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Henry Rohmer Thriller - Killerpfeile

2018 150 Seiten

Leseprobe

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Killerpfeile

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Thriller von Alfred Bekker (Henry Rohmer)

Der Umfang dieses Ebook entspricht 140 Taschenbuchseiten.

Ein Profi-Killer tötet einen Gangster und findet eine Menge Geld. Er kann der Versuchung nicht widerstehen und glaubt, dass er nun ausgesorgt hat. Aber schon bald ist ein Kopfgeld der Syndikate auf ihn ausgesetzt. Die Ermittler des FBI folgen seiner Blutspur...

Ein packender Action Thriller von Henry Rohmer (Alfred Bekker).

Henry Rohmer ist das Pseudonym von Alfred Bekker, der vor allem als Verfasser von Fantasy-Romanen und Jugendbüchern bekannt wurde. Daneben ist er Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Cotton Reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Ren Dhark.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress E-Book

© 2014 by Author

© 2014 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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1

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Die Nacht war eiskalt.

Der Killer hebelte mit einem Schraubenzieher beinahe lautlos das Fenster auf. Ein Kinderspiel. Die Uzi-Maschinenpistole hing ihm an einem Riemen über die Schulter.

Er packte sie mit der Rechten und stieg in den kleinen, schmucken Bungalow ein. In der Dunkelheit war er kaum zu sehen. Er trug eine schwarze Hose und eine dunkelbraune Lederjacke. Außerdem eine Sturmhaube, die von seinem Gesicht nur die Augen freiließ.

Die Lederjacke saß ziemlich stramm.

Darunter trug er eine kugelsichere Weste. Teuerste Ausführung. Ganze Feuerstöße einer Maschinenpistole konnte sie auffangen.

Der Killer war für alles gerüstet.

Es konnte nichts schiefgehen.

Der Mann, dessen Leben er auslöschen wollte, lag jetzt in seinen Kissen. Stundenlang hatte der Killer dieses Haus in Riverdale, dem gutbürgerlichen Teil der Bronx, beobachtet.

Und jetzt war es soweit.

Jetzt würde er zuschlagen und danach ausgesorgt haben.

In seinen Augen blitzte es. Er war voll konzentriert.

Nichts durfte schiefgehen...

Die Uzi war schussbereit.

Ein Druck auf den Abzug und das Bleigewitter würde loskrachen. Es war keine elegante Waffe, aber eine, bei der man kein Meisterschütze zu sein brauchte, um mit Sicherheit seinen Gegner zu töten. Denn irgendeine der Bleikugeln würde den anderen schon erwischen und daran hindern, selbst zur Waffe zu greifen.

Der Killer durchquerte ein weiträumiges, konservativ eingerichtetes Wohnzimmer. Ein großer Fernseher stand im Zentrum. Davor eine Sitzgruppe mit niedrigem Tisch und klobigen Ledersesseln. Eine Standuhr tickte. Sah aus wie ein uraltes Erbstück. Das Ticken ging dem Killer ein bisschen auf die Nerven. Es erinnerte ihn an einen Zeitzünder.

Die Tür zum Flur stand offen.

Vorsichtig tastete sich der Killer bis dorthin vor, die Uzi im Anschlag.

Dann ging er langsam weiter.

Alles war ruhig.

Lautlos schlich er über den PVC-Boden.

Die Tür zum Bad war angelehnt. Der Killer schob sie weiter auf und blickte hinein. Niemand dort.

Daneben befand sich die Küche. Das Schlafzimmer war gegenüber. Der Killer hatte das ausgekundschaftet. Vorsichtig drückte er die Klinke hinunter. Beinahe lautlos öffnete er sie mit der Linken, während die Rechte die Uzi hielt jederzeit bereit zu feuern.

Der Mond schien durch das Fenster.

Der Killer ließ den Blick schnell durch den Raum schweifen.

Eine Tür führte in einen weiteren Raum. Und von dort konnte man wiederum zurück in den Flur gelangen.

Das Bett befand sich in einer Ecke.

Ein Doppelbett.

Die Kopfseite lag im Schatten, der Rest wurde vom Mondlicht angestrahlt. Deutlich sah der Killer etwas rundes, längliches sich unter der Decke abheben.

Den Körper seines Opfers!

Noch einen Schritt machte der Killer in den Raum hinein. Er wollte absolut sichergehen und seinem Gegenüber keine Chance lassen.

Dann drückte er ab. Rot züngelte das Mündungsfeuer aus dem kurzen Lauf der Uzi heraus. Die Projektile schlugen durch die Bettdecke, durch das Holz und in die Wand. In einem Umkreis von ein bis zwei Metern durchsiebte der Bleihagel buchstäblich alles.

Jetzt hat es dich erwischt, du Bastard!, dachte er zufrieden.

Der Killer atmete tief durch. Dann trat er zum Bett.

Licht machte er nicht. Er wollte nicht, dass einer der Nachbarn etwas sehen konnte.

Mit einer wuchtigen Bewegung riss er die Decke zur Seite.

Er erwartete einen unappetitlichen Anblick, aber er wollte sichergehen. Absolut sicher.

Er stöhnte auf, als er sah, was vor ihm lag.

Zerfetzte Bettwäsche.

Die Erkenntnis war wie ein Keulenschlag. Aus den Augenwinkeln heraus glaubte er eine Bewegung zu sehen und und wirbelte herum.

Zu spät.

Sein Gegner blieb für ihn unsichtbar. Ein klackendes Geräusch ertönte und im nächsten Moment drang dem Killer ein Metallbolzen mitten durch die Stirn.

Sein Schädel zerplatzte wie eine Melone.

Durch die Wucht des Aufpralls taumelte der Killer rückwärts und rutschte am Türpfosten zu Boden. Der verkrampfte Griff, mit dem seine Rechte die Uzi gehalten hatte, löste sich. Die Waffe rutschte seitwärts, bis der Schulterriemen sich strammzog.

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Kein Mensch, der in Riverdale wohnt sagt von sich, dass er aus der Bronx kommt. Und das, obwohl Riverdale zweifellos zur Bronx gehört.

Aber die Bronx bringt man im allgemeinen mit Armut, Verfall, Obdachlosigkeit und Straßengangs in Verbindung, die die einzelnen Straßenzüge für die Crack-Dealer untereinander aufteilen. Wohnblocks, die aussehen wie Ruinen und Straßen, um die selbst die Cops einen Bogen machen oder sich nur mit Pump-gun und kugelsicherer Weste hineintrauen.

Aber es gab auch eine ganz andere Seite der Bronx und Riverdale gehörte dazu. Schmucke Einfamilienhäuser konnte man hier finden und kleine Geschäfte. Hier wohnten Angestellte und kleine Geschäftsleute, denen die horrenden Mieten in Manhattan einfach zu teuer waren.

Und in einem dieser Bungalows lag der Tatort, an den wir an diesem Tag gerufen wurden.

Ich parkte meinen roten Sportwagen etwas abseits. Überall standen Einsatzfahrzeuge herum.

Uniformierte Cops der City Police patrouillierten herum und sicherten alles ab. Ich sah auch den Wagen des Gerichtsmediziners.

"Also los, Jesse", meinte mein Freund und Kollege Milo Tucker und zog schon einmal seinen FBI-Dienstausweis hervor.

Ohne eine solche Legitimation würde uns keiner der Polizisten bis zum Ort des Geschehens lassen. Wir stiegen aus.

Dem ersten der Uniformierten zeigten wir unsere Ausweise.

"Special Agent Jesse Trevellian vom FBI", murmelte ich dabei. "Dies ist mein Kollege Special Agent Tucker."

Der Polizist - ein kräftiger Mann mit breiten Schultern und blauen Augen - nickte.

Er machte eine Handbewegung.

"Kommen Sie, Sie werden schon erwartet.“

"Wer leitet den Einsatz hier?", erkundigte ich mich.

"Captain Ramirez von der Homicide Squad des 59. Reviers", erklärte der Police Officer.

Wir folgten ihm in den Garten. Captain Ramirez kannte ich flüchtig. Er stand mit den Händen in den Hosentaschen da und wirkte ziemlich nachdenklich.

Der Gerichtsmediziner schien seine Arbeit gerade beendet zu haben. Er kam aus dem hinteren Eingang des Hauses heraus.

Sein Gesicht war bleich wie die Wand. Er wandte sich an Ramirez. "Mehr, als ich Ihnen schon gesagt habe, können Sie jetzt noch nicht von mir erwarten."

"Verstehe", knurrte Ramirez.

Der Arzt wechselte seine Tasche von der rechten in die linke Hand und lockerte sich dann die Krawatte. Er sah ziemlich mitgenommen aus.

