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Dämonenjäger Murphy: Dreizehn Zyklen (Gesamtausgabe)

2018 400 Seiten

Leseprobe

Dämonenjäger Murphy: Dreizehn Zyklen (Gesamtausgabe)

D. H. Barclay

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2016.

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Sammelband

Dämonenjäger Murphy – Dreizehn Zyklen

von D. H. Barclay

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EIN CASSIOPEIAPRESS E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

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INHALT

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TEIL 1: CHAOS

Teil 2: Verdammnis

Teil 3: Grauen

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Teil 1: Chaos

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ER SPÜRTE EINEN HEFTIGEN Schlag. Blut schoss zeitgleich aus Mund und Nasenöffnung. Vor seinen Augen blitzen fast tausend Sterne auf. Er torkelte vorwärts, wurde von zwei Klauen gepackt und zu Boden geschleudert.

Barker und die Schwester waren weg. Verschwunden. Alles verlor sich in einem einzigen Gewirr aus Stille.

Ethan warf seine Arme wie ein Ertrinkender um sich, suchte nach Halt, wo es keinen gab.

„Du bist der letzte“, winselte der Tätowierte. „Hörst du. Der Letzte und der Anfang...“

*

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ER GEHÖRTE ZUR ALTEN Riege. Machte diesen Job schon seit Jahrzehnten. Gesichter gingen und kamen – er blieb. Als die Stimmen der Oberen jemand Neues verlangten, ging ein Aufschrei durch die Bevölkerung. Der Sender wurde mit Briefen und Mails bombardiert, welche allesamt dieselbe Botschaft trugen: >Jeffrey Irving for ever<

Der Gedanke, sieben Millionen Menschen hinter sich zu wissen, war in gewisser Weise, ein - mehr als beruhigendes Gefühl. Er liebte diese Stadt, mit all seinen Lastern und Vergnügungen und verachtete sie gleichzeitig für ihre vorgespielte Moral.

Jeffrey wischte sich eine, der mit der Zeit grau gewordenen Haarsträhnen aus dem Gesicht, und blickte ungeduldig auf den rückwärts laufenden Timer. Er ging nochmals die verschiedenen Blätter durch. Auch wenn sie ihm seit einiger Zeit mit diesen Telepromptern auf den Wecker gingen, wollte er die altbewährte Methode des Nachrichtenvortragens um nichts auf der Welt missen. Seine Augen kletterten die einzelnen Zeilen einer jeden Story bis zum Endsatz runter. Gar nicht gut, dachte er beim Lesen, absolut nicht gut.

Die Leute spielten verrückt. Es gab Tumulte, die eigentlich vollkommen sinnlos erschienen. Das gleiche galt für die zahllosen Morde, die beileibe keine Seltenheit darstellten und doch...

„Jeff“, machte man ihn auf die letzten verstreichenden Sekunden des Timers aufmerksam. Er rückte seinen Stuhl zurecht, richtete sich auf und lächelte verschmitzt in die Kamera.

Der alteingesessene Jingle ertönte – der Startschuss.

Er begrüßte sein ihn liebendes Publikum, sparte sich aber den obligatorischen Witz und kam direkt auf das Wesentliche zu sprechen. Das hieß: „Queens, eine Familientragödie, ereignete sich heute gegen 15:00 Uhr, als ein 31-jähriger Mann zuerst seine Frau, die gemeinsamen Kinder, sowie anschließend sich selbst tötete.“ Im Hintergrund erschienen das Bild einer glücklichen Familie, deren Augen durch schwarze Zensierbalken verdeckt waren. „Das genaue Tatmotiv ist laut bisherigen Anfragen noch nicht bekannt.“ Seine Stimme kam gedämpft rüber. Bei solchen Mitteilungen war es wichtig, keine Emotionen rüberkommen zu lassen und wenn doch, dann bitte nur tiefe Trauer.

Als nächstes kam ein Doppelmord – gefolgt von einem Serienvergewaltiger. Dann ein flüchtender Bankräuber, der auf seiner Flucht in einen vollbesetzten Bus gerast war.

Nach drei Minuten, zählte er bereits 18 Morde. Seine Hände waren feucht. Der Hals kratzte.

„Im Stadtrat berät ...“

Er hielt inne. Die Studioeinrichtung begann zu schwanken. Ein Erdbeben, flammte es in ihm auf. Er wollte gerade aufspringen, als es abrupt aufhörte. Jeffrey blickte einen Moment verdutzt in die Kamera, und wartete auf ein Zeichen des Regisseurs.

„Mach weiter“, raunte es zu ihm rüber.

„Wenn schon der Himmel verrückt spielt, warum nicht auch der Boden“, witzelte er und setzte an der vorherigen Story an. „Im Stadtrat berät man über die mögliche Einberufung des Ausnahmezustandes“, er setzte ein pfiffiges Erol Flynn Grinsen auf. „Wozu es natürlich, so hoffen wir, nicht kommen wird.“ Er räusperte sich, das schwache Beben hatte ihn nervös gemacht. „Bislang hat man noch keine Erklärung für die anhaltenden Wetterphänomene finden können, aber die New Yorker Bürger sollten sich keine Sorgen machen, da man schon mit ganz anderen Sachen fertig geworden ist.“

Eine seiner Mitarbeiterinnen, blond, Mitte zwanzig, tippelte aufgeregt hinter seinen Tisch und legte ihm eine weitere Mitteilung vor.

Er nickte ihr freundlich zu. Sie erwiderte den Blick nicht, in ihren Augen wabberte Entsetzen. Sie hatte geweint.

„Äh“, er las die erste Zeile, „wie uns soeben mitgeteilt wurde, kam es vor wenigen Minuten zu einer ...“, seine Stimme versagte, „... Zu ... nahme des ...“ Der gesamte Stadtteil ... Oh mein Gott, es hat den...

*

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24 STUNDEN FRÜHER

Die Tür zur Umkleide sprang lautstark zur Seite und entließ einen bis auf das Unterhemd durchnässten Ethan York.

Der 27-jährige Assistenzarzt sah sich gehetzt um und blieb an den zierlichen Rundungen seiner Kollegin Margie hängen.

Sie setzte ein süffisantes Lächeln auf. „In den Regen geraten?“

Er schleuderte seinen verlodderten Rucksack achtlos in den Raum und begann damit sich auszuziehen. „Heute wieder einen deiner lustigen Tage“, entgegnete er trocken.

„Mit dir doch immer.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und glotzte auf den sich unter der nassen Kleidung abzeichnenden Körper ihres Kollegen. „Harris hat nach dir gefragt“, sagte sie und biss sich auf die Unterlippe.

Ethan schnaufte verächtlich aus. „Wieder eine seiner Predigten? Der soll sich um seinen Scheiß kümmern.“

Margie lehnte sich gegen einen der Spinde. „Macht er doch.“

„Das blöde Arschloch kurvt mit seinem verdammten Sportwagen durch die Weltgeschichte, und ich darf es mir in nach Pisse stinkenden U-Bahnen bequem machen.“

„Gab es Stress mit deiner Liebsten oder bist du heute noch mehr gereizt als sonst?“ Während er sich die Beine mit einem Handtuch trocknete, näherte sie sich ihm von hinten und strich seinen Hals entlang. „Hat sie dich nicht rangelassen?“

Er wischt ihre Hand mit einem leisen Grollen zur Seite und öffnete seinen Spind. An der Innenseite der Metalltür hing das Foto einer jungen Frau. Im Hintergrund waren die Grünanlagen eines Parks zu sehen. „Du kannst es nicht lassen“, zischte er, der immer noch direkt hinter ihm stehenden Margie zu.

„Keine Ahnung, was du meinst“, schmachtete sie und presste ihren Oberkörper gegen seinen vom Regenwasser glänzenden Rücken. „Es gehören immer zwei dazu“, ihre Fingernägel strichen über den Flaum auf seiner Brust. „Abwechslung schadet schließlich nicht.“

Ethan biss die Zähne aufeinander, atmete stockend die Luft ein und drehte seinen Kopf erneut zu dem Foto. „Ein Fehler“, sagte er mehr nachdenklich als bestimmend. Margies Hand glitt seinen Bauch hinab. „Ich hasse mich dafür.“

„Manchen Fehler darf man gerne zwei mal machen“, gurrte sie verführerisch. „Warum sollten wir uns nicht ein wenig Spaß gönnen?“

„Dieses Mal nicht.“ Er griff ohne weitere Erwiderung nach seinem weißen Kittel, fischte ihn mit einer gekonnten Handbewegung vom Haken und drehte sich zu ihr um. Da er einen Kopf größer war, musste Margie zu ihm aufsehen. Im Zentrum eines jeden Auges glitzerte ein wollüstiges Funkeln. „Spricht da der Mann aus dir? Oder ...“

Er packte sie an den schmalen Schultern. „Ein Fehler“, wiederholte er den Ausspruch, und stieß sie von sich.

Margie torkelte einige Schritte zurück. Ihre Augen hatten sich innerhalb dieses einen Moments in schmale Schlitze verwandelt. „Keinen Schwanz in der Hose“, fauchte sie hämisch. „Kein Wunder, dass sie dich nicht mehr ranlässt. Vielleicht macht sie es sich ja mittlerweile selbst oder holt sich Abhilfe bei ihrem Professor.“

„Du solltest dich abregen.“

„Ach... Sollte ich das? Es ist noch gar nicht so lange her, da hast du mir die Ohren voll geheult.“

Ethan entgegnete darauf nichts mehr, legte seine nasse Kleidung über einen der altertümlich wirkenden Heizkörper und schlüpfte durch die Umkleidetür. Das 'Wichser' verpuffte ungehört im Nichts.

*

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DA SIND SIE JA“, KRÄCHZTE Harris. „Uns fällt hier die Decke auf den Kopf und Sie vertrödeln ihre Zeit sonst wo.“

„’tschuldigung“, murmelte Ethan und verdrängte die Vorstellung seinem Vorgesetzten, die Faust ins Gesicht zu wuchten.

„Seien Sie froh, dass wir sowieso schon unterbesetzt sind.“ Er strich sich über den blutverschmierten Kittel und zeigte in Richtung Halle. „Barker ist im OP, wird aber nicht mehr lange brauchen – sortieren Sie die dringlichsten Fälle aus und bereiten alles vor.“

„Was ist mit ...?“

Harris sah von dem gerade behandelten Patienten auf und funkelte ihn zornig an. „Haben Sie verstanden?“, zischte er drohend.

„Ja.“ Ethan formte seine Hände zu Fäusten. Unter der Haut zeichnete sich das Weiße der Knochen ab. „Ich mache mich an die Arbeit.“

Ohne den Assistenzarzt eines weiteren Blickes zu würdigen, beugte sich der Chefarzt wieder zu der vor ihm liegenden Frau hinab und untersuchte eine tiefe Schnittwunde, welche vermutlich von einem Messer herrührte.

Ethan eilte den Gang runter zur großen Halle und musste ernüchternd feststellen, dass New York sich innerhalb der letzten Stunden in ein Kriegsgebiet verwandelt haben musste. An den Wänden des Flures drängten sich sowohl Patienten als auch Angehörige, die ihn Hilfe suchend, ja fast schon herrisch anzustarren schienen.

Jemand packte nach seinem Arm, hinderte ihn am weitergehen. Ethan sah sich einem Teenager gegenüber. Eine aufgeplatzte Lippe, sowie ein kreisrunder Bluterguss rund ums rechte Auge, deklarierten ihn, zusammen mit einigen der anderen Anwesenden, zum Mitglied einer Jugendbande. „Flick mich zusammen“, nuschelte er und schielte zu dem Eingang des Hospitals. „Meine Leute und ich haben noch ‚ne Rechnung zu begleichen.“

„Später“, fertigte Ethan ihn ab und wollte seinen Weg gerade fortsetzen, als sich ihm das kantige Gegenstück zu seiner Selbst in den Weg stellte.

„Du hast ihn gehört – hilf ihm“, forderte der Schrank. Einige der restlichen Patienten zogen sich zurück und verfolgten die Szene aus sicherer Entfernung weiter.

„Ich sagte später“, knirschte Ethan. „Nur weil sich jemand die Fresse einschlagen will, werde ich niemanden bevorzugen. Jetzt geh mir aus dem Weg oder ich lasse dich und deinen nuschelnden Freund vor die Tür setzen.“

Der Schrank musterte zuerst ihn und sah dann zu seinem verletzten Kumpel rüber. Ein leichtes Kopfnicken reichte, um ihn Platz machen zu lassen.

„Geht doch“, bemerkte Ethan finster bei. Er strich sich in einer Geste des Abscheus über den losgelassenen Arm. „Macht uns keinen Ärger.“

Ethan setzte erleichtert seinen Weg fort. Seine Knie zitterten, für einen kurzen Augenblick hatte er fest mit einem Angriff gerechnet und war nun einfach nur froh, dass ihm die physische Konfrontation erspart geblieben war. Der grobschlächtige Fleischberg hätte ihn in der Luft zerrissen. Und da das Wachpersonal zurzeit sowieso unterbesetzt war...

Er ignorierte diese Vorstellung und ließ seinen Blick abermals über die, sich in der Wartehalle drängenden Menschen gleiten. Suchte nach einer bestimmten Person und fand sie in einem roten Haarschopf. „Sarah!“

Der rundliche Rotschopf drehte sich in seine Richtung und winkte ihm aufgeregt zu.

„Darf ich mal gerade“, entschuldigte er sich gleichzeitig bei mehreren Leuten und streifte ähnlich einer Schlange zu der robusten Oberschwester.

„Du kommst spät“, begrüßte sie ihn knapp und deutete auf das vor ihr liegende Kind.

„Findet Nathalie auch, aber ihr gefällt’s“, entgegnete er knapp. Er übersah das Kopfschütteln und widmete sich dem Patienten. „Sieht nicht gut aus“, betitelte er den scheinbar gebrochenen Arm des Kindes. Die Augen des Jungen waren vom vielen Weinen gerötet, der Kleidung nach stammte er aus den Slums. „Wo sind die Eltern?“

Sarah lachte auf: „Weiß der Teufel. Seine Schwester hat ihn hier abgeliefert und ist gleich wieder verschwunden.“

„Habt ihr den Arm schon röntgen lassen?“

„Das Gerät hatte heute Nachmittag einen Defekt. Der Reparaturservice wird erst Morgen eintreffen.“

Ethan besah sich die zitternden Lippen des kleinen Jungen. „Das kriegen wir schon wieder hin“, tröstete er ihn. „Deine Schwester hat dich hergebracht?“

Der Junge nickte und wischte sich mit dem gesunden Arm über das verweinte Gesicht. „Sie muss noch arbeiten..., sagt sie.“

Der Blick auf die über dem Eingang hängende Uhr stellte klar, um welche Art von Arbeit es sich da wohl handelte.

„Wenn man nach ihrer Kleidung ging“, flüsterte Sarah ihm zu, „muss sie aufpassen, dass sie sich nicht erkältet.“

Ethan stimmte ihr nachdenklich zu. „Wenn dir Margie über den Weg läuft, sag ihr, dass der Arm geschient werden muss. Ich muss...“

Das aufheulende Signalhorn in Verbindung mit dem rotblauen Lichtflackern, welches die draußen herrschende Herbstnacht wie ein Schwert zerschnitt, erstickte seine Worte im Keim.

„Frischfleisch“, stöhnte Sarah, „so schlimm war es noch nie.“

Die Schwingtür wurde aufgerissen und entließ zwei Sanitäter, die eine Bahre vor sich her schoben. Der darauf gebettete Körper entlockte einer Patientin einen heiseren Schrei.

„Nicht doch - wir sind voll belegt“, rief Ethan den beiden zu.

„Das sind die anderen auch“, rechtfertigte sich der Latino. „Sollen wir die Leute vielleicht erst noch durch die Gegend kutschieren bis ihr sie behandelt?“

„Reg dich ab ...“ Ethan besah sich den neu hereingebrachten Körper. Seine graue, fast pergamentartige Haut, wurde von unzähligen Tätowierungen geziert. Selbst Gesicht und Handflächen schienen besetzt. „Habt ihr schon was raus?“ Er schob die Lider des Mannes hoch und leuchtete ihm in die Pupillen.

„Sieht nach Schussverletzung aus ...“

„Ist ja nicht wahr“, kommentierte er die ausschweifende Diagnose. „Bringt den Mann in OP3. Wenn der Saal noch belegt sein sollte – schiebt ihr ihn einfach zur Seite ... Was hält er da fest?“ Die spinnenartigen Finger des Mannes hatten sich um ein dickes, in Leder gebundenes Buch gelegt. Als er seine Hand danach ausstreckte, schlug der Tätowierte die Augen auf. „Der schwarze Mann wird dich holen“, kreischte er, „es gibt kein Entrinnen, er wird von dir erfahren und dich töten ...“ So plötzlich er sich zu Wort gemeldet hatte, so schnell verstummte er wieder.

Die beiden Latinos wechselten irritierte Blicke aus.

„OP3“, sagte Ethan emotionslos, „beeilt euch.“

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HERZSCHLAG HAT SICH wieder normalisiert.“

„Prima“, schnarrte Barker, „einer von dreien.“ Barker wollte schon erleichtert aufatmen als die Tür zum Operationssaal aufgerissen wurde und zwei fluchende Latinos hineinließ. Die Bahre, welche sie vor sich her schoben, verdrängte die Hoffnung, auf eine Verschnaufpause und verursachte in seinen Schläfen eine heftiges Pochen. „Nicht doch. Lasst mich wenigstens den letzten noch zunähen.“

„Wir sind nur der Paketdienst“ rechtfertigte sich einer der Latinos, „wenn Sie mit der Ware nicht einverstanden sind, dann beschweren Sie sich beim Hersteller.“

Barker lief rot an. „Macht, dass ihr raus kommt.“ Er wartete bis die Sanitäter den OP verlassen hatten und wollte der Schwester gerade neue Anweisungen geben, als York hereinplatzte.

