter in die Luft ragend, sich oben zum grünen, sonnendurchzuckten Baldachin vereint. Überall baumeln dicke und doch wunderbar schlank wirkende Lianen herab, die hellgrün oder rot mit schwarz getigert sind. An ihnen hängen, als schwebten sie frei in der dunstheißen Luft wie jene sie umgaukelnden zweispannengroßen Scharlachschmetterlinge, die Blüten tiefvioletter, feurigroter und orangegelber Orchideen. Orchideen, von denen einige ganz unwahrscheinlich groß sind.

Da packt der Sog der Hauptströmung den Condor und führt ihn mit vergrößerter Schnelligkeit rasch von jenem Zaubereiland fort. Don Rafael nimmt einen Schluck. Der Pilot scheint den Schaden behoben zu haben. Er ruht sich aus, und indem er uns sein schweißüberströmtes Gesicht zuwendet, lehnt er jetzt in seinem Sitz. „Caramba, wenn die Kompanie glaubt, dass diese alte Kiste immer noch gut genug ist, um Minenarbeiter nach Bogotá zu fliegen, dann sollen die Señores das nächste Mal selber steuern! Bei allen zehntausend Heiligen, wäre die Sache einige Minuten früher passiert, so lägen wir jetzt zerschmettert dort hinten im Urwald!“, schimpft er erbittert. Der Schwarze reicht ihm zur Beschwichtigung die Flasche, an der er ausgiebig saugt.

„So, nun kann’s weiter gehen. Hoffentlich hält er nun durch bis Bogotá, oder unsere Bräute und Señoritas kommen doch noch in die Lage, Totenmessen lesen zu lassen

Weit in den goldenen, flimmernden, murmelnden Strom hinaus schiebt sich eine buschige Landzunge, gegen die der Condor nun wieder unsäglich langsam treibt. Die Motore dröhnen ein paarmal zur Probe, aber ich schaue gebannt zu jener schmalen Halbinsel. Vom dunklen Hintergrund löste sich dort ein Kanu ab, ein zweites und noch drei andere! Braune Männer knien paddelnd darin, winken abwechselnd.

„He, Don Rafael, gibt’s hier in Kolumbien böse Indios?“, frage ich und deute gleichzeitig zu der sich nähernden Flottille.

„Nicht dass ich wüsste! Aber besser wäre es doch, wir machten uns davon!“, erwidert der Schwarze besorgt. Nun singen die dröhnenden Motore! Eben noch rauschte der Magdalena, schrien die nackten paddelnden Gestalten, und dann wird alles aufgesogen vom Triumphbrausen des Menschenvogels, der wippend über die sprühende Wasserfläche schießt und sich darauf schräg gegen den sonnigen Himmel emporschraubt. Und wieder gleiten bunte Urwälder und blitzende Sümpfe im ewigen Einerlei unter uns hin. Erst später wird die Gegend bergig, die grünen Ausläufer der Anden schieben sich wie ein in mächtigem Wogenaufruhr erstarrtes Meer näher, und dahinter wuchten dunstverschleierte Kolosse. Die Luft über den Hochflächen wird empfindlich kühl im krassen Gegensatz zu der vor Kurzem noch empfundenen Bruthitze. Das lässt meine Zähne aufeinanderschlagen. – Wir nähern uns wahrscheinlich Bogotá de Santa Fe. Diese schöne Stadt liegt auf einer gewaltigen kultivierten Hochebene, die sich über zweitausend Meter erhebt, und das Klima dort, das keinem Wechsel unterworfen ist, bleibt für seine Bewohner ein ewiger Frühling.

Am Abend rollt der Condor nach einem Halbkreis über dem Häusermeer auf den Flugplatz.

 

 

Lieder am Feuer

Noch klingt das Fluchen des sich bei seinem Vorgesetzten beschwerenden Piloten in meinen Ohren, als uns Don Rafael in einen kleinen mauerumschlossenen Hof lotst. Acht ähnlich wie wir zerlumpt gekleidete Männer unterbrechen ihr Kartenspiel und begrüßen uns mit mannigfachen Scherzworten. Es sind ebenfalls neugeworbene Minenarbeiter. Europäer befinden sich nicht darunter, wohl aber ein sanft blickender, zierlich-schlanker Chinese.

Ein Kolumbianer, der in seiner zwischen zwei Pfählen aufgespannten Hängematte schaukelt und mit dem Taschenmesser in einer Orange herumschnitzelt – ein bei seinen Landsleuten sehr beliebter Zeitvertreib – begrüßt Don Rafael. Und wir erfahren, dass wir morgen unter beider Führung und einem Trupp zur Ablösung kommandierter Soldaten – wir könnten ja sonst ausrücken, haha! – nach Norden befördert werden.

Einstweilen vertreten wir uns die Füße, freunden uns langsam an und faulenzen. Unterkunft und Verpflegung sind erstaunlich gut, aber dafür lässt man uns auch keinen Augenblick außer Sicht. Wir schulden der Minenverwaltung bereits zu viel Geld! Zuerst der Vorschuss und dann der Flug! Alles das muss erst abgearbeitet werden. Sam und Billy, die einen kleinen Spaziergang machen wollen, werden gutmütig ausgelacht, denn es darf niemand den Hof verlassen.

Es wurde völlig Nacht; von der Kathedrale läuten Glocken. Wir drängen uns alle um ein in der Mitte des Hofes entfachtes riesiges Feuer, die gelieferten dicken Schlafdecken nach Nomadenart um die Schultern gerafft.

Mein Blut ist in Brasilien dünn geworden und mich friert arg. Jules, der selber am ganzen Leibe bebt, tröstet mich. Muzo läge zwar im Norden von Bogotá, es gäbe dort aber wieder tropisches Klima, sagt er.

Jemand hat noch Vorschuss zugute, und deshalb findet sich ein großer Krug feurigen Cachassas zu uns ein, und bald ertönt Stimmengewirr, Gelächter und Singen von Stanzas oder Seguedillas. Fast alle – bis auf einige wenige, die dumpf-brütend vor sich hin stieren und den Schnaps mit der sichtbaren Absicht hinabgießen, möglichst schnell betrunken zu werden, sind von harmloser Fröhlichkeit. Sogar Jules singt ein keckes Liedchen, das von den Mädchen der Provence handelt. Don Rafael und der Kolumbianer Don Hypolito, der bei unserer Ankunft in der Hängematte saß, mischen sich unter uns, klopfen bald diesem oder jenem auf die Schulter. Niemand von den Angeworbenen, außer dem alten Jules, kennt die Minen.

Dieser ist aber heute nicht in der Stimmung, darüber zu berichten. Die zwei Aufseher geben grundsätzlich keine Auskunft. Unser Drängen beantworten sie ablenkend mit stets gleichlautenden Worten: „Ihr werdet’s schon früh genug erleben, Muchachos. Es ist nicht so schlimm, wie ihr zu denken scheint. Und in der Hauptsache: Ihr verdient viel Geld! Blanke Pesos und hübsche Banknoten. Das bisschen Vorschuss habt ihr rasch abgearbeitet. – Adelante, amigo, füll die Pulle aus dem Kruge und lass sie die Runde machen. Cachassa wird nicht besser davon, wenn er ungetrunken bleibt!“

Die Südamerikaner kauern in der Hocke um die leuchtende, langsam niederbrennende Glut. Eng in Decken gehüllt, werfen ihre Figuren mit den spitzen Sombreros seltsame Schatten gegen die hellgetünchte Mauer. Manchmal verzerrt sich solch eine Silhouette zu breiter, gewölbter, riesenhafter Krötenform oder wunderlichen Profilen. Zuckende, raffende, drohende oder winkende Schatten von Händen spiegeln sich ab.

