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Bount Reiniger und der tote Zeuge: N.Y.D. - New York Detectives

2018 140 Seiten

Leseprobe

Bount Reiniger und der tote Zeuge: N.Y.D. - New York Detectives

Wolf G. Rahn

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Bount Reiniger und der tote Zeuge: N.Y.D. - New York Detectives

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Krimi von Wolf G. Rahn

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

Paul Quint, ein kleiner Ganove, belauscht bei einem seiner Raubzüge, wie zwei Kerle einen Überfall planen und dabei auch einen Mord in Kauf nehmen. Quint warnt den Kurier, der überfallen werden soll. Aber der stirbt nicht, sondern der, der den Auftrag für diesen Überfall hatte.

Quint ist sofort klar, wer der Mörder ist, und er beschließt, eigenen Nutzen daraus zu ziehen. Doch das wird ihm zum Verhängnis, denn er hat sich mit einem skrupellosen Verbrecher angelegt. In seiner Not bittet er den Privatdetektiv Bount Reiniger um Hilfe, denn nun ist auch seine Tochter Lori in Gefahr.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Paul Quint - versucht Schicksal zu spielen, doch dann spielt das Schicksal mit ihm.

Lori Quint - glaubt, daß alle Gangster so harmlos wie ihr Vater sind.

Tina - Ein kleines Mädchen spielt eine große Rolle.

Harry Slade - Sein Kapital ist seine Skrupellosigkeit, seine Zinsen sind der Tod.

June March - unterstützt Bount Reiniger bei seinen Ermittlungen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

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1

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Paul Quint sah sich nach allen Seiten um. Offenbar hatte ihn niemand beobachtet. Die Gegend war einsam. Wie geschaffen für das, was er vorhatte. Freilich, viel zu holen gab es nicht, aber seine Ansprüche waren gering. Er gehörte nicht zu den großen Fischen.

Er packte die beiden großen Ledertaschen fest an den Griffen und ging weiter. Der Schein einer Straßenlaterne fiel auf sein Gesicht, das er hinter einem hochgeschlagenen Mantelkragen zu verbergen suchte. Es war angespannt und verkniffen. Und nur oberflächlich rasiert.

Paul Quint hastete weiter. Er bog um die Ecke und hatte nun nur noch knapp hundert Schritte zu gehen. Dann stand er vor dem Bretterzaun, hinter dem sich die Autowracks türmten. An einer Stelle war der Zaun defekt. Man musste nur noch ein bisschen nachhelfen, dann konnte man sich hindurchzwängen.

Paul Quint stellte seine Taschen neben sich und sah sich nochmals um. Dann war er endgültig beruhigt und drückte seine Schulter gegen die morsche Latte, die knirschend nachgab. Er legte das Brett auf den Boden und lockerte das nächste. Nach dem dritten war die Lücke groß genug, um durchschlüpfen zu können. Er war ja nicht gerade das, was man unter stämmig verstand.

Der Mann mit den braunen, glatten Haaren, die an den Schläfen und den Koteletten bereits ins Grau übergingen, schob die Taschen durch die Öffnung und folgte dann hinterher.

Jetzt sah er das barackenähnliche Gebäude vor sich. Es diente der Schrottfirma gleichzeitig als Werkstatt und Büro. Hier gab es brauchbare Werkzeuge, die man unter der Hand weiterverkaufen konnte, dort hoffentlich ein paar Dollar in der Kasse.

Paul Quint wusste, dass das Gebäude nie bewacht wurde. Es lohnte sich nicht.

Für ihn lohnte es sich schon. Von solchen kleinen Einbrüchen lebte er. Nicht gerade fürstlich, aber er lebte.

Die Türen zur Werkstatt und zum Büro waren verschlossen. Paul Quint machte sich nicht die Mühe, einen Dietrich zu verwenden. Er suchte ein Fenster, das bequem zu erreichen war. Dann hob er eine der Ledertaschen und schlug damit die Scheibe ein. Als das Klirren verstummt war, hörte er hinter sich ein schabendes Geräusch. Sein Kopf fuhr erschrocken herum. In der Zaunlücke lehnte ein Mädchen von vielleicht acht Jahren. Es richtete seine großen, dunklen Kinderaugen auf ihn und hob drohend den Zeigefinger.

„Das sage ich der Polizei!“

Für einen Moment stand Paul Quint wie erstarrt. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

„Komm mal her, Kleine!“, sagte er mit rauer Stimme. „Ich gebe dir einen Kaugummi.“

Das Mädchen zögerte. Schon hatte es den Anschein, als wollte es der Aufforderung Folge leisten. Doch dann schüttelte es heftig den Kopf. Es stampfte mit dem Fuß auf, an dem es einen zerschlissenen Turnschuh trug.

„Ich weiß schon“, rief es. „Du willst mich umbringen.“ Dann machte es kehrt und rannte davon.

In Paul Quints Kopf rauschte es. Er hatte gehört, dass der Aussage eines Kindes viel Gewicht zukam. Heutzutage geschahen eine Menge scheußliche Verbrechen. Plötzlich stand er als Kindesmörder da und würde sich aus der Anklage nicht mehr herauswinden können.