„Hab ich es nur noch mit Bescheuerten zu tun?“, schnauzte Barker den jungen Assistenzarzt an. „Ich ersticke hier in der Scheiße und Harris schickt mir einen Assistenzarzt?“

Ethan setzte ein gespieltes Grinsen auf. „Ich freu mich auch dich zu sehen“, entgegnete er ruhig und machte sich daran die Wunde des Tätowierten zu versorgen.

„Schusswunde?“

„Laut den Latinos schon, aber ich bin mir da nicht so sicher.“ Die Kleidung, unterhalb des Brustkorbs, des Mannes war in einen kreisrunden Blutkranz getränkt.

„Was soll das heißen? Du bist dir nicht sicher.“ Eine der Schwestern tupfte Barker etwas Schweiß von der Stirn, während er Nadel und Faden in symmetrischer Perfektion auf- und niedersteigen ließ.

„Eben was ich meinte.“ Sein Blick fiel wieder auf das Buch, welche noch immer im eisernen Griff des Tätowierten thronte. „Helfen Sie mir, ihm die Klamotten auszuziehen und nehmen Sie ihm das verdammte Ding weg.“

Die Schwester, eine Asiatin namens Yeoh gehorchte aufs Wort.

Barker warf seinem jungen Kollegen einen düsteren Blick zu. „Du enterst nicht nur meinen OP-Saal, sondern auch die einzige mir verbliebene Schwester“, maulte er.

„Noch nie vom Vorrecht der jungen Generation gehört?“

Barker gab ein geknurrtes Schnauben von sich und machte sich daran die letzten Zentimeter der Bauchdecke zu vernähen.

Während York damit begann, seine Hände zu desinfizieren, bereitete Yeoh alles für den baldigen Eingriff vor. Als ihre Hände das Buch berührten, riss sie ihren Arm mit einem schrillen Schmerzensschrei zurück.

„Was zum ...“ Als Barker seinen Kopf hob, verschluckte er die schon bereitstehende Bemerkung.

Er sah die zurückweichende Schwester und auch den Grund ihres von Pein verzerrten Gesichtes. Etwas hatte ihr die Fingerkuppen der rechten Hand weggerissen.

*

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BARKER LIEß DIE INSTRUMENTE fallen, eilte auf die Verletzte zu und übersah dabei den Tätowierten, welcher sich plötzlich aufrichtete und ihm mitten im Sprint das Buch entgegenschlug.

Endlich reagierte auch Ethan. Er griff sich eines der bereitliegenden Skalpelle und wollte sich dem Wahnsinnigen von hinten nähern als dieser sich zu ihm umwandte.

Hier im überfluteten Licht der Neonleuchten wirkten die Tätowierungen des Mannes wie eine zweite Haut. Über den Augen des Mannes prangten drei ihm unbekannte Schriftzüge, welche in ihrer äußeren Form an keltische Keilschrift erinnerte. Auf dem Gesicht des Mannes manifestierte sich ein irres Grinsen. Die dabei entblößten Zähne waren nur mehr als gelbe und schwarze Stümpfe zu erkennen.

„...der schwarze Mann“, hustete er und machte einen Schritt auf Ethan zu.

Der junge Assistenzarzt schielte am dem sich Nähernden vorbei. Barker zog sich an dem OP Tisch hoch und warf ihm dabei einen sagenden Blick zu: Halte ihn hin.

„Der ... schwarze Mann?“, stotterte Ethan. Das sich in seiner Hand befindende Skalpell war mittlerweile schweißnass und rutschte aus seinem Griff. Er verstärkte den Druck und blinzelte erneut zu dem nun stehenden Barker rüber, dessen eigenes Interesse kurz zu der in der Ecke kauernden Yeoh rüber glitt. Die zierliche Frau erschien apathisch und hatte ihre verwundete Hand in den Stoff ihrer Schwestern Kleidung gewickelt. Barker atmete leise aus. Sein vormals zu einem Halbscheitel gekämmtes Haar klebte an der Stirn. Die Augen suchten fieberhaft nach einer Waffe.

Der Tätowierte ließ ein abgehacktes Lachen erklingen. „Ja doch“, kicherte er, „deerr Schwaarzee Maann. Er will dich töten.“

„Wa... Warum sollte er das wollen“, quakte Ethan und setzte dabei ein dämliches Grinsen auf. „Ich habe... nichts gemacht.“

„Doch“, grunzte der Wahnsinnige. Seine spinnenartigen Finger strichen in hektischer Abfolge über das Buch. Es gab keinerlei Hinweise auf den möglichen Inhalt. Das Leder, wenn es denn welches war, prangerte in einem hellen verschmutzten Rot. „Ich habe es gesehen“, er kreiselte auf dem Absatz herum, Barker erstarrte. „Dreckige Sünder seid ihr.“

Eine der Deckenleuchten explodierte. Feine Glassplitter regneten auf die drei Männer nieder. Niemand achtete darauf, seine Augen zu schützen. Yeoh klappte bewusstlos zusammen und fiel mit einem dumpfen Aufschlag in ihr eigenes Blut. Eine weitere Deckenleuchte explodierte und tauchte den OP Saal in einen dunklen, nach altem Blut stinkenden Moloch.

Noch bevor Ethan fähig war seine andauernde Erstarrung endlich abzustreifen, hechtete Barker vor und rammte dem Irren beide Fäuste unter das Kinn. Zu seinem Entsetzten steckte dieser die Attacke einfach weg, und konterte noch im selben Moment mit einem Kopfstoß. Ethan konnte deutlich das Knacken hören.

„Wieder ein Fehler“, übertönte der Irre Barkers Aufstöhnen. „Armer Alex, wolltest dich wieder schlagen? – Hat dir deine Mutter denn nie gesagt, dass man so etwas nicht tut.“ Er fuhr sich mit der freien Hand über das vom Blut getränkte Hemd und riss es auseinander. Im unteren Bereich der Bauchdecke lauerte ein faustgroßes Loch, aus dessen Zentrum ein stetiger Blutfluss hervorsickerte. Keine normale Wunde, denn sie breitete sich aus. „Nicht schön – oder?“ Er neigte den Schädel zur Seite hin weg. „Willst du deinem Kollegen nicht helfen? Er könnte sterben und das ...“, er tauchte einen der Finger in die offene Wunde, „... wollen wir doch nicht, oder? Was würde Margie sagen?“

„Margie?“ Ethan zuckte zusammen. „Was ...“

Der Wahnsinnige schnitt ihm mit einer Geste das Wort ab. „Aber, aber – wer wird denn gleich verlegen. Ihr habt ja schließlich Niemandem geschadet. Das heiß“, er verharrte kurz, „mit Ausnahme deiner Verlobten. Oh – der schwarze Mann wird dir die Augen raus schneiden und sich an deiner Pein gütlich tun.“

Ethan bemerkte wie die tätowierte Haut Risse bekam. Sie schien von einer unheimlichen Kraft auseinander gerissen zu werden. Fast so, als würde etwas herausbrechen wollen.

Der Tätowierte riss den Kopf in den Nacken. „Er wird dich jagen“, geiferte er dem Wahnsinn nahe, „hörst du, er wird dich jagen und töten – ihm wird gar nichts anderes übrig bleiben. Denn du wirst der Letzte sein ...“ Der Tätowierte begann zu schreien. Die letzte Deckenleuchte explodierte und entließ sie der Dunkelheit.

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ER SPÜRTE EINEN HEFTIGEN Schlag. Blut schoss zeitgleich aus Mund und Nasenöffnung. Vor seinen Augen blitzen fast zeitgleich tausend Sterne auf. Er torkelte vorwärts, wurde von zwei Klauen gepackt und zu Boden geschleudert.

Barker und die Schwester waren weg. Verschwunden. Alles verlor sich in einem einzigen Gewirr aus Stille.

Ethan warf seine Arme wie ein Ertrinkender um sich, suchte nach Halt, wo es keinen gab.

„Du bist der letzte“, winselte der Tätowierte. „Hörst du. Der Letzte und der Anfang...“

„Barker ...!“ Er versuchte die Orientierung wieder zu finden, tastete sich vorsichtig vor. „Helfen Sie mir... Bitte.“ Etwas stimmte nicht. Sein Brustkorb schien auseinander zu bersten. Er suchte seinen Körper nach einer Wunde ab. Da war nichts. Kein Blut – aber etwas hatte ihn getroffen.

„Es gibt nur zwei Möglichkeiten und auf beiden steht der Tod. Der Tod! Du wirst es vollenden. Hörst du! Du wirst es ihm überbringen!“

Eine Klaue legte sich um seinen Hals, drückte unbarmherzig zu. Er fühlte wie sich die dreckigen Fingernägel des Tätowierten tief in seine Haut bohrten, sie anritzten. Warmes Blut lief ihm den Kragen herab. In seiner Panik winkelte er seinen linken Ellenbogen an und ließ ihn nach hinten schellen. Es gab ein widerliches Klatschen. Der Angreifer wurde nach hinten geschleudert.

Ein heller Lichtkegel, einer rettenden Insel gleichkommend, überflutete den Raum und ließ in Ethan den schwachen Funken einer Hoffnung aufkeimen. „Helft mir...“ bettelte er. „Oh Gott helft mir...“

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WIE GEHT ES IHM?“

„Er...“, Harris hielt kurz inne, wog die schon zuvor zurecht gelegten Worte nochmals ab und fuhr mit leiser Stimme fort. „Er ist stabil.“

Die junge Frau lachte verächtlich auf: „Das sind Ihre Koma-Patienten eine Etage tiefer auch – ich will wissen, ob er keine bleibenden Schäden davongetragen hat.“

„Das können wir noch nicht mit Bestimmtheit sagen.“

Nathalie wischte sich eine Strähne ihres schwarzen Haares aus dem Gesicht. „Was seid Ihr überhaupt für ein Laden?“

Harris konzentrierte sich auf die einstudierte Diagnose. „Es scheint sich um eine Art Virus zu handeln.“ Die Erklärung hörte sich hölzern und vorgetragen an.

„Ein Virus?“

Er hörte die Hysterie raus. „Wir stecken noch immer in den Untersuchungen.“ Er stand auf und wollte ihr eine Hand auf die Schulter legen.

Sie blockte den Versuch ab. „Ich will ihn sehen“, zischte sie barsch.

„Das wird kaum möglich sein... Wie schon gesagt, wir...“

„Wo sind die anderen Beiden?“

Er fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. Diese Fragerei machte ihn nervös. „Barkers Wunden werden zurzeit verarztet.“

„Die Schwester - was ist mit der Schwester?“

Harris fühlte einen dicken Kloß im Hals. „Das wissen wir nicht“, gab er mit überlegter Stimme zurück.

Allein der bloße Gedanke an das Vorgefallene, weckte in Harris den unwiderlegbaren Wunsch diese Gebäude auf dem schnellsten Wege zu verlassen und nie wieder einen Fuß herein zu setzen. „Laut Barkers Aussage“, er ließ, dass Doktor weg, „muss sie aufgrund der Ereignisse einen Schock davongetragen haben. Als der Wachmann den OP Saal betrat, fand er außer den beiden Ärzten und dem Leichnam niemanden mehr vor.“

Er verschwieg die tote Patientin, welche während der Vorkommnisse, gerade von Barker behandelt worden war. Noch mehr Probleme konnten sie sich nicht erlauben. Die gesamte Angelegenheit war schon strapazierend genug. Man hatte ihn gebeten die Überreste des Toten zu begutachten.

„Soll das heißen, dass ihr die arme Frau...“

„Wir tun alles...“

Nathalie rückte den Stuhl zurück. „Sie haben die Kontrolle verloren, Sie und die gesamte restliche Stadt.“ Sie nickte verächtlich zu dem kleinen Fenster, welches Harris Büro in ein kaltes Herbstlicht tauchte.

„Ich habe die Nachrichten gehört“, antworte der Chefarzt nervös. „Das legt sich wieder. Ich kann... Wo wollen Sie hin?“

Nathalie war aufgestanden und marschierte auf die Tür zu. „Ich will ihn sehen“, sagte sie tonlos.

„Davon ist abzuraten.“ Er räusperte sich: „Lassen Sie ein wenig Zeit verstreichen.“

„Welches Zimmer.“

„Nathalie, bitte.“

Sie streckte ihre Hand nach dem Knauf aus. „Bemühen Sie sich nicht. Ich finde es auch so.“

Nachdem Nathalie Wood, die Tür hinter sich ins Schloss geknallt hatte, lehnte sich Harris ermattet zurück und ließ einen wehleidigen Seufzer erklingen.

*

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ER FÜHLTE SICH WIE ein verwundetes Tier, dem die Geier bereits auf den Fersen waren und nur darauf warteten, dass es entkräftet zusammenbrach. Er machte sich gar nicht mehr die Mühe ihre neugierigen Blicke zu erwidern.

Barker befühlte die verbundene Nase. >Hätte schlimmer sein können<, hatte dieser Arsch, Harris behauptet. Aber einmal abgesehen von den dumpfen Schmerzen, gab es weit aus dringendere Dinge, die seiner Aufmerksamkeit bedurften.

Ethan York – einer der wenigen Menschen in diesem Drecksladen, die noch nicht vollständig abgedriftet waren. Vom Erdboden verschluckt.

Barkers Stirn legte sich in tiefe Falten. Die Sorge um seinen jungen Kollegen schien beileibe nicht eingebildet.

>Ich möchte Sie bitten, vorerst Stillschweigen zu halten< Stillschweigen... echote Harris Bitte in ihm nieder. Er war noch nicht ganz wieder aus der Bewusstlosigkeit aufgewacht, als der Chefarzt bei ihm auftauchte und ihm mit gespielter Ruhe erklärte, dass alles in Ordnung sei. Dieser Ausspruch und der Vorschlag, er solle sich den Rest der Woche doch bitte frei nehmen, waren ausschlaggebend. Die Sache stank zum Himmel.

„Alex?“

Er fuhr hoch und sah sich einer jungen bezaubernden Frau gegenüber, die er nur zu gut kannte. „Nathalie“, entfuhr es seiner trockenen Kehle.

Sie kam mit verunsicherten Schritten auf ihn zu. Das ansonsten gepflegte Haar stand widerspenstig ab. „Weißt du etwas?“ Keine Begrüßung – sie kam direkt zur Sache.

„Die Sache ist kompliziert.“ Er erinnerte sich an ihre erste Begegnung. Ethan hatte zum Essen geladen. Die Revanchierung für einen kleinen Gefallen. Ein kleines Essen, Wein, alte Geschichten.

„Kompliziert?“ Ihre Stimme vibrierte. Sie war am Ende. Stützte sich an der Wand ab.„Was ist vorgefallen?“

Wenn ich das wüsste ... Barker schauderte. Wenn er die Augen schloss, sah er es. Durchlebte es immer und immer wieder. Sah die wimmernde Gestalt, zusammengerollt wie ein geschlagener Hund der verzweifelt Zuflucht suchte. Und keine zwei Schritte von ihm entfernt die toten, starren Überreste. Als wenn sich die inneren Organe nach außen gekehrt hatten, beherrschte die leblose Hülle des unheimlichen Patienten den gesamten OP Saal und gab ihm nur mit seiner bloßen Anwesenheit den schalen Beigeschmack einer tristen Endgültigkeit. Hölle auf Erden, das waren seine ersten Gedanken gewesen. „Ich weiß es nicht ...“, gab er schließlich zu.

„Alex. – das ist nicht die CIA ...!“ Sie senkte ihre Stimme. Eine der Schwestern linste neugierig zu ihnen herüber. „Was hast du gesehen?“

Er wischte sich über die Stirn. „Ich war für ein paar Sekunden außer Gefecht...“, - nur ein paar Sekunden? – „...und als ich wieder zu mir kam, hatte sich der OP in ein Schlachtfeld verwandelt. Der Patient war durchgedreht.“ Er schüttelte missmutig den Kopf. Du bist einfach raus gerannt – geflüchtet. „Es wird vielleicht ein wenig dauern, aber Doktor Harris ist guter Dinge ...“

Nathalie verdrehte die Augen. „Was Harris sagt, ist mir egal. Er kommt mir immer wieder mit neuen Entschuldigungen, Alex...“

Er zuckte bei dem Klang seines Vornamens zusammen, sah in ihren Augen Tränen schimmern. Barker betitelte sich oftmals selbst als Eigenbrötler. Er hatte nicht viele Freunde, und wurde von seinen Kollegen, aufgrund seiner direkten und sarkastischen Ader, eher geduldet, als respektiert. In Ethan hatte er so etwas wie eine verwandte Seele gefunden. Eine Lehrer-Schüler-Beziehung. Das nun Geschehene war für ihn ebenso schmerzhaft wie für Nathalie.

„Ich habe Angst“, erklärte sie, – „verflucht noch mal – ich habe Angst.“

Vor seinem geistigen Auge formten sich die irre Fratze des Tätowierten. „Ich weiß“, antwortete er leise. Durch den dicken Verband, welchen er um die Nase trug, verkamen seine tröstenden Worte zu einem Witz.

Sie ignorierte es und sprach denselben Gedanken aus, der auch ihm, seit dem schmerzhaften Erwachen, nicht mehr aus dem Kopf ging. „Man verheimlicht etwas. Als wenn Harris alle zum Schweigen verdonnert hätte. Man konnte mir nicht einmal sagen auf welche Station er gebracht wurde.“ Ihre Augen wurden feucht.

