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TEXAS MUSTANG #20: Auf der Spur des grauen Reiters

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

In den Antelope Mountains treibt die Lank-Bande ihr Unwesen. Der Marshal von Havington ist bereits von diesen gnadenlosen Banditen getötet worden. Nun soll US Marshal Jim Allison den blutigen Terror beenden. Er übernimmt vorübergehend den Posten des Marshals von Havington und ist sehr überrascht, als schon wenige Tage später ein zweiter Gesetzesmann namens Marc Villat in die Stadt kommt – mit einem Schreiben aus Austin, in dem geschrieben steht, dass er Allison im Kampf gegen die Banditen unterstützen soll. Allison ist zunächst erleichtert über diese Hilfe seines Kollegen, denn er selbst wurde bereits angeschossen. Er ahnt nicht, dass Villat ganz eigene Pläne hat – und die sind weit entfernt von Recht und Gesetz. Und wer ist der geheimnisvolle graue Reiter, der zwischen den Fronten steht?

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Auf der Spur des Grauen Reiters

Klappentext:

Roman:

TEXAS MUSTANG

 

Band 20

 

Auf der Spur des Grauen Reiters

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Hugo Kastner, 2018

Früherer Originaltitel: Mann des Gesetzes

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

In den Antelope Mountains treibt die Lank-Bande ihr Unwesen. Der Marshal von Havington ist bereits von diesen gnadenlosen Banditen getötet worden. Nun soll US Marshal Jim Allison den blutigen Terror beenden. Er übernimmt vorübergehend den Posten des Marshals von Havington und ist sehr überrascht, als schon wenige Tage später ein zweiter Gesetzesmann namens Marc Villat in die Stadt kommt – mit einem Schreiben aus Austin, in dem geschrieben steht, dass er Allison im Kampf gegen die Banditen unterstützen soll. Allison ist zunächst erleichtert über diese Hilfe seines Kollegen, denn er selbst wurde bereits angeschossen. Er ahnt nicht, dass Villat ganz eigene Pläne hat – und die sind weit entfernt von Recht und Gesetz. Und wer ist der geheimnisvolle graue Reiter, der zwischen den Fronten steht?

 

 

 

Roman:

Lastende Stille lag über den sonnenbeschienenen Felsen, Geröllhalden und Bergrücken der Antelope Mountains.

Jim Allison ritt ohne Eile auf seinem Schecken King. Der schlanke, mittelgroße Körper des Reiters war leicht vornüber gebeugt, sein schmales, sonnengebräuntes Gesicht zeigte verhaltene Anspannung. Ein tiefer Ernst beschattete sein Gesicht.

Vielleicht hing dieser Ernst mit dem blinkenden Stern zusammen, den Allison an seiner ärmellosen Lederweste trug. „US Marshal“ war in Großbuchstaben auf diesem Messingstern eingeprägt.

Der Reiter hatte seinen breitrandigen Stetson tief in die Stirn gezogen. Unter der Hutkrempe hervor huschten die Blicke aus den wachsamen Augen fortwährend über die zerklüfteten Felswände, die Mulden und Höhenkämme hin.

Es war, als suchte er nach etwas Bestimmtem.

Er bog eben um einen steilen, wuchtigen Felsblock, als ein Schuss fiel. Und da zeigte sich, dass US Marshal Jim Allison wie eine Stahlfeder gespannt gewesen war. Der Schuss, der peitschend durch die Luft schnitt, wirkte wie ein Signal auf Allison, löste dessen jähes, unwahrscheinlich schnelles Handeln aus.

Das Krachen des Schusses rollte noch zwischen den Felsen, da schnellte sich der US Marshal bereits aus dem Sattel. Über sich hörte er das bedrohliche Pfeifen der Kugel, dann landete er bereits neben einem wuchtigen, glatten Felsklotz, an dem er eben vorbeigeritten war. Mit einer flüssigen Bewegung brachte er den Colt aus dem Halfter und drückte sich eng an das graue Gestein. Sein Brauner stand drei Yards von ihm entfernt und rührte sich nicht. Er war ein gutes Pferd und ließ sich nicht vom Krachen eines Schusses beirren oder gar in Panik versetzen.

Jim schob sich langsam an die Ecke des Felsblockes und spähte vorsichtig in die Richtung, aus der die Kugel auf ihn zugepfiffen war. Er sah einen sanft aufschwingenden Hang vor sich, dessen Kamm sich scharf und deutlich gegen den Hintergrund des tiefblauen Himmels abzeichnete.

Mesquite- und Kreosotbüsche wucherten vereinzelt zwischen den niedrigen Felsblöcken, die den Hang bedeckten. Auf der Kammlinie ragten ebenfalls einige spitze Felsen grotesk und zerklüftet in die Höhe. Es gab genug Deckung dort für einen heimtückischen Schützen. Aber so sehr Jim Allison auch seine Augen anstrengte, er konnte doch nirgends eine Bewegung wahrnehmen.

Alles war wieder still. Und jetzt, da die Hufschläge verstummt waren, wirkte diese Stille noch schwerer und drückender als vorher. Es war das bedrohliche Schweigen vor einem Unheil.

Jim hob den Colt in die Höhe, zog zweimal den Stecher durch und feuerte aufs Geratewohl in die Busch- und Gesteinswildnis des sanft ansteigenden Hanges hinein.

Seine Schüsse waren noch nicht verklungen, da peitschte oben abermals ein Gewehrschuss auf. Und die Kugel streifte nur wenige Zoll an Jims Kopf vorbei gegen den Felsblock, hinter dem er hervorspähte. Darauf achtete der US Marshal in diesem Moment gar nicht. Etwas anderes war für ihn viel wichtiger. Er hatte deutlich die Stelle gesehen, wo das orangefarbene Mündungsfeuer aufgeflammt war.

Seine beiden ungezielten Coltschüsse hatten also den erhofften Erfolg gebracht, hatten ihn erkennen lassen, dass der unbekannte Schütze dicht unterhalb des Höhenkammes hinter einem Gewirr von niedrigen Felsen und Mesquitesträuchern verborgen lag.

