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Jesse Trevellian und der Mord nach Noten: Kriminalroman

2018 200 Seiten

Leseprobe

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Jesse Trevellian und der Mord nach Noten

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Krimi von Horst Friedrichs

Der Umfang dieses Buchs entspricht 168 Taschenbuchseiten.

Er ist ein eiskalter Killer. Seine Aufträge führt er mit Präzision aus. Und er ist klug, was es dem FBI schwer macht, ihn in die Finger zu bekommen.

Aber er hat eine Schwäche – den Jazz. Andra Terrance, die Banjo-Spielerin einer Jazzband, hat es ihm angetan. Sie ist es, als er wieder einmal ihr Konzert besucht und sie bedrängt, die dem FBI den Hinweis gibt, dass er sich in Pennsylvania aufhält.

Die Jagd nach dem Killer beginnt ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Der Herbst in Pennsylvania hatte die Blätter bunt gefärbt. Die Landschaft glich der menschlichen Vorstellung vom Paradies. Hügel und Wälder, Weiden und Felder dehnten sich mit sanftem Schwung zum Bergland hin. Ahornbäume und nordamerikanische Eichen rings um die Farm ließen die Farbenpracht ihres Laubs in der Abendsonne leuchten. Seine Schönheitsfehler hatte dieses Paradies schon lange. Bisher verborgen, zeigten sie sich heute mit kaltem Grauen.

Schüsse peitschten. Kugeln zerfetzten das Herbstlaub, frästen Rindenbrocken und Holzfasern aus den Baumstämmen.

Ich zog den Kopf ein und sprintete quer über die Einfahrt der idyllisch gelegenen Farm. Geschosse folgten mir, nagelten in den festgefahrenen Boden. Trotz der kurzen Distanz schlug ich Haken. Mit einem Satz überbrückte ich die letzten zwei Yards und sprang neben Milo in Deckung.

Er konnte das Feuer nicht erwidern, ebenso wenig wie die Kollegen, denn der Mann, der auf uns feuerte, hatte drei Geiseln, und mindestens eine von ihnen hatte er schon angeschossen. Wir hatten die Schreie gehört.

Wieder peitschten Gewehrschüsse. Diesmal galten sie den beiden FBI-Kollegen aus Pittsburgh, die hinter dem Haupthaus in Deckung lagen. Zwei Deputies von der Warren County Police kauerten hinter ihrem Dienstwagen auf dem Vorplatz des Hauses.

Glas zersplitterte.

Scherben regneten klirrend ins Innere des zweigeschossigen Holzhauses. Es war leuchtend rot gestrichen und im Grün der Landschaft meilenweit zu sehen, da es auf einer kleinen Anhöhe oberhalb des angrenzenden Farmhofs stand.

Es gab bald keine heile Fensterscheibe mehr auf der Farm. Der Schießer in der Scheune geizte nicht mit Munition. Doch wieder wurde es still, unheimlich still. Selbst aus der Krähenkolonie, hoch oben in den Bäumen, drang kein Laut mehr. Mit ihrem Gekrächze, das sonst niemals aufhörte, machten die Schwarzgefiederten den Bewohnern der Farm täglich das Leben schwer. Erst jetzt, als die Menschen dort unten anfingen, sich gegenseitig umzubringen, hatten die Krähen das Weite gesucht. Sicher nur vorübergehend, und selbst das musste ihnen verdammt schwergefallen sein. Denn sie hatten einen gedeckten Tisch verlassen.

Der Kadaver des Hofhunds lag unterhalb des Haupthauses am Fuß eines flachen, mit Rasen bewachsenen Hangs. Der Hund war ein brauner Labrador gewesen, und seine Eigentümer, die Mitglieder der Familie King, hatten ihn »Wallace« genannt.

Der Schießer hatte das treue Tier gleich zu Beginn des Dramas getötet. Wir waren nicht mal auf Hörweite an ihn herangekommen, hatten ihm nicht mal zurufen können, dass wir einen Haftbefehl auf seinen Namen in der Tasche hatten. Zwei Kugeln aus seinem Schnellfeuergewehr und zwei weitere aus seiner Pistole hatte er dem armen Wallace in den Leib gejagt.

Wir brauchten also nicht herumzurätseln, was er mit seinen Geiseln tun würde, wenn es hart auf hart ging. Dennoch waren wir fassungslos. Ein unschuldiges und letztlich wehrloses Tier zu töten, gehört für mich zu den niederträchtigsten Gewalttaten, doch Cazzos Verachtung für das Leben machte vor Tieren noch viel weniger halt als vor Menschen. Damit hatte er das Recht verwirkt, der Gemeinschaft der Menschen anzugehören. So würden es die Juristen ausdrücken, und sie hatten verdammt recht damit.

Schon von Weitem musste Cazzo unsere drei Fahrzeuge gesehen haben. Und er hatte beschlossen, sich mit uns anzulegen.

Wir waren gerade noch rechtzeitig zur Stelle gewesen, mit zu sehen, wie er die Geiseln in die Scheune gescheucht hatte. Der ältere Mann blutete aus einer Wunde am linken Oberarm. Auch das hatten wir noch mitgekriegt. Er musste es gewesen sein, der geschrien hatte.

Milo und ich konnten den toten Labrador sehen, ohne uns aus der Deckung hervorwagen zu müssen. Es war ein quälend deutliches Zeichen für die Lage, in der wir uns befanden. Wir waren praktisch hilflos, zur Tatenlosigkeit verdammt. Und das, obwohl wir mit unseren SIG-Sauer-Pistolen und den MPis eine beeindruckende Feuerkraft auf die Beine stellen konnten.

Dass wir uns in dem Punkt gewaltig irrten, konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Wir lagen hinter aufgeschichteten Felsbrocken, gleich links von der Einfahrt, auf einem Erdbuckel. Schräg gegenüber, in der Gabelung der Einfahrt, stand die Baumgruppe, aus der ich herübergekommen war. Die Felsbrocken stammten von den Feldern, sogenannte Findlinge. Henry King hatte sie beim Pflügen zutage gefördert, im Laufe seines langen Farmerlebens. Stolz hatte er die größten seiner Findlinge vor die Farm gepackt, wie es Tradition war.

Die Scheune, in der sich der Schießer mit seinen Geiseln verschanzt hatte, war das erste der etwa halbkreisförmig angeordneten Farmgebäude - linker Hand, von unserer Position aus gesehen. Die Entfernung betrug fünfundvierzig bis fünfzig Yards. Wir konnten sowohl die vordere Giebelseite als auch die nach Süden zeigende Längsseite der Scheune einsehen.

Dazu mussten wir allerdings einen Blick über die Felsbrocken riskieren, und das konnte tödlich enden. Denn Robbie Cazzo hatte den Findlingshaufen mit neunzig Grad Draufsicht in seinem Schussfeld.

Robbie Cazzo war der Schießer.

Hier, in der Warren County, Pennsylvania, hatte er sich Rodney King genannt. Als angeblicher Verwandter der Farmerfamilie hatte er sich hier häuslich niedergelassen. Und jetzt hatte er die Menschen als Geiseln genommen, die ihm Zuflucht gewährt hatten.

Henry King. Muriel King, die Ehefrau des Farmers. Lorraine King, die Tochter der beiden.

Um sein eigenes Fell zu retten, scheute Robbie Cazzo nicht davor zurück, ausgerechnet diesen drei Menschen den Tod anzudrohen. Dass sie ihn bei sich aufgenommen hatten und sich dadurch Schwierigkeiten einhandelten, interessierte ihn nicht.

Milo und mich überraschte sein Verhalten nicht, denn es passte zu ihm, zu seinem miserablen Persönlichkeitsbild.

