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HELDENHAFTE SEEMÄNNER #19: Der Fluch der Southwind

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Der Fluch der „Southwind“

Klappentext:

Roman:

HELDENHAFTE SEEMÄNNER

 

Band 19

 

Der Fluch der „Southwind“

 

Ein Roman von Glenn Stirling

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Kapitän Richard Brown war ein Säufer und ein Tyrann an Bord. Er schikanierte seine Mannschaft nach Strich und Faden und behandelte die Matrosen wie den letzten Dreck. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Steuermann Peter Irving und der Maat Charly Everett rebellieren würden. Brown hatte angeblich nachts an Deck eine weiße Frau gesehen, und die abergläubischen Matrosen glaubten deshalb, ihr Schiff Southwind sei verflucht. Deswegen befahl der Kapitän, dass sein Schiff wieder Kurs auf den Heimathafen nehmen sollte – was auch geschah. Aber Irving und Everett informierten den Reeder über Browns Unfähigkeit, und deshalb wurde er seines Postens enthoben. Von nun an war Irving der neue Kapitän und bekam den Auftrag, sofort wieder in See zu stechen. Mit einer neuen Mannschaft, die man gewaltsam an Bord geholt hatte und zum Dienst zwang. Die Southwind nahm Kurs aufs offene Meer, aber es mehrten sich Gerüchte, das Schiff sei verflucht und alle würden bald sterben. Würde sich dieser Fluch erfüllen?

 

 

 

 

Roman:

Er hätte nie gedacht, dass er sich durch seine Beobachtung eine Strafe einhandeln würde. Aber dieser verdammte Säufer, der zu allem Unglück auch noch an Bord der Southwind jeglichen Ton angab und seine Macht als Kapitän schamlos und zum Nachteil der gesamten Mannschaft ausnutzte, saß auch diesmal wieder am längeren Hebel!

Die beklemmende Atmosphäre an Deck war spürbar für jeden Matrosen, der jetzt anwesend war. Charly Everett wusste, dass das Schicksal gegen ihn entschieden hatte und er nun mit ernsthaften Konsequenzen rechnen musste. Er brauchte nur die wütenden Blicke von Kapitän Brown richtig zu deuten – dann wusste er, dass er einen entscheidenden Schritt zu weit gegangen war. Und die Rechnung dafür musste er bezahlen. Er allein! Nicht diejenigen, auf deren Unterstützung er womöglich noch gehofft hatte. Diese Chance gab es nicht mehr.

Dutzende von Gedanken gingen ihm in diesem Moment durch den Kopf. Aber er konnte es drehen und wenden wie er wollte – man hatte es auf ihn abgesehen. Auch wenn die anderen Mitglieder der Mannschaft unter diesen Umständen genauso eingeschüchtert waren wie er. Aber offensichtlich war sich jetzt jeder selbst der Nächste.

Dicke Schweißperlen bildeten sich auf der ausgeprägten Stirnglatze von Charly Everett. Mit einer unwilligen Handbewegung wischte sie der Maat weg. Er ballte die Fäuste.

„Sie werden diese Entscheidung bitter bereuen, Käpt’n. Ich weiß nicht, was Mr. Blondell oder Mr. Caspers sagen, wenn Sie ihnen den lächerlichen Grund für diese Umkehr erklären wollen. Aber.. .“

Kapitän Brown fuchtelte mit den Händen vor Everetts Gesicht herum. „Werft ihn in Ketten!“, brüllte er außer sich.

Charly Everett wich zwei Schritte zurück. Er wollte kehrtmachen, wurde aber von Peter Irving, dem untersetzten Steuermann, daran gehindert, die Tür zu erreichen. Entschlossen vertrat der Offizier dem Maat den Weg.

Everetts Miene hatte einen gehetzten Ausdruck angenommen. Die Augen waren geweitet, die Lippen zusammengekniffen. Er zog den Kopf zwischen die Schultern, als wollte er sich auf den Steuermann stürzen, um sich notfalls mit Gewalt durchzusetzen.

„Ich warne Sie, Everett! Wenn Sie die Hand gegen mich oder den Kapitän erheben, wird Ihnen das als Meuterei ausgelegt. Sie werden in den Rahen baumeln!“

Die Stimme des Steuermanns klang gepresst. Aber sein Auftreten war nicht so entschlossen und sicher, wie er vorgab. Denn der Maat war ihm körperlich weit überlegen.

Irving vertraute auf seine Autorität als Vorgesetzter und darauf, dass seine Warnung den Maat von einer Gewalttat abhalten würde.

Kapitän Richard Brown war fahl geworden. Seine Lippen waren blutleer. Er lehnte sich kraftlos gegen den Kartentisch. Der Sextant fiel zu Boden. Das dumpfe, laute Poltern brachte Charly Everett zur Besinnung. Er öffnete die Fäuste. Seine Gestalt straffte sich.

„Nein“, sagte er heiser. „Ich schaufle mir nicht mein eigenes Grab. Die ganze Mannschaft weiß, was auf diesem Schiff los ist. Und jeder, der diese Fahrt miterlebt hat, wird in Cardiff den Mund aufmachen. Ich schwör’s, dass jeder erzählen wird, was hier vorgefallen ist. Wenn Sie mich jetzt auch in Ketten legen lassen, mundtot machen können Sie mich nicht.“

„Hinaus! Bringen Sie diesen aufrührerischen Burschen weg, Irving!

Und sorgen Sie dafür, dass er mit seinem vorlauten Mundwerk keinen Schaden anrichten kann! Niemand hat Zutritt zur Kabelkoje, solange der Kerl da unten liegt. Teilen Sie einen Mann ein, der ihn mit Lebensmitteln versorgt! Wir wollen doch sehen, ob wir diesen Starrkopf nicht brechen!“

„Aye, Kapitän!“

Der Steuermann wandte sich zur Tür. Er öffnete sie und rief die beiden Matrosen herbei, die im Niedergang Aufstellung bezogen hatten.

Die Männer hatten jedes Wort gehört. Von ihren Gesichtern war abzulesen, was sie von dieser Anordnung des Kapitäns hielten. Aber sie gehorchten dem Befehl des Steuermanns, nahmen den Maat in die Mitte und verließen mit ihm die Kapitänskajüte.

Ramon, der hochgewachsene, stolze Spanier, brummte halblaut: „Ruhig bleiben, Charly! Ganz ruhig bleiben! Wird sich schon noch was ergeben!“

Everett kaute auf der Unterlippe. Er bemühte sich, seinen Hass und den überwältigenden Zorn niederzuhalten. Zwei Leute, die bisher auf seine Kommandos gehört hatten, die ihn respektierten, führten ihn ab. Das war demütigend. Obwohl er sich im Recht fühlte.

Eine leichte Brise strich über das Deck und blähte die Segel. Schweigend starrten die Männer auf den Maat, der von seinen Begleitern zum Vorschiff geführt wurde. Sie ahnten, was vorgefallen war. Aber aus ihren Blicken sprach abweisendes Misstrauen.

O ihr feigen Idioten! Ihr werdet den Mund halten und tun, was euch gesagt wird. Und dabei wisst ihr genau, dass der Kapitän ein Säufer ist, der von Wahnvorstellungen heimgesucht wird! dachte Everett.

Ihm war elend zumute. Welcher Teufel hatte ihn geritten, dass er sich gegen den Kapitän auflehnte? Bereute er es schon? Nein. Er dachte nur mit wachsendem Unbehagen an die Ratten, die Feuchtigkeit und die Dunkelheit, die ihn erwarteten.

 

*

 

Im Niedergang auf dem Vorschiff begegneten die drei Männer Kelvin Spikes, dem Smutje. Der rundliche Schiffskoch betrachtete die Begleiter des Maats mit großen Augen.

„He, was ist denn hier los? Was soll das? Everett, sind die beiden zu lange an Deck gewesen? Haben sie einen Sonnenstich abbekommen?“

Der Maat holte tief Luft. Ihm war im Gegensatz zum Smutje ganz und gar nicht nach Scherzen zumute.

„Kein Sonnenstich!“, widersprach Ramon heftig und warf mit einer energischen Kopfbewegung das glatte schwarze Haar zurück. „Anordnung vom Käpt’n. Er wird ins Kabelgatt gesperrt.“

Spikes schnappte entsetzt nach Luft. Er gab einen empörten Laut von sich, der fatal an einen Fluch erinnerte.

„Was um alles in der Welt hat es denn gegeben? Wieso wird Everett ins Kabelgatt gesperrt?“

Ramon setzte zu einer seiner umständlichen Erklärungen an. Er verzog die Lippen und wollte gerade zu sprechen beginnen, als der Maat ihn unwirsch unterbrach.

„Sei still, Ramon! Ich erkläre es Spikes selbst. Also, Spikes, damit du an deiner verdammten Neugier nicht ersticken sollst: Ich hab’ mit dem Käpt’n gestritten. Er will letzte Nacht eine weiße Dame gesehen haben. Und jetzt hat er vor, den Kurs zu ändern. Wenn du mich fragst, der Kerl ist verrückt. Ich bin letzte Nacht an Deck gewesen, als er die Erscheinung gehabt haben will. Alles, was ich gesehen .und bemerkt hab’. ist, dass der Kapitän sinnlos besoffen gewesen war. Er hat vor sich hingeredet wie ein Verrückter. Nur Unsinn. Er hat getan, als wär’ einer bei ihm, mit dem er sich unterhält. Der ist übergeschnappt, ob ihr mir das glaubt oder nicht.“

Kelvin Spikes schielte nach oben. Der Maat hatte laut gesprochen. Wenn sich jemand in der Nähe aufhielt, musste er alles verstehen, was unten geredet wurde.

„Nicht so laut, Everett! Wenn dich einer hört, kommen wir in Teufels Küche! Was hast du zu ihm gesagt?“

Der Maat runzelte die Stirn.

