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Der Ewige Kreis

2018 300 Seiten

Leseprobe

Der Ewige Kreis

Konrad Carisi

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Der Ewige Kreis

Geschichten von Konrad Carisi

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 266 Taschenbuchseiten.

Ob phantastische oder Science-Fiction-Geschichten, Vampir- oder Kriminalromane, in diesem Sammelband der Romane Konrad Carisis ist für jeden etwas dabei, der ungewöhnliche Geschichten zu schätzen weiß.

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Dieses Buch beinhaltet folgende Geschichten:

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-Der Ewige Kreis

-Der Schlüssel – Eine Vampirgeschichte

-Trouble in Tallinn

-Die Jagd nach der Ewigkeit

-Die Erhabenen

-Rasterfahndung

-Der Zettel

-Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus

-James Watson und der Mord ohne Leiche

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Der Ewige Kreis

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Ich betätige die Eingabebestätigung und blicke auf den Bildschirm. Eine schematische Darstellung verrät mir, dass die Frachter vom Mond Titan planmäßig auf Luna-Aldrin ankommen werden. Dann wechsele ich auf dem Bildschirm zur Außenkamera, um mir das Schauspiel anzusehen. Die großen, langgezogenen Frachter fliegen wie Wale voller Helium-3 zum Mond herab. Dort, ein Stück über der Siedlung Luna-Aldrin, die in den Rand eines Kraters gebaut wurde, werden sie andocken und entladen. Ich und die gut dreihundert Mondbewohner, die es aktuell in Luna-Aldrin gibt, leben ein Stück weiter in den Fels hinein. Dabei zieht sich die Siedlung mehr in die Tiefe an der Kraterwand herab, als dass sie in die Breite gehen würde.

Es gab ein kleines Problem mit dem automatisierten Leitsystem, aber meist habe ich mit der Überwachung der Systeme kaum etwas zu tun. Ich setze mich auf mein Sofa und schalte auf dem gegenüberliegenden Wandschirm auf eine andere Außenkamera.

Ich betrachte den Erdaufgang und merke, wie gleichgültig er mir ist. Ich erinnere mich noch daran, dass er das einmal nicht war. Es gab eine Zeit, als er mir den Atem raubte, jeden Morgen aufs Neue, wenn meine kleine Parzelle auf dem Mond sich nicht nur zur Sonne drehte, sondern dabei auch die Erde ins Blickfeld geriet. Ich weiß, wie sich meine kleinen Härchen auf den Armen aufstellten und es mir den Atem verschlug. Wie lange ist das jetzt her? Sicherlich vierunddreißig Jahre. Da gab es die Mondsiedlung schon beinahe achtzig Jahre, glaube ich. Oder nein, das war, als ich noch mit der dunkelhaarigen Schönheit zusammen war. Wie war noch gleich ihr Name? Ich setze meine Tasse schwarzen Tee auf das Tischchen neben mir. Langsam flutet das Sonnenlicht mein Zimmer. Die Fenster sind fast einen Meter dick, doch entpolarisieren sie sich automatisch, um das Sonnenlicht durchzulassen. Limata, ja so hieß sie. Sie hatte dunkle Locken, die mich faszinierten, und diese seltsame Betonung der Konsonanten. Es war süß, ihr einfach zuzuhören. Ich glaube, sie wollte ein Kind, hat aber keines genehmigt bekommen. So etwas wird heute sehr streng von den Vereinten Nationen überwacht, um eine Überstrapazierung der Menschheit zur Verfügung stehenden Ressourcen zu vermeiden. Immerhin sterben wir nicht mehr in dem Sinne. Schon lange können wir das biologische Altern aufhalten, da mussten strenge Geburtenkontrollen eingeführt werden. Nur hin und wieder darf man dann doch ein Kind zeugen. Manchmal sind es ein paar mehr, weil viele Menschen auf der Welt entschieden haben zu sterben. Ich muss gestehen, ich weiß gar nicht, wie man das beantragt.

Ich stehe auf und strecke mich. Wie alt bin ich biologisch eigentlich nun? Vierundfünfzig müsste es sein. Limata war jünger und so unersättlich. Irgendwann im letzten Jahrhundert hatte ich die Lust am Sex verloren, doch ihre Experimentierfreudigkeit hatte sie neu entfacht.

Ich gehe zum Essensspender und wähle auf dem berührungsempfindlichen Menü eine Mahlzeit aus. Eine grüne Flüssigkeit landet im Glas. Ich nippe daran und verziehe den Mund zu einem Lächeln. Wie oft habe ich das schon getrunken? Es ist mein liebstes Nahrungsergänzungsgetränk. Ich versuche zu zählen, wie alt ich bin und brauche eine ganze Weile. Als ich das Glas leergetrunken habe, komme ich auf vierhundertzweiundneunzig Jahre und sechs Monate, aber nur die, von denen ich weiß. Vielleicht war ich ja schon mal Kunde bei der Firma „Der Ewige Kreis“.

Ich gehe zurück zu meinem Platz mit der wundervollen Aussicht. Vierhundertzweiundneunzig, die Zahl erinnert mich an etwas: den vierten September. Da habe ich mal eines der ältesten Pterodaktylen-Fossilien gefunden, nur wo genau, darauf komme ich nicht mehr. War es in China? Ich war beinahe ein Jahrhundert ein Paläontologe. Es war mein erster Beruf in diesem Leben. Wer so lange lebt, macht irgendwann mehrere Berufe.

Ich rufe die Broschüre des „Ewigen Kreises“ über den Berührungssensor im Tisch auf. Sie schwebt Holografisch projiziert vor mir in der Luft. Dann lese ich weiter. Ich habe sie schon länger im Postfach ohne sie abzurufen, sie ist mir eines Tages einfach zugeschickt worden. Sie bieten seit einem Jahrtausend dasselbe Produkt an, ohne ein Problem der Nachfrage. Sie sind direkt von der UN mitfinanziert, steht jedenfalls im Kleingedruckten. Seit man die Telomerverlängerung erfunden hat, gibt es keinen Endpunkt mehr in unseren Leben. Wir altern einfach nicht mehr. Natürlich kann man noch durch Unfälle sterben oder Mord, aber das sind abstrakte Dinge, die selten in der eigenen Nähe passieren. Die Werbebroschüre des Ewigen Kreises erklärt mit wenig Text und einigen schönen Bildern, wie man die Ewigkeit spannender beschreiten kann: Man behält die Jugend durch die Telomerverlängerung. Sterben kann man nicht mehr am Alter, aber man kann sich resetten lassen. Wer des Lebens überdrüssig wird, wird vom Ewigen Kreis ohne Erinnerungen in ein neues Leben entlassen.

Unsere Leben sind lang, es gibt staatlich bezuschusste Anbieter, die einen massiv verjüngen mit einer Telomerkur. Man behält die Zellteilung eines Mittzwanzigers und somit altert der Körper einfach nicht. Beim Ewigen Kreis, geht es laut dieser Werbung darum, jede Erfahrung noch einmal zum ersten Mal zu machen. Sie wollen das Gehirn löschen und mir die Chance geben, wieder erste Male zu haben.

Ich blicke hinauf zur Erde und sehe meine eigene Spiegelung im durchsichtigen Mischstoff, der das Fenster darstellt. Wir haben uns sehr viel Zeit gelassen, bei der Besiedlung des Weltraums. Meine Augen sehen anders in der Spiegelung aus als noch damals, als ich mit Yuki Kitama ein Kind zeugen durfte. Wie alt der Kleine wohl inzwischen ist? Möglicherweise hat der kleine Racker sich schon resetten lassen. Na ja, gut ein kleiner Racker dürfte er auch nicht mehr sein. Ich sehe in meine alten Augen und frage mich, wie lange es mich wirklich gibt. Wurde ich schon oft wiedergeboren? Es ist ein wenig wie im Buddhismus, wenn ich mich nicht irre. Nur ist es eine Wiedergeburt mit Ansage, mit Garantie. Man weiß, dass man ein neues Leben bekommt und muss nicht an diesen spirituellen Mist glauben. Mag ich auch eine unsterbliche Seele haben, die Option auf Wiedergeburt ist nicht so beruhigend wie diese Broschüre, die mir ein neues Leben garantiert. Der Ewige Kreis, wie sich die Firma offiziell nennt, hat einfach bessere Garantien. Gott druckt mir leider keine Hochglanzbroschüre, ich muss ihm einfach so glauben.

Ein neues Leben erwartet Sie, tausende erste Male, verspricht mir der Ewige Kreis in beruhigenden dunkelblauen Buchstaben. Der Text wird vor mir in die Luft projiziert.

Ach ja, ein erstes Mal ... ich erinnere mich noch, wie ich das erste Mal mein liebstes Buch gelesen habe. Es war von Jack London, ein Reisebericht. Es war ein wahnsinniges Unterfangen, eine Fahrt mit dem Boot um die Welt. Es musste scheitern und doch schrieb Jack London so ehrlich und mit Witz über sein Abenteuer, dass es mich in seinen Bann zog. Wie alt war ich da? Vielleicht gerade einmal vierzig?

Ich kann mich nicht erinnern. Schade, dass ich es mir nicht selbst bereitlegen kann, um es nach dem Eingehen in den Ewigen Kreis wiederzufinden und es so erneut zum ersten Mal lesen kann. Das steht hier extra mehrmals. Es ist nicht gestattet, sich selbst etwas zurechtzulegen oder Nachrichten zu hinterlassen.

Aber würde ich das Buch von Jack London dann immer noch mögen? Vielleicht musste auch das richtige Buch auf einen Jungen treffen, der eben bestimmte Erlebnisse gemacht hatte.

Sterben will ich noch auf keinen Fall, aber etwas Neues zu haben, das wäre doch reizvoll.

Ich sehe hinaus und seufze, als ich eine Entscheidung treffe. Dann nehme ich meinen Kommunikator und wähle die Nummer, die in der Werbung des Ewigen Kreises angegeben ist.

„Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“

Es ist eine synthetische Stimme, vermutlich kein Mensch, sondern eine Maschine. Man merkt es am Ende der Wörter, eine leichte Pause, ein Zögern.

„Ich habe mir Ihr Angebot angesehen und würde gerne eine Löschung vornehmen. Ich will wieder alles zum ersten Mal tun“, sage ich. Einen Moment herrscht Stille.

„Natürlich, Sie können jederzeit vorbeikommen. Sie benötigen keinen Termin, es ist immer eine Kapsel für Sie frei.“

„Kapsel?“

„So nennen wir die Vorrichtung, in der Sie unsere Dienstleistung empfangen.“

„Dankeschön“, sage ich.

„Wir freuen uns über Ihren Besuch“, fügt die Stimme noch hinzu. Es ist eine dieser vorprogrammierten Ansagen, die einigermaßen antworten können. Da ist kein Mensch am anderen Ende, nur eine Maschine, die so tut als ob.

„Danke“, sage ich und lege auf. Wieder das erste Mal den Aufgang der Erde sehen, das wäre doch was. Das System hat mich automatisch mit der Firmenniederlassung des Ewigen Kreises auf dem Mond verbunden, es wäre noch nicht einmal ein weiter Weg für mich.

Ich stehe auf und setze mein Glas weg.

Dann ziehe ich mir meine Jacke an und gehe zur Filiale des Ewigen Kreises.

Dort erwartet mich eine Frau hinter einem Schreibtisch. Ihr Arbeitsplatz ist völlig leer, keine Möglichkeit wirklich an ihm zu arbeiten, keine Eingabemöglichkeiten für irgendwelche Texte und kein Bildschirm. Deswegen glaube ich nicht, dass es ein Mensch ist. Es ist nur ein gutes Mensch-Maschine-Interface. Die MMIs sind keine wirklichen Roboter, sie sind nur bessere Tastaturen, bei denen wir auswählen können, was wir wollen.

„Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“

„Ich möchte Mitglied werden im Ewigen Kreis.“

„Sie wollen eine vollständigen Neuanfang? Aber natürlich. Ein Mitarbeiter wird gleich für Sie da sein.“

Sie sieht mich eine Weile starr an, da bemerke ich, dass sie auch zu selten blinzelt für einen Menschen. Ich habe einmal ein halbes Jahrhundert bei der Produktion solcher Maschinen geholfen, ich achte unwillkürlich darauf.

Eine Tür geht auf. Eine Frau mit denselben ebenmäßigen Gesichtszügen wie die „Dame“ an der Rezeption steht dort in einer dunklen Hose, einer adretten blauen Bluse und einem Kittel.

Ihre Haarfarbe ist nicht schwarz wie die derjenigen an der Rezeption und ihre Augen sind dunkelgrün.

Sonst unterscheiden sie sich nicht, vermutlich noch weniger als eineiige Zwillinge. Oft kauft ein Unternehmen nur ein MMI und benutzt es dann in minimaler Variation für alle wichtigen Funktionen. Deswegen gibt es sprichwörtlich den Whoorl-Kerl, der ist das Gesicht einer bekannten Fastfoodmarke mit einem goldenen W als Zeichen.

„Bitte, folgen Sie mir“, sagt das MMI. Ich schließe zu ihm auf. „Sind Sie bereits mit unseren Geschäftsverbindungen vertraut?“

„Wiederholen Sie die Geschäftsbedingungen bitte“, sage ich. Ich kenne nur den Text aus der zugesandten Broschüre und somit die Kurzform.

Sie führt mich durch einen Korridor in einen Warteraum und leiert währenddessen die Geschäftsbedingungen des Ewigen Kreises herunter.

Vieles davon ist nicht unbedingt ungewöhnlich, es ist klar, dass dieser Vorgang nicht rückgängig gemacht werden kann und dass zwar meine Pflege bezahlt wird, falls etwas schief geht, aber die Firma sich völlig von Schuld freispricht, falls es nicht wie gewünscht klappt.

Es könnte sogar sein, dass ich nur einen Teil meiner Erinnerungen verliere und auch dann hätte ich keinen Anspruch auf eine zweite Prozedur. Im Gegenteil, die sei dann medizinisch nicht empfehlenswert.

Ich höre mir das alles an und warte, bis schließlich ein echter Mensch in den Raum tritt.

Der Mann ist jugendlich wie ich, wobei er aussieht, als hätte er in jüngster Zeit eine Frischzellenkur genossen. Er hat dunkles Haar und trägt einen Arztkittel. Sein Händedruck ist kräftig, als er mich begrüßt. Es ist ein echter Mensch.

„Doktor O‘Relly mein Name. Schön, Sie hier begrüßen zu dürfen. Tut mir leid, dass Sie warten mussten, wir arbeiten hier alle in Bereitschaft. So viele kommen auf dem Mond nicht jeden Tag her, als dass wir eine große Anzahl von Beschäftigten ständig da haben müssten. Sobald die Prozedur herum ist, ist für uns auch nichts mehr zu tun.“

Er lächelt gewinnbringend und führte mich in einen kreisrunden Saal, in dessen Mitte eine Kugel aus Metall steht. Sie ist durch eine Reihe von Schläuchen und Kabeln mit der Decke verbunden.