"Ein Mann ohne Kopf ist auch für mich kein Anblick, den ich vor dem Frühstück gut vertragen kann", erklärte er. Sein Lächeln wirkte gequält. "Also dann, Captain!"

Er wandte sich herum und ging an uns vorbei. Der Arzt grüßte uns knapp.

Captain Ramirez schaute zu uns herüber.

"Auf Sie habe ich gewartet", meinte er, ehe der Officer etwas erklären konnte. "Wir gehen hinten hinein. Vorne sind die Kollegen der Spurensicherung noch bei der Arbeit."

"Okay", sagte ich.

Während wir gingen, sprach Ramirez weiter. "Dieses Haus gehört einem gewissen James McInnerty und seiner Frau Susan. Die sind aber für ein halbes Jahr in Europa und nehmen dort an einem Austauschprogramm für Lehrer teil. Seit ein paar Wochen hat sich hier nun ein Mann einquartiert, der sich John Smith nannte."

"Klingt nicht gerade nach viel Phantasie", kommentierte Milo.

Ramirez grinste.

"Wir gehen auch davon aus, dass er nicht wirklich so heißt. Die Nachbarn dachten, dass die McInnertys ihr Haus für die Zeit ihres Europa-Aufenthalts vermietet hätten. Ich habe bereits mit ihnen telefoniert. Die wissen nichts davon, dass dieser Smith sich hier aufgehalten hat..."

"Gibt es eine Personenbeschreibung?", fragte ich.

"In Kürze sogar ein Phantombild. Ein paar Kollegen sind noch in der Nachbarschaft unterwegs, um die Bewohner nach ihren Beobachtungen zu befragen..."

Durch den Hintereingang betraten wir das Haus. Ich ließ den Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Mir fiel sofort das Fenster auf.

"Da ist er durchgestiegen", meinte Ramirez.

"Wer? Smith?", fragte ich.

Ramirez schüttelte den Kopf. "Nein, der Mann, der jetzt keinen Kopf mehr hat. Er hatte eine Uzi bei sich, von der er auch ausgiebig Gebrauch gemacht hat. Offenbar wollte er Smith umbringen, zog aber den Kürzeren."

Ramirez führte uns durch den Flur.

"Vorsicht!", rief jemand.

Es war einer der Kollegen der Scientific Research Division, kurz SRD. Dabei handelte es sich um den zentralen Erkennungsdienst der verschiedenen New Yorker Polizeieinheiten einschließlich des FBI-Districts.

"Wir fassen schon nichts an", meinte Milo.

Ramirez führte uns ins Schlafzimmer.

Der Anblick war grässlich.

"Der Tote heißt Bruce Reynolds, auch wenn man das anhand einer Fotokartei nicht mehr erkennen könnte. Aber die Fingerabdrücke stimmen überein..."

Ich nickte.

Deswegen waren wir hier. Reynolds stand seit langem auf unserer Fahndungsliste. Er hatte im Verdacht gestanden, an verschiedenen Morden im Mafia-Milieu beteiligt gewesen zu sein. Schon deswegen war das ein Fall für uns vom FBI-District New York City.

Ich bückte mich zu dem Toten hinunter.

"Wodurch wurde er getötet?", fragte ich.

"Durch einen Stahlbolzen", erläuterte Ramirez. Ich erhob mich und der Captain deutete auf den Nachttisch neben dem Doppelbett. "Dort liegt das Geschoss", meinte er. Der Bolzen war so lang wie ein Finger und sorgfältig in Plastik eingetütet. "So etwas verschießt man mit einer Armbrust", meinte Ramirez dann. "Allerdings normalerweise nur zu sportlichen Zwecken..."

Ich erhob mich, sah mir den Bolzen eingehend an und hörte, wie Milo derweil das Geschehen rekonstruierte.

"Reynolds hatte also offenbar den Auftrag, diesen mysteriösen Mister Smith zu töten."

"Ja", sagte Ramirez.

"Reynolds muss eine Menge Respekt vor seinem Opfer gehabt haben", schloss Milo. "Er hat eine Uzi benutzt - und nicht etwa eine Automatik mit Schalldämpfer, was viel weniger Aufsehen erregt hätte."

"Sein Wagen stand draußen an der Straße", gab Ramirez zu bedenken. "Reynolds hätte ihn bequem erreichen können, bevor es hier ungemütlich geworden wäre."

"Er wollte auf Nummer sicher gehen!"

"Sieht so aus! Und doch ist dieser Smith ihm zuvorgekommen!"

Jetzt mischte ich mich wieder ein. "Wurde der Wagen schon untersucht?"

"Ja."

"Und?"

"Wir haben einen falschen Führerschein und seine Brieftasche gefunden. Darin fand sich auch eine Hotelquittung. Nicht gerade die feinste Adresse, wenn Sie mich fragen, Agent Trevellian. Aber er hatte ja wohl allen Grund dazu, seinen Wohnsitz öfter mal zu wechseln, oder?" Ramirez Blick wandte sich noch einmal zu dem Toten.

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"Der Kampf zweier Profis", meinte ich, während wir auf dem Weg zur Lafayette Street im Norden von Little Italy waren, wo sich die Absteige befand, in der Reynolds zuletzt gelebt hatte. "Das kann eigentlich nichts Gutes bedeuten..."

"Ein Gangsterkrieg?", fragte Milo.

Ich zuckte die Achseln.

"Jedenfalls muss jemand sehr große Angst vor dem geheimnisvollen Mister Smith haben..."

"Offenbar mit Recht!" Milo schaute mich an.

"Glücklicherweise dürfte es nicht allzuviele Killer geben, die sich einer Armbrust bedienen. Das engt den Kreis der Verdächtigen schon einmal ein."

Wenig später erreichten wir das Hotel 'Firenze'. Es hatte sicherlich schon bessere Zeiten gesehen. Jetzt blätterte der Putz von der Fassade. Es war nur eine Frage der Zeit, bis irgendein Spekulant dieses Grundstück aufkaufte und die Abrissbirne anrücken ließ.

Die Tür knarrte, als wir in die schmuddelige Eingangshalle eintraten.

Der Portier hinter dem Rezeptionstresen musste mindestens hundertfünfzig Kilo wiegen. Er hatte einen kräftigen Oberlippenbart und ein breites Gesicht. Trotz seines Übergewichts wirkte er aber eher kräftig als schwabbelig. Der Mann erinnerte mich an einen Sumo-Ringer und eine handfeste Auseinandersetzung mit ihm stellte ich mir alles andere als angenehm vor.

"Egal, ob Sie bar oder mit Karte bezahlen - wir vermieten nur gegen Vorkasse plus Kaution", knurrte der Riesenkerl ohne aufzublicken.

Er hantierte gerade an einem Gerät herum, mit dem man Geldscheine auf ihre Echtheit hin überprüfen konnte. Das Ding funktionierte einfach nicht.

Ich legte ihm meinen Dienstausweis auf den Tresen.

Und daneben gleich Reynolds' falschen Führerschein. Es war eine schlechte Arbeit und vermutlich war das der Grund dafür gewesen, dass Captain Ramirez Leute die Fingerabdrücke des Toten sofort in den Computer gegeben hatten...

Immerhin stimmte das Lichtbild.

"Oh," ächzte der Portier, als er den FBI-Dienstausweis sah. Er schaute erst mich, dann Milo an. "Hätte ich mir ja denken können..."

"Wieso?"

"Na, so wie Sie beide aussehen. Das riecht doch förmlich nach Polizei!"

Ich deutete auf das Bild im Führerschein.

"Kennen Sie diesen Mann?"

"Nie gesehen!"

Ich schlug mit der Hand auf den Tisch. "Sie haben überhaupt nicht hingesehen!"

"Es ist ein von der Verfassung garantiertes Menschenrecht, hinsehen zu dürfen, wo man will - oder eben auch nicht!" Sein breites Grinsen wirkte wie eine hässliche Grimasse. In seinen Augen blitzte es triumphierend.

Ich warf ihm einen eisigen Blick zu.

"Hören Sie gut zu. Dieser Mann war ein gesuchter Killer, den es jetzt selbst erwischt hat. Für ihn können Sie nichts mehr tun, aber Sie könnten in Schwierigkeiten kommen, wenn Sie..."

Der dicke Mann drehte sich herum, nahm einen Schlüssel vom Haken und legte ihn auf den Tresen.

"Zimmer dreizehn", knurrte er. "Die Treppe hoch und dann links. Sie laufen direkt auf Mister Grants Zimmer zu."

"Mister Grant?", fragte ich.

