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Brenda Logan und das Einhorn: Drei Romane um das magische Amulett

2018 300 Seiten

Leseprobe

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Brenda Logan und das Einhorn: Drei Romane um das magische Amulett

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Dieses Buch enthält die Romane:

Jan Gardemann: Lady der Dämmerung

Jan Gardemann: Das Geheimnis des Einhorns

Jan Gardemann: Der Stein der Angst

London als Schauplatz mysteriöser und magischer Ereignisse! Amulettjägerin Brenda Logan stellt sich dem Bösen tapfer entgegen – während all ihre Vertrauten einem geheimnisvollen Zauber anheimfallen! Wird es Brenda gelingen, das Böse zu bezwingen und ihre Freunde vom Wahnsinn zu befreien?

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COPYRIGHT

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Adelind, Pixabay, Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Lady der Dämmerung 

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Das magische Amulett Band 107

Roman von Jan Gardemann

Der Umfang dieses Buchs entspricht 94 Taschenbuchseiten.

Brenda Logan, die Amulettforscherin, und Collin, ein begabter Fotograf, sind auf dem Weg nach Blackstone Castle, einem alten Schloss, das der Besitzer dem Kulturministerium in London verkauft hatte. Doch sie scheinen sich verirrt zu haben. In dem Dorf Highparish fragen sie nach dem Weg, müssen aber feststellen, dass man sie irregeführt hat. Als sie endlich Blackstone Castle erreichen, empfängt sie Clarissa, eine junge Frau, die man angeblich beauftragt hat, für den Besuch zu sorgen. Doch Brenda ist misstrauisch.

Und schon beginnt der Spuk, denn auf dem Schloss liegt ein Fluch ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Firuz Askin, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

© Logo by Steve Mayer unter Verwendung von Motiven by Pixabay, 2017

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

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Wie hypnotisiert starrte ich die Jadehand an, Als Clarissa mich hierher geführt hatte, hatte dieses merkwürdige Schmuckstück noch nicht auf dem Tisch gelegen  da war ich mir sicher. Zögernd näherte ich mich dem Tisch, ohne die Jadehand dabei aus den Augen zu lassen. Sie war etwa so groß wie mein Daumen, drei Finger waren wie zum Schwur ausgestreckt. Diese Geste wurde aber auch zum Abwehren von bösem Zauber verwendet. Ich hatte ein Amulett vor mir! Diese Erkenntnis löste ein leichtes Schwindelgefühl in mir aus. Seit unserem Erlebnis in Highparish hatte mich das ungute Gefühl beschlichen, es könnte in dieser Gegend nicht mit rechten Dingen zugehen. Dass ich in meinem Zimmer nun plötzlich dieses seltsame Amulett entdeckte, bestärkte meine Furcht nur noch ...

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1

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»Halten Sie bitte an, Brenda!«, bat der Mann, der neben mir auf dem Beifahrersitz meines nachtblauen Volvos saß.

»Was ist denn nun schon wieder?«, fragte ich ein wenig entnervt und ließ den Wagen am Rand der Fahrbahn ausrollen.

Wir befanden uns auf einer einsamen Landstraße, die durch ein hügeliges, dicht bewaldetes Gebiet westlich von London führte. Es war früher Nachmittag. Der Himmel ähnelte einem grauen Feld träge wallender Nebel. Die Wolken hingen so tief, dass sie fast die Wipfel der mächtigen Baumriesen streiften. Es herrschte ein schummeriges, graues Zwielicht, so dass ich gezwungen gewesen war, die Scheinwerfer anzuschalten, weil die Sicht auf der Waldstraße so miserabel war.

Als der Volvo stoppte, stieß mein Begleiter die Beifahrertür auf und stürmte ins Freie. Zielstrebig eilte er in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Ich schüttelte schicksalsergeben den Kopf, strich mir eine Strähne aus weizenblondem Haar aus der Stirn und stieg dann ebenfalls aus. Lässig an den Wagen gelehnt, stand ich da und schaute dem Mann hinterher.

Sein Name war Collin Claus. Er war ein hochgewachsener Bursche mit blondem glattem Haar und Augen, die in dem blassen Gesicht wie zwei versehentlich dorthin geratene blaue Farbtupfer wirkten. Collin war ein bekannter Fotograf. Er bevorzugte skurrile und unheimliche Motive und hatte bereits in einigen namhaften Galerien ausgestellt.

»Sehen Sie sich doch nur einmal diesen Baum an!«, rief er mir zu und deutete auf einen toten, verknorrten Baumriesen am Straßenrand. Laublos und verdreht ragten die Äste in alle Himmelsrichtungen. Moos und Flechten hatten sich auf den ausladenden schwarzen Zweigen angesiedelt. Hier und da war die Rinde weggeplatzt, so dass das graue tote Holz darunter zum Vorschein gekommen war.

»Ich finde dieses Ding ziemlich hässlich, wenn Sie mich fragen!«, rief ich dem Mann zu.

Aber Collin schien meine Bemerkung gar nicht gehört zu haben. Er legte den Kopf schief und änderte seine Position, um den toten Baum aus mehreren Blickwinkeln heraus betrachten zu können.

»Dieser Baum ist die Verkörperung von der menschlichen Vorstellung des Todes«, sinnierte er mit lauter Stimme. »Unsere Erinnerungen an einen verstorbenen Menschen sind genau so skurril und verrottet, wie dieser Baum. Man vergisst all das Üppige und Bewegte, bis nur noch ein karges, unheimliches Bild bleibt.« Er nahm die Kamera, die an einem breiten Band um seinen Hals hing, und fing an, den toten Baumriesen zu fotografieren.

»Ich dachte immer, die menschliche Erinnerung würde genau andersherum funktionieren«, rief ich dem Mann zu, war mir aber nicht sicher, ob er meine Worte durch das Klicken und Surren seines modernen Fotoapparates hindurch überhaupt verstand. Trotzdem führte ich meine Überlegung laut fort, denn ich hatte das Gefühl, seiner verschrobenen Sichtweise etwas entgegensetzen zu müssen:

»Bleibt in unserer Erinnerung nicht nur das Schöne und Einzigartige eines Menschen bestehen, während die Erinnerung an seine schlechten Seiten verblassen?«

Collin ließ die Kamera sinken und sah den Baum nachdenklich an.

»Kommt darauf an, welche Seite in einem Menschen am meisten ausgeprägt war«, erwiderte er dann gedankenversunken. »An einen Menschen mit schlechten Charaktereigenschaften und böswilligen Gebaren wird man notgedrungen nur schlechte Erinnerungen haben.«

»Aber man wird an einen Menschen, den man liebte, immer in Zärtlichkeit gedenken«, hielt ich dagegen. »Man wird in ihm immer den blühenden Baum sehen, der er einmal war.«

Collin drehte sich mit seiner Kamera plötzlich zu mir um, richtete das Objektiv auf mich und schoss gleich mehrere Fotos hintereinander. Er grinste, als der den Fotoapparat wieder sinken ließ.

»Sie sehen ziemlich verführerisch aus, wie Sie da in Ihrem hellen Hosenanzug gegen das nachtblaue Auto lehnen«, schwärmte er. »Ihr weizenblondes Haar schimmert selbst bei schlechten Lichtverhältnissen, als hätte ein Sonnenstrahl sich darin verfangen. Und in Ihren grünen Augen liegt ein geheimnisvoller Glanz, als würden sie von Dingen wissen, die den meisten Menschen verborgen sind.«

Unwillkürlich wandte ich meinen Blick von dem jungen Mann ab und schaute zu Boden. Ich wusste tatsächlich von einigen Dingen, die ein normaler Mensch sich nicht einmal in seinen schlimmsten Alpträumen ausdenken konnte. Ich bin Archäologin und Amulettforscherin. Und mein Interesse für magische Amulette hatte mich in der Vergangenheit in zahlreiche unglaubliche Abenteuer verwickelt. Natürlich hatten diese Abenteuer ihre Spuren in mir hinterlassen. Sie hatten mich reifer und vorsichtiger werden lassen.

War es möglich, dass Collin Claus dies in meinen Augen gesehen hatte? Immerhin war er ein begnadeter Fotograf mit einem besonderen Blick für das Außergewöhnliche.

Ich war fest entschlossen, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr er mit seiner Bemerkung ins Schwarze getroffen hatte. Welche fürchterlichen Dinge ich während meiner Jagd nach magischen Amuletten erlebt hatte, gingen nur mich und Daniel, meinem Ehemann, etwas an. Niemand würde mir glauben, wenn ich erzählte, wozu magische Amulette fähig waren und welches Leid und Unglück sie über die Menschen brachten.

Mit einem dünnen, spöttischen Lächeln auf den Lippen sah ich Colin an, der noch immer neben dem toten Baumriesen stand und mich aufmerksam musterte.

»Machen Sie jeder Frau solche Komplimente?«, wollte ich wissen, wobei meine Stimme eine Spur zu schnippisch klang, wie ich fand. Collin zuckte mit den Schultern und verschloss die Fotolinse mit einer Schutzkappe.

»Nicht jede Frau macht eine gute Figur, wenn ich sie durch das Objektiv betrachte«, meinte er dabei. »Sie können sich auf meineWorte also etwas einbilden.«

»Ich weiß sehr gut, welchen Eindruck ich auf Männer mache«, entgegnete ich gelassen und hob die Hand, damit er meinen Ehering sehen konnte. »Ich bin verheiratet, Collin. Und Daniel, mein Mann, umschwärmt mich immer noch, als wären wir frisch verliebt, weil er nicht verlernt hat, in mir die Frau zu sehen, die sie eben durch ihr Objektiv gesehen haben.«

Collin grinste und kam auf mich zu. »Das glaube ich Ihnen gerne«, schmunzelte er. »Ich wünschte, ich könnte dasselbe von mir behaupten. Aber bisher hat es noch keine Frau länger als einige Monate bei mir ausgehalten.«

Für meinen Geschmack wurde das Gespräch nun ein wenig zu privat. Collin und ich hatten in dieser Gegend einen Job zu erledigen - das schien der Fotograf völlig vergessen zu haben.

»Anstatt in der Gegend herumzugaffen, sollten Sie lieber mal einen Blick auf die Landkarten werfen«, erklärte ich in sachlichem Tonfall. »Seit über einer Stunde irren wir nun schon in diesem Landstrich umher, ohne auch nur eine Turmspitze von Blackstone Castle erblickt zu haben.«

Collin zuckte unbeholfen mit den Schultern. »Ich fürchte, ich bin im Kartenlesen nicht halb so gut, wie im Aufspüren von lohnenswerten Fotomotiven.«

»Dann strengen Sie sich gefälligst an!«, entgegnete ich.'»Sonst werden wir das Schloss vor Einbruch der Nacht wohl nicht mehr erreichen.«

Wir stiegen wieder in das Auto und breiteten die Landkarte zwischen uns aus. Ich deutete mit dem Zeigefinger auf ein Kreuz, das Professor Sloane, der Direktor des British Museum, mit Kugelschreiber auf der Karte vermerkt hatte.

»Hier soll doch den Angaben des Museumsdirektors zufolge Blackstone Castle liegen«, meinte ich leicht verärgert.

»Ihr Vorgesetzter hat sich wohl geirrt«, erwiderte Collin leichthin. »Wir haben diese Stelle doch bereits abgesucht. Es war nicht einmal eine Ruine oder irgendein anderes menschliches Bauwerk dort zu finden.«

Ich fuhr mir mit den Fingern durch das Haar. »Aber irgendwo hier in der Gegend muss das Schloss doch liegen.«

Collin schüttelte amüsiert den Kopf. »Und ich dachte immer, Archäologen wären im Aufspüren altertümlicher Gebäude unschlagbar«, spottete er. »Und nun stellt sich heraus, dass gewisse Archäologen sogar unfähig sind, ein riesiges Bauwerk mitten in einemWald zu finden.«

Er stieß ein raues, freudloses Lachen aus. »Vielleicht existiert Blackstone Castle ja gar nicht«, fabulierte er. »Das Kulturministerium in London hat eine Unmenge Geld für ein Gebäude ausgegeben, das es gar nicht gibt. Der Lord, dem das Gemäuer angeblich gehörte und es an das Ministerium verkaufte, weil er angab, kurz vor dem Bankrott zu stehen, muss ein ziemlich ausgefuchster Ganove gewesen sein. Bestimmt hat er sich mit dem Geld längst auf und davon gemacht und beginnt auf einer Südseeinsel unter einem anderen Namen nun ein neues Leben und lacht sich eins ins Fäustchen.«

»Das halte ich für ausgeschlossen.« Tadelnd sah ich den Fotografen an. »Es existieren zwar keine Baupläne oder Grundrisse von Blackstone Castle. Das Bauwerk wurde aber natürlich von Mitarbeitern des Ministeriums vorher besichtigt. Es muss hier irgendwo sein. Wir finden es bloß nicht, weil Sie ständig nach toten Bäumen Ausschau halten, Collin.«

Der Mann an meiner Seite presste die Lippen aufeinander.