„Darin passiert es?“, frage ich. Ich bin ein wenig aufgeregt, muss ich zugeben. All diese neuen Dinge, die ich zum ersten Mal tun werde, so viele Möglichkeiten.

„Ja, da drin wird Ihnen das Gedächtnis gelöscht.“

„Wie?“

„Na ja, wir trennen gezielt ein paar Synapsen ab und nutzen den körpereigenen Mechanismus, mit dem Informationen überschrieben werden. Es ist normalerweise nicht vorgesehen, dass man so viel vergisst, aber die Veranlagung zum Vergessen haben wir alle. Es ist schon seit Jahren erprobt, da müssen Sie sich keine Sorgen machen.“

„Haben Sie es schon oft getan?“

„Ja, sicher. In fünfundzwanzig Jahren hat sich noch keiner beschwert. Zugegeben, die wussten auch hinterher nicht mehr, wer ich bin“, sagt der Arzt und lacht dröhnend. Den Witz hat er wohl schon öfter gemacht und ist besonders stolz darauf. Ich schenke ihm ein müdes Lächeln und bin hin und her gerissen.

Meine Melancholie ist noch immer nicht verflogen. So wie ich sie beim Anblick der Erde aus dem Fenster empfand, empfinde ich sie seit Langem schon immer wieder. Es fehlt mir schon lange der Reiz des Neuen. Das hier wäre meine Gelegenheit, denn sterben will ich natürlich nicht.

Also sage ich: „Tun Sie es.“

„Gut, dann brauchen wir hier einmal Ihre Unterschrift“, sagt der Arzt und reicht mir einen kleinen Computer. Ich ziehe meine Hand darüber. Der kleine Chip in meinem Handrücken enthält alle meine wichtigen Daten, die mich authentifizieren. So bezahlt man heute, ebenso wie man seine Identität bestätigt. Geld ist kein großes Problem mehr, wenn man so viele Jahre immer gearbeitet hat, wie ich.

„Dankeschön. Um die weiteren Formalitäten Ihres Nachlasses kümmert sich selbstverständlich die Firma. Gut, dann können Sie direkt in die Kugel. Ich muss Sie aber bitten, sich vorher auszuziehen.“

Er dreht sich um und wendet sich verschiedenen Schalttafeln zu.

„Na los, ich schau auch nicht hin“, sagt er. „Aber Sie dürfen nichts mit hineinnehmen, glauben Sie mir, das sehe ich auf den Instrumenten. Gut, dass Sie keine Implantate haben.“

Ich tue, was er befohlen hat, und währenddessen öffnet sich zischend eine Seite der Kugel. Sie schwingt zur Seite und gibt den Blick frei auf eine Sitzgelegenheit im Inneren. Es erinnert mich ein wenig an einen Zahnarztstuhl.

Ich setze mich hinein und lasse meine Kleidung und all das alte Leben zurück.

Als die Kugel sich schließt, überlege ich, ob die Symbolik des Nackt-im-Dunkeln-Sitzens gewollt ist. Wenn sie die Kugel jetzt noch mit Flüssigkeit füllen, ist das schon eine Anlehnung an den Moment vor der Geburt. Ich schüttele den Kopf, um die Gedanken zu verscheuchen. Dann kommt mir ein viel schlimmerer Gedanke. Was, wenn diese Technik nicht funktioniert? Die Kugel ist nun geschlossen, ich befinde mich in Dunkelheit. Es ist vollkommene Dunkelheit. Vielleicht passiert ja gar keine Fehlfunktion, sondern die Technik ist einfach nicht ausgereift.

Was, wenn wir unsere eigene Überbevölkerung dadurch reduzieren, dass wir jene töten, die des Lebens überdrüssig werden und dadurch vielleicht unproduktiv? Wenn das Ganze nur ein Trick ist, wenn diese Technik nicht funktioniert? Wenn ich kein neues Leben bekomme, nur den Tod? Irgendwer bekommt dann die Lizenz für ein Kind, weil ich tot bin. Mein letzter Gedanke ist: Was, wenn sie mich angelogen haben?

ENDE

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Der Schlüssel - Eine Vampirgeschichte

Kapitel 1: Begegnungen

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Ich gehe den mondbeschienenen Wanderweg entlang und versuche nicht auszurutschen. Ein Halbmond steht am Himmel, ein zunehmender, der den Wald in gespenstisches Licht taucht.

Ich habe meinen MP3-Player seit einer Weile eingeschaltet. In meinen Ohren singt Marilyn Manson: „Sweet dreams are made of this, who am I to disagree?“, was dem Ganzen durch die Musik zusätzlich etwas Düsteres gibt. Ich liebe diese nächtlichen Spaziergänge durch den Wald. Wir wohnen etwas vor Münster, nahe eines kleinen Gehölzes, das in ein Naturschutzgebiet übergeht. Ich war zwei Stunden mit einem Freund, der in der Nähe wohnt, durch den Wald gegangen und hatte mich unterhalten. Jetzt war ich auf dem Weg nach Hause.

Wir machen das seit Jahren, auch wenn unsere Eltern es für seltsam halten mögen, dass zwei junge Männer in den Zwanzigern nachts durch den Wald streifen und sich über Philosophisches unterhalten. Na gut, hin und wieder auch schlicht über ein neues Musikalbum oder ein Computerspiel. Oder über Frauen.

Man ist ja nicht nur großer Denker.

Hätte ich keine Musik gehört, hätte ich vielleicht nicht eine folgenschwere Entscheidung getroffen, da ich es gehört hätte. Habe ich aber leider nicht. Ich biege vom Wanderweg ab, will meine übliche Abkürzung querfeldein nehmen. Hier gibt es einige Abschnitte, die auf und ab gehen. Keine hohen Berge, immerhin ist das hier das Münsterland. Aber doch schon mehrere Meter Höhenunterschied. Während ich über Stock und Stein wandere, sehe ich plötzlich von einem Hügel hinunter einen Menschen. Gekauert über einem Reh. Er trägt etwas Langes, einen ledernen Mantel.

Ich nehme die Kopfhörer heraus und rufe hinunter: „He, kann ich helfen?“

Schwerer Fehler. Er blickt auf und ich verliere fast die Kontrolle über meine Blase. Er hat weit aufgerissene Augen, deren Iris bernsteinfarben ist. Das Mondlicht wird etwas stärker. In diesen wenigen Sekunden, in denen die Zeit stehen zu bleiben scheint, sehe ich spitze Eckzähne an denen Blut heruntertropft. Sein ganzer Mund ist blutverschmiert. Er hat kurzes schwarzes Haar und seltsame Narben auf der linken Schläfe. Dann ist die Sekunde vorbei, in der alles still zu stehen scheint. Er springt auf und ist in wenigen Sätzen bei mir, bevor ich überhaupt daran denken kann zu fliehen. Er drückt mich zu Boden, mit einem Knie auf meiner Brust. In seinen Augen sehe ich Wahnsinn und Hunger. Bestialischer, tierhafter Hunger. Ich weiß in diesem Moment, dass ich sterben werde, das ist der einzige klare Gedanke, während er sich in Zeitlupe meinem Hals zuzuwenden scheint. Und dann ein Gedanke, der mich überrascht. Ich wundere mich nicht, dass ein Typ im Wald rumläuft und auf Vampir macht. Ich bedaure in diesem Moment nur, nicht doch zu Abend etwas von der Knoblauchsoße genommen zu haben.

Dann wird es schwarz.

*

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Ich komme zu mir mit bestialischen Schmerzen. Mein Hals fühlt sich an als wäre mein Nacken verspannt. Jede Bewegung lässt Welle um Welle des Schmerzes durch mich fahren. Vorsichtig öffne ich die Augen, gedämpftes Licht umfängt mich. Langsam gewöhnen sich meine Augen an alles, doch etwas ist seltsam. Meine Brille, sie fehlt. Mir wird schlagartig bewusst, dass ich sie nicht trage. Trotzdem sehe ich alles scharf. Ich sehe einen Holzbretter-Verschlag über mir, altes Eichenholz, das einen leicht modrigen Geruch verbreitet. Ich versuche den Kopf zu drehen, doch ein neuerlicher Schmerz, den diese Bewegung verursacht, lässt mich innehalten. Er zieht sich vom Hals bis in die Schläfen und alles in mir will krampfen. Meine Stirn explodiert vor Schmerz, und kleine Sterne tanzen mir vor den Augen. Ich schließe sie und atme langsam und tief durch.

„Beruhige dich. Schnelle Bewegung ist jetzt nicht angemessen“, erklärt eine ruhige, tiefe Stimme neben mir. Er, ich vermute es ist ein Er, ansonsten sollte ich wohl vor einer möglichen Besitzerin der Stimme Angst haben, scheint nur einige Meter von mir entfernt zu sein.

„Wo?“, bringe ich hervor. Dabei merke ich, dass Sprechen auch wehtut. Mein Hals hat wohl schwer etwas abbekommen.

„In Sicherheit“, erwidert die Stimme und ein Geräusch beginnt. Ein Klacken von Metall auf Holz. Wie wenn Gemüse oder Fleisch geschnitten wird.

„Wer sind“, schaffe ich hervorzupressen. Dann versagt mir erneut die Stimme und eine Welle des Schmerzes durchfährt mich. Ein Kribbeln, nur vergleichbar mit Schüttelfrost. Aber schlimmer, schmerzhaft, wie in eine Badewanne voller Glasscherben geworfen fühle ich mich. Ich spüre etwas meinen Hals herunterlaufen. Ist da eine Wunde?

„Hier“, sagt die tiefe Stimme und reicht mir etwas zu trinken. Es schmeckt bitter, mit kleinen Gewürzstücken darin. Ich trinke widerwillig einen Schluck und spüre wie der Schmerz weicht. Ich werde müde. Als das Behältnis leer ist, versinke ich in tiefen Schlaf.

*

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Ich erwache, reiße die Augen auf. Ich bin alleine in einem Raum, vermutlich in einer kleinen Hütte. Nachdem ich mich eine Weile nicht bewege, da alles um mich sich zu bewegen scheint, ordnet sich langsam der Raum. Er hört auf sich zu drehen, und ich wage es mich aufzurichten. Niemand ist mit mir im Zimmer, die bretterverschlagenen Fenster lassen einzelne Sonnenstrahlen durch, die ein prächtiges Lichtschauspiel abgeben, durch den hochwirbelnden Staub. Allgemein ist es dreckig hier. Auf einem Tisch steht eine Tasche, Bücher, Messer und eine leere Keksdose. Mein Bett ist eigentlich nur eine Matratze, die auf mehreren Kisten liegt. Eine Treppe führt in ein tieferes Stockwerk.

„Du bist wach“, höre ich eine Stimme von unten. Klar, deutlich. Ich habe kein Geräusch verursacht, woher kann er das wissen? Ich schweige.

„Leugne es nicht, ich höre dich, dein Herz pocht!“, ruft er hinauf. „Komm herunter.“

Ich bin unsicher. Mein Herz schlägt tatsächlich laut und wild in meinen Ohren, aber kein Mensch kann das hören außer mir! Trotzdem stehe ich auf.

Ich steige die knarzende Holztreppe hinab und finde einen Mann in den späten Dreißigern vor, der an einem Tisch sitzt. Die verglasten Fenster des Erdgeschosses sind schwarz mit Farbe angemalt, so dass ein düsteres Licht im Raum herrscht. Er trägt eine schlichte dunkle Hose und ein Hemd, dazu einen altertümlichen Gehrock. Es ist ein seltsamer Kontrast zu meinem T-Shirt mit ACDC-Logo darauf und meiner dunklen Jeans. Es ist der Kerl, der mich angefallen hat. Ich will wieder hinauflaufen, doch plötzlich ist er bei mir und hält mich am Handgelenk.

„Ich schreie, wenn Sie mich nicht loslassen, Freak“, brülle ich ihn an.

Ich habe Angst. Ich bin kein Schwächling, doch seine Hand ist wie ein Schraubstock. Ich bezweifle nicht, dass er mir körperlich weit überlegen ist.

„Versuch es, wir sind zu weit draußen,“ erwidert er sachlich. Kein Hass liegt darin, keine Drohung. Nur eine Feststellung.

„Beruhige dich und setz dich, wir haben etwas zu  bereden“, erklärt er. Er lässt mich los und setzt sich an den Tisch, nickt auf den Stuhl ihm gegenüber. Ich zweifle, kann ich ihm trauen? Mangels Alternative setze ich mich zu ihm.

„Gut“, sagt er und mustert mich. Seine Augen sind braun, doch haben sie eine bernsteinfarbene Linie um die Iris. Sie reflektiert seltsam das Licht. Seine kurzen Haare und das kantige Kinn geben ihm etwas Skrupelloses, Böses. Vielleicht ist das aber auch nur meine Angst.

„Du bist nun bereit zuzuhören?“, fragt er mich. Etwas in seiner Stimme duldet keinen Widerstand.

Ich nicke stumm. Was soll ich auch tun?

„An deinem Hals spürst du zwei Einstiche“, erklärt er, immer noch ruhig.

Ich packe mir an den Hals. Tatsächlich. Auf meiner Ader, zwei kleine Stiche.

„Was haben Sie mir verabreicht?“, frage ich. Ich spüre, dass langsam wieder Panik in mir aufsteigt.

Er lacht kurz. Schnaubend. Freudlos.

„Du bist gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.“

„Was?“

„Ich habe mir etwas genommen. Und dabei dir auch etwas gegeben.“

Ich sehe ihn fragend an. Was will er mir sagen?

„Du bist nun wie ich, ein Vampir“, erklärt er.

Ich kann nicht anders. Ich muss lachen. Das Ganze ist so abgedroschen. Es ist einfach alles zuviel des Guten.

„Das ist nicht Ihr Ernst.“

„Ich fürchte doch. Als ich dich biss, wollte ich dich töten“, erklärt er. Ich höre auf zu lachen. Es vergeht mir. Bleibt im Hals stecken.

„Mich töten?“, frage ich.

„Doch ich spürte, dass du anders bist.“

„Zum Glück.“

„Du bist einer von denen, die es überleben.“

„Es überleben?“

„Die Verwandlung. Es ist schwer zu beschreiben. Wenn du das erste Mal jemanden beißen wirst, der anders ist, wirst du es spüren. Sie schmecken anders. Sind anders. Es ist nicht direkt unsere Entscheidung, sie zu schaffen.“

„Okay, das ist jetzt nicht mehr lustig“, sage ich. Er nickt.

„Es ist keinesfalls lustig gemeint.“

Ich stehe auf und laufe zur Tür. Dieses Mal muss ich schneller sein als er! Er ist schneller.

Bevor ich die Tür auch nur berühren kann, umklammert wieder seine kalte Hand mein Handgelenk.

„Das willst du nicht“, sagt er ruhig. Seine Augen mustern mich kalt.

„Doch“, erwidere ich trotzig und öffne die Tür mit einem Ruck.