„Genau das, was ich von der Geschichte halte. Nicht ganz so brutal. Aber ich hab’ ihm erklärt, dass er sich den Spuk nur einbildet. Und dass ich auch an Deck gewesen bin.“

„Und er?“

Everett deutete mit einer wegwerfenden Geste an, was der Kapitän daraufhin gesagt hatte. Ergänzend meinte er: „Ich hätte nicht vergessen sollen, dass auf diesem verdammten Schiff nur ein einziger recht hat. Der Alte. Und wenn er jeden Tag voll ist bis zum Stehkragen, wenn er auch nicht mehr weiß, was er sagt und was er tut, er hat recht. Zur Hölle soll er fahren! Ich hab’ schließlich Augen im Kopf. Und wenn ich keine zehn Schritt von ihm entfernt auf dem Achterschiff gestanden hätte, wär’ ich still geblieben. So aber weiß ich, dass nur in seiner Fantasie eine weiße Dame erschienen ist. Niemals in Wirklichkeit!“

Schritte klangen auf. Schwere Schritte, die alle auf dem Schiff nur zu gut kannten.

„Der Alte!“, zischte Ramon und gab dem Maat einen Stoß.

Kelvin Spikes zuckte zusammen und nahm unwillkürlich die Haltung eines kuschenden Hundes an. Er hatte den Kopf gesenkt und drehte sich rasch auf dem Absatz herum, um zu verschwinden.

Charly Everett kräuselte spöttisch die Lippen. „Feigling“, stieß er verächtlich hervor. „Einer wie der andere!“

„Halte den Mund!“

Spikes tippte sich an die Stirn. Er hastete ins Logis, hantierte dort mit einigen Eimern und stellte sich beschäftigt. Ramon hingegen drückte und schob den Maat weiter in Richtung Kabelgatt.

Am Niedergang erschien Kapitän Brown. Seine Augen glänzten glasig. Er lauschte.

Kelvin Spikes kam aus dem Mannschaftslogis. Er trug zwei Eimer bei sich und tat, als hätte er den betrunkenen Kapitän überhaupt nicht gesehen. Erst als er unmittelbar vor dem Kommandanten stand, blieb er scheinbar überrascht stehen und benahm sich, als wäre er erschrocken.

Richard Brown holte pfeifend Luft. Er trat zurück, um den Smutje passieren zu lassen. Aber als Spikes an dem Betrunkenen vorüberging, streckte der Kapitän sein Bein vor und ließ den Schiffskoch über den Fuß stolpern.

Mit einem heiseren Aufschrei schlug der rundliche Spikes auf die Planken. Die Eimer schepperten über Deck.

Langsam hob der Mann den Kopf. Er sah den lauernden Ausdruck im Gesicht des Kapitäns und presste die Lippen zusammen. Wortlos rappelte er sich auf.

„Tölpel! Mach gefälligst deine Augen auf, bevor du irgendwohin trittst! Wenn ich dich noch einmal erwische und du stellst dich wieder so an, dann kannst du was erleben!“

Spikes musste gewaltsam an sich halten. Am liebsten wäre er dem Mann an die Kehle gefahren. Er hasste wenige Männer so sehr wie den Kapitän. Aber auch wenige Männer waren so gemein und roh wie Brown. Er schikanierte die Mannschaft bei jeder Gelegenheit. War die Witterung schön und die anfallende Arbeit demgemäß gering, dann sorgte er dafür, dass die Männer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang beschäftigt waren. Er ließ sich auf keine Diskussionen ein. Und wenn gar nichts mehr zu tun war, ließ er sie auch dreimal täglich das Deck scheuern.

Seine Devise war: Wer genug zu tun hat, kommt nicht auf dumme Gedanken.

Gewiss, Kapitän Brown war keine Ausnahme. Viele, die das Patent des Schiffsführers besaßen, teilten diese Einstellung und Ansichten. Von Schiff zu Schiff, von Kapitän zu Kapitän also, gab es in jener Hinsicht nur geringe Abweichungen. Es hing nur davon ab, wie weit der jeweilige Kommandant bei sich selbst die Grenzen des Erträglichen steckte.

Kelvin Spikes hatte sich schnell wieder in der Gewalt.

„Ich bitte um Verzeihung, Sir“, sagte er unterwürfig. „Es war ein Versehen.“

Das war genau der Ton, den Richard Brown liebte. Sofort war er milder gestimmt, hatte er doch einen weiteren Beweis, dass er sich auf diesem Schiff alles erlauben konnte.

„Sammle deine Eimer auf, dann verschwinde! In zehn Minuten möchte ich das Essen in der Kajüte serviert bekommen! Hast du mich verstanden?“

„Aye, Sir!“

Spikes sah sich einer Aufgabe gegenüber, die unmöglich schien. Denn der Kapitän stellte, was sein Essen anbelangte, keine geringen Ansprüche. Es durfte weder zu heiß noch zu kalt sein, sollte pünktlich auf die Sekunde serviert werden und haargenau seinen Vorstellungen entsprechen. In der Kürze der dem Smutje zur Verfügung stehenden Zeit ein Problem, das Spikes nicht in den Griff bekommen konnte.

Nicht nur der Smutje wusste darum, auch der Kapitän, der mit schadenfrohem Grinsen beobachtete, wie sich Spikes um die entfallenen Eimer bemühte, die im stetigen leichten Rollen des Schiffes einen wilden Tanz auf den hellgescheuerten Decksplanken aufführten.

Als der Smutje in der Kombüse verschwunden war, stampfte der Kapitän den Niedergang hinunter. Er warf einen flüchtigen Blick ins Mannschaftslogis, um sich zu vergewissern, dass niemand hier war, der ihn belauschen konnte. Dann setzte der Schiffskommandant seinen Weg zum Kabelgatt fort.

Ramon und sein Begleiter kamen dem Kapitän entgegen.

Ramon blieb stehen, als er Browns ansichtig wurde.

„Wir haben den Gefangenen in Ketten gelegt, Sir“, meldete er militärisch stramm. „Ich habe gedacht, dass der Smutje...“

„Gedacht?“ Krächzend klang Browns Stimme. „Du hast nicht zu denken! Es sei denn, ich würde dir den Befehl dazu geben. Du hast zu parieren! Oder wird es jetzt Mode, dass ein Kapitän künftig mit einem Schiff ausläuft, dessen Mannschaft aus lauter Denkern besteht?“

„Aber ich meinte, dass ...“

Ramon biss sich auf die Lippen. Er merkte, dass er einen großen Fehler beging, wenn er widersprach. Aber als ihm das bewusst wurde, hatte er schon keine Gelegenheit mehr, gutzumachen, was er angerichtet hatte.

„Still! Himmel nochmal, wie weit sind wir eigentlich gekommen auf diesem alten Kahn? Soll ich dich auch in Ketten werfen lassen, damit du kapierst, was ein Befehl ist?“

Ramon schluckte. Er tat etwas, was ihm Übelkeit verursachte, weil es ihn zutiefst anwiderte. Er senkte den Kopf. Ausgerechnet er, der stolze Spanier, den bis jetzt weder die englische Überheblichkeit noch der grausamste Kapitän hatten brechen können. Dennoch schien das diesem einen Mann zu gelingen. Diesem Schinder, der ein spartanisches Regiment führte und unnachsichtig durchgriff, wenn es ihm erforderlich schien.

Da der Spanier schwieg, beruhigte sich Brown etwas. Er wartete nur auf ein weiteres Wort des Widerspruchs, auf einen winzigen Einwand. Dann würde er zu schreien und zu brüllen beginnen, in einen Tobsuchtsanfall ausbrechen, bis eine Flasche Rum seinen schrecklichen Jähzorn halbwegs in die Bahnen vorgeblicher Vernunft lenkte.

„Raus hier! An Deck mit euch! Und an die Arbeit! Ich kenne euch, ihr elendes Gesindel. Ihr würdet euch am liebsten die Sonne auf den Bauch brennen lassen. Ihr möchtet euch vor der Arbeit drücken! Aber nicht bei mir! Auf diesem Schiff wird gearbeitet! Und zwar so, wie es auf einem Schiff der christlichen Seefahrt Brauch ist!“

Mit einer herrischen Geste verscheuchte der Kommandant die beiden Männer und machte kehrt, als er die hastigen Schritte der beiden an Deck hörte.

Vor der Treppe blieb der Kapitän stehen. Er besann sich. Ihm fiel ein, dass er ins Kabelgatt hatte gehen wollen, um nachzusehen, ob die Männer ihre Arbeit auch sorgfältig verrichtet hatten.

Brown murmelte einen Fluch und wandte sich wieder um. Dann stapfte er in das Halbdunkel des schmalen Ganges hinein.

Langsam zog der Kapitän die Tür auf. Er griff nach der Lampe, steckte sie an und leuchtete in den Verschlag.

An der Wand waren in Ösen Ketten befestigt, an deren Enden Ledermanschetten angebracht waren. Daran hatten die Matrosen den Maat gefesselt. Charly Everett machte eine üble Figur, wie er jämmerlich in den Ketten hing. Er konnte, geblendet vom ungewohnten Licht, nicht sofort erkennen, wer ihn anleuchtete.

Dumpf und hohl kam die Stimme des Maats, als er unsicher fragte: „Ramon?“

Brown kicherte.

„Nein, Everett! Dein Ramon hat die Hosen voll. Ich bin es, Brown. Du siehst, mir liegt dein Wohl sehr am Herzen. Damit du auch weißt, warum, will ich dir verraten, was ich mir ausgedacht habe. Du siehst, dass ich mir den Kopf über dein Schicksal zerbrochen habe. Diese Ehre haben nicht alle auf der Southwind. Aber da du mir sympathisch bist, wollte ich es dir nicht vorenthalten. Ich habe einen Eintrag ins Logbuch gemacht. Und darin steht, dass du die Absicht hattest, dich meinem Befehl zu widersetzen. Mit anderen Worten heißt das, du wolltest meutern.“

Charly Everett spürte einen heißen, brennenden Strahl der Empörung hochquellen, der seine Brust überflutete, sie zu zersprengen drohte und ihm die Kehle zuschnürte.