Da lief auch er. Er hetzte der Kleinen nach, die er erst wieder sah, als er durch den Zaun auf die Straße trat.

Polizei!, schoss es ihm durch den Kopf. Mörder! Kindesmörder! Verdammtes Balg! Was hattest du ausgerechnet hier zu suchen?

Das Mädchen sah ihn kommen. Es verzog angstvoll das Gesicht und rannte weiter. Paul Quint folgte ihm, so schnell er konnte. Er musste es erwischen!

Das Mädchen mit den großen Augen und den dünnen Beinen konnte laufen wie ein Hase. So sehr Paul Quint sich auch bemühte, er kam einfach nicht näher heran. Zum Glück wählte die Kleine keine belebtere Gegend. Und sie schrie auch nicht. Sie rannte nur - rannte um ihr Leben.

Paul Quint keuchte. Sein Atem ging pfeifend. Es hatte keinen Sinn. Er holte sie nicht ein. In dieser Gegend durfte er sich nicht mehr blicken lassen. Das war zu gefährlich.

Ihm fielen seine beiden Ledertaschen ein. Die musste er auf alle Fälle noch holen. Nicht nur, dass sie für ihn einen erheblichen Wert besaßen, an ihnen klebten auch in Massen seine Fingerabdrücke. Für die Polizei war er kein Unbekannter. Seine Prints waren registriert. Sobald der Besitzer der Schrottfirma morgen früh den demolierten Zaun, die eingeschlagene Fensterscheibe und die Taschen entdeckte, standen schon die Bullen vor seiner Tür und holten ihn ab.

Das durfte er Lori nicht antun. Sie hatte es ohnehin schon schwer genug mit einem vorbestraften Vater. Die Taschen musste er holen, das stand fest.

Das Mädchen würde jetzt wahrscheinlich zu seinem Vater laufen, und der würde die Polizei verständigen. In einer halben Stunde wimmelte es von Cops in dieser Gegend. Er musste sich beeilen.

Paul Quint ließ das Mädchen laufen und kehrte im gleichen Tempo zu dem Bretterzaun zurück. Er fand die Lücke, sah das zerbrochene Fenster und darunter seine beiden Taschen. Er atmete auf. Wenigstens das hatte noch geklappt.

Ob er noch Zeit genug hatte, um sich wenigstens die Kasse anzusehen? Wenn er schon mal hier war, war es eigentlich Dummheit, völlig ohne Beute wieder abzuziehen. Den Einbruch würden sie ihm so oder so in die Schuhe schieben.

Während er noch überlegte, hörte er plötzlich Männerstimmen. Ihm blieb fast das Herz stehen.

Die Stimmen kamen näher. Noch waren sie auf der Rückseite der Baracke, aber gleich würden sie um die Ecke biegen.

Zum Teufel! Heute ging aber auch alles schief. Anscheinend handelte es sich um den Besitzer der Firma, der mit einem späten Kunden hergekommen war, um ein Geschäft abzuwickeln. Wenn die ihn hier erwischten, konnte er sich freuen.

Um die Taschen zu schnappen und einfach abzuhauen, war es zu spät. Sie würden ihn sehen und mit Sicherheit verfolgen. Mit den Taschen konnte er nicht schnell genug laufen. Und wahrscheinlich besaß der Besitzer sogar eine Schusswaffe. Das war hier draußen durchaus erforderlich.

Gedankenschnell warf Paul Quint die beiden Taschen durch das zerschlagene Fenster und kletterte hinterher.

Erst als er drin war, begriff er, dass das das Dümmste gewesen war, was er hatte machen können. Jetzt saß er endgültig in der Falle. Die beiden Männer, deren Stimmen er nun schon deutlich unterscheiden konnte, mussten die zerbrochene Scheibe sehen und daraus die entsprechenden Schlüsse ziehen.

Doch nun war es nicht mehr möglich, den Platz zu wechseln.

Die Männer bogen um die Ecke. Gleich würden sie ihn haben.

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2

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Der Kassenbote kommt gegen halb acht“, sagte ein Bursche in einer gelbgefärbten Wildlederjacke. „Jeden Vorletzten im Monat. Also ist es nächste Woche wieder soweit.“

Der andere war ein dürrer Kerl mit einer abstoßenden Narbe über beiden Augen.

„Und es soll sich wirklich lohnen?“, fragte er zweifelnd. „Diese kleinen Läden haben doch höchstens zehn Angestellte. Da schaut bei den Lohngeldern nicht viel heraus.“

„Jedenfalls wird es sich für dich lohnen, Charter. Wenn du dem Boten die Mäuse wegschnappst, bist du akzeptiert.“

„Also so etwas wie eine Mutprobe, wie?“

Der Mann in der gelben Wildlederjacke lachte geringschätzig.

