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13 Western für den Sommer 2018

von Alfred Bekker (Autor:in) Pete Hackett (Autor:in) Glenn Stirling (Autor:in)
2018 1300 Seiten

Leseprobe

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13 Western für den Sommer 2018

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von Alfred Bekker, Pete Hackett & Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1500 Taschenbuchseiten.

Männer im Kampf um Recht und Rache. Abenteuer in der einzigartigen Weite des amerikanischen Westens, in Szene gesetzt von Top-Autoren der spannungsgeladenen Unterhaltung.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Pete Hackett: ...dann gnade dir Gott!

Alfred Bekker: Höllenjob in Kansas

Glenn Stirling: Gib dem Glück die Sporen!

Alfred Bekker: Dunkler Prediger

Pete Hackett: Dem Colt gehört das letzte Wort

Pete Hackett: Mit eiserner Faust

Pete Hackett: Pulverdampf am Minam River

Pete Hackett: Marshal Logan und der Trail des Verderbens

Pete Hackett: McQuade und der Mächtige von Benson

Pete Hackett: McQuade und der Desperado

Pete Hackett: Marshal Logan und die blutige Heimkehr

Glenn Stirling: Jagd auf Jassys Baby

Glenn Stirling: Entscheidung in Redford Springs

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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... dann gnade dir Gott

von Pete Hackett

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© PETER HABERL 2012

© der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress 2012

Ein CassiopeiaPress E-Book

www.AlfredBekker.de

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DER KRIEG WAR SEIT über vier Monaten zu Ende. Viele Südstaatensoldaten waren in die Heimat zurückgekehrt. Ein großer Teil aber fand den Weg nach Hause nicht. Als Entwurzelte ließen sie sich treiben. Die einen landeten auf dem schmalen Pfad der Gesetzlosigkeit, andere in der Gosse. Sie zogen als Landstreicher, Satteltramps, Abenteurer und Banditen durchs Land, und am Ende hielt für eine ganze Reihe von ihnen das Schicksal ein Stück heißes Blei oder einen soliden Hanfstrick bereit.

Douglas Howard war nicht heimgekehrt. Jeden Morgen, wenn sich die Sonne über die Gebirgszüge im Osten schob, stieg Flint Howard auf den Hügel, an dessen Fuß die Loyal Valley Ranch lag, um angestrengt Ausschau zu halten. Ein Reiter, der sich der Ranch näherte und der sich als sein Sohn entpuppte, kam jedoch nicht.

Ein Stück südlich der Ranch mündete der Threadgill Creek in den Llano River. Das Land, das Flint Howard gehörte, war grün und fruchtbar. Auf den Weiden standen Longhorns über Longhorns. Während des Krieges hatten sie sich vermehrt wie Karnickel.

Flint Howard beschäftigte eine große Cowboymannschaft. Viele von ihnen waren Heimkehrer. Nach der fürchterlichen Schlacht bei Appomattox waren die Truppen der Konföderierten endgültig aufgerieben worden. Zwei der Cowboys hatten zusammen mit Douglas in derselben Kavallerieeinheit gedient. Über seinen Verbleib konnte sie nichts berichten. Sie hatten sich abgesetzt, als General Lee kapitulierte.

Auch an diesem Tag kehrte Flint enttäuscht vom Hügel zurück. Seine Frau hatte das Frühstück auf der Veranda bereitet. Es war noch kühl, aber der Morgendunst war Vorbote der kommenden Hitze. Flint schwieg düster. Sein Schweigen verriet seine Enttäuschung. Heather sagte: „Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, Flint. Unser Junge lebt. Auf den Listen mit den Gefallenen stand sein Name jedenfalls nicht. In Appomattox war er noch dabei. Das wissen wir von Slim und Lane. Wahrscheinlich befindet er sich in einem Kriegsgefangenenlager der Yankees. Eines Tages kehrt Doug heim. Ich weiß das.“

„Dein Wort in Gottes Gehör, Heather“, murmelte Flint rau, mit einem zweifelnden Unterton. Es war deutlich, dass er die  Zuversicht seiner Frau nicht teilen konnte. Er vollführte eine ausholende Bewegung mit dem Arm über die Ranch und das Areal rundherum. „Für wen hätten wir das alles geschaffen, wenn Doug  nicht mehr heim käme? Wir beide haben ihm einen soliden Grundstein gelegt mit der Ranch - den Grundstein für ein Rinderreich. - Dieser verdammte, unselige Krieg!“

Er setzte sich nieder. Heather goss ihm Kaffee ein. Er griff nach dem Toast und biss hinein. Lustlos kaute er. Dazu trank er kleine Schlucke des heißen Kaffees.

Eine Handvoll fix und fertig angekleideter Cowboys verließen den Küchenanbau, in dem sie gefrühstückt hatten. Sie grüßten herüber, stapften zum Corral und fingen sich Pferde, legten ihnen die Sättel auf und zäumten sie. Staub wolkte dicht.

Als sie fortgeritten waren, sagte Flint: „Wenn ich nur wüsste, wo ich mit der Suche ansetzen müsste. Nichts würde mich hier halten, und ich würde nicht ruhen, bis ich Gewissheit über Dougs Schicksal hätte.“

Heather erhob sich, um das Frühstücksgeschirr wegzuräumen. Der Hufschlag des Reiterrudels, das die Ranch verlassen hatte, war verklungen. Auch Flint stand auf. Er ging zum Verandageländer, umspannte es mit beiden Händen, sein Blick verlor sich in der Ferne, wo die Konturen der Berge im rauchigen Dunst verschwammen.

Plötzlich war wieder Hufschlag zu vernehmen. Aber diesmal näherte er sich der Ranch. Der Reiter kam von Westen. Er benutzte den ausgefahrenen Weg, der nach Hedwigs Hill führte, und nun trieb er sein Pferd aus dem Einschnitt zwischen zwei Hügeln. Er lenkte es geradewegs auf die Ranch zu. Die Stirn Flint Howards legte sich in Falten. Der Rancher hatte das Funkeln an der linken Brustseite des Reiters wahrgenommen - jenes Funkeln, mit dem sich das Licht der Morgensonne auf dem Sheriffstern brach.

Es war Mathew Brady, der Sheriff von Hedwigs Hill.

Heather trat neben ihren Mann. Sie atmete schneller als normal. Das Herz schlug ihr hinauf bis zum Hals. Wenn der Sheriff zu ihnen kam, dann hatte das nichts Gutes zu bedeuten. Die Erregung strömte wie eine Welle durch ihren Körper.

Der Gesetzeshüter parierte sein Pferd. Er nahm den Hut ab, neigte den Kopf in Richtung der Frau, grüßte und dann saugte sich sein Blick am hageren, kantigen Gesicht Flints fest. Staubheiser, fast kratzend, sagte Mathew Brady: „Schlechte Nachrichten, Flint.“ Verunsichert irrte sein Blick ab, huschte über Heathers angespanntes, erwartungsvolles Gesicht hinweg, in seinen Augen war ein unbehagliches Flackern, verlegen knetete er die Zügelleinen in seinen Händen. „Ich will nicht lange drum herum reden. Es geht um deinen Sohn. Ich habe Nachricht über ihn erhalten.“

Die beiden Menschen auf der Veranda waren wie elektrisiert. Herzschlag und Puls rasten bei ihnen plötzlich. Flint schluckte trocken. Er verspürte das schwindelerregende Gefühl, die Kontrolle über sich zu verlieren, aber dann überwand er sich und er fand zu der ihm eigenen Ruhe und Besonnenheit zurück.

„Spuck es schon aus, Mathew. Was immer es auch ist - ob gut oder schlecht - ich will die ungeschminkte Wahrheit erfahren. Also heraus mit der Sprache.“

Der Sheriff schien im Sattel regelrecht zusammenzuschrumpfen. Er zog den Kopf zwischen die Schultern. Plötzlich aber griff er in die Innentasche seiner Lederweste. Als seine Hand wieder zum Vorschein kam, hielt sie ein zusammengefaltetes Blatt Papier fest. „Lies selbst.“ Er reichte es Flint.

Der Rancher faltete den Bogen auseinander. Seine blauen Augen hefteten sich auf die Buchstaben. Ein betroffener Ton entfuhr ihm. Er staute den Atem und las zu Ende. Scharf stieß er die verbrauchte Luft durch die Nase aus.

Es war ein Steckbrief. Gesucht wurde - Douglas Howard. Tot oder lebendig. Die Belohnung, die auf seinen Kopf ausgesetzt worden war, betrug 1000 Dollar. Die Beschreibung stimmte. Sechs Fuß zwei Zoll groß, hager, blond, blauäugig, Mitte zwanzig. Douglas wurde wegen Bankraubs gesucht, ein Mann war bei dem hold up auf die Bank von Wichita Falls getötet worden.

Flint Howard wurde von einem Taumel erfasst. Sekundenlang schienen die Buchstaben vor seinen Augen zu verschwimmen. Er hatte das Gefühl, unter seinen Füßen wankte der Erdboden. Er wollte etwas sagen, aber seine Lippen waren so trocken wie seine Kehle. Sein vom panischen Schrecken erfasster Verstand wirbelte und fabrizierte verworrene Bilder. Er reichte seiner Frau den Steckbrief, und jetzt entrang es sich ihm mühsam und heiser vor Erregung: „Du hast recht, Heather, Douglas lebt. Aber wenn das stimmt, was hier steht, dann wäre es besser, er wäre auf dem Schlachtfeld geblieben.“

Der Sheriff hatte sich den Hut wieder auf den Kopf gestülpt. Betreten gab er zu verstehen: „Ein ganzer Stapel Steckbriefe kam heute mit der Postkutsche an. Ich werde sie überall im Distrikt aushängen müssen. Es ist eine ganze Bande, Flint. Ich wollte, es ...“

Er brach ab, denn Heather entrang sich ein Ton, der sich anhörte wie das Japsen eines Erstickenden. Tränen perlten über die Wangen der Frau. Der Steckbrief segelte auf die Veranda, die Frau schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte auf. Sie wankte und drohte zu stürzen. Der Schock, den die Hiobsbotschaft in ihr auslöste, drohte ihr den Verstand zu rauben.

Schnell sprang Flint hinzu, um sie zu stützen. Da aber warf sich Heather herum und lief ins Haus. Es mutete an wie eine Flucht.

„Sie wird es wohl nicht verkraften“, murmelte der Sheriff. „Es tut mir leid, Flint. Vielleicht hätte ich es schonender ...“

Die Rechte des Ranchers wischte durch die Luft. „Mach dir keine Gedanken, Mathew“, schnappte er. Die Bestürzung wich dem Zorn - Zorn auf seinen Sohn, der ihm, seinem Vater, vor allem aber Heather, seiner Mutter, eine derart grenzenlose Enttäuschung bereitete. Es gab keinen Zweifel. Auf dem Steckbrief stand der Name, und bei dem Mann, der auf dem Steckbrief beschrieben wurde, handelte es sich um keinen anderen als Douglas. Eine Verwechslung war kaum möglich. „Heather ist eine starke Frau. Sie wird den Schock verwinden. Mag die Wahrheit noch so schrecklich und niederschmetternd sein.“

„Was wirst du tun, Flint?“

Der Rancher zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Ich weiß es nicht.“ Es klang irgendwie resignierend und hoffnungslos. Eine Welt begann für Flint Howard zusammenzubrechen. Seine Gefühle schwankten. Nach dem Zorn kam die Bitterkeit. Sie überschwemmte ihn wie eine heftige Flut. Sein erschütterter Blick voll Qual verlor sich wieder in der Ferne. „Weißt du etwas über den Mann, der durch die Schuld meines Sohnes ums Leben kam, Mathew?", fragte er nach kurzer Zeit der Versunkenheit.

„Er war Clerk in der Bank von Wichita Falls, und er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.“

„O mein Gott.“ Das Kinn Flints sank auf die Brust. Er schien plötzlich um Jahre gealtert. Sein Gesicht war Spiegelbild seiner Empfindungen. „Es ist schlimm“, murmelte er, und seine Stimme klang brüchig. „Ich werde ...“ Er brach ab. Sein Kopf ruckte hoch. Eiserne Entschlossenheit zeigte sich plötzlich in seiner Miene. Und als er sprach, fielen seine Worte  mit der Härte und Entschiedenheit eines Mannes, der es gewohnt ist, seinem Willen Geltung zu verschaffen. Er sagte:

„Ich reite nach Wichita Falls, Mathew. Ich kann der Frau zwar nicht den Mann und den Kindern nicht den Vater zurückgeben, aber ich kann versuchen, den Schaden durch finanzielle Zuwendungen zu begrenzen. Und dann suche ich meinen Sohn. Ich will  ihn zwingen, mir in die Augen zu sehen, wenn ich ihn nach seinen Beweggründen frage.“

„Du zweifelst überhaupt nicht an seiner Schuld, wie?“, fragte der Sheriff. Seine Stirn lag in Falten.

„Du etwa, nach allem, was auf dem Steckbrief steht?“, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück.

Der Sheriff wiegte den Kopf. „Ich kenne Doug, seit er lebt. Ich sah ihn heranwachsen. Sicher, er war immer ein wilder Bursche, aber in ihm steckte nichts von einem skrupellosen Banditen. Vielleicht ... Ach was, ich weiß selbst nicht, was ich denken soll. Du weißt jetzt jedenfalls Bescheid, Flint. Ich reite zurück in die Stadt.“

Mathew Brady tippte mit dem Zeigefinger seiner Linken an den Hutrand, zog das Pferd herum und trieb es mit einem Schenkeldruck an. Die Hufe des Tieres rissen kleine Staubfontänen in die sich schnell erwärmende Luft. Gedankenverloren blickte Flint Howard hinter ihm her.

Sein Entschluss stand fest.

Keine Macht der Welt sollte ihn davon abbringen können. Noch mehr, nachdem die letzten Worte des Sheriffs wieder Zweifel in ihm geweckt hatten. Er war entschlossen, die Wahrheit zu ergründen. Alles andere war plötzlich unwichtig - war zweitrangig geworden, versank in der Bedeutungslosigkeit. Er bückte sich, hob den Steckbrief auf, legte ihn sorgfältig zusammen und steckte ihn ein. Dann wandte er sich um. Mit hängendem Kopf ging er ins Haus.

*

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TAMPICO, HALL COUNTY, eine ruhige, kleine Town im südlichen Panhandle von Texas. Es war später Nachmittag. Die Sonne schien heiß. Kein Windhauch regte sich. Die Town bereitete sich auf den Feierabend vor.

Frank Slater, der Barbier, verließ sein Geschäft, um die Tafel wegzuräumen, die er vor seinem Laden am Rand des Sidesteps aufgestellt hatte und auf der er seine Dienstleistungen feilbot. Er schwenkte seinen Blick die Straße hinauf und hinunter. Spielende Kinder, dösende Hunde, eine Gruppe Frauen, hier und dort ein Mann, der irgendeine Arbeit erledigte. Dem Barbier bot sich das alltäglich Bild - das Bild von Frieden, Ruhe und Beschaulichkeit.

Er langte nach der hüfthohen Schiefertafel mit dem abgegriffenen Holzrahmen, verhielt aber in der Bewegung und lauschte. Und schon im nächsten Moment war er sich sicher, dass er keiner Täuschung erlegen war. Der Stadt näherte sich tosender Hufschlag. Er kam von Südosten, und er war nur als fernes Rumoren zu vernehmen. Aber schnell wurde er deutlicher. Und dann schlug er heran wie eine Brandungswelle.

Im Südosten der Stadt gab es keine Ranch. Außerdem war Mittwoch, und keine der Cowboymannschaften käme auf die Idee, während der Woche in der Stadt den Teufel aus dem Kasten zu lassen.

Wer also näherte sich der Town mit Höllengeschwindigkeit? Eine seltsame Unruhe erfasste den Barbier. Er starrte in die Richtung, aus der sich der Reiterpulk näherte. Auch die Frauen hatten ihre Unterhaltung unterbrochen, und auch ihre Aufmerksamkeit galt dem heranprallenden Hufgetrappel. Es mutete den Barbier an wie eine Botschaft von Untergang und Verderben. Seine Hände umspannten den Tafelrahmen. Unheil schien in der Luft zu liegen. Er glaubte es regelrecht riechen zu können. Und seine Stimmbänder wurden mehr von der jähen Unrast als vom Verstand diktiert, als er schrie: „Geht nach Hause, ihr Frauen, und sorgt dafür, dass die Kinder von der Straße verschwinden. Es ...“

Er brach ab, verschluckte sich fast, denn in diesem Moment bogen die Reiter um einen Knick der Main Street. Es waren über ein halbes Dutzend, und sie kamen in einer breiten Reihe.  Staub schlug unter den wirbelnden Hufen ihrer Pferde auseinander, der prasselnde Hufschlag prallte gegen die Häuserfronten und wurde zurückgeworfen, das trommelnde Stakkato erfüllte die ganze Stadt.

Der Barbier ließ die Tafel fallen. Er wirbelte herum. Die Tafel zerbrach, als sie auf den Gehsteigbohlen aufschlug. Als säße ihm der Leibhaftige im Nacken hetzte er in sein Geschäft. Die Türglocke bimmelte wie verrückt. Das in den oberen Teil des Türblattes eingesetzte Glas klirrte, als er hinter sich die Tür zuwarf. Unter dem Fenster ging Frank Slater in Deckung. Die zitternde Anspannung seiner Nerven entlud sich in einem ächzenden Laut, der sich ihm entrang und der einer panikartigen Überreaktion entsprang, die ihn in diesem Augenblick überwältigte. Das Herz klopfte dumpf in seiner Brust; das Pochen in seinen Schläfen war das Echo seiner Pulsschläge.

In den Hufschlag mischte sich Geschrei. Die Frauen vor dem General Store spritzten auseinander wie eine Hühnerschar, zwischen die der Habicht stieß. Einige Hunde bellten wie von Sinnen. Die Kinder flohen schreiend in verschiedene Richtungen. Plötzlich war die Straße wie leergefegt. Und nun peitschten Schüsse. Unwillkürlich zog Frank Slater den Kopf ein. Glas klirrte. Die Geräusche vermischten sich zu einer höllischen Symphonie.

Der Barbier fasste all seinen Mut zusammen und äugte wieder über die Fensterbank nach draußen. Soeben galoppierte die Kavalkade in sein Blickfeld. Die Männer waren maskiert. Sie hatten sich die Halstücher über Mund und Nase gezogen. Blindlings ballerten sie ihr Blei in die Runde. Eine Wolke von Staub hüllte sie ein.

Frank Slater erbebte bis in seinen Kern. Seine Zähne schlugen aufeinander wie im Schüttelfrost. Die Angst würgte ihn mit unsichtbaren Händen.

Vor der Bank rissen die Kerle ihre Pferde zurück. Zwei von ihnen sprangen ab und stürmten zur Tür. Unter einem wuchtigen Tritt flog sie auf. Die anderen fünf Banditen trieben ihre Pferde vor der Bank auf und ab und sicherten den hold up. Sie feuerten um sich und hielten so die Menschen in den Häusern in Schach.

Die beiden Clerks in der Bank warfen die Arme in die Höhe, noch ehe sie dazu aufgefordert wurden. Sie erbleichten bis in die Lippen. In ihren Gesichtern zuckten die Nerven. Ihre Hände zitterten.

Die beiden Banditen glitten mit den Colts im Anschlag an den Schalter heran. Einer der Kerle - er war über sechs Fuß groß, unter seinem schwarzen, flachkronigen Stetson lugten blonde Haare hervor -, fauchte: „Packt alles Geld ein! Pronto, pronto! Beeilt euch! Andernfalls machen wir euch Beine. Ich gebe euch zwanzig Sekunden! Wenn sie vorbei sind, kracht es.“

Aus eiskalten, blauen Augen starrte er die Clerks zwingend an - Augen, die Bände sprachen, die alles über die Skrupellosigkeit und Unbarmherzigkeit verrieten, die in dem Manne steckten.

Ungeduldig wedelte er mit dem Colt. Sein Daumen lag quer über der Hammerplatte. Wie das hohle Auge eines Totenschädels starrte die Mündung abwechselnd auf die beiden Angestellten.

Und die beiden beeilten sich. Mit fliegenden Händen packten sie zwei kleine Jutesäcke voll mit Papiergeld. Als sie auch das Hartgeld in einen Sack füllen wollten, winkte der blondhaarige Outlaw ab. Er warf einen der Beutel seinem Komplicen zu, den anderen klemmte er sich unter den linken Arm, dann stieß er unter der Maske hervor: „All right. Bestellt dem Sheriff schöne Grüße von Douglas Howard! Falls er ein Yankee ist, dann sagt ihm, dass der Krieg zwischen Nord und Süd noch nicht zu Ende ist. Nun auf den Boden mit euch. Und versucht besser nicht, uns aufzuhalten. Euch beide auf die lange Reise zu schicken kostet uns ein Lächeln.“

Die Clerks warfen sich regelrecht auf die gebohnerten Dielen. Die beiden Banditen zogen sich zurück. Ehe sie die Bank verließen, jagte der blondhaarige Bandit noch zwei Schüsse über die Schaltertheke hinweg. Die Kugeln hieben in die Wand und ließen den Kalk spritzen.

Die Outlaws warfen sich auf ihre Pferde. Eines der Tiere stieg auf die Hinterhand und ließ die Vorderhufe durch die Luft wirbeln. Wiehern erklang. Ein scharfer Befehl ertönte, und dann stoben die Reiter davon. Ihren Abgang begleitete das trockene Dröhnen ihrer Colts.

Ein Mann fasste sich ein Herz. Er feuerte aus einem Fenster auf das höllische Rudel. Einer der Kerle warf beide Arme gleichzeitig in die Höhe, dann flog er rücklings vom Pferd, als hätte ihn die göttliche Faust aus dem Sattel gewischt. Er überschlug sich auf der Fahrbahn und blieb mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken liegen. Sein Pferd sprengte im Pulk der anderen weiter. Dem Mann, der geschossen hatte, wurden regelrecht die Beine vom Boden weggerissen. Er krachte gegen die Hauswand, dann schlug er schwer auf den Vorbau.

Doch jetzt wurden die Banditen auch aus anderen Häusern unter Beschuss genommen. Sie warfen sich flach auf die Pferdehälse und feuerten die von der Schießerei schon total verstörten Tiere mit den Sporen, den langen Zügelenden und abgehacktem, heiserem Geschrei an. Die Hufe schienen kaum noch den Boden zu berühren.

Ein Pferd brach zusammen. Es begrub seinen Reiter unter sich. Das Tier wieherte. Es hörte sich an wie der Todesschrei eines Menschen. Es bockte hinten hoch, rollte verzweifelt mit den Augen, dann kippte es zur Seite. Die Hufe keilten noch einmal aus, dann lag das Tier still. Fluchend und brüllend gelang es dem Reiter, sein Bein unter dem Kadaver hervorzuziehen. Er wankte hoch. Sein Colt lag irgendwo im knöcheltiefen Staub. Aus flackernden Augen, aus denen die Angst zu brüllen schien, schaute er sich um.

Seine Kumpane kümmerten sich nicht um ihn. Sie hatten keine Notiz davon genommen, dass ihm das Pferd unter dem Hintern weggeschossen worden war. So hatte es zumindest den Anschein. Der Bandit schnappte sich sein Gewehr aus dem Scabbard und warf sich hinter dem getöteten Pferd in Deckung. Kugeln pfiffen wie giftige Insekten über ihn hinweg. Am liebsten hätte er sich in die Straße eingegraben.

Die Horde hatte den Knick erreicht. Im nächsten Moment war sie verschwunden. Der Hufschlag brach abrupt ab. Stille senkte sich zwischen die Häuser von Tampico. Aus den Häusern zu beiden Seiten wagten sich zaghaft und mit der gebotenen Vorsicht einige beherzte Männer, die Waffen im Anschlag, angespannt bis in die letzte Muskelfaser.

Da steilte der Hufschlag wieder in die Höhe. Die Bande kam zurück. Schießend jagte sie die Fahrbahn herunter. Pulverdampf und aufgewirbelter Staub verschmolzen zu einer wabernden Masse. Wie der Blitz verschwanden die Bürger wieder in ihren Häusern. Der Bandit bei dem toten Pferd stemmte sich hoch. Er machte sich sprungbereit. Aus verschiedenen Fenstern zu beiden Seiten leckten wieder ellenlange, grellgelbe Feuerzungen. Die Stadt war voll vom infernalischen Lärm. Eine Salve aus den Waffen seiner eigenen Kumpane mähte den Banditen bei dem toten Pferd von den Beinen. Er brach zusammen und war tot, ehe er begriff, dass er nicht gerettet, sondern mundtot gemacht werden sollte. Ein Pferd sprang über ihn hinweg. Dann jagten die Outlaws in eine Seitenstraße. Der wogende Staub senkte sich. Die Waffen schwiegen. Der Hufschlag entfernte sich schnell. Und dann hing eine entsetzliche, unerträgliche Ruhe über der Town.

Ein Bürger Tampicos hatte seinen Mut mit dem Leben bezahlt. Die beiden Banditen, die auf der Straße lagen, waren ebenfalls tot. Alles, was in der Town zwei gesunde Beine hatte, drängte auf die Straße...

*

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FLINT HOWARD TRAF IN Wichita Falls ein. Zwölf Meilen weiter nördlich begann das Indianerterritorium Oklahoma. Das Indianerterritorium bot Banditen und ganzen Banden tausende von Schlupfwinkeln. Kaum dass der Fuß eines Gesetzesbeamten dieses unwirtliche, gefährliche Gebiet betrat.

Der Fünfzigjährige hatte die Stagecouch benutzt. Als er die Stadt erreichte, war er durch und durch geschüttelt, er spürte jeden Knochen in seinem Körper, seine Muskeln und Sehnen waren wie gelähmt, er war erschöpft bis in seinen Kern.

Ehe er sich aber im Hotel ein Zimmer mietete, um sich auszuschlafen und zu erholen, erkundigte er sich beim Officer des Postdepots nach Lydia Benton, der Frau des ermordeten Bankclerks. Der Mann beschrieb ihm den Weg zum Haus der Frau, ohne irgendwelche Fragen zu stellen.

Flint fand das Haus. Zwiespältige Gefühle beschlichen den Mann, als er daran dachte, dass hier der Mann wohnte, den sein Sohn tötete. Er stellte die Reisetasche zwischen seinen Füßen ab und klopfte. Gleich darauf wurde ihm geöffnet.

Lydia Benton war eine verhärmte Frau. Der gewaltsame Tod ihres Mannes hatte sie sehr mitgenommen. Als Flint seinen Namen nannte, prallte sie zurück. Dann aber fing sie sich, und sie stieß im jähen Aufruhr ihrer Gefühle hervor: „Ein Howard hat meinen Mann auf dem Gewissen. Douglas Howard! Seine Beschreibung passt auf Sie. Allerdings sind sie etwa fünfundzwanzig Jahre zu alt, um der Mörder zu sein.“

Ihre Verbitterung, der anklagende Ton in ihrer Stimme, der Ausdruck einer immensen, innerlichen Erschütterung in den Augen - das alles ließ erahnen, wie es um die Psyche dieser Frau bestellt war. Flint schluckte trocken. Mit einer Stimme, die ihm selbst fremdartig und klanglos vorkam, sagte er:

„Die Sache mit Ihrem Mann tut mir leid, Mrs. Benton. Ja, ich bedauere den Tod Ihres Mannes von ganzem Herzen. Und es ist kein Zufall, dass ich bei ihnen aufkreuze. Wie es aussieht, war es mein Sohn, der zusammen mit einer Bande gewissenloser Schurken die Bank überfiel, in der Ihr Mann arbeitete. Ich lebe in der Nähe von Hedwigs Hill, das ist ein kleines Nest im Mason County, etwa zweihundertfünfzig Meilen südlich von hier. Ich erfuhr von der Sache durch unseren Distriktsheriff. Von ihm bekam ich auch den Steckbrief meines Sohnes. Ich bin sogleich aufgebrochen, um ...“

„Was wollen Sie?“ Die Stimme der Frau war von stählerner Härte. „Mir Ihr Mitgefühl ausdrücken?“ Hassvoll starrte sie ihn an. Ihre Wangen vibrierten vor innerer Erregung. Ihre Brust hob sich unter einem tiefen Atemzug. Dann presste sie mit von der Leidenschaft verdunkelter Stimme hervor: „Sie sind der Vater des Mannes, der meinen Mann ermordete. Er ist Ihr Sohn - Ihr verdammtes Fleisch und Blut. Auch mein Mann hatte Söhne. Zwei kleine Jungs, acht und zehn Jahre alt - alt genug, um die schreckliche Wahrheit zu begreifen. Mein Mann war ihnen ein guter Vater. Sie müssen es akzeptieren, dass er nicht mehr da ist. Sie werden es aber nie verwinden, dass es Banditenhand war, die seinem Leben ein jähes Ende bereitete. - Sie kommen daher und rühren in eine offene Wunde, Mister. Sicher, Sie können nichts für Ihren Sohn. Und wahrscheinlich bedauern sie es wirklich, was geschehen ist, dass Ihr Sohn unbeschreibliches Leid über uns brachte. Aber Ihr Mitleid hilft uns nicht weiter. Darum sollten Sie jetzt gehen. Ich will es meinen Jungs  ersparen, dem Mann gegenüberzustehen, dessen Sohn ihren Vater ermordete. Gehen Sie!“

Wenn ihre Stimme ab der zweiten Hälfte ihrer Rede weicher und ruhiger geworden war, so kam dieser letzte Befehl wieder schroff und scharf, ohne die Spur von Wärme, Entgegenkommen oder Verbindlichkeit.

Bei Flint brach etwas durch, das er bisher selbst nicht an sich kannte. Es war wie eine trotzige Reaktion, ein Aufbegehren, ein sich Auflehnen gegen diese ungerechtfertigte - wenn auch verständliche - Reaktion der Frau, mit der sie ihm Unrecht zufügte und ihn mit dem Mörder ihres Mannes mehr oder weniger auf eine Stufe stellte.

„O nein, Ma’am“, entrang es sich ihm schwer, und er stellte schnell seinen Fuß in die Tür, ehe sie sie zuschlagen konnte. „Ich habe mich nicht zweihundertfünfzig Meilen weit durchschütteln lassen, um mir von Ihnen diese herbe und ungerechtfertigte Abfuhr zu holen. Ich verstehe Ihren Schmerz, Ihre Trauer und Ihre Verbitterung, und ich kann Ihnen die Hilflosigkeit, die Ohnmacht, mit der sie allem gegenüberstehen, nachfühlen. Ihren Mann kann ich Ihnen leider nicht zurückgeben. Aber ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen und Ihren Söhnen nach seinem Tod an einigem mangelt. Um wenigstens materielle Not von Ihnen und Ihren Söhnen ...“

Sie unterbrach ihn schroff: „Wollen Sie Ihren missratenen Sohn freikaufen von seiner blutigen Schuld?“, fragte sie, und es klang auf besondere Art sarkastisch. „Soll ich mir von ihnen den Tod meines Mannes bezahlen lassen? Ich pfeife auf Ihr Geld, Howard. Ich pfeife auf alles. Nur noch Sühne zählt. Und wenn man Ihren verbrecherischen Sohn eines Tages aufhängt, werde ich in der vordersten Reihe stehen, um zuzusehen.“

Das Gesicht der Frau hatte sich auf erschreckende Art verändert. Es war nur noch eine Physiognomie des tödlichen, unauslöschlichen Hasses. Sie versetzte Flint einen Stoß vor die Brust, der ihn zurücktaumeln ließ. Krachend flog die Tür ins Schloss. Flint stand zutiefst erschüttert da. Wie Fieber durchrann es seine Blutbahnen. Der Name Howard hatte plötzlich einen schlechten Klang bekommen. Douglas hatte ihn entehrt. Er hatte die Ehre seines Vaters in den Schmutz getreten. Es setzte sich in Flint fest, ließ ihn nicht mehr los, und über seine Lippen brach es rau:

„Ich werde dich finden, Douglas. Und dann werde ich dir Fragen stellen - eine Reihe von Fragen. Und sollte es sich bewahrheiten, sollte es sich herausstellen, dass du tatsächlich eine den niedrigsten Trieben gehorchende menschliche Bestie geworden bist, dann gnade dir Gott!“

Er wollte sich abwenden, als er angesprochen wurde. Er versteifte. Die Stimme trieb von links heran. Böser Spott schwang in ihr. Sie sagte: „Wieviel Geld wolltest du meiner Schwägerin denn bieten, Howard? Führe das Gespräch mit mir fort. Ich reagiere weniger emotional als Lydia. Sie steckt noch viel zu sehr im Klammergriff der furchtbaren Ereignisse, die dein Sprößling zu verantworten hat.“

Der Mann trat hinter dem Haus hervor. Er war groß und breitschultrig. Ein hämisches Grinsen zog seine Mundwinkel nach unten. Vom ersten Moment an empfand Flint Abneigung gegen ihn. Die Verkrampfung in ihm löste sich, er maß den anderen von oben bis unten, machte sich ein Bild von ihm, dann murmelte er: „Sie sind der Bruder des Getöteten, wie?“

„So ist es. Seit seinem Tod kümmere ich mich etwas um Lydia und die beiden Boys. Es ist wohl tatsächlich so, dass der jähe Ausfall ihres Ernährers große Probleme aufwirft.“

Der Bursche legte den Kopf etwas schief, grinste abstoßend, er verschränkte die Arme vor der Brust und nahm die Beine etwas auseinander. Es war eine herausfordernde Haltung, die er einnahm.

Flint stellte sich auf Verdruss ein. Was er sah, gefiel ihm nicht. Die Augen des anderen waren gerötet und wässrig. Seine Sprache war etwas schwerfällig, um nicht zu sagen lallend. Dieser Mister war angetrunken. Und er verströmte aufdringliche  Boshaftigkeit. Sein niederträchtiges, ironisches Grinsen war Spiegelbild einer niederen Gesinnung. Flints Instinkt programmierte seinen Verstand auf Abwehr...

*  

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FLINT VERSETZTE GROLLEND: „Gerade darüber wollte ich mit Ihrer Schwägerin sprechen, Mann. Sie hat mir vor der Nase die Türe zugeschlagen. Was sie mir zu sagen hatte, haben Sie gewiss  mitbekommen. Sie standen ja sicherlich schon länger hinter der Hausecke. Falls Sie es jedoch nicht richtig verstanden haben sollten, Mister, wiederhole ich es: Sie will nichts von einem Howard. Alles, was sie will, ist meinen Sohn mit einem Strick um den Hals an einem Ast zu sehen.“

„Der Schmerz hat ihr wahrscheinlich den Verstand geraubt“, gab der Bursche zu verstehen, und nach dem letzten Wort kicherte er. „Sie und ihre beiden Söhne nagen am Hungertuch, Mister. Also spuck es schon aus: wie sollte denn die finanzielle Hilfe aussehen, die du ihr zukommen lassen wolltest? Sollte es eine einmalige Abfindung sein, oder etwa gar eine Rente?“

Flint ahnte, dass sich der Bursche nicht so leicht abschütteln ließ. Er war sicherlich zwanzig Jahre jünger und dreißig Pfund schwerer. Eine Waffe war an ihm nicht zu entdecken. Aber das besagte gar nichts. Man konnte einen Colt oder einen Dolch verborgen mit sich herumschleppen. Flint sagte gedehnt: „Um mit Ihnen zu verhandeln, bin ich gewiss nicht nach Wichita Falls gekommen, Mister ... Haben Sie auch einen Namen?"

„Natürlich. Samuel Benton. Also - wieviel?“

„Zunächst hätte ich Ihrer Schwägerin 1000 Dollar geboten. Diesen Betrag dürfte ein Bankclerk in zwei Jahren verdienen. Nach zwei Jahren ...“

„Das ist genau der Betrag, den sie auf deinen Ableger ausgesetzt haben, Amigo!“, stieß Benton hervor und lachte grölend. „Ein Menschenleben scheint in diesem Lande 1000 Dollar wert zu sein. Aber Spaß beiseite, Howard. Rück das Geld raus. Ich werde es Lydia geben, sobald sie sich beruhigt hat. Ihr Auftauchen hat scheinbar einen Sturm der Gefühle in ihr ausgelöst. Ich werde ihr zu gegebener Zeit die 1000 Bucks als Trostpflaster auf ihre Wunden legen. Ich denke, das ist eine lobenswerte Geste von dir. Also lass die Greenbucks herüberwachsen, Howard. Und lass mir deine Adresse hier, damit ich - damit Lydia  sich beizeiten bei dir melden kann.“

Flint hob seine Rechte, streckte den Zeigefinger aus und stieß ihn in Bentons Richtung. „Sie, Mister, kriegen von mir nicht mal einen rostigen Cent. Und nun treten Sie zur Seite. Ich habe eine lange Reise hinter mir, bin hungrig, durstig und müde. Sprechen Sie von mir aus mit Lydia. Wenn Sie sie beruhigen können, ist sie vielleicht bereit, noch einmal mit mir zu sprechen. Sie findet mich dann im Hotel.“

Mit seinem letzten Wort bückte Flint sich nach der Reisetasche. Er achtete in diesem Moment nicht auf Sam Benton. Flints rechte Hand schloss sich um den ledernen Griff. Bentons Bein zuckte hoch. Es war ein hundsgemeiner Tritt, und ehe Flint reagieren konnte, knallte ihm der Fuß mit der Wucht eines Pferdetrittes gegen die Brust. Das Schienbein Bentons traf seine linke Gesichtshälfte, aber diesen Treffer registrierte lediglich sein Unterbewusstsein. Echt zu schaffen machte ihm der Tritt vor die Brust. Er drückte ihm mit einem Schlag die Luft aus den Lungen. Flint ließ die Tasche fahren, wankte rückwärts, japste, sein Gesicht lief dunkel an. Er hatte beide Hände in seinen Brustkorb gekrallt. Der Schmerz verkrampfte seine Kiefer.

Aber dann kam der befreiende Atemzug. Es war, als löste sich etwas in ihm. Die Schleier vor seinen Augen rissen. Deutlich sah er Sam Benton auf sich zukommen, die rechte Faust zum Schlag erhoben. Benton knirschte: „Ich schlage dich in Stücke, Howard, und kein Mensch in dieser Stadt wird einen Finger für dich krumm machen. Ein verdammter Howard wird als skrupelloser Mörder in die Annalen der Town eingehen, und von dir, seinem Erzeuger, wird in Wichita Falls kein Straßenköter ein Stück Brot nehmen. Du hast jetzt die Wahl, Mister: entweder du rückst die Bucks freiwillig heraus, oder ich hole sie mir. Wählst du die erste Alternative, dann kommst du ungeschoren davon. Wenn nicht, kriechst du auf allen vieren zurück zum Depot der Overland Mail Company.“

Einen Herzschlag lang wollte Furcht vor dem jüngeren und gewiss auch stärkeren Mann nach Flint greifen, aber dann gewannen Kampfgeist und Stolz die Oberhand und er erwiderte gequält keuchend, aber unbeeindruckt und unerschrocken: „Okay, Benton. Ich sehe es schon: Sie sind keinen Deut besser als diejenigen, die die Bank hier überfielen und den Clerk töteten. Sie sind Banditen, denen ein Menschenleben gerade den Preis für eine Kugel wert ist; Sie sind ein Straßenräuber der übelsten Sorte. Ihr Kerle seid alle von derselben niederträchtigen Spezies und seid die Luft nicht wert, die ihr atmet. Na komm schon, du kleiner Halsabschneider, und versuch, mit die 1000 Bucks abzunehmen.“

Flint hatte, während er sprach, die Arme angewinkelt und die Hände zu Fäusten geballt. Er spreizte die Beine etwas, um festeren Stand zu haben. Sein Gesicht war hart und kantig geworden. Das eckige Kinn verriet viel von der Energie und der Willensstärke des Mannes vom Threadgill Creek.

Einen Augenblick zeigte Sam Benton Verunsicherung. Sie äußerte sich darin, dass er seinen Kopf zwischen die ausladenden Schultern zog und den Worten Flints hinterherzulauschen schien. Er zwinkerte, presste die Zähne aufeinander, dass die Backenknochen hart hervortraten, dann spuckte er aus und zischte gehässig: „Dann werde ich dich jetzt ungespitzt in den Erdboden schlagen, alter Knabe. Pass auf, ich komme jetzt.“

Das letzte Wort war noch nicht über seine Lippen, als er sich Flint entgegenwarf. Ja, er ließ sich einfach nach vorne kippen, vollführte mit dem linken Fuß einen Ausfallschritt, um nicht das Übergewicht zu verlieren, im selben Moment schickte er seine rechte Faust auf die Reise und ließ die linke sogleich folgen.

Seine Absicht war es, mit dieser Kombination den Gegner von der ersten Sekunde an kampfunfähig zu schlagen und ihn dann zu zertrümmern. Aber er hatte Flint unterschätzt. Flint duckte sich gedankenschnell. Die Fäuste pfiffen über seinen Kopf hinweg. Er drückte sich ab und rammte Benton die Schulter in den Leib. Zugleich landete er einen Haken mitten in Bentons Gesicht, den der Bursche mit einem wütenden und zugleich schmerzhaften Aufschrei quittierte. Blut sickerte aus seiner Nase, lief über seinen Mund und sein Kinn. Er versuchte sich rückwärtsgehend von seinem Gegner abzusetzen, um Distanz und Zeit zu gewinnen, aber Flint blieb dicht am Mann. Er schlug eine Doublette und traf Benton am Kinn und am Ohr. Die beiden Schwinger ließen den Kopf des Burschen von einer Schulter auf die andere fliegen.

In jeden seiner Schläge lag Flints Zorn auf diesen großspurigen Kerl, der in einer geradezu impertinenten Art und Weise versucht hatte, ihn um 1000 Dollar zu erpressen. Auch ein gewisses Maß an Enttäuschung über die Abfuhr, die ihm von Lydia Benton erteilt worden war, begleitete seine Treffer. Er brauchte ein Ventil, um Dampf abzulassen. Und jeder Hieb befreite ihn stärker von seiner Wut und der Verbitterung, die in ihm lebten und ihm zusetzten.

Doch Benton war hart im Nehmen. Vielleicht gab ihm auch der Gedanke an die 1000 Dollar Auftrieb. Jedenfalls gelang es ihm, sich mit einem kraftvollen Sprung zur Seite von seinem Gegner abzusetzen und Luft zu schöpfen. Und als sich ihm Flint wieder wild und ungestüm zuwandte, rannte er geradewegs in einen weiteren Fußtritt des gemeinen Burschen hinein.

Ein Gurgeln, das in einem Röcheln endete, brach aus Flints Kehle. Er beugte sich nach vorn und bekam Bentons Knie mitten ins Gesicht. Der Treffer richtete ihn auf. Blut rann aus seiner aufgeplatzten Lippe. Vor seinen Augen tanzten feurige Garben, seine Umgebung versank, und dann krachten zwei bretterharte Schwinger in seinen Magen und gegen seinen Kinnwinkel. Die beiden Treffer warfen ihn um. Er lag auf dem Bauch, seine Finger verkrallten sich im Boden, einige seiner Nägel brachen. Rasselnd ging Flints Atem.

Wie aus weiter Ferne vernahm er Stimmen. Sie erreichten nur den Rand seines Bewusstseins. Verbissen stemmte er sich gegen die Nebel der Benommenheit, die auf ihn zuzukriechen schienen.  Sein schmerzender Verstand hämmerte ihm ein, dass er wohl tatsächlich gegen diesen Sam Benton eine schmähliche Niederlage würde einstecken müssen. Fairneß kannte dieser grobschlächtige Bursche nicht. Er war aus gnadenloser Härte, Brutalität und Gewissenlosigkeit zusammengesetzt. Eine absolut tödliche Mischung.

Alles in Flint begann sich gegen die drohende Niederlage aufzulehnen. Mit unmenschlicher Willenskraft verhinderte er ein Abgleiten in die Besinnungslosigkeit. Er kam hoch auf die Knie. Ein nahezu dämonischer Selbsterhaltungstrieb riss ihn hoch. Mit dem Handrücken wischte er sich die Tränen aus den Augen. Er schüttelte den Kopf, um die Benommenheit zu vertreiben. Sein Blick erfasste Lydia Benton. Sie stand zwischen ihm und ihrem Schwager. Ein Stück weiter hatten sich einige Neugierige eingefunden. Ohne jede Anteilnahme oder sonstige Gemütsregung musterten sie ihn.

Jetzt schob Sam Benton seine Schwägerin einfach beiseite. Er stampfte auf Flint zu. Flint hatte ihm Schmerzen zugefügt, und das machte ihn rasend. Er wollte nur noch zerschlagen, vernichten und zerstören.

Flint war ziemlich angeschlagen. Aber er war noch nicht außer Gefecht gesetzt. Das musste Sam Benton nun schmerzlich erfahren. Er war sich seiner Überlegenheit sehr sicher - viel zu sicher. Und das machte ihn leichtsinnig. Er baute sich vor dem knienden Gegner auf und giftete: „Jetzt kriegst du den Rest, Banditenvater. Wie ich schon sagte: du wirst zum Postkutschendepot kriechen.“

Flint schlug zu. Seine Faust bohrte sich in den Leib Bentons. Der Schläger knickte in der Mitte ein, in diesem Moment drückte sich Flint hoch und rammte ihm den Kopf unter das Kinn. Unter Flints Schädeldecke explodierte der Schmerz, aber er blieb auf den Beinen. Benton hingegen wurde zurückgestoßen. Seine Zähne schlugen aufeinander, er knickte in den Knien ein, sein Kopf wackelte vor Benommenheit. Flint plazierte zwei Schwinger im ungedeckten Gesicht Bentons, dann bückte er sich blitzschnell, schlang seine Arme um Bentons Beine und riss sie ihm vom Boden weg. Brüllend schlug Benton mit dem Rücken auf. Und als der Oberkörper des Schlägers wieder hochruckte, knallte ihm Flint die Faust auf das bereits von seinem Kopfstoß malträtierte Kinn. Er traf genau den Punkt. Sam Benton fiel schwer zurück, seufzte, und streckte sich. Sein Atem ging stoßweise. In seinem Gesicht vermischten sich Blut und Schweiß.

Ringsum war Gemurmel. Lydia Bentons erregte Stimme erklang: „Das war alles andere als in meinem Sinne, Howard. Mein Schwager hat sich auf eigene Faust an Sie herangemacht. Noch einmal: ich will nichts von Ihnen. Vor Sam jedoch sollten Sie sich in acht nehmen. Er - ach was, Howard. Setzen Sie sich in die nächste Kutsche und fahren Sie wieder nach Hause. Irgendwie tun Sie mir sogar leid. Es muss schlimm sein für einen Vater, wenn er erfährt, dass sein Sohn ins Banditentum abgeglitten ist.“

Flint nickte und nahm seine Tasche. Das Gurgeln und Stöhnen Sam Bentons erreichte sein Gehör, rührte ihn aber keineswegs. Auch er hatte Federn lassen müssen. Und hätte sich Benton weniger überheblich und leichtsinnig gezeigt, dann läge sicherlich er jetzt an seiner Stelle am Boden, und er würde wohl tatsächlich als geschlagener Mann Wichita Falls verlassen.

Es gab für Flint nichts mehr zu sagen. Die Frau hatte ihren Standpunkt klar gemacht. Auf tauben Beinen verließ er diesen Platz. Blutig, angeschlagen, geschwächt und voll verbitterter Enttäuschung schritt er zur Main Street. Seine Füße hinterließen Schleifspuren im Staub.

*

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FLINT HOWARD MIETETE sich ein Zimmer. Er ignorierte den Rat Lydia Bentons, die Stadt mit der nächsten Kutsche zu verlassen. Die weite Reise hatte ihn ziemlich mitgenommen, und nach dem Kampf mit Sam Benton fühlte er sich wie eine hohle Nuss.

Er lag auf dem Bett und hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Blicklos starrte er hinauf zur Decke. Er sinnierte. Seine Gedanken drehten sich um Douglas. Immer wieder stellte er sich die Frage, was seinen Sohn auf die schiefe Bahn getrieben haben konnte. Hatte ihm der blutige Krieg den Glauben an das Gute, an Recht und Ordnung und an Gott genommen?

Er schreckte hoch, als jemand an die Zimmertür klopfte. Sofort dachte er an Sam Benton, und er nahm seinen Colt zur Hand. Ein zweites Mal wollte er sich diesen Mister mit der Waffe vom Leibe halten.

Flint öffnete die Tür. Den Mann, der ihm gegenüberstand, hatte er nicht nie vorher gesehen. Er trug einen Stern an der Brust, sein Gesicht war wie versteinert, seine Augen blickten ausdruckslos. Flint ließ die Hand mit dem Colt sinken. Der Deputy sagte: „Sie haben wohl unliebsamen Besuch erwartet, Howard. Aber keine Sorge. Benton liegt zu Hause und leckt seine Wunden, und  ich will Ihnen nicht ans Leder.“

„Was führt Sie zu mir?“, fragte Flint misstrauisch. Er rechnete nicht mit Freundlichkeit oder Entgegenkommen in dieser Stadt. Sogar der glatzköpfige Bursche unten hinter der Rezeption hatte ihm nur widerwillig ein Zimmer vermietet.

Der Deputy schürzte die Lippen. „Es gibt neue Nachricht von Ihrem Sohn, Howard. Hier ...“

Er hielt Flint eine zusammengerollte Zeitung hin. Flints Herzschlag beschleunigte sich. Sein Hals trocknete aus. Er griff nach der Gazette. Sie war eine Woche alt und stammte aus Lubbock.

„Ein Reisender hat sie in der Stagecouch liegen lassen“, erklärte der Deputy mit unbewegter Miene. „Sieht aus, als hätte ihr blutrünstiger Sprößling vor, den Krieg auf eigene Faust weiterzuführen.“

Flint las. Seine Zähne knirschten übereinander. In der Gazette wurde der Überfall auf die Bank von Tampico beschrieben. Es war wieder Blut geflossen. Die Äußerungen des Anführers der Bande waren wörtlich zitiert. Kraftlos sank Flints Hand nach unten. Die Zeitung entglitt ihm. Er taumelte zum Bett und setzte sich auf die Kante. Sekundenlang barg er das Gesicht in beiden Händen. Das alles mutete ihn an wie ein schrecklicher Alptraum - ein Alptraum, der zur grauenhaften Realität geworden war. Der Kampf, der sich in seinem Bewusstsein abspielte, war deutlich von seinen verkrampften Zügen abzulesen, als er jetzt den Gesetzeshüter anblickte. Als er sprechen wollte, versagten ihm die Stimmbänder zunächst den Dienst, schließlich aber würgte er hervor: „Ich werde morgen aufbrechen und mich nach Tampico begeben. Vielleicht gelingt es mir, die Spur der Bande aufzunehmen. Ich muss Gewissheit haben, ob es sich tatsächlich um Douglas handelt, der all diese scheußlichen Verbrechen ausgeheckt und durchgeführt hat. Ich - ich kann es einfach nicht glauben.“

Der Deputy lachte blechern auf. „Sie zweifeln daran?“, stieg es ungläubig aus seiner Kehle. „Gütiger Gott, Mann, Ihr Sohn wurde eindeutig identifiziert. Und bald schon wird es einen neuen Steckbrief von ihm geben, denn nach der blutigen Sache von Tampico wird er im Wert steigen. Ich schätze, dass man die Belohnung verdoppelt. Kopfgeldjäger und Staatenreiter werden sich bald auf seiner Fährte tummeln. Man wird ihn jagen wie einen tollwütigen Hund.“

Nach diesen mitleidlosen Worten bückte sich der Deputy nach der Zeitung. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, knurrte er düster: „Und sollten Sie am Ende irgendwo in der Schusslinie herumstehen, Howard, wird kaum jemand zögern, Sie zusammen mit ihrem Sohn aus den Stiefeln zu putzen. Denn dann wird man Vater und Sohn über einen Kamm scheren. Darum sollten Sie sich nicht auf die Suche nach Douglas Howard machen. Überlassen Sie das den Männern, deren Job es ist, Verbrecher zu fangen.“

Er machte kehrt und ließ Flint alleine mit all seinen nagenden Gedanken und Empfindungen, die sein Bewusstsein wie ätzende Säure durchdrangen und sich wie ein giftiger Stachel in sein Gemüt bohrten.

Am nächsten Tag verließ Flint die Stadt. Er hatte sich im Mietstall ein Pferd und die Ausrüstung für einen langen Ritt besorgt. Flint ritt nach Westen. Sein Ziel war Tampico.

*

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DAS WETTER HATTE UMGESCHLAGEN. Es regnete. Mond und Sterne waren hinter einer dunklen Wolkendecke verschwunden. Ein bretterharter Wind trieb peitschende Regenschauer schräg über das Land.

Die beiden Schlutter-Wagen rumpelten durch die Nacht. Jedes der Fuhrwerke wurde von vier Kaltblütern gezogen. Die Straße war aufgeweicht, tief sanken die Hufe der Pferde und die eisenumreiften Räder im Schlamm ein. Vor den Fuhrwerken ritten zwei Soldaten. Vier folgten dem Transport. Die gelben Halstücher und die Gesichter unter den Mützen waren nur helle Flecken in der Dunkelheit. Der Transport kam von Amarillo und war auf dem Weg nach Fort Sill im Indianerterritorium. Sie waren dem Salt Fork Red River gefolgt, bis dieser nach Süden abknickte, um an der Grenze zwischen Texas und dem Indianerterritorium in den Red River zu münden.

Die Männer waren in mürrisches Schweigen versunken. Die Soldaten auf den Böcken der Fuhrwerke ließen die Peitschen knallen. Die Achsen quietschten in den Naben. Die Gefährte waren kaum gefedert und so wurden die Männer auf den harten Sitzen durch und durch geschüttelt.

Im Norden buckelten Höhenzüge. Zu sehen waren sie von der Straße aus in dieser stockfinsteren Nacht nicht. Der Zug bewegte sich nach Osten. Rechterhand zog sich Wald. Am Waldsaum wucherte dichtes Gestrüpp. Der Wind strich klagend durch die Kronen und löste monotones Rauschen aus.

Einer der Soldaten vor der Kutsche fluchte, dann grollte sein Organ: „Dieses verdammte Dreckwetter. Ich bin durchnässt bis auf die Haut. Noch dreißig Meilen bis Fort Sill. Wenn es die ganze Zeit über regnet, dann holen wir uns den Tod.“

„Solche Aufträge lassen mich die verdammte Armee hassen!“, versetzte sein Kamerad. „Du hast recht. Eine Lungenentzündung ist wohl das mindeste, was wir uns zuziehen. Die ganze Zeit über war es heiß und trocken. Und nun, da wir uns auf dem Trail befinden, gießt es wie aus Kübeln. Und der verdammte Wind gibt uns den Rest.“

„Wir sollten unsere Zelte aufschlagen und campieren“, knurrte wieder der erste Sprecher. „Dann befänden wir uns wenigstens im Trockenen. Es ist mir ein Rätsel, weshalb wir nur in der Nacht ziehen sollen. Fürchtet der Lieutenant etwa Indsmen? Hier? Das ist lächerlich.“

„Wohl eher die Howard-Bande“, rief der andere in den Lärm hinein, den sie verbreiteten. „Douglas Howard hat uns Yankees den Krieg erklärt. Er will sich nicht damit abfinden, dass die Konföderation zerschlagen wurde.“ Der Kavallerist lachte fast belustigt auf. „Auch einer von jenen Patrioten, die unsere Jungs eines Tages standrechtlich erschießen oder schmählich aufknüpfen werden.“

In diesem Augenblick raunte im dichten Gebüsch am Wegrand eine vor Anspannung heisere Stimme: „Seid ihr bereit, Männer?“

Ebenso raunende, heisere Stimmen bestätigten die tödliche Bereitschaft der Männer, die hier im Hinterhalt lagen und deren Fäuste sich um die Schussbereiten Gewehre klammerten.

Die Soldaten in den blauen Uniformen hörten nichts. Die Geräusche ringsum gingen unter im Klirren der Gebissketten, im Rumpeln, Knarren und Ächzen der Fuhrwerke und im heulenden Wind, der die Wagenplanen schlagen ließ.

Eine Salve aus fast einem Dutzend Gewehre peitschte. Der bleierne Tod griff mit unbarmherziger Klaue nach den Soldaten. Die Mündungslichter rissen wie Blitze die schaurige Szene aus der pechigen Finsternis. Auf einem der Wagenböcke richtete sich der Kutscher auf. Seine Hände verkrampften sich vor dem Leib, langsam neigte sich die Gestalt vornüber, schwer stürzte sie zwischen die Sielen. Das Gespann hielt an. Auch der Kutscher des folgenden Fuhrwerks wurde vom Bock gefegt, und auch dieser Wagen kam von selbst zum Stehen. Die Sättel der beiden Pferde vor dem Transport waren leer. Die beiden Soldaten lagen sterbend im Morast. Die Tiere wieherten und stiegen erschreckt, und im nächsten Moment stürmten sie voll Panik davon.

Aus dem Pulk der Soldaten hinter den Fuhrwerken stieg bestürztes Geschrei. Einer von ihnen wurde vom Pferderücken gerissen. Die anderen sprangen ab und rannten in Deckung. Ein Pferd brach zusammen. Schlamm spritzte.

„Ausschwärmen!“, befahl im Wald eine wilde Stimme. „Macht sie fertig! In diesem Krieg gibt es keine Gefangenen!“

Irre Besessenheit schwang in den Worten mit. In den Büschen raschelte es. Hartes, metallisches Knacken lag in der Luft, als die Banditen ihre Gewehre durchluden. Dürre Äste brachen unter Stiefelsohlen. Schritte trampelten.

Die Soldaten, die von der ersten Salve nicht getötet worden waren, lagen am Straßenrand. Nur mühsam bezwangen sie ihre Panik. Sie hatten die Colts gezogen. Die Gewehre aus den Scabbards zu ziehen hatten sie nicht die Zeit gefunden. Es waren noch drei Mann, und das Grauen durchzog ihr Bewusstsein wie ein Atem des Todes. Mit der Intensität von Männern, nach denen der Tod bereits die knöcherne Faust ausstreckte, spürten sie das Verhängnis, das sich um sie herum zusammenzog.

Sie nahmen huschende Schemen war. Die Nacht verkündete Unheil. Die Finsternis schien voll Leben zu sein. Sie stand wie eine Mauer zwischen ihnen, umschloss jeden und machte jedem die Einsamkeit bewusst in der er sich trotz des engen Zusammenseins mit den Gefährten befand.

Und dann spielten ihre Nerven nicht mehr mit. Einer von ihnen begann auf die Schatten zu feuern, die ihm seine überreizten Sinne vorgaukelten. Und die anderen beiden folgten seinem Beispiel. Die Nacht war voll vom Dröhnen der Detonationen, vom Pfeifen der Geschosse und vom grässlichen Jaulen der Querschläger.

Die Banditen hielten unerbittlich auf die zuckenden Mündungsblitze. Geisterhafte Reflexe huschten über den Boden und die Front der Büsche. Es gab keine Gnade und kein Erbarmen. Es gab nur den Tod, und der war unersättlich in seiner Gier. Die Soldaten bäumten sich auf, ihre Lippen sprangen auseinander, ihre Todesschreie aber erstickten im Ansatz. Sie fielen übereinander. Die Echos der Schüsse verebbten und versanken schließlich im Rauschen des Regens und dem Heulen des Windes.

Gestalten schälten sich aus der Dunkelheit. Die Bande hatte Verstärkung bekommen. Sie zählte jetzt ein Dutzend Männer. Und jeder von ihnen war ein kaltblütiger Killer. Sie umringten die Fuhrwerke. Einer rief hohnlachend: „Fette Beute, Colonel. Wir haben es den blaubäuchigen Bastarden besorgt. Wetten, dass in spätestens einer Woche jedes Fort in Texas und im Grenzland in Alarmbereitschaft versetzt sein wird."

Zwei - drei andere stimmten in sein Gelächter ein.

Der Anführer des Rudels befahl: „James, Brad, ihr übernehmt die Wagen. Ihr anderen holt unsere Gäule. Wir bringen die Fuhrwerke in unser Camp. Der Regen wird unsere Spuren auslöschen.“

Zwei der Kerle kletterten auf die Wagenböcke und angelten sich die Leinen. Die anderen liefen in den Wald. Zweige peitschten. Schon bald kamen sie zurück. Sie führten ihre Pferde. Auf dem Weg saßen sie auf. Auch der Anführer stieg in den Sattel. Sie nannten ihn Colonel. Die Horde setzte sich in Bewegung. Die Abdrücke der Räder und Hufe im weichen Untergrund füllten sich mit Wasser. Ja, das Unwetter würde ihre Fährte auslöschen. Die Mörder verschwanden mit ihrer Beute in der Nacht.

Auf dem Weg regte sich der Mann, der in der Vierergruppe geritten war und den das Banditenblei gleich zu Beginn des Überfalls aus dem Sattel warf. Das Projektil steckte in seiner linken Schulter. Sein Arm war wie gelähmt. Der Schmerz wehte wie ein heißer Wind durch seinen Verstand, und als er versuchte, sich auf die Knie zu erheben, schien er in seinem Körper zu explodieren. Er brach sich Bahn aus seinem Mund in einem abgrundtiefen, gequälten Stöhnen. Still lag der Mann jetzt im Schlamm, aus dem die Kälte kroch und seine Kleidung durchdrang. Sein Hals war trocken. Sein Mund zitterte in den Winkeln heftig. Krampfhaft atmete er. Und er fragte sich, ob er der einzige Überlebende war. In der Ferne versickerte der Lärm, den die davonziehenden Banditen veranstalteten.

Der Regen prasselte auf ihn hernieder. Hier konnte er nicht liegen bleiben. Die Rebellion in seinem Innersten legte sich nach und nach. Und noch einmal bemühte er sich, hochzukommen. Sein Zahnschmelz knirschte. Er fühlte den pochenden Schmerz, der durch sein Gehirn raste und kämpfte verzweifelt gegen die Ohnmacht, die ihn in bodenlose Tiefen zu reißen drohte. In der Wunde pochte der Schmerz und eskalierte, als er sich hochstemmte. Es nötigte ihm alle Überwindung und all seinen Willen ab. Er stand schweratmend und schwankend wie ein Schilfrohr im Sturm, und es kostete ihm ungeheure Anstrengung, auf den Beinen zu bleiben. Doch ganz allmählich ließ der Schmerz nach und er entspannte sich.

Er taumelte vorwärts. Einmal stolperte er und nur im letzten Moment gelang es ihm, das Gleichgewicht zu bewahren. Durch die Dunkelheit sah er die länglichen, dunklen und regungslosen Bündel am Wegrand liegen. Es waren seine Kameraden. Er fiel bei ihnen auf die Knie. Seine Rechte tastete über sie hinweg. In keinem von ihnen steckte noch ein Funke Leben.

Der Mann kämpfte sich wieder auf die Beine. Er schluchzte trocken. Heiß stieg es in seiner Brust in die Höhe. Er taumelte weiter, strauchelte, fing sich, fand einen weiteren Toten, einen zweiten, und dann stieß er auf die beiden Männer, die an der Spitze des Transports geritten waren. Sie waren tot. Die Psyche des Soldaten wollte nicht mehr länger mitspielen. Aber er zwang sich, nicht die Beherrschung zu verlieren und hemmungslos zu heulen. In seiner Nähe war Hufestampfen. Er torkelte durch die Nacht. Regen peitschte sein Gesicht. Aus der Dunkelheit lösten sich die Konturen zweier Pferde. Die Tiere drängten sich ängstlich zusammen und peitschten nervös mit den Schweifen.

Es kostete dem Soldaten Mühe, in den Sattel zu klettern. Das Tier, das er sich ausgesucht hatte, scheute zurück, prustete erregt und warf den Kopf in den Nacken. Aber mit übermenschlichem Durchhaltewillen schaffte es der Soldat. Er ritt an. Die Lähmung in seinem linken Arm hatte sich gelöst. Er presste die Hand auf die Wunde. Mit der Rechten führte er die Zügel. Sein Oberkörper pendelte mit jedem Schritt des Pferdes vor und zurück. Und die Wunde meldete sich unablässig mit stechenden, anhaltenden Schmerzen.

*

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DAS CAMP DER BANDE lag mitten in den Wichita Mountains, etwa fünfzig Meilen tief im Indianerterritorium. Es handelte sich um ein unzugängliches, unwirtliches Gebiet, um öde, von der Sonne verbrannte Felswildnis, in der lediglich Klapperschlangen und Eidechsen ihr Unwesen trieben.

Sie brauchten mit den tonnenschweren Fuhrwerken vier Tage, um ihren Schlupfwinkel zu erreichen. Es war ein Felskessel, der von einem schmalen Bach in zwei Hälften zerschnitten wurde und der über zwei Zugänge verfügte. Es gab zu beiden Seiten des Baches genug Gras für die Pferde. Einige Hütten - grob zusammengezimmert - und einige zerschlissene Armeezelte standen ein Stück vom Bachlauf entfernt. In einem kleinen Corral, der zum Wasser hin offen war, tummelten sich ein halbes Dutzend Pferde. Einige Frauen zeigten sich. Auch sie waren Gescheiterte, Gestrauchelte, die in irgendwelchen Saloons oder Bordells arbeiteten und sich irgendwann den Banditen angeschlossen hatten. Der Hauch des Verruchten und der Sündhaftigkeit haftete ihnen an. Ihre Herzen waren tot, ihre Seelen abgestumpft. Sie ließen sich im Strom der Gesetz- und Rechtlosigkeit treiben und lebten wie die wilden Tiere nur in der Gegenwart. Ihre Vergangenheit war tabu, eine Zukunft gab es für sie nicht - zumindest keine, über die es sich nachzudenken gelohnt hätte.

Es gab auch einige Männer in dem Camp, die zur Bewachung zurückgelassen worden waren. Der Wachposten am Zugang in den Kessel hatte knapp gemeldet, dass alles in Ordnung gewesen sei. Die Ankömmlinge wurden mit lautem Hallo und übertriebenem Gejohle empfangen. Es war später Nachmittag und die Schatten wurden lang. Seit zwölf Stunden regnete es nicht mehr. Aus einer der Hütten trat ein Mann. Er trug noch die graue Hose der Südstaatenuniform. Auf seinem Kopf saß eine graue, abgegriffene Feldmütze. Überhaupt trugen viele der Banditen noch Teile der Uniform, in der sie für die Sache des Südens eingetreten und kläglich gescheitert waren. Der Bursche vor der Hütte  hatte sich das Gewehr auf die Schulter gelegt und hielt es am Lauf fest.

Der Colonel, ein großer, blondhaariger Mann mit eisigen, blauen Augen glitt vom Pferd und bewegte sich sattelsteif in Richtung des Mannes mit dem Gewehr. Locker schwangen seine Arme. Sein Handgelenk streifte bei jedem seiner Schritte den abstehenden Coltknauf. „Hallo, John“, wurde er begrüßt. Der Bursche mit dem Gewehr tippte lässig gegen das Schild seiner Mütze. „Ihr habt reiche Beute gemacht, wie? Ich sehe das Zeichen der U.S.-Army auf den Wagenplanen. Seid ihr den verdammten Yanks wenigstens ordentlich auf die Hacken gestiegen?“

Der Colonel, dessen Name John Logan war, blickte über die Schulter auf die erbeuteten Fuhrwerke. Männer und Frauen umringten sie. Erwartungsvolles Geschrei drang heran. Es erinnerte den Colonel an eine Schar Aasgeier, die sich auf einen warmen Leichnam stürzten. Aber auf solche Leute war er angewiesen. Diese Sorte war es, die ihm den Rücken stärkte und seine Pläne unterstützte.