Mein Körper explodiert in Schmerz. Als hätte mich jemand mit Benzin übergossen und angezündet.

Er wirft die Tür zu. Ich knie auf dem Boden, in embryonaler Haltung. Ich fasse mir ins Gesicht und spüre, dass sich Haut abpellt.

„Was...?“, wimmere ich.

„Ich sagte dir die Wahrheit. Du bist ein Vampir. Glaube aber nicht alles darüber, was du im Fernsehen siehst. Sonnenlicht tötet dich, in Minuten.“

Ich breche zusammen und versuche die Tränen zurückzuhalten. Vergebens. Der Schmerz ist viel zu groß. Als würde meine Haut brennen, als stünde ich in Flammen.

„Mein Name ist Nantwig“, erklärt er, nachdem ich eine Weile wimmernd daliege. Er scheint etwas unsicher, was zu tun ist.

„Maximilian“, presse ich zwischen den Zähnen hindurch. „Das ist mein Name.“

„Angenehm, Maximilian.“

Er setzt sich an den Tisch und betrachtet mich. Ich kann ihn nur verschwommen sehen. Langsam lässt das Brennen nach.

„Was ist das für ein Name?“, frage ich. Nantwig hebt die Augenbraue. Sagt nichts.

„Deiner, was ist das für einer?“

„Er ist nicht üblich, nicht wahr?“, sagt er. Er lächelt. Dieses Mal ist es ein ehrliches Lächeln, denke ich. Ich rapple mich soweit auf, dass ich mich auf den Boden hinsetze.

„Es ist mein Name. Mein Neuer. Du wirst dir auch einen Neuen geben.“

„Wieso? Mein Name ist meiner, wieso sollte ich ihn ändern?“

„Weil du eines Tages nicht mehr Maximilian sein wirst. So wie ich eines Tages merkte, dass ich nun Nantwig bin.“

„Wie alt bist du?“

„Alt“, erwidert er schlicht.

„Gibt es andere?“

„Vampire?“

„Ja.“

„Natürlich. Wir sind verstreut. Manch einer schmiedet Ränke mit der Geduld der Jahrzehnte. Manch einer lebt wie ein kleiner Gott. Andere sind wie Ratten, fressen was übrig bleibt oder die, die sich zu weit von der Herde entfernen.“

„Und was bist du für einer?“

Ich sehe, wie sich seine Kiefermuskel anspannen.

„Ich bin ein Blatt im Wind“, erklärt er. „Ich habe aktuell keine Aufgabe. Bis gestern. Nun habe ich eine. Dich.“

„Mich?“

„Es ist ein Verbrechen, einen Vampir zu schaffen und ihn nicht zu unterweisen. Deine Vergehen sind meine Vergehen. Du musst lernen, wie wir leben.“

„Und wenn ich nicht will?“, frage ich leise.

„Du kannst nicht zurück“, erklärt er. „Das ist nicht leicht, das weiß ich. Doch du hast nur dieses neue Leben. Wenn du es wagen solltest, die Existenz von uns bekannt zu machen ...“

Nantwig lässt die Drohung im Raum stehen. Ich kann ihm ansehen, was er meint.

Dann wird er mich töten.

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Bald erholt sich meine Haut. Sie kribbelt. Wie ein Sonnenbrand. Kurz darauf ist sie wieder völlig in Ordnung. Nantwig hatte mir befohlen mich etwas hinzulegen. Doch an Schlaf ist überhaupt nicht zu denken.

Irgendwann erscheint Nantwig an meinem Bett.

„Die Nacht hat begonnen“, erklärt er. Ich stehe auf und folge ihm hinaus.

„Sonnenlicht tötet uns?“, frage ich. Er nickt.

„Wie ist es mit Knoblauch? Kreuzen?“

„Knoblauch hält nur Menschen auf Abstand. Kreuze? Es kann brennen sie anzupacken.“

„Wirklich? Das ist nicht nur mythologischer Mist?“

Nantwig schnaubt. „Vorhin waren Vampire noch ein schlechter Scherz für dich.“

Ich schweige. Wieso auch nicht?

„Wohin fahren wir?“, frage ich, als er mich zu einem alten Chrysler Voyager führt. Er hat dunkel getönte Scheiben. Der hintere Bereich des Transporters ist so durch eine dünne Trennwand von der Fahrerkabine abgetrennt, dass kein Licht hineinfallen würde.

Er setzt sich auf den Fahrersitz, ich auf den Beifahrersitz.

„Münster“, erklärt er und fährt los.

„Münster?“

„Wir brauchen Blut“, erklärt er. „Vor allem du, das Heilen dürfte dich hungrig gemacht haben.“

Ich nicke. Ich habe wirklich Hunger.

„Moment, ich soll Blut trinken?“

„Was denkst du, auf welche andere Weise es in dich gelangen könnte?“

Ich schweige, während wir den Wald verlassen und auf eine Straße fahren.

Wir fahren nach Münster und quartieren uns in einem preiswerten Hotel ein, das nicht allzu weit von der Innenstadt weg liegt.

*

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So, nun ist es soweit“, erklärt Nantwig.

„Ich möchte niemanden töten.“

„Was?“

„Es, ich will das schon die ganze Zeit sagen. Ich will niemanden töten, um leben zu können“, erkläre ich.

Nantwig nickt.

„Das ist nur ein Reflex deines alten Ichs. Was ist mit dem Tier, dessen Fleisch du isst?“

„Es ist ein Unterschied zwischen dummen Tieren und einem  Menschen.“

„Dann iss nur von dummen Menschen“, erwidert Nantwig verächtlich.

Er holt einen silbernen Koffer ins Zimmer, den er aus dem Auto mitgenommen hat. Der Koffer ist dick und scheint schwer zu sein, selbst für jemanden wie Nantwig.

Er öffnet ihn und reicht mir eine Blutkonserve.

„Ich muss niemanden töten?“, frage ich verdutzt. Ich komme mir dumm vor. Wieso habe ich an diese Möglichkeit nicht gedacht?

„Natürlich nicht. Ich kenne hier jemanden im Krankenhaus.“

„Aber ...“

„Trink. Ich werde dir auch beibringen, wie du einem Lebewesen Blut entnimmst, ohne sie oder ihn zu töten“, erklärt er.

Auf meinen verdutzten Blick hin, fügt er hinzu: „Für was hältst du mich, für ein Monster?“

Dabei lacht er und entblößt seine spitzen Eckzähne.

Ich verkneife mir eine Bemerkung.

Während wir so da sitzen, kommt mir ein Gedanke. Nicht zum ersten mal, aber nun traue ich mich zu fragen.

„Warum hast du mich im Wald angegriffen?“, frage ich.

„Um keine Zeugen zu hinterlassen“, erwidert Nantwig ausweichend.

„Du hättest fliehen können. Wer hätte mir geglaubt?“

„Ich hatte ein Gefühl.“

Ungläubig sehe ich Nantwig an. „Ein Gefühl?“

Er nickt.

„Ich habe etwas gerochen. Da war so eine Ahnung. Es war wie ein Instinkt. Ich wusste, ich muss dich beißen. Vielleicht habe ich unbewusst gespürt, dass du es überleben würdest. Dass du anders bist.“

„Da bin ich aber froh, das du dich nicht geirrt hast“, nuschele ich, und trinke weiter das Blut aus der Konserve.

Meine Gedanken wandern, bis sie bei meinen Eltern sind. Verdammt! Die machen sich sicher große Sorgen um mich.

Bevor ich etwas zu Nantwig sagen kann, unterbricht er meinen Gedankengang.

„Lass es besser“, sagt er. „Kein Kontakt zu deinem früheren Leben. Gäbe nur Ärger.“

„Aber alle in Ungewissheit zu lassen“, beginne ich, doch er schüttelt den Kopf.

„Ungewissheit heißt Hoffnung. Lass es so.“

Er blickt traurig ins Leere. Wo auch immer er in Gedanken ist, er scheint weit weg zu sein.

*

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Bald lässt er mich alleine, er sagt, er habe noch Dinge zu erledigen. Ich soll in meinem Zimmer warten, er wird mich in der nächsten Nacht abholen.

Ich warte, bis ich seine Schritte auf dem Flur höre. Dann noch etwas.

Dann verlasse ich das Hotel.

Ich weiß nicht genau wieso. Nantwig würde es sicher ein Aufflackern meiner alten Persönlichkeit nennen.

Vielleicht ist es genau das.

Ich mache mich sofort auf den Weg ins Babylon.

Babylon. Ein Club mit dem Ruf diesen Namen zu verdienen. Als ich auf dem Bett lag und meine Gedanken schweifen ließ, kam er mir in den Sinn. Nun will ich ihn einmal mit eigenen Augen sehen. Ich kenne niemanden, der drin gewesen ist. Zumindest niemanden direkt. Immer nur jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt.

Ist er so wie beschrieben?

Ich weiß nicht, ob es wirklich das ist, was mich antreibt. Aber irgendetwas zieht mich dorthin.

*

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In einer Seitenstraße, nicht weit vom Ägidiimarkt, werde ich fündig. Es ist eine unscheinbare Straße. Bis auf das Neonschild. Mit großen, grünroten Buchstaben steht dort Babylon.

Eine längere Schlange von Leuten wartet vor dem Eingang darauf, vom Türsteher eingelassen zu werden. Der Türsteher fällt sofort ins Auge.

Ein Kerl mit rasiertem Schädel und einem Schlangentattoo, das sich seinen Hals raufwindet, steht mit verschränkten Armen da und lässt nicht mit sich reden.

Wie soll ich reinkommen?

Gerade als ich meine Idee fallenlassen will und mich umdrehe, rennt jemand in mich hinein.

„Ey“, ertönt es wütend.

„‘tschuldige“, erwidere ich reflexartig und helfe ihr auf. Sie ist in meinem Alter, hat rotes schulterlanges Haar und sieht mich giftig aus braunen Augen heraus an.

Dann verändert sich ihr Blick. Sie nimmt die dargebotene Hand an und ich helfe ihr auf.

„Hab nicht aufgepasst“, sage ich unnötigerweise. Verkneife mir zu erwähnen, dass sie ja auch aufmerksamer hätte sein können.

Sie nickt. Rückt sich ihre schwarze Wollmütze zurecht. Vorne drauf ist ein weißes Pik-Symbol.

Sie mustert mich kurz. Ich kann nicht umhin, dasselbe zu tun. Sie trägt eine enge Jeans und ein schwarzes Shirt. Dazu eine Lederjacke. Kein sehr tiefer Ausschnitt. Etwas ist seltsam. Dann begreife ich es.

Narben. Aber keine willkürlichen, es sind eher Linien. Wie eine Tätowierung. Es ist ein Muster. Oder eine Symbolgruppe.

„Hey, Augen geradeaus“, sagt sie und schließt ihre Jacke. Ich merke wie ich rot werde.

„Wenn du nicht auch solche Narben willst, such dir was anderes zum Ansehen“, sagt sie. Vollkommen ruhig. Dadurch wirkt die Drohung nur noch mehr.

„Willst auch rein, was?“, fragt sie nun. Ich nicke.

„Ich bring dich rein, wenn du mir hilfst“, erklärt sie. Ich folge ihr verdutzt um eine Häuserecke in eine andere Seitenstraße. Auf der einen Seite erhebt sich die kahle Wand eines Mehrfamilienbaus, auf der anderen Seite ein niedrigeres, einstöckiges Gebäude.

„Und jetzt?“, frage ich, immer noch verdutzt. Sie lächelt kokett.

„Falte die Hände“, sagt sie.

„Soll ich beten, dass du mich nicht umbringst, wo es keiner sieht?“, erwidere ich. Etwas ist seltsam an ihr.

Ich falte die Hände.

„Mach mir eine Räuberleiter“, erklärt sie. Ich trete zu ihr und helfe ihr auf das Dach des niedrigen Gebäudes. Als sie oben ist, legt sie sich auf den Bauch und hält die Arme herunter.

„Komm schon, ich zieh dich hoch“, sagt sie.

Ich muss mir das Lachen verkneifen. Es gelingt nicht ganz.

„Du, mich hochziehen?“, frage ich ungläubig. Sie ist maximal einen Meter siebzig groß, gute zwölf Zentimeter kleiner als ich. Dazu auch noch sehr schlank.

„Ich wette mit dir, dass ich es kann. Ich wette um ... um eine Ehrenschuld.“

„Ehrenschuld?“

„Wenn ich recht behalte, schuldest du mir einen Gefallen. Egal was. Wenn ich es nicht sofort schaffe, schulde ich dir einen.“

Ich überlege nicht lange und nicke, greife ihre Hände.

Zu meinem Erstaunen schafft sie es wirklich mich hochzuziehen. Ich versuche mich schwer zu machen, doch es nützt nichts.

„Beeindruckend“, muss ich zugeben. Sie lächelt wieder dieses kokette, schiefe Lächeln.

„Wie heißt‘n du überhaupt?“, fragt sie.

Ich reiche ihr die Hand.

„Maximilian Tann“, erkläre ich. Jetzt ist es zu spät, ich habe den Namen gesagt. Nantwig wird sicher wütend, wenn er davon erfährt. Wird er aber nicht. Trotzdem hätte ich einen anderen Namen nehmen sollen. Muss ich sie jetzt umbringen? Ich denke nicht.

Sie ergreift die Hand.

„Lena, Lena Duncan“, sagt sie. „Kannst mich aber auch Pik nennen. Ich mag es, wenn man mich Pik nennt.“

Sie deutet auf das Pik-Zeichen auf ihrer Mütze.

„Nennen dich deine Freunde so?“, frage ich. Sie lacht und steht auf.

„Nein, die anderen Kinder in der Klapse tun das.“

Ich blicke ihr verdutzt nach, während sie über das Dach geht. Nach ein paar Sekunden beeile ich mich hinterherzukommen.

„In der Klapse? Ich meine, du kommst aus der Psychiatrie?“

„War ‘ne Weile da. Macht keinen Sinn ein Geheimnis draus zu machen“, sagt sie. Ich nicke, auch wenn ich nicht ganz verstehe, was sie meint. Will sie einfach nur sehen, wie ich auf so eine Aussage reagiere?

„Also, wie kommen wir nun rein?“, frage ich, um das Thema zu wechseln. Sie lächelt kurz. Ist vielleicht nicht so geschickt wie ich dachte.

Doch sie geht nicht weiter darauf ein.

„Hier lang“, erklärt sie und deutet auf das Nebengebäude.

Da ist das Babylon drin untergebracht. In den oberen Stockwerken brennt Licht, vielleicht Wohnungen. Einige der Fenster sind für uns in erreichbarer Höhe.

Pik zählt die Fenster ab.

„Das da“, sagt sie und deutet auf eines.

„Was?“

„Da müssen wir rein.“

Ohne ein weiteres Wort geht sie zum Fenster und zieht sich zum Fenstersims hoch. Sie blickt hinein. Dann zieht sie ihre Jacke aus und wickelt sie um den Arm.

Sie stößt durch das Fenster. Es klirrt.

