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Drei Pete Hackett Western Januar 2018: Walker der Verfemte/Blutpoker in Abilene/Die ohne Skrupel sind

2018 300 Seiten

Leseprobe

Drei Pete Hackett Western Januar 2018: Walker der Verfemte/Blutpoker in Abilene/Die ohne Skrupel sind

Pete Hackett

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Drei Pete Hackett Western Januar 2018: Walker der Verfemte/Blutpoker in Abilene/Die ohne Skrupel sind

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Unter dem Pseudonym Pete Hackett verbirgt sich der Schriftsteller Peter Haberl. Er schreibt Romane über die Pionierzeit des amerikanischen Westens, denen eine archaische Kraft innewohnt - eisenhart und bleihaltig. Seit langem ist es nicht mehr gelungen, diese Epoche in ihrer epischen Breite so mitreißend und authentisch darzustellen.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Walker, der Verfemte

Western von Pete Hackett

Über den Autor

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Unter dem Pseudonym Pete Hackett verbirgt sich der Schriftsteller Peter Haberl. Er schreibt Romane über die Pionierzeit des amerikanischen Westens, denen eine archaische Kraft innewohnt, wie sie sonst nur dem jungen G.F.Unger eigen war - eisenhart und bleihaltig. Seit langem ist es nicht mehr gelungen, diese Epoche in ihrer epischen Breite so mitreißend und authentisch darzustellen.

Mit einer Gesamtauflage von über zwei Millionen Exemplaren ist Pete Hackett (alias Peter Haberl) einer der erfolgreichsten lebenden Western-Autoren. Für den Bastei-Verlag schrieb er unter dem Pseudonym William Scott die Serie "Texas-Marshal" und zahlreiche andere Romane. Ex-Bastei-Cheflektor Peter Thannisch: "Pete Hackett ist ein Phänomen, das ich gern mit dem jungen G.F. Unger vergleiche. Seine Western sind mannhaft und von edler Gesinnung."

Hackett ist auch Verfasser der neuen Serie "Der Kopfgeldjäger". Sie erscheint exklusiv als E-book bei CassiopeiaPress.

––––––––

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EIN CASSIOPEIAPRESS E-Book

© by Author  www.Haberl-Peter.de

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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Stan Walker, der Zivilscout, trieb seinen Pinto aus dem Maul der Schlucht, durch die der Weg zum Apache Pass führte. In der sich anschließenden Ebene aus verdorrtem Gras, spärlichem Gestrüpp und sporadisch in die Höhe wuchtenden, oftmals haushohen Felsklötzen, hob Captain Calem Clayton den Arm.

„Haaalt!“

Sein Kommando übertönte den pochenden Hufschlag der Patrouille nicht, die zwei Schlutter-Wagen mit vergilbten, ziemlich zerschlissenen Planen eskortierte. Aber die Kavalleristen sahen durch den hochwogenden Staub das Zeichen und zügelten ihre müden Pferde.

Die Tiere standen still, manche scharrten mit den Hufen. Gebissketten klirrten, Sattelleder knarrte. Der Staub senkte sich. Stan Walker ritt im Trab heran. Vor dem Captain parierte er den Pinto.

Der Captain musterte ihn prüfend, dann fragte er. „Nun, Scout, wie sieht’s aus?“

„Der Weg hinauf zur Station scheint frei zu sein, Sir“, antwortete Stan und rückte sich den Hut etwas aus der Stirn.

Obwohl Stan Walker auf dem Pferd saß, konnte man erkennen, dass er ein großer, hagerer Mann war. Er trug weiche Hirschlederkleidung. Am rechten Oberschenkel war das Holster mit dem langläufigen, schweren 45er festgebunden. Der Revolvergurt war alt und sah brüchig aus. Matt blinkten die Böden der Patronen in den Schlaufen.

„Wie es auf der anderen Seite aussieht, weiß ich nicht.“ Stan hob sie breiten Schultern und fügte hinzu: „Wir hätten nicht die Route über den Apache Pass nehmen, sondern auf der Überlandstraße von El Paso nach Lordsburg trailen und von dort aus den weit weniger beschwerlichen Weg nach Fort Bowie nehmen sollen.“

Der Captain winkte ab. „Weniger beschwerlich gewiss, dafür aber wahrscheinlich umso gefährlicher. Außerdem bin ich nicht bereit, mit Ihnen über Sinn oder Unsinn einer Entscheidung zu diskutieren, die nicht ich getroffen habe, Scout“, stieß er unduldsam und mit kalter Arroganz hervor. „Wie weit ist es noch bis zur Station?“

„Zwei Meilen. Wir werden zwei Stunden brauchen.“

Der Captain schaute nach dem Stand der Sonne. Sie hing ziemlich weit im Westen über den Chiricahua Mountains. „Das schaffen wir noch“, meinte Clayton. „Sie reiten wieder voraus, Scout.“

„In Ordnung, Sir.“

Ein First Sergeant drängte seinen Braunen neben den des Captains. „Ich kenne den Weg, Sir“, gab er zu bedenken. „Er ist in der Tat halsbrecherisch. Er ist schon beschwerlich für die Pferde. Mit den Fuhrwerken aber ...“ Skeptisch wiegte der Sergeant den Kopf. „Wenn uns die Dunkelheit überrascht, wird’s haarig.“

Mit Endgültigkeit im Tonfall schnarrte der Captain: „Wir  schaffen es. Apachen treiben sich nicht herum. Nichts wird uns aufhalten. Also weiter!“

Er gab das Kommando. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Stan Walker ritt voraus und verschwand zwischen den Felsen. Das Terrain stieg an...

Es war ziemlich dunkel, als Stan die Armeestation auf dem Apache Pass erreichte. Aus den Fenstern fiel Licht. Aus dem Schlagschatten einer der Baracken lösten sich zwei Posten mit geschulterten Gewehren. Sie riefen Stan an. Dieser erklärte, wer er war und meldete, dass in etwa einer halben Stunde der Waffen- und Munitionstransport auf der Passhöhe ankommen werde.

Einer der Posten lachte kehlig. „Fein. In einer halben Stunde also. Das klingt wie Musik in meinen Ohren, nachdem ihr unsere Geduld ziemlich strapaziert habt.“

Unvermittelt schwang der Bursche das Gewehr von seiner Schulter und richtete es auf Stan. Gleichzeitig lud er durch. Stan war wie vor den Kopf gestoßen und begriff im ersten Moment gar nichts. Als er aber reagierte und nach dem Colt an seiner Hüfte griff, schlug auch der zweite der Kerle den Karabiner auf ihn an. Einer sagte klirrend: „Absteigen, Scout, und spiel lieber nicht den wilden Mann. Andernfalls saust du hinter einigen Blaubäuchen her direkt in die Hölle.“

Mit Wucht traf Stan die Erkenntnis, dass Banditen die Soldaten, die hier Dienst versahen, ausgeschalten hatten. Sie hatten es auf den Waffentransport abgesehen. Schlagartig trocknete Stans Kehle aus. Er schluckte würgend. Und langsam hob er die Hände bis in Schulterhöhe. Er hatte keine Chance. Ein Fingerdruck, und aus ihren Gewehren würde der flammende Tod brechen.

„Na komm schon runter vom Gaul, Amigo.“

Die Stimme sprang Stan an und er gehorchte. In dieser Situation war jeder Widerstand zwecklos und selbstzerstörerisch. Darum versuchte er erst gar nicht, das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden. Er gab sich geschlagen.

„Bring ihn in die Hütte, Brian“, sagte einer von ihnen. „Jim soll entscheiden, ob wir ihn ... Nun ja, Jim wird schon wissen, was zu tun ist.“

Er kam zu Stan und entwaffnete ihn. Stan schwieg, weil er die ganze Wucht der Gefahr begriff, in der er sich befand. Kalt und nüchtern erkannte er, wie nahe er dem Tod war.

Der Bursche namens Brian versetzte ihm einen brutalen Stoß in den Rücken. Stan war darauf nicht eingestellt und torkelte einen Schritt nach vorn. Ungnädig rammte ihm der andere den Gewehrlauf in den Leib. Stan krümmte sich, ein gehetzter Ton brach aus seinem Mund, und dann spürte er den stählernen Druck auf seiner Niere.

„Schon gut, es ist ja schon gut!“, keuchte er.

Der Druck blieb. Der Bursche vor Stan zischte: „Dann schwing die Hufe und geh vor Brian her in die Hütte. Andernfalls kriechst du auf allen vieren hinein.“

Der heiße Atem des Kerls streifte Stans Gesicht.

Brian dirigierte Stan vor sich her in die Wachbaracke mit dem angebauten Büro für den Stationskommandanten. Der flache Bau daneben diente als Schlaf-, Aufenthalts- und Speiseraum. Außerdem gab es noch einen Küchenanbau, zwei Ställe für die Pferde, einen Schober mit Futtervorräten, ein Magazin mit Vorräten für die Soldaten, zwei Corrals und den Mast mit dem Sternenbanner.

Ein halbes Dutzend Kerle vertrieben sich im Wachlokal beim Karten- und Würfelspiel die Zeit. Auch sie trugen Uniformen, und kein Mensch konnte sie von richtigen Soldaten unterscheiden.

Nur Stan war in der Zwischenzeit eines besseren belehrt worden.

Er dachte jedoch in diesen Augenblicken gar nicht an sich. Seine fiebernden Gedanken waren nur bei dem Waffen- und Munitionstransport, der sich jetzt, etwa eine halbe Meile entfernt, den Weg zum Sattel des Passes heraufquälte. Ahnungslos würden Captain Clayton und die Eskorte in den Banditenhinterhalt reiten.

Stan spürte ein Zittern, als seine Nerven zu vibrieren begannen, und er hatte das Empfinden, als griffe eine eiskalte Krallenhand in seinen Nacken...

Als Brian den wehrlosen Scout durch die Tür trieb, unterbrachen sie ihre Spiele, lehnten sich zurück und musterten Stan mit stechenden Blicken.

Brian sagte: „Das ist der Scout des Transports. Der Transport selbst kommt in etwa einer halben Stunde hier an.“

Ein großer, dunkelgesichtiger Bursche mit einer Messernarbe auf der linken Wange erhob sich. Er trat vor Stan hin und befahl nach kurzer, aber gründlicher Einschätzung: „Fesselt und knebelt ihn und bringt ihn auf Nummer sicher. Dann weckt die anderen.“

Unauslöschlich brannte sich das Gesicht des Sprechers in Stans Gedächtnis ein. Sein Name war Jim. Er war der Anführer dieser Banditenhorde.

Dieses Gesicht, dunkel, schmal und scharflinig, wollte er nie vergessen.

Das schwor sich Stan. In diesem Augenblick konnte er nicht ahnen, dass ein gnadenloses Schicksal ein neues Kapitel im Buch seines Lebens zu schreiben begann. Die Feder führte der Tod, und er schrieb mit Blut. Der Apache Pass wurde zum Schauplatz eines Wendepunkts in seinem Leben...

Im nächsten Moment erhielt er einen brutalen Schlag auf den Kopf. Brian, der Bursche, der ihn mit dem Gewehr in Schach hielt, hatte zugeschlagen. Vor Stans Augen schien der Raum zu explodieren, dann riss sein Denken. Schwärze senkte sich in sein Bewusstsein.

*

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PEITSCHENDE SALVEN rissen Stan aus seiner Betäubung. Im ersten Moment fand er sich nicht zurecht. In die ineinander verschmelzenden Detonationen ertönten Geschrei und Gewieher, und bei Stan setzte die Erinnerung ein.

Er wollte hoch. Aber er war verschnürt wie ein Paket. Absolute Finsternis umfing ihn. In seinem Mund steckte ein Knebel, der mit dem Halstuch festgebunden war, so dass er ihn mit der Zunge nicht herausstoßen konnte. Die Luft, die er atmete, war abgestanden und modrig.

Heiliger Bonifatius! Banditen hatten die Station übernommen und die wenigen Soldaten, die hier Dienst versahen, wahrscheinlich ermordet. Und nun knallten sie die Soldaten, die mit dem Waffen- und Munitionstransport kamen, skrupellos ab.

Diese Erkenntnis legte sich tonnenschwer auf Stan und drohte ihm den Verstand zu rauben. Seine Gedanken überschlugen sich, sein Puls raste, den Schmerz in seinem Schädel, der von dem hinterhältigen Schlag mit dem Gewehr herrührte, ignorierte er. Wie von Sinnen zerrte Stan an seinen Fesseln. Er begann zu keuchen und zu schwitzen, obwohl ihm eiskalt ums Herz war.

Die Fesseln jedoch hielten.

Tief schnitten sich die Lederschnüre in seine Handgelenke, die Blutzirkulation war fast lahm gelegt, und Stan spürte Taubheit in seinen Fingern.

Das höllische Crescendo der Schießerei flaute ab. Nur noch vereinzelte Schüsse fielen. Dann schwiegen die Waffen. Tödliche Stille senkte sich für Sekunden über den Apache Pass, eine Stille, die fast noch schrecklicher und nervenzermürbender war als das Krachen der Schüsse zuvor. Aber dann wurden Stimmen laut. Türen knarrten in den Scharnieren. Schritte polterten. Das war über Stan. Daraus schloss dieser, dass er sich im Kellerschacht eines der Gebäude befand. Diese Schächte waren angelegt worden, um leicht verderbliche Vorräte kühl zu lagern.

Schon wenig später erschallten Befehle, knallten Peitschen, kamen dumpfes Hufepochen und das Rumpeln der Fuhrwerke auf, das sich langsam entfernte und schließlich in der Lautlosigkeit versank. Lastende, bleierne Stille folgte.

Entsetzen wütete in Stans Gemüt, in seinem Innersten saß  das Grauen. Er verspürte Gänsehaut. Aber es war nicht die Kälte, die aus dem Boden durch seine Kleidung kroch, es war die Kälte, die von innen kam, die ihn frösteln ließ.

Wie eine Schlange wand er sich über den Boden, und schon nach einem Yard stieß er gegen die Wand. Sie war aus Bruchsteinen errichtet, vor allem, um die Schachtwände vor dem Einsturz zu sichern. Es gelang Stan, sich aufzusetzen und sich mit dem Rücken dagegenzulehnen. In seinem Kopf dröhnte und hämmerte es.

Die Mauer war rau, scharfe Ecken und Kanten drückten schmerzhaft gegen Stans Schulterblätter. Sogleich startete er den Versuch, seine Handfesseln an einem dieser Grate durchzuscheuern.

Er riss sich die Haut auf, Blut rann über seine Hände. Es kostete ihn allen Willen und erforderte alle Überwindungskraft, fortzufahren. Das quälende Hämmern in seinem Kopf meldete sich mit Vehemenz. In seinen Ohren rauschte das Blut. Stan verspürte Schwindelgefühl und Übelkeit. Er biss die Zähne zusammen, dass der Schmelz knirschte. Salziger Schweiß rann ihm in die Augen, er biss sich die Lippen blutig.

Nach einer halben Stunde aber waren seine Hände frei. Das Blut pulsierte in seine Finger und verursachte heftiges Stechen und Kribbeln. Er riss das Halstuch herunter und zerrte den Knebel aus seinem Mund, dann massierte er seine blutenden Gelenke. Sein Atem ging stoßweise. Seine Muskeln hatten sich verkrampft und jede Bewegung ließ ihn ächzen. Seine Hände zitterten.

Nach einer kurzen Pause befreite er sich von den Beinfesseln, dann stemmte er sich hoch. Seine Knie waren butterweich, und er musste sich gegen die Wand lehnen. Er war ausgelaugt und fühlte sich hohl wie eine faule Nuss. Die Nebel der Benommenheit brandeten gegen sein Bewusstsein an, aber er überwand Schwäche, Schmerz und Erschöpfung und tastete die niedrige Decke nach der Luke ab.

Er drückte den Deckel hoch, bis er senkrecht stand, dann kippte er und der Krach ließ Stan zusammenzucken. Aufgewirbelter, feiner Staub schwebte auf ihn hernieder, legte sich auf seine Schleimhäute und reizte ihn zum Niesen.

Im Raum über ihm war es fast ebenso finster wie in dem Schacht. Unter Aufbietung seiner letzten Kraftreserven zog Stan sich an den Lukenrändern hoch, seine Sehnen drohten zu zerreißen, aber er schaffte es und lag keuchend auf dem Boden der Baracke.

Fahles Mond- und Sternenlicht fiel durch die Fenster. Stans Augen gewöhnten sich an die schlechten Lichtverhältnisse, und er konnte Konturen unterscheiden. Er erkannte den eisernen Ofen, einen Schrank, eine Anrichte, einige Regale, und er wusste, dass er unter dem Küchenanbau gefangen gewesen war.

Stan blieb liegen. Nach und nach beruhigte sich sein Atem, legte sich die Rebellion in seinem Innern. Nur die Schmerzen blieben. Sie hämmerten in seinem Kopf wie klirrendes Eisen, brannten in den Schnitt- und Schürfwunden an seinen Handgelenken.

Seit dem Überfall mochte eine Stunde vergangen sein.

Stan hatte jegliches Gefühl für die Zeit verloren. Er rappelte sich stöhnend hoch und wankte nach draußen. Der Nachtwind säuselte in den Kronen der uralten Korkeichen, brach sich an den Gebäuden und Vorsprüngen. Zwischen den Gebäuden lagen tote Pferde und längliche, schwarze Bündel, die Stan als reglose Gestalten identifizierte. Der Hals wurde ihm eng. Er hatte es gewusst, dennoch traf ihn der Anblick wie ein Schlag. Die Banditen hatten die 20 Mann starke Eskorte niedergemetzelt, ohne jede Gnade, ohne Erbarmen, mit einer Kaltblütigkeit, die ihresgleichen suchte.