Und die Männer singen ihre schönen, tief ans Herz rührenden, von süßer, eintöniger Melancholie durchbebten Lieder. Langgezogen schwebt der Kehrreim zu den prachtvollen Sternen empor. Und so singen sie noch am dunkelrot verglimmenden Feuer, als ich mich zur Ruhe lege.

Sachte schaukelt die Hängematte unter meinem Gewicht. Beizender Holzfeuerrauch, der mich an köstliche Urwaldnachtlager erinnert, kitzelt meine Nase. Draußen im Hofe singen die Männer, singen so betörend, so schwebend und urplötzlich in wilde, hallende Melodien übergehend, wie nur der Südamerikaner, allenfalls der Spanier es vermag. Schwermütige Liebeslieder und auf zitternden Tenorstimmen getragene „melodias de combate“, lullen mich in Schlaf.

 

 

Der Weg nach Muzo

Ganz dünn ist die Luft. Und unbeschreiblich heiß!

Für den Europäer ist das Klima dieser Gegend, die wir jetzt ziemlich langsam in verbeulten Fordlastautos durchfahren, eines der schlimmsten. Denn die Dünnheit der Atmosphäre bringt das Nervensystem irgendwie in Aufruhr, in fortwährendes, an den Rand des Wahnsinns treibendes Angespanntsein. Und die fürchterliche Hitze, die der Himmel ausstrahlt, der wie Glasfluss unsichtbares Feuer herabträufelt, presst den Körper, in dem diese gemarterten Nerven wohnen, wie einen Lappen zusammen und drückt ihn. Drückt, bis fast jede Feuchtigkeit daraus aufgesogen ist und der Schweiß nur in Form trockener Kriställchen und salziger Schichten austritt.

Trotzdem wir fahren und ich mich nicht viel bewegen muss, ist meine Haut, mit Ausnahme der unbedeckten und an dergleichen eher gewöhnten Teile, überall entzündet. Ein bösartiger „Wolf“ hat meine Achselhöhlen, Kniekehlen und andere Stellen mit einem purpurroten, aus kleinen vereiternden Erhöhungen bestehenden Ausschlag bedeckt. Hebe ich den Arm oder rühre das Bein, dann verursacht mir dies Höllenqualen.

Und ich wundere mich. Denn eigentlich dachte ich gegen derlei Kinderkrankheiten gefeit zu sein! Was erwartet mich nun in Muzo und in Choco? Fünf Jahre – großer Gott! Fünf Tage werden reichen, um mich und andere, die vielleicht noch stärker sind als ich, unter die Erde dieses verfluchten Landes zu bringen!

Die zehn Soldaten, die hinter uns drein rumpeln, machen Scherze. Ihr Leutnant, ein blutjunger Bursche mit einer Haut wie Milch und Schokolade, sitzt neben dem Lenker und liest trotz der Sprünge des alten Fords in einem fettigen Buche. Die Straße führt durch felsige, dürre Täler, über sonnenverbrannte, mit dürftiger Vegetation bedeckte Hochebenen und wieder durch Schluchten, die so lang, eng und tief sich in die Rinde der Berge eingefressen haben, dass ein fortwährendes Dämmerlicht in ihnen herrscht.

„Goddamn!“, flucht der Einsilbige, der neben mir auf dem gleichen Brette kauert und an solchen Orten laut mit den Zähnen schnattert. Sam lacht ein böses, sich hallend an den Felswänden fortpflanzendes Gelächter, und Jules liegt wie eine zusammengeballte, krumme und zerdrückte Mumie, aus der die Augen wundersam lebendig funkeln, in der Ecke zwischen den Füßen der Kolumbianer. In Zeiträumen hupen die Autos, so laut sie können, damit uns Entgegenkommende gewarnt werden. Es gibt kein Umdrehen und Ausweichen hier, und selbst Fußgänger könnten sich nicht zwischen Maschine und Felswand hindurchquetschen.

Jedes Mal, wenn wir ins Sonnenlicht hinaustauchen, breitet man unwillkürlich schützend die Hand vor die Augen, da es einem wie flammender Atem eines Höllenrachens entgegenströmt.

… Musik ist etwas Wunderbares! Sie lässt Menschen, die eben noch unter körperlichen oder seelischen Qualen sich wanden, wieder aufhorchen, neuen Mut fassen und sogar froh sein. – Ich spüre nicht mehr die salzige Ausscheidung des Schweißes in meinen Augen ätzen! Die Schmerzen in den Achselhöhlen sind weg, auch denke ich nicht mehr an das, was noch kommen mag!

Ich stopfe meine Pfeife, und genussvoll den Rauch des scharfen, schwarzen Tabaks über die Lippen blasend, lausche ich Hypolito. Er hat eben seine Ziehharmonika umgehängt. Nie, dünkt mich, hörte ich schönere Weisen als die einfachen Tangos und Zambacuecas, die der braune Mann mit dem melancholischen Indianergesicht seinem arg beschädigten Instrument entlockt. Und vernahm ich doch schon Konzerte in der berühmten Metropolitan Opera zu New York.

Die bisher düstere, schweigsame und verbissene Stimmung schlug bei den ersten Akkorden jäh um, und noch lange Stunden darauf sind wir wieder Menschen. Bevor die Ziehharmonika erklang, waren wir geduckte, verzweifelte und mit dem Schicksal hadernde Bestien oder günstigstenfalls Sklaven, die voll Bangigkeit ihrem unbekannten Pferch entgegenfuhren. Nun wurden wir wieder Menschen.

Man raucht, späht in die Landschaft oder erzählt sich etwas, und die ganze Zeit rattern die Autos gen Norden. Über flache braune, mit kargem Grün betupfte Hochplateaus, wo Kolibris ihr sausendes, funkelndes Spiel treiben und Aasgeier hoch oben zirkeln. Durch sumpfige Strecken, wo der mit einer salzartigen Kruste bedeckte Morast bis an die Radachsen reicht und uns über und über bespritzt. Manchmal schieben sich die Ausläufer des Urwaldes hart an den Weg. Manchmal liegen kleine Dörfer, wo nackte Kinder mit schwarzen Schweinen spielen, an der Straße, oder wir rasseln in Staubwolken gehüllt durch kurze Gassen, wo gerade lärmende, farbenfrohe Märkte abgehalten werden. Magere Kühe und schrecklich herabgekommene Pferde mit spitzen Knochen und aufgeblähten Bäuchen schauen uns aus sanft erstaunten Augen nach. Indios, die ungeheure Lasten schleppen, treten beiseite und lächeln scheu.