„Mutprobe? Dazu gehört kein Mut. Das ist doch reine Routinearbeit.“

„Aber wenn der Halunke nun eine Waffe bei sich trägt?“

„Dann musst du eben schneller sein, Charter. Das ist doch ganz klar. Entweder er oder du. Beide können das Geld nun mal nicht haben.“

Charter hatte noch eine Menge Fragen. Ihm gefiel einiges an der Geschichte nicht, aber Harry Slade legte jeden Einwand als Feigheit aus. Deshalb ging er nun lieber auf Einzelheiten der Tat ein. „Wenn ich das Geld habe, was wird dann, Slade?“

„Alles Weitere arrangiere ich schon. Darum brauchst du dich nicht zu kümmern. Deine Aufgabe besteht lediglich darin, bei dem Schuppen zu lauern, dem Burschen eins über die Rübe zu geben und mit der Tasche abzuhauen. Wir treffen uns dann wieder hier. Du übergibst mir das Zeug und erhältst deinen Anteil. So einfach ist das. Du wirst schon sehen.“

Es hörte sich wirklich einfach an, und Paul Quint, der in seinem Versteck alles mit anhörte, schüttelte fassungslos den Kopf. Rein zufällig war er Zeuge geworden, wie diese beiden unangenehmen Typen einen Überfall planten, bei dem möglicherweise ein Mann getötet wurde.

Quint schüttelte sich unwillkürlich. Er konnte von sich nicht gerade behaupten, dass er sein Brot durch ehrlicher Hände Arbeit verdiente. Aber brutaler Raub oder gar Mord waren Dinge, die nicht zu seinem Wortschatz gehörten. Er zog seine Grenze weit vorher.

Was sollte er tun? Konnte er zulassen, dass der Bote getötet wurde? Sollte er alles der Polizei melden?

Er lachte innerlich auf. Polizei? Die warteten doch mur darauf, dass sie ihn in die Hände bekamen. Am Ende war er der Angeschmierte.

Paul Quint verhielt sich absolut ruhig. Die beiden durften ihn hier auf keinen Fall entdecken. Sie würden mit ihm kurzen Prozess machen. Schließlich war er ein gefährlicher Zeuge, und wenn sie den Geldboten über die Klinge springen ließen, warum dann nicht erst recht ihn?

Verdammt! Da war er in eine schöne Lage geraten. Und alles nur wegen des kleinen Biests, das ihn an die Bullen verraten wollte. Was sollte er nur machen?

Die beiden Ganoven vor dem Haus erörterten den Plan noch in allen Einzelheiten. Quint hätte ihn jetzt selbst ausführen können, wenn er gewollt hätte. Doch natürlich lag das nicht in seiner Absicht. Kleine Diebstähle, an mehr traute er sich nicht ran.

Der Dürre mit der Narbe schien so etwas auch noch nie gemacht zu haben. Er zeigte offen seine Bedenken, und der mit der gelben Jacke, der offenbar Slade hieß, wurde schon ärgerlich. Offenbar war der eine der Boss, und der andere sollte die Drecksarbeit erledigen.

Quint arbeitete lieber allein. Da musste er nicht teilen, und verpfeifen konnte ihn auch niemand.

Vielleicht sollte er die Polizei anonym verständigen. Ihm ging es nicht darum, den Bullen zu helfen, und was diese Gauner ausheckten, war ihm ebenfalls völlig gleichgültig. Von ihm aus konnten sie maskiert in das World Trade Center eindringen und so viel Geld einsacken, wie sie schleppen konnten, solange niemand dabei zu Schaden kam.

Und das war eben der springende Punkt. Paul Quint musste immer wieder an den Geldboten denken, der, wie Slade sich ausgedrückt hatte, eins über die Rübe kriegen sollte. Vielleicht wollten sie ihn gar nicht töten, aber diesem Charter traute er ohne weiteres zu, dass er in seiner Unsicherheit und Angst zu fest zuschlug.

Während die Gangster nun direkt vor der zerbrochenen Fensterscheibe stehenblieben, zum Glück aber keinen Blick in das Innere warfen, zog Paul Quint in Erwägung, den Boten zu warnen. Er kannte ihn zwar nicht, aber er wusste nun, wann er von welcher Bank das Geld wohin bringen würde. Es gab also durchaus Möglichkeiten, ihn rechtzeitig abzufangen. Doch auch in diesem Fall würde die Polizei eingeschaltet werden. Er musste Fragen beantworten und Erklärungen abgeben, und eine davon würde sein, auf welche Weise er zu seinen Informationen gekommen war und was er bei der Schrottfirma zu suchen hatte. Schon saß er wieder in der Tinte. Er konnte das Problem drehen, wie er es wollte, der Dumme war immer er selbst. Was ging ihn das Ganze eigentlich im Grunde an? Wenn er das Gespräch nicht zufällig mit angehört hätte, wüsste er nichts von dem geplanten Verbrechen und könnte auch nichts dagegen unternehmen. Schließlich hatte er genug eigene Sorgen. Da war immer noch das Mädchen, das vielleicht schon mit ihrem Vater gesprochen hatte. Jeden Augenblick konnten die Bullen hier aufkreuzen. Das Beste war also, wenn die zwei sich möglichst rasch verzogen, damit auch er sich verdrücken konnte, um alles, was er erfahren hatte, schleunigst wieder zu vergessen.

Zum Glück taten sie ihm den Gefallen. Noch immer das bevorstehende Verbrechen diskutierend, entfernten sie sich langsam von dem Haus und bogen wieder um die Ecke, woher sie gekommen waren. Dort hinten gab es offenbar ebenfalls eine Lücke im Zaun, die sie benutzt hatten.

