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Höllenfeuer in der Südsee

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Jerry O'Hara, Detektiv aus New York, verfolgt zwei Bankräuber mit 500.000 $ Beute auf eine paradiesische Südseeinsel, auf der unschuldige Touristen fröhliche Strandpartys feiern. Das blutrote Wetterleuchten bei O'Haras Ankunft ist für den abergläubischen Fischer Barnabas der Vorbote eines kommenden Unheils. Er glaubt, dass Rabendo, ein uralter Dämon, zurückkehren und grausame Rache an den Menschen nehmen werde, deren Vorfahren ihn einst besiegt und verbannt hatten. Doch niemand glaubt seinen Worten. Erst als Menschen auf mysteriöse Weise verschwinden und zu willenlosen Dämonendienern werden, begreifen Insulaner und Touristen, dass Rabendos Rückkehr unmittelbar bevorsteht. O'Hara und ein Priester scheinen auf verlorenem Posten zu stehen gegen Rabendo. Seine Diener sind bereit für dessen Rückkehr: Sie entzünden die Höllenfeuer in der Südsee …

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Höllenfeuer in der Südsee

Klappentext:

Roman:

A. F. MORLAND

 

Höllenfeuer in der Südsee

 

 

 

Unheimlicher Roman

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

(ehem. Titel: SIEBEN TAGE DER RACHE)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Jerry O'Hara, Detektiv aus New York, verfolgt zwei Bankräuber mit 500.000 $ Beute auf eine paradiesische Südseeinsel, auf der unschuldige Touristen fröhliche Strandpartys feiern. Das blutrote Wetterleuchten bei O'Haras Ankunft ist für den abergläubischen Fischer Barnabas der Vorbote eines kommenden Unheils. Er glaubt, dass Rabendo, ein uralter Dämon, zurückkehren und grausame Rache an den Menschen nehmen werde, deren Vorfahren ihn einst besiegt und verbannt hatten. Doch niemand glaubt seinen Worten. Erst als Menschen auf mysteriöse Weise verschwinden und zu willenlosen Dämonendienern werden, begreifen Insulaner und Touristen, dass Rabendos Rückkehr unmittelbar bevorsteht. O'Hara und ein Priester scheinen auf verlorenem Posten zu stehen gegen Rabendo. Seine Diener sind bereit für dessen Rückkehr: Sie entzünden die Höllenfeuer in der Südsee …

 

 

 

 

 

 

Roman:

18. Juli, auf einer der dreihundert Fidschi-Inseln.

Schwarz wie poliertes Glas lag das nächtliche Meer um das Eiland. Barnabas, der Fischer, versorgte seinen alten Kahn, von dem überall schon die Farbe abblätterte. Über ihm spannte sich ein klarer Sternenhimmel. Der Halbmond sandte sein fahles Licht zur Insel, auf der die Touristen ein fröhliches Strandfest feierten.

Barnabas schürzte die wulstigen Lippen und knurrte in seinen grauen Bart: „Fröhlich und ausgelassen sind sie, wie die Kinder. Sie kommen hierher, vergessen ihre Sorgen, leben in den drei Wochen, die sie hier verbringen, ein anderes Leben, das nichts mit dem Leben zu tun hat, das sie zu Hause führen. Sie denken, ins Paradies gekommen zu sein, aber sie irren sich. Sie wissen nicht, dass sie sich im Vorhof der Hölle befinden.“

Plötzlich erfüllte ein Knistern die Luft. Barnabas hob erschrocken den Kopf und blickte auf das offene Meer hinaus. Rings um die kleine Südseeinsel zuckte mit einem Mal blutrotes Wetterleuchten.

Der Fischer bekreuzigte sich furchtsam und stöhnte mit ängstlichem Blick: „Ich habe lange schon befürchtet, dass es passiert. Nun brechen sie an – die sieben Tage der Rache!“

 

 

*

 

Am Strand erzeugte eine Achtmann-Kapelle Musik.

Die Touristen tanzten lachend und gut gelaunt. Auf großen Gitterrosten wurde herrlich duftendes Schweinefleisch gegrillt. Jeder konnte sich davon holen, so viel er wollte. Daneben war eine mit Palmenblättern gedeckte Bar aufgebaut worden, damit keiner der Festgäste Gefahr lief, verdursten zu müssen. Die Leute trugen Shorts oder Badehosen. Junge Mädchen wirbelten in knappen Bikinis durch den Sand, wiegten ihre schlanken Körper zu den Klängen, die die Band produzierte. Dort, wo der Strand aufhörte, standen die ersten einfachen Hütten der Feriengäste, überragt von hohen Palmen, umsäumt von tropischen Büschen.

In einer dieser Hütten feierte Cliff Sossey sein kleines Privatfest. Normalerweise wohnte er hier mit seinem Freund Larry Croydon zusammen, doch Larry war so rücksichtsvoll gewesen, das Feld zu räumen, als Cliff mit Norma Welles angerückt kam. Norma war ein überaus attraktives neunzehnjähriges Mädchen, stramm und voll entwickelt. Sie war schwarzhaarig und hatte dunkelbraune Augen, die auf den ersten Blick wie schwarz aussahen. Cliff hatte sie vor ein paar Tagen am Strand angesprochen. Sie hatte in der grellen Sonne gelegen, als wollte sie sich grillen. Er hatte sich einfach zu ihr in den Sand gesetzt und gefragt: „Haben Sie keine Angst, dass Sie davon Runzeln bekommen?“

Sie hatte verwundert den Kopf gehoben, die Hand über die Augen gelegt und ihn neugierig gemustert. Er sah gut aus, war schlank und muskulös. Das blonde Haar hing ihm zumeist verwegen in die Stirn.