»Sie mögen mich nicht besonders, habe ich recht?« sagte er plötzlich.

Ich atmete einmal tief durch. »Nun werden Sie nicht gleich sentimental. Wir haben den Auftrag, Blackstone Castle zu inspizieren. Wir sollen uns einen Überblick verschaffen, und Sie sollen Fotos von den Räumlichkeiten schießen, damit die Architekten sich ein Bild von der Beschaffenheit des Castle machen können. Schließlich soll auf Blackstone Castle einmal ein Tagungsort entstehen. Leute aus der Kulturszene sollen sich dort treffen, Symposien, Tagungen und Workshops abhalten und sich weiterbilden.«

Collin nickte. »Sie betrachten unseren kleinen Ausflug natürlich nur als einen Job«, sagte er gefasst. »Sie werden nur Ihre Grundrisse anfertigen, mich die Fotos schießen lassen und nach zwei, drei Tagen wieder nach London zurückfahren und unsere Begegnung schnell wieder vergessen.«

»Was hatten Sie denn gedacht?«

Collin sah mich mit seinen blauen Augen unverwandt an. »Nichts auf dieser Welt geschieht ohne Grund«, erklärte er dann ernst. »Dass wir beide an diesem Tag zusammen durch diese urige Landschaft fahren, ist vom Schicksal vorherbestimmt.« Seine Augen bekamen einen eindringlichen, fast stechenden Ausdruck. »Dass wir uns trafen, hat eine tiefere Bedeutung, Brenda, davon bin ich fest überzeugt.«

Ich seufzte, richtete meinen Blick auf das graue Asphaltband vor mir und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Ich halte nichts von derartigen Theorien«, erklärte ich. »Wir haben einen Job zu erledigen - das ist alles. Und was das Schicksal anbetrifft - ich ziehe vor, es selber zu bestimmen!« Mit diesen Worten legte ich einen Gang ein und fuhr abrupt an.

Der Volvo gewann rasch an Fahrt. Die Bäume wischten wie Schatten links und rechts hinter den Fenstern vorbei.

Collin setzte sich auf seinem Sitz zurecht und blickte nach vorn.

»Wir werden ja sehen«, murrte er und verschränkte die Arme trotzig vor der Brust und der Kamera. »Es wird auf unserem Ausflug etwas Besonderes passieren - davon bin ich fest überzeugt.«

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2

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Highparish lautete der Name auf dem windschiefen Ortsschild, das von einem Gebüsch halb verdeckt wurde. Das Schild war so unverhofft am Straßenrand aufgetaucht, dass ich es fast übersehen hätte.

»Highparish«, wiederholte ich den Namen gedankenverloren und verlangsamte das Tempo. »Sehen Sie doch einmal auf der Karte nach, ob Sie den Ort dort finden.«

Collin ergriff die Karte und knisterte lustlos damit herum. Er drehte und wendete sie, schien den Ort aber nicht zu finden.

»Wie alt ist diese Karte eigentlich?«, fragte er missmutig. Seit dem Wortwechsel, der zwischen uns für Unstimmigkeiten gesorgt hatte, hatte er nichts mehr gesagt.

»Diese Karte ist ganz neu«, erwiderte ich unwirsch. »Wenn Sie mit einer Landkarte nur halb so gut umgehen könnten, wie mit Ihrer Kamera, hätten wir Blackstone Castle längst erreicht.«

»Suchen Sie Ihren blöden Ort doch selber«, blaffte Collin und warf die völlig zerknitterte Landkarte auf meinen Schoß.

In diesem Moment tauchten die ersten Häuser auf. Die Ortschaft lag mitten im Wald, die Häuser lagen von der Straße weit zurückversetzt. In den langgestreckten Vorgärten standen Bäume und dichte Büsche, die die Gebäude von der Straße abschirmten.

»Wo sind wir denn jetzt hingeraten?«, fragte Colin erstaunt. Er hatte sich aufrecht hingesetzt und starrte verwundert nach draußen. Abrupt riss er die Kamera hoch, entfernte die Schutzkappe und fing an, wie besessen zu fotografieren.

Inzwischen fuhr ich nur noch im Schritttempo. Auch ich war von dem Anblick der Ortschaft wie gebannt. Die Häuser hinter den Bäumen sahen sehr urig und alt aus. Die Dächer waren teilweise mit Rindenborke bedeckt. Schornsteine aus kinderkopfgroßen, runden Steinen ragten aus den Dächern empor. Die Fenster waren mit Läden aus rohen Brettern versehen, von denen die meisten geschlossen waren. Der Putz schien aus Lehm und Stroh zu bestehen.

Erst jetzt bemerkte ich, dass die Asphaltstraße einem Pfad aus Kopfsteinpflaster gewichen war. Der Volvo wankte seicht, während die Reifen klatschend über das Pflaster rollten.

»Das scheint hier so eine Art Museumsdorf zu sein«, bemerkte Collin, ohne die Kamera von seinem Gesicht zu nehmen.

»Ich habe noch nie von diesem Ort gehört«, sagte ich gedehnt. »Wenn es hier ein Museumsdorf gäbe, würde ich es wissen.«

Wir erreichten einen Platz, um den herum sich einige größere Fachwerkhäuser gruppierten. Wir schienen den Marktplatz erreicht zu haben. Aber es war nirgendwo eine Menschenseele zu erblicken.

Ich stoppte den Wagen und schaltete den Motor aus. Eine gespenstische Stille breitete sich aus.

»Diesem Ort haftet etwas Magisches, Übernatürliches an«, erklärte Colin aufgeregt. »Wenn ich diese Fotos veröffentliche, wird jeder Liebhaber meiner Fotografie Highparish besuchen wollen. Es kommt fast einem Wunder gleich, dass dieses urwüchsige Dorf so unbekannt ist, dass nicht einmal eine Archäologin von seiner Existenz weiß.« Er maß mich mit einem raschen, verschmitzten Seitenblick. Aber ich ignorierte seinen Seitenhieb und stieg aus. Aufmerksam sah ich mich um.

In einem Punkt hatte Collin recht: Dem Ort haftete tatsächlich etwas Unheimliches und Unwirkliches an. Ich bezweifelte trotzdem, dass es sich wirklich um ein Museumsdorf handelte, denn dafür sahen die Häuser viel zu ungepflegt und heruntergekommen aus. Das ganze Walddorf machte den Eindruck, als wäre es tatsächlich bewohnt. In einigen der Vorgärten waren mir Gerätschaften aufgefallen. Die Spaten, Schubkarren und Grabforken machten den Eindruck, als wären sie vor kurzem noch benutzt worden. Doch wo waren die Leute, die hier lebten?

Entschlossen trat ich auf eines der Häuser beim Marktplatz zu. Es handelte sich um ein hohes Fachwerkhaus, dessen Dach mit scheckigen Schindeln gedeckt war, die aussahen, als wären sie noch mit der Hand gefertigt worden. Das Gebäude machte den Eindruck, als würde es sich um ein Gasthaus oder ein Rathaus handeln, denn es war das größte Haus des Platzes.

Als ich bei der Holztür ankam, suchte ich nach einem Klingelknopf. Aber es gab keinen.

Noch etwas anderes fiel mir plötzlich auf: In Highparish schien es weder Satellitenschüsseln noch Antennen zu geben. Wahrscheinlich gab es hier nicht einmal Elektrizität.

Ich ballte die Faust und klopfte gegen die Tür. Die Schläge hallten dumpf und hohl im Innern des Hauses wider. Doch dann kehrte wieder Stille ein.

»Glauben Sie wirklich, hier würde noch jemand wohnen?«, rief Collin mir vom Wagen aus spöttisch zu. Er war ebenfalls ausgestiegen und beobachtete mich über das Wagendach hinweg, auf das er die Arme lässig gestützt hatte.

Ich wollte gerade etwas erwidern, als ich hinter derTür plötzlich schlurfende Schritte vernahm. Ein Riegel wurde aufgeschoben, und dann schwang die Tür knarrend auf. Vor mir stand ein älterer Herr in einem altmodischen Ausgehrock. Seine Körperhaltung war schlaff und kraftlos, ebenso wie die Falten in seinem Gesicht. Unter den wasserblauen Augen des Mannes zeichneten sich dicke Tränensäcke ab. Mit ausdrucksloser Miene sah er mich an.

»Sie wünschen?«, fragte er tonlos.

Ich streckte dem Mann die Hand hin, die er jedoch geflissentlich übersah.

»Brenda Logan«, stellte ich mich vor. »Wir ... wir sind auf der Suche nach Blackstone Castle und haben uns anscheinend verirrt. Vielleicht könnten Sie uns weiterhelfen?«

Der Mann musterte mich von oben bis unten. Aber seinem ausdruckslosen Gesicht war nicht anzumerken, was in dem Gehirn dahinter vor sich ging. Dann streckte der Mann lahm den Arm aus, bis er schräg in die Höhe wies.

»Haben Sie keine Augen im Kopf?«, fragte er unwirsch. »Dort oben können Sie die Türme von Blackstone Castle sehen. Sie brauchen sich nur umzudrehen!«

Verwundert wandte ich mich von dem Mann ab und blickte in die Richtung, in die sein Arm deutete. Ich traute meinen Augen kaum, als ich über den gefiederten Kronen der Bäume tatsächlich drei rabenschwarze Türme mit zwiebelförmigem Dach erblickte. Die Wolken, die sich darüber auftürmten, sahen drohend und düster aus, als wollten sie gleich losregnen und Blitze auf das Castle hinabschleudern.

Die Sonne musste bereits untergegangen sein, denn das Zwielicht begann schwächer zu werden. Dunkelheit breitete sich zwischen den Bäumen aus.

»Na endlich!«, rief Collin erleichtert, der die Türme des Castle nun auch gesehen hatte, weil er meiner Blickrichtung mit den Augen gefolgt war.

Ich wandte mich wieder zu dem alten Mann um. »Welchen Weg müssen wir nehmen, um zum Schloss zu gelangen«, erkundigte ich mich höflich.

Mein Gegenüber starrte mich düster an. »Wollen Sie Blackstone Castle etwa einen Besuch abstatten?«, fragte er mürrisch.

Ich nickte. »Wir kommen im Auftrag der neuen Besitzer«, erklärte ich. »Blackstone Castle befindet sich nun im Besitz des Kulturministeriums. Ich und mein Kollege sollen dort Vorbereitungen treffen. Das Castle wird zum Tagungszentrum umgebaut. Davon wird auch Highparish profitieren.«

Der Mann zog grimmig die Augenbrauen zusammen, was seinen Blick noch düsterer und abweisender aussehen ließ.

»Wir in Highparish mögen keine Fremden«, knurrte er. »Von mir aus können sie dort bleiben, wo sie sind. Und wem Blackstone Castle gehört, wird sich noch herausstellen. Glauben Sie ja nicht, ein Castle ließe sich so einfach veräußern. Zu diesem Schloss gehört nämlich weitaus mehr als bloß Steine und Holzböden.«

Mit diesen Worten knallte er mir die Tür vor der Nase zu.

Verdattert starrte ich die morsche Tür an. Highparish war in vieler Hinsicht ein seltsamer Ort. Die Bewohner schienen genauso verschroben und altmodisch wie die Häuser, in denen sie wohnten.

Gedankenversunken kehrte ich zum Wagen zurück. Colin hatte bereits wieder auf dem Beifahrersitz Platz genommen. Unternehmungslustig sah er mir entgegen.

»Sieht so aus, als ob ich mich in Bezug auf die Ehrlichkeit des Lords geirrt hätte«, meinte er vergnügt. »Er hat dem Ministerium wohl doch keinen Bären aufgebunden. Blackstone Castle existiert tatsächlich.«

»Daran habe ich keinen Moment gezweifelt«, erwiderte ich gedankenverloren und klemmte mich hinter das Steuer. Ich startete den Wagen und fuhr los.