In einem dieser „Tambo“ genannten Dörfer machen wir Rast und erhalten zu essen. Die Soldaten, die gleich ihrem Führer noch halbe Kinder sind, mischen sich unter uns und sind sehr nett, obwohl sie von Zeit zu Zeit an ihre Gewehre schlagen und uns vielsagend anblicken. Jules ist so erschöpft, dass er auf Speise und Trank verzichtet. Unter dem einen Auto liegt er und röchelt im Schlaf. Der Schweigsame flucht merkwürdig eintönig, während Sam ebenfalls zu mitgenommen ist, um zu sprechen.

Lagerfeuer flammen und knattern, Esel schreien; aus den wellblechgedeckten Lehmhütten summt das Gespräch der Latinofrauen. Rasch kühlt sich die Luft ab. Es ist uns nicht verweigert, in dem aus ein paar Hütten, Gärtchen und Einfriedigungen bestehenden Tambo herumzustrolchen, und ich habe bald eine Behausung entdeckt, wo eine bildhübsche, etwas zerzauste junge Frau, die nur einen Kattunüberwurf trägt, in der Tür sitzt.

„Buenas noches, Señora, so schön wie der Mond, so süß wie Frucht, so blühend wie die schönste Blume im Garten des Palastes Seiner Excellenza zu Bogotá de Santa Fe!“, beginne ich und stopfe meine Pfeife.

Belustigt mustert sie mich. „Lernen die Gringos solche Worte bei sich daheim? – Valgame me Dios!“, murmelt sie und zeigt zwei Reihen Zähne, für deren ebenmäßige Perlen eine Hollywooddiva hunderttausend Dollars zahlen würde.

Entrüstung spielend, entgegne ich: „Ich bin kein Gringo, kein Amerikaner oder Inglese, sondern ein Aleman!“

„Ein Aleman? Die Alemanes sind tapfer, aber arm!“, sagt sie eintönig und reicht mir einen glühenden Holzknüppel für meine Pfeife.

„Arm, ja, Schönste der Schönen von Kolumbien. Deswegen bin ich auf dem Wege nach Muzo!“ Begeistert ende ich: „Señora, wenn ich nach fünf Jahren diesen Weg zurückkomme – frei und reich – dann will ich Ihnen das schenken, was Sie sich wünschen. Denn Sie sind nicht nur schön, sondern auch gütig zu dem armen Fremden!“

Mit der Hand nach den uns umsummenden Fliegen schlagend, antwortet sie. Täusche ich mich? Schwingt jetzt in den Worten ein traurig zärtlicher Unterton mit, oder bin ich ein eingebildeter, auf seinen Sieg erpichter Narr? „Fünf Jahre! Heilige Mutter Gottes. Du Armer, Armer! Pobre Muchacho, armer Junge! – Wenn Sie dann noch leben!“

„Warum soll ich nachher nicht mehr leben? Stirbt denn alles in den Minen?“

„Alles nicht!“

Sie winkt mir, mich niederzulassen, und nachdem dies geschehen ist, wobei ihr rehschlanker Körper nahe an den meinen rückt, flüstert sie: „Wir haben ein Sprichwort bei uns in den Tambos, die am Wege zu den Minen liegen: En Muzo se muera mucho y en Choco queda vivo poco! – In Muzo sterben viel und in Choco bleiben wenig leben.“ „Quien sabe? Wer weiß es, Señora!“

Sie rückt noch enger an mich. Am Himmel funkeln Sterne. Aus dem nahen Urwald wälzt sich schillernder Dunst.

In nächster Nähe ist es ganz dunkel, nur die Augen der schönen Latina flimmern feucht, und ihre Zähne sind weiße Perlenstränge.

„Warum gehen Sie? Sie Armer! Und ich – ich kann Sie noch nicht einmal verbergen, die Strafen sind zu hoch, und gefunden werden Sie doch!“

Leise streichelt ihre kleine, nach Erde riechende Hand über die meine. „Armer Muchacho, warum hast du unterschrieben!“, raunt es kaum vernehmbar, und aus irgendeinem Garten kommt plötzlich ein betäubender Duft, und die Ziehharmonika spielt „La Paloma“.

Mir ist so sonderbar zumute, eine heiße Zärtlichkeit erfüllt mich bis in die äußersten Fingerspitzen. – Dummkopf! schelte ich mich aus, während ich den Arm um die erbebende junge Frau dieses fremden, schönen, gutgläubigen, leichtsinnigen und sympathischen Volkes lege.

Hätte ich das, was diese Frau in mir erweckt und mir geben will, nicht leicht haben können? Nur wenige Meilen außerhalb von Baranquilla gibt es Dörfer, wo die Leute noch so sind wie diese Frau im Tambo am Wege zur Hölle von Muzo! Und ich verfluchter Dummkopf saß meiner eigenen Energielosigkeit auf und verschrieb mich dem Tode, als ich den Kahlköpfigen besuchte und Unterzeichnete.

Ein trockenes Schluchzen quält sich aus meiner Kehle. Die Frau neben mir streichelt meine Wange, und in der Dunkelheit sehe ich wieder schwach ihre feuchten Augensterne, das Weiß der Zähne und die gewölbten Lippen. Bei Gott, sie ist schön, wunderschön!

Und wenn ich mit der Absicht gekommen bin, um in leichtsinnigem, süßlichem Wortwechsel einen Topf heißen Kaffees und etwas Salbe oder Öl für meine schmerzhaften Entzündungen zu ergattern – nun ist das alles anders. Ich fühle und denke nichts mehr, habe nur den Wunsch, hierzubleiben, in den Armen dieser kleinen mitleidigen, rehschönen Latinofrau auszuruhen von der Odyssee, die mich bisher wild durch fünf Erdteile, über sieben Meere, durch Wüsten, Urwälder und Hitze wie Kälte hetzte. – Verdammt, welches Pech!

Und wie ein Ertrinkender reiße ich sie an mich, fühle, wie ihre schlanken Arme sich um meinen Hals legen, und presse den Mund auf die sammetartige Weichheit ihrer gewölbten Lippen.

Dies ist das Paradies! Und – o Gott! dahinter steht riesengroß und düster die Hölle von Muzo, der ich mich freiwillig verkauft habe …

Seufzend entwindet sich die Frau meiner Umklammerung. Ganz behutsam und zögernd.

„Wie heißest du, Blume von Kolumbien?“

„Maria!“, kommt es leise an mein Ohr und wieder finden sich unsere Lippen, und in meiner Seele steht wie ein glückliches schmerzhaftes Wunder die Gewissheit an eine schöne Erinnerung auf dem Wege nach Muzo.

„Du musst fort, du Lieber!“, flüstert sie. „Mein Mann kann jede Minute zurückkehren. Er wollte einen Bienenschwarm im Urwald ausnehmen.“ Etwas Heißes zerplatzt auf meiner Hand.

„Weine nicht, Maria. Carina, Bonita, Hermosa!“, raune ich alle Kosenamen der spanischen Sprache in ihr Ohr.

„Du musst fort! Ich würde nie wieder eine ruhige Minute haben, wenn er uns so anträfe. Denn ich bin keine, die … O Santa Virgen! es kam so plötzlich! – Geh, ich bitte dich um aller Heiligen willen! Um deiner Mutter willen!“

„Meine Mutter ist fern von hier. Vielleicht träumt sie in diesem Augenblick etwas Schönes, weil jemand gut zu ihrem wilden Jungen ist!“

„Geh!“

Langsam erhebe ich mich. Hinter mir höre ich unterdrücktes Schluchzen. In dieser Minute zerbrach etwas in mir. Etwas, das noch ein verborgener, übriggebliebener Teil meiner Kindheit war und nie wiederkehrt.