Was Brown eben gesagt hatte, hieß, dass er in Cardiff als Meuterer vor das Seegericht kommen würde. Was das bedeutete, konnte man am besten daraus ersehen, dass von den der Meuterei angeklagten Matrosen höchst selten einer mit dem Leben davonkam. Denn dem Wort eines Kapitäns wurde schon immer mehr Glauben geschenkt als dem eines einfachen Seemanns.

„Aber da ich großzügig bin, habe ich dich nicht, wie es mein gutes Recht gewesen wäre, an den Rahen hochziehen lassen, sondern ich will es dem Seegericht überlassen, dich anzuhören und anschließend zu verurteilen. Das macht Eindruck, Everett. Die Richter werden meine Großzügigkeit mit Hochachtung anerkennen.“

Charly Everett hatte sich wieder so weit in der Gewalt, dass er sich zu einer Antwort bewegen konnte.

„Ich habe nicht versucht, zu meutern, Käpt’n. Das ist eine Lüge! Und die Männer werden es bezeugen. Ich wollte lediglich, dass Sie sich nicht zu irgendwelchen unbesonnenen Befehlen hinreißen ließen. Denn ich habe auch auf dem Achterdeck gestanden. Sie wissen es genau. Aber wahrscheinlich ist das der Grund, dass ich hier gefesselt bin! Sie haben Angst, Kapitän.“

Es war kühn von Everett, in diesem Ton mit Brown zu sprechen. Er konnte seine Lage dadurch noch wesentlich verschlechtern.

Aber der Kapitän blieb merkwürdig gelassen. Offenbar deshalb, weil er sich dem Gefesselten turmhoch überlegen sah. Er winkte ab. Seine Hand warf einen bizarren Schatten an die Wand.

„Du bist eben blind für solche Erscheinungen. Was hältst du davon, dass ich behaupte, du warst betrunken, Everett? Klingt doch überzeugend, nicht wahr?“

Der Verhöhnte knirschte mit den Zähnen. Er spürte förmlich die gespannte Erwartung von Brown, dass er sich herausfordern ließ und trotz der schweren Ketten versuchte, den Kommandanten anzugreifen.

Es kostete den Maat gewaltige Energie, sich zu beherrschen. Er schaffte es jedoch und blieb still.

Dies nun brachte Brown in Rage. In dem Augenblick, in dem der Maat versucht hätte, ihn anzugreifen, wäre über Everett das sichere Todesurteil gesprochen gewesen. In seinem alkoholisierten Zustand erschien eine solche Lösung seiner Probleme dem Kapitän als das sauberste Verfahren. Zugleich aber wurde dabei auch seine niederträchtige Rachsucht gestillt, wurde sein Hang zum Sadismus befriedigt. Und darüber hinaus schaffte er sich noch einen Mann vom Hals, der ihm seit der ersten Stunde dieser Fahrt äußerst unangenehm gewesen war.

Aber seine Rechnung ging nicht auf.

Mit einem heiseren Fluch beugte sich Richard Brown vor, krallte seine Finger ins Hemd des Maats und zerrte den Mann zu sich heran.

„Du miese kleine Ratte!“, stieß er gepresst hervor. „Fordere mich nicht heraus! Die Fahrt zurück bis Cardiff dauert noch drei Wochen. Das ist eine lange Zeit. Und es kann noch viel geschehen!“

Mit einem heftigen Stoß schleuderte der Kapitän den Maat zurück, richtete sich auf und verließ das Kabelgatt. Er löschte die Lampe und stampfte mit schweren Schritten davon.

 

*

 

Noch hatte die Southwind ihren Kurs nicht geändert. Everett war ein erfahrener Seemann, der diese Änderung selbst in der Dunkelheit des Kabelgatts wahrgenommen hätte.

Noch war dem Maat das Zeitgefühl nicht verloren gegangen. Er schätzte, dass es später Nachmittag war. Sie befanden sich rund zwanzig Seemeilen vor Kap Hoorn.

Das Wetter war offensichtlich umgeschlagen. Wer die Geräusche auf einem Segelschiff jahrein, jahraus in den Ohren hat, registriert diese nahezu unmerkliche Veränderung des Schalls, der Tritte, der Stimmen. Er hört am Ächzen der Masten, am Knarren des Tauwerks, am Flattern der Segel, ob sonniges oder trübes Wetter herrscht. Entweder war leichter Nieselregen, wie häufig in diesen Breiten, aufgekommen oder die Southwind befand sich in dichtem Nebel, der gerade hier gefürchtet war.

Das berüchtigte Kap Hoorn hatte seine Tücken. Binnen weniger Minuten oft schlug die Witterung um. Aus einer leichten Brise konnten urplötzlich launige Böen entstehen, die wie Riesenfäuste in die Besegelung hieben und den Bug tief ins Wasser drückten. Manchmal sprang auch der Wind einfach um, kam aus der Gegenrichtung, zwang die Segler zum Kreuzen.

Doch das blieb nicht, plötzlich kam unversehens eine Flaute. Nebel zog wie eine weiße, undurchdringliche Wand über die See und verschlang alles, war so dicht, dass man vom Achterdeck nicht einmal bis mittschiffs blicken konnte. Die Männer im Masttopp sahen nicht, was an Deck vorging. Und erfahrungsgemäß lichtete sich dieser milchige Nebel oft nach tagelangem Warten ebenso rasch wie er gekommen war. Dann folgten die gefürchteten Stürme, die meistens um Kap Hoorn tobten.

Hier hatten mehr Segler die ewige Reise auf den Grund des Meeres angetreten als anderswo. Diese tückische See ließ kein Opfer aus den Klauen, wenn es erst einmal eine Schwäche gezeigt hatte.

Charly Everett kannte Kapitän Brown seit drei Wochen. Er wusste so gut wie nichts von ihm. Und er bedauerte in seinem finsteren Gefängnis nun zweierlei. Zum einen hatte er sich nicht über diesen Mann erkundigt, bevor er sich hatte anheuern lassen. Und zweitens hatte er sich mit seinem früheren Kapitän einer Kleinigkeit wegen zerstritten. Eine Angelegenheit, die zu bereinigen nur weniger Worte bedurft hätte. Aber sein Stolz war ihm im Weg gewesen. Also lag es nahe, dass er auf einem anderen Schiff anheuerte. Ausgerechnet auf der Southwind.

Viele Kapitäne hatten eine Leidenschaft, die sich Alkohol nannte. Das war im Grunde kein Anlass, die Nase zu rümpfen. Aber wenn ein schlechter Charakter und Alkohol sich vereinen, brechen oft Ungeheuer aus, die anderen das Leben zur Hölle machen können.

Das war bei Kapitän Brown der Fall.

Wer war dieser Brown eigentlich? Welche Kommandos hatte er bisher geführt?

Fragen, die Everett nicht beantworten konnte. An der ganzen Küste hatte er den Namen Richard Brown noch nicht gehört bis zu Beginn dieser Reise. Das bestärkte den Maat in der Befürchtung, dass es in der Vergangenheit des stets betrunkenen Kommandanten womöglich einige dunkle Stellen geben musste, nach denen zu forschen sich lohnen sollte.

Es wäre naheliegend gewesen, wenn sich der Maat Gedanken über seine Befreiung gemacht hätte. Doch daran dachte er nicht. Er war mit sturem Eigensinn in die Frage verbissen, was Brown veranlassen mochte, die Geschichte mit der weißen Dame zu erfinden.

Charly Everett hatte noch genau die Worte des Kapitäns im Ohr.

„Kehre zurück in deinen Heimathafen! Wenn du weitersegelst, verlierst du dein Schiff und dein Leben!“

Das sollte diese Erscheinung gesagt haben, bevor sie sich wieder in Luft auflöste.

Charly Everett hatte Brown diese Worte auf dem Achterdeck flüstern hören. Vielleicht hatte Brown in seinem Wahn diese Erscheinung auch gesehen. Womöglich hatte er diese Worte irgendwann einmal gehört oder gelesen und sie lediglich wiederholt. Aber was auch immer er behauptete, eine Erscheinung hatte es niemals gegeben. Denn auch der Maat hätte sie sehen müssen. Oder gehörten etwa ganz besondere Augen, eine besondere Stimmung dazu? Vielleicht musste man an solche Ereignisse glauben, wenn man sie sehen wollte.

Der Maat schüttelte den Kopf. Alle Möglichkeiten, die er in Betracht zog, stellten keine logische Erklärung dar. Er musste zwangsläufig annehmen, dass eine andere Ursache vorhanden war, die den Kapitän dazu brachte, das Märchen von der weißen Dame zu erfinden.

Die Southwind beförderte Kohle und Eisen. Die Ladung sollte in Hacho, Peru, gelöscht werden. Eine Ladung, die weder besonders außergewöhnlich, noch besonders wertvoll war. Und außer der BLONDELL & CASPERS OVERSEAS LTD. beförderten auch zahlreiche andere Linien solches Frachtgut nach Südamerika.

Charly Everett ächzte. Ein Gedanke setzte sich in seinem Kopf fest, dessen volle Tragweite eine Ungeheuerlichkeit darstellte.

War Brown gekauft worden? Von einer anderen Reederei bestochen? Von anderen Eignern, die alles versuchten, groß ins Geschäft zu kommen und dabei vor keinem Mittel zurückschreckten? War er etwa zum Handlanger betrügerischer Geschäftemacher geworden?

