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Abrechnung mit den Gentlemen: N.Y.D. - New York Detectives

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Abrechnung mit den Gentlemen: N.Y.D. - New York Detectives

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Krimi von Al Frederic

Der Umfang dieses Buchs entspricht 144 Taschenbuchseiten.

Bount Reiniger verbringt seinen wohlverdienten Urlaub in Bella Italia. Dort lernt er die attraktive Amerikanerin Martina Price kennen, die in Florenz als Auslandskorrespondentin arbeitet. Ihr Bruder Glennmore war sieben Jahre zuvor wegen Bankraubs in Italien verurteilt worden und sollte am kommenden Tag entlassen werden. Dass er schon einen Tag früher rauskam, wusste sie nicht. Und sie ahnt auch nicht, dass ihr Bruder nur eins im Sinn hat: Rache zu nehmen an denjenigen, die ihn betrogen und unschuldig hinter Gitter brachten. Als ein Killer versucht, Glennmore zu töten, greift Bount Reiniger ein – damit sind die Ferien des smarten New Yorker Privatdetektivs zu Ende ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1.

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Es war noch zu warm - kein Jackenwetter.

Der Mann mit den beigen Gabardinehosen hatte seine automatische Pistole daher in der weiß-blauen Stofftasche einer Fluggesellschaft versteckt, zumal sie mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer ohnehin zu groß und zu klobig gewesen wäre, um in einem Gürtelholster oder im Hosenbund getragen werden zu können.

Er hielt die Tasche in der rechten Hand und schritt mit dem Benehmen eines Touristen, der auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten war, auf dem Bürgersteig entlang. Er brauchte nur den Reißverschluss der Tasche zu öffnen und hineinzugreifen, dann war er bereit zum Schuss, denn die Waffe war durchgeladen und entsichert.

Er bog in die Via Ghibellina ab und steuerte eines der Straßencafés an, die in Florenz wie auch im übrigen Italien „Bars“ genannt wurden. Nachdem er einen Caffè macchiato bestellt hatte, wandte er sich dem Fenster zu und beobachtete durch die Scheibe die Toreinfahrt, schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite, die sich in der lang gestreckten Mauer öffnete wie die Grotte eines riesengroßen, wuchtigen, hässlichen Felsendoms.

Heute kommt er raus, dachte der Mann mit der Tasche, aber er wird sich noch wünschen, drinnen geblieben zu sein.

„Signore, Ihr Macchiato“, sagte der Mann hinter dem Tresen.

Der Killer drehte sich wieder um und war mit zwei Schritten am Tresen, eingekeilt zwischen anderen Männern, die um diese Zeit - fünfzehn Uhr - ihren gewohnten Espresso oder Amaro zu sich nahmen.

Keiner von ihnen schenkte dem Mann mit der Tasche seine Aufmerksamkeit.

Keiner würde sich später an ihn erinnern, auch der Barista nicht, der viel zu beschäftigt damit war, pausenlos den Kaffee in kleine Tassen zu füllen und Magenbitter auszuschenken.

Jemand verlangte einen „Caffè freddo“, einen kalten Kaffee, und der Killer dachte: Es ist ein heißer September, man hat das Verlangen, nur Kaltes zu sich zu nehmen. Bis in den Juni hinein hat es geregnet, aber die Jahreszeiten haben sich verschoben; es wird auch im November noch angenehm warm sein, und die Stranieri, die Ausländer, baden auch dann noch im Meer, wie im vergangenen Jahr.

Er warf wieder einen Blick aus dem Fenster.

Das Tor der Strafvollzugsanstalt „Le Murate“ war nach wie vor geschlossen, so, als würde es sich nie öffnen, heute und morgen und auch übermorgen nicht.

Aber er kommt raus, sagte sich der Killer, während er seinen Kaffee in kleinen Schlucken trank, die Information ist absolut zuverlässig. Morgen wird in der Verwaltung gestreikt, da hat er keine Möglichkeit, alle erforderlichen Formalitäten zu erledigen. Sie geben ihm schon heute seine Papiere und lassen ihn laufen.

Ich folge ihm, dachte er. Vielleicht bis ins Zentrum, wo mehr Menschen sind. Dort bringe ich mich so dicht wie möglich an ihn heran, hebe die Tasche hoch, greife rein und drücke ab; einmal oder zweimal, je nachdem.

Sein Atem ging ruhig und regelmäßig, es war nicht sein erster Auftrag dieser Art.

*

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GLENNMORE PRICE HOB den kleinen Koffer mit seinen Habseligkeiten ein wenig an, als er die wenigen Treppenstufen hinabschritt. Das Sonnenlicht im Hof stach grell in seine Augen. Fast drohte er zu stolpern, aber er fing sich rechtzeitig und hielt das Gleichgewicht. Er hatte sich in der Gewalt. Er hatte sich sieben Jahre lang beherrschen und seine aufwallenden Gefühle bezwingen können, er würde es auch weiterhin - und gerade jetzt - verstehen, sich nicht gehen zu lassen.

Don Girolamo, der Gefängnisgeistliche, begleitete Price vom Gebäude aus über den kleinen quadratischen Hof zum Tor.

Price atmete tief durch, und jetzt, ganz plötzlich, konnte er ein wenig lächeln. Hier, in der Zwischenstation von Gefangenschaft und Freiheit, schien die Luft jetzt schon ganz anders zu riechen. Hier schien man etwas wahrzunehmen vom Duft der Herbsttage, der sich über der Stadt ausbreitete und nur in die Zellen der Strafanstalt „Le Murate“ keinen Einlass fand.

Glennmore Price zeigte beim Pförtner seinen Passierschein vor und ließ von den Wachtposten noch einmal sein Gepäck durchsuchen. Immer noch war er der Musterhäftling, der nie protestierte und jeder Anweisung Folge leistete. Er hatte sich durch beispielhaft gute Führung drei Jahre seines Lebens verdient, drei Jahre, die er eigentlich noch hier hätte absitzen müssen, die ihm aber nach einer langwierigen Antrags- und Genehmigungsprozedur erlassen worden waren.

„In Ordnung“, sagte einer der Posten und klappte den Deckel des Koffers wieder zu. Er zeichnete den Passierschein ab, reichte ihn Price und fügte hinzu: „Den üblichen Spruch brauche ich bei dir ja wohl nicht herunterzubeten, was, Price?“

„Dass ich mich nicht wieder sehen lassen soll?“ Price lächelte immer noch. „Ganz gewiss nicht.“ Er sprach ein einwandfreies Italienisch mit kaum hörbarem Akzent. In den letzten sieben Jahren hatte er Zeit genug gehabt, seine Kenntnisse auf diesem und auf anderen Gebieten zu vertiefen.

