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Killer ohne Skrupel

2018 260 Seiten

Leseprobe

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Killer ohne Skrupel

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von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 186 Taschenbuchseiten.

Eine brutale Gang kontrolliert das Drogengeschäft in der Bronx - und führt einen erbarmungslosen Krieg gegen die Konkurrenz. Eine Serie von Morden scheint mit diesem Drogenkrieg in Zusammenhang zu stehen - aber FBI Agent Jesse Trevellian hat Zweifel...

Cover: STEVE MAYER

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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New York 1997

Cal Frazer sah das Licht am Ende des Lincoln-Tunnels, der Union City in New Jersey mit Manhattan verband. Der Tunnel führte tief unter dem Hudson hindurch und tauchte in Manhattan hinter der Eleventh Avenue wieder an die Oberfläche.

Frazer kniff die Augen zusammen, als er aus dem Tunnel herausfuhr.

Das gleißende Tageslicht blendete ihn etwas.

Er wusste nicht, dass sein Gesicht im selben Moment im Zielfernrohr einer Präzisionswaffe sichtbar wurde.

Das Fadenkreuz genau auf seiner Stirn...

Frazer atmete tief durch, dachte an den Termin in einer Anwaltskanzlei in Midtown Manhattan, den er vor sich hatte.

Er kannte die Strecke wie im Schlaf.

Nur gut hundertfünfzig Meter führte die Straße durch das Freie, um dann erneut durch einen Tunnel zu führen.

Frazer hob den Blick.

Oberhalb der Tunneleinfahrt war die 39. Straße West.

Gegen das grelle Sonnenlicht, dieses kalten klaren Tages konnte er den Kerl mit dem Gewehr nicht sehen, der dort oben stand und ihn im Visier hatte.

Nur Sekunden waren vergangen, seit sein BMW den Ausgang des Lincoln Tunnel passiert hatte.

Ein Geschoss ließ die Frontscheibe zerbersten und drang ihm mitten in die Stirn. Ein kleines, rundes Loch bildete sich etwas oberhalb der Augen. Ein roter Punkt, der rasch größer wurde.

Die Wucht des Projektils ließ Frazers Schädel mit einem Ruck gegen die Nackenstütze schlagen, die nicht richtig eingestellt war. Sein Hals war bereits seltsam verrenkt, als der zweite Schuss den Kiefer durchschlug und im Sitzpolster der Hinterbank steckenblieb, nachdem er die Nackenstütze zerfetzt hatte.

Der BMW brach aus seiner Bahn.

Die Hände des Toten verkrampften sich um das Lenkrad.

Und der Fuß drückte noch immer auf das Gas.

Der Wagen schrammte gegen einen Lieferwagen, der zu bremsen versuchte und ins Schleudern geriet.

Ein Sportcoupe jagte diesem von der Seite in den Laderaum.

Das Blech knickte ein wie Pappe. Reifen quietschten. Mit einem Knall fuhren weitere Fahrzeuge auf. Ein Sattelschlepper konnte gerade noch ausweichen, drängte dadurch eine Limousine von der Fahrbahn, so dass beide einen Augenblick später in den Leitplanken hängenblieben.

Der BMW jagte indessen mit unverminderter Geschwindigkeit weiter.

Wie ein Geschoss.

Am Steuer eine Leiche.

Die Kurve, mit der die Fahrbahn unter der 39. Straße herführte, konnte er natürlich nicht mehr nehmen.

Frontal knallte der Wagen gegen eine Betonbarriere. Der Motorbereich des BMW faltete sich in Sekunden zusammen, als bestünde er aus Zeitungspapier. Mit einem ungeheuren Knall wurde der Wagen gestoppt.

Oben, auf der 39. Straße stand eine Gestalt und beobachtete in aller Seelenruhe das Geschehen. Der Mörder verzog das Gesicht.

Das Präzisionsgewehr verstaute er in einem Futteral.

Dann griff er in die Innentasche seiner abgewetzten Lederjacke und holte eine Sprühdose mit schwarzer Farbe hervor.

Mit schnellen, sicheren Bewegungen sprühte er gekonnt einen Schriftzug auf den Asphalt.

KILLER ANGELS stand dort im nächsten Moment in großen, zackigen Lettern.

Und etwas kleiner darunter: WIR SIND ÜBERALL!

Ein Chevy hielt am Fahrbahnrand.

Der Mörder lief mit ein paar schnellen Schritten auf den Wagen zu und stieg ein. Mit quietschenden Reifen fuhr der Chevy davon und war Augenblicke später im Verkehrsgewühl verschwunden.

"Alles okay?", fragte der Fahrer.

Der Mörder atmete tief durch.

"Ich glaube schon", sagte er.

"Wir machen jetzt einen Bogen und fahren dann zurück zum Theater District..."

"Warum?"

"Weil ich den Wagen von dort habe. Ich stelle ihn wieder genau an die Stelle, wo er stand."

"Der Besitzer wird sich freuen."

"Wenn jemand den Wagen gerade beobachtet hat und die Polizei bei dem Kerl auftaucht, wohl nicht mehr." Ein irres Kichern folgte. Den Fahrer schien diese Vorstellung sehr zu amüsieren.

Der Mörder zuckte hingegen nur die breiten Schultern.

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2

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Am Ausgang des Lincoln Tunnels war der Teufel los, als Milo und ich dort eintrafen. Mein Freund und Kollege Milo Tucker saß am Steuer eines Mercedes, den wir von der Fahrbereitschaft des FBI-Districts New York zur Verfügung gestellt bekommen hatten. Es war eine große Limousine.

Milo stellte sie am Straßenrand ab. Der Ausgang des Lincoln-Tunnels war in beide Richtungen gesperrt worden. Und das würde sicherlich noch ein paar Stunden so bleiben.

Wir stiegen aus.

Ich schlug mir den Mantelkragen hoch.

Ein verdammt kalter Wind wehte vom Hudson River herüber und ließ einem die Nase innerhalb weniger Augenblicke krebsrot frieren.

Zahlreiche Einsatzwagen von City Police, Highway Patrol und Feuerwehr drängten sich auf dem Asphalt. Dazu kamen noch etliche medizinische Rettungsteams und Beamten der Scientific Research Division, dem zentralen Erkennungsdienst der verschiedenen Polizeiabteilungen der Stadt New York, der auch vom FBI-District häufig in Anspruch genommen wurde.

"Das sieht ja furchtbar aus", murmelte Milo mit gerunzelter Stirn.

Ich nickte nur.

Gegenüber einem uniformierten Cop zeigten wir unsere FBI-Dienstausweise.

Der Officer nickte knapp.

"Schlimme Sache, Sir", meinte er.

"Wieder ein Anschlag dieser Gang, die sich die KILLER ANGELS nennt?", fragte ich. Viel hatte man uns nicht gesagt. Die Nachricht hatte uns erreicht, nachdem wir gerade unser Büro im FBI-Gebäude an der Federal Plaza betreten hatten.

Wir waren sofort losgefahren.

"Wird Zeit, dass mit dieser Terror-Bande endlich aufgeräumt wird, wenn Sie mich fragen", meinte der Officer. "Sehen Sie sich doch an, was die hier angerichtet haben!" Er deutete hinauf zur 39. Straße. "Dort oben hat der Kerl gestanden und abgedrückt. Wahllos - irgend ein Auto. Nur um seinen Mut zu beweisen oder weil er BMWs nicht leiden konnte..." Der Officer atmete tief durch.

Als Streifenpolizist war er sicher einiges gewohnt.

Das war kein Job für zartbesaitete Gemüter.

Aber das hier nahm ihn sichtlich mit.

"Ich kann verstehen, wenn jemand reich sein möchte und einen Geldtransport überfällt, weil er das für seine große Chance hält. Ich kann auch verstehen, wenn jemand im Streit jemanden erschlägt, weil ihm einfach eine Sicherung durchbrennt. Mein Gott, aber das hier..." Er schüttelte den Kopf. "Es ist so völlig sinnlos."

Da konnte ich ihm nur zustimmen.

Ich nickte.

Er sagte: "Ich hoffe, der Kerl kriegt, was er verdient."

"Das hoffe ich auch", erwiderte ich.

Ich blickte zu einem Lieferwagen, der aussah wie ein zerdrückter Blechsarg. Einige Männer waren gerade damit beschäftigt, jemanden aus dem Schrotthaufen herauszuschneiden. Eine Blutlache war auf dem kalten Asphalt zu sehen. Sie war schon angetrocknet.

Eine Tragödie, dachte ich. Die Wut des Officers konnte ich nur zu gut verstehen.

"Fünf Tote", raunte er mir zu. "Und es ist noch nicht klar, ob von den Verletzten alle überleben werden..."

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Captain Logan Jakes, Leiter der Mordkommission Midtown Manhattan II, trat auf uns zu. Das Walkie Talkie ragte ihm aus der Manteltasche. Das Haar war ungekämmt, und er hatte garantiert noch nicht gefrühstückt. Sein Gesicht wirkte grau.

"Hallo, Jesse", begrüßte er mich knapp. Ich kannte ihn von verschiedenen Einsätzen her. Milo begrüßte er mit einem Kopfnicken. "Die Spurensicherer werden noch eine ganze Weile zu tun haben, aber es sieht ganz nach einer dieser verfluchten Mutproben aus, mit denen die KILLER ANGELS ihre neuen Mitglieder aufnehmen." Er deutete auf den Blechhaufen, der vor diesem Attentat einmal ein BMW gewesen war. Einige Mitarbeiter der Spurensicherung machten sich dann an dem Wagen zu schaffen.

"Weiß man schon, wer das Opfer war?", fragte ich.

"Nein. Wir müssen die Leiche erst mühsam aus dem BMW herausschneiden. Ich glaube auch nicht, dass Sie das weiterbringen würde. Das Opfer ist völlig willkürlich ausgesucht worden. Der Kerl stand da oben auf der 39. Straße und hat sich irgendeines der Fahrzeuge herausgepickt, die gerade aus dem Lincoln Tunnel herausgeschossen kamen."

Ich nickte.

Näheres würde sich wohl in den Berichten finden. Sowohl in jenem des Gerichtsmediziners als auch in dem, was die Ballistiker herausfinden würden. Wir folgten Captain Jakes bis zu dem BMW.

Ein furchtbarer Anblick. Ich notierte mir die Nummer. Mochte der Teufel wissen, wozu ich die mal brauchen würde.

Jakes atmete tief durch und meinte dann düster: "Vor zwei Wochen stand ich das letzte Mal hier. Fast genau an derselben Stelle und aus demselben Anlass..."

"Ich weiß", sagte ich.

"Es ist kaum zu fassen! Diese Brüder sind wirklich dreist geworden! Zweimal hintereinander an derselben Stelle!" Er zuckte die breiten Schultern. "Vielleicht war das ja eine Tat, durch die ganz besonderer Mut bewiesen werden sollte", meinte er dann mit ätzendem Unterton.

"Wir tun, was wir können, um die Täter zu fassen", erklärte Milo. "Aber schließlich können wir nicht einfach in die Bronx fahren und alle Leute verhaften, die seltsame Lederjacken tragen..."

"Das sollte auch kein Vorwurf sein", erwiderte Captain Jakes. "Aber wenn man so etwas sieht, dann kann man schon die Wut bekommen..." Er deutete hinauf zur 39. Straße. "Ich nehme an, Sie wollen noch die Stelle sehen, von der aus geschossen wurde..."

"Ja", nickte ich.

"Der Täter kann kein schlechter Schütze gewesen sein", stellte Jakes dann fest.

"Wie kommen Sie darauf?", meinte Milo. "So ein BMW ist doch kein kleines Ziel!"

"Nein, aber beweglich. Der Schütze hatte nur wenige Sekunden Zeit, den Wagen zu erwischen, bevor er in der Unterführung der Neunundreißigsten verschwunden gewesen wäre. Wo er den BMW getroffen hat, ist schon beinahe unwichtig. Selbst wenn es nur ein Reifen ist, ist eine Katastrophe vorprogrammiert. Mehr oder weniger jedenfalls."

"Nehmen wir unseren Wagen?", fragte Milo.

Captain Jakes nickte. "Mit meinem ist mein Lieutenant gerade unterwegs."

Wir stiegen in den Mercedes.

Diesmal saß ich am Steuer. Wir passierten die Unterführung und mussten dann einen Bogen fahren, um schließlich auf die 39. Straße zu gelangen, eine Einbahnstraße in Richtung Hudson. Die Stelle, an der der Killer auf sein Opfer gelauert hatte, war schwerlich zu verfehlen, denn auch dort befanden sich jede Menge Einsatzfahrzeuge der City Police.

Eine Fahrbahn war gesperrt.