Jim hob seinen 44er Navy Colt, abermals zuckten die grellen Feuerstöße aus dem langen, matt schimmernden Lauf hervor. Er wusste recht gut, dass er seinen Gegner kaum treffen konnte. Der Mann war zu gut gedeckt, und die Entfernung war zu groß, als dass er einen Treffer hätte anbringen können. Mit seinen Schüssen verfolgte er einen ganz bestimmten Zweck. Und als er feststellte, dass es oben auf dem Hang wiederum aufblitzte, da leuchtete es in seinen Augen sekundenlang zufrieden auf.

Wieder jaulten die Gewehrkugeln durch die Luft, wieder streiften sie gegen das graue Gestein und sirrten dann als Querschläger davon. Jim erwiderte das Feuer. Er zählte die Schüsse, die von oben abgegeben wurden. Alles hing jetzt davon ab, dass er sich dabei nicht verzählte.

Er zog sich nicht ganz in seine sichere Deckung zurück. Das war zwar ein großes Risiko, jedoch die einzige Möglichkeit, die seinen Feind dazu bewegen konnte, das Gewehrfeuer nicht einzustellen.

Und er täuschte sich nicht. Wieder und wieder flammte es dicht unterhalb der Kammlinie hinter dem Felsen- und Buschgewirr auf. Eine Kugel riss ihm den staubbedeckten Stetson vom Kopf. Der Hut segelte kreisend in hohem Bogen davon und blieb an einer vorspringenden Felszacke hängen wie an einem Kleiderhaken.'

Mit blitzschneller, routinierter Geschicklichkeit lud Jim Allison die Trommel seines Colts nach. Und da fiel oben auf dem Hang bereits der Schuss, auf den er gewartet hatte - der letzte Schuss, der im Magazin des Winchester-Gewehres steckte, wenn er richtig gezählt hatte.

Es durfte jetzt kein Zögern mehr geben. Mit einem mächtigen Sprung setzte Jim hinter dem Felsblock hervor und rannte geduckt und in langen Sprüngen auf den Fuß des Hanges zu. Schwer und kühl schmiegte sich die langläufige Waffe in seine nervige, kräftige Faust.

Kein Schuss fiel. Er hatte sich also nicht geirrt, hatte richtig gezählt. Und der heimtückische Schütze, der ihn ohne Skrupel hatte ermorden wollen, war sicher dabei, in fieberhafter Eile sein leergeschossenes Gewehr nachzuladen.

Alles kam jetzt auf Schnelligkeit an. Wenn Jim keine Deckung erreichte, ehe der andere seine Waffe nachgeladen hatte, dann war doch noch alles verloren. Der Bandit hatte soeben zur Genüge bewiesen, dass er kein schlechter Schütze war.

Während der US Marshal vorwärts hetzte, hielt er ununterbrochen seine Augen auf die Stelle gerichtet, wo vorher die Mündungsblitze unterhalb des Höhenkammes aufgeflammt waren. Er hatte den Fuß des Hanges noch nicht erreicht, als er feststellte, dass ein Gewehrlauf über einen der flachen Felsen geschoben wurde. Er merkte es am kurzen Aufblinken des Metalls im grellen Sonnenlicht. Und er handelte mit einer Geistesgegenwart, die bewies, welch guter Kämpfer er war.

Mitten im stürmischen Lauf hechtete er sich zur Seite und brachte es fertig, geschmeidig wie eine Katze auf allen Vieren auf dem Boden zu landen. Vom Hang herab dröhnte das Krachen des Gewehrschusses. Alles spielte sich in rasender Geschwindigkeit ab. Jim blieb keineswegs an der Stelle liegen, wo er aufgeschlagen war. Kaum hatte er den Boden berührt, da warf er sich schon herum und rollte sich auf den Fuß des Hanges zu. Seine Rechte ließ den Kolben des langläufigen Navy Colts nicht los.

Ein zweiter Schuss peitschte vom Hang herab.

Am Fuß des Hanges schnellte Allison sich hinter einen niedrigen Felsblock und richtete sich blitzschnell auf die Knie auf.

Die Gewehrschüsse verstummten. Ein heiserer, wilder Fluch schallte zu Jim herab. Ein grimmiges Lächeln spielte flüchtig um den zusammengepressten Mund des US Marshals. Er hatte erreicht, was er wollte. Jetzt konnte auch er die reichhaltigen Deckungsmöglichkeiten ausnutzen, die dieser Hang bot. Jetzt konnte er versuchen, sich an die Stellung des Gegners heranzuarbeiten. Die Chancen waren nun gleichmäßig verteilt. In Jim Allisons Augen trat ein Ausdruck fester, kalter Entschlossenheit. Kein Hauch von Furcht war in seinem Blick zu sehen. Sein Gesicht hatte sich in das Antlitz eines harten Kämpfers verwandelt, eines Kämpfers, der weiß, dass er der gerechten Sache dient.

Er ahnte nicht, wer dort oben hinter den Felsen und Sträuchern lag. Gewiss aber war der Heckenschütze ein Bandit, ein hinterhältiger Meuchelmörder. Und zweifellos gehörte er zur Lank-Bande.

Das war es, was den Ausschlag gab. Die Lank-Bande, deren Boss der gefürchtete und berüchtigte Spencer Lank war. Früher hatten diese gefährlichen Desperados unten in New Mexico geraubt und geplündert. Seit einigen Monaten aber hielten sie sich hier im Havington County in Texas auf.

Jim Allison knirschte mit den Zähnen, als er daran dachte, dass bisher noch kein einziger Mann dieser Bande gefasst worden war. Und dabei war es völlig klar, dass ihr verstecktes Camp irgendwo hier in den ausgedehnten, zerklüfteten Antelope Mountains lag.

Und als Jim Allison am Morgen dieses heißen Sommertages die kleine Stadt Havington verlassen hatte und in die Antelope Mountains geritten war, da war es ohne große Hoffnung darauf geschehen, dass er das Camp der Lank-Bande finden würde.