Ein Röcheln wehte heran. Es wiederholte sich. Stan taumelte vorwärts. Er folgte dem Geräusch, das zum dritten Mal ertönte. Getötete Kavalleristen und Pferde säumten Stans Weg zu dem Verwundeten.

Es war Captain Clayton. Er lag auf dem Rücken. Das Mondlicht zeichnete dunkle Schatten in sein eingefallenes Gesicht. Seine Augen glitzerten fiebrig. Fahrig wischten seine Hände über den Boden zu seinen beiden Seiten.

„Captain, mein Gott ...“

Stans Stimmbänder gehorchten nicht mehr den Befehlen, die sein Gehirn aussandte. Seine Stimme brach, nur noch seine Lippen formten tonlose Worte.

„Verräter!“, entrang es sich dem Captain schwach und rasselnd. „Elender, niederträchtiger Verräter.“ Er bäumte sich auf, in seiner Brust kämpfte sich ein Gurgeln hoch, ein dünner Blutfaden sickerte aus seinem Mundwinkel. Dann fiel er zurück.

„Nein.“ Flüsternd wand es sich aus Stans Mund. Und dann wiederholte er dieses ‘nein’, aber diesmal platzte es aus ihm heraus wie ein Aufschrei.

Der Captain hörte es nicht mehr. Er war nach seiner bitteren, mit verlöschendem Lebensgeist ausgestoßenen Anklage gestorben.

Stan fasste sich. Der Captain nahm seinen schrecklichen Verdacht mit ins Grab. Stan drückte dem Toten die Augen zu. Sein Verstand begann auf Hochtouren zu arbeiten. Er musste Fort Bowie informieren.

Er schaute sich um nach einem Pferd. Aber die Tiere, die nicht den Schüssen zum Opfer gefallen waren, hatten von Panik erfüllt das Weite gesucht. Vom Apache Pass bis zum Fort betrug die Entfernung ungefähr zwölf Meilen. Fort Bowie war zur Kontrolle des Apache Pass errichtet worden. Die Männer, die hier Dienst versahen, gehörten zur Besatzung des Forts.

Stans Gedanken schweiften ab, und er fragte sich, was aus den Männern wohl geworden war, auf welch schrecklichen Anblick er wohl stoßen würde, falls er nach ihnen suchte und sie fand.

Zwölf Meilen! Es durchfuhr ihn wie ein innerlicher Aufschrei. Ohne Pferd war er fünf bis sechs Stunden unterwegs. Wenn er sich von hier aus direkt nach Norden wandte, musste er durch die Wildnis der Chiricahua Mountains und die südlichen Ausläufer der Dos Cabezas Berge.

Er fand einen Karabiner und hob ihn auf. Von einem der Soldaten nahm er den Revolver und stieß ihn in sein Holster. Vom Sattel eines toten Pferdes knüpfte er die filzumnähte Canteen und hängte sie sich über die Schulter.

Dann machte er sich auf den Weg.

In den hochhackigen Reitstiefeln wurde der Marsch zur Tortur. Bald brannten dem Scout die Füße. Er bekam Blasen, die irgendwann mit heftigem Brennen aufplatzten. An diesen Stellen schälte sich die Haut ab und er lief sich Fersen und Zehen wund. Er musste steile Abhänge hinunter und wieder hinauf und seine Beine wurden schwer wie Blei.

Aber Stan Walker war hart wie Stahl.

Unbeirrbar kämpfte er sich nach Norden. Und er ahnte nicht, dass er geradewegs in die Hölle marschierte.

*

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ALS ÜBER DEN BIZARREN Graten und Gipfeln im Osten ein heller Streifen den Sonnenaufgang anmeldete, schälten sich die Mauern des Forts vor Stan aus der Nacht. Die Forts in Arizona waren fast ausschließlich aus Stein und Adobelehm erbaut. Für Palisaden fehlte es an Holz in diesem kargen Land.

Stan schleppte sich auf das geschlossene Tor zu. Er war fix und fertig, willenlos, bar jeglichen Gedankens. Von den Wehrgängen vernahm er die gleichmäßigen Schritte der Wachen. Er musste über eine freie Fläche, die im fahlen Mondlicht lag. Jeder Schritt bereitete ihm unsägliche Qualen.

„Wer da?“, wurde er barsch angerufen.

„Zivilscout Stan Walker“, krächzte er, und es war kaum verständlich. „Aufmachen - macht auf ...“

Die Kraft verließ ihn. Nichts mehr an seinem Körper schien zu funktionieren. Er fiel auf die Knie nieder, sein Oberkörper pendelte vor und zurück. Der übermenschliche Durchhaltewille, der ihn vorangepeitscht hatte, verlosch angesichts des Forts wie eine Streichholzflamme im Sturm. Er hatte sein Ziel erreicht, und nun spielte Stans Psyche nicht mehr mit. Er ließ sich einfach treiben.

Im Fort erklangen raue Stimmen. Wie aus weiter Ferne drangen sie an Stans Ohren. Sein Kinn war auf die Brust gesunken. Knarrend schwang das Tor auf. Licht flutete heraus und umfloss Stan. Geblendet schloss er die Augen. Vier - fünf Wachposten umringten ihn. Als er die Lider wieder hob, schaute er in besorgte, aber auch angespannte und von ungeduldiger Erwartung geprägte Gesichter, und er röchelte: „Der Waffentransport - am Apache Pass - Überfall - alle tot ...“

Er verlor die Besinnung. Hilfreiche Hände fingen ihn auf, ehe er hart auf das Gesicht fiel.

„Schafft ihn ins Lazarett“, befahl der wachhabende Offizier. Dann flüsterte er heiser: „Du lieber Himmel, wenn das wahr ist, wenn der Bursche nicht phantasiert hat, dann ... Corporal Morgan, holen sie den Colonel aus dem Bett. Berichten Sie ihm, was der Scout meldete.“

„Yes, Sir!“, schnarrte der Corporal, salutierte knapp und eilte fort.

Stan wurde ins Fort getragen. Sie legten ihn im Krankenrevier auf eines der Betten und zogen ihm die Stiefel aus. Die Soldaten waren erschüttert, als sie seine wundgelaufenen, blutigen Füße sahen. Der Feldscher erschien...

Nach einer Stunde etwa kam Stan zu sich. Es war hell im Raum, denn es brannten zwei Lampen. Vor den Fenstern hing die Morgendämmerung. Die Natur erwachte zum Leben.

Sekundenlang starrte Stan verständnislos zur Decke hinauf, dann begann sein Verstand zu arbeiten, und jetzt nahm er auch die Männer wahr, die sein Bett umringten.

Es waren fünf, und jeder von ihnen trug die Achselklappen eines Offiziers. Da war auch Colonel Sam Holladay, der Kommandant von Fort Bowie. Und dieser fragte Stan nun: „Können Sie mir antworten, Scout? Sind Sie in der Lage, mir Rede und Antwort zu stehen?“

„Yeah“, kam es heiser aus Stans Kehle.

„Was war am Apache Pass?“ Die Worte fielen auf den Scout herunter wie Bleiklumpen. Die Stimme des Colonels klang unpersönlich, präzise und metallisch.

Stan erzählte. Manchmal sank seine Stimme herab und drohte zu brechen vor Erschöpfung und körperlicher Not. Er schloss mit den Worten: „Ehe er starb, nannte Captain Clayton mich einen Verräter. Aber ich habe den Transport nicht verraten. Das hat ein anderer getan. Und der Schuft muss hier im Fort sitzen.“

Die Offiziere schauten sich viel sagend und betroffen zugleich an.

„Wie kommen Sie darauf, Scout?“, fragte der Colonel, und es klang irgendwie lauernd.

„Captain Clayton und die Eskorte übernahmen den Transport in Lordsburg. Die Patrouille, die ihn von El Paso herüberbrachte, kehrte nach Fort Bliss zurück. Der Transport war geheim. In Fort Bowie wussten nur wenige Eingeweihte davon, und natürlich die Soldaten, die ihn herbringen sollten. Aber von ihnen hatte keiner die Gelegenheit, den Verrat zu begehen. Die Soldaten, wie auch ich, wurden erst von der Art der Ladung in Kenntnis gesetzt, als wir die beiden Fuhrwerke übernahmen.“

Der Colonel wandte sich einem Captain zu. „Captain Hopkins, Sie reiten mit einer Patrouille zum Apache Pass und versuchen, die Spur der Banditen aufzunehmen. Um die Toten brauchen Sie sich nicht zu kümmern. - Lieutenant Strong, lassen Sie von einer Gruppe Soldaten die Ermordeten zum Fort bringen. Wir werden sie hier in allen Ehren beisetzen.“

Er fixierte wieder Stan. In seinem Gesicht zuckte kein Muskel, seine Mimik verriet nicht, was hinter seiner Stirn vorging. Plötzlich stieß er hervor: „Es gibt tausend Möglichkeiten, Verrat zu begehen. Der Verdacht, den Captain Clayton geäußert hat, ist nicht von der Hand zu weisen, Scout.“ Seine Stimme wurde klirrend: „Bis zum Abschluss der Ermittlungen lasse ich Sie daher arretieren, Walker. Sollte sich herausstellen, dass Sie unschuldig sind, werde ich mich bei Ihnen entschuldigen. Komme ich aber zu dem Schluss, dass Sie hinter dieser himmelschreienden Niedertracht stecken, dass Sie drei Dutzend Soldaten auf dem Gewissen haben, dann lasse ich Sie aufhängen. Ja, dann sterben Sie den schmählichen Tod am Ende eines Stricks.“

Entgeistert starrte Stan den Kommandanten an. „Sir“, murmelte er fassungslos, und dann noch einmal, mit gefestigterem Tonfall: „Sir, ich bin zwölf Meilen marschiert, um Sie von dem Überfall in Kenntnis zu setzen, damit Sie unverzüglich die notwendigen Schritte einleiten können. Hätte ich diese mörderischen Strapazen auf mich genommen, wenn ich der Verräter wäre?“

„Wir werden es sehen“, versetzte der Colonel hart. Dann wandte er sich wieder an seine Männer. „Lieutenant McDoughall, sie lassen ihn von zwei Mann bewachen. Sobald er wieder bei Kräften ist, wird er ins Gefängnis verlegt.“ Als er die bestürzten Gesichter seiner Unterführer sah, fügte er hinzu: „Ich muss jedem Verdacht nachgehen. Und in der Liste der Verdächtigen steht er an vorderster Stelle. Er ist nicht Angehöriger der Armee, er hat lediglich einen Vertrag als Zivilscout. Und wenn er sich morgen auf sein Pferd schwingt und fortreitet, könnte ich ihn nicht einmal aufhalten. Darum wird er in Haft genommen. Wenn er unschuldig ist, braucht er ja nichts zu fürchten.“

„Ich lasse zwei Männer zu seiner Bewachung abstellen, Sir“, knirschte Lieutenant McDoughall.

Sie verließen den Raum. Ein Zittern durchlief Stans Körper. Das Sprechen hatte ihn angestrengt. Er hatte Fieber. Seine Lippen waren trocken und rissig. Der Schädel drohte ihm zu platzen, so sehr pochte der Schmerz von dem Schlag des Banditen nach dem Gewaltmarsch durch die Wildnis. Der Feldscher hatte seine Füße mit Salben und Puder behandelt und verbunden, und der Schmerz war erträglich geworden.

Und nun dieser furchtbare Verdacht. Stan erschauderte. Die Saat des Misstrauens war gestreut. Sehr schnell konnte sie keimen. Der Colonel war ehrgeizig. Und er würde alles daransetzen, einen Schuldigen zu liefern. Er, Stan, war der einzige Überlebende des Massakers am Apache Pass. Allein das konnte als Indiz gegen ihn gewertet werden.

Stan drohte das Herz in der Brust zu zerspringen. Er befand sich in einer schrecklichen Gemütsverfassung. Und obwohl er müde und total ausgelaugt war, fand er keinen Schlaf.

*

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ZWEI TAGE SPÄTER WURDE Stan in das Gefängnis überführt. Es befand sich im Keller der Wachbaracke. Dabei handelte es sich um einen Raum von sechs Schritten im Quadrat. Durch ein kleines Fenster, dicht unter der Decke, fiel Tageslicht. Von außen war es fast ebenerdig. Wenn Stan hinaussah, blickte er auf den Paradeplatz. Auf dem Boden des Verlieses lag fauliges Stroh herum. Es roch nach Moder und Fäulnis.

Es gab hier fünf Bettgestelle aus Eisen, einen kleinen Tisch, zwei Hocker, einen Ständer mit einer verbeulten Wasserschüssel und eine blecherne, total verbeulte Wasserkanne, die am Boden stand und schon Rost ansetzte. Und es gab natürlich den Latrineneimer, der den unangenehmen, scharfen Geruch von Chlorkalk verströmte.

Das war alles.

Außer dem wenigen Mobiliar gab es hier nur Hoffnungslosigkeit, Verlorenheit und Resignation.

Stan war wieder ziemlich fit. Sicher, die Füße und Handgelenke schmerzten noch, und im Kopf spürte er ein dumpfes Pochen. Körperlich und geistig aber hatte er sich gut erholt. Seine Motorik funktionierte wieder. Sein Verstand arbeitete wieder scharf und glasklar, aber was dieser ihm sagte, war niederschmetternd. Denn er kam immer mehr zu dem Schluss, dass Colonel Holladay einen Hammel suchte, den er zur Schlachtbank führen konnte.

Und den schien er in ihm, Stan Walker, gefunden zu haben. So sah es im Moment zumindest aus. -

Captain Hopkins’ Suche nach den Banditen war ergebnislos verlaufen. Bande und Ladung schienen sich in Luft aufgelöst zu haben. Stan war mehrere Male vernommen worden. Der Colonel selbst führte die Ermittlungen. Er sagte Stan auf den Kopf zu, dass er sich die Verletzungen möglicherweise selbst zugefügt und den Fußmarsch freiwillig auf sich genommen hatte, um jedweden Verdacht von sich abzulenken und weiterhin für den Drahtzieher des Überfalls die Armee ausspionieren zu können. Stans Einwände ignorierte er einfach oder er wischte sie unter den Tisch.

Es war fadenscheinig, an den Haaren herbeigezogen, und Stan konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass ihm unter der Regie des Colonels der Todesstoß versetzt werden sollte.

Die nächste Zukunft lag so finster wie ein Höllenschlund vor ihm. Er war sich seiner Einsamkeit und Verlassenheit bewusst.

Vor dem Fenster knirschte der feinkörnige Sand unter den Stiefelsohlen des Wachpostens.

Seit fast einer Woche saß Stan zwischenzeitlich in dem menschenunwürdigen Loch. Seit zwei Tagen beobachtete er, dass Siedlerfamilien mit Fuhrwerken und ihren transportablen Habseligkeiten ins Fort kamen und blieben. An diesem Tag war die Postkutsche von New Mexiko herüber angekommen, und auch sie fuhr nicht weiter. Stan bemerkte auch, dass das Fort in Alarmbereitschaft versetzt wurde.

Von den Wachposten erfuhr er nichts. Es war ihnen verboten, mit ihm sprechen.

Schlüssel rasselten, Riegel knirschten rostig, die Tür schwang auf. Im Türrechteck erschien Lieutenant Milton McDoughall. Hinter ihm befanden sich zwei Soldaten mit angeschlagenen, schussbereiten Karabinern. Der Lieutenant grinste säuerlich, und aus seiner Kehle stieg es: „Man hat mich zu Ihrem Verteidiger berufen, Walker. Der Colonel hat Anklage gegen Sie erhoben. Und schon in drei Tagen soll der Prozess vor dem Kriegsgericht stattfinden. So, wie sich alles darstellt, sieht es nicht gut aus für Sie. Gar nicht gut! Der Colonel hat eine Menge Material gegen Sie zusammengetragen.“

Stan, der auf einem Hocker gesessen hatte, erhob sich. Er war wieder völlig gesund. Sein Mund verkniff sich bitter. Scharf stieß er die Luft durch die Nase aus. Dann sagte er mit einer ihm selbst fremd klingenden Stimme: „Das ist verrückt, Lieutenant. Mit dem Überfall habe ich nicht das Geringste zu tun. Weshalb will mich der Colonel unbedingt am Galgen sehen? Ist es nur, um einen Erfolg ins Hauptquartier melden zu können, um seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen?“

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Der Colonel hat nach fünfundzwanzig Jahren Dienstzeit seinen Abschied eingereicht. In etwas über einem Monat ist er Privatmann und schiebt eine ruhige Kugel mit der Pension, die ihm die Armee zahlt.“

McDoughall grinste und hob nichts sagend die Schultern, ließ sie wieder sinken, und sprach schließlich, jedem Wort besondere Betonung verleihend, weiter: „Es geht nicht nur mehr um den Überfall und die Ermordung der Stationsbesatzung und der Soldaten der Eskorte, Walker. Victorio hat das Kriegsbeil ausgegraben. Er ist mit einer Kriegerschar nach Mexiko geflohen und hat der Armee den ewigen Krieg erklärt. Warm-Springs-Apachen, Mescaleros und Chiricahuas folgen seinem Ruf und erkennen ihn als ihren Führer an. Sie überfallen auf beiden Seiten der Grenze Haziendas, Farmen, Ranches, Postkutschenstationen und Armeepatrouillen. Und aus zuverlässiger Quelle wissen wir, dass die Gewehre, die für die Forts im südöstlichen Teil des Territoriums bestimmt waren, in den Händen Victorios und seiner Guerillas gelandet sind.“

„Und das will man mir gewiss auch anlasten!“, schnappte Stan erregt.