Logan nickte und erwiderte: „Es war ein Versorgungszug, der nach Fort Sill unterwegs war. Wir haben Vorräte, Uniformen, fünfzig Henryguns, etwa zwanzigtausend Schuss Munition und eine Menge anderes brauchbares Zeug erbeutet. Zusammen mit dem Geld aus den Banküberfällen können wir langsam anfangen, eine große Mannschaft anzuheuern und auszurüsten. Und dann werden wir dort weitermachen, wo die dreckigen Jayhawkers Bill Quantrill gezwungen haben, aufzuhören. - Wie geht es meinem Freund Douglas?“

Der andere grinste höhnisch. „Wie soll es ihm schon gehen? Wie geht es einem, der weiß, dass er der am meisten gehasste Mann in ganz Texas ist, der aber nichts dagegen tun kann, weil er angekettet ist wie ein wildes Tier?“

Sie betraten die Hütte. Am Boden, dicht an der rückwärtigen Wand, hockte ein Mann. Seine Hände waren mit Handschellen gefesselt, deren Verbindungskette über seinem Kopf durch einen eisernen Ring, der fest mit der Wand verschraubt war, gezogen war. Sein blondes Haar war stumpf und schulterlang. Verfilzter Bart wucherte in seinem ausgemergelten, krankhaft bleichen Gesicht. Die blauen Augen blickten wie erloschen. Wie apathisch starrte er den beiden Kerlen entgegen.

Die Lippen John Logans sprangen auseinander, Häme prägte seine Züge, seine hohntriefende Stimme erklang: „Nicht mehr lange, Doug. Dann habe ich es nicht mehr nötig, unter deinem Namen Banken und Nachschubzüge der Yanks zu überfallen. Dann übergeben wir dich den Behörden und kassieren sogar noch die Belohnung, die sie auf dich ausgesetzt haben. Nach dem Überfall auf die Yanks wird sie sicherlich auf 3000 Bucks angehoben werden. Der Bankräuber und Mörder Douglas Howard wird der Vergangenheit angehören. Ich aber, und all die Männer, die auf mich hören, werden Texas dann verlassen haben, um irgendwo in Kansas oder Missouri in Quantrills Fußstapfen zu treten und die Ehre des Südens wieder herzustellen. Und wenn ich den Blaubäuchen einige Dinge blutig vergolten und genug Geld erbeutet habe, werde ich in unser schönes Texas zurückkehren, mich zur Ruhe setzen und unter meinem richtigen Namen als angesehener Mann leben.“

„Du bist verrückt, Logan“, krächzte Douglas. Seine Arme, die in den Handfesseln hingen, waren gefühllos. Die Handgelenke waren aufgescheuert. Douglas hatte die Hoffnung, der Bande zu entkommen, längst aufgegeben. Als General Lee in Appomattox kapitulierte, war er mit Logan und einer Handvoll Männer geflohen. Gemeinsam wollten sie Texas erreichen. Aber er hatte sich den falschen Männern angeschlossen. Logan war besessen von der Idee, den Yankees die Niederlage heimzuzahlen. Im Grunde seines Herzens war er immer schon ein Bandit gewesen. Die anderen schlossen sich ihm an. Douglas weigerte sich. Er wollte nach Hause auf die Ranch am Threadgill Creek. Er wurde überwältigt. Unter seinem Namen führte John Logan seine blutigen Raubzüge aus. Sein Ziel war es, eine kleine Armee aus Fanatikern zusammenzustellen.

Douglas fuhr fort: „Sobald ihr mich den Behörden übergebt werde ich auspacken. Und dann ...“

Logan lachte schallend auf. „Tod oder lebendig steht auf deinem Steckbrief, Amigo. Du wirst also sehr tot sein, wenn wir dich abliefern.“

Douglas‘ Augenlider zuckten sekundenlang wie im Fieber. Die Erkenntnis, dass sein Leben keinen Pfifferling wert war, überkam ihn wie eine furchtbare Flut. Ja, er und Logan sahen sich frappierend ähnlich. Der Plan des Banditen war von einer teuflischen Perfektion. Bis zu einem gewissen Punkt. Douglas sprach ihn an: „Okay, Logan, ihr werdet mich abliefern und man wird in Texas einen Schlusspunkt unter das Kapitel Douglas Howard setzen. Für die Behörden sind damit die Verbrechen, die du unter meinem Namen begangen hast, gesühnt. Aber du wirst neue Verbrechen begehen. Und dann kannst du nicht mehr meinen Namen missbrauchen. Es sind Verbrechen gegen Bundesgesetze, deren du dich schuldig machen wirst, wenn du auf die Armee losgehst. Auf deiner Fährte werden U.S.-Deputy-Marshals reiten, und diese Burschen interessieren sich für Staatengrenzen nicht im Geringsten. Deine Rechnung beinhaltet also einen gravierenden Fehler, wenn du denkst, dass du am Ende nach Texas verschwinden  und dich hier zur Ruhe setzen kannst.“

John Logan beugte sich zu Douglas hinunter. Er zeigte die Zähne, als er antwortete: „Mach dir meinetwegen nur keine Sorgen, Amigo. Ich bin clever, verdammt clever, und meine Absichten und Pläne sind bis ins letzte Detail durchdacht. Dass du ins Gras beißt hast du dir selbst zuzuschreiben. Hättest du mir - wie alle anderen auch -, Treue geschworen, würdest du mit uns Steigbügel an Steigbügel reiten und an meiner Seite unseren kleinen Privatkrieg gegen die Yanks gewinnen. So aber ...“

Logan richtete sich auf und zuckte fast bedauernd mit den Achseln. Er drehte den Kopf zu seinem Kumpan herum und knurrte: „Pass weiterhin gut auf ihn auf, Jeff. Einen Überfall ziehen wir noch durch. Es ist die Bank von Vernon, die wir hops nehmen wollen. Und dann beginnen wir, Gleichgesinnte zu rekrutieren. Es hängen genügend Burschen in Texas herum, die von der Hand in den Mund leben und heute noch nicht wissen, ob sie morgen genug zu essen haben. Diese Kerle werden uns zuströmen, und für ein gutes Handgeld werden sie bereit sein, in die Hölle zu reiten und den Satan am Schwanz zu zupfen.“

„Du kommst mit deinen Teufeleien nicht durch, Logan“, entfuhr es Douglas. „Am Ende deines Trails wird nicht ein ruhiger Lebensabend stehen, sondern ein Stück heißes Blei oder der Strick. Jeder Krug geht nur solange zum Brunnen, bis er bricht.“

John Logans Miene vereiste. Etwas Bösartiges schien ihn plötzlich zu umgeben. Wilder Ehrgeiz brannte heiß in seinen Augen. Seine ganze Haltung drückte rücksichtslose Arroganz aus. Klirrend gab er zu verstehen: „Selbst wenn deine Prophezeiung eintreffen sollte, Douglas: du wirst es nicht mehr erleben. Denn dann haben dich längst die Würmer aufgefressen. Und noch in vielen Jahren werden die Menschen in Texas deinen Namen verfluchen. Denn es ist der Name eines Killers. Mit Abscheu wird man sich deiner erinnern und beim Gedenken an dich angewidert ausspucken.“

Ruckhaft setzte er sich in Bewegung. Er stapfte aus der Hütte und schlug die Tür hinter sich zu. Es gab kein Fenster.  Düsternis senkte sich in den Raum. Nur durch einige Astlöcher oder Ritzen in der Tür und in den Wänden fiel das Sonnenlicht. Winzige Staubpartikel tanzten in den schrägen Lichtbahnen.

„Er ist tatsächlich übergeschnappt“, murmelte Douglas wie im Selbstgespräch. „Sein Fanatismus hat ihn um den Verstand gebracht. Sein Plan ist irrwitzig und auf der ganzen Linie zum Scheitern verurteilt. Willst du wirklich an seiner Seite für eine sinnlose Sache vor die Hunde gehen, Jeff?“

„Halt die Klappe!“, zischte der Bandit böse. „Ich sage es dir zum letzten Mal. Du kannst mich nicht auf deine Seite ziehen. Nicht für alles Geld der Welt. Dem Colonel in den Rücken zu fallen wäre einem Selbstmord gleichzusetzen. Und ich fühle mich noch zu jung zum Sterben.“

„Du wirst sterben, Jeff.“ Wie eine düstere Verheißung entrang es sich Douglas. „Und es wird ein ausgesprochen sinnloser Tod sein.“

„Ich habe dich gewarnt!“, schnappte Jeff Dawson und schlug zu. Seine Faust krachte gegen Douglas‘ Kinnwinkel. Hart schlug Douglas mit dem Hinterkopf gegen die Wand aus groben Stämmen. Eine Welle der Benommenheit überschwemmte ihn.

*

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FLINT HÖRTE IN ELLIOTT von dem Überfall auf den Versorgungszug der U.S.-Armee. Die Stadt lag nur einen Steinwurf weit von der Grenze zum Indianerterritorium entfernt, fünfzehn Meilen östlich von Vernon. Der verwundete Kavallerist hatte sich nach Altus, einer kleinen Ansiedlung in der Nähe der texanischen Grenze, durchschlagen können. Dort gab es einen kleinen Armeestützpunkt - Camp Altus -, und von dort aus ging die Nachricht von dem mörderischen hold up mit der Schnelligkeit eines Steppenbrandes durchs Land. Eine Patrouille ritt weit ins Indianerland hinein, aber der Regen war Verbündeter der Banditen gewesen, indem er ihre Spur auslöschte.

Eines aber war sicher: Die Spur führte ins Indianerterritorium. Dort verlor sie sich. Und die Wichita Berge boten tausend Möglichkeiten, um sich vor dem Gesetz zu verkriechen.

Flint verließ Elliott und zog nach Norden. Zwei Tage später erreichte er Altus. Es gab hier nur ein paar Häuser. Ein Comanchero, der mit den Indsmen Handel trieb, hatte die Stadt kurz vor dem Krieg gegründet. Die Overland Mail Company richtete eine Pferdewechselstation ein, denn an dem Handelsposten führte die alte Trailstraße vorbei, die in Little Rock, Arkansas begann, den südlichsten Zipfel des Indianerterritoriums Oklahoma streifte, sich schräg durch den Panhandle zog und über die unwegsamen Pässe der Sangre de Cristo Kette nach Westen bis Oregon und Kalifornien führte. Der eine oder andere Auswanderer war hier hängengeblieben, und so war die kleine Stadt entstanden. Zu ihrem Schutz und zur Sicherung des Trailweges hatte die Armee einen Posten eingerichtet. In dem Camp wollte Flint Erkundigungen einziehen.

Schon seit einiger Zeit wurde er das Gefühl nicht los, verfolgt zu werden. Er brachte sein Pferd in den Corral der Poststation, nachdem er es getränkt und versorgt hatte, dann ging er in den Saloon und bestellte sich ein Bier und etwas zu essen. Er saß so, dass er durch das große Frontfenster hinaus auf die Straße blicken konnte.

Flint aß mit gesundem Appetit. Ab und zu trank er einen kleinen Schluck von seinem Bier. Auf der Straße zeigte sich niemand, an dem der Staub eines langen Trails auf seiner Fährte klebte. Flint sagte sich, dass er sich den Verfolger wohl nur eingebildet hatte.

Flint verließ die kleine Ansiedlung und stiefelte zum Camp.  Es gab keine Befestigungen, keine Wälle und Palisaden. Lediglich Wachosten patrouillierten um die Ansammlung von Zelten, und diese Männer, die alle zwei Stunden abgelöst wurden, waren die Garanten gegen unliebsame Überraschungen von Seiten der Indianer, die irgendwo in der Weite des Oklahoma-Territoriums hausten. Flint sah zwei Reihen von Mannschaftszelten zu beiden Seiten der von Hufen zertretenen und von Wagenrädern zerfurchten Lagerstraße. Der einzige feste Bau war das Gefängnis beim Wachzelt. Ein fünf Yard im Quadrat messender, kastenähnlicher Adobebau mit einer eisenbeschlagenen Tür und zwei kleinen, vergitterten Fenstern. Am Ende der Lagerstraße befanden sich einige größere Zelte für die Offiziere und das Stabszelt für Lagebesprechungen. Zwei Kompanien Kavallerie, insgesamt nicht mehr als hundertzwanzig Soldaten, waren hier stationiert. Die Pferde und Maultiere, die zu jeder Kavallerieeinheit gehörten, wurden am westlichen Ende des Camps in großen Corrals gehalten. Am alles überragenden Fahnenmast hing schlaff das Sternenbanner.

Beim Stabszelt wurde Flint von einer Ordonnanz zurückgepfiffen, ehe er es betreten konnte. Der Soldat schritt schnell näher und herrschte ihn an: „Der Major führt eine Besprechung, Mister. Er will auf keinen Fall gestört werden. Was gibt es denn Wichtiges, das Sie hertreibt?“

Er fixierte Flint mit einer Mischung aus Geringschätzung und Misstrauen, aber auch Arroganz und Erhabenheit - jener Überheblichkeit, wie sie viele Uniformierte den Zivilisten gegenüber an den Tag legten. Flint bot in der Tat kein besonders vertrauenerweckendes Bild. Er glich eher einem Satteltramp als einem Mann, der eine große Ranch sein eigen nannte und eine große Cowboymannschaft beschäftigte. Seine Kleidung war staubig und zerschlissen. Staub und Schweiß bildeten eine Schmutzschicht in seinem hohlwangigen Gesicht. Auf Kinn und Wangen wucherten tagealte Bartstoppeln. Seine Lider waren entzündet, seine Augen gerötet.

Flint hielt dem einschätzenden Blick des Soldaten ruhig stand, er nagte sekundenlang an seiner rissigen Unterlippe, dann dehnte er: „In der Gegend treibt Douglas Howard mit seiner Bande sein Unwesen, Soldat. Eine Patrouille soll den Halsabschneidern weit ins Indianerland hinein gefolgt sein. Auch ich bin hinter der Bande her, vor allem hinter Howard. Darum wollte ich ein paar Fragen stellen, ehe ich mich auf den Weg mache.“

Der Kavallerist schob das Kinn vor. Schroff stieß er hervor: „Was sind Sie, Mister? Gesetzesmann oder Kopfgeldjäger oder haben Sie eine persönliche Rechnung mit Howard zu begleichen? Sie sind Texaner, ein Rebell wahrscheinlich, vielleicht sogar einer von denen, die irgendwann in Howards teuflischer Horde den Colt schwingt.“

Flint kniff die Augen eng. „Wie kommen Sie darauf, Mann?“

„Sie haben meine ersten beiden Fragen noch nicht beantwortet!“, schnarrte der Kavallerist.

Flint überlegte blitzschnell, wägte ab, kam zu dem Schluss, dass es vielleicht nicht von Vorteil war, wenn er sich als der Vater von Douglas Howard zu erkennen gab, und sagte: „Mein Name ist - Mathew Brady.“ Er benutzte einfach den Namen des Sheriffs von Hedwigs Hill, jener Stadt also, in deren Nähe er lebte. Er nickte. „Im weiteren Sinne vertrete ich das Gesetz. Ja, es ist wohl so. Wenn ich auch keinen Stern trage und keinen Eid auf die Verfassung abgelegt habe. Auf meine Weise verschaffe ich dem Gesetz Geltung.“

Ein abwehrender Zug huschte um den Mund des Soldaten. „Kopfgeldjäger also!“, brach es aus ihm heraus. „Ein schmutziger Job, Mann. Aber Sie sind nicht der erste dieser blutigen Spezies, die hier aufkreuzt. Allein gestern kamen zwei von Ihrem Schlage hier an. Sie sind weitergeritten nach Norden, denn man vermutet, dass sich Douglas Howard und seine Banditen in den Wichita Mountains verstecken. - Ich glaube nicht, dass der Major mit einem wie Ihnen sprechen wird.“

Flint ignorierte die geringschätzigen, geradezu beleidigenden Äußerungen des Burschen. Er hakte die Daumen in den breiten Patronengurt, der sich um seine Hüften schlang, und sagte dumpf: „Wie war das gemeint, Soldat, dass ich vielleicht irgendwann sogar in Howards Verein den Colt schwinge? Hat die Bande etwa solchen Zulauf?“

„Nun, die Banken von Wichita Falls und Tampico überfiel Howard jeweils mit einem halben Dutzend Banditen. In Tampico fielen zwei der Hundesöhne auf die Nase. Howard äußerte den Clerks gegenüber, dass der Krieg zwischen Nord und Süd noch nicht aus sei. Mit fünf Mann kann man aber keinen Krieg führen. Und der Soldat, der wie durch ein Wunder den Überfall auf den Nachschubzug überlebte, berichtete davon, dass der hold up von mindestens einem Dutzend Schuften ausgeführt wurde. Ja, es ist die Auffassung der Verantwortlichen, dass Howard mit seinen Überfällen den Boden für einen Privatkrieg gegen die U.S.-Armee bereiten will. Einen Guerillakrieg, der das Land in einen Strudel von Gewalt und Terror reißen soll. Alles deutet darauf hin. Und viele ehemalige Rebellen, die nicht wieder Fuß fassen konnten nach dem unseligen Krieg, werden sich ihm anschließen. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass kein einziger Texaner mit der Yankeebesatzung einverstanden ist, dass jeder dieser texanischen Rebellen die Auffassung vertritt, dass die Yankees ihm persönliches Unrecht zufügen und sein Land ausbluten lassen. Sie verfügen schon über einen sonderbaren Ehrenkodex diese Kerle aus dem Lone Star Staat.“

Flint schüttelte ungläubig den Kopf. „Sie reden Unsinn, mein Junge“, murmelte er schließlich. „Wir Texaner sind ebenso froh wie ihr Burschen aus dem Norden, dass das sinnlose Blutvergießen vorbei ist.“

Er hatte genug gehört. Langsam, fast schwerfällig, machte er kehrt. Es bedurfte keines Gespräches mehr mit dem Lagerkommandanten. Mit schleppenden Schritten kehrte er zurück in die Stadt. Was wusste er? Lediglich, dass die Bande im Indianerterritorium, wahrscheinlich in den Wichita Mountains, spurlos  verschwunden war. Alles andere waren Vermutungen. Er kannte seinen Sohn. Douglas hatte immer kühlen Verstand und Sachlichkeit bewiesen. Einen irrsinnigen Privatkrieg vom Zaun zu brechen war nicht seine Art. Sicher, Patrioten waren sie alle gewesen, die Burschen, die dem Ruf General Lees zu den Fahnen des Südens gefolgt waren. Aber Patriotismus und verbrecherischer Fanatismus waren zwei paar Stiefel.

Flint schüttelte für sich den Kopf. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr kam er zu dem Schluss, dass das alles, was an himmelschreiendem Unrecht geschehen war, nicht die Handschrift seines Sohnes trug.

Er beschloss, nach Norden in die Wichita Mountains zu reiten. Mehr denn je war er entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen und der Bande - in erster Linie ihrem Anführer, wer immer das auch sein mochte -, das blutige Handwerk zu legen.

Bei den ersten Häusern stockte Flints Schritt. Er glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Soeben verließ ein Mann die Pferdewechselstation. Über seiner linken Schulter hingen die Satteltaschen. In der rechten Hand trug er das Gewehr am langen Arm. Der Bursche war verstaubt und verschwitzt, und es war niemand anderes als Sam Benton, der Bruder des ermordeten Bankclerks, der ihm, Flint, in Wichita Falls mit brutaler Gewalt seinen Willen aufzuzwingen versucht hatte.

Er war also keiner Täuschung aufgesessen, als er glaubte, verfolgt zu werden.

Schnell trat Flint in den Schatten des Gebäudes zu seiner Rechten. Sein Blick folgte Benton, der jetzt schräg über die breite Straße stakste und auf das Hotel zusteuerte. Er verschwand in dem Gebäude. Flint wartete ab.

Eine halbe Stunde verstrich zähflüssig. Die Stagecouch rollte von Osten her in die Stadt. Zwei Reisende, die gekleidet waren wie Geschäftsleute, entstiegen ihr. Es waren große Männer in dunklen Anzügen und mit breitrandigen Hüten auf den Köpfen. Die Schösse ihrer Jacken bauschten sich dort, wo die Colts saßen. Sie trugen Gewehre und Reisetaschen. Es waren also alles andere als Geschäftsreisende. Düstere Ahnungen befielen Flint. Die beiden gingen hinüber zum Saloon.

Flints Aufmerksamkeit wurde auf das Hotel gelenkt, als Sam Benton wieder aus der Tür trat. Er hatte die Satteltaschen im Hotel gelassen. Das Gewehr hatte er am Mann. An seinem rechten Oberschenkel war das Holster mit dem langläufigen Colt festgebunden.

Auch Benton strebte dem Saloon zu. Flint verließ den Schatten, glitt bis zur Fahrbahnmitte und rief mit klirrender Stimme: „Hallo, Benton, falls du mich suchst - ich bin hier!“

Sam Benton hielt an, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen, dann aber schüttelte er die Lähmung ab, die in bannte, er schleuderte sich herum und duckte sich. Im Herumwirbeln hatte er die Henrygun an der Hüfte in Anschlag gebracht. Seine Finger drückten den Ladebügel nach unten, ihn wieder nach oben zu ziehen - dazu kam Benton nicht mehr.

In Flints Faust lag wie damit verwachsen der Colt. Unverrückbar und mit tödlicher Präzision deutete das kreisrunde, gähnende Mündungsloch auf Bentons Brust. Der Hahn der Waffe war gespannt. Ein Fingerdruck genügte, um Feuer, Rauch und Blei aus dem Lauf zu jagen.

Benton stand wie versteinert. Erst, als Flint sich in Bewegung setzte, richtete er sich aus seiner vorgebeugten Haltung auf. Er sicherte das Gewehr, blickte Flint mit verkniffenem Ausdruck entgegen, nahm die rechte Hand vom Schaft und ließ den linken Arm mit dem Gewehr hängen. Der Gewehrlauf deutete schräg zu Boden. Bentons Rechte tastete sich fast unauffällig an den Coltknauf heran. Der Bursche gewann seine Fassung zurück und rief grimmig: „Yeah, ich bin hinter dir her, hinter deinem Sohn - kurz gesagt hinter Howards!“ Er lachte amüsiert auf. „Man wird mich den Howard-Hunter nennen!“ Schlagartig wurde er wieder ernst. Seine Züge verzerrten sich gehässig. „Du hast mir eine schmähliche Niederlage beigebracht in Wichita Falls, und die Schmach will ich mit Blut abwaschen. Dein Sohn hat meinen Bruder ermordet - und das fordert Vergeltung. Das sind meine Gründe. Und ich denke, es sind gute Gründe.“

Ein trockenes, bellendes Lachen entrang sich Flint. Die Schmutzschicht in seinem Gesicht zerbrach. Fünf Schritte vor Sam Benton verhielt er. „Es geht dir weder um Schmach noch Vergeltung, Amigo, es geht dir nur um das Geld. Deine Habgier kennt keine Grenzen. Okay, Rücksichtnahme wäre fehl am Platze. Machen wir es kurz, Benton. Lass deine Waffen fallen, hol dein Pferd und verschwinde. Wenn ich dich in einer Viertelstunde hier noch antreffe, verlässt du auf Socken und in Unterhosen dieses Nest. Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?“

*

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DIE ATMOSPHÄRE GEWANN an Anspannung, Bentons stechende Augen zeigten eine unheimliche Drohung, die Luft auf der Straße von Altus schien mit Elektrizität aufgeladen zu sein.

Wie zum Sprung bereit stand Benton da. In seinen Zügen arbeitete es. Der lange und gewiss auch strapaziöse Ritt auf der Fährte Flints hatte seinem Gesicht Farbe verliehen und es kantiger und straffer werden lassen. Sein Mund verkniff sich in den Winkeln, er blaffte wütend: „Woher nimmst du das Recht, mich aus dieser Stadt zu weisen, Howard? Dieses Recht hat nicht einmal der Sheriff dieses Ortes, solange ich ...“

„Mit dem Recht dessen, der den Colt in der Hand hält!“, kam es brechend von Flint. „Du bist ein kleiner Gauner, Benton, eine miese Ratte, die einem Mann einer Handvoll Dollars wegen ein Stück Blei in den Rücken knallt. Darum will ich dich nicht länger hinter mir haben. Von der Viertelstunde, die ich dir gab, sind bereits drei Minuten vorbei. Du solltest dich sputen.“

Auffordernd winkte Flint mit dem Colt. Es lag etwas in seiner Stimme, das Benton den heißen Hass durch die Adern jagte. Und sein Jähzorn war schneller als der Verstand. Er zischte wie eine Schlange: „Fahr zur Hölle, du Narr!“ Gleichzeitig zuckte seine Rechte zum Colt.

Er war schnell, der Mann aus Wichita Falls. Und Flint zögerte einen Augenblick zu lange. Er war kein Mann der Gewalt. Als es an Bentons Hüfte aufblitzte, warf er sich zur Seite. Er glaubte den glühenden Strahl der 45er Kugel an seinem Ohr zu spüren. Die Detonation rollte brüllend die Straße hinauf und hinunter. Flint lag im Straßenstaub. Sam Benton stellte sich blitzartig auf das veränderte Ziel ein. Als er abdrückte, rollte Flint herum. Das Geschoss pflügte neben ihm die Fahrbahn und warf eine ganze Ladung Erdreich auf ihn.

Vor Sam Bentons angespanntem Gesicht, in dem die vor Mordlust flirrenden Augen dominierten, hing eine schwärzliche Pulverdampfwolke. Ungläubig starrte er auf den Mann am Boden, den er trotz der kurzen Distanz zweimal verfehlt hatte. Ein Zischlaut der Verblüffung quoll aus seinem Mund, und nun, als er direkt in die Mündung von Flints Sechsschüsser starrte, warf er sich herum. Seinem dritten Schuss wäre Flint auf jeden Fall zuvorgekommen. Mit langen, kraftvollen Schritten floh Benton über die Straße. Er wandte Flint den Rücken zu und dieser brachte es nicht fertig, abzudrücken.

Benton verschwand zwischen zwei Häusern. Flint hatte plötzlich das Empfinden, sich auf einem Präsentierteller zu bewegen. Blitzschnell, vom heißen Erschrecken dirigiert, kam er hoch. Im Zickzack rannte er auf die andere Straßenseite. Er hechtete hinter einen Tränketrog, als drüben Bentons Gewehr zu sprechen begann. Es knirschte, als sich zwei Kugeln in die Wand der Tränke bohrten. Wasser spritzte in weiten Fontänen aus den Kugellöchern, färbte den Staub dunkel und versickerte.

Die Tür des Saloons flog auf. Die beiden hochgewachsenen Männer in den dunklen Anzügen erschienen auf dem Vorbau. Beide hielten das Gewehr mit beiden Händen schräg vor der Brust. Sie glitten leichtfüßig auseinander und aus dem notdürftigen Schutz eines der Vorbaupfosten rief einer von ihnen mit schneidendem Tonfall: „Hier spricht U.S.-Deputy-Marshal Lester O’Neil. Wer immer es auch ist, der hier einen Kugelzauber veranstaltet - er soll waffenlos und mit erhobenen Händen auf die Straße treten.“

Sekundenlang herrschte atemlose Stille. Dort, wo sich Sam Benton verschanzt hatte, war der Pulverdampf vom schralen Wind zerpflückt worden. Flint lugte vorsichtig über den Rand der Tränke hinweg. Die wenigen Menschen, die sich auf der Straße befunden hatten, waren fluchtartig verschwunden.

Sam Benton schrie wild: „Du hast Glück, Howard. Die beiden Staatenreiter sind mir eine Nummer zu groß. Darum verschwinde ich. Aber du musst ständig mit mir rechnen. Du bist so gut wie tot, Mann!“

Sand knirschte unter Stiefelsohlen, Stiefelleder knarrte, die Geräusche versickerten und Flint erhob sich vorsichtig. Er forderte das Schicksal geradezu heraus, doch er sagte sich, dass sich Benton vor den Augen zweier Bundesmarshals keinen hinterhältigen Mord erlauben konnte.

Nichts geschah.

Flint umrundete den Tränketrog. Die beiden Deputys sprangen vom Vorbau und näherten sich. Sie bewegten sich geschmeidig, ließen ihre hellwachen Blicke springen, erreichten Flint, und während der eine von ihnen unablässig in die Runde sicherte, bohrte der andere seinen Blick in den des Ranchers, und dann sagte er düster: „Warum wollte ihnen der Mister mit dem Gewehr ans Leder, Mister?“

Flint holsterte seinen Colt. „Es ist eine persönliche Sache zwischen ihm und mir, Marshal“, versetzte er ausweichend.

Der Blick des Marshal schien ihn zu durchdringen, seine geheimsten Gedanken zu erforschen und zu analysieren und bereitete Flint schon fast körperliches Unbehagen. Lauernd kam es über die Lippen O‘Neils: „Er nannte Sie Howard, Mister. Auch wir sind eines Howards wegen in diesen Landstrich gekommen. Ist diese Namensgleichheit Zufall, oder ...“

„Finden Sie es selbst heraus, Marshal“, grollte Flints Organ. „Ich bin nicht verpflichtet, Ihnen Rede und Antwort zu stehen.“

Er drängte an Lester O’Neil vorbei und beschleunigte seine Schritte.

Die beiden Deputy-Marshals starrten aus engen Augenschlitzen hinter ihm her. Brian Winslow murmelte: „Wenn ich mir die Beschreibung von Douglas Howard in den Sinn hole und mir vorstelle, wie der Schuft in etwa fünfundzwanzig Jahren aussehen würde, dann ist diese Namensgleichheit sicher kein Zufall, Partner. Und ich verwette einen Monatssold gegen ein altes, verlaustes Hemd, dass der alte Knacker Douglas Howards Vater ist.“

In die Augen O’Neils trat Grübeln. Nachdenklich strich er sich mit Daumen und Zeigefinder über das glattrasierte Kinn. Plötzlich knurrte er: „Du magst recht haben, Brian. Nun, wir sollten den Oldtimer nicht mehr aus den Augen lassen. Vielleicht führt er uns zu Doug Howards Versteck.“

*

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FLINT RITT NACH NORDEN. Er war für den Trail in die Wildnis gerüstet. Es ging auf den Abend zu. Ringsum, soweit das Auge reichte, dehnte sich ödes, von der Sonne versengtes Land, Felsketten, sandige Hügel, ausgetrocknete Bachläufe und steinige Senken. Spärliche Büschel harten Galletagrases, Dornengestrüpp, Kreosot- und Mesquitebüsche waren die ganze Vegetation. Das staubige Band des alten Patrouillenweges, den Flint benutzte, schwang sich wie der geringelte Leib einer riesigen Schlange nordwärts und umging Bodenfalten und Gruppen von ausgewaschenen, von Wind und Regen zerfressenen Felsen.

Der Weg senkte sich, dann lag vor Flint eine weitläufige Ebene, die zu beiden Seiten von Hügelketten begrenzt war. Gleißender Sand floss von den Hängen hernieder. Hier und dort buckelten Felsbrocken in allen Größen aus dem Boden. Dazwischen wucherte dorniges Gestrüpp. Oben im Norden liefen diese Hügel zusammen und schlossen in einem weiten Halbkreis die Ebene ab.

Flint parierte das Pferd. Sein aufmerksamer Blick schweifte über das hügelige Terrain. In den Einschnitten war es schon düster. Sein sechster Sinn für die Gefahr meldete sich. Er nahm das Gewehr aus dem Scabbard, riegelte eine Patrone in den Lauf und legte die Waffe quer vor sich auf den Mähnenkamm seines Pferdes.

„Hüh, weiter!“ Flint ruckte im Sattel. Das Tier setzte sich schnaubend in Bewegung. Flint schaute über die Schulter zurück. Hinter ihm lag ein Gebiet aus zerklüfteten Hügeln und dunklen Kämmen. Weit im Süden glaubte er eine Staubwolke wahrzunehmen.

Flint zog das Pferd halb um die rechte Hand und trieb es einen Hügel hinauf. Geröll kam unter den Hufen ins Rutschen. Das Pferd stemmte sich verzweifelt gegen das Zurückgleiten. Flint saß ab und zerrte es an den Zügeln hinter sich her. Von der Kuppe aus hatte er einen weiten Ausblick in die Richtung, aus der er gekommen war. Ja, weit im Süden, wo die Staubwolke wallte, bewegten sich zwei dunkle Punkte. Grimmig kniff Flint die Lippen zusammen. Er brauchte nicht zu raten, um zu wissen, dass es sich um die beiden U.S.-Deputy-Marshals handelte. Wie Schweißhunde klebten sie auf seiner Fährte.

Und irgendwo vor ihm steckte Sam Benton, und der war von dem Willen, ihn zu töten, geradezu besessen. Der Tod war Flints ständiger Begleiter. Er war allgegenwärtig. Was ihn erwartete, wusste Flint nicht. Wenn er aber auf das Camp der Bande stieß, war es wahrscheinlich die Hölle.

Flint saß auf. Er lenkte das Pferd den Abhang hinunter. Wieder klackerten Steine in die Tiefe, kam der Untergrund ins Rutschen, hatte das Pferd alle Mühe, nicht mitgerissen zu werden. Wie Säulen stemmte es die vorderen Läufe gegen den Untergrund. Seine Flanken zitterten. Dann waren Pferd und Reiter fast unten. Das Tier brach auf der Hinterhand ein, als sich das Geröll unter seinen Hufen löste, reaktionsschnell sprang Flint ab - und das rettete ihm das Leben.

Eine Gewehrkugel pfiff über den leeren Sattel hinweg, schrammte über einen Felsblock und quarrte mit ohrenbetäubendem Lärm schräg zum Himmel. Die Detonation prallte in vielfältigen Echos heran, rollte den Abhang hinauf und verebbte. Flint hatte die Leinen sausen lassen und lag in der Deckung eines flachen Felsens. Der Heckenschütze befand sich irgendwo an der Basis der Hügelkette, die die öde Senke nach Norden begrenzte.

Flints Pferd kam in einer Wolke Staub am Fuß des Abhanges an. Es röchelte und röhrte. Die Leinen hingen zu Boden. Nervös tänzelte das Tier auf der Stelle.

Angestrengt starrte Flint an dem Felsen vorbei nach Norden. Die Düsternis nahm zu. Der rötliche Schein auf dem Land hatte sich in einen Grauton verwandelt.

Von Benton war nichts zu sehen. Entweder wartete er in aller Seelenruhe ab, bis er zu einem zweiten, besseren Schuss kam, oder er war nach seinem ersten Schuss sofort weitergeritten.

Flint setzte alles auf eine Karte und erhob sich. Er sprintete los, erreichte das Pferd und landete mit einem mächtigen Satz im Sattel. Hart hämmerte er dem Tier die Sporen in die Seiten. Das Tier streckte sich, und schon nach wenigen Yard preschte es in halsbrecherischer Karriere dahin. Flint jagte es nach Westen auf die Hügel und Felsen zu. Im dröhnenden Hufschlag gingen die beiden Schüsse, die der Heckenschütze im Norden auf ihn abfeuerte, unter.

Und dann war Flint in Sicherheit.

Sam Benton, der sich in einer Gruppe von mannshohen Felsen verschanzt hatte, fluchte lästerlich, als der Reiter zwischen den Hügeln untertauchte. Er lud durch. Eine leere Hülse wurde ausgeworfen und klimperte auf den Boden. Dort, wo Flint Howard zwischen den Anhöhen verschwunden war, stieß trommelnder Hufschlag über die Kuppen. Benton hatte es plötzlich sehr eilig. Der Bastard muss mit dem Satan einen Pakt geschlossen haben!, durchfuhr es ihn wie ein Stromstoß. Die Pest an seinen Hals!

Es wollte einfach nicht in seinen Kopf, dass er mit seinem  ersten Schuss, als der Reiter ahnungslos war und alle Mühe mit seinem Pferd hatte, keinen Erfolg erzielte. Er selbst hatte sich Flint gegenüber als Howard-Hunter - Howard-Jäger also -, bezeichnet. Und nun sah es ganz so aus, als wäre innerhalb eines Augenblicks aus dem Jäger der Gejagte geworden.

Benton rannte zu seinem Pferd. Er kletterte in den Sattel, löste vom Pferderücken aus die Leine von dem Ast, um den er sie geknotet hatte, zerrte das Pferd herum und floh nach Norden.

Die Dunkelheit nahm zu. Im Osten schob sich die Mondsichel über die Hügel. Sterne begannen zu funkeln. Irgendwo in der hereinbrechenden Nacht heulte ein Coyote mit schauerlichem Klang. Die Pferdehufe pochten. Manchmal hielt Benton an, um hinter sich zu lauschen. Schließlich hüllte die Nacht alles ein. Die Sträucher zu beiden Seiten gaukelten den überreizten Sinnen des hinterhältigen, habgierigen Burschen huschende Gestalten vor. Sein Herz schlug hinauf bis zum Hals.

Es mochte auf Mitternacht zugehen, als Benton das Pferd zwischen eine Gruppe von Felsen lenkte. Er lockerte den Bauchgurt des Sattels, knüpfte die Wasserflasche los und trank in durstigen Zügen. Zuletzt tränkte er das Pferd aus der Krone seines Hutes. Er war viel zu verausgabt, um Hunger zu empfinden. Benton hobbelte das Pferd, dann streckte er sich an der Basis eines der Felsen lang aus und schlief sofort ein...

*

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ALS DER MORGEN GRAUTE, erwachte er. Benton fühlte sich wie gerädert. Seine Muskeln und Sehnen waren total verspannt. Er verließ die Felsengruppe, lief hin und her und schaute sich um. Tot, wie ausgestorben lag die Umgebung vor seinem Blick. Ringsum wuchteten Felsgebilde aus der Erde. Nichts! Howard schien seine Spur verloren oder die Jagd aufgegeben zu haben. Benton atmete tief auf, als sich die Spannung in ihm löste. Ein Teil seiner blinden, skrupellosen Selbstsicherheit kehrte zurück.

Er wandte sich um, um zu seinem Pferd zu gehen. Da sprang ihn eine knarrende, misstönende Stimme an: „Wir beobachten dich schon eine ganze Zeit, Hombre. Du verströmst ziemliche Unruhe. Hast du einen auf der Fährte sitzen, der dir das Fell über die Ohren ziehen möchte? Vielleicht einen Mann mit einem Stern? Gehörst du etwa zu Douglas Howards schießwütigem Verein? Die Bande soll hier in der Gegend ihren Schlupfwinkel haben.“

In langen, heißen Wellen durchströmte schwindelerregender  Schreck den Mann aus Wichita Falls. Seine Wirbelsäule war steif geworden wie ein Stahlrohr, sein Herz hämmerte einen wilden Rhythmus gegen seine Rippen. Marionettenhaft hölzern  drehte er sich herum. Zwischen zwei der Felsen nahm er eine abgerissene Gestalt wahr. Der Fremde trug einen langen, zerschlissenen Staubmantel, hatte sich den durchschwitzten Hut tief in die Stirn gedrückt und zielte mit der Henry Rifle auf Benton.

Ein Stück weiter schob sich ein zweiter Mann um eine Felsnadel herum. Auch er war mit einem Staubmantel bekleidet, auch er wirkte heruntergekommen und verwahrlost, zwischen wucherndem Bartgestrüpp blitzten seine Zähne, in seinen Fäusten lag eine Sharps, ein Weitschussgewehr, mit dem man auf eine Meile Entfernung noch einen Büffel treffen konnte. Mit dieser Flinte konnte der Fremde ihn, Benton, auf diese knappe Distanz in der Mitte auseinanderschießen.

„Wer - seid - ihr – denn?“, ächzte er fassungslos, und seine Stimme klang brüchig. Der Schreck saß tief bei ihm. Er spürte einen Knoten im Hals, schluckte krampfhaft, vermochte aber den Kloß, der ihn würgte, nicht hinunterzuschlucken.

„Mein Name ist Collins“, stellte sich der Bursche mit der Henrygun vor. Er kam zwei Schritte näher. „Mein Freund dort heißt Joe Cummings.“ Seine Brauen schoben sich düster zusammen, und als er fortfuhr, klang seine Stimme zwingend und voll unüberhörbarer Drohung: „Raus mit der Sprache: gehörst du zu Douglas Howards Verein? Und versuch besser nicht, uns mit Lügengeschichten zu bedienen. Einer, der sich benimmt wie du, ist auf der Flucht. Wir kennen uns auf diesem Gebiet aus. Denn es ist unser Job, Kerle, die Dreck am Stecken haben und das Licht der Öffentlichkeit scheuen müssen, zu jagen, zu töten und beim nächsten Sheriff abzuliefern.“

„Ihr - ihr seid Prämienjäger“, krächzte Benton.

„Yeah, so kann man den Job, den wir verrichten, bezeichnen“, höhnte Joe Cummings, der Mann mit der Sharps. Auch er kam näher. Sie hatten Benton zwischen sich. Er war chancenlos gegen die beiden. Ein eiserner Ring schien sich um seine Brust zu legen und sie zusammenzuschnüren.

Er räusperte sich, hob die Hände und zeigte den beiden Kerlen die Handflächen. „Ich gehöre nicht zu Douglas Howard. Ich bin hinter ihm her. Aus demselben Grunde wie ihr. Ich will mir die Prämie verdienen. Sie dürfte zwischenzeitlich auf 3000 Dollar angestiegen sein.“

„Yeah. Und jeder Mann, der nachweislich zu seiner Bande gehört, ist tausend wert. - Wie ist dein Name, Mister?“

„Sam Benton. Ich komme aus Wichita Falls. Als die Howard-Gang die Bank in unserer Stadt überfiel, kam mein Bruder ums Leben. Ihn zu rächen ist ein weiterer Grund, mir Douglas Howard und seine Höllenhunde vor das Eisen zu holen.“

Seine Sicherheit war zurückgekehrt. Was er sagte, hinterließ bei den beiden Kerlen, denen die Verworfenheit in die Gesichter geschrieben stand, Eindruck. Nachdenklich fixierten sie ihn. Schließlich ließ Jack Collins sein misstönendes Organ erklingen: „Das hört sich nicht an, als hättest du es dir aus den Fingern gesaugt, Hombre. Es beantwortet aber nicht unsere Frage danach, ob du verfolgt wirst. Du verströmst die Rastlosigkeit des Gehetzten. Wie ich schon sagte: wir kennen uns aus auf diesem Gebiet, wir wissen die Reaktionen eines Mannes zu deuten.“

„Ja“, murmelte Benton, der die Chance sah, die beiden Kopfgeldjäger vor seinen schmutzigen Karren zu spannen, „ich werde verfolgt. Bevor ich euch aber sage, wer mir auf den Hacken sitzt, beantwortet mir eine Frage: was haltet ihr davon, wenn wir zusammen reiten, solange wir von denselben Interessen geleitet werden?"

Die beiden warfen sich fragende Blicke zu, Joe Cummings befeuchtete sich die Lippen mit der Zungenspitze, er ließ das Gewehr sinken und kratzte sich am Hals. Staub rieselte von seinen Schultern. Er nickte plötzlich. Und Jack Collins sagte: „All right, Benton. Drei Gewehre sind besser als zwei, und sechs Augen sehen mehr als vier. Wer also sitzt dir im Genick?"

„Haltet euch fest“, stieß Sam Benton hervor. „Es ist Flint Howard, der Vater des Wildes, das wir jagen wollen. Er - nun, ja, er ist auf der Suche nach seinem Sohn.“ Er lachte zynisch. „Wahrscheinlich will er ihm eine Standpauke halten und ihm ins Gewissen reden. Was weiß ich. Jedenfalls gerieten er und ich uns in die Wolle. In Altus musste ich dem alten Narren sogar einige Stücke heißes Blei um die Ohren knallen, um ihn von meiner Fährte fernzuhalten. Aber er lässt sich nicht abschütteln. Und gestern Abend lauerte ich ihm auf. Allerdings hatte der alte Aasgeier mehr Glück als Verstand. Meine Kugel ging fehl, und einen zweiten, gezielten Schuss ließ er mir nicht.“

Der Ausdruck von Überraschung, Unglaube und Zweifel bot ein Wechselspiel in den Mienen der beiden Kopfgeldjäger, sie wechselten vielsagende, bedeutungsvolle Blicke, starrten wieder auf Benton, als hätte dieser etwas völlig Unsinniges von sich gegeben, und erst nach einer ganzen Zeit presste Collins zwischen den Zähnen hervor: „Wenn du uns auf den Arm zu nehmen versuchst, dann lass dir gesagt sein, dass wir absolut keinen Spaß verstehen. Du spielst mit deinem Leben, Hombre.“

Er spuckte aus.

Da erklang es über den dreien von einem der Felsen; hart, klar und scharf: „Es ist so, wie er sagt, Freunde. Ich bin tatsächlich der Vater des Mannes, auf den heruntergekommene Subjekte wie ihr mit behördlicher Sanktion eine Hetzjagd veranstalten dürfen. In einem Punkt jedoch hat euch der gute Sam angelogen. Nicht ich war hinter ihm her, sondern er hinter mir. Denn er vermutet, dass ich einen größeren Geldbetrag mit mir herumschleppe. Er hat gestern Abend versucht, mich aus dem Hinterhalt abzuservieren. Als es ihm misslang, ergriff er die Flucht. Sicher, ich suchte nach ihm. Und dabei stieß ich vorhin auf eure Pferde. Das mahnte mich zur Vorsicht. Also schlich ich mich an.“

In Bentons Augen trat ein gehetzter Ausdruck.

Joe Cummings wirbelte fast ansatzlos herum und ging auf das linke Knie nieder. Als er aber sah, dass der Mann auf dem Felsen das Gewehr auf ihn angeschlagen hatte, ließ er die Sharps sinken und verharrte in seiner knienden Haltung.

„Und nun?“ Jack Collins zeigte zwar heftiges Erschrecken, behielt seine Empfindungen aber eisern im Griff und gab sich furchtlos und unverfroren. „Willst du uns jetzt erschießen?“

„Ihr beide seid mir egal“, versetzte Flint kühl. „Also haut ab. Mit dir, Benton, werde ich mich befassen, wenn die beiden weg sind. - He, ihr beiden, nehmt ihm die Waffen ab. Ich schenke sie euch. Und dann verduftet. Ein Stück hinter mir kommen zwei U.S.-Deputy-Marshals. Und diese Kerle lassen sich nicht gerne von Figuren wie euch ins Handwerk pfuschen. Ihr solltet den beiden aus dem Weg gehen.“

Jack Collins nickte. Er sicherte sein Gewehr und legte es sich auf die Schulter. „In diesem Fall ist mir das Hemd näher als die Jacke, darum tue ich, was du verlangst, Howard.“ Er winkte seinem Gefährten, und dieser richtete sich auf. Collins trat hinter Benton. „Tut mir leid, Benton, aber es sollte wohl nicht sein, dass wir Partner wurden.“

Benton zog die Schultern an als fröstelte ihn. Seine Hand schlich zum Holster. Collins zischelte dicht bei seinem Ohr: „Halt still, du Narr, und lass mich deinen Colt herausziehen.“

Er langte nach dem Griff von Bentons Sechsschüsser und rief: „Halt nur still, Howard. Mein Partner und ich haben nichts gegen dich. Wir tun haargenau das, was du verlangst.“

Er zog das Schießeisen aus dem Holster. Und dann spielte sich alles mit rasender Schnelligkeit ab. An Benton vorbei feuerte er mit dessen Colt auf Flint. Joe Cummings hechtete flach auf den Boden, riss den Kolben der Sharps an seine Schulter. Die Waffen brüllten auf. Flint hatte augenblicklich reagiert. Sein Instinkt hatte ihn gewarnt. Und so verschenkte er den Sekundenbruchteil, der zwischen Erkennen und Reagieren liegt, nicht.

Sein Geschoss fauchte schräg nach unten. Es schlug den Staub aus Collins Mantel. Benton war inmitten der peitschenden Schüsse wie gelähmt, jeglichen Gedankens beraubt, er konnte nicht einmal Angst empfinden. Er sah Jack Collins fallen und konnte es verstandesmäßig gar nicht so schnell verarbeiten, wie auch eine Kugel einen Schlussstrich unter das Leben Joe Cummings‘ zog.

Auf dem Felsen richtete sich Flint auf. Die Sonne, die sich über den östlichen Horizont geschoben hatte, traf auf seinen Rücken. Sein Schatten fiel in die Tiefe und über Sam Benton. Der hautnah erlebte Tod brachte dessen Nerven zum Schwingen. Zu seinen Füßen lag reglos Jack Collins. Kalte Grabesluft schien ihn anzuwehen. Er erschauerte.

Flint sprang von dem Felsen. Geschmeidig federte er in den Knien, als er mit beiden Beinen gleichzeitig landete. Er trat vor Benton hin und sagte ohne jeden Unterton: „Es war umsonst, Benton. Ich habe nämlich das Geld nicht mehr bei mir. Ich habe es auf ein Konto bei der Bank in Wichita Falls eingezahlt - ein Konto, das ich auf den Namen deiner Schwägerin eingerichtet habe. Die Zeit heilt Wunden. Sie wird über den Verlust ihres Mannes eines Tages hinwegkommen. Und um ihr und ihren Kindern dann einen neuen Start ohne finanzielle Sorgen zu ermöglichen, habe ich den Friedensrichter mit der Verwaltung des Geldes beauftragt. Kehr um, Benton, reite nach Hause und danke Gott, dass du noch lebst. Das ist meine letzte Warnung. Beim nächsten Treffen wirst du so tot sein wie die beiden Dummköpfe da. Hol dein Pferd und verschwinde.“

Wortlos, noch ganz im Banne des Geschehenen stehend, setzte sich Sam Benton in Bewegung. Flint folgte ihm zwischen die Felsen. Er nahm Bentons Gewehr an sich und zerschlug es an einem Felsen. Er beobachtete, wie Benton aufsaß. Ehe Benton aber anritt, wiederholte er: „Vergiss es nicht, Benton. Fordere das Schicksal nicht noch einmal heraus. Sollten sich unsere Wege noch einmal kreuzen, mache ich kurzen Prozess.“

Benton ritt davon. Flint blickte hinter ihm her, bis er zwischen den Hügeln im Süden verschwand. Er durchsuchte die Taschen der beiden Kopfgeldjäger. Er fand den Steckbrief von Douglas. Das Papier war noch nicht vergilbt und abgegriffen, die Buchstaben zeichneten sich scharf und unverwaschen auf dem weißen Hintergrund ab. Der Steckbrief war noch keine drei Tage alt. Flint las, dass sein Sohn jetzt 3000 Dollar wert war.

Es löste ein Gefühl in ihm aus, als bohrte sich ihm blanker Stahl zwischen die Schulterblätter.

*

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FLINT HOLTE SEIN PFERD und die Pferde der beiden Toten. Dann machte er sich daran, die beiden toten Kopfgeldjäger zu begraben. Zu seiner Campausrüstung gehörte ein kurzer Klappspaten, wie ihn auch die Armee als Schanzwerkzeug benutzte. Als die Grube tief genug war, legte er die beiden hinein. In diesem Moment tauchten die beiden Marshals zwischen den Felsen auf.

Flint wischte sich den Schweiß von der Stirn und aus den Augenhöhlen und stieg aus der Grube. Zwei Schritte vor ihm verhielten sie die Pferde. O’Neil verschränkte seine nervigen Hände über dem Sattelknauf, setzte sich etwas bequemer zurecht, sein Schnurrbart hob sich etwas, als er den Mund öffnete, um zu sprechen. Er sagte kehlig und gedehnt: „Sie sind ein Mann, der keine Kompromisse eingeht, Howard, nicht wahr? Uns ist dieser Sam Benton begegnet. Er hat uns alles berichtet. Er ist wohl nicht der Mann, der einen rauen Feldzug gegen eine Horde kaltblütiger Killer wie Ihren Sohn und seine Renegaten durchhält. Als er auf uns traf, war er nur noch ein Nervenbündel.“

Flint begann, Erdreich auf die beiden reglosen Gestalten in der Grube zu häufen. Er sagte, ohne in dieser Arbeit innezuhalten: „Howard war es, der in Altus auf mich schoss, und gestern Abend wollte er mir mit einem feigen Schuss aus dem Hinterhalt einen Freifahrtschein in die Hölle verschaffen. Als ich ihn heute Morgen stellte, waren diese beiden zwielichtigen Typen bei ihm. Ich belauschte kurze Zeit ihr Gespräch, und sie waren drauf und dran, eine Partnerschaft einzugehen. Nun, die beiden Kerle hier versuchten, mich hereinzulegen. Im Endeffekt war ausschlagend, wer von uns die berühmte Zehntelsekunde schneller war.“

„Die beiden sind uns nicht unbekannt“, murmelte Brian Winslow. Auch er stemmte beide Arme auf das Sattelhorn. „Es sind Jack Collins und Joe Cummings. Sie haben Männer der harten Dollars wegen gejagt und ohne viel Federlesens getötet. Früher  arbeiteten sie in Arizona als Skalpjäger, als die Regierung Prämien für Indianerskalps bezahlte. Es waren nicht nur Apachenskalps, die sie abzogen. Ich möchte nicht wissen, wieviele Mexikaner von ihnen getötet wurden. Jedenfalls ist es wohl so, dass die beiden Schufte den Tod verdient haben.“

„Dann muss ich mir ja keine Gewissensbisse machen“, versetzte Flint lakonisch und warf ein Spatenblatt voll Erde in die Grube.

Die beiden beobachteten ihn mit lauerndem Ausdruck. Flint nahm kaum noch Notiz von ihnen. Mit stummer Verbissenheit arbeitete er. Dann wölbte sich ein flacher Hügel über dem Doppelgrab. Flint säuberte den Spaten notdürftig mit einem flachen Stein und verstaute ihn in seinem Sattelpacken.

Lester O’Neil ließ seine Stimme erklingen: „Wir wissen, dass Sie der Vater Douglas Howards sind, Mister. Und weil das so ist, würden wir Ihnen gern ein paar Fragen stellen.“

Die Linien, die sich von Flints Nasenflügeln bis zu seinen Mundwinkeln zogen, vertieften sich. Über den Rücken seines Pferdes hinweg musterte er die beiden abweisend, mit kühler Distanz im Blick. „Ich werde wohl keine eurer Fragen beantworten können, Gents“, erwiderte er schleppend. „Was ich von Douglas weiß - besser gesagt - was ich von dem weiß, was man meinem Sohn anlastet, ist auf dem neuesten Steckbrief nachzulesen. Und weil all die Schandtaten, die Douglas begangen haben soll, nicht seinem Charakter entsprechen, werde ich erst ruhen, wenn ich Licht in das Dunkel gebracht habe, von dem er umgeben ist.“

„Oder wenn Sie mit einer Kugel im Kopf den langen Trail angetreten haben“, fügte Brian Winslow sarkastisch hinzu.

Flint nickte. „Oder wenn ich mit einer Kugel im Kopf vor die Hunde gehe“, bestätigte er lakonisch.

„Sie sind für mich ein Mann voller Rätsel, Howard“, murrte Lester O’Neil. „Ein bemerkenswerter Mann, der kaum zu durchschauen ist. Wissen Sie wirklich nichts von Ihrem Sohn? Hat er nie nach Hause geschrieben? Brachte gegebenenfalls keiner seiner Briefe zum Ausdruck, dass er nach Lees Kapitulation ...“

„Nein!“ Schroff schnitt Flint dem U.S.-Marshal das Wort ab. „Ich beschäftige auf meiner Ranch eine große Cowboymannschaft. Zwei der Männer dienten zusammen mit Douglas in derselben Einheit. Ihr Zugführer hieß John Logan. Bei Appomattox wurde die Südarmee regelrecht aufgerieben. Wer nicht im Granat- und Kugelhagel der Yanks starb, marschierte entweder in die Kriegsgefangenschaft, oder er setzte sich ab, was allerdings den wenigsten gelang. Bei Appomattox wurde mein Sohn das letzte Mal lebend gesehen.“

„Sie glauben nicht an seine Schuld, wie?“, fragte Brian Winslow gedehnt.

„Ich habe starke Zweifel“, verbesserte Flint. „Sollte er aber schuldig sein, dann werde ich der erste sein, der alles daransetzt, um ihm das blutige Handwerk zu legen. Dessen seien Sie versichert, Gentleman.“

„Well, Howard, wir werden jetzt weiterreiten. Wenn Sie sich uns anschließen möchten. Wir haben sicher nichts dagegen einzuwenden.“

Flint schüttelte den Kopf. „Diesen Trail will ich alleine ziehen“, murmelte er lahm.

Ohne noch ein Wort zu verlieren trieben die beiden Staatenreiter ihre Pferde an. Schon bald entzogen die Felsen sie Flints Blick. Der Hufschlag wurde leiser und leiser und verebbte schließlich.

Auch Flint verließ den Platz. Es gelang ihm nicht, sich von seinen quälenden Gedanken zu befreien. Es entzog sich Flints Vorstellungskraft, dass Douglas zu einem eiskalten Mörder geworden sein konnte. Was aber würde sein, wenn es so war? Der Gedanke daran war schrecklich, und Flint fürchtete sich davor, ihn weiterzuführen - diesen Gedanken, an dessen Ende etwas Dunkles, Unheilvolles stand.

Unbeirrbar zog er nach Norden. Der Tag verging, die Nacht verbrachte er an einem schmalen, namenlosen Flüsschen, und im Laufe des Vormittags ritt er in das Labyrinth aus Felsen und Schluchten der Wichita Mountains.

Flint hatte keine Ahnung, dass ihn nur fünf Meilen von seinem Sohn trennten. Und in dem Felsenkessel, den die Bande als Schlupfwinkel benutzte, herrschte Aufbruchstimmung. Pferde wurden gesattelt und gezäumt, Gewehre und Colts einer letzten Kontrolle unterzogen, Deckenrollen festgeschnallt. John Logan gab den Befehl zum Aufsitzen. Sechs Banditen schwangen sich auf die Pferde. Der Rest der Bande und die Frauen standen herum. Brandyflaschen kreisten. Vor der Hütte, in der Douglas gefangen gehalten wurde, stand der Wachposten mit dem Gewehr in den Fäusten. Die beiden Schlutter-Wagen, die die Bande unter Einsatz irrer, grenzenloser Brutalität erbeutet hatte, standen abseits an einer Felswand.

„Auf nach Vernon!“, schrie John Logan, und sein erhobener Arm senkte sich, wies nach Süden, wo die Stadt jenseits des Red River am Rande der Berge lag. Er spornte sein Pferd an.

„Hals- und Beinbruch!“, brüllte einer der zurückbleibenden Banditen, dann setzte er sich die Flasche an die Lippen und schüttete den Brandy wie blankes Wasser in sich hinein.

Der Trupp näherte sich im Trab der engen Schlucht, die aus dem Talkessel führte. Der Wachposten winkte ihnen grinsend zu. Dann nahm sie die Bergwelt auf.

Der Bursche, der Douglas bewachte, kehrte in die Hütte zurück. Dreimal täglich durfte Douglas sein Gefängnis verlassen, um seine Notdurft zu verrichten, um sich am Bach zu waschen, um sich die Beine zu vertreten. Auch zum Essen wurde eine seiner Handschellen aufgeschlossen. An diesem Morgen hatte er sich wieder einmal rasieren dürfen. Eine der Frauen hatte ihm die Haare geschnitten. Ihr Name war Lana. Sie war jung, hübsch und sie passte nicht hierher. Das war Douglas zwischenzeitlich klar geworden. Irgendein unseliges, ungnädiges Schicksal hatte sie hierher verschlagen. Vielleicht war sie auch nur der Not gehorchend mit einem der Outlaws in die Berge gegangen.

Jetzt brachte sie Douglas das Frühstück. Der Wächter - sein Name war Ben -, öffnete die Fessel an Douglas‘ rechtem Handgelenk. Dann wandte er sich Lana zu, die zwischen der Tür und dem Tisch stehengeblieben war. Auf dem Tablett, das sie trug, stand eine verbeulte Blechtasse voll dampfendem Kaffee, auf einem Teller befand sich Rührei, daneben lag eine dicke Kante Brot.

„Du sorgst ja für unseren Freund Douglas wie eine Mutter für ihren Säugling, Honey“, scherzte der Bandit und grinste anzüglich. „Sei nur vorsichtig, und lass es John nicht merken, dass du dich in diesen kleinen Dummkopf vergafft hast.“

„Wer sagt dir denn, dass ich mich in Howard verknallt habe, Ben. Dass ich mich etwas um ihn kümmere bedeutet nichts - gar nichts. Er ist unser Feind. Ja, und wenn es ihm gelänge, zu fliehen, würde er uns ohne mit der Wimper ans Messer liefern. Setze also keine Gerüchte in die Welt, die erstunken und erlogen sind und die mir mächtigen Ärger bescheren können, Ben.“

Zwingend und ohne jede Freundlichkeit starrte sie den Banditen an. Dieser verzog den Mund. Sein anzügliches Gegrinse war erloschen. Er stieß hervor: „Ja, er ist unser Feind. Und wenn der Colonel in ein paar Tagen zurückkehrt, wird er ihn dafür, dass er uns in den Rücken fallen wollte, mit dem Tode bestrafen. Es herrscht nach wie vor Krieg. Bei der regulären Armee werden Deserteure und Befehlsverweigerer erschossen. Genauso werden wir es mit Howard handhaben.“

Er nickte wiederholt, als wollte er damit seinen Worten Nachdruck verleihen, dann trat er zur Seite. Lana trug das Tablett vor Douglas hin. Aus unergründlichen Augen sah sie in sein Gesicht. Der Blick, der sich in den seinen bohrte, strafte ihre Worte von eben Lügen. Ein sanftes, fast wehmütiges Lächeln huschte um ihren vollen Mund. „Iss“, forderte sie ihn mit leiser Stimme auf. „Du musst bei Kräften sein ...“

Sie ging nach dem letzten Wort mit der Stimme nicht herunter, und Douglas begriff, dass es nur der Beginn eines Satzes war, den sie aber wegen der Gegenwart Bens nicht zu Ende sprechen konnte.

Fragend sah er sie an. Sie stellte das Tablett auf seinen ausgestreckten Beinen ab. Einen Schritt hinter ihr stand Ben. Er schaute misstrauisch. „Was redest du da?“, giftete er. „Wofür muss er bei Kräften sein?“

Lana erhob sich und nahm Front zu dem Banditen ein. „Wenn ihn der Colonel vor das Erschießungskommando stellt“, dehnte sie. „Er will ihn doch in aller Form erschießen lassen. Das sagtest du doch eben selbst. Oder habe ich mich verhört?“

„Verschwinde!“, zischte Ben wütend. „Und lass dich erst wieder sehen, wenn er sein Mittagessen bekommt. Schick mir Jeff her, damit er mich ablöst. Auch ich will frühstücken.“

Lana verließ die Hütte. Douglas aß. Dazu schlürfte er den heißen Kaffee. Die Kette, in der nach wie vor sein linker Arm hing, klirrte manchmal. Er dachte über Lanas hintergründige Worte nach. Wollte sie ihm helfen? Hatte sie sich entschlossen, das Banditencamp zu verlassen und ihn mitzunehmen. Tatsache war, dass jeder, der in dem Camp lebte, ob Mann oder Frau, Gefangener war. Nicht gefangen wie er - nein, gefangen von dem System, das John Logan aufgebaut hatte. Wer abzuspringen versuchte, war dem Tod geweiht. Denn er stellte eine Gefahr für die anderen dar.

Jeff Dawson kam und löste Ben ab. Ben gab ihm die Handschellenschlüssel, die Dawson in der Hosentasche versenkte. Der Bandit setzte sich halb auf den Tisch, schlug die langen Beine übereinander, stemmte die Arme in die Seiten und feixte: „Fang an zu beten, Douglas. Drei, vier Tage, dann wirst du tot sein. Lass dir aber deswegen den Appetit nicht verderben. Wir alle müssen eines Tages sterben.“

„Sicher“, murmelte Douglas kauend, „und an Johns Seite wird auch für euch dieser Tag nicht mehr allzu fern sein, Amigo.“

Abrupt richtete sich Dawson auf. Er lehnte das Gewehr an den Tisch, krümmte sich nach vorn, seine Hände verkrallten sich in Douglas‘ Hemdbrust, sein Gesicht war dicht vor dem von Douglas. Der schale Atem des Banditen streifte es. Douglas wusste, dass sie ihr Versprechen wahr machen und ihn töten würden, sobald Logan aus Vernon zurückkehrte. Die Zeit lief ihm davon. Hilfe von außen konnte er kaum erwarten. Also musste er sich selber helfen. Die Hoffnung, dass Lana auf seiner Seite stand und ihm möglicherweise sogar den Rücken freihalten konnte, beflügelte ihn und ließ ihn neuen Mut schöpfen. Er hatte nichts mehr zu verlieren. Er konnte nur noch gewinnen.

Er hielt die Gabel in der Rechten. Jeff knirschte: „Behalte deinen Weisheiten für dich, Howard. Du kannst mich mit deinen düsteren Versionen bezüglich unserer Zukunft nicht verunsichern. Also halt endlich das Maul, sonst ...“ 

Douglas‘ Faust mit der Gabel zuckte in die Höhe. Jeff Dawson verschluckte seine weiteren Worte. Seine Augen weiteten sich in maßlosem Schrecken, der glühende Schmerz verdunkelte sie. Ein zerrinnendes Röcheln brach über seine zuckenden Lippen. Dann riss Dawson den Mund zu einem Warnschrei auf.

Douglas ließ die Gabel los und schlug dem Banditen von der Seite her die Faust gegen den Kopf. Der Schrei erstickte im Ansatz. Dawson stürzte. Heißer Kaffee durchdrang Douglas‘ Hose, als die Tasse auf dem Tablett umkippte. Douglas verbiss den Schmerz. Noch einmal schlug er zu. Dawsons Gestalt erschlaffte. Douglas angelte sich den Colt des Banditen und legte ihn griffbereit neben sich. Er holte die Handschellenschlüssel aus der Hosentasche Dawsons, befreite seine linke Hand, dann erhob er sich mit dem Colt in der Faust.

Am Boden lag Rührei. Der verschüttete Kaffee bildete eine Lache, die auf dem festgetretenen Untergrund nur langsam versickerte. Von draußen erklangen Stimmen und dann das schrille Lachen einer Frau. Douglas fesselte Jeff mit den Handschellen, steckte ihm dessen eigenes Halstuch als Knebel in den Mund und band ihn fest, so dass Jeff ihn nicht mit der Zunge herausstoßen konnte, wenn er erwachte. Dort, wo er ihm die Gabel in den Leib gerammt hatte, färbte sich das Hemd des Banditen dunkel vom Blut. Douglas schob den Colt des Banditen hinter seinen Hosenbund, nahm das Gewehr und ging zur Tür. Er öffnete sie eine Handbreit und spähte hinaus. Am Bach hatten sich zwei Männer lang ausgestreckt. Eine Frau kauerte bei ihnen. Sie schäkerten und lachten. Im Corral standen Pferde und grasten oder rupften die jungen Triebe von den Sträuchern, die dort am Ufer wuchsen.

Douglas sagte sich, dass sich über die Hälfte der Mannschaft, die John Logan um sich geschart hatte, in dem Camp aufhielt - die Frauen natürlich nicht mitgerechnet. Das Verhältnis stand also alles andere als gut für ihn. Er war ziemlich ratlos. Ein Zurück aber gab es nicht mehr.

*

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SCHWER TRUG DOUGLAS an seiner Unentschlossenheit. Da aber kam ihm der Zufall zur Hilfe.

In seinem Blickfeld erschien Lana. Sie kam auf die Hütte zu, wohl um das Tablett mit dem leeren Geschirr abzuholen. Douglas trat neben der Tür an die Wand. Eine Minute später stieß Lana die Tür auf und kam herein. In der Düsternis, in der der hintere Teil der Hütte lag, nahm sie im ersten Moment nicht wahr, dass es Jeff Dawson war, der bewegungslos am Boden lag und dessen Arme in den Handschellen hingen. Als aber Douglas die Tür zudrückte, wirbelte sie zu ihm herum, sie erkannte die veränderte Situation, und ein überraschter Laut entfuhr ihr.