„Muss ich wirklich jetzt schon daran denken?“, hatte Norma lächelnd zurückgefragt.

„Die meisten Sünden dieser Art werden bereits in der Jugend begangen.“

„Sind Sie Vertreter für Kosmetikartikel oder so was?“

„Nein. Ich bin lediglich fasziniert von allem, was schön ist. Mein Name ist übrigens

Cliff Sossey. Ich komme aus New York.“

„Ich bin Norma Welles. San Francisco.“

„Darf ich Sie zu einem Drink einladen, Norma?“

„Okay.“

So hatte es begonnen. Norma war mit drei Freundinnen auf die Insel gekommen. Cilly und Aby hatten gleich am ersten Tag Anschluss gefunden, doch Norma war wählerisch gewesen, und so war eine Woche Urlaub vergangen, in der sie sich ziemlich gelangweilt hatte. Aber nun war ihr Cliff begegnet, und sie hatten beide vor, das Beste aus dieser Begegnung zu machen. Natürlich hatten sie eine Weile beim Strandfest mitgemacht. Cliff hatte dafür gesorgt, dass Normas Drinks nie versiegten, und als sie dann einen leichten Schwips hatte, machte er ihr den Vorschlag, den lauten Rummel zu verlassen und sich in die Dunkelheit seiner Hütte zurückzuziehen.

Norma hatte den Vorschlag mit einem schelmischen Augenzwinkern akzeptiert. Sie wusste, was in der Hütte passieren würde, doch sie hatte nichts dagegen. Im Gegenteil, sie brannte sogar leidenschaftlich darauf, dass es endlich geschah.

Nun lagen sie eng aneinandergeschmiegt im Bett.

Cliffs zärtliche Hände streichelten sanft den warmen nackten Mädchenkörper. Norma hatte den Wunsch, sich ihm vollends hinzugeben, doch irgend etwas hemmte sie. Ein leises Unbehagen kroch in ihre Glieder.

Sie konnte sich in Cliffs Armen nicht vergessen. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab. Was war es, das sie so sehr beunruhigte? Sie konnte es nicht sagen. Irgendetwas störte sie so sehr, dass sie allmählich die Lust am Zusammensein mit Cliff verlor. Das war doch nicht normal.

Norma setzte sich mit einem Ruck auf.

Cliff blickte sie verwirrt an. Sie sah wunderschön aus im silbrigen Licht des Mondes.

„Was ist, Baby? Was hast du?“, fragte er ein wenig verstimmt. Warum wirkte Norma plötzlich so unnahbar?

„Irgend etwas stimmt hier nicht“, behauptete Norma.

„Unsinn. Das bildest du dir nur ein. Es ist alles in Ordnung. Du bist hier bei mir. Wir sind verrückt nacheinander. Die Nacht ist herrlich. Es könnte nicht schöner sein.“

„Ich fühle mich beobachtet, immerzu angestarrt.“

„Das ist doch Quatsch. Kein Mensch ist in der Nähe. Die Leute sind alle am Strand.“ Cliff streckte seine Arme nach dem Mädchen aus und sagte träge: „Nun komm schon, Norma. Sei kein Frosch. Vergiss dieses Gefühl, das nicht echt ist. Küss mich lieber. Davon haben wir beide mehr …“

Norma schüttelte heftig den Kopf. „Ich kann nicht, Cliff. Ehrlich, ich kann es nicht mehr.“

Cliff Sossey wurde ärgerlich. „Sag mal, was soll das, Mädchen. Zuerst machst du mich an, und wenn ich dann brenne, übergießt du mich mit kaltem Wasser. Das ist verdammt nicht fair!“

„Entschuldige, aber ich kann nichts dafür.“

„Wenn du nichts dafür kannst, wer dann?“

„Wir werden beobachtet. Merkst du das denn nicht?“

„Nein, verflucht noch mal.“

„Dann habe ich eben eine bessere Antenne für so etwas als du.“

Sossey setzte sich nun ebenfalls auf. Er fuhr sich verdrossen durchs Haar. Seufzend versuchte er, sich zu beherrschen. Er wollte die Situation noch retten und sagte: „Okay. Wir werden also von einem Spanner beobachtet. Weshalb stört dich das? Was ist denn schon dabei, wenn einer sich daraus einen Spaß macht …“

Norma blickte Cliff entrüstet an. „Sag mal, wofür hältst du mich? Denkst du, ich gebe hier eine Vorstellung für perverse Schweine?“

„Es ist doch überhaupt nicht erwiesen, dass uns jemand beobachtet.“

„Ich fühle es aber. Wo ist dein Freund Larry?“

Cliff ärgerte sich zwar darüber, dass Norma sich ihm wegen eines Hirngespinsts verweigerte, aber nun musste er doch lachen. „Also was Larry betrifft, kann ich dich wirklich beruhigen, Baby. Larry ist ein Gentleman. Dem würde niemals einfallen, sich hier anzupirschen und unser Treiben zu beobachten. So etwas wäre unter seiner Würde.“

Er versuchte sie wieder in die Kissen zu drücken, doch Norma sträubte sich dagegen.