Barker versteinerte. Die Situation wurde ihm zusehends unangenehmer. „Es wird eine logische Erklärung geben“, schnarrte er und machte einer der umherwuselnden Schwestern Platz. Der Ort der Unterhaltung war schlecht gewählt. Sie hatte ihn abgefangen, festgenagelt und auf Erklärungen gepocht.

Nathalie stöhnte leise auf. Die schattigen Ränder unter ihren Augen standen für den Schlafentzug, den sie seit der schrecklichen Nachricht durchgemacht hatte.

„Eine Erklärung?“ Tränen perlten ihre Wangen herab.

Barker legte ihr mitfühlend einen Arm um die zierlichen Schultern der jungen Studentin. Anders, als bei Harris unbeholfenen Versuch, ihr sein Beileid zu bekunden, ließ sie es dieses Mal zu.

„Störe ich?“ Im spiegelnden Glas des Stationsfensters, schimmerte der transparente Schatten einer hoch gewachsenen Frau.

„Du fragst, obwohl du die Antwort schon kennst“, presste Barker wütend hervor. Nathalie blickte verunsichert zwischen den beiden Ärzten umher.

„Unwissenheit kann eine Tugend sein.“

Barker schluckte seinen Zorn runter. „Was willst du?“

„Krankenbesuch.“ Sie blinzelte zu Nathalie rüber. „Sie müssen seine Freundin sein, Ethans“, resultierte sie Nathalies Anwesenheit und streckte ihr eine Hand entgegen.

„Wir sind verlobt“, entgegnete sie mit Tränen erstickter Stimme und entgegnete den Händedruck. „Sie und Ethan haben zusammengearbeitet?“ Die Frage erschien belanglos.

„Wir sind ein großartiges Team.“

Nathalie wandte ihr den Rücken zu und besah sich einen an Schläuchen angeschlossenen Mann, dessen äußeres Erscheinungsbild, an die verquere Karikatur eines gesunden Menschen erinnerte. „Er hat mir nie von Ihnen erzählt.“

„Vielleicht nur mal beiläufig.“ Im Glas spiegelte sich ein bösartiges Grinsen.

Barker, der dieser Unterredung überdrüssig wurde, fand es an der Zeit einzugreifen. Er fasste Nathalies Arm und führte sie sanft weiter. „Ich denke ein Kaffee wird uns jetzt beiden gut tun.“ Bevor, die Beiden in den Aufzug stiegen, warf er der immer noch grinsenden Margie einen finsteren Blick zu.

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WIE LANGE KENNEN SIE sich schon? – Nathalie?“

Die Studentin brach den Sichtkontakt zum Cafeteria Fenster ab und nuschelte eine Entschuldigung.

Barker winkte ab. „Ich müsste mich entschuldigen. Smalltalk ist wohl das Letzte, was Sie brauchen.“

Nathalie schüttelte leicht den Kopf. „Es ist das einzige, was mich davon abhält Amok zu laufen.“ Kaffee schwappte über den Rand ihrer Tasse.

„Ich kann es Ihnen nachempfinden“, fügte Barker gedehnt bei. „Man sieht, wie sich alles unaufhaltsam dem Chaos nähert und kann nichts dagegen unternehmen.“

„Was hat es eigentlich – mit dieser Margie auf sich?“

Barker verschluckte sich an seinem Tee und hielt sich hustend die Hand vor den Mund. „Die ehrliche oder die beschönigende Antwort?“

„Bitte ehrlich.“

„Sie ist eine Schlampe. Jagt jedem anständigen und weniger anständigen Mann nach, der ihr über den Weg läuft.“

„Haben Sie mal gesehen wie ...“

„Nein“, er setzte eine ernste Miene auf. „Ethan wäre wohl der Letzte, der auf so was reinfällt. Außerdem kann ich es mir nur schwer vorstellen, dass er es riskieren würde, Sie zu verlieren.“

Nathalie starrte verlegen in den Inhalt ihrer Kaffeetasse. „Es war nur so“, flüsterte sie, „diese Spannung.“

„Sie ist ein Miststück und ihr größtes Hobby ist es, jeden an diesem Umstand teilhaben zu lassen. – Was ist da vorne los?“ Barker reckte den Hals Richtung Terrasse. Nathalie folgte seinem Blick und konnte beobachten wie eine Traube von Menschen auf einen bestimmten Punkt außerhalb des Hospitals hindeutete.

„Vielleicht wieder ein Feuer“, schlussfolgerte Nathalie, der immer noch die Fernsehbilder der letzten Tage im Kopf herumschwirrten.

Barker runzelte nachdenklich die Stirn. „Brände sind in dieser Stadt mittlerweile so natürlich, wie anderswo Regen.“

Die Beiden verließen ihre Plätze und drängten sich hinter die wild durcheinander sprechenden Menschen. „Ich haue hier ab“, sagte ein etwas untersetzt wirkender, älterer Herr mit grauem Vollbart und Arbeiterhose. Er drängte sich an Nathalie vorbei und gestattete ihr somit einen Blick in die vor Angst starren Augen des Flüchtenden.

Aufgrund ihres zierlichen Körperbaus war es ihr ein Leichtes, sich an den dicht an dicht Stehenden vorbeizuschlängeln, um das Geschehen schließlich in der ersten Reihe mitzuerleben. „Der Himmel“, hauchte sie und bekam mit, wie eine der Schwestern, welche neben ihr stand in Tränen ausbrach. „Er brennt.“

*

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DER, VORMALS DURCH Schauer dominierte, Horizont war zu einem Schmelztiegel verkommen. Das Phänomen quoll bis weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Es war kein richtiges Feuer, mehr einem unergründlichen Ozean ähnlich, dessen Wasser blutig schimmerte.

Jemand griff nach ihrer Hand, zog sie sanft aus der murmelnden Menge. „Ärzte sind doch rational denkende Menschen, oder nicht“, sagte sie monoton. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

Barker erwiderte nichts.

„Wissen Sie die Antwort, Alex?“

Sie stellten sich neben den Getränkeautomaten. Er blickte sich nach allen Seiten hin um, wollte sichergehen, dass niemand das Gespräch mit anhören konnte.

„Eine Verbindung“, sagte er schließlich. „Ich bin mir ziemlich sicher, das die Ereignisse der letzten Tage, angefangen von den Tumulten bis hin zu der letzten Nacht in einem Zusammenhang stehen.“

Nathalie kräuselte die Lippen. „Woher ...“

„Nennen wir es die Intuition eines, in die Jahre gekommenen Arztes.“ Sie wollte ihn unterbrechen, aber brachte sie mit erhobener Hand zum schweigen. „Um zu klären, was hier vor sich geht benötigen wir Antworten.“

„Was schwebt Ihnen vor?“

„Harris konnte die ganze Sache nicht alleine bewältigen. Eine Hand voll Leute muss etwas wissen, und dort werde ich ansetzen.“

Sie hatte sich gegen den Automaten gelehnt und richtete ihren Blick zu einem der Fenster. Das von der Himmelserscheinung gesandte Licht spiegelte sich in ihren Augen wieder. „Ich möchte helfen.“

„Ich möchte, dass Sie sich zurückhalten. Ethan ...“

„Ich kenne ihn.“

Auf der Stirn manifestierte sich ein von Sorgen strapaziertes Runzeln. „Unweit des Hospitals gibt es ein kleines Cafe ... Es hat noch geöffnet“, fügte er schnell bei. „Die Ausschreitungen haben diesen Teil der Stadt bisher verschont und der Besitzer ist, nennen wir ihn mal, sehr geschäftsorientiert. Dort werden Sie warten.“ Er legte ihr zum Abschied die Hand auf die Schulter und zog dann mit eiligen Schritten Richtung Ausgang.

*

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BARKER NAHM ZWEI STUFEN auf einmal, strauchelte und konnte sich, mit mehr Glück als Verstand, gerade noch mal am Gelände festhalten. „Ein krönender Abschluss“, fluchte er und tastete sich vorsichtig nach unten. Wieder festen Boden unter den Füßen, wankte er mit weichen Knien zu der verzinkten Eisentür und kramte nebenher seine Sicherheitskarte unter dem Hemd hervor. Eine grün blinkende Leuchtdiode gestattete ihm den Zugang.

Der hier unten herrschende Temperaturunterschied ließ seine Brillengläser beschlagen. Der Atem kondensierte. „Bei Herodes“, schnaubte er und hielt nach dem Pathologen Ausschau.

„Doktor Barker?“ Ein kleiner dicker Mann mit Winterjacke und Wollmütze trippelte ungelenkt auf ihn zu. „Wir haben miteinander telefoniert.“

Barker ignorierte die ihm angebotene Hand und kam gleich zur Sache: „Es geht um den Patienten der ... letzte Nacht verstorben ist?“

Der Mann nickte hastig. „Wir mussten ihn in eine Wanne legen. Wir dachten zuerst das arme Schwein hätte sich irgendeinen Virus eingefangen.“

Er wurde hellhörig. „Sie wissen mehr?“

„Natürlich, schließlich ...“, er verschluckte den Satz legte seinen Kopf schief. „Sie müssen entschuldigen, aber wir alle müssen uns an Regeln halten und ... Sie wissen schon, am Ende hat der Chef immer noch das letzte Wort.“

„Das geht schon in Ordnung – Doktor Harris gab mir die Befugnis.“ Er zeigte zum an der Wand hängenden Telefon. Einem sterilen Überbleibsel des letzten Jahrzehnts. An einer kleinen, daneben hängenden Tafel, prangerten Nummern wie auch dazugehörige Namen des Krankenhauspersonals. „Wenn Sie möchten können Sie sich bei ihm erkundigen, aber ich würde ihn zurzeit nur ungern mit“, er setzte ein gewieftes Lächeln auf, „Banalitäten in Konflikt bringen. Schließlich müssen wir uns an die vorgegebenen Regeln halten.“

„Äh ...“, der Pathologe, kratze sich verlegen an der klobigen Nase, „natürlich“, sagte er wenig überzeugend.

„Wunderbar, und um auf den Patienten zurückzukommen – Kein Virus?“

„Nein, nein, es glich zwar den typischen Erscheinungsmerkmalen einiger uns bekannter Ebola-Stämme, aber im Endeffekt wies es sich als – na sagen wir – falsch – heraus.“ Er watschelte zu einem kleinen überladenen Schreibtisch. „Ebola – so ein Quatsch.“

Barker glaubte, unter den Tonnen an schriftlichen Unterlagen, das Flimmern eines Computermonitors wahrzunehmen. „Viel Arbeit?“, sprach er den fleißig in die Tasten hämmernden Pathologen darauf an.

Er nickte. „Wie schon gesagt“, er lächelte gehetzt, „wir dachten zuerst an Ebola, oder etwas Vergleichbares.“ Aus einem versteckten Lautsprecher säuselte leise Jazzmusik. „Bringt ein wenig Wärme hier rein“, quakte er. Irgendwo unter den angesammelten Müll, begann ein Drucker zu arbeiten. „Wir konnten ihm nicht mal einen Schnupfen nachweisen.“ Er drückte Barker ein Stück Papier in die Hand. In der Luft schwang der Geruch frischer Druckertinte mit. „Immer noch die alten Geräte...“, sagte er fast entschuldigend. „Unsereins muss sich halt mit dem zufrieden geben...“

Die näselnde Stimme des Pathologen schwand in den Hintergrund. Barkers Augen nahmen den mehrzeiligen Bluttest begierig in sich auf. Es stimmte, was der Pathologe gesagt hatte. Laut diesem Bericht war der Mann kerngesund.

„... unterbezahlt, finden Sie nicht auch? – Doktor Barker?“

„Ich ... oh ...“, er strich sich über das lichte Haar. „Tut mir leid, die ganze Angelegenheit hat uns alle ziemlich mitgenommen, Doktor York ist ein guter Freund und ...“

„Wer?“ Aus den Augen des Pathologen sprach pure Unwissenheit.

„Ethan York, einer der Assistenz-Ärzte, er war in die Sache involviert.“

„Der junge Mann. Mir wurde versichert das es sich um einen der Patienten handelte.“ Er kratzte sich den Hals, wirkte ratlos. „Mein Wirkungskreis liegt zwar mehr bei den Toten, als bei den Lebenden, aber soviel mir bekannt ist, hat man ihn auf die Quarantänestation gebracht.“

Barker runzelte die Stirn. „Wenn doch klar ist das, es sich um keinerlei ansteckenden Erreger handelt... Warum dann diese Sicherheitsvorkehrungen?“

„Dafür dass Doktor Harris Sie in die Sache mit einbezogen haben soll, wirken Sie ziemlich ratlos.“

„Sagen wir mal, dass die Informationen schneller übermittelt worden, als unsereins sie verarbeiten kann. Mir sind gestern mehr Patienten weggestorben, als in all meinen Berufsjahren zusammen.“

„Wo wir gerade bei den Toten sind...“, er bleckte sich über weißen Hasenzähne, „... wollen Sie ihn sehen? – Den Leichnam meine ich.“

Barker nickte beiläufig. Der Gedanke das York so leicht von der Bildfläche verschwunden war, beunruhigte ihn.

„Kommen Sie“, der Pathologe war aufgeregter, als ein Kind am Weihnachtsmorgen. „Es ist ...“, er schien nach den richtigen Worten zu suchen, machte schließlich eine verwerfende Kopfbewegung und wackelte zu einer der ausziehbaren Laden, in welchen die verblichenen Überreste verstorbener Patienten aufbewahrt wurden. „Sehen Sie selbst“, sagte er, die Bahre fuhr mit einem metallenen Kratzen aus der Einbuchtung und kam mit einem heftigen Ruck wieder zum stehen.

Im ersten Augenblick blieb es still. Barker setzte seine Brille etwas höher – sah zuerst zum Inhalt der Wanne, dann wieder zu dem Pathologen. „Das ist doch ein Witz.“

„Wohl kaum.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und gab sich im äußeren Erscheinungsbild, ähnlich dem Besitzer eines Kuriositätenkabinetts des 19. Jahrhunderts. „Kein Virus – keine Bakterien – nur der Verfall.“

„Wer weiß davon? Ich meine außer Harris ...“

„Keine Ahnung, ich weiß nur, dass der Chef ziemlich, na sagen wir mal“, seine Stimme nahm einen verschwörerischen Glanz an, „... ziemlich nervös war.“

„Harris und nervös?“ Barker lachte gekünstelt auf, bemerkte aber gerade noch rechtzeitig den argwöhnischen Blick des Pathologen um schnell umzuschwenken. „Er hat zur Zeit einige familiäre Schwierigkeiten ...“ Barker brach mitten im Satz ab.

„Wo sind die Tätowierungen?“

„Bitte was?“ Der Pathologe glotzte blöd aus der Wäsche, kramte ein kleines Notizbuch hervor und begann hastig darin rumzublättern. „Hat keine.“

„Das Gesicht war voll.“

Der dickliche Wollmützenträger setzte ein selten dämliches Grinsen auf. „Vielleicht wasserlösliche Farbe.“

„Wie heißen Sie?“

Der Pathologe wirkte überrascht. „Syzmoore, Brian Syzmoore, aber ...“

„Nun Mr. Syzmoore, würde es Ihnen etwas ausmachen, mir die persönlichen Sachen des Toten zu zeigen.“

Mit einem Mal schien die schon angespannte Stimmung noch weiter abzusinken. „Für Sie immer noch Doktor Syzmoore“, knurrte der Pathologe. „Wir haben die persönlichen Dinge des Toten aus Gründen der Sicherheit verbrannt.“ Mit einem Mal schien das blasse und tölpelhafte Auftreten des Pathologen, dem Aufbegehren eines wild rum pickenden Huhnes Platz zu machen.

„Was ist dann dort in der Kiste?“

„Nichts was Sie zu interessieren hätte.“

Barker ignorierte das empörte Verhalten des Dicklichen und marschierte in gerader Linie auf den viereckigen Karton zu.

Ein weiteres Metall auf Metall kratzen deutete darauf hin, dass der Tote wieder in seine Höhle zurückgekehrt war.

„Doktor Barker, ich muss Sie bitten das zu unterlassen. Die Polizei war noch nicht...“

„Wo ist das Buch?“

„Ich ... da war kein.“

Barker schnappte sich die Kiste und drehte sie auf den Kopf. „Der Tote hatte ein Buch mit den Ausmaßen der Bibel dabei – dass kann nicht einfach verschwunden sein.“ Bis auf einige Kleidungsstücke fiel nichts raus. Während er die vom getrockneten Blut verklebten Stofffetzen untersuchte, glaubte er zu hören wie, Syzmoores Herz einen Kollaps erlitt. „Das dürfen Sie nicht. Man wird mich dafür verantwortlich machen.“

„Ich denke nicht, dass die Polizei, heute oder in den nächsten Tagen aufkreuzen wird. Die haben zurzeit andere Sorgen.“ In einer der hinteren Hosentaschen erfühlte er ein zusammengeknülltes Stück Papier. Er zupfte es vorsichtig auseinander und musste zu seinem Erstaunen feststellen, dass es sich um ein Flugticket handelte.

„Was haben Sie da?“, kreischte Syzmoore.

Barker richtete sich wieder auf und ließ das Ticket dabei unbemerkt in der Innentasche seines Kittels verschwinden.

Das Gesicht des Pathologen war derweil rot angelaufen. Es fehlte eigentlich nur noch der Schaum vor dem Mund und die Karikatur wäre perfekt gewesen. „Möglicherweise“, begann Barker, „habe ich ein wenig vorschnell reagiert, ich bitte vielmals um Entschuldigung.“ Er wand sich der Sicherheitstüre zu. „Ach und noch was – Sie wissen ja Doktor Harris hat strengste Sicherheitsmaßnahmen angeordnet. Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie diesen auch weiterhin Folge leisten“

„Doktor Barker?“

„Ja?“

„Harris familiäre Schwierigkeiten ...“

„Was ist mit denen?“

„Geht es wieder um seine Frau?“

Barker wusste für einen kurzen Moment nicht wie er reagieren sollte. „... ich denke schon, ja, ja wieder die alten Probleme.“ In der Luft brodelte etwas Bedrohliches.