Feucht und duftend ist die mich umfangende Dunkelheit. Auf halbem Wege zu dem roten Feuerschein, wo die andern sitzen, kommt mir eine helle Gestalt entgegen. Es ist ein Mann mit spitzem Hut, der in der Hand ein Bündel trägt. Seine Sandalen scharren rhythmisch den weißen Staub auf. Über die Achsel nach ihm spähend, sehe ich, wie er zu Marias Haus geht. Ihr Mann!

Don Rafael empfängt mich am Feuer. „He, etwas herumgestreift? Ein wenig mit den Senoritas gescherzt? – Vorsicht, die Messer sitzen locker hierzulande!“, lacht er und hält mir eine Pulle hin.

„Her damit!“, schreie ich, sodass die andern verwundert aufschauen. Brennend rinnt der Schnaps meine Kehle hinab und löscht alles aus. Alles!

Und jetzt fühle ich mich wie ein Goliath. „Muzo? Hoho! Wer hat Angst vor Muzo!“, lache ich irrsinnig. „Viva, hoch lebe Muzo!“, brülle ich weiter und packe Don Rafael um die Hüften, wirble mit ihm im grotesken Tanz um das Feuer, und die anderen lachen. Hypolito spielt einen Kolumbianischen Marsch. Die Soldaten patschen sich taktmäßig auf die Schenkel, ihr Leutnant stöhnt begeistert. Jemand wirft Holz ins Feuer, es lodert und greift mit roter Zunge hoch empor. Und dort oben funkeln die Sterne.

 

 

Die Soldaten

Sam unterhält uns am nächsten Tag während der Weiterfahrt, indem er mit seiner hallenden Stimme britische Seemannslieder singt. Seine Auswahl ist schier unerschöpflich, und die Soldaten werden davon begeistert, klatschen in die Hände und fordern ihn stets von Neuem auf. Er grölt vom „Whisky Johnny“, singt darauf das Lied vom „Yankeeklipper, der nach Rio fährt“ und schließt nach vielen andern Stücken mit der rollenden Melodie von „John Browns Body“.

Weite Strecken feuchten Urwaldes schmiegen sich zwischen die mit langen Zickzackspalten durchzogenen Hochebenen, hinter denen hohe Berge aus quirlenden Dünsten ragen.

Wieder einmal schlängelt sich das, was ein Weg sein soll – und noch dazu ein für Autos befahrbarer! – schräg nach unten in eine Schlucht, deren Eingang uns wie ein gähnendes Loch verschluckt. Ohrenbetäubend hallt jedes Geräusch von den Steinwänden, die sich rechts und links in schwindelnde Höhe türmen. Oben ist noch ein Stück blauer Himmel, länglich und schmal. Dann verschwindet auch dieses Blau, die Wände neigen sich, als wollten sie uns erdrücken, und graues Kellerlicht und eiskalte Moderluft erfüllen den Tunnel, durch welchen die Autos langsam gleich Würmern dahinkriechen. Auf einmal sind die Seiten so schmal, dass nur wenige Zentimeter daran fehlen, und die Wagen bleiben stecken. Aufmerksam und starr vor sich hinschauend, handhaben die Lenker ihre Steuerräder. Die Menschen werden stumm, flüstern nur manchmal leise miteinander und blicken hoffnungsvoll nach vorne, ob die Eingeweide dieser Berge sich nicht bald wieder öffnen, um dem Sonnenlicht Raum zu geben. Und plötzlich, an einer Stelle, wo der Fahrer rasch die Lampen anknipste, weil es zu dunkel wurde, hält das erste Auto, in dem ich sitze, mit kreischenden Bremsen heftig an. Das folgende rennt beinahe in uns hinein. Durch die nun eingetretene Stille erkundigt sich die in der Mauser befindliche Stimme des jungen Leutnants ärgerlich: „Was gibt’s, Manuel? Warum fährst du nicht weiter?“ Der Angeredete ruft höhnisch über die Schulter: „Und wenn Sie Excellencia der Präsident selber wären, Teniente mio, so müsste ich halten. Caramba, dies soll die letzte derartige Fahrt sein, die ich mache! Man ist ja seines Lebens nicht mehr sicher!“

„Que hay? Was gibt’s?“, fragen jetzt viele Stimmen, und polternd stirbt das Echo in düsterer Ferne.

„Was soll’s sein? Wieder mal ein Felsblock, der die Durchfahrt ausfüllt wie die Hand den Handschuh!“, brummt jener, und nun sehe ich, was er meint.

Ein Stück Fels von der Größe einer Hütte ist herabgefallen und blockiert die Weiterfahrt. Keine Maus könnte sich da durchwinden! Die Höhe des Hindernisses beträgt gut zwei Meter, und wie viel seine in der Fahrtrichtung sich erstreckende Länge misst, kann man vorläufig nur erraten.

Verdammt, welche Kälte hier herrscht! Der Leutnant bespricht sich mit Don Rafael und Hypolito, dann ermuntert uns dieser leutselig: „Keine Sorge, Muchachos, für solche Fälle sind Picken, Hämmer und Stemmeisen im hinteren Auto. Auch Dynamit, aber ich fürchte, dass wir den nicht benützen können, weil uns sonst der Berg auf die Köpfe fällt!“

Der junge Offizier nickt. „Los, adelante, Muchachos, in die Hände gespuckt und angepackt! Da könnt ihr gleich einen Begriff davon kriegen, wie die Arbeit in den Minen schmecken wird, haha!“

„Oho, was salbadert dieses Milchsuppengesicht da? Will er sich über Männer lustig machen, caracho?“, murmelt es drohend aus dem Haufen der im Licht der Scheinwerfer stehenden Arbeiter.

„Solche, wie dieser Lackaffe hier, sind es, die uns regieren und zu Sklaven machen. Por dios, ich möchte ihm den Schädel mit einer der Brechstangen streicheln, die er uns empfahl! Wir wurden angeworben, um in den Minen zu arbeiten, aber nicht hier!“, brüllt ein anderer und drängt sich vor.

„Mon Dieu!“, höre ich Jules stöhnen.

Don Rafael versucht die erregten Gemüter zu beschwichtigen. „Jungens, ihr müsst den Vorschuss nicht vergessen! Und zurück können wir nicht, wenn wir nicht das Eigentum der Kompanie im Stich lassen wollen. – Übrigens kommen solche Dinge hier öfter vor, und wir müssen den Heiligen im Himmel für ihre Vorsehung danken. Denn ebenso gut hätte uns der Brocken dort auf die Köpfe fallen können, dann wären wir jetzt so platt wie Maiskuchen!“

Immer noch murmeln die Männer miteinander. Auf einen verstohlenen Wink ihres Sergeanten ziehen sich etliche Soldaten zu dem hinteren Auto zurück und fingern an den Gewehren herum, während der Teniente prahlerisch die Klappe seiner schwarzledernen Pistolentasche aufschnallt.

„Pistolas! Oha!“, kichert höhnisch ein kleiner säbelbeiniger Arbeiter und duckt sich hinter dem breiten Rücken seines Vordermannes.