In New York hatte Cazzo wildfremde Menschen auf der Straße erschossen. Zweimal war das passiert. Einfach so, aus einer Laune heraus, von Alkohol, heißer Musik und käuflichen Girls aufgeheizt.

Vorsichtig versuchte ich, durch den Spalt zu spähen, der zwischen dem oberen Felsbrocken und einem der darunter liegenden klaffte. Ich konnte gerade noch zurückzucken, bevor Gesteinsstaub mir die Augäpfel schmirgelte. Das Peitschen des Schusses und das Davonorgeln der Kugel hörte ich erst in der nächsten Hundertstelsekunde. Feinkörniger Nebel schwebte aus dem Spalt, während der Schuss verhallte.

Cazzo war kein Anfänger, und er hatte so was wie Adleraugen. Ich nahm mir vor, das in keiner der kommenden Minuten zu vergessen. Wir konnten nur hoffen, dass nicht Stunden daraus wurden. Belagerungszustand, zähflüssige Verhandlungen, verzweifeltes Ringen um Menschenleben - manchmal zog sich so etwas über Tage hin.

Milos Handy zwitscherte leise. Er drückte auf die Sprechtaste.

»Ja?«

Schweigend hörte er zu, was der Anrufer zu sagen hatte. Milos Erwiderungen beschränkten sich auf ein gelegentliches »Mhm« oder ein »Ja, in Ordnung«.

Nach rechts, quer über den Farmhof, war unser Blickfeld frei. Der Dauerausblick auf Wallace, wie er in seinem Blut lag, trug entscheidend dazu bei, dass wir die Dinge so nüchtern sahen wie nötig. Roberto Cazzo fühlte sich als Herr über Leben und Tod. Daran hatte sich nichts geändert. Seit er untergetaucht war, hatte er sich auch nicht gebessert.

Wir vom FBI hatten das ohnehin nicht erwartet. Für ihn galt, was für die meisten Typen seines Schlages galt. Er hatte gegen Bezahlung getötet, hatte Hinrichtungen im Ganglandstil ausgeführt. Gangland - das war die New Yorker Bezeichnung für das organisierte Verbrechen, den Mob.

Insgesamt elf Mobster gingen auf Cazzos Konto, bedeutende und weniger bedeutende. Aber alle hatten aus Konkurrenzgründen von der Bildfläche verschwinden müssen. Die Gepflogenheiten des Mobs haben sich seit Al Capones Zeiten nicht geändert. Die beiden Menschen, die Cazzo in New York aus seiner Whiskylaune heraus umgebracht hatte, kannten das Gangland nur aus den Zeitungen und dem Fernsehen. Vor noblen Jazz-Lokalen, in denen er Stammgast war, hatte Cazzo die Leute abgeknallt - einfach so, etwa in der Art, wie andere eine leere Bierdose in die Gosse kicken.

Brutale Morde, die zeigten, wie tief Menschen wie Cazzo sinken konnten. Die Gesellschaft würde es ihm nie verzeihen, das Gesetz seine feigen Taten sühnen. Eines der Opfer war erst zweiundzwanzig Jahre alt gewesen, ein Student. Aus New Jersey war er herübergekommen, nach Greenwich Village, an die New York University, der unvergleichlichen Atmosphäre wegen. Das zweite Opfer, eine siebzigjährige Pensionärin aus Sioux Falls, South Dakota, hatte sich gemeinsam mit ihrem Mann einen Traum erfüllt: einmal im Leben New York sehen, die Hauptstadt der Welt, den Schmelztiegel der Nationen. Nach der Hochzeitsreise vor fünfundvierzig Jahren war es der zweite Urlaub gewesen, den sie sich leisten konnten. Damals hatte es nur bis in die Black Hills von South Dakota gereicht, wo sie die aus dem Fels gemeißelten Präsidentenköpfe von Mount Rushmore bestaunt hatten. Die NewYork-Reise als Krönung ihres Lebensabends hatten sie sich vom Mund abgespart. Und das Schicksal hatte es gewollt, dass sie Roberto »Robbie« Cazzo an einem seiner wilden Abende über den Weg liefen.

Ganz New York hatte mit dem alten Mann geweint. Er konnte nicht begreifen, warum der Killer ihn am Leben gelassen hatte. Dass Cazzo einfach keine Lust gehabt hatte, ein zweites Mal abzudrücken, dass seine Launen über das Leben ebenso entschieden wie über den Tod - nun, das würde wohl niemand jemals begreifen.

Eine Welle des Mitgefühls hatte den alten Mann begleitet, als er seine tote Frau nach Hause brachte. Dorthin, wo sie für ihre Träume gelebt und sich geplagt hatten.

Der Student und die alte Frau hatten sterben müssen, weil es Roberto Cazzo gefallen hatte. Weil er sich vor den Flittchen in seiner Begleitung aufspielen musste, von Alkohol und Größenwahn beflügelt. Er hatte allen Ernstes geglaubt, unangreifbar zu sein. Er, der über Leben und Tod mit einem Fingerzucken entschied, brauchte nicht damit zu rechnen, dass jemand gegen ihn aussagte. Niemand hatte das jemals gewagt. Der Mob würde es nicht zulassen, dass irgendjemand in den Gerichtssaal spazierte und den großen Robbie Cazzo in die Pfanne haute. So hatte er herumgetönt, und er war davon überzeugt gewesen, dass er recht hatte. Unsere Leute hatten es uns berichtet.

Doch diesmal hatte er sich geirrt.

Die Menschen in unserer Stadt hatten die Killerbrut verflucht, diese Pestbeule des organisierten Verbrechens. Solange sich die Mobster nur untereinander umbrachten, kümmerte es kaum jemanden. Doch die Morde an dem Studenten und der Pensionärin waren zu viel gewesen. Die unendliche Menschenverachtung, die aus diesen Bluttaten sprach, hatte den New Yorkern gereicht.

Zeugen hatten sich reihenweise gemeldet. Von Taxifahrern bis zu Portiers und Passanten. Das neue Bewusstsein in der Achtmillionen Stadt am Hudson River hatte zweifellos dazu beigetragen. Seit der Feldzug gegen die Straßenkriminalität so große Erfolge zeitigt, erstarkt das Selbstbewusstsein der Menschen. Cazzo und seine Auftraggeber hatten sich plötzlich vor einer völlig neuen Situation gesehen. Sie waren gezwungen gewesen, ihr Gegenstück zum Zeugenschutzprogramm des Justizministeriums ins Leben zurufen. Hier in Pennsylvania, auf der KingFarm, hatte sich der Killer unter dem Deckmantel seiner neuen Identität verkrochen. Ein Jahr lang hatte das funktioniert. Doch dann hatten ihn unsere FBI-Kollegen aus Pittsburgh aufgespürt.

Und jetzt waren wir hier, um ihn abzuholen.

Milo zupfte Notizblock und Kugelschreiber hervor und notierte eine Nummer. Dann beendete er das Gespräch, steckte das Handy weg und sah mich an. Ich nickte, als hätte er schon etwas gesagt. »Du wirst mir gleich erklären, was das für eine Nummer ist«, sagte ich und zeigte auf seinen Zettel. »Stimmt's?«

»Messerscharf gefolgert«, erwiderte mein Freund und Kollege. »Es ist Cazzos Handynummer. Er hat beim FBI in Pittsburgh angerufen. Mit der County Police zu sprechen ist unter seiner Würde, sagt McAlary.«

George McAlary war der Special-Agent in Charge in Pittsburgh.

»Dann soll ich den Sauhund anrufen?«

»Du meinst Cazzo?«

»Wen sonst?« Milo grinste. Im nächsten Moment wurde er aber wieder ernst.