"Er hat sich hier als Bruce Grant eingetragen."

"Seit wann wohnte er hier?"

"Ein paar Wochen."

"Hatte er Besuch?"

"Nein. Kein einziges Mal. Aber da fällt mir was ein..."

"Was denn?"

"Es ist ein Telegramm für unseren Gast angekommen."

"Zeigen Sie es mir."

Der Dicke suchte es umständlich aus einer Schublade heraus.

Der Text war sehr kurz.

Ich runzelte die Stirn und gab es an Milo weiter. "Eine Buchstabenkombination", stellte mein Kollege fest. Er zuckte die Achseln.

"Vielleicht eine verschlüsselte Nachricht?"

Milo zuckte die Achseln.

"Seit wann macht sich die Mafia soviel Mühe? Die verständigen sich per Handy oder Internet. Und wenn's dann doch mal schiefgehen sollte, investieren sie lieber in gute Anwälte und Schmiergelder..."

Ich sah Milo an. "...und notfalls in einen präzise arbeitenden Killer, der Zeugen ausschaltet!"

"Du sagst es."

Ich deutete auf das Telegramm. " Wir lassen es trotzdem untersuchen. Mal sehen, was unsere Spezialisten herausbekommen."

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Bruce Reynolds' Zimmer war kahl und schmucklos. Die Tapete war an manchen Stellen feucht und angeschimmelt, das Mobiliar bestand nur aus einem Minimum. Aber das 'Firenze' war ja auch kein Hotel der Luxusklasse.

Wir fanden eine Sporttasche mit persönlichen Dingen. Einige Kleidungsstücke befanden sich darin. In einer verborgenen Bodentasche war außerdem eine Pistole mit Schalldämpfer zu finden.

In einem Aschenbecher fanden wir Reste von verbrannten Fotos. Ich tütete sie sorgfältig ein, aber aber es bestand wenig Hoffnung, noch herausfinden zu können, wer dort abgebildet gewesen war.

"Vielleicht ein Foto von dem Kerl, den er umbringen sollte", meinte ich.

Milo nickte.

Er griff nach der Schublade des Nachttischs und zog sie heraus. Darin lag ein kleines Adressbuch. Milo blätterte etwas darin und zeigte es mir dann.

Ich hob die Augenbrauen. "Keine Namen, keine Adressen...", stellte ich fest.

Und Milo vollendete: "Nur Kombinationen aus Buchstaben... Es gibt noch nicht einmal einen Hinweis darauf, ob dies wirklich Reynolds Buch ist."

"Ich nehme es an. Schließlich scheint das Telegramm an ihn in demselben Code verfasst worden zu sein wie die Eintragungen in diesem Adressbuch!"

Milo nickte.

"Der Kerl war verdammt vorsichtig."

"Er hatte bestimmt seine Gründe dafür!"

Ein Geräusch ließ mich herumfahren. Es waren Schritte hochhackiger Schuhe auf dem knarrenden Holzboden.

Eine junge Frau stand in der Tür.

Ich schätzte sie auf höchstens 25 Jahre. Das dunkle Haar fiel ihr lang auf die Schultern. Das feingeschnittene, hübsche Gesicht drückte Verwunderung aus. Die dunklen Augen musterten mich fragend.

Sie trug ihren Mantel offen, so dass man das blaue, enganliegende Kleid darunter sehen konnte. Es saß so knapp, dass es kaum etwas von ihrer phantastischen Figur verbarg.

Eine Linie, die einer schwindelerregenden Kurve glich.

Eine ziemlich große Handtasche hing über der Schulter. Und der schlichte, aber wertvolle Schmuck den sie trug, verrieten Stil.

Ihr Blick wanderte unruhig zwischen Milo und mir hin und her. Schließlich blieb er an mir hängen.

Sie schluckte.

"Was... tun Sie hier?", fragte sie gedehnt.

Ich holte den Dienstausweis hervor. "Mein Name ist Jesse Trevellian. Ich bin Special Agent des FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker..."

"FBI?"

Sie atmete tief durch. Ihre Brüste hoben sich dabei.

"Was ist geschehen? Ist etwas mit Bruce?"

"Er ist tot", sagte Milo. "Er wurde gestern Nacht in einem Bungalow in Riverdale umgebracht..."

"Oh, mein Gott..."

Ihr dunkler Teint hellte sich auf. Blässe überzog ihr Gesicht. Sie schluckte und presste die Lippen aufeinander.

"Kannten Sie Bruce?", fragte ich.

Sie nickte.

"Ich bin seine Schwester", erklärte sie.

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Wir nahmen Reynolds persönliche Sachen mit. Um uns mit Reynolds' Schwester zu unterhalten, wählten wir einen angenehmeren Aufenthaltsort als das 'Firenze'. Schräg gegenüber befand sich ein Coffee Shop. Dort ließen wir uns ein paar Donuts und schwarzen Kaffee servieren.

Die dunkelhaarige Schöne stand sichtlich unter Schock.

Dennoch...

Ein paar Fragen würde sie uns schon noch beantworten müssen.

Sie nippte an ihrem Kaffee und schlug dabei gekonnt die Beine übereinander. Das Kleid, das sie trug, ließ den größten Teil davon frei.

"Sie sind also die Schwester von Mister Grant", sagte ich.

Sie lächelte matt.

"Sie kommen vom FBI, Mister Trevellian..."

"Sagen Sie ruhig Jesse zu mir."

"Brenda. Brenda Reynolds. Und als FBI-Agenten wird Ihnen sicher auch klar sein, dass der Name, unter dem sich mein Bruder hier eingemietet hat, falsch war."

Ich nickte.

Und dann wechselte ich einen kurzen Blick mit Milo.

Die erste Probe hatte sie bestanden. Immerhin.

"Wo wohnen Sie?"

"In Chicago. Ich habe Bruce seit Jahren nicht gesehen. Er war gewissermaßen verschollen. Wissen Sie, wir sind 15 Jahre auseinander. Er war schon ein erwachsener Mann, als ich noch ein Kind war. Eigentlich hatten wir nie viel miteinander zu tun. Erst nach dem Tod meiner Eltern hat er sich etwas mehr um mich gekümmert."

"Gibt es noch weitere Angehörige?"

"Soweit ich weiß nein."

"Warum sind Sie hier her, nach New York gekommen?", fragte ich.

"Um mich mit Bruce zu treffen. Wie gesagt, seit Jahren hatte ich nichts von ihm gehört. Und dann hat er sich vor ein paar Tagen telefonisch gemeldet. Er sei in der Klemme und ich sollte hier her kommen. Es klang ziemlich ernst..."

"Und da sind Sie gleich hergekommen..."

"So ist es. Hätten Sie es nicht getan? Mein Bruder war jahrelang wie vom Erdboden verschluckt... Ich hatte schon befürchtet..."

"Was?", hakte ich nach.

"Nichts", sagte sie und atmete dabei tief durch. "Aber man macht sich so seine Gedanken."

"Wussten Sie, womit Ihr Bruder sein Geld verdiente?"

"Nein." Sie hob den Blick. Ihre dunklen Augen schauten mich an. "Um ehrlich zu sein: So genau habe ich das nie wissen wollen. Er war immer in irgendwelche dunklen Geschäfte verwickelt..." Sie zuckte die Achseln. "Jedenfalls war er auch mein Bruder."

"Er war ein Lohnkiller", sagte Milo kühl.

Ich studierte dabei ihre Gesichtszüge. Sie presste die Lippen aufeinander und wirkte sehr beherrscht. Mit einer beiläufig wirkenden Handbewegung strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht.

Indessen fuhr Milo fort: "Bruce Reynolds stand seit einiger Zeit auf unserer Fahndungsliste."

"Vermutlich war das der Grund für sein Untertauchen."

"Schon möglich", sagte Milo.

"Wie starb er?" Brenda wandte sich dabei an mich.

Ich sagte: "Der Mann, den er umbringen wollte, war offenbar auf ungebetenen Besuch bestens vorbereitet und ist ihm zuvorgekommen. Mit einer Armbrust."

"Oh, mein Gott..."

"Bleiben Sie länger in New York?"

"Ja, ein paar Tage hatte ich eingeplant. Werde ich Bruce identifizieren müssen?"

"Das hat etwas Zeit", sagte ich.

Sie nickte.

"Ich glaube auch nicht, dass ich das heute noch durchstehen würde." Sie wischte sich mit der Hand über die Augen, die jetzt rotgerändert aussahen.

Der Tod ihres Bruders schien Brenda wirklich sehr mitzunehmen.

"Was ist das für ein Kerl, der ihn umgebracht hat?"

