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Tödlicher Verrat in Dry Fork

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Jack Wesson ist ein knallharter, unbestechlicher Texasranger, für den das Gesetz über allem steht, sogar über seiner jahrelangen Freundschaft mit dem Rancher Dave Hancock. Denn Wesson hat einen ganz besonderen Auftrag angenommen: Er soll eine Bande skrupelloser Bankräuber zur Strecke bringen, die mehrere Menschen auf dem Gewissen haben, darunter den Sheriff von Dallas und Jacks Verlobte. Bei der Bande soll ausgerechnet Daves Sohn Lee eine führende Rolle spielen. Daves und Jacks Freundschaft droht darüber zu zerbrechen. Als wäre dies nicht schlimm genug für Jack, macht er sich die ganze Stadt Dry Fork zu seinem Feind, denn Daves überaus beliebter Sohn soll dort das Amt des Marshals übernehmen. Jack steht auf verlorenem Posten, denn niemand glaubt ihm seine Geschichte, und die Bewohner von Dry Fork schrecken auch vor brutaler Gewalt gegen einen Texasranger nicht zurück …

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Tödlicher Verrat in Dry Fork

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Tödlicher Verrat in Dry Fork

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Klaus Dill, 2018

(ehem. Titel: Er hetzte des Freundes Sohn)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

 

Klappentext:

Jack Wesson ist ein knallharter, unbestechlicher Texasranger, für den das Gesetz über allem steht, sogar über seiner jahrelangen Freundschaft mit dem Rancher Dave Hancock. Denn Wesson hat einen ganz besonderen Auftrag angenommen: Er soll eine Bande skrupelloser Bankräuber zur Strecke bringen, die mehrere Menschen auf dem Gewissen haben, darunter den Sheriff von Dallas und Jacks Verlobte. Bei der Bande soll ausgerechnet Daves Sohn Lee eine führende Rolle spielen. Daves und Jacks Freundschaft droht darüber zu zerbrechen. Als wäre dies nicht schlimm genug für Jack, macht er sich die ganze Stadt Dry Fork zu seinem Feind, denn Daves überaus beliebter Sohn soll dort das Amt des Marshals übernehmen. Jack steht auf verlorenem Posten, denn niemand glaubt ihm seine Geschichte, und die Bewohner von Dry Fork schrecken auch vor brutaler Gewalt gegen einen Texasranger nicht zurück …

 

 

 

 

Roman:

Eine Hölle aus Hass und Erschrecken spiegelte sich auf dem staub- und schweißverschmierten Gesicht des Mannes beim Ziehbrunnen. Verzweifelt versuchte er sich am Pfosten der Seilwinde in die Höhe zu ziehen, sank jedoch wieder matt und ächzend gegen die hüfthohe Lehmmauer zurück. Seine Kleidung war zerschlissen, sein rechter Arm bis zum Schultergelenk hinauf von einem dicken verschmutzten Verband umwickelt. In der auf den Oberschenkel gerutschten Halfter fehlte der Revolver. „Verdammter Menschenjäger!“, würgte der Mann zwischen schweren Atemzügen hervor. „Gibt es denn keine Fährte, die du jemals verlierst!“ Aus flackernden Augen starrte er auf den Reiter, der so unvermittelt aus dem halbverdorrten Buschgürtel hervorgebrochen war. Dieser verharrte eine Weile wie aus Stein gehauen im Sattel, groß, aufrecht, die rechte Hand griffbereit am Kolben des tiefgeschnallten Colts. Der staubbedeckte breitkrempige Stetson beschattete das hagere Gesicht.

Es schien nichts anderes als eiserne Entschlossenheit auszudrücken. Am dunklen Hemd des Reiters hob sich deutlich der blinkende fünfzackige Stern im Silberkreis ab. Ein leichter Schenkeldruck trieb schließlich den hochbeinigen Schwarzbraunen auf den freien Sandplatz. Die Hand des Mannes mit dem Ranger-Stern rührte sich keinen Zoll von der Waffe weg. Jeder dumpfe Hufschlag schien die knochige Gestalt des Verwundeten härter gegen die Brunnenmauer zu pressen.

Dann peitschte jäh ein wilder Ruf durch das Schweigen: „Achtung, Jack! Beim Korral …“

Die Steife des Reiters schien nie existiert zu haben. Ducken, Herumschwenken und das Ziehen des Colts – alles verschmolz zu einer verwischten Bewegung. Die ganze Zeit schien er sich nur auf diese eine entscheidende Sekunde konzentriert zu haben.

Neben dem Stangenzaun des Korrals flog ein Heuhaufen auseinander. Eine mit Halmen übersäte drahtige Gestalt fuhr daraus hervor. Der Mündungsblitz schien direkt aus der hochzuckenden Faust zu springen. Auf dem Sandplatz stand das Pferd des Rangers wie mit den Hufen am Boden festgenagelt. Sein Reiter verzog keine Miene, als eine Kugel eine Handbreit an seinem Gesicht vorbeistrich. Ein helles Wölkchen stand wie ein Watteball vor der Mündung seines angeschlagenen Colts. Drüben beim Korral wurde der Bandit wie von einem unsichtbaren Faustschlag halb herumgerissen. Mit ausgebreiteten Armen, das Gesicht nach unten, fiel er in den auseinandergefetzten Heuhaufen zurück und regte sich nicht mehr.

Jack Wessons langläufiger Fünfundvierziger flirrte mit der blitzschnellen Bewegung seines Oberkörpers und deutete im nächsten Moment auf die Hüttenecke, hinter der ein Schatten hervorfiel.

„Keine Sorge, Jack!“, schallte die Stimme von vorhin. „Ich hab’ den Halunken bereits!“

Ein bärtiger, verwildert wirkender Bursche stolperte hinter der Ecke hervor. Er reckte die Hände in Schulterhöhe. Ein Gewehrlauf presste sich zwischen seine Schulterblätter. „Nur keine Faxen mehr, du Hundesohn, sonst geht eure verdammte Falle nochmals nach hinten los!“ Als der Mann mit dem Gewehr ins grelle Sonnenlicht trat, hatte sich Jack Wesson mit dem Colt in der Faust schon wieder dem Verwundeten beim Ziehbrunnen zugewandt. Sein kantiges Gesicht hatte nichts von der steinernen Härte verloren.

„Dave – bist du es?“, fragte er zur Hüttenecke hinüber, während er sein Pferd langsam weiter auf die Hofmitte zulenkte.

„Wer sonst, Jack, du alter Büffelwolf! Großer Lord, das nenne ich ein Wiedersehen nach so langer Zeit! Mit Feuerwerk und Paukenschlag, was? Wie in alten Tagen, als wir noch Bügel an Bügel geritten sind und uns keine Hölle schrecken konnte! Jack, was willst du noch mit deinem Schießeisen? Hier ist alles erledigt. Da gibt es keinen mehr, der dir aus dem Hinterhalt ein paar blaue Bohnen verpassen will. Diese Sattelgeier haben sich ausgerechnet den verkehrtesten Platz in hundert Meilen Umkreis ausgesucht, um dir eine Fahrkarte ins Jenseits zu schenken.“ Ein trockenes, raues Auflachen folgte, das Jack Wesson für einen Moment vergessen ließ, dass mehr als sechs Jahre zurücklagen, seit er Dave Hancock zum letzten Mal gesehen hatte.