„Einfachverglasung“, sagt sie. Es klingt triumphierend.

Sie öffnet das Fenster von innen und klettert hinein.

„Kommst du, oder muss dich das kleine Mädchen wieder tragen?“

Ich klettere ihr hinterher.

Der Raum hinter dem Fenster ist ein kleiner, mit Kartons vollgestopfter Lagerraum. Putzausrüstung liegt in einer Ecke gestapelt und scheint das Einzige zu sein, auf dem keine Staubschicht liegt.

„Warst du schon einmal hier?“, frage ich Pik, während sie zur einzigen Tür des Raumes schleicht und sie vorsichtig öffnet.

Sie späht in den dahinter liegenden Flur.

„Nein“, erklärt sie.

Dann huscht sie in den Flur. Ich beeile mich hinterherzukommen.

„Aber woher weißt du dann von diesem Weg?“

Sie bleibt kurz stehen und sieht mich an.

„Ich mag dich“, sagt sie schlicht. Verdattert über diesen Themenwechsel, schweige ich einen Moment.

„Das beantwortet nicht meine Frage.“

„Doch, ich sag dir die Wahrheit, wenn du willst.“

„Ich bitte darum.“ Ich kann mir nicht verkneifen den Sarkasmus in meine Stimme einfließen zu lassen.

Es geht eine Treppe hinunter. Langsam wird dumpfe Musik hörbar. Hämmernde Bässe.

„Ich finde Wege“, sagt sie und lächelt. Sie deutet über ihre Schulter. Am Ende der Treppe kann man eine Tür sehen, auf der ein Notausgang-Plan zu sehen ist.

„Da kommen wir in die Haupträume“, erklärt sie.

„Du findest Wege? Was heißt das?“

„Ich kann manchmal spüren, wie ich an einen bestimmten Ort komme. Nenn es intuitives Navi, vielleicht habe ich zeitweilig Zugang zum GPS-Netz, aber ich weiß manchmal einfach wie ich an einen Ort komme“, erklärt sie.

Ich nicke langsam. Wirklich zufrieden mit dieser Antwort bin ich nicht, aber ich will mich vorerst damit zufrieden geben.

„Dann trennen sich wohl hier unsere Wege, oder?“, fragt sie.

„Wieso?“, frage ich überrascht. Sie lächelt.

„Richtige Antwort.“

Sie dreht sich auf dem Absatz um und gemeinsam gehen wir in den Hauptraum.

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Kapitel 2: Wahrheiten

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Um uns zucken die Lichtblitze, alles ist getaucht in kaltes blaues und grünes wirbelndes Licht.

Der DJ legt etwas Schnelles, Hartes auf und Unterhaltungen sind durch das Wummern des Basses kaum möglich.

Das Babylon besteht aus einem großen, drei Meter hohen Raum, der einer Lagerhalle in seinen Ausmaßen gleicht.

In unregelmäßigen Abständen sind in den Wänden Nischen, in die man sich zurückziehen kann, wenn man es ruhiger will.

Manche sind nur zwei Quadratmeter groß, doch auf dem Weg zur Theke kann ich in einige einen Blick werfen, die eher großen Zimmern gleichen. Manche sind auch durch Perlenvorhänge abgetrennt.

Als wir gerade an der Theke angekommen sind und uns etwas bestellen wollen, geschieht es.

Mit einem Schlag hört die Musik auf und alle blicken sich verdutzt um. Oben, neben dem DJ steht ein Mann im Anzug und hält etwas hoch.

Eine Dienstmarke.

„Drogenrazzia! Das hier ist eine polizeiliche Ermittlung, Sie alle sind vorerst in Gewahrsam genommen. Bitte bleiben Sie ruhig“, erklärt er mit volltönender Stimme.

Überall knallen nun die Eingangstüren auf und Männer in Schutzwesten strömen herein. Wie eine dunkle Flut ergießen sie sich über uns.

Nun wird auch das schummrige tanzende blau-grüne Licht abgeschaltet. An seiner statt, erwachen helle Leuchtstoffröhren an der Decke flackernd zum Leben.

„Na geil“, schafft es Pik meine Gedanken auszusprechen.

Sie sieht sich panisch nach einem Fluchtweg um.

„Warte“, beruhige ich sie. „Wenn wir uns langsam durch die Menschen bewegen, kommen wir vielleicht zu dem Notausgang, durch den wir rein sind.“

Sie nickt.

Wir schieben uns vorsichtig, aber zielstrebig in Richtung des Notausgangs.

„Na, wo wollen wir denn hin?“, fragt der Mann im Anzug. Er ist inzwischen von dem Podest heruntergekommen. Nun hat er Pik am Handgelenk gepackt.

„Wer fragt das?“, erwidert Pik knurrig. Er lässt ihr Handgelenk los.

„Kommissar Mulder“, erklärt er. Ich kann nicht anders. Ich muss einfach lachen.

„Ein Wort, das auch nur klingt wie ‚Scully‘, und ich buchte Sie ein wegen Beamtenbeleidigung“, erklärt mir Mulder ruhig. Ich nicke, immer noch grinsend.

„Da stände aber Ihr Wort gegen unseres“, zischt Pik.

Mulder lächelt kalt. „Eben drum.“

*

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Eine gute Stunde später sitzen wir in einer der Ausnüchterungszellen in der Polizeiwache von Münster. Aus Mangel an Platz hat man auch diese Zellen herangezogen, um alle in Gewahrsam genommenen Besucher des Babylon unterzubringen.

Inzwischen sind wir einmal kurz verhört worden.

Wir haben beide falsche Personalien angegeben. Zumindest etwas Zeit sollte das schinden.

Fieberhaft überlege ich, was wir tun sollen. Einen Ausweg.

Ich kann immerhin nicht am Tage fliehen! Vor Sonnenaufgang muss mir etwas einfallen.

Ich muss jetzt hier heraus.

Wie ein hungriger Tiger wandere ich durch unsere Zelle.

Immer wieder blicke ich auf Fenster und Tür. Im Film hat der Held immer eine geeignete, spontane, idiotensichere Idee.

Tja, im Film halt.

„Das wäre der geeignete Moment mir zu beichten, dass du in Wirklichkeit Bruce Banner bist ... oder von mir aus auch Henry Jekyll. Wir könnten Hulk-Kräfte oder auch Hydes Bösartigkeit brauchen. Irgendeine Superkraft zumindest“, bemerkt Pik, als sie sich zu mir stellt und gemeinsam mit mir die massive Tür betrachtet. Ich lächle, verkneife mir aber einen Kommentar. Wenn die wüsste. Ob ich die Tür wohl aufreißen könnte? Wie stark ist ein Vampir?

Plötzlich wird die Tür geöffnet.

Ein Mann in den Dreißigern steht dort vor uns. Sein Haar wird langsam dünner. Hat schon bessere Zeiten erlebt. Er hat breite Schultern, über denen sich ein schwarzes Hemd spannt, das er in die schwarze Hose gesteckt trägt.

Auf seiner Brust baumelt ein silbernes Kreuz, das mit einem mir unbekannten verschnörkelten Zeichen versehen ist.

Pik bewegt sich langsam nach hinten, so dass ich zwischen ihr und dem Mann stehe.

„Das ist kein Polizist“, stellt sie fest und der Mann lächelt.

Er hat ein spitzes Gesicht, irgendwie geierhaft.

„Ich hab ihn heute schonmal gesehen. Sie haben mir geholfen auszubrechen“, murmelt sie. „Warum folgen Sie mir?“

Er lächelt immer noch.

Es hat etwas Dämonisches an sich. Die Augen. Jetzt verstehe ich es. Die Augen sind kalt, unheimlich. Der Blick eines wirklich gefährlichen Mannes.

„Ich will dir helfen“, sagt er. Die Art, wie er es sagt, passt nicht dazu, dass seine Hand auf einem Messergriff ruht. Im Gürtel steckt ein Bowie-Messer.

„Wir verzichten“, erwidere ich und schlage ihm mit aller Kraft ins Gesicht.

Ich denke, das Vampirsein hat doch ein paar Vorteile.

Mein Schlag, normalerweise sicher eine unangenehme Sache für den Getroffenen, aber keine schwerwiegende, bricht dem Mann mehrere Zähne raus.

Er kracht gegen die Wand und bleibt zusammengesunken liegen.

Pik und ich klettern über ihn. Dabei nehme ich ihm das Kreuz ab. Irgendwie ist mir gerade danach. Vielleicht sagt Nantwig das Zeichen etwas?

Ach du Scheiße! Der hat ja keine Ahnung, wo ich bin.

Dann eilen wir die Treppen hinauf.

Oben herrscht das totale Durcheinander. Polizisten laufen durcheinander. Leute aus dem Babylon sitzen überall herum. Es sind einfach zu viele. Ein paar sind mit Handschellen angekettet. Einige davon sind offensichtlich sturzbetrunken.

Einer singt leise vor sich hin. Klingt für mich verdächtig nach einer kreativen Neuinterpretation von „Was sollen wir trinken“. Dabei wird er zwischendurch immer so laut, dass er fast schreit, bevor er wieder in sich zusammensinkt und brabbelt.

Wie ein Kleinkind.

In all diesem Chaos haben wir keine Schwierigkeiten das Gebäude zu verlassen.

Wir gehen direkt auf den Ausgang zu. Niemand beachtet uns. Draußen biegen wir erst einmal in die erste Straße ab, die wir finden. Ich sehe immer wieder über meine Schulter.

Folgt uns jemand? Hat uns doch jemand bemerkt?

Doch niemand ist unterwegs. Keiner hinter uns.

Nachdem wir einiges an Strecke zwischen uns und die Polizei gebracht haben, werde ich langsamer. Ich habe Fragen.

„Weißt du, wer das war?“, frage ich Pik.

Sie schüttelt den Kopf. Lügt sie?

„Wie ich sagte. Ich hab ihn gesehen. Ich glaub, er hat mein Zimmer in der Psychiatrie aufgeschlossen. Später dann hab ich bemerkt, dass er mich verfolgt. Ich hab ihn noch nie vorher gesehen“, erklärt sie.

„Da bist du“, knurrt plötzlich eine Stimme hinter uns in den Schatten. Pik wirbelt herum und ich merke, wie ich rot werde. Scheiße. Er hat uns gefunden. Mich.

„Hey“, begrüße ich Nantwig unsicher. Es scheint, als trete er aus den Schatten heraus. Der Schatten perlt regelrecht von ihm ab. Als wäre es keine Dunkelheit, sondern dunkles Wasser.

„Du hast dich meinen Anweisungen widersetzt“, erklärt er. Nantwig ist dabei völlig ruhig. Er hat die Augenbrauen zusammengezogen und mustert erst mich, dann Pik etwas abschätzig.

„Verzieh dich, Mädchen. Wir haben zu reden“, dabei deutet Nantwig auf sich und mich.

Sie sieht von ihm zu mir. Ist überrumpelt über die Aussage. Sein Auftreten.

„Kennst du den?“ fragt sie. Die Entwicklung scheint ihr gerade gar nicht zu gefallen. Ich nicke unwillig. Leider ja.

„Wir können sie schlecht alleine lassen“, bemerke ich nun an Nantwig.

„So?“, fragt Nantwig. Er ist skeptisch. Selbst ohne ihn gut zu kennen, sehe ich das.

„Jemand hat versucht sie umzubringen“, erkläre ich.

Nantwig lacht. Kurz und zynisch. So viel zum Appellieren an sein Mitleid.

„Da sind wir natürlich im Vergleich der sichere Hafen, nicht wahr? Wir sind die Oase für den Durstigen.“

Bei den letzten Worten funkeln seine Augen. Irgendwie bedrohlich.

Er sieht nun Pik direkt in die Augen.

„Geh“, erklärt er. Seine Augen werden dabei vollkommen schwarz. Pik blinzelt und nickt. Ganz langsam. Dann schüttelt sie den Kopf.

„Nein“, erwidert sie ruhig.

Nantwig hebt überrascht eine Augenbraue. Seine Augen bekommen ihr Weißes zurück.

„Nein?“

„Nein!“

„Geh“, sagt er erneut. Wieder füllen sich seine Augen mit Finsternis.

„Okay, hör zu, vielleicht steht deine Freundin darauf, wenn du autoritär bist, aber ich bin im 21. Jahrhundert. Mit mir wirst du normal reden müssen“, blafft Pik nun. Sie wird langsam wütend.

„Seltsam“, murmelt Nantwig nun und kratzt sich am Kinn.

„Nein, angebracht“, erwidert Pik.

Nantwig sieht nun mich an und ignoriert sie vollkommen. Ihre Wangen werden rot, man kann sehen, dass ihr das noch weniger gefällt.

„Woher hast du sie?“, fragt er. Ich setze zu einer Erwiderung an, komme aber nicht weit.

„Ich stehe direkt neben dir“, beginnt sie, doch er hebt eine Hand und gebietet ihr zu schweigen.

„Ich hab sie, naja, in einem Club kennengelernt“, setze ich an und bereue die Worte bereits.

„In einem Club?“, hakt er nach.

„Ich stehe hier. Direkt hier“, bemerkt Pik erneut. Zornesröte lässt sie inzwischen glühen.

„Und da bleibst du“, herrscht Nantwig sie an.

„Ach, jetzt doch?“ Sie zwinkert mir zu.

„Ich weiß sonst eigentlich nichts“, erkläre ich. Er sieht nun wieder zu Pik.

„Schicke Tätowierungen“, bemerkt er. Sie will ihren Ausschnitt verdecken, doch er hält ihre Hände fest.

„Weißt du, was das ist?“, fragt er. Auf einmal ist er sehr interessiert. Hat er, ich kann es kaum glauben, hat er Angst? Seine Augen weiten sich, als er die Tätowierungen betrachtet.

„Der zweite kranke Perverse heute Abend?“

„Kommt“, sagt Nantwig schlicht und wendet sich ab.

„Spinnt der?“ fragt Pik mich.

„Etwas“, gebe ich zu. „Trau ihm nicht allzu weit, aber vorerst ist er auf unserer Seite“, erkläre ich. Dann folge ich ihm.

Zu meiner Freude folgt Pik uns beiden.

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Nantwig führt uns durch ein Durcheinander von Neben- und Seitenstraßen. Nach einigen Abzweigungen habe ich die Orientierung verloren. In diesen Nebenstraßen habe ich mich noch nie in Münster rumgetrieben. Tut man vermutlich auch nur als Münsteraner, wenn man schnell nach Hause will.

Irgendwann bleibt er stehen. Eine leere Gasse. Niemand hier. Nichts. Nur ein paar Mülltonnen. Er geht zu einem Kanaldeckel und hebt ihn zur Seite.

„Da geht’s weiter“, erklärt er. Ich verkneife mir zu sagen, dass ich das gerade irgendwie befürchtet habe. Will ihn nicht noch mehr gegen mich aufbringen.

Pik sieht verdutzt zu mir, doch ich zucke nur mit den Schultern. Was habe ich zu verlieren? Irgendwie vertraue ich ihm. Etwas zumindest.