»Keine persönlichen Abneigungen. Lass es dir von mir als deinem erfahrenen Dienstpartner gesagt sein! Betrachte Cazzo als einen Menschen wie jeden anderen, auch wenn es schwerfällt!«

Ich war mit dem Grinsen an der Reihe. Dass Milo ein paar Tage länger beim FBI war als ich, gab er immer wieder gern zum Besten. Bei jeder Gelegenheit, ob passend oder unpassend.

»Ich weiß, welchen Diensteid wir geleistet haben«, erwiderte ich, »und ich kenne die Vorschriften. Ein Special-Agent des FBI muss immer sachlich und unvoreingenommen sein, darf sich niemals von Gefühlen leiten lassen. Immer schön der coole G-man bleiben.«

»Na also«, lobte mich mein Freund.

»Nur eines werde ich nicht tun«, schränkte ich meine Fügsamkeit ein.

Milo runzelte die Stirn. »Nämlich?«

»Cazzo als einen Menschen wie jeden anderen betrachten.«

»Ich fürchte, das musst du aber.«

»Er hat die gleichen Rechte wie jeder andere«, stimmte ich Milo zu. »Aber das war's dann auch schon. Oder willst du mir widersprechen, wenn ich sage, dass es ihm auf einen Toten mehr oder weniger nicht ankommt? Dass es ihm egal ist, wie viele Menschen er noch umbringt? Mehr als einmal können sie ihn nämlich nicht hinrichten.«

Milo sah mich betroffen an. Nach einem Moment nickte er.

»Du hast recht. Bei Cazzo müssen wir auf alles gefasst sein.« Er gab mir den Zettel mit der Handynummer des Killers. Ich nickte.

»Vor allem können wir nicht damit rechnen, dass er sich an irgendwelche Abmachungen halten wird. Er wird seine Forderungen stellen, und wir sehen alt aus. Darauf läuft es hinaus.« Ich legte die Maschinenpistole weg und nahm mein eigenes Handy aus der Tasche. Milo benutzte sein Walkie Talkie, um mit den Kollegen vom FBI und von der County Police zu sprechen. Währenddessen tippte ich die Nummer des Killers in die Tastatur meines Handys.

Cazzo wusste, was auf ihn zukam, wenn wir ihn uns griffen. Er würde in New York vor Gericht gestellt werden, denn dort hatte er alle bisherigen Morde begangen. Im Bundesstaat New York aber war erst vor wenigen Jahren, während der Amtszeit von Gouverneur Pataki, die Todesstrafe wieder eingeführt worden. Aber auch in Pennsylvania würde es dem Killer nicht besser ergehen. Die Höchststrafe wurde in diesem Bundesstaat durch die letale Injektion vollstreckt - durch die Giftspritze, ungeschönt ausgedrückt.

Es lag an uns, weitere Todesopfer zu verhindern.

Aber ein seltsames Gefühl hinderte mich daran, zu glauben, dass die Dinge so einfach ablaufen würden, wie sie sich im Moment darstellten.

Ein Geiselnehmer.

Drei Geiseln.

Mit vergleichbaren Situationen waren wir oft genug fertig geworden. Und trotzdem.

Irgendwas war anders, hier im paradiesischen Pennsylvania. Ich wusste nur noch nicht, was. Aber ich sollte früher dahinterkommen, als mir und allen Kollegen lieb sein konnte.

Gleich beim ersten Wählen kam ich durch. Doch es war keine Stimme, die sich meldete. Musik schepperte mir in den Gehörgang. Nichts aus der Neuzeit. Es hörte sich ungefähr so an, als hätte ich ein Grammophon aus den Dreißigerjahren am Ohr und nicht ein Handy aus den späten Neunzigern.

Ich hielt das Gerät ein Stück vom Ohr weg und starrte Milo an. Aber er konzentrierte sich auf sein Gespräch mit Geoffrey Lehane, einem der FBI-Kollegen aus Pittsburgh. Es ging um den weiteren Einsatz. SAC McAlary bestand darauf, dass wir Verstärkung kriegten, und zwar massive.

Ich identifizierte die Klänge, mit denen Cazzo mich zu nerven versuchte. Es war Jazz. Das, was man früher darunter verstanden hatte.

Titel: Willie the Weeper

Interpreten: Louis Armstrong's Hot Seven. 1927.

Ich bin nicht unbedingt der Fachmann für alten Jazz, aber dieses und andere Stücke hatte ich kennengelernt, weil es in New York seit kurzem eine begnadete Band gab, die die alten Sachen aus den Zwanzigerjahren spielte.

Dass sich Cazzo für Jazz begeisterte, war kein Zufall. Mindestens die Hälfte aller New Yorker sind Jazz-Fans. Und auch das ist kein Zufall. Schon in den besagten Zwanzigerjahren war New York im Begriff, sich als Zentrum der heißen Musik an die Spitze zu katapultieren und New Orleans und Chicago den Rang abzulaufen. Und in kürzester Zeit war es dann so weit: Die Riesenstadt am Hudson River wurde zum Traumziel aller Jazzmusiker. In New York gab es die besten Gagen, das beste Publikum, den größten Ruhm. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Jazzer waren es damals in den Zwanzigerjahren, die den Ausdruck »Big Apple« ersannen. New York war für sie der größte, schönste, höchste und süßeste Apfel am Baum.

Nichtsdestoweniger fragte ich mich, ob Cazzo endgültig durchgedreht war. Drei Geiseln zu nehmen, das Feuer auf FBI-Agenten und County Police Deputies zu eröffnen und gleichzeitig Armstrong abzuspielen, das grenzte denn wohl doch an den totalen Wahnsinn. Dass er wahnsinnig war, gerade wenn es um Jazz ging, hatte er schon in New York bewiesen. Andra Terrance, Banjo-Spielerin einer dort sehr beliebten Jazz-Band, war von ihm bedroht worden. Weil er verrückt war nach ihr und ihrer Musik. Doch Andra, in ihrer Angst, hatte sich an die Polizei gewandt. Erst so waren wir Cazzo auf die Spur gekommen ...

Die Musik brach nun ab. Ich hielt das Handy wieder ans Ohr, und es hörte sich an, als würde ich in einen leeren Luftschacht horchen. Dann folgte ein seltsames Geräusch. Da man die Tonqualität eines Handys nicht unbedingt als High Fidelity bezeichnen kann, brauchte ich einen Moment, ehe ich das Geräusch einer menschlichen Stimme zuordnen konnte.

Ein Gurgeln. Es klang gequält, und nach einem weiteren Moment des Hinhörens stellte ich fest, dass es von einem Mann kam. Es verschwand in den Hintergrund, als ob es sich um eine Radiosendung handelte und jemand den Ton leiser gedreht hätte.

»Er kann schlecht sprechen«, sagte Cazzo.

Ich wusste sofort, dass er es war. Niemand konnte höhnischer klingen. Milo und ich hatten ihn oft bei Vernehmungen gehört. Traurige Anlässe waren das gewesen, denn jedes Mal war er nach achtundvierzig Stunden wieder auf freiem Fuß gewesen.

Ich kam zu keiner Antwort. Das Gurgeln wurde wieder etwas deutlicher, und dann meldete sich Cazzo gleichzeitig von Neuem zu Wort.

»Los, Henry, sag dem Arschloch Trevellian, warum du so schlecht sprechen kannst.«

Das Gurgeln endete, als ein merkwürdiges Klacken entstand.

»Weil ich einen Pistolenlauf im Mund habe«, stöhnte Henry King. Nur er konnte es sein. Der Farmer, der Cazzo bei sich aufgenommen hatte und nun zum Dank grauenhafte Qualen erleiden musste. Ich merkte nicht, wie sich meine freie Hand zur Faust ballte, dass die Knöchel weiß hervortraten. Jetzt wusste ich, was dieses Klacken zu bedeuten hatte. Der Waffenstahl war gegen Kings Zähne geschlagen. Milo hatte sein Gespräch beendet und starrte mich an. Irgendetwas in meiner Miene musste widerspiegeln, was mich schockte. Vielleicht war es auch der stumme Schwur, den ich in dieser Sekunde leistete.