Paul Quint atmete auf und erhob sich aus seiner geduckten, verkrampften Stellung. Dabei trat er auf ein paar am Boden liegende Glassplitter, was ein durchdringendes Geräusch verursachte.

Wie angewurzelt blieb er stehen.

„Was war das?“, hörte er den einen der Ganoven sagen.

„Was meinst du, Slade?“

„Hast du nichts gehört?“

Der Bursche mit der Narbe schüttelte den Kopf.

„Was soll ich gehört haben? Hier ist außer uns weit und breit niemand. Deshalb hast du doch diesen Platz als Treffpunkt ausgesucht, oder?“

„Allerdings! Aber es hörte sich so an, als würde Glas brechen.“

Paul Quint stand auf dem Sprung. Er hätte sich ohrfeigen können. Warum hatte er nicht noch ein paar Sekunden gewartet? Wenn die Halunken zurückkamen, um nachzusehen, durfte er sich gratulieren. Mit zweien nahm er es nicht auf. Nicht mal mit einem von ihnen. Sie waren viel jünger als er, und bestimmt auch kräftiger und schneller.

Er hatte zwei Möglichkeiten. Er konnte fliehen oder sich verstecken.

Voller Angst suchten seine Augen den Raum ab. Außer einem schäbigen Schreibtisch mit dazugehörigem Stuhl und einem offenen Aktenregal, in dem ein paar abgewetzte Schwarten ihr trostloses Dasein fristeten, gab es kein Mobiliar. Das war herzlich wenig, um sich dahinter zu verbergen. Aber dort war eine Tür. Sie führte nicht direkt nach draußen, sondern wahrscheinlich auf einen Gang und von dort aus vielleicht an einen Platz, der sicherer war als dieser.

Paul Quint hörte voller Entsetzen, dass die beiden wirklich umkehrten.

„Besser ist es, wir sehen nach“, erklärte Slade. „Ich möchte keine unliebsame Überraschung erleben.“

„Ich auch nicht, Slade. Bestimmt nicht.“

Die Schritte kamen näher.

Quint sprang auf und hetzte durch den Raum. Seine Taschen ließ er einfach stehen. Die behinderten ihn nur. Wenn er noch Gelegenheit dazu hatte, würde er sie später holen.

Die Tür war nicht verschlossen. Er schlüpfte hindurch und drückte sie lautlos hinter sich zu.

Der Gang, in dem er nun stand, war stockfinster. Er konnte sich lediglich durch Tasten orientieren, unterließ das aber, um nicht erneut ein Geräusch zu verursachen. Dafür presste er sein Ohr gegen die Tür und lauschte.

„War die Scheibe vorhin auch schon zerbrochen?“, fragte Charter misstrauisch.

Paul Quint begann schneller zu atmen. Gleich hatten sie ihn. Sie brauchten ihn nur in die Zange zu nehmen.

„Na klar“, sagte Slade. „Das ist nicht die einzige in dieser Bruchbude. Wird wohl eine Ratte über die Scherben gelaufen sein.“

„Und wenn die Ratte nur zwei Beine hatte?“

Einen Moment war Stille. Dann meinte Harry Slade: „Also gut! Sehen wir nach!“

Ed Charter kletterte durch den leeren Fensterrahmen und trat ebenfalls auf die Scherben.

„Genauso hat es sich angehört“, bestätigte der andere. „Was siehst du?“

„Nicht viel, Slade. Tisch, Stuhl und Regal. Weiter nichts. Ach doch! Da stehen noch zwei alte Taschen.“

„Zwei Taschen? Ist was drin?“

„Moment! Ich sehe nach. Nein, die sind leer. Soll ich noch nachsehen, was hinter der Tür ist?“

„Natürlich!“

Ed Charter ging zur Tür und drückte die Klinke herunter ...

„Abgeschlossen!“, sagte er.

„Okay! Komm zurück! War also doch bloß ’ne Ratte.“

„Warte! Ich sehe noch nach, ob ich im Schreibtisch ein paar Mäuse finde.“

„Sei nicht idiotisch!“, wetterte Slade. „Wenn es hier nach Einbruch riecht, sind gleich die Bullen da und suchen nach Prints. Du hast allerhand angefasst. Da haben sie dich gleich. Zumindest müssten wir uns einen anderen Treffpunkt suchen.“

„Du hast recht, Slade. War auch nur so ein Gedanke.“

Der Verbrecher verließ den Raum wieder durch das Fenster, und Paul Quint hörte nun nichts mehr. Erschöpft ließ er die Tür los, gegen die er sich mit aller Kraft gestemmt hatte. Die Täuschung war gelungen. Charter hatte geglaubt, sie sei verschlossen.

Was hatte Slade gesagt? Wenn es hier nach Einbruch riecht, würde die Polizei diesen Charter hochnehmen. Dann könnte er den Geldboten nicht überfallen und das Problem wäre gelöst.

Aber nein! Das bildete er sich nur ein. Slade würde den Überfall stattdessen ausführen, und der war mit Sicherheit der Skrupellosere. Nichts wäre gewonnen. Im Gegenteil!