Also klettere ich gefolgt von Pik herab. Nantwig kommt als Letzter und schiebt den Deckel wieder auf seinen Platz.

Hier unten ist mehr Raum, als ich erwartet hätte. Anstelle eines engen, kleinen Rohres, bin ich mit den anderen in einem Tunnel von fast zwei Metern Durchmesser. Irgendwas stimmt doch nicht.

„Hier lang“, weißt Nantwig nun die Richtung. Dabei übernimmt er wieder die Führung. Schnellen Schrittes eilt er uns voran.

Nach einigen Abzweigungen wird der Gang immer noch nicht enger. Ist das hier wirklich noch alles Teil der Kanalisation? Es wirkt älter. Wie die Kanalisation in Wien. Hab da mal eine Doku drüber gesehen. Aber Münster hat so etwas doch gar nicht. Oder?

Dann stehen wir plötzlich vor einer Tür, die vollkommen fehl am Platz wirkt in diesem Tunnel.

Nantwig klopft dreimal kurz nacheinander dagegen. Einen Moment ist vollkommene Stille im Tunnel.

„Wer da?“, ertönt dann eine gelangweilte, rauchige Stimme.

„Nantwig.“

„Na dann.“

Die Tür klackert mehrmals, als würden Schließmechanismen betätigt. Dann schwingt sie einen Spalt breit auf.

Nantwig tritt hindurch, gefolgt von uns.

„Was bringst du mir?“

„Ich denke, etwas, was dich faszinieren dürfte“, erklärt Nantwig und deutet auf Pik. Sie ist gerade dabei die Tür anzulehnen. Nicht zu schließen, wie ich bemerke. Lässt einen Fluchtweg offen.

„Ein Menschenmädchen. Nicht spannend“, erwidert die Stimme. Desinteressiert. Irgendwie alt. Wissend. Das S klingt seltsam. Irgendwie zischend. Wie ein Sprachfehler. Dann macht es Klick bei mir. Der Fremde lispelt. Ich versuche in die Dunkelheit des Raumes zu blicken. Er ist ziemlich groß, voller Regale mit Pergamentrollen darauf. Bücher aller Größen. Mehr als ich in so mancher Bibliothek sehen konnte. Vor allem Älteres.

In einer dunklen Ecke glüht immer wieder eine Zigarette auf. Ich versuche etwas zu erkennen. Die Zigarette beleuchtet groteske Gesichtszüge. Ich kann erst nicht glauben, was ich sehe. Ich muss mich irren! Oder?

„Sieh sie dir an und sag mir, was du denkst“, bittet Nantwig den Fremden.

Er tritt zurück und schließt die Tür nun ganz.

Pik sieht misstrauisch zu dem Mann im Schatten.

„Nur die Arme“, sagt sie leise und zieht ihre Jacke aus.  Man sieht, dass ihre Narben auch die Arme bedecken. Bis zu den Handrücken reichen die Symbole.

Der Schatten bewegt sich nun.

Es ist eine Echse. Eine zwei Meter lange Echse mit Flügeln, die aufrecht auf ihren Hinterbeinen läuft. Im Mundwinkel hat sie eine Zigarette, die sie mit ihren stummeligen aber geschickten Fingern nun herausnimmt. Dabei wirft sie sie auf den Boden. Tritt einmal kurz darauf.

„Na was haben wir denn da“, sagt sie leise.

Die Reptilienaugen blicken ruckartig von einem Arm zum anderen. Eine Riechzunge taucht kurz auf. Dann sieht die Echse zu mir.

„Du hast Nachwuchs?“, fragt sie.

Nantwig lacht. „Ja.“

„Und die da ist woher?“ Er deutet auf Pik.

„Aufgegabelt.“

„Wie heißt du, Mädchen?“

„Nenn mich Pik“, erwidert sie.

„Du mich Gluhschwanz“, sagt die Echse nun. „Oder auch ‚Gluh‘. Was dir lieber ist. Sag Mädchen, woher ist diese Tätowierung? Wer hat sie gemacht?“

Sie blickt von einem zum anderen und fühlt sich sichtlich unwohl. Ich wandere mit den Augen immer noch zwischen ihren Malen und der redenden Echse hin und her.

„Ich weiß es nicht“, nuschelt sie schließlich.

„Was?“

„Ich weiß es nicht“, schreit sie nun fast.

„Du hast keine Erinnerungen an deine jüngste Kindheit, nicht wahr?“, fragt nun die Echse.

Pik will etwas sagen, doch sie blickt nur erstaunt. Dann nickt sie. Sie sieht wirklich überrascht aus.

„Ha, wir haben wirklich eine“, erklärt nun Gluhschwanz an Nantwig gewandt.

„Eine was?“, frage ich.

„Eine Berührte.“ Die Echse wirkt richtig aufgeregt.

„Ich bin was?“, fragt Pik verdutzt.

„Du bist eine Berührte. Von Engeln berührt. Diese Zeichen, das ist Henochisch. Die Schrift der Engel. Es heißt, es hat magische Bedeutung. Wenn Engel Menschen berühren, hinterlassen sie henochische Zeichen. Sie sagen etwas aus über das Schicksal dieses Menschen. Manche erfüllen einen Zweck, die Zeichen sorgen dafür, dass sie es können. Sie sorgen dafür, dass sie lange genug leben, um in der Geschichte wichtige Rollen einzunehmen.“

„Engel?“, fragt Pik. Sie sieht zu mir. Ihre Augen funkeln vor Spott und warten darauf, dass auch ich loslache.

Doch soll ich? Ich bin seit weniger als einer Woche ein Vampir. Ist es da so abwegig an Engel zu glauben? Ich bin im Moment bereit, allem gegenüber offen zu sein. Engel? Wieso nicht? Von mir aus auch Dämonen, Geister und Werwölfe. Ich bin verdammt nochmal jetzt ein Blutsauger. Die Realität ist sowieso nicht mehr das, was sie mal war.

„Wir stehen neben einer sprechenden Echse“, kommentiere ich. Fiel mir gerade dabei so ein. Nur am Rande.

Pik sieht von mir zu der Echse.

„Engel“, flüstert sie, immer noch etwas ungläubig. „Scheiß drauf, wo waren die Engel, als meine Eltern starben? Wo waren sie, als man mich in die Klapse einwies, weil ich Dinge sehe“, keift nun Pik los. Einzelne Tränen laufen über ihr Gesicht. Ich zucke bei diesem Ausbruch etwas von ihr weg.

„Dinge?“, fragt Nantwig neugierig.

Pik sieht ihn aus wütenden Augen an.

„Ja, Dinge. Ich finde Orte, Wege, wenn ich es will. Ich sehe manchmal Leute, die nicht da sind. Solche Dinge“, keift sie.

„Interessant“, bemerkt die Echse Gluhschwanz. Er mustert weiter ihre Tätowierungen.

Dann läuft er mit tapsigen Schritten zu einem der Regale. Wirkt seltsam schwankend dabei. Unsicher. Holt eine dicke Rolle Pergament hervor. Er entrollt sie vor uns.

Mit einigen gemurmelten Worten rollt er sie wieder auf und wirft sie achtlos in ein anderes Regalfach. Das wiederholt er noch mit vier weiteren Rollen, bis er schließlich zufrieden ruft: „Hier.“

Jetzt bin ich aber mal neugierig.

Er eilt zu uns zurück. Wieder diese tapsigen Schritte.

„Das da“, sagt er und deutet auf Piks linken Arm, „sind Machtzeichen. Sie geben dem Träger oder der Trägerin die Kraft etwas zu tun.“

„Und was?“, fragt Pik. Sie wirkt immer noch unschlüssig.

Gluhschwanz schüttelt den Kopf und lehnt sich zurück. Dabei stützt er sich auf seinen Echsenschwanz. Er wippt ein wenig. Vor und zurück.

„Seh zu wenig“, stellt er fest. Er sieht zu Nantwig und mir. Irgendwie erwartend. Dann macht es bei mir Klick.

„Wir sollen rausgehen?“, frage ich nach einigen Sekunden.

„Die meisten Menschenweibchen haben Probleme mit Zurschaustellung von Haut“, erklärt Gluhschwanz und wirkt dabei wie jemand, der einem Kind etwas erklärt. „Hat sich in den Jahren verändert. Beschränkt sich heute mehr auf wenige Bereiche. Bei den meisten zumindest. Trotzdem. Privatsphäre wäre hilfreich, um mehr zu erfahren. Bitte“, sagt er zum Schluss und sieht hoffnungsvoll zu Pik.

„Du kannst mir sagen, was sie heißen?“, hakt sie nach einer Weile vollkommener Stille nach.

Er nickt. „Wenn ich mehr sehe, ja. Im Moment sehe ich ein paar Wörter eines ganzen Textes. Kontext fehlt.“

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Wir stehen in dem Tunnel vor der Tür und warten darauf, dass Pik uns wieder reinlässt. Von innen ist ihre Stimme zu hören.

„Fass mich nicht an“, knurrt sie.

„Menschenweibchen“, erwidert Gluhschwanz‘ Stimme darauf. Es klingt eher resigniert und zu sich selbst gesprochen als zu jemand Bestimmten.

„Was ist so besonderes an den Engelszeichen?“, frage ich Nantwig. Wo bin ich hier nur reingeraten? „Wieso hast du sie hergebracht?“

„Weil Engel nur sehr, sehr selten jemanden so zeichnen. Sie ist übersät mit diesen Symbolen. Als ich zu ihr sagte ‚Geh‘ und meine Augen schwarz wurden, habe ich Magie angewandt. Ein Mensch wäre weggegangen. Wäre gerannt. Er hätte uns beide vergessen. Doch sie war geschützt. Obwohl sie keine Magie anwenden kann, ist sie doch vollkommen abgeschirmt ihr gegenüber. Diese Zeichen sind seltsam.“

„Okay, aber was ist dein Interesse an ihr genau?“, hake ich nach. Irgendwas ist da noch. Da ist mehr. Das fühle ich.

Nantwig lächelt hintergründig.

„Neugier. Ich habe noch nie eine Gezeichnete getroffen.“

„Nur Neugier?“ Soll ich ihm das glauben? Andererseits. Wenn man ewig als Vampir lebt, kann man sich da nicht erlauben einfach etwas aus Neugier zu tun?

„Wenn man die Ewigkeit Zeit hat, lässt man sich durch Neugier einfach mal auch eine Weile treiben, weißt du?“, erklärt Nantwig. „Dabei bekommt die Zeit eine andere, gedehntere Bedeutung als sie es für dich noch hat.“

Ich schweige eine Weile und denke über Nantwigs Worte nach. Hab mir sowas in der Art ja schon gedacht. Die Ewigkeit. Mir wird klar, dass auch ich sie jetzt vor mir habe.

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Nach einer Weile öffnet sich die Tür vor uns. Pik winkt uns hinein. Sie sieht nicht zufrieden aus. Aber auch irgendwie grüblerisch.

„Mit dir wird es nicht langweilig“, stellt sie an mich gewandt trocken fest. „Drachen, Engel.“

Sie murmelt noch etwas, das ich nicht verstehen kann.

Bevor ich dazu komme zu fragen, tapst Gluhschwanz zischelnd zu uns. Er hält ein dickes Blatt Papier hoch, auf dem er die Zeichen auf Piks Haut vermerkt hat.

„Ich hab‘s nun“, ruft er freudig. Überall hat er kreuz und quer auf dem Blatt Notizen gemacht, in einer seltsamen Handschrift. Nicht nur krakelig. Das sind keine lateinischen Buchstaben. Die habe ich noch nie gesehen.

„Also?“, fragt Nantwig neugierig. Wir blicken alle erwartungsvoll zu Gluhschwanz.

„Sie ist Azaels Schlüssel“, beginnt er. „Sie wurde mit Symbolen der Macht versehen, die sie einerseits schützen“, er deutet auf eine Gruppe von Zeichen auf dem Papier, „andererseits aber mit Zeichen, die ihr Macht verleihen. Wie eine Linse.“ Das ist ganz schön viel, für einen armen frischgebackenen Vampir. Engel, Magie, was für Macht?

„Eine Linse?“, fragt Pik skeptisch.

„Ein Fokus der Macht, nenn es Magie, wenn du willst.“

„Wer ist Azael?“, platzt es aus mir heraus. Irgendwo muss ich mit meinen Fragen ja anfangen.

„Ein Freund Luzifers“, ertönt es von der Tür. Ich wirble herum. Ein Mann steht dort, in einem schwarzen Anzug.

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Kapitel 3: Angebot

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Dort in der Tür steht ein Mann mit kurzen grauen Haaren. Der Anzug, den er trägt, ist makellos. Bis auf die Dreckspritzer an seinen Hosenbeinen. Vermutlich vom Waten durch den Tunnel. Wenn der nicht zu einer Geheimorganisation gehört, haben mich die Medien seit Jahren belogen.

„Wer seid Ihr?“, fragt Nantwig ruhig. Ich merke, wie er sich langsam anspannt. Er macht sich bereit anzugreifen, falls nötig. Der Fremde wirkt nicht gerade schwach. Trotzdem. Wir sind in der Überzahl. Ach ja, und keine Menschen.

„Eine interessierte Partei. Ich folge euch seit geraumer Zeit“, erklärt der Mann. „Nennt mich Albert. Bruder Albert, vom Vatikan genau genommen.“

„Vom Vatikan?“ Pik blickt zweifelnd zu dem Mann. Ha, ich wusste es. Eine Geheimorganisation.

Ich ziehe das Kreuz heraus. Das von dem Kerl in der Polizeistation.

„Dann ist der hier einer von euch gewesen?“, frage ich und reiche es Bruder Albert.

Er besieht es sich.

„Bruder Antonius“, murmelt er.

„Ich denke, der wollte uns umbringen“, füge ich hinzu. „Beraubt Sie irgendwie Ihrer Glaubwürdigkeit.“

Bruder Albert lacht trocken. Dann sieht er zu mir. Ich kann den Blick nicht deuten.

„Er ist ein Verräter. Er verschwand vor einigen Stunden, als wir in der ganzen Stadt nach ihr suchten.“ Er deutet auf Pik. „Dabei tötete er einen unserer Mitbrüder und machte sich alleine auf. Wir denken, er arbeitet für die.“

„Die?“, fragt Nantwig neugierig.

„Jene, die Azael befreien wollen. Es gibt auch in unseren Kreisen Verräter. Umso größer eine Organisation, umso schwerer ist es zu verhindern. Aber ich kann Ihnen versichern, dass Ihnen kein Leid widerfahren wird, solange ich auf Sie achtgebe.“

„Sie gehören zu denen, die gegen Azael sind? Die Guten?“, frage ich. So recht überzeugt hat mich der Kerl noch nicht.

„So ist es. Wir sind sehr daran interessiert, dass Azaels Schlüssel dem rechten Zweck zugeführt wird.“

„Der da wäre?“, fragt Gluhschwanz neugierig. Zumindest finde ich, dass es neugierig klingt. Genau genommen wirkt er allgemein sehr interessiert. Er fühlt sich gar nicht bedroht.