Er schien die Worte gar nicht gehört zu haben und nur den Kerl beim Ziehbrunnen zu sehen. Dem lief der Schweiß in Strömen übers verzerrte Gesicht. Wie gebannt starrte er auf die Waffe in Jacks unbewegter Faust. „Wesson, du Teufel, bleib mir vom Leib! Steck dein Eisen weg! Verflucht, siehst du nicht, dass es aus und vorbei mit mir ist?“ Seine Stimme war ein heiseres Gekrächze.

Die Hufe von Jacks Pferd stampften weiter auf ihn zu. „Wo sind die anderen, Tatum?“ Die schwarze drohende Mündung senkte sich kein bisschen.

Der Bandit streckte abwehrend die gespreizten Finger seiner Linken aus. Seine verbandumwickelte Rechte hob sich mühsam. „Halt, Wesson! Ich hab’ doch längst aufgegeben. Du darfst nicht …“

Das Krachen von Jacks Colt verschluckte jeden Laut. Der Körper des Mannes beim Ziehbrunnen bäumte sich auf. Seine verbundene ausgestreckte Rechte deutete wie anklagend auf den hartgesichtigen Reiter mit dem Stern.

„Jack!“, brüllte Dave Hancock an der Hüttenecke entsetzt.

Der Ranger feuerte wieder. Der Bandit rutschte seitlich an der Brunnenmauer herab und blieb verkrümmt im Staub liegen.

„Um Himmels willen, Jack, was hast du da getan?“, keuchte Hancock. Sein Gewehrlauf mit dem er den dritten Verbrecher in Schach gehalten hatte, war herabgesunken. Fassungslos starrte er zum Brunnen. Der Bärtige, dessen zotteliges Haar von ferne wie eine Pelzmütze aussah, warf sich mit einem heiseren Knurrlaut herum und versuchte, ihm das Gewehr zu entreißen. Sein Anprall ließ Dave Hancock gegen die Balkenwand krachen. Geistesgegenwärtig stieß er dem Burschen den Kolben gegen die Magengrube. Der Bandit taumelte zurück, bückte sich und versuchte ein Messer aus dem Stiefelschaft zu reißen. Hancock traf ihn mit einem neuen Schlag seitlich am Kopf. Der Bärtige flog wie ein Lumpenbündel auf die Erde, rollte zweimal um die eigene Achse und blieb still liegen. Mit verkniffenen Mundwinkeln stürmte Hancock auf den Hof.

Jack war vom Pferd gestiegen und hatte sich über den Mann an der Brunnenmauer gebeugt. Beim Geräusch von Hancocks Schritten richtete er sich auf. Beide Männer blickten sich an. Hancock blieb stocksteif stehen und musterte Jack wie einen Fremden. Jetzt sah Jack, dass die vergangenen sechs Jahre nicht spurlos an dem Ranger vorübergegangen waren. Hancocks Gesicht war von dunklen Linien zerfurcht, die es früher dort nicht gegeben hatte. Das Haar an seinen Schläfen glänzte silbrig. Er hielt sein Gewehr hart umklammert, als könne er so vermeiden, Jack die Hand reichen zu müssen.

„Er besaß nicht die Spur einer Chance! Jack, wie konntest du dich je so verändern, dass du …“

„Er oder ich, es gab keine andere Wahl!“, unterbrach ihn der Ranger grimmig. „Tatum war so wenig verwundet wie du oder ich!“ Er wich einen Schritt zur Seite und deutete mit dem Kinn auf die schlaffe Gestalt an der Brunnenmauer. Der Verband war aufgeknotet, verrutscht und teilweise in losen Schlingen abgestreift. Die rechte unverletzte Faust des Banditen umkrampfte immer noch den kurzläufigen Revolver, der unter der Mullbinde verborgen auf den Texasranger gezielt hatte.

 

*

 

Dave Hancock schluckte. Sein faltiges Gesicht lief dunkel an. Dann brach ein blitzendes Lächeln auf seiner Miene durch. „Ich hirnverbrannter Idiot! Jack, du alter Eisenfresser, es steht dir frei, mir jetzt deine Faust unters Kinn zu setzen! Nun bin ich erst richtig froh, dass ich rechtzeitig die Spuren dieser Höllensöhne aufstöberte und dir helfen konnte. Diese Narren! Mussten die sich ausgerechnet mein Ranchland aussuchen!“ Er klopfte Jack auf die Schulter. „Wann wirst du endlich die Nase davon voll haben, auf solches Gelichter Jagd zu machen, Amigo? Dabei wäre es so prächtig, wenn wir beide uns wieder mal zusammentun würden und … Na ja, reden wir später darüber! Jetzt ist wohl ein kräftiger Drink genau das, was du brauchst! Komm mit ins Haus, alter Junge! Hier draußen verbrennt einen ja die Sonne. Diese Burschen da laufen dir schon nicht mehr davon. Und ich schätze, du bist sowieso wieder mal am Ende einer Fährte.“

„Nicht ganz, Dave!“, murmelte Jack und lud umständlicher als nötig seinen Colt nach. Er brachte es nicht fertig, diesem ahnungslosen Mann in die Augen zu sehen. Sein Herz war wie von einer eisigen Faust umkrampft.

Der bärtige Bandit, den Hancock zuvor niedergeschlagen hatte, regte sich wieder. Der hagere Rancher lief zu ihm hinüber und zog ihn auf die Beine. „Trotz deiner harten Birne solltest du keine neuen Dummheiten mehr versuchen!“ Hancock stupfte ihn drohend mit dem Gewehr an. „Los, vorwärts, ins Haus mit dir! Jack, wo bleibst du? Im Schatten und bei einem Schluck echten Bourbon kannst du ebenso gut all das aus ihm ’rauskitzeln, was du noch wissen möchtest! Ich passe schon auf, damit dieser Galgenvogel nicht davonflattert!“ Er stieß den Bärtigen mit dem Gewehrlauf vor sich her zum Hütteneingang.

Jack kurbelte erst für sein durstiges Pferd einen Eimer Brunnenwasser herauf, ehe er folgte. In der dämmrigen, karg möblierten Hütte saß der bärtige Desperado mit mürrisch verkniffener Miene auf einer wurmstichigen Holzbank in der Ecke und musterte Jack mit gesenktem Kopf lauernd von unten her. Hancock hatte seinen Enfieldkarabiner auf die Tischplatte gelegt und füllte zwei Gläser aus einer bauchigen Flasche.