Syzmoore nickte wissend. „Grüßen Sie ihn bitte von mir.“

„Werd ich machen.“

Nachdem das Zuschnappen der Tür ihn von Barkers Verschwinden überzeugt hatte, watschelte er zum Telefon. Harris Nummer wusste er auswendig.

*

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TED MITCHEL HATTE EINEN Entschluss gefasst. Der graubärtige Hausmeister des Hospitals würde seine Sachen zusammenkratzen und diese verfluchte Stadt auf dem schnellsten Wege verlassen. Er hatte noch genügend Ersparnisse übrig um sich ein One Way Ticket nach Florida zu besorgen. Dort würde er die erste Zeit bei seinem Bruder Hank und dessen Ehefrau Liz unterkommen bis er sich überlegt hatte, wie es weitergehen sollte.

Während er damit begann, seine persönlichen Sachen zusammenzuklauben, liefen im Hintergrund seiner Dienstwohnung die Nachrichten: „... scheinen die anfänglichen Gewaltakte sich innerhalb der letzten Tage verzehnfacht zu haben. Die Statistiken zeigen das ...“

Ted schnaubte verächtlich auf. „Tun so, als würde es um ein Footballspiel gehen.“ Er lief zu der sich in der Ecke befindlichen Dreiersteckdose und zog das Kabel mit einem Ruck raus. „Ich hab die Schnauze voll“, murmelte der alternde Hausmeister und suchte sich nach einer geeigneten Transportmöglichkeit für seine restlichen Sachen um, als es mit unverhohlener Härte gegen seine Tür hämmerte. Da es sich um eine Metalltür handelte, hallte der Klang wieder und erfüllte die kleine Wohnung mit einem dröhnenden Nachschwingen.

Ted hielt inne. Zwanzig Jahre arbeitete er nun schon in diesem Laden, er konnte sich nicht daran erinnern, dass jemals einer bei ihm vorbeigeschaut hatte. Also, was sollte dieser Blödsinn? „Wer ist da?“, brummte er. Das Hämmern ging plötzlich von neuem los. Allerdings weitaus energischer, wie zuvor.

„Wollt ihr mich verarschen?“ Er lief zu der schweren Tür, riss sie mit einem Ruck nach innen und wurde noch im gleichen Augenblick von einem scharfkantigen Gegenstand getroffen. Ted schrie auf, taumelte zur Seite, knickte mit dem Fuß weg.

Jemand trat ein und ließ die Tür wieder zurück ins Schloss fallen. Es klang endgültig. Das Kreischen konnte nun nicht mehr nach draußen dringen. „Wer ist da?!“, brüllte er gepeinigt auf und versuchte, verzweifelt die klaffende Wunde an seiner Stirn endlich zum versiegen zu bringen. „Gott noch mal! Wer ist da?“ Das klebrige Blut war überall, lief ihm sowohl in Augen als auch Rachen.

Er vernahm leise, ja fast zaghafte Schritte.

„Wenn Sie Geld wollen dann nehmen Sie ... bitte ich hab nichts getan.“

Schritte klangen auf. Der Unbekannte machte sich an den Schränken zu schaffen. Schubladen wurden aus ihrer Verankerung gerissen und polterten krachend zu Boden.

„Verdammt, Sie können doch nicht ...“

„Wo ist sie?“, klangen die nach einer Antwort gierenden Worte einer Frau auf. Er spürte einen dumpfen Tritt in den Magen und rollte sich, mit schmerzverzerrtem Gesicht zur Seite. „Ich ...“ Ein weiterer Tritt folgte. Mitchel schrie auf. Hielt sich den Unterleib und winselte eine nicht zu verstehende Bitte.

Seine flehentlichen Bemühungen wurden mit einem verhöhnenden Lachen gewürdigt. „Du wirst mir nun verraten, wo die verdammten Sicherheitskarten aufbewahrt werden.“

Die Tränenflüssigkeit hatte das Blut aus den Augen gewaschen und seine von Schatten verdunkelte, dominierte Sichtweise, in eine verschwommene Transparenz getaucht. Sein Angreifer hielt sich direkt über ihm. Als er der Farbgebung, welche seinen Folterknecht umfing gewahr wurde, entrang sich seiner Kehle ein verwirrtes Schnarren. „Eine Schwester?“, krächzte er und fing sich dafür gleich den nächsten Tritt ein.

„Die Karte“, verlangte sie kalt.

„Schrank ... über dem Bett ...“ Mitchel hatte die Augen verschlossen und hielt schützend die Arme vor dem Unterleib.

Er hörte wie sie sich von ihm entfernte. Ein Knarren deutete vom öffnen des alten Schrankes. Er streckte einen Arm aus. Fühlte den fusseligen Teppich und zog sich ein Stück vor.

„Wohin des Weges?“

Er sank schnaubend zu Boden. Spürte das Vibrieren ihrer näher kommenden Schritte.

„Der dunkle Palast wird wieder auferstehen“, drang es in seinen Schädel, „der fleischgewordene Schmerz giert nach Vollkommenheit und muss die Reise antreten.“

Er wollte etwas erwidern, aber aus seinem ausgetrockneten Mund drang nur mehr ein Pfeifen.

„Erbärmlich“, fauchte es auf.

Nachdem Ted Mitchels Schädel den sich wiederholenden Tritten nichts mehr entgegenzusetzen hatte und sich die heraus gelösten Knochensplitter bis tief ins Gehirn gebohrt hatten – verweilte sein Mörder einen kurzen Moment über der verübten Gräueltat. Die Sicherheitskarte leicht in der Hand wiegend, kehrte sie der noch warmen Leiche den Rücken zu und machte sich auf den Weg zu ihrer nächsten Verabredung.

*

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... SCHEINEN SICH die anfänglichen Gewaltakte innerhalb der letzten Tage verzehnfacht zu haben. Die Statistiken zeigen auf, dass ein Großteil der verübten Taten keinerlei Grund aufwiesen und eher an Wahnsinn, als an ...“

Murphy drehte den Schieber des Autoradios energisch weiter, und lauschte zufrieden dem neu eingestellten Sender. Der marode Jeep knatterte einen kleinen Hügel hoch und verscheuchte dabei einige Kängurus, welche ganz in der Nähe der Straße am grasen gewesen waren. Er bedachte die davon hüpfenden Tiere mit nachdenklichem Blick. Genoss die ihm hier gebotene Schönheit der Natur und stellte sich das Leben als Einsiedler gar nicht mal so schlimm vor. Statt Dämonenjäger würde er sich den Titel eines altehrwürdigen Eremiten zulegen. Und wenn es irgendwo auf, dieser vom Chaos gebeutelten Welt Probleme gab, konnten sie sich einen anderen Deppen suchen.

„... Murphy ... kannst du mich hören“, beendete die krächzende Stimme des Funkgerätes die fein ausgelegte Fantasie und katapultierte ihn wieder zurück ins hier und jetzt. „...Murphy ...?“

Er schnappte sich die Sprechapparatur. „Hier Murphy - Hank bist du es?“

„... Wo bist du ...?“ Trotz der Interferenzen, hörte Murphy einen fast ängstlich klingenden Ton raus. „Alles in Ordnung bei euch?“

„... kurz nachdem du weg bist, bekamen wir einen Anruf von einer der Farmen“, Hank pausierte kurz, „...es ging um sein Vieh ...“

Murphy hielt den Wagen an, in seinen Augen blitze mit einem Mal eine beunruhigende Essenz auf. „Was ist passiert?“

Rauschen. Im Hintergrund glaubte er eine schreiende Frau zu hören.

Er drückte das Mikro dicht gegen den roten Bart. „Hank. Was ist passiert?“

„... Wir sind...“, knisterte es aus den Lautsprechern, „Mathew wollte keine Zeit verlieren ...“. Es gab wieder eine Pause. „... David ... er ist tot – sie haben ... gewartet ...“

Murphys Blick wurde kalt. Er drehte den Zündschlüssel, fuhr an und wendete. „Wo bist du? Wer ist da bei dir?“

„... Schule ... wir haben uns verbarrikadiert ... aber ...“

Das Geschrei im Hintergrund wurde zunehmend lauter. Ein Schuss hallte auf.

„Hank? – Hank!“ Er ließ das Funkgerät fallen, fixierte die Straße und drückte das Pedal durch.

*

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HANK MCCOY, FUHR AUF dem Absatz herum und riss in der Bewegung das Funkgerät mit sich. Es gab ein schepperndes Geräusch, das im schrillen Geschrei der Kinder unterging. Sein Blick wanderte zu dem rauchenden Gewehr, welches in den zitternden Händen von Kathrin Stevens ruhte.

Ihre schreckgeweiteten Augen starrten geradewegs auf die Tür, in welcher nun ein etwa faustgroßes Einschussloch klaffte. Ein cirka acht jähriges Mädchen hatte sich an ihr Bein geklammert, es wirkte apathisch.

Hank stieß einen weinerlichen Fluch aus. Das Funkgerät würde vorerst nicht mehr senden, soviel war klar. Er zog seinen Dienstrevolver und legte ebenfalls auf die Tür an. „Hast du etwas gehört?“, raunte er Kathrin zu.

Die junge Lehrerin neigte ihr Gesicht etwas zur Seite. Den Mund einen schmalen Spalt geöffnet formte sie unsichtbare Worte. „Sie sind da.“

Hank bedachte die übrigen Kinder, welche sich hinter einem, aus Bänken und Tischen, bestehenden Schutzwall zurückgezogen hatten, mit angstvoller Mine. Der Gedanke, was ihnen blühte, wenn Murphy es nicht mehr rechtzeitig schaffte, war zu grausam, als ihn länger aufrecht zu erhalten.

Das durch das Loch in der Tür einfallende Licht wurde kurz unterbrochen. Sarah schrie auf und schickte eine weitere Salve nach vorne. Holz splitterte. Sie wollte gerade ein weiteres Mal anlegen, als Hank einschritt: „Es reicht!“, herrschte er sie an. Sie hörte nicht und drückte den Abzug der Waffe ein weiteres Mal durch.

„Kathy - bitte!“

Sie reagierte endlich - zuckte beim Klang der Stimme zusammen und hielt mitten in der Bewegung inne. Ihre Lippen zitterten wie Espenlaub.

„Wir dürfen keine Munition verschwenden“, flehte er, „er wird bald hier sein und ...“

Hinter der Tür erklang das Hyänen gleiche Lachen ihrer Peiniger.

„Bis dahin“, flüsterte Kathy, „sind wir alle tot.“

*

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CIRKA ZEHN KILOMETER von der Schule entfernt drückte David Murphy wie ein Besessener das Gaspedal durch. Schweiß perlte ihm von der Stirn, vernebelte die Sicht auf die Straße. So kam es einem Wunder gleich, dass er den Mann gerade noch rechtzeitig bemerkte und im letzten Augenblick ein Ausweichmanöver vollführen konnte. Er riss das Lenkrad steil nach links und krachte frontal gegen einen ausgedörrten Baum.

„Das ist doch nicht wahr“, versuchte er das soeben Geschehene in einen Kontext zu bringen. Das zischende Pfeifen des Kühlers und die dabei ausgestoßene Dampfwolke, zeigte ihm auf das er den Wagen für die nächste Zeit abschreiben konnte.

Jemand klopfte gegen die Windschutzscheibe.

„Was zum ...?“ Murphy glotzte in das weißbärtige Gesicht eines Aboriginis. In den Augen des Greises schien ein unbändiges Feuer zu lodern. Nachdem die beiden Männer sich cirka zehn Sekunden lang angestarrt hatten, wandte sich der Aborigini der Vorderseite des Jeeps zu und klappte den Motordeckel hoch.

„Moment mal.“ Murphy sprang aus dem Wagen. „Von der Kiste weg“, drohte er und machte dabei einen Schritt in Richtung des, wie ihm erst jetzt auffiel, nackten Mannes, welcher sich da so frech an seinem Auto zu schaffen machte.

„Hat sich nur der Schlauch gelöst“, murmelte der Alte, und ließ die Motorklappe mit einem zufriedenen Lächeln wieder nach unten fallen.

„Der Schlauch?“, wiederholte Murphy die Diagnose des Mannes, welcher sich plötzlich zur Beifahrerseite begab und in den Wagen stieg. „Was soll ...“ Er ging in die Hocke und sah wie der nackte Aborigini es sich auf dem Sitz bequem machte und bereits nach dem Sicherheitsgurt am tasten war. „Ich habe für so was keine Zeit“, blaffte Murphy, und die hatte er wirklich nicht, es kam auf jede Sekunde an. Wusste der Leibhaftige wie lange Hank noch durchhielt, die letzten Funkübertragungen ließen nichts Gutes erwarten.

Der Aborigini steckte den Gurt in die dafür vorgesehene Halterung. An der rechten Wange des Mannes verliefen drei geschwungene Linien, die von einem Halbmond umgeben waren. Der dunkelhäutige Körper des Greises erschien trotz des wahrscheinlich hohen Alters noch immer muskulös. Ein Indiz, dass der Mann Zeit seines Lebens dem Ideal seiner Vorfahren nachgeeifert war.

Murphy schwang sich hinter das Lenkrad. „Raus hier“, drohte der Dämonenjäger erneut.

Der Aborigini schloss die Augen. „Wir sollten uns beeilen“, erwiderte er mit kräftiger Stimme, „sie halten nicht mehr lange durch.“

David stöhnte auf, warf noch im selben Moment den Motor an und bugsierte den Jeep wieder auf die Straße. „Es kann nicht angehen, dass ein einziger Kontinent so viele Bekloppte bereithält. – Das kann einfach nicht.“

*

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ALEX!“

Barker blieb wie angewurzelt stehen und wartete darauf, dass ihm wohl bekannte Parfüm zu riechen. „Was willst du?“, knurrte er, ohne sie anzusehen.

„Brauche ich denn einen Grund um mit dir zu sprechen?“, rechtfertigte sich Margie und streckte ihren Oberkörper provozierend vor. „Aber ich kann dich beruhigen – es geht um eine deiner Mitarbeiterinnen.“

„Und wen genau?“

„Valory Yeoh... die Gute scheint unauffindbar.“

„Vielleicht ist sie krank.“ Er setzte sich wieder in Bewegung. „Frag bei der Zentrale nach.“

Sie ließ nicht locker. „Hab ich schon, aber die sagten, sie habe das Gebäude seit gestern nicht mehr verlassen. War sie nicht auch in dem OP, als die Sache mit Ethan passierte?“ Sie setze ein süffisantes Grinsen auf. „Ist doch merkwürdig, findest du nicht auch? Ich meine, wenn man nach so einer Schicht wie gestern endlich Feierabend hat, dann macht man doch das man nach Hause kommt.“

Barker zuckte mit den Schultern. „Ich kann nicht den Aufpasser für jeden hier spielen, frag einfach eine der anderen ob sie eine Doppelschicht machen will.“

„Die würden sich eher die Pulsadern aufschneiden, als mir einen Gefallen zu tun, das weißt du.“ Sie setzte wieder ihren engelsgleichen Gesichtsausdruck auf und begleitete ihn den Gang runter zu einem der dort stehenden Kaffeeautomaten. „Ich dachte eigentlich immer, dass du deine Schäfchen unter Kontrolle hast.“

Bevor er etwas erwidern konnte, schlüpfte sie an ihm vorbei und warf einige Münzen in den Schlitz. „Wie ich hörte hast du Brian einen kleinen Besuch abgestattet.“

„Wem?“

„Dem fetten Pathologen unten im Keller – die Assistenzärzte nennen ihn den Buckligen“, sie fischte sich ihren Cappuccino raus, machte eine schwungvolle Drehung und brachte den dampfenden Inhalt des Bechers dicht an ihre Lippen.

„Was willst du?“, kommentierte Barker ihr klettenartiges Aufbegehren.

„Nichts – ich bin halt nur etwas neugierig. Aber das scheint nicht nur mir so zu gehen.“ Sie fuhr sich mit ihrer Zunge über den an ihren Mundwinkeln hängen gebliebenen Schaum und sah Barker dabei unterwürfig an. „Der Bucklige hat mir die Leiche gezeigt, also was geht hier vor?“

In Gedanken eine Hand um den Hals von Syzmoore, die andere um den Hals dieser verfluchten Frau, fühlte er das Blut in seinen Ohren rauschen. „Auf Station vier warten einige Patienten darauf, dass man ihnen einen Einlauf verpasst. Hättest du nicht Lust?“

Sie schleuderte den Kaffeebecher samt Inhalt vor seine Füße. „Erstaunlich, dass du noch immer der festen Überzeugung bist, in diesem Schuppen die Nummer 2 zu sein. Soll ich dir was sagen.“

Barker ignorierte die Furie und machte sich wieder auf den Weg. In einem Punkt hatte sie Recht – die Neugierde war ein Aspekt, der sie beide verband. Der leichte Druck des in seiner Tasche befindlichen Flugtickets, festigte diese Überlegung.

Margie sah ihm finster nach. „Du bist ein Nichts“, vollendete sie ihren vorherigen Satz. „Hörst du – ein Nichts.“

Als sie die entgegen gesetzte Richtung einschlug, prallte sie mit einer der jungen Schwesternschülerinnen zusammen. „Da vorne hat jemand Kaffee verschüttet, bring das in Ordnung“, fauchte sie, und zog, ohne die junge Frau eines weiteren Blickes zu würdigen, weiter.