„Na schön!“, knurrte Cliff daraufhin zornig. „Dann eben nicht!“

„Es tut mir leid, Cliff“, sagte Norma und glitt aus dem Bett. „Ich habe es genauso gewollt wie du. Aber nun klappt es nicht mehr.“

„Bist du sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?“, fragte Cliff giftig. Er zündete sich eine Zigarette an.

„Sei jetzt bitte nicht gemein.“

„Willst du es nicht doch noch mal versuchen?“

„Es hätte keinen Zweck. Vielleicht ein andermal.“

„Würde dir ein Drink darüber hinweghelfen?“

„Ich glaube nicht.“

„Angenommen, ich sehe draußen nach, ob sich ein Voyeur herumtreibt, angenommen, ich kann keinen entdecken …“

Normal schlüpfte in ihr winziges Bikinihöschen und schüttelte ernst den Kopf. „Daraus würde heute Nacht nichts mehr werden, Cliff. Ich bedaure das zwar sehr, aber ich kann es leider nicht ändern.“

Sie hakte den BH zu.

Cliff Sossey winkte ärgerlich ab. „Na, wenn schon. Ist ja kein Beinbruch.“

Norma beugte sich über ihn und küsste ihn auf die Stirn. Auch darüber ärgerte er sich. Auf Küsse, wie sie zwischen Bruder und Schwester getauscht wurden, konnte er verzichten.

„Wir holen es ein andermal nach, einverstanden?“, sagte Norma leise.

Cliff zuckte verstimmt mit den Schultern, sagte nichts, hoffte nur, dass sie beim nächsten Mal nicht noch mal so ein Theater aufführte, denn ein zweites Mal würde er sich nicht mehr so einfach abknipsen lassen, das schwor er sich. Norma verließ die Hütte.

Cliff dachte grimmig an seinen Freund Larry. Mit zusammengezogenen Brauen murmelte er: „Du kannst wieder nach Hause kommen, Kamerad. Deine Rücksicht hat sich nicht gelohnt.“

 

*

Larry Croydon hatte zunächst ein paar Whiskys getrunken und dann einen kleinen Inselrundgang gemacht.

Gedankenverloren schlenderte er durch die üppige Vegetation, unter mächtigen Regenbäumen hindurch, an Hibiskussträuchern vorbei. Croydon war ebenso groß wie Cliff Sossey, doch im Gegensatz zu Cliff neigte er dazu, Fett anzusetzen, und seine Hüften waren schwammig. Eine große Hakennase beherrschte sein strenges Gesicht. Sein Blick war finster und stets von Misstrauen geprägt.

Larry und Cliff unterschieden sich grundlegend von den Menschen, die auf dieser Fidschi-Insel wohnten. Sie waren hierher gekommen, um sich zu verstecken. Sie hatten sich auf dieses kleine Eiland zurückgezogen, um vor dem Zugriff der Polizei sicher zu sein. Sie waren sozusagen in der endlosen Weite des Pazifisehen Ozeans untergetaucht, nachdem sie in New York eine Bank überfallen und eine halbe Million Dollar erbeutet hatten.

Nun musste erst einmal Gras über die Sache wachsen. Erst dann wollten Larry und Cliff wieder amerikanischen Boden betreten. Inzwischen hatten sie vor, ihr Leben auf dieser paradiesischen Südseeinsel in vollen Zügen zu genießen.

Larry blieb stehen.

Er fingerte die Zigarettenpackung aus der Brusttasche seines Hemdes, klemmte sich ein Stäbchen zwischen die Lippen und steckte es in Brand.

Es war ihr erster Bankraub gewesen. Davor hatten sie alle möglichen krummen Dinger gedreht, die jedoch nie das große Geld gebracht hatten. Schließlich hatte es dann doch geklappt.

Larry zog den Rauch in die Lungen und schloss verträumt die Augen. Eine halbe Million Dollar. Vor einem Monat hätte er von so viel Geld nicht einmal zu träumen gewagt. Nie hätte er gedacht, dass es so leicht sein würde, an so viel Geld heranzukommen. Sie hatten die Bank maskiert und bewaffnet betreten, hatten wild um sich geballert, um die Angestellten in Angst und Schrecken zu versetzen, und hatten alles Geld verlangt, das sich im Tresor befand.

Bis die Polizei am Tatort eingetroffen war, waren Sossey und Croydon längst über alle Berge gewesen.

Larry grinste.

So einfach war das gewesen.

Plötzlich irritierte ihn etwas. Er fühlte sich angestarrt. Seine Augen wurden schmal. Er versuchte die Dunkelheit zu durchdringen. Irgendwie war ihm unheimlich zumute. Verdammt, ein solches Gefühl hatte er noch nie gehabt. Es rieselte ihm eiskalt über den Rücken. Er bekam sogar eine Gänsehaut. Wodurch wurde diese eigenartige Reaktion hervorgerufen?