Der Lieutenant nickte.

Und Stan hatte plötzlich das Gefühl, als zöge ihm jemand den Boden unter den Füßen weg. Das Begreifen, dass er so gut wie verurteilt war, überwältigte ihn. Ein kalter Hauch schien ihn zu streifen.

*

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TAGS DARAUF WURDEN drei Zivilisten zu Stan in die Zelle gesperrt. Es waren bärtige, abgerissene Kerle, Sattelstrolche, deren Züge von Gemeinheit, Verworfenheit und Lasterhaftigkeit geprägt waren.

Stan war wie elektrisiert. Einen dieser Burschen hatte er am Apache Pass gesehen, in jener blutigen Nacht, die nun ihm, Stan, zum Verhängnis werden sollte.

Umgekehrt aber erkannte der Bursche auch ihn auf Anhieb.

Als die Tür geschlossen und verriegelt war, als die Stiefeltritte im Kellerflur und auf der Treppe verklungen waren, presste der Bandit hervor: „Na schön, Scout. Du hast mich erkannt. Ich rate dir aber, das Maul zu halten. Wir drei werden nämlich beschwören, dass wir unser ganzes Leben lang nicht am Apache Pass waren. Man hat uns verhaftet, als wir eine verlassene Ranch plünderten. Man fand auch einige Apachenskalps bei uns. Was soll’s. Darauf stehen zwei oder drei Jahre Zuchthaus.“

Sie kamen auf ihn zu, grinsten hämisch, und Stan wich zurück, bis er die Wand im Rücken hatte. Er sagte gedehnt: „Ihr habt euch in den Finger geschnitten, wenn ihr denkt, dass ich mich für euch aufknüpfen lasse. Man wird euch in die Mangel nehmen und die Wahrheit aus euch herausholen.“

„Also müssen wir verhindern, dass du das Maul aufreißt!“

Sie waren jetzt ganz dicht bei Stan. In ihren Iris glomm böse Leidenschaft. Einer grollte: „Wir gedenken nicht, darauf zu warten, bis sie uns verurteilen und nach Yuma transportieren. Bei der erstbesten Gelegenheit verduften wir. Und wenn du schön artig bist und die Klappe hältst, nehmen wir dich mit. Es hat sich schon im Land herumgesprochen, dass dir das Wasser bis zum Halse reicht. Also sei vernünftig und greife nach dem rettenden Strohhalm, den ich dir biete.“

„Einen Dreck werde ich!“, schnappte Stan, in dem wieder die Flamme der Hoffnung aufflackerte. Diese drei Schufte bedeuteten unter Umständen für ihn die Fahrkarte in die Freiheit, sie konnten ihn von jedem Verdacht reinwaschen. Der Preis für die drei war natürlich hoch. Doch das interessierte Stan nicht.

„O doch, du wirst!“, zischte der eine, ein pockennarbiger, mittelgroßer und untersetzter Bursche, und er hielt plötzlich einen Dolch in der Faust, den er unter seinem Hemd versteckt hatte, und der den Soldaten bei der Visitation des Banditen entgangen war. Er hielt Stan die Klinge vor das Gesicht und knirschte: „Aber scheinbar gehörst du zur unbelehrbaren Sorte. Gebt es ihm!“

Seine beiden Kumpane stürzten sich auf Stan. Dieser handelte ebenfalls. Er drückte sich von der Wand ab, schlug gleichzeitig die Faust mit dem Messer zur Seite, und rammte dem Messerhelden das Knie in den Leib. Die Hände der anderen, die ihn packen wollten, stießen ins Leere.

Mit einem weiten Satz verschaffte Stan sich Luft. Der Bursche, den er getroffen hatte, stand nach vorne gekrümmt da, presste beide Hände gegen den Bauch, und als sich seine Lungen wieder mit Luft füllten, hüstelte er. Blitzschnell ließ er das Messer wieder unter seinem Hemd verschwinden. Es bestand die Gefahr, dass die Wachen aufmerksam geworden waren, und sie konnten jeden Augenblick in das Verlies gestürmt kommen.

Der Bursche hechelte: „Jetzt kriegst du es, Scout. Wir machen dich so klein.“ Er zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen winzigen Abstand. „Du frisst uns aus der Hand, wenn wir mit dir fertig sind.“

Sie schoben sich auf ihn zu, kampfbereit hob Stan die Fäuste. Ein Entkommen gab es nicht. Stan wollte sich so teuer wie möglich verkaufen. Er warf sich dem mittleren der drei Banditen entgegen. Seine Faust knallte in das kantige Gesicht, und sofort ließ Stan sein Bein fliegen. Er traf den zweiten Burschen an seiner empfindlichsten Stelle. Aufbrüllend beugte er sich nach vorn, genau in Stans Aufwärtshaken hinein.

Stan hatte das Empfinden, als zersplittere unter dem Treffer seine Faust. Stechender Schmerz zuckte bis in seine Schulter. Doch um sich in dieser Welle des Schmerzes treiben zu lassen, hatte er keine Zeit. Ansatzlos schlug er eine gerade Linke. Aber der dritte Bursche tauchte blitzschnell weg,  Stan wurde von der Wucht des Schlages nach vorne gerissen, und der Bandit rammte ihm den Schädel in den Magen.

Die anderen beiden griffen wieder ein. Sie hatten ihre Not überwunden. Sie warfen sich auf ihn, und er ging zu Boden. Der rechte Arm wurde ihm brutal auf den Rücken gedreht, dass er dachte, ihm würde das Gelenk ausgekugelt. Und dann prasselten die Schläge nur so auf ihn hernieder.

Als die Tür aufflog, ließen die Schläger von ihm ab. Wachsoldaten mit angeschlagenen Gewehren besetzten blitzschnell die Zelle.

„Euch sticht wohl der Hafer?“, schnarrte ein Sergeant und schaute wütend von einem zum anderen.

„Er wollte den Ton angeben“, grinste einer der Banditen frech. „Und diese Allüren haben wir ihm ausgetrieben.“

„Sergeant!“ Stan rappelte sich hoch und kam auf die Knie. Seine Nase blutete, seine Lippen waren aufgeschlagen. An seinem Kinn zeigte sich ein dunkler Bluterguss. „Sergeant, diese drei ...“

Plötzlich besann er sich. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, verschmierte das Blut, und kämpfte sich endgültig auf die Beine.

„Was ist mit den dreien?“ Der Sergeant hatte den Kopf schiefgelegt und starrte Stan mit einer Mischung aus Widerwillen und schadenfroher Ironie an. „Willst du mir jetzt petzen, Scout, dass es drei böse Buben sind, weil sie dir ein wenig den Hintern aufgerissen haben?“

„Vergessen Sie’s, Sergeant“, murmelte Stan, ging zu einem der Betten und warf sich darauf.

„Noch ein solcher Zwischenfall, und es gibt eine Woche lang für euch nur Wasser und Brot!“, drohte der Sergeant, dann gab er den Soldaten ein Zeichen, und der ganze Haufen verließ die Zelle.

„Du hast also Vernunft angenommen, Walker?“, höhnte einer der Kerle.

„Yeah“, murmelte Stan. „Ich beginne langsam daran zu zweifeln, ob die Wahrheit überhaupt jemand in diesem Fort interessiert. Und ich frage mich, warum das so ist.“

„Weil wahrscheinlich viele der verantwortlichen Komissköpfe und auch ein großer Teil der Bevölkerung nur zufrieden gestellt werden können, wenn so schnell wie möglich ein Schuldiger für den hold up am Apache Pass aufgehängt wird“, feixte der Sprecher von eben.

Die Namen der drei waren Cole Oates, Emmett Randall und Jack Hunter, genannt Dynamit-Jack. Oates war jener Bursche, den Stan am Apache Pass gesehen hatte.

Oates warf sich auf eine der Bunks, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und erklärte: „Unser Haufen hat sich aufgelöst. Wir wurden gut entlohnt und jeder ritt seines Weges. Unser Pech war, dass uns eine Patrouille überraschte, als wir auf einer verlassenen Ranch das Oberste zuunterst kehrten.“

Er lachte zynisch auf.

Auch die beiden anderen Kerle machten es sich bequem. Stan spürte Hass auf sie in sich. Sie gehörten zu jenen, die ihn in diese missliche, ausweglose Situation manövriert hatten. Seine Hände öffneten und schlossen sich, und er hatte Mühe, seine Empfindungen unter Kontrolle zu halten.

„Ihr seid verdammte Mörder!“, stieß er wild und leidenschaftlich hervor. Mit ihren Schlägen hatten sie ihn nicht zerbrechen können. Er war zwar bereit, sich in seiner Notlage mit ihnen zu arrangieren, aber er wollte auch kein Hehl daraus machen, dass er sie widerwärtig fand und verachtete. „Drei Dutzend Soldaten starben durch eure Hand. Wer hat euch Schuften den Waffentransport verraten? Wer hat euch bezahlt?“

Dynamit-Jack lachte schallend auf. „Selbst wenn wir es wüssten, Scout, würden wir es dir nicht auf die Nase binden. Sicher, der Transport wurde verraten, der Verräter aber blieb im Hintergrund. Organisiert wurde der Überfall von Jim McLeod. Er war es auch, der uns und eine Reihe anderer Burschen unseres Schlages anheuerte und der uns den Lohn ausbezahlte. Von wem er selbst bezahlt wird, wissen wir nicht. Es war ein einfacher Job ohne großes Risiko und deshalb haben wir zugegriffen.“

Stand empfand nichts als Abscheu. Aber er zwang sich zu nüchterner Betrachtungsweise, bezähmte seine überschäumenden Empfindungen, denn es war wirklich so etwas wie ein rettender Strohhalm für einen Ertrinkenden, den ihm die drei Banditen zugeworfen hatten.

Seine Stimme klang dumpf und kehlig, als er dehnte: „Wie wollt ihr hier ausbrechen? Im Fort herrscht Alarmzustand. Draußen wimmelt es von Menschen, die hier Zuflucht vor den Apachen gesucht haben. Die Wachen wurden verdoppelt.“

„Wir schaffen es“, knurrte Emmett Randall. „Warte es nur ab, Scout.“

*

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AM ABEND VOR DEM PROZESS erschien noch einmal Lieutenant McDoughall. Flackernder Feuerschein fiel durch das kleine, vergitterte Fenster in die Zelle. Er stammte von den Feuern, die auf dem Paradeplatz zwischen den Fuhrwerken der Siedler, Farmer und Rancher angezündet worden waren. Licht und Schatten flossen über die rauen, kahlen Wände.

Diese Licht- und Schattenspiele wurden vom Licht der Laterne, die einer der den Lieutenant begleitenden Wachsoldaten trug, aufgesogen.

McDoughall beachtete die drei Banditen kaum. Er schaute Stan an, deutete auf einen der Hocker am grobgezimmerten Tisch, und sagte: „Setzen Sie sich, Walker. Ich will mit Ihnen noch einmal die Strategie durchgehen, die wir morgen vor dem Gericht praktizieren werden. Ich habe auch die Klageschrift dabei, die der Colonel verfasst hat. Nun, sie klingt hieb- und stichfest, und wir müssen uns einiges einfallen lassen, um ...“

Seine weiteren Worte erstickten im Hals, denn Cole Oates war von hinten an ihn herangetreten, der linke Arm des Banditen schlang sich brutal um den Hals des Lieutenants, und in Oates’ rechter Faust lag der funkelnde Dolch, der unter seinem Hemd im Hosenbund gesteckt hatte, und den er nun McDoughall in die Seite drückte.

Oates zischte: „Ich ramm dir die Klinge bis zum Anschlag zwischen die Rippen, wenn du nicht gehorchst.“

Der Wachsoldat, der in einer Hand die Laterne, in der anderen den Colt hielt, war zwei Herzschläge lang wie gelähmt, und als er begriff und reagieren wollte, war Dynamit-Jack bei ihm, und der Bandit entwand ihm blitzschnell das Eisen.

Der zweite Wachsoldat, der vor der Zelle zurückgeblieben war, brüllte: „Alarm! Die Gefangenen ...“ Er verschluckte den Rest und hetzte zur Treppe, doch Dynamit-Jack hatte bereits den Mann mit der Laterne niedergeschlagen und sprang jetzt in den Flur. Er feuerte ohne zu zögern und traf den Soldaten in den Rücken. Der Posten brach zusammen.

Unerbittlich bohrte sich die Dolchspitze in die Seite des Lieutenants. Oben flog die Tür auf. „Was ist los da unten? Warum wurde geschossen?“

Licht flutete die Treppe herunter, Schritte hämmerten, Sporen klirrten.

Emmett Randall rannte zu dem hinterrücks erschossenen Soldaten und raffte dessen Karabiner und auch den Colt an sich. In Cole Oates’ linker Faust lag jetzt der Colt des Lieutenants. Um den Knick des Flurs, hinter dem sich die Treppe emporschwang, kamen zwei Uniformierte. Randall schoss mit dem Gewehr, die Treffer schüttelten die beiden, ließen sie gegeneinander taumeln, dann fielen sie.

„Gehen wir!“, fauchte Oates. Er packte den Lieutenant am Kragen der Uniformjacke, dirigierte ihn herum und bugsierte ihn aus der Zelle.

Im bleichen Gesicht McDoughalls zuckten die Nerven. Seine Augen flackerten. Sein Leben hing an einem seidenen Faden. Angst würgte ihn.

Stan war schockiert. Die Kaltblütigkeit, mit der die Banditen vorgingen, war durch nichts zu übertreffen. Er warf den Bann ab, der ihn im Griff hielt. Auf ihn fiel bereits der Schatten des Galgens, und weil das so war, gab es für ihn nicht viel zu überlegen.

„Wir haben den Lieutenant als Geisel!“, brüllte Oates. „Und wir erschießen ihn, wenn ihr uns Schwierigkeiten macht. Ihr verdammten Blaubäuche opfert doch gewiss keinen euerer Offiziere!“

Er bildete mit McDoughall die Spitze. Das Messer hatte er wieder in seiner Kleidung verstaut. Die Mündung des Colts drückte hart auf die Wirbelsäule des Lieutenants. Emmett Randall und Dynamit-Jack folgten mit angeschlagenen Waffen. Den Schluss bildete Stan. Er hielt einen Karabiner in den Fäusten, in seinem Hosenbund steckte ein Armeecolt. Es waren die Waffen der Soldaten, die Randall erschoss, als sie in den Kellergang stürmten.

Wie ein lebendes Schutzschild schob Oates den Lieutenant vor sich her in die Wachstube. Der Wachhabende und einige wachfreie Soldaten, die sich hinter Möbeln verschanzt hatten und auf die Tür zielten, hatten unvermittelt McDoughall vor den Mündungen. Auf dessem schreckensstarren, kalkigen Gesicht perlte kalter Schweiß. Er hielt die Hände in Schulterhöhe und staute angesichts der drohend auf ihn gerichteten Karabiner den Atem. Mit der Intensität eines Mannes, nach dem der Tod bereits die knöcherne Klaue ausstreckt, spürte er den unerbittlichen Druck der Coltmündung zwischen seinen Schulterblättern.

„Schießt nur!“, höhnte Oates. „Euer Kamerad wird euch mit seinem letzten Atemzug verfluchen.“

Sie hatten angehalten. Von draußen sickerte Geschrei in das Wachgebäude. Die Schüsse hatten das ganze Fort alarmiert. Soldaten gingen in Stellung und verscheuchten die neugierigen Zivilisten, die sich am Rande des Paradeplatzes drängten und die wildesten Vermutungen anstellten.

Oates’ Stimme hob sich, wurde scharf und schneidend: „Weg mit den Waffen! Stellt euch dort an die Wand. Wird’s bald?“

Die Soldaten zögerten, waren unschlüssig, denn sie wussten, dass die Banditen gewonnen hatten, wenn sie die Waffen streckten. Ein halbes Dutzend Geiseln würden ihren Forderungen Nachdruck verleihen und Colonel Holladay hatte keine andere Wahl, als sich dem Druck zu beugen.

Sie durften aber auch nicht das Leben des Lieutenants gefährden.

Mit einem zitternden Atemzug stieß der Wachhabende hervor: „Okay, wir strecken die Waffen. Aber denkt nur nicht, dass ihr weit kommt, ihr Schufte.“

Ein ironisches Lachen aus Dynamit-Jacks Mund antwortete ihm. Ihre Gestalten wuchsen in die Höhe, sie legten Gewehre und Revolver weg und stellten sich nebeneinander, mit den Rücken zu den Banditen, an die bezeichnete Wand.

Stan betrat als letzter das Wachlokal. Dynamit-Jack und Randall hatten sich schon an den beiden Fenstern postiert. Draußen war es finster. Die Feuer auf dem Exerzierplatz waren ausgelöscht worden. Stan hielt die Wachsoldaten in Schach. Er empfand in diesen Minuten Ekel vor sich selbst. Aber hatte er eine andere Wahl, als mitzumachen?

Es klirrte, als Dynamit-Jack mit dem Gewehrlauf die Fensterscheibe zertrümmerte. Scherben regneten auf den Boden, dann erklang Jacks brechende Stimme: „Der Laden hier ist in unserer Hand. Wir fordern vier erstklassige Gäule, gesattelt, gezäumt, mit Deckenrollen sowie ausreichend Proviant und gefüllten Wasserflaschen. Sollten die Gäule in einer Viertelstunde nicht hier sein, erschießen wir die erste Geisel. Fünf Minuten später die zweite ...“

Sekundenlange Stille folgte der Forderung und Drohung des Banditen. Der Tonfall seiner Stimme ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er sein Versprechen wahr machen und die Geiseln erschießen würde.