*

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ALS ER DEN DUNKLEN Mantel der Bewusstlosigkeit abstreifte, erklomm sich seiner trockenen Kehle ein befreiender Aufschrei. Sein Brustkorb bäumte sich auf, machte die Konturen der Rippen sichtbar.

Kalt, war sein erster Gedanke, es ist kalt. Er öffnete die Augen, blickte an sich herab. Er war nackt, jemand hatte ihn seiner Kleider beraubt. Wer? Erst jetzt wurde ihm gewahr, dass er sich in keinem Bett befand. Kein Krankenhaus.

Er stützte sich auf. Die Handflächen zuckten bei der Berührung des Bodens zurück. Wie Eis. Er richtete sich auf, machte ein paar Schritte, und blieb mit offenem Mund stehen.

Es war eine Halle – kuppelartig, einem riesigen Gewölbe gleichkommend. Roter, sich bis in den schmalsten Winkel, vorwagender Marmor, beherrschte das Gesamtbild. Seine Füße scharrten unruhig über die raue Fläche. Ein durchgehendes Schwarz, welches wie aus einem Guss wirkte. An den Rändern schien er mit dem roten Gestein zu verwachsen. Kein Bruch. Alles wirkte wie eine Einheit.

Was für die Wände galt, machte auch vor dem sich im Zentrum dieses Gebäudes befindlichen Kasten nicht halt. Ein Kasten? Ethan trat näher. Der Kasten entpuppte sich, als geometrisch perfekt abgestimmter Würfel cirka 3 Yards im Durchmesser. Innerhalb der Augenhöhe war ein schmales Gitter eingelassen.

Er trat näher, hielt aber immer wieder an, und warf besorgte Blicke um sich. Seine Füße schmerzten, sogen die Kälte förmlich in sich auf und machten seinen Gang zu einer Tortur.

Du träumst, dachte er immer wieder, das muss ein Traum sein. Vor seinem inneren Auge manifestierten sich die Züge des Tätowierten. Der Wahnsinnige ... war er hierfür verantwortlich?

Ethan drehte sich einmal um die eigene Achse. Obwohl weder Fenster noch andere Öffnungen existierten, gab es keine Schatten. Das Licht war einfach da, und wirkte wie eine aufgetragene Farbe.

„So allein unterwegs?“ krächzte es auf.

„Wer ...?“ Seine Augen hefteten sich an den Würfel. Hinter den schmalen Gitterstäben waren zwei gelb leuchtende Augen aufgetaucht.

Er strauchelte zurück. „Oh mein Gott.“

„Den wirst du hier vergeblich suchen ...“

*

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SIE WOLLTEN MICH SPRECHEN“, übersprang Barker die Begrüßung und ließ die Türe unwirsch ins Schloss zurück knallen.

Harris flankierte ihn scharf und nickte zu einem der freien Stühle.

„Ich stehe lieber – gut für die Kondition.“

„Wie Sie meinen.“ Er stützte seine Ellenbogen auf die schwarze Schreibtischplatte und faltete seine knorrigen Hände ineinander. „Ich hörte, dass Sie unserer Pathologie einen kleinen Besuch abgestattet haben ...“

„Erstaunlich wie schnell sich so etwas herumspricht.“

„Wir sind halt eine große Familie, dass sollte man nicht außer acht lassen. Und ... dass ich nie verheiratet war, ist eigentlich kein sehr großes Geheimnis.“

Barker besah sich eines der an der Wand hängenden Zertifikate und nahm es, unbeachtet Harris finsterer Mine, ab.

„... wie in jeder großen Familie üblich“, fuhr der Chefarzt zähneknirschend fort, „gibt es natürlich auch ein schwarzes Schaf.“

Das Zertifikat fiel mit einem lauten Klirren zu Boden und verteilte in einem Kreisrunden Radius Hunderte Splitter. „Hoppla“, Barker räusperte sich. „Tut mir wirklich leid, aber Sie wissen ja“, sein Tonfall wurde ernst, „im Krankenhausalltag kann öfter mal was zu Bruch gehen.“

„Was erlauben Sie sich!“ Harris war aufgesprungen. Der Chefarzt hielt sich nur mehr schwer unter Kontrolle. Seine Nasenflügel bebten. „Halten Sie sich aus der Sache raus!“

„Sie machen mich neugierig – von welcher Sache reden Sie genau?“ Er bückte sich nach dem freigelegten Zertifikatund befreite es vom übrig gebliebenen Glas. „Warum wird Ethan York unter Quarantäne gehalten?“

„Interne Angelegenheiten ...“ Auf Harris Gesicht hatten sich rote Sprenkel gebildet. „Nichts was Sie interessieren sollte.“

„Da bin ich anderer Meinung.“

Er schnaubte verächtlich aus. „So, sind Sie das. Es täte Ihnen gut eine kleine Auszeit zu nehmen.“

„Suspendierung.“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen – eine der Sicherheitskräfte wird Sie hinausbegleiten.“

Wie ein perfekt einstudiertes Schauspiel, klopfte es in diesem Augenblick an der Tür.

„Perfektes Timing, und das in Ihrem Alter – muss ich jetzt applaudieren?“

„Sie haben nicht die geringste Ahnung, was hier vor sich geht.“

Die Tür schwang nach innen und entließ einen dicklichen Sicherheitsmann, der zuerst zu Harris dann zu Barker herübersah.

„Schaffen Sie ihn raus“, zischte der Chefarzt, „und dann besorgen Sie mir jemanden, der hier sauber macht.“

Noch im hinausgehen, ließ Barker ein gespieltes Lachen erklingen: „Um hier sauber zu machen, werden Sie einen verdammt großen Besen benötigen, aber ich wünsche Ihnen trotzdem viel Glück dabei.“

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AUCH WENN SYZMOORE wusste, dass Margie nur an Informationen interessiert gewesen war, hatte er den Flirt doch sehr genossen. Eine willkommene Abwechslung, die seine Wut auf Barker jedoch keineswegs hatte verrauchen lassen. Dieser eingebildete Lackaffe hielt sich für die Krönung der Schöpfung, der den Begriff „Götter in Weiß“, ein wenig zu wörtlich nahm.

Nachdem er seine Mittagspause damit verbracht hatte, einen Beschwerdebrief zu verfassen, wollte er sich nun den, wie er sie nannte, schönen Dingen des Lebens widmen. Immer noch in Gedanken bei Margies Rundungen, begab er sich zu seinem Arbeitsplatz zurück.

Bei dem Toten handelte es sich um einen cirka vierzigjährigen Mann, dem man mit Hilfe einer gezackten Klinge die Kehle durchgeschnitten hatte. Der dabei entstandene Spalt zwischen Kinn und Torso wirkte trotz der, tief ins Fleisch gehenden, Wunde seltsam Blut leer. Obwohl die Todesursache eigentlich klar war, musste er jede noch so kleine Einzelheit detailliert festhalten. Der letzte Polizeibesuch lag aufgrund der anhaltenden Unruhen zwar schon längere Zeit zurück, was aber nicht heißen sollte, dass er sich einfach auf die faule Haut legen konnte. Er strich mit seinen vom Latex umschlossenen Händen über die klaffende Wunde und bohrte den Finger nagelbreit ins Fleisch. „Was war dein Fehler?“, flüsterte er. „Den falschen Typen angerempelt oder vielleicht einfach nur falsch abgebogen?“

Hinter ihm kicherte jemand. Der erste Gedanke, dass Margie ihm ein weiteres Mal ihre Aufwartung machte, entpuppte sich zu Syzmoores Ernüchterung, als falsch. Es musste sich um eine der Schwestern handeln, aber die besaßen nicht die vorgegebenen Sicherheitsmerkmale. Die Keycards wurden nur an Ärzte vergeben. „Sie haben keine Autorisierung“, raunte er der im halbdunklen stehenden Frau zu, die seine Bemerkung mit einem erneuten Kichern quittierte.

„Das ist doch wohl ...“ Er knallte seine Notizen auf den nackten Brustkorb des Toten. In seinen Ohren pochte das Blut. Es war schon schlimm genug, dass diese verdammten Idioten ihn hinter seinem Rücken zum Narren hielten, aber, dass sie es nun auch noch wagten seine einzige Zufluchtsstätte zu infiltrieren, brachte das Fass endgültig zum überlaufen. „Ich werde das Sicherheitspersonal“, er schnaufte kurz, „über ihre kleine Vorstellung in Kenntnis setzen.“

„Sie werden sterben.“

Syzmoore stoppte. „Was sagen Sie da ...?“

Die Schwester trat einen Schritt vor. Auf dem rosafarbenen Stoff ihrer Kleidung, zeichneten sich dunkelrote Flecken ab. Syzmoore erkannte sofort die Konsistenz der Flecken und wich automatisch einen Schritt zurück. „Ist etwas passiert?“, stotterte er. „Ich meine, haben Sie sich verletzt.“

„Bei mir ist alles in bester Ordnung“, gab die Schwester, eine Asiatin, flötend wieder. „Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.“

„Wie ... ich verstehe nicht ...“ Sein Blick ging zu ihrem rechten Arm, den sie hinter dem Rücken verborgen hielt.

Die Frau strahlte eine scheinheilige Ruhe aus. „Ich glaube nicht, dass einer der Toten jemals mit Ihnen gesprochen hat. Wissen Sie auch warum nicht?“ Sie blieb stehen. „Weil es nur denen vergönnt ist, die auserwählt worden.“

„Sie haben doch einen Knall“, gackerte Syzmoore verwirrt und nahm hinter dem Seziertisch Stellung ein. „Wenn Sie nicht sofort verschwinden, werde ich das Wachpersonal informieren und ...“ Die letzten Worte verschluckte er.

Eine der Klappen, hinter denen die Leichen aufbewahrt wurden, war aufgesprungen. Die Lade rollte mit einem durchdringenden Scheppern aus der Mulde und kam mit einem heftigen Ruck zum Stillstand.

Die Wanne, durchfuhr es ihn. Er konnte hören wie ihr Inhalt sich ...

Die Frau streckte ihren, zuvor verborgenen Arm vor, und offenbarte ein Buch. Bevor Syzmoore überhaupt dazu in der Lage war, das Geschehene zu begreifen, gab es einen durchdringenden Krachen. Die Wanne wurde aus ihrer Verankerung gerissen und stürzte direkt auf ihn zu. In einer gedankenschnellen Reaktion, die man dem dicklichen Mann niemals zugetraut hätte, ließ er sich zu Boden fallen und entging somit knapp dem Tod. Das Krachen und Splittern des Tisches ging ihm durch Mark und Bein.

Die Schwester verfiel in archaisches Gelächter. „Armselig – einfach nur armselig.“ Sie schwebte leichtfüßig zur umgekippten Wanne und betrachtete den auslaufenden Inhalt. „Sie werden es nie begreifen – diese Essenz, diese Verbundenheit.“

Syzmoore richtete sich vorsichtig auf. Wagte es jedoch nicht sich vollends zu erheben, sondern schlich ähnlich einem Buckligen, wie er von vielen Kollegen genannt wurde, Richtung Ausgang.

Während Syzmoore es vorzog die Flucht zu ergreifen, war die Schwester auf die Knie gesunken. Die Leiche des Tätowierten hatte sich mittlerweile vollständig verflüssigt. Eine rotbraune Masse, die einen abartigen Geruch absonderte. „Der gute Dela Rosa“, schmunzelte sie und legte das Buch in die Brühe. „Er war ein so guter Diener.“

Ähnlich einem überdimensionierten Schwamm, begann das Foliant die verbliebene Essenz der Leiche in sich aufzunehmen.

Syzmoore war nahe dem Ausgang, es galt nur noch ein kleines Stück zu überwinden. Seine Zähne klapperten. Bleib cool, ermahnte er sich. Das sind keine zwei Meter, hörst du, keine zwei ...

„Sie wollen uns schon verlassen?“, flöteten die süßlichen Klänge einer von Hass unterwanderten Stimme zu ihm hinüber.

Er drehte sich um 180 Grad und musste wie ein ertappter Frosch auf der Autobahn wirken, der jeden Moment von einem tonnenschweren Truck überrollt wurde.

„So was Dummes ... ich hätte Ihnen mehr ...“, sie schielte auf den nassen Fleck welcher sich auf seiner Hose und einem Teil des Beinkleides ausgebreitet hatte, „... nun mehr Courage zugetraut. Ich meine für einen Akademiker haben Sie in meinen Augen verdammt schlecht abgeschnitten.“

Seine Atmung ging nur noch stoßweise, erinnerte an eine alte Dampflok die ihre besten Tage schon hinter sich wusste, und reif für die Schrottpresse war.

Die Schwester hob eine der schmal gezupften Augenbrauen. „Wussten Sie, dass Sie von dem Personal, als Buckliger bezeichnet werden?“

Trotz der Lage, in welcher er sich befand, fiel ihm eine Veränderung auf. Das Buch. Es war gewachsen. Seine Ausmaße, ja das gesamte Volumen hatte auf unnatürliche Weise zugenommen.

„Ich habe Sie etwas gefragt.“ Die Stimme klang weniger süßlich, als viel mehr herrisch und fordernd.

Sie würde mit keiner Wimper zögern, diesen verfluchten Wälzer gegen ihn einzusetzen. Er musste hier raus, einfach nur raus, dann würde alles gut werden. „V...vielleicht können wir ja darüber“, er keuchte gequält auf, „... darüber reden, nicht?“ Er machte einen verlegenen Schritt zur Seite. Suchte die Nähe der umliegenden Schatten.

Sie strich sanft, liebevoll, über das dunkle Leder. „Reden?“ Ihre Fingernägel verblieben fast zaghaft in den neu entstandenen Vertiefungen und verfolgten, zitternd deren kunstvollen Schwingungen.

Wie ein auf dem Kopf stehendes A, dachte Syzmoore bei genauerem Betrachten, des neu entstandenen Symbols. Es wirkte wie eingestampft und füllte praktisch den gesamten Buchdeckel aus.

„Sie möchten nicht reden“, kommentierte sie seinen stechenden Blick, „sie möchten einen Blick hineinwerfen, habe ich recht? Trotz ihrer Angst ... giert es Sie nach Antworten.“ Ein dünnes Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Bitte“, krähte er und blickte Hilfe suchend zur Tür. Niemand wird kommen, hämmerte es durch seine Synapsen. Hörst du! Keine Sau interessiert sich für den Buckligen in seinem Turm hausenden Leichenschnippler.

„Man hat Sie unterdrückt – Sie runter gemacht, wo es nur ging. Oh ja, Ihre Gefühle liegen offen vor mir. All diese Entbehrungen.“ Sie trat einen Schritt vor, umschloss das Buch mit beiden Händen und streckte es ihm entgegen. Mehrere Finger der linken Hand endeten in Blut verkrusteten Stümpfen.

Der dickliche Pathologe rastete aus. Er schrie wie im Wahn auf und kreiselte auf dem Absatz herum. Der Ausgang lag wie ein ins Mauerwerk gepresster Quader vor ihm. Keine zwei Meter, machte er sich Mut und spurtete los. Hinter sich vernahm er das Lachen, gefolgt von einem tobenden Orkanähnlichen Rauschen. Die zwei Meter schienen sich in eine nie da gewesene Unendlichkeit zu steigern. Seine Füße berührten zwar den Boden, behielten es sich jedoch vor, ihn weiter zu tragen. Der Ausgang kam nicht näher ... Er entfernte sich. „Nicht!“ Seine Stimme war zu einem kläglichen Flehen verkommen. „Bitte ...“ Der aus den Tiefen seines unterdrückten Selbstbewusstseins, hervor gekramte Kampfgeist erlosch so schnell, wie er auch hervorgetreten war. Von seinem linken Arm ausgehend strömte ein teuflischer Schmerz über die gesamte Körperhälfte und lähmte jegliche Bewegung noch vor ihrer Ausführung. Die Welt begann sich zu drehen und riss den Pathologen, in eine kalte Leben verachtende Zone.

Syzmoores Schicksal endete mit dem zuschnappenden Geräusch zweier Buchhälften.

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DAS SCHULGEBÄUDE LAG nahe eines kleinen Waldes, unweit der Farm, in welcher sein langjähriger Freund in die Falle gelaufen sein sollte. Als er den Wagen scharf nach rechts wendete und den verrosteten Jeep somit zum Stillstand brachte, glaubte er in den Wipfeln des Waldes einen großen Schatten gesehen zu haben. Er kannte ihre äußere Form nur aus Büchern und Erzählungen.

„Eine Wache“, sagte sein Mitfahrer, und machte sich daran auszusteigen.

David folgte ihm. Dieser Mann, der wie ein Blitz aus heiterem Himmel in sein Leben getreten war, erschien ihm mit jedem verstreichenden Moment mysteriöser. „Wenn diese Bestien wirklich eine Wache zurückgelassen haben“, rief er dem Aborigini zu, „wäre es äußerst unklug sich so offen – und freizügig – präsentieren.

Der Dunkelhäutige hörte nicht. Er behielt sein Schritttempo bei und blieb schließlich auf dem freien von rotem Sand behafteten Stück Land stehen.

„Prima“, näselte David.

Das feucht grüne Blätterwerk wog sich sanft in einer wohltuenden Brise, die dem vernichtenden Terror der Sonne ein wenig Einhalt gebot.

Der Aborigini breitete seine beiden Arme aus, neigte seinen Kopf in den Nacken und spannte seinen Sehnen an.

Über den Baumkronen stieg ein aufgebrachter Schwarm Karibus hoch. Etwas musste sie aufgeschreckt haben. Vom Waldrand her gellte ein nach Hunger gierendes Knurren rüber. Während er die Rechte zur Faust zusammenschloss, spreizte er die Finger seiner Linken und formte eine Klaue. Das Fleisch begann zu kribbeln, die feinen Härchen seines Armes richteten sich auf.