»Haben Sie den Mann gefragt, welchen Weg wir nehmen sollen?« erkundigte sich Collin. Unsere Unstimmigkeit schien er inzwischen vergessen zu haben. Er war genau so ungezwungen und mitteilsam, wie am Anfang unserer Reise.

»Er hat mir die Tür vor der Nase zugeschlagen, als ich ihn nach dem Weg fragte«, erklärte ich säuerlich.

Collin lachte trocken. »Wir werden auch ohne fremde Hilfe zum Castle finden«, meinte er leichthin. »Wir kennen ja jetzt den Standort.«

Ich folgte dem Verlauf der mit Kopfstein gepflasterten Straße. Bisher war mir keine Abzweigung aufgefallen. Darum vermutete ich, dass sie in dem Teil des Ortes lag, den wir noch nicht kannten.

Langsam dümpelte der Volvo über die holprige Straße. Abenddämmerung hatte sich über das Dorf gesenkt, und hinter einigen der Fenster der altertümlichen Behausungen flackerte unruhiges Kerzenlicht. Hier und da war nun auch ein Gesicht an einem Fenster zu erblicken. Düster und feindselig starrten sie zu dem Volvo herüber.

Nach einigen Metern gelangten wir an eine Abzweigung. Direkt daneben stand eine alte Frau, die mit einer Sense das hohe Gras am Rand der Straße mähte.

Collin drückte den Knopf des elektrischen Fensterhebers und die Seitenscheibe der Beifahrertür glitt surrend hinab.

»He, Alte!«, rief er der Frau zu. Sie war ganz in schwarz gekleidet und hatte einen Buckel, der sie zwang, den Kopf schräg zu halten, um Collin ihr runzeliges Gesicht zuzukehren.

»Ja?«, fragte sie mit krächzender Fistelstimme.

Collin riss den Fotoapparat hoch und schoss rasch hintereinander drei Fotos von der alten Frau. Sie blinzelte verstört, als das Blitzlicht aufzuckte und ihr Gesicht für Sekundenbruchteile aus dem Halbdunkeln riss, wodurch es unnatürlich bleich und starr wirkte. Die Alte fuchtelte mit der gichtkrummen Hand vor dem Gesicht herum, als wollte sie eine lästige Fliege verscheuchen. Eingeschüchtert wich sie einen Schritt zurück und wäre dabei fast über den langen Stiel der Sense gestolpert. Colin, der seinen Fotoapparat rasch wieder verschwinden ließ, steckte seinen Kopf zum Fenster hinaus.

»Ich tue Ihnen schon nichts!«, rief er ihr spöttisch zu. »Ich wollte von Ihnen nur wissen, ob dieser Weg zum Castle führt.« Collin deutete auf den holprigen Pfad, der nach wenigen Metern im Dickicht des Waldes verschwand und von der Dunkelheit zwischen den Bäumen verschluckt wurde.

Die Alte nickte abgehackt und klammerte sich eingeschüchtert an den Sensenschaft.

Collin schüttelte den Kopf. »Die Alte benimmt sich, als hätte sie noch nie einen Fotoapparat mit Blitzlicht gesehen«, stellte er, an mich gewandt, fest.

»Sie sollten die Leute fragen, ob es ihnen nichts ausmacht, fotografiert zu werden, bevor Sie auf den Auslöser drücken«, schlug ich nicht ohne Sarkasmus in der Stimme vor.

Collin sah mich geringschätzig an. »Dann wäre der Zauber gebrochen«, behauptete er. »Die Leute würde sich nicht mehr natürlich geben und anfangen, herumzuposieren, wenn sie wissen, dass sie fotografiert werden. Solche Fotos haben für mich keinen Wert.«

Ich bog in den Pfad ein und betrachtete den holprigen Grund misstrauisch.

»Die Frau wäre beinahe gestürzt«, ließ ich nicht locker. »Sie hätte sich etwas brechen können - und das nur, weil Sie ein authentisches Foto von ihr bekommen wollten.«

Collin hob abwehrend die Hände. »Ist ja schon gut«, sagte er entnervt. »Ich werde das nächste Mal vorsichtiger sein.«

Ich blickte in den Rückspiegel, um mich zu vergewissern, dass die Alte sich von dem Schrecken erholt hatte. Aber sie war nicht mehr zu sehen. Die Stelle, wo sie eben noch mit ihrer Sense gestanden hatte, war leer.

Da tauchte der Wagen in das Dickicht des Waldes ein. Äste und Zweige kratzten über das Blech, wischten an den Scheiben vorbei und brachen unter den Rädern, die sich wie Mühlräder durch den schlammigen Grund wühlten.

Colin beeilte sich, das Seitenfenster wieder hochfahren zu lassen, da Zweige hereindrangen und ihm über das Gesicht peitschten.

»Das Erste, was man umbauen müsste, bevor man Tagungsgäste in das Castle einlädt, ist dieser Holperpfad«, murrte er.

Um uns herum war es inzwischen stockdunkel geworden. Das Licht der Scheinwerfer verfing sich in den Blättern der tiefhängenden Zweige, so dass ich nicht weiter als einige wenige Meter sehen konnte. Das Gelände stieg steil an, was mich nicht weiter wunderte, denn Blackstone Castle musste auf einer kleinen Anhöhe liegen, sonst hätten die Baumwipfel die Türme verdeckt, und wir hätten sie von Highparish aus nicht sehen können.

Dem Volvo bereitete es keine Schwierigkeiten, sich den schlammigen Pfad emporzuarbeiten. Der Wagen verfügte über Vierradantrieb und war sehr geländegängig. Wie eine Raupe kroch er die Anhöhe hinauf und bahnte sich einen Weg durch das dichte Gestrüpp, das den Weg fast vollständig überwuchert hatte.

»Es muss schon verdammt lange her sein, seit dieser Pfad das letzte Mal benutzt wurde«, merkte Collin verärgert an. »Ich frage mich, auf welchem Weg der Bursche, der den Kauf für das Kulturministerium abgewickelt hat, zum Castle gelangt ist. Diesen Pfad hat er bestimmt nicht genommen.«

Die Worte des Fotografen machten mich stutzig. Ich war über sein rücksichtsloses Verhalten der alten Frau gegenüber so sehr verärgert gewesen, dass ich an nichts anderes mehr hatte denken können.

»Sie haben recht«, sagte ich und nahm vorsichtshalber den Fuß vom Gaspedal. Das rettete uns wahrscheinlich das Leben. Denn das Laubgeflecht teilte sich plötzlich und gab einen jähen Abgrund frei.

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Hätte ich den Fuß noch auf dem Gaspedal gehabt, wären wir nun mitsamt dem Volvo in die Tiefe gerauscht. So aber schaffte ich es gerade noch rechtzeitig, den Fuß auf das Bremspedal zu stemmen. Der Wagen rutschte noch ein Stück auf den Abhang zu. Er sackte mit der Kühlerhaube ruckartig nach unten, als die Vorderräder über den Klippenrand gerieten. Dann blieb er abrupt stehen.

Collin machte große Augen und drückte mit den Händen unwillkürlich gegen das Armaturenbrett. Entsetzt starrte er in den Abgrund, der sich vor uns auftat. Es handelte sich um eine Geröllhalde, die mehrere Meter steil in die Tiefe führte und am Ufer eines Baches endete, der mit scharfkantigen Steinen gesäumt war. Auf der anderen Seite des Baches stieg das Gelände wieder steil an. Es handelte sich um eine schwarze Felswand, die mehrere Meter in die Höhe wuchs und genau dort endete, wo die Mauern von Blackstone Castle begannen.

Wir stiegen aus und starrten unbehaglich in den Abgrund hinab.

»Das war verdammt knapp«, ächzte Collin. Er war ganz bleich geworden und Schweißperlen schimmerten auf seiner Stirn.

Ich sah den Wagen von der Seite an. Er ragte mit den Vorderrädern über die Felskante und ruhte mit dem Bodenblech auf dem schlickigen Grund desWeges, der an dieser Stelle ein so jähes Ende gefunden hatte. Wäre der Wagen noch einige Zentimeter weiter gerutscht, wäre er mit der Kühlerhaube voran in die Tiefe gestürzt.

Collin umklammerte seine Kamera mit beiden Händen, als befürchtete er, sie könnte ihm vom Hals rutschen und in den Abgrund fallen.

»Diese verfluchte Alte« schimpfte er. »Sie hat uns diesen Weg gewiesen, damit wir zuTode kommen!«

Ich krauste die Stirn. »Warum sollte sie das tun?«, fragte ich zweifelnd.

»Weil sie bösartig und gemein ist!«, rief Collin aufgebracht. »Was weiß ich?«

»Bestimmt haben wir bloß eine Weggabelung übersehen«, beschwichtigte ich den Fotografen. Ich wies nach rechts, wo sich in einigen Metern Entfernung eine Brücke über den Abgrund spannte. Ihre Silhouette zeichnete sich scharf gegen den abendlichen, wolkenverhangenen Himmel ab.

Collin vergrub grimmig die Hände in den Hosentaschen und betrachtete missmutig den Volvo. »Wie sollen wir denn jetzt Ihren Wagen wieder flott kriegen?«, fragte er. »Ich gehe in dieser Dunkelheit bestimmt nicht durch den Wald, um aus der Ortschaft Hilfe herbeizuholen.«

»Das wird vielleicht auch nicht nötig sein«, erwiderte ich. »Ich werde versuchen, den Wagen zurückzusetzen. Der Motor des Volvos müsste stark genug sein, um den Wagen ohne fremde Hilfe von dem Abgrund wegbewegen zu können.«

Colin machte ein zweifelndes Gesicht. »Sie erwarten doch wohl nicht, dass ich mich neben Sie setze, während Sie versuchen, Ihren Wagen frei zu bekommen. Ich lege keinen Wert darauf, mit Ihrem teuren Auto in den Abgrund zu rauschen.«

Ich seufzte. »Dann bleiben Sie eben so lange draußen.« Ich setzte mich hinter das Steuer und legte den Rückwärtsgang ein. Behutsam tippte ich mit der Fußspitze auf das Gaspedal, woraufhin der Wagen sich mit einem vernehmlichen Scharren langsam rückwärts bewegte. Die Vorderräder griffen, und schließlich befand sich der Wagen wieder mit allen vier Rädern auf dem Pfad.

Collin näherte sich der Beifahrertür, auf den Lippen ein erleichtertes Lächeln. Doch bevor er den Türdrücker betätigen konnte, drückte ich rasch den Knopf für die Zentralverriegelung.

»He! Was soll das?«, schimpfte Collin und rüttelte an der verschlossenen Tür.

»Ich will bloß sicherstellen, dass Sie mich die Drecksarbeit nicht allein machen lassen!«, rief ich ihm durch die Beifahrertür zu. »Ich werde den Weg jetzt langsam zurückfahren, während Sie neben dem Wagen einherschreiten und links und rechts nach einer Weggabelung Ausschau halten.«

»Sind Sie verrückt?« Colin warf die Arme in die Luft. »Wenn nun ein wildes Tier kommt ...«

Ich achtete nicht auf sein Gejammer und ließ den Wagen rückwärts den engen Weg entlang rollen. Collin fügte sich in sein Schicksal und ging neben dem Auto her. Dabei blickte er sich gehetzt um, als befürchtete er, eine Horde Räuber könnte jeden Augenblick aus der Dunkelheit des Waldes hervorbrechen und sich auf ihn stürzen. Aber nichts dergleichen geschah. Nicht einmal ein Eichhörnchen oder ein Nachtvogel ließ sich auf dem schmalen Hohlweg blicken. Es war aber auch nirgendwo eine Gabelung oder Abzweigung zu erblicken. Schließlich glitt der Volvo rückwärts aus dem Wald heraus. Statt des schlammigen Untergrundes hatte ich plötzlich Asphalt unter den Rädern.

Ich löste die Zentralverriegelung. Collin schwang sich auf den Beifahrersitz und klopfte sich mit vorwurfsvoller Miene den Matsch von den Schuhen.

»Wo sind wir?«, fragte ich verwundert und blickte mich aufmerksam um. Der Waldweg war im rechten Winkel auf eine Asphaltstraße gestoßen. Es war aber weit und breit kein Auto zu sehen. Auch von Highparish fehlte jede Spur.

