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David Murphy - Finale

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

HIER STEH ICH AN DEN MARKEN MEINER TAGE

Und gleiches gilt auch für David Murphy. Wo ein Anfang ist, da muss auch ein Ende sein.
David Murphy wacht irgendwo in der Wildnis auf. Er leidet an Gedächtnisschwund und kann sich an nichts erinnern. Obendrein wurde er brutal zusammengeschlagen. Während der Dämonenjäger noch versucht, seine Erinnerungslücken zu schließen, steht der Orden vom Weißen Licht vor seiner endgültigen Vernichtung. Und mit ihm die gesamte Menschheit ... denn wisse, die „Dämonen der Dämmerung“ sind ganz nah dran, die Erde endgültig zu unterjochen.

Leseprobe

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DAVID MURPHY

FINALE

von Bernd Teuber & Marten Munsonius

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HIER STEH ICH AN DEN MARKEN MEINER TAGE

Und gleiches gilt auch für David Murphy. Wo ein Anfang ist, da muss auch ein Ende sein.

David Murphy wacht irgendwo in der Wildnis auf. Er leidet an Gedächtnisschwund und kann sich an nichts erinnern. Obendrein wurde er brutal zusammengeschlagen. Während der Dämonenjäger noch versucht, seine Erinnerungslücken zu schließen, steht der Orden vom Weißen Licht vor seiner endgültigen Vernichtung. Und mit ihm die gesamte Menschheit ... denn wisse, die „Dämonen der Dämmerung“ sind ganz nah dran, die Erde endgültig zu unterjochen.

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IMPRESSUM

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© DAVID MURPHY -  FINALE 2013 by Bernd Teuber & Marten Munsonius ( Treatment by Marten Munsonius und Bernd Teuber)

© Das Universum des David Murphy – created by Marten Munsonius und Alfred Wallon

© Cover 2013 by Bernd Teuber &  Steve Mayer

Die Website des Illustrators: stevemayer.magix.net

Ein CassiopeiaPress E-Book

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.AlfredBekker.de

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IN MEMORIAM PETER EILHARDT

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DIE BLEICHE SCHEIBE des Mondes tauchte den zusammengekrümmten Körper in silbriges Licht. Der Wind spielte in seinen Haaren, aber sonst rührte sich nichts. Gelbe Augen leuchteten in der Dunkelheit, hingen gebannt an der leblosen Gestalt.

Endlos langsam verstrich die Zeit. Und die Gestalt regte sich noch immer nicht. Selbst der Wind gab irgendwann sein Spiel auf. Dann lösten sich die Tiere aus den Büschen, kamen vorsichtig näher, verhielten witternd und wagten sich dann noch weiter vor. Insgesamt waren es fünf Wölfe, die den Mann eingekreist hatten. Einer von ihnen, scheinbar das Leittier, wagte sich bis dicht an den leblosen Körper heran. Er glaubte, eine leichte Beute vor sich zu haben. Die anderen Tiere folgten ihm. In diesem Moment stöhnte der korpulente Mann. Keuchender Atem war zu vernehmen. Die Wölfe duckten sich zu Boden und krochen einige Meter rückwärts.

David Murphy stöhnte nochmals laut auf. Er bewegte sich. Seine Hände tasteten zum Kopf, fühlten die kaum verkrustete Platzwunde. Wieder vergingen einige Minuten, ehe sich der halbtote Mann erneut rührte. Benommen setzte er sich auf. Sein irrer Blick wanderte ins weite Rund, zuckte zusammen, als er die glühenden Augen der Tiere sah. Er versuchte einen Schrei auszustoßen, doch es drangen nur krächzende Laute über seine Lippen. Taumelnd kam der Mann auf die Füße, knickte sofort wieder ein und prallte hart auf den lehmigen Boden. Es dauerte lange, bis neue Kräfte in den geschundenen Körper zurückkehrten.

Mit eisernem Willen zwang er sich wieder auf die Füße. Murphy griff sich an den Kopf. Sein Blick irrte verloren zu Boden. Es schien, als kämpfte sich sein Bewusstsein durch zähen, lastenden Nebel ans Licht und er fürchtete sich plötzlich davor, den Dingen entgegenzutreten, die hinter dem dichten, wogenden Schleier lagen.

Bist du tot?, fragte er sich plötzlich. Nein, im Jenseits gab es keine Wölfe.