Der Verkehr wurde um die Stelle herumgeleitet.

Wir hielten am Straßenrand und stiegen aus.

Wenig später standen wir drei dann genau an jener Stelle, von der aus der Täter seinen wunderbaren Ausblick gehabt hatte. Genau auf den Ausgang des Lincoln Tunnels.

Jakes sagte: "Es sieht so aus, als hätte der Mörder den BMW-Fahrer getroffen. Das bedeutet, dass er ihn ziemlich bald erwischt haben muss, nachdem der Wagen aus dem Tunnel herauskam. Sonst wäre der Winkel zu ungünstig geworden..."

Ich blickte auf die Schrift, die mit einer Sprühdose auf den Boden gebracht worden war.

"Der Schriftzug der KILLER ANGELS ist gut getroffen", meinte Milo.

"Ich möchte so schnell wie möglich Abzüge von den Fotos haben, die die Spurensicherung hoffentlich davon gemacht hat."

"Schmiererei", meinte Logan Jakes leichthin.

"Abwarten", erwiderte ich. Jede Kleinigkeit konnte am Ende den entscheidenden Hinweis bedeuten.

Einer der Police Officers trat jetzt zu uns und wandte sich an Jakes.

"Captain, ich habe hier den Polizeichef in der Leitung."

Jakes nickte.

"Ich komme schon ", sagte er und folgte dem Officer bis zu dessen Einsatzwagen.

Milo sah ihm kurz nach.

"Scheint, als würde man auch in den höheren Etagen nervös, Jesse."

"Wundert dich das?"

"Nicht wirklich", erwiderte Milo. "Schließlich breiten sich diese KILLER ANGELS in der Bronx wie eine Seuche aus, Häuserblock für Häuserblock, Straßenzug für Straßenzug. Es erinnert an einen Guerilla-Krieg."

Wir wechselten einen kurzen Blick.

Ja, es war ein Krieg, den die KILLER ANGELS führten.

Ein Krieg gegen die Polizei, die Bürger, verfeindete Gangs und jeden Crack-Dealer zwischen 150er und 180er Straße, der die Frechheit besaß, ihnen nicht mindestens die Hälfte seines Gewinns abzugeben.

Die South Bronx, Harlem und Teile von Brooklyn waren die Orte in New York, in denen Drogen und Armut offen regierten.

Jugend-Gangs, die ein paar Straßenzüge regierten waren nichts Ungewöhnliches. Und dass solche Gangs die Finger nach dem ausstreckten, was ihnen Profit versprach, war leider auch an der Tagesordnung.

Als Drogenhändler konnte man in der Bronx immer noch mehr verdienen als in jedem der spärlich gesäten Jobs, die es hier gab. Sehr viel mehr.

Aber die KILLER ANGELS waren nicht irgend eine Gang. Nicht eine der vielen Banden, von denen manche ganz offen agierten und dafür sorgten, dass sich in gewissen Straßenzügen die City Police nur in Mannschaftsstärke und mit der Pump Gun im Anschlag aus dem Wagen traute.

Aber die KILLER ANGELS waren in jeder Hinsicht etwas Besonderes. Besser ausgerüstet, besser bewaffnet und besser organisiert als alle anderen, die sie Straße für Straße vor sich hertrieben.

Natürlich hatten wir unsere Informanten vor Ort.

Und so wussten wir zumindest in ganz groben Umrissen, was vor sich ging. Alle Erkenntnisse deuteten in eine ganz bestimmte Richtung...

Die KILLER ANGELS arbeiteten vermutlich für jemanden, der den Crack-Handel unter seine Kontrolle bringen wollte, indem er einen äußerst blutigen Feldzug gegen die Konkurrenz führte.

Jemand mit viel Geld.

Sehr viel Geld.

Um wen es sich dabei handelte, davon hatten wir keine Ahnung. Vermutlich auch der Großteil der Crackhandler und die niederen Chargen der KILLER ANGELS nicht. Vielleicht kannten sogar die Anführer nur irgendwelche Mittelsmänner.

Dieser Unbekannte im Hintergrund hielt sich auf diese Weise völlig aus der Schusslinie. Und die ANGELS machten nicht nur die Drecksarbeit für ihn, sondern trugen auch das volle Risiko.

Ich sah noch einmal hinunter zum Eingang des Lincoln-Tunnels, der für den bislang unbekannten BMW-Fahrer zur Todesfalle geworden war.

So tragisch dieses Ereignis war, im Grunde war es nichts weiter als eine Fußnote in einem grausamen Drogenkrieg, mit dem der Mann am Steuer des BMW mit Sicherheit nicht das Geringste zu tun gehabt hatte.

Milo trat neben mich.

"Was denkst du?", fragte er. "Irgendwas schwirrt dir doch im Kopf herum."

Ich lächelte matt.

"Bist du Telepath?"

"Nein, aber ich kenne dich eine Weile, Alter."

"Leicht untertrieben, was?"

"Vielleicht ein bisschen..."

Eine Pause entstand. In Gedanken ging ich nochmal alles durch. Milo hatte das ganz richtig erkannt. Da war in der Tat etwas, was mich beschäftigte.

"Dies ist nicht der erste derartige Anschlag der KILLER ANGELS", meinte ich vorsichtig. "Aber bislang haben sie nie zweimal hintereinander am selben Ort zugeschlagen..."

Milo hob die Augenbrauen.

"Und? Was folgerst du daraus, Jesse?"

Ich zuckte die Achseln.

"Nichts", sagte ich. "Es ist mir eben nur aufgefallen und ich frage mich, ob es dafür vielleicht irgend einen vernünftigen Grund geben könnte."

Milo machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Ein vernünftiger Grund?", zitierte er mich. Er schüttelte energisch den Kopf. "Entschuldige, Jesse, aber in diesem Zusammenhang klingt das etwas Merkwürdig..."

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Pat Borinsky stand am Fenster des ziemlich heruntergekommenen Brownstone-Hauses und schob die Gardine zur Seite. Er überprüfte kurz den Sitz des riesigen Magnum-Revolvers, den er auf dem Rücken im Hosenbund trug.

Sein Bruder Cyrus flegelte sich derweil in einem der ziemlich durchgesessenen Ledersessel und versuchte gerade verzweifelt, eine Dose Budweiser zu öffnen, nachdem er so ungeschickt gewesen war, den Henkel abzubrechen. Cyrus fluchte unflätig, als er sich die Jeans besudelte. Er hielt die Dose über den niedrigen Glastisch, auf dem Spuren eines weißen Pulvers zu sehen waren.

Backpulver.

Zusammen mit Kokain konnte man es aufkochen und daraus wurde dann Crack. Ein gutes Geschäft, denn die Konsumenten hatten keine Möglichkeit, hernach zu kontrollieren, wie hoch der Anteil des Backpulvers war.

Und oft war bereits das Kokain gepanscht gewesen.

Crack war ein Teufelszeug. Viel billiger als Heroin und Kokain, aber genauso suchterzeugend. Die Droge der kleinen Leute, die sich reines Koks nicht leisten konnten.

"Was gibt's da zu sehen?", fragte Cyrus an seinen Bruder gewandt, nachdem er die halbe Budweiser-Büchse leergetrunken hatte.

Pat kniff die Augen zusammen.

"Unser Kunde", sagte er.

"Na fein. Das Geschäft war heute ja auch ziemlich mau!"

Pat beobachtete einen Ford, der am Straßenrand hielt. Ein Mann stieg aus. Mittlerer Jahrgang, Bauchansatz, kaum noch Haare auf dem Kopf. Er zog sich den Mantelkragen hoch und blickte sich nervös um.

"Was ist das für einer?", fragte Cyrus.

"War noch nie hier", erwiderte Pat. "Wenn du mich fragst: Kleiner Angestellter, der dem Stress nicht gewachsen ist. Wohnt in Queens! Seiner Telefonstimme nach ein Feigling."

Cyrus lachte schallend.

"Hartes Urteil", meinte er.

"Ich täusche mich selten."

"Bild dir nur nichts drauf ein."

Pat beobachtete jetzt, wie der Kunde auf die Haustür zukam.

Das kleine verwilderte Rasenstück, das eigentlich mal ein Vorgarten gewesen war, durchschritt er mit langen, ausholenden Schritten. Wieder sah er sich um. Die Nervosität war ihm ins Gesicht geschrieben. Er griff in die Innentasche seines Jacketts und holte einen Umschlag heraus.

Dann bückte er sich und steckte den Umschlag in den Briefschlitz.

"Ich gehe mal an die Tür und zähle nach", sagte Cyrus.

Pat beobachtete derweil den Kunden.

Er ging zurück in Richtung Wagen. Nachdem er sich abermals umgedreht hatte, wandte er sich an eine der überquellenden Mülltonnen. Er öffnete sie und nahm eine Zeitung heraus. Ein Exemplar der New York Daily News. Er öffnete es, holte etwas heraus, das er sogleich in der Manteltasche verschwinden ließ und stieg dann in seinen Wagen ein.

Cyrus rief indessen aus dem Flur, der zur Tür hinführte: "Das Geld stimmt!"

"Okay..."

Im anderen Fall hätte Pat den Kunden mit einem gezielten Schuss in den Reifen stoppen können.

Aber so etwas kam eigentlich nie vor. Das Risiko, von den Kunden geprellt zu werden war gering, weil die wussten, was ihnen dann blühen konnte, sofern der Dealer sie in die Finger bekam.

Aber das Risiko, verurteilt zu werden, wurde auf diese Weise minimiert. Ab und zu wurden solche Crack-Häuser zwar von der DEA oder den entsprechenden Abteilungen der City Police gestürmt und die Dealer festgenommen. Aber wenn die Polizei nicht sehr sorgfältig war, kam nichts Gerichtsverwertbares dabei heraus. Schließlich konnte ja jeder das Rauschgift in die Mülltonne gelegt haben. Und zur Haustür war der Kunde vielleicht nur gegangen, um zu sehen, ob er an der richtigen Adresse war.

Man brauchte geschickte Anwälte, aber mit etwas Kleingeld war das kein Problem.

Cyrus kehrte in das Wohnzimmer zurück. Er legte den Umschlag auf den Tisch.

Pat atmete tief durch.

Es klang beinahe erleichtert.

"Was ist los?", fragte Cyrus.

"Ich hatte ein schlechtes Gefühl", sagte Pat.

"Wieso?"

"Bei Neukunden muss man immer aufpassen. Kann immer ein Cop sein..."

"Wir sind vorsichtig", sagte Cyrus. Und das bedeutete insbesondere, dass sich im ganzen Haus nicht ein einziges Gramm Crack oder Kokain befand.

Nicht jetzt.

"Vor den Cops habe ich keine besondere Angst", sagte Pat. "Die sind an die Gesetze gebunden... Ich mache mir mehr Sorgen um die, die sich ihr eigenes Gesetz machen..."

Ein Motorengeräusch ließ Pat aufhorchen.

Er sah aus dem Fenster, konnte aber noch nichts sehen.

Dann sah er einige Motorräder die Straße entlangrasen. Sie achteten auf niemanden, sondern gingen einfach davon aus, dass sie Vorfahrt hatten. Schwarz lackierte Motorräder, auf die in Airbrush-Technik martialische Embleme aufgebracht waren.

Hier und da war in zackigen Großbuchstaben der Schriftzug KILLER ANGELS zu lesen.

Die Helme waren ebenfalls schwarz, die Visiere heruntergelassen und mit getönter Sichtscheibe ausgestattet, so dass von den Gesichtern der Fahrer nicht das Geringste zu sehen war.

Auf der Stirn trugen diese Helme ein weißes Kreuz.

"Ich hoffe nicht, dass die zu uns wollen", meinte Pat.

Sein Bruder war bereits durch eine Tür in einen Nebenraum verschwunden und kehrte mit einem Pump Action Gewehr zurück.

Cyrus hatte die Situation sofort erfasst.

"Natürlich wollen diese Bastarde zu uns", zischte er zwischen den Lippen hindurch. "Sie wollen Krieg, darauf kannst du Gift nehmen! Sollen sie ihn bekommen..."

Pat hatte den Magnum-Revolver nicht gezogen. Stattdessen machte er eine Handbewegung, mit der er seinen Bruder dazu brachte, auf der Stelle stehenzubleiben.

"Ganz ruhig, Cy. Wenn wir jetzt nicht aufpassen, dann hängen unsere Skalps als Trophäen an diesen Feuerstühlen..."

"Scheiß Latinos", zischte Cyrus zwischen den dünnen Lippen hindurch. Er lud die Pump Gun mit einer energischen Bewegung durch.

Pat blieb am Fenster und blickte hinaus. Er beobachtete die Motorradfahrer. Mindestens ein Dutzend zählte er. Und sie fuhren wie eine Eskorte!