Das hätte alles erklärt. Aber durften diese Unterstellungen den Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben? Diese Frage konnte nur im Zusammenhang mit einer zweiten Klärung nähergebracht werden: Wer sollte es darauf anlegen, die BLONDELL & CASPERS OVERSEAS Ltd. so zu schädigen und in Misskredit zu bringen, dass die Reederei einer sicheren Vernichtung in der öffentlichen Meinung preisgegeben war?

Darauf wusste der Maat keine Antwort. Er konnte sich keine Reederei vorstellen, die zu solchen Mitteln gegriffen hätte, einen Konkurrenten aus dem Wettbewerb zu stoßen. Die meisten Schiffseigner an der Küste von Wales hatten sich in irgendeiner Weise arrangiert, so dass keiner dem anderen unnötige Konkurrenz machte, solange sich dies vermeiden ließ.

Vielleicht gab es aber auch eine zweite, eine andere Erklärung, die Browns Motive erhellt hätte. Möglicherweise hatte er persönlich ein Interesse daran, seine Arbeitgeber zu schädigen?

Rache? Wofür? Wenn die Eigner der Southwind mit Brown schon einmal etwas zu tun gehabt und damals negative Eindrücke gewonnen hätten, so hätten sie sich bestimmt nicht dazu bewegen lassen, diesen Mann noch einmal in ihre Dienste zu nehmen.

Damit wurde dieser Verdacht hinfällig.

Der Maat war so sehr in seine Grübelei versunken, dass er die Schritte völlig überhörte, die sich dem Kabelgatt näherten. Schritte eines Matrosen, wie sich unschwer am Auftreten erkennen ließ. Denn der Mann ging leise. Er trug Segeltuchschuhe.

Erst als die Tür zu seinem Gefängnis knarrte, zuckte Everett zusammen. Er richtete sich auf. Im nächsten Augenblick traf sein Gesicht ein Lichtstrahl. Im Schein der Lampe erkannte der Maat Ramon, der sich ins Kabelgatt schob.

„Lebst du noch, Everett?“, fragte der Spanier heiser.

„Ach, du bist es“, stellte Everett aufatmend fest. „Ich hab’ schon befürchtet, dass Brown wieder auftaucht.“

„Er war also doch noch hier, was? Hat er dir etwas getan?“

„Nicht der Rede wert. Er hat mich nur gerüttelt und mich verdammt deutlich gewarnt. In drei Wochen, bis wir wieder in Cardiff sind, kann viel geschehen, meint er.“

Ramon atmete gepresst.

„Ich würde diesen Schinder am liebsten erwürgen. Was ist in ihn gefahren? Ich hab’ über das nachgedacht, was du gesagt hast. Ist er wirklich verrückt geworden?“

Everett lachte kurz auf.

„Ich hab’ auch nachgedacht“, sagte er halblaut. „Jetzt glaube ich nicht mehr, dass er verrückt ist. Vielmehr halte ich ihn für einen gemeinen Verbrecher, der sich hat kaufen lassen.“

Ramon zuckte zurück.

„Was weißt du? Wie kommst du darauf?“

„Hast du vielleicht eine andere Erklärung? Wenn er nicht verrückt ist, dann ist er normal. Und wenn er normal ist und denkt wie jeder vernünftige Mensch, erfindet er die blödsinnige Geschichte mit der Erscheinung nicht nur zum Vergnügen. Er verfolgt eine gewisse Absicht. Welche, das wissen wir inzwischen zum Teil. Zumindest will er die Fahrt abbrechen und wieder auf Heimatkurs gehen. Nur, was steckt dahinter? Und wer?“

Ramon hatte. aufmerksam zugehört. Er strich sein schwarzes Haar zurück und kratzte sich hinter dem Ohr.

„Was du gesagt hast, klingt gut und verständlich. Wenn es wirklich so sein sollte, dann hätte er einen echten Grund. Aber welcher Kapitän würde schon ...?“

„Brown zum Beispiel. Ich traue diesem Schurken alles zu. Er hat Angst vor mir. Denn er weiß, dass ich ihm seine Märchen nicht abnehme. Mit Irving, diesem eingebildeten Trottel, hat er leichtes Spiel. Der Steuermann frisst ihm aus der Hand.“

„Aber wenn wir nach Cardiff zurückkommen, wird Brown niemand die Geschichte mit der geheimnisvollen weißen Frau abnehmen.“

„Damit rechnet er vermutlich auch. Was will er denn in seinem Alter noch? Er ist mindestens sechzig. Ausgemergelt bis auf die Knochen macht es ihm bestimmt keinen besonderen Spaß, weiterhin zur See zu fahren. Was ein Mann wie er noch brauchen kann, ist genügend Geld, um sich einen schönen Lebensabend an der Küste zu machen.“

„Sein Kapitänspatent zu verlieren, würde ihn also nicht besonders treffen, meinst du?“, zweifelte der Spanier.

„Weiß ich nicht. Aber das kann er ruhig opfern, wenn er genug Geld hat. Ich an seiner Stelle würde mich den Teufel um das Patent scheren.“

„Hm, das ist gar nicht so übel. Ich würde es ihm auch zutrauen, Charly. Aber was sollen wir tun?“

„Können wir denn etwas tun?“, stellte Everett bitteren Tones die Gegenfrage. „Solange wir auf dem Schiff sind, hat er alle Gewalt in Händen. Es gäbe höchstens einen Weg...“

Ramon hob die Hand.

„Nein! Sprich nicht weiter, Everett! Das wäre wirklich die letzte Lösung im äußersten Notfall. Ich glaube nämlich nicht, dass die Männer bei einer Meuterei mitspielen würden.“

„Das fürchte ich auch. Das heißt, wir lassen uns alle weiterschikanieren, bis Cardiff erreicht ist. Ich muss sagen, dass ich es unter diesen Umständen sogar noch gut getroffen habe, wenn ich hier unten mit allem nichts zu tun habe. Er will mich übrigens wegen Meuterei vor das Seegericht bringen.“

Ramon japste nach Luft.

„Das... das kann er nicht, Everett. Wie denn?“

„Wenn er den Steuermann herumkriegt, dass dieser seine Aussage bestätigt, bin ich geliefert.“

Ramon dachte nach.

„Ich halte nicht viel von Irving, weil ich weiß, dass er ein Feigling ist und ein Schwächling obendrein. Aber dass er sich kaufen lassen würde, halte ich für ausgeschlossen. Dazu ist er zu ehrlich.“

„Was heißt, er ist ehrlich? Beantworte mir eine Frage, Ramon! Was ist stärker? Angst oder Ehrlichkeit?“

Der Spanier senkte den Kopf. „Angst“, gab er zu. „Aber ich glaub’s trotzdem nicht. Soll ich mit ihm reden?“

„Nein! Auf keinen Fall!“, brauste Everett auf. „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Er muss doch nicht gleich mit der Nase darauf gestoßen werden.“

Ramon hatte einen Leinenbeutel mitgebracht, den er jetzt hervorzog und öffnete. Er holte zwei Schnitten Schiffszwieback heraus und einen Streifen Pökelfleisch. Das reichte er dem Maat.

„Was anderes hab’ ich nicht organisieren können. Aber heute Nacht bringe ich dir noch was. Ich hab’ schon mit Spikes gesprochen. Dem hat der Alte auch übel mitgespielt heute.“

Everett verzog spöttisch die Lippen.

„Ich möchte nicht sagen, dass ich dies bedauere. Spikes, dieser kriecherische Schuft, hat verdient, dass man ihm jeden Tag dreimal zwei Dutzend Tritte in den Hintern gibt.“

Ramon, wenig angetan von den Vorschlägen, die sein Freund ihm auftischte, schluckte trocken.

„Wie er sich vor einer halben Stunde ausgelassen hat, ist diese Speichelleckerei bereits zu Ende. Der Alte hat ihm den Topf mit der heißen Suppe an den Schädel geworfen. Du solltest ihn sehen. Vom Kinn bis zum Nabel ist seine Haut verbrannt. Er heult vor Schmerzen. Und weißt du, warum Brown das getan hat?“

„Ich vermute, dass ihm die Suppe nicht geschmeckt hat.“

Ramon brachte ein dünnes Grinsen zustande.

„Nein, sie war ihm zu heiß. Er hat sich die Lippen verbrannt. Und jetzt liegt er stinkbesoffen in seiner Koje und schläft den Rausch aus.“

„Das heißt, wir ändern den Kurs noch nicht?“, fragte Everett hoffnungsvoll. Einen Herzschlag lang hing er dem Gedanken nach, dass der Vorfall um die weiße Dame nur von Brown provoziert gewesen war.

Ramon gab einen verächtlichen Laut von sich.

„Wir können ihn nicht ändern. Draußen ist der Nebel so dick, dass du nicht einmal die Hand vor Augen sehen kannst. Wir dümpeln in einer Flaute. Vielleicht hält sie einige Tage an. Kann sein, dass sich Brown bis dahin alles anders überlegt.“

„Wenn die Flaute länger anhält, kannst du die Hoffnung aufgeben. Wie ich den Kerl einschätze, wird der von Minute zu Minute wütender, wenn die Southwind nur in der Dünung schaukelt.“

Diese letzte Bemerkung war nicht nur so dahingesprochen. Everett hatte den Kapitän auf dieser Fahrt lange genug beobachten können, um zu wissen, dass dies tatsächlich der Fall sein würde. Nicht weit von den Kanarischen Inseln entfernt waren sie bei schönem Sommerwetter in eine Flaute geraten, die nur einen einzigen Tag angehalten hatte. War die Laune von Brown noch am frühen Morgen gut gewesen, hatte sie bis Mittag schon einen Grad erreicht, in dem der Kapitän so ungenießbar war wie ein giftiger Pilz. Am Nachmittag hatte er in seiner Kajüte getobt und mit leeren Rumflaschen um sich geworfen. Und am Abend schließlich, als noch immer kein Wind aufkommen wollte, hatte Brown das ganze Schiff unsicher gemacht, die Männer zu Übungen befohlen, hatte die Ladung kontrollieren und das Deck scheuern lassen. Arbeiten, die unnötig und völlig überflüssig waren.