„Stoßen wir darauf an, dass du deinen Skalp noch möglichst lange behältst, du unverbesserlicher Banditenjäger!“

Jack schaute sich flüchtig im Raum um. „Donnerwetter, Dave! Ein Weidecamp, in dem man seinen Lebensabend verbringen möchte! Du verwöhnst deine Cowboys, mein Lieber!“

Hancocks Lächeln war wie weggewischt. Er krampfte die Faust ums Glas, als wolle er es zerbrechen. „Du irrst dich, Jack“, murmelte er, ohne aufzublicken. „Das ist kein Vorwerk meiner Ranch mehr, das ist meine Behausung. Die Hancock-Ranch, wie du sie in Erinnerung hast, gibt es schon lange nicht mehr. Dass einmal andere Männer für mich im Sattel saßen, daran kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern.“

Jack starrte ihn betroffen an. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Die Falten um Daves Mund traten deutlicher hervor. „Der verdammte Krieg, verstehst du? Er hat mich um alles gebracht! Als ich nach der Kapitulation ins San-Saba-Land zurückkehrte, hatten sich meine Rinder, weiß der Teufel wohin, verlaufen! Den Rest holten mir die Yankee-Besatzer weg. Dieser verfluchten Besatzungsabgaben wegen musste ich ein Stück Land nach dem anderen für lächerliches Handgeld verschleudern. Aber da war Lee, der zu ’nem kräftigen Jungen herangewachsen war und gehörig was zu beißen brauchte! Ich war es ihm einfach schuldig. Der Tod seiner Mutter, die Armut, der Hunger, das alles drohte zu viel für ihn zu werden. Lee ist alles, was mir blieb, und ich pfeife auf die ganze alte -, wenn ich an ihn denke! Ein Prachtstück von einem Mann ist er geworden, Jack! Du wirst Augen machen! Es gibt keinen in Dry Fork und Umgebung, auf den die Leute solche Stücke halten! Hier am San Saba hat der Name Hancock den guten alten Klang, den er vor dem Krieg besaß, noch längst nicht verloren. Und wenn es einen gibt, der ihn wieder zu neuer Größe bringen kann – auch ohne eine Ranch wie ein Königreich und ohne Tausende von Longhorns auf der Weide –, well, dann ist es Lee! Er entschädigt mich für vieles. Ohne Übertreibung, Jack!“

Jack drehte das Glas mit der goldenen Flüssigkeit zwischen den Fingern. Sein Herz hämmerte wie rasend. Nie zuvor war es ihm so schwergefallen, seine äußere Ruhe zu bewahren. Sein Blick fiel auf den entwaffneten Banditen, der den Kopf gehoben hatte und hellwach zu ihm und Dave herüberspähte. Ein Zug wilden Spottes hatte sich um seinen Mund gekerbt.

„Wo steckt dein Junge jetzt, Dave?“, fragte Jack heiser.

„Ein Glück, dass du mich daran erinnerst!“, lachte der Rancher leise. „Höchste Zeit, dass wir nach Dry Fork aufbrechen. Diesen Zottelkopf da nehmen wir mit. Im Jail ist der gut aufgehoben, und Lee wird ihn wie einen Goldschatz bewachen lassen.“

„Lee?“

„Jawohl, Amigo! Heute ist sein großer Tag. Heute wird in Dry Fork ein neuer Townmarshal gewählt, nachdem die Yancer-Brüder Ed Haymes erschossen haben. Es gibt gar keinen Zweifel daran, dass der neue Marshal Lee Hancock heißt. Jack, wir werden gerade noch rechtzeitig zum Gratulieren kommen. Begreifst du jetzt, dass es mich den Teufel schert, was ich früher einmal besaß? Cheerio, Amigo!“ Er setzte das Glas an die Lippen und leerte es mit einem Ruck. Dann starrte er mit gerunzelter Stirn Jack an, der sein Glas, ohne auch nur daran zu nippen, auf die Tischplatte zurückgestellt hatte. „Hallo! Was ist denn los mit dir, alter Sattelquetscher? Du siehst ja aus wie drei Tage Regenwetter, die uns am San Saba schon so lange fehlen!“

„Dave, es tut mir leid, dass ich dir alle Freude zerstören muss. Ich war nicht nur hinter diesen Burschen her, die wir da draußen erwischten. Ich trage einen Haftbefehl gegen Lee in der Tasche. Nur deswegen bin ich hier!“

 

*

 

Dave starrte ihn wie einen Wahnsinnigen an. Das Whiskyglas löste sich aus seiner Hand und zerschellte auf dem Bretterboden. Langsam wich alle Farbe aus dem wettergegerbten Gesicht des Ranchers. „Nun mach mal ’nen Punkt, Jack!“, flüsterte er brüchig mit dem vergeblichen Versuch, ein Lächeln auf die Lippen zu bringen. „Für Späße solcher Art hab’ ich nun gar nichts übrig, das weißt du doch!“

„Mach dir nichts vor, Dave! Es ist mein bitterster Ernst!“

Dave tastete nach seiner Kehle, als bekomme er kaum noch genügend Luft. Seine Hand zitterte. „Du weißt nicht, was du da redest, Jack! Beim Himmel, was ist los mit dir? Du weißt nicht …“

„Ich kann dir den Haftbefehl zeigen, wenn du mir nicht glaubst!“ Jacks Stimme besaß wieder die alte klirrende Härte, die so sehr zu seinem steinernen Gesichtsausdruck passte.

Dave Hancock zuckte leicht zusammen. Winzige Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn. Während er Jack unverwandt aus brennenden Augen anstarrte, kroch seine nervige Rechte langsam über die rissige Tischplatte auf den Enfieldkarabiner zu. Jacks Reaktion war mechanisch: Er glitt geschmeidig einen Schritt zurück und ließ die Hand auf den Kolben des tiefhängenden Colts fallen. „Versuch’ nichts, was du bereuen müsstest, Dave!“

Dave zog die Hand zurück, als habe er glühendes Eisen berührt. Er blickte einen Moment ungläubig auf Jacks Faust an der Waffe, dann hoben sich seine Augen zu Jacks Gesicht und jener Ausdruck war wieder in ihnen wie vorhin auf dem Hof, als er geglaubt hatte, Jacks Kugel sei ein Wehrloser zum Opfer gefallen. Unvermittelt brach er in ein krächzendes, verzerrtes Lachen aus.

„Wir fangen beide an, den Verstand zu verlieren, was? Du liebe Zeit, zwei alte Freunde, die bei einem Wiedersehen nach sechs Jahren um ein Haar mit den Schießeisen aufeinander losgehen! Jack, das alles ist ja total verrückt! Haftbefehl gegen Lee! Ebenso könntest du mir für die nächsten fünf Minuten den Weltuntergang prophezeien. Haftbefehl hin oder her – das alles muss ein Irrtum sein. Jawohl, Jack, eine Namensgleichheit vielleicht oder aber …“

„Nein, Dave, es ist Lee gemeint. Ich bin kein Mann, der einem Schatten nachjagt. Lees Name, seine Beschreibung, das Hancock-Brandzeichen seines Pferdes – alles stimmt!“

„Unmöglich!“, ächzte Dave. „Einfach unmöglich, Jack!“

„Lee hielt sich vor zwei Monaten in Dallas auf, nicht wahr, Dave?“

Hancock leckte sich mit der Zungenspitze über die auf einmal ausgetrockneten Lippen, ehe er zögernd nickte. „Stimmt. Das war, ehe er nach Dry Fork zurückkam und den Yancer-Brüdern den Tod von Marshal Haymes heimzahlte! Diese Banditen waren drauf und dran, ganz Dry Fork unter ihren Daumen zu bekommen. Niemand war da, der es mit ihnen aufnehmen konnte. Türen und Fenster wurden verrammelt, wenn die Yancers abends in die Stadt gefegt kamen wie eine Horde wilder Teufel. Nur Sam Bowman, der Zeitungsherausgeber, wagte es nach Haymes Tod, sie in seinem Blatt als Mörder zu bezeichnen. Nun waren diese schnellschießenden Schurken wie verrückt darauf, ihn ebenfalls auf den Boothill zu bringen – und hatten dabei nur nicht mit Lees Rückkehr gerechnet. Lee wurde mutterseelenallein mit ihnen fertig. Nur Stan Yancer entkam. Link und Harvey …“