Trotzdem spürte er, dass etwas nicht stimmte. Ihm war, als schwebte er in einem Traum, aber als er blinzelnd um sich blickte, erfassten seine Augen die Umgebung mit der präzisen Detailtreue der Wirklichkeit. Doch diese Wirklichkeit hatte einen entscheidenden Fehler. Sie war ihm völlig fremd.

„Was ist geschehen?“, murmelte der Mann. „Was ist passiert? Ich kann mich an nichts erinnern. Jemand hat mich niedergeschlagen. Wer bin ich überhaupt?“

Krächzend kamen diese Worte aus der staubtrockenen Kehle des Dämonenjägers. Er konnte sich an nichts erinnern. Ein dumpfer Druck lastete auf seinem Gehirn, der wie eine schwarze, drohende Wolke alles verdeckte. Die Erinnerung fehlte vollkommen. Murphy hatte sein Gedächtnis verloren. Er tastete über seine schmutzige Kleidung, starrte auf seine sehnigen Hände, die ihm fremd vorkamen. Alles war so fremd und hinter dieser undurchdringbaren schwarzen Wolke verborgen. Murphy blickte automatisch auf seine Uhr, aber er bemerkte nur den weißen Hautstreifen am Gelenk, der im Laufe der Jahre entstanden war. Der Dämonenjäger fühlte, wie ihm der Angstschweiß ausbrach. Sein Herz klopfte rasch, sehr viel rascher, als er es von sich gewohnt war. Taumelnd setzte er sich in Bewegung. Sein ganzer Körper fühlte sich an, als sei eine Elefantenherde über ihn drübergetrampelt. Jeder Schritt bereitete ihm Schmerzen.

Einen Moment schien es ihm, als risse das Hämmern seines Herzens jäh ab, als stünde die Welt still, aber dann setzte das Jagen seines Pulses wieder ein, der Rhythmus beschleunigte sich zu einem beängstigenden Stakkato.

„Jemand hat mich niedergeschlagen“, murmelte der große Mann. „Warum? Was habe ich getan? Wer bin ich? Ich kann mich nicht einmal an meinen Namen erinnern!“

Er zwang sich zur Ruhe, zum Nachdenken. Man hatte ihn also verletzt. Dabei war offenkundig auch sein Erinnerungsvermögen angegriffen worden. Er litt unter einem sogenannten „Blackout“, einer totalen Gedächtnislücke.

Seine Schuhe zogen eine deutliche Spur durch das Gras. Er taumelte den Hügel hinunter, stolperte und überschlug sich mehrmals. Nur unter Aufbietung der letzten Kräfte kam er wieder auf die Füße. Ich muss fort, dachte er. Man hat mich niedergeschlagen, egal aus welchem Grund. Sollten diese Personen zurückkehren und mich lebend vorfinden, dann werden sie es nochmals versuchen.

Murphy taumelte weiter. Er wollte nicht weichen. Fort, nur fort!, hämmerten seine Gedanken. Er drehte sich um und blickte auf das Wolfsrudel, das ihm in einiger Entfernung folgte. Murphy bückte sich, hob einen Stein auf und schleuderte ihn zu den Tieren hinüber. Die Wölfe ergriffen die Flucht. Aber es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder zurückkehren würden. Murphys Körper war wie in Schweiß gebadet. Einige hundert Meter entfernt sah er mehrere Büsche, auf die er sich langsam zubewegte. Dort angekommen wollte er sich hinlegen, als er von irgendwoher das Plätschern eines kleinen Baches vernahm. Bald hatte der Dämonenjäger ihn gefunden. Das kühle Wasser tat ihm gut. Er stillte seinen Durst, obwohl er zuerst fast keinen Tropfen durch seine trockene Kehle bekam. Dann legte er sich zwischen die Büsche und starrte zum klaren Nachthimmel empor. Die fernen Sterne funkelten majestätisch. Das Plätschern des Baches schläferte ihn ein.

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MURPHY ERWACHTE, ALS ihn die ersten Sonnenstrahlen an der Nasenspitze kitzelten. Niesend richtete sich der Dämonenjäger auf. Wieder glomm dieser verständnislose Blick in seinen Augen auf. Die Hände tasteten zum Kopf, durchsuchten dann die Taschen seiner Hose. Sie enthielten nichts außer einem Feuerzeug und einer kleinen runden Dose. Dieses silberne Objekt hatte für ihn eine tiefe Bedeutung, doch leider wusste er nicht, worin diese bestand.