Drei, vier Limousinen rauschten dann heran. Alles Wagen der Luxusklasse. Mercedes oder BMW.

Kein Toyota oder Honda und schon gar kein koreanischer Wagen. Die KILLER ANGELS mochten keine Asiaten, das war allgemein bekannt. Daher verabscheuten sie auch entsprechende Autofabrikate. Für die Besitzer war das natürlich nur ein Vorteil, denn natürlich waren all diese Fahrzeuge nie käuflich erworben worden.

Wenn sie einen schönen Schlitten brauchten, dann fuhr einer von ihnen einfach Midtown Manhattan oder in den Financial District und holte sich einen.

Kostenfreie Lieferung für Selbstabholer, so pflegten sie das zynisch zu nennen.

Pat begann zu schwitzen.

Die Tatsache, dass die Gang mit einer ganzen Armee angerückt war, konnte nichts Gutes bedeuten. Eine Augenblick lang kam ihm der Gedanke, dass es vielleicht doch besser gewesen wäre, die Gegend zu verlassen, als diese Gestalten im schwarzen Lederdress hier auftauchten.

Die Motorradfahrer bezogen Stellung.

Sie zogen ihre Waffen.

Automatik-Pistolen, Uzi-Maschinengewehre und vor allem Pump Guns, die sie Patrouillen der City Police abgenommen hatten. Es war ein buntes Gemisch. Eine furchteinflößende Truppe, die bestens ausgerüstet zu sein schien.

Einige nahmen ihre Helme ab.

Und jetzt konnte man sehen, wie jung sie waren. Das Durchschnittsalter konnte kaum über zwanzig liegen. Nur die Anführer, die waren deutlich älter. Vielleicht bis dreißig Jahre alt. Die Türen der Limousinen gingen auf. Überall gingen Bewaffnete in Stellung.

"Wir haben keine Chance", meinte Pat Borinsky. "Wir können nicht einmal flüchten..."

"Ich frage mich, wer die schickt", knurrte Cyrus.

"Kann uns egal sein. Wir können es so oder so nicht mit ihnen aufnehmen."

"Ich werde ein paar Leute zusammentrommeln", meinte Cyrus.

Der Angstschweiß stand ihm bereits auf der Stirn. Seine Augen glänzten.

Er griff zum Telefon. Dann knallte er den Hörer wieder auf die Gabel.

"Tot", sagte er tonlos.

Im nächsten Augenblick brach das Inferno los.

Aus Dutzenden von Waffen wurde unaufhörlich gefeuert.

Scheiben gingen zu Bruch. Pat warf sich in Deckung. Cyrus machte einen Satz zum Fenster hin. Er wollte zurückschießen, aber mehr als eine ungezielte Bleiladung konnte er nicht loswerden. Dann musste er schleunigst den Kopf einziehen.

Schritte waren zu hören.

Von allen Seiten kamen Sie.

Etwas flog durch die Scheibe.

Eine Handgranate.

Es war das Letzte, was Pat sah. Dann gab es eine gewaltige Detonation. Pat wurde völlig zerrissen. Selbst Spezialisten würden später Schwierigkeiten haben, ihn noch zu identifizieren.

Cyrus hechtete sich kurz bevor die Granate explodierte seitwärts. Er krümmte sich zusammen, während der ohrenbetäubende Lärm der Explosion den Raum erfüllte. Im nächsten Moment spürte er einen höllischen Schmerz im Rücken.

Irgendein Splitter musste ihn dort erwischt haben. Der Schmerz breitete sich über seinen ganzen Körper aus. Seine Hände hielten noch immer die Pump Gun umklammert. In seinem Mund schmeckte er Blut. Er versuchte, sich auf dem Boden herumzudrehen. Es tat höllisch weh.

Ein röchelnder Laut entrang sich seinen Lippen.

Er hörte ein Krachen, so als wenn Holz barst.

Jemand brach die Haustür auf.

Dann Schritte auf dem Flur.

Cyrus Borinsky blickte auf und sah über sich eine schlanke, hochaufragende und in schwarzes Leder gekleidete Gestalt.

Das Gesicht war blass, die Augen dunkelbraun. Das Kinn sprang etwas hervor. Ein zynisches Lächeln spielte um die dünnen Lippen. In der Rechten hielt er eine Automatik.

Dieser Mann war etwa dreißig. Er wurde flankiert von zwei jüngeren Männern, von denen einer mit einem Sturmgewehr und der andere mit einer Automatik bewaffnet war.

Cyrus erkannte den blassgesichtigen Mann mit den dunklen Haaren, der auf ihn in diesem Moment wie eine Verkörperung des Todes selbst wirkte.

Einmal war er ihm kurz begegnet.

Das war Killer-Joe.

Unter diesem Namen war er in der Bronx bekannt. Wie er wirklich hieß, wusste niemand hier. Er war skrupellos und eiskalt. Und seine jugendlichen Anhänger blickten ehrfurchtsvoll zu ihm auf. Er war ihr Vorbild. Und eines Tages würde vielleicht einer dieser jungen Kerle ihm hinterrücks eine Kugel in den Schädel jagen, um sich selbst an die Spitze zu setzen.

Aber soweit waren die noch nicht.

Killer-Joe beugte sich herab. Im Gegensatz zu seinen Leuten trug er keine Handschuhe. Die martialischen Symbole, die er sich auf die Handrücken hatte tätowieren lassen, waren deutlich zu sehen.

In seinen Augen blitzte es.

"Ihr hättet auf mich hören sollen, Borinsky!"

Cyrus Borinsky antwortete mit einem Röcheln.

Er wollte die Pump Gun hochreißen und eine volle Bleiladung in das zynische Gesicht dieses blassen Todesengels jagen.

Aber Hände und Arme gehorchten dem Crack-Dealer nicht mehr.

Ausgespielt, dachte er.

Aus und vorbei.

Joe lachte rau.

"Ich hoffe, dass möglichst viele Leute in der Gegend davon hören, auf welch erbärmliche Weise du verreckt bist, Borinsky! Und vielleicht werden sie dann endlich begreifen, wie es jedem ergeht, der nicht kapiert, wer hier in der Gegend mit Crack dealen darf und wer nicht! Vielleicht rettest du auf diese Weise noch ein paar Leben, Borinsky! Gefällt dir der Gedanke?"

Killer-Joe nahm seine Automatik und setzte sie an Cyrus Broninskys Schädel. Cyrus schloss die Augen.

Aber dann entschied Joe sich anders.

Er wandte sich an den links von ihm stehenden jungen Mann.

"Mach du das, Alberto!"

"Ich?"

"Hast du es mit den Ohren?"

"Aber..."

"Das am Lincoln-Tunnel war doch nur Spielerei! Jetzt kannst du zeigen, dass du einer von uns bist, Al! Na, los! Leg ihn um und sieh ihm dabei in die Augen..."

Alberto schluckte.

Killer-Joe trat zur Seite.

Alberto hob seine Automatik, zielte und drückte ab. Er verschoss beinahe die Hälfte des Magazininhalts.

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Es war früher Nachmittag, als Milo und ich auf dem Weg waren, um uns mit Paul Morales zu treffen. Morales war einer unserer Informanten. Er war einer der wenigen Geschäftsleute, die es in der South Bronx bis heute ausgehalten hatten. Er besaß einen Drugstore und einen Coffee Shop. Außerdem einen Zeitungskiosk. Jahrzehntelang hatte er Schutzgelder an die jeweils dominierende Gang gezahlt. Jetzt zahlte er immer noch, aber seit seine Frau bei einer Schießerei zwischen verfeindeten Jugendbanden durch einen Querschläger ums Leben gekommen war, war ihm alles egal.

Die Täter waren nie gefasst worden.

Und vermutlich würde man sie auch nie vor Gericht stellen.

Möglicherweise lebten sie sogar schon gar nicht mehr, sondern hatten bei irgendeiner bewaffneten Auseinandersetzung ihr Leben ausgehaucht, ohne je einen normalen Job gehabt zu haben.

Jedenfalls war Morales bereit, ein gewisses Risiko auf sich zu nehmen.

Denn wenn herauskam, dass er mit dem FBI kooperierte, dann war er ein toter Mann.

Das war so sicher, wie das Amen in der Kirche.

Unser Treffpunkt war ein Café in der Mott Street in Little Italy. Weit ab von der Bronx. Und ein Ort, an dem es extrem unwahrscheinlich war, ein Mitglied der KILLER ANGELS anzutreffen.

"Wenn Morales das Risiko aufnimmt, sich mit uns zu treffen, muss er etwas anzubieten haben", war Milo überzeugt.

Ich zuckte die Achseln.

"Es ist doch immer dasselbe. Die großen Tiere schirmen sich derart ab, dass man nur schwer an sie herankommt..."

"Wir kriegen sie, Jesse."

"Optimist."

Wir parkten den Wagen am Straßenrand. Die letzten Meter bis zu Antonio's Café, wo wir uns mit Morales verabredet hatten, gingen wir zu Fuß.

Es war ein kleiner, gemütlicher Laden. So, wie man sich Little Italy im Bilderbuch oder im Reiseführer vorstellte.

Wir gingen hinein.

Paul Morales saß zusammengekauert in einer Ecke und trank einen Espresso. Ein kleiner, schmächtiger Mittfünfziger mit braunen Hundeaugen und herabhängenden Wangen. Er war hager und seine faltige, aschgraue Haut ließ ihn älter erscheinen als er war.

"Mr. Morales?", sagte ich.

Morales blickte auf.

Wir zeigten ihm unsere Ausweise.

Er prüfte sie eingehend. Dann atmete er tief durch.

"Ich dachte Ihr Kollege Agent Kronburg würde..."

"Der ist zur Zeit auf einem Lehrgang", sagte ich. "Aber Sie können davon ausgehen, dass wir über alle Informationen verfügen, über die auch Agent Kronburg verfügt."

"Gut", sagte er etwas gedehnt. "Wenn Sie es sagen, Mr. Trevellian." Er beugte sich etwas vor. "Ich bin immer ganz gut informiert. Viele in unserer Gegend würden niemals mit der Polizei reden, weil sie viel zu viel Angst haben. Aber mit mir reden sie..."

Sein Tonfall bekam etwas Verschwörerisches.

"Was haben Sie anzubieten?", fragte ich.

"Ein Foto", raunte er leise.

"Zeigen Sie mal her!"

Er griff in die Innentasche seines kleinkarierten Jacketts und holte ein Polaroid-Foto heraus. Die Qualität war nicht besonders. Ein paar in schwarzes Leder gekleidete Männer waren darauf zu sehen. Im Hintergrund eine himmelblaue Corvette, die aussah, als wäre sie gerade einem Zuhälter aus Harlem gestohlen worden.

Das geschmackvoll auf der Kühlerhaube angebrachte Imitat eines Rinderhorns würde vermutlich als Trophäe an einer Harley enden.

Milo und ich sahen uns das Bild nacheinander an.

Die Brisanz, die darin offenbar lag, war auf Anhieb weder ihm noch mir richtig klar.

"Sehen Sie den Mann mit den dunklen Haaren? Sieht etwas älter aus als die anderen..."

"Ja", nickte ich.

"Das soll angeblich dieser mysteriöse Joe sein - der Anführer der KILLER ANGELS."

"Killer-Joe", entfuhr es Milo.

"Genau", bestätigte Morales.

Es kursierten einige Gerüchte, um wen es sich bei diesem Joe handelte. Aber Tatsache war, dass er sich bisher hervorragend abgeschirmt hatte. Es gab kein Foto von ihm, nur ein paar vage Beschreibungen, die außerdem noch widersprüchlich waren.

Ich blickte nochmal auf das Foto.

Die Qualität des Bildes war schlecht. Aber vielleicht konnten unsere Innendienstler etwas Vernünftiges daraus machen. Rastern, vergrößern, elektronisch bearbeiten. Und wenn man es dann mit den unzähligen Bildern unserer Datenbanken und Archive verglich, stieß man vielleicht auf einen Bekannten.

Wenn wir Glück hatten.

"Erinnert mich irgendwie an den jungen Alain Delon", murmelte ich nachdenklich. "Wer hat das Bild geschossen?"

"Keine Ahnung. Es wurde mir zugespielt von jemandem, der entsprechende Kontakte hat und bisher immer sehr vertrauenswürdig war."

"Und sonst?", hakte Milo nach. "Was wird so geredet?"

Morales zuckte die Achseln.

"Nicht viel. Alle sind sehr schweigsam und wenn Sie mich fragen, dann bedeute das nichts Gutes..."

"Scheint im Augenblick 'ne richtige Eintrittswelle bei den KILLER ANGELS zu geben", stellte ich fest. "Zumindest, wenn man nach der Zahl dieser sogenannten Mutproben geht."