„Still!“, stieß Douglas hervor.

„Du - bist - frei“, stotterte Lana.

„Wie du siehst“, murmelte er. „Sag, Lana, habe ich dich vorhin richtig verstanden? Stehst du auf meiner Seite? War es dein Plan, das Lager zu verlassen und mich zu befreien?“

Sie nickte. Plötzlich griff sie unter ihre weite Bluse, die sie über dem langen Rock trug. Als ihre Hand wieder zum Vorschein kam, hielt sie einen schweren Colt. „Den habe ich mir besorgt, Douglas. Heute Abend, wenn ich dir das Abendessen gebracht hätte, wollte ich damit den Wachposten überrumpeln. Ich hätte dich von deinen Fesseln befreit, und dann wären wir im Schutz der Dunkelheit zu Fuß über die Berge geflohen. Wir wären nicht aufgefallen, wenn wir in der Finsternis dein Gefängnis verlassen und uns zwischen die Felsen geschlagen hätten.“

„Warum, Lana? Warum wolltest du das für mich tun. Wenn dein Plan schiefgegangen wäre, würden sie dich töten.“

„Ich bin so gut wie tot, Douglas. John Logan führt uns alle in den Abgrund, ins Verderben. Er ist wahnsinnig. Ich habe es satt, mich unablässig verkriechen zu müssen, ständig von dieser gierigen Meute umgeben zu sein, jeden Tag vierundzwanzig Stunden in der Angst zu leben, dass die Armee oder das Gesetz unseren Schlupfwinkel aufstöbert und kurzen Prozess mit uns macht. Ich habe nichts verbrochen. Warum also soll ich mich eines Tages mit all den Banditen und Dirnen hier über einen Kamm scheren lassen. Ich war dumm, als ich einem der Kerle hierher gefolgt bin. Andererseits hatte ich aber kaum eine andere Wahl, denn ich lag ziemlich in der Gosse, und aus eigener Kraft hätte ich mich wohl kaum befreien können aus dem Sumpf von Lasterhaftigkeit und billigem Vergnügen.“

Er fing an, sie zu bewundern. Aus dem, was sie eben von sich gegeben hatte, schloss er, dass ihr bisheriges Leben ein einziger Daseinskampf gewesen war. Sie gehörte nicht zu denjenigen, die vom Glück begünstigt wurden. Sie gehörte vielmehr zu der Sorte, die sich jeden Handbreit Boden unter den Füßen erkämpfen mussten, die das Auf und Ab eines wenig erfreulichen Schicksals geformt und geprägt und die aus den Lektionen, die ihr erteilt worden war, gelernt hatte.

„Du hast Courage, Lana“, murmelte er anerkennend. „Das muss ich dir lassen. Und dass du mich ...“

Sie unterbrach ihn: „Die Idee, dich zu befreien, war nicht uneigennützig. In diesem Banditencamp konnte ich meine Pläne niemandem anvertrauen. Denn dann hätte ich mir gleich selbst eine Kugel in den Kopf schießen können. Alleine aber käme ich nicht weit. Wer also bot sich besser an als du, mit mir gemeinsam den Ausbruch aus dem Lager zu wagen?“

Sie lächelte zaghaft.

Douglas legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie war fast einen Kopf kleiner als er. Sie sahen sich an. Mit belegter Stimme murmelte er rau: „Ich glaube nicht, dass es nur Eigennutz war, der dich trieb, mich zu befreien, Lana. Es hat sich schon seit einiger Zeit zwischen uns etwas aufgebaut, das wir natürlich nicht zeigen durften, das aber da war und das ich ganz deutlich fühlte. Sag mir, dass es so ist, Lana.“

Sein Griff auf ihrer Schulter verstärkte sich. Sie schlug die Augen nieder. „Du hast recht“, hauchte sie fast. „Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt. Vielleicht war es auch, weil du so hilflos, so alleine warst. Zuerst hatte ich Mitleid mit dir, aber im Laufe der Zeit wurde mehr daraus.“

Sie hob das Gesicht. Eine seltsame Härte kerbte sich unvermittelt in ihren Mundwinkeln fest. Ihre Stimme klang herb, als sie wieder zu sprechen anhub: „Du brauchst dir aber keine Sorgen zu machen, dass ich Dankbarkeit fordere, Douglas. Ich weiß, dass dein Vater eine große Ranch besitzt und dass uns beide Welten trennen. Wenn wir hier heil herauskommen, werde ich meiner Wege gehen. Die Fehler, die ich einmal gemacht habe, werde ich nicht mehr begehen. Keine Sorge also, Douglas, dass ich versuchen werde, dich zu irgendetwas zu nötigen, was du mir vielleicht aus Dankbarkeit nicht abschlagen würdest.“

„Du kleine Närrin“, entrang es sich ihm. Er griff ihr mit dem gekrümmten Zeigefinger unter das Kinn und hob ihr Gesicht an. In seinem Blick vermischten sich Wärme und eine tiefe Zuneigung. Einer jähen Eingebung folgend, fast impulsiv, beugte er sich zu ihr hinunter. Er küsste sie. Sie erwiderte seinen Kuss, im nächsten Moment aber schob sie ihn zurück und gab burschikos zu verstehen: „Wir müssen den Abend abwarten, Douglas. Du bist in der Hütte sicher. Es wird kaum jemand auf den Gedanken kommen, nachzusehen, ob alles seine Ordnung hat. Ich werde dir wie gewohnt das Mittagessen bringen, und auch das Abendessen. Wenn es finster ist, setzen wir uns ab.“

Lana verstaute den Colt wieder im Bund ihres Rockes unter der Bluse. Sie holte das Tablett, stellte den Teller und die Blechtasse darauf, ging zur Tür, drehte noch einmal den Kopf und sagte: „Vorher die Flucht zu versuchen wäre tödlich. Und wir riskieren alles, um zu leben. Um zu sterben bräuchten wir nur hier auszuharren.“

Douglas blieb zurück mit all seinen Empfindungen und Gefühlen. Ja, sie würden alles riskieren müssen. Er hatte keine Ahnung, wohin der wilde und gefährliche Sturm des Schicksals sie verschlagen würde. Aber er war bereit, alles auf sich zu nehmen, um sich und Lana aus der Gewalt der Banditen zu retten.

Nervenzermürbendes Warten begann. Die Zeit schien stillzustehen...

*

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LESTER O’NEIL UND BRIAN Winslow durchstreiften die Berge von Süd nach Nord, dann ritten sie nach Osten, schlugen einen weiten Bogen nach Westen und zogen bald schon wieder in östliche Richtung. Sie ritten einen richtigen Zickzackkurs, in der Hoffnung, irgendwo auf Spuren zu stoßen, an deren Ende das Banditencamp lag.

Ab und zu glaubten sie am Ziel ihrer Wünsche zu sein. Mal war es ein Hufabdruck, der sie in diesen Glauben versetzte,  dann wieder ein abgeknickter Zweig mit dürren Blättern, ein anderes Mal waren es die Haare vom Schweif eines Pferdes, die an dornigem Gestrüpp hängen geblieben waren, dann stießen sie auf einen Haufen Pferdedung.

Aber jede dieser Spuren konnte von sonstwem stammen und löste sich früher oder später in Nichts auf. Die Stunden verstrichen. Es kam die Mittagszeit, die heißeste Zeit des Tages also. Unbarmherzig knallte die Sonne vom Himmel herunter und zog Menschen und Tieren das Mark aus den Knochen. Sie wollten schon aufgeben und sich irgendwo einen kühlen Platz im Schatten suchen, um den Abend abzuwarten, als Hufschlag ihr Gehör erreichte. Er wehte von Ferne heran und erinnerte zunächst an fernes Donnergrollen. Schließlich wurde er deutlicher, und dann war das Getrappel ganz nahe. Der Pulk näherte sich ihnen von Norden. Sie brachten ihre Pferde in Sicherheit und verschanzten sich hinter Felsen. Es knackte, als sie Patronen in die Läufe ihrer Gewehr hebelten.

Die Reiter gelangten in ihr Blickfeld. Aufgewirbelter Staub hüllte sie ein. Sie kamen in loser Ordnung aus dem Gewirr von Felsen und Hügeln. Bald konnten die beiden Staatenreiter Einzelheiten erkennen. Sie wechselten einen vielsagenden Blick. Der Reiter an der Spitze des Zuges war niemand anderes als der Mann, den sie gesucht hatten wie die Stecknadel im Heuhaufen. Es war Douglas Howard. Lester O’Neil nickte seinem Gefährten zu. Grimmige Entschlossenheit hielt in ihren Mienen Einzug. Sie hoben die Gewehre an die Schultern, zielten, folgten über Kimme und Korn dem Auf und Ab des Trabs der Banditenpferde, und dann zogen sie durch.

Die Gewehre hämmerten. John Logans Pferd bekam die Kugel, die dem Banditen gegolten hätte, in den Kopf. Es brach zusammen. Logan warf sich aus dem Sattel und nahm sein Gewehr mit. Er überrollte sich behende wie eine Katze am Boden, kam auf den Bauch zu liegen und kroch schlangengleich in den Schutz eines Felsens.

Bei den Marshals brüllte die zweite Salve auf. Sie hielten einfach in den Pulk hinein. Die Banditenschar verwandelte sich in ein quirlendes, schreiendes Durcheinander zusammenbrechender Pferde und durcheinanderwirbelnder Männer.

Logan kam hoch. Er hatte sich von einem Augenblick zum anderen in eine eiskalte, todbringende Kampfmaschine verwandelt. Geduckt hetzte er weiter, bis er sich halbrechts hinter den beiden Gesetzesmännern befand. Eine Kugel fuhr dicht über ihn hinweg. Er sah nicht, dass zwei seiner Banditen reglos liegen blieben. Drei Pferde waren tot. Ein viertes keilte im Todeskampf wild mit den Hufen um sich. Vier weitere Banditen hetzten zu Tode erschreckt und zum Teil verwundet in Deckung. Ein Pferd raste mit fliegenden Steigbügeln den Weg zurück, den die Horde gekommen war. Die beiden anderen Tiere scheuten zur Seite und drängten sich an einem Felsen schnaubend zusammen.

Die Banditen überwanden ihren Schrecken schnell und erwiderten wütend das Feuer der Staatenreiter. Der Lärm steigerte sich zu einem höllischen Creszendo. Die Kugeln pfiffen und jaulten. Gesteinssplitter spritzten wie kleine Geschosse durch die Gegend. Abgeschossene Zweige und von Kugeln zerfetztes Blattwerk fielen zu Boden. Die Banditen nahmen alles unter Feuer, was einem Gegner Schutz bieten konnte. Der Lärm stieß durch die Einsamkeit der Berge und Schluchten, wurde von den Echos verzerrt und verstärkt und auseinandergetragen. Mündungsflammen verschmolzen mit dem grellen Sonnenlicht.

Lester O`Neil bedeutete seinem Partner mit Gesten, dass er versuchen wollte, in den Rücken der Bande zu gelangen. Zum Zeichen, dass er verstanden hatte, hob Winslow die Hand. Seine Lippen waren fest zusammengepresst und bildeten nur einen messerrückenscharfen Strich. Er jagte einen Hagel aus heißem Blei dorthin, wo sich die Outlaws verkrochen hatten. O’Neil pirschte nach links davon. Beide wussten, dass sie einen Fehler gemacht hatten. Als sie aber den vermeintlichen Douglas Howard vor den Mündungen hatten, wurden Emotionen frei, denen sie nichts entgegenzusetzen hatten. Dass gerade in dem Moment, als sie abdrückten, das Banditenpferd den Kopf in den Nacken warf, war nicht vorauszusehen. Jetzt war ihre Lage ziemlich fatal. Immerhin hatten sie es noch mit fünf tödlich entschlossenen und mit allen schmutzigen Wassern gewaschenen Banditen zu tun.

Unter dem Feuerschutz seines Kameraden gelang es O’Neil, in einem weiten Bogen die Banditen zu umgehen. Er kletterte auf einen mannshohen Felsen, lag flach auf dem Bauch, sah hier und dort eine Pulverdampfwolke über einen Felsen steigen, und endlich erfasste sein Auge einen der Banditen. Er zögerte nicht lange. Die Kugel röhrte aus dem Lauf. Den Burschen riss es hoch, er wankte gegen den Fels, machte das Kreuz hohl und kreiselte sterbend zu Boden.

Sofort wurde die Stelle, an der O‘Neil lag, mit wilder Vehemenz unter Beschuss genommen. Der Staatenreiter verließ den Felsen und erreichte die Deckung eines anderen. Dort, wo Brian Winslow Stellung bezogen hatte, krachte in rhythmischer Folge das Gewehr. Es roch nach verbranntem Pulver.

John Logan robbte von Deckung zu Deckung. Er sah einen der Gegner vor sich. Der Mann wandte ihm den Rücken zu und feuerte in die ihm, John Logan, abgewandte Richtung. Es war Brian Winslow. Jetzt schlug der Schlagbolzen von Winslows Gewehr in eine leere Kammer. Er ließ die Henrygun fallen und riss den Colt heraus.

Das kalte Auge des Banditen saugte sich über die Zieleinrichtung des Gewehres zwischen Winslows Schulterblättern fest. Ein Stück entfernt sah Logan einen seiner Banditen in die Höhe taumeln und gleich darauf zusammenbrechen. Der Vernichtungswille in ihm wurde übermächtig, der Hass regierte sein Denken und Fühlen wie ein Dämon. Logan staute den Atem, als der Abzug den Druckpunkt erreichte, dann drückte er ab. Der Marshal bewegte sich etwas und der Schuss Logans zerfetzte lediglich seine Jacke und das Hemd und zog eine blutige Spur über seine rechte Seite. Er schnellte herum, ließ sich fallen, und als er am Boden aufschlug, jagte Logan den zweiten Schuss aus dem Lauf. Die Kugel fraß sich dicht neben seinem Gesicht in den Boden und wirbelte ihm Sand in die Augen.

Winslow kam kaum zum Denken. Der dritte Schuss würde ihn töten. Seine Handlungen wurden nicht mehr vom Bewusstsein geleitet, sondern nur noch vom Instinkt. Sein Reflex wurde schneller als jeder Gedanke, schneller als sein Verstand. Und sein Denken holte ihn erst wieder ein, als sein Schuss krachte und er den Rückstoß des Revolvers bis ins Schultergelenk verspürte. Zugleich aber spürte er den Einschlag der Banditenkugel. Sie traf ihn in dem Moment, als er abdrückte. Sein Colt kam aus der Schussrichtung, als ihn die Wucht des Treffers halb herumriss. Einen zweiten Schuss abzugeben schaffte der Marshal nicht mehr. Brian Winslow ließ den Revolver fallen. Die Muskulatur in seinem Arm gehorchte nicht mehr, versagte ganz einfach. Er lag auf der Seite, hielt sich sekundenlang so, dann kippte er fast zeitlupenhaft langsam auf den Rücken. Über ihm war der seidenblaue Himmel. Einige weiße Wolken zogen träge nach Norden. Es war der letzte Eindruck im Leben des Staatenreiters. Seine Augen brachen.

Geduckt huschte John Logan heran und nahm seinen Platz ein. Zwischen den Felsen wurde wie wild geschossen. Das dumpfe Wummern von Colts war deutlich vom helleren Klang der Gewehre zu unterscheiden. Geschrei ertönte. Eine Gestalt in einem dunklen Anzug und einem Gewehr in den Fäusten tauchte für die Spanne zweier Herzschläge zwischen den Felsen auf, ehe Logan aber anlegen und zielen konnte, war sie wieder verschwunden.

Lester O’Neil vernahm von dort, wo er seinen Gefährten zurückgelassen hatte, keine Schüsse mehr. Besorgnis ergriff von ihm Besitz. Er pirschte um die Banditen herum. Einmal musste er für einen kurzen Moment seine Deckung verlassen, als es galt, eine freie Fläche von fast fünfzehn Yards zu überqueren, aber er hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite und erreichte ungeschoren die andere Seite.

Er schob sich auf allen vieren um einen yardhohen Gesteinsbrocken herum, lauschte, witterte und ließ seinen Instinkten freien Lauf. Fünfzehn Schritte vor ihm wuchs unvermittelt die Gestalt eines Banditen in die Höhe. Der Bursche hatte neben einem riesigen Findling gekauert und schien ihn noch nicht bemerkt zu haben. Jetzt schlich er nach rechts davon. O’Neil kam auf die Knie. Er schoss von der Hüfte aus. Seine Kugel schleuderte den Banditen wie ein überraschender Faustschlag zwischen die Schulterblätter nach vorn und warf ihn auf‘s Gesicht. Ein dumpfer Aufprall erklang, ein Röcheln...

Eng schmiegte sich der Staatenreiter gegen raues Gestein. Nach seinem Schuss hatte er sofort repetiert. Er schwitzte. Der Pulsschlag der tödlichen Gefahr berührte ihn. Um ihn herum war Knirschen von Sand unter schleichenden Schritten, schabte rauer Hosenstoff gegen Gestein, klirrten leise die Sporen der Banditen. Der Schatten eines Mannes wuchs ein Stück entfernt hinter einem Felsen hervor, der Bursche aber zog sich wieder zurück und der Schatten verschwand. Die Waffen waren verstummt. Die Gegner belauerten sich und warteten auf einen Fehler des anderen.

Plötzlich sprengte das Pochen von Hufen die eingetretene Stille. Ebenso plötzlich, wie das Geräusch entstanden war, brach es wieder ab. Ein metallisches Klirren ertönte, als ein Gewehr durchgeladen wurde. Einige Zeit war es still. Dann polterte ein Stein einen Abhang hinunter. Und dann trat wieder Ruhe ein - trügerische, lastende Ruhe, die an den Nerven zerrte und körperliches Unbehagen auslöste.

Es war wie die Ruhe vor dem Sturm. Selbst die Natur schien den Atem anzuhalten...

*

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DER KAMPFESLÄRM HATTE Flint den Weg gewiesen. Irgendwann aber brach die Schießerei ab. Die letzten Echos verflüchtigten sich mit geisterhaftem Geraune. Als Flint auf ein gesatteltes Pferd stieß, das wahrscheinlich seinem Reiter in der Hitze des Kampfes, dessen ohrenbetäubender Lärm ihn herangelockt hatte, entflohen war, hielt er an. Er saß ab, lud das Gewehr durch, dann erklomm er einen Hang zu seiner Linken. Auf dem Scheitelpunkt der Anhöhe erhob sich ein kegelförmiger Felsen. Flint fand eine Rinne, die nach oben führte, und ihm den Aufstieg ermöglichte. Einmal trat er einen kopfgroßen Geröllbrocken los, der mit Getöse in die Tiefe sprang und unten an einer Felswand zerschellte.

Von oben aus konnte Flint das Terrain unter sich ziemlich gut überblicken. Er sah dicht beieinander, fast auf einem Haufen liegend, vier tote Pferde und zwei reglose Männer - ein Bild, das ihm mit aller Schärfe in die Augen sprang. Und er nahm einige Kerle wahr, die noch Bestandteile der Südstaatenuniform trugen. Schutzsuchend kauerten sie hinter verschiedenen Felsen.

Flints Blick wanderte weiter und fiel auf eine langgestreckte Gestalt, die er an der Kleidung sofort als einen der U.S.-Marshals identifizierte. Bei ihm hatte sich ein hochgewachsener Mann postiert, unter dessen grauer Feldmütze blonde Haare hervorquollen.

Flint durchfuhr es wie ein Stromstoß. Zwischen seinen engen Lidschlitzen begann es unheilvoll zu glitzern. Ja, der Mann dort unten erinnerte auf den ersten Blick an Douglas. Aber war er es auch? Flint glaubte weniger denn je daran.

Hinter einem Quader schob sich Lester O’Neil hervor. Flints Aufmerksamkeit wurde auf ihn gelenkt. Er erkannte ihn ganz deutlich. Ein Befehl wurde unten geschrien. Die Waffen begannen wieder zu dröhnen. Flint, der von unten noch nicht bemerkt worden war, mischte mit. Er schoss in rasender Folge. Die beiden Banditen, die er sehen konnte, wurden von seinen Geschossen umgerissen. Der Blonde mit der grauen Mütze verschwand wie ein geölter Blitz. Ein weiterer Mann hetzte von Deckung zu Deckung, erreichte die beiden Pferde bei einem turmartigen Felsen, bei dem sie instinktiv Schutz gesucht hatten, warf sich in den Sattel und stob nach Norden. Im nächsten Moment tauchte auch der Blonde auf. Er erwischte das andere Pferd am Kopfgeschirr, zerrte es hinter den Felsen, und gleich darauf verkündeten trommelnde Hufschläge, dass auch er die Flucht ergriffen hatte.

Flint machte sich an den Abstieg. Völlig verschwitzt und ziemlich atemlos kam er unten an. Er bewegte sich vorsichtig, hatte den Colt gezogen und den Hahn gespannt, um auf jede bedrohliche Bewegung in seiner Umgebung sofort reagieren zu können. Er folgte einem Stöhnen. Es kam von Lester O’Neil. Das Gewehr lag neben ihm am Boden. Der Marshal hatte sich mit dem Rücken an den Felsen gelehnt. Er presste die linke Hand auf eine Wunde in seiner rechten Brustseite. Dunkles Blut quoll zwischen seinen Fingern hindurch. Blutiger Schaum netzte seine bleichen Lippen. Mit leerem Blick schaute er zu Flint in die Höhe. Seinem Mund entrang es sich gequält: „Es hat mich im allerletzten Moment erwischt, Howard. Als ich zwei der Kerle fliehen sah wurde ich leichtsinnig. Gütiger Gott, wir haben uns angestellt wie blutige Anfänger. Und nun ...“

Er hüstelte. Ein Blutfaden sickerte aus seinem rechten Mundwinkel. „Es - es ist - die Lunge“, gurgelte er, und wieder schüttelte ihn krampfhafter Husten. „Gosh, Howard, es war dein Sohn. Leichen pflastern seinen Weg. Mit mir geht es dahin.“

Die Stimme war schwächer und schwächer geworden. Und es war fast nur noch unverständliches Gemurmel, das über O’Neils Lippen drang, als er weitersprach. „Halt dich nicht auf mit mir, Howard. Mir kann keine Macht der Welt mehr helfen. Schnapp dir diese Schufte. Du darfst keine Rücksicht darauf nehmen, dass dein Sohn dabei ist. Es sind menschliche Bestien.“ Ein Keuchton brach aus dem Mund des Marshals. „Sie fliehen blindlings zu ihrem Schlupfwinkel. Wenn du jetzt clever bist, dann ...“

Der Tod ließ ihn nicht zu Ende sprechen. Er nahm ihm die weiteren Worte von den Lippen. Langsam kippte der Staatenreiter zur Seite. Seine Lider sanken über die starren, glasigen  Augen.

Flint richtete sich auf. Er bewegte sich wie im Trance. Die Worte des Staatenreiters echoten durch seinen Verstand. ‚Es war dein Sohn: Leichen pflastern seinen Weg ...‘

„Nein“, murmelte Flint, und das Wort tropfte wie ein Bleiklumpen von seinen Lippen. „Wenn er den Blonden meinte - dann handelt es sich nicht um Douglas. Das war nicht mein Junge!“

Er war sich dessen plötzlich ganz sicher.

Flint hatte es plötzlich sehr eilig. Um die Toten würde man sich später kümmern müssen. Er konnte sich jetzt nicht damit aufhalten, sie zu beerdigen. Er lief zu seinem Pferd und saß auf. Und dann suchte er die Spur der geflohenen Banditen. Er nahm sie auf und folgte ihr. Die Kerle hatten sich nicht die Zeit genommen, sie zu verwischen. Und so kostete es Flint keine allzugroße Mühe, auf ihrer Fährte zu bleiben.

Seine Augen waren in ständiger Bewegung, nahmen die Umgebung auf, sein wettergegerbtes Gesicht wirkte scharf, konzentriert und ausgesprochen lebendig, scharfäugig spähte er in die Runde. Flint rechnete mit einer unliebsamen Überraschung. Er war ein Bündel gespannter Aufmerksamkeit, hatte jeden seiner Sinne aktiviert und war bereit, sich beim geringsten Anzeichen einer Gefahr aus dem Sattel zu werfen. Seine Rechte umklammerte den Kolbenhals der Henry Rifle. Mit der Linken hielt er die Zügel kurz.

Und er stellte sich Fragen - eine Reihe von Fragen - Fragen, auf die er im Moment noch keine Antwort erhielt, an deren Ende aber wahrscheinlich eine Reihe von Särgen stehen würden.

*

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DAS GLÜCK WAR DOUGLAS und Lana an diesem Tag nicht so hold. Der Verwundete, der Douglas‘ Platz an der Wand einnahm, röchelte und wimmerte. Der Knebel verhinderte, dass er die Banditen draußen alarmierte. Douglas hatte die Wunde des Burschen notdürftig versorgt. Es war keine besonders gefährliche Verletzung, allerdings mochte sie ziemlich schmerzhaft sein.

Unablässig beobachtete Douglas das Camp durch einen Türspalt. Die Hitze lähmte die Banditen und ihre Gespielinnen. Es war still. Nicht einmal die Pferde im Corral machten eine Bewegung zuviel. Die Sonne stand hoch im Zenit. Jeden Moment musste Lana mit dem Mittagessen auftauchen.

Und dann erschien Lana auch in seinem Sichtkreis. Allerdings folgte ihr ein Mann mit einem Gewehr. Einen Sekundenbruchteil lang drohte das Blut in Douglas‘ Adern zu stocken, dann aber reifte in ihm eine Idee. Es war ein Gedanke, der in sein Bewusstsein einschlug wie ein Blitzstrahl.

Douglas nahm den Colt zur Hand und baute sich neben der Tür auf, so, dass er vom Türblatt gedeckt wurde, wenn es aufschwang. Draußen erklangen Schritte. Dann wurde die Tür aufgestoßen. Lana betrat die Hütte. Ihre Gestalt verdeckte den röchelnden Banditen am Boden vor dem Blick des Burschen, der ihr folgte. Douglas hob die Hand mit dem Colt zum Schlag. Lana zeigte sich kaltblütig und handelte mit verstandesmäßiger Sachlichkeit. Sie ging mit dem Tablett auf den am Boden Liegenden zu. Und jetzt befand sich auch der Bandit im Hütteninnern. Douglas drückte die Tür zu und ließ seine Faust mit dem Schießeisen auf den Kopf des Burschen heruntersausen. Ohne einen Ton von sich zu geben sackte der Outlaw zusammen. Sein Hut rollte ein Stück durch den Raum und blieb dann liegen. Douglas fing den schlaffen Körper auf und ließ ihn zu Boden gleiten.

Schnell stellte Lana das Tablett auf dem Tisch ab. „Es war, als hätte er irgendeinen Verdacht geschöpft“, erklärte sie. „Ich weiß es nicht. Vielleicht war ich etwas nervöser als sonst. Was ...“

Sie schwieg verdutzt, als sich Douglas daranmachte, dem bewusstlosen Banditen die Stiefel auszuziehen. „Wir warten nicht bis die Nacht da ist“, gab Douglas zu verstehen. „Ich werde mir die Kleidung des Burschen anziehen und dann verlassen wir zusammen die Hütte. Das ganze Gesindel hier liegt irgendwo faul in den Schatten herum und döst. Man wird mich für ihn halten. Es wird kaum auffallen, wenn wir uns nach Südwesten in die Felswildnis schlagen. Hast du deinen Colt noch?“

„Ja.“

„Gut, beobachte das Lager, während ich mich umziehe.“

„Beeile dich. Ich kann es kaum erwarten, von hier zu verschwinden. Wenn uns nur nicht etwas Unerwartetes einen dicken Strich durch die Rechnung macht.“

„Notfalls schießen wir uns den Weg frei.“

„Gegen ein halbes Dutzend heiße Eisen sind wir so gut wie chancenlos“, gab Lana zu bedenken.

Darauf antwortete Douglas nichts. Er wollte ihr keine falschen Hoffnungen machen. Auf sie wartete vielleicht die Hölle.

Fünf Minuten später hatte sich Douglas Hemd und Hose des Banditen angezogen. Der Bursche begann sich zu regen. Douglas versetzte ihm einen zweiten Schlag, der ihn wieder schlafen legte, dann stülpte er sich den Hut des Mannes auf den Kopf und legte sich den Revolvergurt um. Er holsterte den Colt und griff nach dem Gewehr.

„Okay, Lana. Bist du bereit?“

Es konnte ins Auge gehen. Beide wussten sie das. Aber sie mussten das Risiko eingehen.

Lana nickte. Sie trat vor ihn hin. „Küss mich noch einmal“, murmelte sie, und ihre Stimme klang belegt, fast heiser.

Er zerrte sie leidenschaftlich an sich. Ihre Lippen fanden sich zu einem nicht enden wollenden Kuss. Dann aber kehrten sie in die raue Realität zurück. Sie lösten sich voneinander, Lana ging zur Tür und öffnete sie. Von den Banditen oder den Frauen war nichts zu sehen. Aus einem der Zelte am Bach war geziertes Kichern zu vernehmen. Einen Moment dachte Douglas daran, einfach zwei Pferde zu holen, er verwarf diesen Gedanken aber sofort wieder, denn diese Absicht war von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Sie verließen die Hütte. Fünfzig Yards weiter buckelten schon die ersten Felsen.

Ohne besondere Hast schritten sie in diese Richtung. Lana ging so, dass sie Douglas gegen mögliche Blicke aus dem Lager einigermaßen abschirmte. Ungeschoren erreichten sie die ersten Felsen. Sie liefen zwischen sie. Doch da ertönte im Camp wildes Geschrei.

„Lauf weiter!“, presste Douglas zwischen den Zähnen hervor. Er drängte sich hart an den Felsen und beobachtete das Lager.

Der Bursche, den er niedergeschlagen hatte, rannte in Unterhosen und Socken quer über den Platz. Aus den Hütten und Zelten kamen Männer und Frauen. Wütendes Geschrei erhob sich. Ein Mann deutete auf die Felsen, hinter denen Douglas und Lana verschwunden waren.

„Ich sah sie dort hinübergehen!“, brüllte der Mann mit kippender Stimme. „Ich war der Meinung, Tex und Lana - na, ihr wisst schon. Ich dachte nicht im Traum daran, dass der Bursche Howard sein könnte. Hölle und Satan, wir müssen die beiden schnappen, andernfalls zieht uns der Colonel die Haut streifenweise ab.“

Sie rissen ihre Waffen heraus und rannten auf die Felsen zu. Es waren ein halbes Dutzend Banditen. Ein unsichtbarer Strom von Brutalität und Gnadenlosigkeit ging von ihnen aus, der Hauch von Unversöhnlichkeit und wilder Entschlossenheit, der ihnen vorauseilte, streifte Douglas wie ein kalter Windstoß. Wie ein Rudel hungriger Wölfe, das eine Beute ausgemacht hatte und nun bereit war, sie zu zerfetzen, hetzten sie heran.

Schnell blickte Douglas über die Schulter. Unschlüssig stand Lana zwischen zwei Felsen. Dahinter schwang sich ein steiler Hang nach oben. „Lauf!“, schnaubte Douglas und winkte erregt. Und dann musste er sich auf die heranstürmenden Outlaws konzentrieren. Er jagte ihnen zwei Schüsse entgegen. Einer von ihnen überschlug sich und blieb mit ausgebreiteten Armen liegen. Die anderen spritzten auseinander. Die tödliche Gefahr, der sie sich mit ihrem blindwütigen Angriff ausgesetzt hatten, war ihnen schlagartig bewusst geworden. Sie warfen sich in Deckung und jagten eine Serie von Kugeln zwischen die Felsen.

Douglas rannte zu Lana hin, nahm sie bei der Hand und zerrte sie mit sich fort. Sie erklommen den Steilhang. Immer wieder sicherte Douglas nach hinten. Als er eine flüchtige Bewegung zwischen den Felsen wahrnahm, feuerte er darauf. Eine Kugel strich heran und meißelte Splitter von einem Gesteinsbrocken.

Sie liefen schräg zum Abhang nach oben. Ihre Gesichter röteten sich von der Anstrengung. Ihr Atem rasselte, ihre Lungen pumpten. Lana stolperte und stürzte fast. Ein erschreckter Ton entfuhr ihr. Hinter einem flachen Felsen drückte Douglas sie zu Boden. Er spähte nach unten, gab zwei Schnappschüsse auf eine huschende Gestalt ab, wusste aber, dass er nur sein Blei vergeudet hatte.

Sein Blick wanderte hangaufwärts. Steile Felswände, zwischen die Risse und Spalten führten, wuchsen dort oben zum Himmel. In den Eingängen der engen Schluchten türmten sich oftmals heruntergestürzte Steinbrocken und wucherte Dornengestrüpp.

Bei den Banditen rief jemand einen Befehl. Einer der Kerle hatte also das Kommando übernommen und forcierte die Verfolgungsjagd.

„Geht es wieder?“, flüsterte Douglas. Er war wieder einigermaßen zu Atem gekommen. Sein Herzschlag nahm den regulären Rhythmus wieder auf. Bäche von Schweiß rannen über seine Wangen. Sein Hemd war unter den Achseln und zwischen den Schulterblättern klatschnass.

Lana nickte. Sie holte den Colt unter ihrer Bluse hervor.

Douglas wies er mit dem Kinn nach oben. „Nimm das Gewehr und versuche eine der Spalten zu erreichen. Ich gebe dir mit dem Colt Feuerschutz. Wenn du in Sicherheit bist, folge ich dir. Kannst du mit der Henry Rifle umgehen?“

„Gewiss.“

„Gut. Wenn ich den Weg nach oben antrete, dann halte die Augen offen und feuere auf alles, was sich unten bewegt. - Vorwärts jetzt!“

Lana nahm das Gewehr, richtete sich auf und hastete los. In Douglas‘ Faust lag der Colt. Seine Aufmerksamkeit war auf das Terrain am Fuße des Hügels gerichtet. Auf einem Gewehrlauf brach sich grell ein Sonnenstrahl. Douglas jagte sofort einen Schuss dorthin, wo der Reflex entstanden war. Der Schütze verriss und sein Schuss wirbelte einen Yard neben Lana den Staub auf.

Die Beine des Mädchens waren schon bald schwer wie Blei. Aber die Angst riss Lana vorwärts. Ihr Atem flog. Die ungewohnte Anstrengung verursachte in ihr Übelkeit und Schwindelgefühl. Das Seitenstechen kam, in ihren Ohren rauschte das Blut, in ihren Schläfen hämmerte es.

Unter ihr peitschten die Schüsse. Ein Querschläger quarrte böse. Der Hügelkamm mit der hochsteilenden Felswand schien ihr unendlich fern und unerreichbar. Kraftlosigkeit breitete sich in ihr aus, und einen Atemzug lang wollte sie schon resignieren. Eine unerbittliche innere Stimme peitschte sie weiter. Und sie schaffte es. Völlig ausgepumpt kam sie oben an. Ihre letzten Energien waren aufgebraucht. Sie brach fast zusammen, lehnte sich in einer der engen Spalten gegen die raue Felswand und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

Douglas spürte tiefe Erleichterung, als er nach oben blickte und Lana nicht mehr sehen konnte. Er wartete. Dann hörte er Lana abgehackt und immer noch atemlos rufen: „In Ordnung, Douglas, ich habe den Abhang im Auge. Du kannst kommen.“

Er drückte sich ab. Die Waffen der Banditen begannen zu belfern wie eine wütende Hundemeute. Lana aber hielt die Kerle mit präzisen Schüssen in Deckung. Douglas, der von den Entbehrungen seiner langen Gefangenschaft geschwächt war und viel von seiner früheren Behendigkeit verloren hatte, hatte bald das Empfinden, der Kopf müsste ihm von den Strapazen des Aufstiegs platzen. Schweiß brannte in seinen Augen. Er rutschte aus und schlug lang hin. Mühsam rappelte er sich wieder hoch. Die letzten Yards kroch er. Um ihn herum ließ immer wieder ein blindlings verschossenes Stück Blei Erdreich spritzen. Sein Hals war trocken wie Sandpapier.

Dann lag er im Eingang des Felsrisses. „Pass auf, Lana“, krächzte er. „Lass sie nicht heraufkommen. Ich brauche einige Minuten, um Kraft zu schöpfen.“

„Es ist in Ordnung, Douglas“, erwiderte sie. „Sie werden sich blutige Köpfe holen, wenn sie versuchen, den Hang zu erstürmen.“

*

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DIE HITZE WAR FAST unerträglich. Zwischen den Felswänden schien die Luft zu stehen. Der Weg führte nach oben. Der Untergrund war steinig und oftmals glatt. Douglas und Lana kämpften sich hinauf. Die Banditen folgten ihnen, aber sie legten die gebotene Vorsicht an den Tag. Douglas hörte sie kommen. Und er vermutete, dass sich die Handvoll Kerle aufgeteilt hatte, dass wahrscheinlich zwei von ihnen versuchen würden, über einen anderen Aufstieg vor ihnen oben anzukommen und sie mit heißem Blei in Empfang zu nehmen.

Einer der Kerle zeigte sich. Als ihm von Douglas Feuer und Blei entgegenstießen, sprang er sofort wieder zurück hinter den Felsvorsprung. Es staubte, als Douglas‘ Geschoss über den Fels schrammte und eine helle Spur hinterließ.

Schüsse dröhnten in dem engen Durchlass wie Kanonendonner. Der Krach schien an den Felsen zu rütteln und drohte sie zum Einsturz zu bringen. Die Detonationen verdichteten sich zu einem einzigen, lauten Knall. Douglas löste sich vom Fels und hetzte weiter, wenige Schritte vor ihm kämpfte sich Lana die steile Steigung hinauf.

Douglas‘ Befürchtung, dass ein Teil der Banditen vor ihnen oben ankam, bewahrheitete sich nicht. Der Anstieg endete auf einem Bergsattel, aus dem sich wiederum Felsblöcke in allen Größen und Formen erhoben.

Die Banditen lärmten hinter ihnen den Berg herauf. Auch an einer anderen Stelle schwangen sich zwei schwitzende Männer über den Abbruch, sie rollten sofort in Deckung und fluchten, weil sie feststellen mussten, dass sie zu spät angekommen waren. Douglas‘ Blei schwirrte über sie hinweg und zwang sie, die Köpfe einzuziehen.

Drei Banditen stürzten aus dem Durchlass, den auch Douglas und Lana benutzt hatten. Sie sprinteten sofort auseinander, rannten schießend in den Schutz einiger Felsen. Aber Douglas und Lana setzten schon ihre Flucht fort. Sie schleppten sich nur noch dahin. Ihre Kraftlosigkeit nach dem beschwerlichen Aufstieg war erschreckend. Aber mit diesem Problem hatten auch die Banditen zu kämpfen. Dennoch, ihre Zuversicht, den Banditen zu entkommen, sank immer schneller, ihre Hoffnungen begannen wie Seifenblasen zu zerplatzen.

Und während sie die Banditen vor sich hertrieben, erreichten John Logan und der letzte der Kerle, die mit ihm geritten waren, um die Bank in Vernon zu überfallen, den Zugang zu dem Schlupfwinkel. Der Wachposten rief sie an: „Was ist los, Colonel? Ihr kommt zurück? Wo sind die anderen?“

„Sie schmoren in der Hölle“, kam die schroffe, brutale Antwort aus dem Mund John Logans. „Wir ritten in einen Hinterhalt. Möglich, dass wir verfolgt werden, Sumner. Wer nach uns hier ankommt, gehört nicht zu uns. Also schieß erst und stell dann erst die Fragen. Verstanden?“

„Ja, verdammt!“, knirschte der Bursche namens Sumner. „Heute scheint sich alles gegen uns verschworen zu haben. Howard ist vor einer halben Stunde die Flucht gelungen. Lana hat ihm dabei geholfen. Ray ist tot. Jeff, der Howard bewachte, ist verletzt. Und Tex bekam von Howard zwei Hämmer auf die Nuss, dass ihm Hören und Sehen verging.“

Logan war wie vor den Kopf gestoßen. Entgeistert starrte er den Wachposten an, der jetzt die schattige Felsnische verließ, in der er sich postiert hatte. Er erhob wieder das Wort: „Aber keine Sorge, Colonel. Douglas und Lana sind in die Berge geflohen. Sie haben weder Wasser noch Proviant. Unsere Männer jagen sie. Sie haben keine Chance, zu entkommen.“

„Es sind im Moment also nur die Weiber im Camp?“, platzte es über Logans spröde Lippen.

„Und die Kampfunfähigen“, entgegnete Sumner. „Tex hat von den Schlägen gegen seinen Kopf wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung davongetragen. Und Jeff hat Howard, dieser dreckige Bastard, die Gabel in den Bauch gerammt.“

„Wird die andere Seite des Kessels noch bewacht?“

„Ja. Stilwell hält dort die Stellung.“

„Okay. Wie gesagt, Sumner, gib höllisch acht und schieß auf alles, was sich auf unserer Fährte nähert.“

Sie ritten weiter. Sumner zog sich wieder zurück. Im Camp herrschte erregte Stimmung. Eine der Frauen schrie den beiden Reitern etwas entgegen. Logan winkte ab. Das ferne Echo einiger Schüsse trieb heran.

„Folge unseren Leuten, die die beiden jagen, Cane“, sagte Logan zu dem Burschen, der mit ihm ins Camp zurückgekehrt war. „Wenn ihr sie schnappt, fackelt nicht lange. Wir brauchen Howard nicht mehr. Und nach Lana wird kein Hahn krähen.“

Cane stob auf die Felsen im Westen des Talkessels zu. John Logan lenkte das Pferd auf seine Behausung zu, sprang ab und ging hinein. Sorgfältig schloss er die Tür hinter sich. Er rückte das grob zusammengezimmerte Bett von der Wand weg. Ein quadratischer, hölzerner Deckel mit etwa einem halben Meter Seitenlänge kam zum Vorschein. Logan hob ihn hoch und lehnte ihn an die Wand. Ein gähnendes Loch öffnete sich. Er griff hinein und förderte eine prallgefüllte Tasche aus schwarzem Leder zutage. Dann deckte er das Loch wieder ab und rückte das Bett darüber. Die Tasche mit der Beute aus den Banküberfällen in Wichita Falls und Tampico stellte er am Fußende des Bettes ab. Habgier flackerte in seinen Augen.

John Logan wusste, wann er verloren hatte und aufgeben musste. Es ging darum, sein Fell zu retten. Der Bandit äugte durch das kleine, schießschartenähnliche Fenster nach draußen.

Da hämmerten am Zugang in das Tal Gewehre. Der schmetternde Knall prallte in die Senke und erfüllte sie, zerflatterte, und in den verebbenden Hall hinein wummerten weitere Schüsse.

Logan verließ die Hütte. Er nahm die Ledertasche mit und befestigte sie am Sattel seines Pferdes. Keine der Frauen, die sich im Freien befanden, achtete auf ihn. Aller Augen starrten nach Süden, wo geschossen worden war.

Der Bandit saß auf. Er richtete das Pferd nach Norden aus, wo sich der andere Zugang zu dem Felskessel befand. Er schnalzte mit der Zunge und gab dem Tier den Kopf frei.

Und im Süden begannen wieder die Waffen zu sprechen. Der Krach schwappte heran wie teuflisches Gelächter.

*

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SCHON BALD TAUCHTE Flint Howard auf. Er warf sich in dem Moment vom Pferd, als der Bandit, der den Zugang des Camps bewachte, feuerte. Mit dem zweiten Schuss traf er Flints Pferd. Stöhnend brach es zusammen. Flint rollte im hochschlagenden Staub weg, kam hoch und hetzte zwischen die Felsen. Ein dritter Schuss Sumners wurde vom Gestein abgelenkt und jaulte trommelfellzerreißend.

Sumner verließ seinen Posten. Er lief ein Stück in die Schlucht hinein, die den Talkessel mit der Außenwelt verband. Hart schmiegte er sich an die Wand. Wenn der Verfolger in das Camp wollte, musste er durch diesen Zulass, es sei denn, er konnte klettern wie eine Bergziege und nahm den halsbrecherischen, kaum zu bewältigenden Weg über den Felsen, den die Schlucht spaltete.

Flint kauerte hinter dichtem Gestrüpp. Er bog das Zweiggespinst etwas auseinander und starrte in den gähnenden Schlund der Schlucht. Rechterhand lag sein totes Pferd. Es hatte die Beine starr von sich gestreckt. Die Kugel war dem Pferd in den Kopf gefahren und hatte es auf der Stelle getötet.

Flint kroch los. Tiefgeduckt und lautlos näherte er sich dem Maul der Schlucht. Dorniges Gestrüpp zerrte an seiner Kleidung, scharfe Kanten zerschnitten seine Knie und Hände. Unter einem überhängenden Felsen verharrte er flach am Boden. Irgendwo vor ihm befand sich der Bandit. Flint griff sich einen Stein und schleuderte ihn auf die andere Seite der Felsenge. Das Wurfgeschoss prallte gegen die Felswand und plumpste zu Boden. Ein alter Trick - aber immer wieder wirkungsvoll. Auch diesmal verfehlte er seine Wirkung nicht. Peitschende Detonationen brüllten auf, mit dem Nervenkostüm Sumners war es scheinbar nicht mehr zum Besten bestellt. Er feuerte wie von Sinnen.

Und als er begriff, dass er irregeführt worden war, griff bereits der Tod nach ihm. Nur wenige Schritte von ihm entfernt trat plötzlich Flint von der Felswand weg, und ehe der Bandit reagieren konnte, schoss er ihn von den Beinen.

Flint lief los. Er sprang über den Toten hinweg und erreichte mit langen Sätzen das Ende der Schlucht. Vor seinem Blick lag das Camp der Bande. Gerade verschwand ein Reiter in einer Felsspalte im Norden. Flint war nicht zu bremsen. Das Gewehr in der Rechten rannte er geradewegs auf die Hütten zu. Einige Frauen flohen kreischend auseinander. Die Pferde waren Flints Ziel. Als er den Corral fast erreicht hatte, kam aus einer der Hütten ein Mann. An seiner Hüfte blitzte es auf. Aber er schoss viel zu hastig und ungezielt. Es war Tex Steele, den Douglas bewusstlos geschlagen hatte und dessen Kleidung er trug. Steele starb ebenso wie sein Kumpan Sumner vorne in der Schlucht - mit Flints Kugel im Herzen.

Flint erwischte eine der Frauen. Sie wollte sich losreißen. Er rang sie zu Boden. Aus dem Westen wehten die Echos einiger Schüsse heran. Die Frau schrie, außer Rand und Band schlug sie um sich, sie kreischte, kratzte und trat nach Flint. Er schlug ihr die flache Hand ins Gesicht, plötzlich gab sie ihren Widerstand auf. Tränen brachen aus ihren Augen und rannen über ihre Wangen.

„Wer schießt da oben in den Bergen?“, herrschte Flint sie ungerührt an.

„Howard und Lana werden von unseren Männern gejagt“, japste die Frau. Sie war noch jung, eine Vergangenheit in Lasterhaftigkeit und Sünde ließen sie jedoch vorgealtert erscheinen. „Bitte, Mister ...“

„Wer war der Reiter, der nach Norden verschwunden ist?“, drängte Flint. Die Zeit brannte ihm unter den Nägeln. Er stellte keine Fragen nach Douglas und den Umständen, die die Hetzjagd auf ihn und diese Lana ausgelöst hatten.

Die Frau schaute verblüfft. Ihr Blick schweifte in die angegebene Richtung. Dann schnellte er herum und suchte den Platz vor John Logans Hütte ab. „Das - kann nur der Colonel gewesen sein“, stammelte sie, als sie Logans Pferd nicht mehr sehen konnte.

„Der Colonel?“, entfuhr es Flint. „Wie ist sein Name?“

„Logan - John Logan!“

Es traf Flint wie ein Faustschlag. „Der ehemalige Zugführer Douglas‘?“, entrang es sich ihm ungläubig. Er wischte sich mit dem Handrücken über die heiße Stirn. Dann wandte er sich ab.

Flint rannte zum erstbesten Zelt und riss es über den Haufen. Die Plane schleuderte er achtlos zur Seite. Da lag Sattelzeug. Er packte den schweren McClellan-Sattel und schleppte ihn zum Corral.

Indes wurde John Logan vom Wachposten des nördlichen Campzuganges überrascht angerufen: „Du, Colonel? Ich denke ...“

John Logan zerrte sein Pferd in den Stand. Stilwell kam um einen Felsen herum. Sofort fiel sein Blick auf die Tasche an Logans Sattel. „Verdammt, Colonel, was wird das? Überall kracht es, und du willst mit dem Geld, das wir ...“

Ohne jede Warnung schoss Logan. Er pumpte drei Kugeln in Stilwell hinein und trieb ohne besondere Gemütsregung sein Pferd wieder an. Als er die Schlucht durchquert hatte, lenkte er sein Pferd nach links. Er ritt am Rande der Berge entlang und bog nach etwa zwei Meilen in südliche Richtung ab. Vor seinem Blick erhoben sich die grauen Felsen mit ihren Hochplateaus und nackten Gipfeln. Irgendwo im Gewirr der ruinenartigen Gebilde und Schluchten veranstalteten seine Banditen ein gnadenloses Kesseltreiben auf Douglas Howard und Lana.

Hass wütete in den Zügen des Banditen beim Gedanken an Douglas und das Mädchen.

Eine Viertelstunde nach ihm erreichte Flint den toten Wachposten. Seine Brust war von drei Kugeln regelrecht zerfetzt worden. Noch im Tod zeigten seine aufgerissenen Augen den Ausdruck eines grenzenlosen Schreckens.

„Die Raubtiere fangen an, sich gegenseitig zu zerfleischen“, murmelte Flint vor sich hin. „Weiter!“

Er fand die Stelle, an der John Logan nach Westen abgebogen war. Flint folgte der Spur.

*

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DOUGLAS UND LANA RANNTEN mit dem Tod um die Wette. Sie stolperten, stützten sich gegenseitig, hatten das Gefühl, Bleigewichte an den Füßen zu tragen. Sie rangen nach Luft, blinzelten durch den Schweiß, der in ihre Augen rann und ihnen die Sicht vernebelte. Lähmende Erschöpfung hielt sie fest im Griff. Sie hatten kein Wasser. Die Hitze dörrte sie aus. Ihre Muskeln arbeiteten nur noch automatisch, von keinem bewussten Willen mehr gesteuert.

„Lana!“ Douglas brachte nur ein verstaubtes, trockenes Krächzen zustande. „Wir müssen es bis zu den Ausläufern dieser Berge im Westen schaffen. Es sind höchstens noch zwei Meilen. Wirst du durchhalten?“

„Ich - ich weiß es nicht.“ Lana kostete es Mühe, die wenigen Worte zu formulieren. Ihre Lippen waren rissig. Sie war zerschunden und ohne große Hoffnungen. Sie war so sehr fertig, dass sie kaum mehr empfinden konnte als dumpfe Angst. Aber gerade das war der Motor, der sie auf den Beinen hielt und sie mechanisch einen Fuß vor den anderen setzen ließ.

Manchmal bezog Douglas hinter einem Felsen Stellung, und wenn die Banditen auf Gewehrschussweite heran waren, nahm er sie unter Feuer. Es waren immer noch fünf Mann. Sie waren nicht weniger fertig als Douglas und Lana, ihnen aber gaben der unversöhnliche Hass und die Angst vor dem Colonel Auftrieb. Die Banditen schossen verbissen zurück. Ihre Kugeln peitschten kleine Gesteinsbrocken und Staub in die Höhe.

Sie torkelten einen Abhang hinunter. Lana strauchelte und stürzte. Sie hatte nicht mehr die Kraft, sich abzufangen. Sie überschlug sich und stürzte hangabwärts. Dabei verlor sie ihren Colt. Steine rasselten hinter ihr her. Auf dem Bauch blieb sie unten liegen, das Gesicht im abgewinkelten Arm vergraben. Sie schluchzte.

Douglas holte ihren Colt. Dann beugte er sich über sie. „Lana, hoch mit dir. Komm, wir schaffen es. Es geht jetzt bergab. Wir schaffen es, Lana, steh auf.“

Er versuchte, eindringlich zu sprechen, ihre Reserven noch einmal zu mobilisieren, aber es gelang ihm nicht. Lana resignierte. Sie ächzte, und ihre Stimme raschelte wie altes Pergament: „Lass mich zurück, Douglas. Ich bin am Ende. Wenn sie mich erschießen, dann wird das wahrscheinlich für mich wie eine Gnade sein.“

„Sprich kein dummes Zeug!“, maßregelte er sie und zerrte sie auf die Beine. Sie blutete aus vielen kleinen Wunden, die sie sich bei dem Sturz zugezogen hatte. Ihr Gesicht war schmutzig. Ihre Lider zuckten wie im Fieber.

Douglas richtete sich darauf ein, dass ihre Flucht hier zu Ende war. Er schaute sich nach einem geeigneten Platz um, von dem aus er sich gegen die Outlaws verteidigen konnte. Hundert Yards weiter erspähte er einen flachen Hügel mit einer Gruppe von Felsen. Hundert Yards! Nahezu unerreichbar für ihn und Lana, die willenlos in seinen Armen hing und die sofort wieder zusammenbrechen würde, ließe er sie los. Und die Bande näherte sich unaufhaltsam. Er konnte schon das Klappern ihrer Lederabsätze hören und die heiseren Rufe, mit denen sich die Kerle verständigten.

Er musste es versuchen.

Er ging blitzschnell vor Lana in die Hocke, und als sie nach vorne kippte, drückte er seine Knie durch und kam hoch. Lana fiel über seine Schulter. Das Mädchen wog etwa einen Zentner, Douglas aber hatte das Gefühl, das doppelte Gewicht über seiner Schulter hängen zu haben. Er schwankte, als konnte er sich nur noch mit äußerster Willenskraft auf den Beinen halten. Douglas versuchte die ersten Schritte. Er schleppte die Füße nur noch über den rauen Untergrund, weil er zu  schwach war, um sie richtig zu heben. Einmal stolperte er. Sein Oberkörper pendelte nach vorn. Mit eiserner Disziplin brachte er ihn wieder ins Gleichgewicht.

Du darfst nicht aufgeben, Douglas!, hämmerte es hinter seiner Stirn. Schon Lanas wegen musst du durchhalten. Vorwärts, Douglas, vorwärts! Du musst es schaffen.

Sein Widerstandsgeist überwand Erschöpfung und Resignation. In seinen Augen glühte der Wille zum Überleben auf. Er wusste selbst nicht, woher er die Kraft nahm. Er wuchs geradezu über sich hinaus.

Noch sechzig Yards - noch fünfzig. Hinter ihm erklang triumphierendes Geschrei. Er vollführte eine halbe Drehung und sah die Banditen am Rand des Steilhanges auftauchen, den Lana hinuntergestürzt war. In seiner Linken lag das Gewehr. Lanas Colt steckte hinter seinem Gürtel. Douglas klemmte sich den Gewehrkolben fest unter die Achsel und feuerte einen Schuss ab. Er lud durch. Es war umständlich mit einer Hand zu schießen und zu repetieren, aber mit der rechten musste er Lana festhalten, damit sie nicht von seiner Schulter rutschte. Sein zweiter Schuss brach aus dem Lauf. Die Banditen hechteten in Deckung. Douglas hetzte weiter.

Und dann zwitscherte Banditenblei hinter ihm her. Er schlug Haken wie ein Hase. Heiß fuhr es ihm über den Oberarm, es brannte wie ein Peitschenschlag. Ein zweites Geschoss streifte ihn am Oberschenkel. Er humpelte. Und er begriff, dass er es niemals bis zu der Felsengruppe schaffen konnte.

Er warf sich zu Boden. Hart prallte Lana neben ihm auf. Ihr Kopf rollte zur Seite. Unter der Schicht aus Schmutz war ihr Gesicht fahl. Der Blick ihrer weitaufgerissenen Augen war erloschen. Würgender Schreck befiel Douglas. Seine Hand tastete unter ihren Körper. Klebriges, warmes Blut netzte seine Finger. „Gütiger Gott“, entrang es sich ihm, als bei ihm die Erkenntnis durchdrang, dass eine der Banditenkugeln Lana getötet hatte.

Douglas versank in Fassungslosigkeit und Erschütterung. Heiß spürte er es in sich aufsteigen. Er hatte sie geliebt. Ohne sie wäre er nicht so weit gekommen. Und nun hatte sie mit ihrem Körper auch noch das Stück Blei aufgefangen, das ihm den Garaus gemacht hätte. Er begriff es und es war für ihn kaum zu ertragen.

Die Banditen kamen den Hang herunter. Nur mühsam konnte Douglas seinen fiebernden Blick vom erstarrten, reglosen Antlitz Lanas loseisen. Fast schwerfällig hob er das Gesicht und blickte in die Richtung der Banditen. Und plötzlich spürte er etwas, das stärker war als aller Schmerz, den Lanas Tod ihm bereitete. Es war eine schwelende Glut aus Hass und Leidenschaft, vielleicht sogar Begierde. Der Hass in ihm war fast wie ein Rausch und spülte ihn hinweg.

Er schoss, lud durch, schoss weiter. Zwei der Kerle warfen die Arme hoch und rollten den Abhang hinunter, bis sie an überstehendem Geröll hängenblieben. Die anderen verschwanden hinter irgendwelchen Deckungen. Dann war die letzte Patrone aus dem Gewehr. Douglas warf die wertlose Waffe fort, war mit einem Satz auf den Beinen, schleuderte sich herum und rannte auf die Felsengruppe zu. Immer wieder schnellte er zur Seite. Er bot noch einmal alles auf, was an Energien und Kraft in ihm steckte. Er selbst hatte das Gefühl, sich nur noch mit alptraumhafter Langsamkeit zu bewegen. Und es mutete ihn an wie  ein Wunder, dass sie ihn nicht mehr trafen, obwohl sie ein wahres Zielschießen auf ihn veranstalteten.

Dann lag er im Schutz der Felsen, seine Bronchien pfiffen, die Streifschusswunden brannten wie Höllenfeuer, die Trauer um Lana drohte ihn zu verzehren. Seine Faust klammerte sich um den Knauf von Lanas Colt. Er sah die letzten drei Banditen mit schrillem Geschrei heranstürmen. Der tödliche Hass verdrängte alle anderen Empfindungen.

Douglas schoss. Einer der Banditen hing einen Lidschlag lang quer in der Luft, dann krachte er auf den Boden. Da aber erschien auf dem Rand des Abhanges, der Lana zum Verhängnis geworden war, ein weiterer Mann. Es war jener Cane, der mit John Logan ins Camp zurückgekehrt war und den Logan hinter den Kerlen herschickte, die Douglas und Lana hetzten.

Douglas musste mit seiner Munition haushalten. In den Schlaufen des Gurts, den er dem bewusstlosen Banditen in der Hütte abgenommen hatte, steckten zwar Patronen. Um sich aber die Schufte vom Leibe zu halten, war er gezwungen gewesen, viel Blei zu verschwenden. Und daran würde sich auch nichts ändern.

Der Mister, der als Nachzügler auf dem Höhenrücken aufgetaucht war, machte sich an den Abstieg. Die anderen waren verschwunden, als hätte die Erde sie verschluckt. Die Entfernung war zu weit für einen Colt.

Das Gefühl der Einsamkeit und des absoluten Alleinseins beschlich Douglas. Der Bandit erreichte die Basis des Abhanges und rief etwas, das Douglas nicht verstehen konnte. Dann rannte er ein Stück näher und ging in Deckung.

Bei den Outlaws flammte es immer wieder auf. Douglas zog jedesmal den Kopf ein, wenn eine Kugel den Fels traf, hinter dem er kauerte. Das Heulen der Querschläger ging durch Mark und Bein.

Dann ertönte es: „Warum gibst du nicht auf, Douglas? Glaubst du denn im Ernst, dass du uns entkommen kannst?“

„Ihr elenden Schufte habt Lana ermordet!“, antwortete Douglas mit stählernem Klang und vor Hass vibrierender Stimme. „Dass ich vor die Hunde gehe ist ziemlich sicher. Aber glaubt mir, ich werde meine Haut teuer verkaufen, und ich werde den einen oder anderen von euch noch mitnehmen auf die lange Reise.“

Douglas bemerkte sehr wohl, dass die Aufforderung, sich zu ergeben, nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war. Die Halunken versuchten, ihn zwischen sich zu bekommen. Es war ihre Absicht, ihn aus der Deckung zu jagen und dann abzuknallen.

Douglas sammelte Kraft. Er konzentrierte sich. Seine Sinne arbeiteten mit doppelter Schärfe. Er wartete eiskalt auf seine Chance. Er, Douglas, fürchtete den Tod nicht. In den vier langen Jahren des Krieges war er viel zu oft mit ihm konfrontiert worden, so dass er für ihn seinen Schrecken verloren hatte. Das hieß aber nicht, dass er bereit gewesen wäre, sein Leben wegzuwerfen.

Er verließ seinen Platz und kroch rückwärts. Dort, wo ihn die Banditenkugeln gestreift hatten, meldete sich stechender Schmerz. Douglas presste die Zähne aufeinander, dass der Schmelz knirschte. Schweißgebadet und rasselnd atmend, in innerlicher Anspannung verkrampft, mit schmerzenden Muskeln und Sehnen und erfüllt mit dem unumstößlichen Vorsatz, den Banditen einen Kampf bis zum letzten Blutstropfen zu bieten, erreichte er die andere Seite des flachen Hügels mit den Felstürmen.

Er drehte das Ohr in den lauen Wind, der um den Felsen herumwehte. Verdächtige Geräusche wurden herangetragen. Einmal war ganz in der Nähe das leise Klirren von Sporen. Douglas zog den Colt, der im Holster steckte. Er lud beide Waffen nach. Dann hielt er beide Sechsschüsser in den Fäusten. Er war bereit, es mit den Halsabschneidern rundum auszuschießen. Staub knirschte zwischen seinen Zähnen. Sie ließen sich Zeit. Das Warten artete aus zu einer nervlichen Zerreißprobe.

Auf allen vieren glitt er über den heißen, steinigen Boden, unendlich langsam und vorsichtig kroch er um die Felsen herum, die Augen immerzu in Bewegung. Die Sonne stand im Südwesten. Sekundenlang blendete sie ihn. Wie eine zerfließende Weißgoldscheibe hing sie am Firmament. Die Luft flirrte. Douglas richtete sich auf. Er stand jetzt im Schatten.

Irgendwo scharrten Absätze im Sand. Und dann sah Douglas einen der Kerle hinter einem Felsen in der Nähe hochschnellen. Er feuerte sofort. Der Bandit kippte zurück und brüllte seine Not hinaus. Sofort schleuderte sich Douglas herum. Er hatte die Gefahr, die sich ihm von hinten näherte, geahnt. Er ließ sich fallen. In seinen Fäusten bäumten sich beide Colts gleichzeitig auf. Der Mann wurde um seine Achse gewirbelt, krümmte sich und fiel auf das Gesicht.

Hastende Schritte erklangen, wispernde Stimmen, dann herrschte wieder die bedrückende Stille.

Und plötzlich zogen sich die beiden noch kampffähigen Banditen zurück. Als sie sicher waren, dass er sie mit seinen Kugeln nicht mehr erreichen konnte, rannten sie ohne einen Schutz in Anspruch zu nehmen den Weg zum Camp zurück. Sie hatten die Nase voll. Als zwei ihrer Kumpane auf die Nase fielen und das Verhältnis von vier zu eins auf zwei zu eins geschrumpft war, war es ihnen zu mulmig geworden. Und so ergriffen sie die Flucht.

Douglas verließ die Felsengruppe. Er ging zu den beiden Kerlen, die er zuletzt niedergeschossen hatte. Einer war nur verwundet. Douglas entwaffnete ihn, dann durfte sich der Bandit so gut es ging versorgen, und dann sagte Douglas klirrend: „Ich kann dich Schuft leider nicht mit mir schleppen, um dich dem Gesetz zu übergeben, damit du die Strafe bekommst, die du verdienst. Also hau ab. Solltest du aber noch einmal meinen Weg kreuzen, dann bist du fällig. Ab mit dir!“

Der Bursche wankte davon. Er bewegte sich nicht in die Richtung, in der das Camp lag. Irgendwann aber würde er sich besinnen und versuchen, es zu erreichen. Denn dort hatte er die besten Aussichten auf ein Pferd und neue Waffen und vor allen Dingen auf Versorgung seiner Wunde.

Douglas ging den Weg zurück und stand bald vor Lanas Leichnam.

Sein Hals war wie zugeschnürt.

*

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JOHN LOGAN ZÜGELTE das Pferd. Vor ihm lag freies Land. Es war Wüste - trocken, steinig, gefährlich und lebensfeindlich. Linker Hand buckelten die Felsen und Hügel der Wichita Mountains. Irgendwo im Westen mussten Douglas und Lana aus der Wildnis kommen, es sei denn, die Banditen hatten Erfolg mit ihrer Hetzjagd, erwischten und töteten sie.

Der Colonel, wie ihn seine Renegaten genannt hatten, der im Krieg Captain in der Texas-Brigade und Douglas‘ Zugführer gewesen war, spürte Skepsis. Er kannte Douglas und wusste, dass Douglas ein eisenharter und kaum zu bezwingender Kämpfer war. Gleichzeitig wusste er auch, dass er nie zur Ruhe kommen würde, solange Douglas lebte. Douglas würde nicht ruhen, bis er ihn gestellt und für eine Reihe persönlicher Demütigungen und schändlicher Verbrechen zur Verantwortung gezogen hatte.

Darum wollte er - wenn er den Landstrich verließ -, sicher sein, dass es niemand gab, der ihn irgendwann aufspüren und ihm  eine blutige Rechnung präsentieren konnte.

Unruhig trat das Pferd unter dem Banditen auf der Stelle. Mit einem harten Schenkeldruck presste er dem Tier die Luft heraus und zwang es, stillzustehen. Das Stampfen verklang. Dafür aber vernahmen die geschärften Sinne des Outlaws ein anderes Geräusch. Es war das ferne Krachen von Hufen auf felsigem Untergrund, und das Begreifen, dass er verfolgt wurde, setzte sich in seinem Bewusstsein fest.

Ein grausamer Zug verfestigte sich um seinen Mund. Wer immer da auf seiner Fährte ritt - er sollte den Abend nicht mehr erleben.

John Logan trieb sein Pferd zwischen die Felsen zu seiner Linken. Der frostige Schimmer in seinen Augen ließ keinen Zweifel an seiner tödlichen Entschlossenheit aufkommen. Der mitleidlose Zug, der sich Bahn in seine Miene gebrochen hatte, unterstrich diesen Eindruck in erschreckender Weise.

„Komm nur, Amigo“, flüsterten die Lippen des Banditen, als er im Schutz der Gesteinsriesen absaß, das Pferd anleinte und das Gewehr aus dem Scabbard zog. Das Hufgeklapper trieb heran. Der Bandit postierte sich. Unvermittelt brach das Geräusch ab. Hatte der Bursche auf seiner Fährte Lunte gerochen?

Dann schlug das Klirren und Pochen wieder heran. Es näherte sich. Der Ankömmling ließ sein Pferd im Schritt gehen. Noch war er nicht zu sehen. Dann konnte der Bandit vom Hufgeräusch das Klirren der Gebisskette und das Janken des Sattels unterscheiden. Seine Kiefer mahlten. Sein Gesicht glich einer versteinerten Maske des Bösen.