Nun allerdings hatte sich das geändert. Er lag einem Mitglied dieser Bande gegenüber, und wenn er diesen Mann lebend zu fassen bekam, dann konnte sich die ganze Sache schlagartig ändern.

Mit diesem Kampf in der einsamen Felsenwildnis der Antelope Mountains bot sich dem US Marshal die große Chance zur Zerschlagung der Lank-Bande. Und diese Chance wollte Jim Allison unbedingt nutzen.

Er verließ wieder seine Deckung und kroch auf dem Bauch hangaufwärts. Oben krachte wieder ein Gewehrschuss, verpuffte, denn die Kugel war auf den niedrigen Felsen gezielt, hinter dem er vorhin in Deckung gegangen war. Der US Marshal hütete sich, jetzt einen Schuss abzufeuern. Immer weiter bewegte er sich hangaufwärts voran. Er wusste recht gut, dass die Entscheidung erst noch bevorstand - die Entscheidung, wenn er nahe genug an den heimtückischen Gegner herangekommen war und diesen auffordern würde, sich zu ergeben. Er hatte noch lange nicht gewonnen - dessen war er sich wohl bewusst...

 

*

 

Von Süden her rollte ein Planwagen mit knirschenden Rädern in Havington ein. Zwei Pferde zogen das Fahrzeug. In gleichmäßigem Trott stampften sie den gelben Sand der breiten, schnurgeraden Mainstreet. Hinter dem Wagen wehte eine lange, durchsichtige Staubfahne her. Der Staub, der auf dem Fell der Zugtiere, auf dem grauen, rissigen Holz des Wagens und der hellen Wagenplane lag, ließ erkennen, dass ein weiter Trail hinter dem Gefährt lag.

Ein Mann und eine Frau saßen auf dem Bock schweigend nebeneinander. Sie waren beide noch jung, und ihre Gesichter waren von Müdigkeit gezeichnet.

Es war Mittag. Die Sonne stand als glühender Ball mitten im Zenit und schleuderte ihre sengenden Strahlen senkrecht auf die Häuser und die Mainstreet von Havington hinab. Die hölzernen Gehsteige waren leer. Nur im Schatten einiger Veranden saßen ein paar Männer in Schaukelstühlen, rauchten und dösten vor sich hin. Sie hoben kaum die Köpfe, als der Planwagen vorbeirumpelte.

Der schwarzhaarige Mann auf dem Wagenbock wandte sich an seine blonde Frau. Trotz der Müdigkeit in seinem tief gebräunten Gesicht leuchtete es in seinen dunklen Augen auf.

„Wir sind bald am Ziel, Lucy“, sagte er. „Wollen wir eine Rast einlegen oder fahren wir gleich weiter?“

Der Blick ihrer blauen, klaren Augen traf ihn zärtlich.

„Wir sind so weit gefahren, Jerry“, erwiderte sie, „dass uns auch die restlichen Meilen nicht mehr aufhalten sollten. Ich glaube, dir wäre es lieber, wenn wir unseren Trail gleich zu Ende brächten.“

Sie lächelte leicht. Und dieses Lächeln, das ihre roten, feingeschwungenen Lippen kräuselte, hellte ihre Miene merklich auf.

Er sah sie an und nickte.

„Du bist wirklich eine prächtige Frau, Lucy. Well, du hast recht! Ich bin froh, wenn wir unseren Trail fortsetzen. Die Halfcircle-Ranch kann nicht mehr weit entfernt sein.“

„Ich bin schon gespannt!“, sagte die junge Frau. Und das Lächeln in ihrem Gesicht verstärkte sich. „Ich bin schon gespannt, wie unser künftiges Heim aussieht - die Ranch, die uns gehören wird.“

Der Wagenfahrer ließ die lange, geflochtene Peitschenschnur über den Rücken der beiden Pferde knallen und lenkte den Planwagen auf eine überdachte Veranda zu. Ein faltengesichtiger, alter Mann hockte dort in einem Schaukelstuhl und blies bläuliche Rauchwolken vor sich hin. Über dem Verandadach war ein Schild angebracht, auf dem in großen, verwaschenen Buchstaben „Silvermoon Saloon“ zu lesen war.

Mit knarrenden Rädern kam der Wagen vor der Veranda zum Stehen. Die beiden Braunen ließen die Köpfe hängen und schnaubten leise. An dem langen Haltegeländer vor dem Saloon standen mehrere gesattelte Cowboypferde und drehten die Hälse zu dem haltenden Fahrzeug hin.

Der Mann auf der schattigen Veranda nahm die Pfeife aus dem Mund, hörte aber nicht auf zu schaukeln.

Langsam ließ der Wagenfahrer die Zügel sinken, beugte sich ein wenig zur Seite und sagte höflich:

„Guten Tag, Mister! Ist eine Frage erlaubt?“

Der Alte schwenkte ruhig die Pfeife. „Was soll es sein, Fremder?“

„Wir sind unterwegs zur Halfcircle-Ranch. Können Sie mir den Weg dorthin beschreiben?“

„Natürlich! Fahren Sie geradeaus weiter und biegen Sie nach ungefähr zwei Meilen nach Westen hin ab. Halten Sie genau auf die Berge zu, dann ...“

Er wurde unterbrochen. Eine raue Stimme fragte schroff: „Habe ich recht gehört? Sie wollen zur Halfcircle-Ranch?“

Ein großer, breitschultriger Mann war aus der Pendeltür des „Silvermoon Saloons“ getreten und stand jetzt breitbeinig auf der Veranda. Er schaute den Mann auf dem Bock des Planwagens durchdringend an. Sein breites, derb geschnittenes Gesicht wurde von einem pechschwarzen Vollbart umrahmt. In den dunklen Augen funkelte ein merkwürdiges Licht.

Der alte Mann im Schaukelstuhl setzte seine Erklärung nicht mehr fort, sondern paffte heftig an seiner Pfeife.