Ich würde diese Bestie zur Strecke bringen. Ich würde es tun, ohne auf mein eigenes Leben Rücksicht zu nehmen. Dazu war ich als FBI-Agent verpflichtet, aber selten war mir die Notwendigkeit klarer gewesen als in diesem Moment. Natürlich bedeutet »zur Strecke bringen« im FBI-Sprachgebrauch, einen Verbrecher der Justiz zu übergeben. Doch das ist es nicht allein. An uns liegt es, die Beweise zu beschaffen, die es ermöglichen, den anständigen Rest der Menschheit für alle Zeiten vor einem Killer wie Cazzo zu schützen.

»Okay, Trevellian«, sagte Cazzo so geruhsam wie jemand, der sich im Sessel zurücklehnt. »Du bist es doch, oder?«

»Ja, ich bin's«, erwiderte ich, und meine Stimme klang so belegt, dass sie mir vorkam wie die eines Fremden.

»Das wollte ich dir auch geraten haben.«

»Cazzo«, sagte ich. »Es hat keinen ...«

»Keinen Zweck?«, unterbrach er mich. »Hör mal, Trevellian, in der Situation, in der wir uns hier gemeinsam befinden, bestimmt nur einer, was Zweck hat. Ich! Begriffen?«

»Ja.«

»Na also.« Er lachte erneut. »So habe ich euch FBI-Bullen am liebsten - klein und hässlich.« Er gab einen amüsierten Grunzlaut von sich. »Ihr werdet alles tun, was ich verlange, stimmt's?«

»Ja.« Ich musste aufpassen, dass er mein Zähneknirschen nicht mitkriegte.

Milos Blick hatte sich verändert, spiegelte dieses kollegiale Mitgefühl, das wir beide nur zu gut kennen. Er wusste, womit ich fertig werden musste. Die Unverschämtheiten eines Robbie Cazzo hinzunehmen, ohne mit der Wimper zu zucken, kostete fast übermenschliche Kraft.

»Na, fein«, tönte er aus dem Handy. »Nur noch mal zur Klarstellung: Dass wir diese Scheiße hier am Hals haben, ist nicht meine Schuld. Ihr habt es so gewollt, richtig? Wenn ihr nicht plötzlich auf der Matte gestanden hättet, wäre dies ein friedlicher Tag geblieben - ohne Geiselnahme und all die unangenehmen Sachen. Auch richtig?«

»Aber hundertprozentig«, antwortete ich sarkastisch.

»Trevellian!«, peitschte Cazzos Stimme. »Auch fürs Verarschen ist hier nur einer zuständig. Klar?«

»Ja.«

»Und wer?«

»Du.«

Cazzo knurrte. »Okay, ich nehm's mal so hin. Aber wenn du mir noch mal dumm kommst, redest du mich mit >Sir< an, verlass dich drauf.«

»In Ordnung«, sagte ich. »Und wie soll es jetzt weitergehen?«

»Schön, wenn die FBI-Bullen nicht wissen, wie's weitergeht. Wirklich, ein schönes Gefühl. Und dann noch derjenige zu sein, der euch sagt, wo's langgeht - Mann, das ist mir ein innerer Vorbeimarsch.« Er lachte und schnaufte. »Okay, Schluss mit dem Palaver. Ich sehe ein, dass ihr nicht mehr abwarten könnt, was wird. Ich sag's dir, Trevellian. Du schwenkst jetzt deinen Arsch aus der Deckung raus und hierher, zur Scheune rüber. Du brauchst nicht mal ohne Schießeisen zu kommen. In dem Punkt bin ich großzügig. Aber deine Leute bleiben, wo sie sind. Wenn sich da irgendwas ändert, stirbt die erste Geisel. Kapiert?«

»Ja.«

»Gut. Dann mach dich auf die Socken! Ach ja - und das Handy lässt du die ganze Zeit über eingeschaltet, bis du hier bist.«

Ich hatte es nicht anders erwartet. Cazzo begleitete meinen Weg musikalisch, mit altem Jazz aus dem Handy. Diesmal lieferte er mir eine private Übertragung von King Olivers »Someday Sweetheart«. Sehr verheißungsvoll.

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Wahrscheinlich verfügte er in der Scheune über einen Ghettoblaster oder ein anderes unterhaltungselektronisches Gerät. Um sich den Job als Farmhelfer so angenehm wie möglich zu machen, musste er die Gebäude mit Abspielmöglichkeiten für seine Lieblingsmusik gepflastert haben.

Die MPi ließ ich zurück. Die SIG-Sauer steckte im Holster am Gürtel. Mit dem Handy am Ohr verließ ich die Deckung. Ich trat auf den linken Teil der sich gabelnden Zufahrt. Vor mir lag der Hof mit der Scheune, dem Wagenschuppen, dem Pumpenhaus und der Werkstatt. Sowohl die Zufahrt als auch der Hof waren asphaltiert. Nichts rührte sich auf der Farm und in der paradiesischen Umgebung. Mit den Krähen schienen sich auch alle anderen Vögel verzogen zu haben. Das Leben, das sonst in der Natur herrschte, war erstarrt.

Zu wissen, dass Milo und die Kollegen die Scheune im Visier ihrer Waffen hatten, war nur eine halbe Lebensversicherung. Mit einem Schachspieler verglichen, hatte Cazzo den Vorteil des ersten Zugs. Und zumindest in der Zeitspanne, in der er seinen ersten Zug machte, war ich hilfloser als ein Hase auf dem Stoppelfeld. Nur ein wenig fühlte ich mich wie Gary Cooper kurz vor zwölf auf der Main Street. Viel stärker war das Gefühl, einem noch unsichtbaren Hinrichtungskommando entgegenzutreten.

Denk an die Geiseln, sagte meine innere Stimme, dann siehst du deine Lage positiver.

Exakt.

Und es bahnte sich noch mehr Positives an. Schon in ein paar Minuten würde es rings um die Farm von Polizei wimmeln. County Police, State Police und FBI. Die Sonderkommandos für mobile Einsätze waren mit Hubschraubern unterwegs. Antiterror-Einheiten. Sie verfügten über Waffen und Gerät für den Belagerungszustand, waren für das Eindringen in Gebäude geschult, und wenn die Geiselbefreiung nicht gelang, würden die Scharfschützen in Aktion treten und Cazzo ausschalten, sobald er seine Nasenspitze zeigte. Möglich auch, dass ein Psychologe zum Einsatzkommando gehörte. Oder mehrere. Sie würden versuchen, Telefonkontakt mit Cazzo aufzunehmen und ihn zur Aufgabe bewegen.

Manchmal dauerten solche Belagerungen Tage oder gar Wochen. Schon am ersten Tag würden zusätzlich zu FBI und Polizei auch die Medien anrücken. Fernsehteams, Radioreporter, Zeitungsreporter und Fotografen. Vor allem die Fernsehsender wünschen sich nichts sehnlicher als so eine Live-Berichterstattung. Nachrichtensendungen, in denen echtes menschliches Blut und echte sterbende Menschen gezeigt werden konnten, sind ja leider nach wie vor der Quotenhit. Nach FBI-Untersuchungen gibt es bereits Gewaltfreaks, die sich ihre privaten Blutorgien per Videorecorder aus den Fernsehnachrichten zusammenschneiden. Auch ein schwarzer Markt für solche perverskranken Kassetten existierte bereits. Die Horrorvideos der Siebzigerjahre waren die reinsten Gute-Nacht-Geschichten dagegen.