„Azael war einer der Engel, die mit Luzifer einst gegen Gott rebellierten. Für diese Rolle und weil er sich in anderen Dingen widersetzte, bestrafte der Erzengel Gabriel ihn. Er sperrte ihn in die Dudael Wüste, auf dass er dort ausharren muss bis zum Jüngsten Gericht“, erklärt Bruder Albert.

„Wieso tötete er ihn nicht einfach?“, fragt Pik.

Bruder Albert lächelt.

„Weil er genauso mächtig wie Gabriel war. Das machte es für Gabriel unmöglich ihn zu töten. Vielleicht wollte er es aber auch nicht, da die Strafe so größer ist. Bis ans Ende der Welt eingesperrt in die Erde, regungslos, aber doch bei Bewusstsein?“, überlegt Bruder Albert.

„Aber ein Risiko“, stellt Nantwig fest.

„Das in der Tat“, stimmt Bruder Albert zu. „Nun, wir bekamen den Auftrag, Azaels Schlüssel zu finden und mit seiner Macht sicher für die Verwahrung Azaels in der Wüste zu garantieren. Durch die henochischen Zeichen auf ihr verfügt sie über viel Macht, die wir nutzen wollen, um Azael noch fester zu binden.“

„Woher wisst ihr von den Zeichen? Von mir?“ Pik ist immer noch misstrauisch. Kann ich gut nachvollziehen. Ist auch ziemlich viel auf einmal.

„Es gibt einen Engel. Vielleicht noch mehr als einen, die sich Azael verbunden fühlen. Sie haben, so wissen wir, die Zeichen auf dir aufgetragen. Dich zum Schlüssel gemacht.“

„Mein Leben zerstört.“ Pik blickt abweisend zu dem Mann und dann auf ihre Arme. Auf die Zeichen.

Bruder Albert nickt. „Ich kann dir nur Genugtuung anbieten, indem du nun deine Macht benutzt, um auf ewig Azael für sie unerreichbar zu machen.“

„Wieso greifen die Engel nicht ein, wenn ihr sowas tut?“, frage ich.

„Weil sie nicht dürfen“, erklärt Bruder Albert. „Ein Engel darf mit einem Menschen reden, aber er darf nicht wirklich auf Erden wandeln. Tut er es doch, riskiert er die Verbannung.“

„Also, was konkret soll ich tun?“, fragte Pik dann. Sie sieht aus wie ein Schachspieler vor seinem Zug. Da ist etwas Berechnendes in ihrem Blick.

„Wir haben gesucht und gesucht. Jahrelang, bis wir eine Gezeichnete fanden. Wir wussten durch Verhöre, dass die Gegenseite von dir wusste. Du hast Macht, wir wollen, dass du mit uns kommst und etwas, nun, etwas zauberst“, erklärt Bruder Albert. Irgendwie ist er mir unsympathisch.

„Zaubern?“, hakt Pik nach.

„Dir wird kein Leid geschehen. Nur ein paar Worte sagen. Mehr nicht.“

„Das ist alles?“

„Das ist ‚alles‘. Doch nur wenn jemand wie du sie sagt, wird es funktionieren. Wird das Ritual erfolgreich sein.“

Pik ist ruhig. Kratzt sich an der Nase. Dann verändert sich ihre Haltung etwas.

„Ihr wollt also“, wiederholt Pik laut, „dass ich mit euch mitkomme in die Wüste. Azael für immer einsperre. Was habe ich davon?“

Bruder Albert scheint überrascht.

„Genugtuung?“, fragt er vorsichtig. Das hatten wir schon.

„Nein, ich kann auch einfach weglaufen, wenn sie mich nicht finden, hab ich ihnen auch die lange Nase gezeigt.“

Bruder Albert hat sicher mit Vielem gerechnet, doch nicht damit.

„Es ist das Richtige“, versucht er es nun.

„Das macht nicht satt“, erklärt Pik. Sie lächelt schief. Fast entschuldigend.

„Du willst Geld?“, fragt Bruder Albert überrascht.

„Ich will nicht mehr gejagt werden. Eine neue Identität. Die kostet sicher Geld“, erklärt sie nun.

Bruder Albert nickt verständnisvoll.

„Wie du willst, gewisse Summen kann ich dir zusichern. Eine halbe Million, und einen neuen Namen“, sagt er schließlich. Er sieht aus als hätte sie ihm alles aus den Rippen geschnitten, was er hat. Ist das Ernst oder gut gespielt?

Pik verliert kurz die Kontrolle über ihre Gesichtszüge.

„Eine halbe Million?“, ruft sie begeistert. Ungläubig. Dann setzt sie wieder ihr ruhiges, kontrolliertes Lächeln auf. „Das ist in Ordnung“, stellt sie fest. Im scharfen Kontrast zu ihrem Ausbruch. Betont ruhig.

„Gut, dann komm mit“, Bruder Albert befällt auf einmal eine Unruhe. Er will gerade gehen, als Pik ihn unterbricht: „Wartet bitte noch.“

Sie sieht mich an.

„Begleitest du mich?“, fragt sie. Überrascht sehe ich hilflos zu Nantwig. Begleite ich sie? Darf ich?

„Wir werden fliegen müssen, dorthin, wo es wenig Deckung vor der Sonne gibt“, erklärt er mir. Er wirkt nachdenklich. Ich merke erst jetzt, wie blöd die Idee ist, als Vampir in die Wüste zu fahren. Das kann schmerzhaft enden.

Pik tritt zu mir. Flüstert mir ins Ohr: „Bitte, ich möchte jemanden dabei haben, dem ich vertraue. Das ist“, sie blickt zu Gluhschwanz, der neugierig vom einen zum anderen sieht, „alles seltsam.“

Ich schnaube. Ja, das ist tatsächlich seltsam, genauso wie wenn man aufwacht und einem einer erklärt, dass man nun ein Vampir ist.

„Ich komme mit“, versichere ich Pik. Es ist das Richtige. Ich weiß das. Außerdem bin ich verdammt neugierig.

Nantwig blickt unzufrieden von ihr zu mir und nickt.

Er will sich wohl ungern in solche Gefahr begeben. Trotz aller Neugier. Soll er doch unzufrieden sein. Wenn er nicht mit will, kann er von mir aus hierbleiben. Ich verscheuche den Gedanken.

„Gut.“

Bruder Albert eilt wieder aus dem Raum.

„Dann kommt, kommt“, ruft er gut gelaunt. Seine Stimme hallt in dem Tunnel.

Gluhschwanz wendet sich beim Gehen kurz an Nantwig.

„Ich freue mich auf deinen Bericht“, erklärt er.

„Du kommst nicht mit?“, frage ich überrascht.

Gluhschwanz zischt kurz, was wie ein Lachen klingt.

„Besser nicht, nein“, erklärt er. Er deutet dabei auf sein Gesicht.

*

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Wir sitzen in einem älteren Sportflugzeug mit nur einer kleinen Kabine für maximal acht Leute. Hinter uns sind einige Kisten verstaut. Ausrüstung.

Bruder Albert sitzt vorne, neben dem Piloten. Ein schlecht gelaunter bärtiger Typ. Hat was Arabisches.

Ich sitze am Fenster, neben mir Pik. Hinter mir ist Nantwig. Dieser klammert seine Hände an die Sitzlehnen. Irgendwie verkrampft. Soll ich ihn darauf ansprechen? Lieber nicht. Bin froh, dass er dabei ist. Will es mir mit ihm nicht verscherzen. Pik scheint völlig in Gedanken versunken. So fliegen wir schweigsam. Nicht dass es wirklich möglich wäre sich groß zu unterhalten.

Die Isolierung des Flugzeugs ist nicht allzu gut, so dass alles übertönt wird von einem beständigen Brummen.

Schließlich sinkt das Flugzeug tiefer.

Als ich aus dem Fenster sehe, traue ich meinen Augen kaum. Das kann nicht ihr Ernst sein.

„Wir landen auf einer Straße?“, frage ich entsetzt.

Nantwig sieht aus dem Fenster und wird noch blasser im Gesicht als er es sowieso schon ist.

Bruder Albert nickt nur freundlich. Dabei sieht er aus als wollte er nur mal eben einkaufen gehen.

„Natürlich“, ruft er gegen den Lärm der Maschinen zurück. „Hier draußen gibt es keinen Flugplatz. Wer wollte auch hier hin, es ist der Rand einer Wüste.“

Wir sinken tiefer. Mein Magen fühlt sich seltsam an. Das Flugzeug rumpelt. Vibriert. Ist das normal?

Das Flugzeug setzt auf. Mit einem Ruck landen wir.

Wir leben noch. Genau das scheint in Nantwigs Gesicht geschrieben zu sein. Vielleicht auch in meinem.

Als wir die schmale Treppe des Flugzeuges hinabsteigen, bietet sich ein beeindruckender Anblick.

Sand.

Ich meine, ich hab schon das Meer gesehen. Das hier war so ähnlich.

Es war Sand.

Endlos viel Sand. Einfach nur Sand.

In die eine Richtung erstreckt sich der Sand bis zu einem Gebirge. In die andere Richtung verliert sich der Blick im Dunkel.

Aber es ist wirklich verdammt viel Sand.

Warme Nachtluft weht uns entgegen.

Die Straße, auf der wir gelandet sind, führt schnurgerade zu einer kleinen Siedlung. Es eine richtige Stadt zu nennen, möchte ich vermeiden. Es sind eher Behausungen für maximal zweihundert Leute. Behausungen, weil manches nichtmal eine echte Hütte darstellt. Nichtmal ansatzweise.

„Von hier aus laufen wir“, erklärt Bruder Albert und geht voran. Er erwartet einfach, dass wir ihm folgen.

„Laufen?“, fragt Pik entsetzt. „In die Wüste?“

Bruder Albert läuft die Straße entlang zum Dorf. Er bleibt kurz stehen und sieht Pik an.

„Nein, nach Tabuk rein. Wir werden morgen mit einem Wagen in die Wüste fahren. Ich denke es ist allen Beteiligten lieber nachts zu reisen“, erklärt Bruder Albert ihr. Er wirft dabei mir und Nantwig einen bedeutungsschweren Blick zu. Er hat bisher kein Wort verlauten lassen, was er über uns wirklich weiß oder von uns hält. Wie lang hat er uns vorher bereits beschattet? Ahnt er mehr als dass er weiß?

Wir übernachten in einer Art Herberge über einem Café. Das Gebiet ist mehrheitlich streng muslimisch, weswegen kein Alkohol ausgeschenkt wird. Erklärt mir Bruder Albert. An den niedrigen Tischen des Cafés sitzen Männer um Wasserpfeifen. Trinken verschiedene Tee- und Kaffeesorten.

Oben angekommen sitze ich noch eine Weile mit Pik zusammen. Die ist sichtlich nervös.

„Was, wenn ich es nicht kann?“, murmelt sie schließlich in die Stille. Hab mich schon gefragt, wann sowas kommt. Die Frage ist ihr seit geraumer Zeit anzusehen.

„Dann sind Nantwig und ich da“, erwidere ich. Ich habe keine Ahnung, ob Nantwig ihr helfen wird. Aber auf mich kann sie sich verlassen.

Sie schenkt mir ein schiefes Lächeln.

„Danke. Irgendwie ist es schön.“

„Was denn?“

„Endlich zu wissen ... dass man nicht verrückt ist.“

Langsam nicke ich, während ich mir ihre Situation vorstelle.

„Nun, dann mal gute Nacht, oder guten Tag ... schlaf gut“, verabschiedet Pik sich. Sie küsst mich auf die Wange. Dann verschwindet sie in ihrem Zimmer.

Irgendwie gelingt es mir Schlaf in meinem eigenen Zimmer zu finden.

Es liegt direkt über dem Hauptraum des Cafés und das Stimmengewirr dringt zu mir herauf. Bin froh, dass ich kein Arabisch spreche. Wenn ich auch noch verstehen würde, was da geredet wird, könnte ich es sicher nicht so leicht ausblenden.

Erst nach Sonnenaufgang leert sich der Raum und ich sinke endgültig in unruhigen Schlaf.

Am nächsten Abend werde ich von Nantwig geweckt. Er hält mir einen Beutel mit Blut unter die Nase.

„Trink, wir wissen nicht, was passiert“, sagt er schlicht. Ich nicke. Wer weiß, wann es wieder was gibt. Was man das nächste Mal für Blut tun muss.

Das Blut rinnt warm meine Kehle herunter. Es schmeckt weniger schlecht als beim ersten Mal.

„Gewöhnt man sich an den Geschmack?“, frage ich Nantwig. Dieser nickt und schenkt mir ein kurzes Schmunzeln.

„Vor allem, wenn du wirklichen Hunger verspürst, ist es wie der Nektar der Götter.“

*

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Etwas später verlassen wir das Café. Bruder Albert führt uns zu einem älteren Auto.

Mit diesem Ford Focus machen wir uns auf den Weg in die Wüste. Der Ford hat seine besten Jahre sicherlich schon gesehen. Der dunkelblaue Lack ist an so vielen Stellen bereits so sehr abgeschabt, dass man meinen könnte, das Rostbraun wäre als Muster angebracht worden. Als wäre der Wagen zweifarbig lackiert.

Die Fahrt dauert bereits einige Stunden, als Nantwig ungeduldig wird.

„Wie weit ist es noch?“, fragt er. Er blickt immer wieder zum Horizont. Ich kann ihn verstehen. Auch mir bereitet der Gedanke an Sonne Sorge.

„Wir sind weit weg von jeder Deckung und ich hoffe sehr, dass Ihr das mit eingerechnet habt, Bruder Albert. So wie wir es besprochen haben.“

Bruder Albert nickt.

„Dort“, sagt er und deutet mit einer Hand in Richtung einer Felsformation, die schon seit einer Stunde die einzige Orientierung darzustellen scheint. Ich habe schon seit längerem in der dunklen Wüste die Orientierung verloren. Lediglich die Sterne sind ein sicherer Anhaltspunkt. Naja, wären einer. Wenn ich darauf geachtet hätte. Oder eben diese Felsen. Ich sehe sie schon seit einer Weile und durch sie war ich wirklich sicher, dass wir vorankamen. Erst waren sie nur klein am Horizont. Ohne sie? Hätte ich vermutlich auch kein Gefühl dafür gehabt, wie weit wir schon gefahren sind.

Wir sind meilenweit in die Wüste hineingefahren. Wenn wir jetzt eine Autopanne hätten. Nichtmal wenn ich kein Vampir wäre, würde ich hier rauskommen, denke ich.

„Dort liegt das Grab?“, fragt Pik. Bruder Albert nickt erneut. Ein fiebriger Glanz liegt dabei in seinen Augen.

„Dort wurde er gefangen“, murmelt Bruder Albert. Seine Stimme nimmt dabei einen seltsamen Klang an.