Stöhnend richtete Murphy sich auf. Seine Erinnerung war noch immer nicht zurückgekehrt. Er schwankte zum kleinen Bach hinüber, kühlte seine Wunden und trank einen Schluck. Der Dämonenjäger verspürte nagenden Hunger in den Eingeweiden. Sein Magen knurrte, als hätte sich dort ein halbes Dutzend Hunde eingenistet. Murphy blickte an sich herunter. Er machte einen erbarmungswürdigen Eindruck, erinnerte an einen verkommenen Penner, der sein letztes Geld schon vor Wochen verbraucht hatte. Aufstöhnend setzte er sich ins Gras. Wieder marterte er vergebens sein Gehirn, doch die Erinnerung wollte einfach nicht zurückkehren.

„Wenn ich nur meinen Namen wüsste“, murmelte der korpulente Mann. „Wer bin ich überhaupt? Warum schlug man mich zusammen?“

Murphy konnte diese für ihn so lebenswichtigen Fragen nicht beantworten. Er wusste nur, dass er noch am Leben war. Die Leute, die ihn misshandelt hatten, mussten einen Fehler begangen haben. Vielleicht hatten sie ihn mit einem Verbrecher verwechselt. Achselzuckend erhob sich der Mann. Sein Körper wies zahlreiche Hautabschürfungen, Schwellungen und Platzwunden auf. Die Leute, die ihn zusammengeschlagen hatten, schienen ganze Arbeit geleistet zu haben. Doch wo sollte er hin? Er konnte schließlich nicht hier mitten im Nirgendwo stehenbleiben. Er musste versuchen, Menschen zu treffen, sonst war er verloren. Hier würde er glatt umkommen.

Murphy zuckte zusammen, als er plötzlich Motorengeräusche hörte. Er kroch hinter einen dichten Busch und spähte zu den Bäumen hinüber, von wo das Geräusch kam. Was für ein Wagen mochte das sein? War es ein Fremder, der darin saß, oder kamen die Leute erneut zurück, um nochmals nach ihm zu sehen?

Murphy war waffenlos. Wenn sie ihn fanden, konnte es bitter für ihn werden. Der Dämonenjäger schluckte mühsam. Ein harter Zug legte sich um seine Mundwinkel. Direkt neben ihm stoppte der Wagen. Murphy schloss die Augen und wartete darauf, dass im nächsten Augenblick ein Schuss krachte und seinem Leben ein Ende setzen würde. Er hörte das Öffnen der Wagentür. Dann näherten sich Schritte, die unmittelbar vor ihm aufhörten. Zwei Hände griffen nach ihm, vorsichtig, ja fast behutsam. So hätte ihn bestimmt niemand angefasst, der ihn verprügeln oder töten wollte. Langsam schlug er die Augen auf und starrte in das Gesicht einer jungen und gut aussehenden Frau, die ihn erschrocken anstarrte.

„Um Gottes willen“, stieß sie hervor, „was ist denn mit Ihnen passiert?“

Sie hatte Spanisch gesprochen, und Murphy konnte die Worte verstehen. Aber Spanisch war mit Sicherheit nicht seine Muttersprache.

„Sind Sie verwundet?“, fragte die Frau.

Der Dämonenjäger nickte schwach. Er war ja so erleichtert, dass von ihr keine Gefahr ausging.

„Ist es schlimm?“, fragte sie. „Darf ich nach der Wunde sehen? Ich bin zwar kein Arzt“, setzte sie schnell hinzu, „aber ich verstehe einiges von Erster-Hilfe.“

Prüfend betrachtete sie sich die Kopfverletzung. „Einen Moment“, sagte sie dann, „Ich habe Verbandszeug im Wagen. So etwas muss man immer bei sich haben.“

Sie eilte zum Auto zurück und erschien gleich darauf mit einem Kästchen. Vorsichtig legte sie Murphy einen Kopfverband an.