Milo hatte meine Aufgabe als Einsatzleiter übernommen. Sein wichtigster Job war es, wirklich alle Beteiligten über den Stand der Dinge zu informieren. Nur dann war gewährleistet, dass ich nicht versehentlich gleich mit erschossen wurde, falls ich zusammen mit Cazzo in die Visierlinien geriet.

Die Baumgruppe in der Weggabelung verwehrte mir den Blick auf das Haupthaus. Doch ich war sicher, dass mir zumindest von dort keine Überraschungen drohten. Ich konzentrierte mich auf die Scheune. Ein wuchtiges Gebäude war es, mit einem gemauerten Sockel und einer Holzkonstruktion obendrauf. Das matte Rot der Außenwände passte zum Farbton des Wohnhauses und der übrigen Gebäude. Die Zufahrt beschrieb einen sanft geschwungenen Bogen nach links, um die Anhöhe herum, auf der die Findlinge gestapelt waren. Ich schätzte, dass ich noch zwanzig Yards zurückzulegen hatte.

Plötzlich sah ich die Bewegung. Die Tür im großen Rolltor der Scheune schwang auf. Es geschah langsam, sehr langsam. Jemand musste der Tür einen schwachen, genau dosierten Stoß versetzt haben.

Ungewollt zuckte ich zusammen. Verharrte. Zu sehen war nichts. Die Türöffnung gähnte schwarz. King Oliver stoppte sein Spiel in meinem Ohr.

»Wer hat was von Stehenbleiben gesagt?«, bellte Cazzo stattdessen. »Los weiter, Trevellian - oder du hörst wieder einen schreien!«

Ich gehorchte, und die Jazz-Musik setzte von Neuem ein. In der Mitte des ordentlichen, aufgeräumten Hofs stand noch der Traktor mit den blitzenden Pflugscharen. Ein Riesengerät. Henry King hatte gerade damit losfahren wollen, als wir uns der Farm genähert hatten. Was in diesen Sekunden und Minuten geschehen war, hatte ich mir inzwischen zusammengereimt.

King hatte sich wieder vom Bock geschwungen und war zum Haus gelaufen, um zu sehen, was los war. Inzwischen bedauerte er wahrscheinlich nichts so sehr wie diesen Entschluss - abgesehen von ein paar anderen Dingen, die er in seinem Leben falsch gemacht hatte. Als er das Haus erreichte, hatte er nicht mehr weglaufen können. Denn als Cazzo mit seiner Frau und seiner Tochter als Geiseln herausgekommen war, hatte Henry King auf der Stelle begreifen müssen, dass er die Geisel Nummer drei war. Die Kugel, die Cazzo ihm in den linken Oberarm gejagt hatte, musste letzte Zweifel im Handumdrehen beseitigt haben. Und Wallace, der seinen Menschen treuherzig hechelnd gefolgt war, hatte seine Anhänglichkeit mit dem Leben bezahlt.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir das Haupttor der Farm erreicht. Die ortskundigen Kollegen waren an der Gabelung der Zufahrt nach rechts abgebogen, auf das Wohnhaus zu, und Milo und ich waren ihnen gefolgt. Die Baumgruppe hatte uns die Sicht auf das Geschehen versperrt. Wir hatten aber Gas gegeben, als wir die Schüsse hörten. Mit Vollgas waren wir auf den Vorplatz geprescht und aus den Wagen gesprungen. Doch es war bereits zu spät gewesen. Cazzo hatte längst den Hof erreicht, mit den Geiseln vor den Läufen seiner Waffen. Uns war nichts anderes übriggeblieben, als hinter den Dienstwagen in Deckung zu gehen. Von dort aus hatten wir die Positionen bezogen, wo sich Milo und die Kollegen jetzt noch befanden.

Es roch nach festgefahrenen Fronten. Um die Lage besser zu überblicken, mussten wir vor allem die Seiten des Grundstücks und der Gebäude unter Kontrolle kriegen, die wir bislang nicht einsehen konnten. Milo würde dafür sorgen, sobald die Verstärkung eintraf.

Ich hatte sieben oder acht Takte King Oliver geschafft. Das entsprach knapp vier Yards. In diesem Moment spuckte das Schwarz der Türöffnung eine Silhouette aus. Henry King war ein knorriger Mann. Er trug blaue Latzhosen und ein rotweiß kariertes Oberhemd. Verwechslung ausgeschlossen. Ich hatte ihn kurz gesehen – vorhin. Doch jetzt stockte mir der Atem.

King stürmte ins Freie. Ich prallte zurück.

Der Farmer sah aus, als säße ihm der Teufel im Nacken. Sein verzerrtes Gesicht drückte alles Mögliche aus: Schmerz, Angst, Wut und Entschlossenheit. Ich begriff. Sah es wie in einer Momentaufnahme. Die große, klobige Pistole in seiner schwieligen Farmerhand.

Ich überwand die Schrecksekunde, ließ das Handy fallen und warf mich nach rechts. Und zog.

Mündungsfeuer zuckte glühend vor der Schwielenfaust. Der grauhaarige Mann rannte auf mich zu und feuerte wie von Sinnen. Sein blutender linker Arm schlenkerte kraftlos hin und her. Die Schüsse krachten in rasender Folge. Noch bevor ich auf dem Asphalt landete, spürte ich den Gluthauch der Geschosse. Wie heiße Peitschenhiebe sengten die Projektile über mich hinweg.

King schoss ungezielt. Seine Schüsse waren das, was man Deut-Schüsse nennt. Aber auch die können ihrem Ziel verdammt nahe kommen. Oder mitten hinein treffen.

Ich rollte mich auf dem Asphalt ab, die SIG-Sauer über den Kopf gestreckt. Die Schritte des Farmers kamen näher und näher. Das Krachen der Pistole war zum Hämmern geworden. Neben mir, wo ich eben noch gelegen hatte, hackte das Vollmantelblei in die Bitumendecke. Die harten Einschläge folgten mir, rückten mit jeder Abrollbewegung näher. Es wurde Zeit, dass ich abstoppte, dass ich dem Farmer die Beine unter dem Leib wegschoss. Es war die einzige Möglichkeit, ihm das Leben zu retten. Aber er war schnell, ungeheuer schnell. Es musste an jener wilden Entschlossenheit liegen, die ihn beseelte.

Ich ahnte, was Cazzo ihm gesagt hatte. Leg Trevellian um, das Schwein! Wenn du's nicht tust, kannst du dich von deiner Frau und deiner Tochter verabschieden.

Ich musste auf dem Bauch liegenbleiben, eine Vierteldrehung auf der Gürtelschnalle folgen lassen, die SIG beidhändig nach vom stoßen und feuern. All das würde viel zu viel Zeit kosten in diesem wilden Wirbel aus Schüssen, Schritten und Geschosseinschlägen einerseits und meinem Abrollen andererseits.

Als eine Kugel meinen linken Jackenaufschlag in den Asphalt nagelte, wusste ich, dass ich es nicht schaffen würde. King war auf zwanzig Yards heran. Er brüllte jetzt, hörte sich an wie ein Infanterist beim Sturmangriff. Seine Pistole krachte und blitzte unablässig. Eine Glock, das klotzige österreichische Modell mit satten achtzehn Schuss.

Die Gewissheit traf mich mit Schockgewalt: Ich konnte Kings Kugeln nicht entrinnen, und ich konnte nichts tun, um ihn zu stoppen. Denn in dem Moment, in dem ich es versuchte, hatte er mich. Mit tödlicher Sicherheit. Mir brach der Schweiß aus, während ich mich weiter abrollte und Kugel und Jackenstoff aus dem Bitumenloch riss.

Doch die Kollegen sahen, was lief. Zwei, drei Gewehrschüsse peitschten. Die Wucht der Einschläge riss dem Farmer die Beine unter dem Leib weg. Er schrie, schlug der Länge nach hin. Doch davon würde er nicht sterben.