Das rasselnde Organ des Fortkommandanten sprengte die Stille. Er rief: „Was ist, wenn die letzte Geisel tot ist?“

„Dann gehen wir vor die Hunde!“, antwortete Dynamit-Jack unbeeindruckt. „Aber eine Reihe von euch Blaubäuchen nehmen wir sicherlich mit auf die lange Reise.“

Aus sicherer Deckung brüllte jemand auf dem Paradeplatz: „Lasst sie gehen! Im Land wimmelt es von aufständischen Apachen. Die ziehen ihnen die Haut streifenweise ab.“

„Ist Walker bei euch?“, rief Holladay. „Werdet ihr ihn mitnehmen?“

„Gewiss!“, tönte Dynamit-Jack. „Er und wir sitzen sozusagen in einem Boot.“

Stan presste die Zähne aufeinander, dass die Backenknochen hart hervortraten. Er gehörte nicht zu den Banditen, an seinen Händen klebte kein Blut. Er schrie: „Ja, Colonel, ich verschwinde mit ihnen, denn ich lasse mich nicht wie ein Hammel zur Schlachtbank führen. Ich habe den Transport nicht verraten. Und ich will nicht eher ruhen, bis ich Ihnen die wahren Schuldigen präsentieren kann.“

„Wir werden Sie hetzen, bis Ihnen die Zunge zum Halse heraushängt, Walker!“, versprach der Colonel.

Emmett Randall ließ seine Stimme erklingen: „Es sind schätzungsweise fünf Minuten vorbei. In zehn Minuten beißt einer der Jungs hier ins Gras, wenn die Gäule nicht vor der Tür stehen. Und keine faulen Tricks. Wir können ein gutes Tier von einer Krücke unterscheiden.“

„Ihr kriegt die Pferde!“, kam es vom Colonel. „Und ich lasse meine Leute abziehen und das Tor öffnen. Aber wir werden hinter euch her sein wie Bluthunde. Und wir erwischen euch, verlasst euch drauf.“

„Mit uns reitet ein Scout“, versetzte Randall hämisch. „Er versteht es gewiss meisterhaft, unsere Spur zu verwischen.

„Freut euch nur nicht zu früh.“

Nach dieser Warnung des Colonels herrschte Schweigen. Schon bald aber erklang Hufgestampfe. Ein unbewaffneter Kavallerist führte vier Pferde herbei, ließ sie vor der Wachbaracke stehen und verschwand hastig wieder. Aus den Schlagschatten lösten sich schemenhafte Gestalten und sammelten sich auf dem Exerzierplatz. Das riesige Doppeltor schwang auf.

„Hinaus mit euch!“, fuhr Oates die Wachsoldaten an. Er stieß den Lieutenant vorwärts. „Ihr werdet uns ein Stück begleiten“, erklärte der Bandit. „Und sollte der feine Colonel versuchen, uns hereinzulegen, fliegt ihr zuerst auf die Nasen.“

Als sie auf den Pferden saßen, rief Stan: „Noch einmal, Colonel: ich hatte mit der Schweinerei am Apache Pass nichts zu tun. Sie wollten den falschen Mann am Strick zappeln sehen. Aber ich bringe der Armee den Verräter.“

„Man wird Sie im ganzen Land hetzen wie einen tollwütigen Hund, Walker. Die Armee, Sheriffs, Marshals und Kopfgeldjäger werden auf Ihren Fersen kleben. Tod oder lebendig wird auf Ihrem Steckbrief stehen. Sie sind erledigt, Walker, Sie sind so gut wie tot.“

„Schluss mit dem dämlichen Palaver!“, knirschte Cole Oates. „Vorwärts!“

Dieser Befehl galt den Geiseln, die in einer Gruppe zusammenstanden und auf die vier Waffen gerichtet waren. Sie setzten sich auf das Tor zu in Bewegung. Die drei Banditen und Stan trieben die Pferde an.

Sie verließen ungeschoren Fort Bowie. Nichts und niemand stellte sich ihnen in den Weg. Als sie außer Sichtweite des Forts waren, spornten sie ihre Pferde an. Sie flohen in die Nacht hinein.

*

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ZWEI TAGE LANG ZOGEN sie eine Zickzack-Fährte durch das bizarre Land, zwei Tage, in denen Stan seine Erfahrung als Armeescout hundertprozentig ausspielte. Schließlich konnten sie sicher sein, etwaige Verfolger abgeschüttelt zu haben.

Sie lagerten im Felsgewirr der Galiuro Mountains. Die Bergspitzen glänzten noch im Sonnenlicht, doch in den tief eingeschnittenen Schluchten und Klüften nistete schon die Düsternis und sie wirkten bedrohlich wie die aufgerissenen Rachen versteinerter Urzeitriesen.

„Okay, Leute“, hub Stan an, nachdem sie die Pferde notdürftig versorgt und es sich einigermaßen bequem gemacht hatten. „Ihr habt mich vor dem Henker gerettet, mir jedoch ist es zu verdanken, dass wir unsere Verfolger abgeschüttelt haben. Ich denke, wir sind quitt. Morgen früh reite ich alleine weiter. Sagt mir nur noch, wo ich Jim McLeod finde.“

Cole Oates hatte sich zurückgelegt. Jetzt richtete er seinen Oberkörper auf und stützte ihn mit den Armen nach hinten ab. Wildes, staub- und schweißverklebtes Bartgestrüpp wucherte in seinem Gesicht. Seine Lider waren entzündet, die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Staubheiser antwortete er: „Den Zeitpunkt, an dem wir uns trennen, bestimmst nicht du, Amigo. Du weißt nämlich viel zu viel über uns, und wir lassen uns von dir nicht in Pfanne hauen. Es reicht schon, dass die Armee wegen der Sache in Fort Bowie nach uns fahndet. Wenn aber publik wird, dass wir am Apache Pass auch dabei waren, dann veranstalten sie im ganzen Land ein Kesseltreiben auf uns, dass uns Hören und Sehen vergeht.“

Randall und Dynamit-Jack belauerten Stan wie sprungbereite Raubtiere. Die Pferde standen sattellos bei dem Wasserloch, das von einer Quelle gespeist wurde, die am Fuße einer Felswand an die Oberfläche trat. Die Armeesättel lagen am Boden, in den Scabbards steckten die Karabiner. Am Mann trugen sie nur die Colts, die sie erbeutet hatten. Da sie über keine Gürtel und Holster verfügten, steckte bei jedem von ihnen das Schießeisen im Hosenbund.

„Außerdem brauchen wir dich noch, Hombre“, ergänzte Dynamit-Jack. „Wir können in dieser Einöde, in der es zwischenzeitlich von Rothäuten nur so wimmelt, nicht auf deine Erfahrung verzichten. Du denkst und handelst wie ein Apache, und das macht dich verdammt wertvoll für uns.“

Stan verzog den Mund. „Du hast mir die Frage nach Jim McLeod nicht beantwortet, Cole.“ Er war wachsam und angespannt. Sein Entschluss, ohne die drei Schufte weiterzureiten, stand fest und war unumstößlich. Er fürchtete die drei Banditen nicht, war aber auch nicht verwegen genug, sie zu unterschätzen. Sie waren unberechenbar und gefährlich. Und es sah ganz so aus, als musste er seinen Willen gewaltsam durchsetzen.

Oates starrte ihn an, forschend, durchdringend und prüfend, als wollte er Stans geheimste Gedanken ergründen und analysieren. Zwischen den Zähnen presste er hervor: „Ich kann es dir nicht sagen, wo du McLeod findest. Vielleicht ist er nach Tucson gegangen, oder nach Phönix, möglicherweise hat er sich auch nach Mexiko verdrückt.“

„Dann beantworte mir eine andere Frage, Cole“, sagte Stan nach einiger Zeit des lastenden Schweigens. „Wie kam Victorio an die Gewehre heran, die ihr auf dem Apache Pass erbeutet habt? Brachtet ihr sie den Apachen, womit bezahlten sie dafür?“

Oates lächelte schmal. „Du bist verdammt neugierig, Walker“, knurrte er dann. „Du willst doch nicht tatsächlich der Sache auf den Grund gehen?“

„Und ob“, versetzte Stan brechend. „Und wenn es das letzte ist, was ich tue im Leben. Der Ratte, die das Massaker angezettelt und mich um ein Haar an den Strick gebracht hat, reiße ich die Maske vom Gesicht.“

„Du kannst dir leicht die Finger daran verbrennen.“

„Dieses Risiko gehe ich ein. Nun heraus mit der Sprache: wie kamen Victorio und seine Krieger an die Gewehre?“

„So genau kann ich dir das auch nicht sagen. Wir schafften die Fuhrwerke auf eine Hochebene in den südwestlichen Ausläufern der Dragoon Mountains, in die Nähe der San-Pedro-Hügel. Dort versteckten wir sie in einer Felsengruppe, wir wurden ausbezahlt und verschwanden. Sicherlich wickelte McLeod das Geschäft mit den Apachen ab.“ Oates kicherte. „Wir drei und noch fast ein Dutzend andere Kerle waren in diesem Spiel nur Statisten, Walker. Wir können dir nichts sagen.“

„Habt ihr nie daran gedacht, den Handel mit den Apachen auf eigene Faust durchzuführen?“

„O nein. McLeod ist ein Tiger. Und seine drei Freunde sind von seinem Kaliber. Jeder Versuch, ihnen die Beute abzujagen, wäre einem Selbstmord gleichgekommen. Darum zogen wir es vor, die 100 Dollar Lohn pro Nase zu kassieren und uns in alle Winde zu zerstreuen.“

„Wie heißen McLeods Freunde?“

„John Dalton, Jesse Beeman und Rodney Fairchild. Drei Kerle wie Dynamit; hochexplosiv und absolut tödlich.“

„Ich werde McLeod schnappen und aus ihm herauspressen, wer den Überfall am Apache Pass inszenierte. Verlasst euch drauf.“

Stan sprach es, und es klang wie ein Schwur.

Glutrot versank die Sonne hinter den Bergen im Westen. Noch immer ruhte ihr sengender Hauch auf dem einsamen Land. Rötliches Licht floss über die Geröllhänge und die Hügel mit dem halbverdorrten Gras und den spärlichen, genügsamen  Strauchgruppen. Die Schatten brachten noch immer keine Kühlung. Grauer Dunst stieg aus den Tälern und Senken. Die Konturen begannen zu verwischen.

Stan hatte sich so gedreht, dass er nicht nur Oates im Blickfeld hatte, sondern auch Randall und Dynamit-Jack beobachten konnte. Randall hockte auf einem Felsklotz und hatte die Beine weit von sich gestreckt. Seine Hände lagen auf seinen Oberschenkeln. Dynamit-Jack stand leicht nach vorne gekrümmt, breitbeinig und herausfordernd da und fixierte Stan eisig. Aus seinem Hosenbund ragte griffbereit der Coltknauf. Jacks Rechte hing mit dem Daumen in der Knopfleiste seines Hemdes. Wenn er die Hand fallen ließ, landete sie genau auf dem Revolvergriff.

Dieser Dynamit-Jack war der gefährlichste und brutalste Bursche dieses verwegenen Dreiergespanns. Das fühlte Stan instinktiv. Und wenn es rau wurde, musste er versuchen, zuerst diesen Hombre auszuschalten.

„Na, hast du dir's überlegt?“, fragte Dynamit-Jack mit lauerndem Unterton.

Unbeeindruckt nickte Stan. „Ja. Ihr könnt beruhigt sein. Ich begleite euch aus der Apacheria. Aber dann ...“

Er verstummte viel versprechend und wandte sich ab, um zu der Quelle zu gehen.

„Sehr vernünftig“, lobte Cole Oates und ließ sich wieder auf den Rücken fallen.

Dynamit-Jacks Gestalt entspannte sich.

Emmett Randall höhnte: „Wir werden dich schon nach unseren Vorstellungen und Wünschen zurechtbiegen, Scout. Und am Ende findest du vielleicht sogar Geschmack an unserem Lebensstil.“

Stan lachte fast belustigt auf. „Das kann ich mir kaum vorstellen, Amigo“, äußerte er. „Sobald ich meine Unschuld bewiesen habe, werde ich mich zur Ruhe setzen, eine Frau heiraten und für Nachkommen sorgen.“

Der Atmosphäre war das Bedrohliche, Unheilvolle genommen. So hatte es zumindest den Anschein. Denn Stan dachte nicht daran, klein beizugeben. Er hatte sich vielmehr dazu entschlossen, sich nicht erst am Morgen die drei Banditen vom Hals zu schaffen, sondern gleich.

Stan zog den Colt. Er wandte ihnen den Rücken zu. Kompromisslose Härte legte sich in seine Züge. Blitzschnell machte er kehrt. Die Spannfeder des Hahns knackte, als sie einrastete. Stan ließ die Hand mit dem Eisen von einem zum anderen pendeln.

Sie waren wie vom Donner gerührt, standen, saßen oder lagen da wie versteinert. Der Strom von Unerbittlichkeit und Unbeugsamkeit, der von Stan ausging, prallte ihnen entgegen und lähmte sie. Klirrend stieß Stan hervor: „Ihr seid ein paar Nummern zu klein, Freunde, um mir euren Willen aufzuzwingen. Jetzt zieht vorsichtig eure Kanonen heraus und lasst sie fallen.“

„Du elender, dreckiger Bastard!“, giftete Dynamit-Jack, als die Erstarrung von ihm abfiel.

Randall aber griff zum Colt. Es war mehr ein Reflex, der ihn dazu veranlasste, der nicht vom Verstand gesteuert wurde und vom Verstand auch nicht mehr eingeholt wurde. Das Eisen schwang hoch, das Metall funkelte matt im letzten Licht des Tages, wie ein verlängerter Zeigefinger stieß der Lauf auf Stan zu.

Stan drückte ab. Das Geschoss warf Randall rücklings von dem Steinbrocken, auf dem er saß. Die Detonation schwappte auseinander, brüllend antworteten die Echos, und Stan sah aus den Augenwinkeln die Hand Cole Oates’ zum Eisen stoßen.

Und auch Dynamit-Jack riss den Colt heraus.

Es gab keine Zeit, zu überlegen. Es ging ums nackte Leben. Der Krach der Schüsse verschmolz ineinander, erhob sich über die Felsen und war sicherlich meilenweit zu hören. Stans Kugel nagelte Oates’ regelrecht gegen den Boden. Glühend fuhr ein Projektil über Stans Oberarm, ein anderes strich ihm heiß über die Rippen und schlug den Staub aus seinem Hemd. Dynamit-Jack knickte in den Knien ein, ein Gurgeln brach sich Bahn aus seiner Kehle, unvermittelt kippte er nach vorn und stürzte auf das Gesicht. Seinen Colt begrub er unter sich.

Die Pulverdampfwolke, die Stan einhüllte, verflüchtigte sich. Die Pferde standen am Wasserloch, äugten zu ihm hin und waren sichtlich nervös von den peitschenden Schüssen. Aber es waren Kavalleriepferde, entsprechend geschult und in so manchem Kampf erprobt, und so brachen sie nicht gleich in Panik aus.

Stan war nach seinem Schuss auf Randall zur Seite geschnellt. Dennoch hätten ihn Dynamit-Jacks Kugeln beinahe erwischt. Oates war erst gar nicht zum Schuss gekommen. Wie von Schnüren gezogen setzte Stan sich in Bewegung. Noch nachträglich rann ihm ein kalter Schauer den Rücken hinunter, als er daran dachte, wie nahe er soeben dem Tod gewesen war. Das Brennen der Streifschusswunden machte es ihm mit Nachdruck klar. Warm spürte er sein Blut auf der Haut.

Dynamit-Jack und Emmett Randall waren tot. Cole Oates starb mit einer bösen Verwünschung auf den blutleeren Lippen, als Stan sich über ihn beugte.

Und jetzt erst fiel von Stan die Anspannung ab wie eine zweite Haut. Es waren Mörder. Jeder von ihnen hatte den Tod verdient. Dennoch war Stan voll gemischter Gefühle. Er fühlte sich weder zum Richter noch zum Henker berufen.

Er lauschte und witterte. Hier konnte er nicht bleiben. Die Knallerei konnte unliebsamen Besuch anlocken. Hier in der Felswildnis konnte der Tod in Gestalt hasserfüllter Apachen überall lauern, war die Gefahr allgegenwärtig.

Stan fand zu kühler Überlegung zurück. Er holte sich die Munition aus den Waffen der toten Banditen, lud seinen Colt nach und verstaute die überschüssigen Patronen in der Satteltasche. Das Pferd mit dem Armee-Brand und den Sattel musste er so bald wie möglich loswerden. Auch die Wasserflaschen mit den Initialen der U.S.-Armee. Er füllte sämtliche Wasserflaschen an der Quelle, dann legte er dem Tier den Sattel auf, zog die Gurte straff, zäumte es und saß auf. Die drei Outlaws zu begraben hatte er keine Zeit.

Er verließ den Platz und ritt in das Labyrinth von Felsen und Schluchten hinein. Und ihn beschäftigten trübe Gedanken.

Er musste seine Unschuld beweisen. Das gelang ihm aber nur über Jim McLeod. Ihn musste er schnappen und vor Zeugen zum Sprechen bringen. Doch wo fand er McLeod? Wo sollte er mit der Suche nach dem Banditen beginnen? Er musste höllisch vorsichtig sein. Schon sehr bald würde in den Städten und Ansiedlungen sein Steckbrief aushängen.