Der Reiter kam zwischen den Felsen hervor. Einen Moment lang glaubte der Bandit einen Geist vor sich zu sehen. Der Mann auf dem Pferd - war Douglas Howard. Sekundenlang vergaß Logan, dass er hier stand, um skrupellos zu töten. Aber dann erkannte er, dass der Reiter sicherlich doppelt so alt war wie Douglas, er stieß die verbrauchte Luft aus und dachte nicht länger darüber nach. Langsam hob er das Gewehr. Er zielte ruhig. Der Schuss krachte. Flint Howard erhielt einen Stoß, spürte einen jähen Stich am Kopf, dann war vor Flints Blick nur noch ein blutroter Vorhang, der sich schnell verdunkelte und in bodenloser Schwärze endete. Er stürzte schwer vom Pferd. Das Tier machte noch zwei Schritte, dann blieb es schnaubend stehen. Es wandte den Kopf und äugte zu dem reglosen Mann am Boden hin, der verkrümmt auf der Erde lag und aus dessen Haaren das Blut sickerte.

John Logan senkte das Gewehr. Aus der Mündung kräuselte ein dünner Rauchfaden. Er zeigte nicht die Spur einer Gefühlsregung. Vorsichtig näherte er sich dem Mann am Boden. Er schob seinen Fuß unter den hageren Körper und drehte ihn auf den Rücken. Aus einer Wunde an der Stirn lief Blut und besudelte das starre Gesicht.

John Logan bückte sich und durchsuchte die Taschen Flints. Er fand ein paar Dollarscheine und den Steckbrief mit Douglas Howards Namen. Ein ironisches Grinsen spielte sekundenlang um seinen Mund. Es waren seine, John Logans, Schandtaten, die Douglas angelastet wurden. Plötzlich aber verzerrten sich seine Züge. Der Hass brach wieder durch. Sein Plan, eines Tages als reicher, angesehener Mann unter seinem richtigen Namen in Texas zu leben, war nicht aufgegangen. Dass seine Absichten von der ersten Minute an keine Aussicht auf Erfolg hatten, kam ihm gar nicht in den Sinn. Er schob die Schuld allen möglichen Zufällen und nicht zuletzt Douglas Howard zu. Das Unrechtsbewusstsein fehlte diesem Mann gänzlich.

In einer Anwandlung mörderischen Hasses versetzte er Flint einen derben Tritt in die Seite. Dann wandte er sich ab. Er lief zu seinem Pferd, und gleich darauf ritt er weiter.

Logan folgte dem Verlauf der Berge noch ein ganzes Stück nach Westen. Er suchte einen Durchlass nach Süden, der es ihm ermöglichte, ohne große Strapazen den Schnittpunkt seines und Douglas‘ wahrscheinlichen Weges zu erreichen. Die Sonne näherte sich schon dem Ende ihrer Bahn. Dann öffnete sich eine breite Schlucht und Logan wandte sich südlich.

In Windungen ging es immer höher und höher hinauf. Der Weg endete auf einem windigen Plateau. Als der Bandit sein röchelndes Pferd auf die Ebene trieb, war die Sonne hinter den bizarren Horizont im Westen gesunken. Aber es war noch hell. Allerdings begannen sich schon die ersten Grauschleier des Abends in die Helligkeit zu mischen.

Die kalten Augen des Banditen suchten das Gebiet im Osten ab. Dort zogen sich Felsketten und Kämme, und dahinter lag irgendwo in dem felsigen Irrgarten das Camp.

Nirgends rührte sich etwas, das darauf schließen ließ, dass sich Menschen näherten. Logan setzte sein Pferd in Bewegung. Er lenkte es nach Osten. Sporadisch ragten hier und dort Felsen aus der Hochebene. Im Widerschein der untergegangenen Sonne warfen Pferd und Reiter einen langen Schatten voraus. Weit vor dem Banditen erhob sich ein Geröllhang.

Hart nahm er das Pferd in die Kandare. Vor dieser Kulisse aus Geröll, kargem Gestrüpp und fließendem Sand, die vom seltenen aber oftmals sintflutartigen Regen ausgeschwemmt war und tiefe Rinnen aufwies, sah Logan einen hochgewachsenen Mann wie zu einer Salzsäule erstarrt dastehen.

Logan sprang vom Pferd. Der Mann rührte sich nicht. Und so hatte er keine Ahnung, ob er ihn schon bemerkt hatte. Die Entfernung betrug etwa eine halbe Meile. Logan führte sein Pferd zu einem Felsen und nahm das Gewehr. Er lud durch. Die leere Hülse, in der die Kugel steckte, die Flint Howard traf, wurde ausgeworfen.

Logan pirschte sich an den reglos dastehenden Mann heran. Geschickt nutzte er jede Deckung aus, die sich bot. Dann hatte er sich ihm auf etwa hundertfünfzig Yards genähert, und er erkannte ihn. Es war Douglas. Aufrecht stand er vor einem flachen Hügel aus Steinen - einem Grabhügel. Douglas wandte dem Verbrecher den Rücken zu.

Er hatte Lana unter dem Haufen aus Steinen beerdigt. Mehr konnte er nicht für sie tun. Jetzt stand er da, in ein stilles Gebet versunken, innerlich zerrüttet, voll Schmerz und Schwermut, vom Hass auf John Logan, den er für alles verantwortlich machte, zerfressen, ein stummes Versprechen auf den Lippen - das Versprechen, Logan zu töten.

Er hatte wieder ein Gewehr. Es war die Waffe jenes Banditen, den er laufen lassen musste, nachdem der Kampf hier auf dem Plateau beendet war. Es lehnte an einem Felsbrocken.

Jetzt wandte Douglas sich um. Langsam, geradezu bedächtig. Er blickte in John Logans Richtung. Douglas verströmte eine fast unheimliche Ruhe. Er nahm das Gewehr und setzte sich in Bewegung. Mit kurzen, abgezirkelten Schritten ging er auf Logan zu. Dieser hielt die Henry Rifle im Anschlag und wartete. Als die beiden äußerlich so ähnlichen Männer nur noch fünfzig Schritte trennten, hielt Douglas an. Logan rief: „Es gibt scheinbar nur noch uns beide, Douglas, wie?“

„Nicht ganz, Logan. Zweien deiner Outlaws gelang die Flucht, einen dritten musste ich laufen lassen. Und auch Jeff Dawson, den ich mit einer Gabel außer Gefecht setzte, gibt es noch.“

„Sie zählen nicht. Keiner von ihnen zählt noch. Sie waren nur williges Werkzeug.“ Fest drückte der Bandit den Gewehrkolben gegen die Hüfte. Sein Finger lag um den Abzug. Ein kleiner Druck nur ...

„Früher oder später wird auch sie das Schicksal ereilen. Und du hast sie hineingerissen in den Sumpf des Verbrechens. Sie begriffen nicht, dass der Krieg vorbei war und dass wir ihn verloren haben. Und du schürtest ihren Fanatismus, Logan. Du hast sie schamlos vor deinen schmutzigen Karren gespannt.“

„Einer von uns beiden wird in der Hölle auf sie warten!“, rief Logan wild. „Wer denkst du wohl, wird es sein?“

Douglas winkte ab. „Ich denke, der Worte sind genug gewechselt, Logan. Es ist gut, dass du die Entscheidung gesucht hast. Ich hätte nicht geruht, bis ich dich - wo immer du dich auch verkrochen haben würdest -, aufgestöbert hätte.“

„Weil ich das ahnte bin ich hier!“, brüllte der Bandit und begann zu feuern. Gleichzeitig rannte er los. Fünf Schritte trennten ihn von einem Felsen, der sich als Deckung eignete.

Douglas‘ Gewehr donnerte. Eine Staubfontäne wirbelte zwischen Logans Beinen hoch, keuchend warf sich der Bandit hinter die Deckung. Douglas‘ zweite Kugel klatschte gegen den Fels.

Auch in Douglas kam Leben. Mit einem kraftvollen Satz flog er über den Grabhügel hinweg. Er warf sich dahinter flach auf den Boden. Heißes Blei sengte heran und jaulte. „Er wird büßen, Lana“, knirschte Douglas. „Erst wenn es diesen Bastard nicht mehr gibt, war dein Tod nicht völlig sinnlos.“

Er lugte vorsichtig über den Grabhügel hinweg. Logan feuerte. Douglas schoss zurück. Logan riss am Repetierbügel. Er klemmte. Ladehemmung! Der Bandit zerkaute einen bösen Fluch. Der Bügel ließ sich nicht mehr bewegen. Weder vor noch zurück. In einem Anflug von Jähzorn zerschlug der Bandit das Gewehr am Fels. Der Colt flirrte aus dem Holster. Aber der Sechsschüsser war wertlos auf diese Entfernung. Logan rannte geduckt zu seinem Pferd. Hier, auf dem Plateau, hatte er mit dem Sechsschüsser gegen das Gewehr nicht die Spur einer Chance. Er warf sich in den Sattel. Douglas konnte ihn nicht sehen, denn die Felsen deckten ihn. Der krachende Hufschlag verriet ihm aber, dass Logan für das Erste sein Heil in der Flucht suchte, um sich irgendwo auf die Lauer zu legen und einen günstigen Moment abzuwarten.

Douglas kniff die Lippen zusammen und erhob sich. Einmal konnte er den Reiter kurz wahrnehmen. Er riss das Gewehr an die Schulter, aber zum Schuss kam er nicht. Logan jagte das Pferd hinter einen Felsen und entschwand seinem Blick. Er floh nach Westen.

Douglas marschierte los. Er begann zu laufen. Er war nur noch von dem Gedanken beseelt, John Logan zu töten. Der Hass überwand Kraftlosigkeit und Erschöpfung, dirigierte ihn und riss ihn vorwärts.

Im Nordwesten des Plateaus tauchte plötzlich ein Reiter auf. Krumm saß er auf dem Pferd. Logan blieb er natürlich nicht verborgen. Er driftete nach Südwesten ab. Der Reiter hielt an und schoss mit dem Gewehr. Logans Pferd bäumte sich auf und brach zusammen. Der Bandit lag zwei Sekunden lang benommen am Boden, dann holte ihn der siedende Gedanke, dass hier seine verbrecherische Karriere möglicherweise ein abruptes Ende fand, aus der Betäubung. Er taumelte hoch.

Flint Howard galoppierte auf ihn zu. Durch die beginnende Dunkelheit ähnelte sein blut-, schweiß- und staubverkrustetes Gesicht einer diabolischen Grimasse.

Von Osten her kam Douglas gerannt.

Gehetzt schaute sich Logan um. Schließlich hechtete er hinter den Kadaver seines Pferdes. Er musste sich nach zwei Seiten verteidigen.

Als es ihn traf, taumelte er hoch. Mit dem letzten Aufflackern seiner Lebensgeister schoss er die Revolvertrommel leer. Aber seine Kugeln richteten keinen Schaden an. Das Leben entfloh dem Banditen unaufhaltsam. Er kippte über sein Pferd und starb.

Der irdischen Gerechtigkeit war Genüge getan.

Bei dem Toten trafen sich Vater und Sohn.

Douglas glaubte, einer Sinnestäuschung zu erliegen.

*

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DAD“, FLÜSTERTE ER rau und ungläubig, „gütiger Gott, wo kommst du her? Und was um alles in der Welt ist dir zugestoßen. Das ganze Blut ...“

„Junge“, murmelte Flint lahm und lehnte sich an sein Pferd, „das ist eine lange Geschichte. Ich werde sie dir erzählen. Vorher aber ...“

Er ging zum Pferd des toten Banditen hin und knüpfte die Wasserflasche vom Sattel. Er trank, dann reichte er die Canteen Douglas. Auch Douglas nahm einen Schluck. Das Wasser war abgestanden und lauwarm, es schmeckte brackig, dennoch vertrieb es die staubige Trockenheit aus Douglas‘ Hals.

Mit dem Rest des Wassers wusch sich Flint das Blut, den Schweiß und den Schmutz aus dem Gesicht. Er stöhnte auf, als seine Hand über den blutigen Scheitel tastete, den ihm Logans Kugel gezogen hatte, dann knurrte er: „Um ein Haar hätte er mich erledigt. Er muss mich wohl für tot gehalten haben. Jedenfalls erwachte ich irgendwann. Ich setzte mich aufs Pferd und überließ es dem Tier, einen Weg zu finden. Dann hörte ich die Schüsse, und als ich auf dieses Plateau kam, sah ich diesen Hundesohn. Und ich erkannte dich - ich würde dich zwischen tausend Männern auf Anhieb erkennen.“

Flint lächelte glücklich.

Sie ruhten sich aus. Jeder erzählte seine Geschichte. Die Nacht verbrachten sie am Rande des Plateaus zwischen den Felsen. Am Morgen des nächsten Tages brachen sie auf. Sie verfügten nur über ein Pferd. Im Südwesten lag Camp Altus. Das Tier trug sie zeitweise beide. Am Sattel hing die schwere Tasche mit dem Blutgeld, das John Logan und seine Bande erbeutet hatten. Flint und Douglas verschwendeten nicht einen Gedanken daran, was sie erwartete. Für die beiden Männer stand fest, dass sie sehr bald zu Hause sein würden auf der Ranch am Threadgill Creek.

Sie brauchten drei Tage, um nach Camp Altus zu gelangen. Und sie waren ziemlich fertig. Die Streifschusswunde an Flints Kopf war zwar verschorft, aber er hatte Blut verloren und die Strapazen der vergangenen Wochen steckten ihm in den Gliedern. Douglas machten die Nachwirkungen der langen Gefangenschaft und der Flucht aus dem Banditenschlupfwinkel zu schaffen. Auch er war angeschossen und hinkte noch immer leicht.

Er führte das Pferd. Es trug Flint. Es war um die Mittagszeit. Aus dem Sonnenglast schälten sich die wenigen Häuser der Ansiedlung. Im Camp war es ruhig. Nur die Wachen schritten die ihnen vorgeschriebene Route ab.

Im Saloon der Ansiedlung saß Sam Benton an einem Tisch. Vor ihm stand ein Glas voll Whisky. Er war nach Altus geritten, nachdem Flint Howard in den Bergen die beiden Kopfgeldjäger getötet und ihn davongejagt hatte. Sein Leben hatte an einem seidenen Faden gehangen in den Bergen. Die beiden Prämienjäger hatten ihr Schicksal herausgefordert und ihn beinahe mit hineingerissen ins Verderben. Der Schock saß tief, und er wollte nur noch weg - verschwinden aus der Gegend, zurück nach Wichita Falls.

Als er aber in Altus angekommen war, als sich der Aufruhr in seiner Psyche gelegt hatte, beschloss er zu bleiben. Es interessierte ihn plötzlich brennend, wie alles ausgehen würde. Den Gedanken an die Belohnung für die Ergreifung Douglas Howards hatte er noch nicht vollkommen verdrängt, und die Flamme der Habgier begann in ihm wieder zu lodern. Nach Wichita Falls konnte er immer noch zurückkehren, um zu versuchen, an das Geld heranzukommen, das Flint Howard für seine Schwägerin auf der Bank hinterlegt hatte.

Es waren kaum Gäste anwesend. An der Theke lehnten zwei Männer und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Bei der Treppe saß ein Mann an einem Tisch und legte sich eine Patience. Fliegen summten am Fenster.

Draußen pochten Hufe. Benton hob den Blick und schaute durch das Frontfenster hinaus auf die Straße. Ein Mann, der ein Pferd führte, zog in sein Blickfeld. Im Sattel saß nach vorne gekrümmt - Flint Howard. Benton erkannte ihn auf Anhieb. Und jetzt kehrte sein Blick zu dem Mann zurück, der das Pferd führte.

Er war stoppelbärtig, schmutzig, abgerissen und hager wie ein Wüstenwolf. Ein Zweifel war jedoch ausgeschlossen. Es war kein anderer als Douglas Howard, der Mann, dessen Ergreifung der Regierung 3000 Dollar wert war.

„Sie stecken also doch unter einer Decke“, knirschte Sam Benton. Wie unter einem inneren Zwang erhob er sich. Sein Blick voll Gehässigkeit, Feindseligkeit und tödlicher Begierde  hatte sich an den beiden Männern festgesaugt. Er erregte Aufmerksamkeit. Die beiden Männer beim Tresen schwiegen und musterten ihn mit unverhohlener Neugierde. Der Mann an dem Tisch bei Treppe hörte auf, die Karten zu legen, und auch er fixierte Benton aufmerksam.

Douglas und Flint hatten den Saloon passiert. Sie verhielten beim Tränketrog vor der Postkutschenstation. Flint rutschte vom Pferd. Seine Knie knickten ein. Er stöhnte gequält. Yeah, hinter ihm und Douglas lag die Hölle. Ein jeder von ihnen hatte sie für sich durchgemacht. Das letzte Stück waren sie gemeinsam gegangen, um ihr zu entrinnen. Und nun schienen sie ihr entronnen zu sein.

Die beiden ausgelaugten Männer knieten nieder und steckten  ihre Köpfe in das Wasser. Sie wuschen sich die Gesichter. Wasser tropfte aus ihren Haaren und rann unter ihre Hemden. Das Pferd senkte neben ihnen seinen Kopf über den Trog und begann durstig zu trinken.

Auf den Vorbau des Saloons trat Benton. Knarrend schwang die Pendeltür hinter ihm aus. Die beiden Männer beim Postoffice sahen ihn nicht. Sam Benton überquerte die Straße und lief ins Hotel. Einige Menschen verließen ihre Häuser und beobachteten die beiden Männer, die die Wildnis ausgespuckt zu haben schien.

Benton kehrte zurück. Er hielt ein Gewehr in den Fäusten. Er hatte es sich vom Clerk ausgeliehen, der es in der Rezeption aufbewahrte. Als er durchlud, wurden Flint und Douglas aufmerksam. Das scharfe Geräusch erreichte sie wie ein Vorbote des Verhängnisses.

Benton schoss ohne zu zögern.

Er traf Flint. Flint stürzte rücklings in den Tränketrog. Wasser schlug über ihm zusammen und spritzte. Douglas riss den Colt heraus, kniete links ab und feuerte. Der Knall fauchte über die Straße und erreichte Benton zugleich mit der Kugel. Sie bohrte sich in seine Schulter und wirbelte ihn halb herum.

Benton feuerte ein zweites Mal. Douglas überrollte sich auf der Straße, lang schlugen seine Beine auf, sein Oberkörper kam hoch, seine Faust mit dem Colt stach auf Benton zu. Der Schuss dröhnte.

Benton kippte über das Vorbaugeländer, sekundenlang hing sein Oberkörper schlaff nach unten, plötzlich aber verlor die Gestalt das Übergewicht und krachte auf die Straße.

Douglas stand mit einem Ruck, stieß den Colt ins Holster und beugte sich über den Tränketrog. Er hob seinen Vater aus dem Wasser und legte ihn auf den Bohlengehsteig. Flint hatte die Augen geschlossen. Sein Atem ging flach.

„Dad“, murmelte Douglas, und seine Stimme klang tonlos. „Dad, mach die Augen auf. Soll alles umsonst gewesen sein?“

Menschen sammelten sich. Einige beugten sich über Benton. „Es ist Douglas Howard“, röchelte er, dann war er tot.

Flints Lider zuckten. Dann schaute er Douglas an. Sein Blick war seltsam klar. „Es - es war Sam Benton. Ich - glaubte - ihm nie wieder zu begegnen. Er war ein geschlagener Mann, als er fortritt nach der Schießerei in den Bergen. Hast du ihn erwischt, Junge?“

Douglas nickte.

Da klirrte hinter ihm eine eisige Stimme: „Rühr dich nicht, Bandit! Auf dich sind ein halbes Dutzend Waffen angeschlagen. Und wenn du nur mit der Wimper zuckst, verwandeln wir dich in ein Sieb.“

Douglas versteifte.

Er begriff, dass sie etwas außer acht gelassen hatten, als sie nach Altus ritten, eine gewichtige Tatsache - nämlich jene, dass er nach wie vor steckbrieflich gesucht wurde und dass er ohne entsprechende Zeugen kaum eine Chance hatte, zu beweisen, dass er mit den blutigen Verbrechen nicht das Geringste zu tun hatte.

Die Erkenntnis setzte sich in seinem Verstand durch. Es traf ihn wie ein Schwall kalten Wassers. Jetzt durfte er keinen Fehler begehen. Langsam richtete er sich auf, seine Hände wanderten in die Höhe und blieben in Schulterhöhe stehen. Er sagte: „Dieser Mann hier - es ist mein Vater. Er ist schlimm getroffen. Gibt es einen Arzt hier, der ihm hilft?“

„Cash, lauf ins Camp und sag dem Feldscher Bescheid“, ordnete jemand hinter Douglas an. „Und berichte dem Wachhabenden, dass wir Howard haben. Er soll einige Soldaten herschicken, die ihn uns abnehmen.“

Ein Halbwüchsiger hastete davon.

Mit erhobenen Händen drehte sich Douglas um. Unmissverständlich deuteten die Mündungen auf ihn. Seine Lippen sprangen auseinander, er stieß hervor: „Ich bin Douglas Howard, aber meine Weste ist rein. Die Verbrechen, die begangen wurden, hat ein anderer auf dem Kerbholz - einer, der meinen Namen missbrauchte. Ihr werdet es sehen, Leute. Ich bin unschuldig. Also gestattet mir, dass ich mich um meinen Vater kümmere, bis der Doc kommt.“

„Wenn du die Hände auch nur einen Millimeter herunternimmst, frisst du Blei, Bandit!“, zischte der Mann vor Douglas. „Glaub mir: im Land wird es ein Freudenfest geben, wenn sie dich aufhängen. Es wird mir aber auch nichts ausmachen, dich an Ort und Stelle zum Teufel zu schicken.“

Worten waren diese Kerle nicht zugänglich. Douglas konnte es ihnen aber auch nicht verdenken. Also fügte er sich seufzend in sein Schicksal.

*

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EIN DUTZEND SOLDATEN unter der Führung eines Master Sergeants kamen im Laufschritt. Douglas wurde gefesselt und fortgetrieben. Sie fassten ihn nicht mit Samthandschuhen an. Das Pferd, auf dem er und sein Vater gekommen waren und an dessen Sattel die prallgefüllte Geldtasche hing, nahmen sie mit. Auf dem Weg zum Camp begegneten ihnen drei Soldaten. Zwei von ihnen trugen eine Bahre. Der dritte eine Krokodilledertasche. Es war der Feldscher, der unterwegs war, um sich um den verwundeten Flint zu kümmern.

Douglas wurde zum Gefängnis geschleppt. In dem Verlies stauten sich stickige Luft, Moder- und Fäulnisgeruch. Es gab kein einziges Möbelstück hier drinnen, nur das halbverfaulte Stroh, das als Schlaflager diente, und den nach Chlorkalk stinkenden Latrinenkübel in der Ecke.

Douglas wurden die Fesseln abgenommen. Er hatte das Empfinden, lebendig begraben zu werden, als sie ihn in das Verlies hineinstießen.

Der Riegel draußen fiel in die Halterung, Schlüssel rasselten, die Schritte der Soldaten verklangen. Nur durch das Fenster, durch das in schräger Bahn das Tageslicht fiel, drangen Geräusche herein.

Gegen Abend kamen ein Lieutenant und vier Soldaten zu ihm in die Zelle. „Wie geht es meinem Vater?“, empfing Douglas sie voll angespannter Erwartung.

Die Soldaten bedrohten ihn mit ihren Karabinern. Der Lieutenant baute sich vor ihm auf, überkreuzte die Arme vor der Brust, grinste herablassend und erwiderte ohne jede Freundlichkeit: „Er wird es überleben. In drei Wochen ist er wieder auf dem Damm, meint der Arzt. Sie allerdings, Howard, werden wahrscheinlich dann schon in der Hölle schmoren. Übermorgen soll die Verhandlung gegen sie stattfinden. Und wenn Sie - was zu erwarten ist -, schuldig gesprochen werden, dann ...“

Anstelle es auszusprechen deutete der Lieutenant mit der flachen Hand die Geste des Halsabschneidens an.

Douglas wandte sich ab, ging zum Fenster, und blickte zwischen den Gitterstäben hinaus. „Mein Gott“, murmelte er, „hat denn noch kein Mensch hier einen Gedanken daran verschwendet, dass ich möglicherweise mit all den Verbrechen, die mir angelastet werden, nichts zu tun habe?“

Der Lieutenant räusperte sich. „Es abzustreiten hat keinen Sinn, Mann“, grollte sein Organ. „An Ihrem Sattel hing die Tasche mit dem Geld aus den Banküberfällen. Nach dem Überfall auf den Versorgungszug fallen sie unter die Zuständigkeit der Armeegerichtsbarkeit. Das Militärgericht wird gegen Sie verhandeln. - Um es kurz zu machen, Howard: Ich bin Lieutenant Stanford, und man hat mich mit Ihrer Verteidigung beauftragt.“

„Das soll wohl ein Witz sein“, murmelte Douglas und nahm wieder Front zu dem Offizier ein. „Eine Farce. Der Schuldspruch ist doch nur noch eine Formsache.“

Der Lieutenant zuckte mit den Achseln. „Das ist nun einmal so. Auch ich bin nicht begeistert davon.“

„Reiten sie lieber mit einer Patrouille hinauf in die Wichita-Berge. Ich kann Sie zum Camp der Bande führen. Ein Bursche namens John Logan hat unter meinem Namen all die Überfälle verübt. Ich war Logans Gefangener. Den Weg aus dem Camp habe ich mir freigeschossen. Einige der Banditen leben noch. Es gab auch Frauen in dem Schlupfwinkel. Sicher sind sie jetzt auf der Flucht. Aber es dürfte einer in gewiss sehr zahlreichen Indianerkämpfen erfahrenen Kavallerieeinheit kein großes Problem bereiten, die flüchtenden Banditenliebchen aufzusammeln.“

Der Lieutenant legte den Kopf schief und schaute zweifelnd. „Was rechnen Sie sich damit aus, Howard? Möchten Sie mit derlei Manövern Zeit gewinnen? Himmel, Mann, man hat Sie in Wichita Falls und auch in Tampico erkannt. Leugnen ist zwecklos. Finden Sie sich damit ab, dass sie am Ende ihres Trails angekommen sind. Nehmen Sie es hin wie ein Mann. Als es um das Leben der Soldaten des Nachschubzuges ging waren Sie doch auch nicht so zimperlich.“

Zorn wallte in Douglas hoch. „Wissen Sie was, Lieutenant, ich verzichte auf einen Verteidiger wie Sie es sind. Scheren Sie sich zum Teufel. In die Hölle kann ich auch ohne Ihre Fürsprache sausen.“

Stanford lächelte in kalter Manier. „Ich werde beim Kommandanten um meine Ablösung von dieser undankbaren Aufgabe nachsuchen, Howard.“ Er nickte und fügte zynisch hinzu: „Leben Sie wohl, Mister.“

Dann war Douglas wieder allein.

Er zerbrach sich den Kopf nach einem Ausweg. Aber mit Flucht alleine war es nicht getan. Er würde den Rest seines Lebens als Verfemter, als Ausgestoßener, verbringen, und irgendwo wartete eine Kugel oder ein Strick auf ihn. Er musste seine Unschuld beweisen.

Der Beweis für seine Unschuld war aber nur in den Wichita-Bergen zu finden. Er musste eine Patrouille dazu bringen, dorthinzureiten. Aber wie?

Die Nacht verstrich, ein Tag schloss sich an. Er musste hinaus! Sein Verstand sagte ihm, dass es keine Chance gab. Die Wachsoldaten waren auf der Hut. Sie schoben ihm das Essen durch die Klappe, die dafür in der Tür vorgesehen war, herein. Und dorthin musste er auch seine leeren Schüsseln stellen. Seine Notdurft verrichtete er in den Latrineneimer. Am Abend musste er diesen vor die Tür stellen. Sie schlossen auf, sprangen drei Schritte zurück und standen dann, wenn er die Tür öffnete, mit angeschlagenen Karabinern im Halbkreis, lauerten regelrecht, dass er nur eine Handbewegung gegen sie machte. Er war sicher, sie würden abdrücken.

Der Tag, an dem die Verhandlung stattfinden sollte, brach an. Der Riegel schepperte. Die Tür schwang auf. Douglas wurde ins Freie dirigiert. Vor ihm schritt der Wachhabende, ein älterer Sergeant. Links und rechts von ihm waren Soldaten mit Gewehren, ebenso hinter ihm.

Das Gericht tagte im Freien vor dem großen Stabszelt. Aus der Ansiedlung waren die Menschen herübergekommen. Alles war vorbereitet, um über seinem Kopf den Stab zu brechen. Denn es war klar, dass keiner von all diesen Menschen hier an seine Unschuld glaubte.

Ein Taumel schwemmte Douglas hinweg. Er handelte aus der Not heraus. Ehe es die Soldaten um ihn herum verhindern konnten, fiel er den Wachhabenden von hinten an. Er schlang ihm den Arm um den Hals, wirbelte ihn herum, benutzte ihn wie ein Schutzschild und riss ihm den Colt aus dem Holster.

Die Soldaten waren völlig perplex. Rückwärtsgehend drückte Douglas seiner Geisel die Revolvermündung unter das Kinn. Er musste den Mann fast schleppen, denn der war so sehr erschrocken, dass er vergaß, die Beine zu benutzen.

Ein Aufschrei ging durch die Menge der Soldaten und Schaulustigen. Douglas rief: „Ich betone es jetzt noch einmal: ich bin unschuldig. Der Mann, der unter meinem Namen räuberte und mordete, ist tot. Ich lasse mich nicht für seine Verbrechen aufhängen. Vorsicht, lasst euch zu nichts hinreißen. Ich werde mich nicht scheuen, diesen Mann zu erschießen. Und es wäre Notwehr - sonst nichts.“

„Sie kommen damit nicht durch, Howard!“, schrie ein Captain. „Also geben Sie auf. Wir werden einen fairen Prozess führen und ...“

Spöttisch lachte Douglas auf. „Sicher, und es wird eine faire Hinrichtung, wenn man mir den Strick um den Hals legt und unter meinen Füßen den Boden wegzieht. Okay, ich stelle jetzt meine Forderungen. Und ihr solltet darauf eingehen, andernfalls stirbt der Mann hier. Vergesst nicht, dass ich nichts zu verlieren habe.“

„Was fordern Sie?“

„Zwei gesattelte Pferde und Proviant für drei Tage. Ein Gewehr, einen Colt und ausreichend Munition. Und ich brauche eine Stunde Vorsprung.“

„Wie wollen Sie je wieder zur Ruhe kommen, Howard? Vom südlichsten Zipfel von Texas bis hinauf zur Canada-Grenze wird man nach Ihnen fahnden. Von der Pazifik- bis zur Atlantikküste. Glauben Sie wirklich ...“

Der Mann in Douglas‘ Würgegriff röchelte. Douglas lockerte den Druck seines Armes etwas. „Ich warte noch genau fünf Minuten“, rief er. „Und dann schieße ich ihm den Kopf von den Schultern."

„Nur ruhig. Machen Sie alles nicht noch schlimmer. Sie bekommen alles, was Sie fordern. Ich schätze, Sie nehmen den Sergeanten als Geisel mit, um die Stunde Vorsprung durchzusetzen. Werden Sie ihn laufen lassen, wenn die Stunde vorbei ist?“

„Auf jeden Fall!“

„Well, Howard. Aber eines verspreche ich Ihnen: nach Ablauf der Stunde werden wir sie hetzen wie einen tollwütigen Hund. Und am Ende werden Sie tot sein.“

Es war der Lagerkommandant, der zuletzt mit Douglas verhandelt hatte. Ein Soldat im Rang eines Majors, der kühlen Kopf behielt und der in erster Linie das Leben des Sergeanten, der sich in Douglas‘ Gewalt befand, nicht gefährden wollte.

Douglas zog sich noch ein Stück zurück. Er war nicht glücklich über das, was er zu tun gezwungen war. Aber er wollte sich auch nicht wie ein Hammel zur Schlachtbank führen lassen. Gefühle konnte er sich in seiner Situation nicht erlauben.

*

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NIEMAND BEHINDERT DOUGLAS, als er mit seiner Geisel Camp Altus verließ. Nach einer Stunde ließ er den Sergeanten frei. Er sagte zu dem Mann: „Ich werde meine Unschuld beweisen. Oben, in den Wichita Bergen. Sagen Sie ihren Gefährten, dass sie mich dort suchen müssen. Ich werde dafür sorgen, dass sie meine Spur nicht verlieren. Dass ich Sie ziemlich hart rannehmen musste tut mir leid, Sergeant. Aber es war meine einzige Chance. Wenn meine Unschuld bewiesen ist, komme ich ins Camp und lade Sie auf einen Drink ein."

Er gab dem Braunen die Sporen. Das Pferd, auf dem der Sergeant gesessen hatte, wurde mitgerissen. Douglas sprengte nach Nordosten davon. Verblüfft starrte ihm der Sergeant nach.

Douglas ritt in die Wichita-Berge. Er fand das Camp. Der Zugang war unbewacht. Er ritt hinein. Es war alles noch so wie er es in Erinnerung hatte. Entgegen seiner Erwartungen war das Camp nicht aufgegeben worden. Bei den Hütten brannten Kochfeuer. Douglas ritt an. Die Frauen, die sich noch in dem Camp befanden, wurden auf ihn aufmerksam. Männer waren keine zu sehen. Der Corral war leer. Erregte Stimmen erklangen, dann rief eine Frau bitter: „Es war alles gut, Howard, bis du vor einigen Tagen zusammen mit Lana hier das Oberste zuunterst kehrtest. Die hundsgemeinen Kerle, die überlebten, haben uns schmählich im Stich gelassen. Auch der Colonel hat sich abgesetzt. Die Schufte ließen uns nicht ein einziges Pferd. Sie hätten sogar auf uns geschossen, wenn wir sie aufzuhalten versucht hätten. So sind wir verdammt, hierzubleiben. Denn ohne Pferde und Waffen wären wir im Indianerland verloren.“

„Du machst es mir doch nicht zum Vorwurf, Lady, dass ich mein Leben rettete?“, fragte Douglas bissig und mit Sarkasmus im Tonfall. Und dann fügte er fragend hinzu: „Sind alle Männer fort? Auch Jeff Dawson, den ich mit der Gabel ziemlich schmerzhaft verletzte?“

„Der konnte nicht reiten, sonst wäre er sicher mit den anderen Dreckskerlen verschwunden. So haben wir ihn wieder hochgepäppelt. Und sicher zielt er längst mit seinem Gewehr auf dich, Howard.“

Einen Moment lang sträubten sich Douglas‘ Nackenhaare, dann deutete er mit dem Daumen über seine Schulter und sagte laut: „In meinem Schlepptau kommen zwei Dutzend Kavalleristen. Ich habe ein kleines Katz- und Mausspiel mit ihnen veranstaltet und sie auf diese Weise hergelotst. Sicher beobachten sie uns bereits, und jeden Moment werden sie in den Felskessel strömen. Ihr wollt doch weg von hier, Ladys. Nun, die Soldaten werden euch sicher aus dem Indianerland geleiten. Sagt ihnen nur die Wahrheit - die ungeschminkte Wahrheit.“ Seine Stimme hob sich. „Und du, Jeff, solltest dich zurückhalten. Ich weiß, dass du an keinem der Überfälle beteiligt warst, dass du immer nur im Camp geblieben bist, um hier für Sicherheit zu sorgen. Du wirst mit ein paar Jahren Zuchthaus wegkommen. Wenn du aber auf mich schießt, dann ist das Mord, und du wirst hängen.“

In diesem Moment erschallte im Süden klingender Hufschlag. Eine Schar blauuniformierter Reiter ergoss sich aus dem Maul der Schlucht, die in das Tal führte. Ein weithin hallender, schnarrender Befehl erklang. Krachend flog eine Hüttentür auf. Jeff Dawson trat unbewaffnet ins Freie...

*

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ICH BEDAUERE ES SEHR, Mister Howard, dass wir Sie zu Unrecht verdächtigten und fast zu Tode hetzten“, gab der Major zu verstehen. „Aber alles sprach gegen Sie. Und wir sind auch nur Menschen, die sich irren können.“

„Schon gut“, murmelte Douglas und war in Gedanken bei Lana, die in der Wildnis des Indianerlandes ein einsames Grab gefunden hatte. Dann dachte er an seinen Vater. Soeben war er, Douglas, vom Militärgericht von jedem Vorwurf freigesprochen worden. Der Weg nach Hause war für ihn frei. Aber er konnte ihn erst antreten, wenn sein Vater transportfähig war.

„Sie sind rehabilitiert, Mister Howard“, begann der Major noch einmal. „Ein freier Mann, der gehen kann wohin er will.“

Douglas wandte sich ab. Er schritt durch das Spalier aus Soldaten und Zivilisten, die der kurzen Verhandlung aufmerksam gefolgt waren. Vor wenigen Tagen hätte ihn noch jeder hier ohne mit der Wimper zu zucken erschossen. Jetzt lächelten ihm die meisten aufmunternd zu.

Seine Mutter kam ihm in den Sinn. Er sah sie in Gedanken, und auch sie lächelte. Es war ein warmes, herzliches Lächeln. Mit Macht überkam ihn das Heimweh. Seine Beine trugen ihn zu dem Lazarettzelt, in dem sein Vater lag. Er war frei, sein Vater würde genesen, auf sie warteten Mutter und die Ranch am Threadgill Creek.

Seine Gefühle drohten ihn zu überwältigen. Aber da war der Schatten, den Lanas Tod auf alles legte. Und in Douglas wollte einfach kein Glücksgefühl aufkommen...

ENDE

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HÖLLENJOB IN KANSAS

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Western von Alfred Bekker

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Kapitel 1

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"Da kommen sie - diese verdammten Blauröcke!", presste Jeffrey Bridger zwischen den Zähnen hindurch. Zusammen mit mehr als zwei Dutzend Bewaffneten lauerte er in den steinigen Hängen und blickte in die langgezogene, gewundene Schlucht hinab. Eine Abteilung  Kavalleristen der US-Army ritt dort entlang. Sie befand sich offenbar auf dem Weg von Garden City nach Liberal im äußersten Südwesten von Kansas, nur ein paar Meilen vom Indianergebiet entfernt. Bridger zielte mit der Winchester auf den Kommandanten der Abteilung. Der Uniform nach hatte er den Rang eines Captain. In Bridgers Gesicht zeigte sich ein kaltes Lächeln.

"Diese Yankees werden es bitter bereuen, uns bis hier gefolgt zu sein!", murmelte einer der anderen Männer. "Worauf wartest du noch, Jeff? Knallen wir sie ab wie Kaninchen!"

*

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DER KERL, DER DAS GESAGT hatte, hielt einen Revolver in der Linken. Der rechte Arm fehlte. Der Ärmel seiner Jacke aus fleckigem Drillich hing schlaff herunter.

"Wir warten noch, Leslie!", bestimmte Bridger. "Erst wenn wir die Chance haben, diesen ganzen Trupp auf einmal zu erledigen, geht es los!"

Der einarmige Leslie verzog das Gesicht.

"Du bist der Boss, Jeff!"

Bridger bleckte die Zähne wie ein Raubtier. "Vergiss das nicht, Leslie!"

"Wie könnte ich!", erwiderte der Einarmige mit leichtem Spott in der Stimme.

Fast ein ganzes Jahr war seit dem Ende des Bürgerkriegs vergangen. Monate, in denen sich die Anhänger des im Auftrag der Konföderierten operierenden Guerilla-Führers William C. Quantrill hatten verstecken müssen. In alle Winde hatten sich Quantrills Leute zerstreut. Die Brüder Frank und Jesse James ebenso wie Jeffrey Bridger. Quantrill selbst war bereits im Juni 1865 von Blauröcken erschossen worden. Nur 28 Jahre war der berüchtigte Guerilla-Führer geworden, der durch die grausamen Plünderungen der von ihm angeführten Bande bekannt geworden war. Besonders im Grenzgebiet von Kansas und Missouri hatten Quantrills Reiter gewütet. Kaum eine Stadt war dort nicht von Quantrills Leuten heimgesucht worden. Bis zu vierhundert Reiter hatten unter seinem Kommando gestanden. Banditen, die mit Billigung und Unterstützung der Confederated States of America ihrem grausamen Geschäft nachgegangen waren.

Inzwischen war ihre Schutzmacht jedoch untergegangen. Unionstruppen hatten das zwischen Gegnern und Befürwortern der Sklaverei zersplitterte Kansas besetzt. Quantrills Bande hatte sich daher in mehrere kleinere Gruppen aufgespalten, die jetzt auf eigene Faust mit ihrem blutigen Handwerk fortfuhren. Auch ohne die Fassade irgendeiner politischen Idee.

Männer, die nichts anderes gelernt hatten, als zu töten und rauben.

Manche von ihnen trieb der pure Hass auf den Norden. Die meisten trieb die reine Geldgier und die Aussicht auf reiche Beute.

Bridgers Zeigefinger spannte sich um den Stecher des Sharps-Gewehrs.

Ein Schuss löste sich, hallte zwischen den Hängen wider.

Für Bridgers Meute das Signal zum Angriff.

*

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CAPTAIN JOHN REILLY führte den Trupp von US-Kavalleristen an. Der hochgewachsene Offizier ließ den Blick seiner grauen Augen über die Steilhänge schweifen.

Bislang hatte er nichts Verdächtiges entdeckt. Aber Reilly war sich der Tatsache bewusst, dass er sich mit seinem Trupp gewissermaßen in Feindesland befand.

Zwar war Kansas inzwischen von Unionstruppen besetzt und Quantrill erschossen worden, aber noch immer streiften kampferprobte Banden durch das Land. Banden, die aus ehemaligen Quantrill-Kämpfern bestanden, dessen irreguläre Kämpfer sich zerstreut hatten.

Viele von ihnen zog es in den äußersten Südwesten von Kansas.

Die Nähe zum Indianergebiet zog sie an. Das Gebiet der sogenannten zivilisierten Indianernationen hatte seine eigene Gerichtsbarkeit. Doch die galt nicht für Weiße. Für sie war das gewaltige Oklahoma-Territorium ein nahezu gesetzloser Ort. Kein Wunder, dass es die Banditen aus den Nachbarstaaten anlockte wie das Licht die Motten.

Die ehemaligen Quantrill-Kämpfer konnten dieses Gebiet daher als bequemen und sicheren Rückzugsort nutzen.

Viele der lokalen Gesetzeshüter hatten allerdings gar kein Interesse daran, ehemaligen Quantrill-Leuten nachzustellen, da sie insgeheim mit ihnen sympathisierten.

Der Krieg war zwar beendet, aber der Riss, der durch die Bevölkerung von Kansas ging, war damit noch lange nicht gekittet worden. Noch immer gab es zahlreiche Sympathisanten des Südens, die Banditen wie die James-Brüder oder Jeffrey Bridger deckten.

Auf ihrem Weg Richtung Oklahoma hatten Captain John Reilly und seine Leute Dodge City und Garden City passiert. Viele Einwohner hatten sie mit offenen Armen empfangen. Aber es gab auch Menschen, die den Blauröcken mit Misstrauen begegneten. Reilly nahm an, dass die Nachricht vom Eintreffen der Kavallerie-Abteilung seinen Leuten längst vorausgeeilt war.

Ein Höllenjob lag vor Reilly und seinen Männern.

Südlich von Garden City sollte sich die Bande von Jeffrey Bridger versteckt haben. Ein paar erfolgreiche Banküberfälle hatten sie verübt, bevor sie im hintersten Winkel von Kansas untergetaucht waren.

Der Erfolg hatte Bridgers Bande Zulauf gebracht. Gewöhnliche Kriminelle waren ebenso darunter wie ehemalige Angehörige der Konföderierten-Armee, die der Illusion anhingen, dass die Sache des Südens doch noch nicht verloren war.

Captain Reilly hatte den Auftrag, Bridger und seine Bande zu zerschlagen. Wenn möglich sollten die Anführer vor Gericht gestellt werden.

Neben Reilly ritt Lieutenant Ben McCall, ein blonder Mittdreißiger mit hellblauen, wachen Augen. Die Zügel seines Braunen führte McCall mit der Linken. Die Rechte ruhte auf dem Army-Holster am Gürtel.

"Es würde mich nicht wundern, wenn Bridgers Leute hier irgendwo auf uns lauern würden, Sir", murmelte Ben McCall. Der Lieutenant blinzelte gegen die tiefstehende Sonne.

"Dies ist Bridgers Land", stellte der Captain fest. "Aber wir sind hier, um es ihm weg zu nehmen!"

"Aye, Sir!", nickte Ben McCall. "Dass man dazu eigentlich viel mehr Leute bräuchte, muss ich Ihnen ja wohl nicht sagen!"

Reilly lachte heiser.

"Danach fragt niemand", erwiderte der Kommandant.

Das Wiehern eines Pferdes veranlasste beide Männer dazu, sich in den Sätteln herumzudrehen.

Das Pferd von Corporal Ray Taggert scheute.

Der dunkelhaarige Mann schaffte es mit Mühe, den Gaul wieder unter Kontrolle zu bekommen. Taggert beugte sich vor, fasste dem Tier an die Nüstern. Es beruhigte sich.

Die Abteilung hielt.

"Was ist los?", rief John Reilly.

Der Corporal richtete sich im Sattel auf. Er zuckte die breiten Schultern.

"Keine Ahnung, Sir. Vielleicht hat ein Insekt meinen Braunen gestochen."

In diesem Moment krachte ein Schuss von den Steilhängen herab. Die Kugel pfiff haarscharf an Captain Reillys Kopf vorbei. Um kaum einen Fingerbreit verfehlte sie ihn. Reilly zog den Colt aus dem Army-Holster. Das Pferd scheute, stellte sich wiehernd auf die Hinterbeine.

Weitere Schüsse pfiffen den Blauröcken um die Ohren.

Überall wurde jetzt von den Hängen aus geschossen. Mindestens aus zwanzig Rohren, so schätzte Reilly.

Der erste Soldat wurde aus dem Sattel geholt, bevor er das Sattelgewehr gezogen hatte. Ein Zweiter, der den Sharps-Repetierer gerade aus dem Scubbard gezogen und durchgeladen hatte, bekam einen Kopftreffer. Ein Ruck ging durch den Körper des Kavalleristen. Er wurde nach hinten gerissen. Ein Fuß verfing sich im Steigbügel. Das Pferd brach seitlich aus und schleifte den Toten hinter sich her.

Lieutenant Ben McCall und Corporal Ray Taggert hatten ihre langläufigen Army-Colts vom Kaliber .44 aus den Holstern gerissen und feuerten zurück. Die Angreifer schienen jedoch von allen Seiten zu kommen. Captain Reillys Truppe war in einen regelrechten Hinterhalt geraten.

Es gab so gut wie keine Deckung.

Innerhalb weniger Augenblicke waren ein halbes Dutzend Soldaten tot und lagen in ihrem Blut.

Reilly wusste sofort, dass es nur noch darum ging, das Schlimmste zu verhindern.

"Vorwärts!", brüllte er.

Dabei feuerte auch er seinen Colt ab.

Er zielte auf einen Busch, hinter dem er kurz zuvor Mündungsfeuer hatte aufblitzen sehen.

Ein heiserer Todesschrei vermischte sich mit den Schussgeräuschen.

Die Blauröcke preschten vorwärts. Es war eine Flucht nach vorn. Eine andere Möglichkeit blieb ihnen in diesem Moment auch nicht, wollten sie nicht bis auf den letzten Mann niedergemacht werden.

Lieutenant Ben McCall führte sie an, während Captain Reilly sich zurückfallen ließ.

Unablässig feuerte er den Revolver ab, bis die Trommeln leer waren. Dann griff er nach dem Sharps-Karabiner im Scubbard, riss die Waffe heraus und feuerte weiter.

Seine Männer wehrten sich, so gut sie konnten.

Hin und wieder hatte ihr Gegenfeuer auch Erfolg und einer der Angreifer stürzte getroffen aus seiner Deckung heraus.

Ein Pferd ging wiehernd zu Boden. Mehrere Schüsse hatten es im Bauchbereich getroffen. Der Reiter sprang rechtzeitig ab. Hart kam er auf den Boden, rollte herum und feuerte seinen Sharps-Karabiner ab.

Reilly hielt auf ihn zu.

Der Soldat kam auf die Beine, feuerte immer wieder in Richtung der Gegner.

"Auf meinen Sattel, Private!", rief Reilly, streckte die Hand nach dem Blaurock aus.

Der Mann ergriff sie, schwang sich hinter seinen Kommandanten. Reilly gab dem Gaul die Sporen. Zusammen mit den anderen schnellten sie auf das Ende der Schlucht zu.

Einige der Pferde, die mit ihnen galoppierten, besaßen keinen Reiter mehr.

Ungefähr ein Dutzend Männer hatte die Truppe inzwischen verloren.

Dazu kamen noch einige Verletzte.

Sie hetzten vorwärts, ließen die Pferde in einem wahnwitzigen Tempo die Schlucht entlang preschen. Diese machte nach etwa dreihundert Yards eine Biegung. Der Geschosshagel, der bis dahin auf die Blauröcke hernieder geprasselt war, verebbte. Offenbar hatten sich hier keine ehemaligen Quantrill-Guerillas auf die Lauer gelegt.

Reilly war einer der Letzten, der die Biegung passierte.

Lieutenant Ben McCall hatte inzwischen schon dafür gesorgt, dass die Truppe hielt. Mit bloßer Stimmgewalt allerdings, denn der Trompeter war unter den Gefallenen.

Die Kavalleristen sammelten sich.

Reilly zügelte seinen Gaul.

"Steigen Sie ab und nehmen Sie sich eines der Pferde ohne Reiter!", wies er den hinter ihm sitzenden Soldaten an.

"Aye, Sir!"

Der Soldat sprang auf den Boden.

Er wandte sich an seinen Kommandanten. "Danke, Sir! Sie haben mir das Leben gerettet!"

Reilly musterte ihn kurz.

"Wie heißen Sie?"

"Private Jim Hughes, Sir!"

Der Captain nickte leicht. Er erinnerte sich daran, Hughes' Namen auf der Personalliste für diese Mission gelesen zu haben. Hughes war bereits Corporal gewesen. Wegen Disziplinlosigkeit hatte man ihn wieder zum einfachen Soldaten degradiert. Diese Mission war für ihn die Chance, seinen Rang zurück zu erhalten.

Hughes fasste eines der herrenlosen Pferde am Zügel, schwang sich in den Sattel.

Corporal Ray Taggert meldete sich zu Wort.

"Wir haben 13 Männer verloren, fünf sind verletzt und brauchen dringend medizinische Behandlung!", meldete er.

"Der nächste Arzt dürfte in Liberal zu finden sein", stellte Lieutenant McCall fest. "Das ist noch etwa einen Tagesritt von hier. Mit den Verletzten wird es natürlich nicht so schnell gehen."

Reilly blickte sich um. Einige der Angeschossenen hielten sich nur mühsam im Sattel. Nicht alle von ihnen würden es bis Liberal schaffen.

"Wir müssen aus dieser Schlucht heraus!", erklärte Reilly. "Wenn wir eine Stelle finden, an der wir einigermaßen Deckung haben, bleiben wir dort."

"Glauben Sie, dass die Banditen wieder angreifen?", fragte Ben McCall.

Reilly schüttelte energisch den Kopf.

"Nein. Die haben versucht, jedes Risiko zu vermeiden. Sie wissen genau, dass sie sich bei einem zweiten Versuch blutige Nasen holen würden!"

Reilly zog den Säbel.

Er trug ihn nicht am Gürtel, sondern hatte ihn vorn am Sattel hängen.

Mit der in der Sonne blinkenden Klinge wies er Richtung Süden.

"Vorwärts, Männer!", rief er.

Donnernd stampften Pferdehufe über den trockenen, nur mäßig bewachsenen Untergrund.

Sie erreichten schließlich den Ausgang der Schlucht. Dort gab es einige kleinere Felsformationen, bevor relativ offenes, hügeliges Land folgte, das nur hin und wieder durch kleinere Baumgruppen unterbrochen wurde.

Im Schutz der Felsen stoppte die Truppe erneut.

Reilly wandte sich an seine Männer und gab Befehle. Die Verletzten mussten notdürftig versorgt werden. Der Großteil der Männer sollte Deckung in der Umgebung suchen. "Sollten unsere Gegner uns folgen, werden Sie es schwer haben! Wir werden uns hier eine Weile einigeln."

"Sir! Was ist, wenn sich die Banditen einfach aus dem Staub machen?", fragte McCall. "Sie haben selbst erwähnt, wie risikoscheu die Brüder sind!"

Reilly nickte. "Die haben uns kalt erwischt."

"Während wir uns die Wunden lecken, sollte ihnen jemand folgen!", forderte McCall.

Jim Hughes meldete sich freiwillig. "Das könnte ich machen!"

Reilly musterte den Degradierten stirnrunzelnd.

"Können Sie Fährten lesen, Private Hughes?"

"Um ein so großes Rudel Wölfe zu finden, wird es ausreichen!"

"Okay, dann versuchen Sie Ihr Glück. Ich bestehe allerdings darauf, dass ein weiterer Mann Sie begleitet. Reiten Sie einen Bogen. Sollten die Kerle sich davonmachen, dann vermutlich Richtung Süden oder Südwesten."

"Ja, Sir."

"Wir treffen uns in Liberal, Private Hughes!"

*

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DIE SONNE STAND BEREITS tief und war milchig geworden, als ein einsamer Reiter die kleine Stadt Liberal im äußersten Südwesten von Kansas erreichte. Die Grenze zum Indianer-Territorium war nur wenige Meilen entfernt.

Eine Main Street, ein paar Häuser, drei Saloons, ein Office für den Sheriff und eine Kirche - das war Liberal. Früher hatte es zahlreiche Ranches und Farmen in der Umgebung gegeben. Aber der Krieg, der in Kansas vor allem ein Krieg zwischen irregulären Banden beider Seiten gewesen war, hatte dafür gesorgt, dass viele Siedler aufgegeben hatten und weiter nach Westen gezogen waren. Alles, was man diesen Menschen über blutdurstige Prärie-Indianer erzählt hatte, war offenbar weniger grausig gewesen als das, was ihnen durch weiße Kriegsmeuten drohte.

Der einsame Reiter erreichte die Main Street.

Misstrauische Blicke begleiteten ihn.

Auf den ersten Blick wirkte er wie ein Indianer. Er trug einen eng anliegenden Anzug aus Wildleder. Sein blauschwarzes Haar war zu einem Zopf zusammengefasst. Um die Hüften trug er einen breiten Revolvergurt, an dem außer dem Holster für den Colt noch ein langes Bowie-Messer hing. Eine Winchester 44 steckte im Sattelschuh.

Der Reiter lenkte seinen Braunen auf den größten der drei Saloons zu.

Am Saloon stand in großen Buchstaben "Fire Water".

Auf der anderen Straßenseite sammelten sich ein paar Männer, tuschelten miteinander und starrten immer wieder zu dem Fremden.

Sein Gesicht war sehr dunkel.

Selbst für einen Indianer.

Die breite Nase entsprach auch nicht dem gewohnten Profil.

Der Fremde stieg vom Pferd, machte den Braunen am Hitchrack vor dem "Fire Water" fest und passierte anschließend die Schwingtüren.

Zänkisches Stimmengewirr mischte sich mit dem Spiel eines talentlosen Pianisten.

An einem der Tische war eine Pokerrunde im Gange. Am Schanktisch stand ein gutes Dutzend Männer, die auf den ersten Blick wie Cowboys aussahen. Allerdings fiel auf, dass keiner von ihnen Chaps trug. Außerdem waren die Colts der Männer sehr tief geschnallt, was einen Cowboy bei der Arbeit behindert hätte.

Revolvermänner!, dachte der Fremde. Einige von ihnen hatten sogar zwei Waffen am Gürtel.

Das Stimmengewirr ebbte etwas ab, als die Saloon-Zecher auf den Fremden aufmerksam wurden.

Er ging zum Schanktisch, winkte den Salooner herbei, einen schmächtigen Mann mit tiefliegenden Augen und buschigem Schnauzbart.

"Mein Name ist Tom White Feather. Ist in letzter Zeit eine Truppe von Army-Kavalleristen durch Liberal gekommen?"

"Nein, nicht, dass ich davon gehört hätte", sagte der Salooner. "Und normalerweise höre ich alles, was in der Gegend so vor sich geht."

"Verstehe. Kann man hier telegrafieren?"

"Konnte man vor dem Krieg, Mister."

"Und was ist mit einem Mietstall?"

"Am Ende der Straße."

Tom White Feather legte eine Münze auf den Tisch. "Ich möchte ein Zimmer für die Nacht, eine warme Mahlzeit und einen Kaffee, der Tote erweckt!"

Der Salooner blickte auf die Münze. Er zögerte, ehe er sie einsteckte.

"Keinen Whisky?", vergewisserte er sich.

Tom White Feather schüttelte den Kopf. "Ich trinke kein Feuerwasser."

"War ja nur 'ne Frage."

"Ich habe zu viele Indianer wie hilflose Narren herumtorkeln sehen."

"Ist sicher besser, man lässt die Finger von dem Zeug. Sagt unser Reverend auch immer." Ein verlegenes Grinsen erschien im Gesicht des Salooners. "Allerdings lebe ich unglücklicherweise davon, das Zeug zu verkaufen. Ob an Weiße, Rote oder Chinesen ist mir ganz egal!"

Toms Gesicht blieb unbewegt.

"Bringen Sie mir das Essen an den Tisch", forderte er.

"Ja, Mister."

Tom drehte sich um.

Am Pokertisch hatten die Männer inzwischen aufgehört zu spielen. Sie starrten Tom White Feather an.

Einer der Kerle stand auf.

Er trug einen fast knöchellangen Saddle Coat.

"Hey, bedienst du inzwischen schon jeden, Derry?", rief er zum Salooner hinüber.

"Wenn er bezahlt schon."

Der Saddle Coat-Mann spuckte aus und schlug den Mantel zur Seite, sodass der tiefgeschnallte Revolver sichtbar wurde. "Du bist halt eine geldgierige Ratte ohne Ehre, Derry", zischte er zwischen den schmalen Lippen hindurch. "Aber bei mir ist das anders." Er umrundete den Tisch, stellte sich breitbeinig in der Mitte des Schankraums auf. Seine Daumen klemmten hinter dem Gürtel. "Von welchem Stamm bist du?", fragte er.

"Ich bin Cherokee", erwiderte Tom White Feather ruhig.

"Ich mag keine Cherokees!"

"Dann würde ich vorschlagen, dass wir uns aus dem Weg gehen. Ich bin nicht auf Ärger aus."

"Du bist ziemlich dunkel für einen Indianer... Sieht mir nach Niggerblut aus. Wer war dein Vater?"

"Er war Cowboy."

"Und vorher? Ein entlaufener Niggersklave, habe ich Recht?"

Niemand sagte einen Ton. Es herrschte absolute Stille im "Fire Water". Der Saddle Coat-Mann schien es auf Streit anzulegen. Er wandte sich erneut an den Salooner. "Gib dem verdammten Nigger-Halbblut sein Geld zurück", forderte er.

Der Salooner fing an zu schwitzen.

"Ich weiß nicht..."

"Na, los! Mach schon!"

Einer der Männer am Schanktisch meldete sich zu Wort. "Das Halbblut hat nach einer Schwadron von Yankee-Blauröcken gefragt, die er hier erwartet!"

Ein zynisches Grinsen erschien im Gesicht des Saddle Coat-Mannes.

"Sieh an. Hätte ich mir ja denken können. Ein Yankee-Nigger."

"Der Krieg ist vorbei", sagte Tom White Feather so gelassen wie ihm das in dieser Situation möglich war.

"Der Krieg ist für die Feiglinge der konföderierten Regierung vorbei! Das mag sein. Aber viele andere sehen das nicht so! Es gibt noch Männer, die die Sache des Südens für gerecht halten!"

"Sie meinen die Sklaverei?"

"Ich meine das Recht eines jeden Staates, die Union zu verlassen, wann immer er will. Genau das haben die Confederated States of America getan. Nicht mehr und nicht weniger. Aber der Norden hatte etwas dagegen, dass im Süden ein verfassungsmäßig garantiertes Recht in Anspruch genommen wurde!"

Tom White Feather zuckte die Achseln.

"Akzeptieren Sie es besser, wie es jetzt ist", riet Tom. "Jeder Mensch hat dasselbe Recht auf Freiheit, gleichgültig mit welcher Hautfarbe er geboren wurde! Ob es Ihnen nun passt oder nicht, Sie werden sich daran gewöhnen müssen!"

Der Salooner umrundete den Schanktisch. In leicht gebeugter Haltung näherte er sich Tom White Feather, reichte ihm die Münze, mit der der Halb-Cherokee zuvor bezahlt hatte. "Hier, nehmen Sie Ihr Geld zurück, Mister."

"Macht Ihnen der Kerl da vorne so viel Angst?", fragte Tom. Er steckte die Münze ein. Innerlich kochte er. Äußerlich wirkte er ruhig. Tom White Feather war es gewöhnt, dass Weiße ihm mit Verachtung gegenübertraten. Eine Schießerei war das in keinem Fall wert. Irgendwann würden auch der Saddle Coat-Mann und seine Kumpane am Pokertisch die Zeichen der Zeit akzeptieren müssen.

Tom machte einen Schritt in Richtung der Schwingtüren.

Die Stimme des Saddle Coat-Mannes ließ ihn erstarren.

"Halt, Yankee-Nigger!"

"Was ist noch?"

"Ich will wissen, was es mit den Blauröcken auf sich hat! Was hast du mit den Hurensöhnen zu tun, die nur hier her kommen, um uns Vorschriften zu machen?"

"Das geht Sie nichts an, Mister!"

"Ich will eine Antwort, Nigger!"

"Leben Sie wohl, Mister!"

Tom ging ungerührt an dem Saddle Coat-Mann vorbei, hatte die Schwingtüren gerade erreicht. Er wandte den Kopf zur Seite.

Aus den Augenwinkeln heraus nahm er eine Bewegung war.

Mit katzenhaft geschmeidigem Bewegungsablauf wirbelte Tom herum, griff zum Colt. Der Saddle Coat-Mann hatte den Revolver bereits in der Hand.

Beide Männer schossen annähernd gleichzeitig.

Der Saddle Coat-Mann schrie auf, taumelte zurück. Hemd und Mantel färbten sich rot. Die Wucht des Schusses ließ ihn wie einen gefällten Baum niederstürzen.

Tom hatte ihn an der Schulter erwischt.

Krampfhaft hielt der am Boden Liegende den Griff des Revolvers umfasst, aber der Arm wollte ihm nicht so recht gehorchen. Ein weiterer Schuss löste sich aus der Waffe, pfiff in einer Höhe von wenigen Inches über den Boden und fuhr einem der Zecher an den Tischen in den Stiefel. Der Mann stöhnte auf.

Tom White Feather trat auf den Saddle Coat-Mann zu und richtete den Colt auf dessen Kopf. Der Halb-Cherokee spannte den Hahn.

"Fallenlassen!", zischte Tom zwischen den Lippen hindurch.

Der am Boden Liegende ächzte. Sein Gesicht verwandelte sich zu einer Maske aus Wut und Schmerz. Aber er sah ein, dass er verloren hatte. Fürs Erste zumindest. Der Griff um den Revolver lockerte sich. Die Waffe rutschte auf den Boden. "Verdammte Nigger-Rothaut!"

"Sie haben Glück, dass Sie an mich geraten sind, Mister!"

"Bastard!"

"Ein schlechterer Schütze hätte Sie getötet."

"Man sieht sich im Leben immer zweimal, Nigger! Vergiss das nur nicht!"

Tom White Feathers Gesicht verzog sich zu einem dünnen Lächeln. "Sollten wir uns mal wiedersehen, werde ich vielleicht nicht so gut treffen!"

Rückwärts bewegte sich Tom wieder auf die Schwingtüren zu, hielt dabei die anderen Männer im Raum im Auge. So manche Hand war zum Colt gewandert. Aber keiner der Anwesenden wagte es, gegen Tom zu ziehen. Schließlich hatten sie alle gesehen, mit welcher Schnelligkeit dieser Fremde das Eisen zu benutzen wusste. Davor hatten sie offenbar Respekt.

"Ich bin nicht auf Ärger aus", sagte Tom. "Mit niemandem. Darum werde ich woanders essen."

Er passierte die Schwingtüren, steckte den Revolver ein und schwang sich auf sein Pferd. Im scharfen Galopp preschte er die Main Street entlang Richtung Mietstall.

Ein heißes Pflaster, dieses Liberal!, ging es dem Halb-Cherokee durch den Kopf. Ich kann nur hoffen, dass Captain Reillys Truppe hier bald eintrifft!

Auf jeden Fall hatte Tom White Feather keine Lust, auch nur eine Minute länger in Liberal zu bleiben als unbedingt notwendig...

*

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JIM HUGHES ZÜGELTE sein Pferd. Zusammen mit einem weiteren Kavalleristen namens Sam O'Mara war er einen weiten Bogen geritten, um auf jene Anhöhen zu gelangen, von denen aus die Angreifer auf die Blauröcke gelauert hatten.

Hughes stieg vom Pferd, blickte sich auf dem Boden um.

"Das sind die Spuren von mindestens einem Dutzend Gäulen", stellte er fest. Er deutete mit der Hand Richtung Südwesten. "Sie führen dort auf die Hügel zu."

"Ich dachte, es wären viel mehr Männer gewesen, die uns angegriffen haben", meinte Sam O'Mara.

"Ich schätze, dass dies nur ein Teil der Bande war", sagte Hughes. Schließlich haben die Kerle sich hier überall in der Gegend verteilt und auf uns gelauert."

"Feige Hunde sind das!"

"Mit einer offenen Feldschlacht konnte wohl niemand von uns rechnen."

"Da haben Sie allerdings Recht, Hughes."

Sam O'Mara war ein schlanker, drahtiger Mann. Kaum zwanzig Jahre alt und weizenblond wie die grasbewachsenen Ebenen von Kansas. Trotz seiner Jugend hatte der Bürgerkrieg dafür gesorgt, dass er schon mehr Kampferfahrung besaß, als andere Kavalleristen am Ende ihrer gesamten Dienstzeit vorweisen konnten. Unter anderem war O'Mara in Gettysburg dabei gewesen. "Wir wollen Gott nicht um den Sieg bitten - schließlich wissen wir ja nicht, ob wir auf seiner Seite kämpfen", hatte Präsident Lincoln vor der Schlacht zu den Soldaten gesagt. Worte, die sich in O'Maras junges Bewusstsein eingebrannt hatten. Inzwischen war auch dieser große Humanist im weißen Haus durch einen fanatischen Anhänger des Südens ums Leben gekommen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Regierung der Confederated States of America zwar kapituliert hatte, aber damit die klaffende Wunde, die mitten durch das Land ging, noch lange nicht geheilt war.

Die Truppen der Union mussten sich nun im wahrsten Sinn des Wortes daran machen, das verlorene Terrain zurückzuerobern. Da gab es nicht nur den Widerstand ehemaliger Südstaaten-Guerillas, sondern auch noch die aufmüpfig gewordenen Indianer weiter westlich. Schließlich waren viele Army-Forts und -Stützpunkte im fernen Westen während des Krieges verlassen worden. Jetzt wurden sie nach und nach wieder besetzt. Gleichzeitig waren natürlich großer Teile der Army gleich nach Kriegsende demobilisiert worden. Für die verbleibenden Berufsoldaten gab es daher alle Hände voll zu tun. Mochte auch offiziell ein Waffenstillstand unterzeichnet worden sein - die Waffen schwiegen mancherorts noch immer nicht.

Jim Hughes schwang sich wieder in den Sattel.

"Sehen wir zu, dass wir die Bande einholen."

"Sie glauben, dass es die Leute sind, derentwegen wir hier her kamen!"

"Zählen Sie zwei und zwei zusammen und Sie kommen zu demselben Schluss, O'Mara!"

Sie preschten auf die Anhöhen zu.

Kurz bevor sie die kleinere Gruppe von knorrigen und teilweise vertrockneten Bäumen erreichten, vereinigte sich die Spur, die Hughes gefunden hatte, mit einer zweiten Spur.

Sie stammte von einer Reitergruppe, die noch etwas zahlreicher sein musste als die Erste.