Überrascht begriff Paul Quint, dass er das Leben eines Mannes gefährdete, falls er jetzt den Schreibtisch ausräumte. Er musste darauf verzichten.

Im Übrigen fiel ihm wieder das kleine Mädchen ein. Vielleicht war es von Vorteil, wenn er nichts Gestohlenes bei sich trug. Noch war die Gefahr, dass die Polizei ihn hier in der Nähe aufgriff, nicht ausgeschlossen.

Mist! Solche Tage wie diesen durfte es nicht viele geben. Alles war schief gelaufen. Jetzt brauchte er einen Schnaps, damit er sein seelisches Gleichgewicht wieder zurückerhielt.

Er wartete noch ein paar Minuten. Dann glaubte er, sicher sein zu können, dass Slade und Charter endgültig gegangen waren. Er verließ die Baracke, überquerte den Hof, zwängte sich durch den Bretterzaun, verschloss die Lücke wieder provisorisch, damit sie nicht gleich ins Auge fiel, und ging die Straße hinunter, wobei er sich zu einem langsamen, unverdächtigen Tempo zwingen musste. Seine beiden Taschen nahm er selbstverständlich mit.

Jetzt endlich atmete er befreit auf. Nun hatte er es wohl überstanden. Das Mädchen lag längst im Bett und hatte ihn vergessen. Charter und Slade fuhren mit ihren Autos nach Hause, und der Besitzer der Schrottfirma würde sich morgen zwar über die zerbrochene Fensterscheibe ärgern, aber keinen Verdacht schöpfen, weil ja sonst nichts berührt war. Die Polizei blieb aus dem Spiel, und für ihn selbst war es wohl am besten, wenn er diesen Tag schleunigst aus seiner Erinnerung strich.

Vor einer kleinen Kneipe blieb er zögernd stehen. Sein Durst fiel ihm wieder ein. Ein Gläschen konnte nichts schaden. Für einen Bruch an anderer Stelle war es nun sowieso zu spät. Er wäre dafür auch viel zu aufgeregt gewesen. Es würde bestimmt wieder schief laufen.

Paul Quint stieß die Tür auf. Dicker Qualm schwappte ihm entgegen und nahm ihm für einen Moment den Atem. Die Männer, die am Tresen hockten, nahm er durch den Nebel nur verschwommen wahr. Er hörte auch eine grelle Frauenstimme. Sie erzählte gerade einen obszönen Witz. Die Männer wieherten und schlugen sich mit den Fäusten auf die Schenkel.

Quint schob sich näher heran und drängte sich in eine Lücke. Seine beiden Taschen ließ er unter dem Garderobenständer stehen.

„Bourbon!“, bestellte er bei dem Girl, bei dem die Lider blauer waren als die Augen.

„Sollst du haben, Süßer, damit du nicht mehr so ernst dreinschaust. Kannst du eigentlich lachen? Lach doch mal!“ Die Rothaarige beugte sich weit vor, und Paul Quint bot sich ein Anblick, der ihn normalerweise durchaus fröhlich gestimmt hätte. Gegen ansehnliche weibliche Rundungen hatte er auch mit seinen zweiundfünfzig Jahren nichts einzuwenden. Aber diesmal war seine Laune so mies, dass die kesse Cecil ihn nicht mal mit einem gekonnten Strip aufgeheitert hätte. Er hob sein Glas an die Lippen und ließ den beißenden Schnaps in die Kehle rinnen.

„Noch einen!“, forderte er und knallte das Glas direkt vor ihren offenherzigen Ausschnitt.

Cecil zog beleidigt einen Flunsch und klopfte Quints Nebenmann auf die Finger.

„Stopp, Harry!“, sagte sie. „Die beiden sind nur zum Anschauen da und nicht zum Anfassen.“

Der Mann lachte.

„Das glaube ich nicht, Cecil. Wetten, dass ich einen Trick kenne, bei dem sie mir von selbst in die Hand hüpfen?“ Er zog lässig eine Zwanzigdollarnote aus der Tasche und stopfte sie dem Mädchen in das Dekolleté.

Paul Quint zuckte herum, als er die Stimme erkannte. Entgeistert starrte er in das Gesicht von Harry Slade. Er hatte es noch gut in Erinnerung.

„Willst du ein Bild von mir, Alter?“, erkundigte sich der Ganove und kniff die Augen zusammen. „Oder kennen wir uns?“

„N ... nein!“, beeilte sich Quint hastig zu versichern. Der andere konnte ihn nicht erkannt haben. Er wusste ja von seiner Existenz nichts und ahnte auch nicht, dass er ihn und diesen Charter belauscht hatte. Die beiden Taschen konnten ihn womöglich verraten, aber die ließ er, wenn es gar nicht anders ging, einfach stehen. „Nein, natürlich nicht. Ich habe nur gerade überlegt, wie viel Whisky ich für zwanzig Bucks bekäme.“

„Jedenfalls mehr, als du vertragen könntest.“ Harry Slade schöpfte offensichtlich keinen Verdacht. „Du solltest lieber Cola saufen. Beim Anblick von Busen und Bourbon wird dir doch schlecht. Du siehst schon ganz grün aus, Opa.“

Die Umstehenden lachten. Quints Nachbar auf der anderen Seite bohrte ihm den Ellbogen zwischen die Rippen und meckerte: „Vielleicht hat er jetzt aber doch eher Appetit auf Milch gekriegt.“

Gehorsam wurde wieder gelacht. Die Gäste waren hier nicht sehr anspruchsvoll, was Witze anbetraf. Cecil lachte wacker mit. Die Banknote hatte sie längst verschwinden lassen. Quint schenkte sie keinen Blick mehr. Sie begriff, dass er ihre Art nicht mochte.