„Goddamn!“, flucht der Einsilbige herzhaft.

Don Rafael und Hypolito haben unterdessen Picken, schwere Gesteinshämmer, Brechstangen und Seile von dem anderen Auto klirrend auf den Boden geworfen und begeben sich jetzt zu dem Hindernis, das sie prüfend mit den Augen messen, und legen tastende Finger daran. „Nun, Jungens!“, lächelt der gutmütige Schwarze und macht ein derartig drolliges Gesicht, dass die bösen Mienen der andern sich aufhellen und ich mit Mühe eine Lachsalve hinunterwürge. „Nun ja! Der Fels hier ist weich wie alter, von Maden ausgehöhlter Käse. In achtundvierzig Stunden habt ihr, wenn ihr tüchtig zuhackt, den Kerl beiseite geräumt; und ich werde nicht verfehlen, bei unserer Ankunft dem Superintendenten zu sagen, was für verteufelt feine Caballeros ihr seid.“ – Der prächtige Schwarze drückt die Augen zu, tut, als ob er mit den Lippen etwas Köstliches einschlürfe, und wartet die Wirkung seiner Worte ab.

„Ach ja! – Caramba, der Schwarze ist ein anderer Kerl als dieser Hosenmatzleutnant! – Freilich, wenn die Sache so steht, dann wollen wir in die Hände spucken“, ertönt es aus unserer Runde, und braune Männer schieben unternehmungslustig die Riesenhüte ins Genick, werfen grellgestreifte Ponchos ab und stampfen auf.

„Si, und der Señor Teniente wird sicher erlauben, dass einige von uns zurückgehen in den letzten Tambo, um etwas Branntwein zu holen. Bei dieser Arbeit muss ein wärmender Schluck dabei sein!“, lacht Don Rafael, und der junge Leutnant ordnet sich der überlegenen Art des Schwarzen unter, indem er sauer nickt und, immer noch ein bitterböses Gesicht schneidend, sein Pistolenholster zuschnallt.

„Ja“, kommt es nun über seine zusammengekniffenen Lippen. „Aber erst sollen ein paar den Stein erklettern, damit wir wissen, wie groß er nach hinten ist!“

Die meisten Männer drehen sich bei diesen Worten dem Hindernis zu, und zwei schicken sich an, dasselbe zu ersteigen. Ich höre Don Rafael murmeln: „Aber wozu nur, Leutnant? Es werden nur einige versuchen auszureißen. Und mit dem Stein zwischen sich und uns dürfte es tausend Soldaten nicht gelingen, sie zu finden, wenn’s Einheimische sind. – Sie haben die Leute vorhin unrecht behandelt, Teniente!“ „Pah!“, knurrt der Offizier, gibt aber dennoch dem Sergeanten, der alles mit Argusaugen beobachtet, einen sofort verstandenen Wink. Gleich darauf lässt dieser sich von dem nächsten Soldaten das Gewehr geben.

„Was glotzen Sie so dumm, Kerl!“, fährt mich der nervöse Offizier an, weil ich dicht in seine Nähe kam.

„Ich wollte Sie nur fragen, Señor, ob Sie mir nach Feierabend Ihren ‚Calderon‘ leihen wollen, in dem Sie, wie ich merkte, lasen!“, erwidere ich höflich.

Er ist erstaunt und stottert: „Calderon? Lesen? – Hm, jetzt ist keine Gelegenheit, darüber zu sprechen. Melden Sie sich nachher!“

„Danke, Señor. Muchisimas Gracias, und mögen Sie tausend Jahre leben!“ …

All dies hat sich in kurzer Zeit abgespielt. Von den beiden Kolumbianischen Arbeitern, die den Felsblock erklettern wollen, hängt der eine noch an dessen oberen Rand und versucht eben, sich durch Muskelkraft emporzuziehen, während der andere sich auf die Schultern eines Freundes schwingt und von dort bequem auf das Hindernis steigt. Er zieht den Freund zu sich empor. Da stehen sie nun beisammen und schauen auf uns herab. Es bedarf nicht des Rippenstoßes, den mir Sam versetzt, um zu merken, dass die beiden etwas Vorhaben.

„Erstreckt sich der Klotz weit?“, ruft der Leutnant, und seine Stimme schlägt wieder über.

Die beiden da oben kümmern sich scheinbar gar nicht um ihn, sie drehen sich brüsk um und rufen im Laufen höhnisch über die Achsel: „Schau selber nach, uniformierter Papagei! Adios! und grüße die Minen von uns! Wir haben’s uns anders überlegt! Viva la Libertàd!“

Ein Seufzer des Erstaunens löst sich von vielen Lippen, und die Flüchtlinge hasten jetzt mit gewaltigen Sprüngen davon in die Freiheit.

Scharf und peitschend hallen zwei Mauserschüsse. Tobend und ohrenzerreißend pflanzt sich das Echo in dem Tunnel fort. Der Sprung, der beide auf der anderen Seite des Hindernisses in die lockende Freiheit führen sollte, war ihr Letzter. Ich sah es an der zuckenden Bewegung, die sie machten, ehe sie hinabfielen.

Der bärtige Sergeant, der heimlich Wache hielt, hat gut getroffen, und ich bin mir sicher, dass dort auf der anderen Seite zwei Tote liegen.

Langsam, stöhnend und seufzend, endlich ganz leise versiegend, kommen die Echos zur Ruhe, um abermals dumpf murrend zu protestieren, als die tönende Stimme des alten Soldaten ernst und vorwurfsvoll spricht: „Dieses Blut geht auf Ihr Konto, Señor Teniente. Sie hätten anders mit den Leuten reden sollen.“ Und für den Fall eines etwaigen Aufruhrs kommandiert er leise seinen Untergebenen: „Achtung! Entsichern!“

Es ist so still wie in einem Grabe. Wir starren uns lange entgeistert an. – Aus dem tödlichen Schweigen lösen sich ganz langsam unsäglich kleine Geräusche. Das Knirschen eines zertretenen Steinchens, das Rauschen eines schweißsteifen Kleidungsstückes und das „Drip!“ eines undichten Kühlers. Dann die gepressten Atemzüge und ein plötzliches „Mon Dieu!“ des alten Jules.