Er war ein Geächteter, ein Verfemter, und jeder durfte ohne jede Warnung auf ihn schießen. Sicher, er konnte sich einen Vollbart wachsen lassen und so sein Äußeres verändern, aber die Gefahr, dennoch erkannt zu werden, war groß.

Gott und die Welt schien sich gegen ihn verschworen zu haben.

Zweifel quälten ihn.

Als die Nacht sich lichtete, als im Osten das Morgengrau heraufzog, rastete Stan. Er versorgte seine Streifschusswunden. Dann verzehrte er etwas von dem Proviant, den sie im Fort erpresst hatten, dazu trank er Wasser. Die Erschöpfung überwältigte ihn. Der Körper forderte nach all den Strapazen der zurückliegenden Tage seit ihrer Flucht aus Fort Bowie sein Recht.

Stan versank in einen ohnmachtähnlichen Schlaf.

*

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STAN RITT NACH SÜDEN. Zwei Tage lang. Er zog durch die westlichen Ausläufer der Dragoon Mountains und folgte schließlich den Windungen zwischen den San-Pedro-Hügeln. Es war Apachenland, und Stan hatte das Gefühl, von tausend Augen beobachtet zu werden. Diese Empfindung bereitete ihm fast körperliches Unbehagen. So unerbittlich wie das Land waren auch jene, die es als ihren angestammten Platz verteidigten.

Es war um die Mitte des Vormittags, als der Klang ferner Schüsse heranwehte. Er hielt an, drehte das Ohr in die Richtung, aus der der brandende Kampflärm heranrollte, der sich anhörte wie weit entferntes Donnergrollen. Angespannt und konzentriert lauschte Stan.

Ja, irgendwo im Süden wurde gekämpft.

Ein Irrtum war ausgeschlossen.

Zwischen Stans Schulterblättern war plötzlich ein heftiges Kribbeln. Dem eisigen Wind seiner wirbelnden Gedanken ausgesetzt zog er den Karabiner aus dem Sattelschuh, lud ihn durch und trieb den Braunen an. Er jagte dem Kampflärm entgegen, und als er das Pferd auf der Kuppe eines Hügels zurückriss, sah er es: Auf dem ausgedehnten, baumlosen Plateau, das von Hügeln und Sandsteinfelsen begrenzt wurde, standen zwei Fuhrwerke im aufgewirbelten, wallenden Staub. Schüsse hämmerten. Gellendes, markerschütterndes Geheul gellte über die Ebene, vermischte sich mit schrillem Gewieher und Hufgetrappel.

Der scharfe Geruch von verbranntem Pulver, den der laue Wind herantrieb, stieg Stan in die Nase. Unter den Wagen zuckten pausenlos die Mündungsfeuer nach allen Seiten hervor. Eine Horde Indianer preschte im halsbrecherischen Galopp um die Fuhrwerke, deren zerfetzte Planen hell durch den brodelnden Staub auszumachen waren. Pfeile sirrten durch die Luft und bohrten sich in das Holz der Fuhrwerke, blieben zitternd stecken.

Im Gras lagen tote Pferde, dazwischen reglose Gestalten mit nackten, bronzefarbenen Oberkörpern und strähnigen Haaren.

Der unerbittliche Tod zog durch die Ebene. Seinen Auftritt begleitete der Satan mit einem höllischen Intermezzo.

Stan registrierte jede Einzelheit und der selbstmörderische Hass, der die Apachen beseelte, die tödliche Leidenschaft, mit der sie stürmten, kämpften und starben, ließen ihn erschaudern.

Es war eine Schar von ungefähr dreißig Kriegern, die auf niedrig gebauten, ausdauernden und struppigen Mustangs im Kreis um die Wagen fegten. Langes, strähniges Haar flatterte blauschwarz im Wind. Gewehrläufe blinkten, Pfeile zogen ihre flirrende Bahn, Lanzen schwirrten durch die Luft.

Hinter den schweren, eisenbereiften Rädern hervor verteidigten sich die Belagerten mit zäher Verbissenheit. Mustangs brachen zusammen, überschlugen sich, und bildeten mit ihren Reitern ein wildes Durcheinander. Die Verteidiger jagten ihre Geschosse einfach in die heranwogende Masse der Pferde und Reiter hinein.

Hinter einem der Gefährte taumelte eine hagere Gestalt hervor. In ihrer Brust steckte ein Pfeil. Der Mann hielt einen Karabiner im Hüftanschlag. Er schoss einen heranpreschenden Angreifer vom Pferd, dann kippte er selbst vornüber.

Stan sprang vom Pferd, jagte das Tier mit einem leichten Schlag auf die Kruppe ein Stück des Weges zurück, den er gekommen war, ging nieder, schob den Lauf über den Rand des Hügels und zog den Kolben an die Schulter. Über Kimme und Korn hinweg starrte er hinunter in die Senke auf das um die Schoner tobende, von Mordgier besessene Rudel. Sein Finger krümmte sich, Feuer, Rauch und Blei stießen aus der Mündung.

Stan sah eines der Pferde vorn einbrechen, sein Reiter machte den Rücken hohl und warf die Arme hoch. Die folgenden Pferde prallten gegen das niedergehende Tier, und im Nu bildete sich ein Pulk ineinander verkeilter Pferde und Apachen. Und in dieses Knäuel hinein feuerte Stan mit der Präzision einer Maschine. Mustangs stiegen, kreiselten, schlugen mit den Hufen, brachen aus und rasten mit wehenden Mähnen und gestreckten Schweifen in alle Himmelsrichtungen davon. Ihr angstvolles, panisches Wiehern gellte wie das Schmettern von Fanfaren an den Talhängen empor.

Wutgeschrei drang den Hang herauf, ging Stan durch Mark und Bein und strich über ihn hinweg. Seine Schüsse fielen schnell und sicher. Nun griffen von zwei Seiten die bleiernen Finger des Todes nach den Rothäuten. Ein wahrer Bleihagel prasselte in die Horde hinein und der mörderische Angriff geriet ins Stocken. Chaos und Panik griffen um sich.

P1ötzlich aber schwärmten sie auseinander. Irgendeiner von ihnen hatte wohl seinen klaren Kopf behalten und einen entsprechenden Befehl hinausgeschrien. Wie ein Orkan kam eine der Gruppen in einer auseinander gezogenen Linie die Hügelflanke herauf. Dort, wo die Schüsse des überraschend aufgetauchten, unsichtbaren Gegners ihren Angriff gestoppt und ihre selbstmörderische Entschlossenheit erschüttert hatten, lagen tote Pferde und Krieger. Gnadenlos holte sie das heiße Blei von den Fuhrwerken ein, raste ihnen von der Kuppe der flammende Tod entgegen.

Eine gutturale, sich überschlagende Stimme war zu hören. P1ötzlich rissen sie ihre Pferde herum und flohen in östliche Richtung auf die nahen Hügel zu.

Wütendes Gewehrfeuer folgte ihnen, und der eine oder andere wurde noch aus dem Sattel geholt. Dann waren sie außer Schussweite, und die Knallerei verebbte. Der Widerhall der Detonationen verrollte.

*

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DIE APACHEN VERSCHWANDEN in einem Hügeleinschnitt hinter wuchernden Sträuchern. Stan lud sein Gewehr nach.

Unter den Fuhrwerken kamen einige Männer hervor. Hart umklammerten ihre Fäuste die Gewehre und Revolver. Die Mündungen der Waffen zeigten auf den Boden.

Stan erhob sich, winkte ihnen zu, dann warf er sich herum und lief zu seinem Pferd, schwang sich in den Sattel. „Hüh!“ Mit einem harten Schenkeldruck trieb er das Tier an.

Er stob über den Kamm und den Abhang hinunter. Zwischen den Hügeln rührte sich nichts. Die Apachen waren verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Stan ahnte jedoch, dass hasserfüllte, glitzernde Augen jede Bewegung in der Ebene verfolgten und registrierten.

Die Männer vor den Schonern rissen die Waffen in die Höhe und winkten ihm zu, vereinzelte Rufe wurde laut.

Stan war noch gute hundertfünfzig Yards von den Prärieschonern entfernt, als aus den Hügeln die Apachen brachen. Ihr wütendes, zorniges und nervenzerrendes Kampfgeschrei gellte über die Grasebene. Schüsse peitschten, Kugeln jaulten heran.

Ohne das Tempo seines Pferdes zu drosseln, feuerte Stan zurück. Er führte die Zügel mit den Zähnen und lenkte den Braunen mit den Schenkeln.

Die Männer bei den Fuhrwerken sprangen schreiend in Deckung.

Heiß fuhr ein Projektil über Stans Schulter, ein anderes streifte sein Pferd an der Kruppe. Es machte einen erschreckten Satz und Stan hatte Mühe, das Gleichgewicht zu bewahren und nicht aus dem Sattel zu stürzen. Mit Windeseile näherte er sich den beiden Wagen. Das Wutgeheul der Apachen hallte in seinen Ohren wider und ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Die Schüsse der Indsmen lagen bedrohlich nahe. Trotz der hämmernden Hufe konnte Stan das Fauchen der Kugeln hören. Er lag jetzt fast auf seinem Pferd und feuerte nicht mehr.

Wiehernd setzte Stans Pferd über eine Deichsel hinweg, Stan zerrte an den Zügeln und brachte das Tier in den Stand.

Die Apachen schwenkten mit kehligem Wutgeschrei ab und donnerten zurück zu den Bergen.

Stan wischte sich über die Augen, dann ließ er sich aus dem Sattel rutschen. Ein halbes Dutzend Männer und eine Frau umringten ihn. Ihre Gesichter waren geschwärzt vom Pulverschmauch, in ihren Augen war das Grauen, das sie erfüllte, zu lesen.

„Bei allen Heiligen“, entrang es sich einem Mann um die fünfzig Jahre, „Sie hat der Himmel geschickt. Nie zuvor in meinem Leben habe ich mich über das Auftauchen eines Mannes mehr gefreut als in dieser Stunde. Sie haben uns das Leben gerettet.“

„Warten wir’s ab“, entgegnete Stan dumpf, und sogleich fügte er ohne jede Freundlichkeit hinzu: „Ihr müsst verrückt sein, Leute. Wisst ihr denn nicht, was sich im Lande abspielt, dass Victorio die Stämme der Apachen zum Krieg gegen die Weißen aufgerufen hat? Selbst ein großer Wagentreck dürfte seine Probleme haben, durchzukommen. Ihr aber ...“

Er verstummte hart und schüttelte den Kopf wie ein Mann, der soviel Dummheit und Leichtsinn nicht begreifen konnte.

Der Grauhaarige, der der Führer dieses Häufleins Menschen zu sein schien, sagte: „Wir sind ein Trupp aus Geologen und Prospektoren, Mister, und die San-Pedro-Hügel“ - er wies mit einer ausholenden Armbewegung in die Runde -, „sind unser Ziel. Wir haben den Auftrag, die Silbervorkommen zu prüfen und auszuwerten. Die Apachen wähnten wir in Mexiko. Man erklärte uns auch, dass wir sie hier, so nahe bei Fort Huachuca, nicht zu fürchten hätten.“

„Nun“, knurrte Stan verdrossen, „es sieht so aus, als hätten euch die Apachen eines besseren belehrt. Und denkt nur nicht, dass ihr schon aus dem Schneider seid.“

„Mein Name ist Hugh Russell“, stellte sich der andere vor. Er deutete auf die Frau. „Das ist meine Tochter Jane. Und diese Gentleman hier ...“ Er nannte eine Reihe von Namen, doch Stan hörte nur mit halbem Ohr hin.

Er war von der Frau fasziniert. Ihr Anblick schlug ihn in ihren Bann. Sie war jung, Anfang zwanzig vielleicht, und sie war hübsch. Dunkle, lockige Haare, die weich auf Schultern und Rücken fielen, rahmten ihr schmales, sonnengebräuntes Gesicht ein. Sie musterte ihn mit einer Mischung aus Neugierde und Interesse in den samtbraunen Augen, schien ihn einzuschätzen und einzustufen, machte sich unverhohlen ein Bild von ihm.

Auch die Männer fixierten ihn. Und es durchfuhr Stan wie ein Stromstoß, als er daran dachte, dass zwischenzeitlich schon überall im Territorium sein Steckbrief verteilt wurde. Seine Stimme klang kratzig und heiser, als er sagte: „Wenn die Apachen sich von ihrem Schock erholt haben, kommen sie zurück. Ihr Hass und ihre Besessenheit werden dann noch grenzenloser sein als beim ersten Angriff. Wir sollten uns wappnen.“

„Er hat recht“, bestätigte einer der Männer mit rauem Tonfall. „Die Rothäute stecken drüben in den Hügeln und warten nur darauf, uns doch noch den Garaus machen zu können. Sie sind wie die F1öhe im Fell eines Hundes. Wenn sie dir auf dem Pelz sitzen, bringst du sie erst wieder los, wenn du sie zerdrückst.“

Stan wandte sich ab, um sich um den Streifschuss zu kümmern, den sein Pferd davongetragen hatte. Er hörte Jane sprechen: „Fes Malone ist tot.“ Ihre Stimme klang brüchig. „Du hättest den Auftrag nicht annehmen dürfen, Dad. Nicht einmal, wenn dir dieser McLeod das Doppelte geboten hätte.“

Es traf Stan wie ein Guss eisigen Wassers. Er zuckte herum. „Sagten Sie McLeod, Miss?“, brach es über seine Lippen.

Sie sah ihn verunsichert an.

Hugh Russell schaute verkniffen drein.

Jane erwiderte: „Ja, Jim McLeod. Er kam nach Tucson in unser Büro und bot uns diesen Job an. Er spielte die Gefahren, die hier lauern, herunter, bot uns ein Traumhonorar, und so stimmte Dad zu. - Kennen Sie McLeod?“

„Yeah!“ Ein Schatten lief über Stans Gesicht, in seine Mundwinkel kerbte sich ein herber Ausdruck. „War er der Auftraggeber, oder handelte er im Namen eines anderen?“

„Wir schlossen den Vertrag mit ihm“, antwortete Hugh Russell anstelle seiner Tochter. „Der Name scheint keine erfreulichen Erinnerungen in Ihnen zu wecken, Mister ...“

„Walker.“ Versonnen, unkonzentriert gab Stan seinen Namen preis und erschrak sogleich, denn der Name Walker würde bald im ganzen Arizona-Territorium und darüber hinaus nur noch im Zusammenhang mit Verrat und Mord genannt werden. Er murmelte: „Dieses Land gehörte einst den Apachen, und jetzt ist es schätzungsweise Regierungsland.“

„Jeder kann es in Anspruch nehmen und auf seinen Namen registrieren lassen“, erwiderte Russell. „Und dies tat McLeod, ehe er meine Dienste in Anspruch nahm.“

Stan kam es vor wie eine Fügung des Schicksals, die ihn hierher geführt hatte.

*

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DAS LAND WIRKTE LEER, aber die scheinbar so friedliche Stille war trügerisch und gefährlich. Eine unheilvolle Spannung füllte die Atmosphäre. Der Hauch von Gefahr, Gewalt und Tod lag in der Luft.

In den Hügeln im Osten regte sich keine Spur von Leben. Es war, als wären die Apachen vom Erdboden aufgesogen worden.

Stan und die Männer, die in den San-Pedro-Hügeln nach Silber suchen sollten, sowie Jane Russell, warteten in dumpfer Anspannung. Sie unterhielten sich - wenn überhaupt - nur noch unterdrückt und flüsternd. Niedergeschlagenheit und die Furcht vor dem Ungewissen, vor den kommenden Stunden, zeichneten ihre Gesichter und flackerte tief im Hintergrund ihrer Augen.

Die Minuten verrannen in zäher Langsamkeit. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand längst überschritten. Es war drückend heiß.

Um die beiden Fuhrwerke mit den Werkzeugen und Messgeräten und all den anderen Dingen, die für ein Camp in der Wildnis notwendig waren, lagen verstreut die getöteten Indianer und einige Pferdekadaver. Schwärme von Mücken, angezogen vom süßlichen Blutgeruch, stürzten sich auf sie. Hoch oben zogen Aasgeier ihre lautlosen Bahnen.

Stan war voller Gedanken. Hier, auf diesem weitläufigen Plateau, hatten Victorio und seine Apachen die geraubten Gewehre von McLeod übernommen. Diese Tatsache hatte ihn hergeführt. Er hoffte, hier Hinweise zu finden, von hier aus eine Spur aufnehmen zu können. Seine Zuversicht war nicht sehr groß gewesen. Doch nun sah alles ganz anders aus.

Irgendwann würde McLeod sich mit Hugh Russell treffen, um dessen Gutachten bezüglich der Silbervorkommen in den San-Pedro-Hügeln entgegenzunehmen...

War das Silber in den Hügeln der Preis für die Gewehre? Hatte Victorio ein altes Geheimnis seines Stammes gegen zwei Wagenladungen Gewehre und Munition preisgegeben?

Anders konnte es gar nicht sein. McLeod war der Anführer der Banditenhorde gewesen, die am Apache Pass das Massaker an den Soldaten verübte. Und nun tauchte sein Name im Zusammenhang mit möglichen Silbervorkommen in den San-Pedro-Hügeln auf.