„Höchstens noch mal ganz privat“, sagte der zweite Posten. „Aber dann vergiss nicht, was zu rauchen mitzubringen!“

Sie lachten gemeinsam, als wäre das eine großartige Pointe gewesen. Dann gab Price dem Gefängnisgeistlichen die Hand.

„Padre, ich danke Ihnen für alles“, sagte er.

Don Girolamo versuchte, in den Zügen des hochgewachsenen Amerikaners zu lesen. War Price wirklich so entspannt, wie er tat - oder war sein ganzes Verhalten nur sorgfältig einstudiert?

Nein, unmöglich, dachte der Priester, soweit kann er sich nicht verstellen.

„Glennmore“, sagte er leise und eindringlich, während das Tor sich langsam öffnete. „Vergessen Sie nicht, dass die schwierigste Bewährungsprobe erst jetzt auf Sie zukommt. Es ist nicht leicht, nach sieben Jahren Haft wieder in das normale Alltagsleben einzusteigen.“

„Ich weiß.“

„Aber Sie sind ein intelligenter Mann - Sie werden es schaffen.“

„Ich finde schon eine Arbeit - dank Ihrer Hilfe.“

„Sie sollen sich nicht dauernd bedanken.“

Price nickte. „Ich weiß ja, Sie tun nur Ihre Pflicht. Trotzdem werde ich mich immer daran erinnern, wie Sie sich für mich eingesetzt haben.“

„Für mich wäre es schon ein Gewinn, wenn Sie Ihr Versprechen einhalten würden.“

„Sie mindestens einmal die Woche in Ihrer Gemeinde zu besuchen? Ich denke daran.“ Ich werde auch versuchen, mein Wort zu halten, dachte er, wenn es irgend geht und nichts dazwischenkommt.

Don Girolamo war ein hagerer Mann Ende der Zwanzig, mittelgroß und nicht sonderlich kräftig, aber doch von erstaunlicher Zähigkeit und Ausdauer erfüllt. Er trug statt der alten Priesterkleidung nur einen schlichten dunklen Anzug; er war ein moderner Geistlicher, der viel Hoffnung in seine Reformgedanken legte.

Er ließ Prices Hand los und blickte dem Mann nach, als dieser durch das Tor in die Via Ghibellina hinausschritt.

Glennmore Price sah noch einmal über die Schulter zurück, lächelte und winkte, dann schlossen sich die beiden Flügel des Tores hinter ihm, und er ging rasch weiter, als habe er ein präzises Ziel. Seine Mundwinkel sanken herunter. Während er sich aufmerksam nach allen Seiten umblickte, dachte er an die Einzelheiten seines Planes.

Geld hatte er - zehntausend Lire in kleinen Scheinen in der Hosentasche, vierhunderttausend Lire im Koffer und dann noch einmal fast zwei Millionen auf einem Postsparkonto, das Don Girolamo für ihn eingerichtet hatte. Große Sprünge konnte man damit zwar nicht machen, denn es waren umgerechnet noch nicht einmal dreitausend Dollar, aber immerhin, für den Anfang reichte es.

Sieben Jahre Arbeit im Bau, dachte er, sechs Stunden pro Tag in der Tischlerwerkstatt und noch mal zehn Stunden pro Woche Dienst in der Bücherei, und das alles für 2900 Dollar.

Er konnte sich ein Zimmer nehmen, irgendwo in der Stadt oder auch außerhalb. Er konnte auch zu Martina ziehen, wie Don Girolamo es ihm immer wieder ans Herz gelegt hatte, bis er ihm versprochen hatte, er würde es sich überlegen.

Aber er wusste ganz genau, dass er sich weder in Florenz einmieten noch zu Martina gehen würde. Er würde sich auch keine Arbeit suchen, würde die Empfehlungsschreiben, die sowohl der Geistliche als auch die Gefängnisdirektoren ihm mitgegeben hatten, wohl nie verwenden und früher oder später vernichten.

Das tat ihm im Grunde leid für den jungen Priester, der darauf hoffte, einen echten Fall von Reintegration in die Gesellschaft erreicht zu haben, und sicherlich fest davon überzeugt war, dass das ewig Schlechte im Menschen sich durch fortschrittliche Anwendung der Theologie verbannen ließe.

Aber man muss Prioritäten setzen, dachte Glennmore Price.

Er hatte nur einen Wunsch, nämlich, seine erklärten Todfeinde zu finden und umzubringen. Sie hatten sein Leben ruiniert, und dafür wollte er sich rächen.

Er überquerte die Straße und hielt immer wieder nach allen Seiten Ausschau.

Obwohl es nicht den Anschein hatte, dass ihm jemand folgte, ließ sein Misstrauen nicht nach.

Irgendwie müssen sie es herausbekommen haben, dachte er. Sie wissen ganz bestimmt, dass ich vorzeitig entlassen worden bin - und sie ahnen, was ich vorhabe. Vielleicht kennen sie das genaue Datum nicht, aber möglich ist, dass sie den verdammten Bau schon seit Tagen belauern und nur darauf warten, dass ich die Nase rausstecke. Außerdem gibt es genügend Wege, eine Information von drinnen zu kriegen. Man brauchte nur das richtige Rad zu schmieren.

Er schritt weiter, ohne auf den Mann mit der beigen Gabardinehose aufmerksam zu werden, der das Straßencafé jetzt verlassen hatte und vorsichtig die Verfolgung aufnahm.

Price, dachte der Killer, praktisch bist du jetzt schon tot.

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2.

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Bount Reiniger war mit einem reizenden Mädchen ins Gespräch gekommen, obwohl er erst seit zwei Tagen in Forte dei Marmi war und sich fest vorgenommen hatte, auch wirklich das zu tun, was er zurzeit am dringendsten nötig hatte: sich zu entspannen.

Deshalb war er diesmal auch allein in Urlaub gegangen, denn das war seiner Ansicht nach der einzige Weg, um tatsächlich zur Erholung zu kommen.

Aber der Pfad der Vernunft und Enthaltsamkeit konnte nicht an einem Geschöpf wie Martina vorbeiführen.

Zuerst hatte er fest angenommen, sie sei eine waschechte Italienerin, aber es stellte sich rasch heraus, dass sein Feingefühl ihn in diesem Punkt gründlich im Stich gelassen hatte.