Ein triumphierendes Grinsen erschien auf Jim Hughes' Antlitz.

"Was habe ich Ihnen gesagt, O'Mara?"

Der junge Mann nickte. "Wie schätzen Sie den Vorsprung ein, den die Bastarde haben?"

"Nicht allzu groß. Die Spuren sind recht frisch. Und außerdem wissen die Kerle nur zu gut, was sie unter unseren Leuten für ein Blutbad angerichtet haben. Denen ist klar, dass wir ihnen nicht sofort mit der ganzen Truppe nachsetzen und sie stellen können. Außerdem kennen sie das Gelände. Sie sind hier zu Hause und schon deswegen im Vorteil."

"Was schlagen Sie vor, Hughes?"

"Wir folgen ihnen in einem Abstand, der groß genug ist, dass sie uns nicht bemerken. Sollte das nämlich der Fall sein, haben wir beide ziemlich schlechte Karten!"

"Verstehe."

"Ich schätze, die Bande hat irgendwo in der Gegend einen Unterschlupf gefunden, wohin sie sich zurückziehen kann."

"Vermutlich verbunden mit einem reichlich ausgestatteten Waffen- und Munitionslager!", ergänzte O'Mara.

Hughes lachte heiser auf.

"Davon können Sie ausgehen! Diese Hunde haben mit ihren Überfällen mehr verdient, als wir bekommen würden, wenn wir bis achtzig im Sattel säßen!"

O'Mara schob sich den Hut in den Nacken.

"Schon mal darüber nachgedacht, auf der falschen Seite zu sein?"

Hughes schüttelte den Kopf. "Nein", erklärte er knapp. "Außer vielleicht..."

"Ja?"

Hughes' Gesicht wurde finster.

"In dem Moment, als ich ungerechterweise vom Corporal zum einfachen Kavalleristen degradiert wurde, musste ich kurz darüber nachdenken. Geld war mir nie besonders wichtig. Aber man fragt sich dann: Wozu setzt man sein Leben ein, wenn das der Dank ist?" Hughes zuckte die breiten Schultern. "Vielleicht habe ich mir die Sache auch selbst zuzuschreiben. Allerdings habe ich jetzt keine Lust, darüber zu reden, okay?"

"Okay", sagte O'Mara.

Sie ritten in einem mittleren Tempo auf die Anhöhen zu.

Die Pferde sollten nicht zu sehr beansprucht werden. Schließlich wussten die beiden US-Kavalleristen ja nicht, wann sie in nächster Zeit das Letzte aus den Tieren herausholen mussten. Oben angelangt blickten sie sich um.

Von den Banditen war nichts zu sehen, obwohl man einen ziemlich weiten Blick hatte bis zu einer weiteren Hügelkette am Horizont. Dafür waren die Spuren der Reitergruppe in dem weichen, grasbewachsenen Boden praktisch nicht zu übersehen. Auch dann nicht, wenn man kein indianischer Fährtenleser war, sondern sich auf diesem Gebiet lediglich Grundkenntnisse angeeignet hatte, wie es für Hughes zutraf. Die Spur eines einzelnen Reiters wäre schon wesentlich schwieriger zu verfolgen gewesen. Aber so bestand keine Gefahr, die Fährte zu verlieren.

Die Stunden krochen dahin.

Die meiste Zeit über ritten sie schweigend.

Die Sonne sank immer tiefer, stand schließlich als glutroter Ball über dem Horizont.

Ein paar Stunden noch und es würde so dunkel sein, dass man die Hand nicht vor Augen sehen konnte.

Aber bis dahin hatten die Kerle ihr Ziel vielleicht schon erreicht.

Dämmerung legte sich wie grauer Spinnweben über das Land.

Am Ufer eines Creek, der kaum noch Wasser führte, fanden Hughes und O'Mara die Angreifer schließlich. Sie waren gerade dabei, ihr Nachtlager zu errichten.

Die beiden Kavalleristen ließen sich aus dem Sattel gleiten. Die Pferde machten sie hinter einer Anhöhe an einem Strauch fest. Sie selbst versteckten sich zwischen ein paar knorrigen Bäumen.

Hughes hatte einen Army-Feldstecher dabei.

Die gesamte Umgebung war vom gegenwärtigen Standort der beiden Männer hervorragend zu überblicken.

Hughes nahm den Feldstecher von den Augen, reichte ihn an O'Mara weiter und meinte: "Die scheinen sich vollkommen sicher zu fühlen."

"Dazu haben sie wohl auch allen Grund", erwiderte Hughes. "Wenn sie hier die Nacht über lagern, schließe ich daraus, dass ihr Schlupfwinkel wohl noch sehr viel weiter entfernt sein muss, als ich dachte."

"Ich verstehe nicht, warum sie nicht versucht haben, unserer Truppe nachzusetzen und uns alle fertig zu machen. Sie hätten die Chance dazu gehabt!"

"Sie hätten sich blutige Nasen dabei geholt", gab Hughes zu bedenken. "Und sie sind nun mal Feiglinge, die jedes Risiko scheuen. Vielleicht setzen sie auch darauf, dass Captain Reilly den Rückzug befiehlt oder in Liberal auf Verstärkung wartet..."

"Aber davon wird wohl nichts eintreten, oder?", fragte O'Mara.

Hughes schüttelte entschieden den Kopf. "Nein. Rückzug ist für Captain Reilly ein Fremdwort. Und ich glaube nicht, dass wir Verstärkung bekommen werden. Es brennt an allen Ecken und Enden. Überall muss die Army eingreifen. Wir werden auf uns allein gestellt sein."

"Schöne Aussichten."

Hughes schlug O'Mara kameradschaftlich auf die Schulter.

"Schlimmer als in Gettysburg wird es kaum werden, O'Mara! Und das haben Sie ja auch überstanden."

"Wenn Sie das sagen..."

"Wir lagern hier in der Nähe und werden abwechselnd Wache halten. Wenn die Bande am Morgen aufbricht, folgen wir ihr."

"Okay."

Hughes öffnete sein Army-Holster, zog den Revolver hervor und öffnete die Trommel. Einzeln überprüfte er den Sitz der Pistons. Wenn eine dieser Papierpatronen ins Zahnräderwerk geriet, konnte die Waffe blockieren. Aus diesem Grund trugen professionelle Killer oft auch ein Doppelholster. Hughes steckte die Waffe zurück. "Wenn wir unsere Waffen benutzen müssen, haben wir schon verloren."

*

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TOM WHITE FEATHER HATTE sein Pferd im Mietstall eines Mannes untergestellt, der Blacksmith hieß. Er war schon in den Sechzigern. Sein Sohn hatte sich freiwillig zu den Unionstruppen gemeldet und war in einem Kriegsgefangenenlager des Südens ums Leben gekommen.

Der Alte erzählte Tom die Geschichte und der Halb-Cherokee hörte einfach zu.

"Das verzeihe ich den Konföderierten nie", erklärte Blacksmith grimmig. "Leider gibt es immer noch genug, die glauben, dass der Krieg noch nicht zu Ende ist."

"Allerdings", murmelte Tom.

Er nahm den Sattel von seinem Pferd und führte das Tier in die Box.

"Wie lange werden Sie bleiben, Mr. White Feather?", fragte der Alte.

"Vielleicht eine Nacht, vielleicht auch zwei oder drei. Ich warte auf jemanden."

"Verstehe."

"Haben Sie etwas dagegen, wenn ich ebenfalls im Stall schlafe?", fragte Tom.

Blacksmith sah den Halb-Cherokee überrascht an. "Nein, warum sollte ich? Ich würde Ihnen dafür auch nichts berechnen. Aber wieso? Es gibt drei Saloons in der Stadt. Und seit nur noch wenige Cowboys und Farmarbeiter in der Gegend ihr Auskommen haben, ist jeder darauf angewiesen, seine Zimmer belegt zu haben."

Tom lächelte dünn.

"Mag sein. Aber im Fire Water habe ich weder eine Mahlzeit noch ein Zimmer bekommen und es könnte sein, dass es mir in den anderen Saloons ebenso ergeht."

"Wie auch immer. Legen Sie sich hier ins Stroh, wenn Sie wollen. Ich habe nichts dagegen."

Tom White Feather verließ zusammen mit dem alten Blacksmith den Stall.

Draußen warteten schon zwei Männer auf ihn.

Beide trugen einen Blechstern an der Brust und eine Winchester im Anschlag.

Tom White Feather erstarrte mitten in der Bewegung.

"Keine Bewegung", befahl der Größere der beiden Sternträger. Ein Mann mit weißblondem Haar und braungebranntem, markantem Gesicht. "Mein Name ist Gaynor und ich vertrete in dieser Gegend das Gesetz. Wer sind Sie?"

"Mein Name ist Tom White Feather."

"Mr. White Feather, Sie sind verhaftet. Schnallen Sie Ihren Revolvergurt ab."

"Ich bin Scout der US-Army und in offizieller Mission hier in Liberal."

"Das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, einen Mann ohne Grund einfach nieder zu schießen."

"Wer sagt, dass ich so etwas getan habe?"

"Zwanzig Gäste im Fire Water Saloon würden notfalls vor Gericht beschwören, dass Sie einem Mann namens Nat Gready ohne Grund eine Kugel in den Leib gejagt haben."

Tom hob die Augenbrauen. "Dieser Kerl mit dem langen Mantel?"

Ein dünnes Lächeln zeigte sich im Gesicht des Sheriffs. "Na sehen Sie, Sie erinnern sich doch!"

"Dieser Gready hat versucht mich zu provozieren und zuerst gezogen."

"Leider sind Sie der Einzige, der das so sieht, Mr. White Feather!"

"Diese Männer lügen!"

"Auch der Saloonbesitzer?"

"Gready hat ihn unter Druck gesetzt, mein Geld nicht anzunehmen!"

Sheriff Gaynor zuckte die Schultern. "Schätze, die Geschworenen werden dann irgendwann entscheiden, wessen Aussage glaubwürdiger ist. Ihre - oder die von zwanzig Männern mit gesunden Augen und nicht dem Hauch eines Motivs, Sie ungerechtfertigterweise zu belasten, Mister!" Gaynor feuerte. Der Schuss ging dicht vor Toms Stiefelspitzen in den Boden. "Und jetzt die Waffe runter, oder ich brenne Ihnen ein Loch in den Bauch."

Tom sah ein, dass er keine Chance hatte, den Revolver zu ziehen, bevor sein Gegenüber ein zweites Mal abdrückte.

"Sie machen eine großen Fehler", sagte der  Halb-Cherokee.

"Abwarten."

Tom schnallte sich den Gurt ab, ließ ihn zu Boden gleiten.

Gaynors Deputy kam vorsichtig näher und hob ihn auf.

Gaynor selbst vollführte eine ruckartige Bewegung mit dem Lauf der Winchester,

"Na, los, wird's bald!"

In diesem Moment mischte sich Blacksmith ein. "Sheriff, Sie wissen, was Nat Gready für ein Mann ist!"

"Ach, ja?"

"Er hasst Schwarze. Und jeder, der etwas zu lang in der Sonne war, ist in Gefahr, von ihm als Nigger bezeichnet zu werden. Dem Kerl können Sie doch nicht glauben! Sorgen Sie lieber dafür, dass er und seine Leute hier aus Liberal verschwinden!"

"Dies ist eine freie Stadt in einem freien Kansas!", erwiderte Sheriff Gaynor ärgerlich.

"Sie können diesen Mann nicht ohne Beweise verhaften!", ereiferte sich Blacksmith.

"Die Aussagen der Leute im Saloon reichen mir", erklärte Gaynor. "Los jetzt, ich habe keine Lust, hier ewig herumzustehen.

Tom wurde über die Straße zum Sheriff Office geführt.

Es gab eine einzige Gefängniszelle. Deren Pritsche war bereits belegt. Ein graubärtiger Mann lag dort und schnarchte. Offenbar schlief er seinen Rausch aus. Jedenfalls stank er einige Yards weit nach Whisky.

"Ich hoffe, Sie haben genug Geld dabei, um für Gready den Doc zu bezahlen", grinste Gaynor.

Tom White Feather blieb ruhig.

Er ließ sich in einer Ecke der Zelle nieder.

Es hatte keinen Sinn, jetzt zu rebellieren.

Er konnte nur darauf hoffen, dass Captain Reilly und seine Leute möglicht bald in Liberal eintrafen.

*

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NUR WENIGE STUNDEN machten Reilly und seine Leute Rast. Die Verletzten wurden notdürftig versorgt, Männern und Pferden eine kurze Pause gegönnt. Einer der Verletzten starb in dieser Zeit. Ihm würde niemand mehr helfen können.

Bei den anderen war zumindest einer in einem äußerst kritischen Zustand.

Die Soldaten fertigten aus Ästen und Decken eine Trage, die von einem Pferd über den Boden gezogen wurde. Die Prärie-Indianer transportierten auf ähnliche Weise ihren Hausrat und benutzten dazu die Stangen ihrer Tipis.

Die übrigen Verletzen mussten sich wohl oder über mehr schlecht als recht im Sattel halten.

Ein schnelles Vorankommen war auf diese Weise ohnehin nicht möglich.

Reilly gab den Befehl, die Nacht durchzureiten.

Wenn alles glatt ging, konnten sie im Vorlauf des nächsten Vormittags in Liberal sein.

Die meiste Zeit über ritten die Männer schweigend der Dämmerung entgegen.

Reilly hatte sehr wohl registriert, dass die Stimmung unter den Soldaten auf dem Nullpunkt angelangt war. Eine gefährliche Entwicklung. Alle Soldaten, die an dieser Mission teilnahmen, hatten sich auf verschiedenen Schlachtfeldern bewährt. Es war kein blutiger Anfänger dabei. Man konnte davon ausgehen, dass jeder dieser Blauröcke in etwa wusste, was auf ihn zukam. Und doch war es unter solchen Umständen nie ganz auszuschließen, dass es zu Desertionen und Meuterei kam, wenn die Stimmung vollends kippte und das Ziel unerreichbar erschien.

Lieutenant Ray Taggert ritt neben Reilly.

Auch er hatte die wachsende Nervosität und Gereiztheit unter den Männern registriert.

"Schlechter hätte dieses Unternehmen gar nicht beginnen können, Sir", wandte er sich an seinen Vorgesetzten. "Wir sind ziemlich dezimiert worden. Und dabei war unsere Truppe von Anfang an nicht gerade übermächtig!"

"Diese Banditen werden uns schon noch kennen lernen", erwiderte Reilly grimmig. "Unsere Kameraden sollen nicht umsonst gestorben sein!"

"Was glauben Sie, wie viele Leute für Bridger reiten, Sir?", fragte Taggert.

Reilly hob die Augenbrauen.

"Das weiß niemand genau. Aber es ist bei diesen wilden Haufen eigentlich immer dasselbe. Je mehr Erfolg sie haben, desto größer der Zulauf. Eigentlich hatte ich gedacht, dass diese Landplage mit Quantrills Tod in die Defensive geraten wäre. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein!"

Die Dunkelheit setzte ein.

Die Nacht war mondhell, was das Fortkommen erleichterte.

Trotzdem geriet die Abteilung immer wieder ins Stocken und musste zwischenzeitlich den Ritt unterbrechen. Entweder, weil es mit einem der Verletzen Probleme gab, oder weil im Schein einer Fackel versucht wurde, die Landkarte zu lesen.

Das Kartenmaterial, das der Unionsarmee über den Südwesten von Kansas zur Verfügung stand, war alles andere als detailgenau.

Aber es reichte, um den Weg Richtung Liberal zu finden.

Hier und da gab es Markierungen, die vor dem Krieg den Postkutschen als Wegzeichen gedient hatten.

Der Postverkehr war in dieser Gegend noch nicht wieder aufgenommen worden. Auch so viele Monate nach dem Waffenstillstand nicht. Die Situation war einfach noch nicht sicher genug. Die marodierenden Banden ehemaliger Guerillas hätten nur leichte Beute gehabt.

Schließlich graute der Morgen.

Der Trupp war nicht so schnell vorangekommen, wie Reilly gehofft hatte. Glutrot ging die Sonne auf. Es war kühl und die Männer fröstelten. Immerhin hatte sich keiner der ehemaligen Quantrill-Leute gezeigt. Es war so gekommen, wie Reilly es vorhergesagt hatte. Sie scheuten das Risiko eines zweiten Angriffs.

Doch bei nächster Gelegenheit, so war sich der Kommandant sicher, würden sie versuchen einen neuen Hinterhalt zu legen.

Als die Morgenkühle verflogen war, fantasierte der Verletzte auf der Liege im Fieberwahn.

Sein Name war Private Roger Garrison.

Die Schussverletzung hatte sich offenbar inzwischen entzündet. Die einzigen Medikamente, die der Schwadron zur Verfügung standen waren eine Flasche Whisky und etwas Morphium. Mit dem Whisky war die Wunde desinfiziert worden, von dem Morphium hatte Roger Garrison bereits einen Gutteil erhalten, um die Schmerzen einigermaßen erträglich zu machen.

Den anderen Verletzten, die es weniger schlimm erwischt hatte, blieb nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen.

Im Verlauf des Vormittags wurde es rasch wärmer.

Die Morgenkühle verflog, der Frühdunst verzog sich. Irgendwann war Garrisons Stöhnen nicht mehr zu hören.

Reilly wies Corporal Taggert an, das Signal zum Halten zu geben.

Die Abteilung hielt.

Reilly lenkte sein Pferd herum, ritt an der Reihe seiner Männer entlang, bis er Garrison erreicht hatte. Einer der Männer war bereits vom Pferd gesprungen und kümmerte sich um Garrison.

"Er ist bewusstlos!", stellte er fest.

"Gott sei Dank", war Reillys Kommentar.

"Auf jeden Fall ist es so leichter für ihn."

Der Trupp setzte seinen Weg fort.

Erst am frühen Nachmittag erreichten die Männer eine Anhöhe, von der aus die kleine Stadt Liberal zu sehen war.

Einige der Soldaten stießen Jubelrufe aus.

Reilly wandte sich an Corporal Taggert.

"Reiten Sie schon mal voraus und treiben Sie den Arzt auf, Corporal!"

"Jawohl, Sir", bestätigte Taggert.

Er gab seinem Pferd die Sporen und preschte voran.

Als der Trupp etwa eine halbe Stunde später ebenfalls in Liberal eintraf, warteten an der Main Street bereits jede Menge Schaulustige. Fast die gesamte Bevölkerung der kleinen Stadt schien auf den Beinen zu sein.

Kein Wunder, dachte Reilly.

Die Ankunft eines Trupps von Blauröcken war vermutlich das Ereignis des Jahres, so verschlafen wie dieses Nest wirkte.

Corporal Taggert kam Reillys Leuten im scharfen Galopp entgegen.

"Sir, hier gibt es einen Arzt namens Haines. Sein Haus liegt am Ende der Straße hinter dem Mietstall", meldete er. "Ich schlage vor, die Verletzten werden dorthin gebracht. Doc Haines hat bereits mit den Vorbereitungen begonnen."

"Danke Corporal", nickte Reilly. Er wies einige der Soldaten an, die Verletzten zu Doc Haines' Haus zu bringen.

Die anderen Kavalleristen machten vor dem Fire Water Saloon Halt, stiegen von den Pferden und banden die Gäule am Hitchrack fest.

"Nach dem, was hinter uns liegt, können die Männer sicher einen Schluck gebrauchen", meinte Lieutenant Ben McCall an Reilly gewandt.

"Keiner trinkt mehr als ein Glas Whisky!", befahl Reilly. "Sorgen Sie dafür, dass das eingehalten wird, McCall. Ich habe keine Lust, mit einer Truppe von Betrunkenen gegen Bridger und seine Meute zu reiten."

McCalls legte die flache Hand an die Hutkrempe.

"In Ordnung, Sir."

"Die Mannschaften werden im Mietstall bei den Pferden übernachten. Die Offiziere hätten das Recht darauf, ein Zimmer im Saloon anzumieten. Ich für meinen Teil werde davon keinen Gebrauch machen. Schließlich werden wir alle in der nächsten Zeit auf das Äußerste aufeinander angewiesen sein. Da kann sich so eine Ungleichbehandlung nur ungünstig auf die Stimmung innerhalb der Truppe auswirken."

"Verstehe, Sir."

"Was Sie tun, müssen Sie natürlich selbst wissen, McCall."

"Ich werde mich Ihrem Vorbild anschließen, Captain."

"Gut." Reilly grinste breit, wenn auch etwas matt. "Das wollte ich von Ihnen hören."

McCall gab die Befehle des Captain an die Männer weiter.

Reilly blickte sich inzwischen um. Er sah unter den Schaulustigen auch den Sheriff. Der Captain ging auf ihn zu.

"Guten Tag, Sheriff. Ich bin Captain Reilly und wir sind hier, um dem Terror der Bridger-Bande ein Ende zu machen."

Der Sternträger hatte offenbar Kautabak im Mund. Er spuckte ihn aus und verschränkte die Arme vor der Brust.

"Ich heiße Gaynor - und gleichgültig, was Sie mir auch für Papiere vorlegen mögen - hier im Liberal County bin ich das Gesetz."

"Ich habe nicht vor, Ihnen in die Quere zu kommen, Mr. Gaynor."

"Schön zu hören. Vielleicht haben Sie schon bemerkt, dass nicht alle Bürger von Liberal von Ihrem Erscheinen begeistert sind."

"Wir machen unseren Job. Und das heißt, Jeffrey Bridger und seine Bande aufzuspüren und wenn es geht, gefangen zu nehmen. Wenn Sie uns keine andere Wahl lassen, müssen diese Banditen eben auf andere Weise ausgeschaltet werden!"

"Wir hatten bis jetzt keine Probleme mit Bridgers Leuten", sagte der Sheriff.

"Und Sie fürchten, dass sich das ändert, wenn wir hier unsere Arbeit machen?"

"Könnte doch sein."

"Es gibt immer noch keine Post, die nach Garden City, geschweige denn Liberal fährt. In Dodge City ist für alle Postkutschen Endstation. Soll das ewig so bleiben, Gaynor?"

Gaynor druckste etwas herum. Er schob sich verlegen den Hut in den Nacken. Reillys durchdringendem Blick wich er aus. "Manche sehen in Leuten wie Jesse James oder Jeffrey Bridger Kämpfer für eine gerechte Sache."

"Wenn das wirklich der Fall wäre, dann sollten diese Kämpfer nach Hause gehen, wie alle anderen unter Waffen stehenden Männer der Konföderierten auch! Aber für Leute wie Bridger war doch der Krieg von Anfang an nur ein Vorwand, um legal plündern und rauben zu können!"

Gaynor lachte heiser auf.

"Und was ist mit den irregulären Banden des Nordens?", fragte er grimmig. "Die sind in Topeka mit Orden behängt worden!"

"Mag sein", gab Reilly zu. "Aber jeder von denen, die jetzt noch einmal losziehen, um Anhänger der Sklaverei zu töten, werden von uns genauso unerbittlich gejagt wie Bridgers Meute!"

"Das möchte ich erst gesehen haben, Captain Reilly!", stieß Gaynor mit grimmigem Unterton hervor.

"Ich hoffe nicht, dass es jemals soweit kommen muss", erwiderte Reilly. "Die Banden, mit denen wir es im Moment zu tun haben, halten uns schon genug auf Trab. Bridgers Leute haben übrigens einen Hinterhalt für uns gelegt. Ziemlich zusammengeschossen haben uns diese Hunde! Das sind eiskalte Killer, Mr. Gaynor. Ich verstehe, dass Sie vielleicht während des Krieges mit der anderen Seite sympathisiert haben. Aber ich kann nicht begreifen, dass Sie wirklich Sympathie für solche Mörder hegen."

"Das tue ich nicht", versicherte Gaynor. "Ich wollte Ihnen gegenüber nur klarstellen, wer hier welche Rechte hat."

Reilly nickte.

"Das war ziemlich deutlich."

"Dann ist ja alles gesagt, Captain."

Gaynor wandte sich zum Gehen. Reillys Stimme hielt ihn zurück. "Warten Sie, Gaynor, da ist noch eine Sache..."

"Was?"

"Ich erwarte einen Scout, der hier auf unsere Einheit treffen soll. Ein Halb-Cherokee. Er heißt Tom White Feather. Schätze, Sie können mir sagen, ob er in der Stadt ist!"

Gaynor nickte. "Kann ich. Er sitzt in meiner Gefängniszelle, nachdem er im Saloon einen Mann über den Haufen geschossen hat."

"In dem Fall hatte er sicher einen guten Grund dafür!"

Gaynor lächelte zynisch. "Zwanzig Männer sagen das Gegenteil, Captain. Und jetzt verlangen Sie nicht von mir, dass ich Ihren Mann auf freien Fuß lasse!"

Reillys Gesicht wurde finster. "Genau das tue ich!", erklärte er.

"Bei mir beißen Sie da auf Granit, Captain!"

"Lassen Sie mich mit Tom White Feather reden!"

Gaynor atmete tief durch. "Na, meinetwegen..." Er schob sich den Hut in den Nacken. "Lassen Sie Ihren Gaul hier stehen. Das Office ist schräg über die Main Street."

Reilly nickte und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

"Okay, Gaynor."

*

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REILLY UND GAYNOR GINGEN über die Straße und wichen dabei einem Frachtwagen aus, der in ziemlich hohem Tempo daherraste.

Neben dem Sheriff Office befand sich rechts ein Drugstore und links der "Drunken Indian", ein Saloon, der etwas kleiner als der "Fire Water" war. Ein Animier-Girl mit tief ausgeschnittenem Kleid lehnte an einem der Pfosten, die das Holzdach hielten.

"Hey, Blaurock, wie wär's mit uns!", rief sie. "Oder hast du deine Leute per Befehl dazu verdonnert zur Konkurrenz zu gehen! Ihr wisst gar nicht, was euch entgeht!"

Reilly sah zu ihr hinüber.

Aber sein Blick wurde von etwas anderem abgelenkt.

Im Obergeschoss des "Drunken Indian" war ein Fenster hochgeschoben worden. Etwas Dunkles, Metallisches schaute nicht mehr als drei Inch hervor.

Ein Gewehrlauf!

Er zeigte in Reillys Richtung.

Ein Schuss krachte los.

Blutrot zuckte das Mündungsfeuer hervor.

Reilly warf sich zu Boden, riss dabei Sheriff Gaynor mit sich. Der erste Schuss ging haarscharf an Reilly vorbei, schlug in den Boden ein und trieb eine Staubfontäne in die Höhe.

Reilly rollte sich herum. Dort, wo er gerade noch gelegen hatte, schlug die nächste Kugel ein. Er öffnete das Army-Holster, riss den 44er heraus und feuerte zweimal kurz hintereinander.

Ein unterdrückter Schrei ertönte. Der Gewehrlauf wurde zurückgezogen. Die Scheibe zersprang.

Von dem Schützen selbst hatte Reilly bis dahin nichts sehen können. Er war hinter den Gardinen im Halbdunkel des Zimmers verborgen gewesen.

Blitzschnell war Reilly wieder auf den Beinen.

Er drehte sich zu Gaynor herum. "Alles in Ordnung mit Ihnen?"

"Ich habe nichts abgekriegt!"

"Kommen Sie, den Kerl kaufen wir uns!"

Reilly stürmte auf die Schwingtüren zu.

Das Animier-Girl war schon beim ersten Schuss ins Innere des "Drunken Indian" verschwunden.

Reilly trat ein.

Gaynor folgte ihm mit gezogenem Colt.

Es waren nur wenige Männer im Schankraum. In einer Ecke saß ein stiernackiger Mann vor einem Teller mit gebratenen Eiern und Speck. Aber der letzte Bissen musste ihm buchstäblich im Halse stecken geblieben sein. Er saß vollkommen erstarrt da.

Neben dem Schanktisch führte eine Wendeltreppe hinauf ins Obergeschoss. Dort gab es hinter einer Balustrade Separees, die sich durch Vorhänge abgeteilt wurden.

"Gibt es hier eine Hintertür?", fragte Reilly.

Gaynor trat neben den Captain.

"Dort, hinter dem Schanktisch", knurrte er. "Aber wer immer von dort oben geschossen hat, er muss durch diesen Raum."

Reilly trat einen Schritt zur Seite, auf den stiernackigen Mann zu, dem der Appetit auf Eier mit Speck wohl fürs Erste vergangen war.

Reilly starrte auf den Tisch.

Da war etwas, was dort nicht hingehörte.

Der Stiernackige sah es auch. Seine Augen traten ungläubig aus ihren Höhlen hervor.

Mitten auf dem Tisch war ein Fleck.

Frisches Blut, das von der Balustrade hinuntergetropft sein musste.

Reilly warf sich zur Seite, wirbelte herum und sah den Gewehrlauf, der zwischen den Vorhängen hindurchragte. Mündungsfeuer blitzte auf. Die Kugel krachte dicht neben Reilly in die Fußbodenbohlen hinein. Reilly schoss zurück. Zweimal kurz hintereinander ließ er den 44er Colt aufbellen.

Ein unterdrückter Schrei war zu hören.

Die Vorhänge beulten sich aus.

Ein Mann fiel über die Balustrade und landete mit einem dumpfen Geräusch etwa ein Yard neben Reilly auf den Brettern. Sheriff Gaynor konnte gerade noch zur Seite springen. Noch im Tod umkrallte der Getroffene sein Gewehr. In eigenartig verrenkter Haltung lag er da.

Reilly erhob sich.

Er atmete tief durch, schob den Revolver zurück ins Army-Holster und wandte sich an Gaynor.

"Ich hoffe, Sie behaupten jetzt nicht auch, ich hätte zuerst gezogen, Sheriff!", presste der Captain zwischen den Zähnen hindurch. "Oder haben Sie nun vor, mich zu verhaften?"

"Ihren Sarkasmus können Sie sich sparen, Captain", erwiderte Gaynor.

Mit dem Stiefel drehte Reilly den Toten herum.

"Kennt hier jemand den Kerl?"

Keine Antwort.

Der Tote trug einen schwarzen Vollbart und lange, bis auf die Schultern reichende Haare. Die Nase musste mal gebrochen worden sein.

"Kaum zu glauben, dass dieser Charakterkopf bisher niemandem in Liberal aufgefallen ist", stellte Reilly fest. Er wandte sich an den Stiernackigen. "Wirklich nie gesehen?"

Der Mann am Tisch schluckte.

Gaynor ging inzwischen die Treppe hinauf und begann die Separees zu durchsuchen.

"Der Kerl war nur ab und zu in der Stadt", erklärte der Stiernackige. "Fragen Sie die Girls, die er hier regelmäßig besucht hat. Vielleicht hat er denen sogar seinen Namen gesagt."

Reilly ließ den Blick umherschweifen und musterte die Animier-Girls. Die Meisten wichen seinem Blick aus. Nur eine Rothaarige mit tief ausgeschnittenem Kleid und verführerisch blitzenden Augen sah ihn an.

"Der Mann heißt - hieß - Mike Sutton. Er kam regelmäßig her, um sich zu amüsieren."

Reilly kniete nieder, beugte sich über den Toten und durchsuchte ihn. Er fand eine Verdienst-Medaille der Confederated States of America. Reilly erhob sich wieder und trat auf die Rothaarige zu. "Hat Sutton mal den Namen Bridger erwähnt?"

"Jeffrey Bridger?"

"Ja."

"Wenn Sie es genau wissen wollen: Der war auch schon hier", bestätgte die Rothaarige. "Ich habe Sutton mit ihm zusammen reiten sehen."

"Wann haben Sie Bridger zum letzten Mal gesehen?"

"Ist schon monatelang her. Ich glaube, das war noch vor dem Waffenstillstand."

Gaynor kehrte inzwischen zurück. Er kam die Wendeltreppe hinunter.

"Er war offensichtlich allein. Da oben ist niemand mehr!"

Reilly nickte leicht. "Gehen wir zu Tom White Feather", forderte er.

*

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SAM O'MARA FÜHLTE EINE Hand an der Schulter. Es war Hughes, der ihn wachrüttelte.

"Hey, aufwachen! Die Banditen machen sich auf den Weg!"

O'Mara war sofort hell wach.

Die ersten Sonnenstrahlen krochen gerade über den Horizont. Rot wie Blut.

O'Mara gähnte, erhob sich dann und machte sich daran, die Pferde zu satteln.

Hughes kehrte inzwischen zurück auf die Anhöhe, um zu beobachten, was im Lager der Banditen vor sich ging. Er sah, wie sie ihr Lagerfeuer noch mal entfachten, Kaffee kochten und aus Blechtassen tranken.

Wenig später sattelten sie ihre Pferde und brachen auf.

Fast dreißig Mann, jeder von ihnen schwer bewaffnet. Sie waren sehr gut ausgerüstet. Manche von ihnen hatten sogar zwei Scubbards am Sattel. In jedem davon ein Gewehr. Wahrscheinlich besaßen sie mehr Munition und Waffen als jede vergleichbar starke Militäreinheit. Hughes fluchte innerlich über diesen Umstand.

Kein Wunder, dass sie uns überlegen sind - bei ihrer rabiaten Art und Weise Steuern einzutreiben!, ging es dem Kavalleristen bitter durch den Kopf.

Schließlich brach die Bande auf. Sie ließen die Pferde in gemäßigtem Tempo weiter Richtung Südwesten galoppieren. Geradewegs auf die Grenze des Staates Kansas zu, die sich wie ein mit dem Lineal gezogener Strich durch die Landschaft zog. Eine Weile folgten sie dem Creek, an dem sie gelagert hatten. Dann überquerten sie ihn an einer flachen Stelle und ritten auf eine Kette von Hügeln am Horizont zu.

O'Mara kam mit den Pferden.

"Wir warten noch etwas", bestimmte Hughes.

"Sie haben Angst, dass sie uns bemerken?", fragte O'Mara.

Hughes nickte.

Die beiden Männer schwiegen eine Weile und blickten der sich weiter entfernenden Reitergruppe nach. Erst als diese zu kleinen, dunklen und in der Morgendämmerung kaum noch sichtbaren Punkten geworden waren, schwang sich Hughes in den Sattel.

O'Mara folgte seinem Beispiel.

Ihn fröstelte leicht in der Morgenkühle. Der junge Mann war froh, dass es endlich losging.

Sie folgten genau dem Weg, den auch die Banditen genommen hatten und überquerten an beinahe derselben Stelle den namenlosen Creek.

Dort nutzten sie die Gelegenheit, die Pferde zu tränken und die Wasserflaschen aufzufüllen.

Beide Männer ritten schweigend.

Die Strapazen des vergangenen Tages waren nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen, auch wenn weder Hughes noch O'Mara jemals ein Wort darüber verloren hätten.

In sicherem Abstand folgten sie den Reitern.

Je heller es wurde, desto leichter wurde es, der breiten Spur zu folgen, die die Hufe von so vielen Pferden in den Prärieboden gestampft hatten.

"Gestern, als wir die Kerle mit dem Feldstecher beobachteten, da habe ich einen Mann gesehen, der vielleicht Bridger selbst sein könnte."

"Was?"

"Sie erinnern sich doch an die Steckbriefe, die man uns zeigte, bevor wir zu dieser Mission aufbrachen, O'Mara?"

"Ja. Aber die Bilder waren alles andere als deutlich. Und außerdem wohl auch schon Jahre alt."

"Trotzdem - ich denke, dass er es war. Bei einem anderen bin ich mir sicherer."

"Wen meinen Sie?"

"Da war ein Kerl, der nur einen Arm hatte."

"Davon laufen seit dem Krieg Tausende herum", gab O'Mara zu bedenken."

"Ich glaube, dass ich Leslie Crown gesehen habe. Einen von Bridgers engsten Vertrauten."

"Wenn wir mal wieder näher an der Bande dran sind, werde ich genauer darauf achten", versprach O'Mara.

Gegen Mittag erreichten Hughes und O'Mara eine verlassene Farm. Sie war von den Besitzern offenbar schon vor längerer Zeit verlassen worden. Den Spuren nach hatten Bridger und seine Leute hier kurz Rast gemacht.

Immerhin führte der Brunnen noch Wasser.

Hughes und O'Mara nutzten die Gelegenheit, um die Pferde zu tränken. Außerdem aßen sie etwas von den Vorräten, die sie in ihren Satteltaschen verstaut hatten.

Besondere Eile brauchten sie nicht an den Tag zu legen.

Dass sie die Spur der Bande verloren, war ziemlich unwahrscheinlich.

Etwa eine Stunde hielten sie sich auf der verlassenen Farm auf, bevor sie die Verfolgung fortsetzten.

Am späten Nachmittag erreichten sie eine Anhöhe, von der man auf ein weites, grünes von einem Creek durchzogenes Tal blicken konnte.

Hughes zügelte sein Pferd und griff nach dem Feldstecher.

Inmitten des Tales befand sich eine Ranch. Die Reiter, deren Spuren die beiden Blauröcke verfolgt hatten, waren  noch ungefähr hundert Yards von den ersten Gebäuden entfernt.

Mehrere Männer kamen ihnen entgegen, schienen sie zu empfangen.

"Teufel, die haben hier offenbar so etwas wie ihr Hauptquartier!", meinte Hughes.

"Ich möchte nicht wissen, was mit den Besitzern geschehen ist", gab O'Mara zurück. Er ließ sich aus dem Sattel gleiten. Hughes folgte seinem Beispiel.

An einer geschützten Stelle banden sie die Pferde an einem Baum fest.

"Ich schlage vor, wir kehren so schnell wie möglich nach Liberal zurück", meinte O'Mara. "Captain Reilly wartet dort auf uns. Schätze, es wird für die Bande 'ne ziemlich unangenehme Überraschung werden, wenn unsere Truppe hier zuschlägt!"

Aber Hughes war anderer Ansicht.

"Nicht so voreilig, O'Mara."

Der junge Mann hob die Augenbrauen. "Voreilig?"

"Ich bin dafür, die Bande noch etwas zu beobachten. Von hier oben können wir das gefahrlos tun. Die Gefahr entdeckt zu werden, ist ziemlich gering. Aber wir wissen dann vielleicht etwas mehr über die tatsächliche Stärke des Gegners."

O'Mara zuckte die Achseln. "Warum nicht? Angst habe ich nicht, wenn es das ist, worauf Sie hinaus wollen."

Hughes grinste breit und schüttelte den Kopf. "Jemand der in Gettysburg war, braucht nicht zu beweisen, wie furchtlos er ist."

"Sie waren nicht dabei?"

Hughes schüttelte den Kopf.

"Nein. Aber es gab ja auch noch andere Schlachtfelder während des Krieges."

Er sagte das fast so, als müsste er sich für den Umstand, nicht an der Entscheidungsschlacht des Bürgerkrieges teilgenommen zu haben, vor dem Jüngeren entschuldigen.

Hughes sah erneut ziemlich angestrengt durch den Feldstecher. Einen der Reiter hatte er im Visier. Kantiges Gesicht, schwarzer, buschiger Schnauzbart. Ja, das könnte er sein! ging es Hughes durch den Kopf. Jeffrey Bridger... Einer der berüchtigsten Bandenführer, die zur Zeit Kansas unsicher machten...

"Ungefähr dreißig Reiter haben wir verfolgt", rechnete O'Mara inzwischen vor. "Auf der Ranch befinden sich mindestens zehn Mann. Weiß der Teufel, welche Schätze sie dort gehortet haben. Das heißt, dass wir es mit einer Bande von vierzig bis fünfzig Mann zu tun haben!"

Hughes lachte heiser. "Wer sagt Ihnen, dass nicht noch welche von ihnen unterwegs sind? Nein, ich rechne mit der doppelten Anzahl, O'Mara. Vielleicht werden sich ein paar von ihnen absetzen, sobald sich herumspricht, dass sie von der Kavallerie gejagt werden. Aber Bridger braucht nur irgendein lukrativer Coup gelingen, dann schließen sich ihm für jeden dieser Hasenfüße wieder zehn weitere Männer an!"

"Sollten Sie Recht haben, dann sind wir ein verdammt kleiner Haufen, um mit dieser Bande fertig zu werden!", stieß O'Mara hervor.

Hughes lachte rau. "Einen Gettysburg-Kämpfer wird das ja wohl kaum beeindrucken, oder?"

"Selten so gelacht, Hughes!"

Hughes streckte die Hand aus und gab O'Mara den Feldstecher. "Sehen Sie sich den Einarmigen doch mal an. Ich verwette meinen Colt, dass das der berüchtigte Leslie Crown ist!"

"Gut möglich."

"Wissen Sie, wie er seinen Arm verloren hat, O'Mara?"

"Man erzählt sich 'ne Menge Geschichten über Crown."

"Es heißt, dass es passiert ist, als er mit Dynamit ein Haus voller Unionsanhänger in die Luft sprengen wollte", berichtete Hughes.

O'Mara pfiff durch die Zähne.

*

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JEFFREY BRIDGER ZÜGELTE sein Pferd vor dem Haupthaus der Ranch. Ein paar Männer lungerten auf der Veranda herum. Darunter zwei Männer, deren kantige Gesichter sich sehr ähnlich sahen. Beide trugen das Haar bis über die Schultern. Bei dem älteren der beiden war es bereits leicht ergraut.

Er hieß Dan Willard. Seine schwarze Lederweste war staubbedeckt. Der Handballen ruhte auf dem Elfenbeingriff des tiefgeschnallten Revolvers.

Sein Bruder Ed spuckte seinen Kautabak aus. Er schob sich den Stetson in den Nacken. An seinem breiten Revolvergurt hing außer dem Revolverholster noch kleineres Futteral, in dem ein Derringer steckte. Außerdem trug er ein Bowie-Messer.

Die Willard-Brüder ritten schon seit Beginn des Bürgerkriegs zusammen mit Bridger. Gemeinsam hatten sie für Quantrill gebrandschatzt und gemordet. Vor dem Krieg waren die Willards berüchtigte Posträuber und Viehdiebe gewesen. Für sie hatte sich in all den Jahren kaum etwas geändert. Im Wesentlichen waren sie die ganze Zeit über derselben Tätigkeit nachgegangen. Ein paar Jahre  davon unter der Flagge und dem Schutz der Confederated States of America, aber immer auf eigene Rechnung.

"Wie ist es gelaufen, Jeff?", wandte sich Dan Willard an Jeffrey Bridger.

Der Bandenführer stieg vom Pferd und schlang die Zügel nachlässig um den Querbalken des Hitchrack.

"Wir haben die Blauröcke ganz schön dezimiert", meinte er.

Dan Willard verschränkte die Arme vor der Brust.

Ed, der Jüngere der Willard-Brüder mischte sich ein. "Setzt du vielleicht darauf, dass der Rest desertiert, Jeff? Oder weshalb habt ihr sie nicht allesamt niedergemacht?"

"Ich wollte kein unnötiges Risiko eingehen. Außerdem ist fraglich, ob der Rest es überhaupt wagt, etwas gegen uns zu unternehmen!" Jeffrey Bridger lachte zynisch.  "Schließlich sind die Yankee-Bastarde ja nun hoffungslos in der Minderzahl."

Ed Willard fingerte an seinem Revolver herum. Er zog die Waffe, ließ sie elegant um seinen Zeigefinger herum kreisen, bevor sie mit einer geschmeidigen Bewegung zurück ins Holster glitt. Ein hundertfach geübter Handgriff. "Ich hoffe nur, dass du es nicht eines Tages bereust, so zaghaft gewesen zu sein, Jeff!"

Der schneidende Unterton, mit dem Ed Willard seine letzten Worte gesagt hatte, gefiel Bridger nicht.

Der Bandenführer erstarrte mitten in der Bewegung.

Seine Rechte glitt zum Revolver.

"Willst du damit etwa sagen, dass ich feige bin, Ed?"

Ed Willard verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Er bleckte seine Zähne wie ein Raubtier. "Ich habe genau das gesagt, was ich sagen wollte, mein Freund. Wenn du deine Ohren gewaschen hättest, hättest du es auch hören können!

Auch Ed Willards Hand war jetzt in der Nähe des Revolvers.

Breitbeinig stand der Jüngere der beiden Brüder da.

Ein überlegenes Lächeln spielte um seine dünnen, aufgesprungenen Lippen.

Inzwischen waren auch einige der anderen Bandenmitglieder von den Gäulen gestiegen. Sie bildeten einen Halbkreis um die beiden Kontrahenten. Niemand von ihnen sagte ein Wort. Der Wind strich leicht über das Land und ließ das Präriegras rascheln.

Schließlich meldete sich der Einarmige zu Wort, der in Jeffrey Bridgers Begleitung geritten war. "Macht keinen Quatsch, Jungs. Wir werden demnächst mehr Blauröcke vor die Eisen bekommen, als auch dem glühendsten Anhänger der konföderierten Sache lieb sein kann!"

"Halt dich da raus, Leslie!", knurrte Jeffrey Bridger.

Aber der einarmige Leslie Crown dachte gar nicht daran. Auch seine Handfläche berührte den Colt. Die aufmerksamen, eisgrauen Augen behielten beide Willard-Brüder im Auge. Ed war der Heißsporn von beiden. Und zweifellos der bessere Revolverschütze. Allerdings tat man besser daran, auch Dan nicht zu unterschätzen.

"Wir haben wirklich Besseres zu tun, als uns gegenseitig über den Haufen zu schießen", erklärte Leslie Crown sehr bestimmt.

"Damned, da hast du recht, Les. Aber dieser verfluchte Steppencoyote legt es offenbar darauf an, ins Gras zu beißen!", knurrte Jeffrey Bridger. Er hatte diesen Tag lange kommen sehen.

Ed Willard war einer der besten Revolverschützen, den Jeffrey Bridger je kennen gelernt hatte.

Allerdings hatte Ed einen Fehler.

Er hatte Schwierigkeiten damit, Autoritäten zu akzeptieren. Andererseits fehlte ihm das Talent, selbst Anführer einer Bande zu sein und sie zusammen zu halten. Aber jetzt wollte er es ganz offensichtlich einfach wissen.

"Okay, Willard, dann zeig mal, was du drauf hast. Auf meinem Revolvergriff ist zwar kaum noch Platz für eine weitere Kerbe, aber daran soll es nicht scheitern."

Ed Willard lachte.

"Mach keinen Mist, Ed!", beschwor ihn jetzt sein Bruder Dan, der offenbar kalte Füße zu bekommen schien. Selbst wenn es Ed gelang, schneller als Jeffrey Bridger den Colt aus dem Holster zu reißen und abzufeuern, so bedeutete das für den Rebellen noch lange nicht, dass er diese Ranch lebend verließ. Schließlich war nicht ganz klar, wer von den anderen Männern auf Bridgers Seite eingreifen würde. Dan Willard schwitzte. Auf seiner Stirn glänzte es. Er nahm den Hut vom Kopf, wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn.

Urplötzlich griff Ed Willard zum Colt.

Mit schier unglaublicher Geschwindigkeit riss er das Eisen heraus und feuerte es sofort ab.

Der Schuss ging eine Handbreit vor Jeffrey Bridgers Stiefelspitze in den Boden.

Weder der Bandenführer selbst noch der einarmige Leslie Crown hatten ihre Revolver rechtzeitig in der Hand.

Ed Willard lachte höhnisch, ließ das Eisen zurück ins Holster gleiten.

"War nur ein Spaß, Jeff!"

"Das nächste Mal bringt dich so ein Spaß um, Ed!"

"Glaube ich kaum!"

"Ach, nein?"

"Du bist einfach zu langsam, Jeff."  Ed Willard machte eine weit ausholende Bewegung. "Ihr alle seid zu langsam für mich. Keiner von euch könnte mich in einem Revolverduell besiegen. Keiner!"

Ed Willard wandte sich um, ging zur Tür und verschwand im Haus.

"Irgendwann wirst du diesen Bastard umbringen müssen, Jeff!", knurrte Leslie Crown düster.

Dan Willard mischte sich ein. Er hatte Crowns Bemerkung gehört.

"Du redest über meinen Bruder!", rief er.

Leslie Crown verzog das Gesicht zu einer Grimasse. "Wenn dir das Leben deines Bruders etwas wert ist, dann sorg dafür, dass er keinen Unsinn macht. Sonst hat er schneller eine Kugel im Hirn als dieser arrogante Hund es für möglich hält!"

Dan atmete tief durch. Er trat ein paar Schritte näher.

In gedämpftem Tonfall sagte er: "Ihr wisst doch, wie Ed ist. Er meint es nicht so!"

Jeffrey Bridgers Gesicht glich einer in Stein gemeißelten Maske. "Bestell deinem Bruder, dass er tot ist, wenn er es noch einmal wagen sollte, mich vor den Männern anzupinkeln. Wenn ich im Augenblick nicht jeden Mann brauchen würde, hätte ich ihn längst erledigt."

Bridgers Blick bohrte sich in Dan Willards Augen.

"Ich sag's ihm", versprach Dan.

"Die geringste Kleinigkeit und dieser Rotzlöffel ist draußen!"

"Keine Sorge, ich halte ihn unter Kontrolle."

Bridger nickte langsam. "Ich will's hoffen!"

Dan Willard hob die Augenbrauen. "Hey, Jeff, hast du vergessen, dass ich dir in Topeka das Leben gerettet habe?"

"Nein, das habe ich nicht. Glaub mir, sonst hätte ich anders reagiert!"

Dan Willard klopfte Jeffrey Bridger auf die Schulter. "Ich nehme ihn an die Kandarre! Versprochen!"

"Wenn es dazu nicht schon längst zu spät ist!", vermutete Leslie Crown.

Dan Willard hatte offenbar keine Lust mehr, länger über seinen aufmüpfigen Bruder zu reden. Er wechselte das Gesprächsthema. "Hör zu, Jeff. Lass uns den Ärger von eben vergessen. Es gibt gute Nachrichten!"

"Wovon redest du?"

"Lance und Slim sind ein bisschen auf Erkundungsritt gegangen. Etwa einen Tagesritt von hier entfernt treibt eine Ranchmannschaft dreitausend Longhorns Richtung Norden. Da winkt doch ein saftiges Passiergeld!"

Jeffrey Bridgers Gesicht hellte sich erkennbar auf.

"Ich dachte schon, es kämen gar keine Herden mehr aus Texas! In den letzten drei Monaten war es nicht eine einzige!"

"Warte nur, bis die Bahn nach Dodge City reicht. Dann werden hier Hunderte von Herden vorbeiziehen!"

Jeffrey Bridger nickte leicht.

"Hast du ein paar Männer losgeschickt, um die Herde im Auge zu behalten?"

"Ja."

"Wie viele Männer gehören zur Treibmannschaft?"

"Etwa ein Dutzend. Die dürften sich schon vor Angst in die Hosen machen, wenn wir dort auftauchen!" Jeffrey Bridger hatte Erfahrung in diesen Dingen. Von einer Treibmannschaft Wegzoll zu nehmen war wirklich eine ziemlich risikolose Sache. Die Cowboys wussten ganz genau, was passierte, wenn nur ein paar Schüsse in die Luft abgefeuert wurden. Die Herde konnte in Panik geraten und eine Stampede ausbrechen. Dann dauerte es Tage oder sogar Wochen, bis die wildgewordenen Longhorns wieder zusammen getrieben waren. Kein Vormann, der einen Funken Verstand hatte, riskierte das.

"Hey, Boss! Dahinten kommt ein Reiter!", rief einer der Männer.

Jeffrey Bridger drehte sich herum.

Von den Hügeln ritt ein Mann auf die Ranch zu.

Im scharfen Galopp preschte sein Pferd voran. Der lange, hellgelbe Saddle Coat wehte hinter ihm her wie eine ausgefranste Flagge.

"Das ist Nat Gready!", stellte Leslie Crown fest. "Ich frage mich, wo er Mike gelassen hat!"

Gready, der Saddle Coat-Mann, näherte sich der Ranch. Eine Staubwolke folgte seinem Gaul.

Der Reiter hielt auf Bridger und Crown zu.

Er zügelte sein Pferd, stieg ächzend aus dem Sattel.

"Was ist los, Nat? Du wirkst wie ein alter Mann", höhnte Dan Willard.

"Ich habe in Liberal einen Treffer abbekommen. Zum Glück ein glatter Durchschuss, sonst wäre ich nicht in der Lage gewesen, hier her zu reiten." Er atmete tief durch, nahm den Stetson vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Da war so ein verdammtes Nigger-Cherokee-Halbblut... Der Bastard war unglaublich schnell mit dem Colt."

"Was ist das für einer?", fragte Bridger.

"Ein Army-Scout, würde ich sagen."

"Wir werden noch 'ne Menge Ärger mit den Blauröcken bekommen", war Leslie Crown überzeugt.

Bridger machte eine wegwerfende Handbewegung. "Am Ende werden sie alle tot im Staub liegen und eine Mahlzeit für die Geier abgeben!"

*

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TOM WHITE FEATHER SCHNALLTE sich den Revolvergurt um. "Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin, Sie zu sehen, Captain", wandte er sich an John Reilly. "Dieser eifrige Sheriff hätte mich wahrscheinlich noch eine Ewigkeit hier festgehalten!"

Sheriff Gaynor saß hinter seinem Schreibtisch. Er wich dem  Blick des Halbbluts aus.

"Es war nicht gegen Sie persönlich gerichtet, Mr. White Feather", erklärte er.

"Ach, nein?", erwiderte Tom. "Sie haben mich auf die haltlose Beschuldigung eines Indianerhassers hin verhaftet!"

Gaynor winkte ab.

"Was blieb mir anders übrig? Schließlich haben zwanzig Mann im Saloon Stein und Bein geschworen, dass Sie zuerst gezogen haben, White Feather!"

John Reilly verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. "Nur eigenartig, dass einige der Männer von ihrer Aussage offenbar abgewichen sind. Einschließlich des Salooners. Und ebenfalls merkwürdig ist, dass der Mann, der angeblich das unschuldige Opfer ist, fluchtartig die Stadt verlassen zu haben scheint, anstatt abzuwarten, ob der vermeintliche Angreifer seiner gerechten Strafe zugeführt wird."

Gaynor war ziemlich kleinlaut geworden, nachdem er den Saloon-Keeper des Fire Water noch einmal eingehend befragt hatte. Der schmächtige Mann hatte schließlich zugegeben, nur unter Druck gegen Tom White Feather ausgesagt zu haben.

"Sorry, Captain. Ich habe mich geirrt, als ich Nat Gready geglaubt habe!", knurrte Gaynor schließlich unwillig.

"Sie brauchen sich nicht bei mir entschuldigen, Sheriff."

Gaynor zuckte die Achseln. Er erhob sich, wirkte verlegen. Die Daumen klemmte er hinter den Revolvergurt.

"Nehmen Sie es mir nicht übel, White Feather!"

"Nichts für ungut", war Toms knappe Erwiderung.

Reilly meldete sich zu Wort. "Wir haben eine Liste von Männern, die während des Krieges für Quantrill und seine Bande gekämpft haben. Ein gewisser Nathaniel J. Gready ist darauf verzeichnet. Es gibt kein Bild von ihm. Aber ich nehme an, dass er mit diesem Nat Gready aus dem Fire Water Saloon identisch ist!"

"Vermutlich", brummte Gaynor. "Ich möchte außerdem wetten, dass Mike Sutton, der Kerl, der aus dem Drunken Indian heraus auf Sie geschossen hat, ebenfalls auf Ihrer Liste steht!"

"Allerdings!"

John Reilly wandte sich an Tom. "Kommen Sie! Gehen wir."

Aber Gaynor stellte sich den beiden Männern in den Weg.

"Einen Moment!"

"Was ist noch?", fragte Captain Reilly.

"Ich möchte wissen, was Sie als nächstes vorhaben, Captain."

"Meinen Auftrag erfüllen und diese Bande zerschlagen", erwiderte der Captain. "Was glauben Sie denn?"

"Einige Leute hier in der Stadt sind nicht sehr glücklich über das Auftauchen Ihrer Leute!"

"Dann lassen Sie sich also lieber von Bridgers Leuten ausplündern?", erwiderte Reilly hart.

"So war das nicht gemeint."

"Keine Sorge, ich habe Sie schon richtig verstanden, Sheriff."

Reilly ging an Gaynor vorbei. Tom White Feather folgte ihm. Auf der Main Street von Liberal herrschte geschäftiges Treiben. Einige der Passanten stierten den Uniformträger Reilly fast ungläubig an.

Tom grinste. "Wenigstens bin ich hier nicht der Einzige, der angegafft wird", meinte er.

"Jedenfalls bin ich froh, dass Sie bei uns sind, Mr. White Feather", sagte Reilly. "Sie sollen der beste Scout der Army sein..."

"Es hat sich noch niemand über meine Fähigkeiten beklagt."

"Unsere Mission wird ziemlich schwierig. Ich habe kaum noch genügend Männer zur Verfügung, um Bridgers Bande auszuschalten."

"Klingt so, als wären Sie nicht gerade in der Übermacht, Captain!"

"Das ist wohl noch gewaltig untertrieben!"

"Haben Sie eine Ahnung, wo die Bande untergekrochen ist?", fragte Tom.

Reilly schüttelte den Kopf. "Noch nicht. Aber ich habe zwei sehr gute Männer an die Fährte der Bande geheftet."

"Und jetzt warten Sie auf deren Rückkehr."

"Ja."

Tom White Feather blieb plötzlich stehen. "Ich habe meinen Gaul in Blacksmiths Mietstall untergestellt."

Reilly nickte. "Wir sehn uns später."

Tom imitierte etwa unvollkommen einen militärischen Gruß. "Aye, Captain!"

John Reilly konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen.

*

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EIN PFERD WIEHERTE.

Jim Hughes nahm den Feldstecher von den Augen und horchte auf.

Sam O'Mara hatte das Geräusch ebenfalls gehört.

Sein Griff ging sofort zur Revolvertasche. Er zog den langläufigen Navy-Colt.

Beide Männer lauschten angestrengt. Aber kein weiteres verdächtiges Geräusch war zu hören.

"Vielleicht nur ein Insekt, das unsere Gäule geärgert hat!", meinte Sam O'Mara.

Den Revolver behielt er allerdings in der Hand.

Der junge Mann erhob sich.

"Wird ohnehin Zeit, dass wir aufbrechen", entschied Hughes und stand ebenfalls auf. "Wir haben genug gesehen. Bin gespannt, was Captain Reilly dazu sagt!"

"So wie ich ihn bisher kennen gelernt habe, wird er nicht zögern, gegen diese Übermacht zum Angriff blasen zu lassen!", vermutete O'Mara.

O'Mara und Hughes verließen in geduckter Haltung ihr Versteck auf der bewaldeten Anhöhe und kehrten zu den Pferden zurück, die sie in der Nähe festgemacht hatten.

Hughes nahm sein Pferd beim Zügel.

O'Mara blickte sich misstrauisch um.

Er hielt noch immer den Revolver in der Rechten, senkte schließlich den Lauf und steckte die Waffe zurück in die Revolvertasche.

"Reiten wir, Hughes!"

In der nächsten Sekunde erstarrten beide Männer.

Das ratschende Geräusch einer Winchester, die gerade durchgeladen wurde, durchschnitt die Stille.

"Keine Bewegung!", rief eine heisere Stimme.

Ein Mann mit schwarzem Vollbart und dunkelgrauer Jacke erschien hinter einem Gebüsch. Er hielt die Winchester im Anschlag und näherte sich. "Schön die Hände hoch. Und keine Dummheiten, sonst ballere ich euch den Leib voll Blei!", zischte er zwischen den Zähnen hindurch.

Hughes und O'Mara wechselte einen kurzen Blick und gehorchten.

Der Bärtige feuerte inzwischen ein paar Mal in die Luft.

Er lachte rau.

"Jeff Bridger wird sich über zwei gefangene Blauröcke freuen!", meinte er.

Ein zweiter Mann trat hinter den Büschen hervor. Er hielt einen Colt in der Linken und war etwas kleiner als der Bärtige.

Der Linkshänder hob die Waffe, spannte den Hahn. "Knallen wir sie einfach über den Haufen wie räudige Hunde!", knurrte er.

"Die Waffe runter", forderte der Bärtige.

Aber der Linkshänder drückte ab.

Blutrot zuckte das Mündungsfeuer aus dem Lauf seines Colts heraus. Sam O'Mara sank getroffen zu Boden. Er griff sich an die Brust, wo bereits das Blut durch den Stoff seines Uniformhemdes drang.

"Es reicht, wenn wir einen Gefangenen haben", meinte der Linkshänder. "Alles, was wir von ihm wissen wollen, wird er uns auch sagen können."

Hughes schluckte.

Kalte Wut packte ihn.

Aber im Augenblick konnte er nichts tun.

Der Bärtige hielt nach wie vor den Lauf der Winchester auf ihn gerichtet

"Nimm ganz langsam deine Kanone aus der Revolvertasche!", knurrte der Bärtige.

"Hol sie dir doch selbst, du Hund!", erwiderte Jim Hughes düster.

In den Augen des Bärtigen blitzte es.

Wut leuchtete in ihnen auf. Er trat auf den gefangenen Blaurock zu, hob den Kolben seiner Winchester zu einem brutalen Schlag.

Hughes wich aus.

Der linke Arm schlang sich um den Hals des Bärtigen, während die Rechte zum tiefgeschnallten Holster des Banditen langte. Hughes riss den Colt seines Gegners an sich und setzte dem Bärtigen die Waffe an die Schläfe und hielt ihn gleichzeitig wie einen Schutzschild vor sich.

"Fallenlassen!", knurrte Hughes.

Mit einem unterdrückten Schrei ließ der Bärtige die Winchester zu Boden gleiten.

Im selben Moment zielte der Linkshänder jedoch mit dem Revolver auf Jim Hughes' Kopf.

Offenbar war ihm das Risiko, das er damit im Hinblick auf seinen Komplizen einging, vollkommen gleichgültig.

Jim Hughes kam ihm um den Bruchteil einer Sekunde zuvor.

Sein Schuss traf den Linkshänder im Bauch.

Er klappte zusammen wie ein Taschenmesser. Der Colt fiel ihm aus der Hand. Er sank zu Boden, blieb gekrümmt liegen.

Dem Bärtigen gab Jim Hughes einen Schlag mit dem Revolverlauf. Er traf ihn seitlich am Kopf. Bewusstlos sackte der Bärtige in sich zusammen.

Ein paar schnelle Schritte und Hughes hatte sein Pferd erreicht. Er schwang sich in den Sattel, ließ es davon preschen.

In der Ferne war das Donnern von Pferdehufen zu hören.

Die Schüsse hatten die Meute zweifellos angelockt.

In wenigen Augenblicken mussten sie hier sein. Jim Hughes gab seinem Pferd die Sporen.

Innerlich war er immer noch von Wut zerrissen. Namenlose Wut darüber, wie Sam O'Mara ums Leben gekommen war. Einen Gefangenen zu erschießen, das ging selbst im Krieg gegen jede Ehre. Aber was diesen Begriff anging, so musste er Bridgers Leuten wohl vollkommen unbekannt sein.

Hughes ritt im scharfen Galopp auf die nächste Anhöhe zu.

Zwischendurch drehte er sich im Sattel herum.

In der Ferne sah er die Meute der Bridger-Leute kommen.

Es wird nicht leicht sein, ihnen zu entkommen!, ging es dem Kavalleristen durch den Kopf.

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DIE BEIDEN WILLARD-Brüder führten die Gruppe an, die nachsehen sollte, welche Ursache die Schießerei hinter den Anhöhen hatte.

Einen Teil der Männer hatte Dan Willard gleich dem blau gekleideten Reiter hinterhergeschickt, der sich gerade anschickte, hinter der nächsten Hügelkette zu verschwinden.

Er selbst blieb mit ein paar weiteren Männern dort, wo sich offenbar die Schießerei zugetragen hatte.

Ein Blaurock lag tot am Boden.

Außerdem fanden sie auch zwei ihrer eigenen Männer.

"Das sind Lance und Slim!", entfuhr es Dan Willard.

"Die beiden sollten doch eigentlich weiter den Viehtrieb beobachten!", meinte Ed.

Er gab einem der am Boden Liegenden einen Tritt in die Seite. Ein ächzender Laut folgte. Der Mann bewegte sich, hielt sich den Kopf.

"Hey, du lebst ja noch, Slim!", meinte Ed.

"Ich habe einen über den Schädel bekommen. Teufel, dieser Yankee hat einen Schlag..."

"Warum seit ihr nicht bei der Herde?"

"Wir haben uns mit einigen der Cowboys unterhalten", berichtete Slim.

"Seid ihr verrückt?", fragte Ed Willard.

"Wieso? Die haben uns für stellungslose Satteltramps auf dem Weg nach Norden gehalten. So haben wir erfahren, dass wir uns beeilen müssen, wenn wir von denen noch einen Wegezoll haben wollen."

Ed runzelte die Stirn.

"Wieso?"

Mühsam richtete Slim sich auf. Er hielt sich den schmerzenden Kopf.

"Nun red schon!", zischte Ed Willard und stieß Slim unsanft mit dem Fuß an.

"Weil die Treibmannschaft in wenigen Tagen eine Gruppe von Revolvermännern erwartet, die sie auf dem letzten und ihrer Einschätzung nach gefährlichsten Teil des Trails begleiten sollen. Wenn diese Schießer erst eingetroffen sind, holen wir uns nur blutige Nasen."

"Verstehe", knurrte Ed zwischen den Zähnen hindurch. Er deutete auf den toten Soldaten. "Nimm dir den Navy-Colt des Burschen da vorne! Und dann reiten wir hinter den anderen her. Der zweite Blaurock darf nicht entkommen!"

Slim nickte.

Er stand schwankend auf.

"Diese beiden Yankees müssen die Ranch schon eine ganze Weile beobachtet haben, als wir sie überraschten", meinte er.

Einer der anderen Männer hatte inzwischen den Bärtigen herumgedreht.

Er hatte eine schlimme Schusswunde im Bauch, lebte aber noch.

Seine Augen waren glasig, wirkten fiebrig. Ein heiseres Krächzen kam über seine Lippen. Aber keine Worte.

Dan Willard holte seine Wasserflasche, kniete neben dem Verletzten nieder.

"Mach keinen Quatsch, Lance!", meinte der Ältere der Willard-Brüder. "Du schaffst das...."

"Bringt.... Bringt..." Der Verletzte musste noch einmal nach Luft ringen, bevor er weitersprechen konnte. Seine Stimme klang entsetzlich schwach. "Bringt mich..." Wieder brach er ab.

"Ganz ruhig, Lance!", sagte Dan Willard und gab ihm etwas zu trinken.

"Einen...Doc!", brachte Lance schließlich heraus. "Bringt mich zu... einem Doc..."

"Sicher", versprach Dan.

Ed Willard trat jetzt näher.

Er schob sich den Hut in den Nacken und blickte auf Lance hinab.

"Den nächsten Doc gibt es in Liberal", sagte der Jüngere der beiden Willard-Brüder kalt. "Der Weg ist viel zu weit. Den schaffst du nicht mehr."

"Ed..."

Kalter Schweiß perlte vom Gesicht des Sterbenden.

Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen.Er schien zu ahnen, was Ed vorhatte. Blitzschnell ging Ed Willards Hand zur Hüfte, zog den Colt und feuerte. Lance' Körper zuckte.

"Bist du wahnsinnig, Ed?", schrie Dan.

Ed ließ den Colt nach einer Drehung um den Zeigefinger wieder zurück ins Holster gleiten. Er sah seinen Bruder zynisch grinsend an. "Das war ein Akt der Barmherzigkeit, Dan!" Anschließend beugte er sich nieder und zog dem Toten den Colt aus dem Holster. "So ein Ding mit Perlmuttgriff habe ich auch schon immer haben wollen!"

Dan spuckte aus.

Sein Kopf war hochrot dabei.

Selbst ihm ging es gegen den Strich, was sein Bruder getan hatte. "Reiten wir!", brummte er. Dan Willard schwang sich in den Sattel seines Pferdes, lenkte es herum und meinte anschließend noch an seinen Bruder Ed gewandt: "Ich hoffe, du kannst nicht nur Freunde, sondern auch Feinde töten!"