Endlich schaut ein Soldat, dem andere emporhalfen, nach den Opfern der Schüsse. Auf der anderen Seite hinabspähend, kehrt er bald um und ruft eintönig mit scheuer Stimme: „Son muertos! Sie sind tot!“

Wieder verstreicht eine Pause, und während die Gewehre in nervösen Händen klappern, sagt Don Rafael seltsam bittend: „Die Heiligen mögen sich ihrer armen Seele erbarmen. An die Arbeit jetzt, Muchachos, dass wir aus dieser kalten Hölle, die uns alle verrückt machte, so schnell wie möglich freikommen!“

Stumm schreiten wir zu den Werkzeugen. In wenigen Minuten hallt neues Echo, das von nun an nicht mehr zur Ruhe kommt, denn wir gehen in Schichten dem Hindernis zu Leibe. Picken schmettern, Brecheisen klirren und bohren sich, von mächtigen Hammerschlägen getrieben, quietschend und gräulich protestierend ins weiche nachgebende Gestein. Einmal, gerade als ich meinen schmerzenden Rücken ein wenig dehne und den Zwanzigpfundhammer sinken lasse, gibt es eine Unterbrechung. Nur die Echos toben weiter. – Der Leutnant ist es, der mit verzerrtem Gesicht herumhüpft, von einem Arbeiter zum nächsten rast und flehend ruft: „Vergebt! Ich kann ja nichts dafür. Vergebt mir, und ich will euch einen Wagen voll Schnaps kaufen!“

Niemand antwortet, jeder handhabt sein Werkzeug und starrt an dem Offizier vorbei. Und als er zu mir kommt, fasse ich mit beiden Händen den schweren Hammer und lüpfe ihn hoch. Jetzt steht der Teniente vor mir, ich sehe seine bittenden Gesten, höre aber nichts, denn dröhnend fällt der Hammer auf die von den sehnigen Fäusten eines Mestizen gehaltene Brechstange. „Huff!“, stoße ich den Atem aus, lüpfe den Hammer wieder, lasse ihn fallen – und so fort. Und dabei denke ich sonderbarerweise nicht an das Drama, das sich eben abspielte. Auch nicht an den vor lauter Gewissensbissen halb übergeschnappten, vor mir herumtorkelnden knabenhaften Offizier, sondern an die Minen von Muzo. Und wenn die Arbeit dort ebenso ist wie diese hier, dann, ja, dann will ich das Schicksal jener beiden wagen, die jetzt auf der anderen Seite des Felsblocks liegen und im Tode erstarren.

Wie possierlich doch der Leutnant aussieht! Was er nur für Fratzen schneidet und wie sich seine Lippen bewegen! Ja, er sagt etwas, fleht und bettelt jetzt den Mestizen an. Unverändert ist dessen braunes Geiergesicht, unverrückt hält er den langen Brechmeißel, und hallend, wie hundert misstönige Kirchenglocken, spielt mein Hammer auf und nieder. „Kling, klang, klirr! Dong, dang, ding! Klirr!“

Da lässt der Leutnant von uns ab und rennt zum Auto, und aus dem Augenwinkel zu ihm hin spähend, sehe ich, wie er die Flasche an die Lippen hebt. Die Flasche mit dem Tröster, dem Teufel und dem Gott der Verzweifelten, der Einsamen, der Unverstandenen und derer, die sich aus nichts mehr etwas machen. Die Flasche mit Alkohol!

Taktmäßig donnert der Hammer, Gestein poltert, Menschen schwitzen in eisiger Kellerluft, bearbeiten mit der Wut losgelassener Teufel das nur widerwillig nachgebende Hindernis. Und mit großen Augen sitzen und lehnen überall Soldaten, die uns stumm zuschauen.

 

 

Im Tambo der Feuerschnauze

Es sind keine achtundvierzig Stunden vergangen, wie der eine Aufseher gemeint hat, sondern mehr als das Doppelte, bis wir den Steinbrocken durch die Kraft unserer Muskeln besiegt und seinen Schutt beiseite geräumt haben. Wir arbeiteten in Schichten von vier zu vier Stunden und ruhten aus an Ort und Stelle, nachdem wir uns an Proviant und Cachassa gelabt hatten. Man war vom Tempo der Arbeit in diesem kaltfeuchten Moderloch derart erhitzt, dass man sich schlapp auf die Erde warf und nach Luft japste. Fing man endlich an zu frieren und zu klappern, so war es auch schon bald wieder soweit, von Neuem zur Schicht zu gehen, in die man sich dann beinahe froh stürzte.

Es gab Schnaps, gebratenes Fleisch und Reis in Fülle, sogar Früchte brachten die Aufseher von hinten herbeigeschleppt. Alles arbeitete, nur die Soldaten nicht, aber wir sind ihnen nicht böse, denn es sind Dienstpflichtige mit einem Hungersold. Noch nicht einmal dem treffsicheren Sergeanten, der zwei von uns kaltblütig erledigte, sind wir gram. Denn ein jeder fühlt, dass dieser alte, seine Pflicht erfüllende Söldner nur das Opfer besonderer Umstände war. Und derjenige, der Anlass zu diesen Umständen gab – Teniente Victoriano Lopez – wird eigentlich von den meisten bedauert. Ingrimmig, mit verbissener Wut aber hassen wir diejenigen, die solch halbreife Knaben, wie es der Leutnant ist, einsetzten, um uns zu befehlen und Dinge ins Rollen zu bringen, die unnötigerweise Tod und Not im Gefolge haben. Gott verdamme jene!

Unter einer Lebenseiche liegen unsere zwei Kameraden begraben. Die Fordautos rumpeln, keuchen und klappern durch feuchten, einsamen, die schlechte Straße begleitenden Urwald. Ein Urwald, dessen graugrüne, triefende, scheinbar tierlose Eintönigkeit stark verschieden ist von jener blütenstrotzenden, lianenverzweigten und von geheimnisvollem Tierleben raunenden oder triumphierend brüllenden Dschungel, wie sie mir lieb und bekannt ist.

Ich versuche manchmal eine Unterhaltung mit den Amerikanern oder Jules. Aber sie sind schweigsam, noch lastet das Geschehen im „Tunnel“ auf ihren Gemütern. Und die Kolumbianer rauchen ununterbrochen.

Ich denke an Maria mit dem rehschlanken Körper und den sanft streichelnden Händen, die so anheimelnd nach Erdreich und Blumen rochen. Denke an den Kahlköpfigen zu Baranquilla, der mich hierher schickte, nachdem er mich auf seine Art gewarnt hatte. – Und die ganze Zeit holpern die Autos weiter.

Kurz vor Abend fällt der Urwald an beiden Seiten zurück, Rauch liegt in der Luft, ein paar Esel, die an Büschen knabbern, schauen erstaunt zu uns hin. Lehmhäuser mit Wellblechdächern und solche, die ganz und gar aus aufgeschnittenen, dann zusammengenagelten, vom Roste feurigrot gestreiften Petroleumblechbehältern bestehen; gaffende Frauen; faul sich räkelnde Männer; schmutzige Kinder mit wunderschönen, durch dürftige Lumpen blickenden Körpern – das ist der Tambo. El Tambo de la boca de fuego. Der Tambo der „Feuerschnauze“, wie Don Rafael uns vorher unterrichtete.

Ein Feuer wird entzündet und wir lagern. Victoriano Lopez unterhält sich angeregt mit dem Jefe politico, dem Bürgermeister dieses gottverlassenen Ortes. Der ist ein seltsamer Mann. Über und über mit rotbraunen Haaren bedeckt – wie seine sehr dürftige Kleidung verrät – würde er, falls er breitschultriger wäre, bis in jede Einzelheit einem Orang Utan gleichen! Dieser Mann führt den sonderbaren Namen „Feuerschnauze“, denn das rote Barthaar bildet in seinem Gesicht ein derartiges Wirrwarr, dass seine Lippen davon bedeckt zu sein scheinen. Auch seine Albinoaugen sind rötlich. Ein weiteres Merkmal ist die Tatsache, dass er anscheinend ewig betrunken ist. Mit hängenden Armen und ungeschickten Bewegungen – wie ein Affe auf den Hinterbeinen – torkelt er später im Lager umher und scheucht einige Frauen, die in scheuer Neugierde näher trippelten, mit unflätigen Worten weg.