„Wenn er es wieder so bunt treibt wie vor zwei Wochen, verscherzt er sich auch noch die letzten Sympathien. Er wird sich hüten, so unvernünftig zu sein.“

Der Maat lachte gezwungen.

„Du glaubst noch an Wunder, Ramon. Mit dieser Mannschaft kann er doch alles anstellen. Und wenn er den hirnverbrannten Idioten befiehlt, über Bord zu springen, um nach Wales zurückzuschwimmen, werden die meisten diesen Befehl auch ausführen. Nur zwei oder drei Burschen von deinem Schlag, und wir könnten diesen Verrückten zum Teufel jagen.“

Ramon kroch rückwärts aus der kleinen, niedrigen Kammer.

„Ich muss jetzt gehen, Charly. Später komme ich noch einmal vorbei. Der Moses bringt dir Wasser. Ich schicke ihn herunter!“

„Ist gut, Ramon. Ich danke dir! Und frag mal die Leute ein bisschen aus. Vielleicht hat einer schon mal was von Brown gehört. Mir ist dieser Kerl jedenfalls noch nie untergekommen. Und ich fahre nun ja schon ein paar Jährchen zur See.“

Ramon hob die Hand zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Dann verriegelte er die Tür hinter sich. Und Charly Everett war wieder allein. Mit seinen Gedanken, seiner Einsamkeit und seiner Wut. Nach diesem Gespräch mit seinem Freund war ihm klar, dass er auch den letzten Funken Hoffnung vernichten durfte, Brown würde doch noch zur Vernunft kommen.

Das vermehrte wieder den Verdacht, dass letztlich doch nur ein einziger Grund ausschlaggebend für das Verhalten des Kapitäns sein konnte: er war gekauft worden.

Eine lange Nacht lag vor dem Maat. Eine Nacht, in der er nicht viel schlafen würde können. Denn sein an schwere, kräftezehrende Arbeit gewöhnter Körper war nicht ausgelastet worden. Und deshalb war er nicht müde. Außerdem quälten ihn die zahllosen Fragen.

Charly Everett nahm sich vor, in dieser Nacht alle Konzentration auf dieses Problem zu verwenden. Und er war zuversichtlich, dass er zu einem brauchbaren Ergebnis kommen würde.

Auf der Southwind kehrte Stille ein. Die Crew, froh, dass der Kapitän vom übermäßigen Rumtrinken außer Gefecht gesetzt worden war, hatte sich ins Logis zurückgezogen. Die Männer spielten Karten, unterhielten sich halblaut, andere schliefen, einer sang leise wehmütige Lieder um Herz und Schmerz. Und oben an Deck waren die Tritte der Wachen zu hören. Dumpf und polternd und gleichmäßig.

 

*

 

Der dichte Nebel lastete schwer wie Blei auf dem Segler. Das Leinen saugte sich voll mit Feuchtigkeit. Das Holz fühlte sich glitschig und kalt an. Und das Atmen fiel den Männern schwer.

Schlaff hingen die Segel an den Rahen. Nicht der leiseste Lufthauch blähte sie. Wie tot lag die Southwind auf der unbewegten See.

Und wohl mit das scheußlichste Gefühl für die Männer war die schreckliche Stille. Die Nebelschwaden verschluckten jeden Laut. Und stets hatte jedermann an Bord das Gefühl, irgendwo in dieser düsteren grauen Masse näherte sich eine unbekannte, drohende Gefahr.

Trotz - oder gerade wegen - dieser Stille herrschte eine seltsame, unerklärliche Unruhe an Bord der Southwind. Der Schlaf der Besatzung war nur leicht und flüchtig. Jeder war gefangen von seinen Vorstellungen.

Immerhin hatte die Erzählung des Kapitäns von der weißen Dame sehr rasch die Runde gemacht. Wie ein Lauffeuer war sie umgegangen.

Wohl selten findet sich ein besserer Boden für schauerliche Geschichten als in den Herzen von Seeleuten. Mag es mit der Eintönigkeit ihrer langen Reisen, der Isolation auf See, die sie von der Welt absondert, zusammenhängen. Mag es auch andere Gründe haben. Die Crew der Southwind war beunruhigt und verängstigt. Und sogar die Skeptiker unter der Mannschaft, die sonst nur schwerlich zu beeinflussen waren, ließen sich hinreißen, die Geschichte von der weißen Dame für bare Münze zu nehmen. Ja, die aufgestachelte Fantasie flocht noch unzählige Ranken darum, gab Anlass, eine Reihe von Vermutungen anzustellen, bei denen wieder lächerlicher Aberglauben die führende Rolle spielte. Nun erwies sich, dass jeder schon einmal in irgendeiner Art mit Überirdischen Kontakt hatte, von Erscheinungen, Poltergeistern und verstorbenen Angehörigen heimgesucht worden war.

Gab es auch nur die kleinste und unbedeutendste unerklärliche Begebenheit, wurde sie hervorgezerrt, ausgeschmückt, hin und her gebogen, bis sie in den richtigen Rahmen passte. Und sie wurde schließlich zum besten gegeben. Mit solcher Überzeugung zudem, dass der Erzählende wider besseres Wissen schließlich selbst daran glaubte und mit schaurigem Behagen merkte, wie ihm und den Zuhörern Wellen heimlichen Grausens in Form von Gänsehaut über den Rücken rieselten.

Eine Geschichte war schauriger als die andere. Jeder wollte durch sein Erlebnis mehr imponieren und die anderen übertrumpfen. Das ergab einen Wettbewerb im Erzählen oft greifbar dick aufgetragener Lügengeschichten, dass dem unbefangenen Zuhörer die Haare zu Berge gestanden wären.

Was für ein Wunder, dass diese Spukgeschichten, die einen oft recht makabren Inhalt hatten, selbst das Traumleben der Seeleute für sich beanspruchten und nicht nur einem von ihnen im Schlaf ängstliches Schnauben, entsetztes Aufschreien oder erschrecktes Zusammenzucken bescherte.

Die Crew der Southwind war einem Feind ausgesetzt, der schrecklicher wüten kann als jeder andere Gegner: ihrer eigenen Fantasie. Vor ihr gab es kein Entrinnen. Nicht einmal im Traum.

Wie übermächtig die Wirkung des heißhungrig aufgesogenen Aberglaubens sein kann, weiß nur, wer derartiges schon einmal erlebt hat. Im Vergleich zu den Auswüchsen dieses Wahnsinns, die schon Kriege entfesselten und mörderische Schlachten bestimmten, war das, was sich auf der Southwind abspielte, nur der Anfang eines Dramas auf eng begrenztem Raum, das auf die Umwelt scheinbar geringe Auswirkungen haben würde. Und doch stellte es für eine Anzahl Menschen den Kernpunkt ängstlichen Strebens und Denkens dar.

 

*

 

Irgendwann in dieser Nacht erwachte Kapitän Brown aus seinem alkoholschweren Schlaf. Er richtete sich auf, schob seine Füße aus der Koje, stand auf und torkelte zum Kartentisch. Daran tastete er sich entlang bis zu dem Regal, in dem er eine weitere Flasche Rum aufbewahrte.

Der Kapitän war gerade dabei, die Flasche zu entkorken, als er sich eines anderen besann. Er hob den Kopf, als lauschte er, dann wankte er zurück zur Koje, brachte seine Kleidung in Ordnung und stapfte schwerfällig auf die Kajütentür zu.

Der Schiffskommandant öffnete leise und begab sich an Deck.

Nicht einmal die Positionslichter waren im dichten Nebel zu erkennen. Der Kapitän konnte sie lediglich ahnen.

Der Rudergänger hatte den Kopf auf seine Brust sinken lassen und schien zu schlafen.

Brown legte dem Mann die Hand auf die Schulter.

„Hab’ ich dich erwischt, du Tagedieb!“, schrie er den Mann an.

Ein Aufschrei des Entsetzens wurde dem Rudergänger von den Lippen gerissen. Er fuhr herum wie vom Schlag getroffen und starrte den Kapitän aus großen Augen an. Schreckensbleich war sein Gesicht. Es dauerte geraume Zeit, bis der Mann erkannte, dass er den Kapitän vor sich hatte.

Richard Brown lachte glucksend in sich hinein. Der abergläubische Seemann zitterte merklich. Er streckte die Hände abwehrend von sich und stotterte: „Sir, ich... um Himmels willen, Käpt’n, mich hätte beinahe der Schlag getroffen. Ich hab’ Sie gar nicht kommen hören.“

„Du hast geschlafen, Bube! Ich werde dir beibringen, dass auf meinem Schiff nicht geschlafen wird, wenn man zur Wache eingeteilt ist. Steuermann!“

Der Ruf des Kapitäns verhallte im Nebel. Keine Antwort.

Brown wurde wütend.

„Verdammt noch mal, wo bleibt denn Irving? Steuermann! An Deck mit Ihnen! Aber ein bisschen plötzlich!“

Sekunden verstrichen. Bange Sekunden für den Rudergänger, der nach wie vor zitterte. Er bemühte sich, dagegen anzukämpfen, konnte es aber nicht völlig abstellen.

Es war abzusehen, dass der Kapitän in kürzester Zeit einen Tobsuchtsanfall erleiden würde. Der Rudergänger wich vorsichtshalber zwei Schritt zurück. Er hatte Brown schon einmal erlebt, als dieser durchdrehte. Und er war nicht scharf darauf, in einem solchen Augenblick in der Nähe dieses Mannes zu sein.