Paul Quint dachte flüchtig an seine eigene Tochter. Er konnte sich Lori nicht hinter einem Tresen vorstellen. Sie war anders und ließ sich nicht von Kerlen befummeln. Auch nicht, wenn der Schein noch größer wäre.

Er kippte auch den zweiten Schnaps und bezahlte. Er hatte nur das eine Bedürfnis, möglichst schnell von hier zu verschwinden. Wenn Slade auch nicht ahnte, neben wem er stand, so war das Gefühl unerträglich, sich vielleicht durch eine unvorsichtige Bemerkung zu verraten.

Der Whisky hatte ihn nicht beruhigt, sondern eher noch mehr aufgeregt. Quint warf noch einen angewiderten Blick auf den Gangster. Dann durchmaß er mit hastigen Schritten die Kneipe und hatte schon den Türgriff in der Hand, als hinter ihm eine Stimme rief: „He, Opa! Vergiss deine Taschen nicht. Wenn dich die Oma danach fragt, musst du zugeben, dass du beim Saufen warst. Da kriegt der Besen aber Arbeit.“

Schon wieder war er das Opfer des allgemeinen Gelächters. Alle Männer am Tresen drehten sich nach ihm um.

Auch Harry Slade. Sein Blick wanderte von ihm zu den beiden Taschen, die unter dem Garderobenständer standen, und wieder zurück. An seinem Gesichtsausdruck war nicht zu erkennen, was er dachte.

Hatte er Verdacht geschöpft? Erinnerte er sich der beiden Taschen, von denen Charter gesprochen hatte?

Paul Quint war nahe dran, einfach zu bestreiten, dass die Taschen ihm gehörten, doch damit hätte er erst recht Verdacht erregt. Der Kerl, der ihn zurückgerufen hatte, musste beobachtet haben, wie er sie nach seinem Eintreten dort abstellte. Er ging zurück und bückte sich.

„Danke!“, murmelte er. „Die gehören nämlich meinem Freund. Sind ja nicht mehr viel wert. Aber immerhin!“ Er bückte sich, packte die Taschen und schoss durch die Tür.

Als er auf der Straße stand, war er heilfroh. Er sah immer noch Slades prüfenden Blick, und die kalten, grauen Augen ließen ihn nicht mehr los. Er träumte in der Nacht sogar von ihnen und wachte am nächsten Morgen schweißgebadet auf. Sein erster Gedanke galt diesem Verbrecher, und er hoffte inständig, dass dieser ihn inzwischen vergessen habe.

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3

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Erik Ward ging schon auf die sechzig zu. Aber er gehörte noch nicht zum alten Eisen. Jedenfalls bemühte er sich, nach außen hin diesen Eindruck zu erwecken. In Wirklichkeit beobachtete er an sich Anzeichen, die ihn selbst erschreckten. Seine Vorgesetzten durften davon nichts merken, sonst wurde er durch einen Jüngeren ersetzt und war seinen Job los. In seinem Alter fand er nichts Neues mehr.

Er war unruhig. Schon seit Tagen fiel ihm dieser Kerl in der zerbeulten Hose auf, der sich betont unauffällig benahm und gerade deshalb seinen Verdacht erregte.

Vielleicht hätte er sich nichts dabei gedacht, dass ihm der Typ bei jeder Gelegenheit über den Weg lief, aber Erik Ward war Geldbote, und Menschen, die allem Anschein nach seine Nähe suchten, obwohl er sie nicht kannte, waren ihm nun mal verdächtig. Neuerdings erst. Früher hätte er sich wahrscheinlich nichts dabei gedacht. Doch mit zunehmendem Alter sah er überall Gefahren. Daran mochte allerdings auch die ständig steigende Kriminalität in Manhattan schuld sein.

Doch welches die Gründe auch waren, die Gesellschaft brauchte einen unerschrockenen Mann, der sich nicht einschüchtern ließ, also musste er diese Rolle spielen, oder er spielte überhaupt keine mehr.

Erik Ward beobachtete den Fremden aus den Augenwinkeln. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sehr geschickt benahm sich der Bursche nicht. Ob er einfach zu ihm hinüberging und ihn ansprach?

Ihre Blicke trafen sich sekundenlang. Der Fremde schlug rasch die Augen nieder und wandte sich ab. Er zog eine Zeitung aus der Tasche und vertiefte sich darin. Das Blatt war schon fast eine Woche alt. Das störte den Fremden nicht, denn er las ohnehin nicht.

Erik Ward ritt der Teufel. Jetzt wollte er dem Halunken eine Falle stellen. Schnurstracks ging er über die Straße direkt auf den anderen zu. Der wollte seine Zeitung zusammenfalten und sich verdrücken, aber dafür war es zu spät.