»Wir werden uns in diesem verfluchten Wald wohl verfahren haben«, meinte Collin schlechtgelaunt. »Geben Sie mir aber nicht die Schuld. Ich bin Ihnen bloß gefolgt.«

»Irgendetwas stimmt hier nicht«, meinte ich nachdenklich. »Wir hätten doch eigentlich bei der Ortschaft herauskommen und auf die Kopfsteinpflasterstraße stoßen müssen.«

»Sind wir aber nicht«, blaffte Colin. »Wollen Sie nicht endlich weiterfahren? Oder haben Sie vor, hier zu übernachten?«

Mit einem unbehaglichen Gefühl im Magen schwenkte ich den Wagen auf die Asphaltstraße und fuhr in die Richtung, in der ich die Brücke vermutete, die wir beim steilen Abgrund gesehen hatten.

Nach kurzer Zeit tauchte tatsächlich eine Abzweigung auf. Sie war sogar mit einem verwitterten Schild versehen.

»Blackstone Castle« stand in verschnörkelten, abgeblätterten Lettern darauf.

»Na also!« Collin schüttelte den Kopf. »Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Ich hatte wirklich befürchtet, wir würden diesen alten Kasten niemals erreichen.«

Ich bog in den Weg ein, der eine breite Schneise durch den Wald zog. Im Scheinwerferlicht konnte ich Reifenspuren entdecken. Es war also vor kurzem jemand mit einem Auto auf diesem Weg gefahren. Die Grasnarbe in der Mitte des Weges scharrte wie eine Bürste über das Bodenblech.

Zufrieden lehnte Collin sich zurück. Er war sichtlich erleichtert, dass unsere Odyssee nun beendet war. Aber bei mir wollte sich ein Gefühl der Erleichterung nicht einstellen. Es behagte mir ganz und gar nicht, dass wir Highparish nicht wiedergefunden hatten und nun plötzlich auf den richtigen Weg gestoßen waren. Irgendetwas an dieser Sache gefiel mir nicht, und ich nahm mir vor, in Zukunft aufmerksam und wachsam zu sein.

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Die Brücke sah wenig vertrauenerweckend aus. Sie war gänzlich aus Holz gefertigt und schimmerte feucht in der Abenddämmerung. Collin und ich inspizierten die Brücke eingehend und überzeugten uns davon, dass sie nicht sofort einstürzte, wenn das Gewicht eines Autos auf ihr lastete.

Obwohl wir uns schließlich einig waren, dass die Brücke halten würde, zog Collin es trotzdem vor, auf der anderen Seite zu warten, während ich den Volvo allein über die Brücke setzte.

Als ich die andere Seite der Schlucht unbeschadet erreicht hatte, war ich versucht, wieder die Zentralverriegelung zu aktivieren, um Collin den Rest der Strecke zu Fuß zurücklegen zu lassen.

Ich tat es dann aber doch nicht. Collin war nun einmal ein vorsichtiger, ängstlicher Mensch. Damit entsprach er zwar nicht gerade meinem Idealbild von einem Mann, aber schließlich war er ja auch bloß ein Arbeitskollege, mit dem zusammen ich ein Job zu erledigen hatte. Ich ließ Collin einsteigen und fuhr dann den steilen Schotterweg zum Castle empor.

Schwarz und wuchtig ragte das düstere Bauwerk vor uns auf. Die Spitzen der Zwiebeltürme schienen bis in die finsteren Wolken hineinzuragen, die sich drohend über dem Gemäuer zusammengebraut hatten. Nachtschwarz und wie tot starrten die Fenster in die Nacht hinaus. Ein Schwarm Fledermäuse flatterte pfeilschnell an den schwarzen Mauern entlang, auf der Jagd nach Insekten.

Vor der Schutzmauer des Castle war nur ein niedriger Ring aus dunklen Feldsteinen geblieben. Ein Tor gab es auch nicht mehr, bloß eine Durchfahrt, die in einem Vorplatz mündete.

Ich stoppte den Volvo vor dem imposanten Hauptgebäude und schaltete den Motor aus. Das Schloss verfügte über drei Stockwerke, und in der Mitte über dem Eingang ragte ein Turm aus dem Dach empor.

»Dann wollen wir mal«, sagte ich ein wenig erschöpft und angelte mir aus dem Handschuhfach eine Taschenlampe. Dann verließ ich den Wagen.

Kühler Nachtwind schlug mir entgegen. Das Castle verströmte einen merkwürdigen Geruch nach kaltem, von Moder befallenem Gemäuer.

Collin trat neben mich und schaute mit in den Nacken gelegten Kopf die wuchtige Fassade des Hauptgebäudes empor.

»Besonders fotogen sieht dieser Kasten ja nicht aus«, nörgelte er. »Bis auf die nachtdunklen Fenster weist die Fassade nichts auf, was mich zu einem Foto animieren könnte.«

»Machen Sie trotzdem ein paar Aufnahmen!«, riet ich. »Die Architekten, die für den Umbau zuständig sind, werden wissen wollen, wie das Castle von außen aussieht.«

Ich schritt auf den Eingang zu, ein doppelflügeliges, bogenförmigesTor aus massivem Holz, das mit Messingbeschlägen versehen war, die wiederum mit einer dicken Schicht Grünspan überzogen waren.

Ich zog den Schlüssel hervor, den ich von Professor Sloane bekommen hatte und wollte ihn gerade in das Türschloss stecken, als die Klinke plötzlich, niedergedrückt wurde und ein Torflügel knarrend aufschwang.

Vor mir stand eine junge Frau in einem weißen, weichfallenden Kleid, das ihren Körper geheimnisvoll umschmeichelte. Sie hielt eine Petroleumlampe in der Hand. Das flackernde gelbliche Licht beleuchtete ihr schmales, feingeschnittenes Gesicht und verflog sich in ihrem rostroten, wallenden Haar.

Verdattert starrte ich die Frau an. »Wer sind Sie?«, fragte ich perplex, da ich angenommen hatte, das Castle wäre leer und unbewohnt. Ein mildes Lächeln umspielte die Lippen der geheimnisvollen Frau. »Nennen Sie mich einfach Clarissa«, sagte sie freundlich. »Ich bin froh, dass endlich jemand gekommen ist.«

Collin erschien plötzlich an meiner Seite. Sein Gesicht hatte einen träumerischen Ausdruck angenommen. Er riss den Fotoapparat hoch und machte von der Frau in dem weißen Kleid eine Aufnahme. Dann streckte er Clarissa die Hand hin und stellte ihr erst sich und dann mich vor.

»Wir waren vom Weg abgekommen«, fügte er noch bedauernd hinzu. »Darum haben wir uns verspätet.«

Clarissa hatte ihre dunklen blauen Augen auf den jungen Fotografen gerichtet. Ihr Lächeln vertiefte sich und sie sagte: »Nun sind Sie ja da. Treten Sie doch ein!« Sie wich rückwärts in die Eingangshalle zurück und hob die Lampe hoch, damit ihr gelblicher Schein die Halle ausleuchtete.

Staunend schritt Collin über die Schnelle. Er war ganz in die Betrachtung der hohen Eingangshalle vertieft, so dass ihm gar nicht in den Sinn kam, mir den Vortritt zu lassen.

»Einmalig!«, rief er entzückt aus. »Man hat mir gar nicht gesagt, dass das Gebäude noch möbliert ist und wir von einer so reizenden Dame erwartet werden.«

Ich folgte dem Fotografen und sah mich ebenfalls in der Halle um. Der Boden bestand aus weißem, schwarz geädertem Marmor. In der Mitte, direkt unter einem wuchtigen Kronleuchter, wies der Boden eine runde Rosette aus schwarzen Marmorsplittern auf, die ein verwirrendes Muster aus verschlungenen Runen und geheimnisvollen Symbolen darstellte. In den Nischen zwischen den dunklen Holztüren standen alte Ritterrüstungen. Sie wirkten ein wenig ramponiert und mitgenommen, sahen aber sonst sehr gepflegt aus.

»Bestimmt sind Sie von der Reise erschöpft«, hörte ich Clarissa nun sagen. »Ich habe zwei Zimmer für Sie hergerichtet und etwas zum Essen vorbereitet. Wenn es Ihnen recht ist, erwarte ich Sie mit der Mahlzeit in einer halben Stunde im Speisesaal.«

Collin rieb sich die Hände. »Das hört sich gut an«, meinte er vergnügt und sah zu mir herüber. »Hätten Sie gedacht, dass unsere Reise ein so vergnügliches Ende nehmen würde?«

»Wer hat Sie eigentlich beauftragt, hierherzukommen?«, fragte ich Clarissa. Es war mir noch immer ein Rätsel, warum Professor Sloane mit keinem Wort erwähnt hatte, dass man jemand engagiert hatte, um während unseres Aufenthalts auf Blackstone Castle für unser leibliches Wohl zu sorgen. Im Glauben, auf uns allein gestellt zu sein, hatte ich vorsorglich etwas Proviant mitgenommen. Doch den würden wir jetzt wohl nicht mehr brauchen.

»Clarissa wird wohl vom Kulturministerium geschickt worden sein«, beantwortete Collin meine Frage unwirsch und bedachte mich mit einem verärgerten Blick. »Warum sind Sie so unhöflich, Brenda? Passt es Ihnen etwa nicht, dass Sie nicht selbst den Kochlöffel schwingen und die Betten machen müssen?«

»Wahrscheinlich ist es Ihre Gegenwart, die sich nachteilig auf mein gutes Benehmen auswirkt«, erwiderte ich nicht ohne Groll in der Stimme. Es ärgerte mich, dass Collin trotz der seltsamen Vorkommnisse seine Vorsicht offenbar völlig vergessen hatte. So ängstlich er auch sein konnte, so schnell konnte er diese Angst auch wieder vergessen und sich für etwas Schönes begeistern.

»Es ist so, wie Collin sagt«, ergriff Clarissa nun das Wort. »Das Kulturministerium schickt mich. Ich werde Ihnen den Aufenthalt auf Blackstone Castle so angenehm wie möglich gestalten. Ich kenne mich in diesem Schloss recht gut aus. Wenn Sie Fragen haben, scheuen Sie sich nicht, sie mir zu stellen. Ich werde Ihnen bestimmt helfen könne.«

Sie wandte sich zu der breiten Treppe am anderen Ende der Eingangshalle.

»Und nun folgen Sie mir bitte!«, forderte sie uns auf. »Ich zeige Ihnen Ihre Gemächer.«

Nachdenklich heftete ich meinen Blick auf den Rücken der Frau. Irgendetwas an ihr kam mir seltsam vor.

»Nun kommen Sie schon, Brenda!«, drängelte Collin, der neben Clarissa die Stufen emporstieg. Er winkte ungeduldig und machte ein verärgertes Gesicht.

»Stehen Sie nicht da, als hätten Sie einen Geist gesehen! Bewegen Sie Ihre Beine! Oder haben sie vor, in der Eingangshalle zu nächtigen?«

Ich gab mir einen Ruck und folgte den beiden. Das ungute Gefühl in meinem Magen verstärkte sich jedoch, je tiefer ich in das Castle vordrang.

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5

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Das Zimmer, das Clarissa für mich hergerichtet hatte, lag im ersten Stock. Es war ziemlich geräumig und sehr schlicht eingerichtet. An der Wand stand ein einfaches Holzbett, über dem sich ein Brokatbaldachin spannte. Außerdem befanden sich ein Sofa, ein niedriger runder Tisch und zwei Sessel in meinem Zimmer. In der Ecke neben der Tür strahlte ein Kachelofen wohlige Wärme aus.

»Sie finden im Ankleidezimmer einen Waschzuber«, erklärte Clarissa und deutete auf eine schmale Tür neben dem Sofa. »In einem Fach des Kachelofens habe ich einen Kessel heißes Wasser für Sie bereitgestellt. Kerzen liegen unter dem Bett in einem Karton.«

»Wollen Sie behaupten, es gäbe kein fließend Wasser und keinen Strom auf Blackstone Castle?«, erkundigte sich Collin bestürzt, der in der Tür stehengeblieben war, um darauf zu warten, dass Clarissa ihn zu seinem Zimmer führte. Clarissa zuckte nur die Achseln und lächelte verlegen. Dann wandte sie sich ab und bat Collin, ihr zu folgen.