"Wir haben keine Ahnung."

"Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, die Umstände von Bruce' Tod zu erhellen, dann stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung, Jesse! Ich schreibe Ihnen auf, wo Sie mich hier in New York erreichen können..." Sie nahm eine der Papierservietten des Coffee-Shops und ließ sich von Milo einen Kugelschreiber geben. Als sie fertig war, reichte sie mir die Serviette. Ich warf einen kurzen Blick auf das, was sie geschrieben hatte.

Es handelte sich um eine Hoteladresse in SoHo inklusive einer Telefonnummer.

Sie schaute mich an.

"Wenn Sie mich jetzt allerdings bitte entschuldigen würden... Ich muss erst einmal verdauen, was geschehen ist!"

"Wenn Sie noch Zeit für ein paar Kleinigkeiten hätten, Brenda..."

"Was denn?"

"Sind Sie der Absender dieses Telegramms?"

Ich holte es aus der Jackettinnentasche heraus und zeigte es ihr.

Sie schüttelte den Kopf.

"Nein", murmelte sie. "Das sind ja nur Buchstaben..."

"Keine Ahnung, was das bedeutet oder wer es aufgegeben haben könnte?"

"Nein, sagte ich doch!" Sie wirkte plötzlich etwas gereizt.

Als nächstes zeigte ich ihr das Notizbuch. "Dann wissen Sie hiermit sicher auch nichts anzufangen, oder?"

"Nein! Ich habe wirklich keine Ahnung."

Sie erhob sich, und wir folgten ihrem Beispiel.

"Auf Wiedersehen, Jesse", hauchte sie.

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"Was hältst du von ihr?", fragte ich, nachdem sie den Coffee Shop verlassen hatte.

"Na, dich scheint ihr Hüftschwung ja ganz gefangenzunehmen, Jesse!"

"Ich meine es ernst, Milo!"

"Ich auch."

In diesem Augenblick klingelte Milos Handy. Milo nahm den Apparat aus der Manteltasche heraus und hielt ihn ans Ohr.

Es war die Zentrale, soviel war mir sofort klar.

Milo sagte zweimal kurz hintereinander "Ja". Dann war das Gespräch zu Ende. Er sah mich mit gerunzelter Stirn an.

"Es gibt einen weiteren Toten, Jesse! Hier ganz in der Nähe... Auf der Spring Street in der Nähe zur Ecke Broadway!"

"Was ist passiert?"

"Jemand hat ein Bündel mit einem Toten auf dem Bürgersteig abgeladen... Und das mitten in Little Italy!"

Da brauchte man wirklich weder Spitzenermittler noch Hellseher zu sein, um sich ausrechnen zu können, dass das etwas mit der Mafia zu tun hatte.

So schnell wie möglich gingen wir zurück zum Sportwagen und fuhren in die Spring Street. Dort hatte sich längst ein Menschenauflauf gebildet, der von den Officers der City Police nur mühsam zurückgedrängt werden konnte.

Milo und ich hatten Mühe durchzukommen. Erkennungsdienst und ein Sergeant des zuständigen Reviers waren bereits dort und beugten sich über einen durchsichtigen Plastiksack.

Der Inhalt war grässlich.

Ein Mann ohne Kopf - so wie in dem Bungalow in Riverdale.

Genaueres war nicht zu sehen. Alles war voller Blut.

Ich zeigte dem Sergeant meinen Ausweis.

Aber der achtete kaum darauf.

Er sah etwas mitgenommen aus. Ein Fotograf von der Spurensicherung war gerade damit beschäftigt, ein paar Bilder zu machen. Zwei Officers drängten sich mit einem Metallsarg durch die Passanten.

Der Sergeant wandte sich an mich.

"Das ist ein Fall für euch", sagte er. Er deutete auf die Leiche im Plastiksack. "Der Kerl heißt Chris Costello, mehrfach einschlägig vorbestraft und als Gorilla der Giacometti-Familie bekannt."

"Woher wissen Sie das alles, Sergeant?"

"Der arme Kerl hatte Papiere dabei. Wer immer ihn auch umgebracht hat: Er wollte, dass man weiß, um wen es sich handelt. Und er wollte ganz offenbar auch, dass das hier gefunden wird!"

Der Sergeant wandte sich an einen der Spurensicherer und ließ sich von dem eine Plastiktüte geben. Der Inhalt ließ mich zweimal hinsehen.

Es handelte sich um das Projektil einer Armbrust identisch mit dem, das wir in dem Riverdale-Bungalow gefunden hatten.

"Hier wollte jemand seine persönliche Handschrift hinterlassen", stellte Milo düster fest.

Ich wandte mich an den Sergeant.

"Was genau ist passiert!"

"Nach Zeugenaussagen ist hier ein Wagen mit verklebten Nummernschildern hergefahren, hat kurz angehalten und dieses Bündel hinausgeschmissen. Wollen Sie meine Meinung hören?"

"Nur zu", sagte ich.

Der Sergeant machte ein sehr ernstes Gesicht.

"Die Spring Street gehört zum Bezirk der Giacometti-Familie, das ist hier allgemein bekannt, auch wenn es keiner offen zugeben würde. Wenn jemand einen Lakaien des großen Paten mitten in dessen Bezirk ablegt - keine fünf Minuten von dessen New Yorker Haus entfernt! - dann ist das schon sehr deutlich, finden Sie nicht?"

"Allerdings", musste ich zugeben.

"Wenn Sie mich fragen, dann geht es hier bald rund."

"Ein Krieg zwischen den Familien?"

"Wer weiß...", knurrte der Sergeant düster. "Jedenfalls werden wir in nächster Zeit wohl alle Hände voll zu tun haben..."

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"John Giacometti ist einer der großen Paten, an die niemand herankommt", erläuterte Mister McKee, der Chef des FBI-Districts New York.

Wir saßen in seinem Besprechungszimmer und genossen jeder einen Becher Kaffee, den Mandy, die Sekretärin des Chefs, gebraut hatte. Ein Kaffee, der unter allen G-men New Yorks einen geradezu legendären Ruf genoss.

Außer Milo und mir waren noch die Agenten Orry Medina und Clive Caravaggio anwesend.

Orry - wie stets in einen edlen Zwirn gekleidet - rückte sich die goldene Krawattennadel zurecht. Seinen Ruf als bestgekleideter G-man des Districts würde er wohl noch eine Weile verteidigen.

Clive war Italo-Amerikaner, was man ihm erst glaubte, wenn er seinen Namen nannte. Er war nämlich flachsblond wie ein Wikinger.

Mister McKee fuhr fort: "Rauschgift, Glücksspiel, Prostitution und Schutzgelderpressung. Die Giacometti-Familie hat fast nichts ausgelassen, aber immer darauf geachtet, dass ihre Mitglieder vor dem Gesetz 'sauber' bleiben, wenn Sie verstehen, was ich meine."

"Wenn Sie mich fragen, dann ist Giacometti bald auf dem legalen Ufer", warf Clive ein.

Mister McKee nickte.

"Gut möglich. Kein Mensch weiß, wie viele seiner schwarzen Millionen er inzwischen blütenweiß gewaschen und damit völlig legale Unternehmungen gegründet hat."

"Aber Sie denken, dass er bald abtritt, um sich zurückzuziehen?", vergewisserte ich mich.

"Das wäre durchaus möglich, Jesse. Vielleicht braucht er auch noch ein paar Jahre, aber fest steht, dass Unruhe aufkommt, sobald solche Gerüchte im Umlauf sind. Die potentiellen Nachfolger sitzen doch schon in den Startlöchern. Noch ist John Giacometti der König von Little Italy, aber insgeheim wird der Kuchen schon verteilt..."

"Und Sie meinen, jemand versucht Giacometti schon vorher vom Thron zu stürzen, um sich das Filetstück aus der Beute nehmen zu können", meinte Milo.

Orry machte ein düsteres Gesicht. "Das bedeutet, dass es Krieg gibt!"

"Nach den letzten Morden mit Sicherheit", war Caravaggio überzeugt.

Mister McKee wandte sich an mich und Milo.

"Haben Sie inzwischen etwas über diesen Kerl herausgefunden, der seine Opfer mit einer Armbrust zu töten pflegt?"

Wir hatten einige Stunden am Computer gesessen, um alles auszuschöpfen, was uns an Datenbanken zur Verfügung stand.

Das Ergebnis war leider ziemlich mager.

"Es sind einige Fälle bekannt, in denen Menschen durch Armbrustgeschosse gleicher Bauart starben. Alles spricht dafür, dass es einen Profi-Killer gibt, der diese Methode bevorzugt."