Ihr Nachname lautete Price, und sie stammte aus Delaware in Ohio. Schuld an Bounts Irrtum waren ihre hervorragenden italienischen Sprachkenntnisse, die die seinen haushoch überragten.

Ihre Bekanntschaft war noch im frühesten Entwicklungsstadium, aber doch schon an dem Punkt, an dem man sich bei den Vornamen zu nennen beginnt.

An diesem frühen Nachmittag saßen sie sich auf der schattigen Terrasse des Strandbades „La Vela“ gegenüber. Bount hatte sich eine Pall Mall angezündet; Martina Price nippte an ihrem Drink, einem Bitter San Pellegrino.

Sie setzte ihr Glas auf einem kleinen runden Tisch ab und lächelte. „Das ist wirklich ein Zufall, Bount, Sie können es mir glauben“, sagte sie mit ihrer angenehmen Altstimme. „Zwei amerikanische Staatsbürger mieten sich ausgerechnet in demselben Bad einen Sonnenschirm und einen Liegestuhl, die obendrein auch noch beinahe nebeneinanderstehen. Wissen Sie, um diese Jahreszeit sind in Forte dei Marmi meistens nur Deutsche, Schweizer und Engländer als ausländische Touristen vertreten.“

Bount nahm einen Zug aus der Zigarette und blies eine dünne Rauchfahne zu den Liegestühlen hinüber, die in langen Reihen auf dem breiten Strand zueinandergeordnet waren. „Der Witz dabei ist, dass ich Sie für eine inländische Touristin gehalten habe. Könnte es sein, dass Ihre Mutter Italienerin ist?“

„Nein, nein. Wegen meines Vornamens, meinen Sie? Das war ein Zufall. Als ich geboren wurde, suchten meine Eltern ganz einfach einen besonders klangvollen Mädchennamen aus.“

„Sie haben wirklich eine gute Wahl getroffen“, meinte Bount Reiniger. „Aber sie haben Ihnen bestimmt keine Fremdsprachen beigebracht, oder?“

„Diesmal liegen Sie richtig, Bount“, antwortete sie und lachte. „Ich habe eine Schule für Dolmetscher besucht.“

„In den Staaten?“

„Nein, in Florenz.“

„Und dort sind Sie als Dolmetscherin tätig?“

„Wieder ein Volltreffer“, erwiderte sie amüsiert. „Ich arbeite als Auslandskorrespondentin für ein großes Im- und Exportunternehmen. Aber zurzeit habe ich Urlaub - wie Sie. Was wollen Sie noch wissen, Bount?“

Er sagte: „Wenn Sie blond wären oder wenigstens blaue oder grüne Augen hätten, wäre ich in meinen Vermutungen über Ihre Herkunft wohl etwas vorsichtiger gewesen.“

Sie war brünett und hatte dunkle Augen, aber weder ihre langen, bis auf die Schulter fallenden Haare noch die Größe ihrer Augen und die Länge ihrer seidigen Wimpern, die tiefbraune Farbe ihres Körpers und die vollendeten Proportionen waren das Prägnanteste in ihrem Äußeren - das, was Bount so sehr an ihr faszinierte. Über solche Attribute verfügten viele Mädchen, die überwiegend nicht sehr viel mehr versprachen als ein rasches Ferienabenteuer. Anders Martina: Sie hatte einen sensiblen, sinnlichen Mund in einem wirklich schönen und ausdrucksvollen Gesicht. Ihre Züge ließen auf Klugheit und Gefühlstiefe schließen - und im Gespräch mit ihr hatte sich herausgestellt, dass Bount sich in diesen beiden Punkten nicht getäuscht hatte.

Sie schlug eines ihrer langen Beine über. „Schade, dass Sie solche Vorurteile haben, Bount. Es gibt doch nicht nur dunkelhaarige, schwarzäugige Italienerinnen.“

„Das bezweifle ich nicht“, sagte er. „Aber die Zahl der echten Blondinen dürfte wohl sehr begrenzt sein, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Und ob! Andererseits gibt es aber in den Staaten eine ganz ansehnliche Menge von echten Dunkelhaarigen, oder sind Sie anderer Meinung?“

„Keineswegs.“

„Sehr überzeugt klingt das nicht.“ Sie blickte ihn offen an. „Ehrlich, Bount, ich würde es Ihnen ja gern beweisen, aber ich kann es nicht.“ Plötzlich schien sie zu bemerken, dass sie im Begriff war, sich peinlich zu verzetteln. Hastig griff sie nach ihrem Glas und nahm noch einen Schluck San Pellegrino - und tatsächlich verdunkelte sich die Farbe ihres Gesichts ein wenig.

Bount Reiniger hob verwundert die Augenbrauen, als sie den Blick senkte. Er kannte wirklich viele, verflixt viele Mädchen, und die meisten legten eine nahezu atemberaubend schnelle Vertraulichkeit an den Tag. Aber auch hier schien Martina Price ganz anders zu sein als die anderen.

Mann, Bount, dachte er, nimm dich bloß in Acht!

Sie blickte wieder auf und sagte: „Wissen Sie was, Bount? Sie können einen richtig in Verlegenheit bringen.“

„Ich bin aber harmlos, glauben Sie es mir.“

„Hätten Sie Lust, mit mir schwimmen zu gehen?“

„Sie haben mich noch nicht gefragt, ob ich schwimmen kann“, sagte er.

Sie lachte wieder. „Ach, hören Sie doch auf. Sie können bestimmt noch viel mehr als das.“

„Entschuldigung, Martina, aber woraus schließen Sie das?“

Sie stand auf, nahm ihr leeres Glas vom Tisch und trug es zum Ausschank zurück. „Mein Gott“, murmelte sie. „Was rede ich denn heute bloß zusammen?“

Wenig später schritten sie gemeinsam über den Strand und steuerten auf ihre Liegestühle zu. Martina entledigte sich ihres Strandkleides, Bount zog sein Hemd aus, das er über der Badehose trug, und dann liefen sie auf das Wasser zu, das wie eine spiegelglatte Fläche im Sonnenlicht glitzerte.

Martina trug einen hellen Bikini, der in seinem Schnitt an einen Tanga erinnerte und doch nicht so knapp saß. Bount, der ein Stück hinter ihr war, hatte jetzt Gelegenheit, ihre Figur voll zu bewundern. Als sie sich zu ihm umdrehte, hob er aber rasch den Blick.