„Seid nicht traurig, bald ist es vollbracht“, versucht Pik ihn zu trösten. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass er das nicht resigniert gemeint hat. Nicht, weil er seiner Aufgabe überdrüssig ist. Aber vielleicht bin ich auch einfach müde. Obwohl ich das Gefühl habe besser zu sehen und zu hören, gerade im Dunkeln, bin ich doch immer noch gerädert von dem neuen Schlaf-Wach-Rhythmus.

So schnell wie es die fast trampelpfadartige Straße erlaubt, rasen wir auf die Felsen zu.

Dort stoppt Bruder Albert den Wagen. Er steigt aus und wir folgen seinem Beispiel.

Männer in Kapuzenumhängen und weiten Gewändern kommen zwischen den Felsen hervor und umringen uns.

„Du bist spät“, stellt einer der Männer mit Kapuze an Bruder Albert gewandt fest.

„Dafür hatte ich Erfolg. Es geht um das Ziel. Der Terminplan ist vernachlässigbar“, sagt Bruder Albert daraufhin.

Einer der anderen tritt näher an ihn heran. Er überragt Bruder Albert sicher um eine ganze Kopflänge.

„Der Zeitplan ist fast so wichtig wie die Gezeichnete selbst.“ Er ist nun ganz nahe vor Bruder Albert.

Dann deutet er mit einer Kopfbewegung hinauf.

„Oder glaubst du, das passiert dauernd?“

„Es tut mir leid“, erklärt Bruder Albert, doch in seiner Stimme klingt kein Bedauern mit. Ich blicke hinauf zum Himmel und erkenne, was der Mann meint.

Mehrere helle Lichter bilden eine Linie.

Mehrere Planeten des Sonnensystems stehen in einer Linie! Wenn es Magie gibt, dann dürften ja zumindest manche Klischees stimmen.

„Beginnen wir sofort“, beschließt ein anderer der Kapuzenträger.

„Keine Bewegung“, ertönt eine Stimme nicht weit von ihnen zwischen den Felsen.

Männer treten nun hervor, sie kommen aus einem anderen Bereich der Felsbrocken als die Kapuzenträger.

„Im Namen des Vatikans, seiner Heiligkeit des Papstes und im Namen Gottes fordere ich euch auf, eure Waffen niederzulegen“, ruft einer der neu aufgetauchten Männer. Er trägt einen schwarzen Anzug und eine schusssichere Weste. Richtet einen großkalibrigen Revolver auf die anderen, genau wie viele andere, die mit ihm aufgetaucht sind.

Das muss ein Irrtum sein, oder? Wie kann der Vatikan sich selbst jagen?

„Im Namen deines Gottes, Jehova?“, höhnt nun Bruder Albert. Moment, habe ich mich verhört? Nein, definitiv nicht. Der „Bruder“ Albert verhöhnt seinen eigenen Gott? Hier stimmt etwas nicht. Alberts Gesicht verzieht sich zu einem raubtierhaften Grinsen. Höhnisch. Bruder Albert fährt fort: „Er spricht nicht mehr zu euch, wie könntest du wissen, was die Wahrheit ist? Wahr ist das Recht des Stärkeren, das was sich als wahr erwiesen hat. Pah, der Gott des Mitleids.“ Albert spuckt die Worte förmlich aus. „Wir werden einen wahren Gott befreien!“

„Ihr werdet Azael nicht befreien“, erwidert nun der echte Vatikangesandte. In meinem Kopf rasen die Gedanken. Bruder Albert hat uns belogen? Also gehört er zu genau denen, die er angeblich bekämpft? Denen, die Azael befreien wollen?

Diese Worte sind ruhig gesprochen, aber sie erscheinen mir schwerer als die Felsen, die uns umgeben.

Dann donnern die Revolver der Neuankömmlinge los. Bruder Albert springt zur Seite. Wirft dabei Pik zu Boden. Mehrere Kapuzenträger fallen getroffen zu Boden, andere springen in die Sicherheit der Felsen und erwidern das Feuer aus anderen Handfeuerwaffen.

Ich selbst springe hinter den Wagen und robbe zu den Felsen. Verdammt, hier wird geschossen! Ich meine, es ist was ganz anderes, sowas mal im Film gesehen zu haben. Oder aber tatsächlich Kugeln um sich surren zu hören!

Bruder Albert zerrt Pik hinter sich her in Deckung.

Dabei ruft er den anderen etwas zu, woraufhin einige Kapuzenträger ihre Waffen an andere geben und mit ihm und Pik verschwinden.

„Folgen wir ihnen“, entscheidet Nantwig. Er ist inzwischen zu mir gerobbt. Wir versuchen zu den Felsen zu gelangen. Querschläger sirren durch die Luft. Manche Kugeln prallen von dem harten Gestein ab.

Plötzlich stöhnt Nantwig neben mir auf.

Eine klaffende Wunde ist zu sehen. Es fehlt ein Stück aus seinem Knie. Scheiße, es fehlt ein ganzes Stück! Ich zerre ihn die letzten Meter in die Deckung.

„Folge ihr, irgendwas stimmt hier nicht. Albert spielt, denke ich, falsch“, erklärt Nantwig. „Stell Albert zur Rede.“

„Kommst du zurecht?“, frage ich. Nantwig nickt.

„Es tut weh und ich kann nicht laufen, weil Muskeln durchtrennt sind. Aber ich werde es wohl überleben“, erklärt er. Er lächelt grimmig. Ich nicke und eile los.

Ungefähr weiß ich noch, in welche Richtung Albert mit den Kerlen und Pik ist.

Bald höre ich Stimmen. Ein Singsang, der immer lauter wird, erhebt sich.

Um einen Felsen stolpernd, betrete ich einen kreisrunden freien Platz von mehr als zwölf Metern Durchmesser inmitten der Felsen. Ein ritueller Ort?

Dort stehen drei Kapuzenträger und Albert in einem Kreis um Pik. Sie liegt am Boden. Bewusstlos? Blutet leicht aus einer Platzwunde an der Stirn. Wut steigt in mir auf.

Um sie sind Linien in den Sand gezogen. Konzentrische Kreise. Seltsame Zeichen.

„So bringen wir dir den Schlüssel, Azael. Erhebe dich, Gebieter“, ruft Bruder Albert laut.

Ich erstarre.

Ich stürme vor und reiße Albert von den Beinen. Die anderen lassen sich nicht in ihrem Singsang stören. Wie in Trance blicken sie zu Pik.

„Du kannst es nicht aufhalten, Bestie“, zischt Bruder Albert.

Er sticht mit einem Dolch nach mir. Seit meiner Verwandlung bin ich schneller. Nicht soviel, wie ich gern wäre. Aber ich schaffe es dem Stich auszuweichen. Mehrmals schlägt er nach mir. Dann schaffe ich es sein Handgelenk zu packen. Wir ringen um das Messer. Durch einen Schlag ins Gesicht lässt er den Dolch wimmernd los. Ich glaube, seine Nase ist gebrochen.

Ich schnappe den Dolch. Halte ihn in der Hand und blicke auf Albert hinab. Ich will zustoßen. Doch ich zögere. Soll ihn ihn wirklich töten? Ermorden?

In diesem Moment erzittert die Erde. Feiner Sand rieselt von den Felsen und die Kreise im Sand beginnen sich zu bewegen. So als würden Tiere unter dem Sand graben. Die Kreise beginnen zu erwachen und sich um sich selbst zu drehen. Dabei rumort es, wie Donner erklingt es unter unseren Füßen.

„Er ist frei“, haucht Albert. „Auf Wiedersehen. Euer Opfer wird gewürdigt.“ Erst denke ich, dass er mich meint.

Dann aber schreien die drei verbleibenden Kapuzenträger auf einmal auf.

Ein feiner Strom aus Teilchen fliegt von ihrem Gesichtern und Körpern in den Mittelpunkt der Kreise. Keinen Meter von Pik entfernt. Der Sand beginnt sich zu drehen wie ein Mahlstrohm.

Die Kapuzenträger werden still. Sie lösen sich völlig auf in diese kleinen Splitter. Wie in Sandkörner zerstäuben sie und werden in den Mahlstrom gezogen.

„Leben für Leben“, haucht Albert ehrfurchtsvoll.

Pik erwacht in diesem Augenblick und springt auf. Bilde ich mir das ein? Nein. Ihre Narben scheinen schwach zu glühen.

„Sie haben uns verraten“, rufe ich ihr zu. „Sie bannen ihn nicht, sie befreien ihn!“

Albert packt mich von hinten und legt seinen Arm um meinen Hals. Er beginnt mich zu würgen.

Ich versuche mit der Klinge nach ihm zu stechen. Im Handgemenge verliere ich die Waffe und sie landet im Wüstensand. Ich wehre mich. Doch was ich an Kraft mehr habe durch mein Vampirsein, macht er mit geschickter Technik wett. Und Fanatismus.

„Du wirst nicht verhindern, dass er aufersteht“, knurrt mir Albert ins Ohr.

Inzwischen beginnt Sand herumzuwirbeln und sich zu formen. Nach und nach werden die Formen menschlicher. Schließlich ist ein Mann zu erkennen. Sein Gesicht und sein Oberkörper bilden sich heraus. Er scheint ein wallendes Gewand zu tragen. Doch der Rest von ihm ist noch konturlos. Wie von einem Kind modelliert. Doch er wird immer plastischer.

„Endlich“, haucht Albert. Ich ringe immer noch mit ihm.

Pik blickt sich panisch um und entdeckt meine Klinge. Den Dolch von Albert, den ich fallen gelassen habe.

Sie schnappt sich den Dolch und für einen Sekundenbruchteil treffen sich unsere Blicke.

In diesem Moment ist es egal, dass ich keine Luft mehr bekomme. Alles um uns ist egal. Es ist dieser Moment, wenn man nicht nur ahnt, was ein Mensch denkt. Oder es vermutet. Nein, wenn man jemandem in die Augen sieht und es weiß. Dieses Gefühl von Gewissheit, für das manche töten würden.

Genauso schnell ist der Moment vorbei. Sie rennt auf Azaels entstehenden Körper zu. Ihre Narben zeichnen sich leuchtend unter ihrer Kleidung ab. Sie brüllt. Ich weiß nicht ob vor Schmerz oder gegen die Angst. Nichts Artikuliertes. Einfach ein Laut.

Dann rammt sie Azael den Dolch direkt in die Herzgegend.

Ein Kreischen ist zu hören. Wie berstender Stahl. Nicht dass ich weiß, wie er klingt. Aber so stell ich es mir vor. Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gehört. Albert lässt mich schreiend los. Zumindest glaube ich, dass er schreit. Es ist nichts zu hören, über das Kreischen hinweg.

Als ich mich zu ihm umsehe, bemerke ich, dass Alberts Ohren bluten. Er liegt leblos am Boden. Das Gesicht verzerrt. Vor Schmerzen?

Azael beginnt zu leuchten. Ich wende den Blick ab. Es ist wie wenn man in die Sonne sieht. Es tut weh.

Ich schließe die Augen und presse mir die Hände auf die Ohren. Mir wird übel.

Plötzlich ist es vorbei.

Ich sehe mich um.

Dort, wo eben noch Azael gewesen ist, ist nun ein Krater aus zu Glas geschmolzenem Sand. Es dampft leicht. Und etwas stinkt. Ich muss an gegrilltes, verbranntes Fleisch denken.

In der Mitte liegt eine verkohlte Leiche.

Oh, scheiße, nein!

Ich renne zu Pik.

Ihre Haut ist voller Blasen. Große Teile ihrer Haut völlig schwarz und unkenntlich.

Doch ich kann sehen, wie sich ihre Brust langsam hebt und senkt.

Sie öffnet die Augen!

Ein schwaches Wimmern ist zu hören. Mein Herz fühlt sich gefroren an. Ich kann ihr Leid spüren. Mitgefühl übermannt mich. Verzweiflung. Dann blitzt eine Idee auf. Eine verzweifelte Idee ist besser als keine.

Ich beugte mich zu ihr hinunter und lächle schief.

Dann beiße ich in ihren Hals.

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Epilog: Die Wahl der Worte

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Marcel Casona eilte die Treppe herunter und versuchte dabei nicht zu stolpern.

Er ging den langen Flur in den Tiefen Roms entlang und blieb völlig außer Atem vor einer eichenen, uralten Tür stehen. Hier war der Oberste. Der Anführer der Legionen, die gegen das Böse kämpften. Gegen die Monster. Marcel holte tief Luft und versuchte seinen Herzschlag zu beruhigen.

Dann klopfte er.

„Herein“, ertönte es von der anderen Seite.

Marcel betrat den Raum und sah sich einem muskulösen Mann mit Halbglatze gegenüber, der an einem Schreibtisch saß. Er blickte missmutig zu Marcel.

„Herr Casona“, stellte Halbglatze fest.

Marcel beeilte sich die Akte zu überreichen, die er trug.

„Diese Berichte sind direkt von unseren Männern vor Ort in der Wüste“, fügte Marcel hinzu. Halbglatze blätterte in der Akte.

„Also konnte seine Erweckung nicht nur verhindert werden. Sie konnten den Gefallenen töten?“, stellte Halbglatze fest. Marcel nickte.

„Einige von uns glauben, dass es eine göttliche Intervention war“, konnte sich Marcel nicht verkneifen.

Halbglatze schnaubte.

„Vielleicht. Vermutlich hat man aber schlicht die falschen henochischen Zeichen auf das Mädchen aufgetragen. Eine unklare Formulierung und schon wird aus Macht zu befreien einfach nur Macht. Pure Macht. Dann plötzlich wird ein Mensch mächtig genug einen Engel zu töten.“ Halbglatze blickte nachdenklich in die Akte.

„Der Verräter Albert?“, fragte er.

„Wurde eliminiert. So wie die anderen Anhänger Azaels.“

„Hier steht nichts zu den Schattenkreaturen. Was ist mit den Vampiren, die gesehen wurden“, stellte Halbglatze nach einem Blick in die Akte fest.

„Sie sind geflohen. Möglicherweise mit dem Leichnam der Frau. Auch er fehlte.“

„Sie sind neunzehn Jägern, die der heilige Vater höchstselbst ernannte, entkommen?“ Halbglatze hob dabei abschätzig eine Augenbraue. „Neunzehn?“, fügte er noch einmal hinzu.

„Wie sie wissen, waren auch die Anhänger Azaels dort. Bewaffnet. Es war wohl ein großes Durcheinander.“

Halbglatze sah nachdenklich an Marcel vorbei. Sein Blick war in weite Ferne gerichtet.

„Vielleicht Wille des Herrn. So wie die für uns glückliche Schlamperei bei dem Henochisch auf dieser jungen Frau“, entschied Halbglatze und legte die Akte auf seinen Schreibtisch.

„Das wäre alles, Herr Casona.“ Mit einem Nicken entließ er ihn.

ENDE

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Trouble in Tallinn

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Ich sehe sie das erste Mal auf der Fähre von Lübeck über Helsinki nach Tallinn. Sie steigt bei unserem Halt in Helsinki zu.