Endlich, als Brown bereits mit den Zähnen knirschte und voller Wut die Fäuste ballte, waren polternde Schritte zu vernehmen.

Brown hob den Kopf. Er blickte sich um, spähte suchend auf das im Nebel verborgene Vorschiff, von wo aus er die Tritte zu hören glaubte. Dann holte er tief Luft, offenbar, um zu einer Schimpfkanonade anzusetzen, die den Steuermann treffen sollte.

Erst verschwommen, dann jedoch rasch deutlicher zu erkennen, erschien Irving aus dem Nebel. Er blieb neben dem Ruder stehen.

„Käpt’n?“, fragte er knapp.

„Wo, zum Teufel, haben Sie sich herumgetrieben? Kann man sich denn auf seine Leute nicht mehr verlassen? Ist es schon soweit, dass ich mich um alles selbst kümmern muss?“

Der Steuermann zuckte mit den Schultern. Das sollte eine entschuldigende Geste sein. Brown jedoch empfand sie als abwertendes Zeichen, das ihm persönlich galt.

„Mr. Irving! Sie sind der Steuermann auf diesem Schiff! Wie Sie sich Ihrem Kapitän gegenüber verhalten, lässt mich darauf schließen, dass Ihnen in der Kindheit niemand beigebracht hat, was unter anständigem Benehmen unter zivilisierten Menschen zu verstehen ist. Ich habe weiß Gott Anlass, an Ihren Fähigkeiten und Ihrer Erziehung zu zweifeln! Ich...“

Peter Irving traf diese unberechtigte vernichtende Kritik mit der Wucht eines Faustschlages. Er atmete hastig ein, sah für einen Moment aus, als würde er seinem Kommandanten wütend die Meinung sagen, doch dann gab er wieder klein bei, zog den Kopf zwischen die Schulterblätter und stellte kleinlaut fest: „Ich habe die Ladung kontrolliert, Sir.“

Dies war eine Ausrede. Brown bemerkte das sofort.

„Die Ladung kontrolliert? Dass ich nicht lache! Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie irgendwo auf dem Vorschiff gelegen und geschlafen hätten. Faules Gesindel auf diesem Schiff! Nicht nur die Mannschaft, auch die Offiziere. Man kann sich auf niemand verlassen! Ich hatte früher eine andere Meinung von Ihnen!“

Irving schluckte verlegen. Er begriff in seiner Verwirrung nicht, dass es Brown nur darauf anlegte, ihn herauszufordern. Er kannte die Schwächen seines Kapitäns nicht einmal, obwohl er häufig mit ihm zusammen war.

Wie viele andere Männer auch, ging der Steuermann den Weg des geringsten Widerstandes. Er widersprach nicht, setzte sich nicht durch und ließ den Kapitän gewähren, wie es jenem in den Sinn kam. Er schluckte Wut und Ärger hinunter, obwohl ihn die meist beleidigenden Äußerungen Browns ganz empfindlich trafen.

„Es tut mir leid, Käpt’n. Aber ...“

„Seien Sie still und suchen Sie nicht nach weiteren Ausreden! Ich kann es nicht ausstehen, wenn man mir Lügen auftischt!“

Der Steuermann verstummte. Er wusste nichts mit sich anzufangen und wartete auf den erlösenden Befehl des Kapitäns, endlich kehrtzumachen und den üblichen Kontrollgang wiederaufzunehmen.

Aber Brown hatte ganz andere Pläne. Er grinste gemein, dann sagte er: „Mir ist es zu ruhig hier! Viel zu ruhig. Alle schlafen und der verdammte Kahn dümpelt in der Dünung. Wir ändern den Kurs. Und zwar sofort. Haben Sie mich verstanden, Irving?“

Der Steuermann beeilte sich, zu antworten. „Aye, Käpt’n!“, rief er dienstbeflissen. „Aber wenn Sie erlauben, Sir, wir haben Windstille.“

„Meinen Sie, ich bin dämlich? Ihre Bemerkung ist eine grobe Respektlosigkeit, die ich nicht hinnehmen sollte. Haben Sie schon einmal zugesehen, wie man bei diesem Wetter den Kurs ändert?“

Der Steuermann hielt die Luft an. Er kaute auf der Unterlippe. Es lag auf der Hand, was der Kapitän beabsichtigte. Irving unterdrückte ein wütendes Schnauben.

„Beordern Sie die Mannschaft an Deck! Alle Mann, verstanden! Dann sorgen Sie dafür, dass die Beiboote zu Wasser gelassen werden! Wenn diese faulen Teufel sich ordentlich in die Riemen legen müssen, kapieren sie endlich, dass sie keine Vergnügungsreise machen. Wir segeln auf dem gleichen Kurs zurück!“

Aye, Sir! All hands an Deck! Los, geht hinunter ins Logis und holt sie aus dem Schlaf! Macht schneller!“

Die Aufforderungen galten den Wachen, die ihre Unlust durch einige saftige Flüche kund taten. Aber sie beeilten sich, zum Mannschaftslogis zu kommen.

Richard Brown war sich im klaren darüber, dass es böses Blut geben würde, wenn die Männer in die Boote mussten, um den Segler in schweißtreibender Arbeit an den Riemen zunächst zu wenden und anschließend über eine Anzahl Seemeilen zu schleppen, bis der Kapitän seine Anordnung aufhob. Aber diese Aussichten konnten den Kapitän nicht schrecken. Im Gegenteil, er fieberte geradezu darauf, sich an der nur schlecht verborgenen Wut seiner Crew zu weiden.

Nur wenige Menschen sind von Grund auf böse. Richard Brown konnte sich mit Fug und Recht zu diesen zählen. Sein Befehl war für ihn willkommene Gelegenheit, ein sadistisches Verlangen zu stillen.

Ihm bereitete es ungeheuren, grausamen Spaß, seine Untergebenen zu demütigen, sie zu quälen und herauszufordern. Er schien alle Menschen, sich selbst eingeschlossen, zu hassen.

Dieses scheußliche Treiben zog sich durch alle Stationen des beruflichen und privaten Werdegangs dieses Mannes. Es hatte ihm bisher nur Unglück und Hass eingebracht. Als Richard Brown vor Jahren merkte, dass er sich in einen Teufelskreis begeben hatte, aus dem es kein Entrinnen mehr gab, war alles, was ihn in irgendeiner Weise noch hatte menschlich erscheinen lassen, zerbrochen. Um so stärker und mächtiger hingegen war das Böse in diesem Mann geworden.

Verstört und fluchend kamen die Männer an Deck. Sie rieben sich verschlafen die Augen, wunderten sich über die ungewöhnliche Anordnung, regten sich über dieses unzumutbare Verlangen auf, wurden jedoch still, als Brown mit drohender Miene ihre Reihe abschritt.

Der Kapitän hatte an der frischen, feuchten Luft wieder einen sicheren Gang und war in der Lage, sich ohne zu schwanken fortzubewegen. Er verschränkte die Hände auf dem Rücken und schien nachzudenken.

Plötzlich blieb der grauhaarige Kommandant stehen. Er räusperte sich ausgiebig, dann wandte er sich der Crew zu.

„Ihr wisst, dass die weiße Dame, die mir erschienen ist, gesagt hat, wir müssen umkehren und in die Heimat zurücksegeln. Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass wir alle in unser Unglück fahren würden, wenn wir diese Warnung in den Wind schlagen. Der Nebel, in dem wir uns befinden, ist für mich ein sicherer Vorbote drohenden Unheils. Wahrscheinlich ist es sogar noch einmal ein Zeichen der weißen Dame, mit dem sie uns ein letztes Mal auf die Gefahr hinweist, in die wir uns begeben würden.“

Der Kapitän versuchte, aus den Gesichtern der Männer zu erkennen, was sie dachten. Aber er konnte nur ängstliche Blicke, ärgerliche Mienen und verschlafene Augen sehen.

„Ich habe mich deshalb entschieden, dass wir sofort etwas unternehmen“, fuhr Brown nach dieser kleinen Pause fort. „Wir lassen die Beiboote zu Wasser, dann drehen wir die Southwind um hundertachtzig Grad. Ich schätze, einige Seemeilen werdet ihr pullen müssen, Männer. Aber wie ich euch kenne, seid ihr froh, wenn ihr wieder mal tüchtig schwitzen könnt. Mr. Irving hat das Kommando!“

Der beißende Spott war durch nichts zu überbieten. Er ätzte in den Seelen der Seeleute, die rechtschaffen müde waren und durch diesen unsinnigen Befehl um ihren Schlaf gebracht wurden.

Peter Irving war es peinlich, sich nun vor die Männer hinstellen zu müssen und das Kommando zu übernehmen. Seine unrühmliche Rolle, die er gegenüber Kapitän und Mannschaft spielte, schmeckte ihm nicht. Er fühlte sich wie ein Verräter an den Seeleuten, und er wünschte sich, einmal in seinem Leben so unerschrocken sein zu können wie der Maat, der für sein mutiges Auftreten nun unten im Kabelgatt in Ketten lag.

Aber Peter Irving traute sich das selbst nicht zu. Er war nicht der Mann, der sich als mutiger Kämpfer hervortun konnte. Er war nicht geboren, den Helden zu spielen.

Nein, er war nichts als ein elender Feigling, der kuschte und jeden Befehl ausführte, den Richard Brown ihm gab.

Abwartend stand der Kapitän da. Er blickte den Steuermann abschätzend an.

„Worauf warten Sie denn, Irving? Haben Sie vielleicht meinen Befehl nicht verstanden?“

Der Steuermann hob den Kopf. Ein gepresster Laut kam über seine Lippen.