Ich holte rasch eine Kerze hervor, zündete sie an und kehrte dann in die Eingangshalle zurück. Kurz darauf trat ich ins Freie und öffnete den Kofferraum meines Wagens, um meine Reisetasche herauszuholen. Da bemerkte ich auf der Brücke plötzlich mehrere Lichter.

Ein Dutzend Leute hatte sich auf der Brücke versammelt. Sie trugen brennende Fackeln in ihren Händen und reckten Mistforken, Sensen und Knüppel angriffslustig gen Himmel.

Erschrocken blieb ich stehen und starrte die gespenstische Prozedur gebannt an. Die Kleidung der Leute war zerschlissen und wirkte sehr altmodisch. Ihr Anblick erinnerte mich an den Mann und die alte Frau, denen wir in Highparish begegnet waren.

Tatsächlich erblickte ich den Mann, den ich um Auskunft gebeten hatte, nun wirklich unter den Versammelten. Die Alte vom Straßenrand war jedoch nicht unter ihnen.

Die Leute waren nicht in friedlicher Absicht gekommen – so viel stand fest. Aber aus irgendeinem Grund trauten sie sich nicht näher an das Castle heran. Unschlüssig standen sie mitten auf der Brücke, raunten und hantierten mit ihren Waffen, so dass sie immer wieder gegeneinander schlugen.

Ich überlegte, ob ich zu den Leuten hingehen und mit ihnen sprechen sollte. Doch dann entschied ich, dass es zu gefährlich wäre.

Ich hängte mir meine Reisetasche um und eilte rasch in das Castle zurück. In meinem Zimmer angekommen, warf ich die Reisetasche rasch auf das Bett und wandte mich dann in die Richtung, in die Clarissa und Colin vorhin verschwunden waren.

»Collin?«, rief ich, während ich mit der Kerze in der Hand den dunklen Korridor entlang schritt. »Colin, wo stecken Sie?«

Eine der Türen öffnete sich plötzlich und ein warmer gelber Lichtschimmer quoll in den Flur. Collin erschien. Sein Hemd war aufgeknöpft und auf seinem Gesicht lag ein zufriedener Ausdruck.

»Was soll der Lärm?«, fragte er gut gelaunt. »Ist Ihnen in Ihrem Zimmer etwas nicht behaglich zumute?«

»Es sind Leute aus Highparish auf der Brücke«, informierte ich den jungen Fotografen.

»So?«, sagte er und machte ein grimmiges Gesicht. »Was wollen Sie denn? Sich entschuldigen, weil sie uns fast in den Tod getrieben haben?«

Er gab mir mit einem Wink zu verstehen, ihm in sein Zimmer zu folgen. »Ich habe von meinem Fenster aus einen herrlichen Ausblick auf die Schlucht. Wir müssten die Brücke von hier aus sehen können.« Er schob den schweren Vorhang beiseite und spähte hinaus.

»Da ist niemand«, behauptete er dann.

Ich trat neben ihn und schaute ebenfalls hinaus. Aber draußen war es stockdunkel. Die Brücke war in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Es war jedoch eindeutig zu erkennen, dass sich dort niemand aufhielt.

»Seltsam«, murmelte ich. »Eben standen etwa ein Dutzend Männer und Frauen auf der Brücke. Sie waren mit Fackeln, Mistforken und Sensen bewaffnet und sahen nicht, sehr freundlich gesonnen aus.«

»Sie werden wohl wieder abgezogen sein«, meinte Collin unbehaglich. »Wir sollten aber auf jeden Fall dieTür absperren. Wer weiß, was diese seltsamen Dorfbewohner im Schilde führen?«

Collin seufzte und trat von dem Fenster zurück. »Bevor aus diesem Castle ein vernünftiger Tagungsort entsteht, muss noch eine Menge getan werden.« Er ergriff eine Kerze und bat mich dann um die Autoschlüssel. Schließlich machte er sich davon, um sein Gepäck aus dem Wagen zu holen.

Gedankenversunken kehrte ich auf mein Zimmer zurück. Doch kaum hatte ich dieTür hinter mir geschlossen, blieb ich wie angewurzelt stehen.

Auf dem runden Tisch in der Mitte des Zimmers lag ein kleiner unscheinbarer Gegenstand. Es handelte sich um eine miniaturisierte Hand aus Jade, am Handgelenk mit einer Goldfassung und einer Öse zum Anhängen an eine Kette versehen.

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Wie hypnotisiert starrte ich die Jadehand an.

Als Clarissa mich hierher geführt hatte, hatte dieses merkwürdige Schmuckstück noch nicht auf dem Tisch gelegen — da war ich mir sicher.

Zögernd näherte ich mich dem Tisch, ohne die Jadehand dabei aus den Augen zu lassen. Sie war etwa so groß wie mein Daumen, drei Finger waren wie zum Schwur ausgestreckt. Diese Geste wurde aber auch zum Abwehren von bösem Zauber verwendet.

Ich hatte ein Amulett vor mir!

Diese Erkenntnis löste ein leichtes Schwindelgefühl in mir aus. Seit unserem Erlebnis in Highparish hatte mich das ungute Gefühl beschlichen, es könnte in dieser Gegend nicht mit rechten Dingen zugehen. Dass ich in meinem Zimmer nun plötzlich dieses seltsame Amulett entdeckte, bestärkte meine Furcht nur noch.

In den letzten Jahren war ich immer wieder in den Bann magischer Amulette geraten. Seit ich dieses Fachgebiet zu meinem Steckenpferd erwählt hatte, schien ein Fluch auf mir zu lasten, der es mit sich brachte, dass ich Amulette mit bösen Kräften wie magisch anzog.

Sollte dieser Fluch sich nun einmal mehr erfüllen?

Ich hockte mich vor dem Tisch auf den Boden und betrachtete das Amulett genauer. Ich hütete mich, es anzufassen, denn viele Amulette wurden bereits durch bloße Berührung aktiviert, während bei anderen komplizierte Beschwörungen nötig waren, um die darin schlummernden magischen Kräfte zu wecken.

Fieberhaft überlegte ich, wie ich mich verhalten sollte. Es erschien mir sehr wahrscheinlich, dass Clarissa das Amulett während meiner kurzen Abwesenheit in meinem Zimmer deponiert hatte.

Aber was wollte sie damit bezwecken?

Ich beschloss, kein Risiko einzugehen und trat vorsichtshalber rückwärts von dem Tisch zurück.

Fest entschlossen, Clarissa wegen des Amuletts zur Rede zu stellen, griff ich nach der Türklinke.

Im selben Moment zerschnitt ein gellender Schrei die Stille des Castle.

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Ich blieb erst wie angewurzelt stehen. Dann riss ich dieTür auf und stürmte auf den Korridor hinaus.

»Nein!«, gellte es aus der Richtung von Collins Gästezimmer. Ich begriff, dass er es gewesen sein musste, der den markdurchdringenden Schrei ausgestoßen hatte.

So schnell ich konnte, rannte ich los und platzte kurz darauf in Collins Zimmer. Der Fotograf saß in Hemdsärmeln auf seinem Bett, sein blondes Haar war zerrauft und sein Gesicht schreckensbleich. Vor ihm auf dem Bett lag seine Kamera. Aber sonst war nichts zu entdecken, das einen Grund für den markdurchdringenden lauten Schrei geboten hätte.

»Was ist denn los?«, fragte ich und trat neben Collin ans Bett.

Mit einer herzerweichenden Leidensmiene sah er zu mir auf.

»Es war alles umsonst«, krächzte er. »Meine ganze Arbeit war umsonst!«

»Wovon, verdammt, reden Sie?«

Collin deutete anklagend auf seine Kamera. »Die Fotos ... sie sind alle nichts geworden.«

Ich atmete einmal tief durch, »Ist das ein Grund, so rumzuschreien?«

Empört sprang Collin vom Bett auf und baute sich drohend vor mir auf.

»Sie verstehen das nicht?«, rief er aufgebracht. »Wenn ich ein Foto schieße, bin ich mit Herz und Seele dabei - dafür bin ich bekannt, und nur aus diesem Grund bin ich so erfolgreich. Stellen Sie sich vor, Sie würden, im Glauben, eine einzigartige Grabstätte freizulegen, monatelang im Staub wühlen, um schließlich festzustellen, dass es dort nichts außer Steinen und Dreck gibt«

Ich fand den Vergleich ein wenig übertrieben, ließ mir davon aber nichts anmerken.

»Woher wissen Sie eigentlich, dass die Fotos nichts wurden?«, versuchte ich stattdessen, Verständnis für ihn aufzubringen. »Sie haben den Film doch noch gar nicht entwickelt.«

»Das brauche ich bei dieser Kamera auch gar nicht«, erklärte Collin und hob die Kamera auf, um sie mir zu zeigen. »Die Fotos werden in der Kamera digital gespeichert.« Er war nun wieder ein wenig ruhiger geworden. Und indem er auf ein kleines Display auf der Rückseite des Apparates deutete, fügte er hinzu: »Die Aufnahmen, die ich mache, kann ich mir auf diesem Display anschauen. Ungelungene Aufnahmen können sofort gelöscht werden, so dass wieder Speicherplatz für neue da ist.«

Collin betätigte einige Knöpfe und plötzlich erschien das Bild eines verknorrten toten Baumes, dessen weit ausladenden Äste und Zweige mit Moos und Flechten bedeckt waren.

»Das ist der tote Baum, den Sie am Straßenrand fotografiert haben«, erkannte ich.

Collin nickte.

»Dann sind die Aufnahmen also doch etwas geworden. Sie haben sich umsonst aufgeregt.«

»Habe ich nicht«, jammerte Collin. »Sehen Sie doch!«

Er drückte wieder auf einen Knopf, und das Display wurde plötzlich dunkel.

»Sie müssten jetzt eigentlich die Aufnahmen sehen, die ich in Highparish geschossen habe«, erläuterte er. »Aber außer Schwärze ist nichts zu sehen!«

»Wir werden morgen noch einmal in den Ort fahren«, versuchte ich ihn zu trösten. »Dann können Sie die Aufnahmen wiederholen.«

Collin schüttelte betrübt den Kopf. »Das Licht und die Stimmung werden nicht dieselbe sein. Der Moment lässt sich nicht wiederholen. Außerdem bin ich jetzt nicht mehr in der Stimmung, Fotos von Highparish zu schießen. Die Leute, die dort wohnen, sind mir unsympathisch. Das wird man meinen Fotos anmerken.« Während er sprach, drückte er unentwegt auf den Knopf, bis auf dem Display plötzlich wieder ein Bild zu sehen war. Ich erblickte die düstere Fassade von Blackstone Castle. Diese Aufnahmen hatte Colin erst vor wenigen Minuten gemacht.

Verwundert runzelte ich die Stirn. »Seltsam«, murmelte ich. »Nur die Fotos von Highparish sind nichts geworden.«

»Und die von Clarissa leider auch«, jammerte Collin. »Es ist eine Katastrophe!«

Ich legte dem Fotografen die Hand auf die Schulter. »Gehen wir erst einmal etwas essen«, schlug ich vor. »Bestimmt wartet Clarissa bereits auf uns.«

Resigniert warf Collin seine teure Kamera auf das Bett und nickte. Dann hakte er sich bei mir unter, und zusammen begaben wir uns auf den Korridor.

Die Tür zu meinem Zimmer stand noch offen. In der Eile hatte ich vergessen, sie hinter mir zuzumachen. Als ich nun einen Blick auf den runden Tisch warf, stellte ich fest, dass das Amulett fort war.

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Die Mahlzeit, die Clarissa für uns zubereitet hatte, schmeckte merkwürdig fade und ungewürzt. Collin schien das Essen genauso wenig zu schmecken wie mir, aber er versuchte krampfhaft, sich davon nichts anmerken zu lassen. Nachdem er ein paar Bissen hinunter gewürgt hatte, schob er seinen Teller fort und behauptete, er wäre satt.

Clarissa quittierte seine Worte mit einem dünnen Lächeln. Sie hatte sich nicht zu uns an den Tisch gesellt, sondern hantierte in dem großzügigen Speisesaal mit Tellern und Besteck herum. Der Saal war von zuckendem Licht erfüllt, das die Kerzen von sich gaben, die in wuchtigen Ständern vor uns auf der Tafel standen. Schatten huschten über Decke und Wände und über die gedunkelten Ölbilder an der Wand.