Morales hielt mir seinen dürren Zeigefinger entgegen, als wäre es die Klinge eines Klappmessers.

"Mr. Trevellian, wenn Sie dort aufgewachsen wären und mitbekommen würden, dass Ihre Altersgenossen tolle Wagen fahren, coole Klamotten tragen und die Taschen voller Geld haben, ohne je dafür gearbeitet zu haben, dann würden Sie auch dazugehören wollen... Die bieten den Kids doch genau das, was sie wollen und was die meisten von ihnen vermutlich auf anderem Weg nie bekommen würden - ohne abgeschlossene Schulausbildung."

Ich erwiderte nichts.

Antonio, der Inhaber des Cafés trat heran. Morales' Blick flackerte nervös. Milo bestellte einen Kaffee, ich einen Espresso. Antonio musterte uns einen Augenblick lang, ehe er ging.

Als er weg war, beugte ich mich etwas vor.

"Wir glauben, dass die KILLER ANGELS von jemandem benutzt werden. Jemand, der im Hintergrund bleibt und die Fäden zieht."

"Das wäre schon möglich."

"Haben Sie irgendeine Ahnung, wer das sein könnte?"

"Sollte ich etwas erfahren, werde ich es Sie wissen lassen, Mr. Trevellian."

"Tun Sie das."

Er sah auf die Uhr.

Dann meinte er plötzlich: "Ich sitze schon viel zu lange hier herum. Ich nehme an, der Staat bezahlt meine Rechnung hier..."

Ich nickte. "Das geht in Ordnung."

Er erhob sich. Ich wechselte einen kurzen Blick mit ihm, ehe er nach seinem Mantel griff und mit einer zwischen den Lippen hindurchgepressten Verabschiedung den Raum verließ.

"Was hältst du von ihm?", erkundigte sich Milo. Antonio kam und servierte uns, was wir bestellt hatten.

Ich zuckte die Achseln.

"Ich weiß nicht..."

"Keine Ahnung, wieso, Jesse, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass er sich ziemlich wichtig zu machen versucht..."

Ich steckte wortlos das Polaroid in die Innentasche.

Mein Espresso war noch zu heiß, um ihn zu trinken. Da klingelte es in meiner Manteltasche. Mein Handy. Ich nahm den Apparat heraus, klappte ihn auf und hielt ihn ans Ohr.

Es war die Zentrale.

Es hatte eine regelrechte Hinrichtung in der Bronx gegeben.

Die KILLER ANGELS hatten kurzen Prozess mit zwei Crack-Dealern gemacht, die offenbar nicht nach ihrer Pfeife hatten tanzen wollen.

Es konnte nicht schaden, dort vorbeizuschauen.

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Schwer zu sagen, wie die korrekte Adresse lautete, in der das Crack-Haus lag. Irgendein besonders schlauer Witzbold hatte vor kurzem sämtliche Straßenschilder in der Gegend abmontiert und in anderer Reihenfolge wieder angebracht. Lustig war das für niemanden. Aber andererseits kannte man sich in dieser Gegend entweder aus, oder man machte einen weiten Bogen um die South Bronx.

Wir machten keinen Bogen.

Es war ein Tatort wie viele andere. Vielleicht war das Aufgebot an uniformierten Beamten etwas größer und ihre Bewaffnung etwas schwerer. Beamten mit kugelsicheren Westen bezogen Stellung und sicherten die Umgebung ab. Man konnte nie wissen.

Ein Lieutenant erläuterte uns den Stand der Ermittlungen.

Die Opfer hießen Pat und Cyrus Borinsky. Sie waren Crack-Dealer gewesen und hatten es offenbar abgelehnt nach der Pfeife der KILLER ANGELS zu pfeifen.

Jedenfalls sprach einiges dafür, dass sie hinter dieser Hinrichtung standen. Schließlich befanden wir uns hier mitten in ihrem Gebiet, wie sie es bezeichneten.

"Das ganze wird ausgehen wie das Hornberger Schießen", sagte der Lieutenant nicht ohne Ärger in der Stimme. "Meine Leute gehen gerade von Haus zu Haus und befragen Zeugen. Aber glauben Sie, von denen wird irgendeiner den Mund aufmachen?"

"Trotzdem müssen wir mit größter Sorgfalt vorgehen", meinte ich. "Selbst wenn es erst scheint, als würde nichts dabei herauskommen... Jede Kleinigkeit kann uns am Ende weiterbringen..."

Einige Trauben von Schaulustigen aus der Umgebung hielten sich in sicherem Abstand und beobachteten die Aktivitäten der Polizei.

Ein junger Mann fiel mir auf.

Er hatte dunkles Haar und einen Oberlippenbart. Im rechten Ohr hing ein Ring, der in der kalte Wintersonne blitzte.

Sein Gesicht wirkte nachdenklich.

Er starrte wie gebannt auf die beiden Metallsärge, mit denen die Leichen weggeschafft wurden.

"Heh, was ist los, Jesse?", hörte ich Milos Stimme.

Ich antwortete nicht.

Im selben Moment drehte der junge Mann sich ruckartig um und lief davon. Er setzte zu einem Spurt an, ehe er nach ein paar Dutzend Metern anhielt. Er atmete tief durch und wischte sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht.

Ich fragte mich, was mit dem Jungen los war.

Was hatte der Anblick der Metallsärge in ihm ausgelöst?

Ich hörte auf meinen Instinkt und folgte dem Mann.

"Wo willst du hin, Jesse?"

"Einen Moment."

Ich hätte es nicht erklären können. Nicht einmal Milo.

Den jungen Mann hatte ich bald eingeholt. Ich fühlte die Blicke der Schaulustigen auf mir. Misstrauische Blicke.

Der junge Mann stand in Gedanken versunken da. Eine tiefe Furche hatte sich mitten auf seiner Stirn gebildet. Dann drehte er mit einer ruckartigen Bewegung den Kopf in meine Richtung.

Wir wechselten einen Blick.

Ich sah den Gedanken an Flucht deutlich in seinen Augen.

"Was wollen Sie?", fragte er.

Ich holte meinen Ausweis und betete meinen Spruch herunter.

"Agent Trevellian, FBI!"

Ein Muskel zuckte unruhig in seinem Gesicht.

Er hielt mir die ausgestreckten Hände hin. "Ich weiß, ich habe das Recht zu schweigen..."

"Hören Sie auf mit dem Quatsch", erwiderte ich.

Er verzog das Gesicht.

"Habt ihr Cops etwa euren Spruch geändert? Komisch - die, mit denen ich zuletzt zu tun hatte, waren wohl noch nicht auf dem neuesten Stand..."

"Ich habe nur ein paar Fragen", sagte ich.

Er grinste.

"Ah, jetzt kommt ihr auf die schleimige Tour und tut so, als wärt ihr Sozialarbeiter! Und dabei habt ihr die Handschellen schon griffbereit am Gürtel hängen..."

"Du glaubst wohl, dass du dich auskennst", erwiderte ich.

"Natürlich!"

Milo war mir indessen gefolgt.

Er stand neben mir.

Dem jungen Mann mit dem Ohrring schien das nicht zu behagen. Das unruhige Flackern in seinen Augen gefiel mir nicht. Genauso wenig wie die Tatsache, dass beinahe die gesamte Muskulatur seines Körpers angespannt war.

"Wie heißt du?", fragte ich.

Er wirkte wie erstarrt.

Und dann machte er eine Dummheit.

Er griff plötzlich unter seine Lederjacke. Blitzartig riss er etwas heraus. Im gleichen Moment hatten Milo und ich unsere Pistolen gezogen.

Der junge Mann grinste.

Er hatte keine Waffe in der Hand, sondern einen Führerschein. Den warf zu uns herüber.

Ich hob ihn auf.

"Das war lebensgefährlich, was Sie da gemacht haben", stellte Milo fest.

"Ohne ein gewisses Risiko hat man nicht das Gefühl, dass man wirklich lebt", erwiderte der junge Mann. Ich sah in den Führerschein. Er hieß Alberto Marias. Es war eine Adresse in East Harlem angegeben, die vermutlich nicht mehr stimmte.

Marias öffnete die Lederjacke.

"Ich bin unbewaffnet", erklärte er.

"Warum machst du so etwas?", fragte ich.

"Ich wollte sehen, wie schnell du bist, G-man!"

"Red' nicht so einen Unfug!"

"Gefällt dir die Antwort nicht? Dann gib dir selber eine bessere!"

Ich machte einen Schritt auf ihn zu. Meine Pistole steckte ich wieder ins Gürtelholster zurück.

Ich gab ihm den Führerschein zurück.

"Zufrieden?", fragte er.

Ich ließ mich durch seinen aggressiven Tonfall nicht irritieren.

"Dort in dem Haus sind zwei Männer erschossen worden..."

"Na und?"

"Dafür, dass dich das gar nicht interessiert, stehst du schon eine ziemliche Weile hier herum. Hast du die Opfer gekannt?"

"Ich kenne viele Leute."

"Auch Patrick und Cyrus Borinsky?"

Er zuckte die Achseln. Er wich meinem Blick aus. Sein abweisender Unterton wurde schwächer. Etwas gedämpfter sagte er dann: "Das waren Crack Dealer. Sieht so aus, als hätte jemand euch Cops die Arbeit abgenommen..."

"So sieht das keiner von uns."

"Ach, nein?", brauste er auf.

"Jedenfalls keiner, der seinen Job ernstnimmt - und das sind die allermeisten."

"Du musst es ja wissen!"

"Hast du eine Ahnung, wer die auf dem Gewissen hat?"

Er sah mich an. Und dabei schwieg er einen ziemlich langen Moment lang. Er atmete tief durch. Sein Gesicht bekam einen düsteren Ausdruck.

"Liegt irgend etwas gegen mich vor?", fragte er dann.

"Nicht, dass ich wüsste."

"Bin ich verhaftet?"

"Nein."

"Dann gehe ich jetzt." Er grinste. "Adios, G-man!"

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"Was wolltest du eigentlich von ihm?", fragte Milo mich einen Augenblick später, nachdem der junge Mann mit schnellen Schritten die Straße entlanglief.

Ich zuckte die Achseln.

"Keine Ahnung. Ich hatte das Gefühl, dass er vielleicht etwas weiß."

"Die wissen hier alle was, Jesse! Das Problem ist, dass dir keiner was sagt. Und schon gar nicht, wenn die ganze Nachbarschaft zuschaut."

Ich schaute ihn an.

"Wo du Recht hast, hast du Recht", murmelte ich.

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Der Porsche hielt vor dem fünfstöckigen Brownstone-Haus, einer Mietskaserne, die noch aus dem letzten Jahrhundert stammte. Die Adresse lag in East Harlem, wie man das Manhattan nördlich der 96. Straße nannte. Es hieß allerdings bei seinen Bewohnern eher El Barrio - das Viertel. Anderthalb Millionen Puertoricaner lebten hier, während es auf der Insel selbst gerade mal dreieinhalb Millionen waren. El Barrio war Latino-Land, unterbrochen nur von einer anglo-weißen Insel, der Columbia-University. Neben den Puertoricanern hatten sich hier auch andere Einwanderergruppen aus der Karibik und Mittelamerika angesiedelt.

Und Alberto Marias kam ursprünglich auch hier her.

Obwohl er es immer als einen Makel empfunden hatte. Eine Zeitlang hatte er sich daher auch stets als Al Marias vorgestellt.

Aber seine Herkunft war nicht zu verschleiern. Sie klebte an ihm wie ein Kaugummi unter der Schuhsohle. So sehr man sich auch Mühe gab, ihn loszuwerden - ein bisschen blieb immer zurück.

Jetzt lebte Alberto weiter nördlich, in der Bronx. Und er hatte das Gefühl, es endlich geschafft zu haben.

Jedenfalls sagte er sich das. Jemand, der mitten an einem Werktag nur so zum Spaß mit einem Porsche durch die Gegend fuhr, der musste es geschafft haben.

Alberto hupte. Zweimal kurz hintereinander.

Er blickte auf die Uhr.

Eigentlich war er ein bisschen spät dran.

Aber Teresa würde schon auf ihn warten.

Es dauerte nicht lange, bis sich der Eingang des Brownstone-Gebäudes öffnete. Teresa war bildhübsch, hatte langes, leichtgelocktes Haar, das ihr lang über die Schulter fiel. Den Mantel trug sie offen. Das knappe, fast hautenge rote Kleid, das ihre kurvenreiche Figur gut zur Geltung brachte, saß ihr wie angegossen. Alberto hatte es ihr gekauft. Sie stand eigentlich nicht darauf, so aufgedonnert herumzulaufen. Aber Alberto mochte es. Und darum trug sie es.