Janes Stimme sprang Stan an. Sie war, ohne dass er es registriert hatte, herangekrochen, und nun sagte sie: „Sie kamen auf einem Armeepferd, Mr. Walker. Soldat scheinen Sie aber nicht zu sein.“

Er schluckte und antwortete: „Ich bin Zivilscout, Miss.“ Während er sprach, vermied er es, sie anzusehen, als fürchtete er, von ihr durchschaut zu werden. „Ich - ich bin in einer besonderen Mission unterwegs“, log er, nur um etwas zu sagen, um Verlegenheit und Unbehaglichkeit zu überspielen.

Sie lag bäuchlings neben ihm unter einem der Wagen, ihre Hände umklammerten eine Winchester. Sie zeigte sich stark und mutig. Stan fand sie bewundernswert angesichts der Gefahr, in der sie schwebte.

„Sie wären besser in Tucson geblieben, Miss“, murmelte Stan und betrachtete ihr ebenmäßiges Gesicht von der Seite.

„Ich bin Geologin, genau wie mein Vater“, gab sie zurück. „Und ich kann kämpfen wie ein Mann.“

Stan schwieg und beobachtete das hügelige Terrain, in dem die Apachen steckten.

„Warum greifen die Apachen nicht an?“, fragte Jane nach einiger Zeit.

„Sie wollen uns mürbe machen.“ Stan räusperte sich.

„Was meinen Sie, wann werden sie kommen?“

„Wahrscheinlich mit der Abenddämmerung“, gab Stan Auskunft, zuckte aber mit den Achseln und fügte hinzu. „Wissen kann man das aber nie. Die Apachen sind schlecht einzuschätzen. Sicher ist jedenfalls, dass sie angreifen werden, wenn sie uns ihrer Meinung nach genügend weich gekocht haben. Wann das sein wird, das weiß nur der Satan.“

„Wie schätzen Sie unsere Chance ein?“ Janes Stimme vibrierte leicht.

Wieder zuckte Stan mit den Achseln und formulierte seine Antwort vorsichtig: „Ich denke, dass wir eine Chance haben.“ Es klang nicht sehr überzeugend. Etwas gefestigter sprach er weiter: „Die Indsmen haben sich beim ersten Ansturm blutige Köpfe geholt, und das wird sie das nächste Mal Vorsicht walten lassen. Wenn sie angreifen, müssen sie eine halbe Meile übersichtlichen Terrains überwinden. Das heißt, Sie können uns nicht überraschen.“

Die Sonne stand weit im Westen. Die Schatten wurden länger. Jeden Moment konnten die Apachen aus den Hügeln hervorbrechen, um Tod und Verderben zu bringen. Die Männer knieten hinter den dürftigen Deckungen der hohen Wagenräder oder lagen unter den Fahrzeugen.

Es herrschte eine bleischwere, alptraumhafte Ruhe.

Die Sonne sank tiefer und tiefer, und über den Bergketten im Osten trafen die ersten grauen Schleier der Abenddämmerung zusammen, schoben sich langsam in die Senke. Die Abendsonne begann das Land in blutiges Rot zu tauchen.

Ein schriller Schrei erklang. Ungezügelte Wut, unnachgiebige Entschlossenheit, heidnische Grausamkeit, fanatischer Hass - das alles lag in diesem durchdringenden Geheul, das sich nach kurzer Zeit wiederholte und aus vielen Kehlen vervielfältigte.

Die Menschen bei den Fuhrwerken ließ das Geheul frösteln. Ihre Herzen erbebten. Das Entsetzen griff nach ihnen und quälte sie.

Aus den Hügeln lösten sich die Apachen.

Markerschütterndes Geheul trieb heran. Plötzlich hoben die Indianer die Waffen und schwenkten sie drohend über ihren Köpfen. Die Reiterkette setzte sich in Bewegung. Rotes Sonnenlicht zeichnete scharf die Konturen der gedrungenen, muskulösen Gestalten nach. Die Spitzen ihrer Lanzen und die Läufe ihrer Gewehre reflektierten das Abendrot.

Stan hörte Jane erregt atmen. Einer der Männer murmelte mit allen Anzeichen des Entsetzens im Tonfall: „Gott steh uns bei.“

Einer der Krieger stieß seine Faust mit dem veralteten Karabiner unvermittelt in die Höhe. Sein kehliger, gellender Befehl übertönte sekundenlang das Hufgestampfe, und im nächsten Moment begann die Erde unter pochenden Hufschlägen zu dröhnen. Spitzes, abgehacktes Geschrei, triefend vor Leidenschaft und Vernichtungswillen, ließ den Hufschlag fast versinken. Der Tod donnerte heran - in der Gestalt einer Kriegshorde Apachen, die nur vom Willen zum Kämpfen und Töten beseelt waren.

„Haltet euch mit dem Schießen zurück, bis ich den Befehl dazu erteile!“, rief Stan mit rauer Stimme. „Und zielt ruhig! Jeder Schuss muss sitzen. Im Kampf Mann gegen Mann erdrücken sie uns!“

Gebannt blickte er den in wilder Karriere heransprengenden Apachen entgegen. Und er ahnte, dass sowohl Jane, ihr Vater wie auch ihre Mannschaft Mühe hatten, den Anblick der heranwogenden wilden Schar zu ertragen.

Ruhig schob er den Lauf seines Gewehres zwischen den dicken Speichen des Wagenrades hindurch und zielte. Kugeln jaulten heran, Pfeile sirrten wie schwarze Striche durch die Luft. Das Wummern vermischte sich mit dem Getrappel der Hufe und durchdringendem Kriegsgeheul zu einem ohrenbetäubenden, nervenzerrenden Lärm. Die trockenen Detonationen prallten über die Ebene und rollten die Hügelflanken empor. Dann waren die Apachen so nahe, dass Stan deutlich ihre Kriegsbemalung erkennen konnte. Schwarze und weiße Striche in den verzerrten, maskenhaften Gesichtern. Sie waren voller Hass. Ein Hass, der keine Zugeständnisse und keine Versöhnung kannte.

„Feuer!“, brüllte Stan und zog durch, repetierte, schoss in rasender Folge.

Pfeile trafen die Bordwände und Segeltuchplanen der Wagen, Lanzen beschrieben weite Flugbahnen und bohrten sich knirschend in die Erde. Die Wagenplanen schlugen und knatterten unter den Einschlägen. Die ersten Tomahawks wirbelten heran. Überall war Krachen, Splittern und Schreien. Einer der Prospektoren brüllte seinen Schmerz hinaus. Ein Todesschrei, der jäh abbrach.

Stan schoss und schoss, lud in fliegender Hast und feuerte weiter. Pferde brachen zusammen, Indianer starben. Der beizende Geruch von Pulverdampf breitete sich schnell aus und reizte die Schleimhäute.

Ein Pfeil bohrte sich vor Stans Gesicht in die Erde, eine Kugel prallte mit infernalischem Heulen vom Eisenreifen des Wagenrades ab, und Stan konnte das grässliche Singen nahe an seinem Ohr hören.

Die noch lebenden Gespanntiere zerrten wie verrückt an den Leinen und versuchten voll Panik, sich loszureißen. Es war die Hölle.

Die Linie der Apachen riss, zwei Gruppen schwärmten in entgegengesetzter Richtung auseinander.

Die Krieger jagten wie brüllende Derwische vorbei, schleuderten Lanzen und Äxte, hingen wie Akrobaten an den Seiten ihrer Mustangs, kamen gewandt hoch, schossen, und verschwanden wieder.

Jetzt feuerte Stan mit dem Colt. Die Apachen waren so nahe, dass zum Nachladen des Gewehres keine Zeit blieb. Neben Stan schleuderte die Winchester Janes ihr rhythmisches Krachen in die Kriegerschar. Auch Hugh Russell und die anderen Männer schossen was das Zeug hielt.

Dann waren die beiden Reiterpulks vorbei. Weit hinten sammelten sie sich.

Die Apachen ließen den Verteidigern ein wenig Zeit, Luft zu holen. In fieberhafter Eile wurden alle verfügbaren Waffen nachgeladen. Wunden wurden versorgt.

Dann kamen die Apachen zurück. Erneutes, wütendes Trommelfeuer empfing sie. Reiterlose Pferde irrten umher. Einige der Krieger erreichten die Schoner und sprangen in voller Karriere von ihren Pferden. Die mörderische Besessenheit verzerrte ihre breitflächigen, knochigen Gesichter, und in ihren dunklen Augen glomm die tödliche Leidenschaft.

Heftiges Gewehr- und Coltfeuer riss sie von den Beinen oder trieb sie zurück.

P1ötzlich brüllte ein Mann mit sich überschlagender Stimme: „Seht! Dort vorn! Bei allen Heiligen, ich kann es nicht glauben! Das sind ja ...“ Seine Worte endeten in einem Röcheln, als er getroffen wurde und starb.

Aus einer Hügellücke im Südwesten galoppierten blauuniformierte Reiter. Sie stießen aus dem dunklen Schattenfeld des Einschnitts und sprengten in die Ebene. Eine Trompete schmetterte, und der Trupp fächerte auseinander.

Wutgeheul kam von den Apachen. Sie flohen in alle Himmelsrichtungen. Nur noch vereinzelte Mündungsblitze zerschnitten das Grau, das mittlerweile über dem Land wob. Sehnige Gestalten schnellten aus dem Gras in die Höhe, hetzten hinter ihren flüchtenden Brüdern her, sprangen pantherhaft auf vorbeirasende, reiterlose Mustangs und hieben ihnen die Fersen in die Seiten.

Die Soldaten verfolgten sie. Säbelklingen blitzten im letzten Licht des Tages. Der Hall von Coltschüssen wehte heran.

„Dem Himmel sei dank“, rief jemand nahe bei Stan erregt. Es war Hugh Russell.

„Jane“, sagte Stan, als sie unter dem Fuhrwerk hervorgekrochen waren, „ich darf keine Zeit verlieren. Beantworten Sie mir nur noch eine Frage: wartet Jim McLeod in Tucson auf das Ergebnis euerer Untersuchungen?“

„Ja. Er hat uns einen Monat Zeit gegeben, um ein Gutachten anzufertigen und ...“

Stan warf sich herum und rannte zu seinem Pferd, das er an einen der Wagen geleint hatte.

„Stan, was ist?“, rief ihm Jane bestürzt nach.

Mit einem Griff löste er die Leine, mit einem Satz war er im Sattel. Er hämmerte dem Tier die Absätze in die Seiten und es streckte sich.

Wie von Furien gehetzt sprengte Stan nach Südosten davon. Den Soldaten wollte er auf keinen Fall in die Hände fallen. Er wusste nur zu gut, wie hervorragend das Nachrichtensystem zwischen den einzelnen Fort organisiert war. Und als den vermeintlichen Verräter vom Apache Pass würden die Kavalleristen ihn kaum mit Samthandschuhen anfassen. Und am Ende seines Weges stand drohend der Galgen...

*

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SCHON BALD KONNTE STAN feststellen, dass er verfolgt wurde. Er erinnerte sich der indianischen Scouts, die mit der Patrouille geritten waren. Es handelte sich mit Sicherheit um Papagos, Angehörige eines Stammes also, der sich sehr schnell mit den weißen Eindringlingen verbündet hatte und die Apachen bis aufs Blut bekämpfte.

Stan saß ab und führte sein Pferd in den Schutz eines Felsvorsprunges, wo er es anleinte. Hinter ihm öffnete sich eine Schlucht. Vor ihm, in die Richtung also, aus der seine Jäger kommen mussten, dehnte sich unübersichtliches Gefilde. Er postierte sich hinter einem Fels, der hüfthoch aus dem Boden ragte.

Es war ziemlich finster. Aber die Papagos, die für die Armee arbeiteten, waren Meister ihres Fachs. Und Stan ahnte, dass sie auf seiner Fährte kamen wie Schweißhunde.

Stan musste nicht einmal eine Viertelstunde warten, dann spuckten die Felsen ein halbes Dutzend Reiter aus. Sie ritten langsam. Durch die Dunkelheit sah Stan das matte Glitzern von Uniformknöpfen. Der Patrouillenführer hatte ihm, nachdem er seinen Namen vernommen hatte, nicht nur die Papago-Scouts hinterher gejagt, sondern auch Kavalleristen.

Stan folgte dem Selbsterhaltungstrieb und zog den Gewehrkolben an die Schulter. Sein Schuss peitschte, eines ihrer Pferde brach zusammen. Und in das verrollende Echo hinein dröhnte Stans zweiter Schuss. Die Kugel fällte ein weiteres Tier. Der Reiter hatte Mühe, sich vor den auskeilenden Hufen in Sicherheit zu bringen.

Lästerliche Flüche, wie sie nur im Grenzland stationierte Reitersoldaten ausstoßen konnten, aber auch einige gutturale Laute ertönten, und dann verschwanden seine Verfolger samt ihren Pferden im Schutz einiger Felsen.

Mündungsflammen zuckten in Stans Richtung, der Schussdonner schien an den Felsen zu rütteln, Querschläger jaulten, Gesteinsplitter sirrten durch die Dunkelheit.

Stan verließ den Felsen, holte sein Pferd und saß auf. Immer wieder hinter sich sichernd ritt er davon. Der Trupp folgte ihm, denn der laute Hufschlag verriet ihnen, dass er seine Stellung aufgegeben hatte. Jene beiden, die keine Reittiere mehr hatten, waren bei ihren Gefährten aufgesessen.

Sie nutzten jeden Schutz aus, aber wenn Stan sein Pferd kurz anhielt, hörte er sie kommen. Sie waren zäh und beseelt von dem Gedanken, ihn zur Strecke zu bringen.

Der Boden wurde felsig. Stan wandte sich nach Westen, denn sein Ziel war Tucson. Er ritt in eine Schlucht und folgte ihr etwa eine halbe Meile, dann legte er sich wieder auf die Lauer. Er war die Ruhe selbst. Die Schlucht war eng, und auf ihrer Sohle boten sich seinen Häschern kaum Deckungsmöglichkeiten.

Sie kamen mit der gebotenen Vorsicht. Plötzlich aber verstummten die Geräusche.

Die Männer spürten instinktiv die Gefahr, die in der tiefen Felsspalte lauerte. Stan sagte sich, dass sie einen Kundschafter vorausschicken würden.

Er irrte sich nicht. Eng an der Felswand pirschte einer der Kerle heran. Wahrscheinlich einer der Papago-Scouts. Er trug ein Gewehr und bewegte sich wie ein großes, zweibeiniges Raubtier, verharrte und witterte wie ein Wolf in die Felsenge hinein, war vor dem fast schwarzen Hintergrund kaum auszumachen. Dann schob er sich weiter, vorsichtig Fuß vor Fuß setzend, angestrengt lauschend, seinen feinen Instinkten freien Lauf lassend.

Über den Lauf des Karabiners hinweg beobachtete ihn Stan. Genaues Zielen war nicht möglich. Stan hielt tief und zog  durch. Der Bursche ließ mit einem erschreckten Aufschrei das Gewehr fallen und klammerte beide Hände um seinen linken Oberschenkel. Plötzlich knickte sein Bein ein. Er fiel gegen die Felswand und warf sich im nächsten Augenblick flach auf den Boden.

Wütendes Geschrei, das zum einen Flüche, zum anderen höllische Drohungen und wilde Prophezeiungen beinhaltete, trieb durch die Schlucht. Einem anderen Mann als Stan hätten sich wahrscheinlich die Nackenhaare gesträubt. Aber Stan ließ sich nicht beeindrucken.

Aus den Geräuschen, die er vernahm, schloss Stan, dass der Verwundete davonrobbte. Er hörte ihn stöhnen und ächzen.

Das Zorngeheul brach ab. Stimmen wehten heran. Der Verwundete hatte sich in Sicherheit gebracht. Stan sprang in den Sattel und ließ das Pferd traben. Er überließ es dem Tier, den Weg zu finden und etwaigen Hindernissen auszuweichen. Hart krachten die Hufe.

Die Schlucht endete, eine sandige Senke lag vor Stan. Das Licht der Sterne versilberte sie. Tief in der Schlucht waren seine Jäger zu vernehmen. Solange sie die Geräusche seines Pferdes hörten, waren sie sicher, dass er ihnen keinen Hinterhalt legte. „Lauf!“, zischte Stan in das Ohr des Pferdes. Im Galopp durchquerte er die Senke. Ehe er wieder zwischen die Felsen ritt, drehte er sich um. Die Verfolger verließen gerade den Felsspalt. Zwei von ihnen kamen zu Fuß.

Als sie den Reiterschemen wahrnahmen, rissen sie die Gewehre hoch und begannen blindlings zu feuern. Stan lenkte sein Pferd zwischen die Felsen. In sicherer Deckung wartete er. Unschlüssig verhielten die Verfolger im Maul der Schlucht.

Stan spürte Befriedigung, aber keinen Triumph. Dazu steckte er viel zu tief in der Klemme. Selbst wenn er diesen Kerlen entkam, es bedeutete für ihn kaum etwas. Er war für vogelfrei erklärt, völlig auf sich alleine gestellt, von allen gehetzt. Er gab sich keinen Illusionen hin. Gerade Tucson würde ein verdammt heißes Pflaster für ihn werden. Sicher, in der Stadt lebten Bekannte von ihm. Doch konnte er überhaupt noch jemand trauen auf der Welt?

Stan widmete sich wieder seinen Verfolgern. Sie schienen ratlos zu sein. Er sah sie gestikulieren. Einer vollführte mit dem Arm eine umfassende Bewegung.

P1ötzlich teilten sie sich. Sie zogen nach zwei Seiten davon, um Stan in die Zange zu nehmen. Im Licht der Gestirne waren sie verhältnismäßig gut zu erkennen.