Der Geldbote blieb hart vor dem anderen stehen, zog eine Karte in einer Plastikhülle aus der Jackentasche und sagte leise, aber scharf: „Polizei! Ich glaube, wir haben uns einiges zu erzählen. Erledigen wir es hier, oder wollen Sie lieber mit mir aufs Revier kommen?“

Der andere zuckte zusammen. Er hatte zwar nicht erkennen können, dass es sich bei dem angeblichen Polizeiausweis lediglich um eine Kreditkarte handelte, weil alles zu schnell gegangen war, aber dass der Ältere bluffte, war ihm sofort klar.

Er wurde erst blass. Dann zog er sein Gesicht in die Breite.

„Bin gespannt, in welches Revier du mich schleppen würdest“, meinte er ungerührt. „Du könntest Bergsteiger sein oder Tiefseetaucher. Polizist bist du jedenfalls nicht. Einverstanden?“

„Du scheinst mehr über mich zu wissen als ich über dich“, stellte Erik Ward fest. „Möchtest du deine ganzen Kenntnisse loswerden?“

„Nein!“, sagte der Jüngere knapp.

„Was sonst?“

„Ich will dir einen Vorschlag machen.“

„Bin gespannt.“

„Du solltest in nächster Zeit besonders gut auf deine Umgebung achten.“

„Habe ich das nicht gerade getan?“ Erik Ward grinste selbstzufrieden.

„Ich meine, dann, wenn du Geld mit dir herumschleppst.“

Im Gesicht des Boten sauste die Jalousie herunter.

„Wer bist du?“ Er keuchte verhalten.

„Das tut nichts zur Sache. Jedenfalls auch kein Polizist. Du kannst mich wieder vergessen, aber nicht das, was ich dir gesagt habe.“ Er wollte gehen.

Erik Ward hielt ihn zurück.

„Findest du nicht, dass wir uns näher darüber unterhalten sollten?“

„Nein, das finde ich nicht. Es gibt nichts weiter zu sagen. Was du daraus machst, ist deine Angelegenheit.“

„Was schlägst du vor?“

Der Fremde hob die Schultern.

„Manchmal genügt es, wenn man einen anderen Weg benutzt.“

Erik Ward schüttelte den Kopf.

„Manchmal genügt es auch, wenn man dem anderen die Zähne einschlägt, wenn er partout nicht reden will.“

„Davon habe ich auch schon gehört, du Oberschlauer.“ Seine Faust zuckte blitzschnell vor.

„Verdammt!“, fluchte Ward. Bunte Kreise rotierten vor seinen Augen. Er wankte, wollte sich irgendwo festhalten, wurde aber brutal zurückgeschleudert. Er presste seine Fäuste vor den Magen, vernachlässigte dafür sein Kinn. Der Haken hob ihn aus den Schuhen. Sekundenlang war er benommen. Erst als der andere nicht mehr auf ihn eindrosch, hob er zögernd den Kopf.

In einiger Entfernung klangen hastige Schritte, die sich entfernten. Der merkwürdige Schläger war verschwunden. Erik Ward stand auf und klopfte sich den Schmutz von der Hose. Hoffentlich hatte niemand, der ihn kannte, seine Niederlage beobachtet. Das würde ihn die Arbeitsstelle kosten.

Er überlegte.

Wer war dieser Bursche? Hatte er ihn tatsächlich warnen wollen? Und wenn ja, weshalb? Was hatte er für ein Interesse daran? Und warum schlug er ihn dann brutal zusammen? Wollte er ihn in eine Falle locken? Sollte er einen anderen Weg benutzen, damit er dort besser überfallen werden konnte?

Vielleicht war es das Beste, er besprach den Vorfall mit Mister Haye. Doch dann musste er auch zugeben, dass er bei der Schlägerei keine gute Figur abgegeben hatte, und darüber vergass ein Mann wie Haye glatt, dass die Information vielleicht von Wichtigkeit war.

Nein, er musste allein mit diesem Problem fertig werden. Und da der Weg vorgeschrieben war und er ihn nicht von sich aus ändern durfte, blieb ihm nichts anderes übrig, als tatsächlich die Augen offen zu halten.

Zur Not trug er ja eine Pistole bei sich.

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Paul Quint schleppte sich mit einem Problem herum, das eigentlich gar nicht seins war. Im Grunde hätte es ihm gleich sein können, was mit dem Geldboten geschah. Der hatte einen Job, wurde dafür bezahlt, und wahrscheinlich gar nicht mal schlecht. Dafür trug er ein gewisses Risiko. Was ging ihn das an?

Dummerweise aber war Paul Quint nur ein kleiner Gauner und kein eiskalter Killer. Slades Worte hatten ihn nicht losgelassen. Deshalb hatte er es sich nicht verkneifen können, sich den Mann einmal näher anzusehen, der ,eins auf die Rübe` kriegen sollte. Als er begriff, dass es sich um einen Sechzigjährigen handelte, der sich gegen den jungen, kräftigen Charter niemals würde wehren können, hatte er einen Schreck bekommen. Der Bote hatte keine Chance. Wenn ihm etwas zustieß, war es glatter Mord. Und er, Paul Quint, hätte ihn verhindern können.