Larry warf die halb gerauchte Zigarette auf den Boden und trat auf die Glut. Dann bückte er sich und streifte das linke Hosenbein hoch. Eine Wadenhalfter wurde sichtbar. Eine verchromte Derringer-Pistole steckte darin. Larry nahm die Waffe in die Hand. Seit er mit Cliff fluchtartig die Staaten verlassen hatte, machte er nur ganz selten einen Schritt ohne die kleine Pistole. Sie vermittelte ihm ein Gefühl der Sicherheit. Wenn er sie bei sich hatte, wusste er, dass er sich wehren konnte.

Seit sie diese halbe Million geraubt hatten, hatte Larry ein verdammt schlechtes Gewissen. Alle anderen Verbrechen, die er begangen hatte, ließen ihn kalt. Nur der Bankraub war für ihn ein gravierendes Erlebnis gewesen.

Er hielt den Atem an und lauschte.

Von fern drang die heitere, beschwingte Musik an sein Ohr. Er schluckte und nagte unangenehm berührt an seiner Unterlippe. Da war doch jemand. Irgendwo in dieser undurchdringlichen Dunkelheit. Aber wo? Larry Croydon beschloss, umzukehren, doch kaum hatte er sich umgewandt, da vermeinte er, dass ihm nun aus dieser Richtung Gefahr drohte. Er fühlte sich umzingelt. Was wurde hier gespielt?

Unwillkürlich fiel ihm ein, was ein Mann ihm über die Fidschi-Insulaner erzählt hatte: „Sie sind eine Mischrasse zwischen Polynesiern und Melanesiern. Im neunzehnten Jahrhundert zählten sie noch zu den gefürchtetsten Kannibalen der Welt.“

War es das, was ihn unterschwellig beunruhigte? Dass einige der Insulaner vielleicht immer noch lieber Menschen als Schweine oder Rinder verspeisten? Ärgerlich schüttelte Larry Croydon den Kopf. Auf was für verrückte Ideen er nur kam.

Entschlossen wollte er zu jener Hütte zurückkehren, in der er mit Cliff wohnte. Cliff und das Mädchen mussten eben ein Ende finden. Larry war nicht gewillt, die ganze Nacht hier draußen zu verbringen. Als er den ersten Schritt tat, gewahrte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung zwischen zwei rauen Palmenstämmen.

Er blieb sofort wieder stehen.

Zunächst verbarg er die kleine Pistole hinter seinem Rücken. Er konzentrierte sich auf die hochgewachsene Gestalt, die sich im Augenblick nicht mehr bewegte. Angestrengt versuchte er, etwas mehr von der seltsamen Person zu erkennen, aber er machte nur vage Umrisse aus.

Larry wusste nicht, wie lange er dem Unbekannten abwartend gegenüberstand.

Jedenfalls riss ihm irgendwann mal der Geduldsfaden, und er machte zwei schnelle, entschlossene Schritte auf die Gestalt zu. Es war, als würde er auf einen Spiegel zugehen. Sobald er sich bewegte, bewegte sich auch der andere. Ebenso schnell wie er. Ebenso entschlossen. Jeder Schritt war im genauen Gleichklang gesetzt.

Vier Meter lagen nun noch zwischen Larry und dem Unbekannten, der die gleiche Kleidung trug wie Croydon.

Wieder musste Larry an ein Spiegelbild denken. Er machte versuchsweise noch einen Schritt, und der andere auch.

Plötzlich standen Larry Croydon die Haare zu Berge. Was er sah, raubte ihm fast den Verstand …

 

*

 

Es war schwierig gewesen, so spät noch ein Boot zu bekommen, aber Jerry O’Hara hatte es geschafft.

Der mittelgroße Privatdetektiv aus New York stand an der Reling und sog die frische Brise, die ihm ins Gesicht wehte, in seine Lungen.

„Was für eine herrliche Luft“, sagte er zu dem dunkelhäutigen muskulösen Mann, der neben ihm stand und das Boot steuerte. „Darum seid ihr zu beneiden. Bei uns in New York stinkt es wie in einer riesigen Pestgrube.“

„Warum ziehen Sie nicht weg, wenn es Ihnen da nicht gefällt?“, fragte der Bootsmann.

Jerry O’Hara rollte die Schultern. „Das ist nicht so einfach. Der Mensch muss von etwas leben.“

„Leben kann man überall.“

„Ich bin Privatdetektiv. Glauben Sie, dass ein solcher Job auf diesen Inseln gefragt wäre?“

„Waren Sie immer Privatdetektiv?“

„Nein. Vorher war ich Polizist.“

„Warum sind Sie das nicht geblieben?“

„Weil ich mit vielen Dingen nicht einverstanden war. Vor allem mit meinem Gehalt nicht.“

Die kleine Insel, auf die sie zusteuerten, ragte wie ein Palmenpinsel aus dem Ozean. Flackernde Lichter bewegten sich am Strand. Der Bootsmann wies auf sie und sagte: „Ein Strandfest, Sir. Sie haben einen guten Abend für Ihre Ankunft gewählt. Heute sind Essen und Trinken gratis. Und die Urlauberinnen sind größtenteils willig.“

Der Polynesier griente und kniff spitzbübisch ein Auge zu. O’Hara nickte nachdenklich. Im Grunde genommen interessierten ihn weder Essen noch Trinken noch Frauen. Er suchte diese Insel nicht auf, um sich zu amüsieren, sondern um zu arbeiten, denn er hatte einen heißen Tipp bekommen, dass sich Cliff Sossey und Larry Croydon hier verbargen.