„He, Bount!“, rief sie ihm zu. „Wo bleiben Sie denn?“

Er beschleunigte, war mit zwei Sprüngen im Wasser und folgte ihr. Als sie beide bis zur Brust eingetaucht waren, begannen sie zu schwimmen. Bount brachte sich im flotten Crawlstil voran und holte nur nach jeweils drei Zügen Luft. Die Sandbank, die etwa zwanzig Yards außerhalb lag, hatte er rasch erreicht. Er richtete sich auf, drehte sich um und sah lächelnd zu dem Mädchen, das erst jetzt eintraf.

„Na also!“, sagte sie. „Ich hab’s ja geahnt, dass Sie ein guter Schwimmer sind. Machen Sie das beruflich?“

„Nein.“

Sie watete näher auf ihn zu und richtete ihren prüfenden Blick auf sein Gesicht. „Übrigens - wie wäre es, wenn auch Sie mir verraten, was für eine Art von Job Sie haben, Bount Reiniger?“

„Halten Sie das für so wichtig?“

„Über neue Freunde möchte man gern so viel wie möglich wissen - wenn man Wert auf diese Freundschaft legt.“

„Ich lege Wert darauf, Martina.“

„Obwohl ich keine Italienerin bin?“

Er grinste. „Himmel, ja.“

„Ist Ihr Beruf ein Geheimnis, Bount? Sind Sie ein wichtiger Staatsbeamter - im Auftrag des Pentagons?“

„Leider nicht, sonst brauchte ich mir um meine Zukunft keine Sorgen zu machen“, antwortete er.

„Ich hatte schon angenommen, Sie sind vom Geheimdienst“, sagte sie und lachte. „Aber wenn es so wäre, würden Sie es mir ja bestimmt nicht auf die Nase binden, oder?“

Er seufzte. „Martina, ich will mit offenen Karten spielen. Ich bin Privatdetektiv. Mein Büro befindet sich an der Siebten Avenue in Manhattan, und zurzeit versieht dort meine Assistentin June March den Dienst, der für mich in der letzten Zeit so nervenaufreibend war, dass ich dringend mal abschalten musste.“

„Das ist ja hochinteressant“, sagte sie erstaunt „Welche Art von Fällen bearbeiten Sie denn?“

„Nicht nur Scheidungssachen, falls Sie das meinen.“

„Bount, Sie sprechen nicht gern darüber, nicht wahr?“

„Es gibt bessere Themen.“

„Okay, tut mir leid, dass ich so aufdringlich war.“

Er lächelte ihr zu. „Martina, das eine kann ich Ihnen versichern: Sie sind in keiner Weise aufdringlich.“

„Ehrlich?“

„Ganz ehrlich. Schwimmen wir bis zur Boje?“

„Einverstanden.“

Sie schwammen weiter hinaus, und Bount hielt sich dabei ziemlich dicht neben ihr, für den Fall, dass sie es nicht schaffen sollte. Sie bewies ihm dann aber, dass sie doch über eine sehr gute Kondition verfügte.

Bount Reiniger hatte es einfach nicht fertiggebracht, ihr etwas vorzuschwindeln. Aber er wusste schon jetzt, dass er es noch bereuen würde, ihr seiner Beruf verraten zu haben. Es brachte einem selten etwas Gutes ein, wenn die Leute erfuhren, dass man sich sein Brot damit verdiente, anderen Leuten nachzuspüren und sie in Teufels Küche zu bringen.

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3.

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Glennmore Price stieg in einen der Stadtbusse, die in Florenz „Circolare“ genannt wurden. Er löste einen Fahrschein, ging ein Stück im Mittelgang weiter, setzte seinen Koffer ab, blieb stehen und hielt sich fest. Sitzplätze gab es nicht. Die Busse, die ins Zentrum fuhren, waren zu allen Tageszeiten voll und zu den Hauptstoßzeiten des Berufsverkehrs total überfüllt.

Der Mann mit der beigen Gabardinehose fiel Price immer noch nicht auf. Er konnte ihn nicht bemerken, denn der Mann war in ein Taxi gestiegen und folgte dem Bus in einigem Abstand.

An der Piazza della Signoria stieg Price wieder aus und suchte das Postamt in der Via Condotta auf, wo Don Girolamo mit seinem Einverständnis das Sparkonto eingerichtet hatte.

Price trat an den Schalter mit der Aufschrift „Contocorrenti“ und legte seinen Personalausweis vor. Es war ein italienischer Ausweis; er hatte während der Zeit seiner Haft seine amerikanische ID- Card umschreiben lassen, obwohl er nach wie vor US-Staatsbürger war. Man konnte auch einen italienischen Pass oder Führerschein haben, ohne die Staatsbürgerschaft zu ändern.

Der Beamte am Schalter sah sich aufmerksam den Ausweis und dann das Sparbuch an, das Price ihm zuschob, aber als Price sagte, er wolle sein Geld abheben, schüttelte er den Kopf.

„Tut mir leid, Signore, aber das geht nur vormittags. Ein- und Auszahlungen aller Art werden am Nachmittag nicht mehr ausgeführt.“

„Seit wann?“

Der Beamte musterte ihn verwundert. „Das ist eine Verordnung, die schon seit 1975 existiert. Sind Sie lange nicht mehr in Italien gewesen? Aber auf Ihr Konto ist doch regelmäßig Geld eingezahlt worden.“

Glennmore Price nahm das Sparbuch und den Ausweis wieder an sich. „Schon gut, ich hatte das ganz vergessen“, sagte er. „Ich bin manchmal ein wenig zerstreut, wissen Sie?“ Er versuchte zu lächeln, aber es misslang ihm. Wie lahm und unglaubwürdig seine Worte klingen mussten, war ihm selbst bewusst, aber ihm fiel nichts Besseres ein.

„Kann ich gut verstehen“, sagte der Mann am Schalter.

Vielleicht kann er es wirklich, dachte Price. Wenn nicht, hat er sich ganz hervorragend in der Gewalt.

„Kommen Sie morgen früh wieder“, sagte der Beamte. „Dann kriegen Sie Ihr Geld. Wir haben ab acht Uhr geöffnet.“

Price steckte das Sparbuch und den Ausweis ein, murmelte einen Gruß und ging. Er verfluchte sich innerlich, weil er sich so unbeholfen angestellt hatte. Würde der Beamte Nachforschungen anstellen? Würde man sich weigern, das Geld an ihn auszuzahlen? In den sechs Jahren, die das Konto jetzt schon bestand, hatte Don Girolamo es vorzüglich verstanden, den wahren Aufenthaltsort seines Schützlings zu verheimlichen. Er hatte ganz einfach seinen eigenen Wohnsitz als Adresse angegeben. Es gab bei der Post irgendein Statut, das den Insassen von Strafanstalten untersagte, Konten einzurichten. Der Geistliche hatte die Verordnungen auf elegante Weise umgangen, um Glennmore Price zu den relativ hohen Zinsen zu verhelfen.