Alberto stieg aus und machte ihr die Beifahrertür des Porsche auf.

Sie konnte gar nicht den Blick von dem edlen Fahrzeug abwenden.

Alberto grinste.

"Da staunst du, was?"

"Woher hast du denn?"

"Spielt das eine Rolle?"

"Für mich schon."

"Quatsch nicht und setz dich rein." Er zwinkerte ihr zu, "Du musst nicht alles wissen, okay?"

Sie sah ihn nachdenklich an.

Wenig später saßen sie gemeinsam im Wagen. Die Wagenheizung sorgte für angenehme Wärme.

"Ich weiß nicht", murmelte sie.

"Was weißt du nicht? Komm, nimm erstmal eine Prise Schnee, dann wirst du etwas lockerer."

"Nein!" Ihr Tonfall hatte jetzt einen sehr bestimmten Unterton.

Alberto war überrascht.

Und etwas ärgerlich.

"Was ist plötzlich los mit dir?", knurrte er. Er griff über ihre Beine, tätschelte sie kurz und öffnete das Handschuhfach. Er fingerte ein kleines Briefchen mit weißem Pulver heraus. Etwas davon rieselte auf ihre Knie. Alberto machte sich eine Prise des Kokains auf den Handrücken und schnupfte sie dann. Er schloss die Augen anschließend für ein paar Augenblicke.

Dann sah er sie an.

"Jetzt du!"

"Nein!"

"Zier dich nicht so! Du fühlst dich easy hinterher!"

"Nein!"

Er wollte ihr das offene Plastikbriefchen an die Nase halten. Sie wandte den Kopf. "Lass das, verdammt noch mal!"

Sie hob abwehrend die Hand und etwas von dem kostbaren weißen Pulver rieselte in der Gegend herum.

"Verflucht!", schimpfte er. "Meinst du, das Zeug gibt es umsonst!"

"Mein Gott, was bist du mies drauf heute, Al!", stellte Teresa fest. Sie atmete tief durch und zog sich dabei den Mantel vorne zu. Alberto wusste, was das bedeutete. Wenn sie ihm diesen Blick verwehrte, hieß das, dass sie wirklich sauer auf ihn war.

Er zuckte die Schultern.

Dann ließ er den Motor an und fuhr los. "Ich weiß auch nicht", sagte er.

"Ist irgend etwas passiert?"

"Was soll passiert sein?"

Natürlich war etwas passiert. Alberto hatte ständig das Bild des Crack Dealers vor Augen, den er erschossen hatte.

Mit dem Schnee in der Nase ließ sich das etwas besser ertragen, so hatte er gedacht. Es war nicht besser geworden.

"Vielleicht setzt du mich besser gleich wieder ab", sagte sie.

"Wieso das?"

"Mir scheint, du bist heute nicht in der richtigen Stimmung..."

"Ich dachte, wir fahren nach Midtown. Ein paar Klamotten für dich kaufen..."

"Ich habe genug Klamotten."

"Ich hätte nie gedacht, dass 'ne Braut das mal zu mir sagen würde!"

"Und ich hätte nie gedacht, mal in einem gestohlenen Porsche nach Midtown Manhattan zu fahren."

Alberto lachte heiser.

"Cool, was?"

"Dreist, würde ich sagen. Und risikoreich."

"Was wäre das Leben schon ohne Risiko, Teresa?"

Alberto jagte mit dem Porsche in halsbrecherischer Manier die Straße entlang. Ein Ford musste im letzten Moment ausweichen. Alberto grinste auf eine Weise, die Teresa nicht gefiel. Seine Pupillen wurden groß.

"Lass mich raus", sagte sie unmissverständlich.

"Red' keinen Quatsch, Baby!"

"Al!"

An der nächsten Ecke riss Alberto das Lenkrad herum. Die Reifen quietschten. Das Hinterteil des Porsche schleuderte herum. Und dann trat Alberto das Gas wieder voll durch.

"Das war eine Einbahnstraße, Al!"

"Eine Abkürzung, Teresa!"

Sie verwünschte sich dafür, je in diesen Wagen gestiegen zu sein. Gleich bei der nächsten Ecke, nur ein paar hundert Meter weiter, bog Alberto erneut ein. Immerhin stimmte die Fahrtrichtung jetzt mit dem überein, was die Verkehrsplaner von New York City sich für dieses Stück Asphalt überlegt hatten.

Teresa atmete tief durch.

Das schlimmste war überstanden, dachte sie.

"Du bist unmöglich", sagte sie und wischte sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht.

"Vielleicht", sagte er. Er hatte das Gefühl, dass ihm der Adrenalinstoß gutgetan hatte, den ihm die Höllenfahrt bereitet hatte. Er hatte das vergessen können, was geschehen war. Wenigstens für ein paar Augenblicke. Und jetzt...

Jetzt war er wieder vor seinem inneren Auge.

Der zuckende Leichnam.

Alles rot...

Er schloss die Augen viel länger, als man das im Straßenverkehr tun sollte. Er kniff sie förmlich zusammen und schüttelte dann den Kopf.

Du sitzt ganz schön in der Scheiße, sagte eine Stimme in seinem Kopf. Und er ahnte, dass das voll und ganz der Wahrheit entsprach. Daran konnte man selbst mit reinstem Kokain nichts schön schnupfen.

"Wir machen uns jetzt einen tollen Nachmittag", sagte er.

"Al..."

"Heute Abend kann ich nämlich leider nicht."

"Warum nicht?"

Er schwieg.

Sie wusste, worum es ging. Immer, wenn er auf diese Weise schwieg, ging es darum.

"Du triffst dich mit ihnen - nicht wahr?"

"Na, und? Allein bist du nichts, Teresa. Ein Stück Dreck, ein Fußabtreter... Aber wenn du zu ihnen gehörst, dann..."

Er sprach nicht weiter.

In Gedanken vollendete er seinen Satz. Dann musst du bereit dazu sein, ein Killer zu werden...

Er schluckte.

"Hat es was mit der Sache von heute Morgen zu tun? Am Lincoln Tunnel? Vielleicht sind euch die Cops auf den Fersen und nun wird euer allgewaltiger Joe nervös..."

Er sah sie an, bis er die Ampel erreichte. Dann stoppte er den Porsche ziemlich abrupt.

"Wovon redest du?"

"Hörst du denn nie Nachrichten oder siehst Lokalfernsehen?"

"Sehe ich so aus, als hätte ich für sowas Zeit?"

"Vielleicht solltest du das mal! Außerdem glaube ich nicht, dass du nichts von dieser verdammten Mutprobe wusstest, die ihr da veranstaltet habt..."

Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen an.

"Warst du der Kerl, der auf den BMW geschossen hat? Al, es hat fünf Tote gegeben!"

Alberto kniff die Lippen zusammen. Sie bildeten jetzt einen dünnen Strich.

"Hör zu, ich will von dem Mist nichts mehr hören! Nimm Schnee, wenn du die Klappe nicht einfach so halten kannst und sei glücklich! Wir haben einen tollen Wagen und viel Geld! Also freu dich, verdammt nochmal und frag mir keine Löcher in den Bauch. Sonst hat es dich auch nur am Rande interessiert, woher das Geld kam, mit dem deine Klamotten gekauft wurden."

Sie öffnete die Tür.

"Du kannst dir diesen Fummel sonstwohin stecken!", fauchte sie und stieg aus.

"Teresa!", rief er ihr etwas verwirrt hinterher.

Sie sah ihm in die Augen. Die großen Pupillen sprachen für sich. Die Ampel sprang auf grün. Und irgendwo hinter ihnen hupte ein ungeduldiger Fahrer.

"Hasta la vista, Al!", sagte sie und schlug die Tür zu. Sie tänzelte zwischen den Autos hindurch bis zum Bürgersteig.

Alberto war so perplex, dass er vergaß, seinen Mund zu schließen.

Dies ist nicht mein Tag, ging es ihm durch den Kopf.

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Mit Hilfe unserer Innendienstspezialisten und einiger Computerabfragen hatten wir bis zum Abend herausgefunden, wer der Mann auf dem Foto war, das Paul Morales uns gegeben hatte.

Es handelte sich um Jose Donato, der sich selber Joe Donato nannte. Er hatte ein Dutzend kleinerer Vorstrafen, war in East Harlem großgeworden, hatte sich angeblich als Söldner bei der Contra-Guerilla in Nicaragua verdingt, ehe sich seine Spur im Nichts verlor.

Und jetzt war er offenbar back in town - vorausgesetzt, das Foto war nicht schon uralt.

Im Moment lag nichts gegen ihn vor.

Neben dem amerikanischen Pass besaß er auch einen Kolumbianischen.

"Fragt sich nur, ob dieser Kerl identisch ist mit dem Mann, der in der South Bronx Killer-Joe genannt wird", meinte Milo skeptisch. "Sichergehen können wir da nämlich keineswegs..."

"Das wird sich herausfinden lassen", meinte ich.

Es waren eine Menge Gerüchte dort im Umlauf. Und es war gut möglich, dass jemand dieses Foto über Morales lanciert hatte, um mit Joe Donato eine ganz andere Rechnung zu begleichen, die mit unserem Fall nicht das Geringste zu tun hatte.

Von unserem Kollegen Max Carter von der Fahndungsabteilung bekamen wir dann einen wertvollen Hinweis.

In der 150. Straße wohnte ein gewisser Greg Rooney, mit dem zusammen Joe Donato eine Zelle geteilt hatte, als man ihn wegen Drogenvergehens und Verstoßes gegen das Meldegesetz für Waffen eine Weile aus dem Verkehr gezogen hatte. Rooney und Donato waren unzertrennlich gewesen, wie ein Anruf beim Direktor der Strafvollzugsanstalt ergab.

"Wenn Donato in der Bronx ist, hat er sich garantiert bei Rooney gemeldet", war der Direktor überzeugt. "Rooney war eine Art Vaterfigur für Donato. All die Gemeinheiten, die Donato bis dahin noch nicht drauf hatte - und das kann nicht viel gewesen sein! - hat Rooney ihm beigebracht."

Milo und ich ließen uns von der Fahrbereitschaft einen möglichst unauffälligen Wagen geben. Ein Chevy, der sogar ein paar Roststellen besaß. Wie ein richtiger Gebrauchtwagen.

"Stell dir mal vor, du würdest mit deinem Sportwagen dort oben in der South Bronx parken", meinte Milo, während wir uns auf dem Weg zur 150. Straße befanden.

Ich grinste.

"Das gäbe einen mittleren Menschenauflauf!"

"Und vermutlich wäre er auch dann weg, wenn wir ihn mit einer langen Kette am nächsten Laternenpfahl anschließen würden!"

Ich fuhr ziemlich schnell. Gerade noch an der oberen Grenze des Erlaubten.

Rooneys Adresse war nicht mehr aktuell. Wir verbrachten einige Zeit damit, uns in der Gegend nach ihm zu erkundigen und zeigten dabei auch Donatos Bild herum. Keinen von beiden wollte irgend jemand kennen.

Rooney fanden wir schließlich doch.

Ein ehemaliger Hausmeister verriet uns, dass er ein paar Blocks weitergezogen war. Vor einem halben Jahr.

Rooneys neue Wohnung lag in einem heruntergekommenen Block, der bestimmt schon einmal bessere Zeiten gesehen hatte. Die Fassade blätterte von den Wänden.

In der unteren Etage waren früher einmal Geschäftsräume gewesen. Das war deutlich zu sehen.

Jetzt war das Erdgeschoss mit Brettern vernagelt.

Die kleinen Geschäftsleute waren aus der Gegend geflohen.

Sie hatten einfach die Nase voll davon, dauernd überfallen zu werden oder das Fell von Schutzgelderpressern über die Ohren gezogen zu bekommen, die dafür oft noch nicht einmal den versprochenen Schutz gewährleisten konnten.

Für viele war das einfach auch finanziell nicht durchzuhalten gewesen. Wenn sich die Schadensfälle häuften, kündigten die Diebstahlversicherungen ihre Verträge. Und dann wurde es eng. Jeder weitere Vorfall konnte dann den Ruin bedeuten.

"Trostlos, zu sehen, wie so ein Straßenzug vor sich hinstirbt", meinte Milo.

Es war wirklich deprimierend.

Wir stiegen aus.

Ich blickte mich um. An der nächsten Ecke lungerten ein paar Kids herum und beobachteten uns mit Gesichtern, die voller Misstrauen waren.

Ein paar hundert Meter weiter befand sich ein Grundstück, das von einem großen Trümmerhaufen gekennzeichnet wurde.

Große Betonbrocken lagen auf einem riesigen Haufen, der wie eine bizarre Skulptur der Zerstörung wirkte. Offenbar war hier einer der Blocks vor kurzem abgerissen worden. Mit welchem Hintergedanken auch immer.