Ihretwegen hatte O’Hara die weite Reise in die Südsee angetreten.

Er hatte sich vorgenommen, den beiden Gangstern ihre Beute abzunehmen, das Geld nach New York zurückzubringen und fette fünf Prozent Prämie dafür zu kassieren. Alle Spesen bekam er selbstverständlich extra vergütet, das hatte er klugerweise vor Übernahme des Auftrags ausgehandelt.

Die Bugwelle, die vom brummenden Motorboot weglief, war mit kleinen weißen Schaumkronen verziert. Jerry O’Hara betrachtete ihr unermüdliches Spiel.

Er sah gut aus und hatte viel Erfolg bei den Frauen. Sein Gesicht war scharf geschnitten und schmal. Das Haar war pechschwarz, und seine Augen vermochten einen so ehrlich anzusehen, dass dieser Blick schon beinahe entwaffnend wirkte.

Je näher sie der Insel kamen, desto klarer waren Einzelheiten zu erkennen. Lagerfeuer am Strand. Partyfackelschein im Feriendorf. Das einzige Hotel auf der Insel in Festbeleuchtung. Um das Feuer tanzende Menschen. Nun war auch schon Musik zu hören, und es dauerte nicht mehr lange, bis das Boot an der schmalen Steinmole anlegte.

Jerry hatte die Fahrt gleich bei Antritt bezahlt. Er griff nach seiner Reisetasche, in die er alles gepackt hatte, was er für die paar Tage brauchte, die er auf dieser Insel zu verbringen gedachte, und sprang von Bord.

„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt, Sir“, sagte der Bootsmann mit einem freundlichen Lächeln.

Jerry schmunzelte. „Ich werde mir Mühe geben, hier einige herrliche Tage zu verbringen.“

„Das schaffen Sie bestimmt“, rief der Bootsmann und machte die Leine schon wieder los. Der Kahn wendete. Jerry sah ihm eine Weile nach. Bald hatte ihn die auf dem Meer lastende Dunkelheit verschluckt. Jerry schwang die Reisetasche von links nach rechts und trabte dann über die Mole in Richtung Strandhotel, in dem man, wenn es mit dem Telegramm geklappt hatte, ein Zimmer für ihn freihielt.

Er kam an einem schäbigen Boot vorbei, an dem sich ein grauhaariger, bärtiger Bulle zu schaffen machte. Der Mann trug ein breit gestreiftes T-Shirt und ausgefranste Jeans. Über dem Gürtel wölbte sich ein mächtiger Bauch. Er richtete sich nun zu seiner vollen Größe auf und schüttelte missbilligend den Kopf.

„Das hätte ich an Ihrer Stelle lieber bleibenlassen, Sir“, sagte er zu Jerry O’Hara.

Der Detektiv blieb stehen und sah den Mann irritiert an. „Was habe ich denn falsch gemacht?“

Barnabas, der Fischer, machte mit seinen nackten Füßen einen Schritt auf ihn zu. Er wies mit seiner knorrigen Hand auf die See hinaus. „Ist Ihnen da draußen nichts aufgefallen?“

„Nein.“

„Sie haben das blutrote Wetterleuchten nicht gesehen?“

„Ach, das …“

„Ja, das. Als Sie es sahen, hätten Sie sofort wieder umkehren sollen.“

„Können Sie mir auch sagen, warum ich das hätte tun sollen?“

„Weil dieses Wetterleuchten keinen natürlichen Ursprung hatte. Es war rot. Rot wie Blut. Es waren dämonische Blitze, die Sie gesehen haben, Sir. Ihr Licht kündigt das Böse an. Sie hätten diese Insel nicht betreten sollen, glauben Sie mir, ich weiß, was ich sage. Rabendo, ein schrecklicher Dämon, wird hierher zurückkehren. Und er wird sieben Tage lang schreckliche Rache an allen Menschen nehmen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird hier seine magische Falle zuschnappen. Wer sich dann noch auf der Insel befindet, ist seines Lebens nicht mehr sicher.“

Jerry verdächtigte Barnabas, zu viel getrunken zu haben. Oder war der Mann gar verrückt? Ein Schmunzeln unterdrückend, fragte er: „Warum haben Sie eigentlich noch nicht zugesehen, von dieser Insel wegzukommen, wenn ihr Untergang so kurz bevorsteht?“

Barnabas schüttelte grimmig den Kopf. „Ich gehe nicht weg. Was auch immer geschehen mag, ich werde auf dieser Insel bleiben. Sie ist meine Heimat. Ich könnte anderswo nicht leben.“

„Ich bin Ihnen jedenfalls sehr dankbar, dass Sie mich gewarnt haben, Mr. Barnabas.“

„Sie nehmen mich nicht ernst, nicht wahr? Sie denken, ich phantasiere“, brauste der Fischer auf.