Der junge Fremde auf dem Bock wandte seinen Blick dem breitschultrigen Großen zu und erwiderte: „Sie haben recht gehört, Mister ...“

Der Schwajzbärtige stemmte beide Fäuste in die Seiten.

„So!“, brummte er. „Das ist verdammt merkwürdig, muss ich schon sagen! Was wollen Sie denn auf der Halfcircle-Ranch? Wissen Sie nicht, dass der Besitzer seit einem halben Jahr tot ist und dass die Ranch leersteht?“

„Doch, das wissen wir!“, erklärte der Fremde ziemlich kühl. „Aber ich schätze, dass Sie mit dieser Angelegenheit kaum etwas zu tun haben.“

Die Augen des Schwarzbärtigen funkelten heftiger.

„Hoh! Sagen Sie nur das nicht, Fremder! Meine eigene Ranch grenzt nämlich an das Gebiet der Halfcircle-Weide. Und das ist nicht der einzige Grund.“

Er sprach den Satz nicht zu Ende, sondern starrte die beiden Menschen auf dem Wagenbock nur abschätzend und durchdringend an.

„Well, wenn Sie unser künftiger Nachbar sind“, entgegnete der Mann auf dem Wagen, „so dürfen Sie ruhig Bescheid wissen. Mein Name ist Jerry Keegan. Und das ist meine Frau Lucy. Wir haben die Halfcircle-Ranch gekauft.“

„Gekauft?“, dröhnte der robuste Rancher. „Wollen Sie mir einen Bären aufbinden? Kenneth Lowry, dem die Halfcircle gehörte, starb an einer Kugel. Er hatte keine Gelegenheit mehr, seine Ranch zu verkaufen.“

„Aber er hat einen Neffen in New Mexico, der ihn beerbt“, sagte Jerry Keegan unwillig. „Und dieser Mann hat uns die Ranch verkauft. Ich denke, das dürfte genügen, nicht wahr? Wenn ich Ihnen sage, dass ich den Kaufvertrag in der Tasche trage, so dürfte das nicht zu bezweifeln sein.“

„Hm“, knurrte der Rancher. „Ich weiß nicht so recht!“

Jerry Keegan wollte zu einer heftigen Erwiderung ansetzen. Seine Frau legte ihm jedoch beschwichtigend die Hand auf den Unterarm. Er schluckte und sagte dann ruhig und kühl:

„Ich will diese Bemerkung überhört haben!“

Dann fasste er die Zügel straff, hob die Peitsche und wollte das Gespann wieder antreiben. Da trat der anmaßende Rancher dicht an den Rand der Veranda heran.

„Einen Moment, Keegan!", forderte er brummend.

Der junge Wagenfahrer wich seinem funkelnden Blick nicht aus. „Was gibt es noch?“

„Allerhand!“, knurrte der andere. „Well, Sie sollen wissen, wer ich bin. Mein Name ist Barton Dalleson. Und ich sage Ihnen nochmals, dass es mir verdammt merkwürdig vorkommt, wenn Sie sich auf der Halfcircle-Ranch einnisten wollen. Es ist die einzige Ranch, die direkt am Fuße der Antelope Mountains liegt.“

„Und? Was hat das damit zu tun?“

Dalleson kniff misstrauisch die Augen zusammen. Sein schwarzer, dichter Vollbart zuckte leicht.

„Entweder spielen Sie verdammt gut Theater - oder Sie wissen tatsächlich nicht Bescheid.“

„Sie dürfen ruhig deutlicher werden, Mister Dalleson!“

„Nun gut! Sie haben sicher schon von der Lank-Bande gehört. Well, diese Schurken hausen in den Antelope Mountains und machen von dort aus das ganze County unsicher. Wenn sie sich in die Berge zurückziehen, führt ihr Weg meistens über das Land der Halfcircle-Ranch. Das ist der Kernpunkt. Well, weiterhin ist bekannt, dass die Lank-Bande aus Colorado kommt. Und es ist doch verdammt komisch, dass auch Sie aus ...“

„Jetzt langt es aber!“, unterbrach ihn Jerry Keegan schroff. „Wollen Sie damit sagen, dass Sie uns mit der Lank-Bande in Verbindung bringen?“

„Aber, Jerry!“, beschwichtigte Lucy Keegan leise ihren erregten Mann. „Lass ihn doch! Fahren wir weiter!“

Aber Jerry hörte nicht. Er war aufgesprungen und stand jetzt hoch aufgerichtet vor dem Sitzbrett. Zorn glitzerte in seinen Augen.

„Regen Sie sich bloß nicht auf, Keegan!“, rief Barton Dalleson drohend. „Was ich sagte, wird jeder Mann in Havington denken, wenn er erfährt, was Sie planen.“

„Was Sie denken, ist mir egal. Halten Sie ihre Gedanken künftig zurück. Und die Beleidigung von soeben nehmen Sie sofort zurück oder ...“

Jerry Keegan hatte die Peitsche fallengelassen. Seine Hände hatten sich zu Fäusten geballt. Seine Stimme klirrte wie Eis.

„Jerry!“, versuchte es seine Frau nochmals. „Bitte, hör nicht auf ihn. Fahren wir doch weiter.“

Jerry Keegan wandte sich ihr halb zu. „Nein, Lucy!“, sagte er fest und etwas ruhiger. „So geht das nicht. Wir wollen uns in diesem County eine neue Zukunft aufbauen, und ich kann nicht dulden, dass man mich für einen Desperado hält.“

Er drehte sich wieder dem Rancher zu. Dalleson hatte seine Rechte auf den Coltkolben gelegt, der unter seinem weit geschnittenen, grau gestreiften Rock hervorlugte. Seine Augenbrauen waren finster zusammengezogen, und seine Stimme klang noch dröhnender und drohender als vorher:

„Keegan, versuchen Sie bloß nicht, den großen Mann zu spielen! Ich warne Sie! Machen Sie sich schleunigst aus dem Staub - vielleicht ist es für Sie am besten, wenn Sie überhaupt diesem County den Rücken kehren.“

Seine Finger schlossen sich jetzt in schraubender Bewegung um den Revolverkolben. Bevor Jerry Keegan etwas erwidern konnte, rief seine Frau: „Mister Dalleson! Mit welchem Recht sprechen Sie so? Muss ich Sie wirklich erst daran erinnern, dass Sie sich nicht nur unter Männern befinden? Glauben Sie wirklich, dass ...“

Ohne Rücksicht auf Höflichkeit unterbrach sie der erboste Rancher.