Stan nahm das Gewehr hoch, zielte präzise und krümmte den Finger. Ein Pferd sank auf der Hinterhand ein und legte sich zur Seite. Der Reiter flog zu Boden, kam aber sofort wieder hoch, schwang drohend das Gewehr und brüllte Beleidigungen, die Stan nicht verstehen konnte. In das Geschrei des Burschen hinein erschoss Stan ein weiteres Pferd, und es fiel ihm nicht leicht, diese gänzlich unschuldigen Tiere zu töten. Aber noch weniger wollte er auf die Soldaten oder Scouts feuern, die die Pflicht und der Befehl eines Vorgesetzten hinter ihm hertrieb, in dem sie einen Hundesohn sehen mussten, der ein nicht wieder gutzumachendes Verbrechen begangen hatte.

Stan wollte keinen der Burschen töten. Wenn es auch Notwehr gewesen wäre. Da war die innere Hemmschwelle, die zu überschreiten er nicht fähig war. Außerdem wollte er sich von jedem Verdacht freiwaschen. Wenn er aber einen Armeeangehörigen erschoss, konnte er sich trotz aller Unschuld mächtige Probleme aufladen.

Fluchtartig kehrten die Kerle in die Schlucht zurück. Ein Kugelregen prasselte heran, aber keines der Geschosse konnte Stan gefährden.

Schließlich verebbte der Lärm. Die Burschen sahen ein, dass sie nur ihre Munition vergeudeten.

Stan ritt weiter. Sie hatten noch zwei Pferde. Die beiden Tiere konnten allenfalls vier Reiter tragen. Einer war verwundet. Also konnten sie ihm nur langsam folgen. Denn zwei von ihnen mussten laufen. Es sei denn, einige seiner Jäger blieben zurück.

Felsen versperrten Stan oftmals den Weg. Tief sanken die Hufe des Braunen in Schwemmsandkuhlen ein. Stan trank einen Schluck aus der Wasserflasche. Er ließ das Tier im Schritt gehen. Stan vermutete, dass sie hinter ihm mit aller Vorsicht die Senke durchquerten. Der Verwundete würde auf einem der Pferde sitzen. Stan lenkte den Braunen in einen abfallenden Canyon. Hier gab es spärlichen Graswuchs und verstaubte Büsche. Stan schaute nach oben. Die Felswände hingen teilweise über und waren dreißig, vierzig Yards hoch. Allmählich verbreiterte sich die Canyonsohle. Stan schaute zurück. Von seinen Verfolgern keine Spur. Ein richtiges Tal öffnete sich, Wasser sickerte aus dem Fels und speiste einen kleinen Teich, um den herum üppige Vegetation gedieh.

Stan ließ das Pferd trinken. Er selbst warf sich einige Hände voll Wasser ins schwitzende Gesicht. Dann setzte er seinen Weg fort. Unablässig sicherte er nach hinten.

Die Felsen traten wieder zusammen. Stan ritt hinter einige Felsbrocken und kletterte vom Sattel aus hinauf. Das ermüdete Pferd blieb mit hängendem Kopf stehen. Es war jetzt stockfinster. Am Himmel blinkten zwar ungezählte Sterne, doch der Mond stand hinter den Felsen, und das Sternenlicht reichte nicht aus, um den Grund in der Felsenge auszuleuchten.

Die Soldaten und Scouts strömten aus dem Canyon. Aber es waren nur vier. Ihre Gestalten verschmolzen mit der Finsternis. Sie kamen zu Fuß. Jetzt setzten sie alles auf eine Karte. Sie waren voll Zorn, weil er mit ihnen dieses Katz- und Mausspiel trieb, und sie waren voll Hass, weil sie fest davon überzeugt waren, dass er durch seinen Verrat für das Gemetzel am Apache Pass verantwortlich war. Keiner verschwendete einen Gedanken daran, aus welchem Grund er sie verschonte.

Die Kerle verteilten sich. Es gab genügend Deckung für sie. Stans Augen tasteten beunruhigt die Grate ringsum ab und er fragte sich, wo die beiden anderen Kerle geblieben waren. Die vier Schemen pirschten näher. Stan fing an zu feuern. Diese vier zum letzten entschlossenen Burschen durfte er auf keinen Fall zu nahe an sich heranlassen. Er platzierte seine Kugeln dorthin, wo sie sich in Deckung warfen. Staubfontänen wurden hochgeschleudert, Steinbrocken und Erde spritzten. Der Karabiner dröhnte in kurzen, regelmäßigen Abständen. Zwischendurch hatte Stan ihn nachgeladen. Im Notfall besaß er noch den Colt.

Ein paar ungezielte Schüsse fauchten heran. Seinen Gegnern wurde es zu mulmig und sie zogen sich zurück, verschanzten sich in sicherer Entfernung. Stan lud den Karabiner nach. Patrone für Patrone schob er in das Magazin, und er musste feststellen, dass seine Munition ziemlich zur Neige gegangen war. Er betätigte den Ladehebel. Es war wie eine Eingebung, die seinen Blick in die Höhe wandern ließ. Und zwischen zwei Felstürmen sah er den Reiter, dessen Konturen sich klar und deutlich gegen den helleren Nachthimmel abhoben. Er zielte in die Tiefe...

Während die vier Hombres ohne Pferde ihn abgelenkt hatten, hatte der Bursche irgendeinen für das Pferd gangbaren Weg nach oben gefunden, und er brauchte sich nur das Mündungsfeuer aus Stans Waffe zum Ziel zu nehmen.

Stan warf sich herum, riss das Gewehr in die Höhe. Ihre Schüsse krachten gleichzeitig. Neben Stan klatschte die Kugel auf den Fels. Splitter trafen ihn. Er sah das Pferd oben auf der Hinterhand steigen und sich drehen. Der Reiter verlor den Halt, ruderte mit den Armen, brüllte auf und stürzte schließlich rücklings in die Tiefe. Ein krachender Aufschlag auf der Sohle der Schlucht erfolgte. Oben brach das Pferd  zusammen.

Ein zweiter Reiter trieb sein Pferd um die Felsnadeln. Das sagte Stan, dass auch jener Mister, den er ins Bein geschossen hatte, wieder in den Kampf eingegriffen hatte. Er  feuerte. Im Tal stürmten die anderen Gegner heran. Stan sprang vom Felsen direkt in den Sattel. Er schoss steil nach oben. Dort, wo er eben noch gelegen hatte, schrammte ein Geschoss über das Gestein. Eine zweite Kugel lag bedenklich nahe. Stans Blei holte den Schützen vom Pferderücken. Das erschreckte Tier stob wiehernd davon.

Stan trieb den Braunen um die Felsblöcke. Schuss um Schuss jagte er den Angreifern entgegen. Schreiend kehrten sie um. Stan zerrte an den Zügeln. Das Pferd warf sich herum und fegte los, als Stan ihm die Absätze in die Seiten drosch.

*

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DAS AUSGEPUMPTE PFERD trug Stan nach Nordwesten, Tucson entgegen. Vor ihm lagen sechzig Meilen durch Hitze und Staub. Er hatte keine Ahnung, dass in der Stadt schon das Verhängnis auf ihn wartete. Er hatte seine Verfolger abgeschüttelt. Stan schonte das Pferd so gut es ging und gönnte ihm, als er sich sicher fühlte, eine lange Pause.

Und nach drei Tagen kam er in Tucson an.

Es war am späten Nachmittag. Die große Stadt an der Überlandstraße von El Paso herauf war voll Leben und betriebsamer Hektik.

Stan war kaum noch zu erkennen. Er war abgemagert, die Strapazen der zurückliegenden Tage hatten tiefe Linien und Furchen in sein Gesicht eingegraben, ein dicht wuchernder Bart bedeckte seine Wangen, Kinn und Oberlippe.

Tucson war eine ziemlich große Stadt. Hier wurde Geld umgesetzt. Es gab eine große Handelsgesellschaft, die für die Versorgung der Stadt und eines weiten Umlandes mit allem Notwendigen sorgte, vom Hufnagel bis zum Conestoga-Schoner.

Und es war eine sichere Stadt. Sie lag zwar im Herzen des Apachenlandes, aber die Kriegshorden wagten sich nicht einmal in ihre Nähe. Und jetzt, da die Apachen wieder einmal aus den Reservaten ausbrachen und blutige Fährten durch das Land zogen, wimmelte es in der Stadt von Menschen, die hier Schutz und Sicherheit suchten.

Stan begann Hoffnung zu schöpfen. Hier für einige Zeit unterzutauchen würde ihm nicht schwer fallen. Andererseits aber konnte der Zufall Schicksal spielen, und er wurde schneller erkannt, als ihm lieb sein konnte. Er verbannte diesen Gedanken in den hintersten Winkel seines Bewusstseins, denn am Ende dieses Gedankens stand etwas Düsteres, Unheilvolles, etwas, das ihm den Hals zuschnürte.

Stan fand kaum Beachtung, als er am Rand der Main Street entlang tiefer in die Stadt hineinritt. Er passierte die Magazine und Depots der Handelscompany, Geschäfte, Saloons, die Bank und die Niederlassung von Wells & Fargo und bog schließlich in eine Seitenstraße ein, an deren Ende er einen kleinen Mietstall wusste.

Der Stallmann taxierte Stan mit wachem Interesse und sagte, als er mit seiner Einschätzung zu einem Ende gekommen war: „An Ihnen klebt der Staub des Apachenlandes, Stranger. Und die Blutflecke an Ihrem Hemd verraten, dass sie ganz schön Federn lassen mussten. Ihr Pferd trägt den Brand der U.S.-Armee, und auch ihr Sattel und das Gewehr stammen aus Armeebeständen.“

Heißer Schreck pulsierte durch Stans Blutbahnen. Aber er hatte sich eisern im Griff und antwortete spontan: „Ich bin Zivilscout und auf dem Weg nach San Xavier, ins Reservat also. Es gibt neueste Meldungen von Victorio und ...“

Er verstummte, denn zwei Männer zogen ihre Pferde in den Mietstall, und der Stallbursche verlor das Interesse an ihm. Er wandte sich den beiden zu und Stan versorgte sein Pferd selbst. Es gelang ihm aber nicht, das ungute Gefühl, das ihn bedrückte, abzuschütteln.

Er nahm das Gewehr und den Sattelpacken. Als er den Stall verließ, starrte ihm der Stallmann nach. Der Ausdruck seines Gesichts war nachdenklich und grübelnd. Stan kehrte auf die Main Street zurück.

Wohin?

Er hatte kein Geld. Er dachte an Lana Stanton, die er früher öfter mal besucht hatte, wenn er in Tucson gewesen war.

Aber konnte Lana ihm helfen? Konnte er sich ihr überhaupt anvertrauen? Sie war ein Flittchen, ein Tingeltangel-Girl, das sich auf der Jagd nach dem schnellen Dollar in Tucson niedergelassen und die das Frauenkomitee zum Erzfeind hatte.

Ein großes Schild mit der Aufschrift Sheriff's Office und Jail sprang ihm in die Augen. Der Schaukelstuhl auf dem Vorbau war verwaist. An der Anschlagtafel neben der Tür waren amtliche Bekanntmachungen und Steckbriefe befestigt. Die meisten der Blätter waren vergilbt, einige aber leuchteten frisch und weiß.

Stan fand seinen Steckbrief. Er schien noch druckfrisch zu sein. Eine unsichtbare Hand schien ihn zu würgen, sein Herzschlag beschleunigte sich. 2000 Dollar, tot oder lebendig, las er. Und er sagte sich verbittert, dass für diese Summe so mancher die Seele seiner Großmutter dem Teufel verkaufen würde.

O verdammt! Mir bleibt nur der Weg zu Lana.

Der Gedanke setzte sich in ihm fest. Er brauchte Geld, und sie konnte ihm welches leihen. Er musste das Risiko eingehen, sich der Lady sozusagen auf Gedeih’ und Verderb’ ausliefern.

Den Saloon, in dem sie arbeitete, kannte er. Doch Stan wollte die Nacht abwarten, wenn in Tucson die Hölle von Lasterhaftigkeit und Sünde aufgebrochen war, wenn keiner auf den anderen achtete, wenn der einzelne in der Anonymität versank.

Mit dem Bild auf dem Steckbrief hatte er zwar nicht mehr viel gemein, dennoch musste er höllisch auf der Hut sein.

Er trieb sich in der Stadt herum, bis das Nachtleben voll im Gange war. Tucson rumorte und brodelte wie das Innere eines Vulkans. Männer grölten, Klavier- und Gitarrenklänge trieben aus den Saloons. Irgendwo sang eine Frau, und als sie endete, klatschten und trampelten die Kerle und brüllten nach Zugabe. Licht floss aus den Fenstern, streute über Gehsteige und Vorbauten.

Tucson hatte sich in einen Hexenkessel verwandelt.

Stan blickte über die geschwungenen Ränder der Pendeltür in den ‘Paradies-Vogel-Saloon’. Der Schankraum war gerammelt voll, in Dreierreihe standen die Gäste am Tresen. Ein Klavier hämmerte. Einige grell geschminkte Girls bedienten die Gäste, andere arbeiteten als Animiermädchen, sie saßen an den Tischen der rauen Kerle und versahen ihren Job.

Stan entdeckte Lana. Er wusste, dass sie eine herausgehobene Stellung im ‘Paradies-Vogel’ einnahm. Sie saß am Tisch einiger gut gekleideter Gents, und Stan mutmaßte, dass es sich um Geschäftsleute der Stadt handelte.

Lana war über dreißig, also nicht mehr die Jüngste, und die Spuren eines ungeregelten Lebens machten sich bemerkbar. Dennoch konnte sich ein Mann ihren Reizen kaum verschließen. Sie hatte Rasse, und sie verfügte über Stil, den viele Mädchen ihrer Spezies vermissen ließen.

Stan trat ein. Er bahnte sich einen Weg zum Ende des Tresens. Dabei kam er an Lanas Tisch vorbei. Zwingend starrte er sie an. Die vier Kerle, denen sie Gesellschaft leistete, wurden aufmerksam. Auch Lanas Blick glitt an seiner zerschlissenen, verstaubten und von eingetrocknetem Blut besudelten Kleidung in die Höhe und blieb an seinem ausgemergelten Gesicht hängen.

Ein kurzes Aufleuchten in ihren Augen verriet, dass sie ihn erkannt hatte.

Dann war Stan vorbei.

Lana zeigte jähe Unruhe. Sie sagte: „Die Gentleman müssen mich für kurze Zeit entschuldigen. Soeben ist ein alter Bekannter von mir eingetroffen. Er sieht aus, als käme er direkt aus der Hölle.“

Sie lächelte starr, erhob sich, ignorierte die enttäuschten Mienen und folgte Stan. Kurzerhand packte sie ihn am Oberarm und zog ihn zur Hintertür. Und wenig später standen sie im Hof. An Lana war nicht mehr die geringste Freundlichkeit, als sie zischte: „Du musst übergeschnappt sein, Stan. Wie kannst du es wagen, nach allem was du verbrochen hast, zu mir zu kommen? Sie haben 2000 Dollar Fangprämie auf dich ausgesetzt. Dein Steckbrief prangt im ganzen Territorium an Scheunen, Bäumen und den Anschlagtafeln der Sheriffs und Marshals. Willst du mich ins Unglück reißen?“

Mit rauer, heiserer Stimme antwortete Stan: „Ich habe nichts verbrochen, Lana. Alles, was man mir zur Last legt, stimmt nicht. Ich habe den Waffentransport nicht verraten. - Lana, ich brauche deine Hilfe. Ich muss mich rehabilitieren, und dazu bin ich auf Hilfe angewiesen.“

Sie trat etwas von ihm weg. Eisig stieß sie hervor: „Und das soll ich glauben? Die Nachricht von deinem Ausbruch ist mit der Geschwindigkeit eines Steppenbrandes durchs Land gegangen. Es gab Tote, und du hast auf deiner Flucht einen weiteren Mann getötet und einen schwer verwundet. Du führst dich auf wie ein reißendes Tier, und ich soll dir glauben, dass du unschuldig bist.“

„Die toten Soldaten in Fort Bowie gehen nicht auf mein Konto. dass einer meiner Verfolger starb, war ein Unfall. ich erschoss sein Pferd und er stürzte in die Schlucht. Der Verwundete - nun, ich musste mir die Kerle vom Leibe halten. Colonel Holladay, der Kommandant von Fort Bowie, wollte mich am Galgen sehen. Und wer lässt sich schon gerne aufknüpfen für etwas, das andere verbrochen haben?“

„Ich weiß nicht“, murmelte Lana misstrauisch und verunsichert. „Wie hast du dir meine Hilfe vorgestellt?“

„Ich suche hier in Tucson einen gewissen Jim McLeod“, antwortete Stan. „Über ihn kann ich meine Unschuld beweisen. Bis ich ihn finde, muss ich irgendwo unterkriechen. Und ich brauche Geld. Ich kam auf einem Pferd mit dem U.S.-Brand, und dem Stallmann fiel das sofort auf. Ich kann nicht wagen, den Gaul auszulösen. Denn sicher hat sich der Bursche so seine Gedanken gemacht, nachdem ich fort war. Ich bin verschmutzt, voll Blut, und sicher gibt es noch einige Hinweise mehr an mir, aus denen sich der Stallbursche einen Reim machen kann.“

Lana hatte ihn zu Ende sprechen lassen. Jetzt aber entwand es sich ihr kehlig: „Du suchst McLeod? Was hat er mit deiner Sache zu tun?“

„Kennst du ihn?“, kam es impulsiv von Stan.