„Nun, Sie müssen zugeben, dass sich Ihre Geschichte reichlich überdreht anhört.“

„Das mag schon sein, aber sie stimmt. Alles, was ich Ihnen gesagt habe, ist wahr. Dieses blutrote Wetterleuchten hat die sieben Tage der Rache angekündigt.“

Der Detektiv aus New York hob die Schultern und meinte gleichmütig: „Vielleicht bin ich schon wieder auf der Heimfahrt, wenn sie anbrechen.“

„Das wünsche ich Ihnen und allen, die sich heute noch auf dieser Insel aufhalten, Sir.“

O’Hara wollte weitergehen, doch da fiel ihm etwas ein. Er stellte die Reisetasche ab und kramte in der Innentasche seines leichten Sommerjacketts herum. Er brachte zwei Fotografien zum Vorschein. Aufnahmen, die Larry Croydon und Cliff Sossey zeigten. Jerry gab sie dem Fischer in die Hand und bat ihn, sie sich genau anzusehen. Barnabas tat ihm den Gefallen. Jerry fragte: „Sind Ihnen diese beiden Männer schon mal über den Weg gelaufen?“

Barnabas schüttelte den Kopf. „Was ist mit diesen Männern?“

„Ich suche sie.“

„Weshalb?“, wollte der Fischer neugierig wissen.

„Sie sind im Besitz von sehr viel Geld, das ihnen nicht gehört. Würden Sie die Augen nach den beiden für mich offenhalten? Wenn Sie über einen von ihnen stolpern, lassen Sie es mich bitte unverzüglich wissen. Ich wohne dort im Hotel. Mein Name ist Jerry O’Hara.“

„Sie sollten gleich morgen früh wieder abreisen, O’Hara“, brummte der Fischer. „Glauben Sie mir, ich meine es gut mit Ihnen.“

„Ich werde abreisen, sobald ich das erledigt habe, was ich mir vorgenommen habe“, erwiderte Jerry entschieden. „Nicht eher.“ Er steckte die Fotos wieder ein, nahm die Reisetasche auf und lief wenig später die Steinstufen zum Hoteleingang hinauf.

Barnabas blickte ihm ärgerlich nach. „Er will nicht hören. Nun, dann wird er sehr bald fühlen müssen.“

 

*

 

Das Zimmer war mit allem Komfort ausgestattet.

Jerry trat auf den Balkon. Von hier überblickte er einen Großteil des Strandes, auf dem sich die ausgelassenen Feriengäste tummelten. Ihre Heiterkeit war ansteckend. Bei dem Lärm, den sie machten, war ans Schlafengehen ohnedies nicht zu denken, deshalb zog Jerry sich schnell um und stürzte sich dann mitten hinein in das großartige Vergnügen. Insgeheim hegte er die geringe Hoffnung, im Getümmel Cliff Sossey und Larry Croydon zu entdecken.

Kaum hatte er den Strand betreten, da rissen ihn einige lachende Feriengäste mit sich. Er musste mit ihnen tanzen, wurde geschoben, gedrückt, gestoßen und konnte sich zum Glück genau vor der Strandbar freikämpfen. Etwas außer Atem gekommen, nahm er gern den eisgekühlten Drink an, den ihm ein hübsches Mädchen mit kupferfarbener Haut und hüftlangen schwarzen Haaren offerierte.

Nach dem dritten Drink verspürte er Hunger.

Der Geruch des köstlich gebratenen Schweinefleischs stieg ihm verlockend in die Nase. Er drängelte sich zum Steingrill und bekam einen großen Happen, den er heißhungrig verschlang.

Jemand legte ihm die Hand auf die Schulter und lachte. „Sie haben wohl schon seit Tagen nichts mehr gegessen, wie?“

Jerry wandte den Kopf und blickte in ein rundes, freundliches Gesicht. Der Mann mochte fünfzig Jahre sein. Er trug eine randlose Brille und versprühte die Sauberkeit eines Heiligen.

„Ich bin Pastor Nicholas Weatherby.“

„Jerry O’Hara“, sagte der Detektiv mit vollem Mund.

Der Pastor schob eine zierliche grauhaarige Lady zwischen sich und Jerry und sagte: „Das ist meine Frau Inger.“

„Erfreut, Sie kennenzulernen, Ma’am“, sagte Jerry.

„Seien Sie ehrlich, Mr. O’Hara, haben Sie schon mal ein so köstlich zubereitetes Schweinefleisch gegessen?“, fragte Weatherby.

„Ich kann mich nicht erinnern …“

„Darin sind die Polynesier unschlagbar“, behauptete der Pastor und ließ sich von dem Insulaner eine große Portion auf seinen Teller geben. Weatherby plauderte gern. Seine Frau kam nur ganz selten zu Wort. Zumeist führte er die Unterhaltung allein. „Es war Ingers Idee, mal einen Urlaub in der Südsee zu verbringen, und ich muss gestehen, sie hat damit einen großartigen Vorschlag gemacht“, meinte der Pastor. „Für uns steht heute schon fest, dass wir im nächsten Jahr wiederkommen werden. Wie gefällt es Ihnen auf dieser paradiesischen Insel, Mr. O’Hara?“

„Ich bin erst vor einer Stunde hier angekommen“, erwiderte Jerry entschuldigend. „Ich hab noch nichts von der Gegend gesehen.“

„Sie werden begeistert sein“, prophezeite der Pastor. „Hervorragendes Essen, ein idyllisches Fleckchen Erde, nette Insulaner …“