„Wir sprachen davon, dass sich Lee in Dallas aufhielt, Dave!“

„Und? Er war mit einer Treibherdenmannschaft der Triangle-Ranch dorthin unterwegs. Für unsere paar Longhorns sind ja schon zwei Weidereiter zu viel.“

„Lee kam sicher nicht mit den Triangle-Cowboys zurück, oder?“

„Zum Teufel, Jack! Sag schon, worauf du hinzielst!“

„Clint Creego und seine Bande überfielen damals in Dallas die Cattlemen-Bank. Lee war dabei. Der Sheriff von Dallas, der die Halunken aufhalten wollte, wurde so zusammengeschossen, dass ihn hinterher sein bester Freund nicht mehr erkannt hätte. Seine Tochter, die in das ganze höllische Durcheinander geriet, wurde von einem der Creego-Reiter als Kugelfang benutzt und starb ebenfalls.“

„Mein Gott! Jack, du glaubst doch nicht im Ernst, dass Lee etwas damit zu tun hat! Erinnerst du dich denn gar nicht mehr an ihn, wie du damals bei uns zu Besuch warst und Lee …“

„Er ist der Kerl, der die Tochter von Sheriff O’Hara auf dem Gewissen hat!“, unterbrach ihn Jack dumpf.

Dave krampfte die Hände um die Tischkante, als verliere er sonst sein Gleichgewicht. Sein hageres Gesicht war aschfahl. „Nein, Jack!“, flüsterte er tonlos. „Nein, das ist nicht wahr! Es muss eine Verwechslung sein! Lee ist nicht …“

„Tut mir leid für dich, Dave! Ich sagte schon, es gibt keinen Zweifel!“

„Nein, Jack!“, brüllte da Dave aus voller Kehle los und polterte um den Tisch herum. „Du bist ja verrückt, Lee so etwas in die Stiefel schieben zu wollen!“ Sein Gesicht war verzerrt. Er hob die Fäuste, um sich auf Jack zu stürzen. Der wich bis zur Balkenwand neben der Tür zurück und schloss die Rechte hart um den glatten Coltknauf.

„Dave, reiß dich zusammen! Sei vernünftig, Dave!“

„Vernünftig!“, keuchte Hancock. „Das sagst ausgerechnet du mir!“ Ein unheimliches irres Feuer loderte in seinen dunklen Augen. Er schob sich weiter auf den Texasranger zu.

Der bärtige Bandit erhob sich geduckt von der Bank. „Hancock, du Narr, nimm dein Eisen! Anders wirst du mit diesem verdammten Menschenjäger nicht fertig!“

Seine atemlose hetzende Stimme ernüchterte Hancock wie ein eisiger Wasserschwall. Er blieb drei Schritte vor Jack stocksteif stehen. Seine Fäuste sanken kraftlos herab. „Hancock, sei kein Idiot! Nimm dein Eisen und schieß!“, schrie der Bärtige schrill. „Es gibt keine andere …“ Er verstummte schlagartig, als ihm Hancock das fahle Gesicht mit den unheimlich glühenden Augen zuwandte. Sein struppiger Bart schien zu zucken. Dave atmete tief durch. „Gehört dieser Kerl zu Creegos Bande?“

„Ja, Dave, und er kann dir bestätigen, dass alles so ist, wie ich behauptete. Es war bestimmt kein Zufall, dass sie ausgerechnet auf deiner Ranch auf mich lauerten. Ich nehme an, sie wollten sich hier mit Lee treffen.“

„Du bist kein normaler Mensch mehr, Jack!“ Hancock schüttelte den Kopf. „Diese dauernde Jagd auf Mörder und Banditen muss etwas in dir zerstört haben. Du bist nicht mehr der alte Jack Wesson, der einmal mein Freund war. Freundschaft, Vertrauen, Offenheit – ich glaube, das alles ist tot für dich. Du siehst nur überall Feinde, Hass und Verrat. Meine Ranch als Banditentreffpunkt, mein einziger Sohn der Komplize eines berüchtigten Bandenführers wie Clint Creego! Jack, wie du das nur alles über deine Lippen bringst! Wie du mir nur diese krankhaften Hirngespinste ins Gesicht schleudern kannst!“

Jack ließ ihn nicht aus den Augen. „Hooker!“, rief er dem Bärtigen zu. „Mach deinen Mund auf und sag ihm, wie alles war!“

Der Blick des Banditen hetzte von einem zum anderen und blieb zwischendurch immer wieder an dem Enfieldkarabiner haften, der schräg hinter Hancock auf der Tischplatte lag. „Einen sauberen Zeugen hast du da!“, keuchte Dave. „Du wirst ihm schon erst die Freiheit versprechen müssen, um von ihm zu hören, was du hören willst!“

„Hooker, zum Teufel, du sollst reden! Du verlierst so oder so nichts mehr!“

„Dass dich die Hölle verschlinge, Wesson! Ich wünschte…“ Hooker brach mitten im Satz ab und lauschte zur halboffenen Tür hin. Schwacher Hufschlag wehte herein, dann war es schon wieder still.

„Dave, achte auf ihn!“, zischte Jack und huschte lautlos zur Tür. An der Stelle, wo sich zuvor Jacks Schwarz brauner einen Weg aus dem staubigen Buschgürtel gebahnt hatte, hielt jetzt ein anderer Reiter: ein großer schlanker Mann in staubbedeckter Weidekleidung, der in den Steigbügeln aufgestellt wachsam zum Hof herüberspähte. Er hielt einen kurzläufigen Henrykarabiner quer vor sich im Sattel. Unter dem ins Genick zurückgeschobenen Stetson ringelte sich strohblondes Haar in seine Stirn.

„Creego!“, flüsterte Jack. „Was hab’ ich gesagt! Sie geben sich hier ein Stelldichein! Hooker, nur ja keine Warnung für ihn, sonst geht’s dir schlecht!“

„Er wird dich in die Hölle befördern, Wesson!“, knirschte der Bandit. „Mein Wunsch geht eher in Erfüllung, als ich dachte!“

Jack schwieg und beobachtete den Reiter vor den Sträuchern aus verengten Augen. Die Entfernung für seinen Colt war zu groß. Creego hatte die beiden Erschossenen längst entdeckt und dachte noch nicht daran, auf den Hof zu reiten. Jack musste die heiße Erregung niederzwingen, die sich in ihm regte und ihn zu verleiten drohte, hinaus ins grelle Licht zu springen. Er wartete mit zusammengebissenen Zähnen.

Hinter ihm, in der Dämmerung der Hütte, raunte Hooker gepresst: „Hancock, so wie ich ihn kenne, hält ihn nur eine Kugel davon ab, sich den Skalp deines Sohnes zu holen! Höllenfeuer, Mann, worauf wartest du da noch? Du stellst dich gegen den Falschen!“

Dave rührte sich nicht. „Wie war das mit dem Bankraub in Dallas? Raus mit der Sprache, du Lump!“

Drüben bei den graugrünen Büschen legte der strohblonde Creego plötzlich eine Hand trichterförmig vor den Mund. „Hooker!“, rief seine Stimme wie ein eisiger Hauch durch die Senke.