„Sorry, Madam! Aber Sie halten sich hier am besten heraus. Was ich sagte, ist nicht leicht daher geredet. Ich meinte es verdammt ernst. Und wenn Sie die Frau dieses Kerls sind, dann ändert das noch nichts an meinem Verdacht, an meinem begründeten Verdacht.“

Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da schnellte sich Jerry Keegan vom Wagen herab und landete federnd wie eine Pantherkatze auf der Saloonveranda - nur zwei Schritte von der großen Gestalt Dallesons entfernt. Lucy Keegan unterdrückte einen Aufschrei.

„Hören Sie, Dalleson“, begehrte Jerry auf,;,Sie sind entschieden zu weit gegangen! Kein Mann kann sich solche Unverschämtheit gefallen lassen. Nehmen Sie das schleunigst zurück, Dalleson, und seien Sie froh, dass meine Frau anwesend ist. Nur deshalb haben Sie nicht schon längst meine Faust ins Gesicht bekommen.“

Barton Dallesons breites Gesicht verzerrte sich. Seine rechte Hand fuhr in die Höhe und riss den Colt aus dem rindsledernen Halfter.

„Ich werde Ihnen schon zeigen, wer hier zu bestimmen hat!“, knurrte er wild, brachte die Waffe in Anschlag und wollte einen Schritt zurücktreten. Der hartnäckige Herausforderer kam nicht mehr dazu.

Jerry Keegans Rechte krachte gegen sein bartbedecktes Kinn, sein Kopf ruckte zurück, seine Arme fielen herab. Mit einem blitzschnellen Hieb schlug ihm Jerry den Revolver aus der Faust. Dumpf polterte die Waffe auf die Bodenbretter der Saloonveranda.

„So, Dalleson, jetzt können wir weiterreden!“, erklärte der junge Verteidiger seine Ehre hart.

Der Rancher hatte sich gefasst. Wild fluchend stürzte er auf Jerry Keegan zu. Seine wuchtigen Fäuste sausten wie Schmiedehämmer durch die Luft, aber was in Dalleson mehr an Kraft und Wucht steckte, das glich Keegan durch seine Behändigkeit aus. Er tauchte unter den vorsausenden Fäusten Dallesons hinweg, kam dicht an den Gegner heran und riss einen trockenen Haken mit voller Wucht von unten her gegen Dallesons Kinn.

Barton Dalleson wurde zurückgeworfen, krachte gegen die Holzwand des „Silvermoon Saloons“ und schüttelte benommen den Kopf. Jeder andere Mann wäre unter diesem knallharten Treffer wohl zu Boden gegangen. Dalleson brauchte nicht länger als zwei Sekunden, dann wurde sein Blick wieder klarer, und wie ein angeschossener Bisonbulle kam er wutschäumend auf Keegan zu. Im Eingang des Saloons erschienen zwei hagere Männer und schauten interessiert dem Kampf zu.

Jerry Keegan wollte erneut ausweichen. Doch diesmal war der Rancher darauf vorbereitet. Seine rechte Faust erwischte den Gegner am Kopf, und es war wie ein Hufschlag.

Mit unwiderstehlicher Gewalt, wurde Keegan die Veranda hinabgefegt und landete auf dem Rücken im sonnenwarmen Sand der breiten Straße.

Lucy Keegan stieß einen erstickten Aufschrei aus und sprang von ihrem Sitz hoch. Ihr schmales, regelmäßiges Gesicht war schneeweiß geworden.

Sie wollte den Wagenbock verlassen, da sah sie, dass sich ihr Mann bereits wieder aufrichtete.

Dalleson kam schwergewichtig die Verandastufen herab.

Lucy Keegan blieb wie gelähmt auf dem Bock stehen.

„Dir werde ich es zeigen, Keegan!“, keuchte der wuchtige Rancher wild.

Jerry Keegan taumelte noch etwas: Als die Rechte Dallesons auf ihn zuzischte, schien er rettungslos verloren zu sein. Nun - es schien nur so! Anfangs sah es so aus, als sei er von dem Schwinger getroffen worden und breche zusammen. Erst als er dann plötzlich dicht vor Dalleson stand und ihm die zusammengeballten Fäuste gegen das Gesicht schmetterte, wurde erkennbar, dass sein Verhalten nur ein Trick gewesen war, dass er den schweren Gegner nur getäuscht hatte.

Dalleson fluchte und wollte zurückweichen, allein der Gegner ließ ihm diesmal keine Zeit, setzte sofort hinterher und hämmerte seine Fäuste gegen Dallesons Kopf. Die Wucht, die hinter diesen Schlägen steckte, schien man dem schlanken Mann gar nicht zuzutrauen. Er trieb den Rancher gegen den Verandavorbau und hielt noch immer nicht inne.

Es war ganz still über der mittäglichen Mainstreet. Nur das dumpfe, grausame Klatschen der Schläge war zu hören.

Überall standen Gruppen von Menschen beisammen, aber kein Wort fiel. Mit angehaltenem Atem wurde beobachtet, was sich vor dem „Silvermoon Saloon“ abspielte.

Der Atem der beiden Männer ging keuchend, Beide Gesichter waren von den Hieben gezeichnet. Ihre Kleidung klebte klatschnass von Schweiß an der Haut. Noch immer behielt Jerry Keegan die Oberhand. Und Barton Dalleson brachte es kaum fertig, die pausenlos hämmernden Schläge abzudecken.

Und dann raffte er sich nochmals zu einem Angriff auf, stürzte mit einer solchen Wildheit auf den Gegner zu, dass dieser Angriff auch nicht durch die härtesten Fäuste zu bremsen war. Dalleson schien nur von dem einen Gedanken besessen zu sein, den Gegner zu vernichten.