„Sie haben sicher schon viel Blut verloren“, stellte die Frau dabei fest. „Wie ist denn das überhaupt passiert?“

Der Dämonenjäger starrte finster vor sich hin. Was sollte er ihr sagen? Er wusste ja selber nicht, was geschehen war. Aber andererseits musste das, was er erzählte, glaubhaft klingen. Da er im Moment jedoch einfach nicht fähig war, sich etwas auszudenken, schloss er die Augen. „Ich werde es Ihnen später sagen“, flüsterte Murphy ebenfalls auf Spanisch. „Ich kann jetzt einfach keinen klaren Gedanken fassen.“

„Wo wohnen Sie denn?“, fragte die Frau. „Ich würde Sie gerne nach Hause bringen.“

Langsam schüttelte er den Kopf. „Das ist leider nicht möglich. Ich war nur auf der Durchreise.“

Verblüfft blickte sie ihn an. „Soll ich Sie dann vielleicht in eine Klinik einliefern?

Abermals schüttelte Murphy den Kopf. „Auch das geht nicht“, erwiderte er leise. „Man hat mir alles abgenommen, was ich besaß. Ich könnte den Aufenthalt dort nicht einmal bezahlen.“

„Aber wenn Sie überfallen und ausgeraubt worden sind“, wandte sie ein, „dann wird sich die Polizei um die Bezahlung kümmern.“

Murphy überlegte einen Moment. Die Polizei? Nein, das war keine gute Idee. Solange er nicht wusste, wer er war und warum man ihn verprügelt hatte, sollte er sich lieber nicht an die Polizei wenden.

„Das wird nicht nötig sein“, sagte er schnell.

„Sind Sie sicher?“ Nachdenklich blickte die Frau ihn an. „Okay, dann lassen wir also die Polizei. Aber was sollen wir nun mit Ihnen machen?“

Murphy atmete heimlich auf. Bittend sah er sie an. „Hätten Sie nicht eine Möglichkeit, mich privat irgendwo unterzubringen?“, fragte er. „Ich werde selbstverständlich alles bezahlen, wenn ich wieder gesund bin.“

„Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben“, antwortete sie zu seiner Erleichterung. „Schließlich kann ich Sie ja nicht hier liegen lassen.“

Vorsichtig half sie dem Dämonenjäger hoch und führte ihn zum Wagen, wo sie ihn auf den Sitz packte. Wieder fühlte Murphy große Schmerzen durch seinen geschwächten Körper ziehen. Er brauchte dringend einige Tage Ruhe, um sich zu erholen.

„Hoffentlich halten Sie die Fahrt aus“, sagte sie besorgt.

„Es wird schon gehen“, versicherte Murphy und lächelte sie schwach an. „Wohin fahren Sie mich denn?“

„Zu mir“, erklärte die Frau. „Ich wüsste nicht, wohin ich Sie sonst bringen sollte. Ich wohne in Bárcabo, etwa fünf Kilometer von hier.“

„Soweit ist die nächste Ortschaft entfernt? Da hatte ich ja Glück, dass Sie mich hier gefunden haben.“

„Mit Glück hat das nichts zu tun. Ich fahre öfter hier heraus, um mich inspirieren zu lassen. Ich schreibe Kinderbücher“, fügte sie erklärend hinzu. „Und hier draußen in der freien Natur kommen mir immer die besten Ideen. Mein Name ist übrigens Felisa Perez.“

Nun erforderte es die Höflichkeit, dass auch er sich vorstellte. Doch was sollte er ihr sagen? Murphy beschloss, es mit der Wahrheit zu versuchen. „Ich weiß es nicht“, kam es leise über seine Lippen. „Es mag wohl eigentümlich klingen, doch ich weiß wirklich nicht, wer ich bin.“ Murphy griff sich an den bandagierten Kopf.

Felisa Perez startete den Wagen und fuhr los. „Sie können sich an überhaupt nichts erinnern?“

„Eine komische Geschichte, nicht wahr? Irgendjemand hat mich zusammengeschlagen. Und als ich wieder zu mir kam, hatte ich das Gedächtnis verloren. Meine Erinnerung ist beim Teufel. Ich komme mir vor wie ein neugeborenes Kind.“

Die Frau neben ihm staunte. Diese Erklärung war nicht so einfach zu verdauen. Vorausgesetzt natürlich, der Mann sagte die Wahrheit.

Eine halbe Stunde später erreichten sie Bárcabo. Das Haus, in dem Felisa Perez wohnte, war zweistöckig, hatte eine braungelbe Fassade und ein rotes Spitzdach.

„So, wir sind da.“ Sie stieg aus, eilte um den Wagen herum zur Beifahrertür und öffnete sie. „Kommen Sie, wir gehen hinein.“ Felisa griff Murphy unter den Arm und zog ihn förmlich vom Sitz. „Ich habe ein kleines Gästezimmer. Dort können Sie sich erst einmal ausruhen.“

Der Dämonenjäger biss die Zähne zusammen. Unerträgliche Kopfschmerzen und ein immer stärker werdendes Schwindelgefühl quälten ihn.