Jetzt brannte dort ein Feuer.

Ein paar Obdachlose saßen auf rostigen Fässern um das Feuer herum und wärmten sich die Finger.

Auch ihre Blicke waren auf uns gerichtet.

Wir gehörten nicht hier her und darüber konnten auch noch so viele Rostbeulen in unserem Dienstwagen nicht hinwegtäuschen.

Hier waren wir Outsider, denen man mit einer Mauer des Schweigens begegnete. Für gewöhnlich jedenfalls.

Der Eingang war offen. Das Türschloss herausgebrochen. Milo und ich betraten das Treppenhaus. Der Aufzug war defekt. Auf dem dritten Absatz lag eine benutzte Spritze auf dem Boden.

Rooney wohnte im 5. Stock.

Jedenfalls war das die letzte Adresse, die wir von ihm hatten.

Ich klopfte an seiner Tür. Das Türschild war kaum zu lesen, die Klingel defekt.

"Mr. Rooney! Bitte machen Sie auf."

Es kam keine Antwort.

"Mr. Greg Rooney! Hier spricht der FBI! Machen Sie die Tür auf! Wir wollen Ihnen nur ein paar Fragen stellen..."

Jetzt waren Geräusche von der anderen Seite der Tür zu hören.

Das Schloss wurde geöffnet.

Dann rief einen Augenblick später eine brüchige, heisere Stimme: "Drücken Sie die Klinke herunter. Sie können hereinkommen..."

Ich öffnete die Tür.

Der Raum, den wir betraten, war mit ziemlich heruntergekommenem Mobiliar ausgestattet. Abgewetzte Polstermöbel, eine klobige Couch und Schränke aus Spanplatte.

Die Tapete hatte noch ein poppiges Blumenmuster, wie es vielleicht in den Siebzigern populär gewesen war.

Schimmelpilz fraß sich an einigen Stellen die Wände empor.

Und es war lausig kalt.

In der Tür zum Nebenraum stand ein Mann in den Sechzigern mit einer abgesägten Schrotflinte in der Hand.

Aus den Augenwinkeln heraus hatte ich ihn hervorspringen sehen und eine Sekunde zu langsam reagiert. Meine Hand war zur Hüfte gegangen, um die Pistole vom Typ Sig Sauer P226 aus dem Gürtelholster herauszureißen.

Milo war schneller gewesen.

Er hatte seine Waffe in Anschlag gebracht und auf den Kerl in der Tür gerichtet.

Es war Greg Rooney.

Ich erkannte ihn sofort von den Fotos wieder, die ich auf dem Computerbildschirm von ihm gesehen hatte. Allerdings musste man schon genau hinsehen. In der letzten Zeit hatte er sich nicht gerade zum Positiven verändert. Er wirkte ungepflegt und ziemlich vernachlässigt. Graue Bartstoppel standen ihm im Gesicht. In der ganzen Wohnung hing ein penetranter Geruch nach Bier und Erbrochenem.

Rooney zitterte.

"Die Waffe weg", sagte Milo. "Es liegt nichts gegen Sie vor. Außer ein paar Fragen, wollen wir nichts von Ihnen!"

"FBI?" Er lachte heiser. In seinen Augen flackerte es unruhig. Er machte einen nervösen Eindruck. Und angesichts der Tatsache, dass er mit seiner abgesägten Schrotflinte vermutlich alle, die sich im Raum befanden einschließlich seiner eigenen Person schwer verletzten konnte, sobald er den Abzug betätigte, war es das beste, ihn nicht unnötig zu reizen.

Milos Waffe und die Schrotflinte.

Das war eine Pattsituation.

Keiner der Läufe senkte sich.

"Na, los!", schrie Rooney. "Runter damit!"

"Haben Sie nicht verstanden?", erwiderte ich. "Wir sind..."

Er lachte heiser. "Was glauben Sie, mit welchen Tricks schon versucht wurde, hier einzubrechen. Ist aber keinem gut bekommen."

"Ich hole meinen Ausweis, Mr. Rooney..."

"Glauben Sie, dass Sie mich damit beeindrucken können?"

Ich griff in die Tasche. Vorsichtig und langsam genug, dass er alles mitverfolgen konnte.

Und dann hielt ich ihm das Ding so hin, dass er es deutlich sehen konnte.

"Bis jetzt ist nichts passiert", gab ich zu bedenken. "Aber falls sie hier Theater machen, könnte man das als Angriff auf zwei Bundesbeamten werten. Und das würde bedeuten, dass Sie den Rest Ihrer Tage hinter Gittern verbringen würden."

Er zögerte noch.

Nervös blickte er von einem zum anderen. Er schien es nicht so recht glauben zu können. Dann ließ er schließlich die Schrotflinte sinken.

Aber er behielt sie in der Hand, bereit sie jederzeit wieder hochzureißen.

Milo senkte die P 226 etwas.

Aber auch er blieb auf der Hut.

"Was wollen Sie?", fragte er.

Ich steckte den Ausweis wieder weg.

Stattdessen holte ich einen Computerausdruck heraus. In kalendergroßem Format war darauf das Gesicht von Joe Donato zu sehen.

"Kennen Sie den Mann?"

"Nie gesehen!"

Ich sandte ihm einen eisigen Blick zu. "Wenn Sie glauben, Sie können uns nach Lust und Laune belügen, Mr. Rooney, dann sind Sie schief gewickelt. Wir können die Sache auf mehrerlei Weise regeln. Eine Möglichkeit wäre, Ihnen erstmal die Rechte vorzulesen und Sie mit in die Federal Plaza zu nehmen."

"Weswegen zum Beispiel?"

"Ich wette zum Beispiel, dass Ihr selbstgebastelter Schießprügel nicht registriert ist! Und wer weiß, ob Sie nicht mit den Leuten unter einer Decke stecken, die wir suchen."

Ich trat auf ihn zu.

Wegen der Flinte in seiner Hand war das immer noch ein gewisses Risiko.

Er stellte das Gewehr gegen den Türpfosten.

"Ist sowieso nicht geladen", meinte er. "Kein Geld für Munition. Die letzten Patronen habe ich verfeuert, um die Ratten zu verjagen..."

Ich hielt ihm das Bild noch einmal hin. Er nahm es mit zitternden Fingern.

Dann ging er in den Nebenraum. Es war die Küche. Auf der Anrichte stand eine halbvolle Flasche Whiskey. Er griff nach ihr, führte sie zum Mund und nahm einen Schluck.

"Sie haben einige Zeit im Gefängnis zusammen verbracht", erinnerte ich ihn. "Und sich gut verstanden."

"Und Freunde verrät man nicht, oder?"

"Es geht um Mord."

"Was Sie nicht sagen."

"Joe Donato ist wieder in der Gegend, nachdem er ein paar Jahre untergetaucht war. Das ist doch richtig, oder?"

"Was weiß ich, G-man."

"Er wurde in der Nähe fotografiert."

"Ach was! Und mir hat er immer erzählt, dass außer den Cops niemand ein Foto von ihm besäße..."

"Wo finden wir ihn?"

Er sah mich mit seinen wässrig blauen Augen an. "Ich habe keine Ahnung..."

Über einem der beiden Küchenstühle hing eine Strickjacke.

Nachdem ich noch einen Schritt nach vorn gemacht hatte, konnte ich auch sehen, was aus der Seitentasche der Jacke herausragte. Ein Bündel mit Hundertdollarnoten.

Ich zog es aus der Jackentasche heraus.

In Rooney Augen blitzte Panik.

"Donato war also hier", stellte ich fest. "Er hat seinen alten Freund nicht vergessen..."

"Wenn Sie mir was anhängen wollen..."

Ich schüttelte den Kopf.

"Kein Gedanke", versicherte ich. "Wir wollen nur wissen, wo wir Donato finden können..."

"Ich habe keine Ahnung... Und wenn ich es wüsste, würde ich Ihnen nichts sagen. Schon, um am Leben zu bleiben."

"Da lässt Donato dann keine Freundschaft gelten, was?"

"Würde ich an seiner Stelle auch nicht..."

Ich beugte mich zu ihm vor.

Unsere Blicke begegneten sich.

"Es hat keinen Sinn, Jesse", hörte ich Milo sagen. Ich wollte es mir im ersten Moment nicht eingestehen, aber es entsprach vermutlich der Wahrheit. Dieser Man hatte einfach zu große Angst. Ich legte das Geld auf die Anrichte.

"Wissen Sie zufällig, ob Donato sich in letzter Zeit einen Namen zugelegt hat?"

"Hören Sie..."

"Ist er - Killer-Joe?"

"Das weiß niemand", sagte er. Ich glaubte ihm nicht.

Aber ich spürte die Furcht im Klang seiner Stimme. Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Ein Lächeln, das beinahe schon triumphierend wirkte.

"Deswegen sind Sie also hier..." Er kicherte. "Ich mische mich in nichts mehr ein, G-man. In gar nichts. Weder auf die eine noch auf die andere Weise. Ich habe oft genug meine Knochen hingehalten. Jetzt muss Schluss sein..."

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Grau hatte sich die Dämmerung über die hässlichen Wohnblocks gelegt. Das Feuer auf dem Trümmergrundstück loderte hoch empor.

Auf der anderen Straßenseite befand sich ein fünfstöckiger Klotz, der aussah, als wäre er vom Stadium des Rohbaus übergangslos in jenes der Ruine übergegangen. Ein Bau ohne Fenster und Fassade. Die Betonelemente waren deutlich zu sehen, an einigen Stellen sogar die längst rostig gewordenen Stahlträger im Inneren. Wie die Gräten eines toten Fischs, um dessen Stücke sich längst die Katzen stritten.

Irgendein Spekulationsobjekt früherer Tage, dessen Erbauer vermutlich längst im Konkurs waren.

"Der schweigt eisern", sagte Milo von der Seite her und bezog sich damit auf das Gespräch mit Rooney.

"Der Kerl hat Angst", gab ich zu bedenken. "Und er bekommt Geld..."

"Wird wohl nicht so einfach sein, diesen Donato aufzutreiben. Ganz gleich, ob er nun mit diesem Killer-Joe identisch ist, oder nicht."

"Leider wahr."

"Glaubst du, es bringt was, diesen Rooney zu beschatten, Jesse?"

"Versuchen kann man's ja. Fragt sich allerdings, ob das Risiko für unseren Agenten noch im Verhältnis zu den Erfolgsaussichten steht..."

Natürlich stand fest, dass weder Milo noch ich uns hier auf die Lauer legen konnten. Denn es war ziemlich sicher, dass wir von unseren Gegnern beobachtet worden waren.

Wenn die KILLER ANGELS ihr Viertel wirklich so im Griff hatten, wie man sagte, dann konnte es gar nicht anders sein.

Die ANGELS mussten um ihr Überleben willen auf der Hut sein. Denn ihre Konkurrenz würde es sich nicht ewig gefallen lassen, dass die ANGELS sie wie aufgeschreckte Hühner vor sich hertrieb und Straßenzug für Straßenzug zurückdrängte.

Die Gegenreaktion würde kommen.

Früher oder später.

Und dann war hier Krieg.

Wir gingen in Richtung unseres Wagens. Irgend so ein Eckensteher mit einer viel zu großen Wollmütze verschwand in einer Türnische, als er uns sah.

"Heh, da ist einer an unserem Wagen!", hörte ich Milo neben mir.

Jetzt sah ich es auch.

Hinter dem vorderen rechten Kotflügel tauchte ein schwarzer Lockenschopf kurz auf, dann duckte der Kerl sich wieder.

Er hatte begriffen, dass wir ihn gesehen hatten.

Milo hatte die P 226 schon aus dem Holster gezogen.

Ich schlug ebenfalls Mantel und Jacke zur Seite, um zur Waffe zu greifen.

Wir schwärmten auseinander.

Milo lief in geduckter Haltung zur Straße und verschanzte sich hinter einem parkenden Buick, der mehr aus Rost als etwas anderem zu bestehen schien. Ich arbeitete mich derweil weiter den Bürgersteig entlang voran.

Der Lockenkopf tauchte wieder hervor, diesmal hinter der Motorhaube.

"Stehenbleiben! FBI!", rief ich.

Zwei dunkle Augen sahen mich an. Es war ein junges Gesicht.

Der Junge war höchstens sechszehn oder siebzehn. Ich sah die Unentschlossenheit in seinen Zügen. Er war wohl noch nicht ganz so abgekocht, wie seine älteren Komplizen, mit denen er vermutlich in diesen Straßen unterwegs war.

Einen Augenblick lang zögerte er, dann rannte er davon.

Er lief einfach drauflos, quer über die Straße.