Jerry Keegan landete zwei kurze, trockene Haken, dann prallte der schwere Körper des Ranchers bereits gegen ihn. Jerry hatte diese Wildheit nicht mehr erwartet. Und es war deshalb zu spät für ihn, auszuweichen. Er verlor das Gleichgewicht und geriet ins Taumeln. Eine mächtige Faust krachte gegen seine Schläfe. Es wurde ihm dunkel vor den Augen, und er ging in die Knie. Wie durch einen grauen Nebel sah er dicht vor sich die hohe, breite Gestalt seines Widersachers. Und er sah auch, wie die mächtige Faust erneut heranzischte. Der Hieb streifte nur seine Schulter. Jerry landete im Sand, rollte sich zur Seite und kam dann wieder hoch.

Dalleson kam erneut auf ihn zu, und Jerry fühlte flüchtig eine Verwunderung, dass dieser so stark angeschlagene Mann noch immer so zäh kämpfen konnte.

„Jetzt wirst du es büßen!“

Keuchend und fast unverständlich brach die Drohung über die aufgesprungenen, blutenden Lippen Barton Dallesons.

Und dann war er schon heran. Seine Fäuste sausten vor - zuerst die Rechte und sofort die Linke hinterher, aber beide Hiebe gingen ins Leere. Wieder war Keegan flinker gewesen, wieder war er blitzschnell ausgewichen. Dalleson hatte bereits einmal in dieser Beziehung eine bittere Erfahrung gemacht, rechnete jetzt also fest damit, dass Keegan unter seinen Fäusten nur hindurchgetaucht war und versuchen würde, einen Haken gegen sein Kinn zu reißen. Deshalb machte Dalleson eine halbe Seitwärtsdrehung und rannte so getäuscht mitten in Keegans Schwinger hinein. Lautlos wie vom Blitz gefällt brach er zusammen. Schwer schlug sein massiger Körper in den weichen Straßensand und regte sich nicht mehr.

Jerry Keegans Treffer hatte alle Energie und jeglichen Vernichtungswillen, die den Rancher noch vorwärts getrieben hatten, mit einem Schlag weggewischt. Er ließ die Fäuste sinken und starrte auf den Gegner zu seinen Füßen. Eine ganze Weile stand er so, und seine Brust hob und senkte sich unter den schweren Atemzügen. Schweiß und Staub und Blut vermischten sich auf seinem Gesicht zu einer hässlichen Maske.

Aus dem Schweigen ringsum brach allmählich ein dumpfes Gemurmel.

Jerry Keegans Blick fiel auf die schmale, hellgekleidete Gestalt seiner vor Angst zitternden Frau. Sein zerschlagenes Gesicht verzog sich zu einem bedauernden Lächeln.

„Es tut mir leid, Lucy, dass du dies mit ansehen musstest. Aber es ging nicht anders.“

Er kam auf den Planwagen zu, spannte seine Gestalt und schwang sich auf den Wagenbock. Als wenn nichts geschehen wäre, griff er wieder nach den langen Zügeln.

Da sagte eine ruhige Stimme von der schattigen Saloonveranda her:

„Es war ein guter Kampf, Mister. Aber Sie sollten ihn wahrhaftig nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

Die beiden Keegans wandten gleichzeitig den Kopf.

Der alte, faltengesichtige Mann saß noch immer im Schaukelstuhl. Eine blaue Tabakwolke verhüllte seine Miene, ln ruhigem Ton redete er weiter:

„Barton Dalleson ist einer der größten Rancher in diesem Land. Er ist ein mächtiger Mann und noch nie besiegt worden. Sie wissen, was dies bedeutet, nicht wahr?“

Jerry schwang die Peitsche und ließ sie über den beiden Pferderücken schnalzen.

„Ich danke Ihnen für die Warnung, Mister“, sagte er und setzte die Pferde in Bewegung.

Der Alte antwortete nicht, sondern sog nur erneut an der langstieligen Pfeife. Von den Gehsteigen und benachbarten Veranden her waren neugierige Gesichter auf den Planwagen gerichtet. Staub aufwirbelnd rollte das Fahrzeug weiter die breite Straße entlang - auf den Ortsausgang zu. Erst als sie den „Silvermoon Saloon“ schon weit hinter sich gelassen hatten, sagte Lucy Keegan leise und besorgt:

„Das ist kein guter Anfang, Jerry!“

Der junge Mann antwortete nicht. Er presste nur die Lippen fester zusammen, wusste er doch ganz genau, wie recht seine Frau hatte. Dort beim „Silvermoon Saloon“ hatte er einen nicht zu unterschätzenden Feind hinter sich gelassen. Die Zukunft, auf die sie sich gefreut hatten, sah schlagartig nicht mehr so rosig aus …

 

*

 

Die.Schüsse unterhalb der Kammhöhe waren verstummt. US Marshal Jim Allison hatte ungefähr die Hälfte seiner Wegstrecke zurückgelegt. Er hielt an und verschnaufte. Wieder lag tiefe Stille über den Felsen der Antelope Mountains. Er hob seinen Kopf vorsichtig an und spähte zu dem Felsen und Buschgewirr hinauf, hinter dem der Bandit bisher gelegen hatte. Nichts regte sich dort. Statt dessen schallte aus der Richtung, aus der er gekommen war, eine höhnische, laute Männerstimme:

„Hallo, Sternträger! Jetzt fängt das Spielchen erst richtig an. Damit Sie Bescheid wissen: Wir sind mehr als ein halbes Dutzend Männer!“

Und dann krachte eine Serie von Gewehr- und Revolverschüssen, die ziellos auf den Hang abgefeuert wurden. Nun setzte auch von oben her wieder der Beschuss ein. Von mindestens drei verschiedenen Stellen her blitzte es auf.