"Und ich dachte immer, das Mittelalter wäre schon vorbei", meinte Orry.

Milo erklärte: "Eine Armbrust kann heute eine High-Tech-Waffe sein. Wenn sie aus Karbon gefertigt ist, ist sie ultraleicht. Außerdem spricht kein Metalldetektor darauf an. Wenn man sie in Einzelteile zerlegt, kann man sie problemlos auf Flugreisen mitnehmen, was bei Schusswaffen für jeden Killer ein Problem ist. Und mit der entsprechenden Zielvorrichtung kann man mit so einem Ding auf zweihundert Meter genauso exakt treffen, wie mit einem entsprechenden Gewehr..."

"Gibt es irgendwelche weiteren Informationen über diesen Armbrust-Killer?", erkundigte sich Mister McKee.

"Leider nein", sagte ich. "Kein Foto, kein Fingerabdruck. Einige widersprüchliche Zeugenaussagen und Beschreibungen. Er scheint ein Meister der Tarnung zu sein. Ein Mann für Spezialaufträge. Zumindest kommt man auf den Gedanken, wenn man die Liste seiner Opfer sieht..."

"Ein Freiberufler sozusagen", stellte Mister McKee fest.

Ich nickte.

"Sieht so aus. Ich glaube nicht, dass er irgendeiner Gruppe zuzuordnen ist. Anscheinend hat er sowohl für die Triaden, als auch für die Cosa Nostra oder die Ukrainer gearbeitet. Er scheint zu keiner Familie oder irgendeinem Clan zu gehören..."

"...was es schwieriger machen dürfte, ihn zu finden", ergänzte Caravaggio.

Mister McKee nickte düster. "Eine Tötungsmaschine für besonders schwere Fälle. Fragt sich nur, weshalb er in New York ist... Er muss ein Ziel haben!"

"Reynolds starb, weil er versucht hat, den Armbrust-Killer umzubringen", stellte ich fest. "Bei dem zweiten Opfer wissen wir nicht einmal den Tatort, geschweige denn die Umstände..."

Mister McKee sah mich an.

"Was überlegen Sie, Jesse?"

Ich blickte auf. Manchmal konnte man auf die Idee kommen, dass unser Chef Gedanken las. Er hatte den sprichwörtlichen Instinkt, ohne den es in unserer Arbeit trotz aller technischen Hilfsmittel nicht geht.

Ich lächelte.

"Reynolds hat nicht aus eigenem Antrieb versucht, den Kerl umzubringen. Er hatte dafür einen Grund..."

"Meinen Sie, Giacometti hat ihn geschickt?"

"Liegt das nicht nahe? Und Giacometti könnte das eigentliche Ziel dieses mysteriösen Killers sein..."

Mister McKee zuckte die Schultern. "Wird Zeit, dass Sie ihm einen Besuch abstatten, Jesse, meinen Sie nicht auch?" Der Chef drehte sich herum und wandte sich an Caravaggio und Orry.

"Clive, Sie kennen sich am besten in Little Italy aus..."

"Stimmt", murmelte er.

"Sie und Orry sollten sich dort mal ein bisschen intensiver umhören. Klappern Sie unsere Informanten ab. Wir müssen unbedingt wissen, was da vor sich geht - ehe es zu spät ist und es zum großen Knall kommt!"

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Die Table-Tänzerinnen trugen nichts weiter als die paar Quadratzentimeter Stoff, aus dem ihre winzigen Tangas geschnitten waren. Ein dämmriges, weiches Licht herrschte im Starlight. Ein Licht, das die Körperformen der großbusigen Schönheiten umspielte wie ein durchsichtiger Schleier.

Die Girls wiegten sich im langsamen Takt der Musik und ließen sich von der offenbar durchweg gutbetuchten Kundschaft Geldscheine hinter die seitlichen Strings ihrer Tangas stecken.

Bei den meisten Gästen handelte es sich wohl um Geschäftsleute und Börsenmakler, die ihre wenige Freizeit in angenehmer Umgebung verbringen wollten.

Nur in Wall Street gab es mehr Tausend-Dollar-Maßanzüge pro Quadratmeter.

Als John Giacometti den Raum betrat, glitt der habichtgleiche Blick seiner grauen Augen durch den Raum.

Jemand vom Personal eilte herbei, um ihm den pelzbesetzten Mantel abzunehmen, aber er schüttelte den Kopf.

Giacometti nahm nicht einmal den Hut ab, der das graue Haar bedeckte. Er war nicht hier, um sich schöne Frauen anzusehen.

Er war überhaupt nicht zum Vergnügen hier, sondern weil ihm das Wasser bis zum Hals stand.

Und er kam auch nicht allein.

Sein Gefolge war recht zahlreich. Die Kerle sahen sich alle recht ähnlich. Kantige Gesichter und dunkle Mäntel.

Darunter schwarze Anzüge kombiniert mit schwarzen Rollkragenpullovern. Es wirkte beinahe wie eine Uniform.

Giacometti war bekannt dafür, dass er die Ordnung liebte.

In dem Punkt verleugnete er seine Vorfahren aus Sizilien völlig.

Eher beiläufig gab er einem seiner Gorillas ein Zeichen, woraufhin dieser nickte und sich auf den Weg machte. Er ging quer durch den Raum. Eines der Girls warf einen irritierten Blick auf ihn.

Der Kerl hatte mit wenigen Schritten die Stereoanlage erreicht und schaltete sie kurzerhand ab.

Als einer der Angestellten protestieren wollte, blickte er eine Sekunde später in den Lauf einer Automatik und verstummte. Er vergaß dabei, den Mund wieder zu schließen.

Unter den Gästen entstand Gemurmel.

Giacometti trat in die Mitte des Raumes, flankiert von seinen dunkelgekleideten Gorillas.

"Ich muss Ihnen leider sagen, dass dieser Club für den Rest des Abends geschlossen ist - für eine Privat-Party!"

Giacomettis Leute hatten sich indessen an allen wichtigen Punkten im Starlight aufgestellt.

Die ersten Gäste verließen das Lokal.

Aus einem Nebenraum kam ein drahtiger Mann im Smoking.

"Was ist hier los, verdammt nochmal?", rief er. Einer der Barmixer wandte sich an ihn und raunte ihm etwas zu.

Der Mann mit dem Smoking erbleichte.

Dann sah er Giacometti und ging auf ihn zu.

"Mister Giacometti! Was für eine Freude..."

Giacometti nahm zunächst überhaupt keine Notiz von ihm. Er wandte sich einer kurvenreichen Nackten mit langen, dunklen Haaren zu. Unsinnigerweise versuchte sie, ihre großen Brüste mit den Händen zu bedecken.

Giacometti nahm einen Tausend-Dollar-Schein aus der Brieftasche und steckte ihn ihr zu.

"Kauf dir was zum Anziehen, Baby - und stör uns nicht!"

Die Dunkelhaarige sah Giacometti mit großen Augen an. Dann wich sie scheu zurück. Der Saal hatte sich indessen fast vollständig geleert. Nur noch Personal war da. "Ihr habt frei für den Rest des Abends!", rief Giacometti den Angestellten zu. "Habt ihr gehört?"

Wie um die Worte ihres Chefs zu unterstreichen, schlugen einige der schwarzgekleideten Gorillas die dunklen Mäntel zur Seite.

Zierliche Uzi-Maschinenpistolen kamen zum Vorschein.

Mit einem knackenden Geräusch wurden mindestens ein halbes Dutzend dieser teuflischen Waffen zum selben Zeitpunkt durchgeladen.

Ein Laut, der dem Personal bleiche Gesichter und flinke Beine machte.

Keine zehn Sekunden dauerte es und im Starlight befanden sich nur noch Giacometti und seine Leute, sowie der Mann im Smoking.

Dieser schluckte.

Giacometti trat auf ihn zu, tätschelte seine Wange.

"Jimmy", sagte er dann mit leiser, etwas heiserer Stimme, die wie das Zischen einer Klapperschlange klang. "Jimmy Simone, was machst du nur für Sachen..."

Jimmy schluckte abermals. Er blickte sich um, sah die kantigen Gesichter mit den kalten Augen und die Mündungen der Maschinenpistolen...

Flucht war ausgeschlossen. Niemand konnte ihm jetzt helfen.

Schweiß brach ihm aus.

Kalter Angstschweiß.

"Sie wissen, dass Sie immer ein gerngesehener Gast sind, Mister Giacometti, aber müssen Sie mir deswegen gleich meine Gäste verscheuchen?"

"Setz dich, Jimmy. Wir müssen miteinander reden", wisperte Giacometti.

"So dringend?"

"So dringend."