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Kapitel 2

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Blacksmith, der Mietstallbesitzer, hatte Tom White Feather und Captain Reilly in sein Haus geladen. Blacksmith kannte sich gut in der Gegend aus, wie sich herausstellte. Später stieß noch Lieutenant Ben McCall dazu, sodass in Blacksmiths Stube so etwas wie eine improvisierte Lagebesprechung stattfinden konnte.

Reilly breitete die Karten aus, die seine Einheit für diesen Einsatz zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Blacksmith besaß ebenfalls Landkarten der Umgebung, die sich in einigen Details allerdings von denen unterschieden, die den Blauröcken zur Verfügung standen.

"Im Zweifelsfall würde ich an Ihrer Stelle auf meine Karten vertrauen, Captain Reilly", sagte der Mietstallbesitzer mit aller Entschiedenheit. "Schließlich waren fast fünf Jahre lang keine Blauröcke in dieser Gegend."

"Sie glauben also, unser Material ist veraltet", schloss Reilly.

"Genau! Die Karte des Westens wimmelt doch nur so von weißen Flecken. Aber es werden täglich weniger! Seit Inkrafttreten des Heimstätten-Gesetzes drängen Hunderttausende von Siedlern in Gebiete, in denen es zuvor allenfalls Indianer oder Trapper gab." Blacksmith atmete tief durch. "Fünf Jahre sind unter solchen Bedingungen eine lange Zeit..."

"Ja", nickte Reilly düster.

Die letzten fünf Jahre waren besonders lang gewesen. Jahre des Krieges und des Hasses, in dem sich Angehörige ein- und derselben Nation in blutigen Schlachten buchstäblich zerfleischt hatten. Eine Zeit, deren schlimmste Folgen wohl erst in einigen Jahren beseitigt sein würden. Über hundert Jahre sollte es noch dauern, bis mit Jimmy Carter der erste aus dem Süden stammende US-Präsident gewählt wurde...

"Wie lange wollen Sie denn in der Stadt bleiben?", fragte Blacksmith an Reilly gewandt.

"Wir warten nur noch auf unsere Kundschafter. Treffen sie morgen nicht ein, dann brechen wir ohne sie auf. Sie werden es schon schaffen, unserer Spur zu folgen."

"Davon abgesehen können wir nicht ausschließen, dass sie Bridgers Leuten zum Opfer gefallen sind", gab Lieutenant Ben McCall zu bedenken.

John Reilly seufzte hörbar.

"Daran möchte ich lieber gar nicht denken", meinte er. "Schließlich haben wir schon genug Leute verloren..."

"Einige der Verletzten werden bis morgen noch nicht wieder einsatzfähig sein", gab McCall zu bedenken.

Reillys Blick wurde finster. "Ich glaube nicht einmal, dass sie alle überleben werden. Wir müssen sie hier in Liberal zurücklassen." Sein Blick wanderte über die Karten. "Wenn ich in Bridgers Haut steckte, würde ich so schnell wie möglich ins Indianergebiet verschwinden und dort mein Hauptquartier errichten."

"Ich glaube eher, dass Bridgers Truppe hier in der Nähe ist. Irgendwo im südwestlichen Kansas", war Tom White Feather überzeugt.

Reilly hob die Augenbrauen. "Und? Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?"

"Nach allem was ich weiß, tauchen die Brüder einfach zu häufig hier in Liberal auf, als dass sie jedes Mal einen mehrtägigen Höllenritt hinter sich haben könnten."

"Mr. White Feather hat recht!", mischte sich Blacksmith ein. "Fragen Sie die Huren im Drunken Indian. Die werden doch regelmäßig von Bridgers Leuten besucht."

"Was glauben Sie, wo sich Bridger mit seiner Meute versteckt haben könnte?", fragte Reilly.

Blacksmith machte mit dem Zeigefinger eine kreisende Bewegung auf der Karte. "Es gibt hier einige verlassene Ranches und Farmen. Wenn ich an Bridgers Stelle wäre, würde ich dort irgendwo unterkriechen."

"Was wäre unter diesen verlassenen Anwesen die erste Adresse?", hakte Reilly nach.

Blacksmith zuckte die Achseln. "Schwer zu sagen. Wissen Sie, ich steige nur noch in den Sattel, wenn es unbedingt sein muss. Meine Knochen machen das einfach nicht mehr so mit wie früher... Ich kann Ihnen wirklich nicht sagen, welche dieser Ranches in den letzten Jahren durch die marodierenden Banden der Konföderierten..."

"...oder unsere eigenen Leute!", ergänzte Tom White Feather.

"...dem Erdboden gleich gemacht wurden und in welchen es sich immer noch ganz gut leben lässt."

"Unglücklicherweise liegen diese Ranches ziemlich weit verstreut", stellte Lieutenant McCall fest.

"Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als sie der Reihe nach abzuklappern", entschied Captain Reilly. "Jedenfalls macht es keinen Sinn, auch nur einen Tag länger als unbedingt nötig in Liberal zu bleiben. In der Stadt sind wir nur eine Zielscheibe für Anhänger der Bridger-Banditen!"

Blacksmith war derselben Ansicht. Er kratzte sich am Kinn und machte ein nachdenkliches Gesicht. "Ich fürchte, da haben Sie leider den Nagel auf den Kopf getroffen, Captain. Es ist schon absurd, Sie befinden sich hier in Ihrem eigenen Land und müssen trotz allem auf der Hut sein, als wären Sie in feindlichem Gebiet!"

"Viele hier sehen das so", sagte Tom. Er wandte sich an Reilly. "Wie lange wollen wir Hughes und O'Mara geben?"

"Bis morgen Mittag."

"Okay. Es muss jemand von unseren Leuten in der Stadt bleiben. Wegen den Verletzten."

"Um deren Belange werde ich mich kümmern", versprach Blacksmith. "Dann verlieren Sie dadurch keinen einsatzfähigen Mann."

Reilly bedachte den Mietstallbesitzer mit einem nachdenklichen Blick. Schließlich nickte der Captain. "Okay, ich verlasse mich auf Sie, Mr. Blacksmith."

"Das können Sie auch. Ich bin es meinem Sohn einfach schuldig."

"Was ist mit Ihrem Sohn?", fragte Reilly.

Blacksmith kam nicht dazu zu antworten.

Eine weibliche Stimme kam ihm zuvor. "Er trug die gleiche Uniform wie Sie!"

Reilly drehte sich herum.

Eine junge Frau war durch die Tür getreten. Das leicht gelockte Haar fiel ihr bis weit über die Schultern.

"Das ist meine Tochter Jane", stellte Blacksmith die junge Frau vor. "Ich bin froh, dass sie sich nicht freiwillig bei den Unionstruppen melden konnte - sonst wäre sie vielleicht ebenfalls in einem konföderierten Gefangenenlager verreckt."

Jane Blacksmith musterte Reilly einige Augenblicke lang, dann wanderten ihre Blicke weiter.

"Ich hoffe, dass Sie diese unverbesserlichen Sklavenhalter-Banditen stellen und wie räudige Hunde abknallen", sagte sie. "Sie haben es nicht anders verdient."

"Wir werden uns an die Gesetze und unsere Befehle halten, Miss", erwiderte Reilly gelassen.

"Haben sich denn Leute wie Jeff Bridger je daran gehalten?"

"Irgendwann muss Ruhe in dieses Land kommen", sagte Reilly.

"Und was ist mit Gerechtigkeit? Diejenigen, die dafür verantwortlich sind, dass mein Bruder jämmerlich in einem Lager verhungerte, werden wahrscheinlich nie zur Rechenschaft gezogen werden."

"Für jemand, der so jung ist, wirken Sie ziemlich bitter."

Sie hob kurz die Schultern. "Tut mir leid, das war nicht meine Absicht. Eigentlich bin ich nur hier, um Sie zu fragen, ob jemand von Ihnen etwas trinken möchte."

"Ich glaube, da wird niemand von Ihnen nein sagen, oder?", meldete sich Blacksmith zu Wort.

Die Augen von Lieutenant McCall waren auf ihren Kommandanten gerichtet. Reilly nickte schließlich.

"Ein Drink wird uns wahrscheinlich allen gut tun."

"Ich verzichte", erklärte Tom. "Nichts gegen Ihre Gastfreundschaft, Mr. Blacksmith, aber ich trinke grundsätzlich kein Feuerwasser."

Blacksmith lachte heiser. "Zu dieser Haltung hat mir leider immer die innere Stärke gefehlt", bekannte er.

*

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DIE DÄMMERUNG BRACH herein. Jim Hughes war ziemlich lange in scharfem Galopp geritten. Von den Verfolgern war nichts zu sehen. Offenbar hatte er sie fürs Erste abgeschüttelt.

Hughes war in südliche Richtung geritten, sodass er einen Bogen schlagen musste, wenn er nach Liberal kommen wollte. Der Grund für diesen Umweg lag auf der Hand. Das Gelände war dort bergiger. Es war leichter sich zu verstecken.

Hughes sehnte die Nacht herbei.

In der Dunkelheit hatte er eine weitaus bessere Chance, sich vor den Bridger-Leuten verborgen zu halten.

Allerdings war ihm auch klar, dass die Bande alles daran setzen würde, ihn zur Strecke zu bringen.

Er trieb das Pferd weiter vorwärts. Es scheute leicht, wieherte. Irgendetwas stimmte mit dem Tier nicht. Hughes spürte das instinktiv. Aber er konnte jetzt keine Rücksicht darauf nehmen. Bridgers Leute durchstreifte das Land und so lange es hell genug war, um die Umgebung im meilenweiten Umkreis überblicken zu können, konnte selbst ein relativ großes Gebiet von wenigen Männern durchsucht werden.

"Vorwärts, mein Guter!", murmelte er dem Tier ins Ohr.

Schon seit einer ganzen Weile hatte er das Gefühl, dass der Gaul immer langsamer wurde. Zunächst schob Hughes diesen Umstand der Erschöpfung zu, die man nach einem derart scharfen Ritt annehmen musste.

Inzwischen stieg jedoch ein anderer Verdacht in dem Kavalleristen auf.

Als er einen fast ausgetrockneten Creek erreichte, wurde er zur Gewissheit.

Das Tier begann zu lahmen.

Hughes stieg aus dem Sattel, ließ das Pferd anschließend erst einmal ausgiebig trinken. Der Kavallerist beobachtete dabei aufmerksam die Umgebung. Der Wind frischte auf und strich über die umliegenden Hügel und Berge.

Hughes holte ein Taschenmesser aus der Hosentasche und griff nach dem lahmenden Fuß. Wenn er Glück hatte, ließ sich die Ursache leicht beheben. Der Gaul hatte sich einen Stein in den Huf getreten, den Jim mit dem Messer entfernte. Aber das allein sorgte nicht dafür, dass das Tier wieder einsatzfähig wurde.

Hughes zog es hinter sich her.

Er führte es eine Anhöhe hinauf. Unten im Tal befand sich eine Gruppe knorriger und halb vertrockneter Bäume. Dort gab es immerhin Deckung und etwas Sichtschutz. Ein Platz für die Nacht, dachte Hughes.

Er hatte die Baumgruppe fast erreicht, da ließ ihn Hufgetrappel aufhorchen.

Er drehte sich halb herum.

Auf den nahen Anhöhen hoben sich drei Reiter dunkel gegen die tiefstehende Sonne ab.

Sie rissen ihre Gewehre aus den Scubbards und feuerten.

Es waren gute Schützen.

Ein Schuss zischte nur Millimeter an Hughes' Kopf vorbei. Das Pferd riss sich los, machte einen Satz zur Seite.

Hughes warf sich auf den Boden. Das hohe Gras gab ihm nicht viel Deckung.

Die Reiter feuerten in rascher Folge ihre Winchester-Gewehre ab. Hughes zweifelte keinen Augenblick daran, dass es sich um Bridgers Leute handelte. Offenbar hatten sie sich in kleinere Gruppen aufgeteilt, um die Verfolgung effektiver zu machen.

Hughes zog seinen Revolver. Aber er erkannte sofort, dass es sinnlos war, zurückzufeuern. Die Gewehre seiner Gegner hatten eine größere Reichweite als der Navy-Colt in seiner Faust. Für Hughes befanden sich die Kerle außer Schussweite. Und an sein Sattelgewehr konnte er nicht heran, ohne eine willkommene Zielscheibe abzugeben.

Hughes presste sich an den Boden, rollte sich im hohen Gras herum.

Der Geschosshagel, der in seine Richtung geprasselt war, verebbte.

Der Kavallerist wartete ab. Zunächst erwartete er, dass die Angreifer heranritten. Aber das taten sie nicht.

Ihnen war der Vorteil offenbar bewusst, den die größere Reichweite ihrer Gewehre darstellte. Im hohen Gras konnten sie den Soldaten jetzt offenbar schlecht ausmachen.

Sie standen auf dem Hügelkamm und warteten einfach ein Lebenszeichen ihres Opfers. Zum Beispiel einen sinnlosen Schuss mit dem Revolver, der auf diese Entfernung selbst beim besten Meisterschützen nicht zu treffen vermochte. Oder darauf, dass Hughes die Nerven verlor, aufsprang und entweder sein Sattelgewehr oder den Schutz der nahen Bäume zu erreichen versuchte.

Jim Hughes hob leicht den Kopf.

Wie Geier wirkten die drei oben auf dem Hügel. Geier, die darauf warteten, dass ihr Opfer verendete und zu einem Stück Aas wurde. In aller Seelenruhe luden sie ihre Gewehre nach.

Jim Hughes pfiff.

Er hoffte, dass sein Pferd darauf hörte. Auch wenn es lahmte - die paar Dutzend Schritte bis zu ihm musste es doch eigentlich schaffen können.

Das Tier hob den Kopf, blickte in Hughes' Richtung.

Aber es bewegte sich kaum. Einen Schritt nur. Es setzte den lahmenden linken Vorderhufen kurz auf den Boden und zuckte zurück. Na komm schon!, durchzuckte es Jim Hughes. Hast du verdammter Gaul denn alles vergessen, was dir mal beigebracht wurde?

Der Kavallerist pfiff erneut.

Das Pferd humpelte ein paar Schritte näher, zögerte anschließend.

Die menschlichen Geier auf dem Hügelkamm warteten weiter ab, was geschah. Hughes pfiff zum drittenmal. Das Pferd kam zögernd näher. Bis auf ein paar Yards. Hughes setzte alles auf eine Karte. Er wusste, dass ein einziger Schuss genügte, um den Gaul wieder davonzujagen. Gleichzeitig war ihm aber auch klar, dass seine Gegner nur darauf warteten, dass er sich aus dem Gras erhob und ein Ziel für ihre Kugeln bot.

Ein Ziel, dass sie allerdings nicht unbedingt treffen mussten. Vorausgesetzt, er war schnell genug.

Hughes steckte den Revolver zurück ins Army-Holster. Die Waffe konnte ihm jetzt ohnehin nicht helfen. Er musste die Hände frei haben.  Der Kavallerist schnellte blitzartig hoch, fasste nach dem Zügel des Pferdes, damit es nicht sofort wegsprang, sobnald die Ballerei losging.

Im selben Moment begannen die Angreifer wieder zu feuern.

Hughes benutzte das sich sofort aufbäumende Pferd als Deckung, bekam den Gewehrgriff zu fassen, der aus dem Scubbard herausragte.

Er riss daran, verlor die Zügel.

Das Pferd wurde durch mehrere Kugeln getroffen und sank mit einem markerschütternden Wiehern zu Boden.

Jim Hughes feuerte zweimal kurz hintereinander mit dem Gewehr auf die Reiter. Die Kerle merkten, dass ihnen die Kugeln jetzt dicht um die Ohren flogen. Einer von ihnen bekam Mühe, sein Pferd unter Kontrolle zu halten.

Hughes rannte in Richtung der Bäume, drehte sich zwischendurch noch einmal um, lud das Gewehr durch und schoss erneut.

Einen der Kerle holte er aus dem Sattel.

Mit einem Schrei sank er selbst in der nächsten Sekunde ins hohe Gras.

Kein Schuss war noch zu hören.

Die beiden noch lebenden Angreifer warteten einige Augenblicke ab. Einer von ihnen stieg vom Pferd, drehte den reglos am Boden liegenden Komplizen herum. Ihm war nicht mehr zu helfen.

"Ich hoffe, dass dieser Blaurock das wert war", knurrte er.

"Wir müssen uns noch davon überzeugen, dass der verdammte Yankee wirklich über den Jordan geschickt wurde", sagte der Andere.

"Ich habe ihn erwischt, da bin ich mir sicher."

"All right. Fragt sich nur wie schwer."

Der Bridger-Mann schwang sich wieder in den Sattel und steckte sein Gewehr in den Scubbard. "Wir sollten ihm die Uniform abnehmen."

"Wozu das?"

"Weiß man doch nie, wofür man die mal gebrauchen könnte!" Er grinste dreckig und gab seinem Gaul die Sporen.

Die beiden Reiter ritten den Hang hinunter auf die Baumgruppe zu. Das Pferd ihres toten Komplizen führten sie am Zügel mit sich. Es war ein gut trainiertes Tier, mindestens 200 Dollar wert. Ein Betrag, der etwa dem Jahressold eines Unionssoldaten entsprach.

Die beiden Reiter näherten sich rasch der Baumgruppe. Sie blickten sich im hohen Gras um und erwartete, irgendwo den reglosen Körper des Blaurocks zu finden.

Aber da war nichts.

An manchen Stellen war das hohe Präriegras platt gelegen. Dort hatte der Kerl sich offenbar verborgen.

Einer der Kerle stieg vom Pferd.

Er zog den Colt.

Hinter einem Baum fand er den Kavalleristen. Er lag auf dem Bauch und bewegte sich nicht. Sein Gewehr lag neben ihm. Offenbar hatte er es noch geschafft, in Deckung zu robben. "Hier ist er!", rief der Bridger-Mann. "Anscheinend hat es ihn tatsächlich erwischt!"

"Verpass ihm zur Sicherheit noch 'ne Kugel in den Schädel!", meinte der Andere.

Es machte "klick", als der Revolverhahn gespannt wurde.

Der Lauf der Waffe zeigte auf den vollkommen reglos daliegenden Kavalleristen Jim Hughes.

Ein Schuss krachte.

Gleichzeitig rollte Hughes zur Seite. Der Navy-Colt hatte sich die ganze Zeit über in seiner Hand befunden - verborgen unter seinem Oberkörper.

Der Schuss des Bridger-Manns ging dicht neben Hughes in den Boden und fetzte in die knorrigen Ausläufer einer Baumwurzel hinein.

Hughes feuerte einen Augenaufschlag später.

Und traf.

Der Bridger-Mann krümmte sich, wankte noch einen Schritt nach vorn. Währenddessen löste sich ein ungezielter Schuss aus seinem Revolver, der ins Nichts ging. Mit einem dumpfen Geräusch fiel der Kerl zu Boden.

Hughes war sofort auf den Beinen.

Er hatte seine einzige Chance darin gesehen, toter Mann zu spielen. Ein einzelner Mann ohne Pferd - da hätten seine Überlebenschancen in diesem Kampf ansonsten nicht gut gestanden.

Hughes schnellte voran. Mit ein paar Sätzen hatte er einen der knorrigen Bäume erreicht.

Der zweite Bridger-Bandit hatte die Zügel des überzähligen Pferdes losgelassen und zum Colt gegriffen.

Wie wild ballerte er in Hughes' Richtung.

Zwei Kugeln gingen dicht neben dem Kavalleristen in das weiche Holz des knorrigen Baumstamms hinein und fetzten daumengroße Löcher hinein.

Hughes feuerte ebenfalls.

Seine erste Kugel traf den Reiter an der Schulter. Sein Pferd stellte sich auf die Hinterbeine. Der Kerl zielte erneut auf Hughes und ließ dem Soldaten keine andere Wahl. Hughes' zweiter Schuss durchdrang die Schläfe und riss den Bridger-Mann aus dem Sattel. Das Pferd stob davon.

Hughes trat ein paar Schritte vor.

Sein Blick wanderte den Horizont entlang. Wie weit die anderen Verfolger entfernt waren, konnte er nur vermuten. Aber er musste damit rechnen, dass zumindest ein Teil von ihnen die Schüsse gehört hatte und jetzt alarmiert war.

Hughes spurtete los, erreichte eines der Pferde, das ein paar Dutzend Yards entfernt graste und schwang sich in den Sattel. Im Scubbard steckte eine Winchester. Die war sogar besser als der Sharps-Karabiner der Army. Kein schlechter Tausch, dachte er.

Er blickte zum Himmel.

Der Mond war inzwischen als weiße Kugel zu sehen, während die Sonne ihre letzten Strahlen glutrot über den hügeligen Horizont schickte.

Keine halbe Stunde mehr und die Nacht brach herein.

*

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CAPTAIN JOHN REILLY war der Erste, der am Morgen auf den Beinen war.

Er machte sich fertig und trat aus dem Mietstall heraus.

Thompson, einer der Soldaten, hatte eigentlich Wache gehabt. Er saß in sich zusammengesunken da, hielt den Sharps-Karabiner wie ein Baby im Arm und schnarchte.

Um diese frühe Stunde war die Stadt Liberal noch wie ausgestorben.

Reilly blickte die schnurgerade Main Street entlang.

Ein paar einsame Pferde standen vor den Saloons. Gäule, die Zechern gehörten, die den Weg nach Hause in dieser Nacht wohl nicht gefunden hatten.

John Reilly ging zu einer Pferdetränke und wusch sich den Kopf. Das kalte Wasser sorgte dafür, dass der letzte Rest an Müdigkeit verschwand.

Das Geräusch stampfender Hufe ließ Reilly aufhorchen.

Es waren die Hufe von zwei Pferden.

Sie jagten in wildem Galopp die Main Street entlang. Aber nur auf einem der Gäule saß ein Reiter.

Der Mann trug die blaue Uniform der US-Kavallerie.

Das Licht der Morgensonne beschien Jim Hughes' Gesicht. Der Kavallerist bremste sein Pferd. Den zweiten Gaul führte er am Zügel hinter sich her.

Er sprang aus dem Sattel, stand stramm und grüßte militärisch.

"Ich melde mich vom Erkundungsritt zurück, Sir!", sagte er.

Reilly nickte. "Stehen Sie bequem, Hughes."

"Danke, Sir."

"Wo ist O'Mara?"

In knappen Sätzen berichtete Jim Hughes anschließend, was geschehen war. "Tut mir leid, Sir, für O'Mara konnte ich leider nichts tun."

"Macht Ihnen auch niemand einen Vorwurf, Private Hughes. Ich bin froh, dass Sie zurück sind."

"Ich bin die Nacht durchgeritten und habe abwechselnd auf einem dieser beiden Tiere gesessen."

Die beiden Gäule drängten sich um die Tränke und soffen, als hätten sie einen Wüstenritt hinter sich.

"Wir werden heute Morgen aufbrechen", erklärte Reilly. "Vielleicht wollen Sie sich noch eine Stunde oder so aufs Ohr hauen."

"Aye, Sir."

"Aber vorher zeigen Sie mir die Ranch, auf der die Bridger-Meute untergekrochen ist, hier auf der Karte!", verlangte der Kommandant der Einheit.

Die Landkarte steckte zusammengefaltet hinter seinem Gürtel. Reilly zog sie hervor, faltete sie auseinander. "Wenn Sie sich das mal ansehen würden... Hier gibt es nämlich mehrere in Frage kommende Ranches..."

Hughes brauchte nicht lange zu überlegen.

Er deutete zielsicher mit dem Zeigefinger auf eine bestimmte Stelle auf der Karte.

"Hier - das muss es gewesen sein. Der Verlauf des Creeks lässt keine Zweifel zu...."

"Die Double-Cross-Ranch", murmelte Reilly. "Sie können gehen, Hughes."

"Die Pferde..."

"Um die kann sich jemand anderes kümmern."

Hughes zuckte die Achseln, ging auf die Stalltür zu. Kurz bevor er eintrat, ließ Reillys Stimme ihn sich noch einmal herumdrehen.

"Private Hughes..."

"Ja?"

"Ich gehe davon aus, dass Ihre Degradierung nach Beendigung dieser Mission sofort rückgängig gemacht wird. Das haben Sie sich nach dem Höllenritt, der hinter Ihnen liegt, redlich verdient!"

Jim Hughes atmete tief durch. Sein Gesicht wirkte müde. Gezeichnet von den Strapazen, die hinter ihm lagen.

Er lockerte das Halstuch. "Ich wünschte, O'Mara wäre mit mir zurückgekehrt", sagte er fast tonlos.

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Kapitel 3

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Etwa zwei Stunden später war die Kavallerie-Einheit zum Aufbruch bereit.

Blacksmith und seine Tochter Jane wandten sich noch einmal an Reilly.

"Sorgen Sie dafür, dass in diesem Land endlich Frieden einkehrt", meinte Blacksmith. "Der Südwesten von Kansas ist lange genug von skrupellosen Banditen beherrscht worden."

Reilly nickte leicht und rückte sich den sandfarbenen Army-Hut zurecht.

"Wir werden tun, was wir können."

"Von mir aus können Sie diese Mörder an Ort und Stelle aufknüpfen", sagte Jane bitter.

"Das würde nur neue Ungerechtigkeit bedeuten", erwiderte Reilly ruhig.

Ihrer beider Blicke trafen sich kurz. Reilly stellte fest, dass sie meergrüne Augen besaß. Ein verhaltenes Lächeln flog über ihr Gesicht als sie seine Hand nahm. "Hauptsache, Sie kehren wohlbehalten zurück, Captain."

"Ich werde mir Mühe geben."

"Auf Wiedersehen."

Einen Augenblick lang dachte Reilly darüber nach, dass er diese junge Frau tatsächlich gerne wiedersehen würde. Aber im Augenblick war jeder Gedanke daran sinnlos. Eine mehr als gefährliche Aufgabe lag vor ihm und seinen Männern. Ein Höllenjob, den viele andere an seiner Stelle als aussichtslos bezeichnet hätten.

Die Kavallerie-Abteilung stand in einer Zweierreihe zum Aufbruch bereit.

Reilly trieb sein Pferd etwas an und erreichte nach wenigen Augenblicken die Spitze des Verbandes.

Er wandte sich an Corporal Taggert.

"Alles bereit?"

"Alles bereit, Sir!"

"Ich hoffe, Sie haben sich einen guten Plan überlegt, wie wir die Bande aus ihrem Loch treiben können", meldete sich Lieutenant Ben McCall zu Wort.

Reilly grinste. "Ich dachte, in dieser Hinsicht könnte ich auf ihr militärisches Genie vertrauen, Lieutenant."

Taggart gab das Zeichen zum Aufbruch.

Die Blauröcke ritten die Main Street von Liberal entlang.

Inzwischen war schon ein beträchtlicher Teil der Stadtbewohner auf den Beinen. Passanten standen am Straßenrand und starrten die Truppe an. Andere standen an ihren Fenstern.

"Ich glaube nicht, dass uns alle Glück wünschen, deren Augen im Moment auf uns gerichtet sind, Captain!", raunte McCall seinem Kommandanten zu.

Reilly nickte. "Ich fürchte, da haben Sie Recht, Lieutenant."

*

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JEFFREY BRIDGER TRAT auf die Veranda des Ranchhauses. Im Licht der Morgensonne kehrten die Willard-Brüder zusammen mit den anderen Männern zurück, die dem flüchtenden Blaurock gefolgt waren.

Die Reitergruppe kam näher. Die Männer zügelten die Pferde. Die ersten von ihnen stiegen aus dem Sattel.

"Was ist los?", wandte sich Bridger an Dan Willard.

"Wir haben den Kerl nicht gekriegt", berichtete der Ältere der beiden Willard-Brüder. "Drei unserer Leute hat er umgebracht. Wir haben sie in der Prärie gefunden. Der Blaurock hat offenbar ihre Pferde an sich gebracht."

Ed Willard mischte sich ein.

"Jetzt kann es heiß hier werden, Jeff!", meinte er. "Der Kerl wird zu seinem Kommandanten reiten und ihm brühwarm erzählen, wo wir untergekrochen sind!"

"Sie sind kaum halb so viele wie wir!", gab Jeff Bridger zu bedenken.

"Aber wollen wir uns wirklich blutige Nasen holen?", erwiderte Ed Willard. "Außerdem - was geschieht denn, wenn wir diese Gruppe über den Jordan geschickt haben? Die verdammte Yankee-Regierung wird eine weitere Schwadron losschicken, sobald sie genug Männer an anderen Orten frei bekommt."

"Willst du etwa vor den Blauröcken kneifen?", fragte Bridger.

Ed Willards Gesicht wurde finster.

"Wir können unsere Meinungsverschiedenheiten jederzeit mit dem Revolver austragen! Das weißt du!"

"Fangt nicht wieder mit dem Mist an!", mischte sich Dan Willard ein. Er klopfte seinem Bruder auf die Schulter. "Wir sind die Nacht über geritten. Ich schlage vor, wir hauen uns erst mal ein paar Stunden aufs Ohr."

Ed schluckte.

Sein Blick fixierte Bridger auf unangenehme Weise.

Ich werde nicht darum herumkommen, ihn zu töten!, ging es dem Bandenchef durch den Kopf. Aber so schnell, wie Ed Willard mit dem Revolver war, blieb Bridger wohl nur die Möglichkeit, den unliebsamen Rivalen im Schlaf abzuknallen.

Die Willards führte ihre Pferde in Richtung der Stallungen.

Bridgers Stimme ließ sie noch einmal anhalten.

"Ich werde mit dem Teil der Männer gleich losreiten, um das Passiergeld von der Treibmannschft zu kassieren, die ihre Longhorns ein paar Meilen von hier entfernt Richtung Nordosten zu bringen versucht. Alle, die heute Nacht unterwegs waren, bleiben besser hier. Ich brauche nur ausgeschlafene Leute."

Dan runzelte die Stirn. "Du erwartest Ärger?"

Bridger zuckte die breiten Schultern. "Kann man nie wissen. Die Revolvermannschaft, die die Cowboys sehnsüchtig erwarten, dürfte eigentlich noch nicht eingetroffen sein, bis wir dort sind."

"Wir sollten von hier verschwinden, Jeff", meldete sich jetzt Ed Willard zu Wort. Seinen Worten fehlte der provozierende Unterton, der ansonsten für seine Äußerungen kennzeichnend war. Er schien tatsächlich in ernster Sorge zu sein. "Da die Blauröcke, dort die Revolvermänner, die irgendein Viehbaron angeheuert hat. Mir wird das zu gefährlich."

"Wohin und wann wir gehen ist meine Entscheidung", beharrte Bridger. "Jeder, der kalte Füße hat, kann gehen. Allerdings bekommt er dann auch nicht einen Cent vom Passiergeld der Treibmannschaft!"

Ed Willard spuckte aus.

"Hey, Jeff, warum bist du so verdammt dickköpfig? Lass uns über die Grenze ins Oklahoma Territory gehen! Da gibt es kein Gesetz! Und selbst wenn sich die Regierung große Mühe geben sollte, wird es noch Jahre dauern, bis..."

"Wie gesagt, Ed. Wenn du glaubst, alleine besser gegen die Blauröcke kämpfen zu können, steht dir das frei. Allerdings nützt dir deine Schnelligkeit mit dem Schießeisen auch nichts, wenn dich eine ganze Abteilung in die Mangel nimmt..."

Ed Willard lag eine Erwiderung auf der Zunge.

Er kam jedoch nicht dazu, auch nur ein einziges Wort herauszubringen. Sein Bruder kam ihm zuvor. "Gehen wir, Ed. Es ist alles gesagt."

"Damned!", knurrte Ed und drehte sich herum.

Jeff Bridger sah den beiden nach. Er atmete tief ein. Die Morgenluft war klar und kalt. Hinter sich hörte er Schritte. Bridger wandte leicht den Kopf zur Seite. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er den einarmigen Leslie Crown.

Er trat neben Bridger.

"Vielleicht hat Ed Willard Recht und wir sollten von hier verschwinden!", meinte Crown.

"Auf wessen Seite bist du jetzt eigentlich, Les?"

"Darum geht es nicht."

"Ach - dann sag mir mal, worum es geht."

Die Blicke der beiden Männer trafen sich. Leslie Crown hob die Augenbrauen. "Der kleine Willard hat Recht, wir sollten uns vom Acker machen!"

Bridger schüttelte den Kopf. "Ich bin eher dafür, den Blauröcken eine Falle zu stellen und sie aufzureiben, Leslie. Sie sind uns unterlegen, wir kennen das Gelände..."

Leslie Crowns Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen. "Du redest wie ein verdammter Offizier, Jeff."

"Na, und?"

"Wo willst du die Falle denn aufbauen?"

"Hier, bei der Ranch natürlich. Der zweite Blaurock ist entkommen. Das ist ärgerlich, aber nicht mehr zu ändern. Wir müssen versuchen, diese Tatsache zu unserem Vorteil zu nutzen." Bridger deutete auf den Boden zu seinen Füßen. "Dieser Ort wird die Yankee-Ratten magisch anziehen. Wie das Licht die Motten. Und genau so werden sie sich daran verbrennen, Les!" Ein geradezu fanatischer Glanz stand jetzt in Bridgers Augen. Er ballte die Hände zu Fäusten. "Ich sehe es schon genau vor mir! Sie werden her kommen, glauben, die Ranch wäre schon verlassen... Aber unsere Leute lauern in den Häusern. Sie eröffnen das Feuer in dem Moment, in dem die Blauröcke sich ganz sicher sind, dass niemand von uns noch hier ist! Die Hälfte von ihnen ist innerhalb von Augenblicken niedergemacht. Der Rest versucht zu flüchten. Aber auch sie reiten in eine Falle, denn ein Teil unserer Leute hat die Ranch eingekreist und kommt nun aus den Verstecken."

"Du hast dir alles genau überlegt, was?", meinte Leslie Crown mit einem leicht spöttischen Unterton, der Jeff Bridger jedoch offenbar entging.

"Wir werden sie abknallen wie die Hasen. Quantrill würde stolz auf uns sein, Les! Verdammt stolz!"

Leslie Crown lachte heiser. "Du willst mir doch nicht im Ernst erzählen, dass du diesen idealistischen Quatsch jemals geglaubt hast, den Quantrill ab und zu von sich gab!"

Bridger verzog verächtlich das Gesicht.

"So redest du erst, seit du deinen Arm verloren hast, Les!"

"Und wenn schon!"

Leslie Crown wandte sich zum Gehen. Bridger fasste ihn bei der Schulter. "Nun sag schon, was hältst du wirklich von meinem Plan?"

"Ist genial. Aber wahrscheinlich wirst du Ed Willard erschießen müssen, um ihn durchführen zu können."

"Red keinen Quatsch."

"Jetzt hör mir mal zu, Jeff. Ich mach dir einen Vorschlag. Gib mir zehn Mann, dann übernehme ich die Sache mit der Treibmannschaft."

"Zehn Mann sind zu wenig!"

"Glaube ich nicht."

"Ich dachte, dass wir diese Kuhhirten mit der dreifachen Anzahl einschüchtern, Les! Die Blauröcke können kaum vor heute Abend hier sein. Wir wären auf jeden Fall pünktlich zurück!"

Leslie Crown schüttelte entschieden den Kopf. "Du wirst die Männer nur dann dazu bewegen können, hier die Stellung zu halten, wenn du auf der Ranch bleibst und die Falle für die Blauröcke koordinierst. Die Bastarde laufen dir sonst von der Fahne..."

Jeffrey Bridger atmete tief durch. Er kratzte sich am Kinn und machte ein nachdenkliches Gesicht. "Vielleicht ist was dran an dem, was du sagst!"

"Ganz bestimmt!"

Bridger sah Crown geradewegs in die Augen. Ein Blick, der durch Mark und Bein ging. Aber Crown hielt ihm stand.

"Ich vertraue dir, Les."

"Dann machen wir es so, wie ich gesagt habe?"

"Ja."

"Ich möchte mir gerne aussuchen, wer mit mir reitet."

"All right."

"Und pass auf die Willards auf. Ich sag's dir nicht zum ersten Mal."

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GLÜHEND HEIß BRANNTE die Sonne auf die Prärie hernieder. Seit ein paar Stunden waren die Männer von Captain Reillys Abteilung bereits unterwegs. Kaum einer von ihnen sagte ein Wort. Die Hitze machte den Ritt zur Qual. Schweiß perlte von den Gesichtern der Soldaten. Am Himmel türmten sich inzwischen dunkle Wolkengebirge auf.

"Es ist noch nicht einmal Mittag und schon verdammt drückend", wandte sich Tom White Feather an seinen Kommandanten.

Reilly konnte dem Halbblut nur Recht geben.

"Sieht nach Gewitter aus", meinte der Captain.

"In dieser Jahreszeit eigentlich nichts Ungewöhnliches", sagte Tom. "Wir werden uns auf einen wolkenbruchartigen Regen einstellen müssen. So mancher Creek wird dann zum reißenden Strom."

"Sehen wir zu, dass wir bis dahin so weit wie möglich kommen", mischte sich Lieutenant Ben McCall in das Gespräch ein. "Aber wahrscheinlich werden wir in keinem Fall schnell genug sein..."

John Reilly hob die Augenbrauen und wandte sich zu McCall herum. "Das klingt ganz danach, als würden Sie unserer Mission keine großen Erfolgsaussichten zubilligen, Lieutenant."

McCall zuckte die breiten Schultern. "Darf ich offen sprechen, Sir?"

"Ich bitte darum!"

"Die Banditen sind doch längst über alle Berge, wenn sie auch nur einen Funken Verstand haben. Möglicherweise hat sich die Bande für eine gewisse Zeit einfach aufgelöst und zerstreut. Was machen wir dann? Die andere Möglichkeit ist, dass sie ins Indianerterritorium geflüchtet sind. Sie dort aufzuspüren dürfte auch alles andere als vergnüglich werden!"

"Wir sind auch nicht auf einer Vergnügungsreise, Lieutenant!", erwiderte Captain Reilly.

Am Horizont tauchte ein Farmgebäude auf.

Etwa eine Stunde später erreichten Reillys Männer das Haus. Es war halb verfallen. Ein Teil des Daches hatte der letzte Sturm davon geweht. Offenbar lebte hier schon seit einigen Jahren niemand mehr.

Reilly wandte sich an Corporal Taggert.

"Lassen Sie die Männer kurz rasten", wies er ihn an. "Zwei Mann sollen sich den Brunnen da vorne mal ansehen. Wenn wir Glück haben, gibt es in ihm noch Wasser und wir können die Pferde tränken.

"Wenn es wirklich zu einem Wolkenbruch kommt, dann werden wir mehr Wasserlöcher haben, als uns lieb sein kann", knurrte Tom White Feather.

Corporal Taggert gab die Befehle an die Männer weiter.

Die Kavallerie-Abteilung stoppte. Die Männer stiegen aus den Sätteln.

Zwei Soldaten gingen zum Brunnen, wie Reilly befohlen hatte.

Reilly und Tom waren ebenfalls von den Pferden gestiegen. Sie sahen sich um.

Tom blickte auf den Boden.

"Es ist noch nicht lange her, da waren hier Reiter. Reiter, deren Pferde beschlagene Hufe hatten."

"Also keine Indianer", schloss Reilly.

Der Halb-Cherokee kniete nieder.

Seine Hand glitt tastend über die Abdrücke. Der Blick seiner dunklen Augen wirkte alarmiert.

"Was ist los?", fragte Captain Reilly.

"Einen Augenblick", murmelte Tom zwischen den Zähnen hindurch.

Er hatte die Hand am Revolver und ging auf das Farmhaus zu.

Die Tür stand halb offen. Tom White Feather stieß sie mit dem Stiefel auf, riss den Colt heraus und trat in das Halbdunkel, das innen herrschte. Reilly war ihm auf den Fersen. In der guten Stube des Farmhauses befand sich niemand. Licht fiel durch ein Loch im Dach. Reilly fielen frische Flecke auf den Fußbodenbohlen auf. Der Captain der US-Kavallerie kniete nieder, berührte die Stelle mit der Kuppe des rechten Zeigefingers.

"Frisches Blut", murmelte er.

Eine schattenhafte Bewegung an der Tür zur Abstellkammer ließ beide Männer herumfahren. Ein Mann stand im Türrahmen. Er hatte die Hände gehoben.

"Nicht schießen!", rief er.

Er war klein und hager, sein Leinenhemd blutdurchtränkt. Sein Gesicht wies zahlreiche Schürfwunden auf, ein Auge war beinahe zugeschwollen.

Der Mann war offensichtlich unbewaffnet. Tom steckte daher sein Eisen zurück ins Holster.

"Ich bin Captain Reilly von der Kavallerie der US-Army. Und wer sind Sie?"

Der Mann wankte in den Raum, ließ sich auf einem Stuhl nieder. "Ich heiße Moss Johnson", erklärte er. "Mir gehört diese Farm." Er atmete tief durch und schluckte. Seine Augen wirkten glasig. "Ich glaube kaum, dass meine Geschichte einen Yankee-Offizier interessiert!"

"Warum versuchen Sie es nicht einfach?", fragte Reilly. "Mich interessiert, wer das mit Ihnen gemacht hat..."

"Ach, wirklich? Ich dachte, Sie wären hier, um mir den Rest zu geben! Halb totgeschlagen haben mich diese Bastarde!"

"Erzählen Sie", forderte Reilly.

Moss Johnson hielt sich das Bein, verzog vor Schmerz das Gesicht. "Ich war drei Jahre in der Armee der Konföderierten Staaten von Amerika. Als ich vor ein paar Monaten aus der Gefangenschaft im Norden entlassen wurde, hörte ich vom Tod meines Bruders, der diese Farm aufgebaut hat. Ich bin der einzige Verwandte und damit sein Erbe. So kam ich hier her, um alles wieder aufzubauen. Letzte Nacht kamen ein paar Reiter hier her. Sie überfielen mich, prügelten mich halb tot."

"Was waren das für Leute?"

"Keine Ahnung. Sie suchten einen Yankee-Blaurock, hinter dem sie offenbar her waren!"

"Bridgers Leute!", stellte Tom White Feather mit geballter Faust fest.

"Ich sagte Ihnen, dass ich keine Ahnung hätte, wo ihr Mann zu finden ist. Sie wollten mir nicht glauben, ließen mich bewusstlos zurück und nahmen mir mein Pferd und mein Maultier mit dem Gepäck weg. Das Saatgut, mit dem ich die Farm wieder aufbauen wollte war auch dabei!"

"Wir haben ein paar überzählige Pferde bei uns", erklärte Reilly. "Wenn Sie wollen, stellen wir Ihnen eines davon zur Verfügung, damit Sie nach Liberal zum Doc reiten können."

Aber Moss Johnson schüttelte den Kopf.

"Ich werde hier bleiben. Schließlich habe ich schon Schlimmeres durchgestanden. Außerdem..."

"Was?", hakte Reilly nach.

"Von einem Yankee würde ich keine Hilfe annehmen. Mag sein, dass wir den Krieg verloren haben - aber unsere Ehre nicht!"

"Der Krieg ist vorbei", meinte Tom White Feather. "Auch wenn sich noch nicht alle an den Gedanken gewöhnt zu haben scheinen..."

Moss Johnsons Erwiderung klang ziemlich unversöhnlich.

"Wie auch immer. Ich hoffe, Sie bleiben nicht allzu lange hier auf meiner Farm."

"Wir jagen die Männer, die Sie so zugerichtet haben, Mr. Johnson", erklärte Captain Reilly sachlich. "Männer übrigens, die vorgeben für die Sache des Südens zu kämpfen, obwohl sie von Anfang an wohl nichts anderes als gewöhnliche Verbrecher waren."

Johnson spuckte aus.

Sein Gesicht blieb eine verächtliche Maske.

"Sie können mir viel erzählen, Yankee!"

Tom wandte sich an Reilly.

"Es hat keinen Sinn, Sir", erklärte er. Der Halb-Cherokee wandte sich zum Gehen und verließ das Farmhaus. Reilly nickte leicht. Der Scout hatte vermutlich Recht. Gegen so viel Bitterkeit gab es einfach kein Argument. Wieder einmal wurde Reilly bewusst, wie weit der Weg noch war, den sein Land zurückzulegen hatte, ehe eine Chance zur Versöhnung bestand. Noch rann Blut aus den klaffenden Wunden...

"Ich wünsche Ihnen trotz allem alles Gute, Mr. Johnson", erklärte der Captain schließlich, bevor auch er ins Freie zu seinen Leuten zurückkehrte.

*

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LESLIE CROWN ZÜGELTE sein Pferd. Zehn Mann aus Bridgers Bande ritten in seinem Gefolge. Ein zynisches Lächeln glitt über das Gesicht des Einarmigen.

Von einer Anhöhe aus sahen die Männer auf die gewaltige Rinderherde hinab, die sich recht träge durch die Mittagshitze quälte. Am Himmel hatten sich bereits gewaltige Wolkengebirge aufgetürmt. Es war drückend schwül geworden. Kein Wind blies. Es sah nach Gewitter aus und die Tiere waren entsprechend unruhig. Immer wieder gab es einzelne Longhorns, die aus dem Verband ausbrachen.

Nicht mehr als ein Dutzend Cowboys gehörten zur Treibmannschaft.

Der Chuck-Waggon befand sich am Schluss des langen Zuges.

"Holen wir uns das Passiergeld, Männer!", rief Crown.

Der Einarmige und seine Leute preschten den Hang hinunter.

Einige der Viehtreiber wurden jetzt auf die Gruppe aufmerksam. Sie sammelten sich. Ein grauhaariger Mann mit braungebranntem, wettergegerbtem Gesicht schien der Anführer zu sein. Drei seiner Leute kümmerten sich weiter um die Herde, die anderen hatten sich um ihren Boss geschart. Sie ritten Crown und seinen Leuten entgegen. Zwei etwa gleich starke Reitergruppen trafen am Rand der großen Herde aufeinander.

"Wem gehört diese Herde?", rief Crown.

Der Grauhaarige ließ seinen Gaul einen paar Schritte nach vorn gehen.

"Mir! Mein Name ist Rick Jessup, wir kommen aus Texas und wollen nach Abilene. Und wer sind Sie?"

"Tut nichts zur Sache", sagte Crown.

"Da bin ich anderer Meinung", erklärte Jessup. Seine Hand wanderte in die Nähe des Revolvers, der ihm am Gürtel hing. "Was wollen Sie von mir?"

"Wir sind hier, um eine Gebühr für eine sichere Passage zu kassieren", sagte Crown.

"Dann ist das Ihr Land, durch das wir ziehen?", fragte Jessup.

Crown grinste. "Kann man so sagen."

"Ich habe noch nie jemandem Wegzoll für das Passieren einer Rinderherde gezahlt!", meinte Jessup und schob sich den Hut in den Nacken.

"Dann werden wir eben die ersten sein, die bei Ihnen abkassieren!", mischte sich einer der anderen Männer aus Crowns Meute ein.

Unterhalb von Jessups linkem Auge zuckte nervös ein Muskel. In der Ferne war inzwischen erstes Donnergrollen zu hören. Blitze zuckten aus den düsteren Wolkengebirgen heraus.

Leslie Crown deutete gen Himmel. "Schlechtes Wetter kündigt sich an. Es wird schon schwer genug für Sie und Ihre Leute werden, die Herde beieinander zu halten.  Wenn es zu einer Stampede kommt, dann dauert es Tage, bis Sie die Tiere wieder eingefangen haben." Crown grinste hässlich. "Ich weiß ja nicht, wie geduldig Ihr Kunde in Abilene ist..."

Jessups Geduld schien am Ende zu sein. "Jetzt hören Sie mir mal zu! Ich habe nicht einmal an die Indianer Passiergeld bezahlt - dann werde ich es bei ein paar dahergelaufenen Halunken kaum anders halten!"

Er riss den Colt heraus.

Leslie Crown hatte das voraus gesehen. Um den Bruchteil einer Sekunde feuerte der Einarmige eher als sein Kontrahent. Jessup kippte getroffen aus dem Sattel. Crown hatte sein Pferd so dressiert, dass er es notfalls durch Druck der Schenkel zu lenken vermochte, wenn er eine Waffe in der Hand hielt und nicht in der Lage war, die Zügel zu halten.

Jessup lebte noch. Er rappelte sich am Boden auf, zielte erneut.

Leslie Crowns Schuss hatte ihn an der Seite schwer verletzt. Die Kleidung war blutrot durchtränkt.

Für alle anderen war der Schusswechsel zwischen Crown und Jessup nur das Signal zum Losschlagen gewesen. Auf beiden Seiten wurden die Colts herausgerissen. Kugeln zischten durch die Luft, Pferde stellten sich wiehernd auf die Hinterbeine.

Todesschreie gellten.

Jessups zweiter Schuss war vollkommen ungezielt. Sein Körper zuckte unter einer Reihe weiterer Treffer, die ihm endgültig den Garaus machten.

Drei weitere Männer der Treibmannschaft wurden von Kugeln aus dem Sattel gerissen. Leslie Crowns Leute eröffneten einen wahren Geschosshagel auf ihre Gegner, bei denen es sich um einfache Cowboys handelte. Keiner von ihnen war ein Revolvermann. Einige starben, noch ehe sie ihre Waffen aus den Holstern reißen konnten. Es war ein Gemetzel. Diejenigen, die zu fliehen versuchten, bekamen eine Kugel in den Rücken.

Die Herde geriet durch die Schießerei in Unruhe. Einige Leittiere stampften in wildem, panischem Lauf davon. Das war der Beginn einer Stampede. Nichts fürchtete eine Treibmannschaft mehr, als wenn die Longhorns wie von Sinnen davonpreschten.

Die wenigen Cowboys, die bei der Herde waren, konnten nichts ausrichten.

Einer von ihnen schaffte es nicht schnell genug, aus dem Gedränge der Herde herauszukommen. Longhorns bohrten ihre spitzen, weit ausladenden Hörner in die Flanken seines Pferdes, das markerschütternd wieherte. Ein grauenhafter Laut, der sogar durch das immer mehr anschwellende Donnern der Hufen hindurchdrang. Wie auch der Todesschrei des Cowboys, als der Gaul zu Boden ging und es gemeinsam mit seinem Reiter durch Hunderte von Hufen buchstäblich in den weichen Prärieboden hineingepflügt wurde.

Jessup und die Männer, die sich in seiner Nähe befunden hatten, waren tot.

Und das Pferd des Ranchers jagte herrenlos davon.

Leslie Crown riss sein Pferd herum, wandte sich an einen der Männer.

"Hey, Perry! Nimm dein Gewehr und knall Jessups Gaul ab!"

"Aber.."

"Frag nicht! Tu, was ich sage, verdammt noch mal!"

Der Mann, der Perry genannt worden war, griff zum Scubbard, zog das Gewehr heraus und legte an. Ein zielsicherer Schuss und Jessups Pferd geriet ins Straucheln. Ein zweiter Treffer gab dem Tier den Rest.

Vom Chuck-Waggon aus wurde inzwischen auf Crowns Leute geschossen. Einer der Banditen wurde aus dem Sattel geholt, bevor ein wahrer Geschosshagel den beiden Männern auf dem Wagen antwortete. Nicht lange und sie sanken getroffen vom Bock, während das Gespann durchging.

Leslie Crown hatte nur ein einziges Ziel. Er gab seinem Pferd die Sporen, steckte den Colt ein und ritt zu dem abgeschossenen Pferd es Ranchers.

Mit einer Behändigkeit, die bei einem Einarmigen überraschte, sprang er aus dem Sattel. Er durchsuchte Jessups Satteltaschen und fand schließlich, wonach er suchte.

Bargeld.

Perry folgte dem Einarmigen.

Er zügelte sein Pferd.

Mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck hob Leslie Crown die Satteltaschen empor und hängte sie seinem eigenen Gaul vorne über den Rücken. Anschließend stieg er wieder auf.

"Ich habe es gewusst!", rief er mit einem wölfischen Gesichtsausdruck. Er bleckte dabei die Zähne wie ein Raubtier. "Der Treckführer musste Bargeld bei sich haben! Cowboys kann man notfalls bezahlen, wenn die Herde verkauft ist! Aber nicht die Revolverleute, die Jessup entgegenreiten sollten!"

"Wie viel ist es?", fragte Perry.

"Etwa tausend Dollar."

"Nicht schlecht."

"Sag ich doch!", grinste Crown. "Und jetzt nichts wie weg!"

Perry nickte.

"Jessup, dieser verdammte Narr! Er hätte uns das Geld freiwillig geben sollen! Bei einem Preis von mindestens drei Dollar pro Longhorn hätte er in Abilene schätzungsweise zehntausend Dollar für die Herde gekriegt! Da wäre immer noch genug für ihn übrig geblieben!"

"Lass dir das eine Lehre sein, Perry!"

"In wie fern?"

"Man soll nie zu gierig werden!" Crown riss sein Pferd herum, gab ihm die Sporen. "Folgt mir!", rief er.

Er preschte mit seinem Gaul den Hang einer Anhöhe hinauf, nach und nach fand sich dort auch der Rest der Männer ein.

"Worauf warten wir noch? Reiten wir zurück zur Ranch!", meinte jemand, während Leslie Crowns nachdenklicher Blick noch an der sich entfernenden und immer mehr auseinanderstrebenden Herde hing. Regen setzte ein. Blitze zuckten aus dem dunkelgrau gewordenen Himmel. In Kürze würde aus der staubtrockenen Prärie eine einzige große Schlammpfütze werden.

"Eigentlich schade um die Longhorn", fand Perry.

"Willst du sie vielleicht einfangen und nach Abilene bringen?", gab Leslie Crown mit einem zynischen Lächeln zurück. Gelächter brach unter den Männern aus. "Mal abgesehen davon, dass du damit selbst mit einer gut eingespielten Treibmannschaft tagelang beschäftigt wärst - in Abilene würde man dich vielleicht fragen, was das für ein Brandzeichen ist, das man auf dem Fell der Tiere sehen kann!"

"Man wird ja wohl mal träumen dürfen!", erwiderte Perry etwas beleidigt.

Crown nickte.

"Sicher darf man das. Nur nicht zu lange." Er blickte in die Runde, fixierte nacheinander die Gesichter der Männer. "Ich bin Jeffrey Bridger immer gefolgt und habe bei allem, was er befahl, zu ihm gestanden", begann er. Die Männer sahen ihn schweigend an, hingen förmlich an seinen Lippen. "Jeder von euch weiß, dass ich die Wahrheit spreche. Ich habe immer loyal zu Bridger gestanden. Aber jetzt ist Schluss."

"Was soll das heißen?", fragte einer der Männer. Ein dunkelhaariger Lockenkopf mit unrasierten Wangen und tief ins Gesicht gezogenem Texas-Hut.

"Ich werde nicht zurück zur Ranch reiten", erklärte Crown. "Und wer von euch einen Funken Verstand hast, der folgt mir ins Oklahoma-Territorium. Dort werden wir eine Weile Ruhe haben. Die tausend Dollar von dem Kuhtreiber sind ein gutes Startkapital, würde ich sagen!"

"Und was ist mit Bridger und den anderen?", hakte der Lockenkopf nach. Sein Tonfall klang deutlich gereizt.

Crown fixierte ihn mit seinem Blick.

"Bridgers Plan ist es, die Blauröcke bei der Ranch zu stellen. Er ist ganz besessen von dem Gedanken, die verdammten Yankees in eine Falle zu locken und bis auf den letzten Mann niederzumachen."

"Verdient hätten sie es!", warf der Lockenkopf ein.

"Es geht um unsere Zukunft, Männer. Es macht keinen Sinn, die Schlacht von Gettysburg im kleinen Rahmen revidieren zu wollen, wie Bridger das offenbar vorschwebt. Dieser Schwadron Blauröcke werden weitere folgen. Ich habe einen Arm für die Sache des Südens geopfert. Das ist genug. Ich töte nur noch auf eigene Rechnung. Und wer von euch nicht lebensmüde ist, handelt genau so."

"Das ist nicht dein Ernst, Leslie!", knurrte der Lockenkopf.

"Du kannst ja zurückreiten, wenn du so darauf erpicht bist, Yankees zu töten!", erwiderte Crown.

"Und was ist mit der Beute?"

"Davon kriegst du nur etwas ab, wenn du mit mir reitest!"

"Bridger wird dich dafür töten, Leslie!"

"Dazu wird er keine Gelegenheit bekommen!"

Der Lockenkopf lenkte sein Pferd zur Seite, sodass Leslie Crown die Revolverhand seines Gegenübers nicht sehen konnte. Crown ahnte im Voraus, was der Lockenkopf beabsichtigte. Der Einarmige zog den Revolver. Noch bevor der Lockenkopf seine Waffe richtig aus dem Holster gerissen hatte, traf ihn bereits Crowns Kugel.

Das Schussgeräusch vermischte sich mit dem Donnergrollen. Der Regen wurde heftiger.

Der Einarmige sah gelassen zu, wie sein Gegner aus dem Sattel rutschte und mit einem dumpfen Geräusch in das feucht gewordene Präriegras fiel.

"Ist noch jemand anderer Meinung von euch?", rief Crown.

Keiner der Männer sagte ein Wort.

Crown musterte sie kurz einen nach dem anderen.

Wir hätten uns längst in kleinere Gruppen aufteilen und untertauchen sollen!, ging es dem Einarmigen durch den Kopf. Aber dafür hätte Jeffrey Bridger niemals ein offenes Ohr gehabt. Dazu gefiel es ihm einfach zu gut, Boss einer großen Bande zu sein.

Aber diese Zeit ist wohl vorbei, ging es Crown durch den Kopf.

"Reiten wir!", rief Perry. "Auf nach Oklahoma - oder wollt ihr hier wie angewurzelt stehen bleiben und euch nass regnen lassen?"

*

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AUF BREITER FRONT ZOGEN die Gewitterwolken heran. In der Ferne hatten Captain Reilly und seine Leute immer wieder das dumpfe Grollen des Donners gehört. Blitze zuckten hinter dem Horizont und wirkten wie Leuchtfeuer.

"Wir reiten direkt in dieses Unwetter hinein", stellte Tom White Feather fest.

"Soweit ich weiß, ist keiner der Männer aus Zucker!", erwiderte Reilly. "Wir werden schon nicht gleich zerfließen, wenn sich hier die Himmelsschleusen öffnen..."

Das Donnergrollen kam näher und wurde lauter.

Blitze zuckten in immer rascherer Folge.

Der Regen setzte ein und Wind kam auf.

Es dauerte nicht lange und die Kavalleristen waren vollkommen durchnässt. Schweigend ritt die Kolonne weiter. So schnell wie möglich wollte Reilly die Ranch erreichen, auf der sich nach den Angaben von Private Hughes die Bridger-Bande verschanzt hatte.

Reilly glaubte nicht daran, noch einen von Bridgers Leuten dort anzutreffen. Aber er hatte nicht umsonst einen der besten Fährtenleser und Scouts für diese Mission angefordert. Unter normalen Umständen wäre die Spur der Bande nicht zu übersehen gewesen. Aber der sintflutartige Regen, der abwechselnd heftiger und wieder schwächer wurde, spülte wahrscheinlich das meiste davon einfach weg.

Auch das war ein Grund für Reilly, seine Soldaten immer wieder zur Eile anzutreiben.

Reilly wandte sich an Corporal Taggert.

"Corporal!"

"Ja, Sir?"

"Beordern Sie Private Hughes her!"

"Aye, Sir!"

Corporal Taggert scherte aus der Formation aus und ließ sich etwas zurückfallen.

Wenig später kehrte er gemeinsam mit Jim Hughes an die Spitze des Zuges zurück.

"Ich möchte, dass Sie und Tom White Feather uns anführen", erklärte Reilly. Er lächelte verhalten. "Schließlich kennen Sie das Gelände von uns am besten."

"Es war dunkel, als ich nach Liberal geritten bin!"

"Und es war eine Meisterleistung, die Stadt überhaupt zu finden! Da wäre so mancher im großen Bogen vorbeigeritten!"

"Danke, Sir!"

"Sobald Ihnen das Gelände irgendwie bekannt vorkommt, sagen Sie mir bitte sofort bescheid."

"In Ordnung, Sir."

*

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ETWA EINE STUNDE TOBTE das Gewitter. Dann schien die Kraft des Unwetters langsam zu erlahmen. Blitze wurden immer seltener am Himmel sichtbar. In der Ferne hörte man jedoch noch immer Donnergrollen. Der Regen ließ etwas nach und verebbte schließlich ganz.

Die Pferdehufe sanken mitunter zentimetertief in den aufgeweichten Boden ein.

Die Kavallerie-Abteilung wurde deutlich langsamer.

Schließlich erreichten Reilly und seine Männer ein Gebiet, das Jim Hughes wiederzuerkennen glaubte.

"Sind Sie sicher?", vergewisserte sich Reilly.

"Ziemlich, Sir", bestätigte Hughes. "Darf ich einen Vorschlag machen, Captain?"

"Nur zu!"

"Ich würde es für das Beste halten, wenn zunächst eine kleine Vorhut die Lage auf der Ranch erkundet, während der Rest der Truppe in einiger Entfernung lagert."

"Ich gehe davon aus, dass wir keinen der Bridger-Leute mehr antreffen, Hughes. Die Banditen wissen schließlich, dass Sie entkommen sind."

"Und wenn sie uns eine Falle stellen? In meinen Augen liegt der Gedanke nahe. Schließlich sind sie uns zahlenmäßig überlegen. Wahrscheinlich auch von der Bewaffnung her. Soweit ich bisher mitbekommen habe, sind die meisten Bridger-Leute mit Winchester-Gewehren ausgerüstet, während wir nur über Sharps-Karabiner verfügen."

Reilly machte ein nachdenkliches Gesicht. Schließlich wandte er sich an Ben McCall.

"Was ist Ihre Meinung, McCall?"

"Darüber, dass Sie Ihre Pläne neuerdings mit Mannschaftsdienstgraden diskutieren, Captain?" Eine Pause des Schweigens folgte. Schließlich fügte McCall hinzu: "Wie auch immer, Hughes Vorschlag ist gut."

Die Abteilung setzte ihren Weg fort.

Als in der Nähe einer Anhöhe am Horizont Geier kreisten, zügelte Hughes sein Pferd.

"Was ist los?", erkundigte sich Reilly.

Hughes streckte den Arm aus und deutete in Richtung der Geier. "Wir sind ganz in der Nähe der Ranch. Dort, wo die Geier kreisen, starb O'Mara."

"Sieht ganz danach aus, als hätten sie die Leiche einfach liegen gelassen", mischte sich Tom White Feather ein.

Hughes nickte. Sein Gesicht wirkte düster. Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten. "Nicht einmal vor den Toten haben diese Verbrecher Respekt", zischte er grimmig zwischen den Zähnen hindurch. Er wandte sich an seinen Kommandanten. "Captain, ich möchte unbedingt zu der Vorhut gehören, die sich bei der Ranch umsieht."

"In Ordnung, Hughes", gewährte Captain Reilly dem Kavalleristen diesen Wunsch. "Außerdem werden noch Tom und ich dabei sein."

McCall meldete sich zu Wort. "Das ist nicht Ihr Ernst, Captain!"

"Warum nicht? Mehr Männer mitzunehmen wäre zu auffällig. Hughes kennt sich am Besten aus, Tom White Feather kann durch seine Fähigkeit, Spuren zu lesen uns vielleicht etwas darüber sagen, was sich ereignet hat und..."

"...und Sie, Captain?!"

"Ich muss mir ein eigenes Bild der Lage machen. Sie übernehmen das Kommando. Wo ist die Trompete?"

"Die hat Corporal Taggert in seinem Gepäck, seit der Trompeter gefallen ist", berichtete McCall, dem anzusehen war, dass er sich so die Umsetzung von Hughes' Plan nicht vorgestellt hatte.

"Gibt es noch jemanden in der Truppe, der das Ding blasen kann?"

"Ich fürchte nicht, Sir."

"Dann werden wir ein Signal durch Revolverschüsse geben", sagte Reilly. "Für den Fall, dass wir Ihre Hilfe brauchen, Lieutenant!"

*

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REILLY, HUGHES UND Tom White Feather ritten auf die Anhöhe am Horizont zu, während der Rest der Truppe aus den Sätteln stieg.

Die drei Reiter ritten in gemäßigtem Galopp. Allzu viel konnten sie ihren Pferden nach dem, was die Tiere hinter sich hatten, nicht mehr zumuten.

Hughes allerdings war kaum zu bremsen.

Er brannte darauf, an jenen Ort zurückzukehren, an dem Sam O'Mara gestorben war. Und vor allem dürstete es ihn danach, die Mörder seines Kameraden vor die Mündung des Navy-Colts zu bekommen.

Sie erreichten schließlich die Stelle, an der Sam O'Mara von einem der Bridger-Leute kaltblütig erschossen worden war.

Die Geier kreischten.

"Offenbar überlassen diese Hunde sogar ihre eigenen Leute einfach den Aasfressern!", stieß Reilly mit einer Mischung aus Bestürzung und Grimm hervor.

Zwei Tote lagen im nassen, hohen Gras.

O'Mara und der Bärtige.

Hughes stieg aus dem Sattel. Er machte sein Pferd an einem Strauch fest und kniete neben O'Maras Leichnam nieder. Reilly und Tom stiegen ebenfalls aus den Sätteln. Der Captain trat an Hughes heran, dessen Gesicht vollkommen starr geworden war. Für einen Augenblick glaubte Reilly, in den Augen des degradierten Hughes etwas glitzern zu sehen. Tränen des Zorns.

"Wir werden uns später um O'Maras Leiche kümmern", versprach Reilly mit tonloser Stimme.

Hughes nickte knapp.

Er deutete den Hang hinauf. "Folgen Sie mir. Und nehmen Sie den Feldstecher mit, Sir!"

Hughes erhob sich und ging voran.

Tom White Feather hatte sich in der Zwischenzeit am Ort des Geschehens etwas umgesehen, bevor er zusammen mit Reilly Hughes folgte.

"Der Regen hat vieles von den Spuren getilgt", raunte er John Reilly zu. "Erwarten Sie also keine Wunder von mir!"

"Genau deswegen habe ich Sie dabei haben wollen, White Feather. Aber vielleicht ist ja hier und jetzt bereits der Augenblick der Entscheidung gekommen..."

Wenig später befanden sich alle drei genau an der Stelle, von der aus Hughes und O'Mara schon einmal die Ranch der Bridger-Banditen beobachtet hatten.

Man hatte einen guten Überblick über das gesamte Tal, ein Landstrich so saftig und grün, dass man ihn für ein verkleinertes Abbild des Paradieses halten konnte.

Der Creek, der das Tal durchschlängelte, war durch den Regen zu einem beachtlichen Fluss von vier- bis fünffacher Breite angeschwollen, dessen Fließgeschwindigkeit enorm zugenommen hatte. Ein leichtes Rauschen war bis zu den Anhöhen hörbar.

"Wer immer diese Ranch errichtet haben mag - er wusste ganz genau, warum er sich ausgerechnet hier und nirgendwo sonst ansiedelte!", stellte Tom White Feather fest.

Auch Reilly war beeindruckt.

Auf der Ranch selbst herrschte Stille.

Die Fensterläden waren geschlossen. Kein Laut drang von den Gebäuden zu den Beobachtern hinüber. Auch kein Tierlaut. Die Pferdeställe waren genauso geschlossen wie die Eingangstüren der Häuser. Nirgends war ein lebendes Wesen zu sehen. Weder Mensch noch Tier.

"Ich habe es befürchtet", murmelte Reilly. "Die Halunken sind über alle Berge." Reilly zog seinen Revolver aus dem Army-Holster, richtete ihn in die Luft, um das Signal für seine Leute zu geben.

Tom drehte sich zu ihm um.

"Nein, noch nicht, Captain!"

"Wieso nicht?"