Als ich meine Rollbewegung beendete, versickerte Kings Schrei in ein schmerzerfülltes Wimmern. Der Schuss aus der Scheune klang wie ein trockener Schlag, als hätte jemand einen Vorschlaghammer auf einen Holzbock sausen lassen. Henry Kings geschundener Körper zuckte. Er verstummte. Ich kroch auf ihn zu, die SIG immer noch in der Rechten. Nur fünf Yards trennten mich von dem Mann. Erst jetzt wurde mir klar, wie nahe er mir schon gewesen war. Und in seiner verzweifelten Entschlossenheit hätte er nicht gezögert, mich zu töten.

Sein Gesicht lag auf der Seite, die Wange auf dem Asphalt. Seine erlöschenden Augen sahen mich kommen, und seine Lippen begannen sich zu bewegen. Ich kroch schneller. Noch rührte sich nichts in dem dunklen Türloch der Scheune.

»... nicht!«, wisperte King. »Gehen - Sie - nicht – rein!« Er keuchte, raffte seine letzten Kräfte zusammen, als ich näher kam. Doch je mehr er sich anstrengte, die letzten Worte zu formen, desto rascher entwich ihm das Leben. Seine Stimme wurde schwächer.

»... ist ein Teufel ...«

Flach kriechend, die Nase fast auf dem Asphalt, überwand ich den letzten Yard. Kings Lippen bewegten sich noch immer, doch seine Worte zerfaserten. Als ich endlich bei ihm war und mein Ohr dicht an seinen Mund schob, hatte sich sein Sprechen auf ein Hauchen reduziert.

»... Sie - ja - keine - Ahnung. Sie - wartet – Geheim...« Der Tod erlaubte ihm die letzte Silbe nicht mehr. Ich bog den Kopf zurück und sah die plötzliche Leere in Henry Kings Augen so nahe vor mir, dass es mich mit einer ungeheuren Wucht traf.

Es war beileibe nicht das erste Mal, dass ich mit dem Tod konfrontiert wurde. Und ich wusste auch, dass Henry King an der Entwicklung der Dinge nicht ganz unschuldig war. Dennoch hatte niemand das Recht, ihm das Leben zu nehmen. Vor allem nicht auf diese grausame und hinterhältige Weise.

Vielleicht glaubte Cazzo immer noch, uns seine Macht demonstrieren zu können. Dass wir ihn längst in die Enge getrieben hatten, schien er nicht wahrhaben zu wollen. Doch seine Beweggründe änderten nichts an der Sache. Er war unberechenbarer denn je. Seine Bereitschaft, Menschen zu töten, wurde durch nichts mehr gebremst.

Sie haben ja keine Ahnung, was Sie erwartet. Das war es wohl, was Henry King mir hatte sagen wollen. Ein Geheimnis? Oder hatte er das Wort Geheim nur als Adjektiv benutzen wollen? Es änderte nichts mehr. Ich musste mit allem rechnen. Henry King hätte mich so oder so nicht davor bewahren können.

Ich blieb regungslos liegen, die SIG-Sauer nach wie vor schussbereit. Noch tat sich nichts in der Scheune. Mich durchzuckte der Gedanke, dass Cazzo das Weite gesucht haben könnte. Vielleicht gab es einen geheimen Fluchtweg nach hinten aus der Scheune hinaus. War es das, worauf King mich hatte aufmerksam machen wollen? So oder so - Cazzo hatte ihn zu dieser Wahnsinnstat getrieben. Und es war vermutlich nicht besonders schwer gewesen, dem Farmer vor Augen zu halten, dass er keine Zukunft mehr hatte.

Ich spähte über seinen leblosen Kopf hinweg. Die Dunkelheit hinter dem Rechteck der offenen Tür war undurchdringlich. Kein Laut drang heraus. Cazzo musste seine Geräuschquelle ausgeschaltet haben. Genau genommen hatte Henry King das Verderben heraufbeschworen. Seine Farm war hoch verschuldet gewesen, schon vor Jahren. Eigentlich hätte er den gleichen Weg gehen müssen, den viele seiner Kollegen während der großen Krise der amerikanischen Agrarwirtschaft gegangen waren: Er hätte seinen Beruf aufgeben und sich eine neue Existenz aufbauen müssen. Doch Henry King war mit seinem Grund und Boden so fest verwurzelt gewesen, dass er nach jedem finanziellen Strohhalm gegriffen hatte, den er erwischen konnte. Es war eine fast zwangsläufige Folge seines Starrsinns gewesen, dass er Kredithaien in die Hände fiel, denn die Banken hatten ihm schon lange keine Darlehen mehr gewährt.

Loan Sharking - Kreditwucher - ist einer der wichtigsten Geschäftszweige des Mobs, des organisierten Verbrechens. Für Henry King hatte sich das als eine doppelt verhängnisvolle Tatsache entpuppt. Er war nicht nur in die Schuldenfalle getappt, sondern er hatte auch noch das Pech gehabt, dass sich Roberto Cazzo ausgerechnet seine Farm als Unterschlupf ausgesucht hatte. Unter Hunderten oder sogar Tausenden von Farmern, die beim Mob verschuldet waren, hatte sich Cazzo für King entschieden.

»Trevellian!«, bellte eine Stimme ans der Scheune. Cazzo.

Sehen konnte ich ihn nicht, so sehr ich meine Augen auch anstrengte. Warum versuchte er nicht, mich abzuknallen? Zwar würde ich es ihm so schwer wie möglich machen, aber er hatte doch alle Vorteile auf seiner Seite.

»Ja?«, rief ich zurück. Ich blieb in Deckung hinter der Leiche des Farmers. Allerdings würde es mir in dem Moment nichts mehr nutzen, in dem der Killer auf den Dachboden der Scheune stieg und aus einem der Kippfenster auf mich feuerte. Doch er schien einen Grund zu haben, genau das nicht zu tun.

»Hol dein Handy!«, befahl er schneidend aus seiner Unsichtbarkeit heraus. »Und beeil dich, sonst passiert hier das nächste Unglück!« Zur Bestätigung gellte ein Schrei. Es war eine Frauenstimme. Muriel King oder ihre Tochter.

»Steh auf, damit ich dich sehen kann!«, brüllte Cazzo.

Ich gehorchte.

Dass ich die SIG-Sauer am langen Arm hielt, statt sie wegzustecken, schien den Killer nicht zu stören. Er hatte selbst dann noch nichts daran auszusetzen, als ich das Handy aufhob. Er musste sich verdammt überlegen fühlen.

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»Wenn Sie wollen, landen wir direkt auf dem Farmhof«, sagte Lieutenant Orrin Carlsson mit nur leicht verzerrter Funkstimme. Er leitete die Hubschrauber-Staffel der State Police aus Pittsburgh. »Ich habe die geeigneten Leute an Bord. Die nehmen den ganzen Laden auf der Stelle auseinander, ohne dass den Geiseln ein Haar gekrümmt wird.«

Milo hatte eher den Eindruck, dass der Lieutenant den Mund reichlich voll nahm. Aber das behielt er für sich. Als FBI-Agent erlebte man es immer wieder, dass sich Kollegen von anderen Polizeidienststellen hervorzutun versuchten. Der Ruf des FBI als Elite-Polizei nagte am Selbstbewusstsein der anderen.

»Die Lage ist noch unklar«, antwortete Milo deshalb diplomatisch. »Die Farm ist von Baumgruppen und Waldstücken umgeben. Suchen Sie sich eine geeignete freie Fläche dahinter aus! Wir wollen Cazzo nicht unnötig provozieren.«

»Haben Sie einen Psychologen dabei, Sir?«

Milo ahnte Carlssons Gedanken: Oder ist das auf Ihrem eigenen Mist gewachsen? Hier in Pennsylvania machen wir mit solchen beschissenen Geiselnehmern kurzen Prozess, Sir.