Jim drückte sich eng an den Boden und regte sich nicht. Die Ausdruckslosigkeit war aus seinem angespanntenGesicht verschwunden. Er hatte begriffen, dass er in eine Falle gegangen war - in eine heimtückische, bedrohliche Falle, die zuzuschnappen drohte.

Er hatte die ganze Lank-Bande gegen sich.

Diese Erkenntnis traf ihn wie ein schmetternder Faustschlag.

Jetzt hatten sie ihn zwischen zwei Feuern. Vielleicht am schlimmsten war die Tatsache, dass er zu Fuß war. Er besaß kaum eine Möglichkeit zur Flucht. Hinter dem großen Felsblock, wo er seinen Hengst King zurückgelassen hatte, lagen sicher jetzt schon ein paar Banditen. Jedenfalls war die höhnische Stimme aus jener Richtung gekommen.

Jim Allison fühlte eine heiße Wut in sich aufsteigen, dämmte diese jedoch zurück. Er durfte sich jetzt zu keinen Unüberlegtheiten hinreißen lassen, denn seine Lage war äußerst gefahrvoll.

„Hast du mich gehört, Sternträger?“, rief wieder die laute, höhnische Stimme. „Hier spricht Spencer Lank! Freut es dich nicht, mich endlich kennenzulernen?“

Es war also der Banditenboss selber, der dort hinter dem Felsblock kauerte.

Jim antwortete nicht. Er durfte seinen Standort auf keinen Fall verraten. Das war es sicher, was Lank mit seinen höhnischen, herausfordernden Worten bezweckte.

„Hat dir die Angst die Sprache verschlagen?“, gellte es wieder. „Well, das wäre auch nicht weiter verwunderlich. Schätze, es wird dir kaum besser ergehen, als dem werten Marshal Wigmore!“

Wieder folgte ein raues, höhnisches Auflachen. Dann setzte erneut das Schießen ein. Kugeln fetzten durch dicht belaubtes Zweigwerk, bohrten sich in das trockene Erdreich oder klatschten hell gegen das Gestein der Felsbrocken. An den verstreuten Einschlägen erkannte Jim, dass die Verbrecher nicht wussten, wo er genau steckte.

Er rührte sich nicht. Die Drohung des Bandenführers klang in seinen Ohren nach. Er dachte an das Schicksal, das seinen Kollegen, Marshal Joe Wigmore, vor über einer Woche ereilt hatte. Marshal Wigmore war auch in die Antelope Mountains geritten, ebenfalls auf der Suche nach dem versteckten Camp der Lank-Bande. Am Abend jenes Tages war er als toter Mann nach Havington zurückgekehrt, mit Stricken auf dem Rücken seines Pferdes festgebunden und von Kugeln durchlöchert.

Strenge Linien kerbten sich um Jim Allisons Mundwinkel zu einem Ausdruck todesmutiger Entschlossenheit.

Das Schießen dauerte an. Die Banditen hofften anscheinend, dass er schließlich das Feuer erwidern und somit seinen Standort verraten würde. Ein grimmiges Leuchten trat in Jims graue Augen. Sie sollten vergeblich warten - diesen Gefallen würde er ihnen nicht tun.

Uber die rissige Kante eines grauen Felsklotzes spähte er vorsichtig zum Höhenkamm hinauf. Auch dort blitzten in regelmäßigen Abständen Feuerzungen hinter Steinen und Büschen auf. Die Gedanken in Jim Allisons Gehirn jagten einander. Jetzt konnte er nicht mehr daran denken, das Versteck der Lank-Bande ausfindig zu machen. Alles was ihm blieb, war der Versuch, sein Leben zu retten.

„Sternträger!“, gellte wieder die scharfe Stimme des Banditenführers. „Du hast keine Chance! Gib es auf!"

Die Stimme klang jetzt näher als vorher. Die Desperados begannen sich also zum Hang vorzuarbeiten. Und sicher würden auch die Banditen, die oben unter dem Höhenkamm steckten, allmählich vorwärtsrücken. Von zwei Richtungen würden sie dann immer näher kommen, und der freie Streifen, auf dem er sich verborgen hielt, würde immer schmäler werden.

Jim durfte daher nicht mehr länger untätig an derselben Stelle liegen bleiben. Er musste handeln.

Dicht neben ihm fetzte eine Kugel durch das dicht belaubte Zweigwerk eines Mesquitestrauches und bohrte sich dann mit dumpfem Einschlag in die Erde. Fast mechanisch ruckte Jims Colt in die Höhe. Aber er beherrschte sich, machte den Finger am Abzug nicht krumm.

Und dann setzte er sich in Bewegung. Langsam, vorsichtig und schlangengleich kroch er weiter den sanften Hang hinauf - direkt auf die Stellungen der Gegner zu. Er wollte durchbrechen, wollte versuchen, über den Höhenkamm zu entkommen. Dabei wusste er ganz genau, wie groß sein Risiko war. Nun - ein Mann in seiner Lage konnte nichts mehr verlieren, nur gewinnen konnte er noch, und danach handelte er. Er war überzeugt davon, dass jenseits des Kammes die Pferde der Männer standen, die sich hangaufwärts postiert hatten. Und wenn er erst einmal bei diesen Pferden war, dann sah die Sache völlig anders aus. Wenn? Über dieses eine Wort täuschte er sich nicht hinweg. Jeder Yard, den er hangaufwärts zurücklegte, brachte ihn dem Tod näher.

Er kroch direkt auf das Krachen und Aufflammen der Schüsse zu. Gerade ein solches Wagnis würden die Banditen nicht erwarten - und das war seine einzige Chance. Er hatte bereits die Erfahrung gemacht, dass gerade das Unwahrscheinliche manchmal große Chancen bot, eben weil es nicht erwartet wurde.

Die Schüsse, die von oben und von unten auf die Hangfläche gefeuert wurden, hielten noch immer an. Das Echo wurde rollend von den Felswänden und Klippen ringsum zurückgeworfen.