Es ist eine preiswerte Fährenfahrt über die Ostsee. Die Fahrt ist sehr viel länger als ein Flug mit dem Flugzeug, aber die Ostsee so vor sich zu haben ist einfach schön. Zudem sollte man, wenn man es kann, eine Stadt immer vom Wasser aus betreten, denke ich. Außerdem gibt es Livemusik: Dicke Finnen in über Bäuchen spannenden Anzügen spielen finnischen Tango. Sie stehen auf einer kleinen Bühne im Hauptsaal. Dazu wird immer mal etwas gespielt, das nach Pop oder von der Melodie nach Schlager klingt.

Ich sitze auf dem Vorderdeck der Fähre in der Bar Mare Nostre. Vor mir steht eine überteuerte Tasse schwarzen Tees auf dem kleinen runden Tisch. Er ist im Boden festgeschraubt. Das bedeutet, bei Seegang wird nur meine Tasse umfallen, das ist tröstlich. Der artdeco-artige Sessel ist mit Kunstleder bespannt, das bei jeder Bewegung knirscht, aber er ist bequem. Da setzt sich dieser Engel mit weißblonder Löwenmähne neben mich. Ihre schwarzen Augenbrauen bilden einen harten Kontrast zu den hellen Haaren. Ein fließend enges Kleid aus engmaschig gestrickter Wolle umfließt ihre fraulichen Rundungen. Ich bin sofort in den Bann geschlagen bei diesem Anblick. Es gibt diese seltenen Momente, wenn einen die Welt wirklich vor etwas stellt, was einen überwältigt. Für mich ist sie diese Überwältigung.

Die Band wechselt gerade vom Tango in irgendwas mit Vier-Viertel-Takt, das nach Uff-ta-ta klingt. Würde nicht auf Finnisch dazu gesungen werden, könnte es auch ein deutscher Schlager sein.

Die eisblauen Augen des Engels mustern mich flüchtig, dann wendet sie sich der grünblauen Ostsee zu. Ihre Lippen sind schwarz geschminkt, was sie bleicher wirken lässt, als sie sicher ist. Es ist eine kühle, fast noble Blässe, nicht kränklich. Das verstärkt den Eindruck von Distanziertheit, den sie ausstrahlt, wie von einem überirdischen Wesen. Ihre Präsenz wirkt doch irgendwie fehl am Platz.

Mit Mühe verkneife ich mir das Anstarren der Guten. Ich bin seit einigen Monaten Single. Hatte einfach nicht mit uns geklappt, sagt zumindest meine ehemalige Freundin. Nein, Ex-Freundin muss das ja jetzt heißen. Ich finde, sie hat einfach etwas am Rad gedreht und war zu prüde, um nur über einen Teil unserer Auseinandersetzung zu reden. Irgendwie war ein Streit eskaliert und sie war im wahrsten Sinne geflohen, um mir per Chat den Laufpass zu geben. Nicht mal eine SMS hat sie gesendet! Nicht mal das Ausgeben von Geld war ich wert?

Ich bin immer noch empört. Einen gewissen Wert messe ich mir schließlich auch zu.

Dem Schlagerrhythmus folgt etwas, das nach Rock-around-the-clock klingt, allerdings eben auf Finnisch. Man muss den dicken Männern in Schwarz auf der Bühne schon lassen, dass sie ganz schöne Ausdauer haben.

Die Musik ist laut und es gibt eine Tanzfläche vor der Bühne. Vor allem die Über-Vierzigjährigen frequentieren diese rege. Einige tanzen hingegen eher so, als wäre das nur eine Ausrede, mal wieder den Partner anfassen zu können, andere sind aber ziemlich gut für ihr Alter.

Was soll es, geht mir durch den Kopf. Beim Tanzen geht es ums Gefühl, nicht um perfekte Choreographie. Rhythmusgefühl ersetzt jeden vergessenen Tanzschritt. Umgekehrt erkennt man immer, wer nur die Schritte kann, aber nicht fühlt, was zu tun ist. Es wirkt immer hölzern. Es ist wie im Umgang mit Menschen, da gibt es auch die Theoretiker und die mit Gefühl.

Eigentlich gibt das ein schönes Bild für eine Beziehung: Wenn einer im Gefühl hat, was zu tun ist, muss der andere zum Gelingen wenigstens loslassen können und einfach folgen.

Immer mal nutze ich die Gelegenheit, um einen Blick auf den blonden Engel zu werfen. Sie sitzt noch immer an einem Tisch neben mir. Dann leider wird etwas von mir entfernt ein Tisch mit Blick aufs Wasser frei und sie entschwindet mit einem freundlichen Lächeln, um dort alleine zu sitzen.

Der Moment etwas zu sagen, etwas Unverfängliches zu tun, ist vergangen. Das sind diese Momente, wo man weiß, dass sie einem lange in Erinnerung bleiben.

Einige Stunden später erreichen wir Tallinn. Die Stadt zieht sich wie die meisten Hafenstädte eher in die Länge der Küste als in die Breite. Die alte mittelalterliche Innenstadt und die Oberstadt sind gut zu sehen. Sie erheben sich über den Rest der Stadt.

Ich bin hier, um einen Cousin von mir zu besuchen. Meine Familie hat einen Zweig in Estland. Es sind Semesterferien, und was ist ein Leben wert, in dem man nicht reist? Mein Cousin liegt mir schon seit Monaten in den Ohren, dass ich mir Tallinn einmal mit ihm ansehen müsste. Also bin ich jetzt hier. Bei ihm im Studentenwohnheim darf ich leider nicht übernachten. Nicht das in seinem Wohnschrank ohne Klo noch Platz wäre, aber die Heimleitung ist was Übernachtungsgäste angeht ziemlich streng.

Ich mache mich auf den Weg zu dem Hostel, in dem ich wohnen werde. Es liegt nahe am Hafen, auf dem Weg vom Dock zur Innenstadt. Die Übernachtung im Hostel kostet nur sechzehn Euro und es liegt im Rotermanni-Viertel. Mein Cousin Olev hat mir die Adresse rausgesucht und im Internet sah es gut aus. Die Website zeigt Bilder von gepflegten, großen Räumen. Das Gebäude von außen macht jetzt allerdings nicht viel her. Es ist ein dreckiger Kasten zwischen anderen Häusern eingepfercht. Optisch ist es die späte Rache des Sozialismus.

Die direkte Nachbarschaft besteht aus Hotels und Stripteaseschuppen, hier Striptiis genannt, und wirkt wenig anheimelnd. Aber man soll ein Buch ja nicht nach seinem Umschlag bewerten.

Die Frau an der Rezeption überfliegt kurz das Formular, in das ich meine Daten eintragen soll. Es ist nur ein Kreuz bei Vor- und Nachname und eines bei meiner Unterschrift. Mehr wird nicht von mir verlangt. Sie liest ein dickes Buch und mir fallen zwei schwarze Piercings über der linken Oberlippe auf. Rechts hat sie keine. Irgendwie stört mich diese Asymmetrie, aber sie belustigt mich auch gleichzeitig. Die Frau händigt mir die Schlüssel aus und wünscht mir auf Englisch einen schönen Aufenthalt. Dabei sieht sie kaum von ihrem Buch auf.

Ich gehe die verwinkelte Treppe hinauf. Das ganze sieht aus, als hätte man in einer alten Industriehalle neue Wände und Stahlträger eingezogen und sie dann als Hotel ausgebaut. Das Gebäude ist allerdings nicht bewusst in diesem urbanen schäbigen Stil eingerichtet, der inzwischen bei vielen in Deutschland so beliebt ist. Das hier ist einfach abgenutzt, denke ich.

Das Zimmer sieht zugegeben nicht so aus wie im Internet, eher wie eine schäbige Version davon. Ich nehme an, das Bild wurde direkt nach der Renovierung gemacht, die dürfte aber schon einige Jahre her sein. Dafür habe ich eine eigene Dusche. Allerdings sieht der Raum so aus, dass ich nicht sicher bin, ob ich nicht pro Stunde zahle. Der Stripteaseschuppen in der Nachbarschaft verstärkt den Eindruck. Aber ich hoffe, ich liege da falsch. Nachdem ich mein Gepäck auf einem Stuhl im Zimmer abgelegt habe, rufe ich mit meinem Handy meinen Cousin an.

Olev Samov meldet sich fröhlich auf Deutsch bei mir. Die Anruferkennung dürfte ihm verraten haben, dass ich es bin.

„Alex, wie geht es dir? Bist du schon da?“, fragt er.

„Bin ich. Die Absteige, die du mir empfohlen hast, ist wirklich ... preiswert. Geradezu billig“, füge ich trocken hinzu.

Er lacht laut. „Aber ohne Viecher. Ehrenwort. Ich kenne da eine Kleine, die da putzt. Sehr gewissenhaft ist die“, erwidert er kichernd. Ich kann mir sein Grinsen dabei regelrecht vorstellen. Es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein anzügliches Grinsen. „Lass uns bei den Blumenläden an der Viru Väravad treffen“, sagt er. „Da ist ein altes Stück Stadtmauer, schön die Ecke. Wenn du noch nichts gegessen hast, ist da auch ein McDonald‘s.“

„Von mir aus, treffen wir uns gleich da“, stimme ich zu.

Ich mache mich mit einer Kartenapp auf den Weg und finde die Stelle schnell. Hier beginnt auch Tallinns Altstadt und ich muss Olec zustimmen: Sie ist wunderschön.

Als wir an den Blumenläden vorbeigehen, wundere ich mich darüber, dass es gleich drei Stück auf einmal sind. Ich frage meinen Cousin danach.

„Weil man immer eine Blume dazu tut, wenn man etwas schenkt“, sagt Olev daraufhin. „So macht man das bei uns.“

Ich nicke und merke es mir, falls ich jemals einem Esten etwas schenke. Olev zum Beispiel.

Wir schlendern durch die Stadt und genießen die engen Straßen und mittelalterlichen Häuser. Es ist ziemlich kalt, obwohl die Sonne scheint. Der Wind ist allerdings eisig und fährt mir durch die Kleidung. An der Stadtmauer stehen einige Stände aufgebaut und ich kaufe mir einen dicken Wollpullover für nicht einmal fünfzig Euro. Er ist gut gearbeitet. Danach geht es hinauf auf die Stadtmauer. Gegen ein paar Euro kann man eine schmale Treppe hochgehen und hat eine wundervolle Aussicht. Olev erklärt mir, dass der schönste Aussichtspunkt der Stadt, der Turm des Rathauses, leider noch nicht auf hat. Der öffnet erst, wenn im Sommer die Touristen kommen.

Wir streifen weiter durch die Stadt, unterhalten uns über Politik und vermeiden unsere Lebensplanung anzusprechen. Immerhin weiß Olev, dass meine jetzt ein wenig durcheinander gebracht wurde.

„So und bevor ich dir die Partyszene der Stadt zeige...“, sagt Olev und führt mich in eine Seitenstraße.

„Raubst du mich aus?“, frage ich und wir lachen beide. Es ist eine verwinkelte Gasse zwischen mittelalterlichen Häusern  hindurch

„Viel besser. Ich zeige dir das Adonis“, sagt er.

„Klingt wie ein griechisches Restaurant“, erwidere ich.

„Ne, das wäre eher ein Artemis“, meint er entschieden.

„Dann ist das Adonis eine Schwulensauna?“, bohre ich nach.

Er wirft mir einen gespielt abschätzigen Blick zu.

„Also bitte, als würden die dich interessant finden.“

„Aber dich?“

„Sicher, ich sehe nun mal verdammt schnuckelig aus.“

Das Adonis, so viel verrät mir der Schriftzug, ist ein Reihenhaus in einer Nebenstraße. Wir betreten eine kleine Lobby mit einem Wartezimmer, das mehr nach Arzt aussieht. Anstelle von Desinfektionsgeruch rieche ich aber eher eine Mischung aus Lavendel und ätherischen Ölen. Eine junge Frau mit asiatischen Gesichtszügen steht hinter einem Rezeptionsschalter und begrüßt uns lächelnd. Vor ihr liegt eine Illustrierte, die sie sofort verschwinden lässt.

„Olev, du warst lange nicht hier“, begrüßt die Frau meinen Cousin auf Estnisch. Ich erahnen den Satz mehr als dass ich ihn verstehe. Mein Estnisch ist nur rudimentär und diese Sprache hat so gar nichts mit den anderen europäischen Sprachen zu tun. Entweder man weiß die Vokabel, oder man weiß sie nicht, herleiten geht kaum. Sie beugt sich ein wenig vor. „Immer vor den Semesterferien hier, was?“, zwinkert sie ihm zu. „Nur wegen mir, will ich hoffen.“

„Jeder hat so seine Gewohnheiten, um mit Stress umzugehen“, sagt er entschuldigend. „Und Prüfungsstress gibt‘s jedes Jahr vor den Semesterferien.“

Sie sprechen so schnell Estnisch miteinander, dass ich danach kaum noch etwas verstehe, zumindest nichts, aus dem ich schlau werde. Dann reicht sie mir lächelnd eine Kladde, die mich ein wenig an die Speisekarte eines Restaurants erinnert. Drinnen sind Bilder von lächelnden Frauen.

„Welche gefällt dir?“, sagt er. Ich sehe ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an.

„Olev, suche ich mir gerade eine Prostituierte aus?“, frage ich auf Deutsch. Er lacht und schüttelt den Kopf. „Oder mein Mittagessen? Ist das ein Restaurant der Hannibal-Kette?“

„Nein, eine Masseuse, du Ferkel. Ich will, dass du dich mal so richtig entspannst. Das sind besondere Masseusen.“ Dabei klopft er mir auf die Schulter.

Ich zeige auf eine Rothaarige mit stechenden blauen Augen. Sie ist ungefähr wie ich in ihren Zwanzigern, wobei das bei vielen Frauen in der Kladde schwer zu sagen ist.

„Die sieht nett aus. Keine Ahnung, ob sie gut ist. Olev, sollte man Masseusen nicht eher an ihren Händen erkennen?“

Er nickt abwesend und bugsiert mich zu einer Tür, nachdem er mit der Dame von der Rezeption ein paar Worte gewechselt hat.

„Dahinter wartet deine Stunde Glückseligkeit, meine ist die Tür daneben“, sagt er. Bevor ich ganz durch die Tür gegangen bin, höre ich, wie er noch hinzufügt: „Und apropos Hände, nicht wundern! Meist gibt es hinterher noch ein Happy End. Ist im Preis mit drin.“

Als ich zurück in das Wartezimmer komme, bin ich wirklich deutlich entspannter. Olev sitzt bereits auf einem Stuhl und blättert gelangweilt in einem Magazin. Als er mich sieht, steht er auf und legt es weg.

„Ah, endlich. Das hat ja gedauert.“

Details

Seiten
300
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916720
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v387990
Schlagworte
ewige kreis

Autor

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Titel: Der Ewige Kreis