Ich tupfte meinen Mund mit der Serviette ab und bedankte mich bei Clarissa für ihre Mühe.

Auch ich brachte es nicht fertig, eine Bemerkung über das Essen zu machen, da ich die junge Frau nicht kränken wollte. Es kam mir allerdings ziemlich merkwürdig vor, dass jemand, der engagiert wurde, uns zu beköstigen, so wenig vom Kochen verstand.

Clarissa schickte sich an, den Tisch wieder abzuräumen.

Ich ergriff die Gelegenheit, sie auf das Amulett in meinem Zimmer anzusprechen.

Clarissa machte ein verwundertes Gesicht und zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen«, behauptete sie. »Ich war die ganze Zeit in der Küche beschäftigt.« Sie lächelte unverbindlich. »Bestimmt ist Ihnen der Anhänger aus Ihrem Gepäck gefallen und direkt auf dem Tisch gelandet. Wahrscheinlich haben Sie ihn später wieder eingesteckt und erinnern sich nur nicht mehr daran.«

»Ich habe den Talisman nicht angefasst«, stellte ich richtig. »Und ganz bestimmt gehörte er nicht zu meinem Schmuck.«

Clarissa, auf ihren Armen Teller und einen Topf balancierend, wandte sich von mir ab und strebte auf den Seitenausgang zu, der wahrscheinlich direkt in die Küche führte.

»Ich kann Ihnen da leider nicht weiterhelfen«, sagte sie noch, bevor sie den Speisesaal verließ. »Jeder ist selbst für seine Sachen verantwortlich.«

Collin rieb sich den Bauch und machte ein gequältes Gesicht. »So reizend diese Clarissa auch ist, eins kann man von ihr wirklich nicht behaupten: dass sie kochen kann. Ich habe einen Bärenhunger. Aber dieses Zeug habe ich wirklich nicht runtergekriegt.«

Die Seitentür schwang auf und Clarissa erschien wieder, um den Tisch zu Ende abzuräumen.

»Wie kommt es eigentlich, dass Sie sich auf Blackstone Castle so gut auskennen?«, fragte ich sie. »Sie müssen schon öfter hier gewesen sein.«

»Das stimmt auch«, erwiderte Clarissa und lächelte wieder ihr unverbindliches Lächeln. »Jemand musste sich doch um das Gemäuer kümmern, sonst verfällt hier alles.«

»Dann haben Sie also für den Schlossbesitzer gearbeitet«, mutmaßte Collin.

Clarissa nickte und sammelte das schmutzige Besteck ein.

»Aber der hat doch gar nicht mehr auf Blackstone Castle gewohnt, sondern irgendwo in Schottland.«

Clarissa hielt in ihrer Tätigkeit inne und sah Collin lächelnd an. »Sir Baldwin mochte dieses Schloss nicht besonders«, erklärte sie, nicht ohne Empörung in der Stimme. »Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte das Schloss dem Erdboden gleichgemacht werden können. Sir Baldwin war nur einige wenige Male auf Blackstone Castle zu Besuch gewesen. Er hatte dieses ehrenwerte Gemäuer einen spukigen alten Kasten genannt. Bestimmt ist er froh, dass er das Schloss losgeworden ist - und ich bin es auch.«

»So gleichgültig wird ihm dieses Gemäuer wohl doch nicht gewesen sein, wenn er Sie damit beauftragte, hier für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen«, merkte Colin an.

»Das mag sein«, antwortete Clarissa ausweichend. Sie hatte den Tisch jetzt leergeräumt und wandte sich wieder von uns ab, um ihre Last in die Küche zu schleppen. Dabei wäre ihr beinahe der Bratenteller vom Unterarm gerutscht. Aber sie konnte in letzter Sekunde noch verhindern, dass er zu Boden fiel.

»Gibt es in diesem Castle kein Tablett?«, rief Collin ihr nach.

Aber Clarissa antwortete nicht, sondern schlüpfte rasch in die Küche und verschwand.

Collin schüttelte amüsiert den Kopf. Dann streckte er die Arme in die Luft und gähnte herzhaft.

»Ich werde jetzt zu Bett gehen«, verkündete er. »Morgen wird ein anstrengender Tag. Ich hoffe nur, dass meine Kamera nicht wieder versagt und alle Mühen umsonst waren.«

»Ich werde noch eine Weile bleiben«, erklärte ich. Irgendetwas stimmte mit Clarissa nicht, und ich hatte vor, den Grund dafür herauszufinden.

Colin zuckte mit den Schultern und stand auf.

»Bestellen Sie Clarissa einen Gruß von mir«, sagte er schläfrig. »Und richten Sie ihr aus, dass ich ein Frühaufsteher bin und gerne Spiegelei zum Frühstück esse.« Er wünschte mir eine gute Nacht und verließ dann den Saal.

Ich war erleichtert, dass Collin nun endlich fort war. In seiner Gegenwart fiel es mir schwer, Clarissa die Fragen zu stellen, die ich ihr gerne stellen wollte. Ihm schien es gar nicht aufgefallen zu sein, dass sie nur sehr ausweichend antwortete und sich gerne Worte in den Mund legen ließ.

Da Clarissa nicht wieder im Speisesaal erschien, stand ich auf und ging in die Küche.

Ein wenig erschrocken blieb ich stehen. Die Küche war ziemlich altmodisch und entsprach etwa dem Standard, wie er vor hundert Jahren üblich gewesen sein mochte. Dabei war das Fehlen von Elektrizität und fließendem Wasser noch das kleinere Übel. Der riesige Herd und die alten abgewetzten Holzregale mit den verbeulten Kupferpfannen und den schwarzen rostigen Töpfen hätten auch gut in ein Museum gepasst.

Clarissa, in ihrem weißen langen Kleid, wirkte in dieser düsteren Küche wie eine verwunschene Märchenprinzessin, die irgendein widriges Schicksal dazu verdammt hatte, für einen garstigen Zwerg Dienst in seiner Küche zu verrichten.

Clarissa lächelte mir scheu entgegen. Es machte sie anscheinend nervös, wie ich da in der Tür stand und meinen Blick durch die altertümliche Küche schweifen ließ.

»Die Leute aus Highparish scheinen Blackstone Castle genauso wenig zu mögen wie Sir Baldwin«, sagte ich unvermittelt.

Clarissa machte große Augen. Doch dann fing sie sich wieder und lächelte verunglückt. »Wahrscheinlich fürchten sich die Leute vor diesem düsteren Gemäuer«, meinte sie leichthin.

»Sie wissen doch, wie das ist. In ganz England gibt es wohl kein Castle, um das sich nicht irgendeine Schauergeschichte rankt.«

»Und was erzählt man sich in Highparish über Blackstone Castle?«, wollte ich wissen.

Clarissa zuckte die Achseln. »Es soll hier angeblich spuken.« Sie machte eine wegwerfende Bewegung. »Aber mir ist in diesen Mauern noch kein Geist begegnet.«

»Sie kennen die Legenden doch bestimmt, die sich um Blackstone Castle ranken«, sagte ich gedehnt. »Warum erzählen Sie sie mir nicht einfach?« .

»Interessiert Sie so etwas denn?«

»Ich bin Archäologin. Legenden gehören in meinen Arbeitsbereich.«

Clarissa sah mich einen Moment lang nachdenklich an. Sie schien zu überlegen, ob sie mir von der Legende wirklich erzählen sollte. Doch dann gab sie sich einen Ruck.

»Vor vielen Jahrzehnten soll auf Blackstone Castle angeblich eine Frau gelebt haben, die gegen das Böse kämpfte«, erklärte sie dann zögernd. »Aber dann beging sie einen Fehler. Seitdem ist sie dazu verdammt, auf Blackstone Castle herumzuspuken.«

»Was genau war geschehen?«, hakte ich nach. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Clarissa noch viel mehr wusste, mit der Geschichte aber hinter dem Berg hielt.

Sie zuckte leicht verärgert die Achseln. »Ich weiß es nicht«, behauptete sie unwirsch. »Sagten Sie nicht, Sie wären Archäologin? Finden Sie doch selbst heraus, was damals auf Blackstone Castle vor sich ging.« Mit diesen Worten stapfte sie auf eine Tür neben einer Anrichte zu. Doch bevor Clarissa die Küche verließ, drehte sie sich noch einmal zu mir um.

»Ich werde mich jetzt zu Bett begeben«, erklärte sie. »Es ist schon spät. Ich rate Ihnen, das Gleiche zu tun. Wegen der Bewohner von Highparish brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Sie würden es nicht wagen, Blackstone Castle zu betreten.« Sie verschwand und warf die Tür hinter sich zu.

Aber so leicht wollte ich Clarissa nicht davonkommen lassen. Hinter dem aggressiven Verhalten der Leute aus Highparish musste mehr stecken, als bloß Furcht vor einem Geist, der angeblich in den Mauern des Castle spuken sollte. Ich wurde das Gefühl nicht los, das Clarissa genau wusste, was es mit der Feindseligkeit dieser Menschen auf sich hatte.

Rasch durchquerte ich die Küche und öffnete dieTür, durch die Clarissa soeben verschwunden war. Vor mir erstreckte sich ein langer dunkler Korridor. Von Clarissa fehlte jedoch jede Spur. Vielleicht war sie in eines der Zimmer gegangen, die von dem Korridor abzweigten?

Ich rief ihren Namen, erhielt jedoch keine Antwort. Daraufhin näherte ich mich der ersten Tür, klopfte an und rief mit gedämpfter Stimme nach Clarissa. Aber auch jetzt erhielt ich keine Antwort.

Entschlossen, nicht so leicht aufzugeben, drückte ich die Klinke.

Aber dieTür war verschlossen. Genau so verhielt es sich auch mit den anderen Türen. Schließlich gab ich auf, nahm mir aber fest vor, Clarissa gleich morgen früh zur Rede zu stellen.

Müde und hungrig kehrte ich in mein Gästezimmer zurück. Ich zog mich aus, wusch mich im angrenzenden Zimmer mit dem warmen Wasser aus dem Kachelofen, schlüpfte schließlich in mein Nachthemd und kroch unter die Bettdecke.

Doch noch während ich mich in das Kissen kuschelte, pikste mich plötzlich etwas in die Schulter. Verwundert richtete ich mich auf und lüpfte die Bettdecke, um zu sehen, was mich gepiekt hatte.

Erschrocken atmete ich ein, als ich das Amulett in meinem Bett entdeckte. Ich packte die miniaturisierte Jadehand und warf sie auf den Tisch. Grimmig starrte ich das Kleinod an. Nun hatte ich es doch noch berührt!

Gebannt wartete ich, was geschehen würde. Ich rechnete mit dem Schlimmsten, denn ich wusste, wozu magische Amulette fähig waren. Doch es blieb alles ruhig. Auch mit mir ging keine Veränderung vor.

Da mir plötzlich kalt wurde, deckte ich mich rasch wieder zu und ließ mich auf das Kissen sinken.

Gedankenversunken starrte ich gegen die Decke. Die Kerze neben meinem Bett erfüllte den Raum mit waberndem Licht. Ich versuchte, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Aber es gelang mir nicht. Die seltsamen Vorkommnisse dieses Tages ergaben für mich keinen Sinn.

Ich schloss die Augen und dachte an Daniel. Bestimmt musste er im St. Thomas Hospital, wo er als Arzt und Neurologe arbeitete, wieder Nachtschicht schieben. Vielleicht operierte er sogar gerade. Ein warmes, zärtliches Gefühl durchströmte mich, während ich an meinen geliebten Mann dachte. Langsam dämmerte ich in tiefen Schlaf hinüber.

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Als ich erwachte, hatte ich das Gefühl, erst ein paar Minuten geschlafen zu haben. Ich fühlte mich wie gerädert und war drauf und dran, mich auf die andere Seite zu legen und wieder einzuschlafen.

Doch da vernahm ich plötzlich ferne Stimmen und wusste, was mich geweckt hatte. Ich drehte mich auf den Rücken und lauschte angestrengt.

Die Kerze in meinem Zimmer war erloschen. Es war stockdunkel. Nicht einmal durch das Fenster drang etwas Helligkeit herein. Dafür schien ein Sturm über Blackstone Castle hereingebrochen zu sein. Er heulte und pfiff um die Ecken des Gebäudes und rüttelte an den Fenstern. Die Stimmen, die ich hörte, gehörten einem Mann und einer Frau. Mein erster Gedanke war, dass es sich um Clarissa und Collin handelte. Doch dann gewahrte ich, dass die Stimme des Mannes viel tiefer war als die von Collin.