„Lassen Sie uns gehen, bevor Sie mir noch ohnmächtig werden.“

„Ich werde nicht ohnmächtig“, entgegnete Murphy. „Nur etwas langsamer, bitte. Bei Ihrem Tempo wird mir schwindelig.“

Felisa zwang sich zu einem normalen Schritt. „Tut mir leid. Ich wollte Sie nur im Haus wissen, bevor ...“

Der Dämonenjäger bedachte sie mit einem fragenden Blick.

„Mir ist wohler, wenn Sie erst mal liegen.“

„Das werde ich auch gleich tun.“

Dem korpulenten Mann konnte man ansehen, wie müde und angestrengt er war. Felisa brachte ihn ins Haus, hielt ihn den ganzen Weg zum Gästezimmer am Arm fest.

„Kommen Sie, ich ziehe Ihnen die Schuhe aus“, sagte sie und beugte sich über ihn. „Legen Sie sich aufs Bett. So ist es richtig.“

Der Dämonenjäger schloss die Augen und fiel kurz darauf in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf.

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EIN DUNKELGRÜNER HIMMEL spannte sich über die bizarre Landschaft. Nirgends waren Pflanzen oder Tiere zu sehen; nur Steine und Sand. Flammen schossen empor. In dem Feuer waren Menschen, Männer und Frauen. Einige lagen nackt auf den Knien. Ihre Hände hingen in starken Ketten, die an Pflöcken im Sand befestigt waren. Anderen hatte man die Hände mit den Füßen zusammengebunden, was bei ihnen zu einer äußerst unangenehmen Körperhaltung führt. Wieder andere standen aufrecht an Pfähle gebunden. Um ihre Hälse lagen dornengespickte Halskrausen, deren Stacheln sich in das Fleisch ihrer Träger bohrten. Blut lief aus den Wunden und bedeckte die ausgemergelten Körper.

Schwarze Schwingen mit einer Spannweite von gut vier Mannshöhen stießen vom Himmel nach unten. Über den Menschen hielten sie an und sanken schließlich herab. Das Ungetüm hatte riesige Krallen und gelbe Augen, die wie Höllenfeuer brannten. Es war eine bewaffnete Personifikation des Todes. Gierig schlug das Tier mit seinem spitzen Schnabel zu, um den Menschen die Gesichter wegzufetzen. Übrig blieben blutüberströmte Köpfe, Totenschädel und Münder, die sich im stummen Schrei der Qual weit geöffnet hatten.

Murphy erwachte abrupt. Er setzte sich auf, starrte mit offenen Augen umher, während der Rest seiner wirren Träume sich verlor. Er kannte weder das Bett, in dem er ruhte, noch das Zimmer, in dem es stand. Alles kam ihm so fremd und unwirklich vor. Als er die Bettdecke zurückschlug, entdeckte er, dass er einen Pyjama trug, dessen grüne Längsstreifen sein Geschmacksempfinden verletzten. Warum hatte er nur dieses scheußliche Ding angezogen?

Murphy bemühte sich verzweifelt, die bleierne Schwere loszuwerden, die seine Bewegungen und sein Denkvermögen lähmte, aber es ging nicht. Er versuchte, sich zu erinnern. Wie kam er in dieses Zimmer? Wo befand er sich? Der Raum hatte zwei Fenster. Hinter den geschlossenen Vorhängen war es hell. Das Knattern eines Traktors wurde laut, zog vorüber, dann verebbte das Geräusch. Murphy stand auf und trat vor den Spiegel, der über einem Waschbecken an der gegenüberliegenden Wand hing. Er sah sein Gesicht, dieses schmale, markante Oval mit den dunklen Augen, dem Vollbart und dem roten Haar. Er stützte sich mit beiden Händen auf das kleine Keramikwaschbecken. Er zwang sich zur Ruhe, zum Nachdenken. Er war verletzt worden, ja, genau, man hatte ihn zusammengeschlagen ... und dann fand ihn diese Frau und brachte ihn in dieses Zimmer. Ihr Name war Felisa ... Felisa Perez.