Ich fluchte ärgerlich vor mich hin.

Ich hasste es, eine Waffe auf halbe Kinder richten zu müssen. Andererseits durfte man sich durch die Jugend nicht täuschen lassen. Die Zahl der Kollegen, die das mit dem Leben bezahlt hatten, wuchs stetig.

Hier gab es Killer, die nicht mal volljährig waren.

Und das Crack-Geld sorgte dafür, dass auch ein steter Nachschub an Waffen floss.

Ich setzte zu einem kleinen Spurt an.

Aber der Lockenkopf war schnell. Zu schnell.

Er hatte bereits die andere Straßenseite erreicht und strebte in geduckter Haltung auf die Bauruine zu. Ihn dort aufzutreiben war schier unmöglich. Jedenfalls, wenn man nur zu zweit war, wie Milo und ich. Ich atmete tief durch.

Vielleicht war es mein Instinkt, der mich die Waffe nicht zurück ins Gürtelholster stecken ließ.

Milo hatte den Wagen ebenfalls erreicht und musterte das gute Stück.

"Scheint nichts zu fehlen!", stellte er fest. "Vielleicht hatte wir Glück und es mit einem Anfänger in der Autoknackerbranche zu tun, Jesse!"

"In dem Alter?" Ich schüttelte den Kopf. "Die sind entweder perfekt oder schon so vollgedröhnt, dass sie ein Stück Draht schon gar nicht mit ruhiger Hand in ein Türschloss hineinbekommen würden..."

"Steigen wir ein", sagte Milo.

An einem der Fenster in der großen Bauruine sah ich eine Bewegung.

Mir fiel im gleichen Moment ein, dass ich den Lockenkopf vorne, im Bereich der Motorhaube gesehen hatte.

Er wollte unseren Wagen überhaupt nicht knacken, wurde es mir einen Sekundenbruchteil später siedendheiß klar.

Dann hörte ich das tickende Geräusch...

"Deckung! Milo!", rief ich und hechtete seitwärts.

Milo begriff sofort und sprang zur Seite.

Ich kam hart auf dem Boden auf und rollte herum. Im selben Augenblick gab es einen ohenbetäubenden Knall. Der Wagen flog in die Luft. Eine enorme Flamme schoss in die Luft. Die Hitzewelle war mörderisch.

Unser Wagen war nach wenigen Sekunden nichts weiter, als ein Haufen verkohltes Blech.

Ich drehte mich herum und versuchte mich wieder hochzurappeln. Ich sah zu Milo hinüber, der nicht ernsthaft verletzt zu sein schien.

Und dann sah ich den roten Punkt auf meiner Schulter.

Ein roter Lichtpunkt, der unruhig hin und her wanderte.

Ich wusste nur zu gut, worum es sich handelte.

Der Laser-Pointer eines hochmodernen Sturmgewehrs, mit dem sich punktgenau zielen ließ.

Der Schütze musste in irgend einem der Fensterlöcher auf der anderen Straßenseite lauern.

Ich warf mich blitzartig zur Seite. Der Schuss streifte meinen Mantel und zerfetzte das Schulterpolster. Ich verschanzte mich hinter zwei überquellenden Mülltonnen, aus denen ein bestialischer Gestank drang. Kurz hintereinander wurden weitere Schüsse auf Milo und mich abgefeuert. Und die Mülltonen waren kein wirklicher Schutz. Die Projektile gingen so glatt durch das Blech, dass man hinterher vielleicht den Eindruck haben konnte, als hätte die Tonne versehentlich unter einer Stanzmaschine gelegen.

Ich feuerte zurück.

16 Schuss konnte man mit der P 226, der offiziellen Dienstwaffe des FBI verschießen.

Mit dem Visier ließ sich sehr gut zielen.

In einem der Fensterlöcher sah ich Mündungsfeuer aufblitzen und schoss dorthin. Milo feuerte auch.

Ein Feuerstoß folgte.

Zwanzig Schüsse innerhalb von zwei Sekunden. Ich presste mich an den Boden, während die Kugeln über mir durch den Mülleimer hindurchfetzten. Der Deckel tanzte auf der Tonne und ging dann scheppernd zu Boden.

Milo befand sich in einer etwas besseren Lage.

Er hatte Deckung hinter einem der parkenden Wagen gefunden.

Und der fing jedenfalls den Großteil des Bleiregens ab.

Milo feuerte einen Schuss nach dem anderen.

Auf der anderen Seite verebbte der Geschosshagel.

Wahrscheinlich nur für kurze Zeit. Bis ein Magazin ausgewechselt war oder der Schütze sich in eine bessere Schussposition gebracht hatte.

Ich zögerte nicht lange.

Milo blickte zu mir hinüber.

"Los!", rief er.

Aber da war ich längst auf den Beinen. Ich hatte mich aufgerappelt und stürmte in geduckter Haltung los.

Die erste Etappe ging bis zur Nische einer Haustür, dann zielte ich kurz und feuerte dorthin, wo ich den Schützen zuletzt gesehen hatte. Die Antwort kam postwendend. Die Kugeln kratzten am Putz und ließen mehr als zwei Hände voll davon zu Boden rieseln.

Ich nutzte die Gelegenheit, mein Magazin nachzuladen.

Dann feuerte ich erneut.

Ein Schrei war aus dem Fensterloch heraus zu hören. Er war ziemlich laut und hallte in dem leeren Gebäude wider.

Es kam kein Schuss mehr.

Ich duckte mich und lief zu Milo.

"Da hat es jemanden erwischt", meinte er.

"Scheint, als würde irgend jemand unseren Besuch hier nicht besonders schätzen", erwiderte ich.

"Fragt sich nur, ob die Brüder uns mit ihrer Konkurrenz verwechselt haben, oder ganz gezielt uns vertreiben wollen."

"Das werden wir vielleicht nie erfahren..."

Milo griff zum Handy und rief die Zentrale an, deren Nummer er im Menue des Geräts einprogrammiert hatte. Er forderte Verstärkung an.

Dann klappte er das Gerät wieder zu.

"Unsere Leute sind unterwegs", erklärte er.

Ich sah ihn an.

"Gib mir Feuerschutz", verlangte ich.

"Was?"

"Ich will wissen, wer das war."

"Jesse, das ist Wahnsinn!"

"Komm schon! Wir stochern doch hier bislang nur im Nebel herum... Und wenn wir in dieser Sache nicht bald einen gewaltigen Fortschritt machen, dann eskaliert hier die Situation..."

Ich wartete Milos Antwort nicht ab.

Statt dessen erhob ich mich und spurtete los.

Ich rannte die Straße entlang. Durch die parkenden Wagen hatte ich zumindest etwas Deckung. Und Milo passte auf. Er beobachtete, ob sich auf der anderen Seite etwas tat und würde sofort feuern, wenn das der Fall war. Aber natürlich konnte man nicht alle Fenster der Ruine auf einmal im Auge behalten. Das war unmöglich.

Ein gewisses Risiko war also dabei.

Ich versuchte auf das rote Leuchten eines Laserpointers zu achten. Unser Gegner war verdammt gut ausgerüstet.

Ich rannte bis auf die Höhe eines Grundstücks, auf dem Feuer brannte.

Die Männer, die zuvor um das Feuer gestanden hatten, hatten sich verzogen. Aus sicherer Entfernung beobachteten sie jetzt vermutlich, was weiter vor sich ging. Ich überquerte die Straße. Einen weiten Bogen hatte ich um die Ruine geschlagen.

Das war meine einzige Chance.

Ich bog in eine schmalere Seitenstraße ein.

Und dann pirschte ich mich zu dem unverputzten Gemäuer hin, presste mich an die Wand und blickte mich um. Die P 226 hatte ich dabei stets schussbereit im Anschlag.

Wenige Augenblicke später stand ich an der Ecke und konnte die Rückfront der Ruine überblicken. Ein asphaltierter Platz befand sich dort.

Ein Motorengeräusch heulte auf.

Ich sah gerade noch, wie jemand in einen weißen Porsche stieg, dessen Fahrer das Gas voll durchzutreten schien.

Der Porsche raste los.

Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich das Gesicht des Fahrers.

Ein G-man muss ein Gedächtnis für Gesichter haben, sonst ist man in unserem Job aufgeschmissen. Alles kann einem der Computer nicht abnehmen.

Dieses Gesicht erkannte ich sofort wieder.

Es gehörte Alberto Marias, dem jungen Kerl, den ich in der Nähe des Hauses gesehen hatte, in dem die Borinsky-Brüder erschossen worden waren.

Unsere Blicke begegneten sich für einen winzigen Moment und ich wusste, dass auch er mich wiedererkannt hatte. Ich hob die P 226.

Alberto riss das Steuer des Porsche herum. Der Wagen drehte sich mit quietschenden Reifen und fuhr davon. Quer über einen schlecht gepflegten Grünstreifen, der inzwischen nur noch eine Mischung aus Unkraut-Ökotop und Abfallhaufen war.

Aus dem Fenster der Beifahrertür ragte ein Gewehrlauf. Im nächsten Moment wurde gefeuert. Ich ging in Deckung. Als der schlecht gezielte Feuerstoß verebbt war, tauchte ich wieder hinter der Ecke hervor und versuchte mein Glück.

Zwei gezielte Schüsse auf den rechten Hinterreifen.

Der Fahrer war ein Profi.

Er ließ den Porsche einen Haken schlagen. Die Schüsse kratzten am Asphalt und im nächsten Moment hatte der Sportwagen eine Lücke zwischen zwei Blocks durchfahren und eine Hecke niedergemäht. Dann war er auf der Hauptstraße.

Unerreichbar für mich. Der Porsche brauste davon.

Ich trat etwas vor und sah mich um. Es war niemand in der Umgebung zu sehen. Ich war mir nicht sicher, ob das wirklich ein beruhigendes Zeichen war. Mein Blick glitt hoch, die langen Reihen der Fensterlöcher entlang.

Ich fragte mich, ob der Junge mit den Locken hier noch irgendwo war. Im Porsche hätte er keinen Platz gehabt.

Der Junge hatte zweifellos die Bombe mit dem Zeitzünder an unserem Wagen befestigt.

Auf dem Boden sah ich dann wenig später etwas Dunkelrotes.

Blut.

Frisches Blut. Eine richtige Spur führte aus der Bauruine bis zu jener Stelle, an der ich einen Mann in den Porsche hatte einsteigen sehen über den Asphalt. Offenbar war der Schütze verletzt. Aus den Augenwinkel heraus nahm ich dann eine Bewegung war. Sie kam aus der Bauruine. In der Nähe einer Türöffnung war irgend etwas.

Jemand.

Ich wirbelte herum, riss die Pistole hoch.

In der nächsten Sekunde ließ ich sie wieder sinken. Milos Gestalt zeichnete sich im Halbdunkel ab, das im Inneren der Ruine herrschte.

"Alles in Ordnung, Jesse?"

Ich zuckte die Achseln.

"Wie man's nimmt!"

In der Ferne waren bereits die Sirenen der City Police-Einheiten zu hören, die man uns hier her geschickt hatte. Unsere eigenen Leute würden etwas länger brauchen, um uns zu erreichen. Aber immerhin brauchten wir nicht zu Fuß zur Federal Plaza zurücklaufen.

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"Er braucht einen Arzt!", stellte Alberto Marias fest, dessen Gesicht dunkelrot angelaufen war.

Es herrschte Halbdunkel im Raum. Die Vorhänge waren zugezogen. Durch die Tür drang Licht herein. Der Verletzte lag quer über ein Doppelbett. Sein Stöhnen hatte etwas nachgelassen, nachdem Killer-Joe ihm etwas Stoff verabreicht hatte. Die Wunde an der Schulter war notdürftig verbunden.

Viel Blut hatte seine Kleider rot getränkt. Aber Joe hatte gleich gesehen, dass es nicht ganz so schlimm war, wie es aussah.

Er drehte sich zu Alberto um.

"Wie stellst du dir das vor, Al?", sagte er leise. Seine Stimme hatten einen wispernden Ton. "Wir können nicht einfach in irgend ein Krankenhaus gehen und ihn behandeln lassen. Dann haben wir in zwanzig Minuten den FBI vor der Haustür stehen." Er bedachte Alberto mit einem kühlen Blick. "Zu dumm, dass ihr diese neugierigen G-men nicht erledigt habt..."

"Ich konnte nichts dafür", sagte Alberto. "Ich habe schließlich nur den Wagen gefahren..."

Joe nickte.

"Ich weiß", sagte er. Er klopfte Alberto auf die Schulter.

"Du hättest es besser gemacht, Al."

"Schon möglich", knirschte Alberto Marias zischen den Zähnen hindurch.

"Ich bin sicher!"

"Ach, was!"