Aus dem cirka zwanzig Yards, entfernten Buschwerk brach etwas aus. Ein großes, sich auf allen Vieren fortbewegendes Tier, welches sich trotz seiner Masse erstaunlich schnell fortbewegte.

Der Aborigini rührte sich nicht. Verharrte reglos da und schien in einen lebensmüden Tagtraum versunken.

„Junge! Nicht doch!“ David verstärkte seine Bemühungen. Die ersten Lichtlinien bildeten sich und schlossen sich zu einer transparenten Struktur zusammen. „Mach schon...“ Seine Augen wanderten von der gerade angewandten Magie zu der, seine Nerven zerreißenden Szene.

Das Untier hatte den Baumspielenden fast erreicht. Selbst aus der Entfernung waren die aufblitzenden Zähne zu erkennen. Zähne, die dazu gemacht waren, sowohl Fleisch, als auch Knochen zu durchtrennen.

„Mein Gott!“

Es setzte zum Sprung an. Die Magie war noch nicht voll ausgebildet, er konnte nicht eingreifen und neigte sein Haupt zur Seite hin weg – ersparte sich den Anblick – konzentrierte all sein Denken nur mehr auf die Waffe, welche nach einer nicht enden wollenden Zeitperiode, endlich fertig gestellt war und zum Einsatz kommen konnte. Für den Lebensmüden jedoch zu spät. Er versuchte die sich um sein Herz legende Bitterkeit abzuschütteln und stellte sich auf den folgenden Kampf ein.

Jemand tippte ihm auf die Schulter, und brachte das vor Bitterkeit erstickende Herz beinahe zum Stillstand. David warf sich zurück, legte an ... und sah sich seinem seltsamen Begleiter gegenüber. „W...was zum ...“ Er drehte den Kopf in Richtung des erwartenden Blutbades und musste zu seinem großen Erstaunen feststellen, dass das einzige Blut von dem Untier stammte. Es lag, alle Viere von sich gestreckt, im durch die eigenen Körperflüssigkeiten gebildeten Schlamm und lockte bereits die ersten Fliegen an. David kratzte sich ratlos am Hinterkopf. Die Blicke der beiden Männer trafen sich.

Der alte Aborigini wirkte so gelassen, als hätte er soeben ein gutes Buch gelesen. „Was hast du da am Arm?“, fragte er und zeigte auf die durch Magie entstandene Geisterwaffe.

„Eine Armbrust“, erklärte ein verdutzter Dämonenjäger, dem dieser Augenblick noch lange im Gedächtnis verweilen würde. „Wie ... ähm?“

„Später“, antwortete der Alte und wandte sich dem Schulgebäude zu, aus dem plötzlich Schüsse aufklangen. „Die Zeit ist verraucht, wenn du deine Freunde noch retten willst, müssen wir es mit ihrem König aufnehmen.“

David wusste was das zu bedeuten hatte. „Er hat sich gut vorbereitet“, flüsterte er und durchlebte den Tag, an dem er das erste Mal einen Fuß auf diesen Kontinent gesetzt hatte, erneut.

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EINE VIELZAHL DER LEUTE schüttelte bei seinem Anblick belustigt den Kopf. Andere nahmen seine Anwesenheit mit verwirrter, oftmals ratloser Miene hin und fragten sich warum manche Spinner überhaupt erst in dieses Land gelassen worden.

Zugegeben, er strahlte in seinem langen braunen Mantel, der so oft geflickt worden war, das jeder Obdachlose ein besseres Erscheinungsbild lieferte, nicht gerade Vertrauen aus – aber das äußere Erscheinungsbild war ihm von jeher egal. Was zählte waren andere Werte – dazu zählten auch die zahlreichen magischen Utensilien, denen er einen Großteil der geschüttelten Köpfe überhaupt erst zu verdanken hatte. Was nicht in den großen, auf Rollen gelagerten Koffer passte, musste halt auf den Rücken geschnallt werden.

Wie schon etliche Male zuvor huschte sein bärtiges Gesicht zu der großen, im Zentrum des Airports hängenden Uhr. Das unermüdliche Voranschreiten der Zeiger, besserte seine ohnehin schon schlechte Laune keineswegs. Seine Augen tasteten sich durch die unzähligen Körper und befanden sich auf der stetigen Suche nach dem Mann, dem er den unbequemsten Reisetrip seines Lebens zu verdanken hatte.

„Furchtbar diese Wartezeit, nicht wahr?“

Er drehte sich überrascht zur Seite. Der Typ, der ihn angesprochen hatte, trug einen schneeweißen Anzug, welcher im krassen Gegensatz zu seiner dunklen Haut, wie den langen zu Rasterzöpfen geflochtenen Haaren stand. „Sie müssen grade erst angekommen sein“, flachste er und streckte ihm, die mit unzähligen Ringen behaftete Hand entgegen. „Vincent mein Name“, stellte er sich vor.

„Murphy“, nannte der Dämonenjäger nur seinen Nachnamen. Der Mann kam ihm mehr als suspekt vor. Aber die Höflichkeit gebot es, dass er zumindest seinen Handschlag in Empfang nahm. Als ihre Finger sich berührten, zuckte David für einen schmerzvolle Sekunde zusammen. Er zog seine Hand schnell zurück und überprüfte sie nach möglichen Verletzungen.

„Sie scheinen nicht so gut mit Menschen zu können“, mutmaßte Vincent und faltete seine Hände ineinander. „Aber machen Sie sich nichts daraus. Um ganz ehrlich zu sein ...“

In Davids Geist schrien unzählige Mäuler auf.

„... geht es mir fast genau so. Nur weiß ich immer noch einige Vorzüge zu schätzen.“ Er zeigte zwei strahlend weiße Zahnreihen. „Wie dem auch sei – ich hätte diese anregende Unterhaltung zwar liebend gern, weitergeführt, aber“, er räusperte sich, „die Geschäfte gehen nun mal vor.“

Er hatte ihm schon den Rücken zugekehrt, als ein wieder zu sich kommender David ihm eine Frage nachrief: „Darf man fragen in welcher Branche Sie tätig sind?“

Er blieb kurz stehen, neigte seinen Kopf leicht ins linke Eck. „Wenn man es genau nimmt – David – dann liegen unsere Gebiete, gar nicht mal so weit voneinander entfernt.“ Er setzte sich wieder in Bewegung und wurde nach einigen Yards vollständig von der sich drängelnden Menschenmenge verschluckt.

Als Mathew nach einer knappen dreiviertel Stunde endlich auftauchte, waren Davids Augenbrauen zu einem finster dreinblickenden V zusammengekommen.

„Es tut mir leid“, entschuldigte sich der Sheriff und breitete dabei schuldbewusst die Arme auseinander. „Der Job ... du verstehst?“

David hob eine Augenbraue. „Mal abgesehen von deinen seltsamen Landsleuten, habe ich die Zeit doch gut zu nutzen gewusst.“

Das Lächeln des Sheriffs wirkte gespielt.

„Du scheinst mich nicht ohne Grund gerufen zu haben“, schlussfolgerte David.

Mathew spielte an den Knöpfen seiner Uniform. „Die Lage ist ernst. Verdammt ernst“, murmelte er verschwörerisch, „wir wissen nicht weiter und um ganz ehrlich zu sein ...“ seine Tonfall wurde schwach, „ich habe Angst.“

„Was genau ...?“

Mathew unterbrach ihn. „Wir sollten es auf der Fahrt bereden.“ Er blickte sich gehetzt um. „Man weiß nie, wer gerade zuhört.“

Davids Gesicht war zu einer steinernen Maske erstarrt. Sein Blick hatte sich unweit ihrer Position, auf einen Punkt fixiert. „Wie du meinst“, gab er angespannt zurück. Für einen kurzen Moment glaubte er im Getümmel zwei gelbe Augenpaare aufblitzen zu sehen.

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ES FING VOR EIN PAAR Wochen an, am Monatsanfang. Ich hatte mich grad erst aufs Ohr gelegt, als plötzlich der verdammte Kasten losging. Eine Frauenstimme, schrill und energisch. Also genau das Richtige für einen schlaftrunkenen Sheriff um wieder auf Touren zu kommen. Sie meinte, dass mehrere ihrer Schafe gerissen worden waren. Ist eigentlich nichts Besonderes, die Bauern schützen ihr Weideland zwar durch Zäune, aber ein Schlupfloch und die Bande tut sich an ihrer Herde gütlich. Na ja ... Eigentlich 'ne normale Sache für die man nicht unbedingt den Sheriff holen muss. Aber am Klang ihrer immer schriller werdenden Stimme, konnte man deutlich raushören, dass da was im Ofen war. So was hat man einfach im Blut. Kann auch nur 'ne Eigenart von mir sein.

Fakt ist halt, dass ich nach 'ner guten dreiviertel Stunde auf der Farm eintraf und zu meinem Erstaunen feststellen musste, dass keine Sau da war. Alles totenstill. Mein Magen wurde unruhig ... und ich kann dir sagen, es ist nicht gut, wenn mein Magen unruhig wird. Heißt soviel, aus dem Ofen quoll schon schwarzer Rauch hervor. Im Haus schien keiner zu sein, und der Hof selbst war so leer wie mein Kühlschrank an 'nem Montagmorgen. Die Farm wurde von Simon und Estelle Taylor betrieben, nette alte Leutchen, welche die gesamte Chose alleine erledigten. Die beiden Söhne hatten es nicht lange dort ausgehalten und türmten mit dem Vollenden der Volljährigkeit Richtung Stadt. Du kannst dir vorstellen, was das für 'ne Belastung in dem Alter ist. Irgendwann gehen einem die Nerven durch und man klingelt mitten in der Nacht den Sheriff aus dem Bett und ordert ihn in die abgelegenste Gegend jenseits des Outbacks. Aber was soll ich machen, ist mein Job, und verdammt noch mal ich hab ihn mir damals ausgesucht und würde nichts anderes mehr anpacken wollen. Alles vergebene Mühe, doch um wieder auf die Taylors zu sprechen zu kommen ... Du musst mich entschuldigen, aber wenn ich an die Sache zurückdenke, dann ... war halt ziemlich Böse.

Nachdem ich den Hof abgegrast hatte, setzte ich mich wieder hinter das Steuer und stattete dem Weideland 'nen kleinen Besuch ab. Weißt schon – Zaun abfahren, kontrollieren, ob sich nicht irgendwo ein paar freche Dingos am Lämmchen laben. Was soll ich sagen ..., als der Schein meiner Autoscheinwerfer auf das Loch im Zaun traf, hätte ich beinahe die Kontrolle über den Wagen verloren. In der Nacht war mir echt das Glück treu. Der Jeep kam zwar mit qualmenden Reifen zum stehen, aber dafür immer noch mit einem lebenden Sheriff. Ich dachte erst ein Auto wäre in den Zaun gerast. Ich bin mir nicht sicher, ob du dir mein Gesicht vorstellen kannst, als ich feststellen musste, dass das gesamte Teil einfach aus der Verankerung gerissen war. Ja gut zugegeben, diese Umzäunungen haben nicht gerade was von Fort Knox, aber so was ... Oh Mann David, irgendwas hatte den Stahl verbogen. Kannst du dir das vorstellen? Stahl! Ich schnappte mir das Funkgerät, benachrichtigte Hank und hockte erst mal, ähnlich einem ertappten Autodieb auf heißen Kohlen. Ja doch ... gute Güte brauchst mich gar nicht so anzustarren, ich weiß selbst, dass das nicht besonders mutig war ... wenn ich daran zurückdenke wie es weiter ging ... glaub mir, Mut hin oder her, ich hätte in die Gänge geschaltet und die Flucht angetreten.

Es waren drei Minuten. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich die ganze Zeit auf die Digitaluhr geglotzt hatte. Es war ein Schrei ... nicht von irgendeinem verdammten Schaf, sondern von 'ner Frau – großer Gott und ich Scheißkerl drehte Däumchen. Ich hör also diesen nicht enden wollenden Schrei ... und leg wie im Reflex den ersten Gang ein. Das Loch im Zaun war groß genug, reichte vollkommen aus und gab diesem Baby genügend Platz. Ich schoss wie der Leibhaftige persönlich heran. Die Scheinwerfer waren auf ein Maximum eingestellt und brannten mir den Weg frei. So ne Nacht im Outback kann finster sein, aber wenn du über die richtigen Gimmicks verfügst...

Ich schweife ab... Dem ersten langen Schrei folgte kein zweiter. Das einzige was zu hören war, war das verdammte Dröhnen des Motors. War vielleicht auch gut so, mein Herz lief auf Hochtouren, das Blut pochte in den Schläfen. Ich war so was von auf Adrenalin, dass ich glaubte, es würde mich zerreißen. Da passierte es ... und Gott persönlich darf mir den Arsch lecken, wenn dem nicht so wäre wie ich es dir jetzt sage. Da war zuerst dieses Brüllen ... Ja, ja du hast richtig gehört – ein Brüllen ... David ... Dingos Brüllen nicht und glaub mir es gibt auch kein anderes Vieh auf diesem Fleckchen Erde, was zu solchen Lauten fähig ist. Und da sah ich es, dass heißt ich sah es nicht richtig ... nur einen Schatten ... etwas was auf zwei Beinen stand. Um es herum tummelten sich cirka ein halbes Dutzend weitere Schatten, kleiner, aber auch auf zwei Beinen laufend. Das heißt, sie ... sie bewegten sich zwar ... aber nicht so wie es Menschen tun. Kapierst du was ich dir sagen will, David? - Warte lass mich ausreden. Ich konnte nicht erkennen, was sie genau waren. Die Entfernung zu den Lichtkegeln des Scheinwerfers war zu groß und näher wollte ich es nicht wagen. Wenngleich sie natürlich längst wussten, dass ich da war. Aber es war ihnen egal. Verstehst du, einfach nur Scheißegal. Das größte hielt etwas in der Luft, zerfetzte es. Die Kleineren rissen Stücke heraus, machten sich die saftigsten Stücke streitig. Ich kriege die Geräusche nicht mehr raus. Herr im Himmel, ich wach manchmal mitten in der Nacht auf und fang an loszuschreien. Das Verrückte ist nur, dass das alles innerhalb eines Moments passierte. Keine fünf Sekunden ... Da neigte dieses Riesenvieh plötzlich seinen Schädel in meine Richtung und brüllte mich an. Das gleiche Brüllen wie schon zuvor ... nur das es dieses Mal mir galt. Es riss dieses Zerfetzte weit in die Luft und schleuderte es in Richtung des Wagens. S...sie landete etwas zwei Yards vor mir. Die hatten ihr das Gesicht und die Gliedmaßen rausgerissen. Ich fing an zu schreien ... legte den Rückwärtsgang ein und flüchtete. I...ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so eine Scheißangst gehabt zu haben. Das heißt, die letzten Tage einmal ausgenommen ... Ich dachte, wir werden damit fertig. Doch dem ist nicht so. Es überrennt uns. Und wenn wir es nicht bald in die Schranken weisen, dann sehe ich keinen Ausweg mehr.“

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DER SCHREI BLIEB IHM in der Kehle stecken. Er stand nur so da und glotzte mit schreckgeweiteten Augen auf das Ding, welches in diesem Würfel hockte. Was ist es?

„Komm näher“, verlangte das Unbekannte.

Ethan schüttelte den Kopf, weigerte sich und trat einen Schritt zurück. „Was ... ist das hier?“, hauchte er und trat von einem Bein auf das andere. Die Kälte war mörderisch.

Aus dem Würfel drang ein tiefes Grollen. „Das würdest du sowieso nicht verstehen.“

Würde ich das nicht? „V...vielleicht doch ...“, er reckte seinen Kopf vor, versuchte etwas zu erkennen.

Die gelben Augen verschwanden. Er vernahm ein Schnauben und Kratzen. Als wenn man mit einem Messer über Stein fuhr, nur sehr viel lauter. „...bitte ich muss wissen, was hier vorgeht. Ich meine gerade eben noch flicke ich Gangmitglieder zusammen, und dann plötzlich ...“

Ein drohendes Knurren ließ seine hysterisch aufflackernden Schilderungen im Keim ersticken. „Erzähle mir, woher du kommst?“

In seinen Schläfen pochte das Blut. „I...ich weiß nicht ...“

Er wurde wieder unterbrochen. „Tu es.“ Es klang endgültig.

„New York“, haspelte er, und zog dabei angespannt die abgestandene Luft ein. Als keine Reaktion erfolgte, fügte er noch, „USA“, hinzu.

„Wo liegen diese Orte?“ Die gelben Tieraugen glühten wieder auf, verengten sich zu schmalen Schlitzen und schienen jede seiner Bewegungen genau festzuhalten.

„Amerika“, er ließ ein gespieltes Lachen los, „ich meine das müsste ... Ihnen doch ein Begriff sein, oder nicht? – Die Freiheitsstatue, Micky Maus.“

„Wer herrscht?“

„Wie?“

„Wem dienen die Menschen?“

Das ist krank. „Äh ...“, er wusste keine Antwort, „...wir dienen uns selbst. Regierungen, jedes Land hat seine eigene Regierung und ...“

„Schweig.“ Obwohl das Wort nur geflüstert war, kam es einem Befehl gleich. Ethan ertappte sich dabei, wie er fast augenblicklich sogar die Atmung einstellte.

„Wie viele seid ihr?“

„Kann ich vielleicht auch mal etwas fragen“, nach der ersten Überraschung und dem damit verbundenen Angstschub hatte er neuen Mut gefunden. Das Ding, welches sich der Höflichkeitsfloskeln eines SS Offiziers bediente, war aller Wahrscheinlichkeit ein Gefangener. Es konnte ihm unmöglich etwas anhaben. Und wenn doch?