»Nein«, sagte der G-man trocken. Und grinsend fügte er hinzu: »Das ist auf meinem eigenen Mist gewachsen, Lieutenant. Danke für die gute Zusammenarbeit.« Er beendete das Gespräch.

Er hatte allen Einsatzbeteiligten mitgeteilt, dass Cazzo seine erste Geisel bereits erschossen hätte. Und er hatte alle darüber aufgeklärt, in welcher Lage sich Special Agent Jesse Trevellian befand. Weiß Gott keine Lage, in der man Experimente wagte.

Milo riskierte einen Blick durch den Spalt zwischen den Felsbrocken. Wenigstens das war jetzt möglich. Cazzo konzentrierte sich auf Jesse, feuerte nicht mehr bei jeder Gelegenheit. Milo spürte etwas wie eine Klammer um seinen Hals. Es war, als würde ihm die Luft abgeschnürt werden. Seinen Freund und Kollegen sehen zu müssen, wie er sich opferte, das war fast unerträglich für ihn.

Milo verspürte den Drang, aufzuspringen, die MPi an die Schulter zu reißen und die Scheune in Stücke zu schießen. Sich beherrschen zu müssen, kostete ungeheure Kraft. Die aufgezwungene Untätigkeit war mindestens so schwer in den Griff zu kriegen wie die nervliche Anspannung.

Jesse ging auf das schwarze Loch der offenen Scheunentür zu. Mit dem Handy am linken Ohr und der SIG-Sauer in der rechten Hand sah er aus wie jemand, der die Dinge im Griff hatte. Vielleicht provozierte Roberto Cazzo diesen Eindruck bewusst. Ihm war das zuzutrauen. Vielleicht spielte er nur mit seinem Opfer. Doch dieses hinterhältige Spiel vermochte das Wesentliche nicht zu überdecken: Jeder Sekundenbruchteil konnte den Tod bedeuten. Für Jesse genauso wie für die Geiseln. Und selbst Milo, der seinen Freund und Dienstpartner so gut kannte wie kaum ein anderer, konnte sich nur schwer vorstellen, was in diesen Sekunden in Jesses Kopf vor sich ging.

Das alles nur unbeteiligt mit ansehen zu müssen, bereitete dem G-man in der sicheren Deckung einen wühlenden Schmerz in der Magengegend. Milo hatte selbst oft genug ähnliche Situationen durchlebt wie Jesse in diesem Augenblick. Doch Milo wusste auch, dass es jedes Mal anders war. Der Tod drohte mit immer neuen Fratzen.

Jesse war nur noch zwei oder drei Schritte von der Tür entfernt. Da begann die Luft zu erzittern. Im nächsten Atemzug war auch schon das dumpfe Dröhnen der herannahenden Hubschrauber zu vernehmen. Auch auf dem Landweg waren alle verfügbaren Einsatzkräfte unterwegs. George McAlary wollte das Risiko so weit verringern wie nur irgend möglich.

Milo hatte dem Aufmarsch von Anfang an nicht widersprechen können. Jesse und er waren gewissermaßen nur Gäste im FBI-District Pennsylvania. Zwar waren sie zur Festnahme Cazzos und zu seiner Überführung nach New York berechtigt, doch in allen anderen Punkten mussten sie sich den Anweisungen des hier zuständigen Special Agent in Charge fügen.

Das Geschehen verdichtete sich. Jesse erreichte die Türschwelle. Das Hubschrauberdröhnen schwoll an.

Milos Handy klingelte. Er meldete sich. Jesse zögerte auf der Türschwelle.

»Das hört sich aber gefährlich an!«, höhnte Cazzo aus dem Handy. »Jetzt wollt ihr's wissen, was? Jetzt lasst ihr Army und Air Force anrücken, stimmt's? Ihr denkt, ich bin King Kong oder Godzilla oder so was, habe ich recht?«

Milo ging nicht darauf ein.

»Cazzo«, sagte er ruhig. »Noch ist es Zeit ...«

»Für einen Drink?«, unterbrach der Killer den G-man. »Den werde ich nehmen, Tucker, darauf kannst du dich verlassen. Ich trinke auf euer aller Wohl, wenn ihr da draußen die Sau rauslasst. Ich kann euch sagen, darauf freue ich mich. Weil ich nämlich weiß, was für dämliche Gesichter ihr gleich machen werdet!«

»Hören Sie ...«, entgegnete Milo, doch als er Luft holte, um weiterzusprechen, knackte es im Handy. Cazzo hatte die Aus-Taste gedrückt.

»... was für dämliche Gesichter ihr gleich machen werdet!« Ich hörte es und runzelte die Stirn, während ich auf der Türschwelle verharrte. Ich hatte das Handy sinken lassen, aus dem jetzt wieder Armstrongs Hot Seven schepperte. Ein Stück, dass auch Andra Terrance und ihre Band in New York so oft spielten. Sehr gut spielten. Was Andra fast zum Verhängnis geworden wäre.

Cazzos Stimme war immer leiser geworden, und jetzt sagte er gar nichts mehr. Meine Ahnung, dass hier etwas nicht stimmte, wurde zur Gewissheit.

Ich spielte mit dem Gedanken, den Rückzug anzutreten. Herumwirbeln, raus aus der Tür und zur Seite weg. Das wäre eine Sache von einer Zehntelsekunde gewesen. Aber meine Gedanken schienen nicht einmalig zu sein. Nur war es nicht Cazzo, dem sie in ähnlicher Form durch den Kopf gingen.

»Lass den Blödsinn, Trevellian!«, sagte eine Frauenstimme. Es war eine jung klingende Stimme. Ich hatte sie noch nie zuvor gehört. Und doch ließ ihr Klang mir das Blut in den Adern gefrieren.

Das zunehmende Hubschrauberdröhnen vermochte mich nicht zu beruhigen. Der Aufmarsch geballter Polizeigewalt brachte nicht zwangsläufig Erfolg.

Mein Handy verstummte. Die Musik war von irgendwo aus der Tiefe der Scheune gekommen. Doch ich vermochte nicht mehr zu ergründen, wo sich die Originalgeräuschquelle befand. Also hängte ich das Handy an den Gürtel.

Böse Ahnungen formten sich in meinen Gedanken. Etwas lief hier völlig anders, als wir es uns bislang vorgestellt hatten. Hatte Cazzo mich wirklich als Geisel gewollt? Warum hatte er dann Henry King losgeschickt, um mich zu erschießen? Nichts ergab mehr einen Sinn.

»Was soll ich lassen, Lady?«, fragte ich bewusst lahm. Vielleicht gelang es mir, Zeit zu gewinnen. Auf meine Frage erhielt ich keine Antwort.

»Die Pistole brauchst du nicht mehr«, bestimmte die Frau schneidend. »Also lass sie fallen! Sonst schieße ich sie dir weg. Nur hättest du dann sehr wahrscheinlich den Nachteil, dass du deine Hand nicht mehr gebrauchen kannst.«

»Ein schlagendes Argument«, erwiderte ich. »Können wir uns auf diesen Kompromiss einigen?« Betont langsam hob ich die SIG-Sauer an und ließ sie ins Holster sinken.

»Nein!«, peitschte die Stimme der Frau. »Mach das sofort rückgängig, oder hier regiert das Chaos!« Etwas untermalte ihre Worte. Ein Geräusch, das mir durch Mark und Bein fuhr. Ein Knacken und Ratschen von Metall. Mehrstimmig. Eher vielstimmig.

Es war dieses typische und unverwechselbare Geräusch, das immer dann entsteht, wenn ein Gewehr oder eine andere halbautomatische Waffe durchgeladen wird.

Ich begriff, dass hier etwas lief, wovon wir uns alle keine Vorstellung machten.