Unwillkürlich kroch Jacks Hand zur Hemdbrusttasche hoch, wo er die Uhr trug, in deren Deckel sich das Bild jener jungen hübschen Frau befand, die vor zwei Monaten in Dallas erschossen worden war. Sein Blick war an dem schlanken blonden Reiter wie festgebrannt. „Ruf ihn her, Hooker!“, forderte er leise und gepresst. Trotzdem war die jähe Wildheit in seinem Ton nicht zu überhören. „Los, ruf ihn, Hooker! Du rettest dich vor dem Galgen damit!“

Der Bärtige biss sich auf die dicke Unterlippe.

„Hooker!“, schrie Creego wieder. Sein Pferd tänzelte nervös. Mit gestrafften Zügeln hielt es der Banditenboss am Fleck.

„Hier, Clint!“, krächzte da der Bandit in der Hütte laut. „Wesson lauert hier drinnen! Er will dich …“ Seine Stimme ging im schrillen Aufwiehern von Creegos Gaul unter, der von dem blonden Reiter mit harter Faust herumgerissen wurde. Gleichzeitig schwang Creego mit der Rechten den leichten Henrykarabiner hoch und feuerte aufs Geratewohl einen Schuss gegen die Hütte ab.

Jack Wesson schnellte wie ein Panther ins Freie und schoss, obwohl der Einschlag viel zu kurz lag. „Creego, du Mörder, stell dich!“

In der Hütte war Dave Hancock halb zur Tür herumgefahren, vor der Pulverdampf schleierte. Hooker stieß sich mit einem wilden Satz auf den Tisch zu, packte das Enfieldgewehr und schwang es hoch. Hancock nahm sich gar nicht erst die Zeit, seinen Revolver zu ziehen. Er feuerte durch den blitzschnell nach vorn gedrehten Halfterboden. Hooker wurde rücklings vom Tisch weg gegen den gusseisernen Kanonenofen geschleudert. Einen Moment versuchte er noch vergeblich, den Karabiner in Anschlag zu bringen, dann sank der schwergewichtige Bandit langsam auf die Knie. Seine Augen blieben unverwandt auf den hageren Rancher gerichtet.

„Hancock, du verdammter Narr …“ Er schlug hart vornüber und begrub das Gewehr unter sich.

Hancocks Schultern waren hochgezogen, als fröstele ihn. Jacks Schatten verdunkelte die Tür. Mit einer zähflüssigen Bewegung drehte sich Dave zu ihm um. Jacks Blick ruhte ausdruckslos auf Hooker und glitt dann in Daves verkniffenes Gesicht hoch. „Jetzt kann er nie mehr etwas erzählen! War es nicht das, wovor du dich insgeheim gefürchtet hast?“

Jenseits des Hofes rauschte und knackte es in den Sträuchern. Dave neigte langsam seinen Oberkörper vor. „Wenn du so durch und durch versessen auf die Pflicht bist – warum strengst du dich dann nicht an, Creego zu erwischen?“

„Weil ich sonst nur in einen neuen Hinterhalt seiner Bande geraten würde! Außerdem ist mir Lee vorerst wichtiger. Wenn ich ihn habe, ist es nur noch ein kurzer Schritt zu Creegos Verhaftung. Dave, du solltest jetzt lieber nicht versuchen, mich davon abzuhalten!“

Er hielt noch den Fünfundvierziger in der Faust, mit dem er auf Clint Creego geschossen hatte. Die Mündung genau auf die Brust seines ehemaligen Freundes gerichtet, bewegte er sich langsam rückwärts von der Tür fort auf sein schwarzbraunes Pferd zu.

 

*

 

Der kräftige junge Mann blieb mit angespannter Miene am Fuß der steilen Holztreppe stehen, die ins Obergeschoss des San-Saba-Saloons aufschwang, krampfte eine Hand um den geschnitzten Pfostenkopf des Geländers und ließ den Blick über die Tischreihen schweifen, an denen es keinen freien Platz mehr gab. Alle Gesichter hatten sich ihm zugewandt. Es war totenstill hier drinnen. Da erhob sich ein gedrungener grauhaariger Mann.

„Die Auszählung ist hiermit abgeschlossen, verehrte Anwesende. Ich danke meinen Helfern für die geopferte Zeit und Mühe. Das offizielle Ergebnis der Wahl steht fest. Wie nicht anders zu erwarten, heißt der neue, mit überwiegender Mehrheit gewählte Townmarshal von Dry Fork: Lee Hancock!“

Wie auf Kommando brach tobender Lärm im Saloon los. Alle sprangen auf, trampelten wie eine Horde wildgewordener Büffel, schrien, lachten, schlugen sich gegenseitig auf die Schultern. Hüte flogen in die Luft.

Das Gesicht des großen jungen Mannes bei der Treppe rötete sich leicht. Ein Lächeln flog über sein energisch geformtes, sonnenbraunes Gesicht, während er sich langsam entspannte. Von der Theke rannte eine junge blonde Frau auf ihn zu und warf sich ihm in die Arme. „Lee, du hast es geschafft!“ Ihre Augen strahlten ihn an.

„Yaaaahhuuu!“, schrie er den Schrei der Texascowboys hinaus, fasste die Frau um die Taille und schwenkte sie ein paarmal im Kreise um sich herum. Die Menge johlte begeistert Beifall.

Erschöpft, mit einem glücklichen Lächeln auf den roten Lippen schmiegte sich das Mädchen an Lees Brust. „Lilly!“, raunte er heiser. „Wenn du willst, kannst du noch heute Harper den Job in seinem Saloon vor die Füße schmeißen! Übermorgen wirst du schon Mrs. Lilly Hancock, die Frau des Townmarshals sein! Wie gefällt dir das, hm?“

„Halt mich fest, Lee, halt mich nur ja fest! Mir wird noch schwindliger, als mir ohnehin schon ist!“

Dann waren die ersten rauen, wettergegerbten Burschen schon heran, und jeder drängte sich danach, Lee Hancock die Hand zu schütteln.

Schließlich hatte sich auch der Grauhaarige im gestreiften Anzug einen Weg zur Treppe gebahnt.

„Meinen Glückwunsch, Junge! Das ist ein Tag, den du dein ganzes Leben lang nicht mehr vergisst! Wo nur Dave bleibt? Er wird mächtig stolz auf dich sein, was?“

Lee drückte ihm herzlich die Hand.

„Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll, Sam! All das wäre ohne dich und deine Zeitung …“

„Ach was! Nur keine falsche Bescheidenheit! Schließlich hab’ ich nur getan, was die Pflicht jedes echten Zeitungsmannes ist: Tatsachen berichtet! Wer hat denn mit den Yancers aufgeräumt und Dry Fork wieder in ’ne Stadt verwandelt, in der man sich auch abends auf den Gehsteig wagen kann? Du, Lee! Weil du ein echter Hancock bist! Ein Junge vom San Saba, wie man ihn sich nur wünschen kann! Ich bin sicher … Ach was, zum Teufel mit dem ganzen Gerede! Du hast den Stern hundertfach verdient! Da ist er! Steck ihn dir an und trag ihn in Ehren! Ich freue mich höllisch, dass ich es bin, der ihn dir überreichen darf!“

Er hielt dem jungen Mann das silbern schimmernde Abzeichen auf der offenen Handfläche hin. Ringsum erstarb nach und nach alles Geschiebe und Gestampfe, das Gelächter und Geschrei. Jäher Ernst beschattete Lees Miene. Lilly löste sich behutsam von ihm und wich scheu einen Schritt zur Seite. Lee nahm den Fünfzack wie einen zerbrechlichen Gegenstand aus Sam Bowmans Hand. „Ich werde immer daran denken, wie viel Ed Haymes für ihn bezahlt hat“, sagte er heiser. „Und ich verspreche euch …“

Seine Stimme verhallte flach. Der Stern landete klirrend vor seinen Stiefeln.