"Wir sollten uns die Ranch erst in Ruhe ansehen. Ich kann nicht sagen warum, aber irgendetwas stimmt hier nicht..."

Reilly zuckte die Achseln. "Wie Sie wollen."

Nach einem letzten Blick durch den Feldstecher kehrten sie zu den Pferden zurück, schwangen sich in die Sättel und ritten auf die Ranch zu.

"Na, was sagt Ihr sechster Sinn, Mr. White Feather?", hakte Reilly nach, als sie das Anwesen erreicht hatten. Sie zügelten ihre Pferde.

Tom ging auf die Bemerkung seines Kommandanten nicht weiter ein. Er wirkte angestrengt und blickte sich aufmerksam um. Sein Gesicht bekam dabei etwas Falkenhaftes.

"Sieht wirklich sehr verlassen aus", murmelte das Halbblut vor sich hin. Mehr zu sich selbst als zu den anderen.

Er stieg vom Pferd, führte es zu einer Tränke.

Dabei ließ er den Blick über den Boden streifen. Als das Pferd getrunken hatte, schwang er sich wieder in den Sattel, ließ das Tier bis zu einem der leeren Pferde-Corralls traben. Die ganze Zeit über beugte er sich nach unten, stierte wie gebannt auf den Boden.

"Alles verrammelt", stellte Hughes inzwischen fest. "Sieht für mich fast so aus, als hätte die Bande die Absicht, hier her zurückzukehren."

"Vielleicht sollten wir uns mal im Inneren der Gebäude umsehen", schlug Reilly vor. "Kann ja sein, dass wir irgendwelche Hinweise darauf finden, wohin die Bande verschwunden ist."

Reilly griff zum Revolver, richtete den Lauf der Waffe in die Luft und drückte zweimal ab, um die Truppe herbeizurufen.

Hughes stieg vom Pferd.

Er ging auf die Veranda des Ranchhauses zu, nahm die erste der drei Stufen, die dorthin hinaufführten.

Auf den Bodenbrettern waren Stiefelabdrücke zu sehen, die zur Tür führten.

Schlamm-Abdrücke.

Offenbar waren die Banditen doch nicht gleich geflüchtet, sondern noch nach Einsetzen des Gewitters ins Haus gegangen...

Er zog den Revolver, wollte die Tür öffnen, als ihn ein Geräusch ablenkte. Das Stampfen von Hufen. Er wandte sich herum und sah Lieutenant McCall und den Rest der Abteilung den Hang hinabreiten.

Tom umrundete inzwischen die Ranch in leichtem Galopp und gelangte schließlich wieder an den Ausgangspunkt zurück.

"Hughes! Reilly! Kommen Sie, ich möchte Ihnen etwas zeigen!", rief das Halbblut.

Tom wirkte ziemlich angespannt. Es war eigenartig, dass er Captain Reilly ansprach, ohne ihn bei seinem militärischen Rang zu nennen.

Hughes war unschlüssig.

"Los, Hughes! Sie haben gehört, was Tom gesagt hat!", hörte er Reillys Stimme. Der Kommandant der Kavallerie-Abteilung hatte sofort begriffen, dass es für Tom White Feathers eigenartiges Verhalten einen handfesten Grund geben musste.

Hughes sah den Captain verwundert an, gehorchte aber.

Er kehrte zu seinem Pferd zurück, das er am Hitchrack vor dem Ranchhaus festgebunden hatte und schwang sich auf dessen Rücken.

Reilly und Hughes ritten zu Tom.

"Bleiben Sie ruhig, wenn Sie keine Kugel in den Kopf wollen", raunte der Halb-Cherokee. "Es wurden Pferde ohne Reiter von hier fortgebracht."

"Dann stecken Bridgers Leute in den Häusern?"

"Nur ein Teil, wenn ich richtig gerechnet habe. Sie warten darauf, dass der Rest unserer Truppe hier her kommt..."

"...um sie abzuknallen wie die Hasen", vollendete Reilly.

McCall und der Rest der Blauröcke preschten heran.

Kaum hundert Yards lagen noch zwischen den Soldaten und der Ranch.

"Auf mein Zeichen reiten wir los!", murmelte Reilly. Er griff nach dem Revolver. Hughes ebenfalls. "Jetzt!", schrie der Kommandant.

Hughes, Tom und Reilly gaben ihren Pferden die Sporen.

"Zurück, Männer!", rief Reilly den Kavalleristen entgegen.

Türen und Fensterläden wurden aufgestoßen. Ein wahrer Geschosshagel krachte los. Überall blitzten Mündungsfeuer auf.

Tom spürte, dass sein Pferd getroffen worden war. Das Tier wieherte, strauchelte und der Halb-Cherokee sprang in letzter Sekunde ab.

Er rollte sich am Boden herum, riss den Colt heraus und feuerte in Richtung des Ranchhauses. An der geöffneten Tür sank einer der Bridger-Leute schreiend zu Boden. Einen anderen erwischte er nahe des Fensters.

Das Halbblut sprang auf, rannte in geduckter Haltung und schießend los. Nach ein paar Yards hechtete er sich hinter eine der Pferdetränken. Ein Bleihagel regnete in seine Richtung. Tom White Feather presste sich an den Boden. Aus Dutzenden von Löchern schoss das Wasser aus der Tränke.

Hughes und Reilly waren schon ein Stück weiter geritten.

Reilly sah sofort, dass er Tom im Augenblick am besten half, wenn er den Angriff ordnete.

McCall hatte inzwischen den Befehl zum Absitzen gegeben. Die Soldaten nahmen die Gewehre aus den Scubbards. Das Gelände bot kaum Deckung. Sie knieten nieder, duckten sich ins hohe Gras und erwiderten das Feuer.

Die Pferde wurden an einem der äußeren Corralls der Ranch festgemacht.

"Wir holen diese Hunde aus ihren Löchern!", versprach McCall an Reilly gewandt.

"Tun Sie das! Aber Sie müssen mit der Hälfte der Männer auskommen!", erwiderte Reilly.

"Was?"

"Der Rest der Bande lauert irgendwo in der Nähe und wartet nur darauf, uns von hinten über den Haufen zu schießen..."

"Woher wissen Sie das?"

Doch Reilly nahm sich nicht die Zeit, seinem Lieutenant diese Frage zu beantworten. Er wandte sich an Corporal Taggert. "Lassen Sie die halbe Abteilung aufsitzen! Sofort!"

"Ja, Sir!", stotterte Taggert verwirrt.

Augenblicke später preschte Reilly an der Spitze seiner halben Abteilung davon. Schnell entfernte sich die Reitergruppe im scharfen Galopp von der Ranch.

Plötzlich zügelte Reilly sein Pferd. Die anderen folgten seinem Beispiel.

Hinter der nächsten Hügelkuppe tauchten Reiter auf und eröffneten das Feuer, noch bevor sie sich in Schussweite befanden.

"Gentlemen - dort ist unser Feind!", verkündete Reilly und zog dabei den Colt aus der Revolvertasche. Tom White Feather hatte mit seiner Vermutung recht gehabt. Der größere Teil der Bridger-Bande hatte sich irgendwo in der Nähe verborgen gehalten und geduldig darauf gewartet, dass die Kavalleristen in die Falle liefen.

Die Blauröcke feuerten zurück.

Auf beiden Seiten gab es die ersten Toten.

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Kapitel 4

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Tom White Feather tauchte aus seiner spärlichen Deckung hervor und feuerte seinen Revolver ab.

Einer der Bridger-Leute stand am Eingang zur Cowboy-Baracke.

Tom erwischte ihn mit einem Bauchschuss. Der Kerl klappte zusammen wie ein Taschenmesser.

McCall und seine Soldaten hatten sich inzwischen an die Ranch herangearbeitet und deckten die Bridger-Leute mit einem Kugelhagel ein, der ihrer eigenen Feuerkraft mehr als ebenbürtig war.

Tom zuckte zurück in Deckung. Ein Schuss pfiff über ihn hinweg. Dann rappelte sich das Halbblut auf und spurtete los in Richtung des Pferdestalls.

Vom Fenster der Cowboybaracke aus feuerte jemand. Dicht zischte die Kugel an Tom vorbei. Im Laufen schoss er zurück. Der Schütze am Fenster stöhnte auf.

Tom nahm Deckung hinter der Ecke des Pferdestalls.

Von innen vernahm er Schritte.

Instinktiv machte er einen Schritt zur Seite.

Der Mann im Stall feuerte einfach durch die dünne Holzwand hindurch. Die Spalten zwischen den einzelnen Brettern waren so groß, dass der Bridger-Mann Tom offenbar als Schatten hatte ausmachen können.

Zwei daumengroße Löcher stanzte der Unsichtbare in die Bretterwand. Die Kugeln zischen dicht an Toms Hüfte vorbei. Der Halb-Cherokee feuerte zurück. Drei Schüsse kurz hintereinander ließ er aus dem Revolver krachen. Breit gestreut, um die Wahrscheinlichkeit eines Treffers zu erhöhen. Tom schnellte zur Stalltür, trat sie zur Seite und ging mit dem Revolver in der Faust hinein. Eine Kugel hatte er noch in der Trommel seines Navy-Colts.

Der Mann, der von innen auf ihn geschossen hatte lag im Stroh, presste eine Hand gegen den Leib. Das Blut rann ihm zwischen den Fingern hindurch. Die Rechte krampfte er um den Revolver. Er versuchte, die Waffe noch einmal hochzureißen und ließ Tom White Feather keine andere Wahl, als zu schießen.

Beide Männer feuerten annähernd gleichzeitig.

Aber Toms Kugel traf.

Das Halbblut ließ die Waffe zurück ins Holster gleiten.

"So sieht man sich wieder, Nigger-Halbblut", hörte er hinter sich eine schneidende Stimme.

Tom wirbelte herum und blickte in die kalten Augen von Nat Gready. Er war aus der Dunkelheit herausgetreten und hielt einen Revolver in der Hand.

Tom schluckte. Jeder Muskel und jede Sehne seines Körpers waren gespannt wie eine Bogensehne. In seinem Colt war kein Schuss mehr.

"Na, was sagst du jetzt?", höhnte Gready. "Du bist doch so unglaublich schnell. Willst du nicht gegen mich ziehen?" Er kicherte zynisch.

"Während du bereits den Colt mit gespanntem Hahn in der Hand hältst?", erwiderte Tom. Er musste Zeit gewinnen.

"Du bist zwar ein verdammter Nigger, aber vielleicht doch nicht ganz so dumm!", meinte Gready gönnerhaft.

"Worauf wartest du? Warum hast du mich nicht gerade schon erschossen, als es um deinen Komplizen ging?"

"Dessen Zeit war ohnehin um. Du hast ihm eine Ladung in den Leib verpasst, die man nicht einmal mit einem guten Arzt überlebt. Aber du..." Er grinste. "...du bist für mich vielleicht so etwas wie eine Lebensversicherung!" Er schwenkte den Revolverlauf. "Da draußen läuft es nicht gut für unsere Leute. Kann also sein, dass ich darauf angewiesen bin, dich als Schutzschild zu nehmen... Die Schulter tut übrigens immer noch weh, Nigger!"

"Was du nicht sagst", brummte Tom.

"Den Revolvergürtel ab!"

Tom tat zunächst so, als würde er sich an der Gürtelschnalle zu schaffen machen. Draußen wurde der Kampflärm lauter. Schüsse krachten, Schreie gellten. Einen kurzen Moment lang war Nat Gready abgelenkt. Tom White Feathers Hand glitt seitwärts. Nicht zum Colt, sondern dahinter, wo er ein langes Bowie-Messer im Futteral stecken hatte. Er riss das Messer heraus, schleuderte es mit einer schnellen Bewegung in Richtung seines Gegners und warf sich mit einem katzenhaften Sprung zur Seite.

Nat Gready drückte ab.

Der Schuss fraß sich in einen Stützbalken hinein, ließ ein fingerdickes Holzstück heraussplittern.

Mit einem röchelnden Laut sank Gready auf die Knie.

Toms Bowie-Messer steckte ihm in der Kehle.

Mit starrem Gesicht sackte er zu Boden.

An der Tür sah Tom einen Schatten auftauchen. Es war Corporal Taggert. Er hielt seinen Karabiner im Anschlag und senkte den Lauf, als er Tom White Feather erkannte.

"Alles in Ordnung?", fragte der Corporal.

Tom nickte und begann, seinen Revolver nachzuladen.

*

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REILLY FEUERTE SEINEN Colt ab und holte damit einen der Bridger-Leute aus dem Sattel. Getroffen schrie der Kerl auf und rutschte aus dem Sattel. Sein Pferd stob davon.

Der Kampf zwischen beiden Reitertruppen war kurz, aber sehr heftig gewesen. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verwundete. Die Blauröcke hatten den Kampf für sich entschieden. Anscheinend galt das auch für das Gefecht um die Ranch-Häuser, wo kaum noch geschossen wurde.

Wer von den Bridger-Leuten noch auf einem Sattel sitzen oder auf zwei Beinen laufen konnte, versuchte zu flüchten.

Hughes deutete hinauf zu einer nahen Anhöhe.

Ein paar Reiter beobachteten von dort das Geschehen.

"Das müssen Bridger und sein Gefolge sein!", rief Hughes. "Die sehen doch, wie es hier für sie läuft! Wahrscheinlich werden sie die Flucht ergreifen!"

Reilly nickte. "Die wissen genau, dass die an den Galgen kommen, wenn sie gefasst werden", murmelte er.

Die Männer auf der Anhöhe lenkten jetzt ihre Pferde herum und preschten davon. Insgesamt fünf Reiter waren es. Reilly setzte seinen Feldstecher an die Augen.

"Der ganz links ist Bridger!", stellte Hughes fest. "Er sieht genau so aus wie auf dem Steckbrief... Wundert mich nur, dass dieser Einarmige nicht dabei ist."

"Der berüchtigte Leslie Crown, der seinen Arm verlor, als er angebliche Unionsanhänger in die Luft zu sprengen versuchte!", schloss Reilly. "Vielleicht war er in einem der Häuser."

Da der Kampf um die Ranch offenbar entschieden war, kamen einige der Soldaten, die dort eingesetzt gewesen waren, jetzt herbeigeritten, um ihre Kameraden zu unterstützen.

Aber auch hier war das Gefecht entschieden.

"Folgt mir!", rief Reilly. "Wir dürfen Bridger nicht entkommen lassen! Der baut sonst im Nu eine neue Bande auf!"

Reilly ließ sein Pferd voranpreschen.

Hughes gab seinem Gaul ebenfalls die Sporen. Die anderen Kavalleristen folgten. Dumpf dröhnten die Hufe ihrer Pferde auf dem aufgeweichten Prärieboden.

Unbarmherzig trieben Reilly und seine Leute ihre Reittiere vorwärts. Der Abstand zu Bridgers Leuten vergrößerte sich zusehends. Die Banditen hatten einfach die frischeren Pferde. Bald waren sie hinter dem Horizont verschwunden.

Aber Reilly dachte nicht daran aufzugeben.

Hughes war froh darüber, denn in ihm brannte noch immer das Feuer der Rache. Er suchte Vergeltung für Sam O'Maras Tod. Seinen Mörder hatte er allerdings bislang nicht auf dem Schlachtfeld gesehen.

Die Stunden krochen dahin und die Dämmerung setzte ein. Die Spur der Flüchtigen war deutlich zu sehen. Selbst für jemanden, der kein Indianer-Scout und Spezialist im Spurenlesen war.

"Die wollen ins Indianergebiet", war Hughes überzeugt.

Reilly nickte düster.

"Wenn sie dort erst einmal untergetaucht sind, wird es schwer für uns, ihnen noch mal auf den Pelz zu rücken."

Schließlich setzte die Dunkelheit ein. Reilly gab Befehl zum Halten. Die Männer stiegen aus den Sätteln und errichteten ein Lager. Die Pferde hatten eine Pause bitter nötig. Und in der Dunkelheit wurde es immer schwieriger der Spur zu folgen.

"Sollen wir ein Lagerfeuer machen, Sir?", fragte ein junger Soldat.

Reilly nickte. "Machen Sie eins! Auch wenn man es meilenweit sehen kann! Bridger soll ruhig wissen, dass wir ihm auf den Fersen sind!"

*

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ES WAR SCHON DUNKEL, als zwei Reiter sich dem Lager näherten.

"Wer da?", rief ihm der wachhabende Soldat mit dem Karabiner im Anschlag entgegen.

"Ich bin es - Tom White Feather!", gab der Reiter zurück und stieg aus dem Sattel. Er hatte offensichtlich eines der überzähligen Pferde genommen, die die Kavallerie-Abteilung mit sich führte. "Ich dachte, Sie könnten jemanden wie mich bei der Verfolgung von Bridger brauchen", wandte er sich an den Captain.

Ein mattes Lächeln glitt über Reillys Gesicht.

"Allerdings, das kann ich!", gab er zurück.

Der zweite Ankömmling war Corporal Taggert. Er erstattete Reilly einen kurzen Lagebericht. McCall blieb danach mit dem Rest der Männer zunächst einmal bei der Ranch. Schließlich gab es eine Reihe von Verwundeten zu versorgen. Ein paar Gefangene waren den Blauröcken auch in die Hände gefallen.

"Fünf Mann waren bei Bridger", erklärte Reilly.

"Ein Teil der Bande hat offenbar die Ranch schon heute morgen verlassen", stellte Tom fest.

"Wer sagt das?", fragte Reilly.

"Die Spuren."

"Wie viele Männer?"

"Vielleicht ein Dutzend Reiter. So ungefähr."

"Leslie Crown könnte unter ihnen gewesen sein", mischte sich Hughes ein. "Oder war bei den Toten auf der Ranch ein Einarmiger, Mr. White Feather?"

Tom schüttelte den Kopf. "Nein."

Reilly stocherte nachdenklich mit einem Stück Holz im Feuer herum.

"Sie hatten einen guten Plan", fuhr Tom inzwischen fort. "Als sie uns auf der Ranch in eine Falle lockten, hatten sie die Pferde in einiger Entfernung festgemacht, damit wir kein Misstrauen schöpften. Unsere Leute haben die Tiere gefunden."

"Morgen werden Sie viel zu tun haben, Mr. White Feather", meinte Reilly. "Der Vorsprung von Bridger und seinen Leuten ist ziemlich angewachsen."

"Kunststück! Sie hatten frische Pferde!", mischte sich Hughes ein.

Tom wirkte sehr in sich gekehrt. Sein Blick starrte abwesend in die Flammen.

"Was geht Ihnen im Kopf herum?", fragte Reilly.

Ein Ruck durchlief ihn. Er erwiderte den Blick seines Vorgesetzten. "Ich frage mich, was die Gruppe um Leslie Crown wollte..."

"Nehmen wir mal an, diese Männer hatten einen Auftrag!", meinte Reilly. "Die Frage ist, warum sie nicht zurückgekehrt sind!"

"Vielleicht gab es da ein paar Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Bande", vermutete Tom.

*

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IN ALLER FRÜHE BRACHEN Reilly und seine Männer am Morgen auf. Das erste Licht der Sonne nutzten sie, um das Lager aufzuräumen und die Pferde zu satteln. Die verloschene Glut des Lagerfeuers wurde noch einmal angefacht, um etwas Kaffee aufzusetzen.

Tom White Feather ritt an der Spitze der Abteilung. Die strenge Zweierformation hatten die Männer längst aufgegeben. Reilly duldete es. Es ging jetzt einzig und allein darum, so schnell wie möglich voran zu kommen und Bridgers Gruppe einzuholen. Diesem Ziel musste alles andere untergeordnet werden. Selbst die eine oder andere Vorstellung von dem, was militärische Ordnung bedeutete.

Gegen Mittag sahen sie am Horizont Geier kreisen. Hinter der nächsten Hügelkette fanden sie einen reglos im Präriegras liegenden Mann.

Pferd und Waffen hatte man ihm offenbar abgenommen.

Reilly stieg vom Pferd, trat an den Mann heran und drehte ihn herum.

"Das ist Bridger!", entfuhr es Hughes, der ebenfalls vom Gaul gestiegen war. "Verdammt, ich bin mir sicher! Er sieht genau so aus wie das Bild auf dem Steckbrief."

Der Mann atmete sehr flach. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Sein Blick war glasig. Der Blick eines Sterbenden. Mit beiden Händen hielt er sich den Bauch und versuchte die Blutung aufzuhalten. Offenbar hatte er eine Kugel abbekommen.

"Sind Sie Bridger?", vergewisserte sich Reilly.

Der Mann nickte. "Ja..." Seine Stimme war kaum mehr als ein schwacher Hauch. "Ja, ich ...bin Jeff... Bridger..." Er rang nach Luft. Es dauerte eine Weile, bis er weitersprechen konnte. Ein mattes Lächeln umspielte dabei seine Lippen. "Ich weiß, dass ich sterben werde..."

"Wer hat das getan?"

"Ed Willard... dieser Hund... ich hätte auf Leslie hören und ihn erschießen sollen, diesen Coyoten..." Bridger schluckte. "Keiner ist so schnell mit dem Colt wie Ed Willard. Ich warne Sie..."

"Wo ist Leslie Crown und etwa ein Dutzend Ihrer Leute?", hakte Reilly nach.

Bridger antwortete stockend. "Sie... sind nicht... zurückgekehrt... sollten...Passiergeld...von der Treibmannschaft..." Er brach ab.

Bridgers Gesicht lief rot an. Er versuchte den Kopf zu heben. Aber Reilly hielt ihn am Boden. "Ganz ruhig", sagte der Captain.

"Ich weiß, wo diese Bastarde unterkriechen werden! Haben Sie gehört?"

"Wo?"

Bridger brauchte einige Augenblicke, ehe er endlich einen verständlichen Satz herausbringen konnte. Er hustete zwischendurch und spuckte Blut. Es ging zweifellos zu Ende mit ihm. Lange hatte er nicht mehr. "Ich... habe oft mit Leslie darüber ... gesprochen!"

"Worüber?"

"Fort...Williams... Fort...Will..." Sein Kopf sackte zur Seite. Die Augen erstarrten.

Jeffrey Bridger, der Mann, der mit Quantrill und den James-Brüdern gegen die Unionstruppen geritten war, war tot.

Zur Strecke gebracht von seinen eigenen Leuten, die ihn qualvoll sterbend zurückgelassen hatten.

"Fort Wiliams!", murmelte Tom White Feather. "Ein Fort im Oklahoma-Territorium, aus dem sich die Armee bei Kriegsausbruch zurückgezogen hat!"

"Mit anderen Worten: Ein idealer Unterschlupf!", meinte Hughes.

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Kapitel 5

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Ein paar Tage später in Fort Williams, Oklahoma...

"Hey, Les! Da kommen ein paar Reiter!"

Der einarmige Leslie Crown sah den Mann überrascht an, der in das Blockhaus gestürmt war.

"Wie ist das möglich?", fragte Crown ungehalten. Seine Hand bildete unwillkürlich eine Faust.

"Keine Ahnung. Es sind unsere Leute. Die Willard Brüder und noch zwei andere Männer."

"Die Willards?", horchte Crown auf.

Er trat ins Freie.

Fort Williams war seit Jahren unbewohnt gewesen. Die hohen Holzpalisaden mit den Schießscharten boten einen guten Schutz gegen Angreifer, wenn es nötig war. Ein paar von Crowns Leuten war gerade damit beschäftigt, das Tor wieder zu reparieren, sodass es verschlossen werden konnte.

Vier Reiter passierten es gerade.

Die Willard-Brüder ritten vorneweg.

Leslie Crown atmete tief durch und ging auf sie zu.

Dan Willard warf Crown einen anerkennenden Blick zu. "Ein schöner Ort, um sich zu verteidigen", gab er zu. "Liegt zwar etwas vom Schuss, aber dafür wird sich hier kein Blaurock so schnell in unsere Nähe trauen!"

Ed Willard stieg vom Sattel und führte sein Pferd zu einer Tränke. Sie war bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Eine Folge des heftigen Regens, der offenbar auch dieses Gebiet nicht ausgespart hatte.

"Was wollt ihr hier?", fragte Crown düster.

Die Männer, die bis dahin mit der Reparatur des Fort-Tores beschäftigt gewesen waren, hörten von einer Sekunde zur nächsten mit ihrer Arbeit auf. Stattdessen hatten sie plötzlich allesamt die Hände an den Colts. Sie kamen herbei und bildeten einen Halbkreis um die Ankömmlinge.

"Bridgers Plan ist gründlich in die Hose gegangen", berichtete Dan Willard inzwischen. "Die Blauröcke haben den Rest unserer Bande niedergemacht."

"Ich habe befürchtet, dass wir uns blutige Nasen holen", sagte Crown.

"Blutige Nasen?", mischte sich jetzt Ed Willard ein. "Das ist reichlich untertrieben."

"Wie auch immer. Bridger ist selbst Schuld."

Ed Willard grinste. "Komisch, Bridger sah die Schuld bei dir und deinen Leuten. Schließlich seid ihr ihn nicht wie verabredet zurückgekehrt!"

"Was du nicht sagst..."

"Ich habe ihn übrigens ausgeschaltet. Dachte mir, dass du dich nicht unbedingt freuen würdest, ihn wieder zu sehen. Leslie. Schließlich hätte er dir eiune Kugel in den Kopf gejsgt, wenn ihr euch nochmal getroffen hättet. Du kennst ihn ja..."

"Allerdings!"

"Für diesen Gefallen wäre vielleicht auch ein Anteil an dem Passiergeld für den Viehtrieb fällig!"

"Ach, ja?" Crowns Gesicht erstarrte zur Maske. "Wie seid ihr darauf gekommen, wo wir stecken?"

"Ich habe immer aufmerksam zugehört, wenn du von dem verlassenen Fort geredet hast! Bridger war dieser Ort ja immer zu weit vom Schuss..."

"Jetzt hör mir gut zu, Ed. Du und dein Bruder verschwindet von hier. Die anderen können bleiben, aber für euch ist hier kein Platz."

"Was?" Ed Willard fiel aus allen Wolken. Er stierte Crown ungläubig an.

"Sorry, Ed. Aber du bist einer, mit dem es immer nur Ärger gibt. Bei deinem Bruder glaube ich nicht, dass er aus deinem Fahrwasser herauskommt. Also tut mir den Gefallen und verschwindet!"

Leslie Crown drehte sich herum, um zum Blockhaus zurückzukehren.

Das Gesicht des jüngeren der Willard-Brüder verzog sich zur Maske. "Niemand schickt Ed Willard weg wie einen räudigen Hund!", rief er.

"Vorsicht, Les!", rief einer der Männer.

Ed Willard zog den Revolver.

Leslie Crown wirbelte herum und war einen Augenaufschlag schneller. Crowns Kugel traf Ed in den Kopf. Er riss den Lauf der Waffe anschließend in Dan Willards Richtung und feuerte ein zweites Mal. Dan Willards Pferd bäumte sich auf und warf den tödlich getroffenen Reiter ab. Mit einem dumpfen Geräusch schlug er auf dem Boden auf.

Leslie Crown ließ den Colt zurück ins Holster gleiten.

"Räumt diesen Dreck hier weg", meinte er an seine Männer gerichtet.

*

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TAGELANG FOLGTEN REILLY und seine Leute den Spuren, die die Willard-Brüder hinterlassen hatten. Tom White Feather entdeckte Spuren einer größeren Reitergruppe, die denselben Weg offenbar zuvor genommen hatte.

An einem Spätnachmittag erreichten sie schließlich Fort Williams. Aus der Deckung einer kleinen Baumgruppe heraus beobachteten sie das Fort mit dem Feldstecher. Viel war nicht von dem zu sehen, was sich hinter den Palisaden abspielte. Aber einer der Wachtürme war ständig besetzt. Am Tor arbeiteten ein paar Männer. Die Hammerschläge waren weithin zu hören.

"Wir sollten bis zur Dunkelheit warten", schlug Tom White Feather vor.

"Sollen wir etwa abwarten, bis sie das Tor repariert haben?"

"Es geht darum, sie zu überraschen. Sie sind vermutlich nicht mehr als ein Dutzend Mann, das heißt, sie können das Fort nicht so bewachen wie eine vollständige Wachmannschaft. Es dürfte kein Problem sein, über die Palisaden zu klettern, die wenigen Wachen auszuschalten und die Bande zu überraschen."

Reillys Gesicht wirkte nachdenklich. Schließlich nickte er. "Jedenfalls klingt Ihr Plan vielversprechender, als wenn wir jetzt einfach losstürmen", entschied er. "Das Gelände ist vollkommen ohne Deckung. Die könnten uns wie die Hasen abschießen, während sie selbst sicher hinter ihren Brustwehren lauern."

So warteten sie bis zum Einsetzen der Dunkelheit.

Die Pferde ließen sie zurück. Mit dem Karabiner im Anschlag und in geduckter Haltung arbeiteten sich die Soldaten langsam vor. Die einzige Deckung, die sie hatten, waren das hohe Präriegras und die Dunkelheit.

Das Tor war von den Banditen verriegelt worden. So blieb nur der Weg über die Palisaden.

Tom White Feather wandte sich an Captain Reilly und deutete hinauf zum Ostturm des Forts, auf dem ein Wächter patrouillierte. Bislang hatte er offenbar nichts bemerkt. In der Dunkelheit sah man seine Zigarette glimmen.

"Ich werde versuchen, die Wachen auszuschalten und das Tor von innen zu öffnen. Ihre Leute sollten sich bereitmachen, um hineinzustürmen. Danach muss es sehr schnell gehen..."

"Wollen Sie das wirklich allein machen, Tom?", fragte Reilly.

"Ich wäre gerne dabei!", erklärte Hughes.

Aber Tom winkte ab.

"Kein Kavallerist der gesamten US-Army vermag so lautlos zu schleichen wie ein Cherokee."

Reilly grinste. "Da haben Sie wahrscheinlich Recht!", gestand er zu.

Tom White Feather nahm sein Lasso von der Schulter. Er war der einzige in der Truppe, der kein Gewehr mit sich trug. Aber für das, was er vorhatte, musste er die Hände frei haben.

In geduckter Haltung arbeitete er sich näher an das Fort heran, erreichte schließlich die Palisaden.

Das Lasso schlang er um die hoch aufragenden angespitzten Pflöcke. Er zog sich mit katzenhafter Behändigkeit und vollkommen lautlos daran hoch, überkletterte die Palisaden und landete schließlich auf dem Wehrgang, der sich an deren Seite befand. Tom blickte sich. In der Mitte des Forts befand sich ein Lagerfeuer. Ein paar Männer saßen um das Feuer herum und ließen eine Whiskey-Flasche kreisen. Der Geruch von Stew drang bis zu Tom herüber. Die Pferde befanden sich offenbar im Stall. Eines der Tiere schnaubte hörbar. Aber dem schenkte keiner der Männer am Lagerfeuer irgendeine Beachtung.

Vollkommen lautlos schlich Tom die Brustwehr entlang. Er hielt sich dabei im Schatten, verschmolz für einen unaufmerksamen Beobachter förmlich mit der Dunkelheit. Tom erreichte den Ostturm, schlich die Leiter empor.

Der Wächter starrte hinaus auf die Prärie, die im Augenblick nur ein großes, dunkles Etwas war. Ein riesiger Schatten. Der Wind strich über das Gras und ließ es beständig rascheln.

Von hinten machte sich Tom an den Mann heran, hielt ihm den Mund zu und schaltete ihn mit einem gezielten Schlag aus. Der Halb-Cherokee fing den in sich zusammensackenden Wächter auf, legte ihn lautlos auf den Boden.

Dann machte er Reilly und den anderen ein Zeichen. Sie konnten sich schon mal an das Tor heranschleichen.

Von innen bewachte niemand das Tor.

Auf dem Wehrgang, oberhalb des Tores saß ein Mann, der offenbar eingeschlafen war.

Die Banditen rechneten offenbar gar nicht damit, dass sie hier, in Fort Williams jemand angreifen könnte.

Tom verließ den Turm, kletterte die Leiter hinunter, über die man auf den Wehrgang gelangen konnte und hielt sich im Schatten der Palisaden auf. Er schlich weiter und arbeitete sich langsam bis zum Tor vor.

Ein paar beherzte, schnelle Schritte und das Halbblut hatte den Torriegel erreicht. Er schob ihn zur Seite. Ein knarrender Laut entstand dabei.

"Hey, was ist da am Tor los?", rief einer der Männer am Feuer. Er erhob sich.

Tom drückte gegen das Tor.

Der Mann am Feuer griff zum Colt. Auch die anderen sprangen auf, griffen zu den Waffen.

Links und rechts schlugen die Kugeln neben Tom ins Holz. Der Halb-Cherokee riss  ebenfalls die Waffe aus dem Holster, feuerte zurück. Zwei der Kerle am Feuer sanken getroffen zu Boden. Das Tor stand inzwischen halb offen. Hughes war der erste Blaurock, der hereinstürmte.

Tom spurtete vorwärts, nahm hinter dem Brunnen Deckung.

Der eingeschlafene Posten auf dem Wehrgang oberhalb des Tores war inzwischen erwacht. Er griff nach dem Gewehr, legte an.

Tom wirbelte herum, ließ den Revolver loskrachen.

Der Wächter stürzte mit einem Schrei hinab.

Weitere Bridger-Leute starben im Kugelhagel der Soldaten. Bevor sie in Deckung gehen konnten, sanken sie getroffen zu Boden. Ein Gewehrschütze in der Näghwe der Pferdeställe wurde ebernfalls ausgeschaltet.

Nur aus dem Blockhaus heraus wurde jetzt noch gefeuert.

Zwei der hereinstürmenden Soldaten sanken getroffen zu Boden. Die anderen verteilten sich, nahmen Deckung an den Stützpfeilern der Wehrgänge und bei den Stallungen.

Ein heftiges Bleigewitter toste. Ein weiterer Soldat sank getroffen in den Staub.

Reilly gab den Befehl, das Feuer einzustellen.

Es hatte keinen Sinn, die Schießerei fortzusetzen. Die letzten überlebenden Mitglieder der Bridger-Bande hatten sich dort verschanzt. Offenbar verfügten sie über genügend Munition, um noch eine ganze Weile durchzuhalten.

"Hier spricht Captain Reilly!", rief der Kommandant aus seiner Deckung neben dem Pferdestall heraus. "Geben Sie auf, dann wird Ihnen nichts geschehen!"

"Damit man uns dann an den Galgen hängt?", höhnte eine Stimme zurück. "Nein, danke, darauf verzichte ich gerne!"

"Spricht da Leslie Crown?", rief Reilly.

"Erraten."

"Wenn Sie in den Tod gehen wollen, dann ist das Ihre Entscheidung! Ich weiß nicht wie viele Männer noch bei Ihnen sind. Aber die sollten selbst entscheiden. Jeder bekommt ein faires Verfahren!"

"Vor einem Yankee-Gericht!", erwiderte Crown höhnisch.

"Besser als der sichere Tod ist das allemal!", erwiderte Reilly. "Irgendwann werden Sie Ihre Munition verballert haben, das Wasser und die Nahrungsmittel werden Ihnen ausgehen..."

Eine Pause des Schweigens folgte.

"Ich ergebe mich!", rief eine Stimme aus dem Blockhaus.

Ein Mann kam mit erhobenen Händen durch die Tür, lief in die Mitte des Forts, wo der Schein des Feuers ihn beleuchtete. Ein Schuss fiel und traf ihn von hinten. Er griff sich an den Rücken. Ein weiterer Schuss ließ ihn zusammensacken.

"Dieser Hund!", presste Reilly zwischen den Zähnen hindurch.

Tom White Feather tauchte aus seiner Deckung hinter dem Brunnen hervor. Er lief zu den Palisaden. Für einige Augenblicke war er im Schein des Feuers zu sehen. Aus dem Blockhaus heraus krachten zwei Schüsse in seine Richtung. Die geballte Feuerkraft der Soldaten entlud sich daraufhin. Ein Schrei gellte aus dem Inneren des Blockhauses.

"Feuer einstellen!", rief Reilly erneut.

Tom schlich an den Palisaden entlang. Er befand sich im Schatten, war kaum zu sehen. Schließlich erreichte er das Blockhaus, presste sich gegen die Außenwand. Innen war es ziemlich dunkel.

In diesem Augenblick krachten im Inneren des Hauses zwei Schüsse. Ein Schrei gellte. Tom vernahm das dumpfe Geräusch eines menschlichen Körpers, der auf die Bretter fiel. Der Halb-Cherokee schnellte mit gezogenem Colt unter dem Fenster her zur Tür. Niemand bemerkte ihn.

Die Soldaten rückten inzwischen ebenfalls weiter vor. Keine Gegenwehr aus dem Haus hinderte sie daran.

Tom stürzte mit dem Colt in der Faust durch die halboffene Tür, trat sie zur Seite. Mondlicht und der Schein des Lagerfeuers fielen durch die glaslosen Fenster, die sich nur mit massiven Holzläden verschließen ließen.

Drei Männer befanden sich im Inneren des Blockhauses. Sie standen da, wandten Tom erstaunlicherweise den Rücken zu.

In dem Moment, als Tom eintrat, wirbelten Sie herum.

"Hände hoch!", rief der Halb-Cherokee. "Das Spiel ist aus!"

Sie gehorchten.

Tom trat auf sie zu, nahm dem ersten von ihnen das Gewehr ab. Dann bemerkte er den Toten auf dem Boden. Der Kerl besaß nur einen Arm. Die Hand krallte sich noch im Tod um den Coltgriff.

"Leslie Crown hätte uns alle eiskalt über die Klinge springen lassen", sagte einer der anderen Männer. "Wir ergeben uns!"

Inzwischen hatte die ersten Soldaten das Blockhaus erreicht und waren durch die Tür getreten. Jim Hughes war unter ihnen.

Die Banditen wurden entwaffnet. Tom gab ihnen sein Lasso, damit sie gefesselt werden konnten. Anschließend kehrte er ins Freie zurück.

"Einer seiner eigenen Leute hat Leslie Crown ins Jenseits geschickt", wandte er sich an Captain Reilly. "Unser Job dürfte damit erledigt sein."

"Blutig genug war er ja", stellte Tom fest.

"In der Tat", sagte Reilly tonlos. "Aber es wird wohl leider nicht das letzte Mal gewesen sein, dass erst Blut fließen muss, bis endlich Frieden einkehren kann."

"Schätze, bis dahin ist es noch ein langer Weg", gab der Halb-Cherokee seinem Vorgesetzten Recht. "Die Narben des Krieges verheilen nicht so schnell, wie sich das der eine oder andere in Topeka oder Washington vorstellt."

"Right." Reilly nickte. "Wie auch immer: Sie haben gute Arbeit geleistet, Mr. White Feather. Ihren legendären Ruf genießen Sie zu Recht."

"Danke, Sir."

"Ich werden Sie für eine Beförderung vorschlagen."

"Wenn  ich dann diese unpraktische Uniform tragen muss, lehne ich das ab, Captain!"

Reilly lächelte matt. Ein langer Weg lag vor ihnen, um die Gefangenen vor einen Richter zu stellen. Ganz sicher würde dieser Trail über eine kleine Stadt namens Liberal führen. Reilly freute sich schon auf das Wiedersehen mit einem hübschen, grünäugigen Girl namens Jane...

ENDE

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Gib dem Glück die Sporen!

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Western von Glenn Stirling

Als Barry Bass aus dem Gefängnis entlassen wird, warten seine Freunde bereits auf ihn. Sie haben eine große Sache vor und brauchen Barrys Hilfe. Als er versucht, sich in die Wells-Fargo-Agentur einzuschleichen, um das Ganze vorzubereiten, wird er jedoch erkannt. und der Verantwortliche bietet ihm überraschend eine Arbeit als Geldtransporter an. Barry muss eine Entscheidung treffen, die nicht einfach ist, denn der ehrliche Job ist genau so gefährlich wie das Leben als Gangster.

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Die erwarteten ihn hinter der Stadt. Barry erkannte sie alle drei sofort wieder. Und er wusste auch, dass sein Leben nach dreijähriger Unterbrechung in den alten, gefährlichen Bahnen verlaufen würde. Er wusste es, als er die drei Männer sah, die da lässig in den Sätteln hockten und auf ihn warteten.

Owen ritt noch das alte Pferd, den hochbeinigen Pinto. Und Barry fand, dass Mann und Gaul sich in den drei Jahren seiner Abwesenheit kaum verändert hatten. Rau, struppig und mager, der Mann und das Pferd.

Auch Jeff war noch der alte. Sein Schläfenhaar war noch grauer geworden, und am Kolben seines Revolvers mochte noch manche neue Kerbe hinzugekommen sein. Aber sonst war Jeff noch immer der lederhäutige Satteltramp mit der Falkennase und den Raubvogelaugen. Auf seinem riesigen Wallach wirkte er wie ein Zwerg. Sein prunkvoller mexikanischer Sattel sprach der schäbigen Kleidung der Männer und dem ruppigen Zustand der Pferde Hohn.

Black Tommy, der ein Handpferd für Barry bereithielt, erinnerte Barry an manche gemeinsame Stunde. Von allen dreien mochte er den jungen Schwarzkopf am liebsten. Und Tommy war es auch, der freudig strahlte, so dass sein narbiges Gesicht sich zur Fratze verzerrte. Barry kannte den Mann lange genug, um zu wissen, wann Tommy wirklich lachte, oder es nur so aussah.

Als er vor ihnen stand, sagte Owen: „Der verlorene Sohn kehrt heim! Du bist willkommen, Barry. Wie war es?“ Er zog seinen Tabaksbeutel aus der Tasche und warf ihn Barry zu, der ihn geschickt auffing.

Während er sich eine Zigarette rollte, dachte Barry über Owens Frage nach. Was sollte er ihm antworten? Von der Arbeit in den Steinbrüchen erzählen? Von den Knüppelschlägen der Aufseher, wenn ihnen die Arbeit bei dreißig Grad Hitze nicht schnell genug ging? Von der miesen Kost und den Wanzen in den Gefängnisbaracken?

„Ich lebe noch“, sagte Barry schließlich und leckte das Papier der Zigarette an.

„War’s schlimm?“, erkundigte sich Tommy mitfühlend.

„Wir wollen hier keine Wurzeln schlagen, Barry! Setz dich auf deine Flunder und komm!“, befahl Jeff. „Es gibt Leute in dieser Stadt, die unseren Skalp an ihre Wand nageln möchten.“

Barry nickte nur und saß auf. Nach drei Jahren wieder im Sattel, dachte er bitter. Ihm kam das alles wie ein Traum vor. Gestern noch im Steinbruch, heute in Freiheit. Er brauchte noch seine Zeit, um sich ans Reiten zu gewöhnen, und Tommy redete von einem neuen Coup. Ihm fiel ein, dass er damals, vor drei Jahren, mächtiges Glück gehabt hatte, dass man ihm mildernde Umstände gegeben und nur fünf Jahre Zuchthaus aufgebrummt hatte.

Ja, diesen 26. August vor drei Jahren würde er nicht vergessen. Der Überfall auf die Bank hatte geklappt. Aber dann begann die große Hetze. Überall sammelten sich Aufgebote, um sie zu verfolgen. Einmal war ihnen ein Sheriff dicht auf den Fersen. Der Verfolger wurde schwer verletzt. Stunden lag dieser Mann hilflos in der Sonne, bis ihn Barry fand, auf ein Pferd legte und auf eine Ranch brachte. Das waren im Urteil die „mildernden Umstände“. Als die Bande, bis auf Owen, Jeff und Tommy, schließlich gestellt wurde, urteilten die Richter ohne Erbarmen. Nur Barry kam mit fünf Jahren davon. Die anderen büßten lebenslänglich. Carge Drews, der Anführer, wurde gehängt.

Und jetzt beginnt alles wieder von vorn, dachte Barry.

„Haben sie dich weichmachen können, Junge?“, fragte Jeff, der wohl jetzt den Boss spielte.

„Eigentlich nicht“, erwiderte Barry nachdenklich.

Jeff spürte die Unsicherheit in Barrys Antwort und sagte ruhig, fast väterlich: „Es gibt keine Umkehr, Barry! Ich weiß, was sie dir erzählt haben, als sie dich laufenließen. Das alte Märchen von der geraden Spur, vom sauberen Leben, von der Ehrlichkeit und - solchen Zinnober! Barry, im Leben ist es verdammt hart. Selbst wenn du jetzt in feste Bahnen einschwenken willst, lassen es die Mitmenschen gar nicht zu. Immer wirst du der Bandit bleiben, der ehemalige Zuchthäusler, der Gezeichnete! Das musst du wissen. Sie zeigen mit dem Finger auf dich, reizen dich und fordern dich heraus, bis du sie hasst! Sie reden von gutem Charakter und sind selbst die größten Lumpen.“

„Er hat recht“, stimmte Tommy zu. „Aber was dir bestimmt gefallen wird, ist sein Plan. Der ist prächig! Wenn wir diese Pumpe ansetzen, wird eine Menge Dollars herausfließen. Und du bist dabei der wichtigste Mann!“

„Warum ich?“, wunderte sich Barry.

Tommy lachte. „Weil du von uns allen am ehrenwertesten aussiehst“, meckerte er.

Erstaunt sah Barry auf die anderen. Owen nickte ihm lachend zu, und Jeff brummte nur: „Schließlich macht sich keiner selbst...“

Sie ritten zwei Tage und eine Nacht, dann waren sie am Ziel. Und Barry, der das Wort Zuhause aus seinem Sprachschatz gestrichen hatte, wusste plötzlich, dass er sich drei Jahre lang nach dem Schlupfwinkel der Bande gesehnt hatte.

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Es waren sechs Tage vergangen. Barry hatte sich erholt, trug wieder halbwegs ordentliche Kleidung und konnte im Sattel sitzen, ohne sich wund zu reiten, wie es auf dem Herweg der Fall war. Er konnte auch wieder fast so berüchtigt schnell schießen wie einst, obgleich er noch eine ganze Weile trainieren musste, um den alten Schmiss wieder ’raus zu haben.

Die sechs Tage waren also wichtig für ihn. Aber jetzt ging es los, denn er kannte den Plan, Jeff hatte ihn ausgiebig erklärt, es gab nichts mehr hinzuzufügen. Wenn der raffinierte Schachzug gelang, würden alle vier so viel Geld haben, dass sie sorgenfrei in die Zukunft blicken konnten. Und was besonders gut daran zu sein schien, war die Tatsache, dass Jeff auf klügere Gedanken gekommen war, als beispielsweise sein Vorgänger Carge Drews. Jeff hatte auch nicht mehr die Möglichkeiten wie Carge, der über eine große, kampfkräftige Bande verfügte hatte. Jeff musste vorsichtig, schlau und raffiniert zu Werke gehen. Sein Plan war dementsprechend. Und Barry sollte die Hauptfigur sein.

Ein Jahr hatte Jeff sehnsüchtig auf Barrys Heimkehr gewartet. Denn seit einem Jahr lebte die Idee von diesem „großen Fischzug“ in seinen Gedanken.

„Wir wollen keinen Fehler machen, Barry“, erklärte Jeff. „Du wirst allein reiten! In Lordsburg kaufst du dir zwei neue Pferde. Es müssen gute Tiere sein, denn darauf geben die Leute etwas. Besorge dir auch ein neues Hemd und anständige Stiefel. Vergiss nicht, was ich dir neulich sagte, vom Weichwerden und so! Wir sind ständig in deiner Nähe. Mach deine Sache richtig, dann bist du fein raus, wie wir. Es gibt so gut wie kein Risiko in dieser Geschichte. Es muss einfach klappen! Sind wir einig?“

Barry nickte.

„Gut, dann reite jetzt!“, bestimmte Jeff.

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3

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Die drei Reiter kamen links von der Höhe ins Flusstal geritten. Sie ritten schnell, hingen gebeugt auf ihren Pferden, und die Hufe wirbelten eine Menge Staub auf. Das Tempo, das die Männer vorlegten, war offensichtlich nicht ohne Zweck. In der flimmernden Hitze jagten sie wie die räubernden Wölfe auf die kleine Hütte zu.

Barry sah das alles, und es verblüffte ihn nicht im geringsten. Aber er musste etwas zurückreiten, musste sich hinter den Mesquitehecken aufhalten, um nicht von der Hütte aus gesehen zu werden.

Er lächelte, weil dieser Überfall gar so plump ausfiel. So laut, so offenbar, dass unten an der Hütte zwei Männer auftauchten. Barry sah deutlich, wie sie ihre Gewehre anlegten und feuerten.

Aber die drei Angreifer verteilten sich. Sie machten es den beiden an der Hütte schwer, sie anzugreifen. Für die Männer am Haus wurde die Sache gefährlich. Einer der beiden musste verwundet sein, denn Barry beobachtete, wie der Mann sich selbst am Arm zu verbinden suchte.

In diesem Augenblick griffen die drei Reiter ein. Und im selben Augenblick begann sich auch Barrys Rädchen in dem großen Plan zu drehen. Barry galoppierte los. Als hätte er schon die letzten zehn Meilen in diesem Tempo hinter sich, jagte er die Pferde zu Tal. Noch war er nicht auf Schussweite heran, da feuerte er bereits wie rasend auf die drei Angreifer.

Die fühlten sich scheinbar in die Zange genommen und wichen aus. Barry spielte dieses Spiel mit täuschender Echtheit weiter. Und seine drei Freunde spielten mit.

Aber die beiden Männer am Haus sahen nicht das Spiel, den Trick. Und sie sahen erst recht nicht, als sich einer der fliehenden drei Reiter aus dem Sattel fallen ließ. Barry wusste sofort, dass es nur Tommy sein konnte, denn nur der brachte so etwas bei diesem Tempo fertig, ohne sich Hals und Knochen zu brechen.

Der „Verwundete“ wurde von dem nachfolgenden Jeff in den Sattel gezogen, bevor Barry auf Schussweite heran war.

_ Und nun ging dieses Spiel weiter. Barrys Handpferd begann zu toben, als es einen Schlag an die Brust erhielt. Von dem aufgeregten Tier behindert, kam Barry als Verfolger nicht so recht hinter den Fliehenden her.

Schließlich gelang es ihm, das Handpferd zu beruhigen. Etwas außer Atem und schweißnass, ritt er langsam zum Haus zurück. Die beiden Männer waren wieder draußen. Der eine verband dem anderen den verletzten Arm.

Krächzend fragte der Unverletzte: „Woher hat dich der Himmel geschickt, Cowboy? Kamst verdammt richtig, Sohn!“

„Immer noch zu spät“, meinte Barry und deutete auf den Verband. „Ist es schlimm?“

„Kratzer! Hätte anders aussehen können!“, sagte der Verletzte und zog mit der gesunden Hand eine Priemstange aus der Westentasche. Er biss ein Stück ab, schob den Rest wieder in die Tasche und grinste Barry zufrieden an. „Du hast uns mächtig geholfen, Boy! Aber vielleicht kommen diese Bastards noch mal wieder, wie?“

Barry blickte zu der Höhe hin. Er wusste, dass sie nicht wiederkommen würden, aber er zuckte die Schultern. „Man kann nie wissen“, murmelte er.

„Du bist ein Texaner“, stellte der Unverletzte fest.

„Ja, ich komme aus Texas herüber - Joe Bend ist mein Name. Ich suche einen Freund, der bei Allan Dorch im Dienst steht.“

„Bei Allan Dorch? He, Allan ist unser Boss! Wie heißt dein Freund, Joe?“, fragte der Zahnlose.

„Roy Duncan ist sein Name“, erklärte Barry.

Die Männer hoben erstaunt die Köpfe. „Roy ist tot, Sohn“, sagte der Zahnlose. „Er wurde vor einem Jahr von einem verdammten Banditen erschossen.“

„Roy ist tot?“, murmelte Barry mit gespieltem Entsetzen.

„Ja, das Pack versuchte es immer wieder, wie heute!“, erklärte der Verletzte. „Warum mögen sie es überhaupt getan haben, Rep? Es ist doch nur das Mehl auf dem Wagen.“ Rep, der Zahnlose, kratzte sich am Hinterkopf. „Warum? Sie versuchen es eben einfach, denn manchmal ist eben statt Mehl Silber auf unseren Karren. Es wundert mich nur eines: Es waren keine Mexikaner, die heute kamen. Sonst sind es nämlich nur die Greaser, die uns das Leben schwermachen. “

„Wie - kam es, dass mein Freund ....“, wollte Barry fragen.

Teilnehmend sagte Rep: „Duncan war Postreiter. Er ritt die Expresspost. Ein gutbezahlter Job, aber ein einsamer. Wir fanden Roy Duncan eines Morgens neben seinem Pferd. Er war tot, der Mochilla-Postsattel aufgeschnitten. Mehr wissen wir nicht. Und mehr weiß auch der Sheriff nicht. Was hast du jetzt vor?“

„Ich hatte gehofft, durch Roy einen Job zu finden“, erklärte Barry. „Aber nun ist es nichts damit, schätze ich.“

„Nicht besonders günstig, diese Zeit“, meinte Rep. „Wir haben alle Posten besetzt. Aber wenn du Glück hast, und wenn du vor allem gut schießen kannst, könnte dich Allan vielleicht als bewaffneten Begleiter unserer 'Flying Enterprise' einstellen. Was hast du in Texas getan?“

„Ich war Vormann auf der gleichen Ranch, auf der Roy einst arbeitete“, sagte Barry. Es fiel ihm erstaunlich leicht, so zu lügen. Er hatte Roy einmal im Leben gesehen, nie mit ihm gesprochen und nur von Jeff gehört, dass dieser Roy einst in Texas als Cowboy gearbeitet hatte, bevor er hier Postreiter wurde und durch Jeffs Kugel gefallen war.

„Wenn du willst, Joe, kannst du bei uns bleiben! Wir ziehen morgen frühzeitig weiter und erreichen bis zum Abend Camp Bowie. Dort ist unsere Agentur. Wir arbeiten eng mit der Wells Fargo zusammen und haben ein und denselben Agenten. Das ist Allan, ein prächtiger Boss.“

Als Barry neben dem Wagen ritt, war er noch immer der Wolf im Schafspelz. Es kam ihm nicht für einen Augenblick der Gedanke, diese Sache fallenzulassen. Nein, Barry Bass konnte nicht anders handeln. Sein Weg schien ihm vorgezeichnet zu sein. Als Kind war er in eine Verbrecherbande geraten. Damals im Bürgerkrieg, als der Vater im grauen Rock der Südstaaten-Armee irgendwo im rauen Pennsylvanien gefallen war und die Mutter von einem meuternden Neger erstochen worden war.

So fanden ihn die Banditen, ihn, den neunjährigen Jungen. Und er hatte es gut bei seinen neuen Ziehvätern. Sie verwöhnten ihn - ja, bis sie ihn zu einem der ihren formten.

Für Barry lag der Weg fest. Und es war ihm auch ganz klar, dass er diesen Weg weitergehen würde und musste. Er kannte Jeffs Plan. Er hatte ihn als gut anerkannt und würde versuchen, in die „Flying Enterprise“ einzusteigen. Bei der Wells Fargo, der größten Frachtfuhrgesellschaft, kam er nicht ohne Unterlagen, Zeugnisse und Papiere an. Er wusste ferner, dass ihm der Weg über die Hintertreppe glücken musste, wenn nicht das ganze Unternehmen in Frage gestellt sein sollte. Über die „Flying Enterprise“ zu der Wells Fargo, und dann würde Jeff zum großen Schlag ausholen. Barry musste sich das Vertrauen seiner Gesellschaft erschleichen. Darauf kam es an, denn nur so würde der große Hit, den Jeff plante, gelingen.

Barry ahnte jetzt noch nicht, dass Jeffs Plan eine Menge Fehler hatte.

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Das Haus der Agentur war ebenso primitiv, kurzlebig und farbenfroh gebaut wie alle anderen in Bowie. Nur das blinkende Messingschild wirkte solide und verriet etwas von dem alten Kaufmannstum und der Zuverlässigkeit der Wells Fargo. In diesem Haus befand sich der Warteraum für Fahrgäste. Hier gab es auch ein Buffet.

Barry saß im Warteraum und aß einen Pfannkuchen. Er sah zufällig zur Tür, ob nicht vielleicht Rep kam, ihn zu holen, damit er mit. Allan Dorch reden konnte, als er an der Theke einen Mann erkannte, den er nicht sehr gerne wiedertreffen mochte.

Dieser Mann hatte ihn noch nicht gesehen. Er unterhielt sich mit einem Trinknachbar und wandte Barry das Profil zu. Sein weitrandiger Sombrero, der eng sitzende schwarze Anzug und die mächtigen Sporen verrieten bereits, dass dieser Mann ein Mexikaner war, und zwar einer, der nicht arm sein konnte; denn die Sporen waren reines Silber, die schweren Goldborten am Hut ebenfalls kein billiger Plunder. Das Gesicht des Mannes war scharf geschnitten, rassig und ausgeprägt männlich. Barry erinnerte sich, dass Anselmo Vajoso vor einem Jahr noch andere Kleidung trug: grauen Drillich mit einer schwarzen, deutlichen Nummer auf dem Rückenteil. Und Barry teilte mit Hammer und Meißel die Steinblöcke, die Anselmo vorher los gesprengt hatte.

Ohne dass Barry sofort darauf kam, hatte er hier die erste Lücke in Jeffs Plan entdeckt. Und da er zwei Jahre mit Anselmo zusammen im Zuchthaus gewesen war, kannte er auch die Einstellung des Mexikaners. Anselmo war keineswegs ein Ehrenmann geworden. Er hatte nur das Terrain gewechselt - wie Barry.

In diesem Augenblick betrat Rep den Raum. Und als er auf Barry zuging, drehte sich Anselmo noch mehr herum und entdeckte Barry mit dem ersten Blick.

Barry sah kurz zu Anselmo hinüber, blinzelte fast unmerklich, aber Anselmo hatte es schon gesehen. Er lächelte und drehte sich wieder um.

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Es wird klappen, denke ich“, meinte Rep krächzend und deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Geh zu ihm! Ich trinke erst einen. Ich habe ihm alles erzählt.“

Barry dankte kurz und stapfte hinaus.

Allan Dorch war ein schwerer, bulliger Mann, nicht mehr jung, aber vom Format eines Draufgängers. Was Barry aber nicht sofort sah, weil der Schreibtisch es verdeckte, war Allans Holzbein. Allan Dorch machte zunächst einen durchaus kampfkräftigen Eindruck auf ihn.

„Setzen Sie sich, Joe Bend“, sagte Allan mit Bassstimme. „Ich habe von Rep gehört, was passierte. Nun, da ist etwas merkwürdig, Bend! Es ist nämlich das erste Mal, dass wir in den letzten vier Jahren von Nichtmexikanern überfallen wurden. Sind Sie sicher, dass es keine Mexikaner waren? Rep wusste nur, dass sie keine mexikanische Kleidung trugen.“

„Mehr kann ich leider auch nicht sagen; denn so nahe kam ich nicht an sie heran.“

„Dann werden sie einen Trick versucht haben“, meinte Allan Dorch und sah Barry scharf an. „Aber wie sie angriffen, auch das war recht komisch, ziemlich plump, wie?“ Er lehnte sich im Sessel zurück und knipste eine Zigarre ab. Dann steckte er sie umständlich an, ohne Barry aus den Augen zu lassen.

„Es war nicht sehr geschickt“, erwiderte Barry. „Aber sie schienen nur mit zwei Mann in der Hütte gerechnet zu haben. Da hatten sie immer einen Vorteil.“

„Und Sie waren sozusagen das Pech in der Rechnung dieser Ehrenmänner, wie?“

„Man kann es so nennen.“ Barry überlegte fieberhaft, ob dieser Allan ihn durchschaut hatte, oder nicht. Das Misstrauen und der Spott dieses Mannes waren ihm zu offensichtlich.

„Und Sie haben Roy Duncan gut gekannt?“, forschte Allan Dorch weiter. „War ein tüchtiger Mann, dieser Roy. Wie kamen Sie darauf, zu ihm zu reiten?“

„Er schrieb mir vor Jahren einmal, dass er einen guten Job gefunden hätte, und wir sollten doch wieder zusammen arbeiten wie früher.“ Ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen, sagte Allan Dorch: „Haben Sie eine Ahnung, wie lange ich schon in Camp Bowie bin?“

„Nicht die geringste“, erwiderte Barry verständnislos.

„Ich bin seit zwei Jahren hier. Vorher leitete ich die Wells-Fargo-Agentur in Pecos. Kennen Sie diese Stadt?“

„Natürlich“, murmelte Barry, und langsam wurde ihm die Sache unheimlich.

Aber Allan Dorch fuhr unbeirrt fort: „Ich bin also lange in Texas gewesen. Zu lange für Sie, lieber Freund. So lange nämlich, dass ich mich genau an Sie erinnere. Und Sie heißen nicht Joe Bend, sondern schlicht und einfach Barry Bass! Lassen Sie die Kanone stecken, Barry! Es ist für Sie absolut sinnlos, denn hinter der Tür stehen zwei Mann von mir. Aber ich will Ihnen einen anderen Vorschlag machen: Reden Sie offen mit mir! Ich könnte Ihnen und auch Ihren drei Freuden helfen, einen harten, aber guten Job zu bekommen, wo ihr alle auf der Seite des Rechts steht. Wir wollen uns keine Märchen erzählen, Barry, aber nur mit harten, ausgekochten Burschen komme ich den Mexikanern bei. Ich frage nicht, was einmal war. Aber ich biete euch eine Chance - eine gute dazu!“

Barry stand wie erstarrt. Dieser Situation war er zunächst nicht gewachsen. Rein gefühlsmäßig traute er diesem bulligen Mann. Aber als gebranntes Kind scheute er das Feuer und blieb misstrauisch. Es schien ihm auch sinnlos, das Spiel Jeffs hier fortzuführen. Woher mochte Allan Dorch ihn nur kennen? Vorhin schon diese Begegnung mit Anselmo Vajoso und nun die Entlarvung durch den bulligen Frachtagenten.

„Woher kennen Sie mich?“, fragte Barry, denn ein Gefühl sagte ihm, dass er diese Angelegenheit nicht mit dem Colt regeln konnte. Er befand sich mitten in der Stadt. Ein Gewaltversuch würde ihn nur noch in erhöhte Gefahr bringen. Er musste erst wissen, was dieser Glatzkopf von ihm wollte.

Allan Dorch lächelte bitter. „Vor vier Jahren wurde eine Kutsche der Wells Fargo überfallen. Da der Fahrer an diesem Tage krank war, hatte ich die Zügel des Gespanns. Es gab eine wilde Schießerei, und ich wurde verletzt. Dabei stürzte ich vom Bock und flog zwischen die Pferde. Die Tiere scheuten und rasten wieder los. Zwei Räder der Concord-Kutsche rollten über meinen rechten Unterschenkel. Ich lag mit starken Schmerzen allein, denn die Kutsche wurde erst eine Meile weiter von Banditen aufgehalten.“

Barry wusste, wie es weiterging. „Wir ließen die Fahrgäste ungeschoren, denn es waren Frauen. Und von der erhofften Geldsendung fanden wir nichts. Der Begleiter, der mit Ihnen auf dem Bock saß, wollte sofort weiter. Da zwangen wir ihn ...“

„Nein, du zwangst ihn, mich zu holen! Und du hast mit angepackt, um mich zum Wagen zu tragen. Und weil der Begleiter den Wagen nicht fahren konnte, hast du ihn bis zum

Stadtrand von Pecos gebracht. So war es, und ich habe dich wiedererkannt, als du noch draußen auf der Straße mit Rep gesprochen hast. Nur mich hast du nicht erkannt.“

Er erhob sich und hinkte auf Barry zu. Dabei zeigte er auf den Holzstumpf und sagte: „Man hat es mir abnehmen müssen, aber ich wäre gestorben, wenn ich nicht rechtzeitig Hilfe bekommen hätte, denn das Blut lief nur so weg. Siehst du, Barry, deshalb will ich dir eine Chance geben! Und ich frage mich, ob es nicht möglich sein kann, einem Menschen, in dem ein guter Kern steckt, den richtigen Weg zu zeigen. Ich habe auch gehört, dass du auch später noch mal einem Verletzten geholfen hast - dem Sheriff. Eine Zwischenfrage, Barry: Bist du ausgebrochen?“

„Nein, ich wurde entlassen. Amnestie für Gefangene mit guter Führung.“

„Warum hörst du nicht mit deinem gefährlichen Geschäft auf?“, fragte Allan Dorch und legte die Hand auf Barrys Schulter.

„Ich würde es tun; im Zuchthaus habe ich es mir fest vorgenommen, aber es gibt kein Zurück - nicht mehr für mich!“, sagte Barry überzeugt.

„Warum?“, forschte Allan Dorch.

„Weil ich immer der Aussätzige bleiben werde - immer und ewig. Nie löscht sich die Vergangenheit aus.“

„Du irrst dich! Es wird schwer sein, sehr schwer, aber es kann gehen. Würdest du es mit meiner Hilfe schaffen?“, fragte Allan väterlich.

„Keiner schafft es.“

„Überlege es dir, Barry! Du wolltest doch wieder fischen, nicht wahr? Alles gut geplant, aber mit Lücken und Fehlern. Joe Bend erwirbt sich das Vertrauen der Wells Fargo, und dann startet ihr eines Tages den großen Hit. Nicht gleich, nicht sofort, aber irgendwann, nämlich dann, wenn Joe Bend alias Barry Bass so viel Vertrauen bei der Wells Fargo genießt, dass man ihm eine Geldsendung großen Kalibers in die Hand drücken kann. Vorher werden ein paar Überfälle inszeniert und so ähnlich, die aber alle von dir abgeschlagen werden. Nur der eine Coup wird gelandet, nur der einzige. Aber der bringt euch dann ein Vermögen.

Lass dir etwas von einem Mann sagen, der fünfzig Jahre alt ist! Ich weiß mehr als du mit deinen sechs-, siebenundzwanzig ... Die Rechnung geht nie auf. Sie lässt sich auskalkulieren, und jeder wird sie für gut halten. Aber es kommen Zufälle mit ins Spiel - und Zufälle lassen sich nicht errechnen. Ich bin der erste Zufall gewesen. Na, und wie geht es weiter?“

Barry schwieg verbissen. Er sah ein, dass Allan recht hatte. Er begriff es durchaus, dass sein Weg nicht stimmte. Aber er kannte auch die Gesetze dieser Welt, nicht die geschriebenen, die anderen, die von den Menschen jeweils gemacht werden. Er glaubte einfach nicht, dass es ihm gelang, zurück ins normale Leben zu finden.

„Ich lasse dir Zeit, Barry. Du kannst zwei Tage bei mir wohnen, als mein Gast!“, erklärte Allan freundlich. „Und in diesen zwei Tagen kannst du dir überlegen, was du tun wirst. Du kannst auch still weg reiten, ich hindere dich nicht. Ich weiß, dass du mir einmal gegen den Willen deiner Komplizen das Leben gerettet hast. Solltest du aber bleiben wollen und den anderen Weg versuchen, dann helfe ich dir. Du kannst für mich arbeiten, hart, ehrlich und für weniger Geld, oder bei einem Überfall umkommen.“

„Was sollte ich tun?“, fragte Barry.

„Darüber werde ich meinerseits nachdenken.“

„Ich werde mit meinen Freunden reden“, erklärte Barry. „Meinst du es ehrlich?“ Unbewusst duzte er sich jetzt mit Allan.

Allan gab ihm die Hand. „Ja, Barry, und wenn du ein gutes Fundament hast - und ich weiß, dass du es hast -, wirst du auch den Weg zurück finden. So long, Barry!“

Als Barry wieder auf die Straße kam, fühlte er sich wie betrunken. Die verrücktesten Gedanken stürmten auf ihn ein, und er konnte sie nicht verscheuchen.

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Sie trafen sich am verabredeten Platz zwischen den roten Felsen, wo der alte Frachtweg im vertrockneten Flussbett des Polger River auslief.