„Auf, Leute! Boote klar zum Abfieren! Beeilt euch!“

Langsam kam Bewegung in die Männer. Murrend stapften sie zu den Davits, lösten die Befestigung und schwenkten die Boote über Bord. Auf Irvings Kommando ließen sie die Boote zu Wasser.

„Gut so!“, rief der Steuermann. Er konnte nur das erste Boot mittschiffs sehen und die verschwommenen Umrisse der Männer ausmachen, die sich anschickten, über ein Fallreep in die längsseits liegenden Boote zu entern. Taue wurden ausgeworfen, dann erschollen die Kommandos außenbords.

Die Beiboote legten ab. Die Männer pullten, bis sich die Taue straff ten, dann hielten sie ein.

„Ruder hart Backbord!“

Der Rudergänger befolgte den Befehl prompt. Das Rad drehte sich.

„Liegt an, Sir!“

Irving ging auf die Reling zu. Er hob beide Hände trichterförmig vor den Mund.

„Auf mein Kommando, Leute! Und los! Legt euch in die Riemen! Nehmt die Knochen zusammen und zeigt, was ihr könnt!“

Scheinbare Heiterkeit klang aus seinen Worten. Aber niemand nahm dem Steuermann ab, dass er tatsächlich so empfand, wie er glauben machen wollte.

Flüche drangen aus dem Nebel. Wütende Flüche, die von den Seeleuten ausgestoßen wurden. Ein leichtes Rucken ging durch den Schiffskörper, dann war ein merkliches Reagieren der Southwind zu erkennen. Der Bug schwenkte langsam und lautlos nach Backbord. Das Klatschen der Riemenblätter war zu hören. Die Dünung schwappte gegen die Schiffswandung.

„Gut“, stellte Richard Brown fest, der sich nicht von der Stelle gerührt hatte und die Arme über der Brust verschränkte. „Sehr gut. Die Burschen strengen sich mächtig an. He, Kerl, schläfst du? Verdammt noch mal, stehst du zum ersten Mal am Ruder?“

Die empörten Schreie galten dem Rudergänger, der geistesabwesend dastand und vor sich hinstarrte.

Der Mann zuckte zusammen. Er schaute verstört auf den Kompass, dann drehte er wie wild am Ruder.

Irving trat auf den Mann zu.

„Jetzt ist nicht die Zeit zum Träumen“, sagte er vorwurfsvoll. Er warf einen flüchtigen Blick auf den Kompass.

„Zwei Strich Steuerbord, Käpt’n“, meldete er dann.

„In Ordnung, Steuermann. Recht so. Weisen Sie die Boote auf Kurs!“

Irving legte wieder die Hände wie einen Trichter vor den Mund.

„Streich etwas Steuerbord!“, brüllte er in die Nacht hinaus. Er wartete einige Sekunden, ging noch einmal zurück zum Ruder und sah auf den Kompass. „Recht so! Streich überall!“

Mit einem Seitenblick bemerkte der Steuermann, dass der Kapitän seinen Platz verlassen hatte und den Niedergang zu seiner Kajüte hinunterstapfte. Er atmete auf.

Der Rudergänger wirkte mit einem Mal kaum noch verkrampft. Die Anwesenheit des Kapitäns schien ihn gelähmt zu haben.

Peter Irving konnte dem Mann nachfühlen, wie ihm zumute gewesen sein mochte.

Der Steuermann spürte ein übles Drücken im Magen. Die Zunge lag ihm schwer wie ein trockener Klumpen im Mund.

„Moses!“, rief er.

Rasche Tritte näherten sich. Dann erschien ein Halbwüchsiger, der so dünn war, dass ein kräftiger Windstoß ihn auf die Decksplanken werfen konnte. Das war John Fisher. Der Junge war sechzehn Jahre alt. Er war bleich und hatte eingefallene Wangen. Ein wirrer, blonder Haarschopf verlieh ihm etwas Lausbubenhaftes.

„Sie haben mich gerufen, Mr. Irving?“

„Ich könnte einen Schluck Tee vertragen. Geh zu Spikes und bring zwei Tassen!“

John Fisher senkte den Kopf und blickte verlegen zu Boden.

„Der Smutje liegt in der Hängematte, Sir“, sagte er halblaut. „Er hat sich verbrannt.“

Peter Irving trat vor. Er streckte die Hand aus und fasste unter das Kinn des Schiffsjungen. „Sieh mich an, Moses! Er war doch vor zwei Stunden noch in der Kombüse! Hat es Streit gegeben?“

Der Junge, der täglich die Launen der Crew zu ertragen hatte, war von dem Geist, der auf der Southwind herrschte, angesteckt. Er wagte kaum den Mund aufzumachen.

„Nicht direkt, Mr. Irving“, sagte er mit belegter Stimme. „Spikes ist in der Kajüte gewesen und hat dem Kapitän die Suppe serviert.“

Irving schüttelte verständnislos den Kopf.

„Und weiter?“, forschte er neugierig.

„Sie war dem Kapitän zu heiß, Sir.“

Irving brummte einen Fluch. „Lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen! Was ist vorgefallen?“

John Fisher schluckte.

„Der Käpt’n hat dem Smutje den Suppentopf an den Kopf geworfen, Sir. Und Spikes hat sich die ganze Brust verbrannt. Wir haben die Haut mit Öl eingerieben und ihn in die Hängematte gelegt.“

Peter Irving, der von diesem Zwischenfall noch nichts gewusst hatte, hielt den Atem an. Er war versucht, mit den Zähnen zu knirschen und ballte die Fäuste. Er verdammte dieses gottlose, brutale Vorgehen von Brown und wünschte sich, der Kapitän würde sich endlich einmal so betrinken, dass er aus dem Rausch nicht mehr aufwachte.

Der Moses räusperte sich.

„Kannst du Tee kochen?“, fragte Irving.

„Ich kann es, Sir. Sie bekommen Ihren Tee.“

Der Junge eilte davon. Irving lehnte sich gegen die Backbordreling. Er war empört und wütend. Und er wollte nicht, dass der Rudergänger ihm das ansehen konnte.

Der Steuermann schämte sich. Vor allem seines eigenen Verhaltens wegen, das er selbst als widerwärtig empfand. Dann aber auch wegen Kapitän Richard Brown, der in seinen Augen ein unfähiger alter Mann geworden war. Ohnehin schon ein geistiges und körperliches Wrack, setzte dieser alte Narr nun noch alles dran, sich mit Alkohol völlig zu ruinieren. Ein Mann dieses Schlages hätte nie und nimmer das Kommando über ein Schiff haben dürfen.

Peter Irving kannte die Erwägungen nicht, die von den Schiffseignern angestellt worden waren, bevor Brown seinen Dienst angetreten hatte. Er wollte auch gar nicht wissen, wie Richard Brown zu diesem Kommando gekommen war. Er wollte überhaupt nichts mehr wissen, was mit diesem Schiff und seinem Kapitän zusammenhing. Er hatte nach all diesen Zwischenfällen, den Scherereien und all diesen gemeinen Willkürakten von Brown nur noch einen einzigen Wunsch. Er wollte die Southwind unmittelbar nach dem Anlegen im Hafen von Cardiff verlassen. Und das mit dem Schwur auf den Lippen, nie mehr in seinem Leben dieses Schiff zu betreten.

Die lebhafte Schilderung von Brown über sein geheimnisumwittertes Erlebnis mit der weißen Dame war dem Steuermann an die Nieren gegangen. Er wollte es vor sich selbst nicht zugeben, obwohl er sich selbst dabei ertappte, dass er immer wieder misstrauisch hinaufblickte in die Rahen und die Wanten musterte, als erwartete er, ebenfalls eine weiße Frau zu sehen.

Sie hatten auf dieser Reise noch kein Glück gehabt. Bis auf zwei, drei Tage, in denen ideales Reisewetter vorherrschte, hatten sie immer gegen die Launen der Natur ankämpfen müssen. In der Mannschaft war es zu Streitigkeiten gekommen. Und dann war der Kapitän mit seinen Schikanen geradezu über den Steuermann und die Crew hergefallen.

Obwohl Peter Irving sich aufgrund seiner Stellung an Bord als erster hätte das Recht herausnehmen können, den Kapitän zu kritisieren und die Berechtigung mancher Entscheidung anzuzweifeln, hatte er dies nicht getan. Er wusste, was er als Offizier seinem Vorgesetzten schuldig war. Er wahrte die Loyalität Brown gegenüber. Schließlich sah er das auch als geeignetes Beispiel an, die Disziplin der Mannschaft zu stärken.

Jedoch auch wenn er Brown unter vier Augen gegenüberstand, übte Irving keine Kritik. Das war nicht mehr Loyalität. Das war Angst. Furcht, die er vor dem stets betrunkenen Brown empfand.

Die Männer in den Booten pullten mit zäher Beharrlichkeit. Die Taue, die von der Southwind zu den Booten gespannt waren, strafften und entspannten sich im gleichmäßigen Rhythmus. Die Southwind machte schwache Fahrt. Irving kam es vor, als quälte sich ein verwundeter Riese mit fremder Hilfe vorwärts.

„Sir, Ihr Tee!“

Die Stimme des Moses riss Peter Irving aus seinen selbstzerstörerischen Gedanken. Er wandte sich um und nahm eine der beiden dampfenden Tassen, die auf dem kleinen Tablett standen. Er schlürfte mit gespitzten Lippen von dem Getränk und nahm dann einen kräftigen Schluck.

„Danke, Mr. Irving.“

Das war der Rudergänger. Der Mann, der schon seit einigen Stunden an Deck war, zitterte vor Kälte. Seine Kleidung war klamm geworden vom Nebel.

Irving winkte ab. Er stellte seine leere Tasse wieder auf das Tablett. Wie lange, fragte er sich, würde Kapitän Brown die Kräfte der Männer draußen strapazieren? Wie viele Meilen würde er sie pullen lassen? Wann endlich würde er begreifen, dass er sich maßlos in einen Wahn verstiegen hatte, der unweigerlich auf ein schreckliches Ende zuführte?