Einer der Gorillas stellte Jimmy einen Stuhl am nächstgelegenen Tisch zurecht. Jimmy setzte sich. Giacometti nahm gegenüber Platz.

Rechts und links von Jimmy stellten sich zwei von Giacomettis Leuten auf.

Jimmy grinste schwach.

"Wie ich sehe, haben Sie Ihre Leute neu einkleiden lassen. Wie eine Gang von Existenzialisten oder die Mitarbeiter eines Beerdigungsinstituts..."

"Über deine Witze kann ich nicht mehr lachen, Jimmy. Aber du hast in gewisser Weise recht: Es geht um die Existenz. Um deine vor allem..."

"Aber..."

"...und manchmal beerdigen diese netten Herren auch jemanden, wenn es sein muss."

"Mister Giacometti, ich..."

"Hör zu, Jimmy, du sollst der Urheber schlimmer Gerüchte sein."

Jimmy wollte sich vorbeugen. Aber einer der Gorillas ließ seine Pranke vorschnellen und zog ihn mit einem Ruck zurück auf den Stuhl.

Giacometti sprach weiter.

"Man sagt, du würdest herumerzählen, dass ich es nicht mehr lange machen würde. Man sagt sogar, dass du daran denkst, zur Konkurrenz zu wechseln..."

"Davon ist nichts wahr, Mister Giacometti!"

"Man sagt auch, dass du völlig übermütig geworden bist, seit heute jemand die Leiche in der Spring Street abgeladen hat... Du hast dich heute Nachmittag mit Leuten getroffen, die ich nicht mag..."

"Hören Sie..."

Giacomettis Zeigefinger schnellte wie die Klinge eines Klappmessers in die Höhe.

"Nein, jetzt hörst du mir zu, Jimmy!" Seine Stimme bekam einen bösen, bedrohlichen Unterton. Giacometti verzog den Mund zu einer wölfischen Grimasse. Ein Goldzahn blitzte dabei hervor. "Als deine Tochter nicht gut genug für die Universität war - wer hat da nachgeholfen?"

"Sie, Mister Giacometti..."

"Und als dieser Pimpf von der Stadtverwaltung dir Schwierigkeiten machen wollte, weil du in deiner Sauküche die Hygienevorschriften nicht einhalten konntest - wer hat diesem Wichtigtuer da ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte?"

"Ich weiß..."

"Jimmy, du bist wie ein Sohn für mich gewesen. Ich habe dich großgemacht. Und ich habe diesen eifersüchtigen Griechen für dich umlegen lassen, bevor er dir eine Kugel in den Kopf jagen konnte. Du musstest ja unbedingt mit seiner Freundin herummachen... Doch das sind menschliche Schwächen, Jimmy. Ich bin selber nicht frei davon. Aber was ich nicht ausstehen kann, ist, wenn ein Hund die Hand beißen will, die ihm den Knochen gibt... Jimmy, so etwas kann ich einfach nicht ausstehen, da bin empfindlich."

Blitzschnell kam Giacomettis Linke nach vorn und griff quer über den Tisch. Er packte Jimmys Nase zwischen Zeigefinger und Mittelfinger, drehte die Hand seitwärts und zog Jimmy halb über den Tisch. Jimmy schrie auf. Giacometti stieß ihn zurück auf den Stuhl. Das Blut schoss Jimmy aus der Nase heraus.

In Giacomettis Zügen stand ein Ausdruck unverhüllter Brutalität.

"Es tut mir leid für dich", sagte er dann. "Aber wenn ich den Laden zusammenhalten will, dann muss ich ein Exempel statuieren. Das verstehst du doch, oder?"

"Aber doch nicht ich, Mister Giacometti!"

"Seit dieser Wahnsinnige mir einen meiner Männer ohne Kopf quasi vor die Füße geworfen hat, kommen einige auf dumme Gedanken und halten sich für größer, als Sie sind. Du bist auch dafür, dass alles bleibt, wie es ist, oder?" Er grinste hässlich, während er sich an dem Entsetzen weidete, das in Jimmys Gesicht geschrieben stand. "Ich wusste, dass du mich verstehst, Jimmy!" Er holte ein Taschentuch und warf es ihm hin.

"Hier, wisch dir das Blut ab, sonst besudeln sich meine Männer gleich die neuen Anzüge... Wäre doch schade!"

"Was... Was haben Sie vor", stammelte Jimmy.

"Ich hoffe, du hast ein bisschen gespart, Jimmy!"

"Was meinen Sie damit?"

Jimmy ließ einen ängstlichen Blick über die Einrichtung des Starlight schweifen.

Giacometti lachte. "Keine Sorge. Hier wird nichts kurz und klein gehauen. Schließlich gehört der Laden zur Hälfte mir und es tut mir schon in der Seele weh, dass heute Abend hier nichts mehr läuft." Giacometti seufzte in gespieltem Bedauern und fuhr dann fort: "Nein, ich spreche deine Ersparnisse aus einem anderen Grund an. Du hast sicher auch von der Kostenexplosion im Gesundheitswesen gehört, oder?"

"Mister Giacometti..."

"Du wirst eine ganze Weile im Krankenhaus liegen, Jimmy!"

"Nein", flüsterte Jimmy totenbleich. Ehe er etwas tun konnte, hatten Giacomettis Gorillas ihn gepackt.

Der große Boss wandte sich ab.

Er schaute sich nicht um, während er zum Ausgang ging.

Zusammen mit zwei seiner Leute, die sich mit ihren Uzis an der Tür postiert hatten, ging er hinaus ins Freie. Im Hintergrund waren Jimmys Schreie zu hören, aber dann kam jemand auf die Idee, die Stereoanlage wieder einzuschalten.

Giacometti ließ sich von einem seiner Leute eine lange Havanna geben, steckte sie an und nahm einen tiefen Zug.

"Die Welt ist schlecht", brummte er.

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9

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An diesem Abend überzogen Milo und ich die offizielle Dienstzeit um einiges. Das 59. Revier schickte uns per Datenfernleitung ein Phantombild des Armbrust-Killers, das auf Grund von Aussagen der Nachbarn entstanden war. Es war ein Allerweltsgesicht. Jeder konnte das sein.

Immerhin sollte der Kerl mindestens dreißig und höchstens vierzig sein. Das war wenigstens eine gewisse Einschränkung.

Die Untersuchung der Armbrustprojektile ergab, dass es sich um Sonderanfertigungen handeln musste, die mit keinem Produkt vergleichbar waren, das man derzeit auf dem Sportgerätemarkt erwerben konnte. Dave Oaktree vom ballistischen Labor erläuterte uns, wie man die Bolzen bei Bedarf sogar mit Sprengladungen aufrüsten konnte, die beim Aufprall detonierten. Im vorderen Bereich der Geschosse befand sich dafür ein Hohlraum. Eine furchtbare Waffe, die den Bedürfnissen unseres Gegners genau angepasst war.

Es war schon ziemlich spät, als ich Milo schließlich an der gewohnten Ecke absetzte. Am nächsten Morgen würde ich ihn dort vor Dienstbeginn wieder abholen.

Für den nächsten Tag hatten wir geplant, John Giacometti einen Besuch abzustatten.

"Der aalglatte Giacometti wird uns zwischen den Fingern hindurchflutschen", meinte Milo pessimistisch.

"Wahrscheinlich sitzt eine Armee von Anwälten dabei, wenn wir mit ihm reden..."

"Vielleicht kriegen wir ihn diesmal, Milo", meinte ich, während Milo bereits die Tür meines Sportwagen geöffnet hatte.

Allzu lange konnte ich hier nicht stehenbleiben. Irgendein ungeduldiger Fahrer hupte schon, scherte anschließend aus und überholte uns.

Milo sah mich an.

"Wie kommst du auf die Idee, dass uns diesmal etwas gelingt, woran schon Generationen von Cops und Staatsanwälten gescheitert sind - nämlich John Giacometti etwas Gerichsverwertbares nachzuweisen! Nicht einmal wegen Falschparken könnte man ihm ans Leder, weil er ein Chauffeur hat und sich fahren lässt."

Ich zuckte die Schultern.

"Abwarten Milo. Wenn er wirklich so in Bedrängnis gerät, wie Mister McKee vermutet, dann besteht die Chance, dass er Fehler macht..."

"Und darauf setzt du?"

"Wüsstest du etwas anderes?"

Milo schüttelte den Kopf. "Wie beim Schach", meinte er. "Darauf warten, dass der Gegner etwas Unüberlegtes tut... Irgendwie gefällt mir das nicht." Er stieg aus und drehte sich nochmal zu mir hin. "Bis morgen, Jesse!"