Price verließ das Postamt und kehrte auf die Piazza della Signoria zurück. Er hatte keinen Blick für den Palazzo Vecchio und die Loggia dei Lanzi übrig, auch nicht für die Uffizien, die erhaben hinter den mächtigen Statuen des Michelangelo und Giambologna aufragten. Er dachte nur grimmig: Und selbst wenn sie rauskriegen, dass ich bis heute früh gesessen habe - sie müssen mir das Geld geben, es ist mein rechtmäßiges Eigentum!

Er steuerte eines der geräumigeren, gepflegteren Cafés an. Er wollte sich setzen, eine Kleinigkeit zu sich nehmen und erst einmal in aller Ruhe nachdenken, was jetzt zu tun war.

Weil er es nicht gewusst hatte, dass er die knapp zwei Millionen Lire erst am nächsten Morgen abheben konnte, musste er jetzt umplanen und sich doch eine Unterkunft suchen. Wenigstens für eine Nacht. Er hatte Florenz sofort den Rücken kehren wollen, aber das war jetzt nicht mehr möglich.

Keine Panik, sagte er sich, ganz ruhig bleiben. Was soll denn schon passieren? Du wirst die überschüssige Zeit eben nutzen. Du brauchst eine Waffe und wirst sie dir besorgen.

Wieder blickte er sich aufmerksam um. Doch der schlanke Mann mit der Gabardinehose, der eine leichte Flugtasche trug, ließ sich von einer Touristenschar mitnehmen, die gerade mit hastigem Schritt quer über den Platz hinweg auf den Palazzo Vecchio zustrebte. Price bemerkte seinen Schatten wieder nicht. Er beruhigte sich zusehends, während er weiterschritt, und dachte: Vielleicht sind sie ja doch nicht hinter dir her. Vielleicht haben sie das Interesse an dir verloren und sagen sich, dass du ein kaputter Mann bist, der keinem mehr gefährlich werden kann.

Er wollte das Café betreten, aber eine Gruppe Ausländer kam ihm zuvor und drängte sich plötzlich vor dem Eingang. Price hörte, dass es Franzosen waren. Sie redeten aufgeregt durcheinander und schienen bereit zu sein, sich um die besten Fensterplätze zu streiten. Eine resolute Frau um Ende der Vierzig stieß die Tür auf, drehte sich um und rief etwas, das nach Prices Meinung soviel wie „Alle mir nach“ bedeuten mochte.

Ärgerlich wollte er sich zurückziehen, aber sie hatten ihn jetzt umringt und versperrten ihm den Rückweg. Jemand rempelte ihn an und dachte nicht daran, sich dafür zu entschuldigen. Eine jüngere Frau trat ihm um ein Haar mit ihrem dünnen Absatz auf den Fuß. Price war versucht, die Ellbogen zu benutzen, um sich freizukämpfen, aber er zögerte, weil er kein Aufsehen erregen wollte.

Der Killer war mühelos von der einen Gruppe Touristen zur anderen übergewechselt und bahnte sich jetzt rasch einen Weg durch die Menge von Leibern, die sich immer noch vor der Tür des Cafés drängte, als gelte es, einen Brückenkopf im Sturm zu erobern.

Er sah Prices Kopf aus der Masse aufragen und dachte: Jetzt, mein Freund - jetzt entgehst du mir nicht mehr.

Als Glennmore Price den „Circolare“ verlassen hatte, hatte der Killer seinem Taxifahrer sofort einen Schein in die Hand gedrückt und war ausgestiegen, ohne auf das Wechselgeld zu warten. Trotzdem hatte er es nicht geschafft, sich in die Nähe seines Opfers zu bringen, bevor dieser das Postamt betrat. Er hatte also ausgeharrt und darauf gehofft, dass sich eine bessere Chance bieten würde. Ein Postamt war der denkbar schlechteste Platz, um einen Mann vom Leben zum Tod zu befördern und dann unbemerkt zu entkommen.

Price beschloss, sich in der Gruppe treiben zu lassen; er fand ein passives Verhalten doch angebrachter. Vielleicht kriegst du ja auch einen Platz, sagte er sich. Vielleicht nehmen diese idiotischen Frenchmen nur schnell einen Drink, um dann gleich wieder zu verschwinden.

Der Killer brachte sich etwas weiter nach links, um hinter Prices Rücken zu gelangen. Er hob die weiß-blaue Stofftasche an, griff mit der rechten Hand nach dem Reißverschluss und öffnete ihn. Er vergrub die Hand in der Tasche und fühlte den kühlen Stahl des Pistolenschaftes unter seinen Fingern.

Price hatte die jüngere Frau immer noch vor sich. Er konnte ihr ziemlich starkes Parfüm riechen und blickte auf ihre Nackenpartie hinab, und er dachte plötzlich daran, wie lange es schon her war, dass er keine Frau mehr gehabt hatte.

Er wollte gleich hinter ihr das Café betreten, doch jetzt schob sich von rechts ein dicker Mann heran, der sich eine Spiegelreflexkamera um den Hals gehängt hatte und zornig und angriffslustig aussah. Er traf Anstalten, sich an der Frau vorbeizuarbeiten und noch vor ihr das Lokal zu betreten.

Der Killer zwängte sich zwischen zwei Gestalten hindurch und war dann unmittelbar hinter Glennmore Price. Er hob die Tasche bis in Brusthöhe an wie jemand, der befürchtet, dass ihr Inhalt zerquetscht werden könnte. Seine Finger hatten sich um den Kolben der Schalldämpferautomatik geschlossen. Die Mündung der Waffe richtete sich auf Prices Rücken.

Der Dicke stieß mit der jüngeren Frau zusammen, und zwar so hart, dass sie unweigerlich aufschrie. Sie geriet ins Taumeln, prallte gegen Glennmore Price und trat ihm nun doch auf den Fuß. Der Schmerz war stechend. Er verzog das Gesicht und stöhnte. Er hielt die Frau plötzlich mit beiden Händen an den Schultern fest, damit sie nicht fiel, aber unter dem Druck der Menschenleiber, die jetzt von rechts aus dem siegreichen Dicken folgten, begann auch er zu wanken und drohte das Gleichgewicht zu verlieren.

Der Killer fühlte sich nach links befördert. Er befürchtete, den Kontakt zu Price zu verlieren und seine Chance zu verpassen, deshalb drückte er entschlossen ab.