Damit wurde also Erik Wards Problem doch sein Problem, und er hatte hin und her überlegt, wie er eine Lösung finden sollte.

Wäre der Geldbote nicht auf ihn aufmerksam geworden und hätte er ihn nicht zur Rede gestellt, hätte sich Quint von sich aus vermutlich nicht zu einer Aktion entschließen können. Doch der Alte brachte die Dinge ins Rollen. Er hatte ihn einfach warnen müssen. Was er damit anfing, war dann seine Sache. Nur wollte Ward alles ganz genau wissen, und Quint sah nicht ein, warum er sich selbst mehr als nötig ins Spiel bringen sollte. Er hatte ohnehin schon viel riskiert. Also schlug er kurzerhand zu, als der Alte lästig wurde, und seine erste Meinung wurde bestätigt: Erik Ward war nicht mehr schnell genug, sich gegen einen plötzlichen Angriff zur Wehr zu setzen. Er ließ sich sogar von ihm zusammenschlagen. Und er war schließlich auch keine Junger mehr.

Hoffentlich nahm er die Warnung nun wenigstens so ernst, wie sie gemeint war. Mehr konnte er wirklich nicht mehr für ihn tun.

Sicher hatte der Mann Familie. Vielleicht eine hübsche Tochter wie er selbst. Er sollte diesen gefährlichen Job aufgeben. Damit verhinderte er zwar nicht die Überfälle auf Geldboten, aber sie trafen dann jedenfalls einen Familienvater weniger.

Heute war der Tag, an dem es geschehen sollte. Der neunundzwanzigste September. Ein Tag vor dem Letzten.

Paul Quint kannte den ganzen Plan. Er wusste, wann Ward die Bank verlassen würde, welchen Weg er einschlug, um wie viel Uhr er den Schuppen erreichte, hinter dem ihn Charter erwartete. Er war genau im Bilde, wie sich alles abspielen sollte. Vom Zeitpunkt des Überfalls bis zur Übergabe der Beute an Slade.

Quint hielt es nicht aus. Er musste sich davon überzeugen, ob der Bote seine Warnung in den Wind schlug. Er suchte sich schon Stunden vorher einen sicheren Platz ganz in der Nähe des Schuppens, von dem aus er alles beobachten konnte. Er würde als Erster wissen, ob Ward danach vielleicht Hilfe brauchte. Allerdings hoffte er, dass der Mann mit den Lohngeldern gar nicht kommen würde.

Die Zeit verstrich unendlich langsam. Noch eine halbe Stunde. Sicher hatte auch Charter inzwischen seine Position eingenommen. Die Rückseite des Schuppens konnte Quint von seinem Platz aus nicht sehen. Dafür blieb er selbst aber auch unentdeckt.

Sechs vor halb acht! Aus der Ferne näherten sich Schritte.

Paul Quint hielt den Atem an. Vielleicht war es ein harmloser Spaziergänger. Vielleicht führte jemand seinen Hund aus. Er wusste, dass er sich selbst etwas einredete, was doch nicht zutraf, noch bevor er Erik Ward erkannte. Der Geldbote ging zögernd. Oder sah es nur so aus, als würde er ständig nach rechts und links blicken? Er kannte diesen Weg und musste am besten die Stellen kennen, an denen ein Überfall in Frage kam. Hier bei dem Schuppen war so eine Stelle. Die beste vermutlich.

Aber Erik Ward blieb nicht stehen. Er machte auch keinen Bogen oder benutzte wenigstens die gegenüberliegende Straßenseite. Er marschierte stur vorwärts, wobei er die schwarze Aktentasche fest gegen sich presste.

Halt sie bloß nicht so krampfhaft fest, Mann, dachte Paul Quint entsetzt. Wenn du sie nicht freiwillig hergibst, nimmt er sie sich mit Gewalt. Lass ihnen ein paar Kröten! Sie gehören schließlich nicht dir. Deine Firma wird sicher versichert sein. Es gibt zwar auch Lebensversicherungen, aber von denen hat nur derjenige etwas, der die Summe kassieren darf, und nicht der, der den Kopf hinhalten muss.

Quints heimliche Beschwörungen nützten nichts. Erik Ward hielt die Tasche eher noch fester, und nun erreichte er die Stelle, an der es passieren musste.

Um ein Haar hätte Paul Quint einen Warnruf ausgestoßen. Er konnte sich gerade noch zusammennehmen. Doch er brachte es nicht fertig, länger hinzusehen. Das überstieg seine Kräfte.

Es war kein Geräusch zu hören. Nicht mal ein dumpfer Laut. Alles musste reibungslos geklappt haben.

Paul Quint riss die Augen auf. Er suchte den leblosen Körper. Aber Erik Ward marschierte unbeirrt dem Ende der Straße entgegen. Er blickte sich nicht um. Er tat, als wäre nichts passiert.

Details

Seiten
140
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916607
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v387257
Schlagworte
bount reiniger zeuge york detectives

Autor

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Titel: Bount Reiniger und der tote Zeuge: N.Y.D. - New York Detectives