"Dann in alter Frische!"

"Witzbold!"

Milo schlug die Tür zu, und ich fuhr weiter, hinein in das blinkende Lichtermeer dieser City 'that never sleeps', wie Frank Sinatra sie besungen hatte.

Ich hatte meine Wohnung noch nicht erreicht, da klingelte mein Handy. Mein Sportwagen befand sich gerade vor einer Ampel.

Eine günstige Gelegenheit, ein Gespräch anzunehmen.

"Ja, hier Agent Trevellian!"

Es war die Zentrale. Eine dunkle, rauchige Frauenstimme, die auf den Namen Linda hörte, wenn man sie ansprach. Sie fragte mich, ob sie den Anruf einer gewissen Brenda Reynolds weiterleiten sollte.

"Okay, Linda", sagte ich. Und eine Sekunde später hatte ich Brenda am Apparat.

"Hallo Jesse", hauchte sie. Mir war bis dahin noch nicht aufgefallen, was für eine aufregende Stimme sie hatte. Selbst per Telefon.

"Was gibt es, Brenda?", fragte ich.

"Jesse, ich weiß nicht, wie lange Sie Dienst haben oder was Sie heute Abend noch vorhaben... Aber ich würde mich gerne mit Ihnen treffen."

Ich zögerte.

Warum tut sie das?, fragte ich mich. Wahrscheinlich hat jeder G-man so etwas Ähnliches wie einen Misstrauens-Chip im Gehirn, der immer dann aktiv wird, wenn etwas Ungewöhnliches geschieht.

"Jesse?", fragte sie. "Sind Sie noch dran?"

"Ja."

"Sehe ich Sie in einer Viertelstunde in Jake's Bar in der 5th Avenue auf einen Drink?"

"Ich werde dort sein", versprach ich.

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10

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An diesem Abend war nicht viel Betrieb in Jake's Bar, und es hatte sich auch einiges an der Einrichtung verändert, seit ich das letzte Mal dortgewesen war. Immerhin stand immer noch ein gewisser Gary als Mixer hinter der Bar. Jake's Bar war nicht besonders groß, dafür gemütlich. Ich übersah schnell, dass Brenda noch nicht da war.

So ließ ich mir einen Drink geben und setzte mich an einen der freien Tische.

Es dauerte fünf Minuten, bis sie erschien.

Sie sah hinreißend aus in ihrem blauen Kleid. Ich stand auf, um sie zu begrüßen.

"Schön, dass Sie Zeit für mich haben, Jesse", sagte sie, nachdem sie sich gesetzt hatte. "Wissen Sie, ich habe so lange nichts von meinem Bruder gehört. Und jetzt ist er tot. Im Grunde kann ich ihn erst jetzt wirklich kennenlernen. Irgendwie tragisch, nicht wahr?"

"Allerdings", erwiderte ich. "Allerdings wird Ihnen kaum alles gefallen, was über Bruce herauszufinden gibt..."

"Das muss ich in Kauf nehmen."

Ihre Stimme war wie ein dunkler Hauch.

Ihr Augenaufschlag hätte mancher Filmdiva zur Ehre gereicht.

"Ich möchte alles wissen über Bruce", sagte sie.

Ich lächelte.

"Dann haben wir etwas gemeinsam. Ich versuche auch, soviel wie möglich über ihn herauszufinden..."

"Weil Sie seinen Tod aufklären wollen?"

"Ja, auch deshalb."

"Und das obwohl der Kerl, der meinen Bruder umgebracht hat, sich Ihrer Meinung nach nur verteidigt hat?"

"Das ist eine Hypothese", schränkte ich ein.

"Was wissen Sie bis jetzt über den, der meinen Bruder getötet hat - aus welchem Grund nun auch immer?"

"Ein Profi-Killer, der eine ganz bestimmte Methode anwandte..."

"Welche Methode?"

"Darüber möchte ich im Moment nichts sagen."

Sie lächelte charmant. "Aus ermittlungstaktischen Gründen?"

"Sie sagen es, Brenda."

Ich zog eine Kopie des Fantombilds aus der Jackettinnentasche und zeigte es ihr.

"Die Nachbarn des Hauses in Riverdale meinen, dass er so ungefähr ausgesehen hat."

Sie warf einen kurzen Blick auf das Bild.

Ihr Gesicht blieb regungslos. Sie reichte mir das Foto zurück.

"Gegen diesen Kerl war Ihr Bruder ein braver Chorknabe", sagte ich.

"Das tröstet mich auch nicht."

"Tut mir leid."

Sie deutete auf das Foto. "Werden Sie den Mann kriegen?"

"Wir müssen."

"Weshalb?"

"Weil sonst noch mehr Menschen sterben werden..." Ich nahm einen Schluck von meinem Drink. "Vielleicht reden wir zur Abwechslung mal über Sie, Brenda..."

"Über mich?"

Ihr Lächeln wirkte fast ein bisschen verlegen.

"Ist das ein FBI-Verhör?"

"Meine Dienstzeit ist für heute beendet, Brenda."

"Was Sie nicht sagen..."

"Was machen Sie in Chicago?"

"Beruflich?"

"Ja."

"Ich habe mein eigenes Geschäft." Sie beugte sich etwas vor und gewährte einen tiefen Einblick in den V-förmigen Ausschnitt ihres Kleides. Ihre Stimme wurde dunkler. "Ich bin in jeder Beziehung eine unabhängige Frau, Jesse..."

"...die lieber Fragen stellt als beantwortet, nicht wahr?"

Sie berührte meine Hand. Ich roch ihr Parfum.

"Sie werden mich doch sicher über die Ermittlungen auf dem Laufenden halten..."

"Nun, Brenda..."

"Außerdem würde ich Sie gerne näher kennenlernen, Jesse. Und vielleicht ergibt sich dabei ja die Gelegenheit, Ihre Neugier zu befriedigen!"

"Das will ich doch sehr hoffen!"

Völlig synchron hoben wir die Gläser. Mit einen leisen Klirren berührten sie sich.

"Auf Sie, Jesse", hauchte sie. "Und darauf, dass Sie den Kerl kriegen - wer immer es auch sein mag."

Ich sah sie an und betrachtete etwas verwirrt ihren Augenaufschlag.

Irgendetwas gefiel mir nicht an dem, was sie gesagt hatte.

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Am nächsten Morgen überraschten uns die Kollegen Dick Burgon und Donald Reigh damit, dass sie den Code geknackt hatten, in dem die Eintragungen in Reynolds' Adressbuch verschlüsselt waren. Es waren lauter Telefonnummern. Und ein halbes Dutzend der aufgeführten Anschlüsse gehörte niemand geringerem als John Giacometti.

Natürlich bewies das nichts.

Reynolds konnte sich so viele Nummern aufschreiben und verschlüsseln wie er wollte. Das New Yorker Telefonbuch war dick genug.

Aber es befanden sich auch einige Geheimnummern dabei, die nicht so ohne weiteres zugänglich waren.

"Und was ist mit dem Telegramm?", erkundigte sich Milo.

"Derselbe Code", erklärte Dick Burgon. Er und Reigh waren Wissenschaftler im Dienst des FBI, die sich unter anderem auf Schrift, Akustik und Falschgeld spezialisiert hatten. Das Knacken solcher Verschlüsselungs-Codes gehörte zu ihren leichteren Übungen.

"Und?", fragte ich. "Was stand drauf?"

"Eine Uhrzeit und ein Wochentag", sagte Burgon. "Montag, 10.Uhr."

"Was war denn da?", hörte ich Milos Frage. Ich wischte mir mit der Hand über das Gesicht und zermarterte mir das Gehirn.

"War das nicht ungefähr zu der Zeit, als wir Reynolds Zimmer in der Absteige untersucht haben?"

Milo schaute mich an und hob die Augenbrauen.

"Nur bringt uns das wohl nicht einen Zentimeter weiter, oder?"

"Leider..."

"Immerhin könnten wir mal abchecken, ob Reynolds wirklich mit Giacometti gesprochen hat..."

"Über eine Aufstellung seiner Telefongespräche?", meinte Milo. "Dauert ein bisschen, bis wir da herankommen..."

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John Giacometti bewohnte ein luxuriöses Haus in der Spring Street. Es handelte sich um ein zehnstöckiges Gebäude, das um die Jahrhundertwende herum errichtet worden und liebevoll restauriert worden war.

Das alte Walmdach hatte irgendwann weichen müssen.

Giacometti hatte dort oben einen Dachgarten anlegen lassen, von dem aus man eine herrliche Aussicht über den Nordwesten von Little Italy hatte.