Sein Aufbegehren wurde mit einem wütenden Fauchen quittiert, dem eine zischende Frage folgte. „Wie viele seid ihr?“

Er trat vor. „Wo sind wir hier?“ Er sah dabei ein weiteres Mal über die Schulter. Da sich seine Augen mittlerweile an das herrschende Licht angepasst hatten, fielen ihm auch die zahlreichen Unregelmäßigkeiten im Marmor auf.

„Ich nenne es Hölle.“

„Nicht sehr eindeutig, oder?“ Er bewegte sich von dem Würfel weg und kam vor einer der nach oben wachsenden Mauern zum stehen. Bei den zuvor festgestellten Unregelmäßigkeiten handelte es sich um eingravierte Zeichen. Zeichen wie er sie erst vor kurzem kennen gelernt hatte.

„Dieser Begriff wird dir schon sehr bald eindeutig genug erscheinen“, raunte es aus dem Hintergrund. „Furcht, Panik, Entsetzten sind die Essenzen aus denen eure schwachen Leiber geformt worden.“

„Wir sind 6 Milliarden“, gab Ethan zurück. Er strich über die eingelassenen Vertiefungen. „Wir sind überall“, fügte er abwesend hinzu.“

„Nicht möglich ... ihr wart nach dem letzten Krieg praktisch ausgerottet. Es liegt nur einige hundert Jahre zurück, so schnell hättet ihr euch unmöglich erholen können.“

„Von welchem Krieg sprechen Sie?“ Er fühlte das Blut in seinen Ohren pochen. „Erster, zweiter ...“

„Es gab nur den einen.“

„Da wären einige Historiker wohl anderer Ansicht.“ Die Schriften erinnerten an keine bekannte Kultur. Erschienen fremd und doch anziehend. Es gab nur den einen. Fast beiläufig wurde er den Worten des Anderen Gewahr. „Nur ein Krieg“, wiederholte er die Worte. Er wandte sich ruckartig um. „Wann war dieser Krieg?“

Aus dem Würfel drang ein Hyänen gleiches Lachen. „Ich verstehe ...“

In seiner Magengegend breitete sich ein ungutes Gefühl aus. Er schwankte, suchte Halt, wo es keinen gab und sank erschöpft gen Boden. „W...welches Jahr haben wir?“

Das Lachen nahm zu und hallte verhöhnend von den Wänden nieder. Er warf sich zur Seite und erbrach.

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SARAH MARABETO HATTE in ihrem bewegten Leben schon einige miese Tage erleben müssen. Ihr Mann war früh gestorben und einer ihrer Söhne war auf der schiefen Bahn gelandet. Verhökerte Drogen und anderen Dreck. Aber was heute abging war nicht mehr in Worte zu kleiden.

Sie kam gerade von Station zwei. Einer der Patienten, Kraftfahrer Ende vierzig der wegen eines Nierenschadens behandelt wurde, war gegen eine der Schwestern handgreiflich geworden. Der Mann hatte ihr ohne Vorwarnung die Faust ins Gesicht gewuchtet und dem armen Kind den Kiefer gebrochen. Das ohnehin schon im Beschlag genommene Sicherheitspersonal musste den Mann mit Handschellen an das Bett fesseln. Polizeieinsatz war in der gegenwärtigen Situation, in welcher sich die Stadt befand, unmöglich.

Im Fernsehen predigten Sektenführer von Gottes gerechter Strafe. Die Sünder, wie die New Yorker mittlerweile, betitelt wurden, sollten im Höllenfeuer vergehen. Politiker forderten den Ausnahmezustand und verfielen in endlose Diskussionen was denn nun das Beste für die Stadt sei.

Es war nur schwer vorstellbar, dass vor weniger als einer Woche noch alles in Ordnung gewesen war. Zugegeben, New York hatte seine Macken – vielleicht sogar jede Menge davon, aber durch die Straßen ziehende Mobs, Plünderungen und Massenmorde ...?

Sarah schüttelte wehleidig den Kopf. Die seltsamen Wetterphänomene, die den grauen Herbsthimmel in eine feurige Glut verwandelt hatten, taten ihr übriges bei und verursachten unter dem normal gebliebenen Teil der Bevölkerung eine Untergangsstimmung. Die Menschen fliehen wie die Ratten von dem sinkenden Schiff und retteten sich in die Außenbezirke, welche von den infernalischen Gewaltauswirkungen bisher verschont geblieben waren. Was man von ihrer Heimatstadt nicht gerade behaupten konnte.

Das Licht begann wieder zu flackern. Diese verdammten Stromausfälle konnten bei einer Institution wie diesem Hospital verheerende Folgen haben und Mitchels schien ausgeflogen. Es war eine Schande. Sie hatte Ted immer gemocht. Obwohl der Mann die fünfzig schon weit überschritten hatte, machte er einen tadellosen Job ...

Am Ende des Ganges lag jemand. Ein: „Oh mein Gott“, entrang sich ihrer Kehle. Sie beschleunigte ihre Schritte und kam zu den Füßen des leblosen Körpers zum stehen. Im Rücken der Toten steckte ein silbrig glänzendes Skalpell „Nicht doch.“ Sie ging in die Hocke. Die Schwester war tot.

„Hallo Sarah“, tönte es aus einem, im Dunkeln, liegenden Gang.

Die Oberschwester sprang auf. In ihrem Gesicht brannte eine nicht mehr zu verbergende Furcht auf. „Wer ...?“

„Ts...ts..ts – aber Sarah“, tadelte man sie, „du wirst doch deine liebste Freundin erkennen.“ Im spärlichen Licht der immer noch flackernden Lampen, schälte sich eine Frau hervor.

„Du Wahnsinnige“, fauchte Sarah. Ihre Augen fielen auf das rot getränkte Bündel, welches Margie in ihren Armen hielt.

„Süß, nicht wahr?“, hauchte sie abwesend, „wollte eigentlich nur ein wenig mit ihm spielen, aber diese blöde Kuh kam mir dazwischen.“

Sarah fühlte wie ihre Knie weich wurden. „W...was hast du getan, großer Gott, Margie was ...“

Das Bündel fiel mit einem, alle guten Gedanken vertreibenden Klatschen auf den Boden. Ein kleines Ärmchen fiel heraus.

Margie zuckte teilnahmslos mit den Schultern. „Hoppla“, kicherte sie. Und verhielt sich wie ein Kind dem gerade die Puppe hingefallen war. „Das Blöde ist nur, dass die Kleinen nicht sehr solide gebaut sind – Meinst du, es gibt da Unterschiede?“

Sarahs Schrei wurde von ihrem aufsteigenden Mageninhalt erstickt. Sie taumelte zur Seite, versuchte gar nicht erst die Balance zu halten und sackte ohnmächtig zu Boden.

Margie bückte sich nach dem immer noch in der Schwester steckenden Skalpell und zog es mit einem kräftigen Ruck raus. „Mal sehen, ob du robuster bist“, sagte sie kalt und beugte sich zu der bewusstlosen Oberschwester runter.

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WÄHREND DIE BEREITS untergehende Herbstsonne Harris Büro in ein diffuses Herbstlicht tauchte, brütete der Akademiker nachdenklich über den zusammengetragenen Notizen. Und obwohl er sich zu Beginn dieses Studiums absolut sicher war, endlich Antworten zu finden, wurde die ganze Sache mit jeder neuen Zeile obskurer. Die Zeichen ließen keinerlei bekannte Sprache erkennen. Es waren weder Buchstaben des europäischen, wie auch des arabischen und asiatischen Raumes verwendet worden. Eine Geheimschrift, deren vermutlicher Erfinder, zurzeit in einer Wanne vor sich hin schwabbte. Einzig und allein eine, sich in der Mitte, befindliche Zeichnung, gab einen schwachen Anhaltspunkt.

Es handelte sich um die dreidimensionale Darstellung eines kunstvoll verzierten Buches, welches ihm eisige Schauer über den Rücken jagte. Es ist dasselbe, ermahnte ihn eine Stimme in Gedanken. Harris lief ein kalter Schauer über den Rücken. Die alten Ängste krochen wieder hervor. Erinnerten ihn an das Geschehene. Du musst ihn töten. Es muss sein.

Er klappte den Block wieder zusammen, und wollte ihn gerade in einer Schublade seines Schreibtisches verstauen, als er inne hielt. Im Büro herrschte außer dem leisen Rauschen der Klimaanlage, penetrante Stille. Harris Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt. Er wog die Notizen gedankenverloren in der Hand und fragte sich, wo er da hineinschlitterte. Wäre es nicht besser gewesen, die vergilbten Seiten zu verbrennen und die Geschichte hinter sich zu lassen?

Das Telefon setzte den zerstörerischen Überlegungen Einhalt. Fast in einem Reflex hinaus, zog er den Hörer aus der Gabel und presste die Hörmuschel an sein Ohr. „Harris hier.“

Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine aufgeregte Frauenstimme. „Doktor ... es ... Sie müssen kommen die Patienten ...“

Eine der Schwestern. „Was genau ist passiert?“, wollte er wissen und ließ die Notizen wieder in der Innentasche seine Arztkittels verschwinden.

„Es gibt Tote“, kam die Antwort, „wir müssen ... “

„Haben Sie dem Sicherheitspersonal Bescheid gegeben?“

„... nicht zu erreichen.“ Es folgte ein Schluchzen.

Harris spuckte einen leisen Fluch aus. „Kümmern Sie sich darum, ich ...“, dass Telefondisplay informierte ihn über einen weiteren Anruf. „Warten Sie kurz“, er stellte den nächsten Bittsteller durch. „Harris hier...“

„Gib dir keine Mühe – es ist zu spät“, dröhnte eine rauchige Stimme aus der Hörmuschel.

„Wer ...“

„Versager ... dreckiger kleiner Versager, wir werden dir die Finger abschneiden müssen.“

Als der Hörer aus seiner Hand glitt, gab es ein lautes Scheppern. Harris war aufgesprungen und drückte sich gegen die Vorhänge.

„... Versager ...“, drang ein letzter Wortfetzen zu ihm hoch und weckte Erinnerungen, die er für immer verschlossen hatte.

*

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ES WAR EINMAL ...

... ein kleiner Junge, vielleicht 7 oder auch 8 Jahre alt. Er wohnte in einer Kleinstadt im schönen Staate Kansas. Der kleine Junge war gut in der Schule, und war bei allen sehr beliebt. Er hatte eine Ma und einen Pa.

Der Vater – und darauf war er ganz besonders stolz, und gab gerne damit an, war der Sheriff der Kleinstadt. Er sorgte für Recht und Ordnung, verhaftete die Bösen – beschützte die Guten.

Eines Tages brachte der kleine Junge seinem Pa das Essen zur Arbeit. Das machte er eigentlich fast jeden Tag. Seine Ma bereitete es vor und er brachte es. Schließlich machte die Jagd nach den Bösen ja hungrig.

Als er aber das Sheriffbüro betrat, war niemand anwesend. Sein Pa musste wohl etwas erledigen gegangen sein. Der kleine Junge stellte etwas griesgrämig das mitgebrachte Essen auf den Tisch und wollte gerade zur Türe hinauseilen, als ihn jemand rief.

Er machte wieder kehrt. Die Stimme, kam aus dem kleinen Gefängnis, welches direkt an das Büro angrenzte. Er linste schüchtern um die Ecke und sah hinter den grauen Gitterstäben einen Mann stehen. Der Mann trug schmutzige alte Kleidung. Sein Haar war zersaust und genau so dreckig wie der Rest an ihm.

Der kleine Junge rümpfte die Nase.

„Wie geht es dir“, fragte der Mann. Er setzte ein breites Clownsgrinsen auf und entblößte dabei schneeweiße Zähne.

Der kleine Junge antwortete nicht. Seine Eltern hatten ihn immer davor gewarnt mit Fremden zu reden. Das war gefährlich.

„Schönes Wetter draußen nicht?“ sagte der Mann und zwirbelte dabei sein Haar um den Zeigefinger.

Der kleine Junge erwiderte nichts. Der Mann musste einer von den Bösen sein.

„Ich bin nicht böse“, zwitscherte er, „das alles ...“, er umfasste die Gitterstäbe, „ist ein großes Missverständnis.“

„Mein Pa hat Sie aber eingesperrt“, quakte der kleine Junge, und machte einen Schritt zurück. „Sie müssen was gemacht haben.“

„Ich war nur spazieren. Aber vor ein paar Tagen hat man mir meine Brieftasche mit meinem Ausweis geklaut, und wenn man vom Sheriff angehalten wird und keinen Ausweis vorzeigen kann, dann wird man solange eingesperrt, bis halt alles klargestellt ist. Du siehst also ...“, breitete die Arme aus, „... alles ein großes Missgeschick.“

„Oh ...“, machte der Junge.

„Ja, ja, aber so ist halt das Leben, und wer bin ich das ich mich darüber beschwere?“

„Hmm.“

„Könntest du mir vielleicht einen kleinen Gefallen tun?“ Das breite Grinsen wurde noch breiter. „Dein Pa hat vergessen mir mein Buch wieder zu geben. Es müsste noch auf seinem Tisch liegen.“

Der kleine Junge lugte rüber zum Tisch und sah dort ein aufgeschlagenes Buch liegen.

„Kannst du es mir bitte geben“, hörte er im Hintergrund die Stimme des Mannes. „Mir ist ein wenig langweilig.“

Er kratzte sich verlegen am Kopf. Hatte der Mann ihn angelogen? Sein Pa würde doch keinen Spaziergänger einsperren, oder doch?

„Dein Pa wollte nur mal einen Blick rein werfen, du kannst es mir ja einfach herschieben.“

Der kleine Junge trippelte zum Tisch rüber. Das Buch war schon sehr alt und fühlte sich komisch an. Anders als die Bücher die seine Mutter ihm immer vor dem schlafen gehen vorlas.

„Nimm es am besten mit beiden Händen. Es ist ziemlich schwer.“

Er nuschelte ein Okay und hievte es in seine Arme. Der Mann hatte Recht, es war wirklich schwer.

„Ah, das hast du gut gemacht“, lobte der Mann den kleinen Jungen, als dieser wieder in den Raum zurückkehrte.Er stellte sich in den Türrahmen und war hin- und hergerissen, was er jetzt machen sollte.

„Einfach herschieben“, bat der Mann. Er machte eine einladende Geste.

Der kleine Junge legte das Buch auf den Boden und gab ihm einen Schubs. Es schlitterte aber nicht weit genug und blieb in der Mitte des Raumes liegen.

„Hmm“, grübelte der Mann, „ich glaub du gibst es mir doch besser direkt.“

Der kleine Junge schüttelte den Kopf.

Der Mann lachte. „Du brauchst wirklich keine Angst haben.“ Er drückte sich an die Wand seiner Zelle. „Siehst du – wirf es einfach vor die Gitter, dann komm ich schon dran.“

Der kleine Junge bewegte sich vorsichtig und ganz langsam auf das Buch zu, ging in die Knie und streckte die Ärmchen danach aus. Kalt! Dachte er bei der Berührung und zog die Finger zurück. Er warf, dem immer noch an die Wand gedrückten Mann, einen fragenden Blick zu.

„Keine Sorge“, beruhigte er den kleinen Jungen, „das passiert bei alten Büchern manchmal.“

Der kleine Junge nickte zaghaft, schob das Buch mit den Füßen bis zu der Gittertür. Er ließ den Mann natürlich keine Sekunde aus den Augen, schließlich konnte er ja doch gelogen haben.

Der Mann klatschte in die Hände. „Brav gemacht“, sagte er freudestrahlend und griff nach dem Buch. Einer seiner Ärmel rutschte hoch und gab dem kleinen Jungen freie Sicht auf ein aufgemaltes Bild.

„Zur Verschönerung“, erklärte der Mann und begann gedankenverloren im Buch zu blättern. „Da fällt mir ein“, sagte er beiläufig ohne aufzusehen, „ich glaube dein Pa wollte euch heute einen kleinen Überraschungsbesuch abstatten.“

„Oh“, machte der kleine Junge freudestrahlend und wollte schon losrennen, als der Mann ihn nochmals zurückrief.

„Bestell deinem Pa doch bitte schöne Grüße ja.“

Der kleine Junge gab ein knappes „Ja“, zurück und machte sich dann freudestrahlend zurück auf den Heimweg. Es war eigentlich ungewöhnlich, dass sein Pa sie mitten am Arbeitstag besuchen kam. Aber vielleicht hatte er sich den Rest des Tages frei genommen und wollte was mit ihnen unternehmen.

Vom weitem sah er zwei Autos vor ihrem Haus stehen. Der eine Wagen war der Sheriffwagen von seinem Pa, der andere sah wie ein Abschleppwagen aus. Sie hatten anscheinend Besuch bekommen.

Als er durch den bunten Vorgarten rannte, fiel ihm auf, dass die Haustüre nur angelehnt war. Das war komisch, schließlich, sagte sein Pa immer, dass man die Türen und Fenster gut verschließen musste. Die Bösen sahen so was nämlich sonst als Einladung.

Er schlüpfte rein, rief zuerst nach seiner Ma, dann nach seinem Pa, aber niemand antwortete.Das Wohnzimmer war ebenso leer wie die Küche. Wenn unten keiner war, dann konnten sie eigentlich nur oben sein. Da wo sein Zimmer und das Schlafzimmer waren.

Der kleine Junge nahm jeweils zwei Stufen auf einmal, quakte immer zu nach seinen Eltern und bekam doch keine Antwort.

Die Schlafzimmertür war auch nur angelehnt, drinnen hörte er jemanden Flüstern.

„Pa?“ Er drückte die Tür auf.

*

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SEIN PA STAND MIT FREIEM Oberkörper vor dem Bett. Er weinte. In seiner Hand hielt er die Schrottflinte.