 

*

 

„Hallo, Lee!“, sagte eine Stimme, die an klingenden Stahl erinnerte. Neben dem gedrungenen Sam Bowman stand plötzlich ein Mann in staubbedeckter Reitertracht, dem der Zeitungsherausgeber nur knapp bis zur Schulter reichte. Die anderen starrten ihn überrascht an. Lee war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten. Jetzt floss ein Lächeln über sein Gesicht. „Jack Wesson! Ist das die Möglichkeit! Hat Dad dich hergebracht? Beim Himmel, nach so langer Zeit lässt du dich ausgerechnet dann wiedersehen, um …“

„Nicht um dir zu gratulieren, Lee, und das weißt du genau! Lass nur den Stern dort, wo er ist! Es gäbe für ihn keinen verkehrteren Platz als an deiner Weste!“ Er schob den Fuß über das Abzeichen, nach dem sich Lee bücken wollte.

Die Menge ringsum stand da wie vom Donner gerührt. Bowman nahm nervös blinzelnd die Brille ab und rieb sie am Jackenärmel, als zweifle er plötzlich, noch richtig zu sehen. Lee verlor langsam alle Farbe. Sein Gesicht verkrampfte sich. „Jack, was soll das? Ich hoffe doch nicht, dass du betrunken bist…“

„So wenig wie du in Dallas, als die Cattlemen-Bank ausgeraubt und Sheriff O’Hara und seine Tochter Eileen erschossen wurden! Lee, im Namen des Gesetzes verhafte ich dich! Ich mache dich darauf aufmerksam, dass ich zum Gebrauch der Schusswaffe berechtigt bin, falls du dich deiner Festnahme widersetzt!“

Der dicke Keeper schluckte vor lauter Aufregung und Überraschung den Zigarettenstummel hinunter und begann wild und nach Atem ringend zu husten. Lilly stieß einen kurzen halberstickten Schrei aus und wollte auf Lee zugehen. Seine knappe heftige Handbewegung bannte sie an den Fleck. Ein wildes Glimmen war in seinen dunklen Augen aufgelebt. Seine Rechte näherte sich der Halfter, die mindestens so tief wie bei Jack Wesson an seinem Oberschenkel hing.

„Jack, ich weiß nicht, was in dich gefahren ist!“, murmelte er kratzend. „Aber ich lasse mich von keinem Menschen wie ein hergelaufener Buschräuber behandeln. Auch nicht vom besten Freund meines Vaters!“

„Lee!“, schnaufte Bowman betroffen. „Er trägt das Ranger-Abzeichen! Kein Fehler jetzt! Alles muss ein Irrtum sein!“

Lee schien es Überwindung zu kosten, sich aus seiner sprungbereiten, geduckten Haltung aufzurichten. Dann nickte er Bowman mühsam lächelnd zu. „Natürlich, Sam! Das alles kam zu plötzlich und ich … Jack, ich weiß wirklich nicht, ob das zum Lachen oder Weinen ist! Da kommt der Mann daher, zu dem man als Junge wie zu ’nem Halbgott aufsah, und redet von Verhaftung und Banküberfall und lauter solchem Unsinn! Jack, was ist denn? Hast du vergessen, dass ich Dave Hancocks Sohn bin?“

„Ich wollte, ich könnte es! Lee, mach es uns allen nicht noch schwerer und gib auf! Dein Vater wird bald hier sein.“

„Du warst schon bei ihm?“

„Er weiß alles, Lee!“

„Was denn, zum Teufel? Was wird hier eigentlich gespielt?“

„Das würde mich auch interessieren!“, stieß Bowman wütend hervor. Der Kreis aus Männern, der Jack und Lee umgab, war undurchdringlich. Jack trat blitzschnell dicht an den jungen Hancock heran und zog den Colt. Lee erstarrte, als ihm die Mündung in die Magengrube drückte. In Jacks Linker tauchten plötzlich Handschellen auf, deren Stahlklammern sich klickend um Lees Gelenke schlossen. Jacks Bewegungen verrieten langjährige Routine.

Einen Moment flackerte heißes Erschrecken in Lees Augen auf. Dann schnaubte er verbissen: „Er muss den Verstand verloren haben!“ Neben ihm drehte sich Jack langsam Bowman und den anderen zu. In der Mauer aus finster dreinstarrenden Männern gab es keine Lücke.

Bowman reckte wütend sein Kinn vor. „Allerhöchste Zeit für eine Erklärung, Mister!“

Jack erwiderte schneidend: „Ich bin Jack Wesson, Captain der Texasranger, und bin keinem Menschen hier Rechenschaft schuldig. Aber damit es keine Unklarheiten mehr gibt – Lee Hancock hat zusammen mit der Creego Bande vor zwei Monaten eine Bank in Dallas überfallen und dabei die Tochter von Sheriff O’Hara getötet.“

„Das ist nicht wahr!“, schrie Lee heiser. „Das ist doch blanker Irrsinn!“

Bowman schnaubte durch die Nase. „Daran zweifelt hier keiner! Verdammt, Wesson, wenn Sie wirklich Dave Hancocks Freund sind, wie können Sie dann seinen Jungen für ’nen Mörder halten! Meinen Sie, wir setzen ’nen Banditen zum Townmarshal von Dry Fork ein? In hundert Meilen Umkreis gibt es keinen tüchtigeren, anständigeren Mann als Lee …“

„Er war in Dallas mit Creego zusammen, noch bevor die Bank überfallen wurde. Es gibt genug Zeugenaussagen.“

„Creego?“, überlegte Lee mit gerunzelter Stirn. „War das vielleicht der große Blonde, mit dem ich im Alamo-Saloon pokerte und dem ich fünfhundert Dollar abgewann? Das mag sein.“

„Da hören Sie’s, Wesson. Er ist ganz ahnungslos.“

Jack zog die vergoldete Taschenuhr aus der Hemdbrusttasche, hielt sie Lee vors Gesicht und ließ den Deckel aufschnappen, an dessen Innenseite sich das Bild einer jungen hübschen Frau mit ausdrucksvollen Augen befand. „Erinnerst du dich, Lee?“

Der junge Mann drehte hastig den Kopf zur Seite. „Nie gesehen!“

„Sieh sie dir genau an, Lee!“, flüsterte der Ranger, und eine Spur jener alten verbissenen Wildheit war wieder in seiner Stimme.

„Genug!“ Bowman stampfte mit dem Fuß auf. „Sie haben sich in eine falsche Idee verrannt, Wesson! Auch ein Texasranger ist nicht unfehlbar, und wie oft haben sich Zeugen geirrt, nicht wahr? Wir kennen Lee schließlich besser als jeder andere. Ein Hancock als Bandit – undenkbar!“

„Darüber wird das Gericht entscheiden!“

„Mit einer Menge falscher Zeugenaussagen, wie?“, keuchte Lee und zerrte an den klirrenden Stahlfesseln. „Wie viele Unschuldige wurden von dir schon an den Galgen gebracht, Jack, he? Aber das interessiert dich wohl nicht! Du spürst einer Fährte nach wie ein Bluthund, ob es nun die richtige oder falsche ist. Hauptsache, du stellst deinen Mann, was? Bluthund, jawohl, das ist das richtige Wort!“ Der Schweiß lief ihm übers verzerrte Gesicht.