Die Kugel fuhr mit einem spuckenden Laut aus dem Waffenlauf, der in dem Lärm der Stimmen unterging. Das Projektil, Kaliber 7,65 Millimeter, durchschlug den Stoff der Tasche und raste auf Glennmore Prices Nacken zu.

Price zuckte zusammen, als habe ihn ein Peitschenhieb getroffen. Er spürte ein Brennen auf der rechten Schulter, das schlimmer war als der Schmerz im Fuß. Ihm war, als würde eine Flamme sein Fleisch versengen, und wieder stöhnte er, riss die Frau in einer instinktiven Handlung ganz zu sich heran und zerrte sie mit sich zu Boden.

Das Projektil flog bis zur Mauer des Gebäudes, prallte aber nicht als Querschläger daran ab, sondern blieb wegen der großen Wucht, die seine Bewegung auf die kurze Entfernung hatte, mit einem ploppenden Laut im Verputz stecken.

Dieses Geräusch war nun doch gehört worden. Die Köpfe der Touristen ruckten herum, und die Blicke derer, die das Café noch nicht betreten hatten, richteten sich auf den Einschuss und dann auf Price und die entsetzt schreiende Frau, die sich gegen seinen Zugriff wehrte.

Price fühlte, wie das Brennen in seiner Schulter ihm das Bewusstsein zu rauben drohte.

Oh Himmel, dachte er, was ist bloß geschehen?

Der Killer wurde ein Stück nach links gestoßen. Er stolperte und war in seiner jäh aufkommenden Wut versucht, wild um sich zu schießen.

Verdammt, dachte er, du Anfänger, du Narr, du Stümper, du hast ihn verfehlt, er hat nur einen Streifer - drück noch mal ab!

Er ließ die Tasche sinken, und erneut krümmte sich sein Zeigefinger um den Abzug. Noch zog er aber nicht durch.

„Was war das?“, schrie der dicke Mann, der sich in der offenen Tür umgedreht hatte, auf französisch. „Was ist hier los?“

Price ließ die Frau los, ehe sie nach ihm treten oder ihm die Ellbogen in den Magen rammen konnte. Er drehte sich auf den Rücken, sah den Killer mit der Tasche in der Hand über sich, spürte den Schmerz immer stärker in seiner Schulter toben - und begriff mit einem Mal.

Er bringt dich um, dachte er in panischem Entsetzen.

Ihre Blicke trafen sich, und für eine Sekunde hatte er den Anschein, als würde es eine Art Verständigung, ja, vielleicht sogar eine unerwartete Einigung zwischen ihnen geben.

Dann sah Glennmore Price auf die Tasche, die sich ihm entgegensenkte. Er ließ sich fallen und rollte sich trotz seiner großen Schmerzen auf dem Pflaster ab. Er lag plötzlich mitten zwischen den Beinen der Franzosen, die zwar vor ihm zurückwichen, ihm aber doch genügend Deckung boten.

Der Killer wagte es nicht, blindlings in die Menge zu feuern. Er schreckte vor dem Aufruhr zurück, den er dadurch auslösen würde, und dass er vielleicht einen Unbeteiligten verletzte. Noch richteten sich alle Blicke auf Price und die Frau, die sich soeben wieder vom Boden erhob. Fiel aber ein zweiter Schuss, so war es wahrscheinlich, dass man ihn als den Schützen erkannte, dass man ihn umzingelte oder verfolgte und ihm die Polizei nachhetzte.

Er ließ die Pistole los. Sie sank auf den Boden der Tasche. Fast behutsam zog er sich vom Schauplatz des Geschehens zurück und schlüpfte zwischen den Leibern hindurch ins Freie. Dann wandte er sich um und schritt mit gezügelter Hast über die Piazza davon.

Niemand rief ihm etwas nach. Niemand folgte ihm.

Glennmore Price rappelte sich vom Boden auf, obwohl ihm schwindlig und übel wurde. Er blickte sich nach seinem verhinderten Mörder um, konnte ihn aber nicht mehr entdecken.

Dieses Gesicht - er wusste, dass er es nicht vergessen würde. Er hatte es nie zuvor gesehen. Nur für ein oder zwei Sekunden hatten sie sich angestarrt, aber Price hatte sich die Züge des Killers eingeprägt, fast fotografisch genau und unauslöschlich.

Er bückte sich nach seinem kleinen Koffer, den er fallengelassen hatte, als er nach den Schultern der strauchelnden Frau gegriffen hatte. Er hob ihn auf, unternahm den Versuch, sich den Staub von der Kleidung zu klopfen, begann aber wieder zu wanken und unterließ es.

Wieder suchten seine Augen nach der Gestalt des Killers. Aber der Mann schien verschwunden zu sein.

Price tat zwei Schritte in Richtung auf den Platz, und die verblüfften Franzosen wichen vor ihm zurück. Eine Bresche öffnete sich, und Price konnte fast über die ganze Piazza della Signoria blicken, doch den Killer vermochte er immer noch nicht zu entdecken.

Price schritt weiter. Der Schmerz in der Schulter zwang ihn fast in die Knie, aber er presste die Lippen zusammen und unterdrückte ein erneutes Stöhnen.

Der Dicke eilte ihm nach und rief: „Monsieur! Was hat das zu bedeuten? Sie sind ja an der Schulter verletzt! Wollen Sie uns nicht erklären, was ...“

Price blieb stehen und blickte sich zu ihm um. „Ich verstehe Sie nicht“, sagte er auf Englisch. „Lassen Sie mich in Ruhe. Mit mir ist alles in Ordnung, verstanden? All right, compris?“

Der Dicke ging nicht weiter. Er hatte nach Prices Arm greifen wollen, aber die Kälte in dem Blick des Mannes warnte ihn. Plötzlich bekam er Angst und bewegte sich langsam rückwärts, zurück zu den anderen Mitgliedern der Gruppe.