Nur an seinen eigenen Namen konnte er sich nicht erinnern. Murphys Gedanken verwirrten sich. Weshalb hatte man ihn verprügelt? War er irgendjemandem in die Quere gekommen? Oder hatte man ihn nur überfallen, um ihn auszurauben? Immerhin war seine Brieftasche verschwunden. Murphy ging zur Tür. Zögernd streckte er die Hand aus und drückte die Klinke herab. Die Tür ließ sich öffnen. Befreit atmete der Dämonenjäger auf. Er blickte in einen schmalen Korridor, von dem einige gebeizte Türen abzweigten. Der Flur erschien ihm genauso fremd wie das Zimmer, in dem er erwacht war. Murphy schloss die Tür, ging zum Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf. Es tat gut, das erfrischende Nass auf der Haut zu spüren. Gleichzeitig begann er zu begreifen, dass er mit einer Situation fertig werden musste, die ohne Parallelen war und die sein Leben mit einem Schlag verändert hatte. Ein lautes Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren.

„Ja, bitte“, sagte er und machte ein paar Schritte nach vorn.

Felisa Perez öffnete die Tür. „Alles in Ordnung?“ fragte sie.

„Ich bin etwas benommen“, erwiderte Murphy, den es immer noch danach drängte, Details zu sammeln, die Licht in diese mysteriöse Affäre brachten.

„Kein Wunder. Sie haben fast vierundzwanzig Stunden geschlafen.“

„So lange?“

„Ja.“

Er blickte an sich herunter. „Was ist mit meiner Kleidung?“

„Ich habe sie gewaschen. War ziemlich dreckig.“

„Und dieser Pyjama?“

„Der gehörte meinem Mann. Er ist vor drei Jahren an einem Gehirntumor gestorben.“

„Oh, das tut mir leid“, sagte er einfach, weil er nicht wusste, wie er sich anders ausdrücken sollte.

„Schon gut“, erwiderte sie lächelnd.

„Haben Sie mich ausgezogen?“

Felisa nickte. „Keine Sorge. Ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen.“ Sie blickte ihm tief in die Augen. „Wie wär‘s, wenn ich Ihnen etwas zu essen machen würde?“

„Hätte nichts dagegen einzuwenden.“

„Gut, dann kommen Sie mit.“ Felisa führte ihn in die Küche. „Wie geht es Ihrem Kopf? Haben Sie noch Schmerzen?“

„Es geht“, sagte der Dämonenjäger, während er sich an den Tisch setzte. „Nur mein Erinnerungsvermögen lässt mich noch immer im Stich. Ich weiß einfach nicht, wer ich bin.“

„Das wird schon wieder.“ Sie wandte ihm beim Kaffeekochen den Rücken zu.

„Und was soll ich solange machen? Einfach nur dasitzen und Däumchen drehen?“

Sorgfältig stellte Felisa zwei Tassen auf ein Tablett und goss frische Sahne aus dem Kühlschrank in ein Kännchen. Die Kaffeemaschine gurgelte. Der kräftige Geruch breitete sich im Raum aus. Felisa schenkte das dunkle Gebräu in die Tassen, nahm das Tablett und brachte es zum Küchentisch, wo schon ein Korb mit mehreren Brotsorten, Butter und ein Teller mit verschiedenem Belag standen.

„Können Sie sich denn an gar nichts erinnern?“, fragte sie.

„Nicht wirklich. Alles ist so verschwommen.“ Er trank einen Schluck, blickte aus dem Fenster und war bemüht, Ordnung in den Wirrwarr seiner Gedanken zu bringen. „Wenn ich nur einen Anhaltspunkt hätte.“

„Vielleicht hilft Ihnen das weiter“, sagte Felisa, während sie eine kleine runde Metalldose auf den Tisch legte.

Murphy betrachtete den Gegenstand. Wieder hatte er das Gefühl, dass der dunkle Vorhang von seinem Gedächtnis weichen wollte. Doch der große Augenblick trat nicht ein.

Er trank abermals einen Schluck. „Ich bin hier in Spanien, nicht wahr?“

Felisa nickte. „In Bárcabo, um genau zu sein.“

Er stellte seine Tasse zurück auf den Tisch. „Warum? Was habe ich gesucht?“

„Vielleicht wohnen Sie hier irgendwo in der Gegend?“

„Nein, das glaube ich nicht.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Ich weiß nicht. Es ist nur so ein Gefühl.“

„Sie sprechen doch perfekt Spanisch.“

„Schon, aber trotzdem wohne ich nicht hier.“ Murphy bestrich sich eine Scheibe Brot mit Butter und Leberwurst. „Da sind Bilder in meinem Kopf. Blutige Bilder von Tod und Gewalt. Aber es sind nur Fragmente, nichts Zusammenhängendes.“

„Vielleicht wäre es doch besser, wenn ich Sie zu einem Arzt bringen würde“, drängte Felisa.