Hatte Clarissa Besuch von einem Mann? Aber warum unterhielten sie sich so laut und rücksichtslos, als wären sie allein im Schloss?

Plötzlich wurde eine Tür zugeschlagen. Es folgte ein Scheppern und Klirren.

Die Geräusche ließen vermuten, dass es zu einem handfesten Streit zwischen den beiden Menschen gekommen war, deren Stimmen ich vernommen hatte.

Entschlossen schwang ich die Beine aus dem Bett, schlüpfte in meine Hose und stopfte das Nachthemd kurzerhand unter den Hosenbund. Dann holte ich unter dem Bett eine frische Kerze hervor, zündete sie an und verließ eilig das Zimmer.

Verstohlen blickte ich zu der Tür, hinter der Collin schlief. Sie war geschlossen, und es drang auch kein Lichtschimmer unter der Tür hindurch. Collin schien noch zu schlafen - trotz der lauten Stimmen.

Ich wandte mich in die entgegengesetzte Richtung und erreichte schließlich die breite Marmortreppe, die zur Eingangshalle hinabführte. Auf der obersten Stufe blieb ich stehen.

Die Eingangshalle war in ein schummeriges, unruhiges Licht gehüllt, das von dem Kronleuchter an der Decke ausging. Ich erblickte Clarissa, die mit einer alten Reisetasche aus Leder vor der Eingangstür stand und eine elegante schwarze Lederjacke über ihr weißes Kleid gestreift hatte.

»Ich muss fort, Alan«, sagte sie in diesem Moment, halb von der Tür abgewandt. »Du weißt, du kannst nichts daran ändern.«

Erst jetzt bemerkte ich den Mann, der im Halbdunkel einer Nische stand. Clarissa hatte ihn angesehen, während sie sprach. Jetzt trat er aus dem Schatten der Nische heraus und ging auf die junge Frau zu. Dabei humpelte er und zog das linke Bein nach, dessen Fuß fast doppelt so groß war, wie der Fuß des anderen Beins. Der Mann hatte schwarzes, strähniges Haar, das bis auf seine schmalen Schultern herabfiel. Seine hagere Gestalt bedeckte ein schwarzer Umhang mit zurückgeschlagener Kapuze. Unbeholfen ergriff der Mann Clarissas freie Hand.

»Bitte«, flehte er. »Lass mich nicht allein! Ich fürchte mich ohne dich. Du darfst jetzt nicht gehen!«

Clarissa seufzte und entzog ihre Hand seinem Griff. »Ich werde so rasch wie möglich wieder zurückkommen«, versprach sie.

»Aber was soll ich tun, wenn die Leute aus Highparish ins Schloss kommen?«, jammerte der Mann. »Wenn sie bemerken, dass du wieder fort bist, werden sie ihre Furcht überwinden und kommen.«

»Sie werden nicht merken, dass ich fort bin«, widersprach Clarissa. »Ich benutze den geheimen Waldpfad. Darin habe ich Übung.«

Clarissa lächelte gewinnend. Ihre Worte schienen den Mann jedoch nicht überzeugt zu haben.

»Bitte, lass mich nicht allein!«, flehte er abermals.

Clarissa streckte den Arm aus und strich dem Mann über das strähnige Haar.

»Ich habe eine Aufgabe zu erfüllen, Alan«, erklärte sie sanft. »Ich habe Kunde von einem magischen Amulett erhalten. Der Hauptmann der Räuberbande benutzt es, um Reisende in seine Gewalt zu bringen. Ich muss diesen Mann finden und das Amulett zerstören - so wie es mein Schicksal verlangt.«

Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen. Hatte Clarissa wirklich gesagt, sie würde auf Amulettjagd gehen? War sie etwa eine Amulettjägerin wie ich?

»Die Menschen brauchen mich, Alan«, sagte sie eindringlich und mit feierlicher Stimme. »Ich darf und werde sie nicht im Stich lassen.«

»Die Menschen sind grausam«, erwiderte Alan und stieß Clarissas Hand unwirsch fort. »Sie haben nicht verdient, dass du sie rettest und dein Leben für sie riskierst.«

»Nicht alle Menschen sind so hartherzig wie die Leute aus Highparish«, erklärte Clarissa geduldig. »In ein zwei Tagen bin ich ja wieder zurück.«

Sie straffte ihre Körperhaltung und sah Alan entschlossen an. »Nun muss ich aber wirklich gehen, bevor die Morgendämmerung hereinbricht und Gefahr besteht, dass jemand aus dem Dorf mein Fortgehen wirklich noch bemerkt.«

Clarissa drückte Alan einen Kuss auf die Stirn und wandte sich dann rasch ab.

»Pass gut auf dich auf, große Schwester!«, sagte Alan matt, nachdem Clarissa die Tür leise hinter sich ins Schloss gezogen hatte. Dann wandte er sich der Treppe zu, und ich konnte ihm nun das erste Mal in das Gesicht sehen.

Unwillkürlich hob ich die Hand an die Lippen und holte erschrocken Luft. Alans Gesicht war unnatürlich bleich und wirkte auf erschreckende Weise unsymmetrisch. Das linke Auge war größer als das rechte und stierte starr in eine ganz andere Richtung. Die Nase und der Mund waren schief und die hohe Stirn, in die Strähnen aus schwarzem Haar hingen, waren von Beulen und Auswüchsen übersät. Alans Gang haftete etwas Linkisches und Unbeholfenes an, als er sich nun humpelnd der Treppe näherte. In seinem schwarzen Umhang sah er sehr unheimlich und bedrohlich aus.

Rasch wich ich in den Schatten des Korridors zurück. Alan schien mich trotz der brennenden Kerze, die ich hielt, nicht bemerkt zu haben, was mir auch ganz recht war, denn ich wusste nicht, wie er reagieren sollte, wenn er bemerkte, dass ich das Gespräch zwischen ihm und seiner Schwester belauscht hatte.

Alan ächzte, während er sich mit seinem Klumpfuß die Treppe hoch quälte. Ich blies die Kerze aus, drückte mich in eine Nische und beobachtete, wie Alan, endlich im ersten Stock angekommen, eine Tür aufstieß und in dem dahinterliegenden Raum verschwand. Beklommen löste ich mich aus dem Schatten und näherte mich vorsichtig der Tür, die Alan offengelassen hatte. In dem Zimmer war es dunkel. Nur durch das Fenster, vor dem Alan nun stand, drang der schwache Widerschein von Feuer. Alan hatte sich mit beiden Händen auf das Fensterbrett gestützt und starrte hinaus. Sein Körper bebte und zitterte, während er grollende, kehlige Laute ausstieß.

»Ich hasse euch!«, hörte ich ihn hervorpressen. »Ihr wollt meinen Tod, weil ich anders bin, weil mein Aussehen euch Angst einflößt. Ihr seid erbärmliche Feiglinge!« Er ballte die Fäuste und schüttelte sie drohend.

Plötzlich tat Alan mir leid. Wahrscheinlich war er im Grunde seines Herzens ein friedfertiger und sensibler Bursche. Aber sein äußeres Erscheinungsbild machte, dass die Menschen ihn fürchteten. Anscheinend gingen die Einwohner von Highparish sogar so weit, sein Leben zu bedrohen, und nur die Anwesenheit von Clarissa hinderte sie daran, das Schloss zu stürmen und sich Alans zu bemächtigen. Doch nun war Clarissa fort. Sie wollte ein magisches Amulett aufspüren und zerstören. Alan musste in diesem Moment schreckliche Ängste durchstehen. Aber das brauchte er nicht, denn er war ja nicht allein. Es befanden sich zwei Gäste auf Blackstone Castle. Und wenn Clarissa es geschafft hatte, die Leute aus Highparish von dem Schloss fern zu halten, würde es mir und Colin auch gelingen.

»Haben Sie keine Angst, Alan!«, hörte ich mich plötzlich sagen. »Ihnen wird nichts geschehen. Dafür werde ich sorgen.«

Alan reagierte nicht. Grollend stand er vor dem Fenster und vollführte groteske Drohgebärden.

Ich näherte mich dem Mann langsam, und als ich ihn erreichte, erhaschte ich einen Blick durch das Fenster. Er wies hinaus auf die Schlucht und die Holzbrücke. Ein Dutzend Männer und Frauen hatten sich auf der Brücke versammelt. So, wie am Abend hatten sie Fackeln, Mistforken, Knüppel und Sensen bei sich. Das zuckende Feuer der Fackeln beleuchtete ihre hassverzerrten Gesichter. Sie riefen und schwenkten ihre Waffen.

Ein eiskalter Schauerjagte mir über den Rücken. Die Leute aus Highparish mussten denVerstand verloren haben. Ihre Angst vor Alan hatte Bestien aus ihnen gemacht.

Ein tiefer Groll erfasste mich.

»Sie werden nicht wagen, das Schloss zu betreten«, sagte ich rau. »Ihre Schwester und Sie sollten sich überlegen, die Polizei einzuschalten.«

Ich hob die Hand und wollte sie Alan beruhigend auf die Schulter legen. Aber meine Hand glitt einfach durch Alans Schulter hindurch, als wäre er bloß ein Trugbild.

Ein unangenehmes Kribbeln erfasste meine Hand, und ehe ich sie zurückziehen konnte, jagte plötzlich ein rasender Schmerz meinen Arm empor, schaltete meine Sinne von einem Moment auf den anderen aus.

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Jemand rüttelte sanft meine Schulter. Benommen öffnete ich die Augen und erblickte Collin, der neben mir auf dem Boden kniete und mich mit sorgenvoller Miene betrachtete.

»Sind Sie okay?«, fragte er besorgt.

Ich stemmte mich hoch und sog zischend Luft ein, da ein stechender Schmerz durch mein Gehirn fuhr. Ächzend fasste ich mir an den Kopf. »Ich fühle mich, als hätte ich die ganze Nacht in einer verrauchten Spelunke verbracht«, erklärte ich sarkastisch.

»Das würde ich bei Ihrem Anblick auch vermuten, wenn ich nicht wüsste, dass die nächste Spelunke mehrere Autostunden von hier entfernt ist.«

Diesmal war ich vorsichtiger, als ich mich auf dem Boden aufsetzte. Verwundert sah ich mich um.

Das Zimmer, in dem ich mich befand, war nicht mein Gästezimmer. Es schien sich vielmehr um ein altes Studierzimmer zu handeln, denn ich erblickte einen verschnörkelten Sekretär, Regalreihen voller alter, verstaubter Bücher und einen Kamin, auf dessen Sims ein alter Globus und Ferngläser standen.

»Wie ... wie bin ich hierhergekommen?«, fragte ich verwundert und kam unsicher auf die Beine, wobei Collin mir behilflich war, indem er vorsichtig meinen Arm ergriff.

»Dasselbe wollte ich Sie auch gerade fragen«, meinte er nicht ohne Ironie in der Stimme.

Ich blickte an mir herab und stellte fest, dass ich noch immer mein Nachthemd trug, und eine Hose, in die ich die Zipfel des Nachthemdes hineingestopft hatte, so dass sie wie ausgestopft wirkte.

Augenblicklich kehrte die Erinnerung an die seltsamen Vorkommnisse in der Nacht wieder zurück, und ich begriff, dass ich mich in dem Zimmer befinden musste, wo ich zusammen mit Alan aus dem Fenster gesehen hatte.

»EinTraum«, murmelte ich mit belegter Stimme. »Es muss ein Traum gewesen sein.«

»Sind Sie etwa eine Schlafwandlerin?«, erkundigte Collin sich.

Ich schüttelte den Kopf und registrierte erleichtert, dass der Schmerz, der mich dabei durchzuckte, schon nicht mehr ganz so stechend und qualvoll war. Ich machte mich von Collin los, der noch immer meinen Arm hielt und mich aufmerksam musterte.

Collin war frisch rasiert und angekleidet. Sogar seine Kamera hatte er bei sich.

Erst jetzt registrierte ich, dass der Morgen angebrochen war. Graues, schummeriges Tageslicht drang durch das Fenster.

Ein scheuer Blick nach draußen zeigte mir, dass die Brücke leer war. Nebel krochen aus der Schlucht empor und umschmeichelten die Holzkonstruktion wie quellender Rauch.