Bowman hob eine Hand. „Nur keine Bange, Lee! Wir in Dry Fork waren schon immer eine verschworene Gemeinschaft, in der sich jeder auf den anderen verlassen konnte. Dass du uns von den Yancer-Brüdern befreit hast, vergisst dir keiner, am wenigsten ich. Hören Sie, Wesson, nach Marshal Haymes Tod waren die Yancers drauf und dran, mich ebenfalls auf den Boothill zu bringen. Ich verdanke Lee mein Leben, und ich bin restlos entschlossen, diese Schuld abzutragen.“

„Vergessen Sie nicht, wer hier den Stern trägt! Und jetzt gebt den Weg frei! Vorwärts, Lee, wir brechen auf!“ Jack hatte die Uhr wieder in der Tasche verstaut und hielt den Colt noch immer in der Faust. Bowman und die anderen rührten sich nicht vom Fleck. Jack merkte, wie einige Fäuste verstohlen nach den Revolverhalftern tasteten. Er packte Lee am Arm und richtete den Colt auf Bowman. „Gehen Sie vor uns her zum Ausgang, marsch!“

Mit einem dumpfen Aufschrei riss sich Lee von Jack los, schleuderte sich gegen ihn und versuchte ihm die gefesselten Fäuste an den Kopf zu schmettern. Geistesgegenwärtig duckte sich Jack unter dem Hieb weg, glitt wendig zur Seite und streckte ein Bein vor. Sein Schwung riss Lee darüber weg. Er fiel auf die Knie, dass es nur so dröhnte. Jack zuckte herum und wollte ihm die Coltmündung ins Genick pressen. Da traf ihn ein wuchtiger Schlag am Hinterkopf, der ihm einen Funkenwirbel vor die Augen zauberte. Er hörte noch Bowmans aufgeregten Schrei, dann hatte er das Gefühl, in einen finsteren Abgrund zu stürzen.

 

*

 

Als er zu sich kam, stach grelles Sonnenlicht in seine Augen. Sein Kopf schmerzte. Erst nach einer Weile fand er die Kraft, sich aufzusetzen. Er hockte im Straßenstaub vor der Veranda des San-Saba-Saloons. Ein Kreis feindselig dreinblickender Männer stand um ihn herum. Bowman war darunter, von Lee jedoch nirgends eine Spur.

Jack schwankte, als er sich hoch stemmte, und musste sich am glattgescheuerten Zügelholm festhalten. „Angriff auf einen Gesetzesbeamten und Fluchthilfe für einen Mörder! Ein feines Konto habt ihr da eröffnet!“

Bowmans blaue Augen starrten ihn kalt durch die dicken Brillengläser an. „Wollen Sie die ganze Stadt dafür einsperren, Wesson? Strengen Sie sich nur nicht erst an, herauszufinden, wer Ihnen dieses Ding verpasste und Lee die Handschellen abnahm!“

„Ich war es!“, rief eine helle Stimme von der Saloonveranda. Eine schmale Gestalt, deren hochgestecktes Haar wie Gold in der Sonne gleißte, bahnte sich einen Weg durch den Ring der Umstehenden. Mit funkelnden Augen blieb Lilly Dwaine vor dem großen Ranger stehen. „Ich – jawohl! Haben Sie mich verstanden? Und Ihr Stern und Ihr Rang und Ihr Name, das alles ist mir völlig egal! Nur nicht Lee! Der verdient nicht, von so einem kaltschnäuzigen Kerl in Schwierigkeiten gebracht zu werden! Der ist tausendmal mehr wert als einer von Ihrer Sorte! Nun, Wesson? Worauf warten Sie denn noch? Ich hab’ Ihnen eine Schnapsflasche über den Kopf geschlagen und Lee befreit. Jetzt werden Sie mich wohl festnehmen und mich irgendwohin vor einen Richter schleppen müssen, oder? Nur zu, Sie großartiger Held, nur zu!“ Ihr Atem flog. Grelle Flecken brannten auf ihren Wangen.

Bowman trat rasch hinzu, fasste sie am Handgelenk und wollte sie von Jack zurückziehen. „Lilly, nur ruhig! Wesson, hören Sie nicht auf sie. Sie war es nicht. Sie ist …“

„Doch!“, schrie sie. „Und ich würde es jederzeit wieder tun! Ich würde sogar einen Revolver nehmen, und Lee …“ Sie konnte auf einmal nicht mehr, schlug die Hände vors Gesicht und begann heftig zu schluchzen. Ihre Schultern zuckten.

Bowman legte tröstend einen Arm um sie und starrte den Ranger feindselig an.

„Lee ist längst über alle Berge! Scheren Sie sich mit Ihrem angeblichen Haftbefehl meinetwegen dahin, wo der Pfeffer wächst! Die Jagd auf Lee ist für Sie zu Ende!“

„So sollten Sie einen Texasranger nicht einschätzen!“ Jack schüttelte grimmig den Kopf. Er schaute entschlossen in die Runde .„Wo er so viele gute Freunde besitzt, wird Lee nicht so rasch verschwinden. Über kurz oder lang wird er wieder in Dry Fork …“

„Wenn jemand hier verschwindet, dann du, Mister!“ Ein bulliger, stiernackiger Mann in Hemdsärmeln baute sich breitbeinig vor Jack auf. „Dry Fork hat die Nase voll von dir! Dave Hancocks Freund! Und dabei will er Daves Jungen als Mörder an den Galgen bringen! Hat man so was schon gehört! Pfui Teufel! Du bist es ja nicht mal wert, dass man vor dir ausspuckt!“

„Noch einer der in Lees Schuld steht? Oder bist du einfach so ein mieser Typ, der ab und zu beweisen muss, wie schlagkräftig er ist, damit sein Selbstbewusstsein nicht in die Binsen geht?“ Das breitflächige, fleischige Gesicht lief dunkelrot an. Die klobigen Fäuste verkrampften sich, wanderten drohend in die Höhe.

„Bürschchen, du’ hast dir zu große Stiefel angezogen! Meinst du, mit diesem Stück Blech an deinem Hemd kannst du mir das Gruseln bei bringen?“

„Ich habe ganz und gar keine Lust, mich auf eine sinnlose Schlägerei einzulassen, nur weil du in aller Öffentlichkeit den großen Mann spielen willst, Hombre!“, knurrte Jack und zog mit jener lang geübten, mechanischen Schnelligkeit seinen Fünfundvierziger.

Der Bullige brach in heiseres Gelächter aus. „Bravo! Jetzt bin ich bloß gespannt, wie du aus einem ungeladenen Colt einen Schuss bringen willst!“ Ein paar von den Männern ringsum grinsten höhnisch. Der Massige trat auf Jack zu, krallte eine Faust in seine Hemdbrust und holte mit der anderen aus. Jack stieß ihm blitzschnell den Coltlauf in den Leib und hieb dem sich Zusammenkrümmenden die linke Handkante schräg ins Genick. Der Kerl fiel wie vom Blitz getroffen vor ihm in den Sand.