„Pa...?“

„Hallo Junge, komm rein.“

Der kleine Junge rührte sich nicht.

„Na los doch“, knurrte sein Pa und stieß den Gewehrlauf gegen den Bettpfosten.

Der kleine Junge kam ins Zimmer gewatschelt. Er hatte ein komisches Gefühl im Bauch. Keine richtigen Bauchweh, sondern ... komisch.Unter dem, über dem Bett ausgebreiteten Laken bildeten sich zwei Hügel ab. Da waren auch viele rote Kreise von denen immer wieder neue auftauchten.

Er sah von dem Laken zu dem Gesicht seines Pa. Seine Augen waren ganz rot. Er musste viel geweint haben.

„Weißt du, was Huren sind?“, fragte er leise.

Der kleine Junge schüttelte den Kopf.

„Deine Ma, weißt du“, schluchzte er, „sie war so eine. Eine Lügnerin und Hure. Hat einen anderen Kerl in ihr Bett gelassen.“

Dem kleinen Jungen liefen Tränen über die Wangen. Er wollte sich an seinem Pa vorbeistehlen, aber der packte ihn am Kragen seines roten Shirts und schleuderte ihn auf den Boden.

„Du kommst nach deiner Mutter“, krächzte sein Pa, „das gleiche verlogene Gesicht.“ Er trat vor das Bett und tunkte seine Finger in einen der roten Flecken. „Du bist nicht mein Sohn – nein bestimmt nicht.“ Er drehte sich zu der freien Wand über dem kleinen Eichenholzschränkchen und begann zu malen. „Hast nichts drauf, bist ein Versager ... die Finger sollte ich dir abschneiden.“

Der kleine Junge verstand nicht. Er wollte weg, nur weg. Er rollte sich zusammen, schloss ganz fest die Augen.

„Sie und der Mann waren böse, sehr böse!“, drangen die geschrienen Worte seines Pa durch seine an die Hände gedrückten Ohren. „Hörst du, böse ...“

Etwas knallte laut und schmerzend auf. Der kleine Junge kreischte auf. Er sprang auf, alles war rot. Feucht und rot. Sein Pa lag auf der Seite, dass Gewehr direkt neben ihm. Sein Kopf war weg. Überall klebte ein widerlicher Brei.

Der kleine Junge wollte etwas sagen, aber aus seinem Mund drang nur ein klägliches Wimmern. Seine vor Angst geweiteten Augen wanderten zu dem Bild, welches sein Pa gemalt hatte. Zwei gegenüberliegende Bögen, die von einem weiteren überlagert worden. Er kannte es – erinnerte sich an den freundlichen zu Unrecht eingesperrten Spaziergänger. Sah in Gedanken das gleiche Bild auf dem Arm des Mannes. Der kleine Junge zitterte ... Er war nicht in der Lage zu verstehen – stand nur so da und starrte auf das Bild.

*

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DIE LUFTAUFNAHME ZEIGTE einen stark vergrößerten Abschnitt der vorherigen Karte. Das Schwarzweiß wurde von einigen Dutzend roten Markierungen durchbrochen.

„Hier begann es“, erklärte Mathew und tippte auf die äußerste Markierung. „Die Farm der Taylors gehörte mit zu den kleinsten, eigentlich nichts Bedeutendes und kaum der Rede wert.“

„Hat man den Mann mittlerweile gefunden?“ David beugte sich vor. Die roten Markierungen wirkten wie die Feldeinteilung eines Brettspiels.

„Vom Erdboden verschluckt. Ebenso wie die anderen. Das Einzige, was wir haben, sind die Überreste von Estelle.“

„Aber auch nur dank des DNA Tests“, meldete sich aus dem Hintergrund eine neue Stimme.“ Ein junger sommersprossiger Mann war eingetreten. Den Hut unter den Arm geklemmt, lehnte er sich lässig gegen den Türrahmen und beäugte neugierig das herrschende Chaos. „Die arme Estelle sah wie durch einen Fleischwolf gedreht aus.“

Mathew stöhnte auf. „Darf ich dir meinen Hilfssheriff vorstellen.“

Der Jungspund und David reichten sich die Hände.

„Hank McCoy“, sprudelte es aus ihm hervor. „Sie müssen dieser Zauberer sein.“

Davids Mine entgleiste. „Eigentlich ...“, begann er mit zusammengepressten Lippen.

„Kleriker ist die passendere Bezeichnung“, glättete Mathew die entstehenden Wogen. „Er wird uns“, der Sheriff stemmte seine Hände auf die ausgebreitete Karte, „bei dieser einen Sache behilflich sein.“

McCoy schnaubte auf. „Und wie will er das machen?“ Sein Blick fiel auf das Quin Langs. „Da mal reinpusten und der Killer fällt tot um?“

Im Geiste des Jungen brodelte eine schmerzliche Verbitterung. Die Morde und die Ungewissheit, was wirklich dahinter steckte, brachten ihn in Konflikt mit einer alteingesessenen Weltanschauung. Er ahnte, dass das Bisherige einen übernatürlichen Ursprung besaß – wollte jedoch nicht eingestehen, dass diese Kräfte wirklich existierten.

„Mit reinpusten ist es nicht getan“, kommentierte David. „Es sind eine Reihe äußerst, schwieriger Beschwörungsformeln von Nöten um die Macht des Qin Langs Artgerecht freizusetzen.“

„Bitte was?“ McCoy schielte an David vorbei. „Der Kerl spinnt doch, und ich glaube du tickst auch nicht mehr ganz sauber. Die Leute reden schon. Von wegen Zauberer ...“

Murphy schnaubte und fasste noch zeitgleich einen Entschluss. Auch wenn er es rigoros ablehnte, Kostproben seiner Fähigkeiten abzulegen, sah er in diesem Fall keinen anderen Ausweg. Sie brauchten jede Unterstützung die sie kriegen konnten, und wenn McCoy sich nur so bekehren ließ, musste dies halt in Kauf genommen werden.

„Sanktus Terrestria Zetrusz!“ Der gesagten Formel folgte ein ohrenbetäubendes Aufheulen. Karten wie andere Unterlagen fegten von einer Ecke des Raumes zur nächsten. McCoy wie auch Mathew wurden von den Füßen gerissen und schlitterten Halt suchend den Boden entlang.

„Oh Gott! – Ich glaube ja!“ McCoys Gesicht hatte sich von einer Maske des Widerwillens zu einer falsch geschminkten Clownsmaske gewandelt. Es folgten noch einige Flüche und andere Beleidigungen, bis David der Meinung war es genüge, und der Junge hätte die Lektion verstanden. Er klatschte zwei Mal in die Hände und ließ den entfachten Sturm in einem letzten pfeifenden Aufbrausen im Nichts verschwinden.

„Toll David“, grummelte ein sich wieder aufrappelnder Mathew, „und wer räumt mir den Saustall wieder auf.“ Er beugte sich zu einem dicken Aktenordner runter.

„War notwendig“, entschuldigte er sich und bückte sich nach der zuvor auf dem Tisch liegenden Karte. „Wenn der Junge nicht daran glaubt, dann ist er nutzlos.“

McCoy stülpte sich seinen Hut über. Die Hautfarbe des jungen Mannes erinnerte an erstarrten Kalk. „Wo haben Sie die Scheiße gelernt?“, hustete er und starrte David aus großen Augen an.

„Berufsgeheimnis“, grinste er und hielt die Karte ins Licht. „Hattet ihr eigentlich, einmal abgesehen von den vermissten Farmern, noch andere ... ich meine andere die verschwunden sind?“

„Keine, von denen wir wüsten“, sagte Mathew.

„Das heißt?“

„Das heißt“, meldete sich McCoy zu Wort, „wenn uns niemand benachrichtigt oder eine Vermisstenanzeige aufgibt, dann ...“, er zuckte mit den Schultern, „...sind wir relativ ahnungslos.“

„Das heißt, es könnten schon andere verschwunden sein“, schlussfolgerte David. Er kaute auf der Zunge, suchte nach einem möglichen Hinweis. „Was ist mit Touristen?“

„Sind abgecheckt“, erklärte Mathew, „vermisste Touris wären eine Katastrophe. Selbst diese Abenteuerverrückten, die sich bis tief ins Outback vorwagen, müssen jeden Tag einen Rapport machen.“

In Davids Pupillen glimmte plötzlich ein Feuer auf. Er torkelte über einige herumliegende Ordner und kramte aus einer der Ecken einen dunkelgrünen Rucksack hervor. „Was ist mit den Ureinwohnern?“

„Den Aborigines?“ Mathews Mund blieb zu einem O geöffnet. „Es gibt einige Hundert die, es vorziehen den Weg ihrer Ahnen zu bestreiten, aber wir können nicht einsehen ...“

„Keine Treffen oder gelegentliche gedankliche Austausche?“

„Selten, hin und wieder taucht mal einer auf ... die sind halt lieber unter sich.“

David blätterte hektisch die Seiten um, stieß dann plötzlich einen findigen Ausspruch aus, und knallte das aufgeschlagene Buch auf den Tisch.

Die beiden Gesetzeshüter drängten sich zu ihm und lugten mit gespannten Gesichtern zu der offenbarten, zwei Seiten füllenden Zeichnung.

„Was zum Henker ist das für ein Vieh?“, stellte McCoy selbige Frage, die Wahrscheinlich auch seinem Vorgesetzten durch den Kopf schwirrte.

David beantwortete die Frage nicht direkt, sondern ging auf eine vorangegangene Beobachtung ein. „Er hat sich zuerst die geholt, deren Verschwinden nicht auffällt.“

Keiner der beiden anderen Männer erwiderte etwas.

„Ihr habt selbst gesagt, dass die Aborigines die Abgeschiedenheit vorziehen. Es würde also nicht auffallen, wenn man einige Wochen nichts von ihnen hören würde.“

Mathew kräuselte die Lippen. Die Finger des Sheriffs trommelten nervös auf der freien Hand. „Was denkst du?“

David hob eine Augenbraue. „Ich denke, dass dieser verfluchte Schweinepriester“, er schlug auf die aufgeschlagene Seite, „gar nicht mal blöd ist, sich heimlich im Hintergrund hält und dabei eine verdammt große Sache plant.“

McCoy lehnte sich ein Stück vor. Seine Augen waren nur auf die Zeichnung gerichtet. „Und was genau plant diese Vieh?“

Mathew schluckte einen dicken Kloß runter. „Er baut eine Armee auf“, sagte er mit Bestimmtheit und zischte bei Davids nickender Bestätigung, einen leisen Fluch.

„Er nennt sich Vincent“, brach David nach einigen Minuten das Schweigen.

Mathew sah ihn verdutzt an. „Woher ...?“

„Am Flughafen – er hat sich mir praktisch aufgedrängt. Ich wusste, dass mit ihm was nicht stimmte, aber diese Typen verstanden es von jeher, ihre Kräfte im Zaum zu halten.“ Er setzte ein mürrisches Grinsen auf. „Wollte wohl sicher gehen, ob ich ihm einen würdigen Kampf liefern würde.“

McCoy sprang auf, trat den eh schon umgekippten Papiereimer zu Seite und legte seine Arme auf das Fensterbrett. „Das ist doch alles Mist“, kommentierte er Davids Worte. „Dieses komische Ding da, in deinem Wälzer, es ... es ...“

„...zeigt Fenrir – Gott aller Lykaner und das größte Arschloch unter Gottes Sonne.“

Mathew schnappte sich das Buch, drehte es einmal um sich selbst. „Lykaner?“

„Werwölfe, Gestaltenwandler – die gesamte Palette.“

„Sieht mir aber nicht nach einem Werwolf aus?“

McCoy hatte seinen Fensterplatz verlassen und ließ sich von ihm das Buch aushändigen. „Er hat recht“, sagte er schließlich, „das ist alles, aber kein Wolfsmensch.“

Davids Grinsen wurde noch mürrischer. „Ihr müsst alles, und damit meine ich wirklich alles, was ihr bisher über diese Wesen zu Wissen glaubtet, aus euren Köpfen vertreiben. Die Bezeichnung Werwolf setzt sich aus dem lateinischen Wort Vir für Mann, und dem deutschen Wort für Wolf zusammen. Vor langer Zeit fielen mir Aufzeichnungen in die Hände, die von einer ersten großen Plage sprachen. Lange vor dem kirchlichen Glauben musste in vielen Teilen der Welt – nicht nur dem europäischen Raum, ein unergründlich böses Übel umgegangen sein. Dämonen halb Mensch, halb Tier. Sie jagten die Sterblichen, machten sie entweder zu ihres Gleichen oder labten sich an ihrem Fleische.“

„Aber etwas hat sie doch aufgehalten.“ McCoys Augen hefteten sich an Murphys Mund.

David faltete die Hände ineinander, knetete sie beunruhigt durch. „Nachdem sie den europäischen Raum eingenommen hatten, fielen sie in den Nahen Osten ein ...“, er machte eine Pause, versuchte sich die alten Aufzeichnungen bildlich ins Gedächtnis zurückzurufen, „... mehr weiß ich nicht.“

McCoy warf seinen Kopf zurück. „Das ist doch nicht dein ernst. Ich meine, vielleicht hatten die Menschen irgendeine Waffe oder setzten sich aus – Klerikern – zusammen, aber ...“

„Sie müssen auf etwas Ebenbürtiges getroffen sein.“, beendete er den Wortschwall des Jungspundes „Etwas so Furchteinflößendes, dass Fenrir sich geschlagen geben musste, und sich nebenher auch noch eine ganze Weile aus dem Geschäft zurückzog. Dass er jetzt auf einmal wieder auf der Bildfläche erscheint ... zu einem Zeitpunkt, wo es in einigen Teilen der Erde eh drunter und drüber geht ...“

„New York“, sagte Mathew trocken.

Seine Stimme wurde eisern. „New York, weiß der Teufel was dort abgeht – aber um auf das Wesentliche zurückzukommen, ich bin der festen Überzeugung, dass sich die Machtverhältnisse verschoben haben. Fenrir weiß etwas und dieses Wissen will er ausspielen.“

„Warum gerade hier?“ Mathew trat ihm gegenüber. Die Stimmung war auf einem Tiefpunkt gefallen. „Warum hat er sich ausgerechnet diesen Ort dafür ausgesucht?“

Davids Blick wurde glasig. „Vielleicht wollte er zu Anfangs nicht zuviel Aufmerksamkeit auf sich lenken.“ Er hielt inne. In seinem Kopf hatte sich ein Schalter umgelegt. „Oder er rechnete fest damit, dass du mich benachrichtigen würdest.“

*

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AN DER SACHE IST MEHR dran, als es den Anschein hat“, Barker hielt für einen Moment inne. „Viel mehr.“

Nathalie wischte sich eine Strähne ihres blonden Haares aus dem Gesicht. Ihre großen traurigen Rehaugen suchten den Kontakt zu Barker. Er tolerierte den Blick und sah wie sich sein alterndes Antlitz in dem dunklen See ihrer Pupillen wieder spiegelte. „Was will Harris damit bezwecken?“, stellte sie die Frage, welche ihm schon den ganzen Tag durch den Kopf stob. Aber er wusste keine Antwort. Alles erschien surreal, verworren und in keiner Weise einleuchtend.

„Das mit der Suspendierung tut mir leid.“

Barker brachte ein steriles Lächeln zustande. „Mir nicht“, sagte er, und stocherte dabei in seinem Kuchen rum. „Ich hasste diesen Job und die Menschen mit denen ich arbeiten musste. – Das heißt den Großteil von ihnen.“

„Kann ich Ihnen noch etwas bringen?“, piepste eine adrette Kellnerin. Die Frau wirkte trotz ihres freundlichen Auftretens seltsam angespannt. Ihre Augen rollten unruhig in den Höhlen umher und bedachten jeden neu erscheinenden Gast mit Argwohn. Anders wie die meisten Cafes, war der Besitzer darauf bedacht die Öffnungszeiten aufrecht zu erhalten. Der Frau blieb also nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Barker fiel auch ein kleines Kreuz auf, welches in einer silbernen Kette von ihrem Hals baumelte. „Sie sind gläubig?“, fragte er unverhohlen und wartete gespannt auf die Reaktion der Frau.

„Wie ...?“ Sie blickte zuerst zu Barker, dann zu Nathalie, fast so, als erwartete sie, dass die vermeintliche Tochter sich für ihren senilen Vater entschuldige.

„Das Kreuz, deswegen die Frage. Man sieht heutzutage nicht mehr viele Leute in ihrem Alter, die sich auf die – verstaubten - Riten der Kirche berufen.“

Die Mundwinkel der Kellnerin fielen steil nach unten. „Ich trage es seit dem Feuer ... das am Himmel, Sie wissen schon.“

Barker nickte ruhig. „Natürlich“, entgegnete er ruhig.

„Also“, sie setzte wieder ihr Kundenfreundliches Lächeln auf, „kann ich ihnen beiden noch etwas bringen?“

„Vielleicht noch einen Kaffee“, er sah zu Nathalie, welche verneinend abwinkte. „Gut, dann bitte nur einen Kaffee.“

Nathalie wartete bis die Kellnerin außer Hörweite war und beugte sich dann zu Barker rüber. Der Arzt schien mit seinen Gedanken woanders. Sein Blick deutete ins Nichts, so als würde sein Gehirn begierig an der Lösung eines schwierigen Prozessarbeiten. „Erklären Sie es mir?“, sie fasste ihn beim Arm.

Details

Seiten
400
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738916386
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v387009
Schlagworte
dämonenjäger murphy dreizehn zyklen gesamtausgabe

Autor

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Titel: Dämonenjäger Murphy: Dreizehn Zyklen (Gesamtausgabe)