 

*

 

Die Nacht vor Kap Hoorn war gekennzeichnet von mörderischen Strapazen. Sie sollte sich einigen Männern, die ausgelaugt und erschöpft die letzten Kraftreserven mobilisierten, unauslöschlich ins Gedächtnis brennen. Und mit dieser Erinnerung würde auch der Name von Kapitän Richard Brown untrennbar verbunden sein.

Die Stunden wurden zu Ewigkeiten. Und als sich endlich die Schatten der Nacht lichteten, als nur noch der dichte Nebel die Sicht verwehrte, hingen die Taue schlaff herunter. Die Southwind machte keine Fahrt mehr. Und drüben in den Booten war es totenstill.

Mit geröteten, entzündeten Augen spähte Peter Irving vom Achterdeck aus hinaus auf die See. Er war so müde, dass er im Stehen hätte schlafen können. Kapitän Brown hatte sich nicht wieder an Deck blicken lassen. Er schien sich erneut betrunken zu haben und schlief nun wohl seinen Rausch aus.

Da die Leute nicht mehr pullten, hatte es keinen Sinn, dass sie länger draußen blieben. Und dieses Mal tat Peter Irving etwas, das er im ausgeschlafenen, ausgeruhten Zustand und bei klarem Verstand niemals getan hätte. Er verließ seinen Platz beim Ruder und schleppte sich müde an der Steuerbordreling entlang zum Vorschiff.

„He, Leute! Kommt an Bord!“, rief er heiser hinaus. „Alle Mann an Bord!“

Sein Rufen klang unnatürlich laut in die Stille. So laut, dass der Steuermann selbst erschrak. Er wandte sich instinktiv um und blickte nach achtern. Wenn Brown seine Anordnung gehört hatte, würde in einigen Minuten auf der Southwind der Teufel los sein.

Aber der Rum, der das Blut des Kapitäns verdünnte, verlieh dem alten Mann einen totenähnlichen Schlaf.

Riemenschläge waren zu hören. Bald darauf scheuerte das erste Boot an der Bordwand.

Irving eilte zum Fallreep. Er beugte sich über die Reling und konnte von da aus die erschöpften Männer erkennen. Er half ihnen an Bord, dann gab er das Kommando, das Beiboot hochzuhieven und zu befestigen.

Die Männer kamen seiner Aufforderung nach. Auch die anderen drei Boote waren zurückgekehrt. Die Seeleute enterten an Bord. Abwartend blieben sie an Deck stehen. Feindselig waren ihre Blicke, mit denen sie auf den Steuermann starrten.

„Geht unter Deck, Männer! Legt euch in die Hängematten! Der Moses wird jedem eine Sonderration Rum bringen!“

Selbst die Aussichten auf jenes begehrte Getränk konnten die Mienen der verbitterten Männer nicht aufheitern. Sie blieben verkniffen und zeigten überdeutlich, wie die Einstellung der Crew gegenüber dem Kommandanten und seinem Ersten Offizier war.

Kein Wort, nicht ein Ton war zu vernehmen. Nur das Schlurfen zahlreicher Sohlen über die Planken und schließlich im Niedergang zum Logis war zu hören. Und es wirkte unheildrohend und gespenstisch, fand Peter Irving.

John Fisher war in der Kombüse eingeschlafen. Er schrak hoch, als Irving ihn anstieß.

„Sir!“, rief der Moses verblüfft. „Verzeihung, Sir! Ich habe...“

„Das tut doch nichts zur Sache, Fisher! Bring den Männern eine Sonderration Rum. Du kannst dir auch was davon nehmen! Aber nur eine Sonderration, klar! Ich möchte nicht, dass es überhaupt keinen nüchternen Mann mehr gibt an Bord!“

Trotz seiner Jugend verstand der Moses den Doppelsinn dieser Bemerkung. Er grinste übers ganze Gesicht, dann nahm er einen großen Schnabeleimer und verließ die Kombüse.

Peter Irving kam sich selbst wie ein Schlafwandler vor. Er hatte kein Gefühl mehr. Sein ganzer Körper schmerzte. Und er fror erbärmlich. Der erhebliche Mangel an Schlaf machte sich nun bemerkbar.

Aber er war nun der einzige Mann, der wach bleiben musste. Er durfte sich nicht auch noch der übermächtigen Forderung seines Körpers nach Ruhe ergeben.

Langsam und unsicher, so, als hätte er keine rechte Kontrolle mehr über seine Bewegungen, wankte der Steuermann wieder zum Achterschiff. Er grinste verzerrt, als er sah, dass der Rudergänger sich krampfhaft bemühte, die Augen offenzuhalten.

„Hau dich in die Koje, Mensch! Ich übernehme das Ruder! Du kannst nicht einmal mehr geradestehen!“

Der Rudergänger war wohl noch keinem Menschen so dankbar gewesen wie Irving. Ein seliges Lächeln zeigte sich auf seiner Miene.

„Danke, Sir“, krächzte er. Dann schlurfte er in Richtung Vorschiff.

Irving klammerte sich an den Speichen des Ruderrades fest und lehnte sich dagegen. Seine Füße schmerzten. Wenn er das Ruder festlegte, konnte er sich setzen.

Er überlegte nicht länger, sondern griff nach den beiden Schlingen, die er über die Speichen legte, dann setzte er sich auf die Planken und lehnte sich gegen das Kompassgehäuse. Obwohl er energisch gegen den Schlaf ankämpfte, sank sein Kopf auf die Brust. Fünf Minuten nur wollte er die Augen schließen, damit sie nicht mehr so schrecklich brannten. Nur fünf Minuten!

 

*

 

Wie ein Geisterschiff lag die Southwind da. Nur das Knarren der Rahen und Ächzen der Masten und leises Plätschern waren zu hören.

Niemand an Bord des Seglers bemerkte, wie sich der Nebel lichtete, höher und höher stieg und sich ganz allmählich auflöste.

Einige Sonnenstrahlen drangen durch die Wolkendecke. Gleich schüchternen Vorboten einer neuen Zeit kamen sie an und überzogen schon eine halbe Stunde später die bisher unbewegte See, auf der sich nun Katzenpfoten bildeten mit silbernem Glanz.

Die Southwind rollte leicht, wie von sanfter Hand geschaukelt. Eine leichte Brise kam auf. Sie fuhr böig in die schlaffen Segel und ließ sie killen.

Ein vielfältiges Knallen zerriss die schläfrige Stille. Es hörte sich an wie Gewehrfeuer.

Peter Irving wurde jäh aus dem Schlaf gerissen. Er sprang auf, fand sich im ersten Augenblick nicht zurecht, stolperte, rammte das Ruder und stürzte schwer dagegen. Die Southwind nahm Fahrt auf. Das Ruder bewegte sich hin und her, soweit ihm die Schlingen Spiel ließen.

Einige Sekunden vergingen, bis sich der Steuermann überlegt hatte, was geschehen musste. Eigentlich war das sonnenklar. Doch sein im Schlaf gleichsam erstarrter Verstand musste sich erst wieder in die Wirklichkeit zurückversetzen.

Die Crew musste geweckt werden. Irving brauchte wenigstens die halbe Mannschaft, um mehr Segel setzen und die Southwind an den Wind bringen zu können, dass sie optimale Fahrt machte.

Der Steuermann stolperte an der Reling entlang zum Vorderschiff. Er glitt im Niedergang aus und wäre beinahe hinuntergestürzt, fing sich jedoch noch rechtzeitig und erreichte schließlich das Mannschaftslogis.

„An Deck, Männer!“, schrie er heiser. „Die Flaute ist vorüber. Wir müssen mehr Tuch setzen. Los, wacht endlich auf! Ich brauche mindestens die halbe Crew! An Deck, sage ich!“

Verblüfft und gähnend richteten sich die verschlafenen Leute auf. Sie sahen Irving an wie einen Mann, der nicht ganz richtig sein konnte im Kopf. Als der Steuermann aber seine eindringlichen Kommandos wiederholte, rollten die Männer aus den Hängematten.

Peter Irving hastete wieder an Deck. Er eilte zum Achterschiff, ging zum Ruderrad und löste die Schlingen, mit denen es festgemacht war.

Wenig später schon erschien eine Handvoll Männer.

„Entert auf, Leute! Setzt soviel Tuch, wie ihr ausbringen könnt! Vergesst die Stagsegel nicht! Der Käpt’n wird’s euch danken!“

Zusammenfassung

Kapitän Richard Brown war ein Säufer und ein Tyrann an Bord. Er schikanierte seine Mannschaft nach Strich und Faden und behandelte die Matrosen wie den letzten Dreck. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Steuermann Peter Irving und der Maat Charly Everett rebellieren würden. Brown hatte angeblich nachts an Deck eine weiße Frau gesehen, und die abergläubischen Matrosen glaubten deshalb, ihr Schiff Southwind sei verflucht. Deswegen befahl der Kapitän, dass sein Schiff wieder Kurs auf den Heimathafen nehmen sollte – was auch geschah. Aber Irving und Everett informierten den Reeder über Browns Unfähigkeit, und deshalb wurde er seines Postens enthoben. Von nun an war Irving der neue Kapitän und bekam den Auftrag, sofort wieder in See zu stechen. Mit einer neuen Mannschaft, die man gewaltsam an Bord geholt hatte und zum Dienst zwang. Die Southwind nahm Kurs aufs offene Meer, aber es mehrten sich Gerüchte, das Schiff sei verflucht und alle würden bald sterben. Würde sich dieser Fluch erfüllen?

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916928
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
heldenhafte seemänner fluch southwind

Autor

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Titel: HELDENHAFTE SEEMÄNNER #19: Der Fluch der Southwind