"Du wirst Gelegenheit bekommen, es unter Beweis zu stellen. Es gibt eine Menge Arbeit..."

Alberto war mit den Gedanken nicht so ganz bei der Sache.

Bilder vermischten sich vor seinem inneren Auge. Er sah Teresas hübsches Gesicht mit der Zornesfalte mitten zwischen den Augen. Sie war wütend gewesen, als sie ihn an der Kreuzung verlassen hatte.

Es war nicht das erste Mal, dass sie so war. Und er war sich immer sicher gewesen, die Sache wieder hinzubiegen. Aber diesmal wusste er es nicht.

Das Bild von Teresas Gesicht vermischte sich mit dem des Crack Dealers, dem er eine Kugel in den Schädel gejagt hatte.

Er schloss die Augen.

"Alles in Ordnung?", fragte Joe.

Alberto nickte.

Joe sah ihn nachdenklich an. "Ich brauche jetzt Leute, auf die ich mich hundertprozentig verlassen kann. Verstehst du das?"

"Klar."

"Die Sache beim Lincoln- Tunnel hat große Wellen geschlagen... Wir haben ja schon darüber geredet. Ein paar wichtige Leute sind sehr nervös geworden - und die Cops wollen wir nicht vergessen. Wie man heute gesehen hat, gibt es die ja auch noch."

Alberto wusste nicht, worauf Killer-Joe hinauswollte.

Joe ging zum Nachttisch und machte eine Lampe an. Es wurde etwas heller.

Er sah auf den Verletzten, der in tiefer Bewusstlosigkeit dalag.

"Er würde uns in der jetzigen Situation nur Ärger machen", sagte er.

"Was soll das heißen?"

"Es gibt wichtigere Dinge, als den Einzelnen, Al. Hat dir das noch keiner gesagt?"

Alberto wollte etwas erwidern. Aber er konnte nicht. Er war unfähig auch nur einen Ton herauszubringen. Joe deutete mit dem Finger auf den Verletzten und sagte: "Er wird nicht wieder aufwachen, Al! Ich habe ihm genug Stoff gegeben, dass er friedlich ins Reich der ewigen Träume hinübergleitet... Aber für die anderen brauchen wir noch eine weitere Schusswunde. Sonst wird uns niemand glauben, dass diese FBI-Schweine ihn auf dem Gewissen haben." Joes Blick war stahlhart. "Siehst das auch so, Al?" Die Stimme des Anführers klirrte wie Eis.

Alberto Marias nickte.

"Geh zu den anderen und sag es ihnen. Du siehst heute so blass aus, dass ich die Sache lieber selbst erledige..."

"Okay", murmelte Alberto. Während er hinausging sah er noch, wie Joe eine Pistole zog und einen Schalldämpfer aufschraubte.

Alberto drehte sich nicht um, als er das Schussgeräusch hörte.

Es klang, als ob jemand kräftig in ein Kissen schlug.

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Wir saßen im Büro von Mr. Jonathan D. McKee, dem Chef des FBI-Districts New York im Rang eines Special Agent in Charge.

Seine Sekretärin Mandy hatte ihren berühmten Kaffee serviert, der weit über den 26. Stock des FBI-Gebäudes an der Federeal Plaza 26 bekannt war. Ein Kaffee, wie er so schnell kein zweites Mal gebraut wurde. Eigentlich war es eine Schande, eine solche Köstlichkeit aus Pappbechern genießen zu müssen.

Außer Milo Tucker und meiner Wenigkeit waren noch die Special Agents im Außendienst Clive Caravaggio, Orry Medina und Fred LaRocca anwesend.

Außerdem noch Max Carter, ein Innendienstler unserer Fahndungsabteilung, Dave Oaktree vom ballistischen Labor und Sam Folder vom Erkennungsdienst.

Es gab tatsächlich einiges an interessanten Neuigkeiten.

"Zunächsteinmal ist der Fahrer des BMW identifiziert, auf den am Ausgang des Lincoln Tunnels geschossen wurde", erklärte Mr. McKee sachlich. "Es handelt sich um Cal Frazer, früher beim Militärischen Abschirmdienst der Navy, jetzt privater Sicherheitsberater für große Firmen und Konzerne. Die Kollegen der City Police waren so freundlich, die Angehörigen zu verständigen. Allem Anschein nach ist Frazer nur zufälliges Opfer geworden. Quasi wahllos aus der Schlange der Autos herausgepickt. Es hätte jeden treffen können..."

"Wenn ich daran denke, dass ich kurz zuvor den Lincoln Tunnel wegen einer Dienstfahrt in die andere Richtung durchquert habe", meinte Fred LaRocca nachdenklich. "Bei dem Gedanken kann einem schon mulmig werden. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das wahrscheinlich nicht der letzte Vorfall dieser Art war..."

Mr. McKee wandte sich an Dave Oaktree vom ballistischen Labor.

"Vielleicht fahren Sie jetzt fort, Dave!"

Agent Oaktree nickte.

Er erhob sich, schaltete einen Tageslichtprojektor ein, mit dem er ein paar Bildfolien an die Wand projizierte. Per Knopfdruck schloss Mr. McKee die Vorhänge so weit, dass der Raum etwas abgedunkelt war.

Ich sah aufmerksam auf die Bilder und computergenerierten Graphiken, die Dave Oaktree uns da präsentierte. Manches davon sah nicht sehr appetitlich aus.

"Der Täter hat sehr präzise geschossen", erklärte Dave sachlich. "Die erste Kugel traf direkt in die Stirn, die zweite fuhr ihm durch den Hals. Er muss zweimal sehr kurz hintereinander geschossen haben, denn nur Sekunden später wäre der Schusswinkel oben von der 39.Straße herunter derart ungünstig gewesen, dass er höchstens noch die Beine hätte erwischen können..."

"Du sagst das, als ob der Täter sehr gezielt diesen Mann umbringen wollte", warf ich ein.

Dave nickte.

"Davon gehe ich aus, Jesse. Und ich gehe davon aus, dass es sich um jemanden gehandelt hat, der erstens über eine hochpräzise Waffe und zweitens über eine sehr spezielle Schießausbildung verfügt."

"Kann sich die so ein wildgewordener Straßen-Rambo aus der Bronx nicht auch ausreichend trainieren?", erkundigte sich der flachsblonde Clive Caravaggio, der so gar nicht wie das Klischeebild eines Italo-New Yorkers wirkte.

Dave Oaktree wandte den Blick in Clives Richtung.

"Offensichtlich ist das der Fall", sagte er. "Aber wir sollten jemanden mit militärischer Vergangenheit in Erwägung ziehen..."

"Sieht nicht nach der typischen Klientel einer Gang wie den KILLER ANGELS aus", stellte ich fest.

"Das würde ich nicht so pauschal behaupten", warf Fred LaRocca ein.

"Um so eine Spezialausbildung zu bekommen, reicht es nicht, ein paar Monate bei der Army gewesen zu sein", erwiderte ich.

"Und wenn einer dieser Älteren den Kids zeigt, wie man's macht?" Fred LaRocca hob die Augenbrauen und warf mir einen Blick zu.

Ich lächelte dünn.

"Eins zu null für dich Fred", sagte ich.

Jetzt mischte sich Mr. McKee ein. Er wandte sich direkt an mich. "Sie glauben nicht, dass dies eine Mutprobe der KILLER ANGELS war?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Nein, soweit kann man nach dem bisherigen Erkenntnisstand noch nicht gehen. Aber immerhin gibt es doch einige Dinge, die etwas merkwürdig sind."

"Und die wären?"

"Allein die Tatsache, dass die ANGELS zweimal am selben Tatort zugeschlagen haben. Das will mir einfach nicht aus dem Kopf. Es muss einen Grund dafür geben, schließlich haben sie so etwas bisher immer zu vermeiden versucht."

So, wie es aussah, würde diese Frage auch jetzt nicht beantwortet werden können.

Wir lauschten weiter den Ausführungen unseres Ballistikers.

Alle Fragen hatte auch der noch nicht geklärt.

"Das Kaliber stimmt überein", sagte Dave. "Aber die Waffe, mit dem der letzte Anschlag verübt worden ist, ist definitiv nicht die, mit der die letzten Attentate durchgeführt wurden."

Das gab meinem Misstrauen neue Nahrung.

Natürlich konnten die ANGELS mehr als ein Präzisionsgewehr in ihrem Besitz haben.

Und doch...

Es war auffällig.

Ein weiteres Mosaiksteinchen in einer Art Puzzle. Ich fragte mich, welches Bild am Ende daraus entstehen würde...

Oaktree führte noch aus, dass eine der Waffen, der bei dem Überfall auf die Borinsky-Brüder benutzt worden war, auch bei der Schießerei zum Einsatz gekommen war, in die man Milo und mich am Abend zuvor verwickelt hatte.

Aber das konnte niemanden überraschen.

Nachdem Daves Ausführungen beendet waren, kam Sam Folder an die Reihe und trug vor, was es an weiteren Spuren gab.

Die Blutspuren von dem verletzten Attentäter wurden einer DNA-Analyse unterzogen, aber dieser genetische Fingerabdruck würde uns erst etwas nützen, wenn wir den Kerl hatten. Im weiten Umkreis wurde jetzt nach jemandem gefahndet, der eine Schussverletzung hatte, und damit vielleicht zum Arzt gehen wollte.

Mr. McKee hörte sich alles mit nachdenklichem Gesicht an.

Schließlich kam Max Carter von der Fahndungsabteilung an die Reihe. Er hatte ein paar interessante Dinge über Joe Donato herausgefunden. Seinen Angaben zu Folge hatte Donato kurzzeitig in den Diensten des Drogenbosses Juan Sarakiz gestanden. Er war Kolumbianer, aber besaß auch einen US-Pass.

"Ist Sarakiz denn überhaupt noch aktiv?", fragte Milo.

"Soweit man hört, hat der sich doch längst zur Ruhe gesetzt."

"Er ist vorsichtig geworden", erklärte Carter. "So vorsichtig, dass man im Moment wohl schon Mühe hätte, ihm Falschparken nachzuweisen."

"Immerhin wäre es möglich, dass Sarakiz der Mann im Hintergrund ist, den wir suchen", erklärte Mr. McKee. "Warum sollte Joe Donato die alte Verbindung nicht einfach wieder aufgenommen haben?"

Das leuchtete jedem ein.

"Ist Donato denn nun mit diesem Killer-Joe identisch oder nicht?", fragte Carter. "Davon hängt eine Menge ab..."

Diese Frage richtete sich natürlich in erster Linie an Milo und mich.

"Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch - auch wenn der letzte Beweis noch aussteht", erklärte ich. "Aber wie sollte man sonst die Nervosität dieser Leute begreifen? Nur, weil wir dieses Foto herumgezeigt haben und mit Greg Rooney eine kleine Unterhaltung hatten zwei G-men über den Haufen schießen?" Ich schüttelte den Kopf. "Da muss jemand kalte Füße gekriegt haben..."

"Da braut sich was zusammen", war Mr. McKee überzeugt.

"Clive und Orry, Sie hören sich mal im Dunstkreis dieses Juan Sarakiz um. Vielleicht stoßen Sie ja auf etwas..." Mr. McKee wandte sich dann an Milo und mich, ehe er fortfuhr: "Und Sie beide bleiben diesem Donato auf der Spur. Wenn er hier in New York City ist, dann muss man ihn auch aufstöbern können."

"Was ist mit dem persönlichen Umfeld dieses BMW-Fahrers?", fragte ich.

"Dazu ist doch schon einiges gesagt worden", erwiderte Mr. McKee.

"Aber nicht genug."

"Jesse, was sollte das bringen?"

"Nach dem Stand der Ermittlungen wäre es doch möglich, dass der letzte Anschlag im Lincoln-Tunnel - anders als seine Vorgänger - nicht von den KILLER ANGELS begangen wurde."

"Die Möglichkeit ist vorhanden", räumte Mr. McKee ein.

"Sie denken an eine Art Trittbrettfahrer, oder?"

"Jemand, der einen Mord begehen will, ohne dass man ihn gleich als Täter verdächtigt!"

"Ich fürchte, Sie verzetteln sich, Jesse!"

Zusammenfassung

Killer ohne Skrupel
von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 186 Taschenbuchseiten.

Eine brutale Gang kontrolliert das Drogengeschäft in der Bronx - und führt einen erbarmungslosen Krieg gegen die Konkurrenz. Eine Serie von Morden scheint mit diesem Drogenkrieg in Zusammenhang zu stehen - aber FBI Agent Jesse Trevellian hat Zweifel...

Cover: STEVE MAYER

Details

Seiten
260
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916836
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
alfred bekker thriller killer skrupel

Autor

Zurück

Titel: Killer ohne Skrupel