Ich reagierte, wie ich reagieren musste. Mit spitzen Fingern hob ich die SIG-Sauer aus dem Holster und ließ los. Der dumpfe Laut, mit dem die Waffe auf dem Betonboden der Scheune landete, war deprimierend.

Meine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, und ich machte einen vorsichtigen halben Schritt vorwärts. Ein glucksendes Lachen begleitete meine Bewegung.

Vielstimmig.

Meine Nackenhaare sträubten sich. Kristallene Kälte kroch mir den Rücken herauf.

»Weiter so, Trevellian!«, sagte die Frauenstimme. »So kommen wir uns näher. Und das wollen wir doch, nicht wahr?«

Wieder ertönte der Chor der Gluckser. Im Halbdunkel sah ich nur den sauber gefegten Betonboden. Zu beiden Seiten ragten Stützpfeiler zur Balkendecke auf. Ich befand mich etwa in der Mitte der Scheune. Das Tor musste früher als Wageneinfahrt gedient haben. Aber Heu und Stroh wurden hier offenbar schon lange nicht mehr gelagert. Wahrscheinlich hatte Henry King früher mal Viehwirtschaft betrieben, das aber längst aufgegeben. Ich verzichtete darauf, der Frau eine Antwort zu geben. Unsere Kommunikation beruhte ohnehin nicht auf Gegenseitigkeit.

Während ich mich wieder in Bewegung setzte, kniff ich die Augen zusammen und spähte in den dunkleren Teil der Scheune. Erst jetzt erkannte ich, dass die ehemaligen Lagerräume hinter den eichenen Stützpfeilern mit schwarzen Kunststoffplanen abgehängt waren. Als ich zwei Schritte geschafft hatte, sah ich die Silhouetten. Die beiden Frauen kamen auf mich zu. Hinter ihnen schob sich ein Halbkreis von Schatten auf mich zu. Mindestens zehn Figuren waren es, düster und drohend, die Gesichter offenbar geschwärzt. Ich glaubte, das Weiße der Augen zu erkennen, aber auch da war ich nicht sicher. Nur das bläuliche Schimmern des Waffenstahls war deutlich auszumachen.

Die erste der beiden Frauen war die ältere - Muriel King.

Das Entsetzen stand in ihrem Gesicht. Sie war kreidebleich, ihre Augen geweitet. Eine blutige Schürfwunde verlief von ihrer linken Schläfe über die Wange bis hinunter zum Kinn. Jemand musste sie geschlagen haben auf ziemliche brutale Weise.

Mein Herz krampfte sich zusammen. Wer brachte es fertig, einer Frau derartige Gewalt anzutun?

Ich schob es meinen angespannten Nerven zu, dass ich mit diese überflüssige Frage stellte. Natürlich war Cazzo zu allem fähig, auch dazu, einer Frau mit so unvorstellbarer Brutalität zu begegnen.

Muriel King war sechsundfünfzig Jahre alt und grau. Sie gehörte nicht zu jenen Frauen ihres Alters, die sich das Haar färbten, um jünger zu wirken. Der geblümte Kittel, den sie trug, unterstrich ihre hausmütterlich gütige Art. Von den Deputies hatten Milo und ich erfahren, dass Muriel nur für ihre kleine Familie gelebt hatte. Und jetzt war es die eigene Tochter, die sie mit einer MPi im Anschlag auf mich zu trieb.

Was, zum Teufel, ging hier vor?

Todesangst in den Augen, klammerte sich der Blick der älteren Frau an mir fest.

Ich versuchte, ihr Zuversicht zu signalisieren, einen Hoffnungsschimmer. Doch wie sollte mir das gelingen, wenn ich selbst nicht an eine Chance glaubte?

Das Hubschrauberdröhnen schwoll zum Wummern.

»Stopp!«, kommandierte Lorraine King.

Muriel gehorchte. Ein Ausdruck unendlicher Traurigkeit überzog die Blässe ihres Gesichts. Ihr Blick begann zu flackern. Sie spürte, wie sich die Situation einer Entscheidung näherte. Muriel King wusste es am besten von allen, denn niemand kannte Lorraine besser als sie.

Was, in aller Welt, hatte Lorraine dazu gebracht, sich gegen ihre eigenen Eltern zu stellen?

Cazzo. Natürlich Cazzo.

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Seine Zeit auf der Farm hatte der Killer dazu genutzt, eine Komplizin zu gewinnen. Eine Verbündete für den Fall, dass er aufflog, und genau das war jetzt geschehen. Und doch begriff ich nicht, weshalb sich die Achtundzwanzigjährige gegen die eigenen Eltern stellte und mit dem schlimmsten vorstellbaren Verbrecher gemeinsame Sache machte.

Allerdings gab es in der Geschichte ein paar Beispiele für solche Verbindungen. Möglich, dass Lorraine dem Kerl verfallen war.

»All right, Trevellian«, sagte sie. Unter ihrer rotblonden Löwenmähne grinste sie, Kaugummi kauend. »Wie es aussieht, werden wir beide jetzt allein ...«

»Der Mann, der sich Rodney King nannte ...«, unterbrach Muriel sie mit lauter, bebender Stimme.

»Halt den Mund!«, fauchte Lorraine. Ihr Grinsen war wie weggewischt. Ihr an sich hübsches Gesicht verzerrte sich zu einer wütenden Grimasse.

»Er ist nicht mehr hier«, fuhr Muriel unbeirrt fort. Die ganze Zeit sah sie mich an, und ich versuchte vergeblich, ihr mit meinem Blick zu signalisieren, dass sie ihrer Tochter gehorchen sollte.

»Sei still!«, schrie Lorraine. Sie riss die MPi hoch in den Schulteranschlag. Der waffenstarrende Halbkreis hinter ihr wurde unruhig. Drohendes Gemurmel kam auf.

»Das Sprechen lasse ich mir nicht verbieten«, erklärte Muriel mit ehernem Ton.

Ich fing an, zu begreifen, und es brachte mich fast um den Verstand. Ohne ihren Mann wollte sie nicht mehr leben. Sie wusste, dass sie alles verlieren würde, weil er nicht mehr da war. Und ohne ihn hatte sie nicht mehr die Kraft, einen neuen Anfang zu machen.

»Miss King«, sagte ich behutsam zu der Tochter. »Wollen Sie wirklich auf Ihre Mutter schießen?«

Lorraine lachte rau.

»Meine Mutter? Die alte Hexe ist nicht meine Mutter. Sie haben mich adoptiert, als ich noch ein Baby war. Aber das war's dann auch. Als sie feststellten, dass ich nicht das sittsame Haustöchterchen wurde, das sie sich vorgestellt hatten - yeah, von da ab haben sie mich behandelt wie eine Sklavin. Die Dreckarbeit durfte ich machen, nur noch die Dreckarbeit.«

Ich sah die Tränen, die über Muriels Wangen rannen. Nur andeutungsweise konnte ich nachempfinden, wie der Schmerz in ihr explodiert sein musste. Sie hatte nicht nur ihren Mann verloren, nun wurde ihr auch noch jegliche Mütterlichkeit abgesprochen - von der Frau, die sie wie eine eigene Tochter großgezogen hatte. Bestimmt hatte Muriel sie nicht so schlecht behandelt, wie sie behauptete.

»Ja, sie wird auf mich schießen«, sprach Muriel weiter. Ihr Gesicht war wie eine steinerne Maske, und alle Furcht war aus ihrem Blick gewichen. »Aber bevor sie es tun kann, sage ich Ihnen, wohin Rodney King will. Er wird ...«

Details

Seiten
200
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916706
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
jesse trevellian mord noten kriminalroman

Autor

Zurück

Titel: Jesse Trevellian und der Mord nach Noten: Kriminalroman