Sich vor mir aufpflanzend, stammelt er höhnisch: „Ah, ein Gringo! He? Bueno, Gringolein, sie werden dir in den Minen schon zeigen, was Arbeit ist!“

Sein Atem riecht heiß nach Alkohol, und der Mann ekelt mich derart an, dass ich ihm einen Stoß gebe, der unbeabsichtigt zu stark ausfiel. Er stolpert rückwärts über einen an der mächtigen Feuersglut kauernden, gegen derartige Hitze abgehärteten Kolumbianer und schlägt schwer in die Glut. Ehe er sich aufgerafft und mit Hilfe der andern die an ihm züngelnden Flammen gelöscht hat, ist sein Bart bis auf einige schwärzliche Stoppeln abgesengt. Er heult vor Wut und will sich auf mich stürzen, indes die kräftigen Hände lachender Männer ihn festhalten.

„Madre Santisima!“, feixt einer. „Das ist keine Feuerschnauze mehr. – Hombre, du siehst aus wie, wie … wie ein Pulvergesicht!“

„Pulvergesicht!“, jubeln die andern, und Don Rafael führt den laut lästernden Bürgermeister fort, aber nicht eher, als bis dieser mir zuzischte: „Schlangengringo wird man dich nennen, ehe die Sonne dort hinter den Anden aufgeht!“…

„Ach, ich bin so müde, komm, Jules, Don Julio, erzähl’ uns ein bisschen von den Minen“, fordere ich den Franzosen auf, und bekräftigend nickt alles in der Runde. Rauch und schwefelgelbe, rotdurchzuckte, goldenverbrämte Flammen schlagen hoch empor. Die Hütten werfen dunkelblaue Schatten, aus denen die Augen lauernder Katzen gleich grünen Pünktchen leuchten. Nach hinten, wo der Urwald liegt, den wir durchfuhren, wogt ein See flimmernder, geisterhaft schöner Lichter. Auf und nieder, hin und her. Es sind Glühwürmchen in solcher Anzahl, wie ich noch nie sah.

„Mon Dieu, gebt mir Cachassa, amigos“, flüstert der alte Abenteurer. Nachdem er den Durst gestillt hat, fängt er an: „Bagger, die rauschen und brausen, andere Maschinen, die das Gestein wie Kuchenkrümel zermalmen, donnernde Sprengschüsse, Hitze, Kälte und Verzweiflung. Das ist Muzo, ist Choco, sind die Minen!“

„Weiter, Amigo. Der Anfang ist recht hübsch!“, lacht ein dicklippiger Sambo aus Venezuela, und Juanito, der Spaßvogel unserer Gruppe, drängt: „Erzähl’ mehr, Don Julio. Heilige Gottesmutter, was sind diese Fremden für Käuze! Man muss ihnen ja jedes Wort mit einem Angelhaken aus der Gurgel reißen!“

Der Franzose schüttelt blöde den Kopf. „Mehr weiß ich nicht. – Genügt das etwa nicht, oh, mon Dieu?“ Tränen rinnen, im Feuerschein dunkelrot schillernd, über seine faltigen Wangen. „Oh, ma belle France!“, schluchzt er.

„Er hat den Jammer!“, spricht einer quer über die knisternde Lohe hinweg. Und die Männer nicken, sind plötzlich ernst. Kein Gespräch will mehr aufkommen, und einer nach dem anderen begibt sich zur Ruhe. Unsere Lagerstätten befinden sich in einem wellblechgedeckten Schuppen, bestehen aus Hängematten oder aus Bündeln schwertähnlicher, getrockneter Zuckerrohrblätter. Sam, Billy, der alte Franzose und ich, die wir noch eine Weile stumm am Feuer hocken blieben, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, sind die Letzten, die zu Bett gehen. Aber der Schuppen ist jetzt voll. Überall baumeln Hängematten, und darunter sind raschelnde Blätterhaufen, auf denen schon schnarchende oder noch ihre letzte Zigarette rauchende Männer liegen.

„Kein Platz! Alles voll, wie die Wanzen in der Matratze der Señora Bürgermeisterin Feuerschnauze!“, brummt, lacht und gähnt es uns entgegen. Kurz entschlossen drehen wir um und gehen zu den Autos, in die wir uns legen wollen. Don Rafael, Hypolito und der Leutnant mit dem Bürgermeister, die irgendwo noch eine Pulle brasilianischen Schnaps hinter die Binde gegossen haben mögen, kommen uns entgegen.

„Eh, die Gringos!“, grinst Feuerschnauze, und sein angesengtes groteskes Gesicht kommt in zuckende Bewegung.

„Kein Platz? – Caramba, Compadre, was machen wir mit den Leuten?“, wendet sich Lopez gutgelaunt an den Dorfhäuptling. Der zuckt die Achseln. „Was geht’s mich an, nachdem der eine Gringo mich beleidigt und mich zum Spottbild gemacht hat! – Caramba, meine Frau hat mir schon gesagt, dass sie sich einen Liebhaber nehmen wird, bis ich wieder besser aussehe!“, flucht er.

Der Leutnant weiß sich keinen Rat mehr, zuckt ebenfalls mit der charakteristischen Gleichgültigkeit der Südamerikaner die schmächtigen Schultern.

„Ho, Señor Boca de Fuego, Sie kriegen dafür bezahlt und müssen die Leute auch unterbringen!“, ergreift Don Rafael unsere Partei.

„Wir werden uns in die Autos legen, wenn’s erlaubt ist, Señor!“, schlage ich vor.

Der Bürgermeister hat aber plötzlich einen guten Gedanken gefasst. „Ich habe noch einen Platz, wenn die … die Señores, haha – versprechen, nicht zu rauchen. Es liegt trockene Yerba dort!“, ruft er eifrig und ist auf einmal sehr beflissen, uns Nachtlager zu verschaffen.

„Der Schuft hat was vor!“, murmelt Sam, während wir hinter den anderen her zu einem Schuppen gehen. Don Rafael hörte es, er dreht sich um. „Schätze so. Dieses schwarze Baby würde an eurer Stelle gewaltig aufpassen. Besonders der German!“, warnt er leise im amerikanischen Schwarzenjargon.

Feuerschnauze bleibt vor einem winzigen, fensterlosen, finstern Anbau stehen. „Da! Die Señores werden dort gewiss so süß schlafen wie im Schoße ihrer Mutter!“

Lopez und die anderen spähen hinein. „Es ist ein guter Platz!“, lobt der Offizier und leuchtet den kleinen Raum, in dessen Hintergrund Yerbasäcke aufeinandergetürmt sind, mit der Taschenlampe ab.

„Hinein also!“, brummt Billy und setzt die Worte in die Tat um. Wir drei andern folgen, indes die bezechte Gesellschaft laut lärmend davonzieht. Bald liegen wir auf dem trockenen Boden und hüllen uns in die Regierungsdecken. Billy schnarcht sofort, sein Freund folgt binnen Minuten seinem Beispiel, und auch der Franzose fällt rasch in Schlaf.

Ich bleibe noch wach und lasse die Geschehnisse der letzten Tage an mir vorüberziehen. Immer müder werde ich dabei, halb im Traum höre ich die um das Dorf postierten Schildwachen der Soldaten, wie sie sich von Stunde zu Stunde die Zeit zurufen. „Centinela alerta! – Posten ist wach!“, tönt es langgezogen.