„Was passiert ist?“, sagte jetzt die jüngere Frau aufgebracht. „Da fragen Sie auch noch? Sie haben mich angerempelt, Sie Bauer, und da bin ich gegen diesen Mann geflogen. Er hat versucht mich festzuhalten, aber dann sind wir beide hingefallen. Ich glaube, ich habe ihm dabei auch auf den Fuß getreten.“

„Aber nicht gegen die Schulter“, sagte der Dicke nachdenklich. „Haben Sie nicht gesehen, dass er blutet?“

„Gar nichts habe ich gesehen“, erwiderte sie wütend. „Aber von Ihnen erwarte ich, dass Sie sich bei mir entschuldigen.“

Die resolute Frau Ende der Vierzig, die die Gruppe leitete, erschien jetzt in der Tür des Cafés und rief: „Mesdames, Messieurs, worauf warten Sie denn nur? Brauchen Sie eine Sondereinladung? Sie bringen noch unseren ganzen Terminplan durcheinander, wenn Sie sich nicht ein bisschen beeilen.“

„Dieser Mann“, sagte die jüngere Frau. „Wer war das eigentlich?“

„Ein Ami, glaube ich“, antwortete der Dicke. „Vielleicht wollte der sich ja an Sie heranmachen.“

„Hören Sie doch auf!“, fuhr sie ihn an. „Merken Sie denn gar nicht, was für ein Stoffel Sie sind?“

„Sie brauchen mich nicht zu beleidigen“, sagte er. „Ich weiß ja, dass ich mich danebenbenommen habe. Entschuldigen Sie vielmals.“

„Da war doch ein anderer Mann, der nicht zu uns gehörte“, sagte jemand aus der Gruppe.

„Vielleicht auch ein Ami“, meinte der Dicke.

„Nein, er sah mehr wie ein Italiener aus. Dunkelhaarig, braun gebrannt, schick angezogen und so. Er hatte eine Tasche, in der er rumkramte.“

„Jetzt ist er verschwunden“, sagte die jüngere Frau. „Spurlos.“

„Herrschaften!“, rief die Reiseleiterin. Sie klatschte in die Hände. „Wollen Sie Ihren Pastis nun noch trinken, oder verzichten Sie darauf?“

Der Teil der Gruppe, der im Freien geblieben war, setzte sich wieder zur Tür hin in Bewegung. Der Dicke ließ die jüngere Frau an sich vorbei und betrat als letzter das Café. Nachdenklich blickte er noch einmal dorthin, wo die 7,65er-Kugel in der Mauer steckte. Er ahnte, dass sich in diesen wenigen Augenblicken etwas weitaus Dramatischeres abgespielt hatte, als sie alle glaubten. Er ahnte aber nicht einmal, dass er ungewollt einen Mann vor dem Tod bewahrt hatte.

Glennmore Price überquerte die Piazza und ging zu den Uffizien. Plötzlich hatte er kein bestimmtes Ziel mehr. Er wollte nur untertauchen und keinen Menschen mehr sehen.

Den Killer konnte er nicht verfolgen; er wusste nicht, wo der Kerl sich versteckte, und er hatte keine Waffe, mit der er auf ihn feuern konnte. Er, Price, war wehrlos und dem Kerl ausgeliefert, falls dieser ihm wieder irgendwo auflauerte. Der andere war der Jäger, der jederzeit wieder zuschlagen konnte, um sein Wild durch einen gezielten Fangschuss endgültig zur Strecke zu bringen.

Glennmore Price begann heftiger zu atmen. Die Schmerzen ließen nicht nach, nahmen eher noch zu. In seinem Kopf toste es, und vor seinen Augen wallten graue Schleier.

Hatte er einen Fehler begangen? Hätte er nicht lieber bei den Franzosen bleiben sollen? Der dicke Mann hatte vielleicht nur eine Erklärung verlangt, weil er ihm helfen wollte. Und die jüngere Frau hätte sich möglicherweise auch für ihn eingesetzt.

Aber wie? Alles wäre doch nur darauf hinausgelaufen, dass sie die Polizei benachrichtigt hätten - und genau das wollte Price vermeiden. Man konnte ihn zwar nicht wieder einsperren, denn er hatte schließlich keine Straftat begangen. Aber man würde ihm eine Menge Fragen stellen, Don Girolamo benachrichtigen und ihn dann unter Polizeischutz stellen. Und das war genau das, was er nicht wollte.

Dass er die Hilfe der Behörden nicht beantragen würde, ahnte wahrscheinlich auch der Killer, und deshalb bestand für den Kerl kein Grund, sich ganz von der Szene zurückzuziehen.

Price trug den Koffer in der linken Hand und schritt schwerfällig durch den lang gestreckten offenen Hof der Uffizien auf den Arno zu. Hinter jeder Säule der Arkaden konnte der Killer lauern. Price war zumute, als schreite er zu seiner Hinrichtung.

Für ihn gab es jetzt nur noch eine Möglichkeit: Er musste sich irgendwo verkriechen, damit man ihn nicht ermordete, ehe es dunkel wurde.

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4.

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Forte dei Marmi hält, was es verspricht“, sagte Bount Reiniger, als sie nach ihrem gemeinsamen Bad den Strand verließen. „Aber mich würde auch interessieren, wie es in Viareggio aussieht. Waren Sie schon mal dort, Martina?“

„Ja“, antwortete sie. „Der Hafen ist besonders malerisch.“

„Haben Sie Lust, sich ihn mit mir zusammen anzusehen?“

„Einverstanden“, sagte sie lächelnd.

Sie gingen in ihre Hotels hinüber. Bount Reiniger zog sich um, nahm an der Bar einen Drink und fuhr dann mit seinem gemieteten Alfetta 2000 zu ihr hinüber, um sie abzuholen. Wenig später rollte der Wagen im gemäßigten 50-Stundenkilometer-Tempo über den Lungomare, der die Orte miteinander verband.

Zwischen Forte dei Marmi und Viareggio lagen Marina die Pietrasanta und Lido di Camaiore, Ferienkolonien mit Hotels, Pensionen und Privatvillen, die lückenlos ineinander übergingen.

„Hier würde ich gern das ganze Jahr über leben“, sagte sie. „Aber ich bin beruflich an Florenz gebunden.“

„Der Anfahrtsweg von hier aus wäre zu lang?“

„Es sind immerhin hundert Kilometer Autobahn.“

„Ich glaube, fünfzig wären zweimal pro Tag gerade noch zu verkraften.“

„Ja. In Florenz habe ich ein kleines Apartment - keinen Katzensprung von meiner Arbeitsstelle entfernt.“

„Wohnen Sie schon lange dort?“, fragte Bount.

„Seit acht Jahren.“

„Donnerwetter - und das, ohne eine feste Bindung einzugehen?“

Sie warf ihm einen überraschten Seitenblick zu. „Sagen Sie mal, finden Sie nicht auch, dass das eine etwas indiskrete Frage ist?“

„Nein, und ich werde dabei nicht einmal rot. Sehen Sie, Martina, jetzt kommt bei mir die berufliche Neugierde zum Vorschein. Das liegt einem wohl so im Blut.“

Das Ortsschild von Viareggio glitt vorbei, und wenig später kam ein prunkvoller Hotelbau mit Jugendstil-Ornamenten in Sicht. Bount musste unmittelbar davor stoppen, weil eine Ampel auf Rot umsprang.