„Nein, keinen Arzt.“ Er legte das angebissene Brot aus der Hand. „Der wird mir auch nicht helfen können.“

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BORN TO BE WILD“ VON Steppenwolf donnerte durch das Innere des alten VW-Bullis, an dem sichtbar der Zahn der Zeit genagt hatte. Manuel Ortega neigte den Kopf im Takt der dröhnenden Klänge, während seine Finger auf dem Lenkrad trommelten. Als er den Bulli in die Kurve hineinsteuerte, verringerte er die Geschwindigkeit. Sein Blick wanderte von der Straße zu seiner Armbanduhr.

„Viertel vor drei“, murmelte er zufrieden. Vielleicht schaffte er es tatsächlich, bis zum Morgen Madrid zu erreichen, wo er ein paar nette Tage verbringen wollte. Plötzlich ging ein harter Ruck durch den Wagen, und irgendwo knirschte etwas. Der junge Mann klammerte seine Hände um das Lenkrad und wartete darauf, dass sich das Knacken wiederholte. Als das nicht geschah, atmete er unwillkürlich auf. Er hatte schon befürchtet, dass die Hinterachse defekt war. Aber jetzt fuhr der Bulli wieder störungsfrei. Es musste ein Hindernis auf der Straße gewesen sein, ein Ast vielleicht, oder ein totes Tier, das er im blassen Licht der Scheinwerfer übersehen hatte.

Manuel Ortega streckte seine rechte Hand aus und verminderte die Lautstärke der Musik. Ein breites Grinsen legte sich auf sein Gesicht, als er an die Tage dachte, die er in Madrid verbringen würde. Wieder tauchte eine Kurve vor ihm auf. Diesmal ging er vorsichtshalber noch weiter mit der Geschwindigkeit herunter. Die Stoßdämpfer stöhnten gequält, als sich der Bulli zur Seite neigte. Manuel Ortega summte zu der Musik, die noch immer laut genug war, um das gleichmäßige Blubbern des Motors zu übertönen – und hielt im nächsten Augenblick erschrocken inne. Das, was seine Augen wahrnahmen, war so überraschend und verwirrend, dass er für Sekunden zu keiner Reaktion fähig war.

Nicht weit voraus kam eine Schar Krähen auf die Oberfläche der Straße herabgeschossen. Allerhand Kleingetier, das sich in Unkenntnis der Gefahr auf den Asphalt begab, wurde von den Rädern der Fahrzeuge zerquetscht. Und so fanden die Krähen einen ständig gedeckten Tisch. Diesmal allerdings benahmen sie sich auf merkwürdige Weise anders. Einen Moment lang hatte Ortega den Eindruck, sie griffen seinen Wagen an. Die Vögel stürzten sich ihm von schräg oben entgegen. Ortega duckte sich. Zwei der großen Krähen prallten mit hässlichen, dumpfen Schlägen gegen die Windschutzscheibe. Der Rest des Schwarms flog zur Seite.

Unwillkürlich trat Ortega auf de Bremse. Im gleichen Augenblick zog der Bulli scharf nach links. Der junge Mann fluchte laut, weil ihm gerade einfiel, dass er die Bremsen noch hatte überprüfen lassen wollen. Doch dazu war es nun zu spät. Mit beängstigender Geschwindigkeit näherte sich der Bulli dem Straßenrand, neigte sich rumpelnd zur Seite und stürzte um. In den Lautsprechern der Stereoanlage knirschte es. Dann verklang die dröhnende Musik und machte dem Bersten Platz, als der Bulli in das Dickicht krachte. Ortega verlor vollkommen die Orientierung. Um ihn herum herrschte nur noch Chaos.

Erst nach mehreren Minuten bemerkte er, dass wieder Ruhe eingekehrt war. Er bewegte sich, spürte einen harten Schmerz in seiner Brust und fluchte ausgiebig. Der Bulli lag auf der Seite, und der Motor gab keinen Laut mehr von sich. Ortega befreite sich aus dem Sicherheitsgurt. Dann trat er mehrmals gegen die verzogene Tür, bevor sie sich öffnen ließ. Kühle Luft schlug ihm entgegen. Laut stöhnend prallte er auf weichen, nachgebenden Boden.