Mich fröstelte plötzlich. Der Traum war so real gewesen, dass ich noch immer ganz durcheinander war und Schwierigkeiten hatte, mich in der Realität zurecht zu finden.

»Entschuldigen Sie mich bitte«, sagte ich an Collin gewandt. »Ich werde wohl etwas später zum Frühstück erscheinen. Ich brauche dringend ein heißes Bad.«

Collin nickte verständnisvoll. »Lassen Sie sich ruhig Zeit!«, meinte er und tätschelte dabei die Fotokamera, die um seinen Hals hing. »Ich werde inzwischen ein paar Aufnahmen vom Schloss und der Umgebung schießen. Die Lichtverhältnisse sind an diesem Morgen sehr günstig. Mir werden bestimmt ein paar stimmungsvolle Fotos gelingen, die die unheimliche Atmosphäre dieser Gegend überzeugend wiedergeben werden.«

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Als ich knapp eine Stunde später in dem Speisesaal erschien, fühlte ich mich wie ausgewechselt. Die Kopfschmerzen waren verflogen und meine Gedanken nicht mehr ganz so trübe und verworren, wie bei meinem Erwachen. Erstaunt stellte ich fest, dass Collin noch am Tisch saß, vor sich einen Becher dampfenden Kaffee. Missmutig und mit vorwurfsvollem Blick sah er zu mir auf.

»Was ist los?«, fragte ich.

»Clarissa ist fort«, sagte er schlecht gelaunt. »Ich musste mir meinen Kaffee selber kochen. Zum Glück hatten wir ein Päckchen davon im Auto, sonst hätten wir jetzt nicht einmal etwas zu trinken gehabt. Die Küche und die Vorratskammer sind nämlich leer. Ich möchte wissen, wie Clarissa unter diesen Voraussetzungen überhaupt eine Mahlzeit zubereiten konnte.«

Ich musste wohl ziemlich verständnislos dreingeschaut haben, denn Collin erhob sich plötzlich abrupt von seinem Stuhl und forderte mich auf, ihm in die Küche zu folgen. Unwirsch öffnete er die Schranktüren und deutete anklagend auf die leeren Regale.

»Nichts!«, rief er erbost. »Nicht einmal ein Stück trockenes Brot gibt es hier. Und von Clarissa ist auch weit und breit nichts zu entdecken. Ich habe bereits das ganze Schloss nach ihr abgesucht. Aber vergebens.«

Plötzlich erinnerte ich mich wieder an meinen Traum, in dem Clarissa ihren Bruder erklärt hatte, sie müsse für einige Tage fort, um ein magisches Amulett aufzuspüren. Ich schüttelte den Gedanken wieder ab. Es hatte keinen Sinn, Traum und Wirklichkeit miteinander zu vermischen - es sei denn, ich hatte vor, verrückt zu werden, was aber nicht der Fall war. Sicher gab es für Clarissas Verschwinden eine plausible Erklärung.

»Vielleicht ist Clarissa irgendetwas Wichtiges dazwischen gekommen«, sagte ich vage. »Und wahrscheinlich hat sie im Schloss keine Lebensmittel gelagert, weil es hier keinen Strom für einen Kühlschrank gibt und es vor Mäusen und Ratten wahrscheinlich nur so wimmelt.«

Collin schüttelte sich. »Reden alle Archäologen so unverblümt?«, fragte er missbilligend.

»Wir werden selbst für unser Frühstück sorgen müssen«, ging ich nicht auf seine Bemerkung ein. »Ich werde in die nächste Ortschaft fahren und Proviant besorgen. Sie können derweil ja schon mit der Arbeit beginnen.«

Colin machte ein düsteres Gesicht. »Vergessen Sie die Eier und den Speck nicht!«, meinte er mürrisch. »Ein Morgen ohne Spiegeleier ist für mich kein Morgen, sondern ein Unglück.«

Ich lachte unwillkürlich. »Keine Sorge«, sagte ich vergnügt. »Ihre Laune wird sich schon wieder bessern, nachdem Sie gefrühstückt haben. Ich bin nämlich bestimmt eine bessere Köchin als Clarissa.«

»Dazu gehört jawohl nicht viel«, konterte Collin mürrisch. »Dass Clarissa vom Kochen keine Ahnung hat, hat sie gestern Abend ja stichhaltig bewiesen.« Er wandte sich ab und stapfte wütend davon. Kopfschüttelnd blickte ich ihm nach. Ich konnte Collin seine schlechte Laune nicht verübeln. Mir war in diesem Schloss auch nicht ganz geheuer zumute, und dass Clarissa so einfach verschwunden war, bereitete mir mehr Kopfzerbrechen, als ich mir vor Collin hatte anmerken lassen.

Ich verließ das Schloss und stieg in den Wagen. Meinen kleinen Ausflug zur Proviantbeschaffung wollte ich auch dazu nutzen, Highparish einen Besuch abzustatten und die Leute vorsichtig nach den Legenden auszufragen, die sich um Blackstone Castle rankten.

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Es war längst Mittag, als ich endlich nach langer Irrfahrt zum Schloss zurückkehrte. Collin, der den Motor des Wagens gehört haben musste, empfing mich vor dem Tor des Castle und starrte mir mit grimmiger Miene entgegen.

»Wo waren Sie so lange?«, fragte er vorwurfsvoll, nachdem ich den Wagen abgestellt hatte. »Ich dachte schon, Sie hätten sich auch aus dem Staub gemacht.«

»Ist Clarissa denn noch nicht wieder zurückgekommen?«, fragte ich.

Collin schüttelte den Kopf. »Es hat sich hier keine Menschenseele blicken lassen«, beschwerte er sich. »Und nun verraten Sie mir endlich, was Sie so lange aufgehalten hat!«

»Ich habe Highparish nicht gefunden«, berichtete ich. »Der Ort ist wie vom Erdboden verschluckt. Nachdem ich einige Zeit die Gegend vergeblich abgesucht hatte, bin ich in die nächstgrößere Ortschaft gefahren und habe eingekauft.« Ich machte ein nachdenkliches Gesicht. »Das Seltsame ist, dass niemand, den ich fragte, etwas von Highparish wusste. Es scheint diesen Ort gar nicht zu geben.«

»So ein Unsinn!« Collin machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das altmodische Kaff ist eben völlig unbekannt - was mich, ehrlich gesagt, nicht wundert. Wer will schon mit solchen hinterwäldlerischen Leuten etwas zu tun haben?«

Collin machte einen langen Hals und spähte auf den Rücksitz, wo sich die Kartons mit den Lebensmitteln befanden, die ich eingekauft hatte.

»Ich habe einen Mordshunger«, gestand er und starrte mich mit gespielter Lüsternheit an. »Wenn ich nicht bald etwas zu beißen kriege, kann ich für nichts mehr garantieren.«

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Zufrieden strich sich Collin über den Bauch und sah mich lächelnd über die Tafel hinweg an.

»Das Essen war ausgezeichnet«, lobte er. »Jetzt können wir getrost mit der Arbeit beginnen.«

Nachdem wir den Tisch gemeinsam abgeräumt und das Geschirr gespült hatten, machten wir uns daran, das Schloss systematisch zu erkunden.

Wir begannen mit dem Kellergewölbe. Zahlreiche Gänge und Kammern zweigten von dem Hauptgewölbe ab und schienen weit über den Grundriss des Schlosses hinauszureichen. Ich fertigte die Grundrisszeichnung an, während Collin von jedem Raum mehrere Aufnahmen schoss.

Einige der Kellerräume waren mit Gerümpel vollgestellt. Die alten Möbel, die hier wohl schon seit Jahrzehnten lagerten, waren morsch, von Holzwürmern zerfressen und mit Schimmel überzogen. Selbst ein Restaurateur würde sie nicht wieder hinkriegen.

Hin und wieder bemerkten wir huschende Schatten, die auf die Gegenwart von Mäusen oder gar Ratten schließen ließen, was Collin allerdings mehr Unbehagen bereitete, als mir, denn an diese Bewohner alter Bauten musste ein Archäologe sich gewöhnen, sonst könnte er vor lauter Ekel seine Arbeit nicht richtig verrichten. Schließlich bekam ich einen der grauen Nager leibhaftig zu Gesicht. Collin und ich hielten uns gerade in einem niedrigen Gewölbe auf, das abseits der anderen Kellerräume lag und in den nackten Fundamentfels des Schlosses hineingetrieben zu sein schien.

Collin schrie erschrocken auf, als die Ratte quer durch den Raum huschte und sich dabei von dem Licht unserer Stablampen nicht einschüchtern ließ. Auf schnellen Pfoten rannte die Ratte auf eine Mauer zu und verschwand dann in einem schmalen Spalt.

Collin schüttelte sich. »Lassen Sie uns schnell von hier verschwinden!«, meinte er erschaudernd. »Wer weiß, wie viele Ratten hier unten hausen.« Er wollte sich abwenden, zögerte aber, als er bemerkte, dass ich mich langsam auf den Riss in der Mauer zu bewegte.

»Was haben Sie vor?«, fragte er entgeistert.

»Hinter diesem Felsen ist irgendetwas«, erklärte ich. »Unsere Aufgabe ist es, die Burg bis in den letzten Winkel zu inspizieren.«

»Es wird niemand merken, wenn wir einen Kellerraum unterschlagen«, erwiderte er leichthin.

Ich ging in die Knie und richtete den Strahl der Stablampe auf den geheimnisvollen Spalt.

»Mit Rissen in Fundamenten ist nicht zu spaßen«, sagte ich. »Und mit Ratten erst recht nicht.«

Der Riss schien keines natürlichen Ursprungs zu sein, wie ich nun bemerkte. Er verlief senkrecht in gerader Linie und war etwa so lang wie mein Unterarm. Von dem Ende des Spaltes führten zwei weitere Risse horizontal nach links.

»Das ist eine Tür«, sagte ich verblüfft. »Wir sind hier auf irgendetwas gestoßen, Collin.«

»Ja, auf ein Rattennest wahrscheinlich«, kommentierte er sarkastisch.

Ich holte mein Taschenmesser hervor, klappte eine Klinge auf und schob sie vorsichtig in den Spalt. Dann setzte ich das Messer als Hebel ein und versuchte, die Tür, die aus massivem Felsgestein bestand, zu öffnen. Zum Glück war das Messer stabil, sonst wäre die Klinge bei dem Versuch, die Felstür zu bewegen, unweigerlich gebrochen. Doch schließlich schaffte ich es. Fels scharrte über Fels, als dieTür dem Druck des Messers nachgab und aufschwang.

Mit lauten Fiepen und Quicken stob eine ganze Rattenfamilie aus der dunklen Öffnung hervor und rannte an Collin vorbei auf den Ausgang des Gewölbes zu. Colin schrie und ließ seine Beine hochzucken. Doch ehe er sich versah, waren die Ratten auch schon verschwunden.

Gebannt richtete ich den Lichtstrahl in die Öffnung  und stieß einen überraschten Pfiff aus.

Vor mir lag ein kleiner Schatz! Das Gold funkelte und glitzerte, und die Edelsteine brachen das Licht und zauberten bunte Irrlichter auf die dunkle Gewölbedecke - und auf das erstaunte Gesicht von Collin, der nun plötzlich neben mir aufgetaucht war und die Ratten anscheinend bereits wieder vergessen hatte.

»Das gibt es doch gar nicht!«, presste er aufgeregt hervor. »Sie haben einen Schatz entdeckt, Brenda!« Collin streckte die Hand aus, um nach den funkelnden Kleinoden zu greifen, die in der nischenförmigen Aussparung lagen. Doch bevor er etwas von den Kostbarkeiten berühren konnte, packte ich sein Handgelenk.

»Nein!«, sagte ich bestimmend. »Fassen Sie nichts an!«

Mit einer Mischung aus Verwirrung und Verärgerung sah Collin mich an.

»Was soll das?«, fragte er. »Trauen Sie mir etwa nicht? Ich werde schon nichts stehlen.«

»Das habe ich auch gar nicht angenommen«, erwiderte ich ernst. »Aber Sie könnten Spuren verwischen oder etwas kaputt machen.«

Details

Seiten
300
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916508
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
brenda logan einhorn drei romane amulett

Autor

Zurück

Titel: Brenda Logan und das Einhorn: Drei Romane um das magische Amulett