Im unteren Bereich waren Büros und eine Immobilienfirma untergebracht, die Giacomettis Namen trug.

An der Haustür begrüßten uns zwei seiner Leute, beide in dunklen Anzügen und schwarzen Rollkragenpullovern. Ihre kantigen Gesichter waren sich so ähnlich, dass man sich unwillkürlich fragte, ob sie nicht vielleicht geklont waren.

Aber in der Biotech-Branche hatte Giacometti seine Finger bislang noch nicht.

Die beiden Kerle sahen uns finster an. Die Tür wurde hinter uns geschlossen.

Einer der beiden betrachtete eingehend unsere Dienstausweise, während der andere den kurzen Lauf seiner Uzi in unsere Richtung hielt. Ungefähr in Bauchhöhe. Ich hoffte nur, dass er ruhige Finger hatte. Ich hatte nämlich keinen Zweifel daran, dass die Waffe entsichert war.

"Sie haben keinen Termin bei Mister Giacometti", sagte der Kerl, der unsere Ausweise hielt. Am Kinn hatte er eine hässliche Narbe. Wenigstens die unterschied ihn von seinem Partner.

Ich bedachte ihn mit einem eisigen Blick.

"Er wird sich etwas Zeit für uns nehmen müssen. Wir sind nicht zum Spaß hier. Aber es kann ja sein, dass ihm der offizielle Weg lieber ist. Vorladung, eventuell verbunden mit einer Hausdurchsuchung..."

"Bei der nichts herauskommen würde", unterbrach mich der Mann mit der Narbe.

Ich zuckte die Schultern.

"Weiß man das im Voraus?", grinste ich.

Und Milo ergänzte: "Es ist das beste für alle Beteiligten, wenn wir die Angelegenheit auf unkomplizierte Weise regeln können!"

Der Narbige musterte uns. Dann drehte er sich wortlos herum und verschwand in einem Nebenraum.

Sekunden später kam er daraus wieder hervor. Ein weiterer Bewaffneter befand sich in seinem Gefolge.

"Mister Giacometti wird Sie empfangen", versprach er. "An die Wand und Beine auseinander! Wir müssen Sie nach Waffe durchsuchen."

Die blanken Läufe von zwei Maschinenpistolen waren auf uns gerichtet. Aber ich dachte nicht daran auch nur die Hände zu heben.

"Weißt du, was dir der Angriff auf einen G-man einbringen kann?", sagte ich leise.

"Wer spricht von Angriff?"

Ich deutete auf die Uzis. "Das ist eine deutliche Sprache!", erklärte ich.

"Alles registrierte Eisen", meinte der Narbige.

"Bring uns zu Mister Giacometti. Und wenn einer von euch es wagt, uns auch nur etwas zu streng anzusehen,bekommt ihr mehr Ärger, als selbst ihr euch das vorstellen könnt!"

In den Augen des Narbigen flackerte es.

Dann machte er eine ruckartige Seitwärtsbewegung mit dem Kopf.

Wir sollten ihm folgen.

Es ging einen langen Flur entlang bis zu den Aufzügen.

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John Giacometti war ein kräftig gebauter Mann mit grauen Haaren und beinahe gütig dreinblickenden Augen. Diese Augen passten so gar nicht zu den Verbrechen, mit denen man seinen Namen in Verbindung brachte.

Giacometti stand an der breiten, mit Blumenkübeln überladenen Brüstung des Dachgartens und blickte über sein Viertel. Die imposanten Wolkenkratzer von Lower Manhattan überragten Little Italy und China Town und bildeten eine einzigartige Kulisse.

Ein schwarzgekleideter Butler stand neben Giacometti und hielt ihm ein Tablett hin. Darauf befand sich ein Espresso-Service.

Der große Boss nahm uns zunächst gar nicht wahr.

Er trank in aller Ruhe seinen Espresso, bevor er sich zu uns herumdrehte und dann eingehend musterte.

"Das sind die FBI-Agenten, Mister Giacometti", sagte der Gorilla mit der Narbe kalt. "Trevellian und Tucker.

Giacometti nickte.

"Worum geht es, Agent Trevellian?"

"Um zwei Leichen, deren Kopf mit Hilfe eines Armbrust-Bolzens zerschmettert wurde", sagte ich gelassen.

Giacomettis Gesicht blieb völlig regungslos.

Es war ihm beim besten Willen nicht anzusehen, was er dachte. Er machte eine schnelle Handbewegung.

"Lasst uns allein!", sagte er seinen Männern.

Die blickten etwas irritiert drein.

"Habt ihr nicht gehört?", rief Giacometti.

Es dauerte nur einen Augenblick, und wir waren allein mit John Giacometti.

"Möchten Sie etwas trinken?", fragte er jovial, während er sich wieder herumdrehte und in Richtung des Empire State Building blickte.

"Wir wollen die Sache nicht unnötig verlängern", sagte ich.

"Ganz wie Sie wollen." Giacometti atmete tief durch. "Ich hoffe meine Leute waren nicht zu unhöflich zu Ihnen..."

Ich verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

"Wir sind hart im Nehmen."

"Wissen Sie, die Kriminalität steigt in diesem Land unaufhaltsam... Sehen Sie sich diese Stadt an, Mister Trevellian. Voller Gesindel. Aber was erzähle ich Ihnen."

"Soweit ich weiß, sind Sie doch nicht darauf angewiesen, hier zu leben, Mister Giacometti. Sie haben doch auch noch eine Strandvilla auf Long Island und ein Haus in Miami..." Während ich das sagte, trat ich neben ihn an die Brüstung. Ich sah das matte Lächeln um seine Lippen.

"Sie sind gut informiert", stellte er fest. Er zuckte die Achseln. "Diese Stadt ist ein Dorf. Mister Trevellian. Ihr Name ist mir im Übrigen auch ein Begriff..."

"Was Sie nicht sagen."

"Meine Zeit ist knapp bemessen. Weshalb suchen Sie mich auf?"

"Gestern wurde ein Toter quasi direkt vor ihrer Haustür abgelegt..."

"Ja, was ist aus dieser Welt geworden, Mister Trevellian! Furchtbar!"

"Reden wir Klartext, wenn jemand hier einen Toten ablegt, der auch noch einer Ihrer Angestellten war..."

"Ich bin untröstlich, aber ich weiß nicht, wovon Sie reden!"

"Chris Costello war einer Ihrer Männer, Mister Giacometti! Das Ganze richtet sich gegen Sie..."

Er grinste.

"Und jetzt will mich der FBI beschützen, ja?" Er lachte schallend. "Mister Trevellian, wenn ich eins gelernt habe, dann, dass man sich nur auf sich selbst verlassen kann!"

"Kennen Sie diesen Mann?", fragte ich dann und zeigte ihm ein Bild von Bruce Reynolds.

"Nie gesehen..."

"Dieser Mann sieht jetzt nicht mehr so gut aus, nachdem er in einem Haus in Riverdale von demselben Killer umgebracht wurde... Durch eine Armbrust, wie Costello."

Und Milo ergänzte: "Es gibt nicht viele, die auf diese Weise töten..."

"Das mag wohl sein. Aber das können Sie beide wirklich besser beurteilen..."

"Reynolds hat mehrere Ihrer Telefonnummern in seinem Adressbuch stehen. Und laut Auskunft der Telefongesellschaft hat er fleißig mit Ihnen telefoniert..."

"Mit einem meiner Abschlüsse", korrigierte Giacometti. "Herrgott, was glauben Sie, wie viel Telefone es allein hier in diesem Gebäude gibt."

"In Ihrem Haus auf Long Island nicht ganz so viele..."

Zum ersten Mal sah ich so etwas wie eine Bewegung in Giacomettis Zügen. Sein Mund wurde ein dünner Strich. Seine Augen schmal.

Sein Blick bekam etwas Falkenhaftes.

"Reizen Sie mich nicht, Mister Trevellian!"

Ich fixierte ihn mit meinem Blick.

"Reynolds stand auf unserer Fahndungsliste. Er war ein Auftragskiller. Und er telefonierte mit Ihnen... Tja, und kurze Zeit später versucht Reynolds dann, einen Kerl umzubringen, dem er offensichtlich nicht gewachsen war. Wenn Sie an meiner Stelle wären, würden Sie auch ins Grübeln kommen!"

Giacometti drehte sich herum und sein Zeigefinger schnellte hoch wie ein Springmesser. Eine dunkle Röte überzog jetzt sein Gesicht.

Details

Seiten
150
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916522
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
henry rohmer thriller killerpfeile

Autor

Zurück

Titel: Henry Rohmer Thriller - Killerpfeile