Jeff hatte sich die ganze Sache ohne Unterbrechung angehört. Er machte ein finsteres Gesicht, und Owen, der neben ihm kauerte und Grashalme kaute, sah misstrauisch zu Barry hin. Tommy dagegen stocherte im Lagerfeuer herum und vermied es, Barry anzusehen.

Als Barry seinen Bericht beendet hatte, sagte Jeff wütend: „Und du Riesenhornochse glaubst das, was dieser Bastard dir auftischt? Du bist so närrisch, an diese Engelsmusik zu denken und zu vergessen, dass sie dich zertrampeln, erledigen und wie Abfall wegstoßen? Das alles siehst du nicht dabei! Sicher, es war Pech, dass du erkannt wurdest, aber es gibt andere Beute. Das Land ist groß, und ich habe schon Kontakt zu den Mexikanern aufgenommen. Wir könnten mit denen arbeiten. Sie sind schlecht mit dem Colt, und für uns gibt es bei ihnen gute Anteile. Mit den Mexikanern sind wir unüberwindlich. Kein Sheriff hat diese Burschen bisher vertreiben können - im Gegenteil, sie beherrschen das ganze Gebiet. Jeder Frachtwagen muss bewacht werden, keine Kutsche rollt ohne Schutz. Das beweist doch, welche Macht die Mexikaner darstellen. Und wir dazu, Menschenskind, wir sind unschlagbar.“

„Ich steige aus“, erklärte Barry. Jeff wollte mit einer wilden Rede antworten, aber Owen drängte sich dazwischen. „Lass mich mit ihm reden“, sagte er und ging auf Barry zu. „Ich kenne dich, Barry, da warst du noch ein Junge. Und wo hast du gelebt? Bei uns, und das weißt du. Dein Leben war frei, wild und rau, aber schön.“

„Auch die drei Jahre im Zuchthaus?“, fragte Barry spöttisch.

„Das war Pech. Jeder muss einmal für das Schöne im Leben einen Preis zahlen. Aber du gehörst zu uns, Barry, zu uns und sonst nirgendwohin, verstehst du?“

„Ich höre auf!“, wiederholte Barry entschlossen. „Vielleicht hat Allan recht, und womöglich gelingt es mir wirklich, wieder ein ...“

Doch plötzlich wandte sich Tommy ihm zu. „Barry, wie bringst du es fertig, von uns zu gehen?“, fragte er leise.

Barry wurde wankelmütig. Tommy war ihm von allen der Liebste. Er war wie ein Bruder zu ihm gewesen - all die Jahre. Und von Tommy kamen auf Umwegen immer Briefe ins Zuchthaus. Nein, Tommy war nicht wie Owen und Jeff. Tommy war sein Freund.

Aber Tommy selbst brachte die Entscheidung. „Versuche es ruhig, Barry, versuche es! Weder Owen noch Jeff werden mich jetzt verstehen, aber ich sage wieder: Versuch es! Ich weiß genau, dass du bald wieder bei uns bist!“

„Tommy, ich ....“, Barry stotterte, er wollte etwas Nettes zu Tommy sagen, aber es fiel ihm nichts ein.

„Reite, Barry, reite!“, sagte Tommy.

Plötzlich hörte Barry das Knacken eines Revolvers. Er zuckte herum, Jeff hatte den Colt schon heraus. Aber er war es nicht, der den Schuss abgab. Der Schuss fiel aus Tommys Richtung. Er riss Jeff den Colt aus der Hand und ließ die Waffe in den Staub fallen.

Jeff war blaurot im Gesicht vor Zorn. „Du bist erledigt, Barry! Ich gebe dir nur eine Möglichkeit, am Leben zu bleiben: Reite weg, weit weg, viele tausend Meilen weg, und du hast eine Chance! Aber wenn du hier in Camp Bowie bleibst, Junge, dann mache ich dich fertig!“

Barry sah zu Owen. Dessen Gesichtsausdruck spiegelte das Denken des Mannes wider. Und Owen dachte wie Jeff.

Aber da war Tommy, der kleine, narbengesichtige Tommy. „Reite, Barry!“, sagte er und steckte seinen Colt wieder weg.

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Da drüben hängt eine Landkarte“, sagte Allan Dorch. „Es ist die beste Karte, die je ein Mann von diesem Land gezeichnet hat. Ich denke, du weißt, wie man damit umgeht.“ Barry nickte. „Ja, das weiß ich.“

„Gut, dann kannst du dir den Weg selbst aussuchen. Den Weg von Camp Bowie nach Tombstone! Es gibt drei Möglichkeiten, die jeder kennt - über den Dragoon-Pass, das wäre die Poststraße, über den Little-Caliuro-Pass, das wäre der Treiberpfad, oder die alte spanische Straße, die zum Teil verschüttet ist. Du wirst auf keiner der drei Straßen durchkommen. Der Dragoon-Pass ist von den Mexikanern besetzt, ebenso der Pass am Little Caliuro und die Spanierstraße.

Unsere Concord-Kutschen passieren die Berge mit achtköpfiger Schutztruppe, und selbst so werden sie fast zweimal die Woche überfallen. Seit einem Monat ist kein Geldtransport von Tombstone durchgekommen. Du weißt, dass hier Hunderte von Mineuren in den Silberbergwerken arbeiten. Die Minen haben zwar Silber, aber kein Geld. Im Handel zählt aber der Dollar. Für Silber bekommst du hier nichts, weil auch der Händler damit nicht weiterkommt. Außerdem dürfen die Minen kein Silber statt Geld ausgeben. Die Mineure brauchen also Geld. Es liegt in Tombstone - seit einem Monat liegt es dort. Das heißt, wir haben es mehrfach versucht, die Bucks durchzubringen, aber jedes Mal ging es flöten. Die Verwaltung der Wells Fargo wird mich als Agent absetzen, wenn ich das Geld nicht irgendwie durchbringe. Zudem warten die Minenarbeiter auf Geld und beginnen schon zu meutern.

Oben in Silver City drohen bereits Streiks, und die Minen liegen zum Teil still, weil sie nicht zahlen können. Silver City geht uns nichts an, aber in unseren Minen wird es bald ebenso aussehen. Du hast einmal gewünscht, dass es soweit käme und man dir eine große Menge Geld anvertraut. Es ist bereits jetzt der Fall. Du kannst damit verschwinden und kannst auch hier ankommen. Du hast alle Möglichkeiten. Ich will dir nur sagen, dass ich meine Arbeit verliere, wenn du nicht durchkommst. Aber das wird dich, wenn du wirklich auf das Geld scharf bist, nicht weiter kümmern.“

„Und warum nimmst du ausgerechnet mich für diesen Transport?“, fragte Barry verständnislos.

„Weil du ein Bandit warst, weil du ein guter Schütze bist - und auch deshalb, weil ich niemanden kenne, der durchkommen würde. Viele haben es versucht, keiner schaffte es. Die meisten kamen nicht einmal hin, geschweige denn zurück. Übrigens traut es dir auch Sheriff Wyman zu.“

„Und ein starkes Aufgebot? Schafft es das nicht?“, wunderte sich Barry.

„Hör zu, Barry“, erklärte ihm Allan. „Sheriff  Wyman gibt der Sache nur eine Chance, wenn es ein einzelner Mann ist, der das Geld holt. Ein Mann verkrümelt sich im Gebirge, nicht aber ein Wagen mit sechs Pferden oder gar ein Aufgebot. Sie haben uns schon einmal hereingelegt, als wir mit sechzig Mann loszogen. Barry, sechzig Mann, aber wir mussten umkehren.“

„Wegen des Wassers?“, fragte Barry, der die mexikanischen Tricks kannte.

„Genau das! Sie hatten sämtliche Wasserlöcher vergiftet und selbst in den Creek ein Zeug geschüttet, dass die Pferde das Wasser nicht soffen. Fanden wir doch ein sauberes Wasserloch, dann konnten sich nie und nimmer sechzig Pferde dort satt saufen. So ist das also, und jetzt frage ich dich, ob du es machen willst.“

„Du vertraust mir fast zu sehr. Ich bin ein ehemaliger Zuchthäusler, Allan“, sagte Barry ernst.

„Das interessiert mich nicht, ja oder nein?“, fragte Allan.

„Ja, Allan!“, antwortete Barry entschlossen.

„Gut, dann gebe ich dir das Schreiben! Du kannst natürlich auf dem Heimweg mit der Kutsche fahren, aber ich würde es nicht tun, sondern lieber das Gelände für den Rückritt auskundschaften.“

Ohne zu antworten, trat Barry vor die Landkarte. Dann drehte er sich um und erklärte gelassen: „Ich nehme die Kutsche, Allan!“

Erstaunt sah dieser auf. „Und warum?“

„Weil ich nicht auffallen möchte! Außerdem ist sie schon fahrbereit.“ Er blickte zum Fenster hinaus, wo die Pferdewärter gerade das Sechsergespann einspannten.

„Du willst sofort fahren?“, staunte Allan.

„Natürlich, so schnell es geht! Hm, angenehme Begleitung habe ich auch!“, sagte er mehr zu sich, als zu Allan.

Allan folgte Barrys Blick und sah, wie ein junges, schlankes Mädchen in die Kutsche einstieg. Ein älterer Herr war ihr behilflich, und der Fahrer beugte sich so weit vom Bock, um das mit anzusehen, dass er fast die Balance verlor.

„Das ist Richter Berensen mit seiner Tochter Ellen. Lass lieber die Finger von ihr, Barry! Berensen wird wenig Verständnis für dich zeigen, und Ellen ist zwar ein nettes Mädchen, aber über deine Vergangenheit wird sie nicht hinwegsehen, Barry!“ Er nahm Barry am Arm und sagte mahnend: „Ich sage es dir, bevor du es dir von ihr, oder dem Richter sagen lassen musst.“

„Schon gut, Allan!“, murmelte Barry und nahm den Brief auf. „Ein Pferd erhalte ich doch in Tombstone?“

„Natürlich, und du weißt ja selbst, dass die Wells Fargo die besten Gäule hat, die es im Westen gibt.“

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Es gab keine Geheimnisse in Camp Bowie. Und als der Richter und seine brünette Tochter merklich von ihm abrückten, wusste Barry, dass beide über seine Herkunft im Bilde waren.

Bevor der Wagen anfuhr, riss der bullige Sheriff Wyman nochmals den Schlag auf. Er sah Barry starr an und murmelte: „Du machst es also! Aber ich glaube nicht, dass du durchkommst, selbst wenn du es vorhast. Für den Fall, dass du es ehrlich meinst, Barry: Hals- und Beinbruch!“

Mit einem Knall klappte der Schlag zu. Barry beugte sich vor und winkte Wyman vom Fenster aus zu. Dann ruckte die Kutsche an.

Gleich hinter Camp Bowie ging es in Serpentinen den Berg hinauf, um die Hochfläche zu erreichen. Die Pferde fielen in Schritt, und das Knallen der Peitsche wurde häufiger. Barry wusste, dass sie bald jene Stelle erreicht hatten, wo die Begleiter warteten und eine Silberladung der Victory-Mine als Fracht bereit stand.

Der Wagen ratterte über den felsigen Weg. Das Klappern der vielen Hufe, das Knarren der Räder und die klatschende Peitsche waren eine merkwürdige Begleitmusik.

Er blickte kurz zu ihr hinüber. Sie sah zufällig in seine Richtung, wich aber seinem Blick nicht aus, sondern schien glatt durch ihn hindurchzublicken. Dabei waren ihre Augen kalt und ihr Mund schmal.

Richter Berensen würdigte Barry keines Blickes. Für ihn schien der ehemalige Zuchthäusler überhaupt nicht im Wagen zu sein.

Plötzlich hielt die Kutsche. Barry, dem diese arrogante Begleitung zuwider war, stieg aus, um nachher mit auf dem Bock Platz zu nehmen.

Es waren acht Reiter, die von hier aus die Kutsche durch die Berge brachten. Am Ende des Dragoon- Passes würden sie wieder zurückbleiben, um die Kutsche aus Tombstone nach Camp Bowie wieder zurückzubegleiten.

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Da - da kommen sie!“, rief Barry und deutete nach oben, wo auf der Straßenwindung, die sie mit der Kutsche längst passiert hatten, Reiter auftauchten. Reiter mit schwarzen Hüten, weißen Baumwollanzügen und langen Gewehren. Barry sah sie jetzt ganz deutlich, denn sie ritten hart am Straßenrand weit über der Kutsche.

Die Begleitreiter vor dem Gespann winkten dem Fahrer zu, sich zu beeilen. Sie blieben zurück und ließen den Wagen an sich vorbei. „Lass laufen, Alter!“, rief einer der Männer dem Kutscher zu.

Barry bemerkte, dass die gesamte Begleitmannschaft anhielt und sich zu einem Kampf mit der Banditenschar bereithielt. Und schon sah Barry hinten die Mexikaner um die letzte Kurve schwenken - zehn, zwanzig und noch mehr Reiter, alles Mexikaner.

„Unsere werden sie nicht lange aufhalten“, meinte Barry.

„Lange genug, dass wir auf die freie Straße kommen, und da greifen sie nicht mehr an“, erwiderte der Oldtimer.

Er ließ jetzt den Wagen schneller laufen, obgleich es nicht nur gewagt, sondern geradezu lebensgefährlich war, bei diesem Gefälle die Pferde noch zu treiben.

Wild schleuderte die Kutsche hin und her. Und noch immer ging es bergab.

Oben verwickelten die Begleitreiter die Bande in ein Gefecht. Es würde nicht lange dauern, aber vielleicht genügte die Zeit, dem Gespann genügend Vorsprung zu schaffen.

In wahnsinnig halsbrecherischem Tempo ging es um die nächste Linkskurve. Die Räder polterten und streiften fast die steilen Felsen.

Da sah Barry die Falle.

Erst hielt er es für eine Täuschung, für Lichtreflexe, aber dann sah er es deutlich, dass etwa zwanzig Lassos kniehoch über die Straße gespannt waren, so dass kein Pferd durchkommen würde, ohne zu stolpern und zu stürzen.

Was in diesen Sekunden geschah, da die Kutsche auf das unüberwindliche Hindernis zuraste, war wenig und doch viel. In einer natürlichen Reflexbewegung versuchte der Fahrer die Bremse noch weiter durchzuziehen. Aber sie schnappte über und sprang aus den Zähnen. Ungebremst begann die Kutsche noch mehr zu rasen. Der Fahrer riss die Pferde an den Zügeln zurück. Doch nur die Stangenpferde hätten die Kutsche zurückhalten können. Sie schafften es aber nicht, denn das Gewicht des rasenden Wagens schob sie einfach weg. Die Mittel- und Spitzenpferde tanzten quer, denn auch sie sahen wohl jetzt die Gefahr.

Das vorderste Gespann bäumte sich auf, von den angezogenen Zügeln noch weiter zurückgehalten. Und in diesen Knäuel der Pferde raste von hinten die Kutsche, schob die Stangenpferde mit, obgleich eines der Tiere schon gestürzt war.

Dann erreichten die Pferde die Lassofalle.

Barry krampfte sich mit beiden Händen am Bock fest. Der Fahrer hakte sich mit einem Arm an der Lehne ein, mit der anderen Hand hielt er die Zügel.

Aber es nützte wenig. Die Kutsche prallte auf zwei gestürzte Pferde, sprang vorn hoch, die Räder schlugen ein, dann knallte das linke Vorderrad gegen die Felswand. Ein Krachen, ein Splittern. Barry wurde wie von Geisterhand vom Bock gerissen und durch die Luft geschleudert. Mit dem Rücken knallte er auf den Kopf eines Pferdes. Ein Huf traf seine Schulter und schmetterte ihn mitten in das Chaos der sich wälzenden und keilenden Pferde hinein.

Er spürte noch einen Schlag gegen die Brust, dann gelang es ihm, sich zwischen zwei gestürzten Tieren durchzuzwängen und auf die Beine zu kommen. Er taumelte wie betrunken auf den Felsweg hinaus und lehnte sich keuchend an die Steilwand. Blut rieselte aus seinem Mundwinkel, und als er sich über die Stirn wischte, war es dort klebrig. Sein Kopf dröhnte, und vor Dreck waren seine Augen für kurze Zeit geblendet.

Noch immer befand er sich in höchster Gefahr. Er spürte das. Mit verzerrtem Gesicht sah er auf das Durcheinander. Die Pferde lagen bis auf eins am Boden. Zwei Tiere waren offensichtlich nicht mehr am Leben. Die anderen hatten die Beine gebrochen. Mitten in diesem Chaos lag die Kutsche. Sie war auf die Stangenpferde gekippt. Wie ein Mast ragte die abgebrochene Deichsel aus dem Gewirr der Pferdeleiber heraus. Etwas weiter nach Barry zu, lag der Fahrer mit eingeschlagenem Schädel. Offenbar war der Mann gegen die Steilwand geschleudert worden, was Barry um ein Haar selbst geschehen wäre.

Barry dachte an die Frau, aber da sah er die Mexikaner, die den steilen Weg heraufkamen. Gleichzeitig hörte er auch die Schüsse weit oben. Anscheinend kämpften die Begleitreiter noch.

Es waren vier Mexikaner, die im Schritt bergan ritten. Anscheinend hatten sie Barry noch nicht gesehen, denn sie blickten nach oben, wo weit über ihnen an den Serpentinen gekämpft wurde.

Barry tastete nach seinem Colt. Aber die Waffe war ihm aus dem Futteral geflogen. Da fiel ihm der Revolver ein, den er sich auf Allans Rat hin unter den Gürtel gesteckt hatte. Und als seine Hand über den kühlen Stahl tastete, atmete er auf.

Mit einem Ruck hatte er die Waffe herausgerissen. Und da sahen ihn die Mexikaner.

„Atencion!“, schrie der eine. Die anderen rissen ihre Gewehre hoch.

Barry erfasste alle vier mit einem Blick. Kleine Männer mit schwarzen, strähnigen Haaren, mit hohen Sombreros auf den Köpfen, bunten, schillernden Halstüchern über den weißen Hemden. Patronengurte lagen gekreuzt auf den Schultern, und die schmutzigweißen Hosen steckten in fast zu engen Stiefeln. Die Männer wirkten auf Barry gefährlich, zu allem fähig. Ihre Blicke waren kalt, furchtlos und mordlüstern.

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Aus Notwehr wurde Barry wieder zu dem, der er einst war: der schnelle, rücksichtslose Revolvermann. Was die Mexikaner jetzt zu sehen bekamen, neideten sie seit eh und je den Gringos.

Barry sprang blitzschnell zur Seite. Gleichzeitig schoss er. Als die Salve der Gewehre krachte, war er schon hinter dem ersten Pferd, das leblos am Boden lag. Der zweite Schuss riss drüben einen Mann aus dem Sattel. Ein anderer taumelte bereits und hatte sein Gewehr fallen lassen.

Die beiden Unverletzten sprangen vom Pferd und warfen sich auf den Boden, um kein zu großes Ziel zu bieten. Dieser Zeitverlust erbrachte Barry einen Vorteil. Er kam zum Schuss, ohne Gegenfeuer befürchten zu müssen. Für einen der beiden Banditen war dieser Schuss das Ende. Der andere kroch in panischer Angst rückwärts, um die sichere Kurve zu erreichen.

In diesem Augenblick sprang Barry hinter seiner Deckung hervor. Ein Schuss pfiff haarscharf an ihm vorbei, dann krachte der Colt. Barry sah, wie sich der Mexikaner zusammenkrümmte.

Es war still, unnatürlich still. Und in diese Stille hinein drang plötzlich das laute Stöhnen eines der Pferde.

Barry hörte jetzt auch wieder einzelne Schüsse oben an der Straße. Er musste schnell handeln, und dazu brauchte er die Pferde, die noch immer reglos an der Felswand standen. Eines der Tiere schwenkte jetzt um und trabte langsam bergab.

Als Barry auf die übrigen drei Tiere zulief, um sie einzufangen, erhob sich der eine angeschossene Mexikaner, winkelte den Arm an und hielt etwas Blitzendes in der Hand.

Barry warf sich zu Boden, bevor das Messer durch die Luft schwirrte. So verfehlte es ihn, und Barrys Schuss traf den Messerwerfer im Unterarm. Der Mann schrie auf.

Die drei anderen Pferde versuchten jetzt, ihrem Stallgefährten nachzulaufen. Barry rannte hinter ihnen her, kam seitlich an ihnen vorbei und konnte sie aufhalten.

Er fand eine Felsnase, wo er die Zügel der Tiere anbinden konnte.

Er hastete zurück und warf die Waffen der Mexikaner in den Abgrund. Kaum war er damit fertig, sah er, dass zwei Meilen weiter oben Banditen um die nächste Kurve ritten. Er hörte auch die Schüsse nicht mehr, und so war er sich über den Ausgang des Kampfes im klaren.

Trotz der Gefahr, noch erwischt zu werden, kletterte Barry auf die umgestürzte Kutsche, riss die Tür auf und sah das Mädchen und den Richter. Beide waren von den Sitzen und der Silberladung eingeklemmt. Zum Glück für die beiden Passagiere hatten die Polster sehr viel von der Wucht des Schlages genommen. Der Richter war besinnungslos.

Mit äußerster Willensanstrengung gelang es Barry, erst das Mädchen und dann den Richter aus der Kutsche zu ziehen. Schweiß überströmt und nach Luft schnappend schob er den reglosen schweren Körper des Richters aus der Kutsche heraus.

Hastig zog er sich nach oben. Die Reiterschar war schon fast auf Schussweite heran. Die ersten Gewehre krachten, aber noch lagen die Schüsse zu kurz.

„Zu den Pferden - zu den Pferden!“, rief Barry dem Mädchen zu. Er sah trotz aller Hast, dass ihr Kleid zerfetzt war. Und obgleich die Situation so gut wie hoffnungslos war, musste sich Barry über sich selbst wundern, dass er Zeit hatte, an so etwas zu denken.

Er sprang von der Kutsche, zog den Bewusstlosen auf die Schulter und rannte mit der Last, so schnell er vermochte, auf die Pferde zu. Eben schwang sich das Mädchen in den Sattel. Offensichtlich war Ellen Berensen jetzt der Ernst der Lage völlig klargeworden, und sie vergaß jede falsche Zier.

Barry erreichte eines der angebundenen Tiere, legte den Verletzten quer in den Sattel und sprang hinter ihm aufs Pferd, nachdem er die Zügel gelöst hatte.

„Voran!“, raunte er dem Mädchen zu. Barry sah sich noch einmal um. Die umgestürzte Kutsche und der Knäuel der Pferde versperrten den Weg. Vor allem die Kutsche würde die Mexikaner für einige Zeit aufhalten, ehe sie daran vorbeikamen.

Schuss auf Schuss krachte hinter ihnen, doch sie kamen unverletzt um die scharfe Biegung der Straße herum.

Barry gab sich und seinen Begleitern zehn Minuten Vorsprung. Zehn Minuten waren seiner Meinung nach aber sehr wenig, wenn er bedachte, dass ein verletzter Mann vor ihm im Sattel lag, den anzubinden er nicht die Zeit haben würde.

Aber Barry hatte Glück, dass diese drei Pferde gebirgsvertraut waren. Es war nicht Ellen, die den Abstieg schaffte, sondern ihr dürrer mexikanischer Klepper, der routiniert die Vorderhufe so auf setzte, dass er nicht stürzte, und von allein sein Gewicht nach hinten ausbalancierte, ohne auf die Hilfe seiner Reiterin angewiesen zu sein.

Als sie den Fluss erreichten, schwenkte Barry von der Straße ab und ritt im seichten Wasser entlang. Der Richter stöhnte.

Sie erreichten unangefochten vor der Dunkelheit einen Seitencanyon, der etwas anstieg und damit wasserfrei, dafür aber fruchtbar war. Hier beschloss Barry, für Pferd und Mensch eine Pause einzulegen.

Sie ritten in den Canyon hinein und saßen ab. Barry hob den Verletzten nach dem Losbinden vom Pferd und legte ihn vorsichtig zu Boden. Danach suchte er die Satteltaschen der mexikanischen Gäule nach Lebensmitteln ab. Er fand nur ein Säckchen Tabak.

Das Mädchen kümmerte sich um seinen Vater, der offenbar Schmerzen hatte und sich am Kopf verletzt hatte.

Nach zwei Stunden Rast wurden die Sattelgurte wieder straff gezogen, der Richter musste mit Barrys Hilfe aufsitzen. Damit er nicht fallen konnte, band ihn Barry auf dem Pferd fest.

„Soll wohl ein Trick sein, was?“, schnaubte der Richter, dem es besser zu gehen schien. „Sie stecken mit dem Gesindel unter einer Decke!“

Barry antwortete nicht. Er hatte die Wunde am Kopf des Mannes gesehen und glaubte zu wissen, was dem Richter noch bevorstand, wenn erst einmal die Sonne wieder brannte.

Im Fluss ritten sie weiter, aber nicht lange. Plötzlich strömte das Wasser vor ihnen in einen in Jahrhunderten ausgehöhlten Naturtunnel ein. Für Reiter war hier der Weg zu Ende.

Barry suchte fast eine Stunde lang nach einem Aufstieg zur Hochfläche. Und als er ihn endlich gefunden hatte und zu Ellen und dem Richter zurückkam, war Berensen wieder ohnmächtig geworden und hing nur dank der Leinen noch im Sattel.

Der Aufstieg war mühsam. Barry musste die Pferde führen, weil er Ellen nicht zumuten wollte, im Schotter zu Fuß zu gehen, zumal sie bei der Befreiung aus der Kutsche einen Schuh verloren hatte.

Endlich waren sie oben. Im Scheine des Halbmondes ritten sie über die zerklüftete Hochfläche. Überall lauerten Spalten und breite Risse, gähnende Abgründe und gefährliche Bodensenkungen.

Vor Anbruch der Dämmerung gelangten sie wieder an einen sanften Hang, und zwei Stunden später, als es schon hell war, ritten sie auf der Poststraße, die sie wieder erreicht hatten.

Der Dragoon-Pass lag noch vor ihnen, und Barry kannte die Gefahren, die dort lauerten.

Plötzlich sah er Reiter weit voraus. Gerade kamen sie über die leichte Anhöhe und ritten jetzt das sanfte Gefälle der Straße hinunter, direkt Barry, Ellen und dem Richter entgegen.

Es waren sieben Reiter, und an ihren hohen Hüten erkannte sie Barry sofort als Mexikaner.

„Mein Gott!“, stöhnte Ellen, als sie die Reiter bemerkte.

Barry zügelte sein Pferd und riss das Tier des Richters zurück. „Das kann heiter werden!“, knurrte er mit stiller Verzweiflung. Er sah keinen Ausweg. Fliehen? Nicht mit einem Bewusstlosen und einer Frau. Hier versperrte keine Kutsche den Weg. Im Nu wären sie von den Mexikanern eingeholt. Und dass die Mexikaner ihre „Opfer“ schon entdeckt hatten, stand für Barry außer Zweifel. Sie trieben ihre Gäule an und ritten im Galopp auf sie zu.

Da sah Barry, dass einer der Reiter kein Mexikaner war. Ja, er erkannte das Pferd des Mannes schon von weitem. Ein hochbeiniger, brauner Wallach - und nur ein Mann hatte solch ein Pferd: Jeff!

„Bleib ruhig, es hat keinen Zweck, mit ihnen zu kämpfen. Sie würden uns nur abschießen wie tollwütiges Vieh!“, mahnte Barry das Mädchen. „Achte auf deinen Vater!“

An der Spitze der sechs Mexikaner ritt Jeff auf seinen ehemaligen Gefährten zu. Ein triumphierendes Grinsen stand dem alten Taugenichts im Gesicht geschrieben. Jetzt drehte er sich halb herum und winkte den Mexikanern zu. Die blieben zurück, hielten ihre Gewehre aber schussbereit.

Jeff ritt allein weiter, bis er vor Barry seinen Wallach zügelte. „Na, du verlorener Sohn? Ich sehe, du betätigst dich wieder einmal als rettender Engel. Es steht dir gut, wie?“

Barry schwieg.

Aber Jeff fühlte sich am Zuge.

„Einen flotten Käfer hast du dir da aufgegabelt. Geschmack hattest du immer, Barry, das muss ich dir lassen. Na, und wie stehen wir zueinander?“

„Ich glaube nicht, dass du nur gekommen bist, mir diese Frage zu stellen“, brummte Barry.

„Natürlich nicht, Barry“, erwiderte Jeff. „Aber vielleicht machst du mit uns ein Geschäft?“

„Ich mache keine Geschäfte mit dir, Jeff“, erklärte Barry.

Jeff winkte ab. „Langsam, Barry, langsam! Meine Aktien stehen besser als deine!“, mahnte er und schob sich ein Stück Kautabak in den Mund. Er musterte Ellen mit einer Unverfrorenheit, dass sie sich schamrot abwendete.

In diesem Augenblick kam der Richter zu Bewusstsein. „Hängt ihn nur auf, er ist ein Bastard!“, gurgelte er und sah Jeff aus glasigen Augen an.

„Was ’n mit dem los?“, fragte Jeff lachend und fasste sich an die Stirn.

„Du brauchst nicht zu lachen, der Mann muss einen Arzt haben“, sagte Barry. „Und wenn in dir noch ein Funken Anständigkeit ist, dann wirst du ihn nicht aufhalten.“

Jeff nickte. Er wurde wieder ernst,- spuckte einen gelben Strahl Tabaksaft vor die Hufe von Barrys Pferd und sagte dann ruhig: „Genau an dieser Stelle beginnt mein Geschäft, Barry! Ich kenne dich doch zu gut. Und ich weiß, dass du in dieses faire Geschäft einsteigen wirst. Da wäre einmal der Richter Berensen, der dringend einen Arzt braucht. Ich hatte schon gefürchtet, dass er vielleicht gar nicht verletzt sein könnte. Aber so kommen wir meinem Geschäft viel näher. Ich werde Berensen freien Weg einräumen und - auch dem Mädchen .. Er sah starr auf Barry, doch der zuckte mit keiner Wimper. „Das Mädchen, Barry, du wirst es doch nicht gern in der Steinwüste schmachten sehen wollen, wie?“ Der alte Gauner schielte seines Sieges sicher auf Barry, grinste wieder und sagte dann jovial: „Na also, Barry, steig schon ein! Du kommst wieder zu uns, und die beiden hier lassen wir ziehen. Ja, wir helfen ihnen noch, bis die Tombstoner Kutsche kommt. Und die lassen wir ungeschoren durchfahren. Wie gefällt dir das?“

„Und wenn ich ablehne?“, fragte Barry kühl. „Wo ist eigentlich Tommy?“

„Wir haben uns von ihm getrennt.“ Jeff zuckte die Schultern. „Wenn du ablehnst, tragen wir es hier aus - und die Chancen, die euch verbleiben, kannst du dir ausrechnen! Du wirst noch nicht die Hand an deine Kanonen bekommen ...“ Er deutete über die Schulter hinweg auf die Mexikaner, die alle die Gewehre auf Barry gerichtet hielten.

Barry blickte kurz zu Ellen hin, die den Kopf gesenkt hielt. Der Richter war wieder ohnmächtig geworden und hing schief im Sattel, den Oberkörper vornüber geneigt.

„Ellen“, sagte Barry ruhig, „was soll ich tun? Willst du leben oder sterben? Ich würde ihn noch vor meinem eigenen Tod mit ins Jenseits nehmen. Aber du und dein Vater, ihr wäret ebenfalls verloren, denn weder dieser Lord da, noch einer der Mexikaner wird vor dir Erbarmen zeigen.“

Sie hob den Kopf und sah ihn eine ganze Zeit starr an. Wieder war jenes Flehen in ihrem Blick, das er schon gestern in der Kutsche nach dem Überfall bemerkte. „Barry“, murmelten ihre Lippen. „Wegen Vater ..“

Barry nickte grimmig. Dann sah er zu Jeff hin und sagte ruhig: „Ich bin einverstanden. Aber solange die beiden nicht in der Tombstoner Kutsche sind, ist dieses Abkommen nicht perfekt!“

Jeff lächelte überlegen. „Ich wusste es! Du spielst immer noch den edlen Ritter! Wenn ich nur wüsste, wer dir diesen Unsinn beigebracht hat. Na, jetzt kann es nur gut sein! Warten wir also auf die Kutsche!“

Barry hatte dem nichts hinzuzufügen. Er hatte dem Richter und Ellen zum zweiten Male das Leben erhalten. Und er hatte sein eigenes endgültig verspielt, wie es schien.

Zu Ellen gewandt, sagte er bitter: „Sagen Sie Ihrem Vater, wenn er wieder klar denken kann, dass ich für ihn und für Sie wieder in die alte Bahn eingeschwenkt bin.“ Unbewusst sprach er Ellen wieder mit Sie an, als wollte er die Kluft zwischen ihr und sich noch vergrößern.

„Gib mir deinen Colt, Barry! Aber mit der Mündung zu dir!“, befahl Jeff.

„Damit warten wir lieber, bis die beiden in der Kutsche sind!“, widersprach Barry. „Ich habe dir gesagt, dass ich mit dir reite, und damit basta! Sag jetzt, wo Tommy ist.“

„Tot. Er wollte anders als wir, das ist ihm nicht bekommen“, erklärte Jeff.

„Ihr Mörder!“, keuchte Barry. „Das zahle ich dir heim!“

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Owen hatte am Kontrollpunkt der Begleitreiter auf die Kutsche gewartet und dem Fahrer mitgeteilt, dass keine Begleitreiter mehr kommen würden. Gleichzeitig sicherte er dem Gespann freies Geleit zu. Der Kutscher ließ sich darauf ein und fuhr weiter.

Eine Stunde später erreichte er jene Stelle, wo die Mexikaner, Jeff, Barry und das Mädchen warteten.

Der Fahrer war nicht sehr erstaunt, als er aufgefordert wurde, den Verletzten und das Mädchen mitzunehmen. Obwohl das Innere der Kutsche voll mit Passagieren besetzt war, wurde Platz für den Richter und Ellen gemacht. Einer der Fahrgäste setzte sich neben den Fahrer auf den Bock.

Die Mexikaner unternahmen nichts. Sie harrten auf ihren Gäulen und warteten darauf, dass der Wagen seine Fahrt fortsetzte. Jeff achtete nur auf Barry, der sich an den glatten Felsen lehnte und wie ein unbeteiligter Zuschauer die Szene beobachtete.

Vom Wagenfenster aus rief Ellen erregt zu Barry hin: „Ich werde für Hilfe sorgen, Barry!“

Barry nickte nur.

„Abfahren!“, brüllte Jeff dem Kutscher zu.

Der Fahrer zögerte noch. Wahrscheinlich ahnte er, dass Barry nicht gerade freiwillig hierbleiben wollte. Oder traute er dem Versprechen der Banditen nicht? Es sollte nie herauskommen, warum der rothaarige Kutscher nicht sofort losfuhr, sondern nach seinem Schrotgewehr tastete.

„Finger von der Flinte!“, rief Jeff und zog seinen Colt. Die Mexikaner schräg hinter dem Wagen griffen zu ihren Gewehren.

Barry überlegte blitzschnell, ob es eine Möglichkeit für ihn gab. Er wusste nicht, wie die Fahrgäste dachten. Es waren fünf Männer, die außer dem Richter und Ellen im Wagen saßen - und jener neben dem Kutscher oben. Was Barry jetzt vorhatte, war ein glatter Selbstmordversuch. Er war sich darüber klar, bevor er zur Waffe griff. Und doch hegte er eine stille Hoffnung und rechnete auf die Mithilfe der Fahrgäste und des Kutschers. Er selbst hatte nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen.

„Hände weg vom Gewehr!“, brüllte Jeff wieder. Er hatte jetzt den Colt heraus und blickte nur auf den Kutscher.

„Hier ist dein Gegner!“, rief Barry da und riss seinen Revolver aus dem Futteral.

Jeff wirbelte herum. Doch schon sah er den bläulichen Blitz auf sich zukommen, spürte den harten Schlag und begann zu taumeln.

In diesem Augenblick drehte sich der Fahrer auf dem Bock herum und feuerte eine volle Schrotladung auf die Mexikaner. Das war der Beginn eines Infernos.

Jeff taumelte bis zur Felswand. Doch er fiel nicht. Mit äußerster Kraft riss er seinen Colt hoch, zielte auf Barry und drückte ab. Dann sank er zu Boden.

Barry war zur Seite gesprungen, fühlte aber, wie es brennend über seine Kopfhaut zischte und der Hut durch die Luft wirbelte. Als er Jeff fallen sah, richtete er den nächsten Schuss auf einen der Mexikaner. Aber er verfehlte den Gegner.

„Auf den Wagen!“, hörte Barry den Fahrer schreien.

Barry feuerte noch einmal auf die Mexikaner, sah, dass er einen der Gegner getroffen hatte, und sprang zur Kutsche. Die Pferde zogen an. Barry klammerte sich fest und zog sich zum Bock hinauf.

Der Fahrgast neben dem Kutscher feuerte mit dem Schrotgewehr auf die Mexikaner. Der Mann hielt zu hoch, und Barry riss ihm die Waffe aus der Hand. Dann schob er sich hinter die Postsäcke und griff hastig nach den Patronen, die ihm der Fahrer zuwarf.

Mit schnellen Griffen lud Barry nach. Indessen rückten die Mexikaner auf. Aus dem Rückfenster eröffneten zwei oder drei Fahrgäste das Feuer aus Revolvern auf die Verfolger.

Barry hatte indessen nachgeladen und gab die beiden Schüsse aus der Doppelläufigen ab. Die Wirkung war verheerend. Einer der ersten Verfolger stürzte vom Pferd, dem nächsten wurde das Tier unter dem Sattel getötet. Das stürzende Pferd behinderte die Verfolger für einige Sekunden. Indessen trieb der Kutscher sein Sechsergespann zur Höchstleistung an. Die Kutsche ratterte wild und schaukelte wie ein Schiff in schwerer See.

Unvermittelt blieben die Mexikaner zurück. Aber Barry glaubte nicht daran, dass sie aufgaben. Und doch erfüllte ihn etwas mit bitterem Triumph. Er hatte Tommy gerächt. Doch Owen lebte noch.

Bevor Barry seine Gedanken weiterspinnen konnte, erfuhren er und seine Schicksalsgenossen, warum die Mexikaner die Verfolgung aufgegeben hatten. Als die Straße bergab in ein breites Tal hineinführte, sah Barry die Mexikaner. Es waren mehr als dreißig Reiter, die dort versammelt waren und jedes Durchkommen unmöglich machten.

„Jetzt sind wir reif!“, brüllte der Fahrer zu Barry zurück.

Barry richtete sich auf. „Kannst du nicht umdrehen?“, rief er dem Kutscher zu.

„Schlecht, aber ich versuche es!“, erwiderte der Fahrer und zügelte die Pferde.

Die Straße war hier breit, aber nicht breit genug, um gut mit einem Sechserzug herumzukommen. Doch es gelang, und die Pferde rasten trotz der Steigung wieder zurück.

Da tauchten die vier noch übrig gebliebenen Mexikaner auf, die vorhin hinter der Kutsche geritten waren. Barry kniete sich auf den rumpelnden Kutschwagen und gab einen Schuss aus der Flinte ab. Einer der Mexikaner entging der gefährlichen Ladung um ein Haar und riss entsetzt sein Pferd herum. Die anderen legten die Gewehre an, und Barry erkannte deutlich, dass sie auf die Pferde der Kutsche zielten.

Er drückte noch den zweiten Schuss ab, warf die Flinte weg und griff nach dem Colt. Einer der drei verbliebenen Mexikaner sank gerade vom Pferd. Die anderen schossen, trafen aber nicht die Pferde, denn vom Wagenfenster aus eröffneten mehrere Fahrgäste ein Schnellfeuer auf die Banditen.

In panischer Hetze trieben die beiden Mexikaner ihre Pferde zur Flucht.

Trotzdem gelang es einem der Fahrgäste noch, den hinteren Reiter aus dem Sattel zu holen. Der vordere Bandit entkam in einen Seitencanyon.

Die Kutsche raste weiter, aber schon bald tauchten die Verfolger auf, jene Mexikaner, die im Tal gewartet hatten. Da sie an Schnelligkeit der Kutsche überlegen waren, rückten sie mehr und mehr auf.

Jetzt waren sie so weit heran, dass sie mit den Gewehren schießen konnten. Und sie unterließen es nicht, eine Salve nach der anderen auf den Hinterteil der Kutsche abzugeben. Die Geschosse prasselten in den Postkasten und schlugen durch das Holz des Coupes.

Dank ihrer Gewehre waren die Mexikaner im Vorteil. In der Kutsche schien niemand eine Büchse zu besitzen, und die Flinte, die Barry neben sich liegen hatte, trug nicht so weit.

Plötzlich schrie der Mann neben dem Kutscher auf.

Barry drehte sich um und sah, wie der Fahrgast den zusammengesunkenen Fahrer in den Armen hielt.

Mit einem Satz war Barry vorn, riss die Zügel aus den verkrampften Händen des schwerverletzten Fahrers und schob den Bewusstlosen zur Seite.

Die Hufe der Pferde trommelten zu einem Höllenmarsch den Fels. Barry langte nach der Peitsche, die auf dem Schoß des Verletzten lag und ließ sie hell knallen.

Die Geschosse der Mexikaner zischten über den Wagen. Barry konnte es nicht verhindern, dass der Mann neben ihm plötzlich nach vorn stürzte und den Verletzten mit vom Bock riss. Beide fielen auf die Deichsel und verschwanden im Staub.

Aus den Wagenfenstern wurde wie toll geschossen. Das hielt die Mexikaner davor zurück, noch näher an die Kutsche heranzukommen. Aber Barry wusste, dass ihnen ihre Beute sicher war, wenn es ihm nicht gelingen würde, den Dragoon-Pass mit Vorsprung zu erreichen.

Erst nach dem Pass würden die Mexikaner eine Verfolgung aufgeben müssen, weil sie in den Bereich der Vigilantentruppen von Benson gerieten.

Aber noch lag der Dragoon-Pass vor ihnen. Noch war es den Mexikanern möglich, die Kutsche seitlich zu überholen, denn dafür gab es vor dem Pass Wege und Pfade.

Das Blut rann aus der Streifschusswunde am Kopf über Barrys Stirn. Doch er achtete nicht darauf. Jetzt waren sie schon an der Stelle vorbei, wo Jeff und zwei Mexikaner lagen.

In halsbrecherischem Tempo ging es wieder bergab. Barry musste die Pferde zurückhalten, um sie vor schlimmen Stürzen zu bewahren. Doch das letzte Stück, kurz vor dem Berg zum Pass, trieb er sie noch an. In Karriere rasten die Pferde durch, kamen an die Steigung und schafften sie zur Hälfte in vollem Schwung. Die Mexikaner versuchten jetzt, auf dem einen Seitenpfad an der Kutsche vorbeizukommen, genau wie Barry es sich gedacht hatte. Aber aus dem Wagen krachten die Colts. Die Mexikaner ließen sich bluffen und wagten sich nicht zu nahe an die Kutsche heran.

Da aber hatte Barry mit seinem Gespann die Steigung geschafft, und die Hufe der Pferde schlugen dröhnend auf den Felsboden des Hohlweges im Dragoon-Pass.

Jetzt endlich gaben die Verfolger auf.

Vom Dragoon-Pass aus ließ Barry die Pferde im Schritt zu Tal gehen. Die Tiere waren restlos erledigt, und jedes Antreiben hätte sie auf der Stelle zusammenbrechen lassen.

Als es dämmerte, rollte der Wagen in Benson ein.

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Den Rest der Reise von Benson nach Tombstone machte Barry als Fahrgast mit. Neue Pferde und ein anderer Fahrer brachten die Kutsche wieder zum Ausgangspunkt zurück. Richter Berenson und seine Tochter hatten in Benson das Gefährt verlassen und waren außer Gefahr. Besonders für den Richter kam die Rettung in letzter Minute.

Barry trug einen Kopfverband. Jetzt, nach der Anspannung, war er völlig erschöpft, schweißnass und spürte heftige Kopfschmerzen. Er lag mehr, als er saß im Fond und achtete kaum auf seine Mitfahrer.

Barry dachte an Ellen. Er hatte im Trubel der Begrüßung in Benson keine Gelegenheit mehr gehabt, sie zu sehen..Mit dem Gedanken an das Mädchen schlief er ein. Sein Schlaf war die Forderung der Natur nach Ruhe, und trotz aller Schaukelei wachte er erst in Tombstone auf, als der Wagen vor der Wells-Fargo-Agentur hielt.

Schlaftrunken und mit rasenden Kopfschmerzen kletterte Barry aus der Kutsche. Seine Kehle war wie ausgedörrt, und er hoffte, mit dem Agenten bald einig zu sein, damit er ein anständiges Essen und dazu einen scharfen Schnaps trinken konnte.

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Der Agent empfing Barry entschieden freundlicher, ja fast schon freundschaftlich, obgleich sich beide nicht kannten. Es war ein nicht mehr junger, aber doch sehr energischer Mann mit durchschnittlichem Gesicht, der Barry die Hand drückte und ihn bat, sich zu setzen.

„Können Sie morgen reiten?“, fragte er Barry.

„Heute!“

„Gut“, erwiderte der Agent. „Hier habe ich den Brief von meinem Kollegen Dorch. Passen Sie gut auf, Barry!“ Der Mann beugte sich vor und sprach ganz leise, als er fortfuhr:

„Nicht Sie nehmen das Geld, sondern ein Anderer. Ich traue US- Marshal McNeill nicht übern Weg. Bis jetzt hat er die Transporte organisiert. Er hatte den Brief an mich schon geöffnet und wusste Bescheid. Für Sie packe ich falsches Geld ein, und wir hüten uns, es McNeill auf die Nase zu binden. Das richtige Geld aber nimmt eine planmäßige Stage-Mail mit nach Camp Bowie. Dazu wird meine eigene Frau mitfahren und das Geld unter ihren Kleidern verstecken. Sonst kann ich mit niemandem darüber sprechen, und Sie werden natürlich den Mund halten. Ich bin sicher, dass die Mexikaner schon jetzt wissen, dass Sie das Geld nach Camp Bowie bringen sollen. Ich kenne das; denn bisher wurde alles verraten. Diesen Plan aber kennen nur wir beide, Sie und ich. Jetzt bin ich gespannt, ob es diesmal gelingt.“

„Sie wollen mich also als Ablenkungsmanöver starten?“, fragte Barry wenig erfreut.

„Worauf kommt es Ihnen an, Barry? Auf den Erfolg, oder das Geld?“, fragte der Agent und sah Barry merkwürdig an.

„Auf den Erfolg - auf meinen Erfolg!“, erklärte Barry.

„Gut, ich kann Sie verstehen. Sie wollen wieder eine saubere Weste anziehen und brauchen gute Seife in Form von guten Taten. Das, was Sie tun sollen, ist gut, denn je mehr Sie die Mexikaner beschäftigen, desto sicherer kommt unser Wagen durch! Aber auch Sie müssen durchkommen, damit nicht noch ein Überfall vor den Toren Camp Bowies stattfindet. Wir werden die Kutsche so starten, dass Sie in der Zeit ungefähr den halben Weg hinter sich haben. Es wird eine Kutsche sein, die nur Passagiere transportiert.“

„Es gefällt mir zwar wenig, dass Sie mich als Köder auswerfen, aber ich mache mit. Allan Dorch zuliebe.“

„Ich traue Ihnen auch, aber davon merken Sie später noch mehr“, erklärte der Agent. „Kommen Sie mit, ich will Ihnen das Geld geben! Vorher eine ernste Mahnung: Tun Sie immer so, als hätten Sie das richtige Geld. Die Mexikaner sind keine Idioten! Versuchen Sie, möglichst ungesehen durchzukommen. Werden Sie gefasst, dann ist natürlich alles vorbei! Aber das Geld ist nicht echt, und die Banditen haben das Nachsehen.“

Wenig begeistert ließ sich Barry einen großen grauen Leinensack aushändigen, der plombiert war und den Aufdruck der Bank von Arizona trug. „Es sind knall hunderttausend Dollar drin - in falschem Geld!“, flüsterte der Agent.

Den Sack auf der Schulter, ging Barry mit dem Agenten in den Frachthof. Zwei bullige Männer traten auf einen Wink des Agenten näher und blieben hinter Barry.

„Diese Männer“, erklärte der Agent, „bringen Sie zum Stadtrand. Aber jetzt suchen Sie sich erst die beiden besten Pferde aus!“

Barry sah im Korral keinen schlechten Gaul. Der Ruf der Wells Fargo, die besten Pferde der USA zu besitzen, schien zu stimmen.

Ein mächtiger Falbhengst und ein ebenso kräftiger Fuchswallach fanden Barrys Gefallen. Er wählte sie aus den drei Dutzend Reittieren aus, die der Wells Fargo zur Verfügung standen.

„Der Hengst heißt Yellow, ist ein wunderbares Pferd - das beste, was wir hier im Korral haben“, meinte der Agent. „Der Fuchs heißt Reddy.“

Wenig später konnte Barry los reiten.

Der Agent beugte sich noch einmal zu Barry und flüsterte mahnend: „Tun Sie um Himmels willen immer so, als wäre das Geld echt. Sobald Sie nachlässig werden, könnten die Greaser hinter den Trick kommen.“

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In den frühen Stunden, da die Sonne noch nicht über die Felsgrate im Osten schien, erreichte Barry den Abstieg nach Camp Bowie. Kurz vor neun Uhr ritt er in die Stadt ein - unangefochten, ohne Aufenthalt, wie nach einem zwar anstrengenden, aber harmlosen Geländeritt.

Barry zügelte vor der Agentur die Pferde und saß ab. Kaum wurde er gesehen, stürzten zwei Stallburschen auf ihn zu und bestürmten ihn mit Fragen. Barry ließ sich ohne zu antworten todmüde aus dem Sattel gleiten und wankte ziemlich erschöpft ins Büro. Die Satteltasche schleifte er wie einen alten Sack hinter sich her.

Allan Dorch starrte ihn an wie ein Wunder. Der bullige Mann thronte hinter seinem Schreibtisch und war offenbar nicht fähig, den Mund zu schließen, den er vor Verblüffung offenhielt.

„Mach die Klappe zu, Allan, ich bin da, aber mit den Flöhen ist es nichts“, meinte Barry und ließ sich in den Korbsessel fallen.

„Überfallen?“, fragte Allan erregt, und sein Holzbein polterte auf der Diele.

Barry schüttelte den Kopf. „Ich habe Falschgeld. Ein Trick deines Kollegen in Tombstone. Das richtige Pulver kommt mit der Kutsche.“

„Zeig mal her den Plunder!“, meinte Allan enttäuscht und mit ziemlicher Skepsis.

In diesem Augenblick betrat Wyman das Büro. Er strahlte Barry an und fragte ihn: „Hast du das Geld, Barry?“

„Ja, aber das falsche.“

„Das falsche?“, fragte Wyman und trat etwas zurück, so, als wollte er sicheren Abstand gewinnen. „Barry Bass, rede keinen Unsinn! Ich lasse nicht mit mir spaßen. Wenn du das Geld nicht mitgebracht hast, kannst du dir gratulieren, mein Sohn! Dann bist du reif!“

„Nur die Ruhe! Hier ist ein Brief vom Agenten!“, meinte Barry.

Allan riss den Umschlag auf und las laut vor: „In der Satteltasche des Kurierreiters Barry Bass befinden sich 96 500 Dollar in bar! Es sind folgende Geldnotenbündel...“ Bevor Allan die ganzen Seriennummern aufsagen konnte, brüllte Wyman: „Du verdammter Schuft hast Pech gehabt! Falschgeld! Von wem hast du es bekommen, he?“

Barry sprang wütend auf und schleuderte den Geldsack vor Wymans Füße. „Siehst du nicht, du Büffel, dass der Sack noch plombiert ist?“

„Haha, Leute wie du können verdammt gut eine Plombe aufmachen, ohne dass unsereiner davon etwas erkennt“, erwiderte Wyman.

Allan nahm sein Messer und schnitt den Sack auf. Die Notenbündel quollen heraus.

Erschrocken starrten die Männer auf die gebündelten Scheine.

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Als Rep die Mexikaner sah, die den Weg versperrten, hielt er die Pferde zurück und zog die Bremse durch. Gut hundert Schritte vor ihnen brachte er das Gespann zum Stehen und wartete dann, bis die Banditen mit vorgehaltenen Gewehren heran ritten.

Einer der Mexikaner, den Rep schon öfters in Camp Bowie gesehen hatte, rief zu ihm hinauf: „Wie viel Mann sind im Wagen?“

„Vier, und sie sind harmlos wie mein linkes Stangenpferd!“, erwiderte Rep.

Der Mexikaner nickte zufrieden, da von diesem Alten offenbar kein erbitterter Widerstand drohte.

„Wo ist die Post?“, fragte der Anführer, in dem Rep den Mexikaner Anselmo wiedererkannte.

„Keine Post dabei!“, erklärte Rep und stopfte sich ungerührt die Pfeife, als rechne er mit längerem Aufenthalt.

„Wir werden den Wagen durchsuchen. Eh, Passagiere heraus!“, brüllte Anselmo.

Die vier Burschen, die als Passagiere fungierten, stiegen aus. Etwas unsicher hoben sie die Arme.

„Stellt euch mit dem Gesicht zur Kutsche“, rief Anselmo. „Kutscher, Hände hoch!“

Rep gehorchte. Die Zügel hob er mit in die Höhe. Zwei der Mexikaner richteten ihre Gewehrläufe auf Rep. Doch der dachte nicht daran, in irgendeiner Form Widerstand zu leisten.

Anselmo rief seinen Männern in deren Landessprache einen Befehl zu. Drei der elf Männer saßen ab und gingen zur Kutsche. Sie stiegen ein und begannen emsig im Inneren zu hantieren.

Plötzlich hörte Rep einen von ihnen rufen. Anselmo saß ebenfalls ab und rannte zum Wagen. Mit Freudenschreien warfen die Männer kleine Rupfensäckchen auf den Weg. Und erst als ein ganzer Haufen davon dalag, kletterten sie wieder ins Freie.

„Wir sind großzügig, Gringos, steigt ein! Die Kutsche kann weiterfahren!“, erklärte Anselmo in einer Anwandlung von Toleranz.

„All right, dann steigt ein, Männer!“, rief Rep vom Bock. Die vier Burschen kletterten erleichtert wieder in den Wagen. Der Schlag knallte zu, die Pferde zogen an. Ratternd brauste die Kutsche davon.

Anselmo ließ die Rupfenbeutel einpacken, in den Satteltaschen verstauen, damit nur ja keiner der Männer einen Beutel entwenden konnte.

Nach vierstündigem Ritt durch das sonnenheiße Gebirge erreichten die Reiter ihren Raubhorst.

Anselmo ließ die Beute sofort zum Jefe schaffen. Misstrauisch behielt er die Träger im Auge und nahm nicht einen Moment lang die Hand vom Gewehrabzug.

Owen, der jetzt als Revolvermann zu dieser Bande zählte, stand auf, schlug sich den Staub von den Hosen und kam mit in den Gürtel gehakten Daumen lässig näher. Sein stoppeliges Gesicht war vor Interesse gespannt.

„Bleib, wo du bist! Hier lassen wir keinen Fremden rein riechen!“, rief ihm Anselmo zu.

Owen war nicht der Typ, der sich von einem Mexikaner zurück scheuchen ließ. Als hätte er nicht verstanden, ging er weiter.

Anselmo wurde von Bandenchef Don Esteban abgelenkt, bevor er Owens Gegenwart verhindern konnte. Don Esteban trat lächelnd, siegessicher lächelnd, vor die aufgestapelten Beutel.

Er zog einen Säbel und stach theatralisch in einen der Beutel, spießte ihn auf und schwenkte ihn in der Luft. „Es ist unser. Zähle es, Anselmo!“

Mit seinem Dolch schnitt Anselmo einen Beutel auf und zog das Notenbündel ans Tageslicht.

„Zähle, Anselmo, zähle!“, rief Don Esteban gierig, und seine Augen rollten vor Erregung.

Anselmo schnitt die Banderole durch - und da brach Owen in wildes Gelächter aus, das die Mexikaner entsetzt zusammenfahren ließ.

„Was soll das?“, ereiferte sich Don Esteban, und Anselmo ließ vor Zorn einige Scheine fallen.

Owen versuchte seinen Lachreiz zu bezwingen und deutete mit der Fußspitze auf einen der am Boden liegenden Scheine. „Seht ihr es nicht? Es ist abgestempelt - es ist wertlos!“

Und dann begriffen die Mexikaner. Hastig zogen sie einen Beutel nach dem anderen auf, rissen die Bündel heraus - und nur die oberen und unteren Scheine waren echt. Alles, was dazwischen lag, war abgestempeltes Geld - wertloser Plunder, den niemand abnahm.

„Sie haben euch reingelegt!“, höhnte Owen. „Hättet ihr auf mich gehört und diesen Barry Bass auf alle Fälle geschnappt. Aber ihr wusstet alles besser - ihr Narren!“

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Verdammt, Barry, das Geld ist doch echt!“, rief Wyman überrascht.

„Sieh es dir genau an, bevor du solche Töne spuckst!“, meinte Barry, doch er war selbst verblüfft. Das Geld sah wirklich echt aus. Sie rissen die Banderolen herunter, blätterten die Scheine durch - alles ungestempeltes, echtes Geld.

„Dein Witz war nicht schlecht, aber unfair!“, sagte Allan und ließ sich erschöpft in seinen Sessel sinken. „Nun, ich will es dir nicht nachtragen, aber mit solchen Sachen sollte man nicht scherzen.“

„Zum Teufel, ich scherze nicht!“, begehrte Barry auf.

Als aber Barry zu erzählen begann, kam es auch Rep zum Bewusstsein, wie bitter dieser Sieg erkauft wurde. Von den acht Begleitreitern, die vor Tagen mit den Mexikanern gekämpft hatten, um der Kutsche Vorsprung zu verschaffen, fehlte jede Spur, und obgleich es weder Allan noch Wyman aussprachen, bestand kein Zweifel über das Schicksal der acht Männer.

Wyman setzte mit einem Ausspruch den Strich unter Barrys Bericht. „Wir werden ab heute einen regelmäßigen Fahrdienst aufleben lassen. Camp Bowie – Tombstone und zurück. Ich habe mir alles gründlich überlegt. Wir werden Benson nicht mehr anlaufen, denn dorthin kann man von Tombstone aus gelangen. Wir werden eine Woche lang die Wagen täglich nach Tombstone schicken, zwar ohne Fracht, dafür aber mit tüchtigen Schützen. Ich will weiter sehen, dass ich zehn Begleitreiter auftreibe. Ich will es nicht aussprechen, aber ich kenne einen Mann unter uns, der besser als jeder andere imstande ist, Don Esteban zu fassen.“

Barry bemerkte, dass ihn die anderen ansahen. „Du meinst mich, Wyman?“, fragte er.

„Ja, ich meine dich, Barry.“

„Ich bin einverstanden“, stimmte Barry nach kurzem Überlegen zu.

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Barry war seit gestern wieder unterwegs. Auf Yellow ritt er in die bizarre Bergwelt hinein, ständig in der Gefahr, in einen Hinterhalt zu gelangen.

Gegen Nachmittag zügelte er den Falbhengst und ließ ihn im Schatten eines rotbraunen Felsens im dürren Berggras weiden. Er selbst saß ab und legte sich zu einer Siesta auf den Boden.

Der Hengst graste nicht lange. Plötzlich hob er den Kopf und spitzte die Ohren. Barry war sofort auf den Beinen und tastete nach seinem Revolver. Da sah er auch schon den Reiter, der im Schritt eine Schotterhalde herunterritt. Allein das Pferd sollte Barry unter Tausenden wiedererkennen. Diesen Pinto, den alten Schecken, kannte er zu genau. Doch auch der struppige Reiter war ihm nur zu gut bekannt.

Barry zog seinen Revolver und ließ den Hammer zurückschnappen. Dann wartete er.

Owen musste ihn schon lange gesehen haben, zumindest sein Pferd. Aber der ehemalige Kumpan kam näher.

Misstrauisch blickte sich Barry um, ob nicht noch ein zweiter Reiter zu sehen war. Aber Owen schien wirklich allein zu sein.

Vor Barry zügelte Owen seinen zottigen Schecken. Dann grinste er Barry belustigt an. „Du bist dümmer, als ich dachte, Barry!“, sagte er in brutaler Offenheit. „Wie kann ein Mann, der nicht als Idiot auf die Welt gekommen ist, fünfundneunzigtausend Dollar verschenken?“

„Bist du gekommen, mir das mitzuteilen?“, fragte Barry und richtete den Colt auf Owen.

Owen zeigte sich unbeeindruckt. „Unter anderem, Barry. Außerdem habe ich den Auftrag, dir ein Stück heißes Blei in den Magen zu filtrieren, was mir wiederum siebenhundertfünfzig Bucks einbringt. Aber ob du’s nun für möglich hältst oder nicht, ich werde es nicht tun, auch wenn du keine Stange in der Hand hättest.“

„Ich nehme an, du bist gekommen, um mir einen Strauß roter Rosen zu bringen, wie?“, spottete Barry.

„Nicht ganz“, erwiderte Owen und drehte sich eine Zigarette, ohne auf Barrys Revolver zu achten. „Ich dachte mir nur, dass du vielleicht einen großen Coup vorhast - und ich bin immer gern von der Partie, wenn es etwas zu verdienen gibt.“

„An deiner Stelle würde ich mir da ein anderes Feld suchen! Ich würde sogar sagen: Reite weit weg, vielleicht nach Montana hinauf! Aber hier bleibe nicht, Owen! Für Leute wie dich wird das Klima verdammt ungesund.“

Owen lachte trocken auf. „Ich bin es gewöhnt, im ungesunden Klima zu leben, Barry! Man hat mich mit Whisky aufgezogen, und ich hörte, dass der auch ungesund sein soll. Du siehst, ich wurde trotzdem ein gesunder Bursche. Ich muss sogar sagen, dass mir die Luft zur Zeit hier mächtig behagt. Ich spüre Gewitterstimmung, und die liebe ich!“

„Lass deine Pfoten aus der Umgebung deiner Revolver, Owen!“, mahnte Barry, als Owen wie zufällig über den Coltgriff an seinem Gürtel tastete.

Owen lächelte verlegen und nahm die Hand wieder nach vorn. „Du könntest deine Kugelspritze ruhig wegstecken, Barry! Ich will kein unreelles Geschäft mit dir machen. Wie denkst du über den Vorschlag, mit mir eine neue Firma zu gründen, so wie die Dinge liegen?“

„Auf wen wartest du, dass du Zeit schinden willst?“, erkundigte sich Barry eisig.

„Auf niemanden, Barry! Zwar ist Anselmo hinter mir, aber so schnell ist der nicht hier. Ich habe ihn abgeschüttelt. Sollte er auftauchen, wirst du mich auf deiner Seite finden, Sohn!“

Barry war sich nicht schlüssig, was Owen vorhaben könnte. Er kannte den Kumpan zu gut, um zu vergessen, wie gefährlich dieser Bursche war. Aber gleichzeitig hatte er das Gefühl, Owen könnte es diesmal doch ehrlich meinen.

„Wie es auch sei, ich reite nie mehr die alte Straße! Mein Weg liegt fest, unverrückbar fest, Owen!“

Owen schüttelte bedauernd den Kopf. „Barry, denk doch an die Zeit, da wir noch Schulter an Schulter gekämpft haben, eine herrliche Zeit, Barry. Sicher, Jeff hat sich wie ein Schwein benommen, als er Tommy erschoss. Ich habe das nicht verhindern können. Aber das hast du doch längst aufgehoben. Wir aber, du und ich, haben nie etwas gegeneinander gehabt, ja, ich mag dich heute noch so wie früher! Überleg nicht lange, Barry, reite mit mir! Die Zeiten sind günstig!“

„Und wenn du mit mir reitest? Vielleicht findest du auch den besseren Weg, Owen?“, mahnte Barry.

„Ich nicht, Barry, ich nicht. Du hast deine Zeit abgesessen, dir steht das noch offen, wenn du es auch nie schaffen wirst. Aber ich werde gesucht, Barry! Für mich gibt es kein Zurück!“

„Glaubst du, dass dir noch einer etwas nachträgt, wenn es dir und mir gelingt, die Mexikaner unschädlich zu machen?“, fragte Barry.

Owen riss vor lauter Staunen Augen und Mund auf. „Mann, bist du denn völlig vom Verstand verlassen? Das sind mehr als hundert Mann! Die machen wir nie unschädlich. Und überhaupt, Barry, warum denn? Es lässt sich viel ausrichten - im Schatten der Greaser sozusagen. Die Brüder spielen Befreiungsarmee. Dieser Don Esteban, der arme Irre, glaubt ja selbst daran, dass er ein Nationalheld Mexikos ist. Wir können hinter ihrem Rücken verdammt reich werden!“

Barry hatte nur einen Augenblick in seiner Aufmerksamkeit nachgelassen. Einen kleinen Moment. Owen genügte das. Plötzlich war er wieder der Tiger. Seine Augen leuchteten gefährlich, nichts von Verständnis und dem, was er eben alles gesagt hatte, war darin zu lesen.

Es ging sehr schnell. Owen ließ die Hände zu seinen Colts fliegen. Mit einem Sprung, durch den er berühmt geworden war, hechtete er vom Pferd, ohne sich mit der Hand abstoßen zu müssen. Und während des Sprunges riss er die Colts heraus. Das war Owens alter Trick.

Für Barry reichte die Zeit, zur Seite zu springen. Aber er kam nicht zum Schuss; denn Owen war durch seinen struppigen Pinto gedeckt. Und als Owens Oberkörper hinter dem Schwanz des Gaules auftauchte, hatte der Bandit die beiden Colts in der Hand.

Barry schoss, sprang zur Seite, ließ den Hammer zurückschlagen und schoss wieder.

Owen feuerte nur einmal aus beiden Colts. Barry wurde an der Schulter herumgerissen und taumelte gegen die Wand. Er sah Owen auf den Knien hinter dem Pferd. In diesem Augenblick gab Owen die zweite Salve ab.

Mit äußerster Kraft stieß sich Barry von der Felswand ab und warf sich platt auf den Boden. Dann dröhnte sein Colt ein drittes Mal.

Aber es war Owen, mit dem er kämpfte, und Owen fiel nicht mit zwei Schüssen. Er kniete noch immer, und seine Colts spuckten erneut Hölle und Verderben.

Barry wurde der Hut vom Kopf gerissen. Etwas schlug heiß an seine Hand, die den Revolver hielt. Er sah das Blut aus der offenen Wunde rinnen, aber noch gehorchten ihm die Muskeln. Und er drückte wieder ab.

Zusammenfassung

13 Western für den Sommer 2018
von Alfred Bekker, Pete Hackett & Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1500 Taschenbuchseiten.
Männer im Kampf um Recht und Rache. Abenteuer in der einzigartigen Weite des amerikanischen Westens, in Szene gesetzt von Top-Autoren der spannungsgeladenen Unterhaltung.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Pete Hackett: ...dann gnade dir Gott!
Alfred Bekker: Höllenjob in Kansas
Glenn Stirling: Gib dem Glück die Sporen!
Alfred Bekker: Dunkler Prediger
Pete Hackett: Dem Colt gehört das letzte Wort
Pete Hackett: Mit eiserner Faust
Pete Hackett: Pulverdampf am Minam River
Pete Hackett: Marshal Logan und der Trail des Verderbens
Pete Hackett: McQuade und der Mächtige von Benson
Pete Hackett: McQuade und der Desperado
Pete Hackett: Marshal Logan und die blutige Heimkehr
Glenn Stirling: Jagd auf Jassys Baby
Glenn Stirling: Entscheidung in Redford Springs

Details

Seiten
1300
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916805
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (August)
Schlagworte
western sommer

Autoren

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Titel: 13 Western für den Sommer 2018