„Natürlich. Er kam vor wenigen Wochen nach Tucson, und er scheint auf dem besten Wege zu sein, ein angesehener und einflussreicher Mann zu werden. Soweit ich informiert bin, hat er auf seinen Namen ein riesiges Areal in den San-Pedro-Bergen registrieren lassen.“ Und mit Nachdruck wiederholte sie: „Sprich, Stan, was hat er mit deiner Misere zu tun?“

„Er war am Apache Pass, in jener Nacht, als der Waffentransport geraubt wurde. Noch mehr, Lana, er war der Anführer der Mörderbande, die drei Dutzend Soldaten niedermetzelte. - Wo finde ich McLeod?“

Lana atmete schwer. Sie überlegte und schien Stan überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Es war, als starrte sie durch ihn hindurch, als wäre sie mit ihren Gedanken ganz woanders. Dann aber sagte sie: „Ich weiß wirklich nicht, was ich von deiner Geschichte halten soll, Stan. Irgendwie klingt sie ziemlich phantastisch. Hoffentlich lasse ich mich da nicht auf ein Abenteuer ein, bei dem ich mir die Finger verbrenne.“

„Du hilfst mir also?“, entfuhr es ihm hoffnungsvoll.

„Ich kann dich nicht einfach wieder wegschicken. Und was McLeod anbelangt, so hat er gestern Tucson verlassen. Er will nach Fort Bowie, vorher aber will er einen Abstecher in die San-Pedro-Hügel machen, denn er hat ein Geologen- und Prospektorenteam engagiert, das das Land auf Bodenschätze untersuchen soll. Aber das weißt du ja. Schließlich warst du ja dort.“

Der Nachrichtendienst im Lande funktioniert trotz der Indianergefahr ausgezeichnet, schoss es Stan durch den Kopf. Man wusste im Land über jeden seiner Schritte Bescheid, bis zu dem Zeitpunkt, als er die sechs Verfolger von seiner Fährte fegte.

Stans Gedanken schweiften ab. Fort Bowie! Was wollte McLeod in Fort Bowie? Liefen dort etwa die Fäden zusammen, die das blutige Spiel gesteuert hatten. Er sprach die Frage aus, und seine Stimme war nur ein heiseres Geflüster: „Was will er in Fort Bowie, Lana?“

„Seinen Geschäftspartner abholen. Es ist ein Colonel, und er wird im nächsten Monat pensioniert. Zusammen mit ihm möchte McLeod eine Gesellschaft gründen, sollten sich seine Erwartungen erfüllen und die Prospektoren auf Bodenschätze stoßen, die es sich lohnt, abzubauen.“

Eine jähe Blutleere im Gehirn ließ Stan taumeln. Und das Begreifen kam wie eine Sturmflut. Lanas Worte hallten in ihm nach: Geschäftspartner - Colonel - Gesellschaft - Bodenschätze!

Und am Ende stand ein Name: Holladay - Colonel Sam Holladay!

Er war der Verräter, und darum war er auch so erpicht darauf, ihn, Stan, dem Henker zu überantworten.

Ein Stau aus Betroffenheit, Wut und wühlendem Hass brach sich bei Stan in einem Zischlaut Bahn, mit dem er die Luft ausstieß.

„Was ist los, Stan?“, hörte er Lana fragen.

Ihre Frage riss ihn aus seiner Betäubung. Hastig entgegnete er: „Nichts - es ist nichts, Lana. Wie soll es nun weitergehen? Du zeigtest Bereitschaft, mir zu helfen.“

„Ja, du weißt, wo ich wohne. Hier, das ist der Schlüssel zu meiner Wohnung. Warte dort auf mich. Es kann aber dauern.“

Er nahm den Schlüssel entgegen. „Thanks, Lana“, murmelte er. Dann ließ er sie allein.

*

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LANA WOHNTE NUR ZWEI Häuser weiter. Ihre Wohnung lag im Obergeschoss. Im Flur brannte eine Laterne. Der Docht war weit heruntergedreht und nur im unmittelbaren Umkreis der Lampe wurde die Finsternis durchbrochen. Doch das Licht reichte Stan, um sich zu orientieren. Eine Treppe führte nach oben. Die Tapeten im Flur waren heruntergerissen. Alles wirkte verwahrlost und heruntergekommen.

Aber diese Eindrücke erreichten nur den Rand seines Bewusstseins. Sein ganzes Denken kreiste nur um die Tatsache, dass er dem Verräter vom Apache Pass auf die Schliche gekommen war.

Es überstieg fast sein Begriffsvermögen. Aber es war so. Der Colonel selbst war der Lump. Für Stan galt es nun, der Wahrheit ans Licht zu verhelfen. Er musste Holladay entlarven, ihm die Maske des Ehrenmannes herunterreißen.

Aber wie?

Er konnte nicht einfach zum nächsten Armeestützpunkt oder Sheriff gehen und den Colonel anzeigen. Man würde ihn nicht mal ausreden lassen und kurzen Prozess mit ihm machen.

Es war zum Verrücktwerden. Ihm blieb nur, das Verbrechen vom Apache Pass auf eigene Faust aufzuklären.

Es war fast aussichtslos. Stans Stimmung sank auf den Nullpunkt. Für jeden Menschen im Land war er der verräterische Bastard. Er hatte nichts zu erwarten. Man wollte ihn tot sehen.

Aber er hatte auch nichts mehr zu verlieren. Und diese Erkenntnis war es, die ihn bestärkte, für sein Recht zu kämpfen - und wenn es sein musste, bis zum letzten Atemzug.

Die Wohnung Lanas bestand aus zwei Räumen. Einer Wohnküche und einem Schlafraum. Es roch nach Parfüm. Im Schlafraum stand ein riesiges Bett, nach dem Saloon Lanas Tummelplatz, um Geld zu verdienen. Stan hatte eine Lampe angezündet und sah die Unordnung, die in beiden Räumen herrschte. Er zog die Vorhänge zu und legte sich auf das Bett.

Irgendwo im Haus kicherte ein Mädchen, eine Männerstimme war verschwommen zu hören. Stan wunderte sich nicht, denn er wusste, dass in dem Haus weitere Mädchen vom horizontalen Gewerbe lebten. Von der Straße drang verworrener, monotoner Lärm an Stans Gehör.

Er schlief ein.

Als aber die Tür geöffnet wurde und ein kühler Luftzug in das Zimmer strich, war er augenblicklich hellwach. Die Lampe verbreitete noch immer ihr schwaches Licht. Lana lächelte. „Nicht nur, dass du mich um einen guten Verdienst bringst, Amigo“, gab sie zu verstehen, „du willst auch noch Geld und schätzungsweise einige andere Dinge mehr von mir.“

Sie begann sich auszuziehen.

Stan erhob sich und ging zur Tür, um sie abzuschließen.

Lana hielt inne. „misstrauisch?“, fragte sie mit leisem Spott.

Er drehte den Schlüssel um, wandte sich ihr zu und antwortete: „Das fragst du einen Mann in meiner Situation?“

„Von mir aus.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Es ist drei Uhr vorbei. Ich bin müde. Wir sollten schlafen.“

Wenig später lagen sie nebeneinander auf dem breiten Bett. Stan hatte lediglich seine Stiefel ausgezogen. Ratlosigkeit ließ ihn nicht mehr einschlafen, irgendwie fühlte er das Unheil, das sich zusammenbraute. Es war, als lauerte etwas im Hintergrund seines Bewusstseins, das ihn zutiefst beunruhigte - das sich aber seinem Verstand entzog.

Lanas tiefe, regelmäßig Atemzüge verrieten, dass sie eingeschlafen war.

Stan drehte sich auf die Seite. Durch das Fenster fiel Mondlicht und warf ein fahles Rechteck in den Raum. Hart spürte Stan den Druck des Colts, den er unter das Kopfkissen geschoben hatte.

Ein Knarren erreichte ihn. Es kam von der Tür, die er abgeschlossen hatte. Er nahm den Kopf herum und ließ sich leise wieder auf den Rücken fallen. Durch die Dunkelheit nahm er wahr, dass die Tür sich langsam, Zentimeter um Zentimeter, öffnete.

Lana musste sie unbemerkt wieder aufgesperrt haben. Schlagartig begriff Stan. Sie hatte ihn verraten, sie wollte das Kopfgeld kassieren, das auf ihn ausgesetzt war. Fast automatisch griff Stan unter das Kopfkissen und holte den Sechsschüsser hervor. Sein Daumen legte sich auf die Hammerplatte. Im selben Moment schwang die Tür völlig auf.

Mit einem Satz war Lana aus dem Bett. Sie verschwand in der Küche. Stan rollte über die Bettkante und prallte auf den Boden. Zwei Schemen glitten ins Zimmer. „Achtung!“, stieß der eine von ihnen hervor, sie spitzten auseinander und schossen.

Doch Stan war blitzschnell unter dem Bett durchgekrochen und feuerte nun seinerseits. Das Mündungslicht stieß auf einen der Kerle zu und die Kugel schleuderte ihn gegen die Wand, an der er langsam und gurgelnd zu Boden rutschte.

Stan warf sich zur Seite. Eine Kugel riss dort die Dielen auf, wo er eben noch gelegen hatte. Von dem zweiten Banditen konnte Stan nur die Stiefel sehen. Jetzt umrundete der Schuft schnell das Bett. Stan stemmte sich mit den Armen hoch. Schwer lag das Bett auf seinem Rücken. Plötzlich kippte es und stand senkrecht. Er kam hoch und trat dagegen. Es fiel gegen seinen Gegner und drückte ihn an die Wand neben dem Fenster. Stan jagte zwei Kugeln durch die Matratze. Ein Aufschrei ertönte, riss jäh ab, der Bursche wurde unter dem Bett begraben.

Licht traf Stan von hinten, er wirbelte herum.

In der Tür zur Küche stand Lana, in der einen Hand einen Derringer, in der anderen eine Laterne. Nichts mehr Frauliches war in ihren Zügen. Sie waren vereist und hart wie aus Granit gemeißelt.

Sie bedrohten sich gegenseitig mit ihren Waffen. Doch Stan wusste, dass er niemals auf sie schießen würde. Er ließ aber die Faust mit dem Colt nicht sinken. Er knurrte: „Es ist wegen der zweitausend Bucks, Lana, nicht wahr?“

Enttäuschung, Verbitterung und abgrundtiefe Verachtung schwangen in seiner Stimme mit.

Sie neigte etwas den Kopf, ein hohnvolles Lächeln spielte um ihre Lippen. „Nicht nur das, Stan. Das Geld spielt in diesem Fall eine nebensächliche Rolle. Es geht um McLeod. Er wird mich eines Tages heiraten, wenn er am Ziel seiner Pläne ist. Du jedoch wirst tot sein. Ich habe dir einige Dinge verraten, die dich für Jim und seinen Partner zum gefährlichsten Mann der Welt machen. Darum musst du sterben.“

„Wusstest du, dass McLeod den Überfall am Apache Pass verübte?“

„Nein. Aber es ist wohl so. Er war nicht in Tucson, als der hold up stattfand. Es spielt jedoch keine Rolle. McLeod will mich, und ich will an seiner Seite reich und angesehen werden. In meinem Alter bin ich bald draußen aus dem Geschäft. Was soll ich dann tun? Betteln gehen? Die Spucknäpfe in den Saloons ausleeren? Die Kerle fliegen auf die jungen Dinger, und ich muss langsam an die Zukunft denken. Und du, mein lieber Stan, stehst mir im Wege.“

Im Haus schlugen Türen.

Hinter Stans Rücken raschelte Stoff, röchelte der Bursche, den er an der Wand mit seiner Kugel erwischt hatte. Das Aufblitzen in Lanas Augen warnte Stan, ansatzlos ließ er sich zur Seite fallen.

Hinter ihm krachte es. Und auch Lana schoss. Stan kreiselte herum und feuerte auf den Kerl an der Wand. Er sah ihn zusammenzucken und zur Seite kippen. Er vernahm aber auch ein Klirren, als Glas am Boden zerschellte.

Die Lampe war Lanas Hand entglitten. Der Zylinder war zerbrochen, aus dem Tank sickerte Petroleum. Sofort züngelten bläuliche Flammen über den Boden. Lana war zwei Schritte in den Raum getaumelt. Jetzt sank sie auf die Fußbodenbretter. Das Grauen verzerrte ihr Gesicht. Die Kugel des Killers, den sie angeheuert hatte, steckte in ihrer Brust.

Im Flur hämmerten Schritte. Stimmen schrien durcheinander. Stan warf die Tür zu und sperrte ab. Er holte sich den Revolvergurt des Burschen an der Wand und dessen Colt. Heftige Schläge gegen die Tür trieben ihn zur Eile. Auf dem Fußboden züngelten die Flammen. Blitzschnell fuhr Stan in seine Stiefel. Mit einem Satz war er beim Fenster. Er schob es hoch und schwang sich hinaus, und dann ließ er sich einfach fallen. Er landete in einer stockfinsteren Gasse, lag auf allen vieren, schnellte aber sogleich hoch und hetzte in Richtung Main Street davon. Wildes Geschrei folgte ihm, aber mit jedem Sprung wurde es leiser.

Vor einigen Saloons standen noch Sattelpferde an den Holmen. In den meisten Scabbards steckten die Gewehre. Stan zauderte nicht. Falsche Skrupel konnten ihn in des Teufels Küche bringen. Also stahl er kurzerhand eines der Tiere und jagte es durch eine stockfinstere Gasse aus der Stadt.

*

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DAS SCHICKSAL HATTE Stan Walker erneut eine herbe Lektion erteilt. Er hatte sich ausgerechnet an eine Frau um Hilfe gewandt, die in einem engen Zusammenhang mit Jim McLeod stand. Dazu kam, dass Lanas Seele abgestumpft war und sie die Habgier sämtliche Skrupel über Bord werfen ließ.

Stan floh durch die Nacht. Er hatte ein kraftvolles, zähes und schnelles Pferd erwischt. Er besaß einen guten Colt, einen Patronengurt und eine Winchester mit fünfzehn Schuss im Magazin.

Er rechnete mit Verfolgung. Sicherlich war seine Identität zwischenzeitlich in Tucson bekannt. Vielleicht konnte sogar Lana noch mit ihrem letzten Atemzug seinen Namen nennen. Ihren Tod würde man ihm anlasten. Und auch die beiden Killer rechnete man seinem Schuldkonto zu, ohne zu fragen, welchen Grund er hatte, auf sie zu schießen.

Ja, Stan war überzeugt davon, dass ihm der Sheriff von Tucson mit einem Aufgebot folgte. Und deshalb wagte er nicht, anzuhalten und zu rasten. Er fühlte in sich bleierne Erschöpfung. Sie kam tief aus seinem Innersten und wurde genährt von einer Art Resignation angesichts der unerbittlichen Realität.

Gab es überhaupt noch eine Chance für ihn. Die Armee machte Jagd auf ihn, das Gesetz, und bald vielleicht schon die Apachen, die drauf und dran waren, das Land in ein blutiges Chaos zu stürzen. Und dann waren da noch Jim McLeod und seine Freunde Dalton, Beeman und Fairchild, vier Banditen, die tödlicher waren als die Pest im Mittelalter. Und auch Sam Holladay durfte nicht unterschätzt werden, dieser in zig Kämpfen erprobte und gestählte Offizier, der zum Verbrecher geworden war.

Der Tag vertrieb die Nacht. Als Stan sich einmal umschaute, sah er die treibende Staubfahne weit hinter sich. Und da wusste er mit Bestimmtheit, dass er verfolgt wurde. Der Staubwolke nach zu schließen handelte es sich um ein großes Rudel Reiter.

Die Angst, sich der Posse zum Kampf stellen und wieder töten zu müssen, peitschte ihn voran. Und um die Mitte des Vormittags zeigte das Pferd erste Ermüdungserscheinungen. Stan zog nach Süden. An einem kleinen Fluss ließ er das Pferd trinken, er wusch sich das Gesicht und spürte, wie ihn das frische Wasser belebte.

Gegen Mittag überquerte er den Santa Cruz River und wandte sich nach Südosten. Von der Kuppe eines Hügels aus sah er als winzige, schwarze Punkte seine Verfolger. Es waren mehr als ein Dutzend.

Als die Sonne hoch im Zenit stand, befand Stan sich in den Vorbergen der Empire Mountains. Und hier machte er sich systematisch daran, seine Spur zu verwischen. Darauf verstand er sich als Scout der Armee.

Er schüttelte seine Jäger ab. Und nun gönnte er sich und dem Pferd Ruhe. Hunger wühlte in seinen Eingeweiden. In den Satteltaschen gab es jedoch nichts Essbares. Sich ein Stück Wild zu schießen wagte Stan nicht, da er Gefahr lief, mit einem Schuss die Posse, die gewiss noch nach ihm suchte, oder eine Horde Apachen auf sich zu ziehen.

Stan verbrachte die Nacht in einem Felskessel, und am Vormittag, nachdem er wieder einige Meilen zurückgelegt hatte, schoss er sich einen Präriehund, den er über einem rauchlosen Feuer briet und mit Heißhunger verzehrte. Neue Kräfte kehrten in seinen geschundenen Körper zurück, und das erfüllte ihn mit frischem Mut.

Details

Seiten
300
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916423
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v387013
Schlagworte
drei pete hackett western januar walker verfemte/blutpoker abilene/die skrupel

Autor

Zurück

Titel: Drei Pete Hackett Western Januar 2018: Walker der Verfemte/Blutpoker in Abilene/Die ohne Skrupel sind