„Das ist der ,Principe di Piemonte'“, erklärte Martina. „Ein wunderschönes Haus - ein richtiger Palast. Sie müssten ihn mal von innen sehen. Da er als Luxusherberge allerdings nicht mehr rentabel ist, will man jetzt ein Spielkasino daraus machen.“

„Hochinteressant. Aber meine Frage haben Sie noch nicht beantwortet.“

Sie seufzte und strich sich mit der Hand durch die langen, seidigen Haare. „Wenn ich gewusst hätte, dass Sie so unverfroren fragen, hätte ich mich nicht als Fremdenführerin angeboten.“

„Martina, ich habe einen guten Freund namens Wilkie Lenning, gegen dessen unverschämte Redeweisen bin ich noch ein Waisenknabe.“

„Haben Sie dieses Büro in New York schon lange?“

„Etwas länger als acht Jahre“, erwiderte er. Bount gab Gas und fuhr an, weil die Ampel Grün zeigte, wechselte auf die linke Fahrspur über und überholte eine Gruppe jugendlicher Motorroller-Fans, die auf der rechten Seite herumalberten.

„Und da sind Sie noch keine feste Bindung eingegangen?“, fragte sie.

„Gut gekontert“, stellte er lachend fest. „Also gut, ich bin ein richtiger Junggeselle.“

„Wissen Sie was, Bount? Ich glaube, von Ihnen habe ich schon mal gelesen. Sind Sie nicht der bekannte Privatdetektiv?“

„Richtig.“

„Dann ist es wirklich ein Wunder, dass Sie noch frei herumlaufen.“

„Danke für die Blumen“, sagte Bount.

„Sind Sie sicher, dass das ein Kompliment war?“

„Martina, jetzt werden Sie sarkastisch“, sagte er tadelnd. „Aber der Fairness halber sollten Sie mir jetzt auch verraten, wie Sie den Maschen der Netze entgangen sind, die die heißblütigen Italiener auswerfen.“

„Ich habe mich darin schon mal verstrickt. Aber es war eine sehr kurze Erfahrung, und ich konnte mich gerade noch rechtzeitig retten, bevor ich in die Falle einer sinnlosen Wegwerf-Ehe tappte. Genügt Ihnen das?“

„Okay, okay. Und nehmen Sie mir die Fragerei nicht übel.“

„Bount - tut mir leid, dass ich so gereizt reagiert habe. Aber an gewisse Erlebnisse denke ich ungern zurück“, sagte sie. „Und obwohl ich mich über manche Dinge auch mal aussprechen muss, stelle ich mich richtig zimperlich an, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Das ist ein Fehler von mir.“

„Nehmen Sie’s nicht so schwer“, sagte Bount. „Soll ich noch weiter geradeaus fahren?“

„Ja, bis zur Mole. Dort können Sie parken, und wir gehen über die Drehbrücke direkt zum Jacht- und zum Fischereihafen hinüber, wenn Sie Lust dazu haben.“

„Und ob. Vielleicht gibt es ja auch die Möglichkeit, eine Barkassenfahrt zu unternehmen.“

„Ja, ganz bestimmt sogar“, sagte sie, und plötzlich leuchtete es in ihren Augen auf. „Himmel, Bount, ich hätte riesige Lust, auf einem dieser alten Kähne ein Stück rauszufahren!“

By gosh, dachte er, sie kann tiefernst und nahezu verschlossen werden und gleich darauf wieder in mädchenhafte Begeisterung für irgendeine Kleinigkeit ausbrechen! Bount Reiniger, sieh dich bloß vor, aus dieser Lady wirst du trotz aller Erfahrung noch nicht recht schlau!

Sie ließen den Alfa auf einem Parkplatz stehen, gingen über die Drehbrücke hinweg und besichtigten den Hafen. Martina Price erwies sich als eine wirklich ausgezeichnete Führerin. Sie setzte ihm viele Einzelheiten auseinander, die er mit seinen vergleichsweise geringen Sprachkenntnissen nur schwer hätte erfragen können.

Viareggio war lange Zeit ein „Offener Hafen“ gewesen, in dem der Schmuggel mit harten Drogen und andere Geschäfte fast reibungslos abgewickelt worden waren. Erst in den letzten zwei Jahren hatte die Justiz dem einen Riegel vorgeschoben und neue Richtlinien für den Zoll und die Finanzpolizei erlassen, die längst dringend nötig gewesen waren.

Bounts berufliches Interesse war wieder einmal geweckt, aber er verdammte sich deswegen.

Zum Teufel, dachte er, was geht dich das eigentlich an? Bist du zur Erholung hergekommen oder willst du ein Dossier über die „Italian Connection“ schreiben?

Als sie an Bord einer Barkasse kletterten und im allmählich verblassenden Tageslicht auf das Thyrrhenische Meer hinausfuhren, vergaß er sämtliche Betrachtungen über die internationale Drogen-Szene und widmete sich wieder der angenehmen Seite des Ausfluges. Martina Price benahm sich jetzt ausgelassen und fütterte die Möwen. Als die Barkasse einmal etwas stärker nach Backbord überholte, klammerte sie sich an ihm fest, um nicht gegen die Reling zu prallen.

Sie blickte ihn an und lachte. „Bount, das ist himmlisch!“, rief sie. „Was unternehmen wir heute Abend?“

„Gibt es an der Mole ein gutes Restaurant?“

„Ja. Es heißt 'Tito dei Molo'.“

„Sehr gut“, sagte er. „Ich schlage vor, wir lassen uns die besten Fischspezialitäten servieren - und dazu einen guten Weißwein, nicht zu trocken, wenn es geht.“

Sie nahmen nebeneinander auf einer der harten Holzbänke des Achterdecks Platz, und sie schlang ihm dabei wie selbstverständlich den Arm um die Schulter.

Bount sagte: „Morgen früh schwimmen wir wieder bis zur Boje, oder? Vielleicht stellen wir ja noch einen Rekord auf.“

Plötzlich wurde sie wieder ernst. „Morgen früh muss ich unbedingt nach Florenz fahren. Mein Urlaub ist zwar noch nicht zu Ende, aber ... aber ich muss etwas erledigen, das sich nicht verschieben lässt.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916515
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
abrechnung gentlemen york detectives

Autor

Zurück

Titel: Abrechnung mit den Gentlemen: N.Y.D. - New York Detectives