Wortlos klappte Jack die Colttrommel auf und lud die Waffe nach. „Das wird Ihnen George Longley nie vergessen!“, hörte er Bowmans Stimme. „Ein Grund mehr, Dry Fork für immer den Rücken zu kehren!“

Jack blickte erst auf, als er seinen Colt wieder gehalftert hatte. Ein junger sommersprossiger Bursche warf ihm die Zügel seines Schwarzbraunen zu und drängte gleich wieder hastig in den Kreis der anderen zurück.

„Eine Stunde Frist, Wesson!“, erklärte Bowman. „Dann wollen wir in der Stadt nichts mehr von Ihnen sehen!“

„Wollen Sie, dass Dry Fork eines Tages von einer Ranger-Kompanie ausgehoben wird?“

„Nur keinen Bluff! Ich bin Zeitungsmann und werde schon dafür sorgen, dass die Wahrheit über Ihre verrückte Jagd auf Lee Hancock ins rechte Licht gerückt wird.“

„Was werden Sie an dem Tag schreiben, an dem auch Dry Fork begreift, dass Lee wirklich schuldig ist?“

„Pah! Den Tag wird es nie geben! Wesson, unterschätzen Sie nur nicht unsere Entschlossenheit. Wie hat Lee Sie genannt? Bluthund! Well, so werden wir Sie behandeln, wenn Sie die Frist überziehen! Das Land am San Saba ist verdammt einsam und rau. Wer kann da schon ’rausfinden, wo Sie geblieben sind, falls Sie nie mehr nach Austin zurückkehren!“

„Ihre Sprache lässt wirklich nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig!“

„Meine Zeitung, die „Dry Fork News“, ist bekannt dafür!“, lächelte der gedrungene Grauhaarige kalt. Jack zuckte die Achseln und führte sein Pferd an der Leine aus dem Kreis der Männer heraus, ohne nach links und rechts zu blicken. Niemand hielt ihn auf. Er steuerte die Straße hinab zur Front des einzigen Hotels, das es in der kleinen Rinderstadt Dry Fork gab. Knirschende Stiefeltritte holten ihn davor ein. Eine Hand legte sich ihm schwer auf die Schulter.

 

*

 

„Hast du noch immer nicht begriffen, dass es Wahnsinn ist, Jack?“

Er drehte sich und hatte Dave Hancocks zerwühltes Gesicht vor sich. Er lächelte bitter. „Du hattest recht, Dave. Der Name Hancock wird hier immer noch glatt mit Gold aufgewogen!“

„Und du willst ihn beschmutzen?“

„Ich? Lee hat es getan! Damals in Dallas!“

„Fängst du schon wieder damit an! Jack, ich …“

„Wo steckt er, Dave?“

Hancocks Miene wurde verkniffen. „Auch wenn ich es wüsste, würde ich es dir nicht auf die Nase binden. Zum Teufel, erwartest du von mir, dass ich meinen eigenen Sohn ans Messer liefere? Einen Unschuldigen obendrein?“

„Ein Mann, der seine Flucht mit dem Tod einer Frau erkauft ist nicht unschuldig!“, sagte Jack klirrend. „Dass es dich hart trifft, streite ich nicht ab. Glaube nur nicht, dass mir das alles Vergnügen bereitet. Dave, Menschenskind, ich habe nicht vergessen, dass wir einmal Freunde waren. Gerade das sollte dir doch beweisen, wie sehr ich Grund habe, hinter Lee …“

„Wenn du wirklich noch mein Freund wärst“, murmelte Dave heiser, „dann hättest du diesen Auftrag nie angenommen! Gleich ob du Lee für schuldig oder unschuldig hältst. Dann wärst du niemals darauf aus, meinen Sohn an den Galgen bringen zu wollen! Aber du bist nicht mehr der alte Jack Wesson. Für dich gibt es nur noch deinen Stern, deinen Beruf und deine Karriere als Texasranger. Genügt es dir nicht, dass du es schon zum Captain gebracht hast? Willst du es um den Preis von Lees Blut noch einen Schritt weiter bringen? Dann vergiss nur nicht, mit mir zu rechnen, Jack!“

Jacks Gesicht hatte sich grau verfärbt. Er zog wieder die Uhr aus der Brusttasche und zeigte Dave das Bild an der Deckelinnenseite. „Kannst du dir vorstellen, dass der Name dieser Frau jetzt schon auf einem Grabstein auf dem Friedhof von Dallas eingemeißelt steht?“

„Hör auf damit, Jack!“

„Das sagst du so hin! Dabei verfolgt mich dieses Bild Tag und Nacht – Eileens Name auf dem Grabstein! Die Blumen auf ihrem Sarg! Die Erinnerung daran, wie sie …“ Er unterbrach sich, ließ die Uhr zuschnappen und verstaute sie wieder in der Tasche. Schroff stieß er hervor: „Sie wurde genau an dem Tag beerdigt, an dem wir heiraten wollten! Ich habe den Auftrag nicht einfach angenommen, Dave – ich habe mich nach ihm gedrängt!“ Dave starrte ihn entsetzt an, schluckte, wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton über die plötzlich blutleeren Lippen. Dann packte er Jack jäh an den Armen. „Amigo, ich hole mein Pferd! Ich werde mit dir reiten, wenn es sein muss, durch den heißesten Kugelregen, den wir je erlebten. Ich werde dir helfen, die ganze Creego-Bande zur Strecke zu bringen! Aber lass um Himmels willen Lee aus diesem schrecklichen Spiel. Ich kann mir vorstellen, wie es in dir aussieht. Aber das darf dich nicht so weit verblenden, dass du Lee zutraust …“

„Er war es, und ich bringe ihn dahin, wohin er gehört! Dafür bezahle ich jeden Preis. Auch unsere Freundschaft, wenn es nicht anders geht!“

Er ließ Dave einfach stehen, schlang die Zügel lose um das Geländer der Hotelveranda und stieg die ausgetretenen Stufen hinauf.

„Jack!“, schrie Hancock heiser hinter ihm her. „Wenn du mir keine andere Wahl lässt, wird dein Preis dein Leben heißen!“

Jack blieb stehen, blickte ausdruckslos über die Schulter auf den großen, hageren Mann auf der Straße, dessen Brust sich unter heftigen Atemstößen hob und senkte, und sagte kalt: „Dann vergiss nicht, mit dem Revolver zu üben, Dave!“

Hancock sah aus, als wolle er die Waffe aus der Halfter reißen. Da hatte sich Jack schon wieder abgedreht und betrat die dämmrige Eingangshalle des Hotels. Der geckenhaft gekleidete Portier hinter der Rezeption, dessen ölig glänzendes Haar in der Mitte sorgfältig gescheitelt war, blinzelte ihm nervös entgegen. Der weiche Teppich dämpfte Jacks Tritte. Ohne ein Wort zu verlieren, schwang er das dicke Gästebuch auf der drehbaren Unterlage zu sich herum und griff zum Federkiel, der aus dem Tintenfass ragte. Der Portier hüstelte unbehaglich.

„Bedaure, Sir! Kein Zimmer mehr frei!“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916676
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
tödlicher verrat fork
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Titel: Tödlicher Verrat in Dry Fork