Jerry O’Hara grinste. „Zählen Sie Barnabas, den Fischer, auch zu den netten Insulanern? Der Knabe wollte mir, kaum dass ich den Fuß auf diese Insel gesetzt hatte, sofort Angst machen, indem er mir ankündigte, hier würde demnächst der Weltuntergang stattfinden. Er erzählte von einem gewissen Rabendo, das wäre ein Dämon, der hier demnächst seine Falle zuschnappen lassen würde, und dann käme es zu den sieben Tagen der Rache.“

„Die Eingeborenen sind hier noch sehr abergläubisch“, bestätigte Pastor Weatherby. „Doch davon abgesehen sind es herzensgute Menschen.“

„Was halten eigentlich Sie als Pastor von Geistern und Dämonen?“

„Nun, ich bin davon überzeugt, dass das Böse existiert, und es kann in mannigfaltigen Formen in Erscheinung treten. Alles hat seinen Gegensatz: Anfang und Ende, Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Gott und Satan … Aber dass uns hier auf dieser Insel von den Mächten der Finsternis übel mitgespielt werden könnte, halte ich für ausgeschlossen, Mr. O’Hara.“

Der Pastor irrte sich gewaltig.

 

*

 

Larry Croydon glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können.

Was sie ihm vermittelten, war so unglaublich, dass es einfach nicht wahr sein konnte. Croydon stand einem Wesen gegenüber, das kein Gesicht hatte. Die Person hatte seine Größe, seine Figur und trug die gleichen Kleider wie er, aber sie hatte kein Gesicht. Das Oval war leer, war durchzogen mit sehnigen, wulstigen Muskelsträngen, die ständig zuckten und in denen es immerzu pulsierte.

Der Gangster war nicht fähig, sich zu bewegen.

Der Anblick des Unheimlichen lähmte ihn auf eine rätselhafte Weise. Er empfand schreckliche Angst vor seinem Gegenüber, und er spürte instinktiv, dass in diesem Körper, den er mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, das abgrundtief Böse zu Hause war.

Seine Hände waren kraftlos.

Die Derringer fiel ihm aus den Fingern. Er konnte es nicht verhindern. Er hatte nicht einmal die Kraft gehabt, den Finger am Abzug zu krümmen und auf die rätselhafte Erscheinung zu schießen. Die hässlichen Muskelstränge begannen mit einem Mal, matt zu schimmern.

Im selben Augenblick verspürte Croydon einen schneidenden Schmerz, der sich unter seiner Schädeldecke entlangzog.

Ein dumpfer Klagelaut sickerte aus seinem Mund. Das Schimmern der Muskelstränge nahm zu, wurde zu einem geheimnisvollen Leuchten. Je heller das Oval wurde, desto schlimmer wurde der Schmerz in Croydons Kopf. Ohne sich zu bewegen, attackierte der Geheimnisvolle den Gangster.

Larry Croydon erlitt mit einem Mal einen Erstickungsanfall.

Panik flackerte in seinen Augen. Er wollte laut um Hilfe schreien, doch seine Stimme versagte. Schwarze Flocken tanzten vor seinen Augen. Etwas schnürte seine Kehle zu. Das Blut brauste in seinen Ohren. Sein Gesicht verzerrte sich und wurde zu einer entsetzten Fratze.

Immer dichter wurden die schwarzen Flocken.

Schließlich konnte Croydon nichts mehr sehen, nichts mehr fühlen, nichts mehr denken. Das letzte, was ihm noch durch den Kopf schoss, ehe er wie ein gefällter Baum umkippte, war: Jetzt ist alles aus! Jetzt musst du sterben!

 

*

„Was sind Sie von Beruf, Mr. O’Hara?“, fragte Pastor Weatherby interessiert. Er war ein weltaufgeschlossener Mann, der niemals mit Scheuklappen durchs Leben ging. Er suchte immer und überall Kontakt zu seinen Mitmenschen und kam bei den meisten Leuten mit seiner gütigen, warmherzigen Art gut an.

Inger brachte ihnen zwei Drinks. „Oh, das ist wirklich sehr aufmerksam von Ihnen, Mrs. Weatherby“, sagte Jerry zu der Frau des Pastors. Und zu Nicholas Weatherby: „Ich bin Privatdetektiv.“

„Interessant“, sagte der Pastor mit angehobenen Brauen. „Ich hatte bisher noch nicht das Glück, mit einem Privatdetektiv bekannt zu werden.“

„Das ist nicht unbedingt schlimm“, meinte Jerry lächelnd und nippte an seinem kühlen Getränk.

„Sie sind doch nicht etwa beruflich hier?“

„Doch.“

Die Brauen des Pastors gingen noch weiter nach oben. „Interessant“, sagte er noch einmal. „Ich bin begierig, zu erfahren, was für einen Fall Sie bearbeiten, Mr. O’Hara. Ist das unverschämt von mir?“

„Keineswegs.“

„Würden Sie uns ins Vertrauen ziehen?“

„Gern, wenn Sie es wünschen.“

Weatherby legte seinen Arm um seine schmale Frau und drückte sie mit glänzenden Augen an sich. „Ist das nicht aufregend, Inger?“

„Wonach suchen Sie auf dieser Insel, Mr. O’Hara?“ fragte nun Inger Weatherby mit einer zarten, reinen Stimme.

„Ich bin hinter zwei Verbrechern her. Meine Recherchen in New York haben ergeben, dass sie sich auf dieser Insel aufhalten.“

„Was haben diese Männer angestellt?“, erkundigte sich der Pastor neugierig.