Gegen den Eingang des Verschlages brandet grelles Mondlicht, wirft ein stumpfes, silbernes Dreieck zu uns. Ich bin nun so müde und teilnahmslos wie ein geprügelter Hund, kann aber trotzdem mit dem besten Willen die Augen nicht schließen. Durch ihre schweren Lider schaue ich fortwährend schlaftrunken zum Eingang …

Die Soldaten riefen sich bereits die dritte Morgenstunde zu, der Mond ist weg und fast dunkel liegt der Eingang. Da sehe ich etwas sich bewegen, eine Gestalt steht in gebückter Haltung wie lauschend dort auf der Schwelle! Rhythmisch tönt der gequälte Atem der Schläfer.

Geblendet schließe ich die Augen, als der Strahl einer starken elektrischen Lampe über uns weghuscht, auf jedem einzelnen sekundenlang ruhen bleibt. Langsam spähe ich dann zur Tür. Der geheimnisvolle Besucher verschwand aus dem Gesichtskreis, alles ist wieder dunkel. Und dann fällt etwas wie ein Bündel oder Sack mit weichem Plumpsen zwischen Jules und mir nieder. Meine tastende Hand fühlt raue Falten – Jutestoff – und dann etwas Gleitendes, Schlängelndes, das darin zappelt. Ein wütendes Zischen ertönt!

Und schon bin ich mit einem Angstsatz auf den Füßen, brülle dabei laut, um die andern zu wecken, renne hinaus und erwische den nächtlichen Besucher, als er gerade um den Schuppen laufen will.

„Sam! Jules! Billy! – Raus dort, eine Schlange ist bei euch! – Herbei ihr Männer! Herbei!“, kreische ich die Echos wach und stürze mit meinem um sich schlagenden, leise fluchenden Gefangenen heftig zu Boden. Ich komme auf ihm zu liegen, dresche mit den Fäusten los und brülle weiter: „Herbei!“

Rennen und Laufen überall. Fragende Stimmen, Kreischen von Frauen, Knacken von Gewehrhähnen mischen sich zum wilden Tohuwabohu. Und plötzlich gellt ein fürchterlicher Schrei, der alles andere übertönt. „Mon Dieu! – Die Schlange! Ich bin gebissen, oooh!“

Das Licht zahlreicher Taschenlampen erhellt die Szene. Arbeiter, Soldaten und Frauen umdrängen mich, und unter mir liegt Feuerschnauze, ohnmächtig von meinen mit Berserkerwut geführten Faustschlägen. – „Er hat einen Sack mit einer Schlange zu uns hereingeworfen!“, keuche ich unbekümmert um die auf mich gerichteten Flintenläufe. „Sam! Billy!“

„Hier!“, antworten beide hinter mir.

„Wo ist der Franzose Jules?“

Alles lauscht, und die mich bedrohenden Gewehre wackeln wie Schilfstängel in der Abendkühle. Aus dem Verschlag antwortet ein leises Schluchzen. Und nach einem „Mon Dieu!“, wankt der Alte mit verzerrtem Gesicht ins Freie. „Die Schlange! Sie biss mich zwei Mal!“, kreischt er jetzt schrecklich laut und deutet hinter sich.

Die Menschen weichen scheu zurück. Ich hocke rittlings auf Feuerschnauzes sich langsam bewegendem Leibe.

„Der hat’s! Der verdammte Hund warf den Sack mit dem Biest darin zu uns herein. Weil er eine Wut auf mich hatte!“, rufe ich und erkläre hastig mein Erlebnis.

„Madre santisima, die Grubenschlange!“, wimmert eine Frau, und ein weiter Halbkreis zurückschreckender Mensehen bildet sich um die dunkle Öffnung des Verschlages. Da schiebt sich ein platter dreieckiger Kopf in geschmeidigen Windungen ins Freie, und furchtbar schnell folgt der gut zwei Meter lange, verhältnismäßig dicke Leib. Geblendet vom Licht, hält das Tier einen Augenblick an, jetzt sieht es die Menschen und bereitet sich mit wütendem Zischen zum Angriff vor. Zollweit ragen die gelben Giftfänge aus dem aufgestülpten Rachen.

Ein Kommando ertönt. Hart, trocken und geschäftsmäßig, wie auf dem Kasernenhofe spricht der Sergeant: „Entsichern! – Zielen – Feuer!“

Die Salve von einem halben Dutzend Mauserkugeln schmettert das Reptil im Sprung zurück. Ohnmächtig windet sich nun der blutende Leib im Sande. – Es ist jetzt still.

Ein schwarzes Schwein drängt sich da plötzlich zwischen den Beinen der Menschen durch und beginnt fröhlich grunzend sein leckeres Mahl an der toten Giftschlange.

Stöhnend sinkt der alte Franzose in sich zusammen.

„Armer Kerl! Da hilft keine Medizin!“, murmelt leise jemand neben mir. Taumelnd stehe ich auf und versetze Feuerschnauze noch einen Tritt.

„Señor, Sie sind verhaftet!“, sagt der Leutnant zu dem Liegenden, und zwei Soldaten begeben sich an dessen Seite und bewachen ihn fortan.

Der sterbende Franzose bildet jetzt den Mittelpunkt hilflos vor sich hin fluchender Männer und vor Mitleid weinender Dorffrauen. Sein Bein ist ganz dick, schillert in allen Farben. Er jammert nach Wasser. Als man ihm solches reicht, gibt er es wieder von sich. Zuckungen, die seinen Körper schrecklich krümmen und die Glieder fast ineinander verknoten, schütteln den Armen. Wach und bei Bewusstsein sind nur seine tiefliegenden glimmenden Augen.

Als der erste Anfall vorüber ist, bedeckt sich sein einfallendes Gesicht mit Schweiß. Und nun fängt er an zu phantasieren, von Smaragden, Platin, von Spielhöllen und feilen Weibern. Die Latinofrauen bekreuzigen sich und eine kniet neben ihm nieder, betet mit leiernden Worten: „O heilige Muttergottes, erbarme dich seiner, führe ihn ein in den Himmel. Misericordia! – O Gebenedeite, nimm ihn gnadenreich auf in deinen Schoß! Misericordia!“

Und dazwischen lacht und winselt der alte Franzose, und beide bilden ein schauerliches Duett. „Ah, das waren Zeiten! Smaragde, so groß wie Taubeneier. Die eine hatte einen Ring – Carmella hieß sie … Oh, beginnen diese verfluchten Schmerzen schon wieder? … Ah, einen Ring mit einem Keuschheitsstein hatte sie! Mon Dieu, mein ganzes Geld haben sie mir genommen in Baranquilla. Der Himmel verfluche dieses Land … Helft doch! Diese Schmerzen kann ja kein Tier aushalten …“

Die letzten Worte ersticken, und wieder krümmt und windet sich sein Leib.

„Erbarme dich dieses armen Fremden, allgelobte Himmelskönigin, und verzeihe ihm seine Sünden. Amen! Amen! Amen!“, murmelt die Frau eintönig.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916942
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
tropensymphonie
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Titel: Tropensymphonie