Öfter hielt Jim Allison in seinem Vorwärtskriechen inne und spähte vorsichtig umher. Manchmal konnte er hangabwärts einen Hut über einem grauen Felsen erkennen oder einen Gewehrlauf, der matt in der Sonne blinkte. Und dann war die Versuchung groß, den 44er NavyColt in Anschlag zu bringen und zu schießen. Aber das hätte sein Vorhaben zerschlagen, und deshalb ließ er es bleiben.

Der Hang, der sich vor ihm aufschwang, schien endlos lang zu sein. Die Langsamkeit, mit der er vorwärts kroch, zerrte an seinen Nerven. Aber er durfte nicht schneller sein. Jede Hast, jede noch so geringe Unvorsichtigkeit konnte den Untergang bedeuten. Kein Zweig durfte verräterisch knacken, kein Stein durfte sich lösen und hangabwärts rollen. Nichts durfte den wachsamen Augen der Banditen auffallen.

Es war die schlimmste Stunde, die Jim Allison jemals erlebt hatte. Jeder Nerv, jede Faser in ihm waren aufs äußerste angespannt. Jeder Muskel war aufs höchste konzentriert. Ein einziger, winziger Versager konnte ihn verraten und das Feuer von allen Seiten her auf ihn lenken.

Der Schweiß rann in Strömen über sein Gesicht. Er musste sich dazu zwingen, den Atem ruhig und gleichmäßig zu halten. Und so rückte er vorwärts - Yard um Yard, immer weiter auf den Höhenrücken zu, der sich in den tiefblauen Sommerhimmel hineinzurecken schien.

Und dann kam der Augenblick, da er nur noch etwa sechs Yards von einem breiten Gesteinsblock entfernt war, hinter dem in gewissen Abständen der Mündungsblitz eines Revolvers aufzuckte. Weitere vier Yards oberhalb dieses Felsen endete der Hang - dort endete vorerst für ihn die Todeszone. Wenn er den Kamm erreichen wollte, musste er an dem breiten Felsblock vorbei. Er konnte keinen großen Bogen schlagen, denn seitlich dieses einen Felsens lagen irgendwo die anderen Desperados hinter Mesquite- und Kreosotbüschen verborgen.

Wieder drückte sich Jim Allison eng an die trockene Erde, duckte sich nieder zwischen Geröll und Strauchwerk. Er musste verschnaufen. Er musste Atem holen. Die Entscheidung lag vor ihm. Die nächsten Minuten würden die Rettung - oder den Tod bringen.

Sechs Yards von ihm entfernt kauerte einer seiner unerbittlichen Gegner. Immer wenn das grelle Mündungsfeuer aufblitzte, glaubte Jim, die Kugel jage direkt auf ihn zu. Das Dröhnen der Waffe lag wie eine unheilvolle Drohung in seinen Ohren. Ab und zu konnte er die Faust sehen, die den Revolver hinter dem breiten Felsen hervorschob.

„Hallo, Sternträger! Willst du noch immer nicht aufgeben?“, schrie der Bandenboss von unten herauf.

Scharfe Ungeduld schwang in dem fordernden Tonfall. Die Banditen begannen also schon unruhig zu werden. Es machte sie unsicher, dass sie von dem US Marshal noch nichts entdeckt hatten und dass er sich völlig still verhielt.

„Vielleicht ist er schon tot, Boss!“, rief eine, heisere Stimme. „Vielleicht kann er gar nicht mehr antworten!“

Jim durfte nicht mehr länger zögern. Die Ungeduld der Banditen würde sie veranlassen, schneller vorzurücken. Von jetzt an konnte jede Sekunde entscheidend sein.

Er setzte sich wieder in Bewegung. Hinter dem Felsen blieb es ruhig. Die Schüsse waren verstummt. Vielleicht lud der Bandit eben seinen Revolver nach. Jim hatte keine Zeit, darüber weiter nachzudenken. Nur noch ein paar Sprünge waren es bis zum Höhenrücken. Und dahinter standen wahrscheinlich die Banditengäule. Dort lag für ihn die große Chance.

Jim fühlte es wie Fieber durch seine Adern rinnen, wenn er daran dachte. Drei Yards war er jetzt nur noch von dem breiten Felsen entfernt. Und in diesem Abstand musste er an der Deckung des Desperados vorbeischleichen. Er schob sich unter einem niedrigen, breiten Mesquitebusch durch, und als er aufblickte, schaute er mitten in ein stoppelbärtiges finsteres Gesicht hinein. Die Überraschung war beiderseitig. Eine halbe Sekunde verstrich, ohne dass irgend etwas geschah. Und in dieser halben Sekunde erfasste Jim alles. Der Bandit hatte seine Deckung hinter dem breiten Felsen verlassen, um sich hangabwärts voranzubewegen. Und jetzt lag er nur einen halben Yard von Jim entfernt und riss verblüfft die Augen auf.

Die Erstarrung löste sich, das Schweigen zerbrach. Das stoppelbärtige Gesicht verzerrte sich zu einer wilden Grimasse. Mit einem gellenden Alarmschrei rollte sich der Bandit herum und langte gleichzeitig zum Revolver.

Jim Allison war schneller. Mit dumpfer Wucht schmetterte er dem Gegner den Coltlauf gegen die Stirn.

Allerdings gab es nun kein lautloses Weiterschleichen mehr. Der Alarmschrei des Banditen hatte alle Kumpane aufgescheucht. Überall schnellten sehnige Gestalten hinter Steinen und Büschen hervor.

Jim behielt den Colt in der Faust. Wie ein Puma sprang er in die Höhe. Von der Seite her fetzten Kugeln auf ihn zu. Etwas Heißes schrammte schmerzhaft schräg über seinen Rücken und schlitzte das Hemd und die ärmellose Lederweste auf.

Es gab kein Verstecken mehr. In langen Sprüngen hetzte Jim geduckt auf den Höhenkamm zu. Das Krachen der Schüsse steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden, höllischen Lärm. Vor Jim Allison, dem US Marshal, lag ein Wettlauf mit dem Tod ...

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916690
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
texas mustang spur reiters

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Titel: TEXAS MUSTANG #20: Auf der Spur des grauen Reiters