„Diese verdammten Vögel! Was zum Teufel war bloß los mit denen?“

Keuchend kam er auf die Füße, stieg die Böschung empor und taumelte die Straße entlang.

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FELISA PEREZ KONNTE nicht einschlafen. Mit offenen Augen lag sie im Bett und wälzte sich unruhig von einer Seite zur anderen. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem Mann, der jetzt in ihrem Gästezimmer schlief. Sie fand ihn attraktiv ... und geheimnisvoll. Sein Gesicht war gleichmäßig, Wangenknochen und Kinn ausgeprägt, verstärkt durch den roten Vollbart. Seine Nase war kräftig, passte zu seinem markanten Gesicht. Und seine Augen ... seine Augen waren von einer unergründlichen Traurigkeit durchdrungen. Dieser Blick irritierte sie, hielt sie gefangen und löste etwas in ihr aus. Sie sehnte sich nach Zärtlichkeit, nach Berührungen, nach Sex. Seit dem Tod ihres Mannes war Felisa mit keinem anderen mehr zusammen gewesen. Und auch mit ihm nicht im körperlichen Sinn, ein halbes Jahr, bevor er starb. Er war zu krank gewesen, zu schwach. Seltsam genug, ihr hatte der Sex nicht einmal richtig gefehlt. Es gab wichtigere Dinge, die den Sex unwichtig erscheinen ließen. Ihr Mann brauchte Hilfe und Pflege. So hatte sie ihre Bedürfnisse verdrängt und vergessen. Sex war zwischen ihr und ihrem Mann sowieso nie so wichtig gewesen, nicht nach der ersten flammenden Leidenschaft am Anfang ihrer Beziehung. Und das war wohl nur auf die jugendliche, unbändige Wildheit zurückzuführen. Ihre Hormone hatten sie schon lange nicht mehr unter Druck gesetzt, schon eine ganze Weile vor dem schrecklichen Tag, als der Tumor festgestellt worden war. Während der langen Krankheit, als sie vor Angst um ihren Mann nicht schlafen und den Alltag kaum bewältigen konnte, hatten Freunde sie großzügig unterstützt. Zusammen mit einem nicht versiegenden Strom an Lebensmitteln, kamen die selbstlosen Angebote, notwendige Reparaturen zu übernehmen oder Einkäufe zu erledigen. Auch nach der Beerdigung gab es weiterhin diese freundschaftliche Unterstützung. Manchmal erstreckte sie sich unausgesprochen auf mehr als nur das – einige Male sogar sehr direkt. Aber keine davon hatte ihren schlummernden Sextrieb erwecken können. Sie kannte diese Männer fast ihr ganzes Leben lang. Zumeist waren es nette Männer. Aber sie hatten Felisa davor nicht interessiert, und sie taten es auch jetzt nicht. Das traf auch auf Arturo Ramirez zu – zweimal geschieden und mehr als bereit, ihre Enthaltsamkeit zu beenden. Nicht einmal er hatte es geschafft. Ganz im Gegensatz zu ihrem unbekannten Gast. Sie hatte ihn nur angesehen – sein markantes Gesicht, seine Augen und das Versprechen darin, seine kultivierte Art und Eleganz -, und ihr schlummernder Trieb war ruckartig erwacht.

Felisa richtete sich auf, schob die Beine aus dem Bett und erhob sich langsam. Das Fenster war nur angelehnt. Sie ging hinüber und öffnete es ganz, um die kühle Nachtluft einzuatmen. Gerade als sie sich wieder zurückziehen wollte, entdeckte sie die beiden Gestalten unten auf der Straße. Merkwürdig, wie die sich benahmen. Mehrmals blickten sie sich nach allen Seiten um. Mit denen stimmte etwas nicht. Wollten sie hier irgendwo einbrechen? Es hatte ganz den Anschein. Felisa zog sich soweit zurück, dass sie von unten nicht gesehen werden konnte, und erschrak. Die Gestalten kamen direkt auf dieses Haus zu. Und ihr Erscheinen konnte kein Zufall sein. Sie hatten es auf jemanden abgesehen. Und Felisa wusste auch, wer die betreffende Person war.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738916560
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
david murphy finale

Autoren

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Titel: David Murphy -  Finale