„Sie haben eine Bank überfallen und eine halbe Million Dollar erbeutet.“

„Und dieses viele Geld haben sie auf diese Insel mitgebracht?“

„Das nehme ich an. Solche Leute trennen sich nur sehr ungern von ihrer Beute“, sagte Jerry. Er zeigte dem Pastor und seiner Frau jene Fotos, die sich schon Barnabas angesehen hatte. „So sehen die Brüder aus“, erklärte er. „Der da ist Larry Croydon. Der andere heißt Cliff Sossey. Sie würden mir eine große Freude machen, wenn Sie mir sagten, dass Sie wenigsten einen von beiden schon mal gesehen haben.“

Der Detektiv erhoffte sich nichts, deshalb war er um so mehr überrascht, als Pastor Weatherby plötzlich heftig nickte. „Natürlich. Natürlich habe ich diese Gesichter hier schon mal gesehen.“

„Wann?“, fragte Jerry O’Hara elektrisiert.

„Vor zwei, drei Tagen.“

„Wo?“

„Beim Wasserskiclub.“ Der Pastor wandte sich an seine Frau. „Kannst du dich an diese Männer nicht auch erinnern, Inger?“

Inger Weatherby hob verlegen die Schultern. „Du weißt doch, dass ich mir Gesichter nicht merken kann, Nicholas. Dazu gehört eine gewisse Begabung, die ich leider nicht habe.“ Der Pastor nickte bestimmt und klopfte mit der Hand auf die Fotografien. „Diese beiden Männer fielen mir beim Wasserskiclub auf. Sie belästigten ein Mädchen, das nichts von ihnen wissen wollte. Erst als der Freund des Mädchens kam, gingen sie weiter.“

„Darf ich die Bilder wiederhaben?“ Jerry nahm sie dem Pastor aus der Hand. Er freute sich darüber, dass er dem Erfolg bereits so nahe war. Er fragte, ob Weatherby wisse, wo die Verbrecher wohnten, doch darauf konnte ihm der Pastor keine Auskunft geben. „Macht nichts“, meinte Jerry leichthin. „Die Insel ist ja nicht groß. Ich bin sicher, dass ich die Knaben morgen oder übermorgen aufgespürt habe.“

Der Pastor legte seine Hand auf Jerrys Unterarm. „Falls Sie Hilfe benötigen, ich stehe Ihnen jederzeit mit Vergnügen zur Verfügung, Mr. O’Hara.“

Jerry schmunzelte. Weatherby s Hilfsbereitschaft in allen Ehren, aber der unerfahrene Pastor wäre ihm eher hinderlich als eine wirkliche Hilfe gewesen. „Keine Sorge, Pastor“, sagte er zuversichtlich. „Mit den beiden Typen werde ich schon allein fertig. Ich habe viel Erfahrung im Umgang mit solchen Leuten.“

 

*

 

Wie ein Klotz fiel Larry Croydon auf den Rücken.

Der Unheimliche beugte sich über ihn. Das gesichtslose Oval strahlte nun so hell wie ein Scheinwerfer. Der Lichtschein richtete sich auf Croydons unbewegliches Antlitz. Mehrere Sekunden verstrichen. Plötzlich begann sich Croydons Gesicht zu bewegen.

Zunächst warf es Blasen, so als wäre die Haut zu starker Hitze ausgesetzt.

Dann fing sich das Gesicht von Croydons Kopf zu lösen an. Wie eine Maske hob es sich von dem Mann ab. Millimeter um Millimeter. Bald schwebte es frei in der Luft. Der Fremde zog es an sich. Es näherte sich seinem Kopf, legte sich auf die Stelle, die kein Gesicht zeigte, bedeckte die harten Muskelstränge, wuchs an ihnen fest.

Croydon hatte sein Gesicht verloren.

Er sah jetzt so aus, wie das Wesen ausgesehen hatte, als es ihm gegenübertrat. Der Unheimliche richtete sich mit einem hämischen Grinsen auf. Triumph flackerte in seinen bösen Augen.

Croydons Gesicht gehörte nun ihm, und als Larry Croydon, der er in Wirklichkeit nicht war, würde er das tun, was Rabendo ihm aufgetragen hatte. Es war sehr vieles zu tun.

Deshalb beeilte sich der falsche Croydon.

Schon nach wenigen raschen Schritten nahm ihn die Nacht in sich auf.

*

 

Das Strandfest erlebte seinen Höhepunkt, als das Feuerwerk abgebrannt wurde. Oh- und Ah-Rufe. Begeisterter Beifall, wenn bunt leuchtende Sternkaskaden sich auf den schwarzen Ozean herabsenkten. Es war in der Tat ein prachtvolles Schauspiel, das sich den Feriengästen in dieser lauen Julinacht bot.

Nach dem Feuerwerk packte die Band ihre Instrumente ein.

Junge Leute saßen in kleinen Gruppen beisammen im Sand. Hier wurde Gitarre gespielt, dort wimmerte eine Mundharmonika. Pastor Weatherby verabschiedete sich von Jerry. Auch Inger Weatherby reichte dem Detektiv zum Abschied ihre schmale, zierliche Hand.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916935
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
höllenfeuer südsee

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Titel: Höllenfeuer in der Südsee